summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:34:05 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:34:05 -0700
commit732885433e3862c58f7f2a48023bdd58c1d593fa (patch)
tree28461d322a5fecaf25b6eb6a560460653c7e1a6d
initial commit of ebook 9950HEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--9950-8.txt2827
-rw-r--r--9950-8.zipbin0 -> 58688 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/7abhf10.txt2800
-rw-r--r--old/7abhf10.zipbin0 -> 58250 bytes
-rw-r--r--old/8abhf10.txt2800
-rw-r--r--old/8abhf10.zipbin0 -> 58326 bytes
9 files changed, 8443 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/9950-8.txt b/9950-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..00176ff
--- /dev/null
+++ b/9950-8.txt
@@ -0,0 +1,2827 @@
+Project Gutenberg's Abhandlungen ueber die Fabel, by Gotthold Ephraim Lessing
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Abhandlungen ueber die Fabel
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Posting Date: November 3, 2011 [EBook #9950]
+Release Date: February, 2006
+First Posted: November 3, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Abhandlungen über die Fabel
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+
+
+
+
+
+Inhalt:
+ I. Von dem Wesen der Fabel
+ II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
+III. Von der Einteilung der Fabeln
+ IV. Von dem Vortrage der Fabeln
+ V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen
+
+
+
+
+I. Von dem Wesen der Fabel
+
+
+Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heißt
+seine Fabel. So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopee,
+durch das Drama herrschen läßt, die Fabel seiner Epopee, die Fabel
+seines Drama.
+
+Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die
+sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine
+Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet.
+
+Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner
+Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine
+gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gründet, deren ich in der
+Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, daß
+ich sie, auf gut Glück, bei meinen Lesern voraussetzen dürfte.
+
+Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfällen.
+Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfälle meistens erdichtet
+oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloß an diese
+oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht.
+Diese begnügten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die
+erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erläutert zu haben; wenn jener noch
+über dieses die Ähnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem
+gegenwärtigen wirklichen Vorfalle faßlich machen und zeigen mußte, daß
+aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen
+Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiß ergeben
+werde.
+
+Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und
+(zusammengesetzte) Fabeln.
+
+(Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit
+derselben bloß irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.--"Man
+machte der Löwin den Vorwurf, daß sie nur ein Junges zur Welt brächte.
+Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Löwen."[1]--Die Wahrheit, welche
+in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all' aerth,
+leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich
+es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse.
+
+{Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.}
+
+(Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie
+uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder
+doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird.
+--"Ich mache, sprach ein höhnischer Reimer zu dem Dichter, in einem
+Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht,
+nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!"--Man mache
+dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird
+(zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln,
+aus (zwei) einzeln Fällen, in welchen beiden ich die Wahrheit
+ebendesselben Lehrsatzes bestätiget finde.
+
+Diese Einteilung aber--kaum brauche ich es zu erinnern--beruhet nicht
+auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloß
+auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel
+schon hat man es ersehen, daß ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald
+(zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von
+dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel.
+
+--- Hoc scriptum est tibi,
+Qui magna cum minaris, extricas nihil.
+
+
+Ein jeder, ohne Unterschied, der große und fürchterliche Anstalten
+einer Nichtswürdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen
+sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor,
+von allen möglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm
+(Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten)
+Fabel, indem er einen gebärenden schlechten Poeten zu dem besondern
+Gegenbilde des kreisenden Berges macht.
+
+Ihr Götter rettet! Menschen flieht!
+Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen,
+Und wird itzt, eh man sich's versieht,
+Mit Sand und Schollen um sich schmeißen etc.
+-------
+Suffenus schwitzt und lärmt und schäumt:
+Nichts kann den hohen Eifer zähmen;
+Er stampft, er knirscht; warum? er reimt,
+Und will itzt den Homer beschämen etc.
+-------
+Allein gebt acht, was kömmt heraus?
+Hier ein Sonett, dort eine Maus.
+
+
+Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbücher der Dichtkunst ein
+tiefes Stillschweigen beobachten, ohngeachtet ihres mannigfaltigen
+Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese
+Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg machen.
+Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fußtapfen vor mir,
+die ich zum Teil untersuchen muß, wenn ich überall sichere Tritte zu
+tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten
+Erklärungen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel gegeben haben.
+
+
+
+De La Motte
+
+
+Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein großes poetisches Genie als ein
+guter, aufgeklärter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und überall
+erträglich zu bleiben hoffen durfte, erklärt die Fabel durch eine
+unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1].
+
+{Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisée sous l'allegorie
+d'une action. Discours sur la fable.}
+
+Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr
+festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater
+und ließ ihn fragen, was er weiter tun solle? Der König, als der Bote
+zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf,
+schlug den höchsten Mahnstängeln die Häupter ab und sprach zu dem
+Boten: Geh, und erzähle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der
+Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und ließ die Vornehmsten
+der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier
+ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber
+ist hier eine Fabel? Kann man sagen, daß Tarquinius seine Meinung dem
+Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiß nicht!
+
+{Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.}
+
+Jener Vater, der seinen uneinigen Söhnen die Vorteile der Eintracht an
+einem Bündel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stückweise
+zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3]
+
+{Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.}
+
+Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Söhnen erzählt hätte,
+wie glücklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Löwen von sich
+abhielten und wie bald sie des Löwen Raub wurden, als Zwietracht unter
+sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn hätte
+doch der Vater seinen Söhnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die
+Sache ist klar.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.}
+
+Folglich ist es ebenso klar, daß die Fabel nicht bloß eine
+allegorische Handlung, sondern die Erzählung einer solchen Handlung
+sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklärung des
+de La Motte zu erinnern habe.
+
+Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur
+wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte überhaupt aus einer
+guten Erklärung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal
+an seiner Stelle stünde? Wenn es nicht wahr wäre, daß die Handlung
+der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es höchstens
+unter gewissen Umständen nur werden könnte?
+
+Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud
+verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die
+Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet,
+sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, daß
+dieses etwas andere auf etwas anderes Ähnliches einzuschränken sei,
+weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein würde [6]. Die
+letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind
+ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein.
+
+{Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.}
+
+{Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei.
+Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis
+Ironia Allegoria esset.}
+
+Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen
+scheinet, sondern etwas Ähnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn
+sie allegorisch sein soll, muß das auch nicht sagen, was sie zu sagen
+scheinet, sondern nur etwas Ähnliches?
+
+Wir wollen sehen!--"Der Schwächere wird gemeiniglich ein Raub des
+Mächtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine
+Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer stärker ist als das andere,
+die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Stärke,
+untereinander aufreiben können. Eine Reihe von Dingen! Wer wird
+lange und gern den öden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses
+oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein
+deutliches Bild gewähren? Ich will also auch hier anstatt dieser
+Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge
+annehmen. Ich könnte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten
+oder Königen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so
+bewandert, daß sie, sobald ich meine Staaten oder Könige nur nennte,
+sich der Verhältnisse, in welchen sie gegeneinander an Größe und Macht
+gestanden, erinnern könnten? Ich würde meinen Satz nur wenigen
+faßlicher gemacht haben, und ich möchte ihn gern allen so faßlich als
+möglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht
+eine Reihe von Tieren wählen dürfen, besonders wenn es allgemein
+bekannte Tiere wären? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein
+Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir dürfen sie nur nennen hören, um
+sogleich zu wissen, welches das stärkere oder das schwächere ist.
+Nunmehr heißt mein Satz: der Marder frißt den Auerhahn, der Fuchs den
+Marder, den Fuchs der Wolf. Er frißt? Er frißt vielleicht auch nicht.
+Das ist mir noch nicht gewiß genug. Ich sage also: er fraß. Und
+siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden!
+
+Ein Marder fraß den Auerhahn,
+Den Marder würgt ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn. [7]
+
+{Fussnote 7: von Hagedorn: Fabeln und Erzehlungen, erstes Buch. S. 77.}
+
+Was kann ich nun sagen, daß in dieser Fabel für eine Allegorie liege?
+Der Auerhahn, der Schwächste; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der
+Starke; der Wolf, der Stärkste. Was hat der Auerhahn mit dem
+Schwächsten, der Marder mit dem Schwachen usw. hier Ähnliches?
+Ähnliches! Gleichet hier bloß der Fuchs dem Starken und der Wolf
+dem Stärksten, oder ist jener hier der Starke so wie dieser der
+Stärkste? Er ist es.--Kurz, es heißt die Worte auf eine kindische Art
+mißbrauchen, wenn man sagt, daß das Besondere mit seinem Allgemeinen,
+das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschlechte eine
+Ähnlichkeit habe. Ist dieser Windhund einem Windhunde überhaupt, und
+ein Windhund überhaupt einem Hunde ähnlich? Eine lächerliche Frage!
+--Findet sich nun aber unter den bestimmten Subjekten der Fabel, und
+den allgemeinen Subjekten ihres Satzes keine Ähnlichkeit, so kann auch
+keine Allegorie unter ihnen statthaben. Und das nämliche läßt sich
+auf die nämliche Art von den beiderseitigen Prädikaten erweisen.
+
+Vielleicht aber meiner jemand, daß die Allegorie hier nicht auf der
+Ähnlichkeit zwischen den bestimmten Subjekten oder Prädikaten der
+Fabel und den allgemeinen Subjekten oder Prädikaten des Satzes,
+sondern auf der Ähnlichkeit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit
+itzt durch die Bilder der Fabel und itzt vermittelst der Worte des
+Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist soviel als nichts. Denn käme
+hier die Art der Erkenntnis in Betrachtung und wollte man bloß wegen
+der anschauenden Erkenntnis, die ich vermittelst der Handlung der
+Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch
+nennen: so würde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie sein, welches
+doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff
+verbindet.
+
+Ich befürchte, daß ich von einer so klaren Sache viel zuviel Worte
+mache. Ich fasse daher alles zusammen und sage: die Fabel als eine
+einfache Fabel kann unmöglich allegorisch sein.
+
+Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede
+einfache Fabel auch eine zusammengesetzte werden kann. Wie, wenn sie
+alsdenn allegorisch würde? Und so ist es. Denn in der
+zusammengesetzten Fabel wird ein Besonderes gegen das andre gehalten;
+zwischen zwei oder mehr Besondern, die unter ebendemselben Allgemeinen
+begriffen sind, ist die Ähnlichkeit unwidersprechlich, und die
+Allegorie kann folglich stattfinden. Nur muß man nicht sagen, daß die
+Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde.
+Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu
+der Fabel Gelegenheit gegeben hat, insofern sich aus beiden
+ebendieselbe Wahrheit ergibt.--Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich
+von dem Manne den Zaum anlegen ließ und ihn auf seinen Rücken nahm,
+damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte,
+behülflich wäre: diese Fabel sage ich, ist sofern nicht allegorisch,
+als ich mit dem Phaedrus [8] bloß die allgemeine Wahrheit daraus ziehe:
+
+{Fussnote 8: Lib. IV. fab. 3.}
+
+Impune potius laedi, quam dedi alteri.
+
+Bei der Gelegenheit nur, bei welcher sie ihr Erfinder Stesichorus
+erzählte, ward sie es. Er erzählte sie nämlich, als die Himerenser
+den Phalaris zum obersten Befehlshaber ihrer Kriegsvölker gemacht
+hatten und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. "O ihr
+Himerenser, rief er, die ihr so fest entschlossen seid, euch an euren
+Feinden zu rächen; nehmet euch wohl in acht, oder es wird euch wie
+diesem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen,
+indem ihr den Phalaris zu eurem Heerführer mit unumschränkter Gewalt
+ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn
+aufsitzen lassen, so ist es vollends um eure Freiheit getan."
+[9]--Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, daß
+das Pferd hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die
+beleidigten Himerenser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern
+auf die Feinde der Himerenser; der Mann nicht auf jeden listigen
+Unterdrücker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht
+auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freiheit, sondern auf die
+Ernennung des Phalaris zum unumschränkten Heerführer; und das
+Aufsitzen endlich nicht auf jeden letzten tödlichen Stoß, welcher der
+Freiheit beigebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu
+bewilligende Leibwache gezogen und angewandt wird.
+
+{Fussnote 9: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}
+
+Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdenn
+allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie
+enthält, einen andern ähnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat,
+entgegenstelle, da sie es nicht an und für sich selbst ist, insofern
+sie eine allgemeine moralische Lehre enthält, so gehöret das Wort
+Allegorie gar nicht in die Erklärung derselben.--Dieses ist das zweite,
+was ich gegen die Erklärung des de La Motte zu erinnern habe.
+
+Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müßiges,
+überflüssiges Wort daraus verdrängen will. Es ist hier, wo es steht,
+ein höchst schädliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter
+Fabeln zu danken haben. Man begnüge sich nur, die Fabel, in Ansehung
+des allgemeinen Lehrsatzes, bloß allegorisch zu machen, und man kann
+sicher glauben, eine schlechte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine
+schlechte Fabel eine Fabel?--Ein Exempel wird die Sache in ihr
+völliges Licht setzen. Ich wähle ein altes, um ohne Mißgunst recht
+haben zu können. Die Fabel nämlich von dem Mann und dem Satyr. "Der
+Mann bläset in seine kalte Hand, um seine Hand zu wärmen, und bläset
+in seinen heißen Brei, um seinen Brei zu kühlen. Was? sagt der Satyr,
+du bläsest aus einem Munde warm und kalt? Geh, mit dir mag ich nichts
+zu tun haben!" [10]--Diese Fabel soll lehren, oti dei jeugein hmaV taV
+jiliaV, wn amjiboloV estin h diaJesiV; die Freundschaft aller
+Zweizüngler, aller Doppelleute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie
+das? Ich bin nicht der erste, der es leugnet und die Fabel für
+schlecht ausgibt.
+
+{Fussnote 10: Fab. Aesop. 126}
+
+Richer [11] sagt, sie sündige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre
+Moral sei weiter nichts als eine Anspielung und gründe sich auf eine
+bloße Zweideutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine
+Empfindung falsch ausgedrückt. Der Fehler liegt nicht sowohl darin,
+daß die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darin, daß es
+weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt daß die Handlung des
+Mannes, die dem Satyr so anstößig scheinet, unter dem allgemeinen
+Subjekte des Lehrsatzes wirklich begriffen sein sollte, ist sie ihm
+bloß ähnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs
+schuldig machen, und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre
+warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache ja und nein sagen,
+die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen
+Mann, der seinen Atem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht,
+der auf ganz etwas anders itzt seinen Atem warm haucht, und auf ganz
+etwas anders ihn itzt kalt bläset.
+
+{Fussnote 11:--contre la justesse de l'allegorie.--Sa morale n' est
+qu'une allusion, et n'est fondée que sur un jeu de mots équivoque.
+Fables nouvelles, Preface, p. 10.}
+
+Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das
+abgeschmackte Märchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen
+moralischen Sinn sollte legen können!--"Die Mitknechte des Aesopus
+gelüstet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie essen sie auf,
+und als es zur Nachfrage kömmt, soll es der gute Aesop getan haben.
+Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in großer Menge laues Wasser, und
+seine Mitknechte müssen ein Gleiches tun. Das laue Wasser hat seine
+Wirkung, und die Näscher sind entdeckt."--- Was lehrt uns dieses
+Histörchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als daß laues Wasser, in
+großer Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte
+jener persische Dichter [12] einen weit edlern Gebrauch davon. "Wenn
+man euch", spricht er, "an jenem großen Tage des Gerichts, von diesem
+warmen und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdenn wird alles
+an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt vor den Augen der
+Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung
+zu einem ehrwürdigen Manne gemacht hatte, wird mit Schande und
+Verwirrung überhäuft dastehen!"--Vortrefflich!
+
+{Fussnote 12: Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous
+donnera à boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du
+Jugement dernier, tout ce que vous avez caché avec tant de soin,
+paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de
+l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors
+couvert de honte er de confusion.}
+
+Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklärung des de La Motte
+auszusetzen. Das Wort Lehre (instruction) ist zu unbestimmt und
+allgemein. Ist jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische
+Wahrheit anspielet oder in den ein tiefsinniger Baco wohl gar eine
+transzendentalische Lehre zu legen weiß, eine Fabel? Oder wenn der
+seltsame Holberg erzählet: "Die Mutter des Teufels übergab ihm
+einsmals vier Ziegen, um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber
+diese machten ihm so viel zu tun, daß er sie mit aller seiner Kunst
+und Geschicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls
+sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurückkunft: Liebe Mutter, hier
+sind Eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter
+bewachen als eine einzige Ziege!"--Hat Holberg eine Fabel erzählet?
+Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit
+ausdrücklichen Worten dazu: "Diese Fabel zeiget, daß keine Kreatur
+weniger in der Zucht zu halten ist als eine Ziege." [13]--Eine wichtige
+Wahrheit! Niemand hat die Fabel schändlicher gemißhandelt als dieser
+Holberg!--Und es mißhandelt sie jeder, der, eine andere als moralische
+Lehre darin vorzutragen, sich einfallen läßt.
+
+{Fussnote 13: Moralische Fabeln des Baron von Holbergs, S. 103.}
+
+
+
+Richer
+
+
+Richer ist ein andrer französischer Fabulist, der ein wenig besser
+erzählet als de La Motte, in Ansehung der Erfindung aber weit unter
+ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken über diese
+Dichtungsart nicht vorenthalten wollen und erklärt die Fabel durch ein
+kleines Gedicht, das irgendeine unter einem allegorischen Bilde
+versteckte Regel enthalte [1].
+
+{Fussnote 1: La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte
+caché sous une image allegorique. Fables nouvelles, Preface, p. 9.}
+
+Richer hat die Erklärung des de La Motte offenbar vor Augen gehabt.
+Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm
+sehr schlecht gelungen.
+
+Ein kleines Gedicht (Poeme)?--Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in
+die bloße Fiktion setzet: so bin ich es zufrieden, daß er die Fabel
+ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein
+gewisses Silbenmaß als notwendige Eigenschaften eines Gedichtes
+betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht sein.--Ich werde mich
+weiter unten hierüber ausführlicher erklären.
+
+Eine Regel (Precepte)?--Dieses Wort ist nichts bestimmter als das Wort
+Lehre des de La Motte. Alle Künste, alle Wissenschaften haben Regeln,
+haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral
+zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder
+Vorschrift hier sogar noch schlechter als Lehre; weil man unter Regel
+und Vorschrift eigentlich nur solche Sätze verstehet, die unmittelbar
+auf die Bestimmung unsers Tuns und Lassens gehen. Von dieser Art aber
+sind nicht alle moralische Lehrsätze der Fabel. Ein großer Teil
+derselben sind Erfahrungssätze, die uns nicht sowohl von dem, was
+geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet,
+unterrichten. Ist die Sentenz:
+
+In principatu commutando civium
+Nil praeter domini nomen mutant pauperes
+
+
+eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat
+einer von den schönsten Fabeln des Phaedrus [2]. Es ist zwar wahr, aus
+jedem solchen Erfahrungssatze können leicht eigentliche Vorschriften
+und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt,
+das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was müßte das für eine
+Fabel sein, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf
+einmal anschauend erkennen sollte?
+
+{Fussnote 2: Libri I. Fab. 15.}
+
+Unter einem allegorischen Bilde?--Über das Allegorische habe ich mich
+bereits erkläret. Aber Bild (Image)! Unmöglich kann Richer dieses
+Wort mit Bedacht gewählt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen,
+um von de La Motte lieber auf Geratewohl abzugehen, als nach ihm recht
+zu haben?--Ein Bild heißt überhaupt jede sinnliche Vorstellung eines
+Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir
+nicht mehrere oder gar alle mögliche Veränderungen, deren das Ding
+fähig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und
+ebendemselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar also
+wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine
+Fabel. Der mitten im Wasser dürstende Tantalus ist ein Bild, und ein
+Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bei dem größten
+Überflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch
+folgendes kleine Gedicht:
+
+Cursu veloci pendens in novacula,
+Calvus, comosa fronte, nudo corpore,
+Quem si occuparis, teneas; elapsum semel
+Non ipse possit Jupiter reprehendere;
+Occasionem rerum significat brevem.
+Effectus impediret ne segnis mora,
+Finxere antiqui talem effigiem temporis.
+
+
+Wer wird diese Zeilen für eine Fabel erkennen, ob sie schon Phaedrus
+als eine solche unter seinen Fabeln mit unterlaufen läßt [3]? Ein
+jedes Gleichnis, ein jedes Emblema würde eine Fabel sein, wenn sie
+nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke
+übereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das
+notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdrücken.
+
+{Fussnote 3: Lib. V. Fab. 8.}
+
+Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veränderungen, die zusammen ein
+Ganzes ausmachen.
+
+Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Übereinstimmung aller Teile
+zu einem Endzwecke.
+
+Der Endzweck der Fabel, das, wofür die Fabel erfunden wird, ist der
+moralische Lehrsatz.
+
+Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was sie erzählt, eine
+Folge von Veränderungen ist und jede dieser Veränderungen etwas dazu
+beiträgt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz
+bestehet, anschauend erkennen zu lassen.
+
+Was die Fabel erzählt, muß eine Folge von Veränderungen sein. Eine
+Veränderung oder auch mehrere Veränderungen, die nur nebeneinander
+bestehen und nicht aufeinander folgen, wollen zur Fabel nicht
+zureichen. Und ich kann es für eine untriegliche Probe ausgeben, daß
+eine Fabel schlecht ist, daß sie den Namen der Fabel gar nicht
+verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung sich ganz malen läßt. Sie
+enthält alsdenn ein bloßes Bild, und der Maler hat keine Fabel,
+sondern ein Emblema gemalt.--"Ein Fischer, indem er sein Netz aus dem
+Meere zog, blieb der größern Fische, die sich darin gefangen hatten,
+zwar habhaft, die kleinsten aber schlupften durch das Netz durch und
+gelangten glücklich wieder ins Wasser."--Diese Erzählung befindet sich
+unter den aesopischen Fabeln [4], aber sie ist keine Fabel, wenigstens
+eine sehr mittelmäßige. Sie hat keine Handlung, sie enthält ein
+bloßes einzelnes Faktum, das sich ganz malen läßt; und wenn ich dieses
+einzelne Faktum, dieses Zurückbleiben der größern und dieses
+Durchschlupfen der kleinen Fische, auch mit noch so viel andern
+Umständen erweiterte, so würde doch in ihm allein, und nicht in den
+andern Umständen zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 154}
+
+Doch nicht genug, daß das, was die Fabel erzählt, eine Folge von
+Veränderungen ist, alle diese Veränderungen müssen zusammen nur einen
+einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren
+mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten
+Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie
+eigentlich zur Handlung macht, und kann, richtig zu sprechen, keine
+Handlung, sondern muß eine Begebenheit heißen.--Ein Exempel:
+
+Lucernam fur accendit ex ara Jovis,
+Ipsumque compilavit ad lumen suum;
+Onustus qui sacrilegio cum discederet,
+Repente vocem sancta misit Religio:
+Malorum quamvis ista fuerint munera,
+Mihique invisa, ut non offendar subripi;
+Tamen, sceleste, spiritu culpam lues,
+Olim cum adscriptus venerit poenae dies.
+Sed ne ignis noster facinori praeluceat,
+Per quem verendos excolit pietas Deos,
+Veto esse tale luminis commercium.
+Ita hodie, nec lucernam de flamma Deûm
+Nec de lucerna fas est accendi sacrum.
+
+
+Was hat man hier gelesen? Ein Histörchen, aber keine Fabel. Ein
+Histörchen trägt sich zu, eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel
+also muß sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden, da
+ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch
+anzugeben gehalten bin. Was wäre nun der Grund, warum diese Fabel
+erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel wäre? Recht billig zu
+urteilen, könnte es kein andrer als dieser sein: der Dichter habe
+einen wahrscheinlichen Anlaß zu dem doppelten Verbote, weder von dem
+heiligen Feuer ein gemeines Licht noch von einem gemeinen Lichte das
+heilige Feuer anzuzünden, erzählen wollen. Aber wäre das eine
+moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch notwendig haben
+soll? Zur Not könnte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des
+allgemeinen Verbots dienen, daß das Heilige mit dem Unheiligen, das
+Gute mit dem Bösen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was
+tragen alsdenn die übrigen Teile der Erzählung zu diesem Bilde bei?
+Zu diesem gar nichts, sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der
+einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat
+es selbst empfunden und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er
+allein daraus ziehen solle, nicht besser zu reißen gewußt, als wenn er
+deren so viele daraus zöge als sich nur immer ziehen ließen. Denn er
+schließt:
+
+Quot res contineat hoc argumentum utiles,
+Non explicabit alius, quam qui repperit.
+Significat primo, saepe, quos ipse alueris,
+Tibi inveniri maxime contrarios.
+Secundo ostendit, scelera non ira Deûm,
+Fatorum dicto sed puniri tempore.
+Novissime interdicit, ne cum malefico
+Usum bonus consociet ullius rei.
+
+
+Eine elende Fabel, wenn niemand anders als ihr Erfinder es erklären
+kann, wieviel nützliche Dinge sie enthalte! Wir hätten an einem genug!
+--Kaum sollte man es glauben, daß einer von den Alten, einer von
+diesen großen Meistern in der Einfalt ihrer Plane, uns dieses
+Histörchen für eine Fabel [5] verkaufen können.
+
+{Fussnote 5: Phaedrus libr. IV. Fab. 10}
+
+
+
+Breitinger
+
+
+Ich würde von diesem großen Kunstrichter nur wenig gelernt haben, wenn
+er in meinen Gedanken noch überall recht hätte.--Er gibt uns aber eine
+doppelte Erklärung von der Fabel [1]. Die eine hat er von dem de La
+Motte entlehnet, und die andere ist ihm ganz eigen.
+
+{Fussnote 1: Der Critischen Dichtkunst ersten Bandes siebender
+Abschnitt, S. 194.}
+
+Nach jener versteht er unter der Fabel eine unter der wohlgeratenen
+Allegorie einer ähnlichen Handlung verkleidete Lehre und Unterweisung.
+--Der klare, übersetzte de La Motte! Und der ein wenig gewässerte:
+könnte man noch dazusetzen. Denn was sollen die Beiwörter:
+wohlgeratene Allegorie, ähnliche Handlung? Sie sind höchst
+überflüssig.
+
+Doch ich habe eine andere wichtigere Anmerkung auf ihn versparet.
+Richer sagt: die Lehre solle unter dem allegorischen Bilde versteckt
+(caché) sein. Versteckt! welch ein unschickliches Wort! In manchem
+Rätsel sind Wahrheiten, in den Pythagorischen Denksprüchen sind
+moralische Lehren versteckt, aber in keiner Fabel. Die Klarheit, die
+Lebhaftigkeit, mit welcher die Lehre aus allen Teilen einer guten
+Fabel auf einmal hervorstrahlet, hätte durch ein ander Wort als durch
+das ganz widersprechende versteckt ausgedrückt zu werden verdienet.
+Sein Vorgänger de La Motte hatte sich um ein gut Teil feiner erklärt;
+er sagt doch nur verkleidet (deguisé). Aber auch verkleidet ist noch
+viel zu unrichtig, weil auch verkleidet den Nebenbegriff einer
+mühsamen Erkennung mit sich führet. Und es muß gar keine Mühe kosten,
+die Lehre in der Fabel zu erkennen; es müßte vielmehr, wenn ich so
+reden darf, Mühe und Zwang kosten, sie darin nicht zu erkennen. Aufs
+höchste würde sich dieses verkleidet nur in Ansehung der
+zusammengesetzten Fabel entschuldigen lassen. In Ansehung der
+einfachen ist es durchaus nicht zu dulden. Von zwei ähnlichen einzeln
+Fällen kann zwar einer durch den andern ausgedrückt, einer in den
+andern verkleidet werden: aber wie man das Allgemeine in das Besondere
+verkleiden könne, das begreife ich ganz und gar nicht. Wollte man mit
+aller Gewalt ein ähnliches Wort hier brauchen, so müßte es anstatt
+verkleiden wenigstens einkleiden heißen.
+
+Von einem deutschen Kunstrichter hätte ich überhaupt dergleichen
+figürliche Wörter in einer Erklärung nicht erwartet. Ein Breitinger
+hätte es den schön vernünftelnden Franzosen überlassen sollen, sich
+damit aus dem Handel zu wickeln; und ihm würde es sehr wohl
+angestanden haben, wenn er uns mit den trocknen Worten der Schule
+belehrt hätte, daß die moralische Lehre in die Handlung weder
+versteckt noch verkleidet, sondern durch sie der anschauenden
+Erkenntnis fähig gemacht werde. Ihm würde es erlaubt gewesen sein,
+uns von der Natur dieser auch der rohesten Seele zukommenden
+Erkenntnis, von der mit ihr verknüpften schnellen Überzeugung, von
+ihrem daraus entspringenden mächtigen Einflusse auf den Willen das
+Nötige zu lehren. Eine Materie, die durch den ganzen spekulativischen
+Teil der Dichtkunst von dem größten Nutzen ist und von unserm
+Weltweisen schon gnugsam erläutert war [2]!--Was Breitinger aber damals
+unterlassen, das ist mir, itzt nachzuholen, nicht mehr erlaubt. Die
+philosophische Sprache ist seitdem unter uns so bekannt geworden, daß
+ich mich der Wörter anschauen, anschauender Erkenntnis gleich von
+Anfange als solcher Wörter ohne Bedenken habe bedienen dürfen, mit
+welchen nur wenige nicht einerlei Begriff verbinden.
+
+{Fussnote 2: Ich kann meine Verwunderung nicht bergen, daß Herr
+Breitinger das, was Wolf schon damals von der Fabel gelehret hatte,
+auch nicht im geringsten gekannt zu haben scheinet. Wolfii
+Philosophiae practicae universalis pars posterior §§ 302-323. Dieser
+Teil erschien 1739, und die Breitingersche Dichtkunst erst das Jahr
+darauf.}
+
+Ich käme zu der zweiten Erklärung, die uns Breitinger von der Fabel
+gibt. Doch ich bedenke, daß ich diese bequemer an einem andern Orte
+werde untersuchen können.--Ich verlasse ihn also.
+
+
+
+Batteux
+
+
+Batteux erkläret die Fabel kurzweg durch die Erzählung einer
+allegorischen Handlung [1]. Weil er es zum Wesen der Allegorie macht,
+daß sie eine Lehre oder Wahrheit verberge, so hat er ohne Zweifel
+geglaubt, des moralischen Satzes, der in der Fabel zum Grunde liegt,
+in ihrer Erklärung gar nicht erwähnen zu dürfen. Man siehet sogleich,
+was von meinen bisherigen Anmerkungen auch wider diese Erklärung
+anzuwenden ist. Ich will mich daher nicht wiederholen, sondern bloß
+die fernere Erklärung, welche Batteux von der Handlung gibt,
+untersuchen.
+
+{Fussnote 1: Principes de Litterature, Tome II. I. Partie p. V.
+L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.}
+
+"Eine Handlung, sagt Batteux, ist eine Unternehmung, die mit Wahl und
+Absicht geschiehet.--Die Handlung setzet, außer dem Leben und der
+Wirksamkeit, auch Wahl und Endzweck voraus und kömmt nur vernünftigen
+Wesen zu."
+
+Wenn diese Erklärung ihre Richtigkeit hat, so mögen wir nur neun
+Zehnteile von allen existierenden Fabeln ausstreichen. Aesopus selbst
+wird alsdann deren kaum zwei oder drei gemacht haben, welche die Probe
+halten.--"Zwei Hähne kämpfen miteinander. Der Besiegte verkriecht
+sich. Der Sieger fliegt auf das Dach, schlägt stolz mit den Flügeln
+und krähet. Plötzlich schießt ein Adler auf den Sieger herab und
+zerfleischt ihn." [2]--Ich habe das allezeit für eine sehr glückliche
+Fabel gehalten, und doch fehlt ihr, nach dem Batteux, die Handlung.
+Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht
+geschähe?--"Der Hirsch betrachtet sich in einer spiegelnden Quelle, er
+schämt sich seiner dürren Läufte und freuet sich seines stolzen
+Geweihes. Aber nicht lange! Hinter ihm ertönet die Jagd, seine
+dürren Läufte bringen ihn glücklich ins Gehölze, da verstrickt ihn
+sein stolzes Geweih, er wird erreicht." [3]--Auch hier sehe ich keine
+Unternehmung, keine Absicht. Die Jagd ist zwar eine Unternehmung, und
+der fliehende Hirsch hat die Absicht, sich zu retten, aber beide
+Umstände gehören eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne
+Nachteil derselben, weglassen und verändern kann. Und dennoch fehlt
+es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch
+befundenen Urteile des Hirsches. Der Hirsch urteilet falsch und
+lernet gleich darauf aus der Erfahrung, daß er falsch geurteilet habe.
+Hier ist also eine Folge von Veränderungen, die einen einzigen
+anschauenden Begriff in mir erwecken.--Und das ist meine obige
+Erklärung der Handlung, von der ich glaube, daß sie auf alle gute
+Fabeln passen wird.
+
+{Fussnote 2: Aesop. Fab. 145.}
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 181.}
+
+Gibt es aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern, und
+zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, daß sie
+nirgends Handlung sehen, als wo die Körper so tätig sind, daß sie eine
+gewisse Veränderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem
+Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Füßen fällt, die
+Prinzessin ohnmächtig wird, die Helden sich balgen, und in keiner
+Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreißet und der Frosch die
+Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie beifallen wollen, daß
+auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von
+verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei;
+vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fühlen, als daß sie
+sich irgendeiner Tätigkeit dabei bewußt wären.--Ernsthafter sie zu
+widerlegen würde eine unnütze Mühe sein. Es ist aber nur schade, daß
+sie sich einigermaßen mit dem Batteux schützen, wenigstens behaupten
+können, ihre Erklärung mit ihm aus einerlei Fabeln abstrahieret zu
+haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklärung des Batteux
+passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist.
+
+Batteux, wie ich wohl darauf wetten wollte, hat bei seiner Erklärung
+nur die erste Fabel des Phaedrus vor Augen gehabt, die er, mehr als
+einmal, une des plus belles et des plus celebres de l'antiquité nennet.
+Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit
+Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu
+zerreißen, fauce improba incitatus; er will es aber nicht so plump zu,
+er will es mit einem Scheine des Rechts tun, und also jurgii causam
+intulit.--Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so
+vollkommen, als sie nur sein kann. Allein sie ist nicht deswegen
+vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und
+Absicht geschiehet, sondern weil sie ihrer Moral, die von einem
+solchen Unternehmen spricht, ein völliges Genüge tut. Die Moral ist
+[4]: oiV proJesiV adikein, par’ autoiV ou dikaiologia iscuei. Wer den
+Vorsatz hat, einen Unschuldigen zu unterdrücken, der wird es zwar met’
+eulogou aitiaV zu tun suchen; er wird einen scheinbaren Vorwand wählen,
+aber sich im geringsten nicht von seinem einmal gefaßten Entschlusse
+abbringen lassen, wenn sein Vorwand gleich völlig zuschanden gemacht
+wird. Diese Moral redet von einem Vorsatze (dessein); sie redet von
+gewissen, vor andern vorzüglich gewählten Mitteln, diesen Vorsatz zu
+vollführen (choix): und folglich muß auch in der Fabel etwas sein, was
+diesem Vorsatze, diesen gewählten Mitteln entspricht; es muß in der
+Fabel sich ein Unternehmen finden, das mit Wahl und Absicht geschiehet.
+Bloß dadurch wird sie zu einer vollkommenen Fabel, welches sie nicht
+sein würde, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte
+als, den Lehrsatz anschauend zu machen, nötig ist. Batteux bemerkt
+alle ihre kleinen Schönheiten des Ausdrucks und stellet sie von dieser
+Seite in ein sehr vorteilhaftes Licht; nur ihre wesentliche
+Vortrefflichkeit läßt er unerörtert und verleitet seine Leser sogar,
+sie zu verkennen. Er sagt nämlich, die Moral, die aus dieser Fabel
+fließe, sei: que le plus faible est souvent opprimé par le plus fort.
+Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren
+sollte, so hätte wahrlich der Dichter die fictae causae des Wolfs sehr
+vergebens, sehr für die Langeweile erfunden; seine Fabel sagte mehr,
+als er damit hätte sagen wollen, und wäre, mit einem Worte, schlecht.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 230.}
+
+Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es
+nur selbst, und man wird durchgängig finden, daß es bloß von der
+Beschaffenheit des Lehrsatzes abhängt, ob die Fabel eine solche
+Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodert, haben muß oder
+entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt erwähnten Fabel des Phaedrus
+machte sie, wie wir gesehen, notwendig, aber tun es deswegen alle
+Lehrsätze? Sind alle Lehrsätze von dieser Art? Oder haben allein die,
+welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist
+z. E. der Erfahrungssatz
+
+Laudatis utiliora quae contemseris
+Saepe inveniri
+
+
+nicht wert, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer
+Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist,
+was für ein Unternehmen, was für eine Absicht, was für eine Wahl liegt
+darin, welche der Dichter auch in der Fabel auszudrücken gehalten wäre?
+
+So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine
+Pflicht, etwas zu tun oder zu lassen, folget, so tut der Dichter
+besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den bloßen Erfahrungssatz in
+seiner Fabel ausdrückt.--"Groß sein ist nicht immer ein Glück"--diesen
+Erfahrungssatz in eine schöne Fabel zu bringen möchte kaum möglich
+sein. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der größten Fische
+habhaft bleibet, indem die kleinern glücklich durch das Netz
+durchschlupfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr
+mißlungener Versuch. Aber wer heißt auch dem Dichter, die Wahrheit
+von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn groß sein
+nicht immer ein Glück ist, so ist es oft ein Unglück; und wehe dem,
+der wider seinen Willen groß ward, den das Glück ohne sein Zutun erhob,
+um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die großen
+Fische mußten groß werden; es stand nicht bei ihnen, klein zu bleiben.
+Ich danke dem Dichter für kein Bild, in welchem ebenso viele ihr
+Unglück als ihr Glück erkennen. Er soll niemanden mit seinen
+Umständen unzufrieden machen; und hier macht er doch, daß es die
+Großen mit den ihrigen sein müssen. Nicht das Großsein, sondern die
+eitele Begierde groß zu werden (kenodoxian), sollte er uns als eine
+Quelle des Unglücks zeigen. Und das tat jener Alte [5], der die Fabel
+von den Mäusen und Wieseln erzählte. "Die Mäuse glaubten, daß sie nur
+deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so unglücklich wären, weil
+sie keine Heerführer hätten, und beschlossen, dergleichen zu wählen.
+Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige Maus, es zu werden! Und wie
+teuer kam ihr am Ende dieser Vorzug zu stehen! Die Eiteln banden sich
+Hörner auf,
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. 5.}
+
+"-- ut conspicuum in praelio
+Haberent signum, quod sequerentur milites,
+
+
+"und diese Hörner, als ihr Heer dennoch wieder geschlagen ward,
+hinderten sie, sich in ihre engen Löcher zu retten,
+
+"Haesere in portis, suntque capti ab hostibus
+Quos immolatos victor avidis dentibus
+Capacis alvi mersit tartareo specu."
+
+
+Diese Fabel ist ungleich schöner. Wodurch ist sie es aber anders
+geworden, als dadurch, daß der Dichter die Moral bestimmter und
+fruchtbarer angenommen hat? Er hat das Bestreben nach einer eiteln
+Größe, und nicht die Größe überhaupt, zu seinem Gegenstande gewählet;
+und nur durch dieses Bestreben, durch diese eitle Größe, ist
+natürlicherweise auch in seine Fabel das Leben gekommen, das uns so
+sehr in ihr gefällt.
+
+Überhaupt hat Batteux die Handlung der aesopischen Fabel mit der
+Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. Die Handlung
+der beiden letztern muß außer der Absicht, welche der Dichter damit
+verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die
+Handlung der erstern braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist
+vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet.
+Der heroische und dramatische Dichter machen die Erregung der
+Leidenschaften zu ihrem vornehmsten Endzwecke. Er kann sie aber nicht
+anders erregen als durch nachgeahmte Leidenschaften; und nachahmen
+kann er die Leidenschaften nicht anders, als wenn er ihnen gewisse
+Ziele setzet, welchen sie sich zu nähern oder von welchen sie sich zu
+entfernen streben. Er muß also in die Handlung selbst Absichten legen,
+und diese Absichten unter eine Hauptabsicht so zu bringen wissen, daß
+verschiedene Leidenschaften nebeneinander bestehen können. Der
+Fabuliste hingegen hat mit unsern Leidenschaften nichts zu tun,
+sondern allein mit unserer Erkenntnis. Er will uns von irgendeiner
+einzeln moralischen Wahrheit lebendig überzeugen. Das ist seine
+Absicht, und diese sucht er, nach Maßgebung der Wahrheit, durch die
+sinnliche Vorstellung einer Handlung bald mit, bald ohne Absichten zu
+erhalten. Sobald er sie erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die
+von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder
+nicht. Er läßt seine Personen oft mitten auf dem Wege stehen und
+denket im geringsten nicht daran, unserer Neugierde ihretwegen ein
+Genüge zu tun. "Der Wolf beschuldiget den Fuchs eines Diebstahls.
+Der Fuchs leugnet die Tat. Der Affe soll Richter sein. Kläger und
+Beklagter bringen ihre Gründe und Gegengründe vor. Endlich schreitet
+der Affe zum Urteil [6]:
+
+{Fussnote 6: Phaedrus libr. I. Fab. 10.}
+
+"Tu non videris perdidisse, quod petis;
+Te credo surripuisse, quod pulchre negas."
+
+
+Die Fabel ist aus; denn in dem Urteil des Affen lieget die Moral, die
+der Fabulist zum Augenmerke gehabt hat. Ist aber das Unternehmen aus,
+das uns der Anfang derselben verspricht? Man bringe diese Geschichte
+in Gedanken auf die komische Bühne, und man wird sogleich sehen, daß
+sie durch einen sinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt
+ist. Der Zuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraussiehet, daß die
+Streitigkeit hinter der Szene wieder von vorne angehen muß.--"Ein
+armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Last von dem Rücken
+und rief den Tod. Der Tod erscheinet. Der Greis erschrickt und fühlt
+betroffen, daß elend leben doch besser als gar nicht leben ist. Nun,
+was soll ich? fragt der Tod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder
+aufhelfen." [7]--Der Fabulist ist glücklich und zu unserm Vergnügen an
+seinem Ziele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise?
+Ließ ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solche Fragen
+bekümmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dichter aber muß
+ihnen vorbauen.
+
+{Fussnote 7: Fab. Aesop. 20.}
+
+Und so wird man hundert Beispiele finden, daß wir uns zu einer
+Handlung für die Fabel mit weit wenigerm begnügen als zu einer
+Handlung für das Heldengedichte oder das Drama. Will man daher eine
+allgemeine Erklärung von der Handlung geben, so kann man unmöglich die
+Erklärung des Batteux dafür brauchen, sondern muß sie notwendig so
+weitläuftig machen, als ich es oben getan habe.--Aber der
+Sprachgebrauch? wird man einwerfen. Ich gestehe es; dem
+Sprachgebrauche nach heißt gemeiniglich das eine Handlung, was einem
+gewissen Vorsatze zufolge unternommen wird; dem Sprachgebrauche nach
+muß dieser Vorsatz ganz erreicht sein, wenn man soll sagen können, daß
+die Handlung zu Ende sei. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem der
+Sprachgebrauch so gar heilig ist, daß er ihn auf keine Weise zu
+verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, insofern es
+eine wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdrücken soll, ganz und gar.--
+
+Und, alles wohl überlegt, dem Rate werde ich selbst folgen. Ich will
+nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch eine
+Handlung ausgedrückt, sondern ich will lieber ein Wort von einem
+weitern Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die
+Fabel auf einen einzeln Fall zurückgeführet. Dieser einzelne Fall
+wird allezeit das sein, was ich oben unter dem Worte Handlung
+verstanden habe; das aber, was Batteux darunter verstehet, wird er nur
+dann und wann sein. Er wird allezeit eine Folge von Veränderungen
+sein, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu
+einem Ganzen werden. Sind sie es auch außer dieser Absicht, desto
+besser! Eine Folge von Veränderungen--daß es aber Veränderungen
+freier, moralischer Wesen sein müssen, verstehet sich von selbst.
+Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das
+sich nur von moralischen Wesen sagen läßt, mit begriffen ist. Und
+darin hat Batteux freilich recht, daß das, was er die Handlung der
+Fabel nennet, bloß vernünftigen Wesen zukomme. Nur kömmt es ihnen
+nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern
+weil es Freiheit voraussetzt. Denn die Freiheit handelt zwar allezeit
+aus Gründen, aber nicht allezeit aus Absichten.---
+
+Sind es meine Leser nun bald müde, mich nichts als widerlegen zu
+hören? Ich wenigstens bin es. De La Motte, Richer, Breitinger,
+Batteux sind Kunstrichter von allerlei Art, mittelmäßige, gute,
+vortreffliche. Man ist in Gefahr, sich auf dem Wege zur Wahrheit zu
+verirren, wenn man sich um gar keine Vorgänger bekümmert; und man
+versäumt sich ohne Not, wenn man sich um alle bekümmern will.
+
+Wie weit bin ich? Hui, daß mir meine Leser alles, was ich mir so
+mühsam erstritten habe, von selbst geschenkt hätten!--In der Fabel
+wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer
+Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen
+einzeln Fall nicht versteckt oder verkleidet, sondern so
+zurückgeführet, daß ich nicht bloß einige Ähnlichkeiten mit dem
+moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend
+darin erkenne.
+
+Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschöpft?--Ich
+wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst
+glaubte.--Ich lese bei dem Aristoteles [1]: "Eine obrigkeitliche Person
+durch das Los ernennen ist eben, als wenn ein Schiffsherr, der einen
+Steuermann braucht, es auf das Los ankommen ließe, welcher von seinen
+Matrosen es sein sollte, anstatt daß er den allergeschicktesten dazu
+unter ihnen mit Fleiß aussuchte."--Hier sind zwei besondere Fälle, die
+unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehören. Der eine ist der
+sich eben itzt äußernde, der andere ist der erdichtete. Ist dieser
+erdichtete eine Fabel? Niemand wird ihn dafür gelten lassen.--Aber
+wenn es bei dem Aristoteles so hieße: "Ihr wollt euren Magistrat durch
+das Los ernennen? Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem
+Schiffsherrn, der, als es ihm an einem Steuermanne fehlte etc." Das
+verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veränderung ist damit
+vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als
+diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als wenn eingeführt, er
+ward bloß als möglich betrachtet; und hier hat er die Wirklichkeit
+erhalten, es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr.
+
+{Fussnote 1: Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.}
+
+Das trifft den Punkt! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel
+bestehet, muß als wirklich vorgestellet werden. Begnüge ich mich an
+der Möglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.--Es
+verlohnt sich der Mühe, diesen wichtigen Unterschied, aus welchem man
+allein so viel zweideutigen Fabeln das Urteil sprechen muß, an einigen
+Exempeln zu zeigen.--Unter den aesopischen Fabeln des Planudes lieset
+man auch folgendes: "Der Biber ist ein vierfüßiges Tier, das meistens
+im Wasser wohnet und dessen Geilen in der Medizin von großem Nutzen
+sind. Wenn nun dieses Tier von den Menschen verfolgt wird und ihnen
+nicht mehr entkommen kann, was tut es? Es beißt sich selbst die
+Geilen ab und wirft sie seinen Verfolgern zu. Denn es weiß gar wohl,
+daß man ihm nur dieserwegen nachstellet und es sein Leben und seine
+Freiheit wohlfeiler nicht erkaufen kann." [2]--Ist das eine Fabel? Es
+liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darin. Und dennoch wird
+sich niemand bedenken, ihr den Namen einer Fabel abzusprechen. Nur
+über die Ursache, warum er ihr abzusprechen sei, werden sich
+vielleicht die meisten bedenken und uns doch endlich eine falsche
+angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: würde man vielleicht
+mit dem Verfasser der Critischen Briefe [3] sagen. Aber gleichwohl,
+würde ich mit ebendiesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber
+nicht aus bloßem Instinkt, er handelt aus freier Wahl und nach reifer
+Überlegung, denn er weiß es, warum er verfolgt wird (ginwskwn ou carin
+diwketai). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm
+glauben soll, macht es ja eben, daß eine Begegnis aus dem Reiche der
+Tiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich
+sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet.
+Die Wirklichkeit kömmt nur dem Einzeln, dem Individuo zu, und es läßt
+sich keine Wirklichkeit ohne die Individualität gedenken. Was also
+hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, hätte müssen
+nur von einem einzigen Biber gesagt werden, und alsdenn wäre es eine
+Fabel geworden.--Ein ander Exempel: "Die Affen, sagt man, bringen zwei
+Junge zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit aller
+möglichen Sorgfalt pflegen, das andere hingegen hassen und versäumen.
+Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht es, daß die Mutter das
+Geliebte unter häufigen Liebkosungen erdrückt, indem das Verachtete
+glücklich aufwächset." [4] Auch dieses ist aus ebender Ursache, weil
+das, was nur von einem Individuo gesagt werden sollte, von einer
+ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher l'Estrange eine Fabel
+daraus machen wollte, mußte er ihm diese Allgemeinheit nehmen und die
+Individualität dafür erteilen [5]. "Eine Äffin, erzählt er, hatte zwei
+Junge; in das eine war sie närrisch verliebt, an dem andern aber war
+ihr sehr wenig gelegen. Einsmals überfiel sie ein plötzlicher
+Schrecken. Geschwind rafft sie ihren Liebling auf, nimmt ihn in die
+Arme, eilt davon, stürzt aber und schlägt mit ihm gegen einen Stein,
+daß ihm das Gehirn aus dem zerschmetterten Schädel springt. Das
+andere Junge, um das sie sich im geringsten nicht bekümmert hatte, war
+ihr von selbst auf den Rücken gesprungen, hatte sich an ihre Schultern
+angeklammert und kam glücklich davon."--Hier ist alles bestimmt; und
+was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden.--Das schon
+mehr als einmal angeführte Beispiel von dem Fischer hat den nämlichen
+Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der
+Fall ereignet sich allezeit, sooft das Netz gezogen wird, daß die
+Fische, welche kleiner sind als die Gitter des Netzes, durchschlupfen
+und die größern hängenbleiben. Für sich selbst ist dieser Fall also
+kein individueller Fall, sondern hätte es durch andere mit ihm
+verbundene Nebenumstände erst werden müssen.
+
+{Fussnote 2: Fabul. Aesop. 33.}
+
+{Fussnote 3: Critische Briefe. Zürich 1746. S. 168.}
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 268.}
+
+{Fussnote 5: In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat,
+die 187.}
+
+Die Sache hat also ihre Richtigkeit: der besondere Fall, aus welchem
+die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellt werden; er muß das
+sein, was wir in dem strengsten Verstande einen einzeln Fall nennen.
+Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum
+begnügt sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die
+Fabel nennen kann, nicht mit der bloßen Möglichkeit, mit der sich die
+Exempel andrer Wissenschaften begnügen?--Wieviel ließe sich hiervon
+plaudern, wenn ich bei meinen Lesern gar keine richtige psychologische
+Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die
+Lehre von der anschauenden Erkenntnis aus unserm Weltweisen
+abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beibringen als
+unumgänglich nötig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen.
+
+Die anschauende Erkenntnis ist für sich selbst klar. Die symbolische
+entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden.
+
+Das Allgemeine existierst nur in dem Besondern und kann nur in dem
+Besondern anschauend erkannt werden.
+
+Einem allgemeinen symbolischen Schlusse folglich alle die Klarheit zu
+geben, deren er fähig ist, das ist, ihn soviel als möglich zu
+erläutern, müssen wir ihn auf das Besondere reduzieren, um ihn in
+diesem anschauend zu erkennen.
+
+Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen,
+heißt ein Exempel.
+
+Die allgemeinen symbolischen Schlüsse werden also durch Exempel
+erläutert. Alle Wissenschaften bestehen aus dergleichen symbolischen
+Schlüssen; alle Wissenschaften bedürfen daher der Exempel.
+
+Doch die Sittenlehre muß mehr tun als ihre allgemeinen Schlüsse bloß
+erläutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der
+anschauenden Erkenntnis.
+
+Weil wir durch diese einen Satz geschwinder übersehen und so in einer
+kürzern Zeit mehr Bewegungsgründe in ihm entdecken können, als wenn er
+symbolisch ausgedrückt ist: so hat die anschauende Erkenntnis auch
+einen weit größern Einfluß in den Willen als die symbolische.
+
+Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer
+Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit nach den Graden der
+nähern und mehrern Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird.
+Je näher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darin unterscheiden
+läßt, desto größer ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis.
+
+Die Möglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was möglich
+ist, ist auf verschiedene Art möglich.
+
+Ein Besonderes also, bloß als möglich betrachtet, ist gewissermaßen
+noch etwas Allgemeines und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der
+anschauenden Erkenntnis.
+
+Folglich muß es als wirklich betrachtet werden und die Individualität
+erhalten, unter der es allein wirklich sein kann, wenn die anschauende
+Erkenntnis den höchsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen und so
+mächtig als möglich auf den Willen wirken soll.
+
+Das Mehrere aber, das die Sittenlehre, außer der Erläuterung, ihren
+allgemeinen Schlüssen schuldig ist, bestehet eben in dieser ihnen zu
+erteilenden Fähigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die
+anschauende Erkenntnis in dem Wirklichen erhalten, da andere
+Wissenschaften, denen es um die bloße Erläuterung zu tun ist, sich mit
+einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis, deren das
+Besondere, als bloß möglich betrachtet, fähig ist, begnügen.
+
+Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall,
+weil man in einem wirklichen Falle mehr Bewegungsgründe und
+deutlicher unterscheiden kann als in einem möglichen, weil das
+Wirkliche eine lebhaftere Überzeugung mit sich führet als das bloß
+Mögliche.
+
+Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben;
+weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es
+nicht fehlen, er mußte eine falsche Anwendung davon machen. Es wird
+nicht undienlich sein, seine ganze Lehre von dem Exempel (peri
+paradeigmatoV) hier zu übersehen [6]. Erst von seiner Einteilung des
+Exempels: Paradeigmatwn d’ eidh duo estin, sagt er, en men gar esti
+paradeigmatoV eidoV, to legein pragmata progegenhmena, en de, to auta
+poiein. Toutou d’ en men parabolh: en de logoi: oion oi aiswpeioi kai
+libukoi. Die Einteilung überhaupt ist richtig; von einem Kommentator
+aber würde ich verlangen, daß er uns den Grund von der Unterabteilung
+der erdichteten Exempel beibrächte und uns lehrte, warum es deren nur
+zweierlei Arten gäbe und mehrere nicht geben könne. Er würde diesen
+Grund, wie ich es oben getan habe, leicht aus den Beispielen selbst
+abstrahieren können, die Aristoteles davon gibt. Die Parabel nämlich
+führt er durch ein wsper ei tiV ein; und die Fabeln erzählt er als
+etwas wirklich Geschehenes. Der Kommentator müßte also diese Stelle
+so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte
+genommen oder in Ermangelung derselben erdichtet. Bei jedem
+geschehenen Dinge läßt sich die innere Möglichkeit von seiner
+Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein
+geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel
+haben soll, liegt also entweder in seiner bloßen Möglichkeit oder
+zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloß in jener liegen, so
+brauchen wir, in seiner Ermangelung, auch nur ein bloß mögliches Ding
+zu erdichten; soll sie aber in dieser liegen, so müssen wir auch
+unsere Erdichtung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit erheben. In
+dem ersten Falle erdichten wir eine Parabel und in dem andern eine
+Fabel.--(Was für eine weitere Einteilung der Fabel hieraus folge, wird
+sich in der dritten Abhandlung zeigen.)
+
+{Fussnote 6: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}
+
+Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu
+erinnern. Aber nunmehr kömmt er auf den Wert dieser verschiedenen
+Arten von Exempeln und sagt: Eisi d’ oi logoi dhmhgorikoi: kai ecousin
+agaJon touto, oti pragmata men eurein omoia gegenhmena, calepon,
+logouV de raon. Poihsai gar dei wsper kai parabolaV, an tiV dunhtai
+to omoion oran, oper raon estin ek jilosojiaV. Raw men oun porisasJai
+ta dia twn logwn: crhsimwtera de proV to bouleusasJai, ta dia twn
+pragmatwn: omoia gar, wV epi to polu, ta mellonta toiV gegonosi. Ich
+will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten.
+Aristoteles sagt, die historischen Exempel hätten deswegen eine
+größere Kraft zu überzeugen als die Fabeln, weil das Vergangene
+gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sei. Und hierin, glaube ich, hat
+sich Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich
+nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gründen der
+Wahrscheinlichkeit überzeugt werden. Ich glaube bloß deswegen, daß
+ein Ding geschehen und daß es soundso geschehen ist, weil es höchst
+wahrscheinlich ist und höchst unwahrscheinlich sein würde, wenn es
+nicht oder wenn es anders geschehen wäre. Da also einzig und allein
+die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines
+Falles glauben macht und diese innere Wahrscheinlichkeit sich
+ebensowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die
+Wirklichkeit des erstern für eine größere Kraft auf meine Überzeugung
+haben als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr. Da das
+historische Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist, da Aristoteles
+selbst die Sentenz des Agatho billiget:
+
+Tac’ an tiV eikoV auto tout’ einai legoi:
+Brotoisi polla tugcanein ouk eikota,
+
+
+da er hier selbst sagt, daß das Vergangene nur gemeiniglich (epi to
+polu) dem Zukünftigen ähnlich sei, der Dichter aber die freie Gewalt
+hat, hierin von der Natur abzugehen und alles, was er für wahr ausgibt,
+auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, wäre es wohl
+klar, daß den Fabeln, überhaupt zu reden, in Ansehung der
+Überzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebühre
+etc.
+
+Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam
+vorbereitete zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn
+wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall
+zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und
+eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz
+anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.
+
+Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie, bei der Anwendung,
+ebenso richtig als fruchtbar finden wird.
+
+
+
+
+II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
+
+
+Der größte Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere
+Geschöpfe, zu handelnden Personen.--Was ist hiervon zu halten? Ist es
+eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu
+moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem
+Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist
+es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man
+aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beibehält, weil er wenigstens
+schnackisch ist--quod risum movet? Oder was ist es?
+
+Batteux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen, oder er war
+listig genug, daß er ihnen damit zu entkommen glaubte, wenn er den
+Gebrauch der Tiere seiner Erklärung sogleich mit anflickte. Die Fabel,
+sagt er, ist die Erzählung einer allegorischen Handlung, die
+gemeiniglich den Tieren beigelegt wird.--Vollkommen à la Françoise!
+Oder wie der Hahn über die Kohlen!--Warum, möchten wir gerne wissen,
+warum wird sie gemeiniglich den Tieren beigelegt? Oh, was ein
+langsamer Deutscher nicht alles fragt!
+
+Überhaupt ist unter allen Kunstrichtern Breitinger der einzige, der
+diesen Punkt berührt hat. Er verdient es also um so viel mehr, daß
+wir ihn hören. "Weil Aesopus, sagt er, die Fabel zum Unterrichte des
+gemeinen bürgerlichen Lebens angewendet, so waren seine Lehren
+meistens ganz bekannte Sätze und Lebensregeln, und also mußte er auch
+zu den allegorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen
+und Beispiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entlehnen: Da nun
+aber die täglichen Geschäfte und Handlungen der Menschen nichts
+Ungemeines oder merkwürdig Reizendes an sich haben, so mußte man
+notwendig auf ein neues Mittel bedacht sein, auch der allegorischen
+Erzählung eine anzügliche Kraft und ein reizendes Ansehen mitzuteilen,
+um ihr also dadurch einen sichern Eingang in das menschliche Herz
+aufzuschließen. Nachdem man nun wahrgenommen, daß allein das Seltene,
+Neue und Wunderbare eine solche erweckende und angenehm entzückende
+Kraft auf das menschliche Gemüt mit sich führet, so war man bedacht,
+die Erzählung durch die Neuheit und Seltsamkeit der Vorstellungen
+wunderbar zu machen und also dem Körper der Fabel eine ungemeine und
+reizende Schönheit beizulegen. Die Erzählung bestehet aus zween
+wesentlichen Hauptumständen, dem Umstande der Person, und der Sache
+oder Handlung; ohne diese kann keine Erzählung Platz haben. Also muß
+das Wunderbare, welches in der Erzählung herrschen soll, sich entweder
+auf die Handlung selbst oder auf die Personen, denen selbige
+zugeschrieben wird, beziehen. Das Wunderbare, das in den täglichen
+Geschäften und Handlungen der Menschen vorkömmt, bestehet vornehmlich
+in dem Unvermuteten, sowohl in Absicht auf die Vermessenheit im
+Unterfangen als die Bosheit oder Torheit im Ausführen, zuweilen auch
+in einem ganz unerwarteten Ausgange einer Sache: Weil aber dergleichen
+wunderbare Handlungen in dem gemeinen Leben der Menschen etwas
+Ungewohntes und Seltenes sind, da hingegen die meisten gewöhnlichen
+Handlungen gar nichts Ungemeines oder Merkwürdiges an sich haben, so
+sah man sich gemüßiget, damit die Erzählung als der Körper der Fabel
+nicht verächtlich würde, derselben durch die Veränderung und
+Verwandlung der Personen einen angenehmen Schein des Wunderbaren
+mitzuteilen. Da nun die Menschen, bei aller ihrer Verschiedenheit,
+dennoch überhaupt betrachtet in einer wesentlichen Gleichheit und
+Verwandtschaft stehen, so besann man sich, Wesen von einer höhern
+Natur, die man wirklich zu sein glaubte, als Götter und Genios oder
+solche, die man durch die Freiheit der Dichter zu Wesen erschuf, als
+die Tugenden, die Kräfte der Seele, das Glück, die Gelegenheit etc. in
+die Erzählung einzuführen; vornehmlich aber nahm man sich die Freiheit
+heraus, die Tiere, die Pflanzen und noch geringere Wesen, nämlich die
+leblosen Geschöpfe, zu der höhern Natur der vernünftigen Wesen zu
+erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mitteilte,
+damit sie also fähig würden, uns ihren Zustand und ihre Begegnisse in
+einer uns vernehmlichen Sprache zu erklären und durch ihr Exempel von
+ähnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben etc."--
+
+Breitinger also behauptet, daß die Erreichung des Wunderbaren die
+Ursache sei, warum man in der Fabel die Tiere und andere niedrigere
+Geschöpfe reden und vernunftmäßig handeln lasse. Und eben weil er
+dieses für die Ursache hält, glaubt er, daß die Fabel überhaupt, in
+ihrem Wesen und Ursprunge betrachtet, nichts anders als ein
+lehrreiches Wunderbare sei. Diese seine zweite Erklärung ist es,
+welche ich hier, versprochnermaßen, untersuchen muß.
+
+Es wird aber bei dieser Untersuchung vornehmlich darauf ankommen, ob
+die Einführung der Tiere in der Fabel wirklich wunderbar ist. Ist sie
+es, so hat Breitinger viel gewonnen; ist sie es aber nicht, so liegt
+auch sein ganzes Fabelsystem, mit einmal, über dem Haufen.
+
+Wunderbar soll diese Einführung sein? Das Wunderbare, sagt ebendieser
+Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit und Möglichkeit ab. Diese
+anscheinende Unmöglichkeit also gehöret zu dem Wesen des Wunderbaren;
+und wie soll ich nunmehr jenen Gebrauch der Alten, den sie selbst
+schon zu einer Regel gemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten
+nämlich fingen ihre Fabeln am liebsten mit dem Fasi und dem darauf
+folgenden Klagefalle an. Die griechischen Rhetores nennen dieses kurz,
+die Fabel in dem Klagefalle (taiV aitiatikaiV) vortragen; und Theon,
+wenn er in seinen Vorübungen [1] hierauf kömmt, führet eine Stelle des
+Aristoteles an, wo der Philosoph diesen Gebrauch billiget und es zwar
+deswegen für ratsamer erkläret, sich bei Einführung einer Fabel lieber
+auf das Altertum zu berufen, als in der eigenen Person zu sprechen,
+damit man den Anschein, als erzähle man etwas Unmögliches, vermindere
+(ina paramuJhswntai to dokein adunata legein). War also das der Alten
+ihre Denkungsart, wollten sie den Schein der Unmöglichkeit in der
+Fabel soviel als möglich vermindert wissen: so mußten sie notwendig
+weit davon entfernt sein, in der Fabel etwas Wunderbares zu suchen
+oder zur Absicht zu haben; denn das Wunderbare muß sich auf diesen
+Schein der Unmöglichkeit gründen.
+
+{Fussnote 1: Nach der Ausgabe des Camerarius, S. 28.}
+
+Weiter! Das Wunderbare, sagt Breitinger an mehr als einem Orte, sei
+der höchste Grad des Neuen. Diese Neuheit aber muß das Wunderbare,
+wenn es seine gehörige Wirkung auf uns tun soll, nicht allein bloß in
+Ansehung seiner selbst, sondern auch in Ansehung unsrer Vorstellungen
+haben. Nur das ist wunderbar, was sich sehr selten in der Reihe der
+natürlichen Dinge eräugnet. Und nur das Wunderbare behält seinen
+Eindruck auf uns, dessen Vorstellung in der Reihe unsrer Vorstellungen
+ebenso selten vorkommt. Auf einen fleißigen Bibelleser wird das
+größte Wunder, das in der Schrift aufgezeichnet ist, den Eindruck bei
+weitem nicht mehr machen, den es das erstemal auf ihn gemacht hat. Er
+lieset es endlich mit ebenso wenigem Erstaunen, daß die Sonne einmal
+stillegestanden, als er sie täglich auf- und niedergehen sieht. Das
+Wunder bleibt immer dasselbe; aber nicht unsere Gemütsverfassung, wenn
+wir es zu oft denken.--Folglich würde auch die Einführung der Tiere
+uns höchstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; fänden wir
+aber, daß die Tiere fast in allen Fabeln sprächen und urteilten, so
+würde diese Sonderbarkeit, so groß sie auch an und vor sich selbst
+wäre, doch gar bald nichts Sonderbares mehr für uns haben.
+
+Aber wozu alle diese Umschweife? Was sich auf einmal umreißen läßt,
+braucht man das erst zu erschüttern?--Darum kurz: daß die Tiere, und
+andere niedrigere Geschöpfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der
+Fabel vorausgesetzt; es wird angenommen und soll nichts weniger als
+wunderbar sein.--Wenn ich in der Schrift lese [2]: "Da tat der Herr der
+Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam etc.", so lese ich etwas
+Wunderbares. Aber wenn ich bei dem Aesopus lese [3]: Fasin, ote
+jwnhneta hn ta zwa, thn oin proV ton despothn eipein: "Damals, als die
+Tiere noch redeten, soll das Schaf zu seinem Hirten gesagt haben", so
+ist es ja wohl offenbar, daß mir der Fabulist nichts Wunderbares
+erzählen will, sondern vielmehr etwas, das zu der Zeit, die er mit
+Erlaubnis seines Lesers annimmt, dem gemeinen Laufe der Natur
+vollkommen gemäß war.
+
+{Fussnote 2: 4. B. Mos. XXII. 28.}
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 316.}
+
+Und das ist so begreiflich, sollte ich meinen, daß ich mich schämen
+muß, noch ein Wort hinzuzutun. Ich komme vielmehr sogleich auf die
+wahre Ursache--die ich wenigstens für die wahre halte--, warum der
+Fabulist die Tiere oft zu seiner Absicht bequemer findet als die
+Menschen.--Ich setze sie in die allgemein bekannte Bestandheit der
+Charaktere.--Gesetzt auch, es wäre noch so leicht, in der Geschichte
+ein Exempel zu finden, in welchem sich diese oder jene moralische
+Wahrheit anschauend erkennen ließe. Wird sie sich deswegen von jedem,
+ohne Ausnahme, darin erkennen lassen? Auch von dem, der mit den
+Charakteren der dabei interessierten Personen nicht vertraut ist?
+Unmöglich! Und wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so
+allgemein bekannt, daß man sie nur nennen dürfte, um sogleich bei
+einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und
+andern Eigenschaften zu erwecken? Die umständliche Charakterisierung
+daher zu vermeiden, bei welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob
+sie bei allen die nämlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen,
+sich lieber in die kleine Sphäre derjenigen Wesen einzuschränken, von
+denen man es zuverlässig weiß, daß auch bei den Unwissendsten ihren
+Benennungen diese und keine andere Idee entspricht. Und weil von
+diesen Wesen die wenigsten ihrer Natur nach geschickt waren, die
+Rollen freier Wesen über sich zu nehmen, so erweiterte man lieber die
+Schranken ihrer Natur und machte sie, unter gewissen wahrscheinlichen
+Voraussetzungen, dazu geschickt.
+
+Man hört: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hören? Wer
+war dieser? Wer jener? In welchem Verhältnisse stehen sie
+gegeneinander?--Aber man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß
+jeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem andern verhält.
+Diese Wörter, welche stracks ihre gewissen Bilder in uns erwecken,
+befördern die anschauende Erkenntnis, die durch jene Namen, bei
+welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewiß nicht alle
+vollkommen ebendasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der
+Fabulist keine vernünftigen Individua auftreiben kann, die sich durch
+ihre bloße Benennungen in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es
+ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren
+oder unter noch geringem Geschöpfen zu suchen. Man setze, in der
+Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero,
+anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles
+verloren, was sie zu einer Fabel für das ganze menschliche Geschlecht
+macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen
+und den Zwerg, und sie verlieret schon weniger; denn auch der Riese
+und der Zwerg sind Individua, deren Charakter, ohne weitere Hinzutuung,
+ziemlich aus der Benennung erhellet. Oder man verwandle sie lieber
+gar in folgende menschliche Fabel: "Ein Priester kam zu dem armen
+Manne des Propheten [4] und sagte: Bringe dein weißes Lamm vor den
+Altar, denn die Götter fordern ein Opfer. Der Arme erwiderte: mein
+Nachbar hat eine zahlreiche Herde, und ich habe nur das einzige Lamm.
+Du hast aber den Göttern ein Gelübde getan, versetzte dieser, weil sie
+deine Felder gesegnet.--Ich habe kein Feld, war die Antwort.--Nun so
+war es damals, als sie deinen Sohn von seiner Krankheit genesen
+ließen--Oh, sagte der Arme, die Götter haben ihn selbst zum Opfer
+hingenommen. Gottloser! zürnte der Priester, du lästerst! und riß das
+Lamm aus seinem Schoße etc."--Und wenn in dieser Verwandlung die Fabel
+noch weniger verloren hat, so kömmt es bloß daher, weil man mit dem
+Worte Priester den Charakter der Habsüchtigkeit, leider, noch weit
+geschwinder verbindet als den Charakter der Blutdürstigkeit mit dem
+Worte Riese und durch den armen Mann des Propheten die Idee der
+unterdrückten Unschuld noch leichter erregt wird als durch den Zwerg.
+--Der beste Abdruck dieser Fabel, in welchem sie ohne Zweifel am
+allerwenigsten verloren hat, ist die Fabel von der Katze und dem Hahne
+[5]. Doch weil man auch hier sich das Verhältnis der Katze gegen den
+Hahn nicht so geschwind denkt als dort das Verhältnis des Wolfes zum
+Lamme, so sind diese noch immer die allerbequemsten Wesen, die der
+Fabulist zu seiner Absicht hat wählen können.
+
+{Fussnote 4: 2. B. Samuelis XII.}
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 6.}
+
+Der Verfasser der oben angeführten Critischen Briefe ist mit
+Breitingern einerlei Meinung und sagt unter andern, in der erdichteten
+Person des Hermann Axels [6]: "Die Fabel bekommt durch diese sonderbare
+Personen ein wunderliches Ansehen. Es wäre keine ungeschickte Fabel,
+wenn man dichtete: Ein Mensch sah auf einem hohen Baume die schönsten
+Birnen hangen, die seine Lust, davon zu essen, mächtig reizeten. Er
+bemühte sich lange, auf denselben hinaufzuklimmen, aber es war umsonst,
+er mußte es endlich aufgeben. Indem er wegging, sagte er: Es ist mir
+gesunder, daß ich sie noch länger stehenlasse, sie sind doch noch
+nicht zeitig genug. Aber dieses Geschichtchen reizet nicht stark
+genug; es ist zu platt etc."--Ich gestehe es Hermann Axeln zu; das
+Geschichtchen ist sehr platt und verdienet nichts weniger als den
+Namen einer guten Fabel. Aber ist es bloß deswegen so platt geworden,
+weil kein Tier darin redet und handelt? Gewiß nicht; sondern es ist
+es dadurch geworden, weil er das Individuum, den Fuchs, mit dessen
+bloßem Namen wir einen gewissen Charakter verbinden, aus welchem sich
+der Grund von der ihm zugeschriebenen Handlung angeben läßt, in ein
+anders Individuum verwandelt hat, dessen Name keine Idee eines
+bestimmten Charakters in uns erwecket. "Ein Mensch!" Das ist ein viel
+zu allgemeiner Begriff für die Fabel. An was für eine Art von
+Menschen soll ich dabei denken? Es gibt deren so viele! Aber "ein
+Fuchs!" Der Fabulist weiß nur von einem Fuchse, und sobald er mir das
+Wort nennt, fallen auch meine Gedanken sogleich nur auf einen
+Charakter. Anstatt des Menschen überhaupt hätte Hermann Axel also
+wenigstens einen Gasconier setzen müssen. Und alsdenn würde er wohl
+gefunden haben, daß die Fabel, durch die bloße Weglassung des Tieres,
+so viel eben nicht verlöre, besonders wenn er in dem nämlichen
+Verhältnisse auch die übrigen Umstände geändert und den Gasconier nach
+etwas mehr als nach Birnen lüstern gemacht hätte.
+
+{Fussnote 6: S. 166.}
+
+Da also die allgemein bekannten und unveränderlichen Charaktere der
+Tiere die eigentliche Ursache sind, warum sie der Fabulist zu
+moralischen Wesen erhebt, so kömmt mir es sehr sonderbar vor, wenn man
+es einem zum besondern Ruhme machen will, "daß der Schwan in seinen
+Fabeln nicht singe, noch der Pelikan sein Blut für seine Jungen
+vergieße" [7].--Als ob man in den Fabelbüchern die Naturgeschichte
+studieren sollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt
+sind, so sind sie wert, gebraucht zu werden, der Naturalist mag sie
+bekräftigen oder nicht. Und derjenige, der sie uns, es sei durch
+seine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Händen spielen will, der
+nenne uns erst andere Individua, von denen es bekannt ist, daß ihnen
+die nämlichen Eigenschaften in der Tat zukommen.
+
+{Fussnote 7: Man sehe die kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.}
+
+Je tiefer wir auf der Leiter der Wesen herabsteigen, desto seltner
+kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist
+denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem
+Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche und am
+allerseltensten vielleicht unter den Werken der Kunst finden läßt.
+Denn daß es deswegen geschehen sollte, weil es stufenweise immer
+unwahrscheinlicher werde, daß diese geringern Werke der Natur und
+Kunst empfinden, denken und sprechen könnten, will mir nicht ein. Die
+Fabel von dem ehernen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar
+schlechter oder unwahrscheinlicher als die beste Fabel z. E. von
+einem Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so
+unendlich weit jene von ihm abstehen.
+
+Indem ich aber die Charaktere der Tiere zur eigentlichen Ursache ihres
+vorzüglichen Gebrauchs in der Fabel mache, will ich nicht sagen, daß
+die Tiere dem Fabulisten sonst zu weiter gar nichts nützten. Ich weiß
+es sehr wohl, daß sie unter andern in der zusammengesetzten Fabel das
+Vergnügen der Vergleichung um ein großes vermehren, welches alsdenn
+kaum merklich ist, wenn, sowohl der wahre als der erdichtete einzelne
+Fall, beide aus handelnden Personen von einerlei Art, aus Menschen,
+bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nur in der
+zusammengesetzten Fabel stattfindet, so kann er die Ursache nicht sein,
+warum die Tiere auch in der einfachen Fabel, und also in der Fabel
+überhaupt, dem Dichter sich gemeiniglich mehr empfehlen als die
+Menschen.
+
+Ja, ich will es wagen, den Tieren und andern geringern Geschöpfen in
+der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, auf welchen ich vielleicht
+durch Schlüsse nie gekommen wäre, wenn mich nicht mein Gefühl darauf
+gebracht hätte. Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis
+eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere
+Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die
+Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er
+aber anders z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er
+die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der
+Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt? Man erinnere
+sich noch einmal der Fabel von dem Wolfe und Lamme, wie sie oben in
+die Fabel von dem Priester und dem armen Manne des Propheten
+verwandelt worden. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses
+Mitleiden ist so schwach, daß es unserer anschauenden Erkenntnis des
+moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag tut. Hingegen wie ist es
+mit dem armen Manne? Kömmt es mir nur so vor, oder ist es wirklich
+wahr, daß wir mit diesem viel zuviel Mitleiden haben und gegen den
+Priester viel zuviel Unwillen empfinden, als daß die anschauende
+Erkenntnis des moralischen Satzes hier ebenso klar sein könnte, als
+sie dort ist?
+
+
+
+
+III. Von der Einteilung der Fabeln
+
+
+Die Fabeln sind verschiedener Einteilungen fähig. Von einer, die sich
+aus der verschiednen Anwendung derselben ergibt, habe ich gleich
+anfangs geredet. Die Fabeln nämlich werden entweder bloß auf einen
+allgemeinen moralischen Satz angewendet und heißen einfache Fabeln,
+oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der
+Fabel unter einem und ebendemselben moralischen Satze enthalten ist,
+und heißen zusammengesetzte Fabeln. Der Nutzen dieser Einteilung hat
+sich bereits an mehr als einer Stelle gezeiget.
+
+Eine andere Einteilung würde sich aus der verschiednen Beschaffenheit
+des moralischen Satzes herholen lassen. Es gibt nämlich moralische
+Sätze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegenteils als in
+einem einzeln Falle, der unmittelbar unter ihnen begriffen ist,
+anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischen Satz
+in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, würde man
+vielleicht indirekte Fabeln, so wie die andern direkte Fabeln nennen
+können.
+
+Doch von diesen Einteilungen ist hier nicht die Frage; noch viel
+weniger von jener unphilosophischen Einteilung nach den verschiedenen
+Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzüglichen Namen damit
+gemacht haben. Es hat den Kunstrichtern gefallen, ihre gewöhnliche
+Einteilung der Fabel von einer Verschiedenheit herzunehmen, die mehr
+in die Augen fällt; von der Verschiedenheit nämlich der darin
+handelnden Personen. Und diese Einteilung ist es, die ich hier näher
+betrachten will.
+
+Aphthonius ist ohne Zweifel der älteste Skribent, der ihrer erwähnst.
+Tou de muJou, sagt er in seinen Vorübungen, to men esti logikon, to de
+hJikon, to de mikton. Kai logikon men en w ti poiwn anJrwpoV
+peplastai: mikton de to ex amjoterwn alogou kai logikou. Es gibt drei
+Gattungen von Fabeln, die vernünftige, in welcher der Mensch die
+handelnde Person ist, die sittliche, in welcher unvernünftige Wesen
+aufgeführet werden, die vermischte, in welcher sowohl unvernünftige
+als vernünftige Wesen vorkommen.--Der Hauptfehler dieser Einteilung,
+welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, daß sie
+das nicht erschöpft, was sie erschöpfen sollte. Denn wo bleiben
+diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen
+bestehen? Aphthonius hat die vernünftige Gattung ausdrücklich auf den
+einzigen Menschen eingeschränkt. Doch wenn diesem Fehler auch
+abzuhelfen wäre, was kann dem ohngeachtet roher und mehr von der
+obersten Fläche abgeschöpft sein als diese Einteilung? Öffnet sie
+uns nur auch die geringste freiere Einsicht in das Wesen der Fabel?
+
+Batteux würde daher ohne Zweifel ebenso wohl getan haben, wenn er von
+der Einteilung der Fabel gar geschwiegen hätte, als daß er uns mit
+jener kahlen aphthonianischen abspeisen will. Aber was wird man
+vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, daß er sich hier auf einer
+kleinen Tücke treffen läßt? Kurz zuvor sagt er unter andern von den
+Personen der Fabel: "Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm,
+die Eiche und das Schilf, sondern auch den eisernen und den irdenen
+Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der Herr Verstand und das
+Fräulein Einbildungskraft und alles, was ihnen ähnlich siehet, sind
+von diesem Theater ausgeschlossen worden, weil es ohne Zweifel
+schwerer ist, diesen bloß geistigen Wesen einen charaktermäßigen
+Körper zu geben, als Körpern, die einige Analogie mit unsern Organen
+haben, Geist und Seele zu geben." [1]--Merkt man, wider wen dieses
+geht? Wider den de La Motte, der sich in seinen Fabeln der
+allegorischen Wesen sehr häufig bedienet. Da dieses nun nicht nach
+dem Geschmacke unsers oft mehr eckeln als feinen Kunstrichters war, so
+konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einteilung der Fabel nicht
+anders als willkommen sein, indem es durch sie stillschweigend
+gleichsam zur Regel gemacht wird, daß die Gottheiten und allegorischen
+Wesen gar nicht in die aesopische Fabel gehören. Und diese Regel eben
+möchte Batteux gar zu gern festsetzen, ob er sich gleich nicht
+getrauet, mit ausdrücklichen Worten darauf zu dringen. Sein System
+von der Fabel kann auch nicht wohl ohne sie bestehen. "Die aesopische
+Fabel, sagt er, ist, eigentlich zu reden, das Schauspiel der Kinder;
+sie unterscheidet sich von den übrigen nur durch die Geringfügigkeit
+und Naivität ihrer spielenden Personen. Man sieht auf diesem Theater
+keinen Cäsar, keinen Alexander: aber wohl die Fliege und die Ameise
+etc."--Freilich, diese Geringfügigkeit der spielenden Personen
+vorausgesetzt, konnte Batteux mit den höhern poetischen Wesen des de
+La Motte unmöglich zufrieden sein. Er verwarf sie also, ob er schon
+einen guten Teil der besten Fabeln des Altertums zugleich mit
+verwerfen mußte, und zog sich, um den kritischen Anfällen deswegen
+weniger ausgesetzt zu sein, unter den Schutz der mangelhaften
+Einteilung des Aphthonius. Gleich als ob Aphthonius der Mann wäre,
+der alle Gattungen von Fabeln, die in seiner Einteilung nicht Platz
+haben, eben dadurch verdammen könnte! Und diesen Mißbrauch einer
+erschlichenen Autorität, nenne ich eben die kleine Tücke, deren sich
+Batteux in Ansehung des de La Motte hier schuldig gemacht hat.
+
+{Fussnote 1: Nach der Ramlerschen Übersetzung, S. 244.}
+
+Wolf [2] hat die Einteilung des Aphthonius gleichfalls beibehalten,
+aber einen weit edlern Gebrauch davon gemacht. Diese Einteilung in
+vernünftige und sittliche Fabeln, meinet er, klinge zwar ein wenig
+sonderbar; denn man könnte sagen, daß eine jede Fabel sowohl eine
+vernünftige als eine sittliche Fabel wäre. Sittlich nämlich sei eine
+jede Fabel insofern als sie einer sittlichen Wahrheit zum Besten
+erfunden worden, und vernünftig insofern, als diese sittliche Wahrheit
+der Vernunft gemäß ist. Doch da es einmal gewöhnlich sei, diesen
+Worten hier eine andere Bedeutung zu geben, so wolle er keine Neuerung
+machen. Aphthonius habe übrigens bei seiner Einteilung die Absicht
+gehabt, die Verschiedenheit der Fabeln ganz zu erschöpfen, und mehr
+nach dieser Absicht als nach den Worten, deren er sich dabei bedient
+habe, müsse sie beurteilet werden. Absit enim, sagt er--und oh, wenn
+alle Liebhaber der Wahrheit so billig dächten!--, absit, ut negemus
+accurate cogitasse, qui non satis accurate loquuntur. Puerile est,
+erroris redarguere eum, qui ab errore immunem possedit animum,
+propterea quod parum apta succurrerint verba, quibus mentem suam
+exprimere poterat. Er behält daher die Benennungen der
+aphthonianischen Einteilung bei und weiß die Wahrheit, die er nicht
+darin gefunden, so scharfsinnig hineinzulegen, daß sie das vollkommene
+Ansehen einer richtigen philosophischen Einteilung bekömmt. "Wenn wir
+Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den Subjekten
+solche Handlungen und Leidenschaften, überhaupt solche Prädikate bei
+als ihnen zukommen, oder wir legen ihnen solche bei, die ihnen nicht
+zukommen. In dem ersten Falle heißen es vernünftige Fabeln, in dem
+andern sittliche Fabeln, und vermischte Fabeln heißen es, wenn sie
+etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel
+haben."
+
+{Fussnote 2: Philosoph. practicae universales pars post. S 303.}
+
+Nach dieser Wolfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit
+der Fabel nicht mehr auf der bloßen Verschiedenheit der Subjekte,
+sondern auf der Verschiedenheit der Prädikate, die von diesen
+Subjekten gesagt werden. Ihr zufolge kann eine Fabel Menschen zu
+handelnden Personen haben und dennoch keine vernünftige Fabel sein, so
+wie sie eben nicht notwendig eine sittliche Fabel sein muß, weil Tiere
+in ihr aufgeführet werden. Die oben angeführte Fabel von den zwei
+kämpfenden Hähnen würde nach den Worten des Aphthonius eine sittliche
+Fabel sein, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Tiere
+nachahmet; wie hingegen Wolf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt
+hat, ist sie eine vernünftige Fabel, weil nicht das geringste von den
+Hähnen darin gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukäme. So ist
+es mit mehrern: Z. E. der Vogelsteller und die Schlange [3], der Hund
+und der Koch [4], der Hund und der Gärtner [5], der Schäfer und der Wolf
+[6]: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einteilung unter die
+sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die
+vernünftigen gehören.
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 32.}
+
+{Fussnote 4: Fabul. Aesop. 34.}
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 67.}
+
+{Fussnote 6: Fab. Aesop. 71.}
+
+Und nun? Werde ich es bei dieser Einteilung unsers Weltweisen können
+bewenden lassen? Ich weiß nicht. Wider ihre logikalische Richtigkeit
+habe ich nichts zu erinnern; sie erschöpft alles, was sie erschöpfen
+soll. Aber man kann ein guter Dialektiker sein, ohne ein Mann von
+Geschmack zu sein; und das letzte war Wolf, leider, wohl nicht. Wie,
+wenn es auch ihm hier so gegangen wäre, als er es von dem Aphthonius
+vermutet, daß er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen
+gut ausgedrückt hätte, als es besonders die Kunstrichter wohl
+verlangen dürften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjekten
+Leidenschaften und Handlungen, überhaupt Prädikate, beigelegt werden,
+deren sie nicht fähig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses
+Nicht-Zukommen kann einen übeln Verstand machen. Der Dichter, kann
+man daraus schließen, ist also nicht gehalten, auf die Naturen der
+Geschöpfe zu sehen, die er in seinen Fabeln aufführet? Er kann das
+Schaf verwegen, den Wolf sanftmütig, den Esel feurig vorstellen; er
+kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen
+lassen. Alles dieses kömmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht
+eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beilegen.--Wie nötig ist es,
+dieser gefährlichen Auslegung, diesen mit einer Überschwemmung der
+abgeschmacktesten Märchen drohenden Folgerungen vorzubauen!
+
+Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder
+zurückzuwenden. Ich will den Weltweisen so wenig als möglich aus dem
+Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn,
+zusammen.--Ich habe gesagt und glaube es erwiesen zu haben, daß auf
+der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche
+Unterschied der Parabel, oder des Exempels überhaupt, und der Fabel
+beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, daß sie
+sich eher von ihrer Möglichkeit als von jener etwas abbrechen läßt.
+Es streitet minder mit ihrem Wesen, daß ihr einzelner Fall nicht
+schlechterdings möglich ist, daß er nur nach gewissen Voraussetzungen,
+unter gewissen Bedingungen möglich ist, als daß er nicht als wirklich
+vorgestellt werde. In Ansehung dieser Wirklichkeit folglich ist die
+Fabel keiner Verschiedenheit fähig, wohl aber in Ansehung ihrer
+Möglichkeit, welche sie veränderlich zu sein erlaubt. Nun ist, wie
+gesagt, diese Möglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte
+Möglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings
+möglich, oder er ist es nur nach gewissen Voraussetzungen, unter
+gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall
+schlechterdings möglich ist, will ich (um gleichfalls bei den alten
+Benennungen zu bleiben) vernünftige Fabeln nennen; Fabeln hingegen, wo
+er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, mögen sittliche heißen.
+Die vernünftigen Fabeln leiden keine fernere Unterabteilung, die
+sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen
+entweder die Subjekte der Fabel oder die Prädikate dieser Subjekte:
+der Fall der Fabel ist entweder möglich, vorausgesetzt, daß diese und
+jene Wesen existieren, oder er ist es, vorausgesetzt, daß diese und
+jene wirklich existierende Wesen (nicht andere Eigenschaften als ihnen
+zukommen; denn sonst würden sie zu anderen Wesen werden, sondern) die
+ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem höhern Grade, in
+einem weitern Umfange besitzen. Jene Fabeln, worin die Subjekte
+vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen, und diese,
+worin nur erhöhtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen
+werden, würde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische
+Fabeln nennen.--
+
+Ich will diese meine Einteilung noch durch einige Beispiele erläutern.
+Die Fabeln, der Blinde und der Lahme, die zwei kämpfenden Hähne, der
+Vogelsteller und die Schlange, der Hund und der Gärtner, sind lauter
+vernünftige Fabeln, obschon bald lauter Tiere, bald Menschen und Tiere
+darin vorkommen; denn der darin enthaltene Fall ist schlechterdings
+möglich, oder mit Wolfen zu reden, es wird den Subjekten nichts darin
+beigelegt, was ihnen nicht zukomme.--Die Fabeln, Apollo und Jupiter [1],
+Herkules und Plutus [2], die verschiedene Bäume in ihren besondern
+Schutz nehmenden Götter [3], kurz, alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus
+allegorischen Personen, aus Geistern und Gespenstern, aus andern
+erdichteten Wesen, dem Phönix z. E., bestehen, sind sittliche Fabeln,
+und zwar mythisch sittliche; denn es wird darin vorausgesetzt, daß
+alle diese Wesen existieren oder existieret haben, und der Fall, den
+sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung möglich.--Der Wolf
+und das Lamm [4], der Fuchs und der Storch [5], die Natter und die Feile
+[6], die Bäume und der Dornstrauch [7], der Ölbaum und das Rohr [8] etc.
+sind gleichfalls sittliche, aber hyperphysisch sittliche Fabeln; denn
+die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhöhet, die Schranken ihrer
+Fähigkeiten werden erweitert. Eines muß ich hierbei erinnern! Man
+bilde sich nicht ein, daß diese Gattung von Fabeln sich bloß auf die
+Tiere und andere geringere Geschöpfe einschränke: der Dichter kann
+auch die Natur des Menschen erhöhen und die Schranken seiner
+Fähigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten würde
+eine hyperphysisch sittliche Fabel sein; denn die Gabe zu prophezeien,
+kann dem Menschen bloß nach einer erhöhtern Natur zukommen. Oder wenn
+man die Erzählung von den himmelstürmenden Riesen als eine aesopische
+Fabel behandeln und sie dahin verändern wollte, daß ihr unsinniger Bau
+von Bergen auf Bergen endlich von selbst zusammenstürzte und sie unter
+den Ruinen begrübe: so würde keine andere als eine hyperphysisch
+sittliche Fabel daraus werden können.
+
+{Fussnote 1: Fab. Aesop. 187 [vgl. Lessings Fabel II 12].}
+
+{Fussnote 2: Phaedrus libr. IV. Fab. 11 [vgl. Lessings Fabel II 2].}
+
+{Fussnote 3: Phaedrus libr. III. Fab. 15.}
+
+{Fussnote 4: Phaedrus libr. 1. Fab. 1.}
+
+{Fussnote 5: Phaedrus libr. I. Fab. 25.}
+
+{Fussnote 6: Phaedr.s libr. IV. Fab. 7.}
+
+{Fussnote 7: Fab. Aesop. 313.}
+
+{Fussnote 8: Fabul. Aesop. 143.}
+
+Aus den zwei Hauptgattungen, der vernünftigen und sittlichen Fabel,
+entstehet auch bei mir eine vermischte Gattung, wo nämlich der Fall
+zum Teil schlechterdings, zum Teil nur unter gewissen Voraussetzungen
+möglich ist. Und zwar können dieser vermischten Fabeln dreierlei sein;
+die vernünftig mythische Fabel, als Herkules und der Kärrner [9], der
+arme Mann und der Tod [10], die vernünftig hyperphysische Fabel, als
+der Holzschläger und der Fuchs [11], der Jäger und der Löwe [12]; und
+endlich die hyperphysisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamel
+[13], Jupiter und die Schlange [4] etc.
+
+{Fussnote 9: Fabul. Aesop. 336.}
+
+{Fussnote 10: Fabul. Aesop. 20.}
+
+{Fussnote 11: Fabul. Aesop. 127.}
+
+{Fussnote 12: Fabul. Aesop. 280.}
+
+{Fussnote 13: Fabul. Aesop. 197.}
+
+{Fussnote 14: Fabul. Aesop. 189.}
+
+Und diese Einteilung erschöpft die Mannigfaltigkeit der Fabeln ganz
+gewiß, ja man wird, hoffe ich, keine anführen können, deren Stelle ihr
+zufolge zweifelhaft bleibe, welches bei allen andern Einteilungen
+geschehen muß, die sich bloß auf die Verschiedenheit der handelnden
+Personen beziehen. Die Breitingersche Einteilung ist davon nicht
+ausgeschlossen, ob er schon dabei die Grade des Wunderbaren zum Grunde
+gelegt hat. Denn da bei ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir
+gesehen haben, größtenteils auf die Beschaffenheit der handelnden
+Personen ankommen, so klingen seine Worte nur gründlicher, und er ist
+in der Tat in die Sache nichts tiefer eingedrungen. "Das Wunderbare
+der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade--Der niedrigste Grad
+des Wunderbaren findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in
+welchen ordentliche Menschen aufgeführet werden--Weil in denselben das
+Wahrscheinliche über das Wunderbare weit die Oberhand hat, so können
+sie mit Fug wahrscheinliche oder in Absicht auf die Personen
+menschliche Fabeln benennet werden. Ein mehrerer Grad des Wunderbaren
+äußert sich in derjenigen Klasse der Fabeln, in welchen ganz andere
+als menschliche Personen aufgeführet werden.--Diese sind entweder von
+einer vortrefflichern und höhern Natur als die menschliche ist, z. E.
+die heidnischen Gottheiten--oder sie sind in Ansehung ihres Ursprungs
+und ihrer natürlichen Geschicklichkeit von einem geringern Rang als
+die Menschen, als z. E. die Tiere, Pflanzen etc.--Weil in diesen
+Fabeln das Wunderbare über das Wahrscheinliche nach verschiedenen
+Graden herrschet, werden sie deswegen nicht unfüglich wunderbare und
+in Absicht auf die Personen entweder göttliche oder tierische Fabeln
+genannt--" Und die Fabel von den zwei Töpfen, die Fabel von den Bäumen
+und dem Dornstrauche? Sollen die auch tierische Fabeln heißen? Oder
+sollen sie und ihresgleichen eigne Benennungen erhalten? Wie sehr
+wird diese Namenrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arten
+der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben,
+daß man, nach dieser Breitingerschen Einteilung, oft zweifelhaft sein
+kann, zu welcher Klasse man diese oder jene Fabel rechnen soll, so
+betrachte man die schon angeführte Fabel von dem Gärtner und seinem
+Hunde oder die noch bekanntere von dem Ackersmanne und der Schlange;
+aber nicht so, wie sie Phaedrus erzählet, sondern wie sie unter den
+griechischen Fabeln vorkommt. Beide haben einen so geringen Grad des
+Wunderbaren, daß man sie notwendig zu den wahrscheinlichen, das ist
+menschlichen Fabeln, rechnen müßte. In beiden aber kommen auch Tiere
+vor; und in Betrachtung dieser würden sie zu den vermischten Fabeln
+gehören, in welchen das Wunderbare weit mehr über das Wahrscheinliche
+herrscht als in jenen. Folglich würde man erst ausmachen müssen, ob
+die Schlange und der Hund hier als handelnde Personen der Fabel
+anzusehen wären oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Klasse
+anweisen könnte.
+
+Ich will mich bei diesen Kleinigkeiten nicht länger aufhalten, sondern
+mit einer Anmerkung schließen, die sich überhaupt auf die
+hyperphysischen Fabeln beziehet und die ich, zur richtigern
+Beurteilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern
+anzubringen vergessen möchte.--Es ist bei dieser Gattung von Fabeln
+die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Tiere und andrer
+niedrigern Geschöpfe erhöhen und wie nahe er sie der menschlichen
+Natur bringen dürfe? Ich antworte kurz: so weit und so nahe er immer
+will. Nur mit der einzigen Bedingung, daß aus allem, was er sie
+denken, reden und handeln läßt, der Charakter hervorscheine, um dessen
+willen er sie seiner Absicht bequemer fand als alle andere Individua.
+Ist dieses, denken, reden und tun sie durchaus nichts, was ein ander
+Individuum von einem andern oder gar ohne Charakter ebensogut denken,
+reden und tun könnte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht
+befremden, wenn es auch noch soviel Witz, Scharfsinnigkeit und
+Vernunft voraussetzt. Und wie könnte es auch? Haben wir ihnen einmal
+Freiheit und Sprache zugestanden, so müssen wir ihnen zugleich alle
+Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus
+jenen Eigenschaften folgen können, auf welchen unser Vorzug vor ihnen
+einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, müssen
+wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt
+die Illusion, daß es wirkliche Tiere sind, ob wir sie gleich reden
+hören und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so
+scharfsinnige Schlüsse machen. Es ist unbeschreiblich, wieviel
+Sophismata non causae ut causae die Kunstrichter in dieser Materie
+gemacht haben. Unter andern der Verfasser der Critischen Briefe, wenn
+er von seinem Hermann Axel sagt: "Daher schreibt er auch den
+unvernünftigen Tieren, die er aufführt, niemals eine Reihe von
+Anschlägen zu, die in einem System, in einer Verknüpfung stehen und zu
+einem Endzwecke von weitem her angeordnet sind. Denn dazu gehöret
+eine Stärke der Vernunft, welche über den Instinkt ist. Ihr Instinkt
+gibt nur flüchtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die
+sich nicht lange emporhalten kann. Aus dieser Ursache werden diese
+Fabeln mit Tierpersonen ganz kurz und bestehen nur aus einem sehr
+einfachen Anschlage oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen
+menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der
+Fabulist muß zufrieden sein, wenn er nur einen Zug eines Charakters
+vorstellen kann. Es ist eine ausschweifende Idee des Pater Bossu, daß
+die aesopische Fabel sich in dieselbe Länge wie die epische Fabel
+ausdehnen lasse. Denn das kann nicht geschehen, es sei denn, daß man
+die Tiere nichts von den Tieren behalten lasse, sondern sie in
+Menschen verwandle, welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo
+man die Tiere mit gewissem Vorsatz in Masken aufführet und die
+Verrichtungen der Menschen nachäffen läßt etc."--Wie sonderbar ist
+hier das aus dem Wesen der Tiere hergeleitet, was der Kunstrichter aus
+dem Wesen der anschauenden Erkenntnis, und aus der Einheit des
+moralischen Lehrsatzes in der Fabel hätte herleiten sollen! Ich gebe
+es zu, daß der Einfall des Pater Bossu nichts taugt. Die aesopische
+Fabel, in die Länge einer epischen Fabel ausgedehnet, höret auf, eine
+aesopische Fabel zu sein; aber nicht deswegen, weil man den Tieren,
+nachdem man ihnen Freiheit und Sprache erteilet hat, nicht auch eine
+Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopee
+erfordern würde, erteilen dürfte, nicht deswegen, weil die Tiere
+alsdenn zu viel Menschliches haben würden: sondern deswegen, weil
+die Einheit des moralischen Lehrsatzes verlorengehen würde,
+weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Teile so gewaltsam
+auseinandergedehnet und mit fremden Teilen vermischt worden, nicht
+länger anschauend erkennen würde. Denn die anschauende Erkenntnis
+erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln Fall auf einmal übersehen
+können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder
+seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition
+des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn ich nicht sehr
+irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch
+williger aber dem Epopeendichter, erlassen hat, in ihre Werke eine
+einzige Hauptlehre zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine
+hineinlegen? Wir können sie doch nicht darin erkennen, weil ihre
+Werke viel zu weitläuftig sind, als daß wir sie auf einmal zu
+übersehen vermöchten. In dem Skelette derselben müßte sie sich wohl
+endlich zeigen; aber das Skelett gehöret für den kalten Kunstrichter,
+und wenn dieser einmal glaubt, daß eine solche Hauptlehre darin liegen
+müsse, so wird er sie gewiß herausgrübeln, wenn sie der Dichter auch
+gleich nicht hineingelegt hat. Daß übrigens das eingeschränkte Wesen
+der Tiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der aesopischen
+Fabel die wahre Ursach nicht sei, hätte der kritische Briefsteller
+gleich daher abnehmen können, weil nicht bloß die tierische Fabel,
+sondern auch jede andere aesopische Fabel, wenn sie schon aus
+vernünftigen Wesen bestehet, derselben unfähig ist. Die Fabel von dem
+Lahmen und Blinden, oder von dem armen Mann und dem Tode, läßt sich
+ebensowenig zur Länge des epischen Gedichts erstrecken als die Fabel
+von dem Lamme und dem Wolfe, oder von dem Fuchse und dem Raben. Kann
+es also an der Natur der Tiere liegen? Und wenn man mit Beispielen
+streiten wollte, wieviel sehr gute Fabeln ließen sich ihm nicht
+entgegensetzen, in welchen den Tieren weit mehr als flüchtige und
+dunkle Strahlen einer Vernunft beigelegt wird und man sie ihre
+Anschläge ziemlich von weitem her zu einem Endzwecke anwenden siehet.
+Z. E. der Adler und der Käfer [15]; der Adler, die Katze und das
+Schwein [16] etc.
+
+{Fussnote 15: Fab. Aesop. 2.}
+
+{Fussnote 16: Phaedrus libr. II. Fab. 4.}
+
+Unterdessen, dachte ich einsmals bei mir selbst, wenn man
+demohngeachtet eine aesopische Fabel von einer ungewöhnlichen Länge
+machen wollte, wie müßte man es anfangen, daß die itztberührten
+Unbequemlichkeiten dieser Länge wegfielen? Wie müßte unser Reinicke
+Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines aesopischen Heldengedichts
+zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste müßte nur ein
+einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zweite
+müßten die vielen und mannigfaltigen Teile dieses Ganzen, unter
+gewisse Hauptteile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen
+Hauptteilen auf einmal übersehen könnte; vors dritte müßte jeder
+dieser Hauptteile ein besonders Ganze, eine für sich bestehende Fabel,
+sein können, damit das große Ganze aus gleichartigen Teilen bestünde.
+Es müßte, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in
+seine einzelne Begriffe aufgelöset werden; jeder von diesen einzelnen
+Begriffen müßte in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden,
+und alle diese besondern Fabeln müßten zusammen nur eine einzige
+Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Reinicke Fuchs von diesen
+Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein
+Einfall auch wirklich ausführen läßt.--Und nun urteile man, wie diese
+Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten
+Buchs und heißt die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. Die
+Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammengenommen liegt, ist diese:
+"Man muß einen alten Bösewicht nicht auf das Äußerste bringen und ihm
+alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch sein mag,
+benehmen." Dieses Äußerste, diese Benehmung aller Mittel zerstückte
+ich, machte verschiedene mißlungene Versuche des Wolfs daraus, des
+gefährlichen Raubens künftig müßig gehen zu können, und bearbeitete
+jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigene und
+mit der Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat.--Was ich
+hier bis auf sieben und mit dem Rangstreite der Tiere auf vier Fabeln
+gebracht habe, wird ein andrer mit einer andern noch fruchtbarern
+Moral leicht auf mehrere bringen können. Ich begnüge mich, die
+Möglichkeit gezeigt zu haben.
+
+
+
+
+IV. Von dem Vortrage der Fabeln
+
+
+Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist
+Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster?
+
+Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben
+und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als
+ausgemacht, daß, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon
+durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe
+also hier die allerschönsten Fabeln in den verschiedenen griechischen
+Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu
+urteilen, war sein Vortrag von der äußersten Präzision; er hielt sich
+nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte
+mit jedem Worte näher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem
+Notwendigen und Unnützen. So charakterisiert ihn de La Motte, und
+richtig. Diese Präzision und Kürze, worin er ein so großes Muster war,
+fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, daß sie eine
+allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den
+ausdrücklichsten Worten darauf.
+
+Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen
+auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese
+Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das
+Silbenmaß und der poetischere Stil, in welchen uns auch das
+allersimpelste Silbenmaß wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider
+seinen Willen davon abgebracht zu haben.
+
+Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider
+ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine
+blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als daß er
+nicht hätte wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer
+vollkommenen Fabel erforderten. Er wußte es, daß die Kürze die Seele
+der Fabel sei; er gestand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sei,
+ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der
+liebenswürdigsten Aufrichtigkeit, "daß man die zierliche Präzision und
+die außerordentliche Kürze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle,
+in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären dieses Eigenschaften,
+die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert hätte; und
+bloß deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen können, habe
+er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il
+n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln
+aufgestützt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung
+für wesentlichere Schönheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu
+unvermögend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm
+dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber
+wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es
+glaubte, La Fontaine wolle ein bloßes Kompliment machen, und hielt die
+Schadloshaltung unendlich höher als das, wofür sie geleistet war.
+Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte
+allzuviel reizendes für Franzosen, bei welchen nichts über die
+Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das
+Unglück hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La
+Fontaine habe sich aus bloßer Albernheit (par betise) dem Phaedrus
+nachgesetzt; und de La Motte schrie über diesen Einfall: mot plaisant,
+mais solide!
+
+{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.}
+
+{Fussnote 2: Fontenelle.}
+
+Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein
+so großes Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er
+doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er
+setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen,
+habe ich um so viel eher wagen dürfen, da Quintilian lehret, man könne
+die Erzählungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine
+Ursache hiervon anzugeben; genug, daß es Quintilian sagt."--Ich habe
+wider diese Autorität zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian
+sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua
+potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muß die Stelle
+sein, worauf sich La Fontaine stützet. Aber ist diese Grazie, diese
+Venus, die er der Erzählung soviel als möglich, obgleich nach
+Maßgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit?
+Ich sollte meinen, daß gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen
+werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der
+Erzählung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser
+sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrückliche Regel der Alten, auf
+die Fabel. Er hätte diese Regel unter andern bei dem Theon finden
+können. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzählung in der
+Chrie--wie plan, wie kurz muß die Erzählung in einer Chrie sein!--und
+setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai
+prosjuh· kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzählung der
+Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepreßt, soviel als
+möglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit
+zufrieden sein.
+
+{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.}
+
+{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam
+exponimus. Idem, ibidem.}
+
+Dem La Fontaine vergebe ich den Mißbrauch dieser Autorität des
+Quintilians gar gern. Man weiß ja, wie die Franzosen überhaupt die
+Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der
+unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De
+La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les
+manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme
+s'ils eussent été ses modeles. La brieveté, dit-il, est l'ame de la
+Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que
+Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstümmelter anführen, als de
+La Motte hier den La Fontaine anführet! La Fontaine legt es einem
+ganz andern Kunstrichter in den Mund, daß die Kürze die Seele der
+Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er
+beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Munterkeit, die
+in den Erzählungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians,
+und würde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil
+man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet.
+
+{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.}
+
+Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeine Beifall, den La
+Fontaine mit seiner muntern Art zu erzählen erhielt, machte, daß man
+nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite
+betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten
+gehörte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem
+holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herüber.
+Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik
+davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen
+sie gleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muß
+man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in
+Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es
+die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er
+bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines
+Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu können glaubten als durch solche
+in lustigen Versen ausgedehnte und gewässerte Fabeln; die Lehrer der
+Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst ließen den Eingriff
+geschehen; diese hörten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur
+lebendigen Überzeugung anzupreisen; und jene fingen dafür an, sie als
+ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als möglich auszuputzen,
+uns lehren müßten.--So stehen wir noch!--
+
+Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihm jene ermhneia
+akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran
+er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von
+Zieraten lieset, deren die Erzählung der Fabel fähig sein soll? Er
+muß voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz
+das Wesen der Dinge verändert? Denn alle diese Zieraten streiten mit
+dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen.
+
+Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden
+soll, so muß ich die Fabel auf einmal übersehen können; und um sie auf
+einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich. Alle
+Zieraten aber sind dieser Kürze entgegen; denn ohne sie würde sie noch
+kürzer sein können: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie
+leere Verlängerungen sind, mit der Absicht der Fabel.
+
+Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kürze braucht die Fabel gern die
+allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen
+Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um
+Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte
+kosten würden. Nun höre man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen
+erstlich in Gemälden, Beschreibungen, Zeichnungen der Örter, der
+Personen, der Stellungen."--Das heißt: Man muß nicht schlechtweg z. E.
+ein Fuchs sagen, sondern man muß fein sagen:
+
+Un vieux Renard, mais des plus fins,
+Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins,
+Sentant son Renard d'un lieue etc.
+
+
+Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein
+individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet
+will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen,
+ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung
+von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist,
+daß es keine Beschreibung bedarf.
+
+Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen.
+Er wird es also sorgfältig vermeiden, die Teile derselben so
+einzurichten, daß sie uns Anlaß geben, irgendeine andere Wahrheit in
+ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen
+sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit
+ausdrücklichen Worten einfließen lassen, damit er unsere
+Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens
+schwäche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Sätze
+teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er,
+bestehet in den Gedanken; nämlich in solchen Gedanken, die
+hervorstechen und sich von den übrigen auf eine besondere Art
+unterscheiden."
+
+Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch
+wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit
+ausdrücklichen Worten, "daß dieses nur Zieraten solcher Erzählungen
+sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und für eine
+solche Erzählung hält er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie
+auch nicht dafür zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne?
+Warum glaube ich, daß dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig
+genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu können?
+Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie
+meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, daß sein Bogen mehr als
+glatt sei; er ließ Zieraten darauf schnitzen; und der Künstler
+verstand sehr wohl, was für Zieraten auf einen Bogen gehörten; er
+schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und
+er zerbricht. Aber war das die Schuld des Künstlers? Wer hieß den
+Mann, so wie zuvor, damit zu schießen? Er hätte den geschnitzten
+Bogen nunmehr fein in seiner Rüstkammer aufhängen und seine Augen
+daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schießen zu wollen!
+--Freilich würde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem
+Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen rühmlichen
+Platz darin vergönnte, freilich würde auch er nunmehr zu dem Aesopus,
+so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen
+einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns
+an, was so ein alter Grillenfänger, wie Plato, sagen würde?--
+
+{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.}
+
+Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich,
+daß man es auch einigermaßen gegen mich sein wird. Ich habe die
+erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider
+nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene
+Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in
+besondern Fällen übersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich
+meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu
+können. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so könnte
+sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man
+erzählt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten
+Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiß, was meinen Fabeln aufbehalten
+ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller möglichen Lustigkeit
+erzählet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang
+in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte
+ich voritzo mit meiner Prosa--
+
+Aber ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nicht einmal aussagen
+läßt. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden
+Erzählungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, mußte ich darum auf
+das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die
+Mittelstraße des Phaedrus und erzählte in der zierlichen Kürze des
+Römers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die
+lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hören bekommen.
+Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was
+man mir am leichtesten glauben wird: ich fühlte mich zu unfähig, jene
+zierliche Kürze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei
+sich fühlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der
+meinigen eine zu gute Meinung und glaube überhaupt, daß ein Genie
+seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form
+erteilen kann, welche er will. Für ein Genie sind die Sprachen alle
+von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich
+habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, daß ich auf
+keine Weise besorgen dürfen, das Silbenmaß und der Reim werde hier und
+da den Meister über mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die
+Kürze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der
+guten Fabel. Denn zweitens--Ich muß es nur gestehen; ich hin mit dem
+Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter
+nichts vorzuwerfen, als "daß er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln
+setze und daß er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die
+nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf
+betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger,
+und leider gegründet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen
+rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie läuft dahinaus,
+daß Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln
+auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet.
+Wieviel Beweise will man? Z. E.
+
+Fab. 4. Libri I
+ Canis per flumen, carnem dum ferret natans,
+ Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc.
+
+
+Es ist unmöglich; wenn der Hund durch den Fluß geschwommen ist, so hat
+er das Wasser um sich her notwendig so getrübt, daß er sein Bildnis
+unmöglich darin sehen können. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn
+kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heißen,
+als: er ging über den Fluß; auf einem niedrigen Steige muß man sich
+vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV
+arpasasa tiV kuwn par’ authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem
+Ufer des Flusses.
+
+Fab. 5. Lib. I
+ Vacca et capella, et patiens ovis injuriae,
+ Socii fuere cum leone in saltibus.
+
+
+Welch eine Gesellschaft! Wie war es möglich, daß sich diese viere zu
+einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese
+Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon öfters angemerkt; aber noch
+keiner hat zugleich anmerken wollen, daß sie von des Phaedrus eigener
+Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Löwen und
+dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, daß er
+ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist
+ferner die Teilung bei dem Phaedrus:
+
+Ego primam tollo, nominor quia leo;
+Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi;
+Tum quia plus valeo, me sequetur tertia;
+Male afficietur, si quis quartam tetigerit.
+
+
+Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Löwe macht
+sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil
+für den König oder für die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt.
+Und dieses Teil, sagt der Löwe, gehöret mir, basileuV gar eimi; das
+zweite Teil gehört mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der
+gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh
+eJelhV jugein.
+
+Fab. 11. Lib. I
+ Venari asello comite cum vellet leo,
+ Contexit illum frutice, et admonuit simul,
+ Ut insueta voce terreret feras etc.
+ - -
+ Quae dum paventes exitus notos petunt,
+ Leonis affliguntur horrendo impetu.
+
+
+Der Löwe verbirgt den Esel in das Gesträuche; der Esel schreiet; die
+Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten
+Ausgänge davonfliehen wollen, fallen sie dem Löwen in die Klauen. Wie
+ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum
+mußte es gleich den wählen, an welchem der Löwe lauerte? Oder konnte
+der Löwe überall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen
+Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Löwe und der Esel kommen da
+vor eine Höhle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Löwe schickt
+den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fürchterlichen Stimme
+die wilden Ziegen heraus, und so können sie dem Löwen, der ihrer an
+dem Eingange wartet, nicht entgehen.
+
+Fab. 9. Libr. IV
+ Peras imposuit Jupiter nobis duas,
+ Propriis repletam vitiis post tergum dedit,
+ Alienis ante pectus suspendit gravem.
+
+
+Jupiter hat uns diese zwei Säcke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld,
+daß wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige
+Tadler der Fehler unsers Nächsten sind? Wieviel fehlt dieser
+Ungereimtheit zu einer förmlichen Gotteslästerung? Die bessern
+Griechen lassen durchgängig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen
+schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV
+exhmmeJa tou trachlou usw.
+
+Genug für eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an
+einem andern Orte umständlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine
+eigene Ausgabe des Phaedrus.
+
+
+
+
+V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen
+
+
+Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er
+gehöret in die allgemeine praktische Philosophie: und würde ich mehr
+davon sagen können, als Wolf gesagt hat? Noch weniger will ich von
+dem geringem Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren
+Vorübungen von den Fabeln zogen, indem sie ihren Schülern aufgaben,
+bald eine Fabel durch alle casus obliquos zu verändern, bald sie zu
+erweitern, bald sie kürzer zusammenzuziehen etc. Diese Übung kann
+nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; und
+da jede kleine Geschichte ebenso geschickt dazu ist, so weiß ich nicht,
+warum man eben die Fabel dazu mißbrauchen muß, die sich als Fabel
+ganz gewiß nur auf eine einzige Art gut erzählen läßt.
+
+Den Nutzen, den ich itzt mehr berühren als umständlich erörtern will,
+würde man den heuristischen Nutzen der Fabeln nennen können.--Warum
+fehlt es in allen Wissenschaften und Künsten so sehr an Erfindern und
+selbstdenkenden Köpfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre
+Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott gibt
+uns die Seele, aber das Genie müssen wir durch die Erziehung bekommen.
+Ein Knabe, dessen gesamte Seelenkräfte man, soviel als möglich,
+beständig in einerlei Verhältnissen ausbildet und erweitert, den man
+angewöhnet, alles, was er täglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt,
+mit dem, was er gestern bereits wußte, in der Geschwindigkeit zu
+vergleichen und achtzuhaben, ob er durch diese Vergleichung nicht von
+selbst auf Dinge kömmt, die ihm noch nicht gesagt worden, den man
+beständig aus einer Scienz in die andere hinübersehen läßt, den man
+lehret, sich ebenso leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu
+erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder
+herabzulassen: der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts
+in der Welt werden.
+
+Unter den Übungen nun, die diesem allgemeinen Plane zufolge
+angestellet werden müßten, glaube ich, würde die Erfindung aesopischer
+Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schülers am aller
+angemessensten wären: nicht, daß ich damit suchte, alle Schüler zu
+Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, daß das Mittel,
+wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen
+Erfindern überhaupt das allergeläufigste sein muß. Dieses Mittel ist
+das Principium der Reduktion, und es ist am besten, den Philosophen
+selbst davon zu hören: Videmus adeo, quo artificio utantur fabularum
+inventores, principio nimirum reductionis: quod quemadmodum ad
+inveniendum in genere utilissimum, ita ad fabulas inveniendas absolute
+necessarium est. Quoniam in arte inveniendi principium reductionis
+amplissimum sibi locum vindicat, absque hoc principio autem nulla
+effingitur fabula; nemo in dubium revocare poterit, fabularum
+inventores inter inventores locum habere. Neque est quod inventores
+abjecte de fabularum inventoribus sentiant: quod si enim fabula nomen
+suum tueri, nec quicquam in eadem desiderari debet, haud exiguae saepe
+artis est eam invenire, ita ut in aliis veritatibus inveniendis
+excellentes hic vires suas deficere agnoscant, ubi in rem praesentem
+veniunt. Fabulae aniles nugae sunt, quae nihil veritatis continent,
+et earum autores in nugatorum non inventorum veritatis numero sunt.
+Absit autem ut hisce aequipares inventores fabularum vel fabellarum,
+cum quibus in praesente nobis negotium est, et quas vel inviti in
+Philosophiam practicam admittere tenemur, nisi praxi officere velimus.
+[1]
+
+{Fussnote 1: Philosophiae practicae universales pars posterior § 310.}
+
+Doch dieses Principium der Reduktion hat seine großen Schwierigkeiten.
+Es erfordert eine weitläuftige Kenntnis des Besondern und aller
+individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie
+ist diese von jungen Leuten zu verlangen? Man müßte dem Rate eines
+neuern Schriftstellers folgen, den ersten Anfang ihres Unterrichts mit
+der Geschichte der Natur zu machen und diese in der niedrigsten Klasse
+allen Vorlesungen zum Grunde zu legen[2]. Sie enthält, sagt er, den
+Samen aller übrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht
+ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Samen der
+Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet,
+nicht auf die bloßen Eigenschaften der Tiere, und anderer geringern
+Geschöpfe, sondern auf die aesopischen Fabeln, welche auf diese
+Eigenschaften gebauet werden, gesehen haben.
+
+{Fussnote 2: Briefe die neueste Litteratur betreffend. 1. Teil, S. 58.}
+
+Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schüler an dieser weitläuftigen
+Kenntnis nicht mehr fehlte, würde man ihn die Fabeln anfangs müssen
+mehr finden als erfinden lassen; und die allmählichen Stufen von
+diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch
+verschiedene Versuche meines zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein
+gewisser Kunstrichter sagt: "Man darf nur im Holz und im Feld,
+insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der
+wilden Tiere aufmerksam sein und, sooft etwas Sonderbares und
+Merkwürdiges zum Vorschein kömmt, sich selber in den Gedanken fragen,
+ob es nicht eine Ähnlichkeit mit einem gewissen Charakter der
+menschlichen Sitten habe und in diesem Falle in eine symbolische Fabel
+ausgebildet werden könne."[3] Die Mühe, mit seinem Schüler auf die Jagd
+zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln
+selbst eine Art von Jagd zu legen weiß, indem er die Geschichte
+derselben bald eher abbricht, bald weiter fortfährt, bald diesen oder
+jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darin
+erkennen läßt.
+
+{Fussnote 3: Critische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.}
+
+Z. E. die bekannte Fabel von dem Löwen und Esel fängt sich an: Lewn
+kai onoV, koinwnian Jemenoi, exhlJon epi Jhran--Hier bleibt der Lehrer
+stehen. Der Esel in Gesellschaft des Löwen? Wie stolz wird der Esel
+auf diese Gesellschaft gewesen sein! (Man sehe die achte Fabel meines
+zweiten Buchs.) Der Löwe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich
+denn der Löwe dieser Gesellschaft nicht zu schämen? (Man sehe die
+siebente.) Und so sind zwei Fabeln entstanden, indem man mit der
+Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu
+einem Ziele, aber zu einem andern Ziele führet, als Aesopus sich dabei
+gesteckt hatte.
+
+Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von
+der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Vögel
+geschmückt hatte, schließt sich: kai o koloioV hn palin koloioV.
+Vielleicht war sie nun auch etwas Schlechters, als sie vorher gewesen
+war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glänzenden
+Schwingfedern mit ausgerissen, weil man sie gleichfalls für fremde
+Federn gehalten? So geht es dem Plagiarius. Man ertappt ihn hier,
+man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, daß er auch das, was
+wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines
+zweiten Buchs.)
+
+Oder man verändert einzelne Umstände in der Fabel. Wie, wenn das
+Stücke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel
+schmeichelte, vergiftet gewesen wäre? (S. die funfzehnte) Wie, wenn
+der Mann die erfrorne Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus
+Begierde, ihre schöne Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen
+gesteckt hätte? Hätte sich der Mann auch alsdenn noch über den Undank
+der Schlange beklagen können? (S. die dritte Fabel.)
+
+Oder man nimmt auch den merkwürdigsten Umstand aus der Fabel heraus
+und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein
+in dem Schlunde steckengeblieben. In der kurzen Zeit, da er sich
+daran würgte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich
+der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute Tat anrechnen? (S.
+die vierte Fabel.) Herkules wird in den Himmel aufgenommen und
+unterläßt, dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl
+auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder
+würde es dem Herkules anständiger gewesen sein, ihr für ihre
+Verfolgungen zu danken? (S. die zweite Fabel.)
+
+Oder man sucht eine edlere Moral in die Fabel zu legen; denn es gibt
+unter den griechischen Fabeln verschiedene, die eine sehr
+nichtswürdige haben. Die Esel bitten den Jupiter, ihr Leben minder
+elend sein zu lassen. Jupiter antwortet: tote autouV apallaghsesJai
+thV kakopaJeiaV, otan ourounteV poihswsi potamon. Welch eine
+unanständige Antwort für eine Gottheit! Ich schmeichle mir, daß ich
+den Jupiter würdiger antworten lassen und überhaupt eine schönere
+Fabel daraus gemacht habe. (S. die zehnte Fabel.)
+
+--Ich breche ab! Denn ich kann mich unmöglich zwingen, einen
+Kommentar über meine eigene Versuche zu schreiben.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Abhandlungen über die Fabel, von
+Gotthold Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Abhandlungen ueber die Fabel, by
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL ***
+
+***** This file should be named 9950-8.txt or 9950-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/9/9/5/9950/
+
+Produced by Delphine Lettau
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/9950-8.zip b/9950-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..cb16fad
--- /dev/null
+++ b/9950-8.zip
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..e06857a
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #9950 (https://www.gutenberg.org/ebooks/9950)
diff --git a/old/7abhf10.txt b/old/7abhf10.txt
new file mode 100644
index 0000000..4132aa6
--- /dev/null
+++ b/old/7abhf10.txt
@@ -0,0 +1,2800 @@
+The Project Gutenberg EBook of Abhandlungen ueber die Fabel
+by Gotthold Ephraim Lessing
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Abhandlungen ueber die Fabel
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9950]
+[This file was first posted on November 3, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 7-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Abhandlungen ueber die Fabel
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+
+
+
+
+
+Inhalt:
+ I. Von dem Wesen der Fabel
+ II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
+III. Von der Einteilung der Fabeln
+ IV. Von dem Vortrage der Fabeln
+ V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen
+
+
+
+
+I. Von dem Wesen der Fabel
+
+
+Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heisst
+seine Fabel. So heisst die Erdichtung, welche er durch die Epopee,
+durch das Drama herrschen laesst, die Fabel seiner Epopee, die Fabel
+seines Drama.
+
+Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die
+sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine
+Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet.
+
+Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner
+Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine
+gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gruendet, deren ich in der
+Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, dass
+ich sie, auf gut Glueck, bei meinen Lesern voraussetzen duerfte.
+
+Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfaellen.
+Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfaelle meistens erdichtet
+oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloss an diese
+oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht.
+Diese begnuegten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die
+erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erlaeutert zu haben; wenn jener noch
+ueber dieses die Aehnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem
+gegenwaertigen wirklichen Vorfalle fasslich machen und zeigen musste, dass
+aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen
+Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiss ergeben
+werde.
+
+Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und
+(zusammengesetzte) Fabeln.
+
+(Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit
+derselben bloss irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.--"Man
+machte der Loewin den Vorwurf, dass sie nur ein Junges zur Welt braechte.
+Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Loewen."[1]--Die Wahrheit, welche
+in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all' aerth,
+leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich
+es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse.
+
+{Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.}
+
+(Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie
+uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder
+doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird.
+--"Ich mache, sprach ein hoehnischer Reimer zu dem Dichter, in einem
+Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht,
+nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!"--Man mache
+dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird
+(zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln,
+aus (zwei) einzeln Faellen, in welchen beiden ich die Wahrheit
+ebendesselben Lehrsatzes bestaetiget finde.
+
+Diese Einteilung aber--kaum brauche ich es zu erinnern--beruhet nicht
+auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloss
+auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel
+schon hat man es ersehen, dass ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald
+(zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von
+dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel.
+
+------ Hoc scriptum est tibi,
+Qui magna cum minaris, extricas nihil.
+
+
+Ein jeder, ohne Unterschied, der grosse und fuerchterliche Anstalten
+einer Nichtswuerdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen
+sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor,
+von allen moeglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm
+(Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten)
+Fabel, indem er einen gebaerenden schlechten Poeten zu dem besondern
+Gegenbilde des kreisenden Berges macht.
+
+Ihr Goetter rettet! Menschen flieht!
+Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen,
+Und wird itzt, eh man sich's versieht,
+Mit Sand und Schollen um sich schmeissen etc.
+--------------
+Suffenus schwitzt und laermt und schaeumt:
+Nichts kann den hohen Eifer zaehmen;
+Er stampft, er knirscht; warum? er reimt,
+Und will itzt den Homer beschaemen etc.
+--------------
+Allein gebt acht, was koemmt heraus?
+Hier ein Sonett, dort eine Maus.
+
+
+Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbuecher der Dichtkunst ein
+tiefes Stillschweigen beobachten, ohngeachtet ihres mannigfaltigen
+Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese
+Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg machen.
+Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fusstapfen vor mir,
+die ich zum Teil untersuchen muss, wenn ich ueberall sichere Tritte zu
+tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten
+Erklaerungen pruefen, welche meine Vorgaenger von der Fabel gegeben haben.
+
+
+
+De La Motte
+
+
+Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein grosses poetisches Genie als ein
+guter, aufgeklaerter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und ueberall
+ertraeglich zu bleiben hoffen durfte, erklaert die Fabel durch eine
+unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1].
+
+{Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisee sous l'allegorie
+d'une action. Discours sur la fable.}
+
+Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr
+festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater
+und liess ihn fragen, was er weiter tun solle? Der Koenig, als der Bote
+zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf,
+schlug den hoechsten Mahnstaengeln die Haeupter ab und sprach zu dem
+Boten: Geh, und erzaehle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der
+Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und liess die Vornehmsten
+der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier
+ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber
+ist hier eine Fabel? Kann man sagen, dass Tarquinius seine Meinung dem
+Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiss nicht!
+
+{Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.}
+
+Jener Vater, der seinen uneinigen Soehnen die Vorteile der Eintracht an
+einem Buendel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stueckweise
+zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3]
+
+{Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.}
+
+Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Soehnen erzaehlt haette,
+wie gluecklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Loewen von sich
+abhielten und wie bald sie des Loewen Raub wurden, als Zwietracht unter
+sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn haette
+doch der Vater seinen Soehnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die
+Sache ist klar.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.}
+
+Folglich ist es ebenso klar, dass die Fabel nicht bloss eine
+allegorische Handlung, sondern die Erzaehlung einer solchen Handlung
+sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklaerung des
+de La Motte zu erinnern habe.
+
+Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur
+wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte ueberhaupt aus einer
+guten Erklaerung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal
+an seiner Stelle stuende? Wenn es nicht wahr waere, dass die Handlung
+der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es hoechstens
+unter gewissen Umstaenden nur werden koennte?
+
+Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud
+verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die
+Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet,
+sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, dass
+dieses etwas andere auf etwas anderes Aehnliches einzuschraenken sei,
+weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein wuerde [6]. Die
+letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind
+ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein.
+
+{Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.}
+
+{Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei.
+Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis
+Ironia Allegoria esset.}
+
+Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen
+scheinet, sondern etwas Aehnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn
+sie allegorisch sein soll, muss das auch nicht sagen, was sie zu sagen
+scheinet, sondern nur etwas Aehnliches?
+
+Wir wollen sehen!--"Der Schwaechere wird gemeiniglich ein Raub des
+Maechtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine
+Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer staerker ist als das andere,
+die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Staerke,
+untereinander aufreiben koennen. Eine Reihe von Dingen! Wer wird
+lange und gern den oeden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses
+oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein
+deutliches Bild gewaehren? Ich will also auch hier anstatt dieser
+Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge
+annehmen. Ich koennte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten
+oder Koenigen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so
+bewandert, dass sie, sobald ich meine Staaten oder Koenige nur nennte,
+sich der Verhaeltnisse, in welchen sie gegeneinander an Groesse und Macht
+gestanden, erinnern koennten? Ich wuerde meinen Satz nur wenigen
+fasslicher gemacht haben, und ich moechte ihn gern allen so fasslich als
+moeglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht
+eine Reihe von Tieren waehlen duerfen, besonders wenn es allgemein
+bekannte Tiere waeren? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein
+Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir duerfen sie nur nennen hoeren, um
+sogleich zu wissen, welches das staerkere oder das schwaechere ist.
+Nunmehr heisst mein Satz: der Marder frisst den Auerhahn, der Fuchs den
+Marder, den Fuchs der Wolf. Er frisst? Er frisst vielleicht auch nicht.
+Das ist mir noch nicht gewiss genug. Ich sage also: er frass. Und
+siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden!
+
+Ein Marder frass den Auerhahn,
+Den Marder wuergt ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn. [7]
+
+{Fussnote 7: von Hagedorn: Fabeln und Erzehlungen, erstes Buch. S. 77.}
+
+Was kann ich nun sagen, dass in dieser Fabel fuer eine Allegorie liege?
+Der Auerhahn, der Schwaechste; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der
+Starke; der Wolf, der Staerkste. Was hat der Auerhahn mit dem
+Schwaechsten, der Marder mit dem Schwachen usw. hier Aehnliches?
+Aehnliches! Gleichet hier bloss der Fuchs dem Starken und der Wolf
+dem Staerksten, oder ist jener hier der Starke so wie dieser der
+Staerkste? Er ist es.--Kurz, es heisst die Worte auf eine kindische Art
+missbrauchen, wenn man sagt, dass das Besondere mit seinem Allgemeinen,
+das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschlechte eine
+Aehnlichkeit habe. Ist dieser Windhund einem Windhunde ueberhaupt, und
+ein Windhund ueberhaupt einem Hunde aehnlich? Eine laecherliche Frage!
+--Findet sich nun aber unter den bestimmten Subjekten der Fabel, und
+den allgemeinen Subjekten ihres Satzes keine Aehnlichkeit, so kann auch
+keine Allegorie unter ihnen statthaben. Und das naemliche laesst sich
+auf die naemliche Art von den beiderseitigen Praedikaten erweisen.
+
+Vielleicht aber meiner jemand, dass die Allegorie hier nicht auf der
+Aehnlichkeit zwischen den bestimmten Subjekten oder Praedikaten der
+Fabel und den allgemeinen Subjekten oder Praedikaten des Satzes,
+sondern auf der Aehnlichkeit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit
+itzt durch die Bilder der Fabel und itzt vermittelst der Worte des
+Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist soviel als nichts. Denn kaeme
+hier die Art der Erkenntnis in Betrachtung und wollte man bloss wegen
+der anschauenden Erkenntnis, die ich vermittelst der Handlung der
+Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch
+nennen: so wuerde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie sein, welches
+doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff
+verbindet.
+
+Ich befuerchte, dass ich von einer so klaren Sache viel zuviel Worte
+mache. Ich fasse daher alles zusammen und sage: die Fabel als eine
+einfache Fabel kann unmoeglich allegorisch sein.
+
+Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede
+einfache Fabel auch eine zusammengesetzte werden kann. Wie, wenn sie
+alsdenn allegorisch wuerde? Und so ist es. Denn in der
+zusammengesetzten Fabel wird ein Besonderes gegen das andre gehalten;
+zwischen zwei oder mehr Besondern, die unter ebendemselben Allgemeinen
+begriffen sind, ist die Aehnlichkeit unwidersprechlich, und die
+Allegorie kann folglich stattfinden. Nur muss man nicht sagen, dass die
+Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde.
+Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu
+der Fabel Gelegenheit gegeben hat, insofern sich aus beiden
+ebendieselbe Wahrheit ergibt.--Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich
+von dem Manne den Zaum anlegen liess und ihn auf seinen Ruecken nahm,
+damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte,
+behuelflich waere: diese Fabel sage ich, ist sofern nicht allegorisch,
+als ich mit dem Phaedrus [8] bloss die allgemeine Wahrheit daraus ziehe:
+
+{Fussnote 8: Lib. IV. fab. 3.}
+
+Impune potius laedi, quam dedi alteri.
+
+Bei der Gelegenheit nur, bei welcher sie ihr Erfinder Stesichorus
+erzaehlte, ward sie es. Er erzaehlte sie naemlich, als die Himerenser
+den Phalaris zum obersten Befehlshaber ihrer Kriegsvoelker gemacht
+hatten und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. "O ihr
+Himerenser, rief er, die ihr so fest entschlossen seid, euch an euren
+Feinden zu raechen; nehmet euch wohl in acht, oder es wird euch wie
+diesem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen,
+indem ihr den Phalaris zu eurem Heerfuehrer mit unumschraenkter Gewalt
+ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn
+aufsitzen lassen, so ist es vollends um eure Freiheit getan."
+[9]--Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, dass
+das Pferd hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die
+beleidigten Himerenser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern
+auf die Feinde der Himerenser; der Mann nicht auf jeden listigen
+Unterdruecker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht
+auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freiheit, sondern auf die
+Ernennung des Phalaris zum unumschraenkten Heerfuehrer; und das
+Aufsitzen endlich nicht auf jeden letzten toedlichen Stoss, welcher der
+Freiheit beigebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu
+bewilligende Leibwache gezogen und angewandt wird.
+
+{Fussnote 9: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}
+
+Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdenn
+allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie
+enthaelt, einen andern aehnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat,
+entgegenstelle, da sie es nicht an und fuer sich selbst ist, insofern
+sie eine allgemeine moralische Lehre enthaelt, so gehoeret das Wort
+Allegorie gar nicht in die Erklaerung derselben.--Dieses ist das zweite,
+was ich gegen die Erklaerung des de La Motte zu erinnern habe.
+
+Und man glaube ja nicht, dass ich es bloss als ein muessiges,
+ueberfluessiges Wort daraus verdraengen will. Es ist hier, wo es steht,
+ein hoechst schaedliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter
+Fabeln zu danken haben. Man begnuege sich nur, die Fabel, in Ansehung
+des allgemeinen Lehrsatzes, bloss allegorisch zu machen, und man kann
+sicher glauben, eine schlechte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine
+schlechte Fabel eine Fabel?--Ein Exempel wird die Sache in ihr
+voelliges Licht setzen. Ich waehle ein altes, um ohne Missgunst recht
+haben zu koennen. Die Fabel naemlich von dem Mann und dem Satyr. "Der
+Mann blaeset in seine kalte Hand, um seine Hand zu waermen, und blaeset
+in seinen heissen Brei, um seinen Brei zu kuehlen. Was? sagt der Satyr,
+du blaesest aus einem Munde warm und kalt? Geh, mit dir mag ich nichts
+zu tun haben!" [10]--Diese Fabel soll lehren, oti dei jeugein hmaV taV
+jiliaV, wn amjiboloV estin h diaJesiV; die Freundschaft aller
+Zweizuengler, aller Doppelleute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie
+das? Ich bin nicht der erste, der es leugnet und die Fabel fuer
+schlecht ausgibt.
+
+{Fussnote 10: Fab. Aesop. 126}
+
+Richer [11] sagt, sie suendige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre
+Moral sei weiter nichts als eine Anspielung und gruende sich auf eine
+blosse Zweideutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine
+Empfindung falsch ausgedrueckt. Der Fehler liegt nicht sowohl darin,
+dass die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darin, dass es
+weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt dass die Handlung des
+Mannes, die dem Satyr so anstoessig scheinet, unter dem allgemeinen
+Subjekte des Lehrsatzes wirklich begriffen sein sollte, ist sie ihm
+bloss aehnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs
+schuldig machen, und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre
+warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache ja und nein sagen,
+die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen
+Mann, der seinen Atem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht,
+der auf ganz etwas anders itzt seinen Atem warm haucht, und auf ganz
+etwas anders ihn itzt kalt blaeset.
+
+{Fussnote 11:--contre la justesse de l'allegorie.--Sa morale n' est
+qu'une allusion, et n'est fondee que sur un jeu de mots equivoque.
+Fables nouvelles, Preface, p. 10.}
+
+Endlich, was laesst sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das
+abgeschmackte Maerchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen
+moralischen Sinn sollte legen koennen!--"Die Mitknechte des Aesopus
+geluestet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie essen sie auf,
+und als es zur Nachfrage koemmt, soll es der gute Aesop getan haben.
+Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in grosser Menge laues Wasser, und
+seine Mitknechte muessen ein Gleiches tun. Das laue Wasser hat seine
+Wirkung, und die Naescher sind entdeckt."---- Was lehrt uns dieses
+Histoerchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als dass laues Wasser, in
+grosser Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte
+jener persische Dichter [12] einen weit edlern Gebrauch davon. "Wenn
+man euch", spricht er, "an jenem grossen Tage des Gerichts, von diesem
+warmen und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdenn wird alles
+an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt vor den Augen der
+Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung
+zu einem ehrwuerdigen Manne gemacht hatte, wird mit Schande und
+Verwirrung ueberhaeuft dastehen!"--Vortrefflich!
+
+{Fussnote 12: Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous
+donnera a boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du
+Jugement dernier, tout ce que vous avez cache avec tant de soin,
+paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de
+l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors
+couvert de honte er de confusion.}
+
+Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklaerung des de La Motte
+auszusetzen. Das Wort Lehre (instruction) ist zu unbestimmt und
+allgemein. Ist jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische
+Wahrheit anspielet oder in den ein tiefsinniger Baco wohl gar eine
+transzendentalische Lehre zu legen weiss, eine Fabel? Oder wenn der
+seltsame Holberg erzaehlet: "Die Mutter des Teufels uebergab ihm
+einsmals vier Ziegen, um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber
+diese machten ihm so viel zu tun, dass er sie mit aller seiner Kunst
+und Geschicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls
+sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurueckkunft: Liebe Mutter, hier
+sind Eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter
+bewachen als eine einzige Ziege!"--Hat Holberg eine Fabel erzaehlet?
+Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit
+ausdruecklichen Worten dazu: "Diese Fabel zeiget, dass keine Kreatur
+weniger in der Zucht zu halten ist als eine Ziege." [13]--Eine wichtige
+Wahrheit! Niemand hat die Fabel schaendlicher gemisshandelt als dieser
+Holberg!---Und es misshandelt sie jeder, der, eine andere als moralische
+Lehre darin vorzutragen, sich einfallen laesst.
+
+{Fussnote 13: Moralische Fabeln des Baron von Holbergs, S. 103.}
+
+
+
+Richer
+
+
+Richer ist ein andrer franzoesischer Fabulist, der ein wenig besser
+erzaehlet als de La Motte, in Ansehung der Erfindung aber weit unter
+ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken ueber diese
+Dichtungsart nicht vorenthalten wollen und erklaert die Fabel durch ein
+kleines Gedicht, das irgendeine unter einem allegorischen Bilde
+versteckte Regel enthalte [1].
+
+{Fussnote 1: La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte
+cache sous une image allegorique. Fables nouvelles, Preface, p. 9.}
+
+Richer hat die Erklaerung des de La Motte offenbar vor Augen gehabt.
+Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm
+sehr schlecht gelungen.
+
+Ein kleines Gedicht (Poeme)?--Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in
+die blosse Fiktion setzet: so bin ich es zufrieden, dass er die Fabel
+ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein
+gewisses Silbenmass als notwendige Eigenschaften eines Gedichtes
+betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht sein.--Ich werde mich
+weiter unten hierueber ausfuehrlicher erklaeren.
+
+Eine Regel (Precepte)?--Dieses Wort ist nichts bestimmter als das Wort
+Lehre des de La Motte. Alle Kuenste, alle Wissenschaften haben Regeln,
+haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral
+zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder
+Vorschrift hier sogar noch schlechter als Lehre; weil man unter Regel
+und Vorschrift eigentlich nur solche Saetze verstehet, die unmittelbar
+auf die Bestimmung unsers Tuns und Lassens gehen. Von dieser Art aber
+sind nicht alle moralische Lehrsaetze der Fabel. Ein grosser Teil
+derselben sind Erfahrungssaetze, die uns nicht sowohl von dem, was
+geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet,
+unterrichten. Ist die Sentenz:
+
+In principatu commutando civium
+Nil praeter domini nomen mutant pauperes
+
+
+eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat
+einer von den schoensten Fabeln des Phaedrus [2]. Es ist zwar wahr, aus
+jedem solchen Erfahrungssatze koennen leicht eigentliche Vorschriften
+und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt,
+das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was muesste das fuer eine
+Fabel sein, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf
+einmal anschauend erkennen sollte?
+
+{Fussnote 2: Libri I. Fab. 15.}
+
+Unter einem allegorischen Bilde?--Ueber das Allegorische habe ich mich
+bereits erklaeret. Aber Bild (Image)! Unmoeglich kann Richer dieses
+Wort mit Bedacht gewaehlt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen,
+um von de La Motte lieber auf Geratewohl abzugehen, als nach ihm recht
+zu haben?--Ein Bild heisst ueberhaupt jede sinnliche Vorstellung eines
+Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veraenderung. Es zeigt mir
+nicht mehrere oder gar alle moegliche Veraenderungen, deren das Ding
+faehig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und
+ebendemselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar also
+wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine
+Fabel. Der mitten im Wasser duerstende Tantalus ist ein Bild, und ein
+Bild, das mir die Moeglichkeit zeiget, man koenne auch bei dem groessten
+Ueberflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch
+folgendes kleine Gedicht:
+
+Cursu veloci pendens in novacula,
+Calvus, comosa fronte, nudo corpore,
+Quem si occuparis, teneas; elapsum semel
+Non ipse possit Jupiter reprehendere;
+Occasionem rerum significat brevem.
+Effectus impediret ne segnis mora,
+Finxere antiqui talem effigiem temporis.
+
+
+Wer wird diese Zeilen fuer eine Fabel erkennen, ob sie schon Phaedrus
+als eine solche unter seinen Fabeln mit unterlaufen laesst [3]? Ein
+jedes Gleichnis, ein jedes Emblema wuerde eine Fabel sein, wenn sie
+nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke
+uebereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das
+notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdruecken.
+
+{Fussnote 3: Lib. V. Fab. 8.}
+
+Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veraenderungen, die zusammen ein
+Ganzes ausmachen.
+
+Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Uebereinstimmung aller Teile
+zu einem Endzwecke.
+
+Der Endzweck der Fabel, das, wofuer die Fabel erfunden wird, ist der
+moralische Lehrsatz.
+
+Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was sie erzaehlt, eine
+Folge von Veraenderungen ist und jede dieser Veraenderungen etwas dazu
+beitraegt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz
+bestehet, anschauend erkennen zu lassen.
+
+Was die Fabel erzaehlt, muss eine Folge von Veraenderungen sein. Eine
+Veraenderung oder auch mehrere Veraenderungen, die nur nebeneinander
+bestehen und nicht aufeinander folgen, wollen zur Fabel nicht
+zureichen. Und ich kann es fuer eine untriegliche Probe ausgeben, dass
+eine Fabel schlecht ist, dass sie den Namen der Fabel gar nicht
+verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung sich ganz malen laesst. Sie
+enthaelt alsdenn ein blosses Bild, und der Maler hat keine Fabel,
+sondern ein Emblema gemalt.--"Ein Fischer, indem er sein Netz aus dem
+Meere zog, blieb der groessern Fische, die sich darin gefangen hatten,
+zwar habhaft, die kleinsten aber schlupften durch das Netz durch und
+gelangten gluecklich wieder ins Wasser."--Diese Erzaehlung befindet sich
+unter den aesopischen Fabeln [4], aber sie ist keine Fabel, wenigstens
+eine sehr mittelmaessige. Sie hat keine Handlung, sie enthaelt ein
+blosses einzelnes Faktum, das sich ganz malen laesst; und wenn ich dieses
+einzelne Faktum, dieses Zurueckbleiben der groessern und dieses
+Durchschlupfen der kleinen Fische, auch mit noch so viel andern
+Umstaenden erweiterte, so wuerde doch in ihm allein, und nicht in den
+andern Umstaenden zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 154}
+
+Doch nicht genug, dass das, was die Fabel erzaehlt, eine Folge von
+Veraenderungen ist, alle diese Veraenderungen muessen zusammen nur einen
+einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren
+mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten
+Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie
+eigentlich zur Handlung macht, und kann, richtig zu sprechen, keine
+Handlung, sondern muss eine Begebenheit heissen.--Ein Exempel:
+
+Lucernam fur accendit ex ara Jovis,
+Ipsumque compilavit ad lumen suum;
+Onustus qui sacrilegio cum discederet,
+Repente vocem sancta misit Religio:
+Malorum quamvis ista fuerint munera,
+Mihique invisa, ut non offendar subripi;
+Tamen, sceleste, spiritu culpam lues,
+Olim cum adscriptus venerit poenae dies.
+Sed ne ignis noster facinori praeluceat,
+Per quem verendos excolit pietas Deos,
+Veto esse tale luminis commercium.
+Ita hodie, nec lucernam de flamma Deum
+Nec de lucerna fas est accendi sacrum.
+
+
+Was hat man hier gelesen? Ein Histoerchen, aber keine Fabel. Ein
+Histoerchen traegt sich zu, eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel
+also muss sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden, da
+ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch
+anzugeben gehalten bin. Was waere nun der Grund, warum diese Fabel
+erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel waere? Recht billig zu
+urteilen, koennte es kein andrer als dieser sein: der Dichter habe
+einen wahrscheinlichen Anlass zu dem doppelten Verbote, weder von dem
+heiligen Feuer ein gemeines Licht noch von einem gemeinen Lichte das
+heilige Feuer anzuzuenden, erzaehlen wollen. Aber waere das eine
+moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch notwendig haben
+soll? Zur Not koennte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des
+allgemeinen Verbots dienen, dass das Heilige mit dem Unheiligen, das
+Gute mit dem Boesen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was
+tragen alsdenn die uebrigen Teile der Erzaehlung zu diesem Bilde bei?
+Zu diesem gar nichts, sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der
+einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat
+es selbst empfunden und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er
+allein daraus ziehen solle, nicht besser zu reissen gewusst, als wenn er
+deren so viele daraus zoege als sich nur immer ziehen liessen. Denn er
+schliesst:
+
+Quot res contineat hoc argumentum utiles,
+Non explicabit alius, quam qui repperit.
+Significat primo, saepe, quos ipse alueris,
+Tibi inveniri maxime contrarios.
+Secundo ostendit, scelera non ira Deum,
+Fatorum dicto sed puniri tempore.
+Novissime interdicit, ne cum malefico
+Usum bonus consociet ullius rei.
+
+
+Eine elende Fabel, wenn niemand anders als ihr Erfinder es erklaeren
+kann, wieviel nuetzliche Dinge sie enthalte! Wir haetten an einem genug!
+--Kaum sollte man es glauben, dass einer von den Alten, einer von
+diesen grossen Meistern in der Einfalt ihrer Plane, uns dieses
+Histoerchen fuer eine Fabel [5] verkaufen koennen.
+
+{Fussnote 5: Phaedrus libr. IV. Fab. 10}
+
+
+
+Breitinger
+
+
+Ich wuerde von diesem grossen Kunstrichter nur wenig gelernt haben, wenn
+er in meinen Gedanken noch ueberall recht haette.--Er gibt uns aber eine
+doppelte Erklaerung von der Fabel [1]. Die eine hat er von dem de La
+Motte entlehnet, und die andere ist ihm ganz eigen.
+
+{Fussnote 1: Der Critischen Dichtkunst ersten Bandes siebender
+Abschnitt, S. 194.}
+
+Nach jener versteht er unter der Fabel eine unter der wohlgeratenen
+Allegorie einer aehnlichen Handlung verkleidete Lehre und Unterweisung.
+--Der klare, uebersetzte de La Motte! Und der ein wenig gewaesserte:
+koennte man noch dazusetzen. Denn was sollen die Beiwoerter:
+wohlgeratene Allegorie, aehnliche Handlung? Sie sind hoechst
+ueberfluessig.
+
+Doch ich habe eine andere wichtigere Anmerkung auf ihn versparet.
+Richer sagt: die Lehre solle unter dem allegorischen Bilde versteckt
+(cache) sein. Versteckt! welch ein unschickliches Wort! In manchem
+Raetsel sind Wahrheiten, in den Pythagorischen Denkspruechen sind
+moralische Lehren versteckt, aber in keiner Fabel. Die Klarheit, die
+Lebhaftigkeit, mit welcher die Lehre aus allen Teilen einer guten
+Fabel auf einmal hervorstrahlet, haette durch ein ander Wort als durch
+das ganz widersprechende versteckt ausgedrueckt zu werden verdienet.
+Sein Vorgaenger de La Motte hatte sich um ein gut Teil feiner erklaert;
+er sagt doch nur verkleidet (deguise). Aber auch verkleidet ist noch
+viel zu unrichtig, weil auch verkleidet den Nebenbegriff einer
+muehsamen Erkennung mit sich fuehret. Und es muss gar keine Muehe kosten,
+die Lehre in der Fabel zu erkennen; es muesste vielmehr, wenn ich so
+reden darf, Muehe und Zwang kosten, sie darin nicht zu erkennen. Aufs
+hoechste wuerde sich dieses verkleidet nur in Ansehung der
+zusammengesetzten Fabel entschuldigen lassen. In Ansehung der
+einfachen ist es durchaus nicht zu dulden. Von zwei aehnlichen einzeln
+Faellen kann zwar einer durch den andern ausgedrueckt, einer in den
+andern verkleidet werden: aber wie man das Allgemeine in das Besondere
+verkleiden koenne, das begreife ich ganz und gar nicht. Wollte man mit
+aller Gewalt ein aehnliches Wort hier brauchen, so muesste es anstatt
+verkleiden wenigstens einkleiden heissen.
+
+Von einem deutschen Kunstrichter haette ich ueberhaupt dergleichen
+figuerliche Woerter in einer Erklaerung nicht erwartet. Ein Breitinger
+haette es den schoen vernuenftelnden Franzosen ueberlassen sollen, sich
+damit aus dem Handel zu wickeln; und ihm wuerde es sehr wohl
+angestanden haben, wenn er uns mit den trocknen Worten der Schule
+belehrt haette, dass die moralische Lehre in die Handlung weder
+versteckt noch verkleidet, sondern durch sie der anschauenden
+Erkenntnis faehig gemacht werde. Ihm wuerde es erlaubt gewesen sein,
+uns von der Natur dieser auch der rohesten Seele zukommenden
+Erkenntnis, von der mit ihr verknuepften schnellen Ueberzeugung, von
+ihrem daraus entspringenden maechtigen Einflusse auf den Willen das
+Noetige zu lehren. Eine Materie, die durch den ganzen spekulativischen
+Teil der Dichtkunst von dem groessten Nutzen ist und von unserm
+Weltweisen schon gnugsam erlaeutert war [2]!--Was Breitinger aber damals
+unterlassen, das ist mir, itzt nachzuholen, nicht mehr erlaubt. Die
+philosophische Sprache ist seitdem unter uns so bekannt geworden, dass
+ich mich der Woerter anschauen, anschauender Erkenntnis gleich von
+Anfange als solcher Woerter ohne Bedenken habe bedienen duerfen, mit
+welchen nur wenige nicht einerlei Begriff verbinden.
+
+{Fussnote 2: Ich kann meine Verwunderung nicht bergen, dass Herr
+Breitinger das, was Wolf schon damals von der Fabel gelehret hatte,
+auch nicht im geringsten gekannt zu haben scheinet. Wolfii
+Philosophiae practicae universalis pars posterior 302-323. Dieser
+Teil erschien 1739, und die Breitingersche Dichtkunst erst das Jahr
+darauf.}
+
+Ich kaeme zu der zweiten Erklaerung, die uns Breitinger von der Fabel
+gibt. Doch ich bedenke, dass ich diese bequemer an einem andern Orte
+werde untersuchen koennen.--Ich verlasse ihn also.
+
+
+
+Batteux
+
+
+Batteux erklaeret die Fabel kurzweg durch die Erzaehlung einer
+allegorischen Handlung [1]. Weil er es zum Wesen der Allegorie macht,
+dass sie eine Lehre oder Wahrheit verberge, so hat er ohne Zweifel
+geglaubt, des moralischen Satzes, der in der Fabel zum Grunde liegt,
+in ihrer Erklaerung gar nicht erwaehnen zu duerfen. Man siehet sogleich,
+was von meinen bisherigen Anmerkungen auch wider diese Erklaerung
+anzuwenden ist. Ich will mich daher nicht wiederholen, sondern bloss
+die fernere Erklaerung, welche Batteux von der Handlung gibt,
+untersuchen.
+
+{Fussnote 1: Principes de Litterature, Tome II. I. Partie p. V.
+L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.}
+
+"Eine Handlung, sagt Batteux, ist eine Unternehmung, die mit Wahl und
+Absicht geschiehet.--Die Handlung setzet, ausser dem Leben und der
+Wirksamkeit, auch Wahl und Endzweck voraus und koemmt nur vernuenftigen
+Wesen zu."
+
+Wenn diese Erklaerung ihre Richtigkeit hat, so moegen wir nur neun
+Zehnteile von allen existierenden Fabeln ausstreichen. Aesopus selbst
+wird alsdann deren kaum zwei oder drei gemacht haben, welche die Probe
+halten.--"Zwei Haehne kaempfen miteinander. Der Besiegte verkriecht
+sich. Der Sieger fliegt auf das Dach, schlaegt stolz mit den Fluegeln
+und kraehet. Ploetzlich schiesst ein Adler auf den Sieger herab und
+zerfleischt ihn." [2]--Ich habe das allezeit fuer eine sehr glueckliche
+Fabel gehalten, und doch fehlt ihr, nach dem Batteux, die Handlung.
+Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht
+geschaehe?--"Der Hirsch betrachtet sich in einer spiegelnden Quelle, er
+schaemt sich seiner duerren Laeufte und freuet sich seines stolzen
+Geweihes. Aber nicht lange! Hinter ihm ertoenet die Jagd, seine
+duerren Laeufte bringen ihn gluecklich ins Gehoelze, da verstrickt ihn
+sein stolzes Geweih, er wird erreicht." [3]--Auch hier sehe ich keine
+Unternehmung, keine Absicht. Die Jagd ist zwar eine Unternehmung, und
+der fliehende Hirsch hat die Absicht, sich zu retten, aber beide
+Umstaende gehoeren eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne
+Nachteil derselben, weglassen und veraendern kann. Und dennoch fehlt
+es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch
+befundenen Urteile des Hirsches. Der Hirsch urteilet falsch und
+lernet gleich darauf aus der Erfahrung, dass er falsch geurteilet habe.
+Hier ist also eine Folge von Veraenderungen, die einen einzigen
+anschauenden Begriff in mir erwecken.--Und das ist meine obige
+Erklaerung der Handlung, von der ich glaube, dass sie auf alle gute
+Fabeln passen wird.
+
+{Fussnote 2: Aesop. Fab. 145.}
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 181.}
+
+Gibt es aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern, und
+zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, dass sie
+nirgends Handlung sehen, als wo die Koerper so taetig sind, dass sie eine
+gewisse Veraenderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem
+Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Fuessen faellt, die
+Prinzessin ohnmaechtig wird, die Helden sich balgen, und in keiner
+Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreisset und der Frosch die
+Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie beifallen wollen, dass
+auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von
+verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei;
+vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fuehlen, als dass sie
+sich irgendeiner Taetigkeit dabei bewusst waeren.--Ernsthafter sie zu
+widerlegen wuerde eine unnuetze Muehe sein. Es ist aber nur schade, dass
+sie sich einigermassen mit dem Batteux schuetzen, wenigstens behaupten
+koennen, ihre Erklaerung mit ihm aus einerlei Fabeln abstrahieret zu
+haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklaerung des Batteux
+passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist.
+
+Batteux, wie ich wohl darauf wetten wollte, hat bei seiner Erklaerung
+nur die erste Fabel des Phaedrus vor Augen gehabt, die er, mehr als
+einmal, une des plus belles et des plus celebres de l'antiquite nennet.
+Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit
+Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu
+zerreissen, fauce improba incitatus; er will es aber nicht so plump zu,
+er will es mit einem Scheine des Rechts tun, und also jurgii causam
+intulit.--Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so
+vollkommen, als sie nur sein kann. Allein sie ist nicht deswegen
+vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und
+Absicht geschiehet, sondern weil sie ihrer Moral, die von einem
+solchen Unternehmen spricht, ein voelliges Genuege tut. Die Moral ist
+[4]: oiV proJesiV adikein, par' autoiV ou dikaiologia iscuei. Wer den
+Vorsatz hat, einen Unschuldigen zu unterdruecken, der wird es zwar met'
+eulogou aitiaV zu tun suchen; er wird einen scheinbaren Vorwand waehlen,
+aber sich im geringsten nicht von seinem einmal gefassten Entschlusse
+abbringen lassen, wenn sein Vorwand gleich voellig zuschanden gemacht
+wird. Diese Moral redet von einem Vorsatze (dessein); sie redet von
+gewissen, vor andern vorzueglich gewaehlten Mitteln, diesen Vorsatz zu
+vollfuehren (choix): und folglich muss auch in der Fabel etwas sein, was
+diesem Vorsatze, diesen gewaehlten Mitteln entspricht; es muss in der
+Fabel sich ein Unternehmen finden, das mit Wahl und Absicht geschiehet.
+Bloss dadurch wird sie zu einer vollkommenen Fabel, welches sie nicht
+sein wuerde, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte
+als, den Lehrsatz anschauend zu machen, noetig ist. Batteux bemerkt
+alle ihre kleinen Schoenheiten des Ausdrucks und stellet sie von dieser
+Seite in ein sehr vorteilhaftes Licht; nur ihre wesentliche
+Vortrefflichkeit laesst er uneroertert und verleitet seine Leser sogar,
+sie zu verkennen. Er sagt naemlich, die Moral, die aus dieser Fabel
+fliesse, sei: que le plus faible est souvent opprime par le plus fort.
+Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren
+sollte, so haette wahrlich der Dichter die fictae causae des Wolfs sehr
+vergebens, sehr fuer die Langeweile erfunden; seine Fabel sagte mehr,
+als er damit haette sagen wollen, und waere, mit einem Worte, schlecht.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 230.}
+
+Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es
+nur selbst, und man wird durchgaengig finden, dass es bloss von der
+Beschaffenheit des Lehrsatzes abhaengt, ob die Fabel eine solche
+Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodert, haben muss oder
+entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt erwaehnten Fabel des Phaedrus
+machte sie, wie wir gesehen, notwendig, aber tun es deswegen alle
+Lehrsaetze? Sind alle Lehrsaetze von dieser Art? Oder haben allein die,
+welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist
+z. E. der Erfahrungssatz
+
+Laudatis utiliora quae contemseris
+Saepe inveniri
+
+
+nicht wert, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer
+Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist,
+was fuer ein Unternehmen, was fuer eine Absicht, was fuer eine Wahl liegt
+darin, welche der Dichter auch in der Fabel auszudruecken gehalten waere?
+
+So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine
+Pflicht, etwas zu tun oder zu lassen, folget, so tut der Dichter
+besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den blossen Erfahrungssatz in
+seiner Fabel ausdrueckt.--"Gross sein ist nicht immer ein Glueck"--diesen
+Erfahrungssatz in eine schoene Fabel zu bringen moechte kaum moeglich
+sein. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der groessten Fische
+habhaft bleibet, indem die kleinern gluecklich durch das Netz
+durchschlupfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr
+misslungener Versuch. Aber wer heisst auch dem Dichter, die Wahrheit
+von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn gross sein
+nicht immer ein Glueck ist, so ist es oft ein Unglueck; und wehe dem,
+der wider seinen Willen gross ward, den das Glueck ohne sein Zutun erhob,
+um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die grossen
+Fische mussten gross werden; es stand nicht bei ihnen, klein zu bleiben.
+Ich danke dem Dichter fuer kein Bild, in welchem ebenso viele ihr
+Unglueck als ihr Glueck erkennen. Er soll niemanden mit seinen
+Umstaenden unzufrieden machen; und hier macht er doch, dass es die
+Grossen mit den ihrigen sein muessen. Nicht das Grosssein, sondern die
+eitele Begierde gross zu werden (kenodoxian), sollte er uns als eine
+Quelle des Ungluecks zeigen. Und das tat jener Alte [5], der die Fabel
+von den Maeusen und Wieseln erzaehlte. "Die Maeuse glaubten, dass sie nur
+deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so ungluecklich waeren, weil
+sie keine Heerfuehrer haetten, und beschlossen, dergleichen zu waehlen.
+Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige Maus, es zu werden! Und wie
+teuer kam ihr am Ende dieser Vorzug zu stehen! Die Eiteln banden sich
+Hoerner auf,
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. 5.}
+
+"---- ut conspicuum in praelio
+Haberent signum, quod sequerentur milites,
+
+
+"und diese Hoerner, als ihr Heer dennoch wieder geschlagen ward,
+hinderten sie, sich in ihre engen Loecher zu retten,
+
+"Haesere in portis, suntque capti ab hostibus
+Quos immolatos victor avidis dentibus
+Capacis alvi mersit tartareo specu."
+
+
+Diese Fabel ist ungleich schoener. Wodurch ist sie es aber anders
+geworden, als dadurch, dass der Dichter die Moral bestimmter und
+fruchtbarer angenommen hat? Er hat das Bestreben nach einer eiteln
+Groesse, und nicht die Groesse ueberhaupt, zu seinem Gegenstande gewaehlet;
+und nur durch dieses Bestreben, durch diese eitle Groesse, ist
+natuerlicherweise auch in seine Fabel das Leben gekommen, das uns so
+sehr in ihr gefaellt.
+
+Ueberhaupt hat Batteux die Handlung der aesopischen Fabel mit der
+Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. Die Handlung
+der beiden letztern muss ausser der Absicht, welche der Dichter damit
+verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die
+Handlung der erstern braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist
+vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet.
+Der heroische und dramatische Dichter machen die Erregung der
+Leidenschaften zu ihrem vornehmsten Endzwecke. Er kann sie aber nicht
+anders erregen als durch nachgeahmte Leidenschaften; und nachahmen
+kann er die Leidenschaften nicht anders, als wenn er ihnen gewisse
+Ziele setzet, welchen sie sich zu naehern oder von welchen sie sich zu
+entfernen streben. Er muss also in die Handlung selbst Absichten legen,
+und diese Absichten unter eine Hauptabsicht so zu bringen wissen, dass
+verschiedene Leidenschaften nebeneinander bestehen koennen. Der
+Fabuliste hingegen hat mit unsern Leidenschaften nichts zu tun,
+sondern allein mit unserer Erkenntnis. Er will uns von irgendeiner
+einzeln moralischen Wahrheit lebendig ueberzeugen. Das ist seine
+Absicht, und diese sucht er, nach Massgebung der Wahrheit, durch die
+sinnliche Vorstellung einer Handlung bald mit, bald ohne Absichten zu
+erhalten. Sobald er sie erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die
+von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder
+nicht. Er laesst seine Personen oft mitten auf dem Wege stehen und
+denket im geringsten nicht daran, unserer Neugierde ihretwegen ein
+Genuege zu tun. "Der Wolf beschuldiget den Fuchs eines Diebstahls.
+Der Fuchs leugnet die Tat. Der Affe soll Richter sein. Klaeger und
+Beklagter bringen ihre Gruende und Gegengruende vor. Endlich schreitet
+der Affe zum Urteil [6]:
+
+{Fussnote 6: Phaedrus libr. I. Fab. 10.}
+
+"Tu non videris perdidisse, quod petis;
+Te credo surripuisse, quod pulchre negas."
+
+
+Die Fabel ist aus; denn in dem Urteil des Affen lieget die Moral, die
+der Fabulist zum Augenmerke gehabt hat. Ist aber das Unternehmen aus,
+das uns der Anfang derselben verspricht? Man bringe diese Geschichte
+in Gedanken auf die komische Buehne, und man wird sogleich sehen, dass
+sie durch einen sinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt
+ist. Der Zuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraussiehet, dass die
+Streitigkeit hinter der Szene wieder von vorne angehen muss.--"Ein
+armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Last von dem Ruecken
+und rief den Tod. Der Tod erscheinet. Der Greis erschrickt und fuehlt
+betroffen, dass elend leben doch besser als gar nicht leben ist. Nun,
+was soll ich? fragt der Tod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder
+aufhelfen." [7]--Der Fabulist ist gluecklich und zu unserm Vergnuegen an
+seinem Ziele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise?
+Liess ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solche Fragen
+bekuemmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dichter aber muss
+ihnen vorbauen.
+
+{Fussnote 7: Fab. Aesop. 20.}
+
+Und so wird man hundert Beispiele finden, dass wir uns zu einer
+Handlung fuer die Fabel mit weit wenigerm begnuegen als zu einer
+Handlung fuer das Heldengedichte oder das Drama. Will man daher eine
+allgemeine Erklaerung von der Handlung geben, so kann man unmoeglich die
+Erklaerung des Batteux dafuer brauchen, sondern muss sie notwendig so
+weitlaeuftig machen, als ich es oben getan habe.--Aber der
+Sprachgebrauch? wird man einwerfen. Ich gestehe es; dem
+Sprachgebrauche nach heisst gemeiniglich das eine Handlung, was einem
+gewissen Vorsatze zufolge unternommen wird; dem Sprachgebrauche nach
+muss dieser Vorsatz ganz erreicht sein, wenn man soll sagen koennen, dass
+die Handlung zu Ende sei. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem der
+Sprachgebrauch so gar heilig ist, dass er ihn auf keine Weise zu
+verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, insofern es
+eine wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdruecken soll, ganz und gar.--
+
+Und, alles wohl ueberlegt, dem Rate werde ich selbst folgen. Ich will
+nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch eine
+Handlung ausgedrueckt, sondern ich will lieber ein Wort von einem
+weitern Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die
+Fabel auf einen einzeln Fall zurueckgefuehret. Dieser einzelne Fall
+wird allezeit das sein, was ich oben unter dem Worte Handlung
+verstanden habe; das aber, was Batteux darunter verstehet, wird er nur
+dann und wann sein. Er wird allezeit eine Folge von Veraenderungen
+sein, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu
+einem Ganzen werden. Sind sie es auch ausser dieser Absicht, desto
+besser! Eine Folge von Veraenderungen--dass es aber Veraenderungen
+freier, moralischer Wesen sein muessen, verstehet sich von selbst.
+Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das
+sich nur von moralischen Wesen sagen laesst, mit begriffen ist. Und
+darin hat Batteux freilich recht, dass das, was er die Handlung der
+Fabel nennet, bloss vernuenftigen Wesen zukomme. Nur koemmt es ihnen
+nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern
+weil es Freiheit voraussetzt. Denn die Freiheit handelt zwar allezeit
+aus Gruenden, aber nicht allezeit aus Absichten.----
+
+Sind es meine Leser nun bald muede, mich nichts als widerlegen zu
+hoeren? Ich wenigstens bin es. De La Motte, Richer, Breitinger,
+Batteux sind Kunstrichter von allerlei Art, mittelmaessige, gute,
+vortreffliche. Man ist in Gefahr, sich auf dem Wege zur Wahrheit zu
+verirren, wenn man sich um gar keine Vorgaenger bekuemmert; und man
+versaeumt sich ohne Not, wenn man sich um alle bekuemmern will.
+
+Wie weit bin ich? Hui, dass mir meine Leser alles, was ich mir so
+muehsam erstritten habe, von selbst geschenkt haetten!--In der Fabel
+wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer
+Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen
+einzeln Fall nicht versteckt oder verkleidet, sondern so
+zurueckgefuehret, dass ich nicht bloss einige Aehnlichkeiten mit dem
+moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend
+darin erkenne.
+
+Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschoepft?--Ich
+wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst
+glaubte.--Ich lese bei dem Aristoteles [1]: "Eine obrigkeitliche Person
+durch das Los ernennen ist eben, als wenn ein Schiffsherr, der einen
+Steuermann braucht, es auf das Los ankommen liesse, welcher von seinen
+Matrosen es sein sollte, anstatt dass er den allergeschicktesten dazu
+unter ihnen mit Fleiss aussuchte."--Hier sind zwei besondere Faelle, die
+unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehoeren. Der eine ist der
+sich eben itzt aeussernde, der andere ist der erdichtete. Ist dieser
+erdichtete eine Fabel? Niemand wird ihn dafuer gelten lassen.--Aber
+wenn es bei dem Aristoteles so hiesse: "Ihr wollt euren Magistrat durch
+das Los ernennen? Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem
+Schiffsherrn, der, als es ihm an einem Steuermanne fehlte etc." Das
+verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veraenderung ist damit
+vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als
+diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als wenn eingefuehrt, er
+ward bloss als moeglich betrachtet; und hier hat er die Wirklichkeit
+erhalten, es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr.
+
+{Fussnote 1: Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.}
+
+Das trifft den Punkt! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel
+bestehet, muss als wirklich vorgestellet werden. Begnuege ich mich an
+der Moeglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.--Es
+verlohnt sich der Muehe, diesen wichtigen Unterschied, aus welchem man
+allein so viel zweideutigen Fabeln das Urteil sprechen muss, an einigen
+Exempeln zu zeigen.--Unter den aesopischen Fabeln des Planudes lieset
+man auch folgendes: "Der Biber ist ein vierfuessiges Tier, das meistens
+im Wasser wohnet und dessen Geilen in der Medizin von grossem Nutzen
+sind. Wenn nun dieses Tier von den Menschen verfolgt wird und ihnen
+nicht mehr entkommen kann, was tut es? Es beisst sich selbst die
+Geilen ab und wirft sie seinen Verfolgern zu. Denn es weiss gar wohl,
+dass man ihm nur dieserwegen nachstellet und es sein Leben und seine
+Freiheit wohlfeiler nicht erkaufen kann." [2]--Ist das eine Fabel? Es
+liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darin. Und dennoch wird
+sich niemand bedenken, ihr den Namen einer Fabel abzusprechen. Nur
+ueber die Ursache, warum er ihr abzusprechen sei, werden sich
+vielleicht die meisten bedenken und uns doch endlich eine falsche
+angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: wuerde man vielleicht
+mit dem Verfasser der Critischen Briefe [3] sagen. Aber gleichwohl,
+wuerde ich mit ebendiesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber
+nicht aus blossem Instinkt, er handelt aus freier Wahl und nach reifer
+Ueberlegung, denn er weiss es, warum er verfolgt wird (ginwskwn ou carin
+diwketai). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm
+glauben soll, macht es ja eben, dass eine Begegnis aus dem Reiche der
+Tiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich
+sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet.
+Die Wirklichkeit koemmt nur dem Einzeln, dem Individuo zu, und es laesst
+sich keine Wirklichkeit ohne die Individualitaet gedenken. Was also
+hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, haette muessen
+nur von einem einzigen Biber gesagt werden, und alsdenn waere es eine
+Fabel geworden.--Ein ander Exempel: "Die Affen, sagt man, bringen zwei
+Junge zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit aller
+moeglichen Sorgfalt pflegen, das andere hingegen hassen und versaeumen.
+Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht es, dass die Mutter das
+Geliebte unter haeufigen Liebkosungen erdrueckt, indem das Verachtete
+gluecklich aufwaechset." [4] Auch dieses ist aus ebender Ursache, weil
+das, was nur von einem Individuo gesagt werden sollte, von einer
+ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher l'Estrange eine Fabel
+daraus machen wollte, musste er ihm diese Allgemeinheit nehmen und die
+Individualitaet dafuer erteilen [5]. "Eine Aeffin, erzaehlt er, hatte zwei
+Junge; in das eine war sie naerrisch verliebt, an dem andern aber war
+ihr sehr wenig gelegen. Einsmals ueberfiel sie ein ploetzlicher
+Schrecken. Geschwind rafft sie ihren Liebling auf, nimmt ihn in die
+Arme, eilt davon, stuerzt aber und schlaegt mit ihm gegen einen Stein,
+dass ihm das Gehirn aus dem zerschmetterten Schaedel springt. Das
+andere Junge, um das sie sich im geringsten nicht bekuemmert hatte, war
+ihr von selbst auf den Ruecken gesprungen, hatte sich an ihre Schultern
+angeklammert und kam gluecklich davon."--Hier ist alles bestimmt; und
+was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden.--Das schon
+mehr als einmal angefuehrte Beispiel von dem Fischer hat den naemlichen
+Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der
+Fall ereignet sich allezeit, sooft das Netz gezogen wird, dass die
+Fische, welche kleiner sind als die Gitter des Netzes, durchschlupfen
+und die groessern haengenbleiben. Fuer sich selbst ist dieser Fall also
+kein individueller Fall, sondern haette es durch andere mit ihm
+verbundene Nebenumstaende erst werden muessen.
+
+{Fussnote 2: Fabul. Aesop. 33.}
+
+{Fussnote 3: Critische Briefe. Zuerich 1746. S. 168.}
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 268.}
+
+{Fussnote 5: In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat,
+die 187.}
+
+Die Sache hat also ihre Richtigkeit: der besondere Fall, aus welchem
+die Fabel bestehet, muss als wirklich vorgestellt werden; er muss das
+sein, was wir in dem strengsten Verstande einen einzeln Fall nennen.
+Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum
+begnuegt sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die
+Fabel nennen kann, nicht mit der blossen Moeglichkeit, mit der sich die
+Exempel andrer Wissenschaften begnuegen?--Wieviel liesse sich hiervon
+plaudern, wenn ich bei meinen Lesern gar keine richtige psychologische
+Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die
+Lehre von der anschauenden Erkenntnis aus unserm Weltweisen
+abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beibringen als
+unumgaenglich noetig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen.
+
+Die anschauende Erkenntnis ist fuer sich selbst klar. Die symbolische
+entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden.
+
+Das Allgemeine existierst nur in dem Besondern und kann nur in dem
+Besondern anschauend erkannt werden.
+
+Einem allgemeinen symbolischen Schlusse folglich alle die Klarheit zu
+geben, deren er faehig ist, das ist, ihn soviel als moeglich zu
+erlaeutern, muessen wir ihn auf das Besondere reduzieren, um ihn in
+diesem anschauend zu erkennen.
+
+Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen,
+heisst ein Exempel.
+
+Die allgemeinen symbolischen Schluesse werden also durch Exempel
+erlaeutert. Alle Wissenschaften bestehen aus dergleichen symbolischen
+Schluessen; alle Wissenschaften beduerfen daher der Exempel.
+
+Doch die Sittenlehre muss mehr tun als ihre allgemeinen Schluesse bloss
+erlaeutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der
+anschauenden Erkenntnis.
+
+Weil wir durch diese einen Satz geschwinder uebersehen und so in einer
+kuerzern Zeit mehr Bewegungsgruende in ihm entdecken koennen, als wenn er
+symbolisch ausgedrueckt ist: so hat die anschauende Erkenntnis auch
+einen weit groessern Einfluss in den Willen als die symbolische.
+
+Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer
+Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit nach den Graden der
+naehern und mehrern Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird.
+Je naeher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darin unterscheiden
+laesst, desto groesser ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis.
+
+Die Moeglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was moeglich
+ist, ist auf verschiedene Art moeglich.
+
+Ein Besonderes also, bloss als moeglich betrachtet, ist gewissermassen
+noch etwas Allgemeines und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der
+anschauenden Erkenntnis.
+
+Folglich muss es als wirklich betrachtet werden und die Individualitaet
+erhalten, unter der es allein wirklich sein kann, wenn die anschauende
+Erkenntnis den hoechsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen und so
+maechtig als moeglich auf den Willen wirken soll.
+
+Das Mehrere aber, das die Sittenlehre, ausser der Erlaeuterung, ihren
+allgemeinen Schluessen schuldig ist, bestehet eben in dieser ihnen zu
+erteilenden Faehigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die
+anschauende Erkenntnis in dem Wirklichen erhalten, da andere
+Wissenschaften, denen es um die blosse Erlaeuterung zu tun ist, sich mit
+einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis, deren das
+Besondere, als bloss moeglich betrachtet, faehig ist, begnuegen.
+
+Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall,
+weil man in einem wirklichen Falle mehr Bewegungsgruende und
+deutlicher unterscheiden kann als in einem moeglichen, weil das
+Wirkliche eine lebhaftere Ueberzeugung mit sich fuehret als das bloss
+Moegliche.
+
+Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben;
+weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es
+nicht fehlen, er musste eine falsche Anwendung davon machen. Es wird
+nicht undienlich sein, seine ganze Lehre von dem Exempel (peri
+paradeigmatoV) hier zu uebersehen [6]. Erst von seiner Einteilung des
+Exempels: Paradeigmatwn d' eidh duo estin, sagt er, en men gar esti
+paradeigmatoV eidoV, to legein pragmata progegenhmena, en de, to auta
+poiein. Toutou d' en men parabolh: en de logoi: oion oi aiswpeioi kai
+libukoi. Die Einteilung ueberhaupt ist richtig; von einem Kommentator
+aber wuerde ich verlangen, dass er uns den Grund von der Unterabteilung
+der erdichteten Exempel beibraechte und uns lehrte, warum es deren nur
+zweierlei Arten gaebe und mehrere nicht geben koenne. Er wuerde diesen
+Grund, wie ich es oben getan habe, leicht aus den Beispielen selbst
+abstrahieren koennen, die Aristoteles davon gibt. Die Parabel naemlich
+fuehrt er durch ein wsper ei tiV ein; und die Fabeln erzaehlt er als
+etwas wirklich Geschehenes. Der Kommentator muesste also diese Stelle
+so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte
+genommen oder in Ermangelung derselben erdichtet. Bei jedem
+geschehenen Dinge laesst sich die innere Moeglichkeit von seiner
+Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein
+geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel
+haben soll, liegt also entweder in seiner blossen Moeglichkeit oder
+zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloss in jener liegen, so
+brauchen wir, in seiner Ermangelung, auch nur ein bloss moegliches Ding
+zu erdichten; soll sie aber in dieser liegen, so muessen wir auch
+unsere Erdichtung von der Moeglichkeit zur Wirklichkeit erheben. In
+dem ersten Falle erdichten wir eine Parabel und in dem andern eine
+Fabel.--(Was fuer eine weitere Einteilung der Fabel hieraus folge, wird
+sich in der dritten Abhandlung zeigen.)
+
+{Fussnote 6: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}
+
+Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu
+erinnern. Aber nunmehr koemmt er auf den Wert dieser verschiedenen
+Arten von Exempeln und sagt: Eisi d' oi logoi dhmhgorikoi: kai ecousin
+agaJon touto, oti pragmata men eurein omoia gegenhmena, calepon,
+logouV de raon. Poihsai gar dei wsper kai parabolaV, an tiV dunhtai
+to omoion oran, oper raon estin ek jilosojiaV. Raw men oun porisasJai
+ta dia twn logwn: crhsimwtera de proV to bouleusasJai, ta dia twn
+pragmatwn: omoia gar, wV epi to polu, ta mellonta toiV gegonosi. Ich
+will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten.
+Aristoteles sagt, die historischen Exempel haetten deswegen eine
+groessere Kraft zu ueberzeugen als die Fabeln, weil das Vergangene
+gemeiniglich dem Zukuenftigen aehnlich sei. Und hierin, glaube ich, hat
+sich Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich
+nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gruenden der
+Wahrscheinlichkeit ueberzeugt werden. Ich glaube bloss deswegen, dass
+ein Ding geschehen und dass es soundso geschehen ist, weil es hoechst
+wahrscheinlich ist und hoechst unwahrscheinlich sein wuerde, wenn es
+nicht oder wenn es anders geschehen waere. Da also einzig und allein
+die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines
+Falles glauben macht und diese innere Wahrscheinlichkeit sich
+ebensowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die
+Wirklichkeit des erstern fuer eine groessere Kraft auf meine Ueberzeugung
+haben als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr. Da das
+historische Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist, da Aristoteles
+selbst die Sentenz des Agatho billiget:
+
+Tac' an tiV eikoV auto tout' einai legoi:
+Brotoisi polla tugcanein ouk eikota,
+
+
+da er hier selbst sagt, dass das Vergangene nur gemeiniglich (epi to
+polu) dem Zukuenftigen aehnlich sei, der Dichter aber die freie Gewalt
+hat, hierin von der Natur abzugehen und alles, was er fuer wahr ausgibt,
+auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, waere es wohl
+klar, dass den Fabeln, ueberhaupt zu reden, in Ansehung der
+Ueberzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebuehre
+etc.
+
+Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam
+vorbereitete zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn
+wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall
+zurueckfuehren, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und
+eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz
+anschauend erkennt: so heisst diese Erdichtung eine Fabel.
+
+Das ist meine Erklaerung, und ich hoffe, dass man sie, bei der Anwendung,
+ebenso richtig als fruchtbar finden wird.
+
+
+
+
+II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
+
+
+Der groesste Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere
+Geschoepfe, zu handelnden Personen.--Was ist hiervon zu halten? Ist es
+eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, dass die Tiere darin zu
+moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem
+Dichter die Erreichung seiner Absicht verkuerzt und erleichtert? Ist
+es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man
+aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beibehaelt, weil er wenigstens
+schnackisch ist--quod risum movet? Oder was ist es?
+
+Batteux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen, oder er war
+listig genug, dass er ihnen damit zu entkommen glaubte, wenn er den
+Gebrauch der Tiere seiner Erklaerung sogleich mit anflickte. Die Fabel,
+sagt er, ist die Erzaehlung einer allegorischen Handlung, die
+gemeiniglich den Tieren beigelegt wird.--Vollkommen a la Francoise!
+Oder wie der Hahn ueber die Kohlen!--Warum, moechten wir gerne wissen,
+warum wird sie gemeiniglich den Tieren beigelegt? Oh, was ein
+langsamer Deutscher nicht alles fragt!
+
+Ueberhaupt ist unter allen Kunstrichtern Breitinger der einzige, der
+diesen Punkt beruehrt hat. Er verdient es also um so viel mehr, dass
+wir ihn hoeren. "Weil Aesopus, sagt er, die Fabel zum Unterrichte des
+gemeinen buergerlichen Lebens angewendet, so waren seine Lehren
+meistens ganz bekannte Saetze und Lebensregeln, und also musste er auch
+zu den allegorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen
+und Beispiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entlehnen: Da nun
+aber die taeglichen Geschaefte und Handlungen der Menschen nichts
+Ungemeines oder merkwuerdig Reizendes an sich haben, so musste man
+notwendig auf ein neues Mittel bedacht sein, auch der allegorischen
+Erzaehlung eine anzuegliche Kraft und ein reizendes Ansehen mitzuteilen,
+um ihr also dadurch einen sichern Eingang in das menschliche Herz
+aufzuschliessen. Nachdem man nun wahrgenommen, dass allein das Seltene,
+Neue und Wunderbare eine solche erweckende und angenehm entzueckende
+Kraft auf das menschliche Gemuet mit sich fuehret, so war man bedacht,
+die Erzaehlung durch die Neuheit und Seltsamkeit der Vorstellungen
+wunderbar zu machen und also dem Koerper der Fabel eine ungemeine und
+reizende Schoenheit beizulegen. Die Erzaehlung bestehet aus zween
+wesentlichen Hauptumstaenden, dem Umstande der Person, und der Sache
+oder Handlung; ohne diese kann keine Erzaehlung Platz haben. Also muss
+das Wunderbare, welches in der Erzaehlung herrschen soll, sich entweder
+auf die Handlung selbst oder auf die Personen, denen selbige
+zugeschrieben wird, beziehen. Das Wunderbare, das in den taeglichen
+Geschaeften und Handlungen der Menschen vorkoemmt, bestehet vornehmlich
+in dem Unvermuteten, sowohl in Absicht auf die Vermessenheit im
+Unterfangen als die Bosheit oder Torheit im Ausfuehren, zuweilen auch
+in einem ganz unerwarteten Ausgange einer Sache: Weil aber dergleichen
+wunderbare Handlungen in dem gemeinen Leben der Menschen etwas
+Ungewohntes und Seltenes sind, da hingegen die meisten gewoehnlichen
+Handlungen gar nichts Ungemeines oder Merkwuerdiges an sich haben, so
+sah man sich gemuessiget, damit die Erzaehlung als der Koerper der Fabel
+nicht veraechtlich wuerde, derselben durch die Veraenderung und
+Verwandlung der Personen einen angenehmen Schein des Wunderbaren
+mitzuteilen. Da nun die Menschen, bei aller ihrer Verschiedenheit,
+dennoch ueberhaupt betrachtet in einer wesentlichen Gleichheit und
+Verwandtschaft stehen, so besann man sich, Wesen von einer hoehern
+Natur, die man wirklich zu sein glaubte, als Goetter und Genios oder
+solche, die man durch die Freiheit der Dichter zu Wesen erschuf, als
+die Tugenden, die Kraefte der Seele, das Glueck, die Gelegenheit etc. in
+die Erzaehlung einzufuehren; vornehmlich aber nahm man sich die Freiheit
+heraus, die Tiere, die Pflanzen und noch geringere Wesen, naemlich die
+leblosen Geschoepfe, zu der hoehern Natur der vernuenftigen Wesen zu
+erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mitteilte,
+damit sie also faehig wuerden, uns ihren Zustand und ihre Begegnisse in
+einer uns vernehmlichen Sprache zu erklaeren und durch ihr Exempel von
+aehnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben etc."--
+
+Breitinger also behauptet, dass die Erreichung des Wunderbaren die
+Ursache sei, warum man in der Fabel die Tiere und andere niedrigere
+Geschoepfe reden und vernunftmaessig handeln lasse. Und eben weil er
+dieses fuer die Ursache haelt, glaubt er, dass die Fabel ueberhaupt, in
+ihrem Wesen und Ursprunge betrachtet, nichts anders als ein
+lehrreiches Wunderbare sei. Diese seine zweite Erklaerung ist es,
+welche ich hier, versprochnermassen, untersuchen muss.
+
+Es wird aber bei dieser Untersuchung vornehmlich darauf ankommen, ob
+die Einfuehrung der Tiere in der Fabel wirklich wunderbar ist. Ist sie
+es, so hat Breitinger viel gewonnen; ist sie es aber nicht, so liegt
+auch sein ganzes Fabelsystem, mit einmal, ueber dem Haufen.
+
+Wunderbar soll diese Einfuehrung sein? Das Wunderbare, sagt ebendieser
+Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit und Moeglichkeit ab. Diese
+anscheinende Unmoeglichkeit also gehoeret zu dem Wesen des Wunderbaren;
+und wie soll ich nunmehr jenen Gebrauch der Alten, den sie selbst
+schon zu einer Regel gemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten
+naemlich fingen ihre Fabeln am liebsten mit dem Fasi und dem darauf
+folgenden Klagefalle an. Die griechischen Rhetores nennen dieses kurz,
+die Fabel in dem Klagefalle (taiV aitiatikaiV) vortragen; und Theon,
+wenn er in seinen Voruebungen [1] hierauf koemmt, fuehret eine Stelle des
+Aristoteles an, wo der Philosoph diesen Gebrauch billiget und es zwar
+deswegen fuer ratsamer erklaeret, sich bei Einfuehrung einer Fabel lieber
+auf das Altertum zu berufen, als in der eigenen Person zu sprechen,
+damit man den Anschein, als erzaehle man etwas Unmoegliches, vermindere
+(ina paramuJhswntai to dokein adunata legein). War also das der Alten
+ihre Denkungsart, wollten sie den Schein der Unmoeglichkeit in der
+Fabel soviel als moeglich vermindert wissen: so mussten sie notwendig
+weit davon entfernt sein, in der Fabel etwas Wunderbares zu suchen
+oder zur Absicht zu haben; denn das Wunderbare muss sich auf diesen
+Schein der Unmoeglichkeit gruenden.
+
+{Fussnote 1: Nach der Ausgabe des Camerarius, S. 28.}
+
+Weiter! Das Wunderbare, sagt Breitinger an mehr als einem Orte, sei
+der hoechste Grad des Neuen. Diese Neuheit aber muss das Wunderbare,
+wenn es seine gehoerige Wirkung auf uns tun soll, nicht allein bloss in
+Ansehung seiner selbst, sondern auch in Ansehung unsrer Vorstellungen
+haben. Nur das ist wunderbar, was sich sehr selten in der Reihe der
+natuerlichen Dinge eraeugnet. Und nur das Wunderbare behaelt seinen
+Eindruck auf uns, dessen Vorstellung in der Reihe unsrer Vorstellungen
+ebenso selten vorkommt. Auf einen fleissigen Bibelleser wird das
+groesste Wunder, das in der Schrift aufgezeichnet ist, den Eindruck bei
+weitem nicht mehr machen, den es das erstemal auf ihn gemacht hat. Er
+lieset es endlich mit ebenso wenigem Erstaunen, dass die Sonne einmal
+stillegestanden, als er sie taeglich auf- und niedergehen sieht. Das
+Wunder bleibt immer dasselbe; aber nicht unsere Gemuetsverfassung, wenn
+wir es zu oft denken.--Folglich wuerde auch die Einfuehrung der Tiere
+uns hoechstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; faenden wir
+aber, dass die Tiere fast in allen Fabeln spraechen und urteilten, so
+wuerde diese Sonderbarkeit, so gross sie auch an und vor sich selbst
+waere, doch gar bald nichts Sonderbares mehr fuer uns haben.
+
+Aber wozu alle diese Umschweife? Was sich auf einmal umreissen laesst,
+braucht man das erst zu erschuettern?--Darum kurz: dass die Tiere, und
+andere niedrigere Geschoepfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der
+Fabel vorausgesetzt; es wird angenommen und soll nichts weniger als
+wunderbar sein.--Wenn ich in der Schrift lese [2]: "Da tat der Herr der
+Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam etc.", so lese ich etwas
+Wunderbares. Aber wenn ich bei dem Aesopus lese [3]: Fasin, ote
+jwnhneta hn ta zwa, thn oin proV ton despothn eipein: "Damals, als die
+Tiere noch redeten, soll das Schaf zu seinem Hirten gesagt haben", so
+ist es ja wohl offenbar, dass mir der Fabulist nichts Wunderbares
+erzaehlen will, sondern vielmehr etwas, das zu der Zeit, die er mit
+Erlaubnis seines Lesers annimmt, dem gemeinen Laufe der Natur
+vollkommen gemaess war.
+
+{Fussnote 2: 4. B. Mos. XXII. 28.}
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 316.}
+
+Und das ist so begreiflich, sollte ich meinen, dass ich mich schaemen
+muss, noch ein Wort hinzuzutun. Ich komme vielmehr sogleich auf die
+wahre Ursache--die ich wenigstens fuer die wahre halte--, warum der
+Fabulist die Tiere oft zu seiner Absicht bequemer findet als die
+Menschen.--Ich setze sie in die allgemein bekannte Bestandheit der
+Charaktere.--Gesetzt auch, es waere noch so leicht, in der Geschichte
+ein Exempel zu finden, in welchem sich diese oder jene moralische
+Wahrheit anschauend erkennen liesse. Wird sie sich deswegen von jedem,
+ohne Ausnahme, darin erkennen lassen? Auch von dem, der mit den
+Charakteren der dabei interessierten Personen nicht vertraut ist?
+Unmoeglich! Und wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so
+allgemein bekannt, dass man sie nur nennen duerfte, um sogleich bei
+einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und
+andern Eigenschaften zu erwecken? Die umstaendliche Charakterisierung
+daher zu vermeiden, bei welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob
+sie bei allen die naemlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen,
+sich lieber in die kleine Sphaere derjenigen Wesen einzuschraenken, von
+denen man es zuverlaessig weiss, dass auch bei den Unwissendsten ihren
+Benennungen diese und keine andere Idee entspricht. Und weil von
+diesen Wesen die wenigsten ihrer Natur nach geschickt waren, die
+Rollen freier Wesen ueber sich zu nehmen, so erweiterte man lieber die
+Schranken ihrer Natur und machte sie, unter gewissen wahrscheinlichen
+Voraussetzungen, dazu geschickt.
+
+Man hoert: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hoeren? Wer
+war dieser? Wer jener? In welchem Verhaeltnisse stehen sie
+gegeneinander?--Aber man hoert: der Wolf und das Lamm; sogleich weiss
+jeder, was er hoeret, und weiss, wie sich das eine zu dem andern verhaelt.
+Diese Woerter, welche stracks ihre gewissen Bilder in uns erwecken,
+befoerdern die anschauende Erkenntnis, die durch jene Namen, bei
+welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewiss nicht alle
+vollkommen ebendasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der
+Fabulist keine vernuenftigen Individua auftreiben kann, die sich durch
+ihre blosse Benennungen in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es
+ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren
+oder unter noch geringem Geschoepfen zu suchen. Man setze, in der
+Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero,
+anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles
+verloren, was sie zu einer Fabel fuer das ganze menschliche Geschlecht
+macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen
+und den Zwerg, und sie verlieret schon weniger; denn auch der Riese
+und der Zwerg sind Individua, deren Charakter, ohne weitere Hinzutuung,
+ziemlich aus der Benennung erhellet. Oder man verwandle sie lieber
+gar in folgende menschliche Fabel: "Ein Priester kam zu dem armen
+Manne des Propheten [4] und sagte: Bringe dein weisses Lamm vor den
+Altar, denn die Goetter fordern ein Opfer. Der Arme erwiderte: mein
+Nachbar hat eine zahlreiche Herde, und ich habe nur das einzige Lamm.
+Du hast aber den Goettern ein Geluebde getan, versetzte dieser, weil sie
+deine Felder gesegnet.--Ich habe kein Feld, war die Antwort.--Nun so
+war es damals, als sie deinen Sohn von seiner Krankheit genesen
+liessen--Oh, sagte der Arme, die Goetter haben ihn selbst zum Opfer
+hingenommen. Gottloser! zuernte der Priester, du laesterst! und riss das
+Lamm aus seinem Schosse etc."--Und wenn in dieser Verwandlung die Fabel
+noch weniger verloren hat, so koemmt es bloss daher, weil man mit dem
+Worte Priester den Charakter der Habsuechtigkeit, leider, noch weit
+geschwinder verbindet als den Charakter der Blutduerstigkeit mit dem
+Worte Riese und durch den armen Mann des Propheten die Idee der
+unterdrueckten Unschuld noch leichter erregt wird als durch den Zwerg.
+--Der beste Abdruck dieser Fabel, in welchem sie ohne Zweifel am
+allerwenigsten verloren hat, ist die Fabel von der Katze und dem Hahne
+[5]. Doch weil man auch hier sich das Verhaeltnis der Katze gegen den
+Hahn nicht so geschwind denkt als dort das Verhaeltnis des Wolfes zum
+Lamme, so sind diese noch immer die allerbequemsten Wesen, die der
+Fabulist zu seiner Absicht hat waehlen koennen.
+
+{Fussnote 4: 2. B. Samuelis XII.}
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 6.}
+
+Der Verfasser der oben angefuehrten Critischen Briefe ist mit
+Breitingern einerlei Meinung und sagt unter andern, in der erdichteten
+Person des Hermann Axels [6]: "Die Fabel bekommt durch diese sonderbare
+Personen ein wunderliches Ansehen. Es waere keine ungeschickte Fabel,
+wenn man dichtete: Ein Mensch sah auf einem hohen Baume die schoensten
+Birnen hangen, die seine Lust, davon zu essen, maechtig reizeten. Er
+bemuehte sich lange, auf denselben hinaufzuklimmen, aber es war umsonst,
+er musste es endlich aufgeben. Indem er wegging, sagte er: Es ist mir
+gesunder, dass ich sie noch laenger stehenlasse, sie sind doch noch
+nicht zeitig genug. Aber dieses Geschichtchen reizet nicht stark
+genug; es ist zu platt etc."--Ich gestehe es Hermann Axeln zu; das
+Geschichtchen ist sehr platt und verdienet nichts weniger als den
+Namen einer guten Fabel. Aber ist es bloss deswegen so platt geworden,
+weil kein Tier darin redet und handelt? Gewiss nicht; sondern es ist
+es dadurch geworden, weil er das Individuum, den Fuchs, mit dessen
+blossem Namen wir einen gewissen Charakter verbinden, aus welchem sich
+der Grund von der ihm zugeschriebenen Handlung angeben laesst, in ein
+anders Individuum verwandelt hat, dessen Name keine Idee eines
+bestimmten Charakters in uns erwecket. "Ein Mensch!" Das ist ein viel
+zu allgemeiner Begriff fuer die Fabel. An was fuer eine Art von
+Menschen soll ich dabei denken? Es gibt deren so viele! Aber "ein
+Fuchs!" Der Fabulist weiss nur von einem Fuchse, und sobald er mir das
+Wort nennt, fallen auch meine Gedanken sogleich nur auf einen
+Charakter. Anstatt des Menschen ueberhaupt haette Hermann Axel also
+wenigstens einen Gasconier setzen muessen. Und alsdenn wuerde er wohl
+gefunden haben, dass die Fabel, durch die blosse Weglassung des Tieres,
+so viel eben nicht verloere, besonders wenn er in dem naemlichen
+Verhaeltnisse auch die uebrigen Umstaende geaendert und den Gasconier nach
+etwas mehr als nach Birnen luestern gemacht haette.
+
+{Fussnote 6: S. 166.}
+
+Da also die allgemein bekannten und unveraenderlichen Charaktere der
+Tiere die eigentliche Ursache sind, warum sie der Fabulist zu
+moralischen Wesen erhebt, so koemmt mir es sehr sonderbar vor, wenn man
+es einem zum besondern Ruhme machen will, "dass der Schwan in seinen
+Fabeln nicht singe, noch der Pelikan sein Blut fuer seine Jungen
+vergiesse" [7].--Als ob man in den Fabelbuechern die Naturgeschichte
+studieren sollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt
+sind, so sind sie wert, gebraucht zu werden, der Naturalist mag sie
+bekraeftigen oder nicht. Und derjenige, der sie uns, es sei durch
+seine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Haenden spielen will, der
+nenne uns erst andere Individua, von denen es bekannt ist, dass ihnen
+die naemlichen Eigenschaften in der Tat zukommen.
+
+{Fussnote 7: Man sehe die kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.}
+
+Je tiefer wir auf der Leiter der Wesen herabsteigen, desto seltner
+kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist
+denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem
+Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche und am
+allerseltensten vielleicht unter den Werken der Kunst finden laesst.
+Denn dass es deswegen geschehen sollte, weil es stufenweise immer
+unwahrscheinlicher werde, dass diese geringern Werke der Natur und
+Kunst empfinden, denken und sprechen koennten, will mir nicht ein. Die
+Fabel von dem ehernen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar
+schlechter oder unwahrscheinlicher als die beste Fabel z. E. von
+einem Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so
+unendlich weit jene von ihm abstehen.
+
+Indem ich aber die Charaktere der Tiere zur eigentlichen Ursache ihres
+vorzueglichen Gebrauchs in der Fabel mache, will ich nicht sagen, dass
+die Tiere dem Fabulisten sonst zu weiter gar nichts nuetzten. Ich weiss
+es sehr wohl, dass sie unter andern in der zusammengesetzten Fabel das
+Vergnuegen der Vergleichung um ein grosses vermehren, welches alsdenn
+kaum merklich ist, wenn, sowohl der wahre als der erdichtete einzelne
+Fall, beide aus handelnden Personen von einerlei Art, aus Menschen,
+bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nur in der
+zusammengesetzten Fabel stattfindet, so kann er die Ursache nicht sein,
+warum die Tiere auch in der einfachen Fabel, und also in der Fabel
+ueberhaupt, dem Dichter sich gemeiniglich mehr empfehlen als die
+Menschen.
+
+Ja, ich will es wagen, den Tieren und andern geringern Geschoepfen in
+der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, auf welchen ich vielleicht
+durch Schluesse nie gekommen waere, wenn mich nicht mein Gefuehl darauf
+gebracht haette. Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis
+eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere
+Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muss der Fabulist die
+Erregung der Leidenschaften soviel als moeglich vermeiden. Wie kann er
+aber anders z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er
+die Gegenstaende desselben unvollkommener macht und anstatt der
+Menschen Tiere oder noch geringere Geschoepfe annimmt? Man erinnere
+sich noch einmal der Fabel von dem Wolfe und Lamme, wie sie oben in
+die Fabel von dem Priester und dem armen Manne des Propheten
+verwandelt worden. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses
+Mitleiden ist so schwach, dass es unserer anschauenden Erkenntnis des
+moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag tut. Hingegen wie ist es
+mit dem armen Manne? Koemmt es mir nur so vor, oder ist es wirklich
+wahr, dass wir mit diesem viel zuviel Mitleiden haben und gegen den
+Priester viel zuviel Unwillen empfinden, als dass die anschauende
+Erkenntnis des moralischen Satzes hier ebenso klar sein koennte, als
+sie dort ist?
+
+
+
+
+III. Von der Einteilung der Fabeln
+
+
+Die Fabeln sind verschiedener Einteilungen faehig. Von einer, die sich
+aus der verschiednen Anwendung derselben ergibt, habe ich gleich
+anfangs geredet. Die Fabeln naemlich werden entweder bloss auf einen
+allgemeinen moralischen Satz angewendet und heissen einfache Fabeln,
+oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der
+Fabel unter einem und ebendemselben moralischen Satze enthalten ist,
+und heissen zusammengesetzte Fabeln. Der Nutzen dieser Einteilung hat
+sich bereits an mehr als einer Stelle gezeiget.
+
+Eine andere Einteilung wuerde sich aus der verschiednen Beschaffenheit
+des moralischen Satzes herholen lassen. Es gibt naemlich moralische
+Saetze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegenteils als in
+einem einzeln Falle, der unmittelbar unter ihnen begriffen ist,
+anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischen Satz
+in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, wuerde man
+vielleicht indirekte Fabeln, so wie die andern direkte Fabeln nennen
+koennen.
+
+Doch von diesen Einteilungen ist hier nicht die Frage; noch viel
+weniger von jener unphilosophischen Einteilung nach den verschiedenen
+Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzueglichen Namen damit
+gemacht haben. Es hat den Kunstrichtern gefallen, ihre gewoehnliche
+Einteilung der Fabel von einer Verschiedenheit herzunehmen, die mehr
+in die Augen faellt; von der Verschiedenheit naemlich der darin
+handelnden Personen. Und diese Einteilung ist es, die ich hier naeher
+betrachten will.
+
+Aphthonius ist ohne Zweifel der aelteste Skribent, der ihrer erwaehnst.
+Tou de muJou, sagt er in seinen Voruebungen, to men esti logikon, to de
+hJikon, to de mikton. Kai logikon men en w ti poiwn anJrwpoV
+peplastai: mikton de to ex amjoterwn alogou kai logikou. Es gibt drei
+Gattungen von Fabeln, die vernuenftige, in welcher der Mensch die
+handelnde Person ist, die sittliche, in welcher unvernuenftige Wesen
+aufgefuehret werden, die vermischte, in welcher sowohl unvernuenftige
+als vernuenftige Wesen vorkommen.--Der Hauptfehler dieser Einteilung,
+welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, dass sie
+das nicht erschoepft, was sie erschoepfen sollte. Denn wo bleiben
+diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen
+bestehen? Aphthonius hat die vernuenftige Gattung ausdruecklich auf den
+einzigen Menschen eingeschraenkt. Doch wenn diesem Fehler auch
+abzuhelfen waere, was kann dem ohngeachtet roher und mehr von der
+obersten Flaeche abgeschoepft sein als diese Einteilung? Oeffnet sie
+uns nur auch die geringste freiere Einsicht in das Wesen der Fabel?
+
+Batteux wuerde daher ohne Zweifel ebenso wohl getan haben, wenn er von
+der Einteilung der Fabel gar geschwiegen haette, als dass er uns mit
+jener kahlen aphthonianischen abspeisen will. Aber was wird man
+vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, dass er sich hier auf einer
+kleinen Tuecke treffen laesst? Kurz zuvor sagt er unter andern von den
+Personen der Fabel: "Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm,
+die Eiche und das Schilf, sondern auch den eisernen und den irdenen
+Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der Herr Verstand und das
+Fraeulein Einbildungskraft und alles, was ihnen aehnlich siehet, sind
+von diesem Theater ausgeschlossen worden, weil es ohne Zweifel
+schwerer ist, diesen bloss geistigen Wesen einen charaktermaessigen
+Koerper zu geben, als Koerpern, die einige Analogie mit unsern Organen
+haben, Geist und Seele zu geben." [1]--Merkt man, wider wen dieses
+geht? Wider den de La Motte, der sich in seinen Fabeln der
+allegorischen Wesen sehr haeufig bedienet. Da dieses nun nicht nach
+dem Geschmacke unsers oft mehr eckeln als feinen Kunstrichters war, so
+konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einteilung der Fabel nicht
+anders als willkommen sein, indem es durch sie stillschweigend
+gleichsam zur Regel gemacht wird, dass die Gottheiten und allegorischen
+Wesen gar nicht in die aesopische Fabel gehoeren. Und diese Regel eben
+moechte Batteux gar zu gern festsetzen, ob er sich gleich nicht
+getrauet, mit ausdruecklichen Worten darauf zu dringen. Sein System
+von der Fabel kann auch nicht wohl ohne sie bestehen. "Die aesopische
+Fabel, sagt er, ist, eigentlich zu reden, das Schauspiel der Kinder;
+sie unterscheidet sich von den uebrigen nur durch die Geringfuegigkeit
+und Naivitaet ihrer spielenden Personen. Man sieht auf diesem Theater
+keinen Caesar, keinen Alexander: aber wohl die Fliege und die Ameise
+etc."--Freilich, diese Geringfuegigkeit der spielenden Personen
+vorausgesetzt, konnte Batteux mit den hoehern poetischen Wesen des de
+La Motte unmoeglich zufrieden sein. Er verwarf sie also, ob er schon
+einen guten Teil der besten Fabeln des Altertums zugleich mit
+verwerfen musste, und zog sich, um den kritischen Anfaellen deswegen
+weniger ausgesetzt zu sein, unter den Schutz der mangelhaften
+Einteilung des Aphthonius. Gleich als ob Aphthonius der Mann waere,
+der alle Gattungen von Fabeln, die in seiner Einteilung nicht Platz
+haben, eben dadurch verdammen koennte! Und diesen Missbrauch einer
+erschlichenen Autoritaet, nenne ich eben die kleine Tuecke, deren sich
+Batteux in Ansehung des de La Motte hier schuldig gemacht hat.
+
+{Fussnote 1: Nach der Ramlerschen Uebersetzung, S. 244.}
+
+Wolf [2] hat die Einteilung des Aphthonius gleichfalls beibehalten,
+aber einen weit edlern Gebrauch davon gemacht. Diese Einteilung in
+vernuenftige und sittliche Fabeln, meinet er, klinge zwar ein wenig
+sonderbar; denn man koennte sagen, dass eine jede Fabel sowohl eine
+vernuenftige als eine sittliche Fabel waere. Sittlich naemlich sei eine
+jede Fabel insofern als sie einer sittlichen Wahrheit zum Besten
+erfunden worden, und vernuenftig insofern, als diese sittliche Wahrheit
+der Vernunft gemaess ist. Doch da es einmal gewoehnlich sei, diesen
+Worten hier eine andere Bedeutung zu geben, so wolle er keine Neuerung
+machen. Aphthonius habe uebrigens bei seiner Einteilung die Absicht
+gehabt, die Verschiedenheit der Fabeln ganz zu erschoepfen, und mehr
+nach dieser Absicht als nach den Worten, deren er sich dabei bedient
+habe, muesse sie beurteilet werden. Absit enim, sagt er--und oh, wenn
+alle Liebhaber der Wahrheit so billig daechten!--, absit, ut negemus
+accurate cogitasse, qui non satis accurate loquuntur. Puerile est,
+erroris redarguere eum, qui ab errore immunem possedit animum,
+propterea quod parum apta succurrerint verba, quibus mentem suam
+exprimere poterat. Er behaelt daher die Benennungen der
+aphthonianischen Einteilung bei und weiss die Wahrheit, die er nicht
+darin gefunden, so scharfsinnig hineinzulegen, dass sie das vollkommene
+Ansehen einer richtigen philosophischen Einteilung bekoemmt. "Wenn wir
+Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den Subjekten
+solche Handlungen und Leidenschaften, ueberhaupt solche Praedikate bei
+als ihnen zukommen, oder wir legen ihnen solche bei, die ihnen nicht
+zukommen. In dem ersten Falle heissen es vernuenftige Fabeln, in dem
+andern sittliche Fabeln, und vermischte Fabeln heissen es, wenn sie
+etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernuenftigen Fabel
+haben."
+
+{Fussnote 2: Philosoph. practicae universales pars post. S 303.}
+
+Nach dieser Wolfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit
+der Fabel nicht mehr auf der blossen Verschiedenheit der Subjekte,
+sondern auf der Verschiedenheit der Praedikate, die von diesen
+Subjekten gesagt werden. Ihr zufolge kann eine Fabel Menschen zu
+handelnden Personen haben und dennoch keine vernuenftige Fabel sein, so
+wie sie eben nicht notwendig eine sittliche Fabel sein muss, weil Tiere
+in ihr aufgefuehret werden. Die oben angefuehrte Fabel von den zwei
+kaempfenden Haehnen wuerde nach den Worten des Aphthonius eine sittliche
+Fabel sein, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Tiere
+nachahmet; wie hingegen Wolf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt
+hat, ist sie eine vernuenftige Fabel, weil nicht das geringste von den
+Haehnen darin gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukaeme. So ist
+es mit mehrern: Z. E. der Vogelsteller und die Schlange [3], der Hund
+und der Koch [4], der Hund und der Gaertner [5], der Schaefer und der Wolf
+[6]: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einteilung unter die
+sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die
+vernuenftigen gehoeren.
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 32.}
+
+{Fussnote 4: Fabul. Aesop. 34.}
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 67.}
+
+{Fussnote 6: Fab. Aesop. 71.}
+
+Und nun? Werde ich es bei dieser Einteilung unsers Weltweisen koennen
+bewenden lassen? Ich weiss nicht. Wider ihre logikalische Richtigkeit
+habe ich nichts zu erinnern; sie erschoepft alles, was sie erschoepfen
+soll. Aber man kann ein guter Dialektiker sein, ohne ein Mann von
+Geschmack zu sein; und das letzte war Wolf, leider, wohl nicht. Wie,
+wenn es auch ihm hier so gegangen waere, als er es von dem Aphthonius
+vermutet, dass er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen
+gut ausgedrueckt haette, als es besonders die Kunstrichter wohl
+verlangen duerften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjekten
+Leidenschaften und Handlungen, ueberhaupt Praedikate, beigelegt werden,
+deren sie nicht faehig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses
+Nicht-Zukommen kann einen uebeln Verstand machen. Der Dichter, kann
+man daraus schliessen, ist also nicht gehalten, auf die Naturen der
+Geschoepfe zu sehen, die er in seinen Fabeln auffuehret? Er kann das
+Schaf verwegen, den Wolf sanftmuetig, den Esel feurig vorstellen; er
+kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen
+lassen. Alles dieses koemmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht
+eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beilegen.--Wie noetig ist es,
+dieser gefaehrlichen Auslegung, diesen mit einer Ueberschwemmung der
+abgeschmacktesten Maerchen drohenden Folgerungen vorzubauen!
+
+Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder
+zurueckzuwenden. Ich will den Weltweisen so wenig als moeglich aus dem
+Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn,
+zusammen.--Ich habe gesagt und glaube es erwiesen zu haben, dass auf
+der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche
+Unterschied der Parabel, oder des Exempels ueberhaupt, und der Fabel
+beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, dass sie
+sich eher von ihrer Moeglichkeit als von jener etwas abbrechen laesst.
+Es streitet minder mit ihrem Wesen, dass ihr einzelner Fall nicht
+schlechterdings moeglich ist, dass er nur nach gewissen Voraussetzungen,
+unter gewissen Bedingungen moeglich ist, als dass er nicht als wirklich
+vorgestellt werde. In Ansehung dieser Wirklichkeit folglich ist die
+Fabel keiner Verschiedenheit faehig, wohl aber in Ansehung ihrer
+Moeglichkeit, welche sie veraenderlich zu sein erlaubt. Nun ist, wie
+gesagt, diese Moeglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte
+Moeglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings
+moeglich, oder er ist es nur nach gewissen Voraussetzungen, unter
+gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall
+schlechterdings moeglich ist, will ich (um gleichfalls bei den alten
+Benennungen zu bleiben) vernuenftige Fabeln nennen; Fabeln hingegen, wo
+er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, moegen sittliche heissen.
+Die vernuenftigen Fabeln leiden keine fernere Unterabteilung, die
+sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen
+entweder die Subjekte der Fabel oder die Praedikate dieser Subjekte:
+der Fall der Fabel ist entweder moeglich, vorausgesetzt, dass diese und
+jene Wesen existieren, oder er ist es, vorausgesetzt, dass diese und
+jene wirklich existierende Wesen (nicht andere Eigenschaften als ihnen
+zukommen; denn sonst wuerden sie zu anderen Wesen werden, sondern) die
+ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem hoehern Grade, in
+einem weitern Umfange besitzen. Jene Fabeln, worin die Subjekte
+vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen, und diese,
+worin nur erhoehtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen
+werden, wuerde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische
+Fabeln nennen.--
+
+Ich will diese meine Einteilung noch durch einige Beispiele erlaeutern.
+Die Fabeln, der Blinde und der Lahme, die zwei kaempfenden Haehne, der
+Vogelsteller und die Schlange, der Hund und der Gaertner, sind lauter
+vernuenftige Fabeln, obschon bald lauter Tiere, bald Menschen und Tiere
+darin vorkommen; denn der darin enthaltene Fall ist schlechterdings
+moeglich, oder mit Wolfen zu reden, es wird den Subjekten nichts darin
+beigelegt, was ihnen nicht zukomme.--Die Fabeln, Apollo und Jupiter [1],
+Herkules und Plutus [2], die verschiedene Baeume in ihren besondern
+Schutz nehmenden Goetter [3], kurz, alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus
+allegorischen Personen, aus Geistern und Gespenstern, aus andern
+erdichteten Wesen, dem Phoenix z. E., bestehen, sind sittliche Fabeln,
+und zwar mythisch sittliche; denn es wird darin vorausgesetzt, dass
+alle diese Wesen existieren oder existieret haben, und der Fall, den
+sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung moeglich.--Der Wolf
+und das Lamm [4], der Fuchs und der Storch [5], die Natter und die Feile
+[6], die Baeume und der Dornstrauch [7], der Oelbaum und das Rohr [8] etc.
+sind gleichfalls sittliche, aber hyperphysisch sittliche Fabeln; denn
+die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhoehet, die Schranken ihrer
+Faehigkeiten werden erweitert. Eines muss ich hierbei erinnern! Man
+bilde sich nicht ein, dass diese Gattung von Fabeln sich bloss auf die
+Tiere und andere geringere Geschoepfe einschraenke: der Dichter kann
+auch die Natur des Menschen erhoehen und die Schranken seiner
+Faehigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten wuerde
+eine hyperphysisch sittliche Fabel sein; denn die Gabe zu prophezeien,
+kann dem Menschen bloss nach einer erhoehtern Natur zukommen. Oder wenn
+man die Erzaehlung von den himmelstuermenden Riesen als eine aesopische
+Fabel behandeln und sie dahin veraendern wollte, dass ihr unsinniger Bau
+von Bergen auf Bergen endlich von selbst zusammenstuerzte und sie unter
+den Ruinen begruebe: so wuerde keine andere als eine hyperphysisch
+sittliche Fabel daraus werden koennen.
+
+{Fussnote 1: Fab. Aesop. 187 [vgl. Lessings Fabel II 12].}
+
+{Fussnote 2: Phaedrus libr. IV. Fab. 11 [vgl. Lessings Fabel II 2].}
+
+{Fussnote 3: Phaedrus libr. III. Fab. 15.}
+
+{Fussnote 4: Phaedrus libr. 1. Fab. 1.}
+
+{Fussnote 5: Phaedrus libr. I. Fab. 25.}
+
+{Fussnote 6: Phaedr.s libr. IV. Fab. 7.}
+
+{Fussnote 7: Fab. Aesop. 313.}
+
+{Fussnote 8: Fabul. Aesop. 143.}
+
+Aus den zwei Hauptgattungen, der vernuenftigen und sittlichen Fabel,
+entstehet auch bei mir eine vermischte Gattung, wo naemlich der Fall
+zum Teil schlechterdings, zum Teil nur unter gewissen Voraussetzungen
+moeglich ist. Und zwar koennen dieser vermischten Fabeln dreierlei sein;
+die vernuenftig mythische Fabel, als Herkules und der Kaerrner 9), der
+arme Mann und der Tod [10], die vernuenftig hyperphysische Fabel, als
+der Holzschlaeger und der Fuchs [11], der Jaeger und der Loewe [12]; und
+endlich die hyperphysisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamel
+[13], Jupiter und die Schlange [14] etc.
+
+{Fussnote 9: Fabul. Aesop. 336.}
+
+{Fussnote 10: Fabul. Aesop. 20.}
+
+{Fussnote 11: Fabul. Aesop. 127.}
+
+{Fussnote 12: Fabul. Aesop. 280.}
+
+{Fussnote 13: Fabul. Aesop. 197.}
+
+{Fussnote 14: Fabul. Aesop. 189.}
+
+Und diese Einteilung erschoepft die Mannigfaltigkeit der Fabeln ganz
+gewiss, ja man wird, hoffe ich, keine anfuehren koennen, deren Stelle ihr
+zufolge zweifelhaft bleibe, welches bei allen andern Einteilungen
+geschehen muss, die sich bloss auf die Verschiedenheit der handelnden
+Personen beziehen. Die Breitingersche Einteilung ist davon nicht
+ausgeschlossen, ob er schon dabei die Grade des Wunderbaren zum Grunde
+gelegt hat. Denn da bei ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir
+gesehen haben, groesstenteils auf die Beschaffenheit der handelnden
+Personen ankommen, so klingen seine Worte nur gruendlicher, und er ist
+in der Tat in die Sache nichts tiefer eingedrungen. "Das Wunderbare
+der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade--Der niedrigste Grad
+des Wunderbaren findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in
+welchen ordentliche Menschen aufgefuehret werden--Weil in denselben das
+Wahrscheinliche ueber das Wunderbare weit die Oberhand hat, so koennen
+sie mit Fug wahrscheinliche oder in Absicht auf die Personen
+menschliche Fabeln benennet werden. Ein mehrerer Grad des Wunderbaren
+aeussert sich in derjenigen Klasse der Fabeln, in welchen ganz andere
+als menschliche Personen aufgefuehret werden.--Diese sind entweder von
+einer vortrefflichern und hoehern Natur als die menschliche ist, z. E.
+die heidnischen Gottheiten--oder sie sind in Ansehung ihres Ursprungs
+und ihrer natuerlichen Geschicklichkeit von einem geringern Rang als
+die Menschen, als z. E. die Tiere, Pflanzen etc.--Weil in diesen
+Fabeln das Wunderbare ueber das Wahrscheinliche nach verschiedenen
+Graden herrschet, werden sie deswegen nicht unfueglich wunderbare und
+in Absicht auf die Personen entweder goettliche oder tierische Fabeln
+genannt--" Und die Fabel von den zwei Toepfen, die Fabel von den Baeumen
+und dem Dornstrauche? Sollen die auch tierische Fabeln heissen? Oder
+sollen sie und ihresgleichen eigne Benennungen erhalten? Wie sehr
+wird diese Namenrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arten
+der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben,
+dass man, nach dieser Breitingerschen Einteilung, oft zweifelhaft sein
+kann, zu welcher Klasse man diese oder jene Fabel rechnen soll, so
+betrachte man die schon angefuehrte Fabel von dem Gaertner und seinem
+Hunde oder die noch bekanntere von dem Ackersmanne und der Schlange;
+aber nicht so, wie sie Phaedrus erzaehlet, sondern wie sie unter den
+griechischen Fabeln vorkommt. Beide haben einen so geringen Grad des
+Wunderbaren, dass man sie notwendig zu den wahrscheinlichen, das ist
+menschlichen Fabeln, rechnen muesste. In beiden aber kommen auch Tiere
+vor; und in Betrachtung dieser wuerden sie zu den vermischten Fabeln
+gehoeren, in welchen das Wunderbare weit mehr ueber das Wahrscheinliche
+herrscht als in jenen. Folglich wuerde man erst ausmachen muessen, ob
+die Schlange und der Hund hier als handelnde Personen der Fabel
+anzusehen waeren oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Klasse
+anweisen koennte.
+
+Ich will mich bei diesen Kleinigkeiten nicht laenger aufhalten, sondern
+mit einer Anmerkung schliessen, die sich ueberhaupt auf die
+hyperphysischen Fabeln beziehet und die ich, zur richtigern
+Beurteilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern
+anzubringen vergessen moechte.--Es ist bei dieser Gattung von Fabeln
+die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Tiere und andrer
+niedrigern Geschoepfe erhoehen und wie nahe er sie der menschlichen
+Natur bringen duerfe? Ich antworte kurz: so weit und so nahe er immer
+will. Nur mit der einzigen Bedingung, dass aus allem, was er sie
+denken, reden und handeln laesst, der Charakter hervorscheine, um dessen
+willen er sie seiner Absicht bequemer fand als alle andere Individua.
+Ist dieses, denken, reden und tun sie durchaus nichts, was ein ander
+Individuum von einem andern oder gar ohne Charakter ebensogut denken,
+reden und tun koennte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht
+befremden, wenn es auch noch soviel Witz, Scharfsinnigkeit und
+Vernunft voraussetzt. Und wie koennte es auch? Haben wir ihnen einmal
+Freiheit und Sprache zugestanden, so muessen wir ihnen zugleich alle
+Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus
+jenen Eigenschaften folgen koennen, auf welchen unser Vorzug vor ihnen
+einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, muessen
+wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt
+die Illusion, dass es wirkliche Tiere sind, ob wir sie gleich reden
+hoeren und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so
+scharfsinnige Schluesse machen. Es ist unbeschreiblich, wieviel
+Sophismata non causae ut causae die Kunstrichter in dieser Materie
+gemacht haben. Unter andern der Verfasser der Critischen Briefe, wenn
+er von seinem Hermann Axel sagt: "Daher schreibt er auch den
+unvernuenftigen Tieren, die er auffuehrt, niemals eine Reihe von
+Anschlaegen zu, die in einem System, in einer Verknuepfung stehen und zu
+einem Endzwecke von weitem her angeordnet sind. Denn dazu gehoeret
+eine Staerke der Vernunft, welche ueber den Instinkt ist. Ihr Instinkt
+gibt nur fluechtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die
+sich nicht lange emporhalten kann. Aus dieser Ursache werden diese
+Fabeln mit Tierpersonen ganz kurz und bestehen nur aus einem sehr
+einfachen Anschlage oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen
+menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der
+Fabulist muss zufrieden sein, wenn er nur einen Zug eines Charakters
+vorstellen kann. Es ist eine ausschweifende Idee des Pater Bossu, dass
+die aesopische Fabel sich in dieselbe Laenge wie die epische Fabel
+ausdehnen lasse. Denn das kann nicht geschehen, es sei denn, dass man
+die Tiere nichts von den Tieren behalten lasse, sondern sie in
+Menschen verwandle, welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo
+man die Tiere mit gewissem Vorsatz in Masken auffuehret und die
+Verrichtungen der Menschen nachaeffen laesst etc."--Wie sonderbar ist
+hier das aus dem Wesen der Tiere hergeleitet, was der Kunstrichter aus
+dem Wesen der anschauenden Erkenntnis, und aus der Einheit des
+moralischen Lehrsatzes in der Fabel haette herleiten sollen! Ich gebe
+es zu, dass der Einfall des Pater Bossu nichts taugt. Die aesopische
+Fabel, in die Laenge einer epischen Fabel ausgedehnet, hoeret auf, eine
+aesopische Fabel zu sein; aber nicht deswegen, weil man den Tieren,
+nachdem man ihnen Freiheit und Sprache erteilet hat, nicht auch eine
+Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopee
+erfordern wuerde, erteilen duerfte, nicht deswegen, weil die Tiere
+alsdenn zu viel Menschliches haben wuerden: sondern deswegen, weil
+die Einheit des moralischen Lehrsatzes verlorengehen wuerde,
+weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Teile so gewaltsam
+auseinandergedehnet und mit fremden Teilen vermischt worden, nicht
+laenger anschauend erkennen wuerde. Denn die anschauende Erkenntnis
+erfordert unumgaenglich, dass wir den einzeln Fall auf einmal uebersehen
+koennen; koennen wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder
+seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition
+des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn ich nicht sehr
+irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch
+williger aber dem Epopeendichter, erlassen hat, in ihre Werke eine
+einzige Hauptlehre zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine
+hineinlegen? Wir koennen sie doch nicht darin erkennen, weil ihre
+Werke viel zu weitlaeuftig sind, als dass wir sie auf einmal zu
+uebersehen vermoechten. In dem Skelette derselben muesste sie sich wohl
+endlich zeigen; aber das Skelett gehoeret fuer den kalten Kunstrichter,
+und wenn dieser einmal glaubt, dass eine solche Hauptlehre darin liegen
+muesse, so wird er sie gewiss herausgruebeln, wenn sie der Dichter auch
+gleich nicht hineingelegt hat. Dass uebrigens das eingeschraenkte Wesen
+der Tiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der aesopischen
+Fabel die wahre Ursach nicht sei, haette der kritische Briefsteller
+gleich daher abnehmen koennen, weil nicht bloss die tierische Fabel,
+sondern auch jede andere aesopische Fabel, wenn sie schon aus
+vernuenftigen Wesen bestehet, derselben unfaehig ist. Die Fabel von dem
+Lahmen und Blinden, oder von dem armen Mann und dem Tode, laesst sich
+ebensowenig zur Laenge des epischen Gedichts erstrecken als die Fabel
+von dem Lamme und dem Wolfe, oder von dem Fuchse und dem Raben. Kann
+es also an der Natur der Tiere liegen? Und wenn man mit Beispielen
+streiten wollte, wieviel sehr gute Fabeln liessen sich ihm nicht
+entgegensetzen, in welchen den Tieren weit mehr als fluechtige und
+dunkle Strahlen einer Vernunft beigelegt wird und man sie ihre
+Anschlaege ziemlich von weitem her zu einem Endzwecke anwenden siehet.
+Z. E. der Adler und der Kaefer [15]; der Adler, die Katze und das
+Schwein [16] etc.
+
+{Fussnote 15: Fab. Aesop. 2.}
+
+{Fussnote 16: Phaedrus libr. II. Fab. 4.}
+
+Unterdessen, dachte ich einsmals bei mir selbst, wenn man
+demohngeachtet eine aesopische Fabel von einer ungewoehnlichen Laenge
+machen wollte, wie muesste man es anfangen, dass die itztberuehrten
+Unbequemlichkeiten dieser Laenge wegfielen? Wie muesste unser Reinicke
+Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines aesopischen Heldengedichts
+zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste muesste nur ein
+einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zweite
+muessten die vielen und mannigfaltigen Teile dieses Ganzen, unter
+gewisse Hauptteile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen
+Hauptteilen auf einmal uebersehen koennte; vors dritte muesste jeder
+dieser Hauptteile ein besonders Ganze, eine fuer sich bestehende Fabel,
+sein koennen, damit das grosse Ganze aus gleichartigen Teilen bestuende.
+Es muesste, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in
+seine einzelne Begriffe aufgeloeset werden; jeder von diesen einzelnen
+Begriffen muesste in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden,
+und alle diese besondern Fabeln muessten zusammen nur eine einzige
+Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Reinicke Fuchs von diesen
+Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein
+Einfall auch wirklich ausfuehren laesst.--Und nun urteile man, wie diese
+Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten
+Buchs und heisst die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. Die
+Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammengenommen liegt, ist diese:
+"Man muss einen alten Boesewicht nicht auf das Aeusserste bringen und ihm
+alle Mittel zur Besserung, so spaet und erzwungen sie auch sein mag,
+benehmen." Dieses Aeusserste, diese Benehmung aller Mittel zerstueckte
+ich, machte verschiedene misslungene Versuche des Wolfs daraus, des
+gefaehrlichen Raubens kuenftig muessig gehen zu koennen, und bearbeitete
+jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigene und
+mit der Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat.--Was ich
+hier bis auf sieben und mit dem Rangstreite der Tiere auf vier Fabeln
+gebracht habe, wird ein andrer mit einer andern noch fruchtbarern
+Moral leicht auf mehrere bringen koennen. Ich begnuege mich, die
+Moeglichkeit gezeigt zu haben.
+
+
+
+
+IV. Von dem Vortrage der Fabeln
+
+
+Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist
+Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster?
+
+Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben
+und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als
+ausgemacht, dass, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon
+durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe
+also hier die allerschoensten Fabeln in den verschiedenen griechischen
+Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu
+urteilen, war sein Vortrag von der aeussersten Praezision; er hielt sich
+nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte
+mit jedem Worte naeher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem
+Notwendigen und Unnuetzen. So charakterisiert ihn de La Motte, und
+richtig. Diese Praezision und Kuerze, worin er ein so grosses Muster war,
+fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, dass sie eine
+allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den
+ausdruecklichsten Worten darauf.
+
+Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen
+auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese
+Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das
+Silbenmass und der poetischere Stil, in welchen uns auch das
+allersimpelste Silbenmass wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider
+seinen Willen davon abgebracht zu haben.
+
+Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider
+ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine
+blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als dass er
+nicht haette wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer
+vollkommenen Fabel erforderten. Er wusste es, dass die Kuerze die Seele
+der Fabel sei; er gestand es zu, dass es ihr vornehmster Schmuck sei,
+ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der
+liebenswuerdigsten Aufrichtigkeit, "dass man die zierliche Praezision und
+die ausserordentliche Kuerze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle,
+in seinen Fabeln nicht finden werde. Es waeren dieses Eigenschaften,
+die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert haette; und
+bloss deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen koennen, habe
+er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il
+n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln
+aufgestuetzt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung
+fuer wesentlichere Schoenheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu
+unvermoegend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm
+dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber
+wie wunderbar ward es von dem franzoesischen Publico aufgenommen! Es
+glaubte, La Fontaine wolle ein blosses Kompliment machen, und hielt die
+Schadloshaltung unendlich hoeher als das, wofuer sie geleistet war.
+Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte
+allzuviel reizendes fuer Franzosen, bei welchen nichts ueber die
+Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das
+Unglueck hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La
+Fontaine habe sich aus blosser Albernheit (par betise) dem Phaedrus
+nachgesetzt; und de La Motte schrie ueber diesen Einfall: mot plaisant,
+mais solide!
+
+{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.}
+
+{Fussnote 2: Fontenelle.}
+
+Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein
+so grosses Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er
+doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er
+setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen,
+habe ich um so viel eher wagen duerfen, da Quintilian lehret, man koenne
+die Erzaehlungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine
+Ursache hiervon anzugeben; genug, dass es Quintilian sagt."--Ich habe
+wider diese Autoritaet zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian
+sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua
+potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muss die Stelle
+sein, worauf sich La Fontaine stuetzet. Aber ist diese Grazie, diese
+Venus, die er der Erzaehlung soviel als moeglich, obgleich nach
+Massgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit?
+Ich sollte meinen, dass gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen
+werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der
+Erzaehlung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser
+sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrueckliche Regel der Alten, auf
+die Fabel. Er haette diese Regel unter andern bei dem Theon finden
+koennen. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzaehlung in der
+Chrie--wie plan, wie kurz muss die Erzaehlung in einer Chrie sein!--und
+setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai
+prosjuh- kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzaehlung der
+Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepresst, soviel als
+moeglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit
+zufrieden sein.
+
+{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.}
+
+{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam
+exponimus. Idem, ibidem.}
+
+Dem La Fontaine vergebe ich den Missbrauch dieser Autoritaet des
+Quintilians gar gern. Man weiss ja, wie die Franzosen ueberhaupt die
+Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der
+unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De
+La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les
+manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme
+s'ils eussent ete ses modeles. La brievete, dit-il, est l'ame de la
+Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que
+Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstuemmelter anfuehren, als de
+La Motte hier den La Fontaine anfuehret! La Fontaine legt es einem
+ganz andern Kunstrichter in den Mund, dass die Kuerze die Seele der
+Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er
+beruft sich nicht wegen der Kuerze, sondern wegen der Munterkeit, die
+in den Erzaehlungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians,
+und wuerde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil
+man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet.
+
+{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.}
+
+Ich komme auf die Sache selbst zurueck. Der allgemeine Beifall, den La
+Fontaine mit seiner muntern Art zu erzaehlen erhielt, machte, dass man
+nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite
+betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten
+gehoerte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem
+holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herueber.
+Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik
+davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen
+sie gleichfalls in Voruebungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muss
+man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in
+Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es
+die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er
+bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines
+Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu koennen glaubten als durch solche
+in lustigen Versen ausgedehnte und gewaesserte Fabeln; die Lehrer der
+Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst liessen den Eingriff
+geschehen; diese hoerten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur
+lebendigen Ueberzeugung anzupreisen; und jene fingen dafuer an, sie als
+ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als moeglich auszuputzen,
+uns lehren muessten.--So stehen wir noch!--
+
+Ein Mann, der aus der Schule der Alten koemmt, wo ihm jene ermhneia
+akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran
+er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von
+Zieraten lieset, deren die Erzaehlung der Fabel faehig sein soll? Er
+muss voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz
+das Wesen der Dinge veraendert? Denn alle diese Zieraten streiten mit
+dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen.
+
+Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewusst werden
+soll, so muss ich die Fabel auf einmal uebersehen koennen; und um sie auf
+einmal uebersehen zu koennen, muss sie so kurz sein als moeglich. Alle
+Zieraten aber sind dieser Kuerze entgegen; denn ohne sie wuerde sie noch
+kuerzer sein koennen: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie
+leere Verlaengerungen sind, mit der Absicht der Fabel.
+
+Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kuerze braucht die Fabel gern die
+allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen
+Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um
+Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte
+kosten wuerden. Nun hoere man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen
+erstlich in Gemaelden, Beschreibungen, Zeichnungen der Oerter, der
+Personen, der Stellungen."--Das heisst: Man muss nicht schlechtweg z. E.
+ein Fuchs sagen, sondern man muss fein sagen:
+
+Un vieux Renard, mais des plus fins,
+Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins,
+Sentant son Renard d'un lieue etc.
+
+
+Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein
+individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet
+will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen,
+ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung
+von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist,
+dass es keine Beschreibung bedarf.
+
+Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen.
+Er wird es also sorgfaeltig vermeiden, die Teile derselben so
+einzurichten, dass sie uns Anlass geben, irgendeine andere Wahrheit in
+ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen
+sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit
+ausdruecklichen Worten einfliessen lassen, damit er unsere
+Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens
+schwaeche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Saetze
+teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er,
+bestehet in den Gedanken; naemlich in solchen Gedanken, die
+hervorstechen und sich von den uebrigen auf eine besondere Art
+unterscheiden."
+
+Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch
+wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit
+ausdruecklichen Worten, "dass dieses nur Zieraten solcher Erzaehlungen
+sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und fuer eine
+solche Erzaehlung haelt er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie
+auch nicht dafuer zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne?
+Warum glaube ich, dass dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig
+genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu koennen?
+Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie
+meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, dass sein Bogen mehr als
+glatt sei; er liess Zieraten darauf schnitzen; und der Kuenstler
+verstand sehr wohl, was fuer Zieraten auf einen Bogen gehoerten; er
+schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und
+er zerbricht. Aber war das die Schuld des Kuenstlers? Wer hiess den
+Mann, so wie zuvor, damit zu schiessen? Er haette den geschnitzten
+Bogen nunmehr fein in seiner Ruestkammer aufhaengen und seine Augen
+daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schiessen zu wollen!
+--Freilich wuerde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem
+Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen ruehmlichen
+Platz darin vergoennte, freilich wuerde auch er nunmehr zu dem Aesopus,
+so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen
+einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns
+an, was so ein alter Grillenfaenger, wie Plato, sagen wuerde?--
+
+{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.}
+
+Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich,
+dass man es auch einigermassen gegen mich sein wird. Ich habe die
+erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider
+nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene
+Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in
+besondern Faellen uebersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich
+meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu
+koennen. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so koennte
+sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man
+erzaehlt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten
+Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiss, was meinen Fabeln aufbehalten
+ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller moeglichen Lustigkeit
+erzaehlet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang
+in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte
+ich voritzo mit meiner Prosa--
+
+Aber ich bilde mir ein, dass man mich meine Bitte nicht einmal aussagen
+laesst. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden
+Erzaehlungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, musste ich darum auf
+das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die
+Mittelstrasse des Phaedrus und erzaehlte in der zierlichen Kuerze des
+Roemers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die
+lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hoeren bekommen.
+Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was
+man mir am leichtesten glauben wird: ich fuehlte mich zu unfaehig, jene
+zierliche Kuerze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei
+sich fuehlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der
+meinigen eine zu gute Meinung und glaube ueberhaupt, dass ein Genie
+seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form
+erteilen kann, welche er will. Fuer ein Genie sind die Sprachen alle
+von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich
+habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, dass ich auf
+keine Weise besorgen duerfen, das Silbenmass und der Reim werde hier und
+da den Meister ueber mich spielen. Geschaehe das, so waere es ja um die
+Kuerze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der
+guten Fabel. Denn zweitens--Ich muss es nur gestehen; ich hin mit dem
+Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter
+nichts vorzuwerfen, als "dass er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln
+setze und dass er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die
+nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf
+betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger,
+und leider gegruendet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen
+rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie laeuft dahinaus,
+dass Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln
+auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet.
+Wieviel Beweise will man? Z. E.
+
+Fab. 4. Libri I
+ Canis per flumen, carnem dum ferret natans,
+ Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc.
+
+
+Es ist unmoeglich; wenn der Hund durch den Fluss geschwommen ist, so hat
+er das Wasser um sich her notwendig so getruebt, dass er sein Bildnis
+unmoeglich darin sehen koennen. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn
+kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heissen,
+als: er ging ueber den Fluss; auf einem niedrigen Steige muss man sich
+vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV
+arpasasa tiV kuwn par' authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem
+Ufer des Flusses.
+
+Fab. 5. Lib. I
+ Vacca et capella, et patiens ovis injuriae,
+ Socii fuere cum leone in saltibus.
+
+
+Welch eine Gesellschaft! Wie war es moeglich, dass sich diese viere zu
+einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese
+Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon oefters angemerkt; aber noch
+keiner hat zugleich anmerken wollen, dass sie von des Phaedrus eigener
+Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Loewen und
+dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, dass er
+ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist
+ferner die Teilung bei dem Phaedrus:
+
+Ego primam tollo, nominor quia leo;
+Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi;
+Tum quia plus valeo, me sequetur tertia;
+Male afficietur, si quis quartam tetigerit.
+
+
+Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Loewe macht
+sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil
+fuer den Koenig oder fuer die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt.
+Und dieses Teil, sagt der Loewe, gehoeret mir, basileuV gar eimi; das
+zweite Teil gehoert mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der
+gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh
+eJelhV jugein.
+
+Fab. 11. Lib. I
+ Venari asello comite cum vellet leo,
+ Contexit illum frutice, et admonuit simul,
+ Ut insueta voce terreret feras etc.
+ -- --
+ Quae dum paventes exitus notos petunt,
+ Leonis affliguntur horrendo impetu.
+
+
+Der Loewe verbirgt den Esel in das Gestraeuche; der Esel schreiet; die
+Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten
+Ausgaenge davonfliehen wollen, fallen sie dem Loewen in die Klauen. Wie
+ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum
+musste es gleich den waehlen, an welchem der Loewe lauerte? Oder konnte
+der Loewe ueberall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen
+Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Loewe und der Esel kommen da
+vor eine Hoehle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Loewe schickt
+den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fuerchterlichen Stimme
+die wilden Ziegen heraus, und so koennen sie dem Loewen, der ihrer an
+dem Eingange wartet, nicht entgehen.
+
+Fab. 9. Libr. IV
+ Peras imposuit Jupiter nobis duas,
+ Propriis repletam vitiis post tergum dedit,
+ Alienis ante pectus suspendit gravem.
+
+
+Jupiter hat uns diese zwei Saecke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld,
+dass wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige
+Tadler der Fehler unsers Naechsten sind? Wieviel fehlt dieser
+Ungereimtheit zu einer foermlichen Gotteslaesterung? Die bessern
+Griechen lassen durchgaengig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen
+schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV
+exhmmeJa tou trachlou usw.
+
+Genug fuer eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an
+einem andern Orte umstaendlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine
+eigene Ausgabe des Phaedrus.
+
+
+
+
+V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen
+
+
+Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er
+gehoeret in die allgemeine praktische Philosophie: und wuerde ich mehr
+davon sagen koennen, als Wolf gesagt hat? Noch weniger will ich von
+dem geringem Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren
+Voruebungen von den Fabeln zogen, indem sie ihren Schuelern aufgaben,
+bald eine Fabel durch alle casus obliquos zu veraendern, bald sie zu
+erweitern, bald sie kuerzer zusammenzuziehen etc. Diese Uebung kann
+nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; und
+da jede kleine Geschichte ebenso geschickt dazu ist, so weiss ich nicht,
+warum man eben die Fabel dazu missbrauchen muss, die sich als Fabel
+ganz gewiss nur auf eine einzige Art gut erzaehlen laesst.
+
+Den Nutzen, den ich itzt mehr beruehren als umstaendlich eroertern will,
+wuerde man den heuristischen Nutzen der Fabeln nennen koennen.--Warum
+fehlt es in allen Wissenschaften und Kuensten so sehr an Erfindern und
+selbstdenkenden Koepfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre
+Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott gibt
+uns die Seele, aber das Genie muessen wir durch die Erziehung bekommen.
+Ein Knabe, dessen gesamte Seelenkraefte man, soviel als moeglich,
+bestaendig in einerlei Verhaeltnissen ausbildet und erweitert, den man
+angewoehnet, alles, was er taeglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt,
+mit dem, was er gestern bereits wusste, in der Geschwindigkeit zu
+vergleichen und achtzuhaben, ob er durch diese Vergleichung nicht von
+selbst auf Dinge koemmt, die ihm noch nicht gesagt worden, den man
+bestaendig aus einer Scienz in die andere hinuebersehen laesst, den man
+lehret, sich ebenso leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu
+erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder
+herabzulassen: der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts
+in der Welt werden.
+
+Unter den Uebungen nun, die diesem allgemeinen Plane zufolge
+angestellet werden muessten, glaube ich, wuerde die Erfindung aesopischer
+Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schuelers am aller
+angemessensten waeren: nicht, dass ich damit suchte, alle Schueler zu
+Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, dass das Mittel,
+wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen
+Erfindern ueberhaupt das allergelaeufigste sein muss. Dieses Mittel ist
+das Principium der Reduktion, und es ist am besten, den Philosophen
+selbst davon zu hoeren: Videmus adeo, quo artificio utantur fabularum
+inventores, principio nimirum reductionis: quod quemadmodum ad
+inveniendum in genere utilissimum, ita ad fabulas inveniendas absolute
+necessarium est. Quoniam in arte inveniendi principium reductionis
+amplissimum sibi locum vindicat, absque hoc principio autem nulla
+effingitur fabula; nemo in dubium revocare poterit, fabularum
+inventores inter inventores locum habere. Neque est quod inventores
+abjecte de fabularum inventoribus sentiant: quod si enim fabula nomen
+suum tueri, nec quicquam in eadem desiderari debet, haud exiguae saepe
+artis est eam invenire, ita ut in aliis veritatibus inveniendis
+excellentes hic vires suas deficere agnoscant, ubi in rem praesentem
+veniunt. Fabulae aniles nugae sunt, quae nihil veritatis continent,
+et earum autores in nugatorum non inventorum veritatis numero sunt.
+Absit autem ut hisce aequipares inventores fabularum vel fabellarum,
+cum quibus in praesente nobis negotium est, et quas vel inviti in
+Philosophiam practicam admittere tenemur, nisi praxi officere velimus.
+[1]
+
+{Fussnote 1: Philosophiae practicae universales pars posterior 310.}
+
+Doch dieses Principium der Reduktion hat seine grossen Schwierigkeiten.
+Es erfordert eine weitlaeuftige Kenntnis des Besondern und aller
+individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie
+ist diese von jungen Leuten zu verlangen? Man muesste dem Rate eines
+neuern Schriftstellers folgen, den ersten Anfang ihres Unterrichts mit
+der Geschichte der Natur zu machen und diese in der niedrigsten Klasse
+allen Vorlesungen zum Grunde zu legen[2]. Sie enthaelt, sagt er, den
+Samen aller uebrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht
+ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Samen der
+Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet,
+nicht auf die blossen Eigenschaften der Tiere, und anderer geringern
+Geschoepfe, sondern auf die aesopischen Fabeln, welche auf diese
+Eigenschaften gebauet werden, gesehen haben.
+
+{Fussnote 2: Briefe die neueste Litteratur betreffend. 1. Teil, S. 58.}
+
+Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schueler an dieser weitlaeuftigen
+Kenntnis nicht mehr fehlte, wuerde man ihn die Fabeln anfangs muessen
+mehr finden als erfinden lassen; und die allmaehlichen Stufen von
+diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch
+verschiedene Versuche meines zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein
+gewisser Kunstrichter sagt: "Man darf nur im Holz und im Feld,
+insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der
+wilden Tiere aufmerksam sein und, sooft etwas Sonderbares und
+Merkwuerdiges zum Vorschein koemmt, sich selber in den Gedanken fragen,
+ob es nicht eine Aehnlichkeit mit einem gewissen Charakter der
+menschlichen Sitten habe und in diesem Falle in eine symbolische Fabel
+ausgebildet werden koenne."[3] Die Muehe, mit seinem Schueler auf die Jagd
+zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln
+selbst eine Art von Jagd zu legen weiss, indem er die Geschichte
+derselben bald eher abbricht, bald weiter fortfaehrt, bald diesen oder
+jenen Umstand derselben so veraendert, dass sich eine andere Moral darin
+erkennen laesst.
+
+{Fussnote 3: Critische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.}
+
+Z. E. die bekannte Fabel von dem Loewen und Esel faengt sich an: Lewn
+kai onoV, koinwnian Jemenoi, exhlJon epi Jhran--Hier bleibt der Lehrer
+stehen. Der Esel in Gesellschaft des Loewen? Wie stolz wird der Esel
+auf diese Gesellschaft gewesen sein! (Man sehe die achte Fabel meines
+zweiten Buchs.) Der Loewe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich
+denn der Loewe dieser Gesellschaft nicht zu schaemen? (Man sehe die
+siebente.) Und so sind zwei Fabeln entstanden, indem man mit der
+Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu
+einem Ziele, aber zu einem andern Ziele fuehret, als Aesopus sich dabei
+gesteckt hatte.
+
+Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von
+der Kraehe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Voegel
+geschmueckt hatte, schliesst sich: kai o koloioV hn palin koloioV.
+Vielleicht war sie nun auch etwas Schlechters, als sie vorher gewesen
+war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glaenzenden
+Schwingfedern mit ausgerissen, weil man sie gleichfalls fuer fremde
+Federn gehalten? So geht es dem Plagiarius. Man ertappt ihn hier,
+man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, dass er auch das, was
+wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines
+zweiten Buchs.)
+
+Oder man veraendert einzelne Umstaende in der Fabel. Wie, wenn das
+Stuecke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel
+schmeichelte, vergiftet gewesen waere? (S. die funfzehnte) Wie, wenn
+der Mann die erfrorne Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus
+Begierde, ihre schoene Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen
+gesteckt haette? Haette sich der Mann auch alsdenn noch ueber den Undank
+der Schlange beklagen koennen? (S. die dritte Fabel.)
+
+Oder man nimmt auch den merkwuerdigsten Umstand aus der Fabel heraus
+und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein
+in dem Schlunde steckengeblieben. In der kurzen Zeit, da er sich
+daran wuergte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich
+der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute Tat anrechnen? (S.
+die vierte Fabel.) Herkules wird in den Himmel aufgenommen und
+unterlaesst, dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl
+auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder
+wuerde es dem Herkules anstaendiger gewesen sein, ihr fuer ihre
+Verfolgungen zu danken? (S. die zweite Fabel.)
+
+Oder man sucht eine edlere Moral in die Fabel zu legen; denn es gibt
+unter den griechischen Fabeln verschiedene, die eine sehr
+nichtswuerdige haben. Die Esel bitten den Jupiter, ihr Leben minder
+elend sein zu lassen. Jupiter antwortet: tote autouV apallaghsesJai
+thV kakopaJeiaV, otan ourounteV poihswsi potamon. Welch eine
+unanstaendige Antwort fuer eine Gottheit! Ich schmeichle mir, dass ich
+den Jupiter wuerdiger antworten lassen und ueberhaupt eine schoenere
+Fabel daraus gemacht habe. (S. die zehnte Fabel.)
+
+---Ich breche ab! Denn ich kann mich unmoeglich zwingen, einen
+Kommentar ueber meine eigene Versuche zu schreiben.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Abhandlungen ueber die Fabel, von
+Gotthold Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL ***
+
+This file should be named 7abhf10.txt or 7abhf10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7abhf11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7abhf10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/7abhf10.zip b/old/7abhf10.zip
new file mode 100644
index 0000000..e6664ac
--- /dev/null
+++ b/old/7abhf10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8abhf10.txt b/old/8abhf10.txt
new file mode 100644
index 0000000..f31ee16
--- /dev/null
+++ b/old/8abhf10.txt
@@ -0,0 +1,2800 @@
+The Project Gutenberg EBook of Abhandlungen ueber die Fabel
+by Gotthold Ephraim Lessing
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Abhandlungen ueber die Fabel
+
+Author: Gotthold Ephraim Lessing
+
+Release Date: February, 2006 [EBook #9950]
+[This file was first posted on November 3, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Abhandlungen über die Fabel
+
+Gotthold Ephraim Lessing
+
+
+
+
+
+
+Inhalt:
+ I. Von dem Wesen der Fabel
+ II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
+III. Von der Einteilung der Fabeln
+ IV. Von dem Vortrage der Fabeln
+ V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen
+
+
+
+
+I. Von dem Wesen der Fabel
+
+
+Jede Erdichtung, womit der Poet eine gewisse Absicht verbindet, heißt
+seine Fabel. So heißt die Erdichtung, welche er durch die Epopee,
+durch das Drama herrschen läßt, die Fabel seiner Epopee, die Fabel
+seines Drama.
+
+Von diesen Fabeln ist hier die Rede nicht. Mein Gegenstand ist die
+sogenannte (aesopische) Fabel. Auch diese ist eine Erdichtung, eine
+Erdichtung, die auf einen gewissen Zweck abzielet.
+
+Man erlaube mir, gleich anfangs einen Sprung in die Mitte meiner
+Materie zu tun, um eine Anmerkung daraus herzuholen, auf die sich eine
+gewisse Einteilung der aesopischen Fabel gründet, deren ich in der
+Folge zu oft gedenken werde und die mir so bekannt nicht scheinet, daß
+ich sie, auf gut Glück, bei meinen Lesern voraussetzen dürfte.
+
+Aesopus machte die meisten seiner Fabeln bei wirklichen Vorfällen.
+Seine Nachfolger haben sich dergleichen Vorfälle meistens erdichtet
+oder auch wohl an ganz und gar keinen Vorfall, sondern bloß an diese
+oder jene allgemeine Wahrheit, bei Verfertigung der ihrigen, gedacht.
+Diese begnügten sich folglich, die allgemeine Wahrheit, durch die
+erdichtete Geschichte ihrer Fabel, erläutert zu haben; wenn jener noch
+über dieses die Ähnlichkeit seiner erdichteten Geschichte mit dem
+gegenwärtigen wirklichen Vorfalle faßlich machen und zeigen mußte, daß
+aus beiden, sowohl aus der erdichteten Geschichte als dem wirklichen
+Vorfalle, sich ebendieselbe Wahrheit bereits ergebe oder gewiß ergeben
+werde.
+
+Und hieraus entspringt die Einteilung in (einfache) und
+(zusammengesetzte) Fabeln.
+
+(Einfach) ist die Fabel, wenn ich aus der erdichteten Begebenheit
+derselben bloß irgendeine allgemeine Wahrheit folgern lasse.--"Man
+machte der Löwin den Vorwurf, daß sie nur ein Junges zur Welt brächte.
+Ja, sprach sie, nur eines, aber einen Löwen."[1]--Die Wahrheit, welche
+in dieser Fabel liegt, oti to kalon ouk en plhJei, all' aerth,
+leuchtet sogleich in die Augen; und die Fabel ist (einfach), wenn ich
+es bei dem Ausdrucke dieses allgemeinen Satzes bewenden lasse.
+
+{Fussnote 1: Fabul. Aesop. 216. Edit. Hauptmannianae.}
+
+(Zusammengesetzt) hingegen ist die Fabel, wenn die Wahrheit, die sie
+uns anschauend zu erkennen gibt, auf einen wirklich geschehenen oder
+doch als wirklich geschehen angenommenen Fall weiter angewendet wird.
+--"Ich mache, sprach ein höhnischer Reimer zu dem Dichter, in einem
+Jahre sieben Trauerspiele, aber du? In sieben Jahren eines! Recht,
+nur eines! versetzte der Dichter, aber eine (Athalie)!"--Man mache
+dieses zur Anwendung der vorigen Fabel, und die Fabel wird
+(zusammengesetzt). Denn sie besteht nunmehr gleichsam aus zwei Fabeln,
+aus (zwei) einzeln Fällen, in welchen beiden ich die Wahrheit
+ebendesselben Lehrsatzes bestätiget finde.
+
+Diese Einteilung aber--kaum brauche ich es zu erinnern--beruhet nicht
+auf einer wesentlichen Verschiedenheit der Fabeln selbst, sondern bloß
+auf der verschiedenen Bearbeitung derselben. Und aus dem Exempel
+schon hat man es ersehen, daß ebendieselbe Fabel bald (einfach), bald
+(zusammengesetzt) sein kann. Bei dem (Phaedrus) ist die Fabel (von
+dem kreisenden Berge) eine (einfache) Fabel.
+
+--- Hoc scriptum est tibi,
+Qui magna cum minaris, extricas nihil.
+
+
+Ein jeder, ohne Unterschied, der große und fürchterliche Anstalten
+einer Nichtswürdigkeit wegen macht, der sehr weit ausholt, um einen
+sehr kleinen Sprung zu tun, jeder Prahler, jeder vielversprechende Tor,
+von allen möglichen Arten, siehet hier sein Bild! Bei unserm
+(Hagedorn) aber wird ebendieselbe Fabel zu einer (zusammengesetzten)
+Fabel, indem er einen gebärenden schlechten Poeten zu dem besondern
+Gegenbilde des kreisenden Berges macht.
+
+Ihr Götter rettet! Menschen flieht!
+Ein schwangrer Berg beginnt zu kreisen,
+Und wird itzt, eh man sich's versieht,
+Mit Sand und Schollen um sich schmeißen etc.
+-------
+Suffenus schwitzt und lärmt und schäumt:
+Nichts kann den hohen Eifer zähmen;
+Er stampft, er knirscht; warum? er reimt,
+Und will itzt den Homer beschämen etc.
+-------
+Allein gebt acht, was kömmt heraus?
+Hier ein Sonett, dort eine Maus.
+
+
+Diese Einteilung also, von welcher die Lehrbücher der Dichtkunst ein
+tiefes Stillschweigen beobachten, ohngeachtet ihres mannigfaltigen
+Nutzens in der richtigern Bestimmung verschiedener Regeln: diese
+Einteilung, sage ich, vorausgesetzt, will ich mich auf den Weg machen.
+Es ist kein unbetretener Weg. Ich sehe eine Menge Fußtapfen vor mir,
+die ich zum Teil untersuchen muß, wenn ich überall sichere Tritte zu
+tun gedenke. Und in dieser Absicht will ich sogleich die vornehmsten
+Erklärungen prüfen, welche meine Vorgänger von der Fabel gegeben haben.
+
+
+
+De La Motte
+
+
+Dieser Mann, welcher nicht sowohl ein großes poetisches Genie als ein
+guter, aufgeklärter Kopf war, der sich an mancherlei wagen und überall
+erträglich zu bleiben hoffen durfte, erklärt die Fabel durch eine
+unter die Allegorie einer Handlung versteckte Lehre [1].
+
+{Fussnote 1: La Fable est une instruction deguisée sous l'allegorie
+d'une action. Discours sur la fable.}
+
+Als sich der Sohn des stolzen Tarquinius bei den Gabiern nunmehr
+festgesetzt hatte, schickte er heimlich einen Boten an seinen Vater
+und ließ ihn fragen, was er weiter tun solle? Der König, als der Bote
+zu ihm kam, befand sich eben auf dem Felde, hub seinen Stab auf,
+schlug den höchsten Mahnstängeln die Häupter ab und sprach zu dem
+Boten: Geh, und erzähle meinem Sohne, was ich itzt getan habe! Der
+Sohn verstand den stummen Befehl des Vaters und ließ die Vornehmsten
+der Gabier hinrichten. [2]--Hier ist eine allegorische Handlung--hier
+ist eine unter die Allegorie dieser Handlung versteckte Lehre: aber
+ist hier eine Fabel? Kann man sagen, daß Tarquinius seine Meinung dem
+Sohne durch eine Fabel habe wissen lassen? Gewiß nicht!
+
+{Fussnote 2: Florus. lib. I. cap. 7.}
+
+Jener Vater, der seinen uneinigen Söhnen die Vorteile der Eintracht an
+einem Bündel Ruten zeigte, das sich nicht anders als stückweise
+zerbrechen lasse, machte der eine Fabel? [3]
+
+{Fussnote 3: Fabul. Aesop. 171.}
+
+Aber wenn ebenderselbe Vater seinen uneinigen Söhnen erzählt hätte,
+wie glücklich drei Stiere, solange sie einig waren, den Löwen von sich
+abhielten und wie bald sie des Löwen Raub wurden, als Zwietracht unter
+sie kam und jeder sich seine eigene Weide suchte [4]: alsdenn hätte
+doch der Vater seinen Söhnen ihr Bestes in einer Fabel gezeigt? Die
+Sache ist klar.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 297.}
+
+Folglich ist es ebenso klar, daß die Fabel nicht bloß eine
+allegorische Handlung, sondern die Erzählung einer solchen Handlung
+sein kann. Und dieses ist das erste, was ich wider die Erklärung des
+de La Motte zu erinnern habe.
+
+Aber was will er mit seiner Allegorie?--Ein so fremdes Wort, womit nur
+wenige einen bestimmten Begriff verbinden, sollte überhaupt aus einer
+guten Erklärung verbannt sein.--Und wie, wenn es hier gar nicht einmal
+an seiner Stelle stünde? Wenn es nicht wahr wäre, daß die Handlung
+der Fabel an sich selbst allegorisch sei? Und wenn sie es höchstens
+unter gewissen Umständen nur werden könnte?
+
+Quintilian lehret: Allhgoria, quam Inversionem interpretamur, aliud
+verbis, aliud sensu ostendit, ac etiam interim contrarium [5]. Die
+Allegorie sagt das nicht, was sie nach den Worten zu sagen scheinet,
+sondern etwas anders. Die neuern Lehrer der Rhetorik erinnern, daß
+dieses etwas andere auf etwas anderes Ähnliches einzuschränken sei,
+weil sonst auch jede Ironie eine Allegorie sein würde [6]. Die
+letztern Worte des Quintilians, ac etiam interim contrarium, sind
+ihnen hierin zwar offenbar zuwider, aber es mag sein.
+
+{Fussnote 5: Quinctilianus lib. VIII. cap. 6.}
+
+{Fussnote 6: Allegoria dicitur, quia allo men agoreuei, allo de noei.
+Et istud allo restringi debet ad aliud simile, alias etiam omnis
+Ironia Allegoria esset.}
+
+Die Allegorie sagt also nicht, was sie den Worten nach zu sagen
+scheinet, sondern etwas Ähnliches. Und die Handlung der Fabel, wenn
+sie allegorisch sein soll, muß das auch nicht sagen, was sie zu sagen
+scheinet, sondern nur etwas Ähnliches?
+
+Wir wollen sehen!--"Der Schwächere wird gemeiniglich ein Raub des
+Mächtigern." Das ist ein allgemeiner Satz, bei welchem ich mir eine
+Reihe von Dingen gedenke, deren eines immer stärker ist als das andere,
+die sich also, nach der Folge ihrer verschiednen Stärke,
+untereinander aufreiben können. Eine Reihe von Dingen! Wer wird
+lange und gern den öden Begriff eines Dinges denken, ohne auf dieses
+oder jenes besondere Ding zu fallen, dessen Eigenschaften ihm ein
+deutliches Bild gewähren? Ich will also auch hier anstatt dieser
+Reihe von unbestimmten Dingen eine Reihe bestimmter, wirklicher Dinge
+annehmen. Ich könnte mir in der Geschichte eine Reihe von Staaten
+oder Königen suchen; aber wie viele sind in der Geschichte so
+bewandert, daß sie, sobald ich meine Staaten oder Könige nur nennte,
+sich der Verhältnisse, in welchen sie gegeneinander an Größe und Macht
+gestanden, erinnern könnten? Ich würde meinen Satz nur wenigen
+faßlicher gemacht haben, und ich möchte ihn gern allen so faßlich als
+möglich machen. Ich falle auf die Tiere, und warum sollte ich nicht
+eine Reihe von Tieren wählen dürfen, besonders wenn es allgemein
+bekannte Tiere wären? Ein Auerhahn--ein Marder--ein Fuchs--ein
+Wolf--Wir kennen diese Tiere, wir dürfen sie nur nennen hören, um
+sogleich zu wissen, welches das stärkere oder das schwächere ist.
+Nunmehr heißt mein Satz: der Marder frißt den Auerhahn, der Fuchs den
+Marder, den Fuchs der Wolf. Er frißt? Er frißt vielleicht auch nicht.
+Das ist mir noch nicht gewiß genug. Ich sage also: er fraß. Und
+siehe, mein Satz ist zur Fabel geworden!
+
+Ein Marder fraß den Auerhahn,
+Den Marder würgt ein Fuchs, den Fuchs des Wolfes Zahn. [7]
+
+{Fussnote 7: von Hagedorn: Fabeln und Erzehlungen, erstes Buch. S. 77.}
+
+Was kann ich nun sagen, daß in dieser Fabel für eine Allegorie liege?
+Der Auerhahn, der Schwächste; der Marder, der Schwache; der Fuchs, der
+Starke; der Wolf, der Stärkste. Was hat der Auerhahn mit dem
+Schwächsten, der Marder mit dem Schwachen usw. hier Ähnliches?
+Ähnliches! Gleichet hier bloß der Fuchs dem Starken und der Wolf
+dem Stärksten, oder ist jener hier der Starke so wie dieser der
+Stärkste? Er ist es.--Kurz, es heißt die Worte auf eine kindische Art
+mißbrauchen, wenn man sagt, daß das Besondere mit seinem Allgemeinen,
+das Einzelne mit seiner Art, die Art mit ihrem Geschlechte eine
+Ähnlichkeit habe. Ist dieser Windhund einem Windhunde überhaupt, und
+ein Windhund überhaupt einem Hunde ähnlich? Eine lächerliche Frage!
+--Findet sich nun aber unter den bestimmten Subjekten der Fabel, und
+den allgemeinen Subjekten ihres Satzes keine Ähnlichkeit, so kann auch
+keine Allegorie unter ihnen statthaben. Und das nämliche läßt sich
+auf die nämliche Art von den beiderseitigen Prädikaten erweisen.
+
+Vielleicht aber meiner jemand, daß die Allegorie hier nicht auf der
+Ähnlichkeit zwischen den bestimmten Subjekten oder Prädikaten der
+Fabel und den allgemeinen Subjekten oder Prädikaten des Satzes,
+sondern auf der Ähnlichkeit der Arten, wie ich ebendieselbe Wahrheit
+itzt durch die Bilder der Fabel und itzt vermittelst der Worte des
+Satzes erkenne, beruhe. Doch das ist soviel als nichts. Denn käme
+hier die Art der Erkenntnis in Betrachtung und wollte man bloß wegen
+der anschauenden Erkenntnis, die ich vermittelst der Handlung der
+Fabel von dieser oder jener Wahrheit erhalte, die Handlung allegorisch
+nennen: so würde in allen Fabeln ebendieselbe Allegorie sein, welches
+doch niemand sagen will, der mit diesem Worte nur einigen Begriff
+verbindet.
+
+Ich befürchte, daß ich von einer so klaren Sache viel zuviel Worte
+mache. Ich fasse daher alles zusammen und sage: die Fabel als eine
+einfache Fabel kann unmöglich allegorisch sein.
+
+Man erinnere sich aber meiner obigen Anmerkung, nach welcher eine jede
+einfache Fabel auch eine zusammengesetzte werden kann. Wie, wenn sie
+alsdenn allegorisch würde? Und so ist es. Denn in der
+zusammengesetzten Fabel wird ein Besonderes gegen das andre gehalten;
+zwischen zwei oder mehr Besondern, die unter ebendemselben Allgemeinen
+begriffen sind, ist die Ähnlichkeit unwidersprechlich, und die
+Allegorie kann folglich stattfinden. Nur muß man nicht sagen, daß die
+Allegorie zwischen der Fabel und dem moralischen Satze sich befinde.
+Sie befindet sich zwischen der Fabel und dem wirklichen Falle, der zu
+der Fabel Gelegenheit gegeben hat, insofern sich aus beiden
+ebendieselbe Wahrheit ergibt.--Die bekannte Fabel vom Pferde, das sich
+von dem Manne den Zaum anlegen ließ und ihn auf seinen Rücken nahm,
+damit er ihm nur in seiner Rache, die es an dem Hirsche nehmen wollte,
+behülflich wäre: diese Fabel sage ich, ist sofern nicht allegorisch,
+als ich mit dem Phaedrus [8] bloß die allgemeine Wahrheit daraus ziehe:
+
+{Fussnote 8: Lib. IV. fab. 3.}
+
+Impune potius laedi, quam dedi alteri.
+
+Bei der Gelegenheit nur, bei welcher sie ihr Erfinder Stesichorus
+erzählte, ward sie es. Er erzählte sie nämlich, als die Himerenser
+den Phalaris zum obersten Befehlshaber ihrer Kriegsvölker gemacht
+hatten und ihm noch dazu eine Leibwache geben wollten. "O ihr
+Himerenser, rief er, die ihr so fest entschlossen seid, euch an euren
+Feinden zu rächen; nehmet euch wohl in acht, oder es wird euch wie
+diesem Pferde ergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen,
+indem ihr den Phalaris zu eurem Heerführer mit unumschränkter Gewalt
+ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwache geben, wollt ihr ihn
+aufsitzen lassen, so ist es vollends um eure Freiheit getan."
+[9]--Alles wird hier allegorisch! Aber einzig und allein dadurch, daß
+das Pferd hier nicht auf jeden Beleidigten, sondern auf die
+beleidigten Himerenser; der Hirsch nicht auf jeden Beleidiger, sondern
+auf die Feinde der Himerenser; der Mann nicht auf jeden listigen
+Unterdrücker, sondern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht
+auf jeden ersten Eingriff in die Rechte der Freiheit, sondern auf die
+Ernennung des Phalaris zum unumschränkten Heerführer; und das
+Aufsitzen endlich nicht auf jeden letzten tödlichen Stoß, welcher der
+Freiheit beigebracht wird, sondern auf die dem Phalaris zu
+bewilligende Leibwache gezogen und angewandt wird.
+
+{Fussnote 9: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}
+
+Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nur alsdenn
+allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle, den sie
+enthält, einen andern ähnlichen Fall, der sich wirklich zugetragen hat,
+entgegenstelle, da sie es nicht an und für sich selbst ist, insofern
+sie eine allgemeine moralische Lehre enthält, so gehöret das Wort
+Allegorie gar nicht in die Erklärung derselben.--Dieses ist das zweite,
+was ich gegen die Erklärung des de La Motte zu erinnern habe.
+
+Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müßiges,
+überflüssiges Wort daraus verdrängen will. Es ist hier, wo es steht,
+ein höchst schädliches Wort, dem wir vielleicht eine Menge schlechter
+Fabeln zu danken haben. Man begnüge sich nur, die Fabel, in Ansehung
+des allgemeinen Lehrsatzes, bloß allegorisch zu machen, und man kann
+sicher glauben, eine schlechte Fabel gemacht zu haben. Ist aber eine
+schlechte Fabel eine Fabel?--Ein Exempel wird die Sache in ihr
+völliges Licht setzen. Ich wähle ein altes, um ohne Mißgunst recht
+haben zu können. Die Fabel nämlich von dem Mann und dem Satyr. "Der
+Mann bläset in seine kalte Hand, um seine Hand zu wärmen, und bläset
+in seinen heißen Brei, um seinen Brei zu kühlen. Was? sagt der Satyr,
+du bläsest aus einem Munde warm und kalt? Geh, mit dir mag ich nichts
+zu tun haben!" [10]--Diese Fabel soll lehren, oti dei jeugein hmaV taV
+jiliaV, wn amjiboloV estin h diaJesiV; die Freundschaft aller
+Zweizüngler, aller Doppelleute, aller Falschen zu fliehen. Lehrt sie
+das? Ich bin nicht der erste, der es leugnet und die Fabel für
+schlecht ausgibt.
+
+{Fussnote 10: Fab. Aesop. 126}
+
+Richer [11] sagt, sie sündige wider die Richtigkeit der Allegorie; ihre
+Moral sei weiter nichts als eine Anspielung und gründe sich auf eine
+bloße Zweideutigkeit. Richer hat richtig empfunden, aber seine
+Empfindung falsch ausgedrückt. Der Fehler liegt nicht sowohl darin,
+daß die Allegorie nicht richtig genug ist, sondern darin, daß es
+weiter nichts als eine Allegorie ist. Anstatt daß die Handlung des
+Mannes, die dem Satyr so anstößig scheinet, unter dem allgemeinen
+Subjekte des Lehrsatzes wirklich begriffen sein sollte, ist sie ihm
+bloß ähnlich. Der Mann sollte sich eines wirklichen Widerspruchs
+schuldig machen, und der Widerspruch ist nur anscheinend. Die Lehre
+warnet uns vor Leuten, die von ebenderselben Sache ja und nein sagen,
+die ebendasselbe Ding loben und tadeln: und die Fabel zeiget uns einen
+Mann, der seinen Atem gegen verschiedene Dinge verschieden braucht,
+der auf ganz etwas anders itzt seinen Atem warm haucht, und auf ganz
+etwas anders ihn itzt kalt bläset.
+
+{Fussnote 11:--contre la justesse de l'allegorie.--Sa morale n' est
+qu'une allusion, et n'est fondée que sur un jeu de mots équivoque.
+Fables nouvelles, Preface, p. 10.}
+
+Endlich, was läßt sich nicht alles allegorisieren! Man nenne mir das
+abgeschmackte Märchen, in welches ich durch die Allegorie nicht einen
+moralischen Sinn sollte legen können!--"Die Mitknechte des Aesopus
+gelüstet nach den trefflichen Feigen ihres Herrn. Sie essen sie auf,
+und als es zur Nachfrage kömmt, soll es der gute Aesop getan haben.
+Sich zu rechtfertigen, trinket Aesop in großer Menge laues Wasser, und
+seine Mitknechte müssen ein Gleiches tun. Das laue Wasser hat seine
+Wirkung, und die Näscher sind entdeckt."--- Was lehrt uns dieses
+Histörchen? Eigentlich wohl weiter nichts, als daß laues Wasser, in
+großer Menge getrunken, zu einem Brechmittel werde? Und doch machte
+jener persische Dichter [12] einen weit edlern Gebrauch davon. "Wenn
+man euch", spricht er, "an jenem großen Tage des Gerichts, von diesem
+warmen und siedenden Wasser wird zu trinken geben: alsdenn wird alles
+an den Tag kommen, was ihr mit so vieler Sorgfalt vor den Augen der
+Welt verborgen gehalten; und der Heuchler, den hier seine Verstellung
+zu einem ehrwürdigen Manne gemacht hatte, wird mit Schande und
+Verwirrung überhäuft dastehen!"--Vortrefflich!
+
+{Fussnote 12: Herbelot Bibl. Orient. p. 516. Lorsque l'on vous
+donnera à boire de cette eau chaude et brulante, dans la question du
+Jugement dernier, tout ce que vous avez caché avec tant de soin,
+paroitra aux yeux de tout le monde, et celui qui aura acquis de
+l'estime par son hypocrisie et par son deguisement, sera pour lors
+couvert de honte er de confusion.}
+
+Ich habe nun noch eine Kleinigkeit an der Erklärung des de La Motte
+auszusetzen. Das Wort Lehre (instruction) ist zu unbestimmt und
+allgemein. Ist jeder Zug aus der Mythologie, der auf eine physische
+Wahrheit anspielet oder in den ein tiefsinniger Baco wohl gar eine
+transzendentalische Lehre zu legen weiß, eine Fabel? Oder wenn der
+seltsame Holberg erzählet: "Die Mutter des Teufels übergab ihm
+einsmals vier Ziegen, um sie in ihrer Abwesenheit zu bewachen. Aber
+diese machten ihm so viel zu tun, daß er sie mit aller seiner Kunst
+und Geschicklichkeit nicht in der Zucht halten konnte. Diesfalls
+sagte er zu seiner Mutter nach ihrer Zurückkunft: Liebe Mutter, hier
+sind Eure Ziegen! Ich will lieber eine ganze Compagnie Reuter
+bewachen als eine einzige Ziege!"--Hat Holberg eine Fabel erzählet?
+Wenigstens ist eine Lehre in diesem Dinge. Denn er setzet selbst mit
+ausdrücklichen Worten dazu: "Diese Fabel zeiget, daß keine Kreatur
+weniger in der Zucht zu halten ist als eine Ziege." [13]--Eine wichtige
+Wahrheit! Niemand hat die Fabel schändlicher gemißhandelt als dieser
+Holberg!--Und es mißhandelt sie jeder, der, eine andere als moralische
+Lehre darin vorzutragen, sich einfallen läßt.
+
+{Fussnote 13: Moralische Fabeln des Baron von Holbergs, S. 103.}
+
+
+
+Richer
+
+
+Richer ist ein andrer französischer Fabulist, der ein wenig besser
+erzählet als de La Motte, in Ansehung der Erfindung aber weit unter
+ihm stehet. Auch dieser hat uns seine Gedanken über diese
+Dichtungsart nicht vorenthalten wollen und erklärt die Fabel durch ein
+kleines Gedicht, das irgendeine unter einem allegorischen Bilde
+versteckte Regel enthalte [1].
+
+{Fussnote 1: La Fable est un petit Poeme qui contient un precepte
+caché sous une image allegorique. Fables nouvelles, Preface, p. 9.}
+
+Richer hat die Erklärung des de La Motte offenbar vor Augen gehabt.
+Und vielleicht hat er sie gar verbessern wollen. Aber das ist ihm
+sehr schlecht gelungen.
+
+Ein kleines Gedicht (Poeme)?--Wenn Richer das Wesen eines Gedichts in
+die bloße Fiktion setzet: so bin ich es zufrieden, daß er die Fabel
+ein Gedicht nennet. Wenn er aber auch die poetische Sprache und ein
+gewisses Silbenmaß als notwendige Eigenschaften eines Gedichtes
+betrachtet: so kann ich seiner Meinung nicht sein.--Ich werde mich
+weiter unten hierüber ausführlicher erklären.
+
+Eine Regel (Precepte)?--Dieses Wort ist nichts bestimmter als das Wort
+Lehre des de La Motte. Alle Künste, alle Wissenschaften haben Regeln,
+haben Vorschriften. Die Fabel aber stehet einzig und allein der Moral
+zu. Von einer andern Seite hingegen betrachtet, ist Regel oder
+Vorschrift hier sogar noch schlechter als Lehre; weil man unter Regel
+und Vorschrift eigentlich nur solche Sätze verstehet, die unmittelbar
+auf die Bestimmung unsers Tuns und Lassens gehen. Von dieser Art aber
+sind nicht alle moralische Lehrsätze der Fabel. Ein großer Teil
+derselben sind Erfahrungssätze, die uns nicht sowohl von dem, was
+geschehen sollte, als vielmehr von dem, was wirklich geschiehet,
+unterrichten. Ist die Sentenz:
+
+In principatu commutando civium
+Nil praeter domini nomen mutant pauperes
+
+
+eine Regel, eine Vorschrift? Und gleichwohl ist sie das Resultat
+einer von den schönsten Fabeln des Phaedrus [2]. Es ist zwar wahr, aus
+jedem solchen Erfahrungssatze können leicht eigentliche Vorschriften
+und Regeln gezogen werden. Aber was in dem fruchtbaren Satze liegt,
+das liegt nicht darum auch in der Fabel. Und was müßte das für eine
+Fabel sein, in welcher ich den Satz mit allen seinen Folgerungen auf
+einmal anschauend erkennen sollte?
+
+{Fussnote 2: Libri I. Fab. 15.}
+
+Unter einem allegorischen Bilde?--Über das Allegorische habe ich mich
+bereits erkläret. Aber Bild (Image)! Unmöglich kann Richer dieses
+Wort mit Bedacht gewählt haben. Hat er es vielleicht nur ergriffen,
+um von de La Motte lieber auf Geratewohl abzugehen, als nach ihm recht
+zu haben?--Ein Bild heißt überhaupt jede sinnliche Vorstellung eines
+Dinges nach einer einzigen ihm zukommenden Veränderung. Es zeigt mir
+nicht mehrere oder gar alle mögliche Veränderungen, deren das Ding
+fähig ist, sondern allein die, in der es sich in einem und
+ebendemselben Augenblicke befindet. In einem Bilde kann ich zwar also
+wohl eine moralische Wahrheit erkennen, aber es ist darum noch keine
+Fabel. Der mitten im Wasser dürstende Tantalus ist ein Bild, und ein
+Bild, das mir die Möglichkeit zeiget, man könne auch bei dem größten
+Überflusse darben. Aber ist dieses Bild deswegen eine Fabel? So auch
+folgendes kleine Gedicht:
+
+Cursu veloci pendens in novacula,
+Calvus, comosa fronte, nudo corpore,
+Quem si occuparis, teneas; elapsum semel
+Non ipse possit Jupiter reprehendere;
+Occasionem rerum significat brevem.
+Effectus impediret ne segnis mora,
+Finxere antiqui talem effigiem temporis.
+
+
+Wer wird diese Zeilen für eine Fabel erkennen, ob sie schon Phaedrus
+als eine solche unter seinen Fabeln mit unterlaufen läßt [3]? Ein
+jedes Gleichnis, ein jedes Emblema würde eine Fabel sein, wenn sie
+nicht eine Mannigfaltigkeit von Bildern, und zwar zu einem Zwecke
+übereinstimmenden Bildern, wenn sie, mit einem Worte, nicht das
+notwendig erforderte, was wir durch das Wort Handlung ausdrücken.
+
+{Fussnote 3: Lib. V. Fab. 8.}
+
+Eine Handlung nenne ich eine Folge von Veränderungen, die zusammen ein
+Ganzes ausmachen.
+
+Diese Einheit des Ganzen beruhet auf der Übereinstimmung aller Teile
+zu einem Endzwecke.
+
+Der Endzweck der Fabel, das, wofür die Fabel erfunden wird, ist der
+moralische Lehrsatz.
+
+Folglich hat die Fabel eine Handlung, wenn das, was sie erzählt, eine
+Folge von Veränderungen ist und jede dieser Veränderungen etwas dazu
+beiträgt, die einzeln Begriffe, aus welchen der moralische Lehrsatz
+bestehet, anschauend erkennen zu lassen.
+
+Was die Fabel erzählt, muß eine Folge von Veränderungen sein. Eine
+Veränderung oder auch mehrere Veränderungen, die nur nebeneinander
+bestehen und nicht aufeinander folgen, wollen zur Fabel nicht
+zureichen. Und ich kann es für eine untriegliche Probe ausgeben, daß
+eine Fabel schlecht ist, daß sie den Namen der Fabel gar nicht
+verdienet, wenn ihre vermeinte Handlung sich ganz malen läßt. Sie
+enthält alsdenn ein bloßes Bild, und der Maler hat keine Fabel,
+sondern ein Emblema gemalt.--"Ein Fischer, indem er sein Netz aus dem
+Meere zog, blieb der größern Fische, die sich darin gefangen hatten,
+zwar habhaft, die kleinsten aber schlupften durch das Netz durch und
+gelangten glücklich wieder ins Wasser."--Diese Erzählung befindet sich
+unter den aesopischen Fabeln [4], aber sie ist keine Fabel, wenigstens
+eine sehr mittelmäßige. Sie hat keine Handlung, sie enthält ein
+bloßes einzelnes Faktum, das sich ganz malen läßt; und wenn ich dieses
+einzelne Faktum, dieses Zurückbleiben der größern und dieses
+Durchschlupfen der kleinen Fische, auch mit noch so viel andern
+Umständen erweiterte, so würde doch in ihm allein, und nicht in den
+andern Umständen zugleich mit, der moralische Lehrsatz liegen.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 154}
+
+Doch nicht genug, daß das, was die Fabel erzählt, eine Folge von
+Veränderungen ist, alle diese Veränderungen müssen zusammen nur einen
+einzigen anschauenden Begriff in mir erwecken. Erwecken sie deren
+mehrere, liegt mehr als ein moralischer Lehrsatz in der vermeinten
+Fabel, so fehlt der Handlung ihre Einheit, so fehlt ihr das, was sie
+eigentlich zur Handlung macht, und kann, richtig zu sprechen, keine
+Handlung, sondern muß eine Begebenheit heißen.--Ein Exempel:
+
+Lucernam fur accendit ex ara Jovis,
+Ipsumque compilavit ad lumen suum;
+Onustus qui sacrilegio cum discederet,
+Repente vocem sancta misit Religio:
+Malorum quamvis ista fuerint munera,
+Mihique invisa, ut non offendar subripi;
+Tamen, sceleste, spiritu culpam lues,
+Olim cum adscriptus venerit poenae dies.
+Sed ne ignis noster facinori praeluceat,
+Per quem verendos excolit pietas Deos,
+Veto esse tale luminis commercium.
+Ita hodie, nec lucernam de flamma Deûm
+Nec de lucerna fas est accendi sacrum.
+
+
+Was hat man hier gelesen? Ein Histörchen, aber keine Fabel. Ein
+Histörchen trägt sich zu, eine Fabel wird erdichtet. Von der Fabel
+also muß sich ein Grund angeben lassen, warum sie erdichtet worden, da
+ich den Grund, warum sich jenes zugetragen, weder zu wissen noch
+anzugeben gehalten bin. Was wäre nun der Grund, warum diese Fabel
+erdichtet worden, wenn es anders eine Fabel wäre? Recht billig zu
+urteilen, könnte es kein andrer als dieser sein: der Dichter habe
+einen wahrscheinlichen Anlaß zu dem doppelten Verbote, weder von dem
+heiligen Feuer ein gemeines Licht noch von einem gemeinen Lichte das
+heilige Feuer anzuzünden, erzählen wollen. Aber wäre das eine
+moralische Absicht, dergleichen der Fabulist doch notwendig haben
+soll? Zur Not könnte zwar dieses einzelne Verbot zu einem Bilde des
+allgemeinen Verbots dienen, daß das Heilige mit dem Unheiligen, das
+Gute mit dem Bösen in keiner Gemeinschaft stehen soll. Aber was
+tragen alsdenn die übrigen Teile der Erzählung zu diesem Bilde bei?
+Zu diesem gar nichts, sondern ein jeder ist vielmehr das Bild, der
+einzelne Fall einer ganz andern allgemeinen Wahrheit. Der Dichter hat
+es selbst empfunden und hat sich aus der Verlegenheit, welche Lehre er
+allein daraus ziehen solle, nicht besser zu reißen gewußt, als wenn er
+deren so viele daraus zöge als sich nur immer ziehen ließen. Denn er
+schließt:
+
+Quot res contineat hoc argumentum utiles,
+Non explicabit alius, quam qui repperit.
+Significat primo, saepe, quos ipse alueris,
+Tibi inveniri maxime contrarios.
+Secundo ostendit, scelera non ira Deûm,
+Fatorum dicto sed puniri tempore.
+Novissime interdicit, ne cum malefico
+Usum bonus consociet ullius rei.
+
+
+Eine elende Fabel, wenn niemand anders als ihr Erfinder es erklären
+kann, wieviel nützliche Dinge sie enthalte! Wir hätten an einem genug!
+--Kaum sollte man es glauben, daß einer von den Alten, einer von
+diesen großen Meistern in der Einfalt ihrer Plane, uns dieses
+Histörchen für eine Fabel [5] verkaufen können.
+
+{Fussnote 5: Phaedrus libr. IV. Fab. 10}
+
+
+
+Breitinger
+
+
+Ich würde von diesem großen Kunstrichter nur wenig gelernt haben, wenn
+er in meinen Gedanken noch überall recht hätte.--Er gibt uns aber eine
+doppelte Erklärung von der Fabel [1]. Die eine hat er von dem de La
+Motte entlehnet, und die andere ist ihm ganz eigen.
+
+{Fussnote 1: Der Critischen Dichtkunst ersten Bandes siebender
+Abschnitt, S. 194.}
+
+Nach jener versteht er unter der Fabel eine unter der wohlgeratenen
+Allegorie einer ähnlichen Handlung verkleidete Lehre und Unterweisung.
+--Der klare, übersetzte de La Motte! Und der ein wenig gewässerte:
+könnte man noch dazusetzen. Denn was sollen die Beiwörter:
+wohlgeratene Allegorie, ähnliche Handlung? Sie sind höchst
+überflüssig.
+
+Doch ich habe eine andere wichtigere Anmerkung auf ihn versparet.
+Richer sagt: die Lehre solle unter dem allegorischen Bilde versteckt
+(caché) sein. Versteckt! welch ein unschickliches Wort! In manchem
+Rätsel sind Wahrheiten, in den Pythagorischen Denksprüchen sind
+moralische Lehren versteckt, aber in keiner Fabel. Die Klarheit, die
+Lebhaftigkeit, mit welcher die Lehre aus allen Teilen einer guten
+Fabel auf einmal hervorstrahlet, hätte durch ein ander Wort als durch
+das ganz widersprechende versteckt ausgedrückt zu werden verdienet.
+Sein Vorgänger de La Motte hatte sich um ein gut Teil feiner erklärt;
+er sagt doch nur verkleidet (deguisé). Aber auch verkleidet ist noch
+viel zu unrichtig, weil auch verkleidet den Nebenbegriff einer
+mühsamen Erkennung mit sich führet. Und es muß gar keine Mühe kosten,
+die Lehre in der Fabel zu erkennen; es müßte vielmehr, wenn ich so
+reden darf, Mühe und Zwang kosten, sie darin nicht zu erkennen. Aufs
+höchste würde sich dieses verkleidet nur in Ansehung der
+zusammengesetzten Fabel entschuldigen lassen. In Ansehung der
+einfachen ist es durchaus nicht zu dulden. Von zwei ähnlichen einzeln
+Fällen kann zwar einer durch den andern ausgedrückt, einer in den
+andern verkleidet werden: aber wie man das Allgemeine in das Besondere
+verkleiden könne, das begreife ich ganz und gar nicht. Wollte man mit
+aller Gewalt ein ähnliches Wort hier brauchen, so müßte es anstatt
+verkleiden wenigstens einkleiden heißen.
+
+Von einem deutschen Kunstrichter hätte ich überhaupt dergleichen
+figürliche Wörter in einer Erklärung nicht erwartet. Ein Breitinger
+hätte es den schön vernünftelnden Franzosen überlassen sollen, sich
+damit aus dem Handel zu wickeln; und ihm würde es sehr wohl
+angestanden haben, wenn er uns mit den trocknen Worten der Schule
+belehrt hätte, daß die moralische Lehre in die Handlung weder
+versteckt noch verkleidet, sondern durch sie der anschauenden
+Erkenntnis fähig gemacht werde. Ihm würde es erlaubt gewesen sein,
+uns von der Natur dieser auch der rohesten Seele zukommenden
+Erkenntnis, von der mit ihr verknüpften schnellen Überzeugung, von
+ihrem daraus entspringenden mächtigen Einflusse auf den Willen das
+Nötige zu lehren. Eine Materie, die durch den ganzen spekulativischen
+Teil der Dichtkunst von dem größten Nutzen ist und von unserm
+Weltweisen schon gnugsam erläutert war [2]!--Was Breitinger aber damals
+unterlassen, das ist mir, itzt nachzuholen, nicht mehr erlaubt. Die
+philosophische Sprache ist seitdem unter uns so bekannt geworden, daß
+ich mich der Wörter anschauen, anschauender Erkenntnis gleich von
+Anfange als solcher Wörter ohne Bedenken habe bedienen dürfen, mit
+welchen nur wenige nicht einerlei Begriff verbinden.
+
+{Fussnote 2: Ich kann meine Verwunderung nicht bergen, daß Herr
+Breitinger das, was Wolf schon damals von der Fabel gelehret hatte,
+auch nicht im geringsten gekannt zu haben scheinet. Wolfii
+Philosophiae practicae universalis pars posterior §§ 302-323. Dieser
+Teil erschien 1739, und die Breitingersche Dichtkunst erst das Jahr
+darauf.}
+
+Ich käme zu der zweiten Erklärung, die uns Breitinger von der Fabel
+gibt. Doch ich bedenke, daß ich diese bequemer an einem andern Orte
+werde untersuchen können.--Ich verlasse ihn also.
+
+
+
+Batteux
+
+
+Batteux erkläret die Fabel kurzweg durch die Erzählung einer
+allegorischen Handlung [1]. Weil er es zum Wesen der Allegorie macht,
+daß sie eine Lehre oder Wahrheit verberge, so hat er ohne Zweifel
+geglaubt, des moralischen Satzes, der in der Fabel zum Grunde liegt,
+in ihrer Erklärung gar nicht erwähnen zu dürfen. Man siehet sogleich,
+was von meinen bisherigen Anmerkungen auch wider diese Erklärung
+anzuwenden ist. Ich will mich daher nicht wiederholen, sondern bloß
+die fernere Erklärung, welche Batteux von der Handlung gibt,
+untersuchen.
+
+{Fussnote 1: Principes de Litterature, Tome II. I. Partie p. V.
+L'Apologue est le recit d'une action allegorique etc.}
+
+"Eine Handlung, sagt Batteux, ist eine Unternehmung, die mit Wahl und
+Absicht geschiehet.--Die Handlung setzet, außer dem Leben und der
+Wirksamkeit, auch Wahl und Endzweck voraus und kömmt nur vernünftigen
+Wesen zu."
+
+Wenn diese Erklärung ihre Richtigkeit hat, so mögen wir nur neun
+Zehnteile von allen existierenden Fabeln ausstreichen. Aesopus selbst
+wird alsdann deren kaum zwei oder drei gemacht haben, welche die Probe
+halten.--"Zwei Hähne kämpfen miteinander. Der Besiegte verkriecht
+sich. Der Sieger fliegt auf das Dach, schlägt stolz mit den Flügeln
+und krähet. Plötzlich schießt ein Adler auf den Sieger herab und
+zerfleischt ihn." [2]--Ich habe das allezeit für eine sehr glückliche
+Fabel gehalten, und doch fehlt ihr, nach dem Batteux, die Handlung.
+Denn wo ist hier eine Unternehmung, die mit Wahl und Absicht
+geschähe?--"Der Hirsch betrachtet sich in einer spiegelnden Quelle, er
+schämt sich seiner dürren Läufte und freuet sich seines stolzen
+Geweihes. Aber nicht lange! Hinter ihm ertönet die Jagd, seine
+dürren Läufte bringen ihn glücklich ins Gehölze, da verstrickt ihn
+sein stolzes Geweih, er wird erreicht." [3]--Auch hier sehe ich keine
+Unternehmung, keine Absicht. Die Jagd ist zwar eine Unternehmung, und
+der fliehende Hirsch hat die Absicht, sich zu retten, aber beide
+Umstände gehören eigentlich nicht zur Fabel, weil man sie, ohne
+Nachteil derselben, weglassen und verändern kann. Und dennoch fehlt
+es ihr nicht an Handlung. Denn die Handlung liegt in dem falsch
+befundenen Urteile des Hirsches. Der Hirsch urteilet falsch und
+lernet gleich darauf aus der Erfahrung, daß er falsch geurteilet habe.
+Hier ist also eine Folge von Veränderungen, die einen einzigen
+anschauenden Begriff in mir erwecken.--Und das ist meine obige
+Erklärung der Handlung, von der ich glaube, daß sie auf alle gute
+Fabeln passen wird.
+
+{Fussnote 2: Aesop. Fab. 145.}
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 181.}
+
+Gibt es aber doch wohl Kunstrichter, welche einen noch engern, und
+zwar so materiellen Begriff mit dem Worte Handlung verbinden, daß sie
+nirgends Handlung sehen, als wo die Körper so tätig sind, daß sie eine
+gewisse Veränderung des Raumes erfordern. Sie finden in keinem
+Trauerspiele Handlung, als wo der Liebhaber zu Füßen fällt, die
+Prinzessin ohnmächtig wird, die Helden sich balgen, und in keiner
+Fabel, als wo der Fuchs springt, der Wolf zerreißet und der Frosch die
+Maus sich an das Bein bindet. Es hat ihnen nie beifallen wollen, daß
+auch jeder innere Kampf von Leidenschaften, jede Folge von
+verschiedenen Gedanken, wo eine die andere aufhebt, eine Handlung sei;
+vielleicht weil sie viel zu mechanisch denken und fühlen, als daß sie
+sich irgendeiner Tätigkeit dabei bewußt wären.--Ernsthafter sie zu
+widerlegen würde eine unnütze Mühe sein. Es ist aber nur schade, daß
+sie sich einigermaßen mit dem Batteux schützen, wenigstens behaupten
+können, ihre Erklärung mit ihm aus einerlei Fabeln abstrahieret zu
+haben. Denn wirklich, auf welche Fabel die Erklärung des Batteux
+passet, passet auch ihre, so abgeschmackt sie immer ist.
+
+Batteux, wie ich wohl darauf wetten wollte, hat bei seiner Erklärung
+nur die erste Fabel des Phaedrus vor Augen gehabt, die er, mehr als
+einmal, une des plus belles et des plus celebres de l'antiquité nennet.
+Es ist wahr, in dieser ist die Handlung ein Unternehmen, das mit
+Wahl und Absicht geschiehet. Der Wolf nimmt sich vor, das Schaf zu
+zerreißen, fauce improba incitatus; er will es aber nicht so plump zu,
+er will es mit einem Scheine des Rechts tun, und also jurgii causam
+intulit.--Ich spreche dieser Fabel ihr Lob nicht ab; sie ist so
+vollkommen, als sie nur sein kann. Allein sie ist nicht deswegen
+vollkommen, weil ihre Handlung ein Unternehmen ist, das mit Wahl und
+Absicht geschiehet, sondern weil sie ihrer Moral, die von einem
+solchen Unternehmen spricht, ein völliges Genüge tut. Die Moral ist
+[4]: oiV proJesiV adikein, par’ autoiV ou dikaiologia iscuei. Wer den
+Vorsatz hat, einen Unschuldigen zu unterdrücken, der wird es zwar met’
+eulogou aitiaV zu tun suchen; er wird einen scheinbaren Vorwand wählen,
+aber sich im geringsten nicht von seinem einmal gefaßten Entschlusse
+abbringen lassen, wenn sein Vorwand gleich völlig zuschanden gemacht
+wird. Diese Moral redet von einem Vorsatze (dessein); sie redet von
+gewissen, vor andern vorzüglich gewählten Mitteln, diesen Vorsatz zu
+vollführen (choix): und folglich muß auch in der Fabel etwas sein, was
+diesem Vorsatze, diesen gewählten Mitteln entspricht; es muß in der
+Fabel sich ein Unternehmen finden, das mit Wahl und Absicht geschiehet.
+Bloß dadurch wird sie zu einer vollkommenen Fabel, welches sie nicht
+sein würde, wenn sie den geringsten Zug mehr oder weniger enthielte
+als, den Lehrsatz anschauend zu machen, nötig ist. Batteux bemerkt
+alle ihre kleinen Schönheiten des Ausdrucks und stellet sie von dieser
+Seite in ein sehr vorteilhaftes Licht; nur ihre wesentliche
+Vortrefflichkeit läßt er unerörtert und verleitet seine Leser sogar,
+sie zu verkennen. Er sagt nämlich, die Moral, die aus dieser Fabel
+fließe, sei: que le plus faible est souvent opprimé par le plus fort.
+Wie seicht! Wie falsch! Wenn sie weiter nichts als dieses lehren
+sollte, so hätte wahrlich der Dichter die fictae causae des Wolfs sehr
+vergebens, sehr für die Langeweile erfunden; seine Fabel sagte mehr,
+als er damit hätte sagen wollen, und wäre, mit einem Worte, schlecht.
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 230.}
+
+Ich will mich nicht in mehrere Exempel zerstreuen. Man untersuche es
+nur selbst, und man wird durchgängig finden, daß es bloß von der
+Beschaffenheit des Lehrsatzes abhängt, ob die Fabel eine solche
+Handlung, wie sie Batteux ohne Ausnahme fodert, haben muß oder
+entbehren kann. Der Lehrsatz der itzt erwähnten Fabel des Phaedrus
+machte sie, wie wir gesehen, notwendig, aber tun es deswegen alle
+Lehrsätze? Sind alle Lehrsätze von dieser Art? Oder haben allein die,
+welche es sind, das Recht, in eine Fabel eingekleidet zu werden? Ist
+z. E. der Erfahrungssatz
+
+Laudatis utiliora quae contemseris
+Saepe inveniri
+
+
+nicht wert, in einem einzeln Falle, welcher die Stelle einer
+Demonstration vertreten kann, erkannt zu werden? Und wenn er es ist,
+was für ein Unternehmen, was für eine Absicht, was für eine Wahl liegt
+darin, welche der Dichter auch in der Fabel auszudrücken gehalten wäre?
+
+So viel ist wahr: wenn aus einem Erfahrungssatze unmittelbar eine
+Pflicht, etwas zu tun oder zu lassen, folget, so tut der Dichter
+besser, wenn er die Pflicht, als wenn er den bloßen Erfahrungssatz in
+seiner Fabel ausdrückt.--"Groß sein ist nicht immer ein Glück"--diesen
+Erfahrungssatz in eine schöne Fabel zu bringen möchte kaum möglich
+sein. Die obige Fabel von dem Fischer, welcher nur der größten Fische
+habhaft bleibet, indem die kleinern glücklich durch das Netz
+durchschlupfen, ist, in mehr als einer Betrachtung, ein sehr
+mißlungener Versuch. Aber wer heißt auch dem Dichter, die Wahrheit
+von dieser schielenden und unfruchtbaren Seite nehmen? Wenn groß sein
+nicht immer ein Glück ist, so ist es oft ein Unglück; und wehe dem,
+der wider seinen Willen groß ward, den das Glück ohne sein Zutun erhob,
+um ihn ohne sein Verschulden desto elender zu machen! Die großen
+Fische mußten groß werden; es stand nicht bei ihnen, klein zu bleiben.
+Ich danke dem Dichter für kein Bild, in welchem ebenso viele ihr
+Unglück als ihr Glück erkennen. Er soll niemanden mit seinen
+Umständen unzufrieden machen; und hier macht er doch, daß es die
+Großen mit den ihrigen sein müssen. Nicht das Großsein, sondern die
+eitele Begierde groß zu werden (kenodoxian), sollte er uns als eine
+Quelle des Unglücks zeigen. Und das tat jener Alte [5], der die Fabel
+von den Mäusen und Wieseln erzählte. "Die Mäuse glaubten, daß sie nur
+deswegen in ihrem Kriege mit den Wieseln so unglücklich wären, weil
+sie keine Heerführer hätten, und beschlossen, dergleichen zu wählen.
+Wie rang nicht diese und jene ehrgeizige Maus, es zu werden! Und wie
+teuer kam ihr am Ende dieser Vorzug zu stehen! Die Eiteln banden sich
+Hörner auf,
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 243. Phaedrus libr. IV. Fab. 5.}
+
+"-- ut conspicuum in praelio
+Haberent signum, quod sequerentur milites,
+
+
+"und diese Hörner, als ihr Heer dennoch wieder geschlagen ward,
+hinderten sie, sich in ihre engen Löcher zu retten,
+
+"Haesere in portis, suntque capti ab hostibus
+Quos immolatos victor avidis dentibus
+Capacis alvi mersit tartareo specu."
+
+
+Diese Fabel ist ungleich schöner. Wodurch ist sie es aber anders
+geworden, als dadurch, daß der Dichter die Moral bestimmter und
+fruchtbarer angenommen hat? Er hat das Bestreben nach einer eiteln
+Größe, und nicht die Größe überhaupt, zu seinem Gegenstande gewählet;
+und nur durch dieses Bestreben, durch diese eitle Größe, ist
+natürlicherweise auch in seine Fabel das Leben gekommen, das uns so
+sehr in ihr gefällt.
+
+Überhaupt hat Batteux die Handlung der aesopischen Fabel mit der
+Handlung der Epopee und des Drama viel zu sehr verwirrt. Die Handlung
+der beiden letztern muß außer der Absicht, welche der Dichter damit
+verbindet, auch eine innere, ihr selbst zukommende Absicht haben. Die
+Handlung der erstern braucht diese innere Absicht nicht, und sie ist
+vollkommen genug, wenn nur der Dichter seine Absicht damit erreichet.
+Der heroische und dramatische Dichter machen die Erregung der
+Leidenschaften zu ihrem vornehmsten Endzwecke. Er kann sie aber nicht
+anders erregen als durch nachgeahmte Leidenschaften; und nachahmen
+kann er die Leidenschaften nicht anders, als wenn er ihnen gewisse
+Ziele setzet, welchen sie sich zu nähern oder von welchen sie sich zu
+entfernen streben. Er muß also in die Handlung selbst Absichten legen,
+und diese Absichten unter eine Hauptabsicht so zu bringen wissen, daß
+verschiedene Leidenschaften nebeneinander bestehen können. Der
+Fabuliste hingegen hat mit unsern Leidenschaften nichts zu tun,
+sondern allein mit unserer Erkenntnis. Er will uns von irgendeiner
+einzeln moralischen Wahrheit lebendig überzeugen. Das ist seine
+Absicht, und diese sucht er, nach Maßgebung der Wahrheit, durch die
+sinnliche Vorstellung einer Handlung bald mit, bald ohne Absichten zu
+erhalten. Sobald er sie erhalten hat, ist es ihm gleichviel, ob die
+von ihm erdichtete Handlung ihre innere Endschaft erreicht hat oder
+nicht. Er läßt seine Personen oft mitten auf dem Wege stehen und
+denket im geringsten nicht daran, unserer Neugierde ihretwegen ein
+Genüge zu tun. "Der Wolf beschuldiget den Fuchs eines Diebstahls.
+Der Fuchs leugnet die Tat. Der Affe soll Richter sein. Kläger und
+Beklagter bringen ihre Gründe und Gegengründe vor. Endlich schreitet
+der Affe zum Urteil [6]:
+
+{Fussnote 6: Phaedrus libr. I. Fab. 10.}
+
+"Tu non videris perdidisse, quod petis;
+Te credo surripuisse, quod pulchre negas."
+
+
+Die Fabel ist aus; denn in dem Urteil des Affen lieget die Moral, die
+der Fabulist zum Augenmerke gehabt hat. Ist aber das Unternehmen aus,
+das uns der Anfang derselben verspricht? Man bringe diese Geschichte
+in Gedanken auf die komische Bühne, und man wird sogleich sehen, daß
+sie durch einen sinnreichen Einfall abgeschnitten, aber nicht geendigt
+ist. Der Zuschauer ist nicht zufrieden, wenn er voraussiehet, daß die
+Streitigkeit hinter der Szene wieder von vorne angehen muß.--"Ein
+armer geplagter Greis ward unwillig, warf seine Last von dem Rücken
+und rief den Tod. Der Tod erscheinet. Der Greis erschrickt und fühlt
+betroffen, daß elend leben doch besser als gar nicht leben ist. Nun,
+was soll ich? fragt der Tod. Ach, lieber Tod, mir meine Last wieder
+aufhelfen." [7]--Der Fabulist ist glücklich und zu unserm Vergnügen an
+seinem Ziele. Aber auch die Geschichte? Wie ging es dem Greise?
+Ließ ihn der Tod leben, oder nahm er ihn mit? Um alle solche Fragen
+bekümmert sich der Fabulist nicht; der dramatische Dichter aber muß
+ihnen vorbauen.
+
+{Fussnote 7: Fab. Aesop. 20.}
+
+Und so wird man hundert Beispiele finden, daß wir uns zu einer
+Handlung für die Fabel mit weit wenigerm begnügen als zu einer
+Handlung für das Heldengedichte oder das Drama. Will man daher eine
+allgemeine Erklärung von der Handlung geben, so kann man unmöglich die
+Erklärung des Batteux dafür brauchen, sondern muß sie notwendig so
+weitläuftig machen, als ich es oben getan habe.--Aber der
+Sprachgebrauch? wird man einwerfen. Ich gestehe es; dem
+Sprachgebrauche nach heißt gemeiniglich das eine Handlung, was einem
+gewissen Vorsatze zufolge unternommen wird; dem Sprachgebrauche nach
+muß dieser Vorsatz ganz erreicht sein, wenn man soll sagen können, daß
+die Handlung zu Ende sei. Allein was folgt hieraus? Dieses: wem der
+Sprachgebrauch so gar heilig ist, daß er ihn auf keine Weise zu
+verletzen wagt, der enthalte sich des Wortes Handlung, insofern es
+eine wesentliche Eigenschaft der Fabel ausdrücken soll, ganz und gar.--
+
+Und, alles wohl überlegt, dem Rate werde ich selbst folgen. Ich will
+nicht sagen, die moralische Lehre werde in der Fabel durch eine
+Handlung ausgedrückt, sondern ich will lieber ein Wort von einem
+weitern Umfange suchen und sagen, der allgemeine Satz werde durch die
+Fabel auf einen einzeln Fall zurückgeführet. Dieser einzelne Fall
+wird allezeit das sein, was ich oben unter dem Worte Handlung
+verstanden habe; das aber, was Batteux darunter verstehet, wird er nur
+dann und wann sein. Er wird allezeit eine Folge von Veränderungen
+sein, die durch die Absicht, die der Fabulist damit verbindet, zu
+einem Ganzen werden. Sind sie es auch außer dieser Absicht, desto
+besser! Eine Folge von Veränderungen--daß es aber Veränderungen
+freier, moralischer Wesen sein müssen, verstehet sich von selbst.
+Denn sie sollen einen Fall ausmachen, der unter einem Allgemeinen, das
+sich nur von moralischen Wesen sagen läßt, mit begriffen ist. Und
+darin hat Batteux freilich recht, daß das, was er die Handlung der
+Fabel nennet, bloß vernünftigen Wesen zukomme. Nur kömmt es ihnen
+nicht deswegen zu, weil es ein Unternehmen mit Absicht ist, sondern
+weil es Freiheit voraussetzt. Denn die Freiheit handelt zwar allezeit
+aus Gründen, aber nicht allezeit aus Absichten.---
+
+Sind es meine Leser nun bald müde, mich nichts als widerlegen zu
+hören? Ich wenigstens bin es. De La Motte, Richer, Breitinger,
+Batteux sind Kunstrichter von allerlei Art, mittelmäßige, gute,
+vortreffliche. Man ist in Gefahr, sich auf dem Wege zur Wahrheit zu
+verirren, wenn man sich um gar keine Vorgänger bekümmert; und man
+versäumt sich ohne Not, wenn man sich um alle bekümmern will.
+
+Wie weit bin ich? Hui, daß mir meine Leser alles, was ich mir so
+mühsam erstritten habe, von selbst geschenkt hätten!--In der Fabel
+wird nicht eine jede Wahrheit, sondern ein allgemeiner moralischer
+Satz nicht unter die Allegorie einer Handlung, sondern auf einen
+einzeln Fall nicht versteckt oder verkleidet, sondern so
+zurückgeführet, daß ich nicht bloß einige Ähnlichkeiten mit dem
+moralischen Satze in ihm entdecke, sondern diesen ganz anschauend
+darin erkenne.
+
+Und das ist das Wesen der Fabel? Das ist es, ganz erschöpft?--Ich
+wollte es gern meine Leser bereden, wenn ich es nur erst selbst
+glaubte.--Ich lese bei dem Aristoteles [1]: "Eine obrigkeitliche Person
+durch das Los ernennen ist eben, als wenn ein Schiffsherr, der einen
+Steuermann braucht, es auf das Los ankommen ließe, welcher von seinen
+Matrosen es sein sollte, anstatt daß er den allergeschicktesten dazu
+unter ihnen mit Fleiß aussuchte."--Hier sind zwei besondere Fälle, die
+unter eine allgemeine moralische Wahrheit gehören. Der eine ist der
+sich eben itzt äußernde, der andere ist der erdichtete. Ist dieser
+erdichtete eine Fabel? Niemand wird ihn dafür gelten lassen.--Aber
+wenn es bei dem Aristoteles so hieße: "Ihr wollt euren Magistrat durch
+das Los ernennen? Ich sorge, es wird euch gehen wie jenem
+Schiffsherrn, der, als es ihm an einem Steuermanne fehlte etc." Das
+verspricht doch eine Fabel? Und warum? Welche Veränderung ist damit
+vorgegangen? Man betrachte alles genau, und man wird keine finden als
+diese: Dort ward der Schiffsherr durch ein als wenn eingeführt, er
+ward bloß als möglich betrachtet; und hier hat er die Wirklichkeit
+erhalten, es ist hier ein gewisser, es ist jener Schiffsherr.
+
+{Fussnote 1: Aristoteles Rhetor. libr. II. cap. 20.}
+
+Das trifft den Punkt! Der einzelne Fall, aus welchem die Fabel
+bestehet, muß als wirklich vorgestellet werden. Begnüge ich mich an
+der Möglichkeit desselben, so ist es ein Beispiel, eine Parabel.--Es
+verlohnt sich der Mühe, diesen wichtigen Unterschied, aus welchem man
+allein so viel zweideutigen Fabeln das Urteil sprechen muß, an einigen
+Exempeln zu zeigen.--Unter den aesopischen Fabeln des Planudes lieset
+man auch folgendes: "Der Biber ist ein vierfüßiges Tier, das meistens
+im Wasser wohnet und dessen Geilen in der Medizin von großem Nutzen
+sind. Wenn nun dieses Tier von den Menschen verfolgt wird und ihnen
+nicht mehr entkommen kann, was tut es? Es beißt sich selbst die
+Geilen ab und wirft sie seinen Verfolgern zu. Denn es weiß gar wohl,
+daß man ihm nur dieserwegen nachstellet und es sein Leben und seine
+Freiheit wohlfeiler nicht erkaufen kann." [2]--Ist das eine Fabel? Es
+liegt wenigstens eine vortreffliche Moral darin. Und dennoch wird
+sich niemand bedenken, ihr den Namen einer Fabel abzusprechen. Nur
+über die Ursache, warum er ihr abzusprechen sei, werden sich
+vielleicht die meisten bedenken und uns doch endlich eine falsche
+angeben. Es ist nichts als eine Naturgeschichte: würde man vielleicht
+mit dem Verfasser der Critischen Briefe [3] sagen. Aber gleichwohl,
+würde ich mit ebendiesem Verfasser antworten, handelt hier der Biber
+nicht aus bloßem Instinkt, er handelt aus freier Wahl und nach reifer
+Überlegung, denn er weiß es, warum er verfolgt wird (ginwskwn ou carin
+diwketai). Diese Erhebung des Instinkts zur Vernunft, wenn ich ihm
+glauben soll, macht es ja eben, daß eine Begegnis aus dem Reiche der
+Tiere zu einer Fabel wird. Warum wird sie es denn hier nicht? Ich
+sage: sie wird es deswegen nicht, weil ihr die Wirklichkeit fehlet.
+Die Wirklichkeit kömmt nur dem Einzeln, dem Individuo zu, und es läßt
+sich keine Wirklichkeit ohne die Individualität gedenken. Was also
+hier von dem ganzen Geschlechte der Biber gesagt wird, hätte müssen
+nur von einem einzigen Biber gesagt werden, und alsdenn wäre es eine
+Fabel geworden.--Ein ander Exempel: "Die Affen, sagt man, bringen zwei
+Junge zur Welt, wovon sie das eine sehr heftig lieben und mit aller
+möglichen Sorgfalt pflegen, das andere hingegen hassen und versäumen.
+Durch ein sonderbares Geschick aber geschieht es, daß die Mutter das
+Geliebte unter häufigen Liebkosungen erdrückt, indem das Verachtete
+glücklich aufwächset." [4] Auch dieses ist aus ebender Ursache, weil
+das, was nur von einem Individuo gesagt werden sollte, von einer
+ganzen Art gesagt wird, keine Fabel. Als daher l'Estrange eine Fabel
+daraus machen wollte, mußte er ihm diese Allgemeinheit nehmen und die
+Individualität dafür erteilen [5]. "Eine Äffin, erzählt er, hatte zwei
+Junge; in das eine war sie närrisch verliebt, an dem andern aber war
+ihr sehr wenig gelegen. Einsmals überfiel sie ein plötzlicher
+Schrecken. Geschwind rafft sie ihren Liebling auf, nimmt ihn in die
+Arme, eilt davon, stürzt aber und schlägt mit ihm gegen einen Stein,
+daß ihm das Gehirn aus dem zerschmetterten Schädel springt. Das
+andere Junge, um das sie sich im geringsten nicht bekümmert hatte, war
+ihr von selbst auf den Rücken gesprungen, hatte sich an ihre Schultern
+angeklammert und kam glücklich davon."--Hier ist alles bestimmt; und
+was dort nur eine Parabel war, ist hier zur Fabel geworden.--Das schon
+mehr als einmal angeführte Beispiel von dem Fischer hat den nämlichen
+Fehler; denn selten hat eine schlechte Fabel einen Fehler allein. Der
+Fall ereignet sich allezeit, sooft das Netz gezogen wird, daß die
+Fische, welche kleiner sind als die Gitter des Netzes, durchschlupfen
+und die größern hängenbleiben. Für sich selbst ist dieser Fall also
+kein individueller Fall, sondern hätte es durch andere mit ihm
+verbundene Nebenumstände erst werden müssen.
+
+{Fussnote 2: Fabul. Aesop. 33.}
+
+{Fussnote 3: Critische Briefe. Zürich 1746. S. 168.}
+
+{Fussnote 4: Fab. Aesop. 268.}
+
+{Fussnote 5: In seinen Fabeln, so wie sie Richardson adoptiert hat,
+die 187.}
+
+Die Sache hat also ihre Richtigkeit: der besondere Fall, aus welchem
+die Fabel bestehet, muß als wirklich vorgestellt werden; er muß das
+sein, was wir in dem strengsten Verstande einen einzeln Fall nennen.
+Aber warum? Wie steht es um die philosophische Ursache? Warum
+begnügt sich das Exempel der praktischen Sittenlehre, wie man die
+Fabel nennen kann, nicht mit der bloßen Möglichkeit, mit der sich die
+Exempel andrer Wissenschaften begnügen?--Wieviel ließe sich hiervon
+plaudern, wenn ich bei meinen Lesern gar keine richtige psychologische
+Begriffe voraussetzen wollte. Ich habe mich oben schon geweigert, die
+Lehre von der anschauenden Erkenntnis aus unserm Weltweisen
+abzuschreiben. Und ich will auch hier nicht mehr davon beibringen als
+unumgänglich nötig ist, die Folge meiner Gedanken zu zeigen.
+
+Die anschauende Erkenntnis ist für sich selbst klar. Die symbolische
+entlehnet ihre Klarheit von der anschauenden.
+
+Das Allgemeine existierst nur in dem Besondern und kann nur in dem
+Besondern anschauend erkannt werden.
+
+Einem allgemeinen symbolischen Schlusse folglich alle die Klarheit zu
+geben, deren er fähig ist, das ist, ihn soviel als möglich zu
+erläutern, müssen wir ihn auf das Besondere reduzieren, um ihn in
+diesem anschauend zu erkennen.
+
+Ein Besonderes, insofern wir das Allgemeine in ihm anschauend erkennen,
+heißt ein Exempel.
+
+Die allgemeinen symbolischen Schlüsse werden also durch Exempel
+erläutert. Alle Wissenschaften bestehen aus dergleichen symbolischen
+Schlüssen; alle Wissenschaften bedürfen daher der Exempel.
+
+Doch die Sittenlehre muß mehr tun als ihre allgemeinen Schlüsse bloß
+erläutern; und die Klarheit ist nicht der einzige Vorzug der
+anschauenden Erkenntnis.
+
+Weil wir durch diese einen Satz geschwinder übersehen und so in einer
+kürzern Zeit mehr Bewegungsgründe in ihm entdecken können, als wenn er
+symbolisch ausgedrückt ist: so hat die anschauende Erkenntnis auch
+einen weit größern Einfluß in den Willen als die symbolische.
+
+Die Grade dieses Einflusses richten sich nach den Graden ihrer
+Lebhaftigkeit; und die Grade ihrer Lebhaftigkeit nach den Graden der
+nähern und mehrern Bestimmungen, in die das Besondere gesetzt wird.
+Je näher das Besondere bestimmt wird, je mehr sich darin unterscheiden
+läßt, desto größer ist die Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis.
+
+Die Möglichkeit ist eine Art des Allgemeinen; denn alles was möglich
+ist, ist auf verschiedene Art möglich.
+
+Ein Besonderes also, bloß als möglich betrachtet, ist gewissermaßen
+noch etwas Allgemeines und hindert, als dieses, die Lebhaftigkeit der
+anschauenden Erkenntnis.
+
+Folglich muß es als wirklich betrachtet werden und die Individualität
+erhalten, unter der es allein wirklich sein kann, wenn die anschauende
+Erkenntnis den höchsten Grad ihrer Lebhaftigkeit erreichen und so
+mächtig als möglich auf den Willen wirken soll.
+
+Das Mehrere aber, das die Sittenlehre, außer der Erläuterung, ihren
+allgemeinen Schlüssen schuldig ist, bestehet eben in dieser ihnen zu
+erteilenden Fähigkeit auf den Willen zu wirken, die sie durch die
+anschauende Erkenntnis in dem Wirklichen erhalten, da andere
+Wissenschaften, denen es um die bloße Erläuterung zu tun ist, sich mit
+einer geringern Lebhaftigkeit der anschauenden Erkenntnis, deren das
+Besondere, als bloß möglich betrachtet, fähig ist, begnügen.
+
+Hier bin ich also! Die Fabel erfordert deswegen einen wirklichen Fall,
+weil man in einem wirklichen Falle mehr Bewegungsgründe und
+deutlicher unterscheiden kann als in einem möglichen, weil das
+Wirkliche eine lebhaftere Überzeugung mit sich führet als das bloß
+Mögliche.
+
+Aristoteles scheinet diese Kraft des Wirklichen zwar gekannt zu haben;
+weil er sie aber aus einer unrechten Quelle herleitet, so konnte es
+nicht fehlen, er mußte eine falsche Anwendung davon machen. Es wird
+nicht undienlich sein, seine ganze Lehre von dem Exempel (peri
+paradeigmatoV) hier zu übersehen [6]. Erst von seiner Einteilung des
+Exempels: Paradeigmatwn d’ eidh duo estin, sagt er, en men gar esti
+paradeigmatoV eidoV, to legein pragmata progegenhmena, en de, to auta
+poiein. Toutou d’ en men parabolh: en de logoi: oion oi aiswpeioi kai
+libukoi. Die Einteilung überhaupt ist richtig; von einem Kommentator
+aber würde ich verlangen, daß er uns den Grund von der Unterabteilung
+der erdichteten Exempel beibrächte und uns lehrte, warum es deren nur
+zweierlei Arten gäbe und mehrere nicht geben könne. Er würde diesen
+Grund, wie ich es oben getan habe, leicht aus den Beispielen selbst
+abstrahieren können, die Aristoteles davon gibt. Die Parabel nämlich
+führt er durch ein wsper ei tiV ein; und die Fabeln erzählt er als
+etwas wirklich Geschehenes. Der Kommentator müßte also diese Stelle
+so umschreiben: Die Exempel werden entweder aus der Geschichte
+genommen oder in Ermangelung derselben erdichtet. Bei jedem
+geschehenen Dinge läßt sich die innere Möglichkeit von seiner
+Wirklichkeit unterscheiden, obgleich nicht trennen, wenn es ein
+geschehenes Ding bleiben soll. Die Kraft, die es als ein Exempel
+haben soll, liegt also entweder in seiner bloßen Möglichkeit oder
+zugleich in seiner Wirklichkeit. Soll sie bloß in jener liegen, so
+brauchen wir, in seiner Ermangelung, auch nur ein bloß mögliches Ding
+zu erdichten; soll sie aber in dieser liegen, so müssen wir auch
+unsere Erdichtung von der Möglichkeit zur Wirklichkeit erheben. In
+dem ersten Falle erdichten wir eine Parabel und in dem andern eine
+Fabel.--(Was für eine weitere Einteilung der Fabel hieraus folge, wird
+sich in der dritten Abhandlung zeigen.)
+
+{Fussnote 6: Aristoteles Rhetor. lib. II. cap. 20.}
+
+Und so weit ist wider die Lehre des Griechen eigentlich nichts zu
+erinnern. Aber nunmehr kömmt er auf den Wert dieser verschiedenen
+Arten von Exempeln und sagt: Eisi d’ oi logoi dhmhgorikoi: kai ecousin
+agaJon touto, oti pragmata men eurein omoia gegenhmena, calepon,
+logouV de raon. Poihsai gar dei wsper kai parabolaV, an tiV dunhtai
+to omoion oran, oper raon estin ek jilosojiaV. Raw men oun porisasJai
+ta dia twn logwn: crhsimwtera de proV to bouleusasJai, ta dia twn
+pragmatwn: omoia gar, wV epi to polu, ta mellonta toiV gegonosi. Ich
+will mich itzt nur an den letzten Ausspruch dieser Stelle halten.
+Aristoteles sagt, die historischen Exempel hätten deswegen eine
+größere Kraft zu überzeugen als die Fabeln, weil das Vergangene
+gemeiniglich dem Zukünftigen ähnlich sei. Und hierin, glaube ich, hat
+sich Aristoteles geirret. Von der Wirklichkeit eines Falles, den ich
+nicht selbst erfahren habe, kann ich nicht anders als aus Gründen der
+Wahrscheinlichkeit überzeugt werden. Ich glaube bloß deswegen, daß
+ein Ding geschehen und daß es soundso geschehen ist, weil es höchst
+wahrscheinlich ist und höchst unwahrscheinlich sein würde, wenn es
+nicht oder wenn es anders geschehen wäre. Da also einzig und allein
+die innere Wahrscheinlichkeit mich die ehemalige Wirklichkeit eines
+Falles glauben macht und diese innere Wahrscheinlichkeit sich
+ebensowohl in einem erdichteten Falle finden kann: was kann die
+Wirklichkeit des erstern für eine größere Kraft auf meine Überzeugung
+haben als die Wirklichkeit des andern? Ja noch mehr. Da das
+historische Wahre nicht immer auch wahrscheinlich ist, da Aristoteles
+selbst die Sentenz des Agatho billiget:
+
+Tac’ an tiV eikoV auto tout’ einai legoi:
+Brotoisi polla tugcanein ouk eikota,
+
+
+da er hier selbst sagt, daß das Vergangene nur gemeiniglich (epi to
+polu) dem Zukünftigen ähnlich sei, der Dichter aber die freie Gewalt
+hat, hierin von der Natur abzugehen und alles, was er für wahr ausgibt,
+auch wahrscheinlich zu machen: so sollte ich meinen, wäre es wohl
+klar, daß den Fabeln, überhaupt zu reden, in Ansehung der
+Überzeugungskraft, der Vorzug vor den historischen Exempeln gebühre
+etc.
+
+Und nunmehr glaube ich meine Meinung von dem Wesen der Fabel genugsam
+vorbereitete zu haben. Ich fasse daher alles zusammen und sage: Wenn
+wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall
+zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen und
+eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz
+anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.
+
+Das ist meine Erklärung, und ich hoffe, daß man sie, bei der Anwendung,
+ebenso richtig als fruchtbar finden wird.
+
+
+
+
+II. Von dem Gebrauche der Tiere in der Fabel
+
+
+Der größte Teil der Fabeln hat Tiere, und wohl noch geringere
+Geschöpfe, zu handelnden Personen.--Was ist hiervon zu halten? Ist es
+eine wesentliche Eigenschaft der Fabel, daß die Tiere darin zu
+moralischen Wesen erhoben werden? Ist es ein Handgriff, der dem
+Dichter die Erreichung seiner Absicht verkürzt und erleichtert? Ist
+es ein Gebrauch, der eigentlich keinen ernstlichen Nutzen hat, den man
+aber, zu Ehren des ersten Erfinders, beibehält, weil er wenigstens
+schnackisch ist--quod risum movet? Oder was ist es?
+
+Batteux hat diese Fragen entweder gar nicht vorausgesehen, oder er war
+listig genug, daß er ihnen damit zu entkommen glaubte, wenn er den
+Gebrauch der Tiere seiner Erklärung sogleich mit anflickte. Die Fabel,
+sagt er, ist die Erzählung einer allegorischen Handlung, die
+gemeiniglich den Tieren beigelegt wird.--Vollkommen à la Françoise!
+Oder wie der Hahn über die Kohlen!--Warum, möchten wir gerne wissen,
+warum wird sie gemeiniglich den Tieren beigelegt? Oh, was ein
+langsamer Deutscher nicht alles fragt!
+
+Überhaupt ist unter allen Kunstrichtern Breitinger der einzige, der
+diesen Punkt berührt hat. Er verdient es also um so viel mehr, daß
+wir ihn hören. "Weil Aesopus, sagt er, die Fabel zum Unterrichte des
+gemeinen bürgerlichen Lebens angewendet, so waren seine Lehren
+meistens ganz bekannte Sätze und Lebensregeln, und also mußte er auch
+zu den allegorischen Vorstellungen derselben ganz gewohnte Handlungen
+und Beispiele aus dem gemeinen Leben der Menschen entlehnen: Da nun
+aber die täglichen Geschäfte und Handlungen der Menschen nichts
+Ungemeines oder merkwürdig Reizendes an sich haben, so mußte man
+notwendig auf ein neues Mittel bedacht sein, auch der allegorischen
+Erzählung eine anzügliche Kraft und ein reizendes Ansehen mitzuteilen,
+um ihr also dadurch einen sichern Eingang in das menschliche Herz
+aufzuschließen. Nachdem man nun wahrgenommen, daß allein das Seltene,
+Neue und Wunderbare eine solche erweckende und angenehm entzückende
+Kraft auf das menschliche Gemüt mit sich führet, so war man bedacht,
+die Erzählung durch die Neuheit und Seltsamkeit der Vorstellungen
+wunderbar zu machen und also dem Körper der Fabel eine ungemeine und
+reizende Schönheit beizulegen. Die Erzählung bestehet aus zween
+wesentlichen Hauptumständen, dem Umstande der Person, und der Sache
+oder Handlung; ohne diese kann keine Erzählung Platz haben. Also muß
+das Wunderbare, welches in der Erzählung herrschen soll, sich entweder
+auf die Handlung selbst oder auf die Personen, denen selbige
+zugeschrieben wird, beziehen. Das Wunderbare, das in den täglichen
+Geschäften und Handlungen der Menschen vorkömmt, bestehet vornehmlich
+in dem Unvermuteten, sowohl in Absicht auf die Vermessenheit im
+Unterfangen als die Bosheit oder Torheit im Ausführen, zuweilen auch
+in einem ganz unerwarteten Ausgange einer Sache: Weil aber dergleichen
+wunderbare Handlungen in dem gemeinen Leben der Menschen etwas
+Ungewohntes und Seltenes sind, da hingegen die meisten gewöhnlichen
+Handlungen gar nichts Ungemeines oder Merkwürdiges an sich haben, so
+sah man sich gemüßiget, damit die Erzählung als der Körper der Fabel
+nicht verächtlich würde, derselben durch die Veränderung und
+Verwandlung der Personen einen angenehmen Schein des Wunderbaren
+mitzuteilen. Da nun die Menschen, bei aller ihrer Verschiedenheit,
+dennoch überhaupt betrachtet in einer wesentlichen Gleichheit und
+Verwandtschaft stehen, so besann man sich, Wesen von einer höhern
+Natur, die man wirklich zu sein glaubte, als Götter und Genios oder
+solche, die man durch die Freiheit der Dichter zu Wesen erschuf, als
+die Tugenden, die Kräfte der Seele, das Glück, die Gelegenheit etc. in
+die Erzählung einzuführen; vornehmlich aber nahm man sich die Freiheit
+heraus, die Tiere, die Pflanzen und noch geringere Wesen, nämlich die
+leblosen Geschöpfe, zu der höhern Natur der vernünftigen Wesen zu
+erheben, indem man ihnen menschliche Vernunft und Rede mitteilte,
+damit sie also fähig würden, uns ihren Zustand und ihre Begegnisse in
+einer uns vernehmlichen Sprache zu erklären und durch ihr Exempel von
+ähnlichen moralischen Handlungen unsre Lehrer abzugeben etc."--
+
+Breitinger also behauptet, daß die Erreichung des Wunderbaren die
+Ursache sei, warum man in der Fabel die Tiere und andere niedrigere
+Geschöpfe reden und vernunftmäßig handeln lasse. Und eben weil er
+dieses für die Ursache hält, glaubt er, daß die Fabel überhaupt, in
+ihrem Wesen und Ursprunge betrachtet, nichts anders als ein
+lehrreiches Wunderbare sei. Diese seine zweite Erklärung ist es,
+welche ich hier, versprochnermaßen, untersuchen muß.
+
+Es wird aber bei dieser Untersuchung vornehmlich darauf ankommen, ob
+die Einführung der Tiere in der Fabel wirklich wunderbar ist. Ist sie
+es, so hat Breitinger viel gewonnen; ist sie es aber nicht, so liegt
+auch sein ganzes Fabelsystem, mit einmal, über dem Haufen.
+
+Wunderbar soll diese Einführung sein? Das Wunderbare, sagt ebendieser
+Kunstrichter, legt den Schein der Wahrheit und Möglichkeit ab. Diese
+anscheinende Unmöglichkeit also gehöret zu dem Wesen des Wunderbaren;
+und wie soll ich nunmehr jenen Gebrauch der Alten, den sie selbst
+schon zu einer Regel gemacht hatten, damit vergleichen? Die Alten
+nämlich fingen ihre Fabeln am liebsten mit dem Fasi und dem darauf
+folgenden Klagefalle an. Die griechischen Rhetores nennen dieses kurz,
+die Fabel in dem Klagefalle (taiV aitiatikaiV) vortragen; und Theon,
+wenn er in seinen Vorübungen [1] hierauf kömmt, führet eine Stelle des
+Aristoteles an, wo der Philosoph diesen Gebrauch billiget und es zwar
+deswegen für ratsamer erkläret, sich bei Einführung einer Fabel lieber
+auf das Altertum zu berufen, als in der eigenen Person zu sprechen,
+damit man den Anschein, als erzähle man etwas Unmögliches, vermindere
+(ina paramuJhswntai to dokein adunata legein). War also das der Alten
+ihre Denkungsart, wollten sie den Schein der Unmöglichkeit in der
+Fabel soviel als möglich vermindert wissen: so mußten sie notwendig
+weit davon entfernt sein, in der Fabel etwas Wunderbares zu suchen
+oder zur Absicht zu haben; denn das Wunderbare muß sich auf diesen
+Schein der Unmöglichkeit gründen.
+
+{Fussnote 1: Nach der Ausgabe des Camerarius, S. 28.}
+
+Weiter! Das Wunderbare, sagt Breitinger an mehr als einem Orte, sei
+der höchste Grad des Neuen. Diese Neuheit aber muß das Wunderbare,
+wenn es seine gehörige Wirkung auf uns tun soll, nicht allein bloß in
+Ansehung seiner selbst, sondern auch in Ansehung unsrer Vorstellungen
+haben. Nur das ist wunderbar, was sich sehr selten in der Reihe der
+natürlichen Dinge eräugnet. Und nur das Wunderbare behält seinen
+Eindruck auf uns, dessen Vorstellung in der Reihe unsrer Vorstellungen
+ebenso selten vorkommt. Auf einen fleißigen Bibelleser wird das
+größte Wunder, das in der Schrift aufgezeichnet ist, den Eindruck bei
+weitem nicht mehr machen, den es das erstemal auf ihn gemacht hat. Er
+lieset es endlich mit ebenso wenigem Erstaunen, daß die Sonne einmal
+stillegestanden, als er sie täglich auf- und niedergehen sieht. Das
+Wunder bleibt immer dasselbe; aber nicht unsere Gemütsverfassung, wenn
+wir es zu oft denken.--Folglich würde auch die Einführung der Tiere
+uns höchstens nur in den ersten Fabeln wunderbar vorkommen; fänden wir
+aber, daß die Tiere fast in allen Fabeln sprächen und urteilten, so
+würde diese Sonderbarkeit, so groß sie auch an und vor sich selbst
+wäre, doch gar bald nichts Sonderbares mehr für uns haben.
+
+Aber wozu alle diese Umschweife? Was sich auf einmal umreißen läßt,
+braucht man das erst zu erschüttern?--Darum kurz: daß die Tiere, und
+andere niedrigere Geschöpfe, Sprache und Vernunft haben, wird in der
+Fabel vorausgesetzt; es wird angenommen und soll nichts weniger als
+wunderbar sein.--Wenn ich in der Schrift lese [2]: "Da tat der Herr der
+Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam etc.", so lese ich etwas
+Wunderbares. Aber wenn ich bei dem Aesopus lese [3]: Fasin, ote
+jwnhneta hn ta zwa, thn oin proV ton despothn eipein: "Damals, als die
+Tiere noch redeten, soll das Schaf zu seinem Hirten gesagt haben", so
+ist es ja wohl offenbar, daß mir der Fabulist nichts Wunderbares
+erzählen will, sondern vielmehr etwas, das zu der Zeit, die er mit
+Erlaubnis seines Lesers annimmt, dem gemeinen Laufe der Natur
+vollkommen gemäß war.
+
+{Fussnote 2: 4. B. Mos. XXII. 28.}
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 316.}
+
+Und das ist so begreiflich, sollte ich meinen, daß ich mich schämen
+muß, noch ein Wort hinzuzutun. Ich komme vielmehr sogleich auf die
+wahre Ursache--die ich wenigstens für die wahre halte--, warum der
+Fabulist die Tiere oft zu seiner Absicht bequemer findet als die
+Menschen.--Ich setze sie in die allgemein bekannte Bestandheit der
+Charaktere.--Gesetzt auch, es wäre noch so leicht, in der Geschichte
+ein Exempel zu finden, in welchem sich diese oder jene moralische
+Wahrheit anschauend erkennen ließe. Wird sie sich deswegen von jedem,
+ohne Ausnahme, darin erkennen lassen? Auch von dem, der mit den
+Charakteren der dabei interessierten Personen nicht vertraut ist?
+Unmöglich! Und wieviel Personen sind wohl in der Geschichte so
+allgemein bekannt, daß man sie nur nennen dürfte, um sogleich bei
+einem jeden den Begriff von der ihnen zukommenden Denkungsart und
+andern Eigenschaften zu erwecken? Die umständliche Charakterisierung
+daher zu vermeiden, bei welcher es doch noch immer zweifelhaft ist, ob
+sie bei allen die nämlichen Ideen hervorbringt, war man gezwungen,
+sich lieber in die kleine Sphäre derjenigen Wesen einzuschränken, von
+denen man es zuverlässig weiß, daß auch bei den Unwissendsten ihren
+Benennungen diese und keine andere Idee entspricht. Und weil von
+diesen Wesen die wenigsten ihrer Natur nach geschickt waren, die
+Rollen freier Wesen über sich zu nehmen, so erweiterte man lieber die
+Schranken ihrer Natur und machte sie, unter gewissen wahrscheinlichen
+Voraussetzungen, dazu geschickt.
+
+Man hört: Britannicus und Nero. Wie viele wissen, was sie hören? Wer
+war dieser? Wer jener? In welchem Verhältnisse stehen sie
+gegeneinander?--Aber man hört: der Wolf und das Lamm; sogleich weiß
+jeder, was er höret, und weiß, wie sich das eine zu dem andern verhält.
+Diese Wörter, welche stracks ihre gewissen Bilder in uns erwecken,
+befördern die anschauende Erkenntnis, die durch jene Namen, bei
+welchen auch die, denen sie nicht unbekannt sind, gewiß nicht alle
+vollkommen ebendasselbe denken, verhindert wird. Wenn daher der
+Fabulist keine vernünftigen Individua auftreiben kann, die sich durch
+ihre bloße Benennungen in unsere Einbildungskraft schildern, so ist es
+ihm erlaubt, und er hat Fug und Recht, dergleichen unter den Tieren
+oder unter noch geringem Geschöpfen zu suchen. Man setze, in der
+Fabel von dem Wolfe und dem Lamme, anstatt des Wolfes den Nero,
+anstatt des Lammes den Britannicus, und die Fabel hat auf einmal alles
+verloren, was sie zu einer Fabel für das ganze menschliche Geschlecht
+macht. Aber man setze anstatt des Lammes und des Wolfes den Riesen
+und den Zwerg, und sie verlieret schon weniger; denn auch der Riese
+und der Zwerg sind Individua, deren Charakter, ohne weitere Hinzutuung,
+ziemlich aus der Benennung erhellet. Oder man verwandle sie lieber
+gar in folgende menschliche Fabel: "Ein Priester kam zu dem armen
+Manne des Propheten [4] und sagte: Bringe dein weißes Lamm vor den
+Altar, denn die Götter fordern ein Opfer. Der Arme erwiderte: mein
+Nachbar hat eine zahlreiche Herde, und ich habe nur das einzige Lamm.
+Du hast aber den Göttern ein Gelübde getan, versetzte dieser, weil sie
+deine Felder gesegnet.--Ich habe kein Feld, war die Antwort.--Nun so
+war es damals, als sie deinen Sohn von seiner Krankheit genesen
+ließen--Oh, sagte der Arme, die Götter haben ihn selbst zum Opfer
+hingenommen. Gottloser! zürnte der Priester, du lästerst! und riß das
+Lamm aus seinem Schoße etc."--Und wenn in dieser Verwandlung die Fabel
+noch weniger verloren hat, so kömmt es bloß daher, weil man mit dem
+Worte Priester den Charakter der Habsüchtigkeit, leider, noch weit
+geschwinder verbindet als den Charakter der Blutdürstigkeit mit dem
+Worte Riese und durch den armen Mann des Propheten die Idee der
+unterdrückten Unschuld noch leichter erregt wird als durch den Zwerg.
+--Der beste Abdruck dieser Fabel, in welchem sie ohne Zweifel am
+allerwenigsten verloren hat, ist die Fabel von der Katze und dem Hahne
+[5]. Doch weil man auch hier sich das Verhältnis der Katze gegen den
+Hahn nicht so geschwind denkt als dort das Verhältnis des Wolfes zum
+Lamme, so sind diese noch immer die allerbequemsten Wesen, die der
+Fabulist zu seiner Absicht hat wählen können.
+
+{Fussnote 4: 2. B. Samuelis XII.}
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 6.}
+
+Der Verfasser der oben angeführten Critischen Briefe ist mit
+Breitingern einerlei Meinung und sagt unter andern, in der erdichteten
+Person des Hermann Axels [6]: "Die Fabel bekommt durch diese sonderbare
+Personen ein wunderliches Ansehen. Es wäre keine ungeschickte Fabel,
+wenn man dichtete: Ein Mensch sah auf einem hohen Baume die schönsten
+Birnen hangen, die seine Lust, davon zu essen, mächtig reizeten. Er
+bemühte sich lange, auf denselben hinaufzuklimmen, aber es war umsonst,
+er mußte es endlich aufgeben. Indem er wegging, sagte er: Es ist mir
+gesunder, daß ich sie noch länger stehenlasse, sie sind doch noch
+nicht zeitig genug. Aber dieses Geschichtchen reizet nicht stark
+genug; es ist zu platt etc."--Ich gestehe es Hermann Axeln zu; das
+Geschichtchen ist sehr platt und verdienet nichts weniger als den
+Namen einer guten Fabel. Aber ist es bloß deswegen so platt geworden,
+weil kein Tier darin redet und handelt? Gewiß nicht; sondern es ist
+es dadurch geworden, weil er das Individuum, den Fuchs, mit dessen
+bloßem Namen wir einen gewissen Charakter verbinden, aus welchem sich
+der Grund von der ihm zugeschriebenen Handlung angeben läßt, in ein
+anders Individuum verwandelt hat, dessen Name keine Idee eines
+bestimmten Charakters in uns erwecket. "Ein Mensch!" Das ist ein viel
+zu allgemeiner Begriff für die Fabel. An was für eine Art von
+Menschen soll ich dabei denken? Es gibt deren so viele! Aber "ein
+Fuchs!" Der Fabulist weiß nur von einem Fuchse, und sobald er mir das
+Wort nennt, fallen auch meine Gedanken sogleich nur auf einen
+Charakter. Anstatt des Menschen überhaupt hätte Hermann Axel also
+wenigstens einen Gasconier setzen müssen. Und alsdenn würde er wohl
+gefunden haben, daß die Fabel, durch die bloße Weglassung des Tieres,
+so viel eben nicht verlöre, besonders wenn er in dem nämlichen
+Verhältnisse auch die übrigen Umstände geändert und den Gasconier nach
+etwas mehr als nach Birnen lüstern gemacht hätte.
+
+{Fussnote 6: S. 166.}
+
+Da also die allgemein bekannten und unveränderlichen Charaktere der
+Tiere die eigentliche Ursache sind, warum sie der Fabulist zu
+moralischen Wesen erhebt, so kömmt mir es sehr sonderbar vor, wenn man
+es einem zum besondern Ruhme machen will, "daß der Schwan in seinen
+Fabeln nicht singe, noch der Pelikan sein Blut für seine Jungen
+vergieße" [7].--Als ob man in den Fabelbüchern die Naturgeschichte
+studieren sollte! Wenn dergleichen Eigenschaften allgemein bekannt
+sind, so sind sie wert, gebraucht zu werden, der Naturalist mag sie
+bekräftigen oder nicht. Und derjenige, der sie uns, es sei durch
+seine Exempel oder durch seine Lehre, aus den Händen spielen will, der
+nenne uns erst andere Individua, von denen es bekannt ist, daß ihnen
+die nämlichen Eigenschaften in der Tat zukommen.
+
+{Fussnote 7: Man sehe die kritische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.}
+
+Je tiefer wir auf der Leiter der Wesen herabsteigen, desto seltner
+kommen uns dergleichen allgemein bekannte Charaktere vor. Dieses ist
+denn auch die Ursache, warum sich der Fabulist so selten in dem
+Pflanzenreiche, noch seltener in dem Steinreiche und am
+allerseltensten vielleicht unter den Werken der Kunst finden läßt.
+Denn daß es deswegen geschehen sollte, weil es stufenweise immer
+unwahrscheinlicher werde, daß diese geringern Werke der Natur und
+Kunst empfinden, denken und sprechen könnten, will mir nicht ein. Die
+Fabel von dem ehernen und dem irdenen Topfe ist nicht um ein Haar
+schlechter oder unwahrscheinlicher als die beste Fabel z. E. von
+einem Affen, so nahe auch dieser dem Menschen verwandt ist, und so
+unendlich weit jene von ihm abstehen.
+
+Indem ich aber die Charaktere der Tiere zur eigentlichen Ursache ihres
+vorzüglichen Gebrauchs in der Fabel mache, will ich nicht sagen, daß
+die Tiere dem Fabulisten sonst zu weiter gar nichts nützten. Ich weiß
+es sehr wohl, daß sie unter andern in der zusammengesetzten Fabel das
+Vergnügen der Vergleichung um ein großes vermehren, welches alsdenn
+kaum merklich ist, wenn, sowohl der wahre als der erdichtete einzelne
+Fall, beide aus handelnden Personen von einerlei Art, aus Menschen,
+bestehen. Da aber dieser Nutzen, wie gesagt, nur in der
+zusammengesetzten Fabel stattfindet, so kann er die Ursache nicht sein,
+warum die Tiere auch in der einfachen Fabel, und also in der Fabel
+überhaupt, dem Dichter sich gemeiniglich mehr empfehlen als die
+Menschen.
+
+Ja, ich will es wagen, den Tieren und andern geringern Geschöpfen in
+der Fabel noch einen Nutzen zuzuschreiben, auf welchen ich vielleicht
+durch Schlüsse nie gekommen wäre, wenn mich nicht mein Gefühl darauf
+gebracht hätte. Die Fabel hat unsere klare und lebendige Erkenntnis
+eines moralischen Satzes zur Absicht. Nichts verdunkelt unsere
+Erkenntnis mehr als die Leidenschaften. Folglich muß der Fabulist die
+Erregung der Leidenschaften soviel als möglich vermeiden. Wie kann er
+aber anders z. B. die Erregung des Mitleids vermeiden, als wenn er
+die Gegenstände desselben unvollkommener macht und anstatt der
+Menschen Tiere oder noch geringere Geschöpfe annimmt? Man erinnere
+sich noch einmal der Fabel von dem Wolfe und Lamme, wie sie oben in
+die Fabel von dem Priester und dem armen Manne des Propheten
+verwandelt worden. Wir haben Mitleiden mit dem Lamme; aber dieses
+Mitleiden ist so schwach, daß es unserer anschauenden Erkenntnis des
+moralischen Satzes keinen merklichen Eintrag tut. Hingegen wie ist es
+mit dem armen Manne? Kömmt es mir nur so vor, oder ist es wirklich
+wahr, daß wir mit diesem viel zuviel Mitleiden haben und gegen den
+Priester viel zuviel Unwillen empfinden, als daß die anschauende
+Erkenntnis des moralischen Satzes hier ebenso klar sein könnte, als
+sie dort ist?
+
+
+
+
+III. Von der Einteilung der Fabeln
+
+
+Die Fabeln sind verschiedener Einteilungen fähig. Von einer, die sich
+aus der verschiednen Anwendung derselben ergibt, habe ich gleich
+anfangs geredet. Die Fabeln nämlich werden entweder bloß auf einen
+allgemeinen moralischen Satz angewendet und heißen einfache Fabeln,
+oder sie werden auf einen wirklichen Fall angewendet, der mit der
+Fabel unter einem und ebendemselben moralischen Satze enthalten ist,
+und heißen zusammengesetzte Fabeln. Der Nutzen dieser Einteilung hat
+sich bereits an mehr als einer Stelle gezeiget.
+
+Eine andere Einteilung würde sich aus der verschiednen Beschaffenheit
+des moralischen Satzes herholen lassen. Es gibt nämlich moralische
+Sätze, die sich besser in einem einzeln Falle ihres Gegenteils als in
+einem einzeln Falle, der unmittelbar unter ihnen begriffen ist,
+anschauend erkennen lassen. Fabeln also, welche den moralischen Satz
+in einem einzeln Falle des Gegenteils zur Intuition bringen, würde man
+vielleicht indirekte Fabeln, so wie die andern direkte Fabeln nennen
+können.
+
+Doch von diesen Einteilungen ist hier nicht die Frage; noch viel
+weniger von jener unphilosophischen Einteilung nach den verschiedenen
+Erfindern oder Dichtern, die sich einen vorzüglichen Namen damit
+gemacht haben. Es hat den Kunstrichtern gefallen, ihre gewöhnliche
+Einteilung der Fabel von einer Verschiedenheit herzunehmen, die mehr
+in die Augen fällt; von der Verschiedenheit nämlich der darin
+handelnden Personen. Und diese Einteilung ist es, die ich hier näher
+betrachten will.
+
+Aphthonius ist ohne Zweifel der älteste Skribent, der ihrer erwähnst.
+Tou de muJou, sagt er in seinen Vorübungen, to men esti logikon, to de
+hJikon, to de mikton. Kai logikon men en w ti poiwn anJrwpoV
+peplastai: mikton de to ex amjoterwn alogou kai logikou. Es gibt drei
+Gattungen von Fabeln, die vernünftige, in welcher der Mensch die
+handelnde Person ist, die sittliche, in welcher unvernünftige Wesen
+aufgeführet werden, die vermischte, in welcher sowohl unvernünftige
+als vernünftige Wesen vorkommen.--Der Hauptfehler dieser Einteilung,
+welcher sogleich einem jeden in die Augen leuchtet, ist der, daß sie
+das nicht erschöpft, was sie erschöpfen sollte. Denn wo bleiben
+diejenigen Fabeln, die aus Gottheiten und allegorischen Personen
+bestehen? Aphthonius hat die vernünftige Gattung ausdrücklich auf den
+einzigen Menschen eingeschränkt. Doch wenn diesem Fehler auch
+abzuhelfen wäre, was kann dem ohngeachtet roher und mehr von der
+obersten Fläche abgeschöpft sein als diese Einteilung? Öffnet sie
+uns nur auch die geringste freiere Einsicht in das Wesen der Fabel?
+
+Batteux würde daher ohne Zweifel ebenso wohl getan haben, wenn er von
+der Einteilung der Fabel gar geschwiegen hätte, als daß er uns mit
+jener kahlen aphthonianischen abspeisen will. Aber was wird man
+vollends von ihm sagen, wenn ich zeige, daß er sich hier auf einer
+kleinen Tücke treffen läßt? Kurz zuvor sagt er unter andern von den
+Personen der Fabel: "Man hat hier nicht allein den Wolf und das Lamm,
+die Eiche und das Schilf, sondern auch den eisernen und den irdenen
+Topf ihre Rollen spielen sehen. Nur der Herr Verstand und das
+Fräulein Einbildungskraft und alles, was ihnen ähnlich siehet, sind
+von diesem Theater ausgeschlossen worden, weil es ohne Zweifel
+schwerer ist, diesen bloß geistigen Wesen einen charaktermäßigen
+Körper zu geben, als Körpern, die einige Analogie mit unsern Organen
+haben, Geist und Seele zu geben." [1]--Merkt man, wider wen dieses
+geht? Wider den de La Motte, der sich in seinen Fabeln der
+allegorischen Wesen sehr häufig bedienet. Da dieses nun nicht nach
+dem Geschmacke unsers oft mehr eckeln als feinen Kunstrichters war, so
+konnte ihm die aphthonianische mangelhafte Einteilung der Fabel nicht
+anders als willkommen sein, indem es durch sie stillschweigend
+gleichsam zur Regel gemacht wird, daß die Gottheiten und allegorischen
+Wesen gar nicht in die aesopische Fabel gehören. Und diese Regel eben
+möchte Batteux gar zu gern festsetzen, ob er sich gleich nicht
+getrauet, mit ausdrücklichen Worten darauf zu dringen. Sein System
+von der Fabel kann auch nicht wohl ohne sie bestehen. "Die aesopische
+Fabel, sagt er, ist, eigentlich zu reden, das Schauspiel der Kinder;
+sie unterscheidet sich von den übrigen nur durch die Geringfügigkeit
+und Naivität ihrer spielenden Personen. Man sieht auf diesem Theater
+keinen Cäsar, keinen Alexander: aber wohl die Fliege und die Ameise
+etc."--Freilich, diese Geringfügigkeit der spielenden Personen
+vorausgesetzt, konnte Batteux mit den höhern poetischen Wesen des de
+La Motte unmöglich zufrieden sein. Er verwarf sie also, ob er schon
+einen guten Teil der besten Fabeln des Altertums zugleich mit
+verwerfen mußte, und zog sich, um den kritischen Anfällen deswegen
+weniger ausgesetzt zu sein, unter den Schutz der mangelhaften
+Einteilung des Aphthonius. Gleich als ob Aphthonius der Mann wäre,
+der alle Gattungen von Fabeln, die in seiner Einteilung nicht Platz
+haben, eben dadurch verdammen könnte! Und diesen Mißbrauch einer
+erschlichenen Autorität, nenne ich eben die kleine Tücke, deren sich
+Batteux in Ansehung des de La Motte hier schuldig gemacht hat.
+
+{Fussnote 1: Nach der Ramlerschen Übersetzung, S. 244.}
+
+Wolf [2] hat die Einteilung des Aphthonius gleichfalls beibehalten,
+aber einen weit edlern Gebrauch davon gemacht. Diese Einteilung in
+vernünftige und sittliche Fabeln, meinet er, klinge zwar ein wenig
+sonderbar; denn man könnte sagen, daß eine jede Fabel sowohl eine
+vernünftige als eine sittliche Fabel wäre. Sittlich nämlich sei eine
+jede Fabel insofern als sie einer sittlichen Wahrheit zum Besten
+erfunden worden, und vernünftig insofern, als diese sittliche Wahrheit
+der Vernunft gemäß ist. Doch da es einmal gewöhnlich sei, diesen
+Worten hier eine andere Bedeutung zu geben, so wolle er keine Neuerung
+machen. Aphthonius habe übrigens bei seiner Einteilung die Absicht
+gehabt, die Verschiedenheit der Fabeln ganz zu erschöpfen, und mehr
+nach dieser Absicht als nach den Worten, deren er sich dabei bedient
+habe, müsse sie beurteilet werden. Absit enim, sagt er--und oh, wenn
+alle Liebhaber der Wahrheit so billig dächten!--, absit, ut negemus
+accurate cogitasse, qui non satis accurate loquuntur. Puerile est,
+erroris redarguere eum, qui ab errore immunem possedit animum,
+propterea quod parum apta succurrerint verba, quibus mentem suam
+exprimere poterat. Er behält daher die Benennungen der
+aphthonianischen Einteilung bei und weiß die Wahrheit, die er nicht
+darin gefunden, so scharfsinnig hineinzulegen, daß sie das vollkommene
+Ansehen einer richtigen philosophischen Einteilung bekömmt. "Wenn wir
+Begebenheiten erdichten, sagt er, so legen wir entweder den Subjekten
+solche Handlungen und Leidenschaften, überhaupt solche Prädikate bei
+als ihnen zukommen, oder wir legen ihnen solche bei, die ihnen nicht
+zukommen. In dem ersten Falle heißen es vernünftige Fabeln, in dem
+andern sittliche Fabeln, und vermischte Fabeln heißen es, wenn sie
+etwas sowohl von der Eigenschaft der sittlichen als vernünftigen Fabel
+haben."
+
+{Fussnote 2: Philosoph. practicae universales pars post. S 303.}
+
+Nach dieser Wolfischen Verbesserung also, beruhet die Verschiedenheit
+der Fabel nicht mehr auf der bloßen Verschiedenheit der Subjekte,
+sondern auf der Verschiedenheit der Prädikate, die von diesen
+Subjekten gesagt werden. Ihr zufolge kann eine Fabel Menschen zu
+handelnden Personen haben und dennoch keine vernünftige Fabel sein, so
+wie sie eben nicht notwendig eine sittliche Fabel sein muß, weil Tiere
+in ihr aufgeführet werden. Die oben angeführte Fabel von den zwei
+kämpfenden Hähnen würde nach den Worten des Aphthonius eine sittliche
+Fabel sein, weil sie die Eigenschaften und das Betragen gewisser Tiere
+nachahmet; wie hingegen Wolf den Sinn des Aphthonius genauer bestimmt
+hat, ist sie eine vernünftige Fabel, weil nicht das geringste von den
+Hähnen darin gesagt wird, was ihnen nicht eigentlich zukäme. So ist
+es mit mehrern: Z. E. der Vogelsteller und die Schlange [3], der Hund
+und der Koch [4], der Hund und der Gärtner [5], der Schäfer und der Wolf
+[6]: lauter Fabeln, die nach der gemeinen Einteilung unter die
+sittlichen und vermischten, nach der verbesserten aber unter die
+vernünftigen gehören.
+
+{Fussnote 3: Fab. Aesop. 32.}
+
+{Fussnote 4: Fabul. Aesop. 34.}
+
+{Fussnote 5: Fab. Aesop. 67.}
+
+{Fussnote 6: Fab. Aesop. 71.}
+
+Und nun? Werde ich es bei dieser Einteilung unsers Weltweisen können
+bewenden lassen? Ich weiß nicht. Wider ihre logikalische Richtigkeit
+habe ich nichts zu erinnern; sie erschöpft alles, was sie erschöpfen
+soll. Aber man kann ein guter Dialektiker sein, ohne ein Mann von
+Geschmack zu sein; und das letzte war Wolf, leider, wohl nicht. Wie,
+wenn es auch ihm hier so gegangen wäre, als er es von dem Aphthonius
+vermutet, daß er zwar richtig gedacht, aber sich nicht so vollkommen
+gut ausgedrückt hätte, als es besonders die Kunstrichter wohl
+verlangen dürften? Er redet von Fabeln, in welchen den Subjekten
+Leidenschaften und Handlungen, überhaupt Prädikate, beigelegt werden,
+deren sie nicht fähig sind, die ihnen nicht zukommen. Dieses
+Nicht-Zukommen kann einen übeln Verstand machen. Der Dichter, kann
+man daraus schließen, ist also nicht gehalten, auf die Naturen der
+Geschöpfe zu sehen, die er in seinen Fabeln aufführet? Er kann das
+Schaf verwegen, den Wolf sanftmütig, den Esel feurig vorstellen; er
+kann die Tauben als Falken brauchen und die Hunde von den Hasen jagen
+lassen. Alles dieses kömmt ihnen nicht zu; aber der Dichter macht
+eine sittliche Fabel, und er darf es ihnen beilegen.--Wie nötig ist es,
+dieser gefährlichen Auslegung, diesen mit einer Überschwemmung der
+abgeschmacktesten Märchen drohenden Folgerungen vorzubauen!
+
+Man erlaube mir also, mich auf meinen eigenen Weg wieder
+zurückzuwenden. Ich will den Weltweisen so wenig als möglich aus dem
+Gesichte verlieren; und vielleicht kommen wir, am Ende der Bahn,
+zusammen.--Ich habe gesagt und glaube es erwiesen zu haben, daß auf
+der Erhebung des einzeln Falles zur Wirklichkeit der wesentliche
+Unterschied der Parabel, oder des Exempels überhaupt, und der Fabel
+beruhet. Diese Wirklichkeit ist der Fabel so unentbehrlich, daß sie
+sich eher von ihrer Möglichkeit als von jener etwas abbrechen läßt.
+Es streitet minder mit ihrem Wesen, daß ihr einzelner Fall nicht
+schlechterdings möglich ist, daß er nur nach gewissen Voraussetzungen,
+unter gewissen Bedingungen möglich ist, als daß er nicht als wirklich
+vorgestellt werde. In Ansehung dieser Wirklichkeit folglich ist die
+Fabel keiner Verschiedenheit fähig, wohl aber in Ansehung ihrer
+Möglichkeit, welche sie veränderlich zu sein erlaubt. Nun ist, wie
+gesagt, diese Möglichkeit entweder eine unbedingte oder bedingte
+Möglichkeit; der einzelne Fall der Fabel ist entweder schlechterdings
+möglich, oder er ist es nur nach gewissen Voraussetzungen, unter
+gewissen Bedingungen. Die Fabeln also, deren einzelner Fall
+schlechterdings möglich ist, will ich (um gleichfalls bei den alten
+Benennungen zu bleiben) vernünftige Fabeln nennen; Fabeln hingegen, wo
+er es nur nach gewissen Voraussetzungen ist, mögen sittliche heißen.
+Die vernünftigen Fabeln leiden keine fernere Unterabteilung, die
+sittlichen aber leiden sie. Denn die Voraussetzungen betreffen
+entweder die Subjekte der Fabel oder die Prädikate dieser Subjekte:
+der Fall der Fabel ist entweder möglich, vorausgesetzt, daß diese und
+jene Wesen existieren, oder er ist es, vorausgesetzt, daß diese und
+jene wirklich existierende Wesen (nicht andere Eigenschaften als ihnen
+zukommen; denn sonst würden sie zu anderen Wesen werden, sondern) die
+ihnen wirklich zukommenden Eigenschaften in einem höhern Grade, in
+einem weitern Umfange besitzen. Jene Fabeln, worin die Subjekte
+vorausgesetzt werden, wollte ich mythische Fabeln nennen, und diese,
+worin nur erhöhtere Eigenschaften wirklicher Subjekte angenommen
+werden, würde ich, wenn ich das Wort anders wagen darf, hyperphysische
+Fabeln nennen.--
+
+Ich will diese meine Einteilung noch durch einige Beispiele erläutern.
+Die Fabeln, der Blinde und der Lahme, die zwei kämpfenden Hähne, der
+Vogelsteller und die Schlange, der Hund und der Gärtner, sind lauter
+vernünftige Fabeln, obschon bald lauter Tiere, bald Menschen und Tiere
+darin vorkommen; denn der darin enthaltene Fall ist schlechterdings
+möglich, oder mit Wolfen zu reden, es wird den Subjekten nichts darin
+beigelegt, was ihnen nicht zukomme.--Die Fabeln, Apollo und Jupiter [1],
+Herkules und Plutus [2], die verschiedene Bäume in ihren besondern
+Schutz nehmenden Götter [3], kurz, alle Fabeln, die aus Gottheiten, aus
+allegorischen Personen, aus Geistern und Gespenstern, aus andern
+erdichteten Wesen, dem Phönix z. E., bestehen, sind sittliche Fabeln,
+und zwar mythisch sittliche; denn es wird darin vorausgesetzt, daß
+alle diese Wesen existieren oder existieret haben, und der Fall, den
+sie enthalten, ist nur unter dieser Voraussetzung möglich.--Der Wolf
+und das Lamm [4], der Fuchs und der Storch [5], die Natter und die Feile
+[6], die Bäume und der Dornstrauch [7], der Ölbaum und das Rohr [8] etc.
+sind gleichfalls sittliche, aber hyperphysisch sittliche Fabeln; denn
+die Natur dieser wirklichen Wesen wird erhöhet, die Schranken ihrer
+Fähigkeiten werden erweitert. Eines muß ich hierbei erinnern! Man
+bilde sich nicht ein, daß diese Gattung von Fabeln sich bloß auf die
+Tiere und andere geringere Geschöpfe einschränke: der Dichter kann
+auch die Natur des Menschen erhöhen und die Schranken seiner
+Fähigkeiten erweitern. Eine Fabel z. E. von einem Propheten würde
+eine hyperphysisch sittliche Fabel sein; denn die Gabe zu prophezeien,
+kann dem Menschen bloß nach einer erhöhtern Natur zukommen. Oder wenn
+man die Erzählung von den himmelstürmenden Riesen als eine aesopische
+Fabel behandeln und sie dahin verändern wollte, daß ihr unsinniger Bau
+von Bergen auf Bergen endlich von selbst zusammenstürzte und sie unter
+den Ruinen begrübe: so würde keine andere als eine hyperphysisch
+sittliche Fabel daraus werden können.
+
+{Fussnote 1: Fab. Aesop. 187 [vgl. Lessings Fabel II 12].}
+
+{Fussnote 2: Phaedrus libr. IV. Fab. 11 [vgl. Lessings Fabel II 2].}
+
+{Fussnote 3: Phaedrus libr. III. Fab. 15.}
+
+{Fussnote 4: Phaedrus libr. 1. Fab. 1.}
+
+{Fussnote 5: Phaedrus libr. I. Fab. 25.}
+
+{Fussnote 6: Phaedr.s libr. IV. Fab. 7.}
+
+{Fussnote 7: Fab. Aesop. 313.}
+
+{Fussnote 8: Fabul. Aesop. 143.}
+
+Aus den zwei Hauptgattungen, der vernünftigen und sittlichen Fabel,
+entstehet auch bei mir eine vermischte Gattung, wo nämlich der Fall
+zum Teil schlechterdings, zum Teil nur unter gewissen Voraussetzungen
+möglich ist. Und zwar können dieser vermischten Fabeln dreierlei sein;
+die vernünftig mythische Fabel, als Herkules und der Kärrner [9], der
+arme Mann und der Tod [10], die vernünftig hyperphysische Fabel, als
+der Holzschläger und der Fuchs [11], der Jäger und der Löwe [12]; und
+endlich die hyperphysisch mythische Fabel, als Jupiter und das Kamel
+[13], Jupiter und die Schlange [4] etc.
+
+{Fussnote 9: Fabul. Aesop. 336.}
+
+{Fussnote 10: Fabul. Aesop. 20.}
+
+{Fussnote 11: Fabul. Aesop. 127.}
+
+{Fussnote 12: Fabul. Aesop. 280.}
+
+{Fussnote 13: Fabul. Aesop. 197.}
+
+{Fussnote 14: Fabul. Aesop. 189.}
+
+Und diese Einteilung erschöpft die Mannigfaltigkeit der Fabeln ganz
+gewiß, ja man wird, hoffe ich, keine anführen können, deren Stelle ihr
+zufolge zweifelhaft bleibe, welches bei allen andern Einteilungen
+geschehen muß, die sich bloß auf die Verschiedenheit der handelnden
+Personen beziehen. Die Breitingersche Einteilung ist davon nicht
+ausgeschlossen, ob er schon dabei die Grade des Wunderbaren zum Grunde
+gelegt hat. Denn da bei ihm die Grade des Wunderbaren, wie wir
+gesehen haben, größtenteils auf die Beschaffenheit der handelnden
+Personen ankommen, so klingen seine Worte nur gründlicher, und er ist
+in der Tat in die Sache nichts tiefer eingedrungen. "Das Wunderbare
+der Fabel, sagt er, hat seine verschiedene Grade--Der niedrigste Grad
+des Wunderbaren findet sich in derjenigen Gattung der Fabeln, in
+welchen ordentliche Menschen aufgeführet werden--Weil in denselben das
+Wahrscheinliche über das Wunderbare weit die Oberhand hat, so können
+sie mit Fug wahrscheinliche oder in Absicht auf die Personen
+menschliche Fabeln benennet werden. Ein mehrerer Grad des Wunderbaren
+äußert sich in derjenigen Klasse der Fabeln, in welchen ganz andere
+als menschliche Personen aufgeführet werden.--Diese sind entweder von
+einer vortrefflichern und höhern Natur als die menschliche ist, z. E.
+die heidnischen Gottheiten--oder sie sind in Ansehung ihres Ursprungs
+und ihrer natürlichen Geschicklichkeit von einem geringern Rang als
+die Menschen, als z. E. die Tiere, Pflanzen etc.--Weil in diesen
+Fabeln das Wunderbare über das Wahrscheinliche nach verschiedenen
+Graden herrschet, werden sie deswegen nicht unfüglich wunderbare und
+in Absicht auf die Personen entweder göttliche oder tierische Fabeln
+genannt--" Und die Fabel von den zwei Töpfen, die Fabel von den Bäumen
+und dem Dornstrauche? Sollen die auch tierische Fabeln heißen? Oder
+sollen sie und ihresgleichen eigne Benennungen erhalten? Wie sehr
+wird diese Namenrolle anwachsen, besonders wenn man auch alle Arten
+der vermischten Gattung benennen sollte! Aber ein Exempel zu geben,
+daß man, nach dieser Breitingerschen Einteilung, oft zweifelhaft sein
+kann, zu welcher Klasse man diese oder jene Fabel rechnen soll, so
+betrachte man die schon angeführte Fabel von dem Gärtner und seinem
+Hunde oder die noch bekanntere von dem Ackersmanne und der Schlange;
+aber nicht so, wie sie Phaedrus erzählet, sondern wie sie unter den
+griechischen Fabeln vorkommt. Beide haben einen so geringen Grad des
+Wunderbaren, daß man sie notwendig zu den wahrscheinlichen, das ist
+menschlichen Fabeln, rechnen müßte. In beiden aber kommen auch Tiere
+vor; und in Betrachtung dieser würden sie zu den vermischten Fabeln
+gehören, in welchen das Wunderbare weit mehr über das Wahrscheinliche
+herrscht als in jenen. Folglich würde man erst ausmachen müssen, ob
+die Schlange und der Hund hier als handelnde Personen der Fabel
+anzusehen wären oder nicht, ehe man der Fabel selbst ihre Klasse
+anweisen könnte.
+
+Ich will mich bei diesen Kleinigkeiten nicht länger aufhalten, sondern
+mit einer Anmerkung schließen, die sich überhaupt auf die
+hyperphysischen Fabeln beziehet und die ich, zur richtigern
+Beurteilung einiger von meinen eigenen Versuchen, nicht gern
+anzubringen vergessen möchte.--Es ist bei dieser Gattung von Fabeln
+die Frage, wie weit der Fabulist die Natur der Tiere und andrer
+niedrigern Geschöpfe erhöhen und wie nahe er sie der menschlichen
+Natur bringen dürfe? Ich antworte kurz: so weit und so nahe er immer
+will. Nur mit der einzigen Bedingung, daß aus allem, was er sie
+denken, reden und handeln läßt, der Charakter hervorscheine, um dessen
+willen er sie seiner Absicht bequemer fand als alle andere Individua.
+Ist dieses, denken, reden und tun sie durchaus nichts, was ein ander
+Individuum von einem andern oder gar ohne Charakter ebensogut denken,
+reden und tun könnte: so wird uns ihr Betragen im geringsten nicht
+befremden, wenn es auch noch soviel Witz, Scharfsinnigkeit und
+Vernunft voraussetzt. Und wie könnte es auch? Haben wir ihnen einmal
+Freiheit und Sprache zugestanden, so müssen wir ihnen zugleich alle
+Modifikationen des Willens und alle Erkenntnisse zugestehen, die aus
+jenen Eigenschaften folgen können, auf welchen unser Vorzug vor ihnen
+einzig und allein beruhet. Nur ihren Charakter, wie gesagt, müssen
+wir durch die ganze Fabel finden; und finden wir diesen, so erfolgt
+die Illusion, daß es wirkliche Tiere sind, ob wir sie gleich reden
+hören und ob sie gleich noch so feine Anmerkungen, noch so
+scharfsinnige Schlüsse machen. Es ist unbeschreiblich, wieviel
+Sophismata non causae ut causae die Kunstrichter in dieser Materie
+gemacht haben. Unter andern der Verfasser der Critischen Briefe, wenn
+er von seinem Hermann Axel sagt: "Daher schreibt er auch den
+unvernünftigen Tieren, die er aufführt, niemals eine Reihe von
+Anschlägen zu, die in einem System, in einer Verknüpfung stehen und zu
+einem Endzwecke von weitem her angeordnet sind. Denn dazu gehöret
+eine Stärke der Vernunft, welche über den Instinkt ist. Ihr Instinkt
+gibt nur flüchtige und dunkle Strahlen einer Vernunft von sich, die
+sich nicht lange emporhalten kann. Aus dieser Ursache werden diese
+Fabeln mit Tierpersonen ganz kurz und bestehen nur aus einem sehr
+einfachen Anschlage oder Anliegen. Sie reichen nicht zu, einen
+menschlichen Charakter in mehr als einem Lichte vorzustellen; ja der
+Fabulist muß zufrieden sein, wenn er nur einen Zug eines Charakters
+vorstellen kann. Es ist eine ausschweifende Idee des Pater Bossu, daß
+die aesopische Fabel sich in dieselbe Länge wie die epische Fabel
+ausdehnen lasse. Denn das kann nicht geschehen, es sei denn, daß man
+die Tiere nichts von den Tieren behalten lasse, sondern sie in
+Menschen verwandle, welches nur in possierlichen Gedichten angehet, wo
+man die Tiere mit gewissem Vorsatz in Masken aufführet und die
+Verrichtungen der Menschen nachäffen läßt etc."--Wie sonderbar ist
+hier das aus dem Wesen der Tiere hergeleitet, was der Kunstrichter aus
+dem Wesen der anschauenden Erkenntnis, und aus der Einheit des
+moralischen Lehrsatzes in der Fabel hätte herleiten sollen! Ich gebe
+es zu, daß der Einfall des Pater Bossu nichts taugt. Die aesopische
+Fabel, in die Länge einer epischen Fabel ausgedehnet, höret auf, eine
+aesopische Fabel zu sein; aber nicht deswegen, weil man den Tieren,
+nachdem man ihnen Freiheit und Sprache erteilet hat, nicht auch eine
+Folge von Gedanken, dergleichen die Folge von Handlungen in der Epopee
+erfordern würde, erteilen dürfte, nicht deswegen, weil die Tiere
+alsdenn zu viel Menschliches haben würden: sondern deswegen, weil
+die Einheit des moralischen Lehrsatzes verlorengehen würde,
+weil man diesen Lehrsatz in der Fabel, deren Teile so gewaltsam
+auseinandergedehnet und mit fremden Teilen vermischt worden, nicht
+länger anschauend erkennen würde. Denn die anschauende Erkenntnis
+erfordert unumgänglich, daß wir den einzeln Fall auf einmal übersehen
+können; können wir es nicht, weil er entweder allzuviel Teile hat oder
+seine Teile allzuweit auseinanderliegen, so kann auch die Intuition
+des Allgemeinen nicht erfolgen. Und nur dieses, wenn ich nicht sehr
+irre, ist der wahre Grund, warum man es dem dramatischen Dichter, noch
+williger aber dem Epopeendichter, erlassen hat, in ihre Werke eine
+einzige Hauptlehre zu legen. Denn was hilft es, wenn sie auch eine
+hineinlegen? Wir können sie doch nicht darin erkennen, weil ihre
+Werke viel zu weitläuftig sind, als daß wir sie auf einmal zu
+übersehen vermöchten. In dem Skelette derselben müßte sie sich wohl
+endlich zeigen; aber das Skelett gehöret für den kalten Kunstrichter,
+und wenn dieser einmal glaubt, daß eine solche Hauptlehre darin liegen
+müsse, so wird er sie gewiß herausgrübeln, wenn sie der Dichter auch
+gleich nicht hineingelegt hat. Daß übrigens das eingeschränkte Wesen
+der Tiere von dieser nicht zu erlaubenden Ausdehnung der aesopischen
+Fabel die wahre Ursach nicht sei, hätte der kritische Briefsteller
+gleich daher abnehmen können, weil nicht bloß die tierische Fabel,
+sondern auch jede andere aesopische Fabel, wenn sie schon aus
+vernünftigen Wesen bestehet, derselben unfähig ist. Die Fabel von dem
+Lahmen und Blinden, oder von dem armen Mann und dem Tode, läßt sich
+ebensowenig zur Länge des epischen Gedichts erstrecken als die Fabel
+von dem Lamme und dem Wolfe, oder von dem Fuchse und dem Raben. Kann
+es also an der Natur der Tiere liegen? Und wenn man mit Beispielen
+streiten wollte, wieviel sehr gute Fabeln ließen sich ihm nicht
+entgegensetzen, in welchen den Tieren weit mehr als flüchtige und
+dunkle Strahlen einer Vernunft beigelegt wird und man sie ihre
+Anschläge ziemlich von weitem her zu einem Endzwecke anwenden siehet.
+Z. E. der Adler und der Käfer [15]; der Adler, die Katze und das
+Schwein [16] etc.
+
+{Fussnote 15: Fab. Aesop. 2.}
+
+{Fussnote 16: Phaedrus libr. II. Fab. 4.}
+
+Unterdessen, dachte ich einsmals bei mir selbst, wenn man
+demohngeachtet eine aesopische Fabel von einer ungewöhnlichen Länge
+machen wollte, wie müßte man es anfangen, daß die itztberührten
+Unbequemlichkeiten dieser Länge wegfielen? Wie müßte unser Reinicke
+Fuchs aussehen, wenn ihm der Name eines aesopischen Heldengedichts
+zukommen sollte? Mein Einfall war dieser: Vors erste müßte nur ein
+einziger moralischer Satz in dem Ganzen zum Grunde liegen; vors zweite
+müßten die vielen und mannigfaltigen Teile dieses Ganzen, unter
+gewisse Hauptteile gebracht werden, damit man sie wenigstens in diesen
+Hauptteilen auf einmal übersehen könnte; vors dritte müßte jeder
+dieser Hauptteile ein besonders Ganze, eine für sich bestehende Fabel,
+sein können, damit das große Ganze aus gleichartigen Teilen bestünde.
+Es müßte, um alles zusammenzunehmen, der allgemeine moralische Satz in
+seine einzelne Begriffe aufgelöset werden; jeder von diesen einzelnen
+Begriffen müßte in einer besondern Fabel zur Intuition gebracht werden,
+und alle diese besondern Fabeln müßten zusammen nur eine einzige
+Fabel ausmachen. Wie wenig hat der Reinicke Fuchs von diesen
+Requisitis! Am besten also, ich mache selbst die Probe, ob sich mein
+Einfall auch wirklich ausführen läßt.--Und nun urteile man, wie diese
+Probe ausgefallen ist! Es ist die sechzehnte Fabel meines dritten
+Buchs und heißt die Geschichte des alten Wolfs in sieben Fabeln. Die
+Lehre, welche in allen sieben Fabeln zusammengenommen liegt, ist diese:
+"Man muß einen alten Bösewicht nicht auf das Äußerste bringen und ihm
+alle Mittel zur Besserung, so spät und erzwungen sie auch sein mag,
+benehmen." Dieses Äußerste, diese Benehmung aller Mittel zerstückte
+ich, machte verschiedene mißlungene Versuche des Wolfs daraus, des
+gefährlichen Raubens künftig müßig gehen zu können, und bearbeitete
+jeden dieser Versuche als eine besondere Fabel, die ihre eigene und
+mit der Hauptmoral in keiner Verbindung stehende Lehre hat.--Was ich
+hier bis auf sieben und mit dem Rangstreite der Tiere auf vier Fabeln
+gebracht habe, wird ein andrer mit einer andern noch fruchtbarern
+Moral leicht auf mehrere bringen können. Ich begnüge mich, die
+Möglichkeit gezeigt zu haben.
+
+
+
+
+IV. Von dem Vortrage der Fabeln
+
+
+Wie soll die Fabel vorgetragen werden? Ist hierin Aesopus oder ist
+Phaedrus oder ist La Fontaine das wahre Muster?
+
+Es ist nicht ausgemacht, ob Aesopus seine Fabeln selbst aufgeschrieben
+und in ein Buch zusammengetragen hat. Aber das ist so gut als
+ausgemacht, daß, wenn er es auch getan hat, doch keine einzige davon
+durchaus mit seinen eigenen Worten auf uns gekommen ist. Ich verstehe
+also hier die allerschönsten Fabeln in den verschiedenen griechischen
+Sammlungen, welchen man seinen Namen vorgesetzt hat. Nach diesen zu
+urteilen, war sein Vortrag von der äußersten Präzision; er hielt sich
+nirgends bei Beschreibungen auf; er kam sogleich zur Sache und eilte
+mit jedem Worte näher zum Ende; er kannte kein Mittel zwischen dem
+Notwendigen und Unnützen. So charakterisiert ihn de La Motte, und
+richtig. Diese Präzision und Kürze, worin er ein so großes Muster war,
+fanden die Alten der Natur der Fabel auch so angemessen, daß sie eine
+allgemeine Regel daraus machten. Theon unter andern dringet mit den
+ausdrücklichsten Worten darauf.
+
+Auch Phaedrus, der sich vornahm die Erfindungen des Aesopus in Versen
+auszubilden, hat offenbar den festen Vorsatz gehabt, sich an diese
+Regel zu halten; und wo er davon abgekommen ist, scheinet ihn das
+Silbenmaß und der poetischere Stil, in welchen uns auch das
+allersimpelste Silbenmaß wie unvermeidlich verstrickt, gleichsam wider
+seinen Willen davon abgebracht zu haben.
+
+Aber La Fontaine? Dieses sonderbare Genie! La Fontaine! Nein wider
+ihn selbst habe ich nichts; aber wider seine Nachahmer, wider seine
+blinden Verehrer! La Fontaine kannte die Alten zu gut, als daß er
+nicht hätte wissen sollen, was ihre Muster und die Natur zu einer
+vollkommenen Fabel erforderten. Er wußte es, daß die Kürze die Seele
+der Fabel sei; er gestand es zu, daß es ihr vornehmster Schmuck sei,
+ganz und gar keinen Schmuck zu haben. Er bekannte[1] mit der
+liebenswürdigsten Aufrichtigkeit, "daß man die zierliche Präzision und
+die außerordentliche Kürze, durch die sich Phaedrus so sehr empfehle,
+in seinen Fabeln nicht finden werde. Es wären dieses Eigenschaften,
+die zu erreichen, ihn seine Sprache zum Teil verhindert hätte; und
+bloß deswegen, weil er den Phaedrus darin nicht nachahmen können, habe
+er geglaubt, qu'il falloit en recompense egayer l'ouvrage plus qu'il
+n'a fait." Alle die Lustigkeit, sagt er, durch die ich meine Fabeln
+aufgestützt habe, soll weiter nichts als eine etwanige Schadloshaltung
+für wesentlichere Schönheiten sein, die ich ihnen zu erteilen zu
+unvermögend gewesen bin.--Welch Bekenntnis! In meinen Augen macht ihm
+dieses Bekenntnis mehr Ehre als ihm alle seine Fabeln machen! Aber
+wie wunderbar ward es von dem französischen Publico aufgenommen! Es
+glaubte, La Fontaine wolle ein bloßes Kompliment machen, und hielt die
+Schadloshaltung unendlich höher als das, wofür sie geleistet war.
+Kaum konnte es auch anders sein; denn die Schadloshaltung hatte
+allzuviel reizendes für Franzosen, bei welchen nichts über die
+Lustigkeit gehet. Ein witziger Kopf unter ihnen, der hernach das
+Unglück hatte, hundert Jahr witzig zu bleiben[2], meinte sogar, La
+Fontaine habe sich aus bloßer Albernheit (par betise) dem Phaedrus
+nachgesetzt; und de La Motte schrie über diesen Einfall: mot plaisant,
+mais solide!
+
+{Fussnote 1: In der Vorrede zu seinen Fabeln.}
+
+{Fussnote 2: Fontenelle.}
+
+Unterdessen, da La Fontaine seine lustige Schwatzhaftigkeit, durch ein
+so großes Muster, als ihm Phaedrus schien, verdammt glaubte, wollte er
+doch nicht ganz ohne Bedeckung von seiten des Altertums bleiben. Er
+setzte also hinzu: "Und meinen Fabeln diese Lustigkeit zu erteilen,
+habe ich um so viel eher wagen dürfen, da Quintilian lehret, man könne
+die Erzählungen nicht lustig genug machen (egayer). Ich brauche keine
+Ursache hiervon anzugeben; genug, daß es Quintilian sagt."--Ich habe
+wider diese Autorität zweierlei zu erinnern. Es ist wahr, Quintilian
+sagt: Ego vero narrationem, ut si ullam partem orationis, omni, qua
+potest, gratia et venere exornandam puto[3], und dieses muß die Stelle
+sein, worauf sich La Fontaine stützet. Aber ist diese Grazie, diese
+Venus, die er der Erzählung soviel als möglich, obgleich nach
+Maßgebung der Sache [4], zu erteilen befiehlet, ist dieses Lustigkeit?
+Ich sollte meinen, daß gerade die Lustigkeit dadurch ausgeschlossen
+werde. Doch der Hauptpunkt ist hier dieser: Quintilian redet von der
+Erzählung des Facti in einer gerichtlichen Rede, und was er von dieser
+sagt, ziehet La Fontaine, wider die ausdrückliche Regel der Alten, auf
+die Fabel. Er hätte diese Regel unter andern bei dem Theon finden
+können. Der Grieche redet von dem Vortrage der Erzählung in der
+Chrie--wie plan, wie kurz muß die Erzählung in einer Chrie sein!--und
+setzt hinzu: en de toiV muJoiV aplousteran thn ermhneian einai dei kai
+prosjuh· kai wV dunaton, akataskeuon te kai sajh: Die Erzählung der
+Fabel soll noch planer sein, sie soll zusammengepreßt, soviel als
+möglich ohne alle Zieraten und Figuren, mit der einzigen Deutlichkeit
+zufrieden sein.
+
+{Fussnote 3: Quinctilianus Inst. Orat. lib. IV. cap. 2.}
+
+{Fussnote 4: Sed plurimum refert, quae sit natura ejus rei, quam
+exponimus. Idem, ibidem.}
+
+Dem La Fontaine vergebe ich den Mißbrauch dieser Autorität des
+Quintilians gar gern. Man weiß ja, wie die Franzosen überhaupt die
+Alten lesen! Lesen sie doch ihre eigene Autores mit der
+unverzeihlichsten Flatterhaftigkeit. Hier ist gleich ein Exempel! De
+La Motte sagt von dem La Fontaine: Tout Original qu'il est dans les
+manieres, il etoit Admirateur des Anciens jusqu'a la prevention, comme
+s'ils eussent été ses modeles. La brieveté, dit-il, est l'ame de la
+Fable, et il est inutile d'en apporter des raisons, c'est assez que
+Quintilien l'ait dit.[5] Man kann nicht verstümmelter anführen, als de
+La Motte hier den La Fontaine anführet! La Fontaine legt es einem
+ganz andern Kunstrichter in den Mund, daß die Kürze die Seele der
+Fabel sei, oder spricht es vielmehr in seiner eigenen Person; er
+beruft sich nicht wegen der Kürze, sondern wegen der Munterkeit, die
+in den Erzählungen herrschen solle, auf das Zeugnis des Quintilians,
+und würde sich wegen jener sehr schlecht auf ihn berufen haben, weil
+man jenen Ausspruch nirgend bei ihm findet.
+
+{Fussnote 5: Discours sur la Fable, p. 17.}
+
+Ich komme auf die Sache selbst zurück. Der allgemeine Beifall, den La
+Fontaine mit seiner muntern Art zu erzählen erhielt, machte, daß man
+nach und nach die aesopische Fabel von einer ganz andern Seite
+betrachtete, als sie die Alten betrachtet hatten. Bei den Alten
+gehörte die Fabel zu dem Gebiete der Philosophie, und aus diesem
+holten sie die Lehrer der Redekunst in das ihrige herüber.
+Aristoteles hat nicht in seiner Dichtkunst, sondern in seiner Rhetorik
+davon gehandelt; und was Aphthonius und Theon davon sagen, das sagen
+sie gleichfalls in Vorübungen der Rhetorik. Auch bei den Neuern muß
+man das, was man von der aesopischen Fabel wissen will, durchaus in
+Rhetoriken suchen; bis auf die Zeiten des La Fontaine. Ihm gelang es
+die Fabel zu einem anmutigen poetischen Spielwerke zu machen, er
+bezauberte, er bekam eine Menge Nachahmer, die den Namen eines
+Dichters nicht wohlfeiler erhalten zu können glaubten als durch solche
+in lustigen Versen ausgedehnte und gewässerte Fabeln; die Lehrer der
+Dichtkunst griffen zu; die Lehrer der Redekunst ließen den Eingriff
+geschehen; diese hörten auf, die Fabel als ein sicheres Mittel zur
+lebendigen Überzeugung anzupreisen; und jene fingen dafür an, sie als
+ein Kinderspiel zu betrachten, das sie, soviel als möglich auszuputzen,
+uns lehren müßten.--So stehen wir noch!--
+
+Ein Mann, der aus der Schule der Alten kömmt, wo ihm jene ermhneia
+akataskeuoV der Fabel so oft empfohlen worden, kann der wissen, woran
+er ist, wenn er z. E. bei dem Batteux ein langes Verzeichnis von
+Zieraten lieset, deren die Erzählung der Fabel fähig sein soll? Er
+muß voller Verwunderung fragen: so hat sich denn bei den Neuern ganz
+das Wesen der Dinge verändert? Denn alle diese Zieraten streiten mit
+dem wirklichen Wesen der Fabel. Ich will es beweisen.
+
+Wenn ich mir einer moralischen Wahrheit durch die Fabel bewußt werden
+soll, so muß ich die Fabel auf einmal übersehen können; und um sie auf
+einmal übersehen zu können, muß sie so kurz sein als möglich. Alle
+Zieraten aber sind dieser Kürze entgegen; denn ohne sie würde sie noch
+kürzer sein können: folglich streiten alle Zieraten, insofern sie
+leere Verlängerungen sind, mit der Absicht der Fabel.
+
+Z. E eben mit zur Erreichung dieser Kürze braucht die Fabel gern die
+allerbekanntesten Tiere; damit sie weiter nichts als ihren einzigen
+Namen nennen darf, um einen ganzen Charakter zu schildern, um
+Eigenschaften zu bemerken, die ihr ohne diese Namen allzuviel Worte
+kosten würden. Nun höre man den Batteux: "Diese Zieraten bestehen
+erstlich in Gemälden, Beschreibungen, Zeichnungen der Örter, der
+Personen, der Stellungen."--Das heißt: Man muß nicht schlechtweg z. E.
+ein Fuchs sagen, sondern man muß fein sagen:
+
+Un vieux Renard, mais des plus fins,
+Grand croqueur de poulets, grand preneur de lapins,
+Sentant son Renard d'un lieue etc.
+
+
+Der Fabulist brauchet Fuchs, um mit einer einzigen Silbe ein
+individuelles Bild eines witzigen Schalks zu entwerfen; und der Poet
+will lieber von dieser Bequemlichkeit nichts wissen, will ihr entsagen,
+ehe man ihm die Gelegenheit nehmen soll, eine lustige Beschreibung
+von einem Dinge zu machen, dessen ganzer Vorzug hier eben dieser ist,
+daß es keine Beschreibung bedarf.
+
+Der Fabulist will in einer Fabel nur eine Moral zur Intuition bringen.
+Er wird es also sorgfältig vermeiden, die Teile derselben so
+einzurichten, daß sie uns Anlaß geben, irgendeine andere Wahrheit in
+ihnen zu erkennen, als wir in allen Teilen zusammengenommen erkennen
+sollen. Viel weniger wird er eine solche fremde Wahrheit mit
+ausdrücklichen Worten einfließen lassen, damit er unsere
+Aufmerksamkeit nicht von seinem Zwecke abbringe oder wenigstens
+schwäche, indem er sie unter mehrere allgemeine moralische Sätze
+teilet.--Aber Batteux, was sagt der? "Die zweite Zierat, sagt er,
+bestehet in den Gedanken; nämlich in solchen Gedanken, die
+hervorstechen und sich von den übrigen auf eine besondere Art
+unterscheiden."
+
+Nicht minder widersinnig ist seine dritte Zierat, die Allusion--Doch
+wer streitet denn mit mir? Batteux selbst gesteht es ja mit
+ausdrücklichen Worten, "daß dieses nur Zieraten solcher Erzählungen
+sind, die vornehmlich zur Belustigung gemacht werden". Und für eine
+solche Erzählung hält er die Fabel? Warum bin ich so eigensinnig, sie
+auch nicht dafür zu halten? Warum habe ich nur ihren Nutzen im Sinne?
+Warum glaube ich, daß dieser Nutzen seinem Wesen nach schon anmutig
+genug ist, um aller fremden Annehmlichkeiten entbehren zu können?
+Freilich geht es dem La Fontaine, und allen seinen Nachahmern, wie
+meinem Manne mit dem Bogen[6]; der Mann wollte, daß sein Bogen mehr als
+glatt sei; er ließ Zieraten darauf schnitzen; und der Künstler
+verstand sehr wohl, was für Zieraten auf einen Bogen gehörten; er
+schnitzte eine Jagd darauf: nun will der Mann den Bogen versuchen, und
+er zerbricht. Aber war das die Schuld des Künstlers? Wer hieß den
+Mann, so wie zuvor, damit zu schießen? Er hätte den geschnitzten
+Bogen nunmehr fein in seiner Rüstkammer aufhängen und seine Augen
+daran weiden sollen! Mit einem solchen Bogen schießen zu wollen!
+--Freilich würde nun auch Plato, der die Dichter alle mitsamt ihrem
+Homer aus seiner Republik verbannte, dem Aesopus aber einen rühmlichen
+Platz darin vergönnte, freilich würde auch er nunmehr zu dem Aesopus,
+so wie ihn La Fontaine verkleidet hat, sagen: Freund, wir kennen
+einander nicht mehr! Geh auch du deinen Gang! Aber, was geht es uns
+an, was so ein alter Grillenfänger, wie Plato, sagen würde?--
+
+{Fussnote 6: S. die erste Fabel des dritten Buchs.}
+
+Vollkommen richtig! Unterdessen, da ich so sehr billig bin, hoffe ich,
+daß man es auch einigermaßen gegen mich sein wird. Ich habe die
+erhabene Absicht, die Welt mit meinen Fabeln zu belustigen, leider
+nicht gehabt; ich hatte mein Augenmerk nur immer auf diese oder jene
+Sittenlehre, die ich, meistens zu meiner eigenen Erbauung, gern in
+besondern Fällen übersehen wollte; und zu diesem Gebrauche glaubte ich
+meine Erdichtungen nicht kurz, nicht trocken genug aufschreiben zu
+können. Wenn ich aber itzt die Welt gleich nicht belustige, so könnte
+sie doch mit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man
+erzählt ja die neuen Fabeln des Abstemius ebensowohl als die alten
+Fabeln des Aesopus in Versen; wer weiß, was meinen Fabeln aufbehalten
+ist und ob man auch sie nicht einmal mit aller möglichen Lustigkeit
+erzählet, wenn sie sich anders durch ihren innern Wert eine Zeitlang
+in dem Andenken der Welt erhalten? In dieser Betrachtung also, bitte
+ich voritzo mit meiner Prosa--
+
+Aber ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nicht einmal aussagen
+läßt. Wenn ich mit der allzumuntern und leicht auf Umwege fahrenden
+Erzählungsart des La Fontaine nicht zufrieden war, mußte ich darum auf
+das andere Extremum verfallen? Warum wandte ich mich nicht auf die
+Mittelstraße des Phaedrus und erzählte in der zierlichen Kürze des
+Römers, aber doch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die
+lesen wollen!--Diesen Vorwurf werde ich ohnfehlbar zu hören bekommen.
+Was will ich im voraus darauf antworten? Zweierlei. Erstlich, was
+man mir am leichtesten glauben wird: ich fühlte mich zu unfähig, jene
+zierliche Kürze in Versen zu erreichen. La Fontaine, der ebendas bei
+sich fühlte, schob die Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der
+meinigen eine zu gute Meinung und glaube überhaupt, daß ein Genie
+seiner angebornen Sprache, sie mag sein, welche es will, eine Form
+erteilen kann, welche er will. Für ein Genie sind die Sprachen alle
+von einer Natur; und die Schuld ist also einzig und allein meine. Ich
+habe die Versifikation nie so in meiner Gewalt gehabt, daß ich auf
+keine Weise besorgen dürfen, das Silbenmaß und der Reim werde hier und
+da den Meister über mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die
+Kürze getan und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaften der
+guten Fabel. Denn zweitens--Ich muß es nur gestehen; ich hin mit dem
+Phaedrus nicht so recht zufrieden. De La Motte hatte ihm weiter
+nichts vorzuwerfen, als "daß er seine Moral oft zu Anfange der Fabeln
+setze und daß er uns manchmal eine allzu unbestimmte Moral gebe, die
+nicht deutlich genug aus der Allegorie entspringe". Der erste Vorwurf
+betrifft eine wahre Kleinigkeit; der zweite ist unendlich wichtiger,
+und leider gegründet. Doch ich will nicht fremde Beschuldigungen
+rechtfertigen; sondern meine eigne vorbringen. Sie läuft dahinaus,
+daß Phaedrus, sooft er sich von der Einfalt der griechischen Fabeln
+auch nur einen Schritt entfernt, einen plumpen Fehler begehet.
+Wieviel Beweise will man? Z. E.
+
+Fab. 4. Libri I
+ Canis per flumen, carnem dum ferret natans,
+ Lympharum in speculo vidit simulacrum suum etc.
+
+
+Es ist unmöglich; wenn der Hund durch den Fluß geschwommen ist, so hat
+er das Wasser um sich her notwendig so getrübt, daß er sein Bildnis
+unmöglich darin sehen können. Die griechischen Fabeln sagen: Kuwn
+kreaV ecousa potamon diebaine; das braucht weiter nichts zu heißen,
+als: er ging über den Fluß; auf einem niedrigen Steige muß man sich
+vorstellen. Aphthonius bestimmt diesen Umstand noch behutsamer: KreaV
+arpasasa tiV kuwn par’ authn dihei thn ocJhn; der Hund ging an dem
+Ufer des Flusses.
+
+Fab. 5. Lib. I
+ Vacca et capella, et patiens ovis injuriae,
+ Socii fuere cum leone in saltibus.
+
+
+Welch eine Gesellschaft! Wie war es möglich, daß sich diese viere zu
+einem Zwecke vereinigen konnten? Und zwar zur Jagd! Diese
+Ungereimtheit haben die Kunstrichter schon öfters angemerkt; aber noch
+keiner hat zugleich anmerken wollen, daß sie von des Phaedrus eigener
+Erfindung ist. Im Griechischen ist diese Fabel zwischen dem Löwen und
+dem wilden Esel (OnagroV). Von dem wilden Esel ist es bekannt, daß er
+ludert; und folglich konnte er an der Beute teilnehmen. Wie elend ist
+ferner die Teilung bei dem Phaedrus:
+
+Ego primam tollo, nominor quia leo;
+Secundam, quia sum fortis, tribuetis mihi;
+Tum quia plus valeo, me sequetur tertia;
+Male afficietur, si quis quartam tetigerit.
+
+
+Wie vortrefflich hingegen ist sie im Griechischen! Der Löwe macht
+sogleich drei Teile; denn von jeder Beute ward bei den Alten ein Teil
+für den König oder für die Schatzkammer des Staats beiseite gelegt.
+Und dieses Teil, sagt der Löwe, gehöret mir, basileuV gar eimi; das
+zweite Teil gehört mir auch, wV ex isou koinwnwn, nach dem Rechte der
+gleichen Teilung; und das dritte Teil kakon mega soi poihsei, ei mh
+eJelhV jugein.
+
+Fab. 11. Lib. I
+ Venari asello comite cum vellet leo,
+ Contexit illum frutice, et admonuit simul,
+ Ut insueta voce terreret feras etc.
+ - -
+ Quae dum paventes exitus notos petunt,
+ Leonis affliguntur horrendo impetu.
+
+
+Der Löwe verbirgt den Esel in das Gesträuche; der Esel schreiet; die
+Tiere erschrecken in ihren Lagern, und da sie durch die bekannten
+Ausgänge davonfliehen wollen, fallen sie dem Löwen in die Klauen. Wie
+ging das zu? Konnte jedes nur durch einen Ausgang davonkommen? Warum
+mußte es gleich den wählen, an welchem der Löwe lauerte? Oder konnte
+der Löwe überall sein?--Wie vortrefflich fallen in der griechischen
+Fabel alle diese Schwierigkeiten weg! Der Löwe und der Esel kommen da
+vor eine Höhle, in der sich wilde Ziegen aufhalten. Der Löwe schickt
+den Esel hinein; der Esel scheucht mit seiner fürchterlichen Stimme
+die wilden Ziegen heraus, und so können sie dem Löwen, der ihrer an
+dem Eingange wartet, nicht entgehen.
+
+Fab. 9. Libr. IV
+ Peras imposuit Jupiter nobis duas,
+ Propriis repletam vitiis post tergum dedit,
+ Alienis ante pectus suspendit gravem.
+
+
+Jupiter hat uns diese zwei Säcke aufgelegt? Er ist also selbst Schuld,
+daß wir unsere eigene Fehler nicht sehen und nur scharfsichtige
+Tadler der Fehler unsers Nächsten sind? Wieviel fehlt dieser
+Ungereimtheit zu einer förmlichen Gotteslästerung? Die bessern
+Griechen lassen durchgängig den Jupiter hier aus dem Spiele; sie sagen
+schlechtweg: AnJrwpoV duo phraV ekastoV jerei; oder: duo phraV
+exhmmeJa tou trachlou usw.
+
+Genug für eine Probe! Ich behalte mir vor, meine Beschuldigung an
+einem andern Orte umständlicher zu erweisen, und vielleicht durch eine
+eigene Ausgabe des Phaedrus.
+
+
+
+
+V. Von einem besondern Nutzen der Fabeln in den Schulen
+
+
+Ich will hier nicht von dem moralischen Nutzen der Fabeln reden; er
+gehöret in die allgemeine praktische Philosophie: und würde ich mehr
+davon sagen können, als Wolf gesagt hat? Noch weniger will ich von
+dem geringem Nutzen itzt sprechen, den die alten Rhetores in ihren
+Vorübungen von den Fabeln zogen, indem sie ihren Schülern aufgaben,
+bald eine Fabel durch alle casus obliquos zu verändern, bald sie zu
+erweitern, bald sie kürzer zusammenzuziehen etc. Diese Übung kann
+nicht anders als zum Nachteil der Fabel selbst vorgenommen werden; und
+da jede kleine Geschichte ebenso geschickt dazu ist, so weiß ich nicht,
+warum man eben die Fabel dazu mißbrauchen muß, die sich als Fabel
+ganz gewiß nur auf eine einzige Art gut erzählen läßt.
+
+Den Nutzen, den ich itzt mehr berühren als umständlich erörtern will,
+würde man den heuristischen Nutzen der Fabeln nennen können.--Warum
+fehlt es in allen Wissenschaften und Künsten so sehr an Erfindern und
+selbstdenkenden Köpfen? Diese Frage wird am besten durch eine andre
+Frage beantwortet: Warum werden wir nicht besser erzogen? Gott gibt
+uns die Seele, aber das Genie müssen wir durch die Erziehung bekommen.
+Ein Knabe, dessen gesamte Seelenkräfte man, soviel als möglich,
+beständig in einerlei Verhältnissen ausbildet und erweitert, den man
+angewöhnet, alles, was er täglich zu seinem kleinen Wissen hinzulernt,
+mit dem, was er gestern bereits wußte, in der Geschwindigkeit zu
+vergleichen und achtzuhaben, ob er durch diese Vergleichung nicht von
+selbst auf Dinge kömmt, die ihm noch nicht gesagt worden, den man
+beständig aus einer Scienz in die andere hinübersehen läßt, den man
+lehret, sich ebenso leicht von dem Besondern zu dem Allgemeinen zu
+erheben, als von dem Allgemeinen zu dem Besondern sich wieder
+herabzulassen: der Knabe wird ein Genie werden, oder man kann nichts
+in der Welt werden.
+
+Unter den Übungen nun, die diesem allgemeinen Plane zufolge
+angestellet werden müßten, glaube ich, würde die Erfindung aesopischer
+Fabeln eine von denen sein, die dem Alter eines Schülers am aller
+angemessensten wären: nicht, daß ich damit suchte, alle Schüler zu
+Dichtern zu machen; sondern weil es unleugbar ist, daß das Mittel,
+wodurch die Fabeln erfunden worden, gleich dasjenige ist, das allen
+Erfindern überhaupt das allergeläufigste sein muß. Dieses Mittel ist
+das Principium der Reduktion, und es ist am besten, den Philosophen
+selbst davon zu hören: Videmus adeo, quo artificio utantur fabularum
+inventores, principio nimirum reductionis: quod quemadmodum ad
+inveniendum in genere utilissimum, ita ad fabulas inveniendas absolute
+necessarium est. Quoniam in arte inveniendi principium reductionis
+amplissimum sibi locum vindicat, absque hoc principio autem nulla
+effingitur fabula; nemo in dubium revocare poterit, fabularum
+inventores inter inventores locum habere. Neque est quod inventores
+abjecte de fabularum inventoribus sentiant: quod si enim fabula nomen
+suum tueri, nec quicquam in eadem desiderari debet, haud exiguae saepe
+artis est eam invenire, ita ut in aliis veritatibus inveniendis
+excellentes hic vires suas deficere agnoscant, ubi in rem praesentem
+veniunt. Fabulae aniles nugae sunt, quae nihil veritatis continent,
+et earum autores in nugatorum non inventorum veritatis numero sunt.
+Absit autem ut hisce aequipares inventores fabularum vel fabellarum,
+cum quibus in praesente nobis negotium est, et quas vel inviti in
+Philosophiam practicam admittere tenemur, nisi praxi officere velimus.
+[1]
+
+{Fussnote 1: Philosophiae practicae universales pars posterior § 310.}
+
+Doch dieses Principium der Reduktion hat seine großen Schwierigkeiten.
+Es erfordert eine weitläuftige Kenntnis des Besondern und aller
+individuellen Dingen, auf welche die Reduktion geschehen kann. Wie
+ist diese von jungen Leuten zu verlangen? Man müßte dem Rate eines
+neuern Schriftstellers folgen, den ersten Anfang ihres Unterrichts mit
+der Geschichte der Natur zu machen und diese in der niedrigsten Klasse
+allen Vorlesungen zum Grunde zu legen[2]. Sie enthält, sagt er, den
+Samen aller übrigen Wissenschaften, sogar die moralischen nicht
+ausgenommen. Und es ist kein Zweifel, er wird mit diesem Samen der
+Moral, den er in der Geschichte der Natur gefunden zu haben glaubet,
+nicht auf die bloßen Eigenschaften der Tiere, und anderer geringern
+Geschöpfe, sondern auf die aesopischen Fabeln, welche auf diese
+Eigenschaften gebauet werden, gesehen haben.
+
+{Fussnote 2: Briefe die neueste Litteratur betreffend. 1. Teil, S. 58.}
+
+Aber auch alsdenn noch, wenn es dem Schüler an dieser weitläuftigen
+Kenntnis nicht mehr fehlte, würde man ihn die Fabeln anfangs müssen
+mehr finden als erfinden lassen; und die allmählichen Stufen von
+diesem Finden zum Erfinden, die sind es eigentlich, was ich durch
+verschiedene Versuche meines zweiten Buchs habe zeigen wollen. Ein
+gewisser Kunstrichter sagt: "Man darf nur im Holz und im Feld,
+insonderheit aber auf der Jagd, auf alles Betragen der zahmen und der
+wilden Tiere aufmerksam sein und, sooft etwas Sonderbares und
+Merkwürdiges zum Vorschein kömmt, sich selber in den Gedanken fragen,
+ob es nicht eine Ähnlichkeit mit einem gewissen Charakter der
+menschlichen Sitten habe und in diesem Falle in eine symbolische Fabel
+ausgebildet werden könne."[3] Die Mühe, mit seinem Schüler auf die Jagd
+zu gehen, kann sich der Lehrer ersparen, wenn er in die alten Fabeln
+selbst eine Art von Jagd zu legen weiß, indem er die Geschichte
+derselben bald eher abbricht, bald weiter fortfährt, bald diesen oder
+jenen Umstand derselben so verändert, daß sich eine andere Moral darin
+erkennen läßt.
+
+{Fussnote 3: Critische Vorrede zu M. v. K. neuen Fabeln.}
+
+Z. E. die bekannte Fabel von dem Löwen und Esel fängt sich an: Lewn
+kai onoV, koinwnian Jemenoi, exhlJon epi Jhran--Hier bleibt der Lehrer
+stehen. Der Esel in Gesellschaft des Löwen? Wie stolz wird der Esel
+auf diese Gesellschaft gewesen sein! (Man sehe die achte Fabel meines
+zweiten Buchs.) Der Löwe in Gesellschaft des Esels? Und hatte sich
+denn der Löwe dieser Gesellschaft nicht zu schämen? (Man sehe die
+siebente.) Und so sind zwei Fabeln entstanden, indem man mit der
+Geschichte der alten Fabel einen kleinen Ausweg genommen, der auch zu
+einem Ziele, aber zu einem andern Ziele führet, als Aesopus sich dabei
+gesteckt hatte.
+
+Oder man verfolgt die Geschichte einen Schritt weiter: Die Fabel von
+der Krähe, die sich mit den ausgefallenen Federn andrer Vögel
+geschmückt hatte, schließt sich: kai o koloioV hn palin koloioV.
+Vielleicht war sie nun auch etwas Schlechters, als sie vorher gewesen
+war. Vielleicht hatte man ihr auch ihre eigene glänzenden
+Schwingfedern mit ausgerissen, weil man sie gleichfalls für fremde
+Federn gehalten? So geht es dem Plagiarius. Man ertappt ihn hier,
+man ertappt ihn da; und endlich glaubt man, daß er auch das, was
+wirklich sein eigen ist, gestohlen habe. (S. die sechste Fabel meines
+zweiten Buchs.)
+
+Oder man verändert einzelne Umstände in der Fabel. Wie, wenn das
+Stücke Fleisch, welches der Fuchs dem Raben aus dem Schnabel
+schmeichelte, vergiftet gewesen wäre? (S. die funfzehnte) Wie, wenn
+der Mann die erfrorne Schlange nicht aus Barmherzigkeit, sondern aus
+Begierde, ihre schöne Haut zu haben, aufgehoben und in den Busen
+gesteckt hätte? Hätte sich der Mann auch alsdenn noch über den Undank
+der Schlange beklagen können? (S. die dritte Fabel.)
+
+Oder man nimmt auch den merkwürdigsten Umstand aus der Fabel heraus
+und bauet auf denselben eine ganz neue Fabel. Dem Wolfe ist ein Bein
+in dem Schlunde steckengeblieben. In der kurzen Zeit, da er sich
+daran würgte, hatten die Schafe also vor ihm Friede. Aber durfte sich
+der Wolf die gezwungene Enthaltung als eine gute Tat anrechnen? (S.
+die vierte Fabel.) Herkules wird in den Himmel aufgenommen und
+unterläßt, dem Plutus seine Verehrung zu bezeigen. Sollte er sie wohl
+auch seiner Todfeindin, der Juno, zu bezeigen unterlassen haben? Oder
+würde es dem Herkules anständiger gewesen sein, ihr für ihre
+Verfolgungen zu danken? (S. die zweite Fabel.)
+
+Oder man sucht eine edlere Moral in die Fabel zu legen; denn es gibt
+unter den griechischen Fabeln verschiedene, die eine sehr
+nichtswürdige haben. Die Esel bitten den Jupiter, ihr Leben minder
+elend sein zu lassen. Jupiter antwortet: tote autouV apallaghsesJai
+thV kakopaJeiaV, otan ourounteV poihswsi potamon. Welch eine
+unanständige Antwort für eine Gottheit! Ich schmeichle mir, daß ich
+den Jupiter würdiger antworten lassen und überhaupt eine schönere
+Fabel daraus gemacht habe. (S. die zehnte Fabel.)
+
+--Ich breche ab! Denn ich kann mich unmöglich zwingen, einen
+Kommentar über meine eigene Versuche zu schreiben.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Abhandlungen über die Fabel, von
+Gotthold Ephraim Lessing.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ABHANDLUNGEN UEBER DIE FABEL ***
+
+This file should be named 8abhf10.txt or 8abhf10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8abhf11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8abhf10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/8abhf10.zip b/old/8abhf10.zip
new file mode 100644
index 0000000..4f517f6
--- /dev/null
+++ b/old/8abhf10.zip
Binary files differ