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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/9810-8.txt b/9810-8.txt new file mode 100644 index 0000000..d57466e --- /dev/null +++ b/9810-8.txt @@ -0,0 +1,6089 @@ +The Project Gutenberg EBook of Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Man Kann Nie Wissen + +Author: George Bernard Shaw + +Posting Date: December 5, 2011 [EBook #9810] +Release Date: February, 2006 +First Posted: October 19, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAN KANN NIE WISSEN *** + + + + +Produced by Michalina Makowska + + + + + + + + + + +Man Kann Nie Wissen + +(Komödie in vier Akten) + +George Bernard Shaw + +Übersetzung von Siegfried Trabisch + + + + +Die erste deutsche Ausgabe dieser Komödie führte den Titel "Der +verlorene Vater".--Die Hauptperson heißt im Original nicht Fergu +McNaughtan, sondern Fergus Crampton. Shaw, der Hauptmann sehr verehrt, +wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton +verbinden, nicht stören und änderte ihn in McNaughtan um, womit +zugleich die Übertragung eines Wortwitzes möglich wurde, der im +Original eine Rolle spielt. + +Anmerkung des Übersetzers. + + + + +PERSONEN + +Frau Clandon +Gloria } +Dolly } ihre Kinder +Philip } +Dr. Valentine, Zahnarzt +Fergus McNaughtan +McComas, Rechtsanwalt +Justizrat Bohun +Ein Kellner +Ein Stubenmädchen +Ein Kellnerjunge +Ein Koch + +Ort: Ein englisches Seebad. +Zeit: 1896. + + + +ERSTER AKT + +(An einem schönen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer +eines Zahnarztes. Es ist nicht das übliche winzige Londoner Loch, +sondern das beste Zimmer einer möblierten Wohnung an der +Strandpromenade in einem vornehmen Seebad. Der Operationsstuhl mit +Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und +einer der Ecken. Wenn man durch das dem Stuhl gegenüberliegende +Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte +der dem Beschauer gegenüberstehenden Wand. Links eine Tür. Über +dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen. Vor dem Kamin +steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein +sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem +Mörser und einem Stößel darauf. In der Nähe dieser Bank befindet sich +ein dünnes peitschenartiges Gerät, das mit einem Ständer, einem Pedal +und einer übertrieben großen Kurbel versehen ist. Da man dieses +Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach +links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit +Löscher und Mappe sieht. Vor dem Schreibtisch ein Stuhl. In seiner +Nähe, gegen die Türe zu, ein lederüberzogenes Sofa. Die +gegenüberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsächlich von einem +langen Büchergestell eingenommen. Der Operationsstuhl steht dem +Beschauer dicht gegenüber; in handlicher Nähe links davon befindet +sich der Instrumentenschrank. Man bemerkt, daß die zahnärztliche +Einrichtung samt Apparaten neu ist. Die mit einem Muster von +Girlanden und Urnen geschmückten Tapeten im Geschmack eines +Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von +reichen, kohlkopfartigen Blumensträußen, der gläserne Gaskronleuchter +mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmückten, vergoldeten, blauen +Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter +einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige +amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und +jetzt auf zwölf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem +schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en +miniature gibt, um Kaufmannsanständigkeit im Anfang der Regierung der +Königin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor +der Hölle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt, +instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst, +der Liebe und der römisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die +ersten Früchte der Geldherrschaft in den Anfängen der industriellen +Revolution anzudeuten.) + +(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt über den zwei +Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind. Die eine davon, eine sehr +hübsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten +Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehört einer späteren Generation an: sie +ist kaum achtzehn Jahre alt. Dieses liebe kleine Geschöpf gehört +offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine +Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heißeren Sonne als +der Englands gebräunt worden; aber trotzdem besteht für einen sehr +feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und +England. Sie hält nämlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem +winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentümlich +geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke +spartanischer Hartnäckigkeit. Wenn man die kleinste Gewissenslinie +zwischen ihren Augenbrauen entdecken könnte, würde ein Pietist wohl +die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu +finden--ihr Kleid ist nämlich verwünscht hübsch--aber sowie die Wolke +flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem +Sündenbewußtsein wie die eines Kätzchens.) + +(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen +Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren. +Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der +geschäftsmäßigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf +der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige +Liebenswürdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach +lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt. Er ist nicht +ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenflügel +stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen. Seine Augen sind klar, +flink, von skeptisch mäßiger Größe und doch ein wenig wagelustig; +seine Stirn ist prächtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und +sein Kinn sind kavaliermäßig hübsch. Im ganzen ein anziehender, +beachtenswerter Anfänger, dessen Aussichten ein Geschäftsmann ziemlich +günstig einschätzen würde.) + + +(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schön. (Trotz ihrer +mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.) + +(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das +war mein erster Zahn! + +(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!... Wollen Sie damit sagen, +daß Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren? + +(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muß einmal mit jemandem den Anfang +machen. + +(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit +Leuten, die bezahlen. + +(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zählt natürlich nicht!... Ich +meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten +Sie kein Lachgas haben? + +(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, daß das noch fünf Schilling +extra kostete. + +(Der Zahnarzt unangenehm berührt:) Oh, sagen Sie das nicht! Da hab' +ich das Gefühl, als hätte ich Ihnen wegen der fünf Schillinge weh +getan. + +(Die junge Dame mit kühler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch. +(Sie steht auf:) Warum auch nicht?... Es ist Ihr Beruf, den Leuten +weh zu tun. (Es macht ihm Spaß, in dieser Weise behandelt zu werden, +und er kichert heimlich, während er fortfährt, seine Instrumente zu +reinigen und wieder wegzulegen. Sie schüttelt ihr Kleid zurecht, +blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber +wirklich eine schöne Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus! +--Sind sie teuer? + +(Der Zahnarzt.) Ja. + +(Die junge Dame.) Ihnen gehört aber nicht das ganze Haus? + +(Der Zahnarzt.) Nein. + +(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um +und betrachtet ihn kritisch, während sie ihn auf einem Fuß +herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste; +nicht wahr? + +(Der Zahnarzt.) Sie gehört dem Hausherrn. + +(Die junge Dame.) Gehört ihm dieser hübsche bequeme Rollstuhl auch? +(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.) + +(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet. + +(Die junge Dame geringschätzig:) Das habe ich mir gedacht! (Sie +blickt umher, um noch mehr Schlüsse ziehen zu können:) Sie sind wohl +noch nicht lange hier? + +(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wünschen Sie sonst noch etwas zu +wissen? + +(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie +Familie? + +(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet. + +(Die junge Dame.) Selbstverständlich. Das sieht man.--Ich meine +Schwestern... eine Mutter... und sowas. + +(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort. + +(Die junge Dame.) Hm... Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn +der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr groß sein? + +(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht. (Er schließt den Schrank, nachdem er +alles in Ordnung gebracht hat.) + +(Die junge Dame.) Nun denn, Glück auf! (Sie nimmt ihre Börse aus der +Tasche:) Fünf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr? + +(Der Zahnarzt.) Fünf Schillinge. + +(Die junge Dame nimmt ein Fünf-Schilling-Stück heraus:) Rechnen Sie +für jede Operation fünf Schillinge? + +(Der Zahnarzt.) Ja. + +(Die junge Dame.) Warum? + +(Der Zahnarzt.) Das ist mein System. Ich bin eben, was man einen +Fünf-Schilling-Zahnarzt nennt. + +(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier! (Sie hält das Silberstück in die +Höhe:) Ein hübsches neues Fünf-Schilling-Stück--Ihre erste Einnahme! +Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zähne +anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette. + +(Der Zahnarzt.) Danke sehr. + +(Das Stubenmädchen erscheint an der Tür:) Der Bruder der jungen Dame. + +(Die hübsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der +Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein. Er trägt einen +terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit +brauner Seide gefüttert. In der Hand hält er einen braunen Zylinder +und dazu passende, loh*braune Handschuhe. Er hat die mattgelbe +Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Maßstabe +gebaut wie sie. Aber er ist elastisch, muskulös und von +entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige +Sprechwiese. Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten +persönlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden +könnte. Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und +obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter +Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf ältere +Leute verblüffend und wäre bei einem weniger für sich einnehmenden +jungen Menschen unerträglich. Er ist die Schlagfertigkeit selbst und +hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:) + +(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit? + +(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorüber. + +(Der junge Mann.) Hast du geheult? + +(Die junge Dame.) Oh, fürchterlich! Herr Doktor Valentine--mein +Bruder Phil. Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt. +(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander. Sie fährt in +einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist +Junggeselle. Das Haus gehört ihm nicht, und die Einrichtung gehört +seinem Hausherrn, aber die nötigen Gegenstände für seinen Beruf hat er +gemietet. Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck +herausgekriegt. Und wir sind sehr gute Freunde. + +(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was? + +(Die junge Dame als ob sie unfähig wäre, das zu tun:) O nein! + +(Philip.) Das freut mich. (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswürdig von +Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor. Wir sind nämlich noch +nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet, +daß die Leute uns hier einfach nicht ertragen würden.--Kommen Sie, +frühstücken Sie mit uns. + +(Dr. Valentine erschreckt über das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft +fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu +sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reißend und andauernd ist.) + +(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor! + +(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei. + +(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzählen können, daß ein +achtbarer Engländer versprochen hat, mit uns zu frühstücken. + +(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen! + +(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?... Ich habe überhaupt noch kein Wort +gesagt... Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?... +Es ist mir wirklich ganz unmöglich, mit zwei mir vollständig +Unbekannten im Marine-Hotel zu frühstücken. + +(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was für ein Unsinn!... Ein Patient in +sechs Wochen! Kann Ihnen doch ganz einerlei sein? + +(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestätigt Herrn +Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, daß ich Ihnen +Fräulein Dorothea Clandon, gewöhnlich Dolly genannt; vorstelle. (Dr. +Valentine verneigt sich vor Dolly. Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip +Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare +Leute. + +(Dr. Valentine.) Clandon?... Sind Sie verwandt mit-- + +(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's! + +(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie-- + +(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!... Alles ist zu Ende, Phil! Man weiß +alles über uns in England! (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie können sich +nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer berühmten +Persönlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen +geschätzt zu werden. + +(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte, +ist durchaus nicht berühmt. + +(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?... + +(Philip ist auch erstaunt.) + +(Dr. Valentine.) Ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufällig die +Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind. + +(Dolly ausdruckslos:) Nein. + +(Philip.) Na, Dolly, woher weißt du das? + +(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergaß, natürlich--vielleicht bin ich's! + +(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht? + +(Philip.) Ganz und gar nicht. + +(Dolly.) Ein kluges Kind-- + +(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch! (Dr. Valentine fährt bei diesem +Laut ängstlich zusammen. Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als +ob ein Stück Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten würde. +Er ist das Resultat langer Übung und soll Dollys Indiskretion +verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der +berühmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von großem +Ruf--in Madeira. Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke. Wir +sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden. Sie heißen +"Abhandlungen für das zwanzigste Jahrhundert". + +(Dolly.) Die Küche des zwanzigsten Jahrhunderts!-- + +(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar-- + +(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum häufigen Familiengebrauch, +zwei Dollar. In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie +sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln. + +(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf. + +(Philip.) Richtig! Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor. +Unsere eigene Seele befindet sich nämlich in dieser frischen und +unverdorbenen Verfassung. + +(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm! + +(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren +Seelen veredelt sind. + +(Philip.) Wenn das der Fall ist, müssen wir ihn mit dem andern +Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten +Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria! + +(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schöpfung! + +(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft! + +(Dolly.) Dem Stolz Madeiras! + +(Philip.) Dem Inbegriff der Schönheit! + +(Dolly wird plötzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint! + +(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen? + +(Philip höflich:) Entschuldigen Sie--bitte. + +(Dolly sehr liebenswürdig:) Verzeihen Sie. + +(Dr. Valentine versucht, väterlich zu ihnen zu sein:) Ich muß euch +jungen Leuten wirklich einen Wink geben. + +(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut! Wie alt sind Sie? + +(Philip.) Über dreißig. + +(Dolly.) Nein. + +(Philip zuversichtlich:) Doch! + +(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig! + +(Philip unerschütterlich:) Dreiunddreißig! + +(Dolly.) Unsinn! + +(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:) +Einunddreißig. + +(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt! + +(Dolly.) Du auch! + +(Philip plötzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung, +Dolly. + +(Dolly reuig:) Ja, das tun wir. + +(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor. + +(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu +veredeln. + +(Dr. Valentine.) Tatsache ist, daß Ihr-- + +(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?... + +(Dolly.) Unsere Manieren?... + +(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwöre Sie, lassen Sie mich +sprechen! + +(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel! + +(Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf +den Arm des Operationsstuhles.) + +(Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und +hält ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.) + +(Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke, +stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene. +Sie beobachten ihn mit größtem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly: +) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem +englischen Seebad gewesen sind? (Sie schüttelt langsam und feierlich +den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll +seinen Kopf schüttelt.) Das habe ich mir gedacht!... Nun, Herr +Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von +großer Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um +überzeugt zu sein, daß Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in +einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder +auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft, +genießen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schüttelt +heftig den Kopf.) O ja, das dürfen Sie mir glauben. Lord de Crescis +Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt für +Reformkleider ein und trägt hygienische Schuhe. (Dolly blickt +verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und +fügt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine. +(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern +und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind +noch Manieren haben. Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir +nicht übel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.--Nun, +eins müssen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand +sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein +lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an. +Sie begegnen seinen Blicken wie Märtyrer.) Muß ich annehmen, daß Sie +diesen unumgänglich nötigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen +Ausrüstung außer acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch +melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muß ich Ihnen leider sagen, falls +Sie die Absicht haben, längere Zeit hierzubleiben, daß es mir +unmöglich sein wird, Ihre liebenswürdige Einladung zum Frühstück +anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluß machen wollte, und +setzt den Schemel wieder an die Wand.) + +(Philip erheht sich mit ernster Höflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht +ihr den Arm.) + +(Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Würde zur Tür.) + +(Dr. Valentine von Gewissensbissen überwältigt:) O bleiben +Sie--bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.) +Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Tölpel vor. + +(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir. + +(Dr. Valentine energisch, läßt allen Anspruch auf berufsmäßige +Manieren beiseite:) Mein Gewissen?... Mein Gewissen hat mich zugrunde +gerichtet.--Hören Sie mich an!... Ich habe mich schon zweimal in +verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt +niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe +meinen Patienten statt dessen, was sie hören wollten, immer die nackte +Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich +hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fünf-Schilling-Zahnarzt, und +habe ein für allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist +meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstück für den Umzug +ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und +trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie +Stahl. In sechs Wochen habe ich fünf Schillinge verdient. Wenn ich +um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche, +so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umständen recht und billig, +mich zum Frühstück einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht +kennen? + +(Dolly.) Na, schließlich ist unser Großvater Stiftsherr der +Lincoln-Kathedrale.-- + +(Dr. Valentine wie ein Schiffbrüchiger, der ein Segel am Horizont +sieht:) Was? Sie haben einen Großvater? + +(Dolly.) Nur einen. + +(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels +willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?... Ein +Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale! Das bringt natürlich alles in +Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen +Rock wechseln. (Er ist mit einem Satz an der Türe und verschwindet. +Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an. +Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und +werden Alltagsmenschen.) + +(Philip stößt Dollys Arm fort und gebt übellaunig zum Operationsstuhl: +) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es für uns +eine Ehre wäre, ihm ein Frühstück zu bezahlen! Wahrscheinlich seit +Monaten sein erstes anständiges Essen! (Er gibt dem Stuhl einen Stoß, +als ob der Dr. Valentine wäre.) + +(Dolly.) Das ist doch zu stark! Ich kann das nicht länger ertragen, +Phil! Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen +Vater hat oder nicht. + +(Philip.) Ich will es auch nicht länger ertragen. Mama muß uns sagen, +wer er war! + +(Dolly.) Oder wer er ist! Vielleicht lebt er noch. + +(Philip.) Das will ich nicht hoffen. Kein lebender Mensch soll sich +mir als Vater aufspielen! + +(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?! + +(Philip.) Das bezweifle ich. Meine Menschenkenntnis sagt mir, daß er +seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden wäre, wenn er +eine Menge Geld besessen hätte... Immerhin, trachten wir, die Dinge +im günstigsten Licht zu sehn. Verlaß dich darauf, er ist tot! (Er +geht an den Kamin, bleibt mit dem Rücken gegen das Feuer stehen und +streckt sich. Das Stubenmädchen erscheint. Die Zwillinge strahlen +gleich wieder in ihrem früheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.) + +(Das Stübenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnädiges Fräulein. +Ich glaube, die Frau Mutter und das Fräulein Schwester. + +(Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame +zwischen vierzig und fünfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem, +seßhaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schönheit--letzterem +nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte +gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprüche in +dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man könnte sie fast verdächtigen, +zu Hause eine Haube zu tragen. Sie trägt sich mit Kunst und gut, wie +es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern +gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen künstlerischen Kultus +von Schönheit und Gesundheit verdrängt wurden. Ihr flachsblondes, von +Silberfäden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt, +geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines +gewissen Alters können daraus schließen, daß Frau Clandon in ihrer +Mädchenzeit genügend Individualität und guten Geschmack besessen hat, +um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu +widersetzen. In Kürze: sie ist in Kleidern und Manieren für ihr Alter +auffallend unmodern, aber sie gehört in das Vordertreffen ihrer +eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersüchtig betonenden Haltung +des Charakters und Verstandes und darin, daß sie eher eine Frau mit +kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten +persönlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben, +sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft +den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre +Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persönlichen Gefühls sie +heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als +menschliches Gefühl; sie begt starke Gefühle, was soziale Fragen und +Grundsätze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten, +daß diese ihre Verständigkeit und außerordentliche Zurückhaltung im +Persönlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders +erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner +anderen Frau sein könnten, in Dollys Fall nicht standhält;--obgleich +fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen +irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zärtlichkeit in +ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht überraschend, daß +eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.) + +(Gloria hat die Zwanzig kaum überschritten, ist aber eine viel +furchterregendere Dame als ihre Mutter. Sie ist die Verkörperung +geistigen Hochmuts. Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsüchtigen +Charakter hält bloß die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und +gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte +Gefahr, von ihren jüngeren leichtlebigeren Geschwistern lächerlich +gemacht zu werden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz +Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem +hartnäckigen Stolz und ihrer übertriebenen Feinheit hat eine eisige +Kälte des Betragens zur Folge. Bei einer häßlichen Frau würde das +alles abstoßend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau. Ihr +tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen +Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glänzen, +zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch +muskelkräftige Gestalt sprechen in hochmütiger Freimütigkeit zu +Einbildungskraft und Sinnen. Man könnte sie für ein sehr gefährliches +Mädchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr +edlen Stirn zum Ausdruck käme. Ihr tailor-made Kleid aus +safranbraunem Tuch erscheint von rückwärts gesehen konventionell, aber +eine Bluse von meergrüner Seide hebt das Konventionelle der Kleidung +mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die +Zwillinge--von den gewöhnlichen modernen Strandmenschen.) + +(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwärts und blickt umher, um zu +sehen, wer da ist. Gloria, die es absichtlich vermeidet, den +Zwillingen irgendein Interesse für sie zu zeigen, geht an das Fenster +und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmädchen, +anstatt sich zurückzuziehen, schließt die Tür und wartet davor.) + +(Frau Clandon.) Na, Kinder!... Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly? + +(Dolly.) Geheilt! Gott sei Dank. Ich hab' ihn mir herausziehen +lassen. (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls. Frau +Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.) + +(Philip mischt sich vom Kamin aus gravitätisch ins Gespräch:) Und der +Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von größtem Ruf, wird mit uns +frühstücken. + +(Frau Clandon sieht sich ängstlich nach dem Stubenmädchen um:) Phil! + +(Das Stubenmädchen.) Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich warte auf den +Herrn Doktor. Ich habe ihm etwas auszurichten. + +(Dolly.) Von wem? + +(Frau Clandon verdrießlich:) Dolly! + +(Dolly faßt ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrückt einen +kleinen Heiterkeitsausbruch.) + +(Das Stubenmädchen.) Bloß vom Hausherrn, gnädiges Fräulein. + +(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut +in der Hand, in bester Laune zurück, ganz atemlos infolge der Eile, +mit der er sich umgezogen hat. Gloria wendet sich vom Fenster ab und +mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.) + +(Philip.) Erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine +Mutter, Frau Lanfrey Clandon. + +(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewußt +und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria. (Gloria +verneigt sich mit kalter Würde und setzt sich auf das Sofa. Dr. +Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich +verwirrt. Er dreht seinen Hut nervös zwischen den Fingern und macht +Gloria eine schüchterne Verbeugung.) + +(Frau Clandon.) Ich höre, daß wir das Vergnügen haben werden, Sie +heute zum Frühstück bei uns zu sehen, Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn +Sie so liebenswürdig sein wollen--(Zum Stubenmädchen verdrossen:) Was +ist los? + +(Das Stubenmädchen.) Der Hausherr wünscht Sie zu sprechen, bevor Sie +ausgehen, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, daß ich mit vier Patienten beschäftigt +bin. (Die Clandons sehen überrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der +unerschütterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten +wollte, so würde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen. +(Er verläßt sich darauf, daß sie die Situation begreift.) Sagen Sie +ihm, daß ich zu tun habe, aber daß ich mit ihm zu sprechen wünsche. + +(Das Stubenmädchen bestätigend:) Jawohl, Herr Doktor. (Sie gebt ab.) + +(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fürchte, wir halten Sie auf. + +(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht! Ihre Anwesenheit +wird hier von größtem Vorteil für mich sein. Ich bin nämlich seit +sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen +einzigen Patienten gehabt. Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird +nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschäftes viel besser +ablaufen. + +(Dolly ärgerlich:) O wie gräßlich langweilig von Ihnen, das alles +auszuplaudern! Und wir haben gerade eben behauptet, daß Sie ein +hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind. + +(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly! Dolly! wie kannst du so grob sein! +(Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese +Barbaren, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewöhnt.--Wäre +es unbescheiden, wenn ich Sie bitten würde, fünf Minuten zu warten, +während ich unten meinen Hausherrn abfertige? + +(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig! + +(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly! + +(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut! (Zu Frau Clandon:) Besten Dank. +Sie sind sehr gütig--ich werde nicht lange ausbleiben. (Während er +abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria. Sie betrachtet ihn +sehr ernst. Er wird sehr verlegen.) Ich--äh--äh--ja--ich danke--ich +danke Ihnen... (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu +drücken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.) + +(Philip.) Habt ihr gesehen? (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den +ersten Blick. Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen, +Gloria. + +(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil! Er kann es gehört +haben! + +(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und +nun gib acht, Mama. (Er nimmt den Schemel, der neben der) + +(Bank steht, und setzt sich majestätisch in die Mitte des Zimmers, die +vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.) + +(Dolly fühlt, daß ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht +der Würde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut +wichtig und entschlossen drein. Sie geht an das Fenster und lehnt +sich mit dem Rücken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Hände +hinter sich auf den Tisch legend.) + +(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.) + +(Gloria wird aufmerksam.) + +(Philip streckt sich, legt die Handknöchel symmetrisch auf die Knie +und trägt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin +mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich +nicht, glauben wir nicht, daß du... (er spricht sehr pointiert, mit +Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite +erfaßt hast... + +(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... daß wir erwachsen +sind! + +(Frau Clandon.) Wirklich?... In welcher Beziehung habe ich euch Anlaß +zu Klagen gegeben? + +(Philip.) Nun, wir fangen an zu fühlen, daß es gewisse Dinge gibt, +über die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen könntest. + +(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist +plötzlich fort, und eine merkwürdig harte, würdevolle, aber verbissene, +vornehme, jedoch unerschütterliche Aufregung, die Art der alten +Vorkämpferin der Frauenbewegung, überkommt sie:) Phil, nimm dich in +acht! Vergiß nicht, was ich dich immer gelehrt habe! Es gibt zwei +Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt +sich vorläufig nur auf die eine. (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst, +ist auf gegenseitige Achtung gegründet, auf der Anerkennung des +Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhängigkeit und +Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist +bedeutsam:) in seinen persönlichen Angelegenheiten. Und weil du +dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverständlich, +daß du es nicht mehr schätzest;--aber (mit beißender Schärfe:) es +gibt noch eine andere Art des Familienlebens. Ein Leben, in dem +Ehemänner die Briefe ihrer Frauen öffnen und von ihnen Rechenschaft +für jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit +verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren +Kindern fordern! Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer +abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht, +Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte +Tyrannen sind und das Dasein eine vulgäre Kette von Strafen und Lügen +bedeutet, von Zwang und Unterdrückung, Eifersucht, Argwohn und +gegenseitigem Beschuldigen--oh! Ich kann es dir nicht beschreiben: zu +deinem Glück weißt du nichts davon. (Sie setzt sich und holt Atem. + +(Gloria hat mit glänzenden Augen zugehört und teilt den ganzen +Unwillen ihrer Mutter.) + +(Dolly ganz unempfänglich für Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des +zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel über Freiheit, passim. + +(Frau Clandon berührt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein +Spottwort von ihr besänftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur +wüßtest, wie froh ich bin, daß dir das alles nur einen Scherz +bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist. (Wendet sich etwas +entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen +Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich +nach den meinigen zu fragen--wie? + +(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklären, +daß die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere +Angelegenheit wie die deine ist. + +(Dolly.) Überdies kann's nicht gut sein, daß jemand eine Menge Fragen +in seinem Innern verschlossen herumtragen soll. Das hast du getan, +Mama! Aber schau, wie entsetzlich es dafür aus mir hervorbricht. + +(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr müßt eure Frage stellen. Also tut es. + +(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.) + +(Philip.) Nun aber, Dolly! Soll ich diese Angelegenheit führen oder +du? + +(Dolly.) Du. + +(Philip.) Dann halte deinen Mund. (Dolly tut das in des Wortes +buchstäblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der +Zahnschlosser-- + +(Frau Clandon protestierend:) Phil! + +(Philip.) Zahnarzt ist ein häßliches Wort. Der Mann des Goldes und +des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore +Clandon aus Newbury Hall wären. Gemäß deinen, in der Abhandlung über +das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und +deinen uns wiederholt persönlich erteilten Ermahnungen, die Zahl +unserer unnötigen Lügen zu beschränken, haben wir wahrheitsgetreu +geantwortet, daß wir es nicht wüßten. + +(Dolly.) Das wußten wir auch nicht! + +(Philip.) Sch! Die Folge davon war, daß der Gummiarchitekt bezüglich +der Annahme unserer Einladung große Schwierigkeiten machte, obgleich +ich bezweifle, daß er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes +genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner +Menschenkenntnis zu der Überzeugung gelangt, daß wir einen Vater +gehabt haben müssen und daß du wahrscheinlich weißt, wer das war. + +(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil! Dein Vater +bedeutet weder etwas für dich noch für mich. (Heftig:) Das genügt! +(Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt. Sie machen +lange Gesichter.) + +(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehört hat, mengt sich plötzlich +ein. Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser +Vater ist! + +(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria! "Wir?" Wer +ist "wir"? + +(Gloria, entschlossen:) Wir drei. (Ihr Ton ist nicht mißzuverstehen, +sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter +feindlich entgegen. Die Zwillinge treten sofort zum Feinde über.) + +(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und +ich" zu bedeuten, Gloria. + +(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir +tun dir weh--also lassen wir's sein. Wir dachten nicht, daß es dich +so unangenehm berühren könnte. Ich will es nicht wissen. + +(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht +so traurig drein, Mama! (Sie blickt ärgerlich auf Gloria.) + +(Frau Clandon führt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich +wieder:) Ich danke dir, Liebling. Ich danke dir, Phil. + +(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren, +Mutter! + +(Frau Clandon entrüstet:) Ah! Du bestehst also darauf! + +(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren? + +(Dolly.) O Gloria--nicht doch! Das ist unmenschlich! + +(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist? +Du hörst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter. Ganz +dasselbe ist auch mir widerfahren. + +/* +(Frau Clandon) Was meinst du? +(Dolly) }(alle zusammen:) O erzähle! +(Philip) Was ist dir passiert? +*/ + +(Gloria.) Oh, nichts von Belang! (Sie wendet sich ab und geht an den +Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Rücken gegen die +andern, niederläßt. Da alle erwartungsvoll schweigen, fügt sie, über +die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgültigkeit hinzu:) An Bord +des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine +Hand anzuhalten. + +(Dolly.) Nein, um meine Hand! + +(Frau Clandon.) Der erste Offizier?... Ist das dein Ernst, +Gloria?--Was hast du ihm geantwortet? (Sich verbessernd:) +Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen. + +(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Mädchen, das nicht +einmal weiß, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht +annehmen. + +(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen? + +(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein. Aber +gesetzt den Fall, ich hätte Lust gehabt-- + +(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly? + +(Dolly.) Nein. Ich habe seinen Antrag angenommen. + +/* +(Gloria) Was? +(Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly! +(Philip) Na, ich muß sagen! +*/ + +(Dolly naiv:) Er sah so blödsinnig aus! + +(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly? + +(Dolly.) Aus Spaß wahrscheinlich. Er mußte meinem Finger für den +Ehering Maß nehmen. Du hättest das auch getan. + +(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das hätte ich nicht! Tatsächlich hat mir +der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm +gesagt, er möge sich derlei Scherze für Frauen aufheben, die jung +genug wären, daran Spaß zu haben... Er scheint meinen Rat befolgt zu +haben. (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere, +daß du mich für schwach hältst. Aber ich kann dir nicht sagen, was du +verlangst. Ihr seid alle zu jung. + +(Philip.) Das ist ein überraschendes Außerachtlassen der Prinzipien +des zwanzigsten Jahrhunderts. + +(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und +beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen. +"--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"-- + +(Philip.) Seite eins-- + +(Dolly.) Kapitel eins + +(Philip.) Satz eins. + +(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, daß ihr zu jung +seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr wäret zu jung, um von mir ins +Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle-- +aber es freut mich um euretwillen, daß ihr noch sehr unerfahren seid +und daher auch sehr teilnahmslos. Ich aber habe Erfahrungen gesammelt, +über die ich nur mit Leuten sprechen könnte, die durchgemacht haben, +was ich durchgemacht habe. Ich hoffe, daß ihr euch für solche +Mitteilungen nie eignen werdet. Aber ich will dafür sorgen, daß ihr +alles, was ihr wissen möchtet, erfahren sollt.--Genügt euch das? + +(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly! + +(Dolly:) Wir sind teilnahmslos! + +(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter +auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich +nicht sein. + +(Frau Clandon zärtlich:) Gewiß nicht, mein Herz.--Glaubst du, daß ich +dich nicht verstehe? + +(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter-- + +(Frau Clandon etwas zurückweichend:) Ja?... + +(Gloria hartnäckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, daß unser Vater uns +nichts angehe. + +(Frau Clandon zu plötzlichem Entschluß herausgefordert:) Erinnerst du +dich an deinen Vater? + +(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zärtliche wäre:) +Ich weiß es nicht bestimmt... ich glaube. + +(Frau Clandon grimmig:) Du weißt es nicht bestimmt? + +(Gloria.) Nein. + +(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals +geschlagen hätte, (Gloria weicht zurück, Philip und Dolly sind +unangenehm berührt; alle drei starren sie empört an, während sie +schonungslos fortfährt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar +bewußt--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens für diesen +Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, daß du dich daran erinnern +würdest? + +(Gloria stößt einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh! + +(Frau Clandon:) Das würde deine letzte Erinnerung an deinen Vater +gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen hätte. Ich +habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern, +indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet. + +(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Händen. +Da sie jemanden vor der Tür hört, wendet sie sich ab und tut so, als +wäre sie damit beschäftigt, die Namen der Bücher im Bücherschrank zu +besehen.) + +(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.) + +(Dr. Valentine kehrt zurück:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu +lange warten lassen. Mein Hausherr ist wirklich ein außergewöhnlicher +Kerl! + +(Dolly lebhaft:) Oh, erzählen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen +die Zahlungsfrist verlängert? + +(Frau Clandon außer sich über ihres Kindes Manieren:) Dolly! Dolly! +Liebe Dolly! Gewöhne dir doch das Fragen ab! + +(Dolly verstellt demütig:) O bitte, verzeihen Sie... Aber Sie werden +es uns erzählen--nicht wahr, Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben. Er hat sich an +einer brasilianischen Nuß einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn +zu untersuchen und dann mit ihm zu frühstücken. + +(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich +aus; dann wollen wir ihn auch zum Frühstück mitnehmen! Sagen Sie dem +Mädchen, sie soll ihn heraufholen. (Sie läuft zur Glocke und klingelt +energisch. Dann wendet sie sich mit plötzlichem Bedenken zu Dr. +Valentine und fügt hinzu:) Ich nehme an, daß er ein angesehener Mann +ist... wirklich angesehen? + +(Dr. Valentine.) Sicherlich! Nicht wie ich. + +(Dolly.) Ganz gewiß? + +(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum +Protestieren ist erschöpft.) + +(Dr. Valentine.) Ganz gewiß! + +(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf! + +(Dr. Valentine blickt zögernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel würde er +entzückt sein, wenn--wenn-- + +(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich würde mich sehr +freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen +können. Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um +dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den +ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verließ--nicht gesehen habe. +--Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte? + +(Dr. Valentine.) Gewiß, Frau Clandon. + +(Gloria.) Soll ich mitkommen? + +(Frau Clandon.) Nein, mein Kind. Ich will allein sein. + +(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt. Dr. Valentine öffnet +ihr die Tür und folgt ihr.) + +(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm... + +(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha! (Das Stubenmädchen hat dem +Glockenzeichen Folge geleistet:) Führen Sie den alten Herrn herauf. + +(Das Stubenmädchen verblüfft:) Gnädiges Fräulein? + +(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen. + +(Philip.) Den Hausherrn! + +(Das Stubenmädchen.) Herrn McNaughtan? + +(Philip.) Heißt er McNaughtan? + +(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr? + +(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten. + +(Dolly über die Schulter zum Stubenmädchen:) Führen Sie Herrn +Gichtknoten herauf. + +(Das Stubenmädchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnädiges Fräulein. +(Ab.) + +(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:) +McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan... (Sie setzt sich +nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muß diesen Namen lernen, oder +der Himmel weiß, wie ich ihn nennen werde. + +(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben, +die uns die Mutter eben über unsern Vater gemacht hat? + +(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages. Der alte +Chamico pflegte seine Frau und seine Töchter mit einer Pferdepeitsche +durchzubleuen. + +(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese! + +(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Ähnlichkeit, ob +es nun Portugiesen oder Engländer sind, Dolly. Verlaß dich auf meine +Menschenkenntnis. (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit +einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.) + +(Gloria mit bekümmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, daß wir jemals +unser altes Rätselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen +werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem +vielen Geld? + +(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten +Mann, mit dem zärtlichen kummervollen Herzen? Der ist dir nun auch +durch die Binsen gegangen, wie es scheint. + +(Philip.) Es steht außer Zweifel, daß der alte Herr ein zerplatzter +Aberglauben ist. (Man hört Dr. Valentine vor der Tür mit jemandem +sprechen:) Aber still--er kommt! + +(Gloria nervös:) Wer? + +(Dolly.) Gichtknoten. + +(Philip.) Sch! Aufgepaßt! (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.) + +(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein +genugist, daß man ihn zum Frühstück einladen kann, nick' ich Dolly zu; +und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein. + +(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurück. Herr Fergus +McNaughtan ist ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, groß, abgehärtet +und sehnig, mit einem furchtbar hartnäckigen, übellaunigen, +habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsüchtigen Stimme. Dabei +ist er ungemein nervös und empfindlich, was man an seiner dünnen, +durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann. +Seine daraus folgende Fähigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein +Temperament und seine Halsstarrigkeit über ihn bringen, stark zu +leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in +dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an +Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer +fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemühung, seine angeboren +unhöflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit +abzustreifen. Seine kühn geschweiften Brauen und seine Stirn +verraten deutlich einen befähigten Menschen; ein Zeichen +beschränkter Geldmittel oder geschäftlichen Mißkredits ist an ihm +nicht bemerkbar. Er ist gut gekleidet und könnte auf den ersten +Blick für den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der +Geschäftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden. Sein +marineblaue Rock ist nicht nach dem üblichen modernen Muster; es ist +nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die +großen Knöpfe und breiten Aufschläge würden besser auf eine +Schiffswerft als in ein Kontor passen. Er hat Gefallen an Dr. +Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschrötigkeit nichts macht +und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, für die er Dr. +Valentine heimlich dankbar ist.) + +(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr +McNaughtan--Fräulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fräulein +Gloria Clandon. (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervös. Sie +verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan. + +(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl, +Herr--McNaughtan. + +(McNaughtan.) Ich danke. Aber will nicht das gnädige Fräulein da +sitzen--? (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.) + +(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan. Wir wollen gerade gehn. + +(Dr. Valentine weist ihn mit gutmütiger Entschiedenheit nach dem Stuhl: +) Setzen Sie sich--setzen Sie sich. Sie sind müde. + +(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Älteste unter den Anwesenden bin, +darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas +gichtischer Gebärde in den Operationsstuhl setzt. Inzwischen nickt +Philip, der ihn während seines Ganges durch das Zimmer kritisch +studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.) + +(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, daß Herr +Dr. Valentine nicht mit Ihnen frühstückt; da wir ihn mithaben wollen. +Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen. + +(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat, +dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnügen erscheinen. + +/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr für... (Dolly) } (höflich: +) Es freut uns außerordentlich, daß... (Philip) Wir sind wirklich +entzückt, Ihre... */ + +(Die Unterhaltung stockt. Gloria und Dolly blicken erst einander und +dann Dr. Valentine und Philip an. Die beiden Männer, der Lage nicht +gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind +augenscheinlich dadurch so verwirrt, daß sie wieder zurückschauen und +den Augen von Gloria und Dolly begegnen. So sucht einer das Auge des +andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total +verlegen. McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor +er beginnt. Das Stillschweigen fängt an, unerträglich zu werden.) + +(Dolly plötzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt +sind Sie, Herr McNaughtan? + +(Gloria schnell:) Ich fürchte, wir müssen eilen, Herr Doktor.--Es +bleibt also dabei, daß wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen. +(Sie geht zur Tür, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den +Glockenzug.) + +(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei. (Er klingelt:) Vielen Dank. (Er +begleitet Gloria und Philip zur Tür und geht mit ihnen hinaus.) + +(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen +Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fünf Schillinge extra, aber +die Sache ist es wert. + +(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet! (Sie ernster betrachtend:) Sie +wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich? Ich bin +siebenundfünfzig. + +(Dolly mit Überzeugung:) Sie sehen auch so alt aus. + +(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall. + +(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an? Ist etwas an mir nicht +in Ordnung? (Sie befühlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.) + +(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen. + +(Dolly.) An wen? + +(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwürdige Ähnlichkeit mit meiner +Mutter. + +(Dolly ungläubig:) Mit Ihrer Mutter?!... Meinen Sie nicht vielleicht +mit Ihrer Tochter? + +(McNaughtan bricht plötzlich haßerfüllt aus:) Nein--verlassen Sie sich +darauf, daß ich nicht meine Tochter meine! + +(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh? (McNaughtan.) +Nein, nein--es ist nichts. Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von +Zahnschmerzen, Fräulein Clandon. + +(Dolly.) Heraus damit! "Wurzelnden Gram ausreuten dem +Gedächtnis"[*]--mit Lachgas, fünf Schillinge extra. + +[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).] + +(McNaughtan rachsüchtig:) Nein, kein Schmerz. Eine Beleidigung, die +mir einst zugefügt wurde! Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und +ich will sie nicht vergessen! (Sein Gesicht legt sich in +unversöhnliche Falten.) + +(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht, +daß wir Sie werden leiden mögen, wenn Sie über erlittenem Unrecht +brüten. + +(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly +geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan, +aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort! (Er geht mit ihr zur Tür.) + +(Dolly in einem vollkommen hörbaren Flüsterton:) Er behauptet, daß er +erst siebenundfünfzig ist--er hält mich für das Ebenbild seiner +Mutter--er haßt seine Tochter--und... (Sie wird durch die Rückkehr Dr. +Valentines unterbrochen.) + +(Dr. Valentine.) Fräulein Clandon ist schon voraus. + +(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei. + +(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zähne übrig, daß +er mit uns essen kann. (Sie gehen ab.) + +(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und öffnet sie.) + +(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor! Das richtige +Früchtchen der modernen Erziehung! Als ich im Alter dieser jungen +Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Prügel frisch in der +Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren. + +(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade +gegenüber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester? +(McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr! + +* * * * * + +(Dr. Valentine überschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein +Wesen--(Er besinnt sich und fügt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts +mit dem Geschäft zu tun. (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte +Schulter und nimmt seinen berufsmäßigen Ton an:) Aufmachen, bitte. + +(McNaughtan öffnet den Mund.) + +(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zähne:) +Hm!... Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade! So ein +prächtiges Gebiß zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nüsse auf? +(Er zieht den Spiegel zurück und tritt vor, um mit McNaugthan zu +sprechen.) + +(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zähnen Nüsse geknackt--wozu hat +man sie denn? (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zähne in +gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, daß man sie an Knochen und +Nüssen genügend abnützt und sie täglich mit Seife putzt--mit +gewöhnlicher Schmierseife! + +(Dr. Valentine.) Seife?... Warum mit Seife? + +(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt, +und seitdem hab' ich's immer getan. Und ich hab' in meinem ganzen +Leben keine Zahnschmerzen gehabt! + +(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft? + +(McNaughtan.) Ich habe gefunden, daß die meisten Dinge, die mir gut +getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit +abzufinden, und man sorgte dafür, daß ich mich damit abfand. Jetzt +bin ich daran gewöhnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die +Seife wirklich gut ist. + +(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen +sehr sorgfältig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan. + +(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden! + +(Dr. Valentine lächelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher? + +(McNaughtan.) Wie meinen Sie das? + +(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zähne sind gut--ich gebe es zu; aber ich +habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso +gute gesehn. (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde +mit einer andern.) + +(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zähne an, sondern auf den +Charakter. + +(Dr. Valentine versöhnlich:) Oh! Auf den Charakter--ich verstehe. +(Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!... Der +da wird heraus müssen--er ist nicht mehr zu retten. (Er zieht die +Sonde zurück und tritt wieder seitwärts an den Stuhl, um zu plaudern:) +Fürchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fühlen; ich werde Ihnen +Lachgas geben. + +(McNaughtan.) Unsinn, Mensch! Ich brauche kein Lachgas! Heraus damit! +Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen +zu ertragen. + +(Dr. Valentine.) Oh! Wenn Sie Schmerzen gern mögen--schön. Ich werde +Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne für den günstigen Einfluß +auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen. + +(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden +mir sechs Wochen Miete! + +(Dr. Valentine.) Richtig. + +(McNaughtan.) Können Sie mich bezahlen? + +(Dr. Valentine.) Nein. + +(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht. +--Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfähig sein, da Sie nichts +Besseres wissen, als sich über Ihre Patienten lustig zu machen? (Er +setzt sich wieder.) + +(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan. Meine Patienten haben +nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet. + +(McNaughtan packt ihn plötzlich am Arm, während Dr. Valentine sich +wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer für sie! Ich sage Ihnen, +Sie verstehen meinen Charakter nicht! Wenn ich all meine Zähne +entbehren könnte ich würde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen +ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tüchtiger, abgehärteter +Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat. (Er +nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklärung zu bekräftigen, und läßt +ihn los.) + +(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stören +läßt:) Und Sie wollen noch mehr abgehärtet werden, nicht wahr? + +(McNaughtan.) Ja. + +(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Für mich sind Sie als +Hausherr--schon abgehärtet genug. + +(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.) + +(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beiläufiger Weise, +während er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet, +Herr McNaughtan? Eine Frau und Kinder würden Ihnen Ihre Abhärtung +schon ein wenig ausgetrieben haben. + +(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das +an?! + +(Das Stubenmädchen erscheint an der Tür.) + +(Dr. Valentine höflich:) Bitte, etwas warmes Wasser. (Sie zieht sich +zurück, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans +Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht. Er setzt die +Unterhaltung fort, während er eine Zange aussucht und sie sich zur +Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie +fragten eben, was zum Teufel mich das angeht... Nun, ich habe vor, +mich selbst zu verheiraten. + +(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natürlich, Mensch--natürlich! Wenn +ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in +vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfändet werden soll, +dann heiratet er. Das habe ich schon öfter beobachtet.--Gut, heiraten +Sie und werden Sie unglücklich! + +(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon? + +(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle! + +(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan? + +(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefühl des Unwillens:) Ja--der +Teufel soll sie holen! + +(Dr. Valentine unerschütterlich:) Hm!... Am Ende sind Sie auch Vater, +nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan? + +(McNaughtan.) Drei Kinder! + +(Dr. Valentine höflich:) Der Teufel soll sie holen--was? + +(McNaughtan eifersüchtig:) Nein, Herr: die Kinder gehören mir so gut +wie ihr. + +(Das Stubenmädchen bringt einen Krug heißes Wasser herein.) + +(Dr. Valentine.) Danke. (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an +den Stuhl; dann fährt er in dem gleichen nachlässigen Ton fort:) Ich +möchte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan. (Er +gießt etwas warmes Wasser in das Trinkglas.) + +(Das Stubenmädchen geht hinaus.) + +(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu können. Ich bin so +glücklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden, +solange sie mir nicht in den Weg kommen. + +(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern +die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heißen Wassers.) + +(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu wärmen; +ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl. (Dr. Valentine beugt sich +vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu +bringen:) Was ist das für ein schweres Ding? + +(Dr. Valentine.) O nichts! Ich setze bloß meinen Fuß darauf, wenn ich +den nötigen Stützpunkt für einen kräftigen Zug bekommen will. + +(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.) + +(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der +Zange in Bereitschaft. Er fährt fort mit herausfordernder +Gleichgültigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu +verheiraten, Herr McNaughtan? (Er bückt sich, um die Kurbel an den +Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden +kann.) + +(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und +endlich aufzuhören, mich an meine Frau zu erinnern! Vorwärts, Herr! +(Er klammert sich an lit Stuhllehnen und stählt sich.) + +(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und +sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, daß ich den Zahn herauskriege, +ohne daß Sie es spüren? + +(McNaughtan.) Um Ihre sechswöchige Miete, mein Junge! Mich foppen Sie +nicht! + +(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel +kräftig hinauf, so daß der Sessel steigt:) Abgemacht! Sind Sie +bereit? (McNaughtan, der beunruhigt über sein plötzliches +Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt +sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Dr. +Valentine läßt den Rücken des Stuhles plötzlich zu einem stumpfen +Winkel hinab.) + +(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, während er +zurückfällt:) Au! Nehmen Sie sich in acht, Mensch! Ich bin ganz +wehrlos in dieser La-- + +(Dr. Valentine hält ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und +erfaßt das Mundstück des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch +wehrloser sein! (Er preßt das Mundstück über McNaughtans Mund und +Nase und lehnt sich dabei über McNaugthans Brust so zurück, daß er ihm +Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.) + +(McNaughtan stößt einen unartikulierten Laut in das Mundstück aus und +versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenüber glaubt. Nach +einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen +herab. Er ist vollständig bewußtlos.) + +(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das +Mundstück rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und +der Vorbang fällt.) + + + + +ZWEITER AKT + +(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform, +die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus +schweren Stützpfeilern eingefaßt ist, die wie schwerfällige Ölkrüge +aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.) + +(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschäftigt ist, auf +einem Frühstückstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den +Rücken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in +der Ecke, befindet sich in der Nähe des Meeres die Flucht von Stufen, +die hinunter zum Strand führen. Wenn er vor sich die Terrasse +hinunterblickt, sieht er gegenüber, etwas zu seiner Linken, einen +Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an +einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen +umschwirrte Zuckerdose befindet. Er liest den "Standard" und hat +seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schützen, +die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine +röstet. Ihm gegenüber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine +Gartenbank von der gewöhnlichen Strandpromenadenform. Besucher treten +durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man über +ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhöhten, +gepflasterten Viereck erheben. Näher an der Brüstung ist ein geheimer +Weg in die Küche durch ein kleines Gitterportal maskiert. Der Tisch, +an dem der Kellner sich beschäftigt, ist sehr lang. Er steht quer +über der Terrasse und ist mit fünf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck +steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stühle auf jeder +Längsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite. +Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Büfett eingerichteter Tisch, +von dem aus serviert werden soll.) + +(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch. Ein zarter +alter Mann mit weißen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und +zufrieden, daß in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als +Gemeinheit gerügt fühlt und Einbildungskraft als Verrat an dem +überströmenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit. Er hat jenen +gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf +hervorragend sind und die, im Bewußtsein der Nichtigkeit des Erfolges, +von Neid unberührt bleiben.) + +(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht für den Strand gekleidet. +Er trägt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder +steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose. Die vortreffliche +Verfassung und Qualität dieser Kleidung, der goldgeränderte Zwicker, +mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem +Ellbogen über der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit +hin. Er ist ungefähr fünfzig Jahre alt, glatt rasiert und +kurzgeschoren. Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als +hätte er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und wäre +entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen. Er hat große, weite +Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn, +die er resolut offen trägt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend +beschlossen hätte, wahrheitsliebend, großmütig, unbestechlich zu +bleiben, es ihm aber niemals gelungen wäre, diese geistige Gewöhnung +automatisch und unbewußt zu machen. Trotzdem macht er durchaus keinen +lächerlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwäche +ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er würde dem Anblick nach überall +für einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschäftlichen +Fähigkeiten und geschäftlicher Verantwortung gehalten werden. +Augenblicklich genießt er das Wetter und das Meer zu sehr, um die +Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen +durchgelesen und ist gegenwärtig auf die Inserate angewiesen, die aber +nicht interessant genug sind, ihn für die Dauer zu fesseln.) + + +(Der Herr gähnt und verzichtet auf die Zeitung als ungenießbar:) +Kellner! + +(Der Kellner.) Bitte? (Er nähert sich ihm.) + +(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, daß Frau Clandon vor dem +Frühstück zurückkommt? + +(Der Kellner.) Ganz bestimmt. Sie erwartet den Herrn um dreiviertel +auf Eins. (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besänftigt, sieht +ihn mit einem lässigen Lächeln an. Der Kellner hat eine ruhige, +sanfte, melodische Stimme, die seinen alltäglichsten Bemerkungen ein +sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem süßesten Anstand, +ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in +irgendeine andere Vulgarität zu verfallen. Der Kellner sieht nach der +Uhr und fährt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht? Erst zwölf Uhr +dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muß sich der Herr gedulden.-- +Schöner Morgen, nicht wahr? + +(Der Herr.) Ja. Sehr frisch im Vergleich zu London. + +(Der Kellner.) Ja. Das sagen alle unsere Gäste.--Eine sehr angenehme +Familie, die von Frau Clandon. + +(Der Herr.) Sie mögen sie? (Der Kellner.) Ja. Sie haben ein sehr +unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend. +Namentlich die junge Dame und der junge Herr. + +(Der Herr.) Fräulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich. + +(Der Kellner.) Jawohl. Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen +Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, daß wir Ihretwegen +in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehört haben, was für ein +vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, daß ich +ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr fährt auf bei +diesen Worten:) und daß er von mir erwartet, daß ich mich gegen ihn +auch wie ein Vater benehmen werde. (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall: +) Oh, so liebenswürdig... wirklich, sehr höflich und freundlich sind +sie! + +(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater ähnlich sein! (Er lacht über +diese Idee.) + +(Der Kellner.) Oh, wir dürfen nicht zu ernst nehmen, was die +Herrschaften sagen. Wenn es wahr wäre, so würde die junge Dame die +Ähnlichkeit natürlich auch bemerkt haben. + +(Der Herr.) Hat sie das nicht? + +(Der Kellner.) Nein. Sie fand, ich hätte mit der Shakespear-Büste in +der Stratford-Kirche Ähnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch +"William"--mein richtiger Name ist Walter. (Er wendet sich um, will +nach dem Tisch zurückgeben und erblickt Frau Clandon, die über die +Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon. +(Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr +ist da, der Sie sprechen will, gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns frühstücken, +William. + +(Der Kellner.) Sehr wohl, gnädige Frau. Danke schön, gnädige Frau. +(Er zieht sich in das Hotel zurück.) + +(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um, +geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu +geben.) + +(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:) +Erkennen Sie mich nicht? + +(Frau Clandon sieht ihn scharf und ungläubig an:) Sind Sie Finch +McComas? + +(McComas.) Können Sie das nicht raten? (Er schließt den Schirm, +stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Händen in den Hüften lustig +vor ihr auf und laßt sich betrachten.) + +(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich! (Sie reicht ihm +die Hand. Der Händedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer +Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart? + +(McComas komisch feierlich:) Würden Sie einen Anwalt mit einem Bart +beschäftigen? + +(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:) +Ist das Ihr Hut? + +(McComas.) Würden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschäftigen? + +(Frau Clandon.) Ich habe Sie während der ganzen achtzehn Jahre in +Gedanken mit einem Bart und einem großen, runden Hut vor mir gesehen. +(Sie setzt sich auf die Gartenbank. McComas nimmt seinen Platz wieder +ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen +Gesellschaft? + +(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr. + +(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist! Sie +sind respektabel geworden! + +(McComas.) Und Sie nicht? + +(Frau Clandon.) Nicht im geringsten. + +(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest? + +(Frau Clandon.) Fester denn je. + +(McComas.) Was Sie sagen!... Und sind Sie noch immer bereit, +öffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts? (Frau Clandon nickt. +) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete +Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermögen von dem ihres Gatten zu +trennen? (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer +Vorkämpferin für die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und +für John Stuart Mills Schrift über die Freiheit? (Sie nickt.) Lesen +Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot? (Sie nickt dreimal.) +Und verlangen Sie noch immer für die Frauen so gut wie für die Männer +den Zutritt zur Universität, die Ausübung aller Gewerbe und das +parlamentarische Wahlrecht? + +(Frau Clandon energisch:) Jawohl. Ich bin nicht um Haares Breite +davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort +fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich +nach England zurückgeführt hat. Ich fühlte, daß ich kein Recht hatte, +meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch! +--Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist +darauf vorbereitet. + +(McComas.) Ausgezischt?... Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage +könnte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof +heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, daß ich respektabel +geworden bin. Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten +Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und +ich tue nicht so, als ob ich es täte. Ich bekenne, was ich bin: ein +radikaler Philosoph, der für Freiheit und für die Rechte des +Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt +hat. Werde ich ausgezischt?... Nein! Ich werde nachsichtig +belächelt, wie ein altmodischer Kauz! Ich bin vollständig erledigt, +weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen. + +(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus! + +(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fräulein +Gloria bis über die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen. + +(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, daß der +Sozialismus ein Trugschluß ist! + +(McComas pathetisch:) Dadurch, daß ich es bewies, habe ich alle meine +Schüler verloren, Frau Clandon. Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie +Gloria ihren eigenen Weg gehen. (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch +geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurückgeblieben! Es +gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen für +vorgeschritten gelten würden. + +(Frau Clandon spöttisch und nicht überzeugt:) Die Kirche vielleicht? + +(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache. Warum haben Sie +mich hierher kommen lassen? + +(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte. + +(McComas mit gutmütiger Ironie:) Danke! + +(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich möchte, daß Sie den Kindern +alles erklären. Sie wissen nichts. Und jetzt, wo wir nach England +zurückgekehrt sind, ist es unmöglich, sie noch länger im unklaren zu +lassen. (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschließen, es +ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria +unterbrochen. Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestürzt, im +Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestörten +Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet. +Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stößt durch die Heftigkeit +ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe über den Haufen.) + +(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama! Der Zahnarzt kommt, +und seinen alten Hausherrn bringt er mit! + +(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht? + +(McComas erhebt sich lächelnd.) + +(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die größte Enttäuschung +ausdrückt:) Der?!... Wo sind die wallenden Locken? + +(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das +poetische Aussehen?! + +(Dolly.) Oh, Herr McComas! Sie haben sich ganz und gar verdorben! +Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?! + +(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der +schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil für einen Rechtsanwalt +achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare +schneiden zu lassen. + +(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas. +(Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drückt sie, mit +einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie +endlich zu sehen. + +(McComas.) Fräulein Gloria, nicht wahr? (Gloria lächelt zustimmend +und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurück. Sie tritt hinter +die Gartenbank und neigt sich über die Lehne neben Frau Clandon:) Und +dieser junge Herr? + +(Philip.) Ich wurde in einer verhältnismäßig prosaischen Laune getauft. +Ich heiße-- + +(Dolly ergänzt sein Zitat für ihn, deklamatorisch:) "Ich heiße Norval, +auf den Grampianhügeln"... + +(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur +ein Schäfer"--[*] + +[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel +"Douglas" von John Horne (1724-1808).] + +(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so +albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, daß sie in der +tollsten Laune sind. Sie halten jeden Engländer, dem sie begegnen, +für einen Witz. + +(Dolly.) Ja, das ist er auch! Wir können nichts dafür! + +(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas; +aber es ist mir unmöglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen. + +(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip? (Er bietet +ihm die Hand.) + +(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der +junge Philip--das war ich durch viele Jahre. Genau so wie Sie einmal +der junge Finch gewesen sind. (Er schüttelt ihm einmal die Hand; dann +läßt er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es +doch, so auf seine Knabenzeit zurückzublicken! + +(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)* + +(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen? + +(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns +frühstücken. + +(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt? Vergiß nur nicht den alten +Herrn! + +(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind. Wie heißt er? + +(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein. (Zu McComas:) +Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben? + +(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas +hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen +alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich +gerichtet habt, zu beantworten. Er ist sowohl der Freund eures Vaters +als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens +besser erzählen, als ich es könnte.--Gloria, bist du nun zufrieden? + +(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr gütig. + +(McComas nervös:) Durchaus nicht, mein Fräulein, durchaus nicht. Doch +das kommt ziemlich plötzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet-- + +(Dolly argwöhnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes +hören. + +(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit. + +(Dolly nachdrünklich:) Die nackte Wahrheit! + +(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen, +was ich zu sagen habe? + +(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, daß es das verdient, Herr +McComas. Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu +erwarten. + +(Frau Clandon abwehrend:) Phil-- + +(Philip.) Ja Mutter, schon gut. Entschuldigen Sie, Herr McComas, +stoßen Sie sich nicht an uns. + +(Dolly versöhnlich:) Wir meinen es gut. + +(Philip.) Schweigen wir beide! + +(Dolly hält ihre Lippen fest. McComas nimmt einen Stuhl vom +Frühstückstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die +Gartenbank, so daß Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken +zu stehen kommt. Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im +Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen. Die +Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.) + +(McComas.) Hm!--Ihr Vater-- + +(Dolly.) Wie alt ist er? + +(Philip.) Sch! + +(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht +unterbrechen. + +(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke! +(Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfünfzig Jahre alt. + +(Dolly mit einem Satz, überrascht und aufgeregt:) Siebenundfünfzig?!... +Wo lebt er? + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly! Dolly! + +(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau +Clandon. Die Antwort wird Sie sehr überraschen.--Er lebt hier, an +diesem Ort. + +(Frau Clandon erhebt sich sehr böse, setzt sich aber wieder sprachlos +nieder. Gloria beobachtet sie ganz starr.) + +(Dolly mit Überzeugung:) Ich wußte es!... Phil--Gichtknoten ist unser +Vater! + +(McComas.) Gichtknoten--?! + +(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiß ich! Er sagte mir, +ich sähe seiner Mutter ähnlich; ich wußte es ja, daß er seine Tochter +meinte. + +(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich möchte Ihre Gefühle auf jede +mögliche Art berücksichtigen--aber ich warne Sie! Wenn Sie den langen +Arm des Zufalls derart verlängern, daß Sie mir einreden wollen, der +hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf +Ihre Auskünfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen. + +(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf? + +(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gänzlich +ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater, +oder der Mann meiner Mutter zu sein! + +(McComas.) Oh, wirklich?--So. Dann muß ich Ihnen sagen--ob Sie es nun +gern hören oder nicht--: er ist tatsächlich Ihr Vater und der Vater +Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu? + +(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so böse zu sein! Gichtknoten +ist ja nicht Ihr Vater! + +(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos. Sie finden hier +eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit +genießt, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines +Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des +Bandes einer frei gewählten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen +Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstoßen, den wir +nicht kennen.... + +(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann! (Vorwurfsvoll:) Und +Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater für uns hätten! + +(McComas ärgerlich:) Woher wissen Sie, daß er nicht nett ist? Und +welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu wählen? (Seine +Stimme erhebend:) Ich muß Ihnen sagen, Fräulein Clandon, daß Sie zu +jung sind, um-- + +(Dolly unterbricht ihn plötzlich mit Heftigkeit:) Still! Das hab' ich +ja ganz vergessen... hat er Geld? + +(McComas.) Er hat sehr viel Geld. + +(Dolly entzückt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil? + +(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell +verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas. + +(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr. Ich bin zu empört, +zu verletzt dazu. + +(Frau Clandon kämpft mit ihrem Zorn:) Finch, können Sie die ganze +Sachlage mit allen Folgen überblicken? Wissen Sie, daß meine Kinder +diesen Mann zum Frühstück eingeladen haben und daß er in einigen +Augenblicken hier sein wird? (McComas ganz außer sich:) Was!... +Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es... + +(Philip nachdrücklich:) Ruhig Blut, Finch! Denken Sie darüber langsam +und sorgfältig nach.--Er kommt--kommt zum Frühstück. + +(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen? Habt ihr darüber +nachgedacht? + +(Frau Clandon.) Finch, Sie müssen es ihm sagen! + +(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen! Schau +doch, was er damit angerichtet hat, daß er es uns gesagt hat! + +(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen. Ich protestiere. + +(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht böse +sein! + +(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden +Augenblick kommen! + +(Gloria stolz:) Rühr' dich nicht vom Fleck, Mutter. Ich werde mich +auch nicht rühren. Wir dürfen nicht davonlaufen. + +(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so können wir nicht zu +Tisch gehen. Wir kommen gleich wieder. Wir müssen kein Heldentum +posieren. (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm, +Dolly! (Als sie sich der Hoteltüre nähert, kommt ihr der Kellner +daraus entgegen. Er trägt ein Servierbrett, auf dem sich Teller für +die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.) + +(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnädige Frau? + +(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei. Sie werden gleich da sein. (Sie +geht ins Hotel. Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den +Serviertisch.) + +(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas. Die Mitteilung, die Sie +zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt, +nicht wahr? + +(McComas.) Es gehört sicherlich Takt dazu. + +(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen? + +(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiß, wen du +meinst! William! + +(Philip.) Das ist der Mann! (Rufend:) William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr. + +(McComas entsetzt:) Der Kellner?!... Nein! Nein! Das kann ich nicht +zugeben, ich-- + +(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu +Diensten. + +(McComas setzt sich außer Fassung. Sein Gesicht wird aschfahl, und +seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos. Er setzt sich total +verdutzt.) + +(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren +Sohn zu betrachten? + +(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiß, junger Herr?--Alles, +womit ich Ihnen dienen kann. + +(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und +schon ist ein Rivale auf der Bildfläche aufgetaucht. + +(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr? Nun, das war früher +oder später zu erwarten, nicht wahr? (Er wendet sich mit einem +glücklichen Lächeln zu McComas:) Sind Sie es, gnädiger Herr? + +(McComas kommt durch seine Entrüstung wieder zu Kräften:) Nein, ganz +gewiß nicht, Gott sei Dank! Meine Kinder wissen, wie sie sich zu +benehmen haben! + +(Philip.) Nein, William, dieser Herr hätte nur mein Vater werden +können! Um ein Haar wäre er's geworden. Er hat um meine Mutter +angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben. + +(McComas beleidigt:) Ich muß doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit-- + +(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden. +--Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt? + +(Der Kellner.) Der schieläugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen +Knüttel--meinen Sie den? + +(Philip.) Das weiß ich nicht!--Finch, hält er ein Wirtshaus? + +(McC omas erhebt sich empört:) Nein, nein, nein! Ihr Vater, Herr, ist +ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Männer der +Stadt! + +(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie, +gnädiger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Güte! + +(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns frühstücken. + +(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr. (Diplomatisch:) Er +frühstückt für gewöhnlich wohl nicht mit seiner Familie? + +(Philip nachdenklich:) William--er weiß nicht, daß wir seine Familie +sind. Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns +nicht erkennen. (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich +Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner +mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.) + +(Dolly.) Wir wollen, daß Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William! + +(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, daß er's errät, wenn er Ihre +Mutter sieht, gnädiges Fräulein? + +(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre +Bewegung ein.) + +(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht! + +(Philip.) Ich auch nicht! (Er verläßt den Tisch und wendet sich +vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht! + +(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein? + +(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulänglichkeit ist erschreckend! +--William, Ihr Scharfsinn beschämt uns alle. + +(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr ähnlich, William! + +(Der Kellner.) Aber nein! Es ist nicht der Rede wert, gnädiges +Fräulein... ich schätze mich glücklich, junger Herr. (Er gebt +bescheiden zum Frühstückstisch zurück und legt die beiden +hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Nähe +der Stufen und das andere so, daß noch ein drittes hinzukommen kann an +der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.) + +(Philip ergreift plötzlich McComas' Arm und führt ihn gegen das Hotel +zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Hände. + +(McComas.) Ich bin überaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon-- + +(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewöhnen. +Komm, Dolly! + +(McComas schüttelt ihn ab und geht ins Hotel. Philip folgt ihm mit +unerschütterlicher Gemütsruhe.) + +(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen +um:) Halten Sie Ihre fünf Sinne beisammen, William--es wird drunter +und drüber gehen! + +(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie können sich auf mich verlassen, gnädiges +Fräulein. + +(Dolly geht ins Hotel.) + +(Dr. Valentine kommt leichten Fußes die Stufen vom Strand herauf, +McNaughtan folgt ihm störrisch. Dr. Valentine hat einen Spazierstock, +McNaughtan trägt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen +unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Überzieher. Er +bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der +Terrasse stehen, stützt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein +bißchen Kraft.) + +(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig. (Er fährt +sich mit der Hand über die Stirn:) Ich habe dieses höllische Gas noch +immer im Leibe. (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so daß er seine +Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstützen und den Kopf in die Hände +stützen kann. Er erholt sich bald und beginnt seinen Überrock +aufzuknöpfen. Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.) + +(Dr. Valentine.) Kellner! + +(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gäste:) Zu Befehl? + +(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause? + +(Der Kellner mit einem süßen Lächeln des Willkommens:) Zu dienen, Herr +Doktor, wir erwarten Sie. Dies ist der bestellte Tisch. Frau Clandon +wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben +von ihrem Freunde gesprochen. + +(Dr. Valentine.) Wirklich? + +(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl. Die jungen Herrschaften +sind sehr ausgelassen--eine spaßhafte Ader sozusagen, gnädiger Herr. +(Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Überrock +abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie... (Er hilft ihm den +Überrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr. +(McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene +Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, daß Sie sein +Vater sind, gnädiger Herr. + +(McNaughtan.) Was?! + +(Der Kellner.) Nur ein Spaß, Euer Gnaden--sein Lieblingsspaß. Gestern +sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, daß Sie kommen +würden, gnädiger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, daß Sie +sein Vater wären--sein lang verlorener Vater. Achtzehn Jahre lang hat +er Sie nicht gesehen--sagt er. + +(McNaughtan verblüfft:) Achtzehn Jahre?... + +(Der Kellner.) Zu Befehl. (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war +seinen Späßen gewachsen, gnädiger Herr. Ich sah, wie ihm die Idee kam, +als er hier stand und über einen neuen Scherz nachdachte, den er sich +mit mir machen könnte.--Ja, gnädiger Herr, das ist so seine Art. Sehr +vergnügt, liebenswürdig, sehr frei und sehr umgänglich--wahrhaftig, +gnädiger Herr! (Verändert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine, +der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf +ich so frei sein?... (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schön. + +(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menü.) + +(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und fährt in seinem +Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen, +obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm über den jungen Herrn +gesprochen hatte... Ja, ich versichere Ihnen, Sie würden nicht +glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem +Ausflug, wenn die Meerluft sie anbläst, imstande sind! + +(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich? + +(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnädiger Herr. Ein Herr +McComas. (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang, +glücklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit +diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.) + +(McNaughtan erhebt sich in wütender Erregung:) McComas! (Ruft:) Dr. +Valentine! (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine! (Dr. Valentine wendet +sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwörung! Das ist meine +Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib! + +(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen! Ein interessantes +Zusammentreffen. (Er geht wieder daran, das Menü zu studieren.) + +(McNaughtan.) Zusammentreffen?... Es wird nicht stattfinden! Lassen +Sie mich fort! (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Überzieher! + +(Der Kellner.) Ja, gnädiger Herr! (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines +Stock vorsichtig an den Frühstückstisch, schüttelt den Überzieher +behutsam und hält ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem +jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnädiger Herr? + +(McNaughtan.) Rrrh! (Er hält inne, im Begriff in die Armel au +schlüpfen, und wendet sich mit plötzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:) +Doktor, Sie sind im Einverständnis! Das haben Sie angestiftet! Sie-- + +(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn! (Er wirft das Menü fort, geht um +den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgültig hinaus.) + +(McNaughtan ärgerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel, +Philip und Dolly folgen ihm. Er wankt bei McNaughtans Anblick einen +Moment zurück.) + +(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnädiger Herr! +Hier kommen sie. (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock +über seinen Arm werfend, ins Hotel.) + +(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan +zu, der zurückweicht und mit den Händen auf dem Rücken ihn böse +anstarrt. McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an, +mit der Majestät eines fleckenlosen Gewissens.) + +(Der Kellner flüstert Philip während seines Abgangs zu:) Ich hab' es +ihm beigebracht, junger Herr. + + +(Philip.) Unschätzbarer William! (Er tritt vor, an den Tisch.) + +(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen? + +(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnädiges +Fräulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben. +(Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.) + +(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht: +) Da wären Sie also, Herr McNaughtan! + +(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz +gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder? + +(Philip mit tödlicher Höflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas? + +(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und hält inne.) + +(Dolly förmlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen. (Sie +kommt nachlässig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr. +Valentine ein Lächeln und ein Wort des Grußes.) + +(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenüber zu +erfüllen und Ihren Wein zu bestellen. (Er nimmt die Weinkarte vom +Tisch; seine höfliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose +Gleichgültigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufälligen +Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben. Diese +Erkenntnis berührt den Vater mit so heftiger Qual, daß er über und +über zittert. Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn +schweigend an. Dieser ist sich seiner eigenen Gefühllosigkeit genug +bewußt, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit außerordentlich +zu freuen. Er fährt freundlich fort.) Finch, darf ich für den alten +respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein +bestellen? + +(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts +Erhitzendes nehmen. (Er wendet sich nach der andern Seite der +Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.) + +(Philip.) Doktor--? + +(Dr. Valentine.) Würde Lagerbier zu gemein gefunden werden? + +(Philip.) Wahrscheinlich. Bestellen wir welches. Dolly trinkt es +auch. (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Höflichkeit:) Nun, Herr +McNaughtan, was dürfen wir Ihnen bestellen? + +(McNaughtan.) Was soll das heißen, Junge? + +(Philip.) Junge?... (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, daß ich +ein Junge bin? (McNaughtan reißt ihm die Weinkarte grob aus der Hand +und tut unschlüssig so, als ob er sie lese. Philip überläßt sie ihm +mit vollendeter Höflichkeit.) + +(Dolly über McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der +vorletzten Seite. + +(McNaughtan.) Laß mich zufrieden, Kind. + +(Dolly.) Kind?... Nein, nein, das geht nicht! Sie können mich +"Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie dürfen nicht "Kind" zu mir +sagen! (Sie hängt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor +McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.) + +(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar +durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha! Das wird +ein--ein nettes Frühstück werden! + +(McComas kleinmütig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht +nett werden sollte. (Er blickt äußerst trübe drein.) + +(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen. + +(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel. Frau Clandon nähert +sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau +getragenem würdigem Benehmen. Sie hält auf der obersten Stufe inne, +um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria +bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen +Widerwillen.) + +(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor. (Er +lächelt. Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenüber in der +Absicht, ihn mit vollständiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber +sein Anblick erschüttert sie. Sie hält plötzlich inne und sagt +ängstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus, +du hast dich sehr verändert. + +(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen! Ein Mann verändert sich in +achtzehn Jahren. + +(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint. Ich hoffe, +du bist gesund. + +(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glück, da +steckt die Veränderung, die du meinst, nicht wahr? (Plötzlich +ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb +lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an! + +(Philip.) Sch! (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben +erschienen ist:) Still! Haltung vor William! + +(Dolly berührt McNaughtans Arm warnend:) Hm! + +(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kücheneingang, +aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit +weißer Schürze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschüssel. Der +Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von +Zeit zu Zeit, die Gänge auftragend, wieder herein. Er tranchiert, +aber er serviert nicht. Der Kellner tritt an das in der Nähe der +Stufen gelegene Ende des Frühstückstisches.) + +(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich +glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet... +doch nein, entschuldigen Sie. (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr +Rechtsanwalt McComas. (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem +Hotel zunächst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte. + +(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan! + +(Der Kellner hält ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier, +ich bitte. + +(McNaughtan fügt sich und nimmt Platz.) + +(Der Kellner.) Danke schön. + +(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist +auf den Stuhl in der Nähe der Balustrade:) neben Gloria. (Dr. +Valentine und Gloria nehmen ihre Plätze ein, Gloria neben McNaughtan +und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muß ich auf diese +Seite setzen, zwischen Dolly und Phil. Wehren Sie sich, so gut Sie +können. (Die drei nehmen die übriggebliebene Seite des Tisches ein; +Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas +zwischen ihnen. Die Suppe wird aufgetragen.) + +(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe? + +(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein +Tischgebet? + +(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir +zu essen und zu trinken bekommen werden.--William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an +Philips linke Seite; auf dem Wege flüstert er dem Kellnerjungen zu:) +Suppe! + +(Philip.) Zwei kleine Lager für uns Kinder, wie gewöhnlich, und ein +großes für diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine große +Flasche Apollinaris für Herrn McComas. + +(Der Kellner.) Zu dienen. + +(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch? + +(McComas entrüstet:) Nein, nein, ich danke! + +(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer für meine Mutter und +Fräulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen +Sie? + +(McNaughtan mürrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich-- + +(Der Kellner honigsüß dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger +Herr. Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt. (Er geht ins Hotel.) + +(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte +Gewohnheit, Wirtshäuser zu besuchen! + +(Der Koch, dem ein Kellner mit übereinandergetürmten heißen Tellern +folgt, bringt den Fisch aus der Küche und beginnt, ihn auf dem +Serviertisch zu zerlegen.) + +(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt. + +(Frau Clandon.) Phil! bedenke gefälligst, daß deine Scherze Leute, die +nicht daran gewöhnt sind, auf-* zubringen imstande sind und daß dein +Vater heute unser Gast ist. + +(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches! +(Die Suppenteller werden weggenommen.) + +(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr? Aber uns ist +es ebenso peinlich. + +(Philip.) Sch! Wir sind beide taktlos. (Zu McNaughtan:) Wir meinen +es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geübt in +unseren Rollen als Kinder. (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den +Getränken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen +wieder her. + +(Der Kellner ermunternd:) Mit größtem Vergnügen, junger Herr. (Setzt +die Getränke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und +Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager, +(zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnädige +Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr großes Lager; (zu Gloria:) +vierhundertdreizehn, gnädiges Fräulein. + +(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie! + +(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd! (Der Fisch wird herumgereicht.) + +(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch, +Familiengemütlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch +ganz gut. + +(Dolly kritisierend:) Eigentlich...? Warum "eigentlich", Finch? + +(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, daß es trotz eures Vaters +Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr +McComas? + +(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich" +gesagt, um den Satz abzurunden. Ich--ich-- + +(Der Kellner taktvoll:) Turbot? + +(McComas überaus dankbar für die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte. + +(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte. (Er geht an den Serviertisch +zurück.) + +(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes +gedacht? + +(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl? + +(Philip.) Was glauben Sie: wie lange müßte ich in die Lehre gehen, um +ein wirklich tüchtiger Kellner zu werden? + +(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr. Das liegt +im Charakter. (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen +scheint:) Brot für das gnädige Fräulein?... Hier, bitte. (Er reicht +Gloria Brot und fährt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige +sind dazu geboren, junger Herr! + +(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was? + +(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. O ja. (Zu Gloria, seine Stimme +wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnädiges Fräulein? Sie dürften +sich nicht viel aus Braten machen zum Frühstück. + +(Gloria.) Nein, ich danke. (Die Fischteller werden weggenommen.) + +(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William? + +(Der Kellner bedient Gloria mit Geflügel:) O nein, gnädiges Fräulein. +Dafür ist er zu heftig. Er ist vor den Schranken tätig. + +(McComas gönnerhaft:) Schenkkellner--was? + +(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an +eine durch die Zeit gelinderte Enttäuschung erinnerte:) Nein, gnädiger +Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken. Ihr Gewerbe, Herr +Rechtsanwalt. Königlicher Anwalt. + +(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie. + +(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr. Ein sehr +begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewünscht, es wäre ein +Schenkkellner aus ihm geworden! Dann hätte er mir nicht halb so lange +auf der Tasche gelegen. (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas +zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor. + +(Fährt wieder fort:) Ja, ich mußte ihn bis zu seinem +siebenunddreißigsten Jahr erhalten. Aber jetzt geht es ihm gut--recht +zufriedenstellend, wirklich! Er plaidiert nicht unter fünfzig Guineen. + +(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie! + +(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloß Erziehung, +gnädiger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium, +gnädiger Herr. (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und +sie flüstert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnädiges +Fräulein? Sofort! (Zu McComas:) Für ihn war es ein Glück, er hatte +nie Lust zu wirklicher Arbeit. (Er geht ins Hotel und läßt die +Gesellschaft etwas übermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes +zurück.) + +(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen +Befehl zu erteilen? + +(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht übel, daß ich ihn um +Ingwerbier geschickt habe. + +(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein +Geschäft! Wenn ihr ihn behandelt hättet, wie ein Kellner behandelt +werden soll, so würde er geschwiegen haben. + +(Dolly.) Das wäre jammerschade gewesen! Vielleicht gibt er uns eine +Empfehlung an seinen Sohn, der könnte uns doch in die Londoner +Gesellschaft einführen. + +(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.) + +(McNaughtan brummt wütend:) Londoner Gesellschaft,... Londoner +Gesellschaft!... Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind! + +(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn +Sie glauben-- + +(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnädiges Fräulein. + +(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug +wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William. Sie +sind gerade im rechten Augenblick gekommen. (Sie trinkt.) + +(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in +leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, daß ich das Thema +wechsle, Fräulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras? + +(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion. Ich habe nie +danach gefragt. + +(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft +nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die +Herrschaften müssen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das +auch in England, William? + +(Der Kellner.) Für gewöhnlich nicht, gnädiges Fräulein. Vielleicht in +einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehört. (Er +fängt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die +Salatschüssel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnädige Frau?--Ja, +ja, ich habe welchen für Sie. (Zu seinem jungen Kollegen, ihn +anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herüber, Joe. (Er nimmt eine +Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons +Teller. Während er das tut, bemerkt er, daß Dolly ein saures Gesicht +macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtümlicherweise hineingekommen, +gnädiges Fräulein. (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie. +(Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe! +(nimmt das frühere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der +anglikanischen Kirche, gnädiges Fräulein. + +(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche? Wie hoch ist der +Jahresbeitrag? + +(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empört auf:) Sie sehen, +wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es... Sie hören +es! Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverständlich und ist +im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen +zu berücksichtigen, als der Kellner ihm rücksichtsvoll den Teller +fortnimmt.) + +(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus. Es ist gar kein Anlaß zu +diesem Auftritt. Du mußt bedenken, daß Dolly hier wie eine +Ausländerin ist.--Bitte, setze dich! + +(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch +an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhören muß. Ich bin +wirklich im Zweifel. + +(Der Kellner.) Käse, gnädiger Herr?... Oder wünschen Sie eine kalte +süße Speise? + +(McNaughtan verwirrt:) Was?... O Käse--Käse! + +(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William. + +(Der Kellner.) Hier, gnädiges Fräulein. (Er nimmt eine +Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die +eine auswählt und sich zu rauchen anschickt. Dann gebt er an den +Serviertisch zurück, um Wachshölzer zu holen.) + +(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!... + +(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fürchte, +ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand +rauchen. (Sie verläßt plötzlich den Tisch und läuft ärgerlich die +Stufen hinunter. Der Kellner will ihr die Wachshölzer geben, aber sie +ist fort, bevor er sie erreichen kann.) + +(McNaughtan wütend:) Margarete, rufe das Mädel zurück!... rufe sie +zurück, sag' ich! + +(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen +Sie sich nichts daraus! Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter +nichts. + +(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch. (Sie +erhebt sich. Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr, +Sie entschuldigen mich? Ich fürchte, Dolly ist über diesen Vorfall +ganz außer sich, ich muß zu ihr gehen. + +(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?! + +(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so +lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind? (Sie geht auf die Stufen +zu. McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Haß; die übrigen +beobachten sie in verlegenem Schweigen und fühlen sich von dem +Zwischenfall sehr peinlich berührt.) + +(Der Kellner hält Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr +eine Schachtel Wachsbölzer an:) Die junge Dame hat die Streichhölzer +vergessen, gnädige Frau. Wenn Sie so gütig sein wollten, gnädige +Frau-- + +(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner süßen und ermunternden +Stimme überrascht, den Ton dankbarer Höflichkeit an:) Ich danke Ihnen +sehr. (Sie nimmt die Wachshölzer und geht hinab an den Strand.) + +(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Küchentür mit sich ins +Hotel und überläßt die Gesellschaft sich selbst.) + +(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurückwerfend:) Eine Mutter nach +Ihrem Geschmack, McComas! Eine Mutter nach Ihrem Geschmack! + +(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter! + +(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was? + +(Dr. Valentine erhebt sich entrüstet und wendet sich zu Gloria:) +Fräulein Clandon, ich-- + +(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Mädchen heißt McNaughtan, Herr +Doktor--nicht Clandon! Wollen Sie sich meiner Familie in den +Beleidigungen meiner Person anschließen? + +(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin außer mir, Fräulein +Clandon! Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin für +ihn verantwortlich, und ich schäme mich für ihn! + +(McNaughtan.) Was meinen Sie damit? + +(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich +fürchte, wir sind alle ein bißchen kindisch gewesen; unsere +Zusammenkunft ist mißglückt. Wir wollen sie abbrechen und Schluß +machen. (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen +zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fügt sie mit nachlässiger Ruhe +hinzu:) Adieu, Vater. (Sie geht die Stufen mit kalter, verdrießlicher +Gleichgültigkeit hinab.) + +(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rückkehr des Kellners +nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein +paar Schals, Sonnenschirmen und einem weißen Leinensonnenschirm und +einigen Feldstühlen beladen, aus dem Hotel kommt.) + +(McNaughtan für sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck +nachblickend:) Vater--Vater!... (Er schlägt mit der Faust heftig auf +den Tisch:) Jetzt-- + +(Der Kellner den Überzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre, +gnädiger Herr. + +(McNaughtan starrt ihn an, reißt dann den Überzieher grob an sich und +geht längs der Terrasse gegen die Gartenbank zu. Er kämpft mit seinem +Rock bei seinen ärgerlichen Bemühungen, ihn anzuziehen. McComas +erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe. Dann nimmt er seinen Hut und +Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu. +Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveränderter +Süßigkeit für die Abnahme des Überziehers gedankt hat, etwas von +seiner Last Philip an.) + +(Der Kellner.) Die Sonnenschirme für die Damen, junger Herr.--Das Meer +blendet heute stark, das ist sehr schädlich für den Teint... Ich +werde die Strandstühle selbst hinuntertragen. + +(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste +Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben +Sie mir die Strandstühle. (Er nimmt sie.) + +[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.] + +(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu gütig, junger Herr. + +(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir. (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie! +(Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.) + +(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen. +.. einen von diesen. (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.) + +(Der Kellner diskret:) Der gehört der jüngeren Dame, Herr Doktor. (Dr. +Valentine überläßt ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so +glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen. (Er legt den +Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren +Fracktasche ein Buch. Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blättern +als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die ältere junge +Dame jetzt gerade liest. (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke +schön. Schopenhauer, wie Sie sehen. (Er nimmt die Sonnenschirme +wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was +die Damen betrifft. (Er geht die Stufen hinab.) + +(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an +McNaughtan und ändert seinen Entschluß. Er geht ziemlich aufgeregt zu +McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schämen Sie sich denn gar +nicht? + +(Mc Naugthan streitsüchtig:) Mich schämen?... Weshalb? + +(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Bär!... Was +wird Ihre Tochter von mir denken, daß ich Sie hergebracht habe? + +(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darüber nachzusinnen, +was meine Tochter von Ihnen denkt. + +(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht! Sie sind ein +krankhafter Egoist! + +(McNaughtan tiefbekümmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein +Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser +Generation?... Muß ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten +Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu +hören!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!... +platze zufällig in das Frühstück herein--heiße Herr McNaughtan!... +Was für ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?... Ich +bin ihr Vater--leugnen sie es?... Ich bin ein Mann mit allgemein +menschlichen Gefühlen!... Habe ich keine Rechte, keine Ansprüche?... +Was für Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?... Diener, +Angestellte, Geschäftsfreunde!... Aber ich habe ihre Achtung +genossen--ja ihre Güte!... Würde einer von diesen Leuten so mit mir +gesprochen haben, wie dieses Mädchen?... Würde einer von denen über +mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit über mich gelacht +hat? (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan! Meine-- + +(Dr. Valentine.) Aber, aber!... Es sind ja nur Kinder! Das einzige +von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt. + +(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu! O ja! Dies Kind hat sich an +mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoß. + +(Dr. Valentine nimmt das sehr übel auf:) Hören Sie, McNaughtan, lassen +Sie die in Ruh! Sie hat Sie sehr gut behandelt. Ich habe eine viel +schlimmere Stunde beim Frühstück zugebracht als Sie. + +(McNaughtan.) Sie?... + +(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich! Ich habe neben +ihr gesessen und habe während der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort +mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und +nicht ein Wort hat sie für mich gehabt! + +(McNaughtan.) Nun? + +(Dr. Valentine.) Nun... nun?... (Spricht sehr ernst und immer +schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?. +.. Sie glauben doch nicht, daß ich die Gewohnheit habe, meinen +Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe? + +(McNaughtan.) Hoffentlich nicht. + +(Dr. Valentine.) Der Grund ist, daß ich entweder völlig verrückt bin, +oder vielmehr früher nie wirklich im Besitze meines gesunden +Menschenverstandes gewesen bin. Jetzt bin ich zu allem fähig--ich bin +endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es, +die einen Mann aus mir gemacht hat! + +(McNaughtan ungläubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt? + +(Dr. Valentine, seine Worte ergießen sich nun in einem wahren Strom +von seinen Lippen:) Verliebt?... Unsinn!... Es ist viel mehr und +viel höher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewißheit, +Paradies... + +(McNaughtan unterbricht ihn mit beißendem Hohn:) Unsinn, Mensch! Was +haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?... Sie können sie nicht +heiraten. + +(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?... Ich will ihre Hände +küssen, ich will zu ihren Füßen knien, ich will für sie leben, ich +will für sie sterben... und das soll mir genügen! Sehen Sie ihr Buch +an--sehen Sie! (Er küßt das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes +Geld anböten für diese Gegenstände, die mir als Ausrede dienen, an den +Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich würde +Ihnen nur ins Gesicht lachen. (Er geht übermütig gegen die Stufen zu, +wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme läuft. +Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich +gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.) + +(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte! + +(Dr. Valentine über seine eigene Heftigkeit unangenehm berührt:) +Entschuldigen Sie! + +(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte. Das ist ganz natürlich in +Ihrem Alter.--Das gnädige Fräulein hat mich um ihr Buch +heraufgeschickt; dürfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort +zu bringen? + +(Dr. Valentine.) Mit Vergnügen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit +der sechswöchentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken... (Er +bietet ihm Dollys Fünf-Schilling-Stück an.) + +(Der Kellner, als ob diese Summe seine höchsten Erwartungen überträfe: +) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank! + +(Dr. Valentine stürzt die Stufen hinunter.) Ein sehr übermütiger +junger Mann, sehr männlich und gut gewachsen! + +(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell +ein Vermögen machen--zweifellos! Ich weiß, wieviel seine +sechswöchentlichen Einnahmen betragen. (Er geht über die Terrasse an +den eisernen Tisch und setzt sich.) + +(Der Kellner philosophisch:) Ja, gnädiger Herr, man kann nie wissen... +Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie gütigst verzeihen wollen, daß ich +so ein Ding habe. (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart +fühlenden Kellner zurückgedrängt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht, +daß Sie Ihr Getränk noch nicht berührt hatten, als die Gesellschaft +aufbrach. (Er nimmt das Glas vom Frühstückstisch und setzt es vor +McNaughtan hin.) Ja, gnädiger Herr--man kann nie wissen... Sehen Sie +nur meinen Sohn: wer hätte je gedacht, daß er es dahin bringen würde, +einen seidenen Talar zu tragen als königlicher Anwalt? Und dennoch +verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozeß, +gnädiger Herr. Was für eine Lehre! + +(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiß, was er +Ihnen schuldet. + +(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in +Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen. (Mit einem zweiten +seiner unwiderstehlichen Übergänge:) Ein Stückchen Zucker wird, ohne +den Trank merklich zu süßen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen. +Erlauben Sie, gnädiger Herr. (Er wirft ein Stückchen Zucker in das +Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schließlich der +Unterschied? Ich muß einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was +ich bin, und er muß eine Perücke und einen Talar anlegen, wenn er +zeigen will, was er ist. Wenn mein Einkommen vorwiegend aus +Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muß, als ob ich nicht darauf +aus wäre, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebühren, und auch +er muß, wie ich wohl verstehe, so tun, als wäre er nicht darauf aus. +--Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Berührung mit allen +möglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch. Wenn +es für einen Advokaten nicht günstig ist, der Sohn eines Kellners zu +sein, so ist es auch für einen Kellner nicht günstig, der Vater eines +Advokaten zu sein. Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin +eine große Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas +besorgen, gnädiger Herr? + +(McNaughtan.) Nein, danke. (Gedemütigt und bitter:) Ich hoffe, man +wird nichts dagegen einzuwenden haben, daß ich hier noch eine Weile +sitzen bleibe. Hier stör' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am +Strande. + +(Der Kellner gerührt:) Es ist sehr gütig von Ihnen, gnädiger Herr, daß +Sie tun, als ob Sie nicht wüßten, daß Ihre Anwesenheit hier eine +Auszeichnung und eine Ehre für uns alle ist... wirklich sehr gütig! +--Je mehr Sie sich hier zu Hause fühlen, desto glücklicher werden wir +sein. + +(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause! + +(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnädiger Herr, das ist auch +Ansichtssache. Ich behaupte immer, der große Vorzug eines Hotels +besteht darin, daß es Schutz bietet vor dem Familienleben. + +(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt. + +(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiß Gott! Immer +geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr? (Er schüttelt +den Kopf:) Man kann nie wissen, gnädiger Herr--man kann nie wissen! +(Er geht ins Hotel.) + +(McNaughtan stützt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den +hartblickenden Augen in die Hände:) Familie--Familie! (Er legt seine +Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden +kommen hört, setzt er sich wieder kerzengerade auf. Es ist Gloria, +die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in +Händen. McNaughtan sieht sie trotzig an. Die brutale Hartnäckigkeit +seines Mundes und die sehnsüchtigen Augen stehen zueinander in +pathetischem Widerspruch. Sie geht an das eine Ende der Gartenbank +und lehnt sich mit dem Rücken dagegen und sieht auf McNaughtan herab, +wie erstaunt über seine Schwäche. Sie ist zu neugierig auf ihn, um +kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhältniß ist ihr höchst +gleichgültig:) Nun?... + +(Gloria.) Ich möchte Sie einen Augenblick sprechen. + +(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich? Das ist überraschend! Du +begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den +Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist rührend--wahrhaftig! +(Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestützt, und blickt, in +düsteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)* + +(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so +unberechtigt. Was für Gefühle haben Sie von uns erwartet? Was sollen +wir für Sie tun? Warum sind Sie gegen uns weniger höflich als andere +Leute?... Sie können uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum +sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen +können, ohne zu streiten. + +(McNaughtan, über dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht: +) Machst du dir klar, daß ich dein Vater bin? + +(Gloria.) Vollkommen. + +(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebührt? + +(Gloria.) Zum Beispiel--? + +(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekämpfen hätte:) +Zum Beispiel--... zum Beispiel--?... +Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam! + +(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell +und stolz gegenüber:) Ich gehorche nur meinem Sinn für das Rechte; ich +achte nichts, was nicht edel ist! Das ist meine Pflicht. (Sie fügt +weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner +Macht--ich glaube nicht, daß ich genau weiß, was Liebe eigentlich ist. +(Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab +und geht an den Frühstückstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie +ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.) + +(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst? + +(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das +ist eine unhöfliche Frage. Ich spreche ernst mit Ihnen und ich +erwarte auch, daß Sie mich ernst nehmen. (Sie nimmt einen der Stühle, +wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas müde nieder.) Können +Sie diese Dinge nicht kühl und vernünftig besprechen? + +(McNaughtan.) Kühl und vernünftig?... Nein, das kann ich nicht! +Verstehst du? Das kann ich nicht! + +(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen. Ich habe +keine Sympathie für-- + +(McNaughtan fährt nervös zusammen:) Halt, sprich nicht weiter! Du +weißt nicht, was du tust! Willst du mich toll machen? (Sie runzelt +die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unerträglich. Er setzt +rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht! Warte, +warte--laß mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen. (Er steht einen +Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Hände in seiner +Aufregung. Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Frühstückstisches und +setzt sich neben Gloria. Mit einer rührenden Anstrengung, sanft und +geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit. +Jedenfalls will ich es versuchen. + +(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende +denkt. + +(McNaughtan mit plötzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht! Denke +nichts--ich will, du sollst fühlen! Das ist das einzige, was uns +helfen kann. Höre! Weißt du--aber vor allem--ich vergaß: wie heißt +du eigentlich? Ich meine deinen Kosenamen. Sie können dich nicht gut +Sophronia nennen. + +(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria. +Ich werde immer so genannt. + +(McNaughtan, dessen Zorn zurückkehrt:) Dein Name ist Sophronia, +Mädchen! Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia +getauft! Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin +geschenkt. + +(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben. + +(McNaughtan ärgerlich:) Sie hatte kein Recht dazu! Ich werde das +nicht zugeben! + +(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu +geben. Ich kenne sie nicht einmal. + +(McNaughtan.) Unsinn! Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine +Grenzen! Ich will das nicht haben--verstehst du? + +(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem +zänkischen Ton fortzufahren? + +(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich! Willst du? +(Sie sieht ihn an und läßt ihn in Ungewißheit. Er zwingt sich, den +verhaßten Namen auszusprechen:) Gloria! + +(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen +Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch, +dir zu zeigen, daß ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind. (Die +Zärtlichkeit ist so kläglich unbeholfen, daß Gloria gegen ihren Willen +lächelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Höre mich +an. Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner +nicht? Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm, +aber du konntest schon alles recht gut verstehen. Kannst du dich +wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder-- +(schüchtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest? Besinnst du +dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine +kleinen Schiffe ansehn durftest, die du für Spielzeug hieltest? (Er +sieht ihr ängstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner +Antwort. Dann fährt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:) +Auf jemanden, der dich tun ließ, was du nur wolltest, und dir nie ein +böses Wort gab, dir höchstens sagte, du solltest still sein und nicht +sprechen? Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand +gewesen ist--der dein Vater war! + +(Gloria ungerührt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern, +dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, daß ich mich daran +erinnere. Aber tatsächlich erinnere ich mich an gar nichts. + +(McNaughtan sehnsüchtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzählt? + +(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenüber nie erwähnt. (Er stöhnt +unwillkürlich auf. Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und +fährt fort:) Doch! Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an +etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte. + +(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was? + +(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten, +um mich zu schlagen. + +(McNaughtan mit den Zähnen knirschend:) Oh! Das aufzutischen, um dich +mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest! (Mit pfeifendem, +schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr! + +(Gloria aufspringend:) Sie Elender! (Mit heftigem Nachdruck:) Sie +Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen! + +(McNaughtan.) Hör' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen! Ich bin +dein Vater! + +(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse! Wie ich das Wort "Mutter" liebe! +Es wäre besser, Sie gingen. + +(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich töten! +Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.) + +(Gloria gebt zur Balustrade; kühl und nicht verlegen um ein +Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine! + +(Valentine antwortet von unten:) Bitte! + +(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf! Herr McNaughtan +braucht Sie. (Sie geht an den Tisch zurück und schenkt ein Glas +Wasser ein.) + +(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! laß mich in Ruhe! +Ich brauche ihn nicht. Ich fühle mich vollkommen wohl! Ich brauche +seine Hilfe nicht und deine auch nicht! (Er erhebt sich und rafft +sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe. (Er +setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort? + +(Gloria.) Ich hoffe. (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt +grimmig, als wenn er damit einverstanden wäre, und geht ins Hotel. +Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet. Dann +macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine, +der die Stufen heraufgelaufen kommt.) + +(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los? (Er siebt sich um:) Wo ist +McNaughtan? + +(Gloria.) Fort. (Dr. Valentines Gesicht drückt plötzliche Freude, +Furcht und Durchtriebenheit aus. Er hat eben bemerkt, daß er mit +Gloria allein ist. Sie fährt gleichgültig fort:) Ich glaubte, er +fühle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt. Er wollte +nicht auf Sie warten--es tut mir leid. (Sie geht ihr Buch und den +Sonnenschlrm holen.) + +(Dr. Valentine.) Um so besser! Er geht mir ohnedies auf die Nerven +nach einer Weile. (Tut so, als ob er sich vergäße:) Wie kommt dieser +Mann nur zu so einer wundervollen Tochter? + +(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit höflicher, +aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem +Kompliment zu sein. Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu +machen, Doktor, daß Komplimente eine sehr öde Unterhaltung abgeben. +Bitte, lassen Sie uns auf eine vernünftige und gesunde Weise Freunde +sein, falls wir Freunde werden sollen. Ich habe nicht die Absicht, +mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen +wollen, so wäre vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht +fortzusetzen. + +(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe. Gestatten Sie mir nur eine +einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche +Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich +persönlich zu heiraten? + +(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um über Ihre +persönlichen Vorzüge irgendeine Meinung zu haben. (Sie wendet sich +mit unendlicher Gleichgültigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem +Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe +nicht für solche, die irgendein Weib annehmen könnte, das sich selbst +achtet. + +(Dr. Valentine schlägt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um, +als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annähme und von ihren +Grundsätzen entzückt und beruhigt wäre:) Oh, da haben wir denn schon +einen Punkt gemeinsamer Sympathie! Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die +heutigen Eheeinrichtungen sind höchst ungerecht. (Er nimmt seinen Hut +ab und wirft ihn fröhlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich für mein +Teil möchte all diesen Unsinn loswerden. (Er setzt sich so unbefangen +neben sie, daß sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und +führt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich, +daß ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um +verdächtigt zu werden, daß sie Heiratsabsichten haben? Als ob es +keine andern Interessen gäbe--keine andern Unterhaltungsmöglichkeiten-- +als wenn die Frauen zu nichts Besserem fähig wären! + +(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und +vernünftig zu sprechen, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen über den Erfolg +seiner Jägerlist:) Selbstverständlich! Zwei intelligente Menschen wie +wir...! Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen +gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden +zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklärten, hellen +Geist? + +(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu +begegnen. + +(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm... Es gibt eine Menge Menschen in +England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsüchtige +Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira. + +(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfüllt:) Oh, in Madeira sind +alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale +Geschöpfe! Ich hasse Schwäche; und ich hasse Sentimentalität! + +(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern können! + +(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern? + +(Dr. Valentine.) Ja. Stärke ist ansteckend. + +(Gloria.) Schwäche ist es--das weiß ich. + +(Dr. Valentine mit Überzeugung:) Sie sind stark! Wissen Sie, daß Sie +mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben? Ich war schwermütig +und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte +mich über die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet! (Ihre +Stirn bewölkt sich ein wenig. Er fährt rasch fort:) Das war natürlich +albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir! Erklären +Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zögert und sucht nach +einem genügend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt, +meine Muskeln spannten sich, mein Geist klärte sich, mein Mut wuchs. +--Das ist sonderbar, nicht wahr? Wenn man bedenkt, daß ich durchaus +kein sentimentaler Mensch bin. + +(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurück an den Strand. + +(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, düster:) Wie? Sie haben das auch? + +(Gloria.) Was? + +(Dr. Valentine.) Angst. + +(Gloria.) Angst?... + +(Dr. Valentine.) Ja, daß irgend etwas geschehen könnte. Es kam +plötzlich über mich, gerade ehe Sie vorschlugen, daß wir weglaufen +sollten zu den andern. + +(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar! Ich hatte +dasselbe Gefühl. + +(Dr. Valentine.) Wie merkwürdig! (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir +fliehen? + +(Gloria.) Fliehen?... O nein, das wäre kindisch! (Sie setzt sich +wieder. Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster +Sympathie. Nachdenklich und etwas verwirrt fügt sie hinzu:) Ich wüßte +aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklärung für solche +gelegentlichen Einbildungen. + +(Dr. Valentine.) Ja, die möchte ich zuweilen auch gern wissen. Es ist +ein merkwürdig hilfloses Gefühl--nicht wahr? + +(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?... + +(Dr. Valentine.) Ja. Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns +jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehören und zu tun, was wir für +richtig und vernünftig halten--plötzlich ihre große Hand erhöbe und +uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern +Willen, auf ihre eigene Weise für ihre eigenen Zwecke dienstbar zu +machen? + +(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch? + +(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Übergang zu einem Ton +äußerster Sorglosigkeit:) Das weiß ich nicht--ich frage nicht danach! +(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fräulein Clandon--Fräulein Clandon--wie +konnten Sie nur! + +(Gloria.) Was hab' ich getan? + +(Dr. Valentine.) Diese Verzückung in meine Seele schleudern!--Ich +bemühe mich aufrichtig, vernünftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie +immer Sie mich wünschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit +Sie meine Phantasie erfüllt haben?! + +(Gloria mit empörter verachtungsvoller Härte:) Ich hoffe, daß Sie +nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von... "Liebe" zu +sprechen! + +(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwäche in Abrede zu +stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe! Wir sind zu gescheit, an so +was zu denken! Wir wollen es Chemie nennen! Sie können nicht leugnen, +daß es so etwas wie eine chemische Tätigkeit, eine chemische +Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt. Sie ist die +unwiderstehlichste aller Naturkräfte... Nun, Sie ziehen mich +unwiderstehlich an--chemisch. + +(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn! + +(Dr. Valentine.) Natürlich ist das Unsinn, dummes Mädel! (Gloria +weicht mit empörter Überraschung zurück.) Ja, ein dummes Mädel sind +Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache! Sie sind ein +eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister! Das sind Sie! (Er +erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--für immer! +(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.) + +(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer +Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie +wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im +geringsten beleidigt. (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.) +Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler +aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde +mich so ungeheuerlich mißverstehen wie Sie! Ich habe viele +Fehler--sehr große Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist +es das, was Sie einen Philister nennen. + +(Sie preßt ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und +herausfordernd an, während sie gefaßter ist denn je.) + +(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurück, um Gloria mit +mehr Nachdruck gegenüber zutreten:) O doch, das sind Sie! Mein +Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung +sagt es mir. + +(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß +Ihr Verstand und Ihr Gefühl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar +sind--ich hoffe es wenigstens. + +(Dr. Valentine.) Ich muß diesen aber glauben. Es sei denn, Sie +wollten, daß ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und +meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle über Ihre Person die +ungeheuerlichsten Lügen erzählen. + +(Gloria, deren Fassung anfängt nachzulassen:) Lügen?... + +(Dr. Valentine hartnäckig:) Ja, Lügen. (Er setzt sich wieder neben +sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, daß Sie das schönste Weib der +Erde sind? Erwarten Sie das von mir? + +(Gloria.) Das ist lächerlich und etwas persönlich noch dazu. + +(Dr. Valentine.) Natürlich ist es lächerlich!--Aber es ist das, was mir +meine Augen sagen. (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen +Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch, +daß ich meinen Augen nicht traue. (Sie schämt sich darüber, daß ihr +das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, daß ich hier sitzen und +wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine +Schwäche nichts von mir wissen wollen? + +(Gloria beginnt einzusehen, daß sie, um standhaft zu bleiben, kurz und +bündig sprechen muß:) Warum sollten Sie das wohl, bitte? + +(Dr. Valentine läßt absichtlich eine Gefühlsbewegung in seiner Stimme +zittern:) Natürlich werde ich das nicht! Ich bin kein solcher Esel! +--Und doch sagt mir mein Herz, daß ich heulen würde--mein närrisches +Herz. Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es +zur Vernunft bringen. Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der +Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen... Ist ja doch auch ganz +leicht, vernünftig zu sein... Tatsachen sind Tatsachen. Wo sind wir +hier? Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel! Die Zeit ist nicht +die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags. Was bin ich? Ein +Zahnarzt--ein Fünf-Schilling-Zahnarzt! + +(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister. + +(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht +ertragen! Eine Illusion muß mir bleiben--die Illusion über Sie! Ich +liebe Sie. (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu +berühren, nicht länger widerstehen könnte. Sie erhebt sich zornig und +ist auf der Hut. Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt +zurück.) Oh, was bin ich für ein Narr--was für ein Idiot! Sie +verstehen mich nicht... Ich könnte ebensogut zu den Steinen am Strand +sprechen! (Er wendet sich entmutigt ab.) + +(Gloria beruhigter infolge seines Rückzuges und etwas reuig:) Es tut +mir leid. Ich möchte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was +soll ich sagen? + +(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurück, und an die Stelle seines +Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:) +Sie können nichts sagen, Fräulein Clandon. Verzeihen Sie mir. Ich +allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt. +Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern möchten. (Sie ist +im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebärden: +) Oh, ich weiß--Sie dürfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern mögen +oder nicht; aber-- + +(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsätzen:) Ich darf nicht?... +Warum nicht?... Ich bin ein freies Weib! Warum soll ich es Ihnen +nicht sagen dürfen? + +(Dr. Valentine weicht ängstlich zurück; bittend:) Nicht! Ich könnte +es nicht ertragen! + +(Gloria nicht länger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu +fürchten. Ich halte Sie für sentimental und für ein wenig +überspannt--aber ich habe Sie gern. + +(Dr. Valentine fällt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles +vorüber! (Er ist ein Bild der Verzweiflung.) + +(Gloria nähert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn? + +(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genügt! Jetzt, wo ich ernstlich +darüber nachdenke, weiß ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder +nicht. + +(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir +leid. + +(Dr. Valentine. Im Schmerz zurückgehaltener Leidenschaft:) Oh, +bemitleiden Sie mich nicht! Ihre Stimme zerreißt mir das Herz! +Lassen Sie mich allein, Gloria. Sie wühlen mich in meinen tiefsten +Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den +Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen-- + +(Gloria bricht plötzlich nieder:) Oh, hören Sie auf mir zu sagen, was +Sie fühlen: ich kann es nicht ertragen! + +(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme +klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah! Er ist endlich gekommen--der +Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Hände; sie blickt ihn +entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes! (Er ziebt sie an sich, +küßt sie mit ungestümer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen, +Gloria--es ist alles vorüber--wir sind ineinander verliebt! (Sie kann +nur nach Luft ringen.) Aber was für ein Ungeheuer waren Sie, und was +für ein Hasenfuß bin ich gewesen! + +(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine! + +(Dollys Stimme.) Doktor Valentine! + +(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir. (Er küßt ihr +rasch die Hände und läuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden +Frau Clandon begegnet. Gloria, ganz verloren, kann ihm nur +nachstarren.) + +(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor. (Sie siebt sich +ängstlich um:) Ist er fort? + +(Dr. Valentine verwirrt:) Er?... (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan! +--Der ist schon längst fort, Frau Clandon. (Er läuft in gehobener +Stimmung die Stiegen hinunter.) + +(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter! + +(Frau Clandon stürzt ängstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein +Kind? + +(Gloria mit tief bekümmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich +nicht ordentlich erzogen, Mutter? + +(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein môglichstes getan! + +(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts! + +(Frau Clandon.) Was ist mit dir? + +(Gloria mit dem größten Nachdruck:) Ich schäme mich--schäme +mich--schäme mich--(Da sie unerträglich errötet, bedeckt sie ihr +Gesicht mit den Händen und wendet sich von ihrer Mutter ab.) + +(Vorhang) + + + + +DRITTER AKT + +(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im +Marinehotel gemietet haben. Eine bis auf den Fußboden reichende +zweiflügelige Fenstertür führt in den Garten. In der Mitte des +Zimmers steht ein massiver, von Stühlen umgebener Tisch, der mit einer +kastanienbraunen Decke bedeckt ist. Kostspielig eingebundene Hotel- +und Eisenbahnführer liegen darauf. Ein Besucher, der durch die +Fenstertür käme und zu diesem Mitteltisch ginge, würde den Kamin zu +seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner +Rechten, in der Nähe die Tür, die weiter hinten ist. Er würde, wenn +dies seiner Geschmacksrichtung entspräche, die pflaumen- und +bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel +und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern +können. Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf +Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersätzen aus +poliertem schwarzem Holz. Zunächst der Vase, in der nächsten Nähe des +Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tür aus +Holzmosaï[*or i?]k verschließt und dessen durch gewölbte Glasscheiben +abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weißem +Steingutgeschirr schützen. Ein Teetisch aus Bambusrohr mit +zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenüber auf der andern Seite +des Fensters.--An den Wänden hängen Bilder, gemalte Ozeandampfer und +Hunde von Landseer. In einer Linie mit der Türe, aber auf der andern +Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich +stehen zwei bequeme dazu passende Stühle. Über dem Fenster ist +eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune +Ripsvorhänge mit mattgrünen Zierborten hängen. Kurzum, ein Zimmer, +das danach eingerichtet ist, den Gefühlen des Bewohners von seiner +eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der täglichen Ausgabe +eines ganzen Pfundes für die Benützung auszusöhnen.) + +(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen. Gloria +lehnt am Fenster und starrt in gequälter Träumerei ins Weite. Die Uhr +auf dem Kaminsims schlägt Fünf mit schwachem Klirren, da die Glocke +gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist, +nicht aufkommen kann.) + + +(Frau Clandon.) Fünf! Ich glaube, wir brauchen nicht länger auf die +Kinder zu warten; sie trinken gewiß außer Haus Tee. + +(Gloria müde:) Soll ich klingeln? + +(Frau Clandon.) Ja, mein Kind. + +(Gloria geht an den Kamin und klingelt.) + +(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig. Gott sei +Dank! + +(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den +Stuhl ihrer Mutter:) Was für Korrekturen? + +(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten +Jahrhunderts". + +(Gloria mit einem bittern Lächeln:) Es fehlt noch ein Kapitel. + +(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstöbern:) Glaubst du?... +doch nicht. + +(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes. Vielleicht werde ich es für +dich schreiben--sobald ich erst den Schluß weiß. (Sie geht an das +Fenster zurück.) + +(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Rätsel? + +(Gloria.) O nein! das alte Rätsel. + +(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter +einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind-- + +(Gloria zurückkommend:) Ja? + +(Frau Clandon>) Du weißt, daß ich niemals Fragen stelle. + +(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiß, ich weiß! (Sie wirft +plötzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe +leidenschaftlich.) + +(Frau Clandon sanft Lächelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst +ganz sentimental! + +(Gloria zurückfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh! (Sie erhebt +sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob +sie sich losrisse.) + +(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen? Was--(Der +Kellner kommt mit dem Teebrett herein.) + +(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnädige Frau? + +(Frau Clandon.) Ja, ich danke. (Sie wendet ihren Stuhl vom +Schreibtisch fort und setzt sich wieder.) + +(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht +in einen Stuhl.) + +(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das +habe ich mir gedacht, gnädige Frau. Sonderbar, wie die Nerven +nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen. (Er holt den Teetisch und +setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und +das gnädige Fräulein sind eben zurückgekommen, gnädige Frau. Sie +waren in einem Boote auf dem Meer. Sehr angenehm an einem schönen +Nachmittag wie heute, sehr kräftigend. (Er nimmt nun das Teebrett vom +Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt +nicht zum Tee, gnädige Frau. Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu +besuchen. (Er nimmt zwei Stühle und setzt sie rechts und links vom +Teetisch hin.) + +(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?... + +(Der Kellner verfällt unbewußt einen Augenblick in die Tonart eines +Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt, +gnädiges Fräulein--oh, der kommt. Er hat gerudert und ist eben in die +Apotheke gelaufen, sich etwas für seine wunden Handflächen geben zu +lassen. Aber er muß gleich hier sein, gnädiges Fräulein! + +(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und läuft zur Tür.) + +(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau +Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.) + +(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefällig, gnädige Frau? + +(Frau Clandon.) Nein, danke. + +(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnädige Frau. + +(Als er sich zurückziehen will, kommen Philip und Dolly in +fröhlichster Laune bereingestürmt; er hält ihnen die Tür auf, geht +dann hinaus und schließt sie.) + +(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee! (Frau Clandon schenkt +ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen. Dr. +Valentine wird gleich da sein. + +(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewöhnt.--Wo ist Gloria? + +(Frau Clandon ängstlich, während sie ihm Tee eingießt:) Phil, mit +Gloria ist etwas los. Ist etwas passiert? (Philip und Dolly sehen +einander mit unterdrücktem Lachen an.) Was ist es? + +(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo-- + +(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia! + +(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die +alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch. (Er reißt +ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Frühling-- + +(Dolly)--kann eines Jünglings Phantasie-- + +(Philip)--leicht Liebesblüten treiben... Ich danke. (Zu Frau Clandon, +die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt übrigens auch im Herbst +vor. Diesmal ist der Jüngling-- + +(Dolly.) Doktor Valentine. + +(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Maße gehuldigt, daß +er sie-- + +(Dolly)--geküßt hat-- + +(Philip.)--auf der Terrasse-- + +(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten! + +(Frau Clandon ungläubig:) Phil--Dolly--spaßt ihr? (Sie schütteln den +Kopf.) Hat sie es geduldet? + +(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden +geschmettert zu sehen-- + +(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen-- + +(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein. + +(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten... (Sie fällt Philip, der +im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugießen, in den Arm:) Nein, +du hast die zweite Tasse abgeschworen! + +(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr dürft nicht hier sein, +wenn Doktor Valentine kommt. Ich muß darüber sehr ernst mit ihm +sprechen. + +(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?... Was für eine +Verletzung der "Grundsätze des zwanzigsten Jahrhunderts"! + +(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama! Stelle ihn zur Rede. Schlage +soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange +es dauert. + +(Philip.) Sch! er kommt! + +(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspätet zu haben, +Frau Clandon. (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich +trinke niemals Tee. Fräulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon +erzählt, was mir passiert ist. + +(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzählt. + +(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama +sehr genau erzählt. + +(Philip.) Es war unsere Pflicht. (Sehr ernst:) Komm, Dolly! (Er +bietet Dolly seinen Arm, die sich einhängt. Sie sehen Dr. Valentine +mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus. Dr. Valentine sieht +ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine +Erklärung bittend an.) + +(Frau Clandon erhebt sich und verläßt den Teetisch:) Wollen Sie +gefälligst Platz nehmen, Herr Doktor. Ich möchte etwas mit Ihnen +besprechen, wenn Sie erlauben. (Dr. Valentine setzt sich langsam auf +die Ottamane nieder. Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme +Viertelstunde. Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich +bedächtig in gemessener Entfernung.) Ich muß zunächst ein wenig +Nachsicht für mich erbitten. Ich bin im Begriff, über einen +Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts +verstehe. Ich meine--Liebe. + +(Dr. Valentine.) Liebe! + +(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt +dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt. + +(Dr. Valentine überwältigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es +würde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es wären. + +(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt, +jetzt nach damit anzufangen. + +(Dr. Valentine.) Anzufangen?!... Haben Sie nie--? + +(Frau Clandon.) Niemals. Mein Schicksal ist sehr alltäglich gewesen. +Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich +eigentlich tat. Wie Sie sich selbst überzeugt haben, war die Folge +davon eine bittere Enttäuschung für uns beide, für meinen Mann und für +mich. So kommt es, daß ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals +verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige +Liebesangelegenheit gehabt. Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr +Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe, +hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen. +(Dr. Valentine, der sehr verdrießlich dreinschaut, blinzelt skeptisch +nach ihr hin und sagt nichts. Sie errötet ein wenig und fügt mit +unterdrücktem Ärger hinzu:) Sie glauben mir nicht. + +(Dr. Valentine bestürzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber, +warum denn nicht... warum nicht? + +(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, daß ein der +Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften +kennt, die bei weitem die selbstsüchtigen Verblendungen und +Sentimentalitäten eines Liebesromanes übersteigen. Ihre +Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr? (Dr. +Valentine weiß wohl, daß Frau Clandon ihn deswegen geringschätzt, und +antwortet negativ mit melancholischem Kopfschütteln.) Ich dachte mir's. +--Nun, dafür bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten +Herzensangelegenheiten besprechen muß, in denen Sie ein Fachmann zu +sein scheinen. + +(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es. + +(Dr. Valentine.) Gloria? + +(Frau Clandon.) Ja, Gloria. + +(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria. +(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiß +schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld. + +(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Mütter, +die mit mir gesprochen haben. + +(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor! Sie +sind ein alter Praktikus! (Er öffnet die Lippen, um zu widersprechen. +Sie unterbricht ihn mit einiger Entrüstung:) Oh, glauben Sie doch +nicht, daß ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu +wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--daß ein Mann, der +bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit +kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann! + +(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen-- + +(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr +Doktor. Es war Glorias Sache, sich selbst zu schützen, und Sie haben +das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten. + +(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?... Oh, Frau Clandon! + +(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie +es ernst? + +(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst! +(Sie sieht ihn forschend an. Sein Sinn für Humor bricht bei ihm durch, +und er fügt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst +gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen! + +(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte. (Streng:) Herr +Doktor, Sie sind einer von den Männern, die mit den Gefühlen der +Frauen spielen. + +(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der +Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden? Aber ich verstehe. +(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit förmlicher Höflichkeit:) Sie +wünschen, daß ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle. + +(Frau Clandon.) Nein. Ich bin klug genug zu wissen, daß für Gloria +die beste Möglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser +kennen zu lernen. + +(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau +Clandon! Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein? + +(Frau Clandon.) Ich habe großes Vertrauen zu der gesunden Schule, die +Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat. + +(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht! +(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut übermütig beiseite, mit +der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fürchten hat.) + +(Frau Clandon empört über seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das? + +(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch +etwas lehren, Frau Clandon? + +(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen. + +(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschützkunst--Artillerie, +Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon? + +(Frau Clandon.) Hat die Geschützkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen? + +(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erläuterung nämlich.--Während dieses +ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf +zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von +kugelsichern Panzerplatten. Man baut ein Schiff, das gegen die besten +Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet +jemand ein besseres Geschoß und bringt das Schiff zum Sinken. Sofort +baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone +undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres +Geschoß und bringt das Schiff wieder zum Sinken. Und so weiter.--Nun, +der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise. + +(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?... + +(Dr. Valentine.) Ja. Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter +gehört, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht! Sie sind lange +in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen. +Brauche ich ihn zu erklären? + +(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein. + +(Dr. Valentine.) Natürlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem +Geschlechterzweikampf?... Die altmodische Mutter bekam eine +altmodische Erziehung, um gegen die Ränke des Mannes gerüstet zu sein. +Gut. Sie kennen das Resultat. Der altmodische Mann hat sie +herumgekriegt. Die altmodische Frau entschloß sich nun, ihre Tochter +wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der +altmodische Mann nicht aufkommen könnte. Sie gab ihrer Tochter +deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System! Diese neue +Ausrüstung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei +nicht gerecht, unweiblich und weiß Gott was alles. Aber das half ihm +nichts, und so mußte er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie +wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam +schwören--und so weiter. + +(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen. + +(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natürlich, +es war das Weib!--Nun gut. Was hat der Mann getan? Genau dasselbe, +was der Kanonengießer tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau, +bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau +so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte. Ich war +noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die +frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, daß +man das herausgefunden hat. Sie sehen, meine Methoden sind gründlich +modern. + +(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos. + +(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Mädchensorte, gegen +die diese Methode nutzlos ist. + +(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das? + +(Dr. Valentine.) Das gründlich altmodische Mädchen. Wenn Sie Gloria +in der ehemals üblichen Weise erzogen hätten, so würde ich achtzehn +Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag +in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die +Frauenemanzipation hat Gloria in meine Hände geliefert, und Sie waren +es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat. + +(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit. + +(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon! + +(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt. Adieu. + +(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen, +bevor ich gehe? + +(Frau Clandon.) Ich fürchte, sie wird erst zurückkommen, wenn Sie +gegangen sind, Herr Doktor. Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um +Ihnen auszuweichen. + +(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen. Adieu. (Er +verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tür.) + +(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das für ein gutes Zeichen? + +(Dr. Valentine dreht sich in der Nähe der Tür um:) Weil ich eine +Todesangst vor ihr habe; und es scheint, daß sie eine Todesangst vor +mir hat. (Er will nun gehen, steht aber an der Türschwelle plötzlich +Gloria gegenüber, die eben eingetreten ist. Sie sieht ihm standhaft +ins Auge. Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau +Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen außer Fassung.) + +(Gloria bleich und sich nur mühsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr, +was Dolly mir gesagt hat? + +(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind? + +(Gloria.) Daß du mit diesem Herrn über meine Angelegenheiten +gesprochen hast? + +(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh! + +(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--können Sie einen Augenblick +schweigen? (Er blickt sie kläglich an, dann geht er mit einem +verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurück und wirft seinen Hut +darauf.) + +(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du +für ein Recht dazu? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein +Recht gehabt hätte, Gloria. + +(Dr. Valentine bestätigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das +geringste. (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entrüstung an.) +Verzeihen Sie. (Er setzt sich beschämt auf die Ottomane.) + +(Gloria.) Ich glaube nicht, daß irgend jemand das Recht hat, über +Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen. (Sie wendet +sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.) + +(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben +sollte-- + +(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort! +Ich weiß jetzt, daß ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein +könnte. (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht +selbst zu beschützen weiß, die kann niemand beschützen. Niemand ist +auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter! Ich +weiß, daß ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die +Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie hält inne, um einen Seufzer +zu unterdrücken.) + +(Dr. Valentine stöhnend:) Dieses Mannes--! (Er murmelt wieder:) Oh!... + +(Frau Clandon mit gedämpfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr +Doktor. + +(Gloria fährt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner +Schande allein zu bleiben. Ich bin eins von jenen schwachen +Geschöpfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge +auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muß mein Schicksal +erfüllen. Erspare mir wenigstens die Demütigung deiner +Rettungsversuche. (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an +das entferntere Ende des Tisches.) + +(Dr. Valentine aufspringend:) Hören Sie mal-- + +(Frau Clandon.) Herr Dokt-- + +(Dr. Valentine unbekümmert:) Nein! Ich will sprechen! Ich habe +nahezu dreißig Sekunden geschwiegen. (Er geht zu Gloria hin:) +Fräulein Clandon-- + +(Gloria bitter:) Oh--nicht Fräulein Clandon--Sie wissen ja, daß man es +sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen. + +(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht. Sie werden mir es nachher +vorwerfen und mich der Mißachtung beschuldigen. Es ist eine +herzzerreißende Lüge, daß ich Sie nicht achte. Es ist wahr, daß ich +Ihren früheren Stolz nicht geachtet habe. Warum sollte ich es auch? +Er war nichts als Feigheit. Ich habe Ihren Verstand nicht +geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine männliche +Spezialität. Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewühlt hatten! +--als mein großer Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer +machten!--ah, da, da, da! + +(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie. + +(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an! (Sie erhebt +sich rasch und wendet ihm den Rücken zu.) Und diesen Augenblick werden +Sie mir niemals nehmen können. So--nun ist mir einerlei, was +geschieht! (Er geht auf und ab und stößt einen frohen Ausruf aus, mit +dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiß sehr gut, daß ich +Unsinn rede--aber ich kann nicht anders. (Zu Frau Clandon:) Ich liebe +Gloria--und damit basta! + +(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr +gefährlicher Mensch. Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig +über diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts +von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite. +Frau Clandon spricht nun mit nachdrücklichem Hohn:) Frage diesen Mann, +den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor +dir getan haben. (Gloria sieht plötzlich mit einem Aufflammen +eifersüchtigen Ärgers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt +hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben +Redensarten geködert hat; wieviel Übung er als Duellant im Zweikampf +der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht. + +(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon! Sie. nützen mein +Vertrauen aus! + +(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria! + +(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Fäusten auf ihn los:) +Ist das wahr?! + +(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht böse-- + +(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?! Haben Sie das +alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon +empfunden?... für eine andere Frau? + +(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja. + +(Gloria erbebt ihre geballten Hände.) + +(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und hält ihre erhobenen +Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergißt dich! + +(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam +auf:) + +(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Fähigkeit zur Liebe und +zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Fähigkeiten: er muß sie oft +weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist. + +(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten. +Gloria, nimm dich in acht! + +(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh! + +(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:) +Glaubst du, daß ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche? (Zu Dr. +Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben! + +(Dr. Valentine.) Jawohl. + +(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, daß ich Sie +hasse--leidenschaftlich hasse! + +(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist überraschend, wie klein doch der +Unterschied zwischen Haß und Liebe ist. (Gloria wendet sich entrüstet +von ihm ab. Er fährt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen, +die ihre Männer lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen. + +(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber wäre es nicht +besser, Sie gingen? + +(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken! Er ist +mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amüsieren. (Sie +setzt sich mit geringschätziger Gleichgültigkeit an den Tisch, in die +Nähe des Fensters.) + +(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht! Das ist die vernünftige Art, +es aufzufassen. Gehen Sie, Frau Clandon Sie können einem bloßen +Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich böse sein. + +(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor; +aber ich will nicht annehmen, daß Ihre beklagenswert leichtsinnige +Veranlagung einzig schamlos und nichtswürdig ist-- + +(Gloria für sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswürdig! + +(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und +Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die übliche +Weise zu beenden. + +(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das größte Kompliment gemacht hätte:) +Sie sind zu liebenswürdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen! + +(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) O gewiß! ich lasse bitten. + +(Der Kellner.) Er läßt fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen +dürfte, gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) Warum nicht hier? + +(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnädige Frau: ich glaube, +Herr McComas fühlt, er hätte leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in +Abwesenheit der jüngeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen könnte, +gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, daß die Kinder nicht hier sind. + +(Der Kellner.) Sie behalten die Tür im Auge, gnädige Frau, und passen +scharf auf aus irgendeinem Grunde. + +(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen. + +(Der Kellner hält ihr die Tür auf:) Ich danke, gnädige Frau. (Sie +geht hinaus. Er kommt ins Zimmer zurück und begegnet dem Auge Dr. +Valentines, der wünscht, daß er sich entferne.) Sofort, Herr +Doktor--nur das Teegeschirr. (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen +Sie, Herr Doktor--ich danke sehr. (Er gebt hinaus.) + +(Dr. Valentine zu Gloria:) Hören Sie! Früher oder später werden Sie +mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich. + +(Gloria erbebt sich, um ihre Erklärung an ihn intensiver zu machen:) +Niemals! so lange Gras wächst und Wasser fließt--nie--nie--nie! + +(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut. Mich kann nichts unglücklich +machen--ich werde nie wieder unglücklich sein, nie, nie, nie, so lange +Gras wächst und Wasser fließt!! Der Gedanke an Sie wird mich immer +mit jauchzender Freude erfüllen. (Ein höhnisches Wort ist auf ihren +Lippen. Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner +gesagt... Das ist das erstemal! + +(Gloria.) Wenn Sie es der nächsten Frau sagen, wird es nicht zum +ersten Male sein! + +(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht! (Er kniet vor ihr nieder.) + +(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf! Wie können Sie es wagen? + +(Philip und Dolly stürzen, wie gewôhnlich um die Wette laufend, ins +Zimmer. Sie prallen zurück, als sie sehen, was vorgeht. Dr. +Valentine springt auf.) + +(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly. (Er wendet sich +um und will geben.) + +(Gloria geärgert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil. +(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie. (Sie geht an das Fenster und +sieht, mit dem Rücken gegen die andern, hinaus.) + +(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm... + +(Dolly.) Aha! + +(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor? + +(Dr. Valentine.) Das bin ich auch. (Er tritt zwischen sie:) Nun so +hören Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht +wahr? (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue +Beleidigung.) + +(Dolly.) Alles. + +(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei. Ich wurde +abgewiesen--verachtet. Ich werde hier nur noch geduldet. Sie +verstehen doch?... es ist alles vorbei. Ihre Schwester will von +meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal +geruhen, auch nur das kleinste Interesse für mich zu haben. (Gloria +ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist +das klar? + +(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt. + +(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts +daraus--nicht einmal Ihre Seele wäre Ihr Eigentum geblieben, wenn +Gloria Sie geheiratet hätte. Sie können jetzt ein neues Kapitel Ihres +Lebens beginnen. + +(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefähr, nicht wahr? + +(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen +Sie nicht solche Sachen! Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art +richten das größte Unglück an. + +(Dolly.) O wirklich? Hm hm! + +(Philip.) Aha! (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner +gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.) + +(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein, +deren erste Sorge Gloria ist. Sie blickt suchend umher und ist im +Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit +deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen. Endlich +setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl. +McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.) + +(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes... Finch? + +(McComas düster:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem + +Vater. Fräulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten. (Er gebt zur +Ottomane und setzt sich.) + +(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich +rechts neben ihn.) + +(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe. + +(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor! Sie geht die Sache sehr an. +(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich +rittlings, über den Rücken gelehnt, in die Nähe der Ottomane.) Frau +Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht über seine zwei jüngeren +Kinder, die nicht majorenn sind, für sich. + +(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly +um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.) + +(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm! Er hat uns lieb, Mama! + +(McComas.) Es tut mir leid, Sie darüber eines Besseren belehren zu +müssen, Fräulein Dorothea. + +(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a! (Lehnt sich ganz +überwältigt an seine Brust:) O Finch! + +(McComas nervös wegrückend:) Nein! nein--nein! nein! + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly! (Zu Mc Comas:) Laut +unserer Trennungsurkunde fällt mir die Aufsicht über die Kinder zu. + +(McComas.) Sie enthält auch die Verpflichtung, daß Sie sich ihm weder +nähern noch ihn in irgendeiner Weise belästigen dürfen. + +(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan? + +(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer jüngeren Kinder dem Gesetze nach eine +Belästigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat +entscheiden müßte. Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur +belästigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, daß er planmäßig +hergelockt wurde und daß Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter +die Hand im Spiel gehabt hat. + +(Dr. Valentine.) Was?... wie??... + +(McComas.) Er behauptet, daß Sie ihn betäubt haben, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan. (Sie sind erstaunt.) + +(McComas.) Aber zu welchem Zweck? + +(Dolly.) Um fünf Schillinge extra zu verdienen! + +(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muß Sie wirklich bitten, +Fräulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch +ungehörige Unterbrechungen zu stören. (Heftig:) Ich bestehe darauf, +daß ernste Angelegenheiten ernst und würdig besprochen werden! +(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die +selbst Herrn McComas aus dem Text bringt. Er hustet und beginnt von +neuem, sich an Gloria wendend:) Fräulein Clandon: ich habe ferner die +Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Ihr Vater auch die Überzeugung gewonnen +hat, daß Dr. Valentine Sie zu heiraten wünscht. + +(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wünsche ich auch. + +(McComas beleidigt:) Dann dürfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor, +wenn der Vater der jungen Dame Sie für einen Mitgiftjäger hält. + +(Dr. Valentine.) Das bin ich auch! Glauben Sie, daß eine Frau von +meinen Einkünften leben kann? Einen Schilling pro Woche? + +(McComas empört:) Ich habe nichts mehr hinzuzufügen, Herr Doktor. Ich +werde zu Herrn McNaughtan zurückkehren und ihm sagen, daß diese +Familie kein Ort für einen Vater ist. (Er gebt zur Tür.) + +(Frau Clandon mit ruhiger Würde:) Finch! (Er bleibt stehen:) Wenn der +Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie können es. Setzen Sie sich. +(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Würde und seiner Freundschaft +unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau +Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, daß all dies eine Komödie ist und +daß Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie. Geben Sie mir +jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat. +Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut. Ich verspreche +Ihnen, daß die Kinder sich ruhig verhalten werden. + +(McComas fügt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen möchte, ist dies. Nach +der alten Übereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr +Mann furchtbar benachteiligt. + +(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf? + +(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewöhnt, die +öffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt über Sie +sagen könnte, keinerlei Rücksicht zu nehmen. + +(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig! (Gloria beugt sich +vor und küßt ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie +äußerst verwirrt.) + +(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen großen +Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte. Er mußte +Rücksicht auf sein Geschäft sowohl wie auf die Vorurteile seiner +altmodischen Familie nehmen. + +(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwähnen. + +(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon. + +(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos. + +(McComas.) War es aber ausschließlich seine Schuld? + +(Frau Clandon.) War es die meine? + +(McComas rasch:) Nein, selbstverständlich nicht. + +(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich, +Herr McComas. + +(McComas.) Mein liebes Fräulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber +ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe +eingeht--dafür kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufällige +Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglück +der häuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist, +warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist +als gar keine Frau--woran sie natürlich unschuldig sein kann--ist es +da gar so erstaunlich, daß er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er +ihr Vorwürfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich +zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht? + +(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwürfe gemacht, ich habe einfach +mich und die Kinder von ihm befreit. + +(McComas.) Ja. Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau +Clandon. Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie +gedrückt, als Sie damit drohten, die Sache zu veröffentlichen, indem +Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen. Nehmen Sie +an, er hätte diese Macht über Sie gehabt und dazu benützt, Ihre Kinder +von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, daß Sie bis auf Ihren +Namen vergessen wären... was würden Sie dabei fühlen?... Was würden +Sie tun?... Wollen Sie nicht auch seinen Gefühlen etwas Nachsicht +zeigen--? aus reiner Menschlichkeit? + +(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefühle bei ihm entdeckt. Ich habe sein +heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles übrige +seiner gewöhnlichen Menschlichkeit. + +(McComas gedankenvoll:) Frauen können sehr hart sein, Frau Clandon. + +(Dr. Valentine.) Das ist wahr! + +(Gloria zornig:) Schweigen Sie! (Er fügt sich.) + +(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine +letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon. Glauben Sie mir, es gibt +Männer, die sehr viel Gefühl, ja Güte haben, die aber unfähig sind, +sie auszudrücken. Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloß +äußere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten +zu erweisen und auf reizende liebenswürdige Art unaufrichtige +Komplimente zu machen. Wenn Sie in London lebten, wo die ganze +Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist +und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein können, ohne +herausgefunden zu haben, daß er Sie haßt wie Gift, dann würden Ihnen +die Augen bald aufgehen. Dort tut man unfreundliche Dinge auf +freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit süßer Stimme; man gibt +seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stücke reißt. Aber +denken Sie an die Kehrseite der Medaille! Denken Sie an die Leute, +die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Berührung +schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen +durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu +verletzen und zu quälen, selbst dann noch, wenn sie sie versöhnen +wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern... +McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat +keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein, +irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht +danach auf Treu und Glauben hinnimmt. Soll er gar keine Liebe haben, +nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und +Blut? + +(Dolly ganz gerührt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen! + +(Philip mit Überzeugung:) Finch, das nenne ich +Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit! + +(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance! Behalten wir ihn zum +Essen! + +(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch +gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir über Fergus +zu sprechen. Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich. + +(McComas zu Gloria:) Fräulein Clandon, ich habe bis jetzt davon +abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger +als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan +gesagt hat. + +(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Stärke der Mutter an die +Schwäche der Tochter! + +(McComas.) Nicht an Ihre Schwäche, Fräulein Clandon--ich wende mich +vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter. + +(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu mißtrauen. (Mit einem +zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich könnte, ich würde mir das +Herz aus dem Leibe reißen und es fortwerfen. Meine Antwort ist die +Antwort meiner Mutter! (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie. +Aber Frau Clandon, unfäbig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu +ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefühle zu +verletzen, nur kann.) + +(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid. Ich habe mein +Möglichstes getan. (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster +Unzufriedenheit fortzugehen.) + +(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch? Was +verlangen Sie?... Was sollen wir tun? + +(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das +Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit +McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist. Warum nun nicht +dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht +wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan +einholen, und zwar am besten sofort? Der Einfachheit und +Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor... Gleich heute +abend--was meinen Sie dazu? + +(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell +bekommen? + +(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen. Auf +meinem Rückwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem +hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor +Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst berühmt gemacht hat. Er +bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen +Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen. Er war so freundlich, mir +sein Erscheinen für den Fall zuzusagen, daß es mir gelänge, eine +Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen. Er wird uns mit +seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese +Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft +benützen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will +versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen. Bitte, stimmen Sie +zu! Einverstanden? + +(Frau Clandon nach einem Augenblick der Überlegung, bedeutungsvoll:) +Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe, +mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen. Ich wünsche nicht, +Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht +glaube, daß eine Zusammenkunft irgendwie nützen könnte. (Sie erhebt +sich:) Aber da Sie die Kinder überzeugt haben, daß er nicht ganz +hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt. + +(McComas nimmt ihre Hand und schüttelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau +Clandon.--Paßt Ihnen neun Uhr? + +(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte. + +(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn +Dr. Valentine verschworen zu haben, dann würde es, glaube ich, besser +sein, er wäre zugegen. + +(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich halte +meine Anwesenheit für äußerst wichtig. + +(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich hege die +größten Hoffnungen auf eine glückliche Lösung. Inzwischen leben Sie +wohl. (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tür für ihn +offen hält.) + +(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William. Könnten wir +nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren? + +(Der Kellner an der Tür:) Um sieben, gnädige Frau? Gewiß, gnädige +Frau. Es wird sogar eine Erleichterung für uns sein heut abend, wo so +viel zu tun ist. Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu +arrangieren und sonst noch allerlei, gnädige Frau. + +(Dolly.) Illumination! + +(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los? + +(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnädiges Fräulein. + +(Dolly und Philip stürzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?! + +(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. Der Regatta-Klub gibt das Fest +zum Besten des Rettungsbootes. (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft +solche Abende, gnädige Frau; Lampions im Garten, sehr hübsch, sehr +lustig und harmlos--wirklich! (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fünf +Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr. Damen in +Herrenbegleitung zahlen die Hälfte. + +(Philip erfaßt seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau, +William! + +(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten +weg sind! (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.) + +(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor? (Abgehnd:) +Ich muß wirklich nachsehen und sie zurückrufen. (Sie folgt ihnen und +spricht im Abgeben weiter.) + +(Gloria starrt Dr. Valentine kühl an und sieht dann bedächtig auf ihre +Taschenuhr.) + +(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben. +Ich gehe. + +(Gloria mit berablassender Förmlichkeit:) Ich muß mich bei Ihnen +entschuldigen. Ich bin mir bewußt, etwas scharf... vielleicht grob +gegen Sie gewesen zu sein. + +(Dr. Valentine.) Durchaus nicht. + +(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, daß es sehr schwer fällt, +jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen würdeloser Charakter +weder Respekt noch Achtung fordert. + +(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann würdevoll auftreten, wenn +er verliebt ist? + +(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil +abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen. Es sind +Beleidigungen. + +(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten. Aber ich kann nichts dafür, +ich muß sie begehen. + +(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt wären, würden Sie nicht töricht +sein. Liebe verleiht Würde, Ernst, ja sogar Schönheit. + +(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, daß ich davon schön werden +würde? (Sie wendet ihm mit kältester Verachtung den Rücken.) Ah, Sie +sehen, daß Sie es nicht ernstlich meinen! Die Liebe kann dem Manne +keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er +geboren wurde, entwickeln und erhöhen. + +(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren, +wenn ich bitten darf? + +(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens. + +(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des +Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht. + +(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im +Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne. (Sie erbebt ärgerlich den +Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe. Um neun bin ich wieder da. Adieu. +(Er läuft lustig hinaus und läßt sie in der Mitte des Zimmers zurück. +Sie starrt ihm nach.) + +(Vorhang) + + + + +VIERTER AKT + +(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind +angezündet, aber die Vorhänge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht +weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der +Bäume, darüber ein sternbesäter Himmel. Das Orchester im Garten +spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung übertönt.) + +(Der Kellner tritt ein und führt McNaughtan und McComas in das Zimmer. +McNaughtan sieht ängstlich und gedrückt aus. Er setzt sich müde und +mutlos auf die Ottomane.) + + +(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich +die Masken an. Wenn Sie einstweilen gütigst Platz nehmen wollten--ich +werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertür in den +Garten zu gehen, als ihn McComas aufhält.) + +(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, führen +Sie ihn unverzüglich herein. Wir warten auf ihn. + +(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten? + +(McComas.) Er heißt Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen +also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie +nicht, daß sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird. + +[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es +ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den +normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England +gekommen sind. Der Name Boon ist alltäglicher. McComas sagt dem +Kellner, daß er einen Herrn Bohun erwartet. Da fällt ihm ein, daß der +Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte für Frau Clandon geben +wird, und da er annimmt, daß William nicht wissen dürfte, daß der Name +Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie +der Name buchstabiert wird. (Anm. des Übers.)] + +(Der Kellner lächelnd:) Da können Sie sich vollkommen auf mich +verlassen, gnädiger Herr. Ich heiße selbst Boon, obgleich ich hier +fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte +ich auch ein H. U. einfügen; aber es ist besser, wenn ich mir diese +Freiheit nicht herausnehme. Meine Name würde dann auf Normannenblut +hindeuten, gnädiger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung für +einen Kellner. + +(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen, +und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*] + +(Der Kellner.) Das hängt zum großen Teil von der Stellung ab, die man +im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner wären, würden Sie bald finden, +daß Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen können wie +Normannenblut. Ich finde es am zweckmäßigsten, wenn ich meinen Namen +B. OO. N. schreibe und meinen Verstand möglichst zusammennehme.--Aber +ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst +schuld daran. Ich werde den Damen sagen, daß Sie hier sind, gnädiger +Herr. (Er geht durch die Fenstertür in des Garten hinaus.) + +(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr? + +(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein; +ich werde mein Möglichstes tun. + +(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe +Ihrer Familie gesagt, daß sie ganz allein Schuld an allem trüge. + +(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, daß ich einzig und allein der +Schuldige wäre. + +(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt. + +(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein +werden! + +(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie +sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn +Sie fortfahren, solche unmögliche Bedingungen zu stellen, dann können +wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen. + +(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht-- + +[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."] + +(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt +frage ich Sie aber ein für allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen, +sich gut zu benehmen, nur bedeuten, daß Sie nicht ohne Anlaß +aufbrausen würden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er +geben wolle.) + +(McNaughtan jämmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin +genug herumgestoßen und gequält worden--ich verspreche Ihnen, mein +Möglichstes zu tun. Aber wenn dieses Mädchen sich wieder erlauben +wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und +vergräbt den Kopf in die Hände.) + +(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn +Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es +kommt jemand. + +(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel +daraus zu machen, er verändert seine Stellung kaum.) + +(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertür +entgegen, so daß er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehört +zu werden.) + +(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fräulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm. +Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in +den Garten.) + +(Gloria tritt ein und geht kühl bis in die Mitte des Zimmers.) + +(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas? + +(Gloria gleichgültig, aber nicht unliebenswürdig:) Hinausgegangen, um +uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefühl. (Sie bleibt +neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater? + +(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun, +Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit +melancholischem Humor. + +(Gloria.) Reichen wir uns die Hände. (Sie reichen einander die Hände.) + +(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute +nachmittag leider zu sehr ungehörigen Worten über deine Mutter +hinreißen lassen. + +(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst +sehr hochmütig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft +gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich +neben seinen Stuhl auf den Boden.) + +(McNaughtan.) Was ist dir zugestoßen, mein Kind? + +(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter +meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die +Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer +Sturz--nicht wahr? + +(McNaughtan ärgerlich:) Was! (Sie behält ihren wunderlichen Ausdruck +bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, daß +du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswürdig.) Ich +fürchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiß immer, was +recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst +du das glauben? + +(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar! +Ich weiß auch stets, was recht ist und meiner würdig und stark und +edel--genau so gut, wie sie es weiß. Aber, ach! ich tue Dinge... und +ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--! + +(McNaughtan etwas mürrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es +weiß"... du meinst deine Mutter!... + +(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu +ihm hin und ergreift seine Hände.) Nun hören Sie mich an: keinen +Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht über +uns--über Ihnen und mir--himmelhoch über uns!--Sind Sie damit +einverstanden? + +(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind. + +(Gloria ist nicht befriedigt, läßt seine Hände los und zieht sich von +ihm zurück:) Sie mögen sie nicht? + +(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet +gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit +wachsender Kälte.) Sie hat mir ein großes Unrecht zugefügt, indem sie +mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles +Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr +wieder die Hand.) + +(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das +ist ein gefährliches Thema. Mit meinen Gefühlen, meinen elenden, +feigen, weiblichen Gefühlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit +meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter. + +(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind. +Ich danke dir. + +(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsätzlich hochmütig.) + +(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen, +einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare +William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich wäre auch gern +hingegangen, mir fehlen aber die fünf Schillinge für eine +Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was? + +(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen +dafür Dank schuldig zu sein. + +(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fräulein +Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er +beschimpft mich dafür. + +(Gloria kalt:) Ich bedaure, daß meine Mutter nicht da ist, Sie zu +empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von +dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen. + +(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn +gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fräulein +Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn förmlich +arbeiten hören. + +(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er? + +(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den +Maskenball gegangen. + +(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, daß alle auf +diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer +Zusammenkunft einzuhalten. + +(Dr. Valentine.) Oh, er wird pünktlich erscheinen--ich traf ihn schon +vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fünf Schillinge +anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloß ich mich dem Volke an und +habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fräulein Clandon durch +diese Glastür ins Hotel getreten war. + +(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir öffentlich, um +mich anzustarren? + +(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm +den Rücken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser +verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgültigkeit und begibt sich auf +die entgegengesetzte Seite des Zimmers.) + +(Der Kellner erscheint an der Fenstertür und führt Frau Clandon und +McComas herein.) + +(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, daß ich Sie alle +habe warten lassen! + +(Ein majestätischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und +eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der +Glastür.) + +(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine +Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und +die Speisesäle zeigen. Hier, wenn ich bitten darf! + +(Er tritt in den Garten zurück und zeigt den Weg in der Überzeugung, +daß der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an +das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemächlichkeit +zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen +einrollt und das Bündel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer +seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken +großen Mann, zwischen Vierzig und Fünfzig. Er ist glattrasiert und +von einer Blässe, die durch nächtliches Studium verursacht ist und die +durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geölt ist, noch +verstärkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Roßhaarmöbeln des +früheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig +grobkörniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein +Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so +erhöht seine mächtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise, +seine kräftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht +seiner äußerst kritischen Art zuzuhören noch den Eindruck, den er +hervorruft, bis zum Furchterregenden.) + +(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich +die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich, +Bohun verbeugt sich.) Fräulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun +verbeugt sich.) Herr Clandon? + +(McNaughtan besteht so ärgerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem +wahren Namen:) Ich heiße McNaughtan! + +(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er +sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon? + +(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht +imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heiße Valentine. Ich +bin der, der ihn betäubt hat. + +(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend? + +(Der Kellner kommt ängstlich durch die Fenstertür herein:) Verzeihen +Sie, gnädige Frau, aber können Sie mir vielleicht sagen, was aus +diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung. +Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefaßt hat. +Nachdem er eine rührende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er +sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhängender Stimme +anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das? + +(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es. + +(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfähig seine Tränen zurückzuhalten:) +*Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmächtig vor +dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnädige Frau--ein kleiner +Schwindelanfall. + +(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich +Ihnen sage, daß er mein Vater ist. + +(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater +ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von +dir denken! + +(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswürdigsten Weise: +) Ich bin entzückt, das zu hören, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns +während der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund +gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.) + +(Der Kellner den Kopf schüttelnd:) O nein, gnädige Frau! Sie sind zu +gütig--sehr vornehm und gnädig, wahrhaftig! Aber ich fühle mich sehr +verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin... +Entschuldigen Sie, daß ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch +schließlich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnädige Frau? (Er +erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe. +(Mit nach der Tür gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl +am Tisch entlang.) + +(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner hält inne, sein Mut sinkt.) +Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute +zugetragen hat? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, größtenteils. + +(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen. + +(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Ich habe +heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr +viel zu tun! + +(Bohun unerschütterlich:) Wir werden dich brauchen! + +(Frau Clandon höflich:) Bitte, nehmen Sie Platz. + +(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnädige Frau! Ich darf mich +nicht setzen, ich muß eine Grenze ziehen; ich dürfte nicht gesehen +werden, wenn ich so etwas täte, gnädige Frau. Ich danke Ihnen +trotzdem. (Er blickt mit einem verstörten Gesicht, das ein Herz von +Stein rühren müßte, alle Anwesenden der Reibe nach an.) + +(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wünscht nur, uns +weiter gut bedienen zu dürfen. Ich hätte gern eine Tasse Kaffee. + +(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnädiges Fräulein? (Er +stößt einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnädiges +Fräulein. Das ist sehr zeitgemäß und richtig. (Zu Frau Clandon, +furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige +Frau? + +(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiß. Ich glaube, wir könnten +eine Rotweinbowle trinken. + +(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnädige Frau? Gewiß, gnädige +Frau! + +(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee. +Geben Sie etwas Gurke hinein. + +(Der Kellner entzückt:) Gurke, gnädiges Fräulein--ja! (Zu Bohun:) +Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie mögen keine Gurke. + +(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen +schottischen Whisky mit Soda. + +(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky für +Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem +Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.) + +(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke. + +(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzählend:) Weinbowle--einen +schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen. + +(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles. + +(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnädige Frau--sofort! (Er +tummelt sich durch die Fenstertür hinaus und hat die ganze +Stufenleiter der menschlichen Glückseligkeit in wenig mehr als zwei +Minuten durchlebt.) + +(McComas.) Ich glaube, jetzt können wir anfangen. + +(Bohun.) Es wäre besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann! + +(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann! + +(Bohun schlägt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen +dieser und der früheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet, +daß Sie McNaughtan heißen! + +(McNaughtan.) So heiße ich auch. + +/* +(Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich-- +(Gloria) ) (sprechen) ( Meine-- +(McComas) ) (gleichzeitig:) ( Frau-- +(Dr. Valentine)) ( Sie-- +*/ + +(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen +Augenblick! (Tödliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen +Sie sich alle! (Sie gehorchen demütig. Gloria nimmt den +Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem +Fenster gegenüberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann. +McNaughtan setzt sich mit dem Rücken gegen Dr. Valentine auch auf die +Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit möglichst auf der +entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um +McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Nähe der Tür. Links von +ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des +Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen, +fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heißt in dieser +Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also +schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung. + +(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinüber, mit einem Knie +auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach-- + +(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon +hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende +Erklärung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie +unterschätzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine! + +(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun läßt ihn nicht zu Worte +kommen.) Nein: ich will nicht, daß Sie darauf antworten; ich will, daß +Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu müssen. + +(Dr. Valentine niedergedrückt:) Das heißt wirklich, einen +Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei? +(Ersetzt sich wieder.) + +(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, daß--wenn +diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle +hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen +müssen, wie es sich gehört und gesellschaftlich üblich ist. + +(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck äußerst entschlossenen +Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schließen +müssen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen +drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos für eine +ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon +und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft +sich in seinen Stuhl zurück und runzelt heftig die Stirn.) + +(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst +damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen. + +(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei +Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind +es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht +drein, als ob er dies für ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner +Ansicht--was? + +(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es wäre-- + +(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es wären, so würden Sie sein, was +ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind. + +(McComas unterwürfig:) Gewiß, lieber Justizrat, Ihre Spezialität-- + +(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialität ist es, recht zu +haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht wären, +dann würde ich hier unnütz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache +abzufertigen, und wendet sich dann plötzlich und heftig an McNaughtan: +) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit +liegt Ihnen am meisten am Herzen? + +(McNaughtan beginnt langsam:) Ich möchte in dieser Sache allen +Egoismus beiseite lassen-- + +(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau +Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau +Clandon? + +(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, daß ich mich nicht an +meine eigenen Gefüllte kehre. + +(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fräulein Clandon--nicht wahr? + +(Gloria.) Gewiß nicht. + +(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht. + +(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch. + +(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, daß eine Pose der +Aufrichtigkeit auf Fräulein Clandon einen besseren Eindruck machen +wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch +diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er +nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Lächeln. Bobun, +zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollständig unterjocht zu haben, +wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurück, als wäre er nun +bereit, alle Wünsche der Parteien geduldig anzuhören.) Nun, Herr +McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird +beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das +vorauszuschicken. + +(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat. + +(Bohun..) Gewiß. Jetzt zu Ihrer Sache! + +(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernünftige Mensch +wird zugeben, daß das selbstlos ist. + +(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern? + +(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben-- + +(Bohun fällt wieder über ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von +Ihren Gefühlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit +Ihren Gefühlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschäft zu tun. +--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen +müssen. + +(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, +Herr Justizrat. + +(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die +gegenwärtige Lage Ihrer Kinder einzuwenden? + +(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen +haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.) + +(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu +ändern? + +(McNaughtan.) Ich meine, daß sie sich ruhiger, einfacher kleiden +sollten. + +(Dr. Valentine.) Unsinn! + +(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empört, sofort in seinen +Stuhl zurück:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn +Sie ganz fertig sind! + +(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fräulein Clandons Kleidung +einzuwenden? + +(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig +wie die Ihre! + +(Gloria warnend:) Vater! + +(McNaughtan gibt kläglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine +Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die +beiden jüngeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr +Justizrat... wahrhaftig, ich bin überzeugt, Sie wären auch der Ansicht, +daß in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes, +beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt. + +(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, daß ich ihnen ihre Kleider +aussuche? Das ist wirklich kindisch! + +(McNaughtan erhebt sich wütend:) Kindisch!... + +(Frau Clandon steht entrüstet auf.) + +/* +(McComas) ) (McNaughtan, Sie + ) (alle erbeben sich (haben versprochen-- +(Dr. Valentine) ) und sprechen (Lächerlich, sie + ) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend! +(Gloria) ) (Bitte, wollen wir uns + (nicht vernünftig + (benehmen? +*/ + +(Lärm. Plötzlich hören sie ein warnendes Gläserklirren aus dem hinter +ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewußt um und sehen, +daß der Kellner eben aus dem Gartenschank zurückgekehrt ist und sein +Servierbrett erklingen läßt. Während er damit behutsam an den Tisch +kommt, wird es totenstill.) + +(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch +stellend:) Ihr irischer Whisky, gnädiger Herr. (McNaughtan setzt sich +ein wenig beschämt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein +Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky +mit Soda für den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der +Hand. Der Kellner setzt eine große Bowle in die Mitte des Tisches.) +Die Weinbowle. + +(Alle nehmen ihre Plätze wieder ein. Es herrscht Frieden.) + +(Frau Clandon demütig zu Bohun:) Ich fürchte, wir haben Sie +unterbrochen, Herr Justizrat. + +(Bohun ruhig:) Das haben Sie. (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten +Sie einen Augenblick. + +(Der Kellner.) Gern. Womit kann ich dienen? (Er stellt sich hinter +Bohuns Stuhl.) + +(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten. +Der Herr Justizrat wünscht es. + +(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fühlt:) Aber, gnädige +Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergnügen, der Gedankenarbeit +seines geübten und mächtigen Geistes folgen zu dürfen--das ist sehr +anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gnädige Frau! + +(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr +McNaughtan, wir warten auf Sie! Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die +Kleidung Ihrer Kinder zurück oder beharren Sie dabei? + +(McNaughtan erörternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen +Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu +denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr +ganzer Kreis. Sie haben einen großen Abscheu vor allem, was nur +irgendwie--nur irgendwie--nun... + +(Bohun.) Na, heraus damit!... Ausgelassen?--laut? bunt? + +(McNaughtan.) Ja. Ich meine das natürlich in keinem ruchlosen +Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden +Kinder würden meine Leute durch ihr Auftreten abstoßen! Sie passen +nicht zu ihren eigenen Verwandten. Das ist es, worüber ich mich +beklage! + +(Frau Clandon mit unterdrücktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie +irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt? + +(Dr. Valentine.) Ganz gewiß nicht! Das ist der reinste Unsinn. +Nichts kann geschmackvoller sein. + +(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natürlich geschmackvoll! + +(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten +englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und überladen +gekleidet? + +(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gnädige Frau! +(Überzeugend:) O nein, gnädiger Herr, durchaus nicht! Hübsch und +geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewählt und nobel--sehr +fein und hochklassig! Wahrhaftig, es könnten Sohn und Tochter eines +Dechanten sein, gnädiger Herr. Man braucht sie nur anzusehen, nur +zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins +Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schluß eines Walzers +spielt, tanzen. Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden +Vierecken (I Zoll im Quadrat) von türkisblauer und goldfarbener Seide, +seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen. Der Rock +der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und +mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfäden der +Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein +erlesenes, blendendes Paar, und dann zurück in einem Kreis bis an das +Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt, +in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin +beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit +über den Kopf gebogenen Armen. Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der +reizend graziös war, ist diese Pose keine sehr glückliche und droht +mit einer Katastrophe zu enden.) + +(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter! Ich werde gleich +fallen! Papa, heben Sie mich herunter! + +(McNaughtan läuft ängstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Händen: +) Mein Kind! + +(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schön, das war lieb +von Ihnen. (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Gürtel, setzt +sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.) + +(McNaughtan geht sehr verblüfft an die Ottomane zurück.) Oh, war das +lustig! O Gott! (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante; +keuchend:) Oh, Weinbowle! (Sie trinkt.) + +(Bohun mit mächtiger Stimme:) Das ist die jüngere Dame, nicht wahr? + +(Dolly gleitet vom Tische herunter; geängstigt von Bohuns mächtiger +Stimme und seinem Benehmen:) Ja. Bitte, wer sind Sie? + +(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly. Er war so +freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen. + +(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen-- + +(Philip.) Sch! + +(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch! Ist +das in Ordnung? Würden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn +sie sich dagegen verwahrte? + +(Dolly errötet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an? + +(McNaughtan versöhnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter +vielleicht selbstverständlich. + +(Dolly hartnäckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein +Kleid hübsch ist, will ich wissen! + +(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der +Unterwerfung.) + +(Dolly nachdrücklich:) Gefällt es Ihnen? + +(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, daß mir das +gefällt oder daß ich damit einverstanden bin? + +(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie können Sie es hübsch +finden und es dann nicht leiden mögen? + +(McComas erhebt sich ärgerlich und entrüstet:) Wahrhaftig, ich muß +sagen-- + +(Bohun, der Dolly mit der größten Zustimmung angehört hat, macht sich +sofort über ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas! Die +Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig! (Zu Dolly mit +furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Fräulein Clandon,... +fahren Sie fort, rasch! + +(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch! Gehen Sie immer +so vor? + +(Bohun erhebt sich:) Jawohl. Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text +zu bringen, mein Fräulein! Sie sind zu jung dazu. (Er nimmt den +Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn +neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich! (Dolly gehorcht wie bezaubert, +und Bohun setzt sich wieder. McComas, seines Stuhles beraubt, holt +sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:) +Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide. Sie +glauben zwar, daß Sie Ihre beiden jüngsten Kinder gern bei sich hätten, +aber das würde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu +protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umständen zu:) Nein, +das gefiele Ihnen gar nicht. Sie glauben zwar, daß Sie das gern +hätten, aber ich weiß das besser als Sie. Sie verlangen, daß diese +junge Dame aufhört, sich des Abends wie eine Bühnen-Kolombine und des +Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie +tun--niemals! Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber-- + +(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht! +(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich hübsch zu +kleiden--niemals! Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat: +nie--nie--nie, so lange Gras wächst und Wasser fließt! + +(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!... +(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?... Zu +wem hat sie das gesagt? + +(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest: +) Herr Doktor Valentine-- + +(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht! Dies ist etwas +sehr Ernstes! Ich muß wissen, zu wem Fräulein Clandon das gesagt +hat--ich bestehe darauf! + +(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil. Welche Nummer war es? Numero +drei oder Numero fünf? + +(Dr. Valentine.) Numero fünf!!!! + +(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fünf. Es war nur ein +zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und +harmloseste Mensch von der Welt. + +(Gloria kalt:) Was wird jetzt erörtert, wenn ich fragen darf? + +(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure, +gestört zu haben. Ich will Sie nicht länger belästigen, Frau Clandon. +(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor +unterdrückter Wut, rasch durch die Fenstertür in den Garten.) + +(Dolly.) Hm hm... + +(Philip.) Aha! + +(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat. + +(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und +sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie +wollen uns einschüchtern, Herr Justizrat. + +(Bohun.) Ich-- + +(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie! Sie glauben, daß es +nicht so ist--aber es ist so. Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln. + +(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stücken an, +daß Sie kluge, hellköpfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie +mir dafür das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu +halten? + +(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--! + +(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly! Ruhe! (Dolly hält sich den Mund.) + +(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen... + +(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch! + +(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William! + +(Philip.) Sch! + +(Bohun platzt gegen Dolly plötzlich ganz unerwartet mit einer Frage +los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten? + +(Dolly.) Ich!... Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen... + +(McComas.) Was soll das heißen?--Herr Justizrat, natürlich spreche ich +die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an. + +(Dolly.) Ja. Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly". +Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich +entrüstet.) + +(McNaughtan erhebt sich ängstlich, um ihn zurückzuhalten:) Beherrschen +Sie sich, McComas. Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld. + +(McComas.) Ich will keine Geduld haben! Sie tragen die +beklagenswerteste Charakterschwäche zur Schau, mein lieber McNaughtan! +Ich finde das einfach unerhört! + +(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schüchtern Sie Finch ein wenig für uns +ein. + +(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich lächerlich. Setzen +Sie sich! + +(McComas.) Ich-- + +(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie +sich--setzen Sie sich! (McComas setzt sich verdrießlich nieder, und +McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.) + +(Dolly zu Bohun demütig:) Ich danke Ihnen. + +(Bohun.) Nun hören Sie mich alle an. Ich enthalte mich jeder Meinung +darüber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame +angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben. +(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich +nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das +ist die beste Lösung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, daß sie +nicht den Namen ihres Vaters trägt.--Die andere Dame hat die Absicht, +sich zu verheiraten. + +(Gloria errötend:) Herr Justizrat! + +(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht. Sie wissen es nicht, aber es +ist so. + +(Gloria erhebt sich:) Halt! Hüten Sie sich davor, Herr Justizrat, für +meine Absichten einzustehen. + +(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Fräulein Clandon. Sie +werden mich nicht unterkriegen. Ich sage Ihnen, daß Ihr Name bald +weder Clandon noch McNaughtan lauten wird. Und wenn ich wollte, +könnte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird. (Er geht an das andere +Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase +auf den Tisch. Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht +an das Fenster. Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu +verstehen, daß er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr +McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn. Ihre +Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung +erreichen können. + +(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen: +) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches Übereinkommen zu +treffen. Wenn Sie Ihre Familie nötiger haben als Ihre Familie Sie, +dann werden Sie bei diesem Übereinkommen allerdings schlecht wegkommen; +--wenn Ihre Familie Sie aber nötiger hat als umgekehrt, dann werden +Sie schon besser wegkommen. (Er schüttelt den Domino, so daß er in +Falten fällt, und ergreift die falsche Nase. Dolly starrt ihn +bewundernd an.) Die Sache liegt für Ihre Angehörigen insoweit günstig, +als sie alle persönlich sehr angenehme Menschen sind. Und Ihre Stärke, +Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen. (Er stülpt die falsche +Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.) + +(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus! +Ich möchte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal! Können Sie tanzen? +(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche, +als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.) + +(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, daß ich nicht tanzen +kann--aber ich kann es. Kommen Sie! (Er packt sie und tanzt mit ihr +durch die Fenstertür in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener +Sicherheit und Anmut hinaus. Inzwischen stellt der Kellner geschäftig +die Stühle an ihre gewöhnlichen Plätze zurück.) + +(Philip.) "Auf! Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William! + +[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des +Übers.)] + +(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr? + +(Philip.) Können Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und +zwei falsche Nasen verschaffen? + +(McComas.) Was fällt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen-- + +(McNaughtan.) Nicht doch! Was ist denn da weiter dabei? Nur einmal, +McComas! Wir wollen doch keine Spielverderber sein. + +(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, für den ich Sie +gehalten habe. (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge. (Er geht +angewidert zur Fenstertür.) + +(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts für ungut! Wir müssen ihnen etwas +zugute halten.--Können Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner? + +(Der Kellner.) Gewiß, gnädiger Herr. (Er folgt ihnen an die +Fenstertür und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen. +) Hier bitte--Sie wünschen Dominos und Nasen? + +(McComas ärgerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen. + +(Der Kellner schmelzend:) Selbstverständlich, gnädiger Herr: die +falsche Nase wird ganz leicht darüber gehen. Es ist viel Platz dafür, +gnädiger Herr--viel Platz! (Er geht hinter McComas hinaus.) + +(McNaughtan wendet sich an der Fenstertür nach Phil um mit einem +Versuch zu gemütlicher Väterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm! (Er +geht.) + +(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon! +(An der Schwelle der Fenstertür hält er inne, blickt McNaughtan nach, +wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen +Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedämpfter Stimme zu +Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte +empfunden? (Er verschwindet.) + +(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so +plötzlich fortgegangen? Das verstehe ich nicht. + +(Gloria verdrießlich:) Ich weiß nicht.--Doch--ich weiß es. Komm, +sehen wir ein wenig dem Tanz zu. (Sie gehen nach der Fenstertür zu +und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten +hereinkommt, mit mürrischem Gesicht und bewölkter Stirn.) + +(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie. Ich dachte, die +Gesellschaft wäre schon auseinandergegangen. + +(Gloria nörgelnd:) Warum sind Sie dann zurückgekommen? + +(Dr. Valentine.) Ich bin zurückgekommen, weil ich kein Geld bei mir +habe und dort ohne ein Fünf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen +werde. + +(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor? + +(Gloria.) Kümmere dich nicht um ihn, Mutter. Das soll eine neue +Beleidigung für mich sein--weiter nichts. + +(Frau Clandon kaum fähig, sich vorzustellen, daß Gloria wohlüberlegt +einen Wortwechsel heraufbeschwören könnte:) Gloria! + +(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes +gesagt?... Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan? + +(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, daß meine +Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste +Beleidigung. + +(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben. +Ich behaupte, daß meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen, +tadellos gewesen ist. + +(Frau Clandon äußerst entrüstet:) Herr Doktor! + +(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren +muß, daß Fräulein Clandon andern Männern genau dieselben Reden +gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fünf früheren Liebhabern +hören muß und einem zahmen Seeoffizier noch dazu! Oh, das ist zu arg! + +(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, daß diese Dinge +ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch +ihr. Aber ich weiß, was die Betroffenen dabei gelitten haben. (Mit +possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten +Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Rücksichtslosigkeit der +Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die-- + +(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist +ein sentimentaler Esel! (Sie rauscht fort an den Kamin.) + +(Frau Clandon empört:) Oh, meine teuerste Gloria! Der Herr Doktor +wird das grob finden. + +(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr! Ich bin für +immer von jeder Sentimentalität geheilt. (Er setzt sich zornig.) + +(Frau Clandon.) Sie müssen uns allen verzeihen, Herr Doktor. Die +Frauen müssen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst +verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit +aneignen können.--Halten Sie Gloria nicht für gemein. (Gloria wendet +sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht. + +(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*! + +(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch +manchen ihrer Vorzüge, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu +altmodische Ideen über sein eigenes Geschlecht, als daß er sich gern +einen Esel nennen ließe.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen, +was Dolly anstellen mag? (Sie gebt an die Fenstertür. Dr. Valentine +erhebt sich.) + +(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter. Ich habe mit Herrn Doktor +Valentine ein Wort allein zu sprechen. + +(Frau Clandon überrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe +Gloria... (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverständlich, wenn du +es wünschest. (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.) + +(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist +sechsmal so viel wert als Sie! + +(Gloria.) Nun höre ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das +Ihnen Ehre macht. + +(Dr. Valentine.) Unsinn! Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen +haben, und lassen Sie mich gehen. + +(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute +nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrückt. Glauben Sie, +daß ich nicht auf meiner Hut gewesen sein würde, wenn mir das schon +einmal passiert wäre, daß ich nicht gewußt hätte, was kommen würde, +und meine eigene elende Schwäche gekannt hätte? + +(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in +dieser Weise darüber! Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften +mit Ausnahme von Ihrer Schwäche, wie Sie das nennen? Sie haben sich +für sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren +fortschrittlichen Ideen! Es hat mir Spaß gemacht, die ziemlich leicht +über den Haufen zu werfen. + +(Gloria dreist, da sie fühlt, daß sie jetzt mit ihm machen kann, was +sie will:) Wirklich? + +(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Gründen habe ich das getan?--Weil es +mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwühlen. +--Und warum hat mich das gereizt? Weil meine Natur es bitter ernst +mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte... Wer +von uns beiden ist erwacht, wie dann der große Augenblick gekommen +war--wer wurde aufgewühlt in seinen tiefsten Tiefen?... Ich! Ich! +--Ich wurde hingerissen. Sie waren nur beleidigt... empört! Sie sind +nur eine ganz alltägliche junge Dame--zu alltäglich, um zahmen +Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging... +weiter nichts. Ich will Sie nicht mit den üblichen Entschuldigungen +behelligen.--Leben Sie wohl. (Er geht entschlossen zur Tür.) + +(Gloria.) Bleiben Sie! (Er zögert.) Aber wollen Sie auch verstehen, +daß ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die +Wahrheit sage? + +(Dr. Valentine.) Pah! Ich weiß, was Sie mir jetzt sagen wollen. Sie +glauben, daß Sie nicht alltäglich sind--daß ich recht hatte--daß jene +Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind... Es schmeichelt Ihnen, +das zu glauben. (Sie weicht zurück.) Nun, ich gebe zu, daß Sie in +einer Hinsicht nicht alltäglich sind: Sie sind ein gescheites Mädchen. +(Gloria unterdrückt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen +Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden. Ich war +Ihnen gleichgültig... ich bin Ihnen gleichgültig... meine Tragödie ist +es gewesen, nicht die Ihre. Leben Sie wohl! (Er wendet sich nach der +Tür; sie beobachtet ihn, entsetzt darüber, daß er ihrer Macht +entschlüpft. Die Türklinke in der Hand, hält er inne, wendet sich +dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde +auseinandergehen. + +(Gloria außerordentlich erleichtert, kehrt ihm mit größter +Absichtlichkeit den Rücken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer +Wunde bald genesen. + +(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, daß er doch schließlich Herr +der Situation ist:) Gewiß werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu +schmerzen. Schließlich kann mir meine Gloria doch niemand rauben. + +(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie? + +(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung. + +(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung. +(Ihre Erregung beginnt stärker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.) +Die wirkliche Gloria, die empörte...die beleidigte...die +entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie +erfuhr, daß all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der +ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht errötet wieder über und über, +sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr. +Valentines linken Arm, um sich zu stützen.) + +(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe +dran, den Verstand zu verlieren! (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen +und läßt die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte +Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die +Augen schaut. Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria, +seien Sie vernünftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller! + +(Gloria.) Können Sie denn keinen verdienen? Andere Leute können es +doch. + +(Dr. Valentine halb entzückt, halb erschrocken:) O niemals! Ich würde +Sie unglücklich machen--Teuerste, Geliebte--ich müßte ein erbärmlicher +Mitgiftjäger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und küßt +ihn:) O Gott! (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen +noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwölf +Jahren genügen nicht! + +(In einer Aufwallung von Eifersucht stößt sie ihn von sich fort, und +er taumelt zurück in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt. Da +tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas +folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust +herein.) + +(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin +atemlos! Sie tanzen wundervoll Walzer, William! + +(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie +konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch! Ich +habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt. + +(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf! (Dr. Valentine +erhebt sich unterwürfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefühl +beiseite. Sagen Sie meiner Mutter, daß wir entschlossen sind, uns zu +heiraten. + +(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens. Dr. Valentine, sprachlos vor +panischem Schrecken, starrt alle an. Er will sichtlich davonlaufen.) + +(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs! + +(Philip.) Sch! + +(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefühle! Ich kann sie kaum beherrschen! +Ich möchte jemanden küssen,--und in der Familie ist das verboten! +Wo ist Finch? + +(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter! + +(McNaughtan erscheint an der Fenstertür.) + +(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht! (Sie küßt +ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie +sie! + +(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz. Wenn ich einen +Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten. + +(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttäuscht:) Soll das heißen, daß +du dich mit diesem Herrn verlobt hast? + +(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu +sein, oder-- + +(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater? + +(McNaughtan.) Ich würde gern beides sein, mein Kind, aber--!... Herr +Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefühl-- + +(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht. Es ist einfach Wahnsinn. Wenn +wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fünf +Schillinge anpumpen müssen, um mir die Eintrittskarte zu lösen. +--Gloria, übereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort! Es ist das +beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus +Ihrer Familie wieder begegne. Ich werde keinen Selbstmord begehen, +ich werde nicht einmal unglücklich sein: es wird eine Befreiung für +mich sein--ich--ich fürchte mich--ich fürchte mich wahrhaftig--es ist +die reine Wahrheit. + +(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen! + +(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverständlich nicht, aber +... Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernünftig sprechen und +uns alle zur Vernunft bringen wollte! Ich kann's nicht... Wo ist +Bohun?... Bohun ist der Mann! Phil, gehen Sie und beschwören Sie +Bohun. + +(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe. Ich gehe. (Er läßt seine +Pritsche durch die Luft sausen und schießt durch die Fenstertür fort.) + +(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, daß ich +mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fünf +Schillinge nicht Ihr Lebensglück. Wir werden uns nur zu sehr freuen, +Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie können die Sache +ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird. Es +wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre +sein, Herr Doktor. + +(Philip erscheint wieder:) Er kommt! (Er schwingt seine Pritsche vor +dem Fenster. Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft +sie auf den Tisch, während er an Philip vorübergeht und zwischen +Gloria und Dr. Valentine tritt.) + +(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat-- + +(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, +die Sache muß von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um +eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten. Sie hat etwas +Vermögen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch +viel mehr haben. + +(McNaughtan.) Möglich. Ich hoffe es. + +(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller. + +(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann +bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefühl?... +Das tun die meisten vernünftigen Vorsichtsmaßregeln. Aber Sie bitten +mich um meinen Rat. Das ist er. Machen Sie einen Ehevertrag! + +(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen. + +(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, für meine Person, +brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat. + +(Bohun.) Sie würde ihn nicht befolgen. Wenn Sie ihr Mann sein werden, +wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen... (Wendet sich plötzlich an +Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, daß Sie es werden, +aber Sie werden es nicht. Er wird an die Arbeit gehen und seinen +Unterhalt verdienen... (Wendet sich plötzlich an Dr. Valentine:) O ja, +das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es! Sie wird +Sie schon dazu anhalten. + +(McNaughtan nur halb überzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie +diese Verbindung also nicht für unklug? + +(Bohun.) O doch! Alle Verbindungen sind unklug. Es ist unklug, +geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu +leben--und es ist klug, zu sterben. + +(Der Kellner drängt sich unauffällig zwischen McNaughtan und Dr. +Valentine:) Wenn ich mir höflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann +ist es etwas Trauriges um die Weisheit. (Zu Dr. Valentine:) Glück auf, +Herr Doktor, Glück auf! Jeder Mensch fürchtet die Ehe, wenn es dazu +kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr fröhlich und selbst +glücklich--von Zeit zu Zeit. Ich war niemals Herr in meinem eigenen +Hause. Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und +herrschsüchtig veranlagt. Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr +geerbt. Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben hätte, ich +würde es wieder so leben!... ich würde es genau wieder so +leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie +wissen. + +(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, daß, wenn Gloria sich wirklich +entschlossen hat-- + +(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist. Wir +verpassen bloß alle Tänze. + +(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affäre +ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?-- + +(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen +Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar! Darf +ich um die Ehre bitten?--Ich danke. (Er tanzt mit Gloria fort und +verschwindet unter den Lampions, und läßt Dr. Valentine nach Luft +schnappend zurück.) + +(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich +bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.) + +(Dolly.) Unsinn! (Weicht ihm geschickt aus und läuft um den Tisch +herum an den Kamin:) Finch! Mein Finch! (Sie fällt über McComas her +und zwingt ihn zu tanzen.) + +(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er +wird durch die Fenstertür davongerissen.) + +(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich +bitten-- + +(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Mütter! (Er ergreift seine Mutter +und wirbelt mit ihr fort.) + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas' +Schicksal.) + +(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho! +ho! (Er gebt in den Garten und kichert über den spaß.) + +(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als +ob ich schon verheiratet wäre!... + +(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen +mit liebenswürdiger Teilnahme und schüttelt langsam den Kopf.) + +(Vorhang) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George +Bernard Shaw. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Man Kann Nie Wissen, by George Bernard Shaw + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MAN KANN NIE WISSEN *** + +***** This file should be named 9810-8.txt or 9810-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/9/8/1/9810/ + +Produced by Michalina Makowska + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Shaw, der Hauptmann sehr verehrt, +wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton +verbinden, nicht stoeren und aenderte ihn in McNaughtan um, womit +zugleich die Uebertragung eines Wortwitzes moeglich wurde, der im +Original eine Rolle spielt. + +Anmerkung des Uebersetzers. + + + + +PERSONEN + +Frau Clandon +Gloria } +Dolly } ihre Kinder +Philip } +Dr. Valentine, Zahnarzt +Fergus McNaughtan +McComas, Rechtsanwalt +Justizrat Bohun +Ein Kellner +Ein Stubenmaedchen +Ein Kellnerjunge +Ein Koch + +Ort: Ein englisches Seebad. +Zeit: 1896. + + + +ERSTER AKT + +(An einem schoenen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer +eines Zahnarztes. Es ist nicht das uebliche winzige Londoner Loch, +sondern das beste Zimmer einer moeblierten Wohnung an der +Strandpromenade in einem vornehmen Seebad. Der Operationsstuhl mit +Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und +einer der Ecken. Wenn man durch das dem Stuhl gegenueberliegende +Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte +der dem Beschauer gegenueberstehenden Wand. Links eine Tuer. Ueber +dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen. Vor dem Kamin +steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein +sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem +Moerser und einem Stoessel darauf. In der Naehe dieser Bank befindet sich +ein duennes peitschenartiges Geraet, das mit einem Staender, einem Pedal +und einer uebertrieben grossen Kurbel versehen ist. Da man dieses +Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach +links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit +Loescher und Mappe sieht. Vor dem Schreibtisch ein Stuhl. In seiner +Naehe, gegen die Tuere zu, ein lederueberzogenes Sofa. Die +gegenueberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsaechlich von einem +langen Buechergestell eingenommen. Der Operationsstuhl steht dem +Beschauer dicht gegenueber; in handlicher Naehe links davon befindet +sich der Instrumentenschrank. Man bemerkt, dass die zahnaerztliche +Einrichtung samt Apparaten neu ist. Die mit einem Muster von +Girlanden und Urnen geschmueckten Tapeten im Geschmack eines +Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von +reichen, kohlkopfartigen Blumenstraeussen, der glaeserne Gaskronleuchter +mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmueckten, vergoldeten, blauen +Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter +einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige +amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und +jetzt auf zwoelf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem +schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en +miniature gibt, um Kaufmannsanstaendigkeit im Anfang der Regierung der +Koenigin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor +der Hoelle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt, +instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst, +der Liebe und der roemisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die +ersten Fruechte der Geldherrschaft in den Anfaengen der industriellen +Revolution anzudeuten.) + +(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt ueber den zwei +Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind. Die eine davon, eine sehr +huebsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten +Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehoert einer spaeteren Generation an: sie +ist kaum achtzehn Jahre alt. Dieses liebe kleine Geschoepf gehoert +offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine +Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heisseren Sonne als +der Englands gebraeunt worden; aber trotzdem besteht fuer einen sehr +feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und +England. Sie haelt naemlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem +winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentuemlich +geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke +spartanischer Hartnaeckigkeit. Wenn man die kleinste Gewissenslinie +zwischen ihren Augenbrauen entdecken koennte, wuerde ein Pietist wohl +die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu +finden--ihr Kleid ist naemlich verwuenscht huebsch--aber sowie die Wolke +flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem +Suendenbewusstsein wie die eines Kaetzchens.) + +(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen +Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefaehr dreissig Jahren. +Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der +geschaeftsmaessigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf +der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige +Liebenswuerdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach +lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt. Er ist nicht +ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenfluegel +stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen. Seine Augen sind klar, +flink, von skeptisch maessiger Groesse und doch ein wenig wagelustig; +seine Stirn ist praechtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und +sein Kinn sind kavaliermaessig huebsch. Im ganzen ein anziehender, +beachtenswerter Anfaenger, dessen Aussichten ein Geschaeftsmann ziemlich +guenstig einschaetzen wuerde.) + + +(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schoen. (Trotz ihrer +mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.) + +(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das +war mein erster Zahn! + +(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!... Wollen Sie damit sagen, +dass Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren? + +(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muss einmal mit jemandem den Anfang +machen. + +(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit +Leuten, die bezahlen. + +(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zaehlt natuerlich nicht!... Ich +meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten +Sie kein Lachgas haben? + +(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, dass das noch fuenf Schilling +extra kostete. + +(Der Zahnarzt unangenehm beruehrt:) Oh, sagen Sie das nicht! Da hab' +ich das Gefuehl, als haette ich Ihnen wegen der fuenf Schillinge weh +getan. + +(Die junge Dame mit kuehler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch. +(Sie steht auf:) Warum auch nicht?... Es ist Ihr Beruf, den Leuten +weh zu tun. (Es macht ihm Spass, in dieser Weise behandelt zu werden, +und er kichert heimlich, waehrend er fortfaehrt, seine Instrumente zu +reinigen und wieder wegzulegen. Sie schuettelt ihr Kleid zurecht, +blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber +wirklich eine schoene Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus! +--Sind sie teuer? + +(Der Zahnarzt.) Ja. + +(Die junge Dame.) Ihnen gehoert aber nicht das ganze Haus? + +(Der Zahnarzt.) Nein. + +(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um +und betrachtet ihn kritisch, waehrend sie ihn auf einem Fuss +herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste; +nicht wahr? + +(Der Zahnarzt.) Sie gehoert dem Hausherrn. + +(Die junge Dame.) Gehoert ihm dieser huebsche bequeme Rollstuhl auch? +(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.) + +(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet. + +(Die junge Dame geringschaetzig:) Das habe ich mir gedacht! (Sie +blickt umher, um noch mehr Schluesse ziehen zu koennen:) Sie sind wohl +noch nicht lange hier? + +(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wuenschen Sie sonst noch etwas zu +wissen? + +(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie +Familie? + +(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet. + +(Die junge Dame.) Selbstverstaendlich. Das sieht man.--Ich meine +Schwestern... eine Mutter... und sowas. + +(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort. + +(Die junge Dame.) Hm... Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn +der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr gross sein? + +(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht. (Er schliesst den Schrank, nachdem er +alles in Ordnung gebracht hat.) + +(Die junge Dame.) Nun denn, Glueck auf! (Sie nimmt ihre Boerse aus der +Tasche:) Fuenf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr? + +(Der Zahnarzt.) Fuenf Schillinge. + +(Die junge Dame nimmt ein Fuenf-Schilling-Stueck heraus:) Rechnen Sie +fuer jede Operation fuenf Schillinge? + +(Der Zahnarzt.) Ja. + +(Die junge Dame.) Warum? + +(Der Zahnarzt.) Das ist mein System. Ich bin eben, was man einen +Fuenf-Schilling-Zahnarzt nennt. + +(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier! (Sie haelt das Silberstueck in die +Hoehe:) Ein huebsches neues Fuenf-Schilling-Stueck--Ihre erste Einnahme! +Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zaehne +anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette. + +(Der Zahnarzt.) Danke sehr. + +(Das Stubenmaedchen erscheint an der Tuer:) Der Bruder der jungen Dame. + +(Die huebsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der +Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein. Er traegt einen +terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit +brauner Seide gefuettert. In der Hand haelt er einen braunen Zylinder +und dazu passende, loh*braune Handschuhe. Er hat die mattgelbe +Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Massstabe +gebaut wie sie. Aber er ist elastisch, muskuloes und von +entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige +Sprechwiese. Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten +persoenlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden +koennte. Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und +obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter +Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf aeltere +Leute verblueffend und waere bei einem weniger fuer sich einnehmenden +jungen Menschen unertraeglich. Er ist die Schlagfertigkeit selbst und +hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:) + +(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit? + +(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorueber. + +(Der junge Mann.) Hast du geheult? + +(Die junge Dame.) Oh, fuerchterlich! Herr Doktor Valentine--mein +Bruder Phil. Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt. +(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander. Sie faehrt in +einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist +Junggeselle. Das Haus gehoert ihm nicht, und die Einrichtung gehoert +seinem Hausherrn, aber die noetigen Gegenstaende fuer seinen Beruf hat er +gemietet. Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck +herausgekriegt. Und wir sind sehr gute Freunde. + +(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was? + +(Die junge Dame als ob sie unfaehig waere, das zu tun:) O nein! + +(Philip.) Das freut mich. (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswuerdig von +Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor. Wir sind naemlich noch +nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet, +dass die Leute uns hier einfach nicht ertragen wuerden.--Kommen Sie, +fruehstuecken Sie mit uns. + +(Dr. Valentine erschreckt ueber das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft +fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu +sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reissend und andauernd ist.) + +(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor! + +(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei. + +(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzaehlen koennen, dass ein +achtbarer Englaender versprochen hat, mit uns zu fruehstuecken. + +(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen! + +(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?... Ich habe ueberhaupt noch kein Wort +gesagt... Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?... +Es ist mir wirklich ganz unmoeglich, mit zwei mir vollstaendig +Unbekannten im Marine-Hotel zu fruehstuecken. + +(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was fuer ein Unsinn!... Ein Patient in +sechs Wochen! Kann Ihnen doch ganz einerlei sein? + +(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestaetigt Herrn +Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, dass ich Ihnen +Fraeulein Dorothea Clandon, gewoehnlich Dolly genannt; vorstelle. (Dr. +Valentine verneigt sich vor Dolly. Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip +Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare +Leute. + +(Dr. Valentine.) Clandon?... Sind Sie verwandt mit-- + +(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's! + +(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie-- + +(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!... Alles ist zu Ende, Phil! Man weiss +alles ueber uns in England! (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie koennen sich +nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer beruehmten +Persoenlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen +geschaetzt zu werden. + +(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte, +ist durchaus nicht beruehmt. + +(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?... + +(Philip ist auch erstaunt.) + +(Dr. Valentine.) Ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufaellig die +Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind. + +(Dolly ausdruckslos:) Nein. + +(Philip.) Na, Dolly, woher weisst du das? + +(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergass, natuerlich--vielleicht bin ich's! + +(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht? + +(Philip.) Ganz und gar nicht. + +(Dolly.) Ein kluges Kind-- + +(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch! (Dr. Valentine faehrt bei diesem +Laut aengstlich zusammen. Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als +ob ein Stueck Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten wuerde. +Er ist das Resultat langer Uebung und soll Dollys Indiskretion +verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der +beruehmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von grossem +Ruf--in Madeira. Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke. Wir +sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden. Sie heissen +"Abhandlungen fuer das zwanzigste Jahrhundert". + +(Dolly.) Die Kueche des zwanzigsten Jahrhunderts!-- + +(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar-- + +(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum haeufigen Familiengebrauch, +zwei Dollar. In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie +sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln. + +(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf. + +(Philip.) Richtig! Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor. +Unsere eigene Seele befindet sich naemlich in dieser frischen und +unverdorbenen Verfassung. + +(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm! + +(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren +Seelen veredelt sind. + +(Philip.) Wenn das der Fall ist, muessen wir ihn mit dem andern +Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten +Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria! + +(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schoepfung! + +(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft! + +(Dolly.) Dem Stolz Madeiras! + +(Philip.) Dem Inbegriff der Schoenheit! + +(Dolly wird ploetzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint! + +(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen? + +(Philip hoeflich:) Entschuldigen Sie--bitte. + +(Dolly sehr liebenswuerdig:) Verzeihen Sie. + +(Dr. Valentine versucht, vaeterlich zu ihnen zu sein:) Ich muss euch +jungen Leuten wirklich einen Wink geben. + +(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut! Wie alt sind Sie? + +(Philip.) Ueber dreissig. + +(Dolly.) Nein. + +(Philip zuversichtlich:) Doch! + +(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig! + +(Philip unerschuetterlich:) Dreiunddreissig! + +(Dolly.) Unsinn! + +(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:) +Einunddreissig. + +(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt! + +(Dolly.) Du auch! + +(Philip ploetzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung, +Dolly. + +(Dolly reuig:) Ja, das tun wir. + +(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor. + +(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu +veredeln. + +(Dr. Valentine.) Tatsache ist, dass Ihr-- + +(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?... + +(Dolly.) Unsere Manieren?... + +(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwoere Sie, lassen Sie mich +sprechen! + +(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel! + +(Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf +den Arm des Operationsstuhles.) + +(Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und +haelt ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.) + +(Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke, +stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene. +Sie beobachten ihn mit groesstem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly: +) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem +englischen Seebad gewesen sind? (Sie schuettelt langsam und feierlich +den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll +seinen Kopf schuettelt.) Das habe ich mir gedacht!... Nun, Herr +Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von +grosser Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um +ueberzeugt zu sein, dass Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in +einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder +auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft, +geniessen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schuettelt +heftig den Kopf.) O ja, das duerfen Sie mir glauben. Lord de Crescis +Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt fuer +Reformkleider ein und traegt hygienische Schuhe. (Dolly blickt +verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und +fuegt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine. +(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern +und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind +noch Manieren haben. Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir +nicht uebel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.--Nun, +eins muessen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand +sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein +lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an. +Sie begegnen seinen Blicken wie Maertyrer.) Muss ich annehmen, dass Sie +diesen unumgaenglich noetigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen +Ausruestung ausser acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch +melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muss ich Ihnen leider sagen, falls +Sie die Absicht haben, laengere Zeit hierzubleiben, dass es mir +unmoeglich sein wird, Ihre liebenswuerdige Einladung zum Fruehstueck +anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluss machen wollte, und +setzt den Schemel wieder an die Wand.) + +(Philip erheht sich mit ernster Hoeflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht +ihr den Arm.) + +(Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Wuerde zur Tuer.) + +(Dr. Valentine von Gewissensbissen ueberwaeltigt:) O bleiben +Sie--bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.) +Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Toelpel vor. + +(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir. + +(Dr. Valentine energisch, laesst allen Anspruch auf berufsmaessige +Manieren beiseite:) Mein Gewissen?... Mein Gewissen hat mich zugrunde +gerichtet.--Hoeren Sie mich an!... Ich habe mich schon zweimal in +verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt +niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe +meinen Patienten statt dessen, was sie hoeren wollten, immer die nackte +Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich +hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fuenf-Schilling-Zahnarzt, und +habe ein fuer allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist +meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstueck fuer den Umzug +ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und +trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie +Stahl. In sechs Wochen habe ich fuenf Schillinge verdient. Wenn ich +um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche, +so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umstaenden recht und billig, +mich zum Fruehstueck einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht +kennen? + +(Dolly.) Na, schliesslich ist unser Grossvater Stiftsherr der +Lincoln-Kathedrale.-- + +(Dr. Valentine wie ein Schiffbruechiger, der ein Segel am Horizont +sieht:) Was? Sie haben einen Grossvater? + +(Dolly.) Nur einen. + +(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels +willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?... Ein +Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale! Das bringt natuerlich alles in +Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen +Rock wechseln. (Er ist mit einem Satz an der Tuere und verschwindet. +Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an. +Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und +werden Alltagsmenschen.) + +(Philip stoesst Dollys Arm fort und gebt uebellaunig zum Operationsstuhl: +) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es fuer uns +eine Ehre waere, ihm ein Fruehstueck zu bezahlen! Wahrscheinlich seit +Monaten sein erstes anstaendiges Essen! (Er gibt dem Stuhl einen Stoss, +als ob der Dr. Valentine waere.) + +(Dolly.) Das ist doch zu stark! Ich kann das nicht laenger ertragen, +Phil! Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen +Vater hat oder nicht. + +(Philip.) Ich will es auch nicht laenger ertragen. Mama muss uns sagen, +wer er war! + +(Dolly.) Oder wer er ist! Vielleicht lebt er noch. + +(Philip.) Das will ich nicht hoffen. Kein lebender Mensch soll sich +mir als Vater aufspielen! + +(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?! + +(Philip.) Das bezweifle ich. Meine Menschenkenntnis sagt mir, dass er +seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden waere, wenn er +eine Menge Geld besessen haette... Immerhin, trachten wir, die Dinge +im guenstigsten Licht zu sehn. Verlass dich darauf, er ist tot! (Er +geht an den Kamin, bleibt mit dem Ruecken gegen das Feuer stehen und +streckt sich. Das Stubenmaedchen erscheint. Die Zwillinge strahlen +gleich wieder in ihrem frueheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.) + +(Das Stuebenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnaediges Fraeulein. +Ich glaube, die Frau Mutter und das Fraeulein Schwester. + +(Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame +zwischen vierzig und fuenfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem, +sesshaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schoenheit--letzterem +nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte +gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprueche in +dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man koennte sie fast verdaechtigen, +zu Hause eine Haube zu tragen. Sie traegt sich mit Kunst und gut, wie +es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern +gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen kuenstlerischen Kultus +von Schoenheit und Gesundheit verdraengt wurden. Ihr flachsblondes, von +Silberfaeden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt, +geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines +gewissen Alters koennen daraus schliessen, dass Frau Clandon in ihrer +Maedchenzeit genuegend Individualitaet und guten Geschmack besessen hat, +um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu +widersetzen. In Kuerze: sie ist in Kleidern und Manieren fuer ihr Alter +auffallend unmodern, aber sie gehoert in das Vordertreffen ihrer +eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersuechtig betonenden Haltung +des Charakters und Verstandes und darin, dass sie eher eine Frau mit +kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten +persoenlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben, +sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft +den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre +Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persoenlichen Gefuehls sie +heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als +menschliches Gefuehl; sie begt starke Gefuehle, was soziale Fragen und +Grundsaetze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten, +dass diese ihre Verstaendigkeit und ausserordentliche Zurueckhaltung im +Persoenlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders +erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner +anderen Frau sein koennten, in Dollys Fall nicht standhaelt;--obgleich +fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen +irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zaertlichkeit in +ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht ueberraschend, dass +eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.) + +(Gloria hat die Zwanzig kaum ueberschritten, ist aber eine viel +furchterregendere Dame als ihre Mutter. Sie ist die Verkoerperung +geistigen Hochmuts. Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsuechtigen +Charakter haelt bloss die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und +gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte +Gefahr, von ihren juengeren leichtlebigeren Geschwistern laecherlich +gemacht zu werden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz +Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem +hartnaeckigen Stolz und ihrer uebertriebenen Feinheit hat eine eisige +Kaelte des Betragens zur Folge. Bei einer haesslichen Frau wuerde das +alles abstossend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau. Ihr +tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen +Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glaenzen, +zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch +muskelkraeftige Gestalt sprechen in hochmuetiger Freimuetigkeit zu +Einbildungskraft und Sinnen. Man koennte sie fuer ein sehr gefaehrliches +Maedchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr +edlen Stirn zum Ausdruck kaeme. Ihr tailor-made Kleid aus +safranbraunem Tuch erscheint von rueckwaerts gesehen konventionell, aber +eine Bluse von meergruener Seide hebt das Konventionelle der Kleidung +mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die +Zwillinge--von den gewoehnlichen modernen Strandmenschen.) + +(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwaerts und blickt umher, um zu +sehen, wer da ist. Gloria, die es absichtlich vermeidet, den +Zwillingen irgendein Interesse fuer sie zu zeigen, geht an das Fenster +und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmaedchen, +anstatt sich zurueckzuziehen, schliesst die Tuer und wartet davor.) + +(Frau Clandon.) Na, Kinder!... Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly? + +(Dolly.) Geheilt! Gott sei Dank. Ich hab' ihn mir herausziehen +lassen. (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls. Frau +Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.) + +(Philip mischt sich vom Kamin aus gravitaetisch ins Gespraech:) Und der +Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von groesstem Ruf, wird mit uns +fruehstuecken. + +(Frau Clandon sieht sich aengstlich nach dem Stubenmaedchen um:) Phil! + +(Das Stubenmaedchen.) Verzeihen Sie, gnaedige Frau, ich warte auf den +Herrn Doktor. Ich habe ihm etwas auszurichten. + +(Dolly.) Von wem? + +(Frau Clandon verdriesslich:) Dolly! + +(Dolly fasst ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrueckt einen +kleinen Heiterkeitsausbruch.) + +(Das Stubenmaedchen.) Bloss vom Hausherrn, gnaediges Fraeulein. + +(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut +in der Hand, in bester Laune zurueck, ganz atemlos infolge der Eile, +mit der er sich umgezogen hat. Gloria wendet sich vom Fenster ab und +mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.) + +(Philip.) Erlauben Sie, dass ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine +Mutter, Frau Lanfrey Clandon. + +(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewusst +und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria. (Gloria +verneigt sich mit kalter Wuerde und setzt sich auf das Sofa. Dr. +Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich +verwirrt. Er dreht seinen Hut nervoes zwischen den Fingern und macht +Gloria eine schuechterne Verbeugung.) + +(Frau Clandon.) Ich hoere, dass wir das Vergnuegen haben werden, Sie +heute zum Fruehstueck bei uns zu sehen, Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn +Sie so liebenswuerdig sein wollen--(Zum Stubenmaedchen verdrossen:) Was +ist los? + +(Das Stubenmaedchen.) Der Hausherr wuenscht Sie zu sprechen, bevor Sie +ausgehen, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, dass ich mit vier Patienten beschaeftigt +bin. (Die Clandons sehen ueberrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der +unerschuetterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten +wollte, so wuerde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen. +(Er verlaesst sich darauf, dass sie die Situation begreift.) Sagen Sie +ihm, dass ich zu tun habe, aber dass ich mit ihm zu sprechen wuensche. + +(Das Stubenmaedchen bestaetigend:) Jawohl, Herr Doktor. (Sie gebt ab.) + +(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fuerchte, wir halten Sie auf. + +(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht! Ihre Anwesenheit +wird hier von groesstem Vorteil fuer mich sein. Ich bin naemlich seit +sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen +einzigen Patienten gehabt. Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird +nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschaeftes viel besser +ablaufen. + +(Dolly aergerlich:) O wie graesslich langweilig von Ihnen, das alles +auszuplaudern! Und wir haben gerade eben behauptet, dass Sie ein +hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind. + +(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly! Dolly! wie kannst du so grob sein! +(Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese +Barbaren, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewoehnt.--Waere +es unbescheiden, wenn ich Sie bitten wuerde, fuenf Minuten zu warten, +waehrend ich unten meinen Hausherrn abfertige? + +(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig! + +(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly! + +(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut! (Zu Frau Clandon:) Besten Dank. +Sie sind sehr guetig--ich werde nicht lange ausbleiben. (Waehrend er +abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria. Sie betrachtet ihn +sehr ernst. Er wird sehr verlegen.) Ich--aeh--aeh--ja--ich danke--ich +danke Ihnen... (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu +druecken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.) + +(Philip.) Habt ihr gesehen? (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den +ersten Blick. Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen, +Gloria. + +(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil! Er kann es gehoert +haben! + +(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und +nun gib acht, Mama. (Er nimmt den Schemel, der neben der) + +(Bank steht, und setzt sich majestaetisch in die Mitte des Zimmers, die +vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.) + +(Dolly fuehlt, dass ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht +der Wuerde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut +wichtig und entschlossen drein. Sie geht an das Fenster und lehnt +sich mit dem Ruecken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Haende +hinter sich auf den Tisch legend.) + +(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.) + +(Gloria wird aufmerksam.) + +(Philip streckt sich, legt die Handknoechel symmetrisch auf die Knie +und traegt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin +mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich +nicht, glauben wir nicht, dass du... (er spricht sehr pointiert, mit +Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite +erfasst hast... + +(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... dass wir erwachsen +sind! + +(Frau Clandon.) Wirklich?... In welcher Beziehung habe ich euch Anlass +zu Klagen gegeben? + +(Philip.) Nun, wir fangen an zu fuehlen, dass es gewisse Dinge gibt, +ueber die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen koenntest. + +(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist +ploetzlich fort, und eine merkwuerdig harte, wuerdevolle, aber verbissene, +vornehme, jedoch unerschuetterliche Aufregung, die Art der alten +Vorkaempferin der Frauenbewegung, ueberkommt sie:) Phil, nimm dich in +acht! Vergiss nicht, was ich dich immer gelehrt habe! Es gibt zwei +Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt +sich vorlaeufig nur auf die eine. (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst, +ist auf gegenseitige Achtung gegruendet, auf der Anerkennung des +Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhaengigkeit und +Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist +bedeutsam:) in seinen persoenlichen Angelegenheiten. Und weil du +dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverstaendlich, +dass du es nicht mehr schaetzest;--aber (mit beissender Schaerfe:) es +gibt noch eine andere Art des Familienlebens. Ein Leben, in dem +Ehemaenner die Briefe ihrer Frauen oeffnen und von ihnen Rechenschaft +fuer jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit +verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren +Kindern fordern! Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer +abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht, +Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte +Tyrannen sind und das Dasein eine vulgaere Kette von Strafen und Luegen +bedeutet, von Zwang und Unterdrueckung, Eifersucht, Argwohn und +gegenseitigem Beschuldigen--oh! Ich kann es dir nicht beschreiben: zu +deinem Glueck weisst du nichts davon. (Sie setzt sich und holt Atem. + +(Gloria hat mit glaenzenden Augen zugehoert und teilt den ganzen +Unwillen ihrer Mutter.) + +(Dolly ganz unempfaenglich fuer Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des +zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel ueber Freiheit, passim. + +(Frau Clandon beruehrt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein +Spottwort von ihr besaenftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur +wuesstest, wie froh ich bin, dass dir das alles nur einen Scherz +bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist. (Wendet sich etwas +entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen +Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich +nach den meinigen zu fragen--wie? + +(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklaeren, +dass die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere +Angelegenheit wie die deine ist. + +(Dolly.) Ueberdies kann's nicht gut sein, dass jemand eine Menge Fragen +in seinem Innern verschlossen herumtragen soll. Das hast du getan, +Mama! Aber schau, wie entsetzlich es dafuer aus mir hervorbricht. + +(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr muesst eure Frage stellen. Also tut es. + +(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.) + +(Philip.) Nun aber, Dolly! Soll ich diese Angelegenheit fuehren oder +du? + +(Dolly.) Du. + +(Philip.) Dann halte deinen Mund. (Dolly tut das in des Wortes +buchstaeblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der +Zahnschlosser-- + +(Frau Clandon protestierend:) Phil! + +(Philip.) Zahnarzt ist ein haessliches Wort. Der Mann des Goldes und +des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore +Clandon aus Newbury Hall waeren. Gemaess deinen, in der Abhandlung ueber +das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und +deinen uns wiederholt persoenlich erteilten Ermahnungen, die Zahl +unserer unnoetigen Luegen zu beschraenken, haben wir wahrheitsgetreu +geantwortet, dass wir es nicht wuessten. + +(Dolly.) Das wussten wir auch nicht! + +(Philip.) Sch! Die Folge davon war, dass der Gummiarchitekt bezueglich +der Annahme unserer Einladung grosse Schwierigkeiten machte, obgleich +ich bezweifle, dass er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes +genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner +Menschenkenntnis zu der Ueberzeugung gelangt, dass wir einen Vater +gehabt haben muessen und dass du wahrscheinlich weisst, wer das war. + +(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil! Dein Vater +bedeutet weder etwas fuer dich noch fuer mich. (Heftig:) Das genuegt! +(Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt. Sie machen +lange Gesichter.) + +(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehoert hat, mengt sich ploetzlich +ein. Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser +Vater ist! + +(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria! "Wir?" Wer +ist "wir"? + +(Gloria, entschlossen:) Wir drei. (Ihr Ton ist nicht misszuverstehen, +sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter +feindlich entgegen. Die Zwillinge treten sofort zum Feinde ueber.) + +(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und +ich" zu bedeuten, Gloria. + +(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir +tun dir weh--also lassen wir's sein. Wir dachten nicht, dass es dich +so unangenehm beruehren koennte. Ich will es nicht wissen. + +(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht +so traurig drein, Mama! (Sie blickt aergerlich auf Gloria.) + +(Frau Clandon fuehrt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich +wieder:) Ich danke dir, Liebling. Ich danke dir, Phil. + +(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren, +Mutter! + +(Frau Clandon entruestet:) Ah! Du bestehst also darauf! + +(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren? + +(Dolly.) O Gloria--nicht doch! Das ist unmenschlich! + +(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist? +Du hoerst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter. Ganz +dasselbe ist auch mir widerfahren. + +/* +(Frau Clandon) Was meinst du? +(Dolly) }(alle zusammen:) O erzaehle! +(Philip) Was ist dir passiert? +*/ + +(Gloria.) Oh, nichts von Belang! (Sie wendet sich ab und geht an den +Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Ruecken gegen die +andern, niederlaesst. Da alle erwartungsvoll schweigen, fuegt sie, ueber +die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgueltigkeit hinzu:) An Bord +des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine +Hand anzuhalten. + +(Dolly.) Nein, um meine Hand! + +(Frau Clandon.) Der erste Offizier?... Ist das dein Ernst, +Gloria?--Was hast du ihm geantwortet? (Sich verbessernd:) +Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen. + +(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Maedchen, das nicht +einmal weiss, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht +annehmen. + +(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen? + +(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein. Aber +gesetzt den Fall, ich haette Lust gehabt-- + +(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly? + +(Dolly.) Nein. Ich habe seinen Antrag angenommen. + +/* +(Gloria) Was? +(Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly! +(Philip) Na, ich muss sagen! +*/ + +(Dolly naiv:) Er sah so bloedsinnig aus! + +(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly? + +(Dolly.) Aus Spass wahrscheinlich. Er musste meinem Finger fuer den +Ehering Mass nehmen. Du haettest das auch getan. + +(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das haette ich nicht! Tatsaechlich hat mir +der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm +gesagt, er moege sich derlei Scherze fuer Frauen aufheben, die jung +genug waeren, daran Spass zu haben... Er scheint meinen Rat befolgt zu +haben. (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere, +dass du mich fuer schwach haeltst. Aber ich kann dir nicht sagen, was du +verlangst. Ihr seid alle zu jung. + +(Philip.) Das ist ein ueberraschendes Ausserachtlassen der Prinzipien +des zwanzigsten Jahrhunderts. + +(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und +beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen. +"--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"-- + +(Philip.) Seite eins-- + +(Dolly.) Kapitel eins + +(Philip.) Satz eins. + +(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, dass ihr zu jung +seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr waeret zu jung, um von mir ins +Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle-- +aber es freut mich um euretwillen, dass ihr noch sehr unerfahren seid +und daher auch sehr teilnahmslos. Ich aber habe Erfahrungen gesammelt, +ueber die ich nur mit Leuten sprechen koennte, die durchgemacht haben, +was ich durchgemacht habe. Ich hoffe, dass ihr euch fuer solche +Mitteilungen nie eignen werdet. Aber ich will dafuer sorgen, dass ihr +alles, was ihr wissen moechtet, erfahren sollt.--Genuegt euch das? + +(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly! + +(Dolly:) Wir sind teilnahmslos! + +(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter +auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich +nicht sein. + +(Frau Clandon zaertlich:) Gewiss nicht, mein Herz.--Glaubst du, dass ich +dich nicht verstehe? + +(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter-- + +(Frau Clandon etwas zurueckweichend:) Ja?... + +(Gloria hartnaeckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, dass unser Vater uns +nichts angehe. + +(Frau Clandon zu ploetzlichem Entschluss herausgefordert:) Erinnerst du +dich an deinen Vater? + +(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zaertliche waere:) +Ich weiss es nicht bestimmt... ich glaube. + +(Frau Clandon grimmig:) Du weisst es nicht bestimmt? + +(Gloria.) Nein. + +(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals +geschlagen haette, (Gloria weicht zurueck, Philip und Dolly sind +unangenehm beruehrt; alle drei starren sie empoert an, waehrend sie +schonungslos fortfaehrt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar +bewusst--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens fuer diesen +Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, dass du dich daran erinnern +wuerdest? + +(Gloria stoesst einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh! + +(Frau Clandon:) Das wuerde deine letzte Erinnerung an deinen Vater +gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen haette. Ich +habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern, +indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet. + +(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Haenden. +Da sie jemanden vor der Tuer hoert, wendet sie sich ab und tut so, als +waere sie damit beschaeftigt, die Namen der Buecher im Buecherschrank zu +besehen.) + +(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.) + +(Dr. Valentine kehrt zurueck:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu +lange warten lassen. Mein Hausherr ist wirklich ein aussergewoehnlicher +Kerl! + +(Dolly lebhaft:) Oh, erzaehlen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen +die Zahlungsfrist verlaengert? + +(Frau Clandon ausser sich ueber ihres Kindes Manieren:) Dolly! Dolly! +Liebe Dolly! Gewoehne dir doch das Fragen ab! + +(Dolly verstellt demuetig:) O bitte, verzeihen Sie... Aber Sie werden +es uns erzaehlen--nicht wahr, Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben. Er hat sich an +einer brasilianischen Nuss einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn +zu untersuchen und dann mit ihm zu fruehstuecken. + +(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich +aus; dann wollen wir ihn auch zum Fruehstueck mitnehmen! Sagen Sie dem +Maedchen, sie soll ihn heraufholen. (Sie laeuft zur Glocke und klingelt +energisch. Dann wendet sie sich mit ploetzlichem Bedenken zu Dr. +Valentine und fuegt hinzu:) Ich nehme an, dass er ein angesehener Mann +ist... wirklich angesehen? + +(Dr. Valentine.) Sicherlich! Nicht wie ich. + +(Dolly.) Ganz gewiss? + +(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum +Protestieren ist erschoepft.) + +(Dr. Valentine.) Ganz gewiss! + +(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf! + +(Dr. Valentine blickt zoegernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel wuerde er +entzueckt sein, wenn--wenn-- + +(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich wuerde mich sehr +freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen +koennen. Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um +dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den +ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verliess--nicht gesehen habe. +--Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte? + +(Dr. Valentine.) Gewiss, Frau Clandon. + +(Gloria.) Soll ich mitkommen? + +(Frau Clandon.) Nein, mein Kind. Ich will allein sein. + +(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt. Dr. Valentine oeffnet +ihr die Tuer und folgt ihr.) + +(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm... + +(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha! (Das Stubenmaedchen hat dem +Glockenzeichen Folge geleistet:) Fuehren Sie den alten Herrn herauf. + +(Das Stubenmaedchen verbluefft:) Gnaediges Fraeulein? + +(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen. + +(Philip.) Den Hausherrn! + +(Das Stubenmaedchen.) Herrn McNaughtan? + +(Philip.) Heisst er McNaughtan? + +(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr? + +(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten. + +(Dolly ueber die Schulter zum Stubenmaedchen:) Fuehren Sie Herrn +Gichtknoten herauf. + +(Das Stubenmaedchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnaediges Fraeulein. +(Ab.) + +(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:) +McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan... (Sie setzt sich +nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muss diesen Namen lernen, oder +der Himmel weiss, wie ich ihn nennen werde. + +(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben, +die uns die Mutter eben ueber unsern Vater gemacht hat? + +(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages. Der alte +Chamico pflegte seine Frau und seine Toechter mit einer Pferdepeitsche +durchzubleuen. + +(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese! + +(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Aehnlichkeit, ob +es nun Portugiesen oder Englaender sind, Dolly. Verlass dich auf meine +Menschenkenntnis. (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit +einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.) + +(Gloria mit bekuemmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, dass wir jemals +unser altes Raetselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen +werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem +vielen Geld? + +(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten +Mann, mit dem zaertlichen kummervollen Herzen? Der ist dir nun auch +durch die Binsen gegangen, wie es scheint. + +(Philip.) Es steht ausser Zweifel, dass der alte Herr ein zerplatzter +Aberglauben ist. (Man hoert Dr. Valentine vor der Tuer mit jemandem +sprechen:) Aber still--er kommt! + +(Gloria nervoes:) Wer? + +(Dolly.) Gichtknoten. + +(Philip.) Sch! Aufgepasst! (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.) + +(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein +genugist, dass man ihn zum Fruehstueck einladen kann, nick' ich Dolly zu; +und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein. + +(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurueck. Herr Fergus +McNaughtan ist ein Mann von ungefaehr sechzig Jahren, gross, abgehaertet +und sehnig, mit einem furchtbar hartnaeckigen, uebellaunigen, +habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsuechtigen Stimme. Dabei +ist er ungemein nervoes und empfindlich, was man an seiner duennen, +durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann. +Seine daraus folgende Faehigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein +Temperament und seine Halsstarrigkeit ueber ihn bringen, stark zu +leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in +dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an +Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer +fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemuehung, seine angeboren +unhoeflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit +abzustreifen. Seine kuehn geschweiften Brauen und seine Stirn verraten +deutlich einen befaehigten Menschen; ein Zeichen beschraenkter +Geldmittel oder geschaeftlichen Misskredits ist an ihm nicht +bemerkbar. Er ist gut gekleidet und koennte auf den ersten Blick +fuer den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der +Geschaeftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden. Sein +marineblaue Rock ist nicht nach dem ueblichen modernen Muster; es ist +nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die +grossen Knoepfe und breiten Aufschlaege wuerden besser auf eine +Schiffswerft als in ein Kontor passen. Er hat Gefallen an Dr. +Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschroetigkeit nichts macht +und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, fuer die er Dr. +Valentine heimlich dankbar ist.) + +(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr +McNaughtan--Fraeulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fraeulein +Gloria Clandon. (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervoes. Sie +verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan. + +(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl, +Herr--McNaughtan. + +(McNaughtan.) Ich danke. Aber will nicht das gnaedige Fraeulein da +sitzen--? (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.) + +(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan. Wir wollen gerade gehn. + +(Dr. Valentine weist ihn mit gutmuetiger Entschiedenheit nach dem Stuhl: +) Setzen Sie sich--setzen Sie sich. Sie sind muede. + +(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Aelteste unter den Anwesenden bin, +darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas +gichtischer Gebaerde in den Operationsstuhl setzt. Inzwischen nickt +Philip, der ihn waehrend seines Ganges durch das Zimmer kritisch +studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.) + +(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, dass Herr +Dr. Valentine nicht mit Ihnen fruehstueckt; da wir ihn mithaben wollen. +Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen. + +(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat, +dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnuegen erscheinen. + +/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr fuer... (Dolly) } (hoeflich: +) Es freut uns ausserordentlich, dass... (Philip) Wir sind wirklich +entzueckt, Ihre... */ + +(Die Unterhaltung stockt. Gloria und Dolly blicken erst einander und +dann Dr. Valentine und Philip an. Die beiden Maenner, der Lage nicht +gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind +augenscheinlich dadurch so verwirrt, dass sie wieder zurueckschauen und +den Augen von Gloria und Dolly begegnen. So sucht einer das Auge des +andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total +verlegen. McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor +er beginnt. Das Stillschweigen faengt an, unertraeglich zu werden.) + +(Dolly ploetzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt +sind Sie, Herr McNaughtan? + +(Gloria schnell:) Ich fuerchte, wir muessen eilen, Herr Doktor.--Es +bleibt also dabei, dass wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen. +(Sie geht zur Tuer, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den +Glockenzug.) + +(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei. (Er klingelt:) Vielen Dank. (Er +begleitet Gloria und Philip zur Tuer und geht mit ihnen hinaus.) + +(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen +Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fuenf Schillinge extra, aber +die Sache ist es wert. + +(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet! (Sie ernster betrachtend:) Sie +wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich? Ich bin +siebenundfuenfzig. + +(Dolly mit Ueberzeugung:) Sie sehen auch so alt aus. + +(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall. + +(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an? Ist etwas an mir nicht +in Ordnung? (Sie befuehlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.) + +(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen. + +(Dolly.) An wen? + +(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwuerdige Aehnlichkeit mit meiner +Mutter. + +(Dolly unglaeubig:) Mit Ihrer Mutter?!... Meinen Sie nicht vielleicht +mit Ihrer Tochter? + +(McNaughtan bricht ploetzlich hasserfuellt aus:) Nein--verlassen Sie sich +darauf, dass ich nicht meine Tochter meine! + +(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh? (McNaughtan.) +Nein, nein--es ist nichts. Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von +Zahnschmerzen, Fraeulein Clandon. + +(Dolly.) Heraus damit! "Wurzelnden Gram ausreuten dem +Gedaechtnis"[*]--mit Lachgas, fuenf Schillinge extra. + +[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).] + +(McNaughtan rachsuechtig:) Nein, kein Schmerz. Eine Beleidigung, die +mir einst zugefuegt wurde! Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und +ich will sie nicht vergessen! (Sein Gesicht legt sich in +unversoehnliche Falten.) + +(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht, +dass wir Sie werden leiden moegen, wenn Sie ueber erlittenem Unrecht +brueten. + +(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly +geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan, +aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort! (Er geht mit ihr zur Tuer.) + +(Dolly in einem vollkommen hoerbaren Fluesterton:) Er behauptet, dass er +erst siebenundfuenfzig ist--er haelt mich fuer das Ebenbild seiner +Mutter--er hasst seine Tochter--und... (Sie wird durch die Rueckkehr Dr. +Valentines unterbrochen.) + +(Dr. Valentine.) Fraeulein Clandon ist schon voraus. + +(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei. + +(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zaehne uebrig, dass +er mit uns essen kann. (Sie gehen ab.) + +(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und oeffnet sie.) + +(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor! Das richtige +Fruechtchen der modernen Erziehung! Als ich im Alter dieser jungen +Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Pruegel frisch in der +Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren. + +(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade +gegenueber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester? +(McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr! + +* * * * * + +(Dr. Valentine ueberschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein +Wesen--(Er besinnt sich und fuegt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts +mit dem Geschaeft zu tun. (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte +Schulter und nimmt seinen berufsmaessigen Ton an:) Aufmachen, bitte. + +(McNaughtan oeffnet den Mund.) + +(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zaehne:) +Hm!... Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade! So ein +praechtiges Gebiss zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nuesse auf? +(Er zieht den Spiegel zurueck und tritt vor, um mit McNaugthan zu +sprechen.) + +(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zaehnen Nuesse geknackt--wozu hat +man sie denn? (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zaehne in +gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, dass man sie an Knochen und +Nuessen genuegend abnuetzt und sie taeglich mit Seife putzt--mit +gewoehnlicher Schmierseife! + +(Dr. Valentine.) Seife?... Warum mit Seife? + +(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt, +und seitdem hab' ich's immer getan. Und ich hab' in meinem ganzen +Leben keine Zahnschmerzen gehabt! + +(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft? + +(McNaughtan.) Ich habe gefunden, dass die meisten Dinge, die mir gut +getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit +abzufinden, und man sorgte dafuer, dass ich mich damit abfand. Jetzt +bin ich daran gewoehnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die +Seife wirklich gut ist. + +(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen +sehr sorgfaeltig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan. + +(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden! + +(Dr. Valentine laechelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher? + +(McNaughtan.) Wie meinen Sie das? + +(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zaehne sind gut--ich gebe es zu; aber ich +habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso +gute gesehn. (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde +mit einer andern.) + +(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zaehne an, sondern auf den +Charakter. + +(Dr. Valentine versoehnlich:) Oh! Auf den Charakter--ich verstehe. +(Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!... Der +da wird heraus muessen--er ist nicht mehr zu retten. (Er zieht die +Sonde zurueck und tritt wieder seitwaerts an den Stuhl, um zu plaudern:) +Fuerchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fuehlen; ich werde Ihnen +Lachgas geben. + +(McNaughtan.) Unsinn, Mensch! Ich brauche kein Lachgas! Heraus damit! +Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen +zu ertragen. + +(Dr. Valentine.) Oh! Wenn Sie Schmerzen gern moegen--schoen. Ich werde +Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne fuer den guenstigen Einfluss +auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen. + +(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden +mir sechs Wochen Miete! + +(Dr. Valentine.) Richtig. + +(McNaughtan.) Koennen Sie mich bezahlen? + +(Dr. Valentine.) Nein. + +(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht. +--Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfaehig sein, da Sie nichts +Besseres wissen, als sich ueber Ihre Patienten lustig zu machen? (Er +setzt sich wieder.) + +(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan. Meine Patienten haben +nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet. + +(McNaughtan packt ihn ploetzlich am Arm, waehrend Dr. Valentine sich +wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer fuer sie! Ich sage Ihnen, +Sie verstehen meinen Charakter nicht! Wenn ich all meine Zaehne +entbehren koennte ich wuerde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen +ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tuechtiger, abgehaerteter +Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat. (Er +nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklaerung zu bekraeftigen, und laesst +ihn los.) + +(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stoeren +laesst:) Und Sie wollen noch mehr abgehaertet werden, nicht wahr? + +(McNaughtan.) Ja. + +(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Fuer mich sind Sie als +Hausherr--schon abgehaertet genug. + +(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.) + +(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beilaeufiger Weise, +waehrend er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet, +Herr McNaughtan? Eine Frau und Kinder wuerden Ihnen Ihre Abhaertung +schon ein wenig ausgetrieben haben. + +(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das +an?! + +(Das Stubenmaedchen erscheint an der Tuer.) + +(Dr. Valentine hoeflich:) Bitte, etwas warmes Wasser. (Sie zieht sich +zurueck, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans +Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht. Er setzt die +Unterhaltung fort, waehrend er eine Zange aussucht und sie sich zur +Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie +fragten eben, was zum Teufel mich das angeht... Nun, ich habe vor, +mich selbst zu verheiraten. + +(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natuerlich, Mensch--natuerlich! Wenn +ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in +vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfaendet werden soll, +dann heiratet er. Das habe ich schon oefter beobachtet.--Gut, heiraten +Sie und werden Sie ungluecklich! + +(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon? + +(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle! + +(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan? + +(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefuehl des Unwillens:) Ja--der +Teufel soll sie holen! + +(Dr. Valentine unerschuetterlich:) Hm!... Am Ende sind Sie auch Vater, +nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan? + +(McNaughtan.) Drei Kinder! + +(Dr. Valentine hoeflich:) Der Teufel soll sie holen--was? + +(McNaughtan eifersuechtig:) Nein, Herr: die Kinder gehoeren mir so gut +wie ihr. + +(Das Stubenmaedchen bringt einen Krug heisses Wasser herein.) + +(Dr. Valentine.) Danke. (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an +den Stuhl; dann faehrt er in dem gleichen nachlaessigen Ton fort:) Ich +moechte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan. (Er +giesst etwas warmes Wasser in das Trinkglas.) + +(Das Stubenmaedchen geht hinaus.) + +(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu koennen. Ich bin so +gluecklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden, +solange sie mir nicht in den Weg kommen. + +(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern +die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heissen Wassers.) + +(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu waermen; +ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl. (Dr. Valentine beugt sich +vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu +bringen:) Was ist das fuer ein schweres Ding? + +(Dr. Valentine.) O nichts! Ich setze bloss meinen Fuss darauf, wenn ich +den noetigen Stuetzpunkt fuer einen kraeftigen Zug bekommen will. + +(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.) + +(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der +Zange in Bereitschaft. Er faehrt fort mit herausfordernder +Gleichgueltigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu +verheiraten, Herr McNaughtan? (Er bueckt sich, um die Kurbel an den +Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden +kann.) + +(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und +endlich aufzuhoeren, mich an meine Frau zu erinnern! Vorwaerts, Herr! +(Er klammert sich an lit Stuhllehnen und staehlt sich.) + +(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und +sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, dass ich den Zahn herauskriege, +ohne dass Sie es spueren? + +(McNaughtan.) Um Ihre sechswoechige Miete, mein Junge! Mich foppen Sie +nicht! + +(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel +kraeftig hinauf, so dass der Sessel steigt:) Abgemacht! Sind Sie +bereit? (McNaughtan, der beunruhigt ueber sein ploetzliches +Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt +sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Dr. +Valentine laesst den Ruecken des Stuhles ploetzlich zu einem stumpfen +Winkel hinab.) + +(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, waehrend er +zurueckfaellt:) Au! Nehmen Sie sich in acht, Mensch! Ich bin ganz +wehrlos in dieser La-- + +(Dr. Valentine haelt ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und +erfasst das Mundstueck des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch +wehrloser sein! (Er presst das Mundstueck ueber McNaughtans Mund und +Nase und lehnt sich dabei ueber McNaugthans Brust so zurueck, dass er ihm +Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.) + +(McNaughtan stoesst einen unartikulierten Laut in das Mundstueck aus und +versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenueber glaubt. Nach +einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen +herab. Er ist vollstaendig bewusstlos.) + +(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das +Mundstueck rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und +der Vorbang faellt.) + + + + +ZWEITER AKT + +(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform, +die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus +schweren Stuetzpfeilern eingefasst ist, die wie schwerfaellige Oelkruege +aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.) + +(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschaeftigt ist, auf +einem Fruehstueckstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den +Ruecken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in +der Ecke, befindet sich in der Naehe des Meeres die Flucht von Stufen, +die hinunter zum Strand fuehren. Wenn er vor sich die Terrasse +hinunterblickt, sieht er gegenueber, etwas zu seiner Linken, einen +Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an +einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen +umschwirrte Zuckerdose befindet. Er liest den "Standard" und hat +seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schuetzen, +die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine +roestet. Ihm gegenueber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine +Gartenbank von der gewoehnlichen Strandpromenadenform. Besucher treten +durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man ueber +ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhoehten, +gepflasterten Viereck erheben. Naeher an der Bruestung ist ein geheimer +Weg in die Kueche durch ein kleines Gitterportal maskiert. Der Tisch, +an dem der Kellner sich beschaeftigt, ist sehr lang. Er steht quer +ueber der Terrasse und ist mit fuenf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck +steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stuehle auf jeder +Laengsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite. +Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Buefett eingerichteter Tisch, +von dem aus serviert werden soll.) + +(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch. Ein zarter +alter Mann mit weissen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und +zufrieden, dass in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als +Gemeinheit geruegt fuehlt und Einbildungskraft als Verrat an dem +ueberstroemenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit. Er hat jenen +gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf +hervorragend sind und die, im Bewusstsein der Nichtigkeit des Erfolges, +von Neid unberuehrt bleiben.) + +(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht fuer den Strand gekleidet. +Er traegt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder +steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose. Die vortreffliche +Verfassung und Qualitaet dieser Kleidung, der goldgeraenderte Zwicker, +mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem +Ellbogen ueber der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit +hin. Er ist ungefaehr fuenfzig Jahre alt, glatt rasiert und +kurzgeschoren. Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als +haette er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und waere +entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen. Er hat grosse, weite +Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn, +die er resolut offen traegt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend +beschlossen haette, wahrheitsliebend, grossmuetig, unbestechlich zu +bleiben, es ihm aber niemals gelungen waere, diese geistige Gewoehnung +automatisch und unbewusst zu machen. Trotzdem macht er durchaus keinen +laecherlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwaeche +ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er wuerde dem Anblick nach ueberall +fuer einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschaeftlichen +Faehigkeiten und geschaeftlicher Verantwortung gehalten werden. +Augenblicklich geniesst er das Wetter und das Meer zu sehr, um die +Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen +durchgelesen und ist gegenwaertig auf die Inserate angewiesen, die aber +nicht interessant genug sind, ihn fuer die Dauer zu fesseln.) + + +(Der Herr gaehnt und verzichtet auf die Zeitung als ungeniessbar:) +Kellner! + +(Der Kellner.) Bitte? (Er naehert sich ihm.) + +(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, dass Frau Clandon vor dem +Fruehstueck zurueckkommt? + +(Der Kellner.) Ganz bestimmt. Sie erwartet den Herrn um dreiviertel +auf Eins. (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besaenftigt, sieht +ihn mit einem laessigen Laecheln an. Der Kellner hat eine ruhige, +sanfte, melodische Stimme, die seinen alltaeglichsten Bemerkungen ein +sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem suessesten Anstand, +ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in +irgendeine andere Vulgaritaet zu verfallen. Der Kellner sieht nach der +Uhr und faehrt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht? Erst zwoelf Uhr +dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muss sich der Herr gedulden.-- +Schoener Morgen, nicht wahr? + +(Der Herr.) Ja. Sehr frisch im Vergleich zu London. + +(Der Kellner.) Ja. Das sagen alle unsere Gaeste.--Eine sehr angenehme +Familie, die von Frau Clandon. + +(Der Herr.) Sie moegen sie? (Der Kellner.) Ja. Sie haben ein sehr +unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend. +Namentlich die junge Dame und der junge Herr. + +(Der Herr.) Fraeulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich. + +(Der Kellner.) Jawohl. Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen +Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, dass wir Ihretwegen +in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehoert haben, was fuer ein +vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, dass ich +ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr faehrt auf bei +diesen Worten:) und dass er von mir erwartet, dass ich mich gegen ihn +auch wie ein Vater benehmen werde. (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall: +) Oh, so liebenswuerdig... wirklich, sehr hoeflich und freundlich sind +sie! + +(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater aehnlich sein! (Er lacht ueber +diese Idee.) + +(Der Kellner.) Oh, wir duerfen nicht zu ernst nehmen, was die +Herrschaften sagen. Wenn es wahr waere, so wuerde die junge Dame die +Aehnlichkeit natuerlich auch bemerkt haben. + +(Der Herr.) Hat sie das nicht? + +(Der Kellner.) Nein. Sie fand, ich haette mit der Shakespear-Bueste in +der Stratford-Kirche Aehnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch +"William"--mein richtiger Name ist Walter. (Er wendet sich um, will +nach dem Tisch zurueckgeben und erblickt Frau Clandon, die ueber die +Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon. +(Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr +ist da, der Sie sprechen will, gnaedige Frau. + +(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns fruehstuecken, +William. + +(Der Kellner.) Sehr wohl, gnaedige Frau. Danke schoen, gnaedige Frau. +(Er zieht sich in das Hotel zurueck.) + +(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um, +geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu +geben.) + +(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:) +Erkennen Sie mich nicht? + +(Frau Clandon sieht ihn scharf und unglaeubig an:) Sind Sie Finch +McComas? + +(McComas.) Koennen Sie das nicht raten? (Er schliesst den Schirm, +stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Haenden in den Hueften lustig +vor ihr auf und lasst sich betrachten.) + +(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich! (Sie reicht ihm +die Hand. Der Haendedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer +Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart? + +(McComas komisch feierlich:) Wuerden Sie einen Anwalt mit einem Bart +beschaeftigen? + +(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:) +Ist das Ihr Hut? + +(McComas.) Wuerden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschaeftigen? + +(Frau Clandon.) Ich habe Sie waehrend der ganzen achtzehn Jahre in +Gedanken mit einem Bart und einem grossen, runden Hut vor mir gesehen. +(Sie setzt sich auf die Gartenbank. McComas nimmt seinen Platz wieder +ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen +Gesellschaft? + +(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr. + +(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist! Sie +sind respektabel geworden! + +(McComas.) Und Sie nicht? + +(Frau Clandon.) Nicht im geringsten. + +(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest? + +(Frau Clandon.) Fester denn je. + +(McComas.) Was Sie sagen!... Und sind Sie noch immer bereit, +oeffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts? (Frau Clandon nickt. +) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete +Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermoegen von dem ihres Gatten zu +trennen? (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer +Vorkaempferin fuer die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und +fuer John Stuart Mills Schrift ueber die Freiheit? (Sie nickt.) Lesen +Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot? (Sie nickt dreimal.) +Und verlangen Sie noch immer fuer die Frauen so gut wie fuer die Maenner +den Zutritt zur Universitaet, die Ausuebung aller Gewerbe und das +parlamentarische Wahlrecht? + +(Frau Clandon energisch:) Jawohl. Ich bin nicht um Haares Breite +davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort +fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich +nach England zurueckgefuehrt hat. Ich fuehlte, dass ich kein Recht hatte, +meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch! +--Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist +darauf vorbereitet. + +(McComas.) Ausgezischt?... Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage +koennte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof +heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, dass ich respektabel +geworden bin. Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten +Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und +ich tue nicht so, als ob ich es taete. Ich bekenne, was ich bin: ein +radikaler Philosoph, der fuer Freiheit und fuer die Rechte des +Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt +hat. Werde ich ausgezischt?... Nein! Ich werde nachsichtig +belaechelt, wie ein altmodischer Kauz! Ich bin vollstaendig erledigt, +weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen. + +(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus! + +(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fraeulein +Gloria bis ueber die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen. + +(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, dass der +Sozialismus ein Trugschluss ist! + +(McComas pathetisch:) Dadurch, dass ich es bewies, habe ich alle meine +Schueler verloren, Frau Clandon. Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie +Gloria ihren eigenen Weg gehen. (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch +geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurueckgeblieben! Es +gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen fuer +vorgeschritten gelten wuerden. + +(Frau Clandon spoettisch und nicht ueberzeugt:) Die Kirche vielleicht? + +(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache. Warum haben Sie +mich hierher kommen lassen? + +(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte. + +(McComas mit gutmuetiger Ironie:) Danke! + +(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich moechte, dass Sie den Kindern +alles erklaeren. Sie wissen nichts. Und jetzt, wo wir nach England +zurueckgekehrt sind, ist es unmoeglich, sie noch laenger im unklaren zu +lassen. (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschliessen, es +ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria +unterbrochen. Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestuerzt, im +Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestoerten +Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet. +Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stoesst durch die Heftigkeit +ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe ueber den Haufen.) + +(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama! Der Zahnarzt kommt, +und seinen alten Hausherrn bringt er mit! + +(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht? + +(McComas erhebt sich laechelnd.) + +(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die groesste Enttaeuschung +ausdrueckt:) Der?!... Wo sind die wallenden Locken? + +(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das +poetische Aussehen?! + +(Dolly.) Oh, Herr McComas! Sie haben sich ganz und gar verdorben! +Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?! + +(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der +schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil fuer einen Rechtsanwalt +achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare +schneiden zu lassen. + +(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas. +(Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drueckt sie, mit +einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie +endlich zu sehen. + +(McComas.) Fraeulein Gloria, nicht wahr? (Gloria laechelt zustimmend +und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurueck. Sie tritt hinter +die Gartenbank und neigt sich ueber die Lehne neben Frau Clandon:) Und +dieser junge Herr? + +(Philip.) Ich wurde in einer verhaeltnismaessig prosaischen Laune getauft. +Ich heisse-- + +(Dolly ergaenzt sein Zitat fuer ihn, deklamatorisch:) "Ich heisse Norval, +auf den Grampianhuegeln"... + +(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur +ein Schaefer"--[*] + +[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel +"Douglas" von John Horne (1724-1808).] + +(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so +albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, dass sie in der +tollsten Laune sind. Sie halten jeden Englaender, dem sie begegnen, +fuer einen Witz. + +(Dolly.) Ja, das ist er auch! Wir koennen nichts dafuer! + +(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas; +aber es ist mir unmoeglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen. + +(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip? (Er bietet +ihm die Hand.) + +(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der +junge Philip--das war ich durch viele Jahre. Genau so wie Sie einmal +der junge Finch gewesen sind. (Er schuettelt ihm einmal die Hand; dann +laesst er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es +doch, so auf seine Knabenzeit zurueckzublicken! + +(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)* + +(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen? + +(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns +fruehstuecken. + +(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt? Vergiss nur nicht den alten +Herrn! + +(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind. Wie heisst er? + +(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein. (Zu McComas:) +Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben? + +(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas +hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen +alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich +gerichtet habt, zu beantworten. Er ist sowohl der Freund eures Vaters +als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens +besser erzaehlen, als ich es koennte.--Gloria, bist du nun zufrieden? + +(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr guetig. + +(McComas nervoes:) Durchaus nicht, mein Fraeulein, durchaus nicht. Doch +das kommt ziemlich ploetzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet-- + +(Dolly argwoehnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes +hoeren. + +(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit. + +(Dolly nachdruenklich:) Die nackte Wahrheit! + +(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen, +was ich zu sagen habe? + +(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, dass es das verdient, Herr +McComas. Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu +erwarten. + +(Frau Clandon abwehrend:) Phil-- + +(Philip.) Ja Mutter, schon gut. Entschuldigen Sie, Herr McComas, +stossen Sie sich nicht an uns. + +(Dolly versoehnlich:) Wir meinen es gut. + +(Philip.) Schweigen wir beide! + +(Dolly haelt ihre Lippen fest. McComas nimmt einen Stuhl vom +Fruehstueckstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die +Gartenbank, so dass Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken +zu stehen kommt. Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im +Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen. Die +Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.) + +(McComas.) Hm!--Ihr Vater-- + +(Dolly.) Wie alt ist er? + +(Philip.) Sch! + +(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht +unterbrechen. + +(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke! +(Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfuenfzig Jahre alt. + +(Dolly mit einem Satz, ueberrascht und aufgeregt:) Siebenundfuenfzig?!... +Wo lebt er? + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly! Dolly! + +(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau +Clandon. Die Antwort wird Sie sehr ueberraschen.--Er lebt hier, an +diesem Ort. + +(Frau Clandon erhebt sich sehr boese, setzt sich aber wieder sprachlos +nieder. Gloria beobachtet sie ganz starr.) + +(Dolly mit Ueberzeugung:) Ich wusste es!... Phil--Gichtknoten ist unser +Vater! + +(McComas.) Gichtknoten--?! + +(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiss ich! Er sagte mir, +ich saehe seiner Mutter aehnlich; ich wusste es ja, dass er seine Tochter +meinte. + +(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich moechte Ihre Gefuehle auf jede +moegliche Art beruecksichtigen--aber ich warne Sie! Wenn Sie den langen +Arm des Zufalls derart verlaengern, dass Sie mir einreden wollen, der +hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf +Ihre Auskuenfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen. + +(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf? + +(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gaenzlich +ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater, +oder der Mann meiner Mutter zu sein! + +(McComas.) Oh, wirklich?--So. Dann muss ich Ihnen sagen--ob Sie es nun +gern hoeren oder nicht--: er ist tatsaechlich Ihr Vater und der Vater +Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu? + +(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so boese zu sein! Gichtknoten +ist ja nicht Ihr Vater! + +(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos. Sie finden hier +eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit +geniesst, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines +Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des +Bandes einer frei gewaehlten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen +Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstossen, den wir +nicht kennen.... + +(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann! (Vorwurfsvoll:) Und +Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater fuer uns haetten! + +(McComas aergerlich:) Woher wissen Sie, dass er nicht nett ist? Und +welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu waehlen? (Seine +Stimme erhebend:) Ich muss Ihnen sagen, Fraeulein Clandon, dass Sie zu +jung sind, um-- + +(Dolly unterbricht ihn ploetzlich mit Heftigkeit:) Still! Das hab' ich +ja ganz vergessen... hat er Geld? + +(McComas.) Er hat sehr viel Geld. + +(Dolly entzueckt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil? + +(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell +verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas. + +(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr. Ich bin zu empoert, +zu verletzt dazu. + +(Frau Clandon kaempft mit ihrem Zorn:) Finch, koennen Sie die ganze +Sachlage mit allen Folgen ueberblicken? Wissen Sie, dass meine Kinder +diesen Mann zum Fruehstueck eingeladen haben und dass er in einigen +Augenblicken hier sein wird? (McComas ganz ausser sich:) Was!... +Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es... + +(Philip nachdruecklich:) Ruhig Blut, Finch! Denken Sie darueber langsam +und sorgfaeltig nach.--Er kommt--kommt zum Fruehstueck. + +(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen? Habt ihr darueber +nachgedacht? + +(Frau Clandon.) Finch, Sie muessen es ihm sagen! + +(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen! Schau +doch, was er damit angerichtet hat, dass er es uns gesagt hat! + +(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen. Ich protestiere. + +(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht boese +sein! + +(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden +Augenblick kommen! + +(Gloria stolz:) Ruehr' dich nicht vom Fleck, Mutter. Ich werde mich +auch nicht ruehren. Wir duerfen nicht davonlaufen. + +(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so koennen wir nicht zu +Tisch gehen. Wir kommen gleich wieder. Wir muessen kein Heldentum +posieren. (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm, +Dolly! (Als sie sich der Hoteltuere naehert, kommt ihr der Kellner +daraus entgegen. Er traegt ein Servierbrett, auf dem sich Teller fuer +die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.) + +(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnaedige Frau? + +(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei. Sie werden gleich da sein. (Sie +geht ins Hotel. Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den +Serviertisch.) + +(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas. Die Mitteilung, die Sie +zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt, +nicht wahr? + +(McComas.) Es gehoert sicherlich Takt dazu. + +(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen? + +(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiss, wen du +meinst! William! + +(Philip.) Das ist der Mann! (Rufend:) William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr. + +(McComas entsetzt:) Der Kellner?!... Nein! Nein! Das kann ich nicht +zugeben, ich-- + +(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu +Diensten. + +(McComas setzt sich ausser Fassung. Sein Gesicht wird aschfahl, und +seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos. Er setzt sich total +verdutzt.) + +(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren +Sohn zu betrachten? + +(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiss, junger Herr?--Alles, +womit ich Ihnen dienen kann. + +(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und +schon ist ein Rivale auf der Bildflaeche aufgetaucht. + +(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr? Nun, das war frueher +oder spaeter zu erwarten, nicht wahr? (Er wendet sich mit einem +gluecklichen Laecheln zu McComas:) Sind Sie es, gnaediger Herr? + +(McComas kommt durch seine Entruestung wieder zu Kraeften:) Nein, ganz +gewiss nicht, Gott sei Dank! Meine Kinder wissen, wie sie sich zu +benehmen haben! + +(Philip.) Nein, William, dieser Herr haette nur mein Vater werden +koennen! Um ein Haar waere er's geworden. Er hat um meine Mutter +angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben. + +(McComas beleidigt:) Ich muss doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit-- + +(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden. +--Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt? + +(Der Kellner.) Der schielaeugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen +Knuettel--meinen Sie den? + +(Philip.) Das weiss ich nicht!--Finch, haelt er ein Wirtshaus? + +(McC omas erhebt sich empoert:) Nein, nein, nein! Ihr Vater, Herr, ist +ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Maenner der +Stadt! + +(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie, +gnaediger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Guete! + +(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns fruehstuecken. + +(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr. (Diplomatisch:) Er +fruehstueckt fuer gewoehnlich wohl nicht mit seiner Familie? + +(Philip nachdenklich:) William--er weiss nicht, dass wir seine Familie +sind. Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns +nicht erkennen. (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich +Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner +mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.) + +(Dolly.) Wir wollen, dass Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William! + +(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, dass er's erraet, wenn er Ihre +Mutter sieht, gnaediges Fraeulein? + +(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre +Bewegung ein.) + +(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht! + +(Philip.) Ich auch nicht! (Er verlaesst den Tisch und wendet sich +vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht! + +(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein? + +(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulaenglichkeit ist erschreckend! +--William, Ihr Scharfsinn beschaemt uns alle. + +(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr aehnlich, William! + +(Der Kellner.) Aber nein! Es ist nicht der Rede wert, gnaediges +Fraeulein... ich schaetze mich gluecklich, junger Herr. (Er gebt +bescheiden zum Fruehstueckstisch zurueck und legt die beiden +hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Naehe +der Stufen und das andere so, dass noch ein drittes hinzukommen kann an +der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.) + +(Philip ergreift ploetzlich McComas' Arm und fuehrt ihn gegen das Hotel +zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Haende. + +(McComas.) Ich bin ueberaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon-- + +(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewoehnen. +Komm, Dolly! + +(McComas schuettelt ihn ab und geht ins Hotel. Philip folgt ihm mit +unerschuetterlicher Gemuetsruhe.) + +(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen +um:) Halten Sie Ihre fuenf Sinne beisammen, William--es wird drunter +und drueber gehen! + +(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie koennen sich auf mich verlassen, gnaediges +Fraeulein. + +(Dolly geht ins Hotel.) + +(Dr. Valentine kommt leichten Fusses die Stufen vom Strand herauf, +McNaughtan folgt ihm stoerrisch. Dr. Valentine hat einen Spazierstock, +McNaughtan traegt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen +unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Ueberzieher. Er +bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der +Terrasse stehen, stuetzt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein +bisschen Kraft.) + +(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig. (Er faehrt +sich mit der Hand ueber die Stirn:) Ich habe dieses hoellische Gas noch +immer im Leibe. (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so dass er seine +Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstuetzen und den Kopf in die Haende +stuetzen kann. Er erholt sich bald und beginnt seinen Ueberrock +aufzuknoepfen. Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.) + +(Dr. Valentine.) Kellner! + +(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gaeste:) Zu Befehl? + +(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause? + +(Der Kellner mit einem suessen Laecheln des Willkommens:) Zu dienen, Herr +Doktor, wir erwarten Sie. Dies ist der bestellte Tisch. Frau Clandon +wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben +von ihrem Freunde gesprochen. + +(Dr. Valentine.) Wirklich? + +(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl. Die jungen Herrschaften +sind sehr ausgelassen--eine spasshafte Ader sozusagen, gnaediger Herr. +(Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Ueberrock +abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie... (Er hilft ihm den +Ueberrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr. +(McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene +Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, dass Sie sein +Vater sind, gnaediger Herr. + +(McNaughtan.) Was?! + +(Der Kellner.) Nur ein Spass, Euer Gnaden--sein Lieblingsspass. Gestern +sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, dass Sie kommen +wuerden, gnaediger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, dass Sie +sein Vater waeren--sein lang verlorener Vater. Achtzehn Jahre lang hat +er Sie nicht gesehen--sagt er. + +(McNaughtan verbluefft:) Achtzehn Jahre?... + +(Der Kellner.) Zu Befehl. (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war +seinen Spaessen gewachsen, gnaediger Herr. Ich sah, wie ihm die Idee kam, +als er hier stand und ueber einen neuen Scherz nachdachte, den er sich +mit mir machen koennte.--Ja, gnaediger Herr, das ist so seine Art. Sehr +vergnuegt, liebenswuerdig, sehr frei und sehr umgaenglich--wahrhaftig, +gnaediger Herr! (Veraendert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine, +der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf +ich so frei sein?... (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schoen. + +(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menue.) + +(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und faehrt in seinem +Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen, +obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm ueber den jungen Herrn +gesprochen hatte... Ja, ich versichere Ihnen, Sie wuerden nicht +glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem +Ausflug, wenn die Meerluft sie anblaest, imstande sind! + +(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich? + +(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnaediger Herr. Ein Herr +McComas. (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang, +gluecklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit +diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.) + +(McNaughtan erhebt sich in wuetender Erregung:) McComas! (Ruft:) Dr. +Valentine! (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine! (Dr. Valentine wendet +sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwoerung! Das ist meine +Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib! + +(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen! Ein interessantes +Zusammentreffen. (Er geht wieder daran, das Menue zu studieren.) + +(McNaughtan.) Zusammentreffen?... Es wird nicht stattfinden! Lassen +Sie mich fort! (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Ueberzieher! + +(Der Kellner.) Ja, gnaediger Herr! (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines +Stock vorsichtig an den Fruehstueckstisch, schuettelt den Ueberzieher +behutsam und haelt ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem +jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnaediger Herr? + +(McNaughtan.) Rrrh! (Er haelt inne, im Begriff in die Armel au +schluepfen, und wendet sich mit ploetzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:) +Doktor, Sie sind im Einverstaendnis! Das haben Sie angestiftet! Sie-- + +(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn! (Er wirft das Menue fort, geht um +den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgueltig hinaus.) + +(McNaughtan aergerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel, +Philip und Dolly folgen ihm. Er wankt bei McNaughtans Anblick einen +Moment zurueck.) + +(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnaediger Herr! +Hier kommen sie. (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock +ueber seinen Arm werfend, ins Hotel.) + +(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan +zu, der zurueckweicht und mit den Haenden auf dem Ruecken ihn boese +anstarrt. McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an, +mit der Majestaet eines fleckenlosen Gewissens.) + +(Der Kellner fluestert Philip waehrend seines Abgangs zu:) Ich hab' es +ihm beigebracht, junger Herr. + + +(Philip.) Unschaetzbarer William! (Er tritt vor, an den Tisch.) + +(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen? + +(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnaediges +Fraeulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben. +(Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.) + +(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht: +) Da waeren Sie also, Herr McNaughtan! + +(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz +gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder? + +(Philip mit toedlicher Hoeflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas? + +(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und haelt inne.) + +(Dolly foermlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen. (Sie +kommt nachlaessig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr. +Valentine ein Laecheln und ein Wort des Grusses.) + +(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenueber zu +erfuellen und Ihren Wein zu bestellen. (Er nimmt die Weinkarte vom +Tisch; seine hoefliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose +Gleichgueltigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufaelligen +Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben. Diese +Erkenntnis beruehrt den Vater mit so heftiger Qual, dass er ueber und +ueber zittert. Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn +schweigend an. Dieser ist sich seiner eigenen Gefuehllosigkeit genug +bewusst, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit ausserordentlich +zu freuen. Er faehrt freundlich fort.) Finch, darf ich fuer den alten +respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein +bestellen? + +(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts +Erhitzendes nehmen. (Er wendet sich nach der andern Seite der +Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.) + +(Philip.) Doktor--? + +(Dr. Valentine.) Wuerde Lagerbier zu gemein gefunden werden? + +(Philip.) Wahrscheinlich. Bestellen wir welches. Dolly trinkt es +auch. (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Hoeflichkeit:) Nun, Herr +McNaughtan, was duerfen wir Ihnen bestellen? + +(McNaughtan.) Was soll das heissen, Junge? + +(Philip.) Junge?... (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, dass ich +ein Junge bin? (McNaughtan reisst ihm die Weinkarte grob aus der Hand +und tut unschluessig so, als ob er sie lese. Philip ueberlaesst sie ihm +mit vollendeter Hoeflichkeit.) + +(Dolly ueber McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der +vorletzten Seite. + +(McNaughtan.) Lass mich zufrieden, Kind. + +(Dolly.) Kind?... Nein, nein, das geht nicht! Sie koennen mich +"Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie duerfen nicht "Kind" zu mir +sagen! (Sie haengt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor +McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.) + +(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar +durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha! Das wird +ein--ein nettes Fruehstueck werden! + +(McComas kleinmuetig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht +nett werden sollte. (Er blickt aeusserst truebe drein.) + +(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen. + +(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel. Frau Clandon naehert +sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau +getragenem wuerdigem Benehmen. Sie haelt auf der obersten Stufe inne, +um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria +bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen +Widerwillen.) + +(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor. (Er +laechelt. Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenueber in der +Absicht, ihn mit vollstaendiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber +sein Anblick erschuettert sie. Sie haelt ploetzlich inne und sagt +aengstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus, +du hast dich sehr veraendert. + +(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen! Ein Mann veraendert sich in +achtzehn Jahren. + +(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint. Ich hoffe, +du bist gesund. + +(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glueck, da +steckt die Veraenderung, die du meinst, nicht wahr? (Ploetzlich +ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb +lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an! + +(Philip.) Sch! (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben +erschienen ist:) Still! Haltung vor William! + +(Dolly beruehrt McNaughtans Arm warnend:) Hm! + +(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kuecheneingang, +aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit +weisser Schuerze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschuessel. Der +Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von +Zeit zu Zeit, die Gaenge auftragend, wieder herein. Er tranchiert, +aber er serviert nicht. Der Kellner tritt an das in der Naehe der +Stufen gelegene Ende des Fruehstueckstisches.) + +(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich +glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet... +doch nein, entschuldigen Sie. (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr +Rechtsanwalt McComas. (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem +Hotel zunaechst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte. + +(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan! + +(Der Kellner haelt ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier, +ich bitte. + +(McNaughtan fuegt sich und nimmt Platz.) + +(Der Kellner.) Danke schoen. + +(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist +auf den Stuhl in der Naehe der Balustrade:) neben Gloria. (Dr. +Valentine und Gloria nehmen ihre Plaetze ein, Gloria neben McNaughtan +und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muss ich auf diese +Seite setzen, zwischen Dolly und Phil. Wehren Sie sich, so gut Sie +koennen. (Die drei nehmen die uebriggebliebene Seite des Tisches ein; +Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas +zwischen ihnen. Die Suppe wird aufgetragen.) + +(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe? + +(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein +Tischgebet? + +(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir +zu essen und zu trinken bekommen werden.--William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an +Philips linke Seite; auf dem Wege fluestert er dem Kellnerjungen zu:) +Suppe! + +(Philip.) Zwei kleine Lager fuer uns Kinder, wie gewoehnlich, und ein +grosses fuer diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine grosse +Flasche Apollinaris fuer Herrn McComas. + +(Der Kellner.) Zu dienen. + +(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch? + +(McComas entruestet:) Nein, nein, ich danke! + +(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer fuer meine Mutter und +Fraeulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen +Sie? + +(McNaughtan muerrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich-- + +(Der Kellner honigsuess dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger +Herr. Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt. (Er geht ins Hotel.) + +(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte +Gewohnheit, Wirtshaeuser zu besuchen! + +(Der Koch, dem ein Kellner mit uebereinandergetuermten heissen Tellern +folgt, bringt den Fisch aus der Kueche und beginnt, ihn auf dem +Serviertisch zu zerlegen.) + +(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt. + +(Frau Clandon.) Phil! bedenke gefaelligst, dass deine Scherze Leute, die +nicht daran gewoehnt sind, auf-* zubringen imstande sind und dass dein +Vater heute unser Gast ist. + +(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches! +(Die Suppenteller werden weggenommen.) + +(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr? Aber uns ist +es ebenso peinlich. + +(Philip.) Sch! Wir sind beide taktlos. (Zu McNaughtan:) Wir meinen +es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geuebt in +unseren Rollen als Kinder. (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den +Getraenken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen +wieder her. + +(Der Kellner ermunternd:) Mit groesstem Vergnuegen, junger Herr. (Setzt +die Getraenke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und +Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager, +(zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnaedige +Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr grosses Lager; (zu Gloria:) +vierhundertdreizehn, gnaediges Fraeulein. + +(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie! + +(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd! (Der Fisch wird herumgereicht.) + +(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch, +Familiengemuetlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch +ganz gut. + +(Dolly kritisierend:) Eigentlich...? Warum "eigentlich", Finch? + +(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, dass es trotz eures Vaters +Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr +McComas? + +(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich" +gesagt, um den Satz abzurunden. Ich--ich-- + +(Der Kellner taktvoll:) Turbot? + +(McComas ueberaus dankbar fuer die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte. + +(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte. (Er geht an den Serviertisch +zurueck.) + +(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes +gedacht? + +(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl? + +(Philip.) Was glauben Sie: wie lange muesste ich in die Lehre gehen, um +ein wirklich tuechtiger Kellner zu werden? + +(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr. Das liegt +im Charakter. (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen +scheint:) Brot fuer das gnaedige Fraeulein?... Hier, bitte. (Er reicht +Gloria Brot und faehrt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige +sind dazu geboren, junger Herr! + +(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was? + +(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. O ja. (Zu Gloria, seine Stimme +wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnaediges Fraeulein? Sie duerften +sich nicht viel aus Braten machen zum Fruehstueck. + +(Gloria.) Nein, ich danke. (Die Fischteller werden weggenommen.) + +(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William? + +(Der Kellner bedient Gloria mit Gefluegel:) O nein, gnaediges Fraeulein. +Dafuer ist er zu heftig. Er ist vor den Schranken taetig. + +(McComas goennerhaft:) Schenkkellner--was? + +(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an +eine durch die Zeit gelinderte Enttaeuschung erinnerte:) Nein, gnaediger +Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken. Ihr Gewerbe, Herr +Rechtsanwalt. Koeniglicher Anwalt. + +(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie. + +(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnaediger Herr. Ein sehr +begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewuenscht, es waere ein +Schenkkellner aus ihm geworden! Dann haette er mir nicht halb so lange +auf der Tasche gelegen. (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas +zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor. + +(Faehrt wieder fort:) Ja, ich musste ihn bis zu seinem +siebenunddreissigsten Jahr erhalten. Aber jetzt geht es ihm gut--recht +zufriedenstellend, wirklich! Er plaidiert nicht unter fuenfzig Guineen. + +(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie! + +(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloss Erziehung, +gnaediger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium, +gnaediger Herr. (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und +sie fluestert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnaediges +Fraeulein? Sofort! (Zu McComas:) Fuer ihn war es ein Glueck, er hatte +nie Lust zu wirklicher Arbeit. (Er geht ins Hotel und laesst die +Gesellschaft etwas uebermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes +zurueck.) + +(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen +Befehl zu erteilen? + +(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht uebel, dass ich ihn um +Ingwerbier geschickt habe. + +(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein +Geschaeft! Wenn ihr ihn behandelt haettet, wie ein Kellner behandelt +werden soll, so wuerde er geschwiegen haben. + +(Dolly.) Das waere jammerschade gewesen! Vielleicht gibt er uns eine +Empfehlung an seinen Sohn, der koennte uns doch in die Londoner +Gesellschaft einfuehren. + +(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.) + +(McNaughtan brummt wuetend:) Londoner Gesellschaft,... Londoner +Gesellschaft!... Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind! + +(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn +Sie glauben-- + +(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnaediges Fraeulein. + +(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug +wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William. Sie +sind gerade im rechten Augenblick gekommen. (Sie trinkt.) + +(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in +leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, dass ich das Thema +wechsle, Fraeulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras? + +(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion. Ich habe nie +danach gefragt. + +(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft +nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die +Herrschaften muessen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das +auch in England, William? + +(Der Kellner.) Fuer gewoehnlich nicht, gnaediges Fraeulein. Vielleicht in +einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehoert. (Er +faengt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die +Salatschuessel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnaedige Frau?--Ja, +ja, ich habe welchen fuer Sie. (Zu seinem jungen Kollegen, ihn +anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herueber, Joe. (Er nimmt eine +Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons +Teller. Waehrend er das tut, bemerkt er, dass Dolly ein saures Gesicht +macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtuemlicherweise hineingekommen, +gnaediges Fraeulein. (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie. +(Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe! +(nimmt das fruehere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der +anglikanischen Kirche, gnaediges Fraeulein. + +(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche? Wie hoch ist der +Jahresbeitrag? + +(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empoert auf:) Sie sehen, +wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es... Sie hoeren +es! Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverstaendlich und ist +im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen +zu beruecksichtigen, als der Kellner ihm ruecksichtsvoll den Teller +fortnimmt.) + +(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus. Es ist gar kein Anlass zu +diesem Auftritt. Du musst bedenken, dass Dolly hier wie eine +Auslaenderin ist.--Bitte, setze dich! + +(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch +an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhoeren muss. Ich bin +wirklich im Zweifel. + +(Der Kellner.) Kaese, gnaediger Herr?... Oder wuenschen Sie eine kalte +suesse Speise? + +(McNaughtan verwirrt:) Was?... O Kaese--Kaese! + +(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William. + +(Der Kellner.) Hier, gnaediges Fraeulein. (Er nimmt eine +Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die +eine auswaehlt und sich zu rauchen anschickt. Dann gebt er an den +Serviertisch zurueck, um Wachshoelzer zu holen.) + +(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!... + +(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fuerchte, +ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand +rauchen. (Sie verlaesst ploetzlich den Tisch und laeuft aergerlich die +Stufen hinunter. Der Kellner will ihr die Wachshoelzer geben, aber sie +ist fort, bevor er sie erreichen kann.) + +(McNaughtan wuetend:) Margarete, rufe das Maedel zurueck!... rufe sie +zurueck, sag' ich! + +(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen +Sie sich nichts daraus! Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter +nichts. + +(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch. (Sie +erhebt sich. Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr, +Sie entschuldigen mich? Ich fuerchte, Dolly ist ueber diesen Vorfall +ganz ausser sich, ich muss zu ihr gehen. + +(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?! + +(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so +lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind? (Sie geht auf die Stufen +zu. McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Hass; die uebrigen +beobachten sie in verlegenem Schweigen und fuehlen sich von dem +Zwischenfall sehr peinlich beruehrt.) + +(Der Kellner haelt Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr +eine Schachtel Wachsboelzer an:) Die junge Dame hat die Streichhoelzer +vergessen, gnaedige Frau. Wenn Sie so guetig sein wollten, gnaedige +Frau-- + +(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner suessen und ermunternden +Stimme ueberrascht, den Ton dankbarer Hoeflichkeit an:) Ich danke Ihnen +sehr. (Sie nimmt die Wachshoelzer und geht hinab an den Strand.) + +(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Kuechentuer mit sich ins +Hotel und ueberlaesst die Gesellschaft sich selbst.) + +(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurueckwerfend:) Eine Mutter nach +Ihrem Geschmack, McComas! Eine Mutter nach Ihrem Geschmack! + +(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter! + +(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was? + +(Dr. Valentine erhebt sich entruestet und wendet sich zu Gloria:) +Fraeulein Clandon, ich-- + +(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Maedchen heisst McNaughtan, Herr +Doktor--nicht Clandon! Wollen Sie sich meiner Familie in den +Beleidigungen meiner Person anschliessen? + +(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin ausser mir, Fraeulein +Clandon! Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin fuer +ihn verantwortlich, und ich schaeme mich fuer ihn! + +(McNaughtan.) Was meinen Sie damit? + +(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich +fuerchte, wir sind alle ein bisschen kindisch gewesen; unsere +Zusammenkunft ist missglueckt. Wir wollen sie abbrechen und Schluss +machen. (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen +zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fuegt sie mit nachlaessiger Ruhe +hinzu:) Adieu, Vater. (Sie geht die Stufen mit kalter, verdriesslicher +Gleichgueltigkeit hinab.) + +(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rueckkehr des Kellners +nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein +paar Schals, Sonnenschirmen und einem weissen Leinensonnenschirm und +einigen Feldstuehlen beladen, aus dem Hotel kommt.) + +(McNaughtan fuer sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck +nachblickend:) Vater--Vater!... (Er schlaegt mit der Faust heftig auf +den Tisch:) Jetzt-- + +(Der Kellner den Ueberzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre, +gnaediger Herr. + +(McNaughtan starrt ihn an, reisst dann den Ueberzieher grob an sich und +geht laengs der Terrasse gegen die Gartenbank zu. Er kaempft mit seinem +Rock bei seinen aergerlichen Bemuehungen, ihn anzuziehen. McComas +erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe. Dann nimmt er seinen Hut und +Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu. +Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveraenderter +Suessigkeit fuer die Abnahme des Ueberziehers gedankt hat, etwas von +seiner Last Philip an.) + +(Der Kellner.) Die Sonnenschirme fuer die Damen, junger Herr.--Das Meer +blendet heute stark, das ist sehr schaedlich fuer den Teint... Ich +werde die Strandstuehle selbst hinuntertragen. + +(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste +Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben +Sie mir die Strandstuehle. (Er nimmt sie.) + +[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.] + +(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu guetig, junger Herr. + +(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir. (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie! +(Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.) + +(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen. +.. einen von diesen. (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.) + +(Der Kellner diskret:) Der gehoert der juengeren Dame, Herr Doktor. (Dr. +Valentine ueberlaesst ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so +glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen. (Er legt den +Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren +Fracktasche ein Buch. Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blaettern +als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die aeltere junge +Dame jetzt gerade liest. (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke +schoen. Schopenhauer, wie Sie sehen. (Er nimmt die Sonnenschirme +wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was +die Damen betrifft. (Er geht die Stufen hinab.) + +(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an +McNaughtan und aendert seinen Entschluss. Er geht ziemlich aufgeregt zu +McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schaemen Sie sich denn gar +nicht? + +(Mc Naugthan streitsuechtig:) Mich schaemen?... Weshalb? + +(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Baer!... Was +wird Ihre Tochter von mir denken, dass ich Sie hergebracht habe? + +(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darueber nachzusinnen, +was meine Tochter von Ihnen denkt. + +(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht! Sie sind ein +krankhafter Egoist! + +(McNaughtan tiefbekuemmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein +Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser +Generation?... Muss ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten +Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu +hoeren!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!... +platze zufaellig in das Fruehstueck herein--heisse Herr McNaughtan!... +Was fuer ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?... Ich +bin ihr Vater--leugnen sie es?... Ich bin ein Mann mit allgemein +menschlichen Gefuehlen!... Habe ich keine Rechte, keine Ansprueche?... +Was fuer Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?... Diener, +Angestellte, Geschaeftsfreunde!... Aber ich habe ihre Achtung +genossen--ja ihre Guete!... Wuerde einer von diesen Leuten so mit mir +gesprochen haben, wie dieses Maedchen?... Wuerde einer von denen ueber +mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit ueber mich gelacht +hat? (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan! Meine-- + +(Dr. Valentine.) Aber, aber!... Es sind ja nur Kinder! Das einzige +von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt. + +(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu! O ja! Dies Kind hat sich an +mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoss. + +(Dr. Valentine nimmt das sehr uebel auf:) Hoeren Sie, McNaughtan, lassen +Sie die in Ruh! Sie hat Sie sehr gut behandelt. Ich habe eine viel +schlimmere Stunde beim Fruehstueck zugebracht als Sie. + +(McNaughtan.) Sie?... + +(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich! Ich habe neben +ihr gesessen und habe waehrend der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort +mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und +nicht ein Wort hat sie fuer mich gehabt! + +(McNaughtan.) Nun? + +(Dr. Valentine.) Nun... nun?... (Spricht sehr ernst und immer +schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?. +.. Sie glauben doch nicht, dass ich die Gewohnheit habe, meinen +Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe? + +(McNaughtan.) Hoffentlich nicht. + +(Dr. Valentine.) Der Grund ist, dass ich entweder voellig verrueckt bin, +oder vielmehr frueher nie wirklich im Besitze meines gesunden +Menschenverstandes gewesen bin. Jetzt bin ich zu allem faehig--ich bin +endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es, +die einen Mann aus mir gemacht hat! + +(McNaughtan unglaeubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt? + +(Dr. Valentine, seine Worte ergiessen sich nun in einem wahren Strom +von seinen Lippen:) Verliebt?... Unsinn!... Es ist viel mehr und +viel hoeher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewissheit, +Paradies... + +(McNaughtan unterbricht ihn mit beissendem Hohn:) Unsinn, Mensch! Was +haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?... Sie koennen sie nicht +heiraten. + +(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?... Ich will ihre Haende +kuessen, ich will zu ihren Fuessen knien, ich will fuer sie leben, ich +will fuer sie sterben... und das soll mir genuegen! Sehen Sie ihr Buch +an--sehen Sie! (Er kuesst das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes +Geld anboeten fuer diese Gegenstaende, die mir als Ausrede dienen, an den +Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich wuerde +Ihnen nur ins Gesicht lachen. (Er geht uebermuetig gegen die Stufen zu, +wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme laeuft. +Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich +gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.) + +(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte! + +(Dr. Valentine ueber seine eigene Heftigkeit unangenehm beruehrt:) +Entschuldigen Sie! + +(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte. Das ist ganz natuerlich in +Ihrem Alter.--Das gnaedige Fraeulein hat mich um ihr Buch +heraufgeschickt; duerfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort +zu bringen? + +(Dr. Valentine.) Mit Vergnuegen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit +der sechswoechentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken... (Er +bietet ihm Dollys Fuenf-Schilling-Stueck an.) + +(Der Kellner, als ob diese Summe seine hoechsten Erwartungen uebertraefe: +) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank! + +(Dr. Valentine stuerzt die Stufen hinunter.) Ein sehr uebermuetiger +junger Mann, sehr maennlich und gut gewachsen! + +(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell +ein Vermoegen machen--zweifellos! Ich weiss, wieviel seine +sechswoechentlichen Einnahmen betragen. (Er geht ueber die Terrasse an +den eisernen Tisch und setzt sich.) + +(Der Kellner philosophisch:) Ja, gnaediger Herr, man kann nie wissen... +Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie guetigst verzeihen wollen, dass ich +so ein Ding habe. (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart +fuehlenden Kellner zurueckgedraengt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht, +dass Sie Ihr Getraenk noch nicht beruehrt hatten, als die Gesellschaft +aufbrach. (Er nimmt das Glas vom Fruehstueckstisch und setzt es vor +McNaughtan hin.) Ja, gnaediger Herr--man kann nie wissen... Sehen Sie +nur meinen Sohn: wer haette je gedacht, dass er es dahin bringen wuerde, +einen seidenen Talar zu tragen als koeniglicher Anwalt? Und dennoch +verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozess, +gnaediger Herr. Was fuer eine Lehre! + +(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiss, was er +Ihnen schuldet. + +(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in +Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen. (Mit einem zweiten +seiner unwiderstehlichen Uebergaenge:) Ein Stueckchen Zucker wird, ohne +den Trank merklich zu suessen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen. +Erlauben Sie, gnaediger Herr. (Er wirft ein Stueckchen Zucker in das +Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schliesslich der +Unterschied? Ich muss einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was +ich bin, und er muss eine Peruecke und einen Talar anlegen, wenn er +zeigen will, was er ist. Wenn mein Einkommen vorwiegend aus +Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muss, als ob ich nicht darauf +aus waere, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebuehren, und auch +er muss, wie ich wohl verstehe, so tun, als waere er nicht darauf aus. +--Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Beruehrung mit allen +moeglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch. Wenn +es fuer einen Advokaten nicht guenstig ist, der Sohn eines Kellners zu +sein, so ist es auch fuer einen Kellner nicht guenstig, der Vater eines +Advokaten zu sein. Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin +eine grosse Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas +besorgen, gnaediger Herr? + +(McNaughtan.) Nein, danke. (Gedemuetigt und bitter:) Ich hoffe, man +wird nichts dagegen einzuwenden haben, dass ich hier noch eine Weile +sitzen bleibe. Hier stoer' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am +Strande. + +(Der Kellner geruehrt:) Es ist sehr guetig von Ihnen, gnaediger Herr, dass +Sie tun, als ob Sie nicht wuessten, dass Ihre Anwesenheit hier eine +Auszeichnung und eine Ehre fuer uns alle ist... wirklich sehr guetig! +--Je mehr Sie sich hier zu Hause fuehlen, desto gluecklicher werden wir +sein. + +(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause! + +(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnaediger Herr, das ist auch +Ansichtssache. Ich behaupte immer, der grosse Vorzug eines Hotels +besteht darin, dass es Schutz bietet vor dem Familienleben. + +(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt. + +(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiss Gott! Immer +geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr? (Er schuettelt +den Kopf:) Man kann nie wissen, gnaediger Herr--man kann nie wissen! +(Er geht ins Hotel.) + +(McNaughtan stuetzt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den +hartblickenden Augen in die Haende:) Familie--Familie! (Er legt seine +Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden +kommen hoert, setzt er sich wieder kerzengerade auf. Es ist Gloria, +die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in +Haenden. McNaughtan sieht sie trotzig an. Die brutale Hartnaeckigkeit +seines Mundes und die sehnsuechtigen Augen stehen zueinander in +pathetischem Widerspruch. Sie geht an das eine Ende der Gartenbank +und lehnt sich mit dem Ruecken dagegen und sieht auf McNaughtan herab, +wie erstaunt ueber seine Schwaeche. Sie ist zu neugierig auf ihn, um +kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhaeltniss ist ihr hoechst +gleichgueltig:) Nun?... + +(Gloria.) Ich moechte Sie einen Augenblick sprechen. + +(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich? Das ist ueberraschend! Du +begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den +Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist ruehrend-- +wahrhaftig! (Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestuetzt, und +blickt, in duesteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)* + +(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so +unberechtigt. Was fuer Gefuehle haben Sie von uns erwartet? Was sollen +wir fuer Sie tun? Warum sind Sie gegen uns weniger hoeflich als andere +Leute?... Sie koennen uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum +sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen +koennen, ohne zu streiten. + +(McNaughtan, ueber dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht: +) Machst du dir klar, dass ich dein Vater bin? + +(Gloria.) Vollkommen. + +(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebuehrt? + +(Gloria.) Zum Beispiel--? + +(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekaempfen haette:) +Zum Beispiel--... zum Beispiel--?... +Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam! + +(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell +und stolz gegenueber:) Ich gehorche nur meinem Sinn fuer das Rechte; ich +achte nichts, was nicht edel ist! Das ist meine Pflicht. (Sie fuegt +weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner +Macht--ich glaube nicht, dass ich genau weiss, was Liebe eigentlich ist. +(Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab +und geht an den Fruehstueckstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie +ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.) + +(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst? + +(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das +ist eine unhoefliche Frage. Ich spreche ernst mit Ihnen und ich +erwarte auch, dass Sie mich ernst nehmen. (Sie nimmt einen der Stuehle, +wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas muede nieder.) Koennen +Sie diese Dinge nicht kuehl und vernuenftig besprechen? + +(McNaughtan.) Kuehl und vernuenftig?... Nein, das kann ich nicht! +Verstehst du? Das kann ich nicht! + +(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen. Ich habe +keine Sympathie fuer-- + +(McNaughtan faehrt nervoes zusammen:) Halt, sprich nicht weiter! Du +weisst nicht, was du tust! Willst du mich toll machen? (Sie runzelt +die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unertraeglich. Er setzt +rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht! Warte, +warte--lass mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen. (Er steht einen +Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Haende in seiner +Aufregung. Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Fruehstueckstisches und +setzt sich neben Gloria. Mit einer ruehrenden Anstrengung, sanft und +geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit. +Jedenfalls will ich es versuchen. + +(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende +denkt. + +(McNaughtan mit ploetzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht! Denke +nichts--ich will, du sollst fuehlen! Das ist das einzige, was uns +helfen kann. Hoere! Weisst du--aber vor allem--ich vergass: wie heisst +du eigentlich? Ich meine deinen Kosenamen. Sie koennen dich nicht gut +Sophronia nennen. + +(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria. +Ich werde immer so genannt. + +(McNaughtan, dessen Zorn zurueckkehrt:) Dein Name ist Sophronia, +Maedchen! Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia +getauft! Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin +geschenkt. + +(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben. + +(McNaughtan aergerlich:) Sie hatte kein Recht dazu! Ich werde das +nicht zugeben! + +(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu +geben. Ich kenne sie nicht einmal. + +(McNaughtan.) Unsinn! Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine +Grenzen! Ich will das nicht haben--verstehst du? + +(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem +zaenkischen Ton fortzufahren? + +(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich! Willst du? +(Sie sieht ihn an und laesst ihn in Ungewissheit. Er zwingt sich, den +verhassten Namen auszusprechen:) Gloria! + +(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen +Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch, +dir zu zeigen, dass ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind. (Die +Zaertlichkeit ist so klaeglich unbeholfen, dass Gloria gegen ihren Willen +laechelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Hoere mich +an. Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner +nicht? Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm, +aber du konntest schon alles recht gut verstehen. Kannst du dich +wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder-- +(schuechtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest? Besinnst du +dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine +kleinen Schiffe ansehn durftest, die du fuer Spielzeug hieltest? (Er +sieht ihr aengstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner +Antwort. Dann faehrt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:) +Auf jemanden, der dich tun liess, was du nur wolltest, und dir nie ein +boeses Wort gab, dir hoechstens sagte, du solltest still sein und nicht +sprechen? Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand +gewesen ist--der dein Vater war! + +(Gloria ungeruehrt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern, +dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, dass ich mich daran +erinnere. Aber tatsaechlich erinnere ich mich an gar nichts. + +(McNaughtan sehnsuechtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzaehlt? + +(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenueber nie erwaehnt. (Er stoehnt +unwillkuerlich auf. Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und +faehrt fort:) Doch! Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an +etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte. + +(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was? + +(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten, +um mich zu schlagen. + +(McNaughtan mit den Zaehnen knirschend:) Oh! Das aufzutischen, um dich +mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest! (Mit pfeifendem, +schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr! + +(Gloria aufspringend:) Sie Elender! (Mit heftigem Nachdruck:) Sie +Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen! + +(McNaughtan.) Hoer' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen! Ich bin +dein Vater! + +(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse! Wie ich das Wort "Mutter" liebe! +Es waere besser, Sie gingen. + +(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich toeten! +Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.) + +(Gloria gebt zur Balustrade; kuehl und nicht verlegen um ein +Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine! + +(Valentine antwortet von unten:) Bitte! + +(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf! Herr McNaughtan +braucht Sie. (Sie geht an den Tisch zurueck und schenkt ein Glas +Wasser ein.) + +(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! lass mich in Ruhe! +Ich brauche ihn nicht. Ich fuehle mich vollkommen wohl! Ich brauche +seine Hilfe nicht und deine auch nicht! (Er erhebt sich und rafft +sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe. (Er +setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort? + +(Gloria.) Ich hoffe. (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt +grimmig, als wenn er damit einverstanden waere, und geht ins Hotel. +Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet. Dann +macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine, +der die Stufen heraufgelaufen kommt.) + +(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los? (Er siebt sich um:) Wo ist +McNaughtan? + +(Gloria.) Fort. (Dr. Valentines Gesicht drueckt ploetzliche Freude, +Furcht und Durchtriebenheit aus. Er hat eben bemerkt, dass er mit +Gloria allein ist. Sie faehrt gleichgueltig fort:) Ich glaubte, er +fuehle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt. Er wollte +nicht auf Sie warten--es tut mir leid. (Sie geht ihr Buch und den +Sonnenschlrm holen.) + +(Dr. Valentine.) Um so besser! Er geht mir ohnedies auf die Nerven +nach einer Weile. (Tut so, als ob er sich vergaesse:) Wie kommt dieser +Mann nur zu so einer wundervollen Tochter? + +(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit hoeflicher, +aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem +Kompliment zu sein. Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu +machen, Doktor, dass Komplimente eine sehr oede Unterhaltung abgeben. +Bitte, lassen Sie uns auf eine vernuenftige und gesunde Weise Freunde +sein, falls wir Freunde werden sollen. Ich habe nicht die Absicht, +mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen +wollen, so waere vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht +fortzusetzen. + +(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe. Gestatten Sie mir nur eine +einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche +Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich +persoenlich zu heiraten? + +(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um ueber Ihre +persoenlichen Vorzuege irgendeine Meinung zu haben. (Sie wendet sich +mit unendlicher Gleichgueltigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem +Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe +nicht fuer solche, die irgendein Weib annehmen koennte, das sich selbst +achtet. + +(Dr. Valentine schlaegt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um, +als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annaehme und von ihren +Grundsaetzen entzueckt und beruhigt waere:) Oh, da haben wir denn schon +einen Punkt gemeinsamer Sympathie! Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die +heutigen Eheeinrichtungen sind hoechst ungerecht. (Er nimmt seinen Hut +ab und wirft ihn froehlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich fuer mein +Teil moechte all diesen Unsinn loswerden. (Er setzt sich so unbefangen +neben sie, dass sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und +fuehrt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich, +dass ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um +verdaechtigt zu werden, dass sie Heiratsabsichten haben? Als ob es +keine andern Interessen gaebe--keine andern Unterhaltungsmoeglichkeiten-- +als wenn die Frauen zu nichts Besserem faehig waeren! + +(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und +vernuenftig zu sprechen, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen ueber den Erfolg +seiner Jaegerlist:) Selbstverstaendlich! Zwei intelligente Menschen wie +wir...! Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen +gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden +zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklaerten, hellen +Geist? + +(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu +begegnen. + +(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm... Es gibt eine Menge Menschen in +England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsuechtige +Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira. + +(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfuellt:) Oh, in Madeira sind +alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale +Geschoepfe! Ich hasse Schwaeche; und ich hasse Sentimentalitaet! + +(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern koennen! + +(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern? + +(Dr. Valentine.) Ja. Staerke ist ansteckend. + +(Gloria.) Schwaeche ist es--das weiss ich. + +(Dr. Valentine mit Ueberzeugung:) Sie sind stark! Wissen Sie, dass Sie +mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben? Ich war schwermuetig +und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte +mich ueber die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet! (Ihre +Stirn bewoelkt sich ein wenig. Er faehrt rasch fort:) Das war natuerlich +albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir! Erklaeren +Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zoegert und sucht nach +einem genuegend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt, +meine Muskeln spannten sich, mein Geist klaerte sich, mein Mut wuchs. +--Das ist sonderbar, nicht wahr? Wenn man bedenkt, dass ich durchaus +kein sentimentaler Mensch bin. + +(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurueck an den Strand. + +(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, duester:) Wie? Sie haben das auch? + +(Gloria.) Was? + +(Dr. Valentine.) Angst. + +(Gloria.) Angst?... + +(Dr. Valentine.) Ja, dass irgend etwas geschehen koennte. Es kam +ploetzlich ueber mich, gerade ehe Sie vorschlugen, dass wir weglaufen +sollten zu den andern. + +(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar! Ich hatte +dasselbe Gefuehl. + +(Dr. Valentine.) Wie merkwuerdig! (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir +fliehen? + +(Gloria.) Fliehen?... O nein, das waere kindisch! (Sie setzt sich +wieder. Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster +Sympathie. Nachdenklich und etwas verwirrt fuegt sie hinzu:) Ich wuesste +aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklaerung fuer solche +gelegentlichen Einbildungen. + +(Dr. Valentine.) Ja, die moechte ich zuweilen auch gern wissen. Es ist +ein merkwuerdig hilfloses Gefuehl--nicht wahr? + +(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?... + +(Dr. Valentine.) Ja. Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns +jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehoeren und zu tun, was wir fuer +richtig und vernuenftig halten--ploetzlich ihre grosse Hand erhoebe und +uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern +Willen, auf ihre eigene Weise fuer ihre eigenen Zwecke dienstbar zu +machen? + +(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch? + +(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Uebergang zu einem Ton +aeusserster Sorglosigkeit:) Das weiss ich nicht--ich frage nicht danach! +(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fraeulein Clandon--Fraeulein Clandon--wie +konnten Sie nur! + +(Gloria.) Was hab' ich getan? + +(Dr. Valentine.) Diese Verzueckung in meine Seele schleudern!--Ich +bemuehe mich aufrichtig, vernuenftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie +immer Sie mich wuenschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit +Sie meine Phantasie erfuellt haben?! + +(Gloria mit empoerter verachtungsvoller Haerte:) Ich hoffe, dass Sie +nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von... "Liebe" zu +sprechen! + +(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwaeche in Abrede zu +stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe! Wir sind zu gescheit, an so +was zu denken! Wir wollen es Chemie nennen! Sie koennen nicht leugnen, +dass es so etwas wie eine chemische Taetigkeit, eine chemische +Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt. Sie ist die +unwiderstehlichste aller Naturkraefte... Nun, Sie ziehen mich +unwiderstehlich an--chemisch. + +(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn! + +(Dr. Valentine.) Natuerlich ist das Unsinn, dummes Maedel! (Gloria +weicht mit empoerter Ueberraschung zurueck.) Ja, ein dummes Maedel sind +Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache! Sie sind ein +eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister! Das sind Sie! (Er +erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--fuer immer! +(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.) + +(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer +Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie +wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im +geringsten beleidigt. (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.) +Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler +aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde +mich so ungeheuerlich missverstehen wie Sie! Ich habe viele +Fehler--sehr grosse Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist +es das, was Sie einen Philister nennen. + +(Sie presst ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und +herausfordernd an, waehrend sie gefasster ist denn je.) + +(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurueck, um Gloria mit +mehr Nachdruck gegenueber zutreten:) O doch, das sind Sie! Mein +Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung +sagt es mir. + +(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, dass +Ihr Verstand und Ihr Gefuehl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar +sind--ich hoffe es wenigstens. + +(Dr. Valentine.) Ich muss diesen aber glauben. Es sei denn, Sie +wollten, dass ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und +meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle ueber Ihre Person die +ungeheuerlichsten Luegen erzaehlen. + +(Gloria, deren Fassung anfaengt nachzulassen:) Luegen?... + +(Dr. Valentine hartnaeckig:) Ja, Luegen. (Er setzt sich wieder neben +sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, dass Sie das schoenste Weib der +Erde sind? Erwarten Sie das von mir? + +(Gloria.) Das ist laecherlich und etwas persoenlich noch dazu. + +(Dr. Valentine.) Natuerlich ist es laecherlich!--Aber es ist das, was mir +meine Augen sagen. (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen +Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch, dass +ich meinen Augen nicht traue. (Sie schaemt sich darueber, dass ihr +das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, dass ich hier sitzen und +wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine +Schwaeche nichts von mir wissen wollen? + +(Gloria beginnt einzusehen, dass sie, um standhaft zu bleiben, kurz und +buendig sprechen muss:) Warum sollten Sie das wohl, bitte? + +(Dr. Valentine laesst absichtlich eine Gefuehlsbewegung in seiner Stimme +zittern:) Natuerlich werde ich das nicht! Ich bin kein solcher Esel! +--Und doch sagt mir mein Herz, dass ich heulen wuerde--mein naerrisches +Herz. Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es +zur Vernunft bringen. Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der +Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen... Ist ja doch auch ganz +leicht, vernuenftig zu sein... Tatsachen sind Tatsachen. Wo sind wir +hier? Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel! Die Zeit ist nicht +die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags. Was bin ich? Ein +Zahnarzt--ein Fuenf-Schilling-Zahnarzt! + +(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister. + +(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht +ertragen! Eine Illusion muss mir bleiben--die Illusion ueber Sie! Ich +liebe Sie. (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu +beruehren, nicht laenger widerstehen koennte. Sie erhebt sich zornig und +ist auf der Hut. Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt +zurueck.) Oh, was bin ich fuer ein Narr--was fuer ein Idiot! Sie +verstehen mich nicht... Ich koennte ebensogut zu den Steinen am Strand +sprechen! (Er wendet sich entmutigt ab.) + +(Gloria beruhigter infolge seines Rueckzuges und etwas reuig:) Es tut +mir leid. Ich moechte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was +soll ich sagen? + +(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurueck, und an die Stelle seines +Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:) +Sie koennen nichts sagen, Fraeulein Clandon. Verzeihen Sie mir. Ich +allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt. +Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern moechten. (Sie ist +im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebaerden: +) Oh, ich weiss--Sie duerfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern moegen +oder nicht; aber-- + +(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsaetzen:) Ich darf nicht?... +Warum nicht?... Ich bin ein freies Weib! Warum soll ich es Ihnen +nicht sagen duerfen? + +(Dr. Valentine weicht aengstlich zurueck; bittend:) Nicht! Ich koennte +es nicht ertragen! + +(Gloria nicht laenger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu +fuerchten. Ich halte Sie fuer sentimental und fuer ein wenig +ueberspannt--aber ich habe Sie gern. + +(Dr. Valentine faellt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles +vorueber! (Er ist ein Bild der Verzweiflung.) + +(Gloria naehert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn? + +(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genuegt! Jetzt, wo ich ernstlich +darueber nachdenke, weiss ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder +nicht. + +(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir +leid. + +(Dr. Valentine. Im Schmerz zurueckgehaltener Leidenschaft:) Oh, +bemitleiden Sie mich nicht! Ihre Stimme zerreisst mir das Herz! +Lassen Sie mich allein, Gloria. Sie wuehlen mich in meinen tiefsten +Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den +Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen-- + +(Gloria bricht ploetzlich nieder:) Oh, hoeren Sie auf mir zu sagen, was +Sie fuehlen: ich kann es nicht ertragen! + +(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme +klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah! Er ist endlich gekommen--der +Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Haende; sie blickt ihn +entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes! (Er ziebt sie an sich, +kuesst sie mit ungestuemer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen, +Gloria--es ist alles vorueber--wir sind ineinander verliebt! (Sie kann +nur nach Luft ringen.) Aber was fuer ein Ungeheuer waren Sie, und was +fuer ein Hasenfuss bin ich gewesen! + +(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine! + +(Dollys Stimme.) Doktor Valentine! + +(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir. (Er kuesst ihr +rasch die Haende und laeuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden +Frau Clandon begegnet. Gloria, ganz verloren, kann ihm nur +nachstarren.) + +(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor. (Sie siebt sich +aengstlich um:) Ist er fort? + +(Dr. Valentine verwirrt:) Er?... (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan! +--Der ist schon laengst fort, Frau Clandon. (Er laeuft in gehobener +Stimmung die Stiegen hinunter.) + +(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter! + +(Frau Clandon stuerzt aengstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein +Kind? + +(Gloria mit tief bekuemmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich +nicht ordentlich erzogen, Mutter? + +(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein moglichstes getan! + +(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts! + +(Frau Clandon.) Was ist mit dir? + +(Gloria mit dem groessten Nachdruck:) Ich schaeme mich--schaeme +mich--schaeme mich--(Da sie unertraeglich erroetet, bedeckt sie ihr +Gesicht mit den Haenden und wendet sich von ihrer Mutter ab.) + +(Vorhang) + + + + +DRITTER AKT + +(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im +Marinehotel gemietet haben. Eine bis auf den Fussboden reichende +zweifluegelige Fenstertuer fuehrt in den Garten. In der Mitte des +Zimmers steht ein massiver, von Stuehlen umgebener Tisch, der mit einer +kastanienbraunen Decke bedeckt ist. Kostspielig eingebundene Hotel- +und Eisenbahnfuehrer liegen darauf. Ein Besucher, der durch die +Fenstertuer kaeme und zu diesem Mitteltisch ginge, wuerde den Kamin zu +seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner +Rechten, in der Naehe die Tuer, die weiter hinten ist. Er wuerde, wenn +dies seiner Geschmacksrichtung entspraeche, die pflaumen- und +bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel +und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern +koennen. Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf +Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersaetzen aus +poliertem schwarzem Holz. Zunaechst der Vase, in der naechsten Naehe des +Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tuer aus +Holzmosai[*or i?]k verschliesst und dessen durch gewoelbte Glasscheiben +abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weissem +Steingutgeschirr schuetzen. Ein Teetisch aus Bambusrohr mit +zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenueber auf der andern Seite +des Fensters.--An den Waenden haengen Bilder, gemalte Ozeandampfer und +Hunde von Landseer. In einer Linie mit der Tuere, aber auf der andern +Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich +stehen zwei bequeme dazu passende Stuehle. Ueber dem Fenster ist +eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune +Ripsvorhaenge mit mattgruenen Zierborten haengen. Kurzum, ein Zimmer, +das danach eingerichtet ist, den Gefuehlen des Bewohners von seiner +eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der taeglichen Ausgabe +eines ganzen Pfundes fuer die Benuetzung auszusoehnen.) + +(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen. Gloria +lehnt am Fenster und starrt in gequaelter Traeumerei ins Weite. Die Uhr +auf dem Kaminsims schlaegt Fuenf mit schwachem Klirren, da die Glocke +gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist, +nicht aufkommen kann.) + + +(Frau Clandon.) Fuenf! Ich glaube, wir brauchen nicht laenger auf die +Kinder zu warten; sie trinken gewiss ausser Haus Tee. + +(Gloria muede:) Soll ich klingeln? + +(Frau Clandon.) Ja, mein Kind. + +(Gloria geht an den Kamin und klingelt.) + +(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig. Gott sei +Dank! + +(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den +Stuhl ihrer Mutter:) Was fuer Korrekturen? + +(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten +Jahrhunderts". + +(Gloria mit einem bittern Laecheln:) Es fehlt noch ein Kapitel. + +(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstoebern:) Glaubst du?... +doch nicht. + +(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes. Vielleicht werde ich es fuer +dich schreiben--sobald ich erst den Schluss weiss. (Sie geht an das +Fenster zurueck.) + +(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Raetsel? + +(Gloria.) O nein! das alte Raetsel. + +(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter +einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind-- + +(Gloria zurueckkommend:) Ja? + +(Frau Clandon>) Du weisst, dass ich niemals Fragen stelle. + +(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiss, ich weiss! (Sie wirft +ploetzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe +leidenschaftlich.) + +(Frau Clandon sanft Laechelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst +ganz sentimental! + +(Gloria zurueckfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh! (Sie erhebt +sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob +sie sich losrisse.) + +(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen? Was--(Der +Kellner kommt mit dem Teebrett herein.) + +(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnaedige Frau? + +(Frau Clandon.) Ja, ich danke. (Sie wendet ihren Stuhl vom +Schreibtisch fort und setzt sich wieder.) + +(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht +in einen Stuhl.) + +(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das +habe ich mir gedacht, gnaedige Frau. Sonderbar, wie die Nerven +nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen. (Er holt den Teetisch und +setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und +das gnaedige Fraeulein sind eben zurueckgekommen, gnaedige Frau. Sie +waren in einem Boote auf dem Meer. Sehr angenehm an einem schoenen +Nachmittag wie heute, sehr kraeftigend. (Er nimmt nun das Teebrett vom +Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt +nicht zum Tee, gnaedige Frau. Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu +besuchen. (Er nimmt zwei Stuehle und setzt sie rechts und links vom +Teetisch hin.) + +(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?... + +(Der Kellner verfaellt unbewusst einen Augenblick in die Tonart eines +Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt, +gnaediges Fraeulein--oh, der kommt. Er hat gerudert und ist eben in die +Apotheke gelaufen, sich etwas fuer seine wunden Handflaechen geben zu +lassen. Aber er muss gleich hier sein, gnaediges Fraeulein! + +(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und laeuft zur Tuer.) + +(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau +Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.) + +(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefaellig, gnaedige Frau? + +(Frau Clandon.) Nein, danke. + +(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnaedige Frau. + +(Als er sich zurueckziehen will, kommen Philip und Dolly in +froehlichster Laune bereingestuermt; er haelt ihnen die Tuer auf, geht +dann hinaus und schliesst sie.) + +(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee! (Frau Clandon schenkt +ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen. Dr. +Valentine wird gleich da sein. + +(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewoehnt.--Wo ist Gloria? + +(Frau Clandon aengstlich, waehrend sie ihm Tee eingiesst:) Phil, mit +Gloria ist etwas los. Ist etwas passiert? (Philip und Dolly sehen +einander mit unterdruecktem Lachen an.) Was ist es? + +(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo-- + +(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia! + +(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die +alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch. (Er reisst +ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Fruehling-- + +(Dolly)--kann eines Juenglings Phantasie-- + +(Philip)--leicht Liebesblueten treiben... Ich danke. (Zu Frau Clandon, +die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt uebrigens auch im Herbst +vor. Diesmal ist der Juengling-- + +(Dolly.) Doktor Valentine. + +(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Masse gehuldigt, dass +er sie-- + +(Dolly)--gekuesst hat-- + +(Philip.)--auf der Terrasse-- + +(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten! + +(Frau Clandon unglaeubig:) Phil--Dolly--spasst ihr? (Sie schuetteln den +Kopf.) Hat sie es geduldet? + +(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden +geschmettert zu sehen-- + +(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen-- + +(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein. + +(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten... (Sie faellt Philip, der +im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugiessen, in den Arm:) Nein, +du hast die zweite Tasse abgeschworen! + +(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr duerft nicht hier sein, +wenn Doktor Valentine kommt. Ich muss darueber sehr ernst mit ihm +sprechen. + +(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?... Was fuer eine +Verletzung der "Grundsaetze des zwanzigsten Jahrhunderts"! + +(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama! Stelle ihn zur Rede. Schlage +soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange +es dauert. + +(Philip.) Sch! er kommt! + +(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspaetet zu haben, +Frau Clandon. (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich +trinke niemals Tee. Fraeulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon +erzaehlt, was mir passiert ist. + +(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzaehlt. + +(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama +sehr genau erzaehlt. + +(Philip.) Es war unsere Pflicht. (Sehr ernst:) Komm, Dolly! (Er +bietet Dolly seinen Arm, die sich einhaengt. Sie sehen Dr. Valentine +mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus. Dr. Valentine sieht +ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine +Erklaerung bittend an.) + +(Frau Clandon erhebt sich und verlaesst den Teetisch:) Wollen Sie +gefaelligst Platz nehmen, Herr Doktor. Ich moechte etwas mit Ihnen +besprechen, wenn Sie erlauben. (Dr. Valentine setzt sich langsam auf +die Ottamane nieder. Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme +Viertelstunde. Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich +bedaechtig in gemessener Entfernung.) Ich muss zunaechst ein wenig +Nachsicht fuer mich erbitten. Ich bin im Begriff, ueber einen +Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts +verstehe. Ich meine--Liebe. + +(Dr. Valentine.) Liebe! + +(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt +dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt. + +(Dr. Valentine ueberwaeltigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es +wuerde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es waeren. + +(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt, +jetzt nach damit anzufangen. + +(Dr. Valentine.) Anzufangen?!... Haben Sie nie--? + +(Frau Clandon.) Niemals. Mein Schicksal ist sehr alltaeglich gewesen. +Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich +eigentlich tat. Wie Sie sich selbst ueberzeugt haben, war die Folge +davon eine bittere Enttaeuschung fuer uns beide, fuer meinen Mann und fuer +mich. So kommt es, dass ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals +verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige +Liebesangelegenheit gehabt. Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr +Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe, +hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen. +(Dr. Valentine, der sehr verdriesslich dreinschaut, blinzelt skeptisch +nach ihr hin und sagt nichts. Sie erroetet ein wenig und fuegt mit +unterdruecktem Aerger hinzu:) Sie glauben mir nicht. + +(Dr. Valentine bestuerzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber, +warum denn nicht... warum nicht? + +(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, dass ein der +Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften +kennt, die bei weitem die selbstsuechtigen Verblendungen und +Sentimentalitaeten eines Liebesromanes uebersteigen. Ihre +Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr? (Dr. +Valentine weiss wohl, dass Frau Clandon ihn deswegen geringschaetzt, und +antwortet negativ mit melancholischem Kopfschuetteln.) Ich dachte mir's. +--Nun, dafuer bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten +Herzensangelegenheiten besprechen muss, in denen Sie ein Fachmann zu +sein scheinen. + +(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es. + +(Dr. Valentine.) Gloria? + +(Frau Clandon.) Ja, Gloria. + +(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria. +(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiss +schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld. + +(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Muetter, +die mit mir gesprochen haben. + +(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor! Sie +sind ein alter Praktikus! (Er oeffnet die Lippen, um zu widersprechen. +Sie unterbricht ihn mit einiger Entruestung:) Oh, glauben Sie doch +nicht, dass ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu +wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--dass ein Mann, der +bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit +kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann! + +(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen-- + +(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr +Doktor. Es war Glorias Sache, sich selbst zu schuetzen, und Sie haben +das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten. + +(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?... Oh, Frau Clandon! + +(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie +es ernst? + +(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst! +(Sie sieht ihn forschend an. Sein Sinn fuer Humor bricht bei ihm durch, +und er fuegt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst +gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen! + +(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte. (Streng:) Herr +Doktor, Sie sind einer von den Maennern, die mit den Gefuehlen der +Frauen spielen. + +(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der +Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden? Aber ich verstehe. +(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit foermlicher Hoeflichkeit:) Sie +wuenschen, dass ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle. + +(Frau Clandon.) Nein. Ich bin klug genug zu wissen, dass fuer Gloria +die beste Moeglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser +kennen zu lernen. + +(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau +Clandon! Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein? + +(Frau Clandon.) Ich habe grosses Vertrauen zu der gesunden Schule, die +Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat. + +(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht! +(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut uebermuetig beiseite, mit +der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fuerchten hat.) + +(Frau Clandon empoert ueber seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das? + +(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch +etwas lehren, Frau Clandon? + +(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen. + +(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschuetzkunst--Artillerie, +Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon? + +(Frau Clandon.) Hat die Geschuetzkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen? + +(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erlaeuterung naemlich.--Waehrend dieses +ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf +zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von +kugelsichern Panzerplatten. Man baut ein Schiff, das gegen die besten +Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet +jemand ein besseres Geschoss und bringt das Schiff zum Sinken. Sofort +baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone +undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres +Geschoss und bringt das Schiff wieder zum Sinken. Und so weiter.--Nun, +der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise. + +(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?... + +(Dr. Valentine.) Ja. Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter +gehoert, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht! Sie sind lange +in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen. +Brauche ich ihn zu erklaeren? + +(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein. + +(Dr. Valentine.) Natuerlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem +Geschlechterzweikampf?... Die altmodische Mutter bekam eine +altmodische Erziehung, um gegen die Raenke des Mannes geruestet zu sein. +Gut. Sie kennen das Resultat. Der altmodische Mann hat sie +herumgekriegt. Die altmodische Frau entschloss sich nun, ihre Tochter +wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der +altmodische Mann nicht aufkommen koennte. Sie gab ihrer Tochter +deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System! Diese neue +Ausruestung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei +nicht gerecht, unweiblich und weiss Gott was alles. Aber das half ihm +nichts, und so musste er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie +wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam +schwoeren--und so weiter. + +(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen. + +(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natuerlich, +es war das Weib!--Nun gut. Was hat der Mann getan? Genau dasselbe, +was der Kanonengiesser tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau, +bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau +so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte. Ich war +noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die +frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, dass +man das herausgefunden hat. Sie sehen, meine Methoden sind gruendlich +modern. + +(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos. + +(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Maedchensorte, gegen +die diese Methode nutzlos ist. + +(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das? + +(Dr. Valentine.) Das gruendlich altmodische Maedchen. Wenn Sie Gloria +in der ehemals ueblichen Weise erzogen haetten, so wuerde ich achtzehn +Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag +in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die +Frauenemanzipation hat Gloria in meine Haende geliefert, und Sie waren +es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat. + +(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit. + +(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon! + +(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt. Adieu. + +(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen, +bevor ich gehe? + +(Frau Clandon.) Ich fuerchte, sie wird erst zurueckkommen, wenn Sie +gegangen sind, Herr Doktor. Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um +Ihnen auszuweichen. + +(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen. Adieu. (Er +verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tuer.) + +(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das fuer ein gutes Zeichen? + +(Dr. Valentine dreht sich in der Naehe der Tuer um:) Weil ich eine +Todesangst vor ihr habe; und es scheint, dass sie eine Todesangst vor +mir hat. (Er will nun gehen, steht aber an der Tuerschwelle ploetzlich +Gloria gegenueber, die eben eingetreten ist. Sie sieht ihm standhaft +ins Auge. Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau +Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen ausser Fassung.) + +(Gloria bleich und sich nur muehsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr, +was Dolly mir gesagt hat? + +(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind? + +(Gloria.) Dass du mit diesem Herrn ueber meine Angelegenheiten +gesprochen hast? + +(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh! + +(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--koennen Sie einen Augenblick +schweigen? (Er blickt sie klaeglich an, dann geht er mit einem +verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurueck und wirft seinen Hut +darauf.) + +(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du +fuer ein Recht dazu? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein +Recht gehabt haette, Gloria. + +(Dr. Valentine bestaetigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das +geringste. (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entruestung an.) +Verzeihen Sie. (Er setzt sich beschaemt auf die Ottomane.) + +(Gloria.) Ich glaube nicht, dass irgend jemand das Recht hat, ueber +Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen. (Sie wendet +sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.) + +(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben +sollte-- + +(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort! +Ich weiss jetzt, dass ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein +koennte. (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht +selbst zu beschuetzen weiss, die kann niemand beschuetzen. Niemand ist +auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter! Ich +weiss, dass ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die +Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie haelt inne, um einen Seufzer +zu unterdruecken.) + +(Dr. Valentine stoehnend:) Dieses Mannes--! (Er murmelt wieder:) Oh!... + +(Frau Clandon mit gedaempfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr +Doktor. + +(Gloria faehrt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner +Schande allein zu bleiben. Ich bin eins von jenen schwachen +Geschoepfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge +auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muss mein Schicksal +erfuellen. Erspare mir wenigstens die Demuetigung deiner +Rettungsversuche. (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an +das entferntere Ende des Tisches.) + +(Dr. Valentine aufspringend:) Hoeren Sie mal-- + +(Frau Clandon.) Herr Dokt-- + +(Dr. Valentine unbekuemmert:) Nein! Ich will sprechen! Ich habe +nahezu dreissig Sekunden geschwiegen. (Er geht zu Gloria hin:) +Fraeulein Clandon-- + +(Gloria bitter:) Oh--nicht Fraeulein Clandon--Sie wissen ja, dass man es +sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen. + +(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht. Sie werden mir es nachher +vorwerfen und mich der Missachtung beschuldigen. Es ist eine +herzzerreissende Luege, dass ich Sie nicht achte. Es ist wahr, dass ich +Ihren frueheren Stolz nicht geachtet habe. Warum sollte ich es auch? +Er war nichts als Feigheit. Ich habe Ihren Verstand nicht +geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine maennliche +Spezialitaet. Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewuehlt hatten! +--als mein grosser Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer +machten!--ah, da, da, da! + +(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie. + +(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an! (Sie erhebt +sich rasch und wendet ihm den Ruecken zu.) Und diesen Augenblick werden +Sie mir niemals nehmen koennen. So--nun ist mir einerlei, was +geschieht! (Er geht auf und ab und stoesst einen frohen Ausruf aus, mit +dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiss sehr gut, dass ich +Unsinn rede--aber ich kann nicht anders. (Zu Frau Clandon:) Ich liebe +Gloria--und damit basta! + +(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr +gefaehrlicher Mensch. Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig +ueber diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts +von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite. +Frau Clandon spricht nun mit nachdruecklichem Hohn:) Frage diesen Mann, +den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor +dir getan haben. (Gloria sieht ploetzlich mit einem Aufflammen +eifersuechtigen Aergers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt +hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben +Redensarten gekoedert hat; wieviel Uebung er als Duellant im Zweikampf +der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht. + +(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon! Sie. nuetzen mein +Vertrauen aus! + +(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria! + +(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Faeusten auf ihn los:) +Ist das wahr?! + +(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht boese-- + +(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?! Haben Sie das +alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon +empfunden?... fuer eine andere Frau? + +(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja. + +(Gloria erbebt ihre geballten Haende.) + +(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und haelt ihre erhobenen +Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergisst dich! + +(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam +auf:) + +(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Faehigkeit zur Liebe und +zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Faehigkeiten: er muss sie oft +weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist. + +(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten. +Gloria, nimm dich in acht! + +(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh! + +(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:) +Glaubst du, dass ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche? (Zu Dr. +Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben! + +(Dr. Valentine.) Jawohl. + +(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, dass ich Sie +hasse--leidenschaftlich hasse! + +(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist ueberraschend, wie klein doch der +Unterschied zwischen Hass und Liebe ist. (Gloria wendet sich entruestet +von ihm ab. Er faehrt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen, +die ihre Maenner lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen. + +(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber waere es nicht +besser, Sie gingen? + +(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken! Er ist +mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amuesieren. (Sie +setzt sich mit geringschaetziger Gleichgueltigkeit an den Tisch, in die +Naehe des Fensters.) + +(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht! Das ist die vernuenftige Art, +es aufzufassen. Gehen Sie, Frau Clandon Sie koennen einem blossen +Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich boese sein. + +(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor; +aber ich will nicht annehmen, dass Ihre beklagenswert leichtsinnige +Veranlagung einzig schamlos und nichtswuerdig ist-- + +(Gloria fuer sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswuerdig! + +(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und +Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die uebliche +Weise zu beenden. + +(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das groesste Kompliment gemacht haette:) +Sie sind zu liebenswuerdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen! + +(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnaedige Frau. + +(Frau Clandon.) O gewiss! ich lasse bitten. + +(Der Kellner.) Er laesst fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen +duerfte, gnaedige Frau. + +(Frau Clandon.) Warum nicht hier? + +(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnaedige Frau: ich glaube, +Herr McComas fuehlt, er haette leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in +Abwesenheit der juengeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen koennte, +gnaedige Frau. + +(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, dass die Kinder nicht hier sind. + +(Der Kellner.) Sie behalten die Tuer im Auge, gnaedige Frau, und passen +scharf auf aus irgendeinem Grunde. + +(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen. + +(Der Kellner haelt ihr die Tuer auf:) Ich danke, gnaedige Frau. (Sie +geht hinaus. Er kommt ins Zimmer zurueck und begegnet dem Auge Dr. +Valentines, der wuenscht, dass er sich entferne.) Sofort, Herr +Doktor--nur das Teegeschirr. (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen +Sie, Herr Doktor--ich danke sehr. (Er gebt hinaus.) + +(Dr. Valentine zu Gloria:) Hoeren Sie! Frueher oder spaeter werden Sie +mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich. + +(Gloria erbebt sich, um ihre Erklaerung an ihn intensiver zu machen:) +Niemals! so lange Gras waechst und Wasser fliesst--nie--nie--nie! + +(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut. Mich kann nichts ungluecklich +machen--ich werde nie wieder ungluecklich sein, nie, nie, nie, so lange +Gras waechst und Wasser fliesst!! Der Gedanke an Sie wird mich immer +mit jauchzender Freude erfuellen. (Ein hoehnisches Wort ist auf ihren +Lippen. Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner +gesagt... Das ist das erstemal! + +(Gloria.) Wenn Sie es der naechsten Frau sagen, wird es nicht zum +ersten Male sein! + +(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht! (Er kniet vor ihr nieder.) + +(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf! Wie koennen Sie es wagen? + +(Philip und Dolly stuerzen, wie gewohnlich um die Wette laufend, ins +Zimmer. Sie prallen zurueck, als sie sehen, was vorgeht. Dr. +Valentine springt auf.) + +(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly. (Er wendet sich +um und will geben.) + +(Gloria geaergert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil. +(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie. (Sie geht an das Fenster und +sieht, mit dem Ruecken gegen die andern, hinaus.) + +(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm... + +(Dolly.) Aha! + +(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor? + +(Dr. Valentine.) Das bin ich auch. (Er tritt zwischen sie:) Nun so +hoeren Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht +wahr? (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue +Beleidigung.) + +(Dolly.) Alles. + +(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei. Ich wurde +abgewiesen--verachtet. Ich werde hier nur noch geduldet. Sie +verstehen doch?... es ist alles vorbei. Ihre Schwester will von +meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal +geruhen, auch nur das kleinste Interesse fuer mich zu haben. (Gloria +ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist +das klar? + +(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt. + +(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts +daraus--nicht einmal Ihre Seele waere Ihr Eigentum geblieben, wenn +Gloria Sie geheiratet haette. Sie koennen jetzt ein neues Kapitel Ihres +Lebens beginnen. + +(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefaehr, nicht wahr? + +(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen +Sie nicht solche Sachen! Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art +richten das groesste Unglueck an. + +(Dolly.) O wirklich? Hm hm! + +(Philip.) Aha! (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner +gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.) + +(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein, +deren erste Sorge Gloria ist. Sie blickt suchend umher und ist im +Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit +deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen. Endlich +setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl. +McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.) + +(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes... Finch? + +(McComas duester:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem + +Vater. Fraeulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten. (Er gebt zur +Ottomane und setzt sich.) + +(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich +rechts neben ihn.) + +(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe. + +(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor! Sie geht die Sache sehr an. +(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich +rittlings, ueber den Ruecken gelehnt, in die Naehe der Ottomane.) Frau +Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht ueber seine zwei juengeren +Kinder, die nicht majorenn sind, fuer sich. + +(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly +um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.) + +(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm! Er hat uns lieb, Mama! + +(McComas.) Es tut mir leid, Sie darueber eines Besseren belehren zu +muessen, Fraeulein Dorothea. + +(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a! (Lehnt sich ganz +ueberwaeltigt an seine Brust:) O Finch! + +(McComas nervoes wegrueckend:) Nein! nein--nein! nein! + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly! (Zu Mc Comas:) Laut +unserer Trennungsurkunde faellt mir die Aufsicht ueber die Kinder zu. + +(McComas.) Sie enthaelt auch die Verpflichtung, dass Sie sich ihm weder +naehern noch ihn in irgendeiner Weise belaestigen duerfen. + +(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan? + +(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer juengeren Kinder dem Gesetze nach eine +Belaestigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat +entscheiden muesste. Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur +belaestigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, dass er planmaessig +hergelockt wurde und dass Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter +die Hand im Spiel gehabt hat. + +(Dr. Valentine.) Was?... wie??... + +(McComas.) Er behauptet, dass Sie ihn betaeubt haben, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan. (Sie sind erstaunt.) + +(McComas.) Aber zu welchem Zweck? + +(Dolly.) Um fuenf Schillinge extra zu verdienen! + +(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muss Sie wirklich bitten, +Fraeulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch +ungehoerige Unterbrechungen zu stoeren. (Heftig:) Ich bestehe darauf, +dass ernste Angelegenheiten ernst und wuerdig besprochen werden! +(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die +selbst Herrn McComas aus dem Text bringt. Er hustet und beginnt von +neuem, sich an Gloria wendend:) Fraeulein Clandon: ich habe ferner die +Pflicht, Ihnen zu sagen, dass Ihr Vater auch die Ueberzeugung gewonnen +hat, dass Dr. Valentine Sie zu heiraten wuenscht. + +(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wuensche ich auch. + +(McComas beleidigt:) Dann duerfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor, +wenn der Vater der jungen Dame Sie fuer einen Mitgiftjaeger haelt. + +(Dr. Valentine.) Das bin ich auch! Glauben Sie, dass eine Frau von +meinen Einkuenften leben kann? Einen Schilling pro Woche? + +(McComas empoert:) Ich habe nichts mehr hinzuzufuegen, Herr Doktor. Ich +werde zu Herrn McNaughtan zurueckkehren und ihm sagen, dass diese +Familie kein Ort fuer einen Vater ist. (Er gebt zur Tuer.) + +(Frau Clandon mit ruhiger Wuerde:) Finch! (Er bleibt stehen:) Wenn der +Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie koennen es. Setzen Sie sich. +(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Wuerde und seiner Freundschaft +unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau +Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, dass all dies eine Komoedie ist und +dass Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie. Geben Sie mir +jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat. +Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut. Ich verspreche +Ihnen, dass die Kinder sich ruhig verhalten werden. + +(McComas fuegt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen moechte, ist dies. Nach +der alten Uebereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr +Mann furchtbar benachteiligt. + +(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf? + +(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewoehnt, die +oeffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt ueber Sie +sagen koennte, keinerlei Ruecksicht zu nehmen. + +(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig! (Gloria beugt sich +vor und kuesst ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie +aeusserst verwirrt.) + +(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen grossen +Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte. Er musste +Ruecksicht auf sein Geschaeft sowohl wie auf die Vorurteile seiner +altmodischen Familie nehmen. + +(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwaehnen. + +(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon. + +(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos. + +(McComas.) War es aber ausschliesslich seine Schuld? + +(Frau Clandon.) War es die meine? + +(McComas rasch:) Nein, selbstverstaendlich nicht. + +(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich, +Herr McComas. + +(McComas.) Mein liebes Fraeulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber +ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe +eingeht--dafuer kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufaellige +Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglueck +der haeuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist, +warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist +als gar keine Frau--woran sie natuerlich unschuldig sein kann--ist es +da gar so erstaunlich, dass er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er +ihr Vorwuerfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich +zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht? + +(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwuerfe gemacht, ich habe einfach +mich und die Kinder von ihm befreit. + +(McComas.) Ja. Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau +Clandon. Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie +gedrueckt, als Sie damit drohten, die Sache zu veroeffentlichen, indem +Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen. Nehmen Sie +an, er haette diese Macht ueber Sie gehabt und dazu benuetzt, Ihre Kinder +von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, dass Sie bis auf Ihren +Namen vergessen waeren... was wuerden Sie dabei fuehlen?... Was wuerden +Sie tun?... Wollen Sie nicht auch seinen Gefuehlen etwas Nachsicht +zeigen--? aus reiner Menschlichkeit? + +(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefuehle bei ihm entdeckt. Ich habe sein +heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles uebrige +seiner gewoehnlichen Menschlichkeit. + +(McComas gedankenvoll:) Frauen koennen sehr hart sein, Frau Clandon. + +(Dr. Valentine.) Das ist wahr! + +(Gloria zornig:) Schweigen Sie! (Er fuegt sich.) + +(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine +letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon. Glauben Sie mir, es gibt +Maenner, die sehr viel Gefuehl, ja Guete haben, die aber unfaehig sind, +sie auszudruecken. Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloss +aeussere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten +zu erweisen und auf reizende liebenswuerdige Art unaufrichtige +Komplimente zu machen. Wenn Sie in London lebten, wo die ganze +Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist +und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein koennen, ohne +herausgefunden zu haben, dass er Sie hasst wie Gift, dann wuerden Ihnen +die Augen bald aufgehen. Dort tut man unfreundliche Dinge auf +freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit suesser Stimme; man gibt +seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stuecke reisst. Aber +denken Sie an die Kehrseite der Medaille! Denken Sie an die Leute, +die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Beruehrung +schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen +durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu +verletzen und zu quaelen, selbst dann noch, wenn sie sie versoehnen +wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern... +McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat +keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein, +irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht +danach auf Treu und Glauben hinnimmt. Soll er gar keine Liebe haben, +nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und +Blut? + +(Dolly ganz geruehrt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen! + +(Philip mit Ueberzeugung:) Finch, das nenne ich +Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit! + +(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance! Behalten wir ihn zum +Essen! + +(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch +gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir ueber Fergus +zu sprechen. Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich. + +(McComas zu Gloria:) Fraeulein Clandon, ich habe bis jetzt davon +abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger +als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan +gesagt hat. + +(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Staerke der Mutter an die +Schwaeche der Tochter! + +(McComas.) Nicht an Ihre Schwaeche, Fraeulein Clandon--ich wende mich +vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter. + +(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu misstrauen. (Mit einem +zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich koennte, ich wuerde mir das +Herz aus dem Leibe reissen und es fortwerfen. Meine Antwort ist die +Antwort meiner Mutter! (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie. +Aber Frau Clandon, unfaebig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu +ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefuehle zu +verletzen, nur kann.) + +(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid. Ich habe mein +Moeglichstes getan. (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster +Unzufriedenheit fortzugehen.) + +(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch? Was +verlangen Sie?... Was sollen wir tun? + +(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das +Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit +McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist. Warum nun nicht +dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht +wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan +einholen, und zwar am besten sofort? Der Einfachheit und +Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor... Gleich heute +abend--was meinen Sie dazu? + +(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell +bekommen? + +(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen. Auf +meinem Rueckwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem +hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor +Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst beruehmt gemacht hat. Er +bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen +Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen. Er war so freundlich, mir +sein Erscheinen fuer den Fall zuzusagen, dass es mir gelaenge, eine +Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen. Er wird uns mit +seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese +Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft +benuetzen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will +versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen. Bitte, stimmen Sie +zu! Einverstanden? + +(Frau Clandon nach einem Augenblick der Ueberlegung, bedeutungsvoll:) +Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe, +mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen. Ich wuensche nicht, +Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht +glaube, dass eine Zusammenkunft irgendwie nuetzen koennte. (Sie erhebt +sich:) Aber da Sie die Kinder ueberzeugt haben, dass er nicht ganz +hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt. + +(McComas nimmt ihre Hand und schuettelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau +Clandon.--Passt Ihnen neun Uhr? + +(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte. + +(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn +Dr. Valentine verschworen zu haben, dann wuerde es, glaube ich, besser +sein, er waere zugegen. + +(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich halte +meine Anwesenheit fuer aeusserst wichtig. + +(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich hege die +groessten Hoffnungen auf eine glueckliche Loesung. Inzwischen leben Sie +wohl. (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tuer fuer ihn +offen haelt.) + +(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William. Koennten wir +nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren? + +(Der Kellner an der Tuer:) Um sieben, gnaedige Frau? Gewiss, gnaedige +Frau. Es wird sogar eine Erleichterung fuer uns sein heut abend, wo so +viel zu tun ist. Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu +arrangieren und sonst noch allerlei, gnaedige Frau. + +(Dolly.) Illumination! + +(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los? + +(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnaediges Fraeulein. + +(Dolly und Philip stuerzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?! + +(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. Der Regatta-Klub gibt das Fest +zum Besten des Rettungsbootes. (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft +solche Abende, gnaedige Frau; Lampions im Garten, sehr huebsch, sehr +lustig und harmlos--wirklich! (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fuenf +Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr. Damen in +Herrenbegleitung zahlen die Haelfte. + +(Philip erfasst seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau, +William! + +(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten +weg sind! (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.) + +(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor? (Abgehnd:) +Ich muss wirklich nachsehen und sie zurueckrufen. (Sie folgt ihnen und +spricht im Abgeben weiter.) + +(Gloria starrt Dr. Valentine kuehl an und sieht dann bedaechtig auf ihre +Taschenuhr.) + +(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben. +Ich gehe. + +(Gloria mit berablassender Foermlichkeit:) Ich muss mich bei Ihnen +entschuldigen. Ich bin mir bewusst, etwas scharf... vielleicht grob +gegen Sie gewesen zu sein. + +(Dr. Valentine.) Durchaus nicht. + +(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, dass es sehr schwer faellt, +jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen wuerdeloser Charakter +weder Respekt noch Achtung fordert. + +(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann wuerdevoll auftreten, wenn +er verliebt ist? + +(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil +abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen. Es sind +Beleidigungen. + +(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten. Aber ich kann nichts dafuer, +ich muss sie begehen. + +(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt waeren, wuerden Sie nicht toericht +sein. Liebe verleiht Wuerde, Ernst, ja sogar Schoenheit. + +(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, dass ich davon schoen werden +wuerde? (Sie wendet ihm mit kaeltester Verachtung den Ruecken.) Ah, Sie +sehen, dass Sie es nicht ernstlich meinen! Die Liebe kann dem Manne +keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er +geboren wurde, entwickeln und erhoehen. + +(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren, +wenn ich bitten darf? + +(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens. + +(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des +Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht. + +(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im +Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne. (Sie erbebt aergerlich den +Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe. Um neun bin ich wieder da. Adieu. +(Er laeuft lustig hinaus und laesst sie in der Mitte des Zimmers zurueck. +Sie starrt ihm nach.) + +(Vorhang) + + + + +VIERTER AKT + +(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind +angezuendet, aber die Vorhaenge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht +weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der +Baeume, darueber ein sternbesaeter Himmel. Das Orchester im Garten +spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung uebertoent.) + +(Der Kellner tritt ein und fuehrt McNaughtan und McComas in das Zimmer. +McNaughtan sieht aengstlich und gedrueckt aus. Er setzt sich muede und +mutlos auf die Ottomane.) + + +(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich +die Masken an. Wenn Sie einstweilen guetigst Platz nehmen wollten--ich +werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertuer in den +Garten zu gehen, als ihn McComas aufhaelt.) + +(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, fuehren +Sie ihn unverzueglich herein. Wir warten auf ihn. + +(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten? + +(McComas.) Er heisst Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen +also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie +nicht, dass sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird. + +[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es +ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den +normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England +gekommen sind. Der Name Boon ist alltaeglicher. McComas sagt dem +Kellner, dass er einen Herrn Bohun erwartet. Da faellt ihm ein, dass der +Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte fuer Frau Clandon geben +wird, und da er annimmt, dass William nicht wissen duerfte, dass der Name +Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie +der Name buchstabiert wird. (Anm. des Uebers.)] + +(Der Kellner laechelnd:) Da koennen Sie sich vollkommen auf mich +verlassen, gnaediger Herr. Ich heisse selbst Boon, obgleich ich hier +fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte +ich auch ein H. U. einfuegen; aber es ist besser, wenn ich mir diese +Freiheit nicht herausnehme. Meine Name wuerde dann auf Normannenblut +hindeuten, gnaediger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung fuer +einen Kellner. + +(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen, +und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*] + +(Der Kellner.) Das haengt zum grossen Teil von der Stellung ab, die man +im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner waeren, wuerden Sie bald finden, +dass Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen koennen wie +Normannenblut. Ich finde es am zweckmaessigsten, wenn ich meinen Namen +B. OO. N. schreibe und meinen Verstand moeglichst zusammennehme.--Aber +ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst +schuld daran. Ich werde den Damen sagen, dass Sie hier sind, gnaediger +Herr. (Er geht durch die Fenstertuer in des Garten hinaus.) + +(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr? + +(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein; +ich werde mein Moeglichstes tun. + +(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe +Ihrer Familie gesagt, dass sie ganz allein Schuld an allem truege. + +(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, dass ich einzig und allein der +Schuldige waere. + +(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt. + +(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein +werden! + +(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie +sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn +Sie fortfahren, solche unmoegliche Bedingungen zu stellen, dann koennen +wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen. + +(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht-- + +[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."] + +(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt +frage ich Sie aber ein fuer allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen, +sich gut zu benehmen, nur bedeuten, dass Sie nicht ohne Anlass +aufbrausen wuerden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er +geben wolle.) + +(McNaughtan jaemmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin +genug herumgestossen und gequaelt worden--ich verspreche Ihnen, mein +Moeglichstes zu tun. Aber wenn dieses Maedchen sich wieder erlauben +wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und +vergraebt den Kopf in die Haende.) + +(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn +Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es +kommt jemand. + +(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel +daraus zu machen, er veraendert seine Stellung kaum.) + +(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertuer +entgegen, so dass er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehoert +zu werden.) + +(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fraeulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm. +Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in +den Garten.) + +(Gloria tritt ein und geht kuehl bis in die Mitte des Zimmers.) + +(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas? + +(Gloria gleichgueltig, aber nicht unliebenswuerdig:) Hinausgegangen, um +uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefuehl. (Sie bleibt +neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater? + +(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun, +Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit +melancholischem Humor. + +(Gloria.) Reichen wir uns die Haende. (Sie reichen einander die Haende.) + +(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute +nachmittag leider zu sehr ungehoerigen Worten ueber deine Mutter +hinreissen lassen. + +(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst +sehr hochmuetig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft +gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich +neben seinen Stuhl auf den Boden.) + +(McNaughtan.) Was ist dir zugestossen, mein Kind? + +(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter +meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die +Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer +Sturz--nicht wahr? + +(McNaughtan aergerlich:) Was! (Sie behaelt ihren wunderlichen Ausdruck +bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, dass +du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswuerdig.) Ich +fuerchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiss immer, was +recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst +du das glauben? + +(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar! +Ich weiss auch stets, was recht ist und meiner wuerdig und stark und +edel--genau so gut, wie sie es weiss. Aber, ach! ich tue Dinge... und +ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--! + +(McNaughtan etwas muerrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es +weiss"... du meinst deine Mutter!... + +(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu +ihm hin und ergreift seine Haende.) Nun hoeren Sie mich an: keinen +Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht ueber +uns--ueber Ihnen und mir--himmelhoch ueber uns!--Sind Sie damit +einverstanden? + +(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind. + +(Gloria ist nicht befriedigt, laesst seine Haende los und zieht sich von +ihm zurueck:) Sie moegen sie nicht? + +(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet +gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit +wachsender Kaelte.) Sie hat mir ein grosses Unrecht zugefuegt, indem sie +mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles +Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr +wieder die Hand.) + +(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das +ist ein gefaehrliches Thema. Mit meinen Gefuehlen, meinen elenden, +feigen, weiblichen Gefuehlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit +meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter. + +(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind. +Ich danke dir. + +(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsaetzlich hochmuetig.) + +(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen, +einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare +William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich waere auch gern +hingegangen, mir fehlen aber die fuenf Schillinge fuer eine +Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was? + +(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen +dafuer Dank schuldig zu sein. + +(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fraeulein +Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er +beschimpft mich dafuer. + +(Gloria kalt:) Ich bedaure, dass meine Mutter nicht da ist, Sie zu +empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von +dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen. + +(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn +gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fraeulein +Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn foermlich +arbeiten hoeren. + +(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er? + +(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den +Maskenball gegangen. + +(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, dass alle auf +diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer +Zusammenkunft einzuhalten. + +(Dr. Valentine.) Oh, er wird puenktlich erscheinen--ich traf ihn schon +vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fuenf Schillinge +anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloss ich mich dem Volke an und +habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fraeulein Clandon durch +diese Glastuer ins Hotel getreten war. + +(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir oeffentlich, um +mich anzustarren? + +(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm +den Ruecken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser +verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgueltigkeit und begibt sich auf +die entgegengesetzte Seite des Zimmers.) + +(Der Kellner erscheint an der Fenstertuer und fuehrt Frau Clandon und +McComas herein.) + +(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, dass ich Sie alle +habe warten lassen! + +(Ein majestaetischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und +eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der +Glastuer.) + +(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine +Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und +die Speisesaele zeigen. Hier, wenn ich bitten darf! + +(Er tritt in den Garten zurueck und zeigt den Weg in der Ueberzeugung, +dass der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an +das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemaechlichkeit +zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen +einrollt und das Buendel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer +seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken +grossen Mann, zwischen Vierzig und Fuenfzig. Er ist glattrasiert und +von einer Blaesse, die durch naechtliches Studium verursacht ist und die +durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geoelt ist, noch +verstaerkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Rosshaarmoebeln des +frueheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig +grobkoerniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein +Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so +erhoeht seine maechtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise, +seine kraeftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht +seiner aeusserst kritischen Art zuzuhoeren noch den Eindruck, den er +hervorruft, bis zum Furchterregenden.) + +(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich +die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich, +Bohun verbeugt sich.) Fraeulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun +verbeugt sich.) Herr Clandon? + +(McNaughtan besteht so aergerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem +wahren Namen:) Ich heisse McNaughtan! + +(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er +sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon? + +(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht +imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heisse Valentine. Ich +bin der, der ihn betaeubt hat. + +(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend? + +(Der Kellner kommt aengstlich durch die Fenstertuer herein:) Verzeihen +Sie, gnaedige Frau, aber koennen Sie mir vielleicht sagen, was aus +diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung. +Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefasst hat. +Nachdem er eine ruehrende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er +sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhaengender Stimme +anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das? + +(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es. + +(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfaehig seine Traenen zurueckzuhalten:) +*Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmaechtig vor +dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnaedige Frau--ein kleiner +Schwindelanfall. + +(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich +Ihnen sage, dass er mein Vater ist. + +(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater +ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von +dir denken! + +(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswuerdigsten Weise: +) Ich bin entzueckt, das zu hoeren, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns +waehrend der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund +gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.) + +(Der Kellner den Kopf schuettelnd:) O nein, gnaedige Frau! Sie sind zu +guetig--sehr vornehm und gnaedig, wahrhaftig! Aber ich fuehle mich sehr +verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin... +Entschuldigen Sie, dass ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch +schliesslich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnaedige Frau? (Er +erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, dass ich Sie gestoert habe. +(Mit nach der Tuer gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl +am Tisch entlang.) + +(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner haelt inne, sein Mut sinkt.) +Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute +zugetragen hat? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, groesstenteils. + +(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen. + +(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht noetig sein. Ich habe +heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr +viel zu tun! + +(Bohun unerschuetterlich:) Wir werden dich brauchen! + +(Frau Clandon hoeflich:) Bitte, nehmen Sie Platz. + +(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnaedige Frau! Ich darf mich +nicht setzen, ich muss eine Grenze ziehen; ich duerfte nicht gesehen +werden, wenn ich so etwas taete, gnaedige Frau. Ich danke Ihnen +trotzdem. (Er blickt mit einem verstoerten Gesicht, das ein Herz von +Stein ruehren muesste, alle Anwesenden der Reibe nach an.) + +(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wuenscht nur, uns +weiter gut bedienen zu duerfen. Ich haette gern eine Tasse Kaffee. + +(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnaediges Fraeulein? (Er +stoesst einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnaediges +Fraeulein. Das ist sehr zeitgemaess und richtig. (Zu Frau Clandon, +furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnaedige +Frau? + +(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiss. Ich glaube, wir koennten +eine Rotweinbowle trinken. + +(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnaedige Frau? Gewiss, gnaedige +Frau! + +(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee. +Geben Sie etwas Gurke hinein. + +(Der Kellner entzueckt:) Gurke, gnaediges Fraeulein--ja! (Zu Bohun:) +Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie moegen keine Gurke. + +(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen +schottischen Whisky mit Soda. + +(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky fuer +Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem +Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.) + +(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke. + +(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzaehlend:) Weinbowle--einen +schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen. + +(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles. + +(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnaedige Frau--sofort! (Er +tummelt sich durch die Fenstertuer hinaus und hat die ganze +Stufenleiter der menschlichen Glueckseligkeit in wenig mehr als zwei +Minuten durchlebt.) + +(McComas.) Ich glaube, jetzt koennen wir anfangen. + +(Bohun.) Es waere besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann! + +(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann! + +(Bohun schlaegt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen +dieser und der frueheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet, +dass Sie McNaughtan heissen! + +(McNaughtan.) So heisse ich auch. + +/* +(Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich-- +(Gloria) ) (sprechen) ( Meine-- +(McComas) ) (gleichzeitig:) ( Frau-- +(Dr. Valentine)) ( Sie-- +*/ + +(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen +Augenblick! (Toedliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen +Sie sich alle! (Sie gehorchen demuetig. Gloria nimmt den +Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem +Fenster gegenueberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann. +McNaughtan setzt sich mit dem Ruecken gegen Dr. Valentine auch auf die +Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit moeglichst auf der +entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um +McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Naehe der Tuer. Links von +ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des +Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen, +fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heisst in dieser +Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also +schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung. + +(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinueber, mit einem Knie +auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach-- + +(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon +hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende +Erklaerung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie +unterschaetzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine! + +(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun laesst ihn nicht zu Worte +kommen.) Nein: ich will nicht, dass Sie darauf antworten; ich will, dass +Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu muessen. + +(Dr. Valentine niedergedrueckt:) Das heisst wirklich, einen +Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei? +(Ersetzt sich wieder.) + +(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, dass--wenn +diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle +hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen +muessen, wie es sich gehoert und gesellschaftlich ueblich ist. + +(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck aeusserst entschlossenen +Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schliessen +muessen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen +drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos fuer eine +ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon +und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft +sich in seinen Stuhl zurueck und runzelt heftig die Stirn.) + +(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst +damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen. + +(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei +Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind +es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht +drein, als ob er dies fuer ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner +Ansicht--was? + +(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es waere-- + +(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es waeren, so wuerden Sie sein, was +ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind. + +(McComas unterwuerfig:) Gewiss, lieber Justizrat, Ihre Spezialitaet-- + +(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialitaet ist es, recht zu +haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht waeren, +dann wuerde ich hier unnuetz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache +abzufertigen, und wendet sich dann ploetzlich und heftig an McNaughtan: +) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit +liegt Ihnen am meisten am Herzen? + +(McNaughtan beginnt langsam:) Ich moechte in dieser Sache allen +Egoismus beiseite lassen-- + +(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau +Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau +Clandon? + +(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, dass ich mich nicht an +meine eigenen Gefuellte kehre. + +(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fraeulein Clandon--nicht wahr? + +(Gloria.) Gewiss nicht. + +(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht. + +(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch. + +(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, dass eine Pose der +Aufrichtigkeit auf Fraeulein Clandon einen besseren Eindruck machen +wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch +diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er +nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Laecheln. Bobun, +zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollstaendig unterjocht zu haben, +wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurueck, als waere er nun +bereit, alle Wuensche der Parteien geduldig anzuhoeren.) Nun, Herr +McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird +beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das +vorauszuschicken. + +(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat. + +(Bohun..) Gewiss. Jetzt zu Ihrer Sache! + +(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernuenftige Mensch +wird zugeben, dass das selbstlos ist. + +(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern? + +(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben-- + +(Bohun faellt wieder ueber ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von +Ihren Gefuehlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit +Ihren Gefuehlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschaeft zu tun. +--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen +muessen. + +(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, +Herr Justizrat. + +(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die +gegenwaertige Lage Ihrer Kinder einzuwenden? + +(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen +haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.) + +(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu +aendern? + +(McNaughtan.) Ich meine, dass sie sich ruhiger, einfacher kleiden +sollten. + +(Dr. Valentine.) Unsinn! + +(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empoert, sofort in seinen +Stuhl zurueck:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn +Sie ganz fertig sind! + +(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fraeulein Clandons Kleidung +einzuwenden? + +(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig +wie die Ihre! + +(Gloria warnend:) Vater! + +(McNaughtan gibt klaeglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine +Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die +beiden juengeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr +Justizrat... wahrhaftig, ich bin ueberzeugt, Sie waeren auch der Ansicht, +dass in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes, +beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt. + +(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, dass ich ihnen ihre Kleider +aussuche? Das ist wirklich kindisch! + +(McNaughtan erhebt sich wuetend:) Kindisch!... + +(Frau Clandon steht entruestet auf.) + +/* +(McComas) ) (McNaughtan, Sie + ) (alle erbeben sich (haben versprochen-- +(Dr. Valentine) ) und sprechen (Laecherlich, sie + ) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend! +(Gloria) ) (Bitte, wollen wir uns + (nicht vernuenftig + (benehmen? +*/ + +(Laerm. Ploetzlich hoeren sie ein warnendes Glaeserklirren aus dem hinter +ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewusst um und sehen, +dass der Kellner eben aus dem Gartenschank zurueckgekehrt ist und sein +Servierbrett erklingen laesst. Waehrend er damit behutsam an den Tisch +kommt, wird es totenstill.) + +(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch +stellend:) Ihr irischer Whisky, gnaediger Herr. (McNaughtan setzt sich +ein wenig beschaemt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein +Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky +mit Soda fuer den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der +Hand. Der Kellner setzt eine grosse Bowle in die Mitte des Tisches.) +Die Weinbowle. + +(Alle nehmen ihre Plaetze wieder ein. Es herrscht Frieden.) + +(Frau Clandon demuetig zu Bohun:) Ich fuerchte, wir haben Sie +unterbrochen, Herr Justizrat. + +(Bohun ruhig:) Das haben Sie. (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten +Sie einen Augenblick. + +(Der Kellner.) Gern. Womit kann ich dienen? (Er stellt sich hinter +Bohuns Stuhl.) + +(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, dass wir Sie aufhalten. +Der Herr Justizrat wuenscht es. + +(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fuehlt:) Aber, gnaedige +Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergnuegen, der Gedankenarbeit +seines geuebten und maechtigen Geistes folgen zu duerfen--das ist sehr +anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gnaedige Frau! + +(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr +McNaughtan, wir warten auf Sie! Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die +Kleidung Ihrer Kinder zurueck oder beharren Sie dabei? + +(McNaughtan eroerternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen +Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu +denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr +ganzer Kreis. Sie haben einen grossen Abscheu vor allem, was nur +irgendwie--nur irgendwie--nun... + +(Bohun.) Na, heraus damit!... Ausgelassen?--laut? bunt? + +(McNaughtan.) Ja. Ich meine das natuerlich in keinem ruchlosen +Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden +Kinder wuerden meine Leute durch ihr Auftreten abstossen! Sie passen +nicht zu ihren eigenen Verwandten. Das ist es, worueber ich mich +beklage! + +(Frau Clandon mit unterdruecktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie +irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt? + +(Dr. Valentine.) Ganz gewiss nicht! Das ist der reinste Unsinn. +Nichts kann geschmackvoller sein. + +(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natuerlich geschmackvoll! + +(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten +englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und ueberladen +gekleidet? + +(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gnaedige Frau! +(Ueberzeugend:) O nein, gnaediger Herr, durchaus nicht! Huebsch und +geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewaehlt und nobel--sehr +fein und hochklassig! Wahrhaftig, es koennten Sohn und Tochter eines +Dechanten sein, gnaediger Herr. Man braucht sie nur anzusehen, nur +zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins +Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schluss eines Walzers +spielt, tanzen. Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden +Vierecken (I Zoll im Quadrat) von tuerkisblauer und goldfarbener Seide, +seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen. Der Rock +der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und +mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfaeden der +Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein +erlesenes, blendendes Paar, und dann zurueck in einem Kreis bis an das +Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt, +in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin +beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit +ueber den Kopf gebogenen Armen. Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der +reizend grazioes war, ist diese Pose keine sehr glueckliche und droht +mit einer Katastrophe zu enden.) + +(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter! Ich werde gleich +fallen! Papa, heben Sie mich herunter! + +(McNaughtan laeuft aengstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Haenden: +) Mein Kind! + +(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schoen, das war lieb +von Ihnen. (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Guertel, setzt +sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.) + +(McNaughtan geht sehr verbluefft an die Ottomane zurueck.) Oh, war das +lustig! O Gott! (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante; +keuchend:) Oh, Weinbowle! (Sie trinkt.) + +(Bohun mit maechtiger Stimme:) Das ist die juengere Dame, nicht wahr? + +(Dolly gleitet vom Tische herunter; geaengstigt von Bohuns maechtiger +Stimme und seinem Benehmen:) Ja. Bitte, wer sind Sie? + +(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly. Er war so +freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen. + +(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen-- + +(Philip.) Sch! + +(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch! Ist +das in Ordnung? Wuerden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn +sie sich dagegen verwahrte? + +(Dolly erroetet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an? + +(McNaughtan versoehnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter +vielleicht selbstverstaendlich. + +(Dolly hartnaeckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein +Kleid huebsch ist, will ich wissen! + +(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der +Unterwerfung.) + +(Dolly nachdruecklich:) Gefaellt es Ihnen? + +(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, dass mir das +gefaellt oder dass ich damit einverstanden bin? + +(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie koennen Sie es huebsch +finden und es dann nicht leiden moegen? + +(McComas erhebt sich aergerlich und entruestet:) Wahrhaftig, ich muss +sagen-- + +(Bohun, der Dolly mit der groessten Zustimmung angehoert hat, macht sich +sofort ueber ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas! Die +Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig! (Zu Dolly mit +furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Fraeulein Clandon,... +fahren Sie fort, rasch! + +(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch! Gehen Sie immer +so vor? + +(Bohun erhebt sich:) Jawohl. Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text +zu bringen, mein Fraeulein! Sie sind zu jung dazu. (Er nimmt den +Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn +neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich! (Dolly gehorcht wie bezaubert, +und Bohun setzt sich wieder. McComas, seines Stuhles beraubt, holt +sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:) +Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide. Sie +glauben zwar, dass Sie Ihre beiden juengsten Kinder gern bei sich haetten, +aber das wuerde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu +protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umstaenden zu:) Nein, +das gefiele Ihnen gar nicht. Sie glauben zwar, dass Sie das gern +haetten, aber ich weiss das besser als Sie. Sie verlangen, dass diese +junge Dame aufhoert, sich des Abends wie eine Buehnen-Kolombine und des +Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie +tun--niemals! Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber-- + +(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht! +(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich huebsch zu +kleiden--niemals! Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat: +nie--nie--nie, so lange Gras waechst und Wasser fliesst! + +(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!... +(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?... Zu +wem hat sie das gesagt? + +(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest: +) Herr Doktor Valentine-- + +(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht! Dies ist etwas +sehr Ernstes! Ich muss wissen, zu wem Fraeulein Clandon das gesagt +hat--ich bestehe darauf! + +(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil. Welche Nummer war es? Numero +drei oder Numero fuenf? + +(Dr. Valentine.) Numero fuenf!!!! + +(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fuenf. Es war nur ein +zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und +harmloseste Mensch von der Welt. + +(Gloria kalt:) Was wird jetzt eroertert, wenn ich fragen darf? + +(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure, +gestoert zu haben. Ich will Sie nicht laenger belaestigen, Frau Clandon. +(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor +unterdrueckter Wut, rasch durch die Fenstertuer in den Garten.) + +(Dolly.) Hm hm... + +(Philip.) Aha! + +(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat. + +(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und +sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie +wollen uns einschuechtern, Herr Justizrat. + +(Bohun.) Ich-- + +(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie! Sie glauben, dass es +nicht so ist--aber es ist so. Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln. + +(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stuecken an, +dass Sie kluge, hellkoepfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie +mir dafuer das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu +halten? + +(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--! + +(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly! Ruhe! (Dolly haelt sich den Mund.) + +(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen... + +(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch! + +(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William! + +(Philip.) Sch! + +(Bohun platzt gegen Dolly ploetzlich ganz unerwartet mit einer Frage +los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten? + +(Dolly.) Ich!... Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen... + +(McComas.) Was soll das heissen?--Herr Justizrat, natuerlich spreche ich +die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an. + +(Dolly.) Ja. Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly". +Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich +entruestet.) + +(McNaughtan erhebt sich aengstlich, um ihn zurueckzuhalten:) Beherrschen +Sie sich, McComas. Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld. + +(McComas.) Ich will keine Geduld haben! Sie tragen die +beklagenswerteste Charakterschwaeche zur Schau, mein lieber McNaughtan! +Ich finde das einfach unerhoert! + +(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schuechtern Sie Finch ein wenig fuer uns +ein. + +(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich laecherlich. Setzen +Sie sich! + +(McComas.) Ich-- + +(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie +sich--setzen Sie sich! (McComas setzt sich verdriesslich nieder, und +McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.) + +(Dolly zu Bohun demuetig:) Ich danke Ihnen. + +(Bohun.) Nun hoeren Sie mich alle an. Ich enthalte mich jeder Meinung +darueber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame +angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben. +(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich +nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das +ist die beste Loesung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, dass sie +nicht den Namen ihres Vaters traegt.--Die andere Dame hat die Absicht, +sich zu verheiraten. + +(Gloria erroetend:) Herr Justizrat! + +(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht. Sie wissen es nicht, aber es +ist so. + +(Gloria erhebt sich:) Halt! Hueten Sie sich davor, Herr Justizrat, fuer +meine Absichten einzustehen. + +(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Fraeulein Clandon. Sie +werden mich nicht unterkriegen. Ich sage Ihnen, dass Ihr Name bald +weder Clandon noch McNaughtan lauten wird. Und wenn ich wollte, +koennte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird. (Er geht an das andere +Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase +auf den Tisch. Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht +an das Fenster. Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu +verstehen, dass er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr +McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn. Ihre +Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung +erreichen koennen. + +(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen: +) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches Uebereinkommen zu +treffen. Wenn Sie Ihre Familie noetiger haben als Ihre Familie Sie, +dann werden Sie bei diesem Uebereinkommen allerdings schlecht wegkommen; +--wenn Ihre Familie Sie aber noetiger hat als umgekehrt, dann werden +Sie schon besser wegkommen. (Er schuettelt den Domino, so dass er in +Falten faellt, und ergreift die falsche Nase. Dolly starrt ihn +bewundernd an.) Die Sache liegt fuer Ihre Angehoerigen insoweit guenstig, +als sie alle persoenlich sehr angenehme Menschen sind. Und Ihre Staerke, +Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen. (Er stuelpt die falsche +Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.) + +(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus! +Ich moechte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal! Koennen Sie tanzen? +(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche, +als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.) + +(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, dass ich nicht tanzen +kann--aber ich kann es. Kommen Sie! (Er packt sie und tanzt mit ihr +durch die Fenstertuer in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener +Sicherheit und Anmut hinaus. Inzwischen stellt der Kellner geschaeftig +die Stuehle an ihre gewoehnlichen Plaetze zurueck.) + +(Philip.) "Auf! Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William! + +[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des +Uebers.)] + +(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr? + +(Philip.) Koennen Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und +zwei falsche Nasen verschaffen? + +(McComas.) Was faellt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen-- + +(McNaughtan.) Nicht doch! Was ist denn da weiter dabei? Nur einmal, +McComas! Wir wollen doch keine Spielverderber sein. + +(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, fuer den ich Sie +gehalten habe. (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge. (Er geht +angewidert zur Fenstertuer.) + +(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts fuer ungut! Wir muessen ihnen etwas +zugute halten.--Koennen Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner? + +(Der Kellner.) Gewiss, gnaediger Herr. (Er folgt ihnen an die +Fenstertuer und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen. +) Hier bitte--Sie wuenschen Dominos und Nasen? + +(McComas aergerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen. + +(Der Kellner schmelzend:) Selbstverstaendlich, gnaediger Herr: die +falsche Nase wird ganz leicht darueber gehen. Es ist viel Platz dafuer, +gnaediger Herr--viel Platz! (Er geht hinter McComas hinaus.) + +(McNaughtan wendet sich an der Fenstertuer nach Phil um mit einem +Versuch zu gemuetlicher Vaeterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm! (Er +geht.) + +(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon! +(An der Schwelle der Fenstertuer haelt er inne, blickt McNaughtan nach, +wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen +Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedaempfter Stimme zu +Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte +empfunden? (Er verschwindet.) + +(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so +ploetzlich fortgegangen? Das verstehe ich nicht. + +(Gloria verdriesslich:) Ich weiss nicht.--Doch--ich weiss es. Komm, +sehen wir ein wenig dem Tanz zu. (Sie gehen nach der Fenstertuer zu +und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten +hereinkommt, mit muerrischem Gesicht und bewoelkter Stirn.) + +(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie. Ich dachte, die +Gesellschaft waere schon auseinandergegangen. + +(Gloria noergelnd:) Warum sind Sie dann zurueckgekommen? + +(Dr. Valentine.) Ich bin zurueckgekommen, weil ich kein Geld bei mir +habe und dort ohne ein Fuenf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen +werde. + +(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor? + +(Gloria.) Kuemmere dich nicht um ihn, Mutter. Das soll eine neue +Beleidigung fuer mich sein--weiter nichts. + +(Frau Clandon kaum faehig, sich vorzustellen, dass Gloria wohlueberlegt +einen Wortwechsel heraufbeschwoeren koennte:) Gloria! + +(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes +gesagt?... Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan? + +(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, dass meine +Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste +Beleidigung. + +(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben. +Ich behaupte, dass meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen, +tadellos gewesen ist. + +(Frau Clandon aeusserst entruestet:) Herr Doktor! + +(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren +muss, dass Fraeulein Clandon andern Maennern genau dieselben Reden +gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fuenf frueheren Liebhabern +hoeren muss und einem zahmen Seeoffizier noch dazu! Oh, das ist zu arg! + +(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, dass diese Dinge +ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch +ihr. Aber ich weiss, was die Betroffenen dabei gelitten haben. (Mit +possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten +Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Ruecksichtslosigkeit der +Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die-- + +(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist +ein sentimentaler Esel! (Sie rauscht fort an den Kamin.) + +(Frau Clandon empoert:) Oh, meine teuerste Gloria! Der Herr Doktor +wird das grob finden. + +(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr! Ich bin fuer +immer von jeder Sentimentalitaet geheilt. (Er setzt sich zornig.) + +(Frau Clandon.) Sie muessen uns allen verzeihen, Herr Doktor. Die +Frauen muessen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst +verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit +aneignen koennen.--Halten Sie Gloria nicht fuer gemein. (Gloria wendet +sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht. + +(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*! + +(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch +manchen ihrer Vorzuege, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu +altmodische Ideen ueber sein eigenes Geschlecht, als dass er sich gern +einen Esel nennen liesse.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen, +was Dolly anstellen mag? (Sie gebt an die Fenstertuer. Dr. Valentine +erhebt sich.) + +(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter. Ich habe mit Herrn Doktor +Valentine ein Wort allein zu sprechen. + +(Frau Clandon ueberrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe +Gloria... (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverstaendlich, wenn du +es wuenschest. (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.) + +(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist +sechsmal so viel wert als Sie! + +(Gloria.) Nun hoere ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das +Ihnen Ehre macht. + +(Dr. Valentine.) Unsinn! Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen +haben, und lassen Sie mich gehen. + +(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute +nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrueckt. Glauben Sie, +dass ich nicht auf meiner Hut gewesen sein wuerde, wenn mir das schon +einmal passiert waere, dass ich nicht gewusst haette, was kommen wuerde, +und meine eigene elende Schwaeche gekannt haette? + +(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in +dieser Weise darueber! Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften +mit Ausnahme von Ihrer Schwaeche, wie Sie das nennen? Sie haben sich +fuer sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren +fortschrittlichen Ideen! Es hat mir Spass gemacht, die ziemlich leicht +ueber den Haufen zu werfen. + +(Gloria dreist, da sie fuehlt, dass sie jetzt mit ihm machen kann, was +sie will:) Wirklich? + +(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Gruenden habe ich das getan?--Weil es +mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwuehlen. +--Und warum hat mich das gereizt? Weil meine Natur es bitter ernst +mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte... Wer +von uns beiden ist erwacht, wie dann der grosse Augenblick gekommen +war--wer wurde aufgewuehlt in seinen tiefsten Tiefen?... Ich! Ich! +--Ich wurde hingerissen. Sie waren nur beleidigt... empoert! Sie sind +nur eine ganz alltaegliche junge Dame--zu alltaeglich, um zahmen +Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging... +weiter nichts. Ich will Sie nicht mit den ueblichen Entschuldigungen +behelligen.--Leben Sie wohl. (Er geht entschlossen zur Tuer.) + +(Gloria.) Bleiben Sie! (Er zoegert.) Aber wollen Sie auch verstehen, +dass ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die +Wahrheit sage? + +(Dr. Valentine.) Pah! Ich weiss, was Sie mir jetzt sagen wollen. Sie +glauben, dass Sie nicht alltaeglich sind--dass ich recht hatte--dass jene +Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind... Es schmeichelt Ihnen, +das zu glauben. (Sie weicht zurueck.) Nun, ich gebe zu, dass Sie in +einer Hinsicht nicht alltaeglich sind: Sie sind ein gescheites Maedchen. +(Gloria unterdrueckt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen +Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden. Ich war +Ihnen gleichgueltig... ich bin Ihnen gleichgueltig... meine Tragoedie ist +es gewesen, nicht die Ihre. Leben Sie wohl! (Er wendet sich nach der +Tuer; sie beobachtet ihn, entsetzt darueber, dass er ihrer Macht +entschluepft. Die Tuerklinke in der Hand, haelt er inne, wendet sich +dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde +auseinandergehen. + +(Gloria ausserordentlich erleichtert, kehrt ihm mit groesster +Absichtlichkeit den Ruecken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer +Wunde bald genesen. + +(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, dass er doch schliesslich Herr +der Situation ist:) Gewiss werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu +schmerzen. Schliesslich kann mir meine Gloria doch niemand rauben. + +(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie? + +(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung. + +(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung. +(Ihre Erregung beginnt staerker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.) +Die wirkliche Gloria, die empoerte...die beleidigte...die +entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie +erfuhr, dass all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der +ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht erroetet wieder ueber und ueber, +sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr. +Valentines linken Arm, um sich zu stuetzen.) + +(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe +dran, den Verstand zu verlieren! (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen +und laesst die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte +Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die +Augen schaut. Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria, +seien Sie vernuenftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller! + +(Gloria.) Koennen Sie denn keinen verdienen? Andere Leute koennen es +doch. + +(Dr. Valentine halb entzueckt, halb erschrocken:) O niemals! Ich wuerde +Sie ungluecklich machen--Teuerste, Geliebte--ich muesste ein erbaermlicher +Mitgiftjaeger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und kuesst +ihn:) O Gott! (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen +noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwoelf +Jahren genuegen nicht! + +(In einer Aufwallung von Eifersucht stoesst sie ihn von sich fort, und +er taumelt zurueck in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt. Da +tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas +folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust +herein.) + +(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin +atemlos! Sie tanzen wundervoll Walzer, William! + +(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie +konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch! Ich +habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt. + +(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf! (Dr. Valentine +erhebt sich unterwuerfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefuehl +beiseite. Sagen Sie meiner Mutter, dass wir entschlossen sind, uns zu +heiraten. + +(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens. Dr. Valentine, sprachlos vor +panischem Schrecken, starrt alle an. Er will sichtlich davonlaufen.) + +(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs! + +(Philip.) Sch! + +(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefuehle! Ich kann sie kaum beherrschen! +Ich moechte jemanden kuessen,--und in der Familie ist das verboten! +Wo ist Finch? + +(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter! + +(McNaughtan erscheint an der Fenstertuer.) + +(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht! (Sie kuesst +ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie +sie! + +(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz. Wenn ich einen +Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten. + +(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttaeuscht:) Soll das heissen, dass +du dich mit diesem Herrn verlobt hast? + +(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu +sein, oder-- + +(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater? + +(McNaughtan.) Ich wuerde gern beides sein, mein Kind, aber--!... Herr +Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefuehl-- + +(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht. Es ist einfach Wahnsinn. Wenn +wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fuenf +Schillinge anpumpen muessen, um mir die Eintrittskarte zu loesen. +--Gloria, uebereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort! Es ist das +beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus +Ihrer Familie wieder begegne. Ich werde keinen Selbstmord begehen, +ich werde nicht einmal ungluecklich sein: es wird eine Befreiung fuer +mich sein--ich--ich fuerchte mich--ich fuerchte mich wahrhaftig--es ist +die reine Wahrheit. + +(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen! + +(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverstaendlich nicht, aber +... Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernuenftig sprechen und +uns alle zur Vernunft bringen wollte! Ich kann's nicht... Wo ist +Bohun?... Bohun ist der Mann! Phil, gehen Sie und beschwoeren Sie +Bohun. + +(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe. Ich gehe. (Er laesst seine +Pritsche durch die Luft sausen und schiesst durch die Fenstertuer fort.) + +(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, dass ich +mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fuenf +Schillinge nicht Ihr Lebensglueck. Wir werden uns nur zu sehr freuen, +Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie koennen die Sache +ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird. Es +wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnuegen und eine Ehre +sein, Herr Doktor. + +(Philip erscheint wieder:) Er kommt! (Er schwingt seine Pritsche vor +dem Fenster. Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft +sie auf den Tisch, waehrend er an Philip voruebergeht und zwischen +Gloria und Dr. Valentine tritt.) + +(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat-- + +(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, +die Sache muss von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um +eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten. Sie hat etwas +Vermoegen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch +viel mehr haben. + +(McNaughtan.) Moeglich. Ich hoffe es. + +(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller. + +(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann +bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefuehl?... +Das tun die meisten vernuenftigen Vorsichtsmassregeln. Aber Sie bitten +mich um meinen Rat. Das ist er. Machen Sie einen Ehevertrag! + +(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen. + +(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, fuer meine Person, +brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat. + +(Bohun.) Sie wuerde ihn nicht befolgen. Wenn Sie ihr Mann sein werden, +wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen... (Wendet sich ploetzlich an +Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, dass Sie es werden, +aber Sie werden es nicht. Er wird an die Arbeit gehen und seinen +Unterhalt verdienen... (Wendet sich ploetzlich an Dr. Valentine:) O ja, +das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es! Sie wird +Sie schon dazu anhalten. + +(McNaughtan nur halb ueberzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie +diese Verbindung also nicht fuer unklug? + +(Bohun.) O doch! Alle Verbindungen sind unklug. Es ist unklug, +geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu +leben--und es ist klug, zu sterben. + +(Der Kellner draengt sich unauffaellig zwischen McNaughtan und Dr. +Valentine:) Wenn ich mir hoeflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann +ist es etwas Trauriges um die Weisheit. (Zu Dr. Valentine:) Glueck auf, +Herr Doktor, Glueck auf! Jeder Mensch fuerchtet die Ehe, wenn es dazu +kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr froehlich und selbst +gluecklich--von Zeit zu Zeit. Ich war niemals Herr in meinem eigenen +Hause. Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und +herrschsuechtig veranlagt. Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr +geerbt. Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben haette, ich +wuerde es wieder so leben!... ich wuerde es genau wieder so +leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie +wissen. + +(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, dass, wenn Gloria sich wirklich +entschlossen hat-- + +(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist. Wir +verpassen bloss alle Taenze. + +(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affaere +ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?-- + +(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen +Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar! Darf +ich um die Ehre bitten?--Ich danke. (Er tanzt mit Gloria fort und +verschwindet unter den Lampions, und laesst Dr. Valentine nach Luft +schnappend zurueck.) + +(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich +bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.) + +(Dolly.) Unsinn! (Weicht ihm geschickt aus und laeuft um den Tisch +herum an den Kamin:) Finch! Mein Finch! (Sie faellt ueber McComas her +und zwingt ihn zu tanzen.) + +(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er +wird durch die Fenstertuer davongerissen.) + +(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich +bitten-- + +(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Muetter! (Er ergreift seine Mutter +und wirbelt mit ihr fort.) + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas' +Schicksal.) + +(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho! +ho! (Er gebt in den Garten und kichert ueber den spass.) + +(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als +ob ich schon verheiratet waere!... + +(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen +mit liebenswuerdiger Teilnahme und schuettelt langsam den Kopf.) + +(Vorhang) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George +Bernard Shaw. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN *** + +This file should be named 7mknw10.txt or 7mknw10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7mknw11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7mknw10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Man Kann Nie Wissen + +Author: George Bernard Shaw + +Release Date: February, 2006 [EBook #9810] +[This file was first posted on October 19, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN *** + + + + +E-text prepared by Michalina Makowska + + + + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + + + + +Man Kann Nie Wissen + +(Komödie in vier Akten) + +George Bernard Shaw + +Übersetzung von Siegfried Trabisch + + + + +Die erste deutsche Ausgabe dieser Komödie führte den Titel "Der +verlorene Vater".--Die Hauptperson heißt im Original nicht Fergu +McNaughtan, sondern Fergus Crampton. Shaw, der Hauptmann sehr verehrt, +wollte die festumrissene Vorstellung, die wir mit dem Namen Crampton +verbinden, nicht stören und änderte ihn in McNaughtan um, womit +zugleich die Übertragung eines Wortwitzes möglich wurde, der im +Original eine Rolle spielt. + +Anmerkung des Übersetzers. + + + + +PERSONEN + +Frau Clandon +Gloria } +Dolly } ihre Kinder +Philip } +Dr. Valentine, Zahnarzt +Fergus McNaughtan +McComas, Rechtsanwalt +Justizrat Bohun +Ein Kellner +Ein Stubenmädchen +Ein Kellnerjunge +Ein Koch + +Ort: Ein englisches Seebad. +Zeit: 1896. + + + +ERSTER AKT + +(An einem schönen Augustmorgen des Jahres 1896 im Operationszimmer +eines Zahnarztes. Es ist nicht das übliche winzige Londoner Loch, +sondern das beste Zimmer einer möblierten Wohnung an der +Strandpromenade in einem vornehmen Seebad. Der Operationsstuhl mit +Gasschlauch und Zylinder steht zwischen der Mitte des Zimmers und +einer der Ecken. Wenn man durch das dem Stuhl gegenüberliegende +Fenster in das Zimmer hineinsieht, erblickt man den Kamin in der Mitte +der dem Beschauer gegenüberstehenden Wand. Links eine Tür. Über +dem Kaminsims befindet sich ein Diplom in einem Rahmen. Vor dem Kamin +steht ein breiter schwarzlederner Sessel, rechts in der Ecke ein +sauberer Schemel und eine Bank mit Schraubstock, Werkzeugen, einem +Mörser und einem Stößel darauf. In der Nähe dieser Bank befindet sich +ein dünnes peitschenartiges Gerät, das mit einem Ständer, einem Pedal +und einer übertrieben großen Kurbel versehen ist. Da man dieses +Marterwerkzeug als Zahnbohrer erkennt, blickt man schaudernd nach +links, wo man ein anderes Fenster, darunter einen Schreibtisch mit +Löscher und Mappe sieht. Vor dem Schreibtisch ein Stuhl. In seiner +Nähe, gegen die Türe zu, ein lederüberzogenes Sofa. Die +gegenüberliegende rechtsseitige Wand wird hauptsächlich von einem +langen Büchergestell eingenommen. Der Operationsstuhl steht dem +Beschauer dicht gegenüber; in handlicher Nähe links davon befindet +sich der Instrumentenschrank. Man bemerkt, daß die zahnärztliche +Einrichtung samt Apparaten neu ist. Die mit einem Muster von +Girlanden und Urnen geschmückten Tapeten im Geschmack eines +Leichenbestatters, der Teppich mit seiner symmetrischen Zeichnung von +reichen, kohlkopfartigen Blumensträußen, der gläserne Gaskronleuchter +mit Prismen, die ebenfalls prismengeschmückten, vergoldeten, blauen +Armleuchter in den Ecken des Kaminsimses und die Goldbronzeuhr unter +einem Glassturz zwischen ihnen, deren Nutzlosigkeit durch eine billige +amerikanische Uhr betont wird, die respektlos daneben gestellt ist und +jetzt auf zwölf Uhr mittags zeigt: alles das vereinigt sich mit dem +schwarzen Marmor, der dem Kamin das Ansehen einer Familiengruft en +miniature gibt, um Kaufmannsanständigkeit im Anfang der Regierung der +Königin Viktoria, den Glauben ans Geld, Bibelfetischismus, Furcht vor +der Hölle, die immer im Kampf mit der Furcht vor der Armut liegt, +instinktives Entsetzen vor dem leidenschaftlichen Charakter der Kunst, +der Liebe und der römisch-katholischen Kirche, und im allgemeinen die +ersten Früchte der Geldherrschaft in den Anfängen der industriellen +Revolution anzudeuten.) + +(Nicht das Leiseste von diesen Traditionen liegt über den zwei +Personen, die jetzt gerade im Zimmer sind. Die eine davon, eine sehr +hübsche, sehr kleine Dame, deren winzige Figur mit der elegantesten +Lebhaftigkeit gekleidet ist, gehört einer späteren Generation an: sie +ist kaum achtzehn Jahre alt. Dieses liebe kleine Geschöpf gehört +offenbar weder zu dem Zimmer, noch auch zu dem Lande; denn seine +Gesichtsfarbe, obgleich sehr zart, ist von einer heißeren Sonne als +der Englands gebräunt worden; aber trotzdem besteht für einen sehr +feinen Beobachter ein Zusammenhang zwischen der jungen Dame und +England. Sie hält nämlich ein Wasserglas in der Hand, und auf ihrem +winzigen, energisch geschnittenen Mund wie auf ihren eigentümlich +geschweiften Augenbrauen bemerkt man eine sich rasch verziehende Wolke +spartanischer Hartnäckigkeit. Wenn man die kleinste Gewissenslinie +zwischen ihren Augenbrauen entdecken könnte, würde ein Pietist wohl +die schwache Hoffnung hegen, in ihr ein Schaf im Wolfspelz zu +finden--ihr Kleid ist nämlich verwünscht hübsch--aber sowie die Wolke +flieht, ist ihre Stirnlinie so vollkommen frei von jedem +Sündenbewußtsein wie die eines Kätzchens.) + +(Der Zahnarzt, der sie mit der Selbstzufriedenbeit des erfolgreichen +Operateurs betrachtet, ist ein junger Mann von ungefähr dreißig Jahren. +Er macht nicht sehr den Eindruck eines Arbeitsmenschen: unter der +geschäftsmäßigen Art und Weise des neuetablierten Zahnarztes, der auf +der Suche nach Patienten ist, bemerkt man die leichtsinnige +Liebenswürdigkeit des noch unverheirateten, auf der Suche nach +lustigen Abenteuern befindlichen jungen Mannes von Welt. Er ist nicht +ohne Ernst im Benehmen, aber seine straff gespannten Nasenflügel +stempeln diesen zum Ernste eines Humoristen. Seine Augen sind klar, +flink, von skeptisch mäßiger Größe und doch ein wenig wagelustig; +seine Stirn ist prächtig, hinter ihr ist viel Raum; seine Nase und +sein Kinn sind kavaliermäßig hübsch. Im ganzen ein anziehender, +beachtenswerter Anfänger, dessen Aussichten ein Geschäftsmann ziemlich +günstig einschätzen würde.) + + +(Die junge Dame ihm das Glas reichend:) Danke schön. (Trotz ihrer +mattgelben Hautfarbe spricht sie ohne den geringsten fremden Akzent.) + +(Der Zahnarzt setzt es auf den Rand des Instrumentenschrankes:) Das +war mein erster Zahn! + +(Die junge Dame entsetzt:) Ihr erster?!... Wollen Sie damit sagen, +daß Sie an mir angefangen haben, zu praktizieren? + +(Der Zahnarzt.) Jeder Zahnarzt muß einmal mit jemandem den Anfang +machen. + +(Die junge Dame.) Jawohl, mit jemandem im Spital--aber nicht mit +Leuten, die bezahlen. + +(Der Zahnarzt lachend:) Oh, das Spital zählt natürlich nicht!... Ich +meinte nur: mein erster Zahn in meiner Privatpraxis.--Warum wollten +Sie kein Lachgas haben? + +(Die junge Dame.) Weil Sie mir sagten, daß das noch fünf Schilling +extra kostete. + +(Der Zahnarzt unangenehm berührt:) Oh, sagen Sie das nicht! Da hab' +ich das Gefühl, als hätte ich Ihnen wegen der fünf Schillinge weh +getan. + +(Die junge Dame mit kühler Dreistigkeit:) Nun, das haben Sie auch. +(Sie steht auf:) Warum auch nicht?... Es ist Ihr Beruf, den Leuten +weh zu tun. (Es macht ihm Spaß, in dieser Weise behandelt zu werden, +und er kichert heimlich, während er fortfährt, seine Instrumente zu +reinigen und wieder wegzulegen. Sie schüttelt ihr Kleid zurecht, +blickt sich neugierig um und gebt an das Fenster.) Sie haben aber +wirklich eine schöne Aussicht auf das Meer von diesen Zimmern aus! +--Sind sie teuer? + +(Der Zahnarzt.) Ja. + +(Die junge Dame.) Ihnen gehört aber nicht das ganze Haus? + +(Der Zahnarzt.) Nein. + +(Die junge Dame kippt den Stuhl, der vor dem Schreibtisch steht, um +und betrachtet ihn kritisch, während sie ihn auf einem Fuß +herumwirbelt:) Ihre Einrichtung ist aber nicht die allermodernste; +nicht wahr? + +(Der Zahnarzt.) Sie gehört dem Hausherrn. + +(Die junge Dame.) Gehört ihm dieser hübsche bequeme Rollstuhl auch? +(Sie zeigt auf den Operationsstuhl.) + +(Der Zahnarzt.) Nein, den habe ich gemietet. + +(Die junge Dame geringschätzig:) Das habe ich mir gedacht! (Sie +blickt umher, um noch mehr Schlüsse ziehen zu können:) Sie sind wohl +noch nicht lange hier? + +(Der Zahnarzt.) Seit sechs Wochen.--Wünschen Sie sonst noch etwas zu +wissen? + +(Die junge Dame, an der die Anspielung verloren gebt:) Haben Sie +Familie? + +(Der Zahnarzt.) Ich bin unverheiratet. + +(Die junge Dame.) Selbstverständlich. Das sieht man.--Ich meine +Schwestern... eine Mutter... und sowas. + +(Der Zahnarzt.) Nicht hier am Ort. + +(Die junge Dame.) Hm... Wenn Sie sechs Wochen hier sind und mein Zahn +der erste war, dann kann Ihre Praxis nicht sehr groß sein? + +(Der Zahnarzt.) Bis jetzt nicht. (Er schließt den Schrank, nachdem er +alles in Ordnung gebracht hat.) + +(Die junge Dame.) Nun denn, Glück auf! (Sie nimmt ihre Börse aus der +Tasche:) Fünf Schillinge macht es, sagten Sie, nicht wahr? + +(Der Zahnarzt.) Fünf Schillinge. + +(Die junge Dame nimmt ein Fünf-Schilling-Stück heraus:) Rechnen Sie +für jede Operation fünf Schillinge? + +(Der Zahnarzt.) Ja. + +(Die junge Dame.) Warum? + +(Der Zahnarzt.) Das ist mein System. Ich bin eben, was man einen +Fünf-Schilling-Zahnarzt nennt. + +(Die junge Dame.) Wie nett!--Hier! (Sie hält das Silberstück in die +Höhe:) Ein hübsches neues Fünf-Schilling-Stück--Ihre erste Einnahme! +Machen Sie mit dem Instrument, mit dem Sie den Leuten die Zähne +anbohren, da ein Loch hinein und tragen Sie's an Ihrer Uhrkette. + +(Der Zahnarzt.) Danke sehr. + +(Das Stubenmädchen erscheint an der Tür:) Der Bruder der jungen Dame. + +(Die hübsche Miniaturausgabe eines Mannes, augenscheinlich der +Zwillingsbruder der jungen Dame, tritt lebhaft ein. Er trägt einen +terrakottfarbenen Kaschmiranzug; der elegant geschnittene Rock ist mit +brauner Seide gefüttert. In der Hand hält er einen braunen Zylinder +und dazu passende, loh*braune Handschuhe. Er hat die mattgelbe +Gesichtsfarbe seiner Schwester und ist nach demselben kleinen Maßstabe +gebaut wie sie. Aber er ist elastisch, muskulös und von +entschlossenen Bewegungen und hat eine unerwartet tiefe und schneidige +Sprechwiese. Er besitzt vollendete Manieren und einen vollendeten +persönlichen Stil, um den ihn ein doppelt so alter Mann beneiden +könnte. Anmut und Selbstbeherrschung sind ihm Ehrensache, und +obgleich dies, richtig betrachtet, nur die moderne Art knabenhafter +Verlegenheit ist, so ist doch die Wirkung seines Wesens auf ältere +Leute verblüffend und wäre bei einem weniger für sich einnehmenden +jungen Menschen unerträglich. Er ist die Schlagfertigkeit selbst und +hat im Augenblick seines Eintretens eine Frage bereit:) + +(Der junge Mann.) Komme ich noch zu rechter Zeit? + +(Die junge Dame.) Nein, es ist schon alles vorüber. + +(Der junge Mann.) Hast du geheult? + +(Die junge Dame.) Oh, fürchterlich! Herr Doktor Valentine--mein +Bruder Phil. Phil: das ist Herr Dr. Valentine, unser neuer Zahnarzt. +(Dr. Valentine und Philip verneigen sich voreinander. Sie fährt in +einem Atem fort:) Er ist erst seit sechs Wochen hier und ist +Junggeselle. Das Haus gehört ihm nicht, und die Einrichtung gehört +seinem Hausherrn, aber die nötigen Gegenstände für seinen Beruf hat er +gemietet. Er hat meinen Zahn wundervoll auf den ersten Ruck +herausgekriegt. Und wir sind sehr gute Freunde. + +(Philip.) Du hast wohl eine Menge Fragen gestellt, was? + +(Die junge Dame als ob sie unfähig wäre, das zu tun:) O nein! + +(Philip.) Das freut mich. (Zu Dr. Valentine:) Sehr liebenswürdig von +Ihnen, nichts gegen uns zu haben, Herr Doktor. Wir sind nämlich noch +nie in England gewesen, und unsere Mutter hat uns darauf vorbereitet, +daß die Leute uns hier einfach nicht ertragen würden.--Kommen Sie, +frühstücken Sie mit uns. + +(Dr. Valentine erschreckt über das Tempo, in dem ihre Bekanntschaft +fortschreitet, ringt nach Atem, aber er hat keine Gelegenheit zu +sprechen, da die Unterhaltung der Zwillinge reißend und andauernd ist.) + +(Die junge Dame.) O ja, sagen Sie zu, Herr Doktor! + +(Philip.) Im Marine-Hotel um halb zwei. + +(Die junge Dame.) Wir werden dann Mama erzählen können, daß ein +achtbarer Engländer versprochen hat, mit uns zu frühstücken. + +(Philip.) Kein Wort mehr, Herr Doktor; Sie werden kommen! + +(Dr. Valentine.) Kein Wort mehr?... Ich habe überhaupt noch kein Wort +gesagt... Darf ich fragen, mit wem ich eigentlich die Ehre habe?... +Es ist mir wirklich ganz unmöglich, mit zwei mir vollständig +Unbekannten im Marine-Hotel zu frühstücken. + +(Die junge Dame vorlaut:) Ach, was für ein Unsinn!... Ein Patient in +sechs Wochen! Kann Ihnen doch ganz einerlei sein? + +(Philip gesetzt:) Nein, Dolly: meine Menschenkenntnis bestätigt Herrn +Doktor Valentines Ansicht; er hat recht.--Erlauben Sie, daß ich Ihnen +Fräulein Dorothea Clandon, gewöhnlich Dolly genannt; vorstelle. (Dr. +Valentine verneigt sich vor Dolly. Sie nickt ihm zu.) Ich bin Philip +Clandon--wir sind aus Madeira--aber trotzdem bis jetzt ganz achtbare +Leute. + +(Dr. Valentine.) Clandon?... Sind Sie verwandt mit-- + +(Dolly mit einem unerwarteten Verzweiflungsschrei:) ja, wir sind's! + +(Dr. Valentine erstaunt:) Verzeihen Sie-- + +(Dolly.) Ja, ja, wir sind es!... Alles ist zu Ende, Phil! Man weiß +alles über uns in England! (Zu Dr. Valentine:) Oh, Sie können sich +nicht vorstellen, wie entsetzlich es ist, mit einer berühmten +Persönlichkeit verwandt zu sein und nirgends um seiner selbst willen +geschätzt zu werden. + +(Dr. Valentine.) Aber entschuldigen Sie: der Herr, an den ich dachte, +ist durchaus nicht berühmt. + +(Dolly ihn anstarrend:) Der Herr?... + +(Philip ist auch erstaunt.) + +(Dr. Valentine.) Ja. Ich wollte Sie fragen, ob Sie zufällig die +Tochter des Herrn Densmore Clandon aus Newbury Hall sind. + +(Dolly ausdruckslos:) Nein. + +(Philip.) Na, Dolly, woher weißt du das? + +(Dolly aufgeheitert:) Oh, ich vergaß, natürlich--vielleicht bin ich's! + +(Dr. Valentine.) Wissen Sie das nicht? + +(Philip.) Ganz und gar nicht. + +(Dolly.) Ein kluges Kind-- + +(Philip sie kurz unterbrechend:) Sch! (Dr. Valentine fährt bei diesem +Laut ängstlich zusammen. Obwohl er kurz ist, klingt er doch so, als +ob ein Stück Seidenzeug durch einen Blitz entzweigeschnitten würde. +Er ist das Resultat langer Übung und soll Dollys Indiskretion +verhindern.) Die Sache ist die, Herr Doktor: wir sind die Kinder der +berühmten Frau Lanfrey Clandon, einer Schriftstellerin von großem +Ruf--in Madeira. Kein Haushalt ist vollkommen ohne ihre Werke. Wir +sind nach England gekommen, um diese Werke los zu werden. Sie heißen +"Abhandlungen für das zwanzigste Jahrhundert". + +(Dolly.) Die Küche des zwanzigsten Jahrhunderts!-- + +(Philip.) Das Glaubensbekenntnis des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Die Kleidung des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Philip.) Das Betragen des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Die Kinder des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Philip.) Die Eltern des zwanzigsten Jahrhunderts-- + +(Dolly.) Geheftet einen halben Dollar-- + +(Philip.) Oder auf Leinwand aufgezogen, zum häufigen Familiengebrauch, +zwei Dollar. In keinem Hause sollten diese Werke fehlen.--Lesen Sie +sie, Herr Doktor; sie werden Ihre Seele veredeln. + +(Dolly.) Aber nicht, solange wir hier sind, wenn ich bitten darf. + +(Philip.) Richtig! Wir ziehen Leute mit unveredelten Seelen vor. +Unsere eigene Seele befindet sich nämlich in dieser frischen und +unverdorbenen Verfassung. + +(Dr. Valentine zweifelhaft:) Hm! + +(Dolly ahmt ihn fragend nach:) Hm...?--Phil, er zieht Leute vor, deren +Seelen veredelt sind. + +(Philip.) Wenn das der Fall ist, müssen wir ihn mit dem andern +Familienglied bekannt machen, mit der "Frau des zwanzigsten +Jahrhunderts", unserer Schwester Gloria! + +(Dolly dithyrambisch:) Dem Meisterwerk der Schöpfung! + +(Philip.) Der Tochter der Wissenschaft! + +(Dolly.) Dem Stolz Madeiras! + +(Philip.) Dem Inbegriff der Schönheit! + +(Dolly wird plötzlich prosaisch:) Unsinn, keinen Teint! + +(Dr. Valentine verzweifelt:) Darf ich endlich auch ein Wort sagen? + +(Philip höflich:) Entschuldigen Sie--bitte. + +(Dolly sehr liebenswürdig:) Verzeihen Sie. + +(Dr. Valentine versucht, väterlich zu ihnen zu sein:) Ich muß euch +jungen Leuten wirklich einen Wink geben. + +(Dolly bricht wieder aus:) Na, das ist wirklich gut! Wie alt sind Sie? + +(Philip.) Über dreißig. + +(Dolly.) Nein. + +(Philip zuversichtlich:) Doch! + +(Dolly emphatisch:) Siebenundzwanzig! + +(Philip unerschütterlich:) Dreiunddreißig! + +(Dolly.) Unsinn! + +(Philip zu Dr. Valentine:) Ich wende mich an Sie, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine sich verwahrend:) Nein wirklich--(Er ergibt sich:) +Einunddreißig. + +(Philip zu Dolly:) Du hast also unrecht gehabt! + +(Dolly.) Du auch! + +(Philip plötzlich gewissenhaft:) Wir vergessen unsere gute Erziehung, +Dolly. + +(Dolly reuig:) Ja, das tun wir. + +(Philip sich entschuldigend:) Wir haben Sie unterbrochen, Herr Doktor. + +(Dolly.) Ich glaube, Sie waren eben im Begriff, unsere Seele zu +veredeln. + +(Dr. Valentine.) Tatsache ist, daß Ihr-- + +(Philip ihm zuvorkommend:) Unser Aussehen?... + +(Dolly.) Unsere Manieren?... + +(Dr. Valentine ad misericordiam:) Ich beschwöre Sie, lassen Sie mich +sprechen! + +(Dolly.) Die alte Geschichte--wir reden zu viel! + +(Philip.) Das tun wir. Schweigen wir alle beide! (Er setzt sich auf +den Arm des Operationsstuhles.) + +(Dolly.) Mm! (Sie setzt sich auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und +hält ihre Lippen mit den Fingerspitzen zu.) + +(Dr. Valentine.) Danke. (Er holt den Schemel von der Bank in der Ecke, +stellt ihn zwischen sie und setzt sich mit einer richterlichen Miene. +Sie beobachten ihn mit größtem Ernst. Er wendet sich zuerst an Dolly: +) Darf ich Sie vor allem fragen, ob Sie schon jemals in einem +englischen Seebad gewesen sind? (Sie schüttelt langsam und feierlich +den Kopf. Er wendet sich zu Phil, der auch rasch und ausdrucksvoll +seinen Kopf schüttelt.) Das habe ich mir gedacht!... Nun, Herr +Clandon, unsere Bekanntschaft ist erst von kurzer Dauer, aber von +großer Redseligkeit gewesen, und ich habe genug beobachtet, um +überzeugt zu sein, daß Sie beide keine Ahnung haben, was das Leben in +einem englischen Seebade bedeutet. Glauben Sie mir, es kommt weder +auf die Manieren noch auf das Aussehen an... was das betrifft, +genießen wir eine in Madeira unbekannte Freiheit. (Dolly schüttelt +heftig den Kopf.) O ja, das dürfen Sie mir glauben. Lord de Crescis +Schwester radelt in Kniehosen, und die Pastorsfrau tritt für +Reformkleider ein und trägt hygienische Schuhe. (Dolly blickt +verstohlen nach ihren eigenen Schuhen. Dr. Valentine bemerkt das und +fügt flink hinzu:) Nein, das ist nicht die Art Schuh, die ich meine. +(Dollys Schuh verschwindet.) Wir machen uns nicht viel aus Kleidern +und Manieren in England, weil wir, als Volk, weder gut gekleidet sind +noch Manieren haben. Aber--und nun frage ich Sie: Nehmen Sie's mir +nicht übel, wenn ich aufrichtig bin? (Sie nicken.) Ich danke.--Nun, +eins müssen Sie in einem englischen, Seebad haben, bevor irgend jemand +sich mit Ihnen sehen lassen darf--und das ist ein Vater... ein +lebendiger oder ein toter. (Er sieht sie abwechselnd mit Nachdruck an. +Sie begegnen seinen Blicken wie Märtyrer.) Muß ich annehmen, daß Sie +diesen unumgänglich nötigen Bestandteil Ihrer gesellschaftlichen +Ausrüstung außer acht gelassen haben? (Sie stimmen ihm durch +melancholisches Kopfnicken zu.) Dann muß ich Ihnen leider sagen, falls +Sie die Absicht haben, längere Zeit hierzubleiben, daß es mir +unmöglich sein wird, Ihre liebenswürdige Einladung zum Frühstück +anzunehmen. (Er erheht sich, als ob er nun Schluß machen wollte, und +setzt den Schemel wieder an die Wand.) + +(Philip erheht sich mit ernster Höflichkeit:) Komm, Dolly! (Er reicht +ihr den Arm.) + +(Dolly.) Adieu. (Sie gehen zusammen mit vollendeter Würde zur Tür.) + +(Dr. Valentine von Gewissensbissen überwältigt:) O bleiben +Sie--bleiben Sie! (Sie bleiben stehen und wenden sich Arm in Arm um.) +Ich komme mir wirklich wie ein vollkommener Tölpel vor. + +(Dolly.) Daran ist Ihr Gewissen schuld, nicht wir. + +(Dr. Valentine energisch, läßt allen Anspruch auf berufsmäßige +Manieren beiseite:) Mein Gewissen?... Mein Gewissen hat mich zugrunde +gerichtet.--Hören Sie mich an!... Ich habe mich schon zweimal in +verschiedenen Teilen Englands als achtbarer praktischer Arzt +niedergelassen. Beide Male bin ich gewissenhaft gewesen und habe +meinen Patienten statt dessen, was sie hören wollten, immer die nackte +Wahrheit gesagt. Die Folge davon war mein Ruin.--Nun habe ich mich +hier als Zahnarzt niedergelassen--als Fünf-Schilling-Zahnarzt, und +habe ein für allemal mit dem Gewissen abgeschlossen; dies hier ist +meine letzte Hoffnung. Ich habe mein letztes Goldstück für den Umzug +ausgegeben und habe noch keinen Schilling Miete bezahlt. Ich esse und +trinke auf Kredit, mein Hausherr ist reich wie ein Jude und hart wie +Stahl. In sechs Wochen habe ich fünf Schillinge verdient. Wenn ich +um Haaresbreite vom geraden Wege der strengsten Achtbarkeit abweiche, +so bin ich verloren.--Ist es unter solchen Umständen recht und billig, +mich zum Frühstück einzuladen, wenn Sie ihren eigenen Vater nicht +kennen? + +(Dolly.) Na, schließlich ist unser Großvater Stiftsherr der +Lincoln-Kathedrale.-- + +(Dr. Valentine wie ein Schiffbrüchiger, der ein Segel am Horizont +sieht:) Was? Sie haben einen Großvater? + +(Dolly.) Nur einen. + +(Dr. Valentine.) Meine lieben guten jungen Freunde, um des Himmels +willen, ja warum habt ihr mir das denn nicht gleich gesagt?... Ein +Stiftsherr der Lincoln-Kathedrale! Das bringt natürlich alles in +Ordnung!--Entschuldigen Sie mich einen Augenblick; ich will nur meinen +Rock wechseln. (Er ist mit einem Satz an der Türe und verschwindet. +Dolly und Philip starren ihm erst nach, dann starren sie einander an. +Da sie ohne Publikum sind, sinken sie sofort in sich zusammen und +werden Alltagsmenschen.) + +(Philip stößt Dollys Arm fort und gebt übellaunig zum Operationsstuhl: +) Dieser elende bankerotte Zahnschlosser tut so, als ob es für uns +eine Ehre wäre, ihm ein Frühstück zu bezahlen! Wahrscheinlich seit +Monaten sein erstes anständiges Essen! (Er gibt dem Stuhl einen Stoß, +als ob der Dr. Valentine wäre.) + +(Dolly.) Das ist doch zu stark! Ich kann das nicht länger ertragen, +Phil! Hier in England fragt einen jeder Mensch sofort, ob man einen +Vater hat oder nicht. + +(Philip.) Ich will es auch nicht länger ertragen. Mama muß uns sagen, +wer er war! + +(Dolly.) Oder wer er ist! Vielleicht lebt er noch. + +(Philip.) Das will ich nicht hoffen. Kein lebender Mensch soll sich +mir als Vater aufspielen! + +(Dolly.) Vielleicht hat er aber eine Menge Geld?! + +(Philip.) Das bezweifle ich. Meine Menschenkenntnis sagt mir, daß er +seine liebe volle Familie nicht so leicht los geworden wäre, wenn er +eine Menge Geld besessen hätte... Immerhin, trachten wir, die Dinge +im günstigsten Licht zu sehn. Verlaß dich darauf, er ist tot! (Er +geht an den Kamin, bleibt mit dem Rücken gegen das Feuer stehen und +streckt sich. Das Stubenmädchen erscheint. Die Zwillinge strahlen +gleich wieder in ihrem früheren Glanz, als sie sich beobachtet wissen.) + +(Das Stübenmadchen.) Zwei Damen fragen nach Ihnen, gnädiges Fräulein. +Ich glaube, die Frau Mutter und das Fräulein Schwester. + +(Frau Clandon und Gloria treten ein. Frau Clandon ist eine Dame +zwischen vierzig und fünfzig, mit einer leichten Neigung zu sanftem, +seßhaftem Fett und einem ansehnlichen Rest von Schönheit--letzterem +nicht um so weniger darum, als sie offenbar der alten Frauensitte +gefolgt ist, d.h. nach der ehelichen Verbindung keine Ansprüche in +dieser Beziehung mehr erhoben hat. Man könnte sie fast verdächtigen, +zu Hause eine Haube zu tragen. Sie trägt sich mit Kunst und gut, wie +es Frauen als ein Teil guter Manieren von Tanz- und Anstandslehrern +gelehrt wurde, bevor diese durch den modernen künstlerischen Kultus +von Schönheit und Gesundheit verdrängt wurden. Ihr flachsblondes, von +Silberfäden durchzogenes Haar ist gewellt, in der Mitte gescheitelt, +geflochten und hinten zu einem Knoten gewunden. Gute Beobachter eines +gewissen Alters können daraus schließen, daß Frau Clandon in ihrer +Mädchenzeit genügend Individualität und guten Geschmack besessen hat, +um sich der seither vergessenen Mode des Chignons energisch zu +widersetzen. In Kürze: sie ist in Kleidern und Manieren für ihr Alter +auffallend unmodern, aber sie gehört in das Vordertreffen ihrer +eigenen Zeit (etwa 1860-80), in einer eifersüchtig betonenden Haltung +des Charakters und Verstandes und darin, daß sie eher eine Frau mit +kultivierten Interessen als mit leidenschaftlich entwickelten +persönlichen Neigungen ist. Ihre Stimme und die Art, sich zu geben, +sind durchaus freundlich und menschlich. Sie gibt sich gewissenhaft +den gelegentlichen Liebkosungen hin, durch die ihre Kinder ihr ihre +Achtung bezeugen, jedoch machen Kundgebungen persönlichen Gefühls sie +heimlich verlegen. In ihr lebt mehr menschenfreundliches als +menschliches Gefühl; sie begt starke Gefühle, was soziale Fragen und +Grundsätze, nicht aber was Menschen betrifft; nur kann man beobachten, +daß diese ihre Verständigkeit und außerordentliche Zurückhaltung im +Persönlichen, die ihre Beziehungen zu Gloria und Phil nicht anders +erscheinen lassen, als es die zwischen ihr und den Kindern irgendeiner +anderen Frau sein könnten, in Dollys Fall nicht standhält;--obgleich +fast jedes Wort, das sie an diese richtet, notwendig ein Protest gegen +irgendeinen Bruch des Dekorums ist, so ist doch die Zärtlichkeit in +ihrer Stimme hier unverkennbar, und es ist nicht überraschend, daß +eine jahrelang so geartete Kundgebung Dolly rettungslos verzogen hat.) + +(Gloria hat die Zwanzig kaum überschritten, ist aber eine viel +furchterregendere Dame als ihre Mutter. Sie ist die Verkörperung +geistigen Hochmuts. Ihrem heftigen, unduldsamen, berrschsüchtigen +Charakter hält bloß die Unerfahrenheit ihrer Jugend die Wage, und +gegen ihren Willen wird er in Zucht gehalten durch die fortgesetzte +Gefahr, von ihren jüngeren leichtlebigeren Geschwistern lächerlich +gemacht zu werden. Im Gegensatz zu ihrer Mutter ist sie ganz +Leidenschaft, und der Kampf zwischen ihrer Leidenschaft, ihrem +hartnäckigen Stolz und ihrer übertriebenen Feinheit hat eine eisige +Kälte des Betragens zur Folge. Bei einer häßlichen Frau würde das +alles abstoßend wirken; aber Gloria ist eine anziehende Frau. Ihr +tief kastanienbraunes Haar, ihre olivenfarbene Haut, ihre langen +Wimpern, die grauen beschatteten Augen, die oft wie Sterne glänzen, +zart geschweifte, volle Lippen und eine volle, geschmeidige, jedoch +muskelkräftige Gestalt sprechen in hochmütiger Freimütigkeit zu +Einbildungskraft und Sinnen. Man könnte sie für ein sehr gefährliches +Mädchen halten, wenn Glorias sittlicher Eifer nicht auch in einer sehr +edlen Stirn zum Ausdruck käme. Ihr tailor-made Kleid aus +safranbraunem Tuch erscheint von rückwärts gesehen konventionell, aber +eine Bluse von meergrüner Seide hebt das Konventionelle der Kleidung +mit einem Schlage auf und unterscheidet sie sofort--so wie die +Zwillinge--von den gewöhnlichen modernen Strandmenschen.) + +(Frau Clandon macht ein paar Schritte vorwärts und blickt umher, um zu +sehen, wer da ist. Gloria, die es absichtlich vermeidet, den +Zwillingen irgendein Interesse für sie zu zeigen, geht an das Fenster +und blickt, in Gedanken versunken, ins Weite.--Das Stubenmädchen, +anstatt sich zurückzuziehen, schließt die Tür und wartet davor.) + +(Frau Clandon.) Na, Kinder!... Hast du noch Zahnschmerzen, Dolly? + +(Dolly.) Geheilt! Gott sei Dank. Ich hab' ihn mir herausziehen +lassen. (Sie setzt sich auf die Stufe des Operationsstuhls. Frau +Clandon nimmt den Sessel, der vor dem Schreibtisch steht.) + +(Philip mischt sich vom Kamin aus gravitätisch ins Gespräch:) Und der +Zahnarzt, ein erstklassiger Fachmann von größtem Ruf, wird mit uns +frühstücken. + +(Frau Clandon sieht sich ängstlich nach dem Stubenmädchen um:) Phil! + +(Das Stubenmädchen.) Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich warte auf den +Herrn Doktor. Ich habe ihm etwas auszurichten. + +(Dolly.) Von wem? + +(Frau Clandon verdrießlich:) Dolly! + +(Dolly faßt ihre Lippen mit den Fingerspitzen und unterdrückt einen +kleinen Heiterkeitsausbruch.) + +(Das Stubenmädchen.) Bloß vom Hausherrn, gnädiges Fräulein. + +(Dr. Valentine kommt in einem blauen Serge-Anzug, mit einem Strohhut +in der Hand, in bester Laune zurück, ganz atemlos infolge der Eile, +mit der er sich umgezogen hat. Gloria wendet sich vom Fenster ab und +mustert ihn mit kalter Aufmerksamkeit.) + +(Philip.) Erlauben Sie, daß ich Sie bekannt mache, Herr Doktor.--Meine +Mutter, Frau Lanfrey Clandon. + +(Frau Clandon verneigt sich, Dr. Valentine verneigt sich, selbstbewußt +und der Situation gewachsen.) Meine Schwester Gloria. (Gloria +verneigt sich mit kalter Würde und setzt sich auf das Sofa. Dr. +Valentine verliebt sich auf den ersten Blick und ist entsetzlich +verwirrt. Er dreht seinen Hut nervös zwischen den Fingern und macht +Gloria eine schüchterne Verbeugung.) + +(Frau Clandon.) Ich höre, daß wir das Vergnügen haben werden, Sie +heute zum Frühstück bei uns zu sehen, Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Ich danke--ich--wenn Sie gestatten--ich meine, wenn +Sie so liebenswürdig sein wollen--(Zum Stubenmädchen verdrossen:) Was +ist los? + +(Das Stubenmädchen.) Der Hausherr wünscht Sie zu sprechen, bevor Sie +ausgehen, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Sagen Sie ihm, daß ich mit vier Patienten beschäftigt +bin. (Die Clandons sehen überrascht aus, mit Ausnahme von Philip, der +unerschütterlich ruhig bleibt.) Aber wenn er etwa zwei Minuten warten +wollte, so würde ich hinunterkommen und ihn einen Augenblick sprechen. +(Er verläßt sich darauf, daß sie die Situation begreift.) Sagen Sie +ihm, daß ich zu tun habe, aber daß ich mit ihm zu sprechen wünsche. + +(Das Stubenmädchen bestätigend:) Jawohl, Herr Doktor. (Sie gebt ab.) + +(Frau Clandon im Begriff aufzustehen:) Ich fürchte, wir halten Sie auf. + +(Dr. Valentine.) Durchaus nicht, durchaus nicht! Ihre Anwesenheit +wird hier von größtem Vorteil für mich sein. Ich bin nämlich seit +sechs Wochen die Miete schuldig und habe bis zum heutigen Tage keinen +einzigen Patienten gehabt. Meine Unterredung mit dem Hausherrn wird +nun infolge des sichtlichen Aufschwungs meines Geschäftes viel besser +ablaufen. + +(Dolly ärgerlich:) O wie gräßlich langweilig von Ihnen, das alles +auszuplaudern! Und wir haben gerade eben behauptet, daß Sie ein +hochangesehener Fachmann allerersten Ranges sind. + +(Frau Clandon entsetzt:) O Dolly! Dolly! wie kannst du so grob sein! +(Zu Dr. Valentine:) Bitte, entschuldigen Sie meine Kinder, diese +Barbaren, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine.) O bitte, bitte, ich bin schon an sie gewöhnt.--Wäre +es unbescheiden, wenn ich Sie bitten würde, fünf Minuten zu warten, +während ich unten meinen Hausherrn abfertige? + +(Dolly.) Aber beeilen Sie sich, wir sind hungrig! + +(Frau Clandon wieder protestierend:) Aber liebe Dolly! + +(Dr. Valentine zu Dolly:) Gut, gut! (Zu Frau Clandon:) Besten Dank. +Sie sind sehr gütig--ich werde nicht lange ausbleiben. (Während er +abgeht, wirft er einen raschen Blick auf Gloria. Sie betrachtet ihn +sehr ernst. Er wird sehr verlegen.) Ich--äh--äh--ja--ich danke--ich +danke Ihnen... (Es gelingt ihm endlich, sich aus dem Zimmer zu +drücken, aber sein Abgang ist bemitleidenswert.) + +(Philip.) Habt ihr gesehen? (Auf Gloria zeigend:) Liebe auf den +ersten Blick. Du kannst seinen Skalp deiner Sammlung einreihen, +Gloria. + +(Frau Clandon.) Scht! scht... ich bitte dich, Phil! Er kann es gehört +haben! + +(Philip.) Ach, der nicht--! (sich zu einer Szene vorbereitend:) Und +nun gib acht, Mama. (Er nimmt den Schemel, der neben der) + +(Bank steht, und setzt sich majestätisch in die Mitte des Zimmers, die +vorhergegangene Demonstration Valentines kopierend.) + +(Dolly fühlt, daß ihr Platz auf der Stufe des Operationsstuhles nicht +der Würde dieses Anlasses entspricht; sie erhebt sich und schaut +wichtig und entschlossen drein. Sie geht an das Fenster und lehnt +sich mit dem Rücken gegen die Kante des Schreibtisches, ihre Hände +hinter sich auf den Tisch legend.) + +(Frau Clandon betrachtet beide, verwundert, was da kommen wird.) + +(Gloria wird aufmerksam.) + +(Philip streckt sich, legt die Handknöchel symmetrisch auf die Knie +und trägt seinen Fall vor:) Dolly und ich, wir haben letzthin +mancherlei besprochen, und infolge meiner Menschenkenntnis glaube ich +nicht, glauben wir nicht, daß du... (er spricht sehr pointiert, mit +Pausen zwischen den Worten:) die Tatsache in ihrer ganzen Tragweite +erfaßt hast... + +(Dolly setzt sich mit einem Satz auf den Tisch:)... daß wir erwachsen +sind! + +(Frau Clandon.) Wirklich?... In welcher Beziehung habe ich euch Anlaß +zu Klagen gegeben? + +(Philip.) Nun, wir fangen an zu fühlen, daß es gewisse Dinge gibt, +über die du uns etwas mehr ins Vertrauen ziehen könntest. + +(Frau Clandon erhebt sich.) Die ganze Sanftmut ihres Alters ist +plötzlich fort, und eine merkwürdig harte, würdevolle, aber verbissene, +vornehme, jedoch unerschütterliche Aufregung, die Art der alten +Vorkämpferin der Frauenbewegung, überkommt sie:) Phil, nimm dich in +acht! Vergiß nicht, was ich dich immer gelehrt habe! Es gibt zwei +Arten des Familienlebens, Phil, und deine Menschenkenntnis erstreckt +sich vorläufig nur auf die eine. (Rhetorisch:) Die Art, die du kennst, +ist auf gegenseitige Achtung gegründet, auf der Anerkennung des +Rechtes eines jeden Mitglieds des Hauses, auf Unabhängigkeit und +Selbstbestimmung (ihre Betonung des Wortes "Selbstbestimmung" ist +bedeutsam:) in seinen persönlichen Angelegenheiten. Und weil du +dieses Recht immer genossen hast, scheint es dir so selbstverständlich, +daß du es nicht mehr schätzest;--aber (mit beißender Schärfe:) es +gibt noch eine andere Art des Familienlebens. Ein Leben, in dem +Ehemänner die Briefe ihrer Frauen öffnen und von ihnen Rechenschaft +für jeden Pfennig ihrer Ausgaben und jeden Augenblick ihrer Zeit +verlangen, ein Familienleben, in welchem Frauen dasselbe von ihren +Kindern fordern! Ein Familienleben, in welchem kein Zimmer +abgeschlossen und keine Stunde heilig ist, in welchem Pflicht, +Gehorsam, Liebe, Heim, Sittlichkeit und Religion verabscheuenswerte +Tyrannen sind und das Dasein eine vulgäre Kette von Strafen und Lügen +bedeutet, von Zwang und Unterdrückung, Eifersucht, Argwohn und +gegenseitigem Beschuldigen--oh! Ich kann es dir nicht beschreiben: zu +deinem Glück weißt du nichts davon. (Sie setzt sich und holt Atem. + +(Gloria hat mit glänzenden Augen zugehört und teilt den ganzen +Unwillen ihrer Mutter.) + +(Dolly ganz unempfänglich für Rhetorik:) Siehe "Die Eltern des +zwanzigsten Jahrhunderts", Kapitel über Freiheit, passim. + +(Frau Clandon berührt liebevoll ihre Schulter, selbst durch ein +Spottwort von ihr besänftigt:) Meine liebe Dolly, wenn du nur +wüßtest, wie froh ich bin, daß dir das alles nur einen Scherz +bedeutet, so bitter ernst es mir auch ist. (Wendet sich etwas +entschlossener zu Philip:) Phil, ich frage dich niemals nach deinen +Privatangelegenheiten; du wirst dir doch nicht einfallen lassen, mich +nach den meinigen zu fragen--wie? + +(Philip.) Ich glaube, wir sind es uns selbst schuldig, zu erklären, +daß die Frage, die wir an dich richten wollen, ebensosehr unsere +Angelegenheit wie die deine ist. + +(Dolly.) Überdies kann's nicht gut sein, daß jemand eine Menge Fragen +in seinem Innern verschlossen herumtragen soll. Das hast du getan, +Mama! Aber schau, wie entsetzlich es dafür aus mir hervorbricht. + +(Frau Clandon.) Ich sehe, ihr müßt eure Frage stellen. Also tut es. + +(Dolly) und (Philip gleichzeitig:) Wer--(Sie halten inne.) + +(Philip.) Nun aber, Dolly! Soll ich diese Angelegenheit führen oder +du? + +(Dolly.) Du. + +(Philip.) Dann halte deinen Mund. (Dolly tut das in des Wortes +buchstäblicher Bedeutung:) Der Fall ist einfach folgender: Als der +Zahnschlosser-- + +(Frau Clandon protestierend:) Phil! + +(Philip.) Zahnarzt ist ein häßliches Wort. Der Mann des Goldes und +des Elfenbeins fragte uns also, ob wir die Kinder des Herrn Densmore +Clandon aus Newbury Hall wären. Gemäß deinen, in der Abhandlung über +das Betragen im zwanzigsten Jahrhundert, ausgesprochenen Lehren und +deinen uns wiederholt persönlich erteilten Ermahnungen, die Zahl +unserer unnötigen Lügen zu beschränken, haben wir wahrheitsgetreu +geantwortet, daß wir es nicht wüßten. + +(Dolly.) Das wußten wir auch nicht! + +(Philip.) Sch! Die Folge davon war, daß der Gummiarchitekt bezüglich +der Annahme unserer Einladung große Schwierigkeiten machte, obgleich +ich bezweifle, daß er in den letzten vierzehn Tagen etwas anderes +genossen hat als Tee und Butterbrot.--Nun bin ich aber dank meiner +Menschenkenntnis zu der Überzeugung gelangt, daß wir einen Vater +gehabt haben müssen und daß du wahrscheinlich weißt, wer das war. + +(Frau Clandon, deren Erregung wiederkehrt:) Halt, Phil! Dein Vater +bedeutet weder etwas für dich noch für mich. (Heftig:) Das genügt! +(Die Zwillinge schweigen, sind aber nicht befriedigt. Sie machen +lange Gesichter.) + +(Gloria, die dem Streit aufmerksam zugehört hat, mengt sich plötzlich +ein. Vortretend:) Mutter, wir haben ein Recht zu wissen, wer unser +Vater ist! + +(Frau Clandon erhebt sich und wendet sich zu ihr:) Gloria! "Wir?" Wer +ist "wir"? + +(Gloria, entschlossen:) Wir drei. (Ihr Ton ist nicht mißzuverstehen, +sie setzt zum ersten Male ihre Entschlossenheit der ihrer Mutter +feindlich entgegen. Die Zwillinge treten sofort zum Feinde über.) + +(Frau Clandon verletzt:) "Wir" pflegte sonst in deinem Munde "du und +ich" zu bedeuten, Gloria. + +(Philip erhebt sich entschlossen und setzt den Schemel beiseite:) Wir +tun dir weh--also lassen wir's sein. Wir dachten nicht, daß es dich +so unangenehm berühren könnte. Ich will es nicht wissen. + +(Dolly den Tisch verlassend:) Ich schon gar nicht.--Oh, schau nicht +so traurig drein, Mama! (Sie blickt ärgerlich auf Gloria.) + +(Frau Clandon führt ihr Taschentuch rasch an die Augen und setzt sich +wieder:) Ich danke dir, Liebling. Ich danke dir, Phil. + +(Gloria unerbittlich:) Es ist unser gutes Recht, das zu erfahren, +Mutter! + +(Frau Clandon entrüstet:) Ah! Du bestehst also darauf! + +(Gloria.) Sollen wir es nie erfahren? + +(Dolly.) O Gloria--nicht doch! Das ist unmenschlich! + +(Gloria mit ruhigem Hohn:) Was hat man davon, wenn man schwach ist? +Du hörst, was hier mit diesem Herrn geschehen ist, Mutter. Ganz +dasselbe ist auch mir widerfahren. + +/* +(Frau Clandon) Was meinst du? +(Dolly) }(alle zusammen:) O erzähle! +(Philip) Was ist dir passiert? +*/ + +(Gloria.) Oh, nichts von Belang! (Sie wendet sich ab und geht an den +Armstuhl vor dem Kamin, in den sie sich, fast mit dem Rücken gegen die +andern, niederläßt. Da alle erwartungsvoll schweigen, fügt sie, über +die Schulter sprechend, mit gemachter Gleichgültigkeit hinzu:) An Bord +des Schiffes hat mir der erste Offizier die Ehre erwiesen, um meine +Hand anzuhalten. + +(Dolly.) Nein, um meine Hand! + +(Frau Clandon.) Der erste Offizier?... Ist das dein Ernst, +Gloria?--Was hast du ihm geantwortet? (Sich verbessernd:) +Entschuldige, ich bin nicht berechtigt, danach zu fragen. + +(Gloria.) Die Antwort war ziemlich einfach: ein Mädchen, das nicht +einmal weiß, wer sein Vater ist, kann einen solchen Antrag nicht +annehmen. + +(Frau Clandon.) Du wolltest ihn doch sicherlich auch nicht annehmen? + +(Gloria wendet sich ein wenig um und erhebt ihre Stimme:) Nein. Aber +gesetzt den Fall, ich hätte Lust gehabt-- + +(Philip.) Hat diese Schwierigkeit dich auch abgehalten, Dolly? + +(Dolly.) Nein. Ich habe seinen Antrag angenommen. + +/* +(Gloria) Was? +(Frau Clandon) }(alle zugleich rufen:) Dolly! +(Philip) Na, ich muß sagen! +*/ + +(Dolly naiv:) Er sah so blödsinnig aus! + +(Frau Clandon.) Aber warum hast du das getan, Dolly? + +(Dolly.) Aus Spaß wahrscheinlich. Er mußte meinem Finger für den +Ehering Maß nehmen. Du hättest das auch getan. + +(Frau Clandon.) Nein, Dolly, das hätte ich nicht! Tatsächlich hat mir +der erste Offizier einen Heiratsantrag gemacht; aber ich habe ihm +gesagt, er möge sich derlei Scherze für Frauen aufheben, die jung +genug wären, daran Spaß zu haben... Er scheint meinen Rat befolgt zu +haben. (Sie erhebt sich und geht an den Kamin:) Gloria, ich bedauere, +daß du mich für schwach hältst. Aber ich kann dir nicht sagen, was du +verlangst. Ihr seid alle zu jung. + +(Philip.) Das ist ein überraschendes Außerachtlassen der Prinzipien +des zwanzigsten Jahrhunderts. + +(Dolly zitierend:) "Beantworte alle Fragen deiner Kinder und +beantworte sie aufrichtig, sobald sie alt genug sind, sie zu stellen. +"--Siehe "Die Mutterpflichten im zwanzigsten Jahrhundert"-- + +(Philip.) Seite eins-- + +(Dolly.) Kapitel eins + +(Philip.) Satz eins. + +(Frau Clandon.) Liebe Kinder, ich habe nicht gesagt, daß ihr zu jung +seid, um es zu erfahren--ich sagte, ihr wäret zu jung, um von mir ins +Vertrauen gezogen zu werden.--Ihr seid sehr begabte Kinder--alle-- +aber es freut mich um euretwillen, daß ihr noch sehr unerfahren seid +und daher auch sehr teilnahmslos. Ich aber habe Erfahrungen gesammelt, +über die ich nur mit Leuten sprechen könnte, die durchgemacht haben, +was ich durchgemacht habe. Ich hoffe, daß ihr euch für solche +Mitteilungen nie eignen werdet. Aber ich will dafür sorgen, daß ihr +alles, was ihr wissen möchtet, erfahren sollt.--Genügt euch das? + +(Philip.) Ein neuer Vorwurf, Dolly! + +(Dolly:) Wir sind teilnahmslos! + +(Gloria lehnt sich in ihrem Stuhl vor und sieht ernst zu ihrer Mutter +auf:) Mutter, so hab' ich's nicht gemeint; teilnahmslos wollt' ich +nicht sein. + +(Frau Clandon zärtlich:) Gewiß nicht, mein Herz.--Glaubst du, daß ich +dich nicht verstehe? + +(Gloria sich erhebend:) Aber Mutter-- + +(Frau Clandon etwas zurückweichend:) Ja?... + +(Gloria hartnäckig:) Es ist Unsinn, zu behaupten, daß unser Vater uns +nichts angehe. + +(Frau Clandon zu plötzlichem Entschluß herausgefordert:) Erinnerst du +dich an deinen Vater? + +(Gloria nachdenklich, als wenn die Erinnerung eine zärtliche wäre:) +Ich weiß es nicht bestimmt... ich glaube. + +(Frau Clandon grimmig:) Du weißt es nicht bestimmt? + +(Gloria.) Nein. + +(Frau Clandon mit ruhiger Festigkeit:) Gloria, wenn ich dich jemals +geschlagen hätte, (Gloria weicht zurück, Philip und Dolly sind +unangenehm berührt; alle drei starren sie empört an, während sie +schonungslos fortfährt:)--absichtlich geschlagen--ganz klar +bewußt--in der Absicht, dir weh zu tun--mit einer eigens für diesen +Zweck gekauften Peitsche... glaubst du, daß du dich daran erinnern +würdest? + +(Gloria stößt einen Ruf beleidigter Abwehr aus:) Oh! + +(Frau Clandon:) Das würde deine letzte Erinnerung an deinen Vater +gewesen sein, wenn ich euch nicht von ihm fortgenommen hätte. Ich +habe ihn eurem Leben ferngehalten: haltet ihr ihn nun dem meinen fern, +indem ihr nie wieder in meiner Gegenwart von ihm redet. + +(Gloria bedeckt einen Augenblick schaudernd ihr Gesicht mit den Händen. +Da sie jemanden vor der Tür hört, wendet sie sich ab und tut so, als +wäre sie damit beschäftigt, die Namen der Bücher im Bücherschrank zu +besehen.) + +(Frau Clandon setzt sich auf das Sofa.) + +(Dr. Valentine kehrt zurück:) Ich hoffe, ich habe Sie nicht allzu +lange warten lassen. Mein Hausherr ist wirklich ein außergewöhnlicher +Kerl! + +(Dolly lebhaft:) Oh, erzählen Sie uns das!--Auf wie lange hat er Ihnen +die Zahlungsfrist verlängert? + +(Frau Clandon außer sich über ihres Kindes Manieren:) Dolly! Dolly! +Liebe Dolly! Gewöhne dir doch das Fragen ab! + +(Dolly verstellt demütig:) O bitte, verzeihen Sie... Aber Sie werden +es uns erzählen--nicht wahr, Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Die Miete will er gar nicht haben. Er hat sich an +einer brasilianischen Nuß einen Zahn gebrochen und mich gebeten, ihn +zu untersuchen und dann mit ihm zu frühstücken. + +(Dolly.) So rufen Sie ihn herein und ziehen Sie ihm den Zahn gleich +aus; dann wollen wir ihn auch zum Frühstück mitnehmen! Sagen Sie dem +Mädchen, sie soll ihn heraufholen. (Sie läuft zur Glocke und klingelt +energisch. Dann wendet sie sich mit plötzlichem Bedenken zu Dr. +Valentine und fügt hinzu:) Ich nehme an, daß er ein angesehener Mann +ist... wirklich angesehen? + +(Dr. Valentine.) Sicherlich! Nicht wie ich. + +(Dolly.) Ganz gewiß? + +(Frau Clandon ringt schwach nach Atem, aber ihre Kraft zum +Protestieren ist erschöpft.) + +(Dr. Valentine.) Ganz gewiß! + +(Dolly.) Dann los--bringen Sie ihn herauf! + +(Dr. Valentine blickt zögernd auf Frau Clandon:) Ohne Zweifel würde er +entzückt sein, wenn--wenn-- + +(Frau Clandon erhebt sich und sieht auf die Uhr:) Ich würde mich sehr +freuen, Ihren Freund kennen zu lernen, wenn Sie ihn zum Kommen bewegen +können. Aber ich kann jetzt nicht auf ihn warten; ich habe um +dreiviertel eins im Hotel eine Verabredung mit einem alten Freund, den +ich achtzehn Jahre lang--seit ich England verließ--nicht gesehen habe. +--Wollen Sie mich also entschuldigen, bitte? + +(Dr. Valentine.) Gewiß, Frau Clandon. + +(Gloria.) Soll ich mitkommen? + +(Frau Clandon.) Nein, mein Kind. Ich will allein sein. + +(Sie geht ab, sichtlich noch ziemlich erregt. Dr. Valentine öffnet +ihr die Tür und folgt ihr.) + +(Philip bedeutungsvoll zu Dolly:) Hm hm... + +(Dolly bedeutungsvoll zu Philip:) Aha! (Das Stubenmädchen hat dem +Glockenzeichen Folge geleistet:) Führen Sie den alten Herrn herauf. + +(Das Stubenmädchen verblüfft:) Gnädiges Fräulein? + +(Dolly.) Den alten Herrn mit den Zahnschmerzen. + +(Philip.) Den Hausherrn! + +(Das Stubenmädchen.) Herrn McNaughtan? + +(Philip.) Heißt er McNaughtan? + +(Dolly zu Philip:) Das klingt rheumatisch, nicht wahr? + +(Philip.) Wahrscheinlich hat er Gichtknoten. + +(Dolly über die Schulter zum Stubenmädchen:) Führen Sie Herrn +Gichtknoten herauf. + +(Das Stubenmädchen verbessernd:) Herrn McNaughtan, gnädiges Fräulein. +(Ab.) + +(Dolly wiederholt den Namen wie eine Lektion:) +McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan--McNaughtan... (Sie setzt sich +nachdenklich an den Schreibtisch:) Ich muß diesen Namen lernen, oder +der Himmel weiß, wie ich ihn nennen werde. + +(Gloria.) Phil, kannst du an diese entsetzliche Mitteilung glauben, +die uns die Mutter eben über unsern Vater gemacht hat? + +(Philip.) Oh, es gibt viele Menschen solchen Schlages. Der alte +Chamico pflegte seine Frau und seine Töchter mit einer Pferdepeitsche +durchzubleuen. + +(Dolly verachtungvoll:) Ja, ein Portugiese! + +(Philip.) Menschen, die Tiere sind, haben immer viel Ähnlichkeit, ob +es nun Portugiesen oder Engländer sind, Dolly. Verlaß dich auf meine +Menschenkenntnis. (Er nimmt seine Stellung auf dem Kaminteppich mit +einem verantwortlichen altklugen Aussehen wieder ein.) + +(Gloria mit bekümmertem Gewissen:) Ich glaube nicht, daß wir jemals +unser altes Rätselspiel "wer mag unser Vater sein" wieder spielen +werden.--Dolly, tut's dir um deinen Vater leid--den Vater mit dem +vielen Geld? + +(Dolly.) Und du, wie steht es mit deinem Vater, dem einsamen alten +Mann, mit dem zärtlichen kummervollen Herzen? Der ist dir nun auch +durch die Binsen gegangen, wie es scheint. + +(Philip.) Es steht außer Zweifel, daß der alte Herr ein zerplatzter +Aberglauben ist. (Man hört Dr. Valentine vor der Tür mit jemandem +sprechen:) Aber still--er kommt! + +(Gloria nervös:) Wer? + +(Dolly.) Gichtknoten. + +(Philip.) Sch! Aufgepaßt! (Sie nehmen ihre besten Manieren zusammen.) + +(Philip setzt mit leiser Stimme zu Gloria hinzu:) Wenn er fein +genugist, daß man ihn zum Frühstück einladen kann, nick' ich Dolly zu; +und wenn sie dir zunickt, lad ihn sofort ein. + +(Dr. Valentine kehrt mit seinem Hausherrn zurück. Herr Fergus +McNaughtan ist ein Mann von ungefähr sechzig Jahren, groß, abgehärtet +und sehnig, mit einem furchtbar hartnäckigen, übellaunigen, +habgierigen Mund und einer gebieterisch streitsüchtigen Stimme. Dabei +ist er ungemein nervös und empfindlich, was man an seiner dünnen, +durchsichtigen Haut und an seinen schmalen Fingern erkennen kann. +Seine daraus folgende Fähigkeit, unter der Unbeliebtheit, die sein +Temperament und seine Halsstarrigkeit über ihn bringen, stark zu +leiden, kommt in seinen ernsten, schmerzlichen Augen zum Ausdruck, in +dem klagenden Ton seiner Stimme, einem schmerzlichen Mangel an +Vertrauen auf das Willkommen, das man ihm bieten wird, und in einer +fortgesetzten, aber nicht sehr erfolgreichen Bemühung, seine angeboren +unhöflichen Manieren zu verbessern und seine Empfindlichkeit +abzustreifen. Seine kühn geschweiften Brauen und seine Stirn +verraten deutlich einen befähigten Menschen; ein Zeichen +beschränkter Geldmittel oder geschäftlichen Mißkredits ist an ihm +nicht bemerkbar. Er ist gut gekleidet und könnte auf den ersten +Blick für den wohlhabenden Chef einer von einer alten Familie der +Geschäftsaristokratie ererbten Firma gehalten werden. Sein +marineblaue Rock ist nicht nach dem üblichen modernen Muster; es ist +nicht gerade ein Lotsenrock, aber der Zuschnitt seines Anzugs, die +großen Knöpfe und breiten Aufschläge würden besser auf eine +Schiffswerft als in ein Kontor passen. Er hat Gefallen an Dr. +Valentine gefunden, der sich aus seiner Vierschrötigkeit nichts macht +und ihn mit einer respektlosen Menschlichkeit behandelt, für die er Dr. +Valentine heimlich dankbar ist.) + +(Dr. Valentine.) Darf ich die Herrschaften bekannt machen?--Herr +McNaughtan--Fräulein Dorothea Clandon--Herr Philip Clandon--Fräulein +Gloria Clandon. (McNaughtan steht da und verbeugt sich nervös. Sie +verbeugen sich alle:) Nehmen Sie Platz, Herr McNaughtan. + +(Dolly auf den Operationsstuhl zeigend:) Das ist der bequemste Stuhl, +Herr--McNaughtan. + +(McNaughtan.) Ich danke. Aber will nicht das gnädige Fräulein da +sitzen--? (Er zeigt auf Gloria, die neben dem Stuhl steht.) + +(Gloria.) Ich danke Ihnen, Herr McNaughtan. Wir wollen gerade gehn. + +(Dr. Valentine weist ihn mit gutmütiger Entschiedenheit nach dem Stuhl: +) Setzen Sie sich--setzen Sie sich. Sie sind müde. + +(McNaughtan.) Na, da ich weitaus der Älteste unter den Anwesenden bin, +darf ich vielleicht--(Er beendigt den Satz, indem er sich mit etwas +gichtischer Gebärde in den Operationsstuhl setzt. Inzwischen nickt +Philip, der ihn während seines Ganges durch das Zimmer kritisch +studiert hat, Dolly zu, und Dolly nickt Gloria zu.) + +(Gloria.) Wenn wir recht verstanden haben, sind wir schuld, daß Herr +Dr. Valentine nicht mit Ihnen frühstückt; da wir ihn mithaben wollen. +Meine Mutter wird sich nur sehr freuen, wenn Sie auch mitkommen. + +(McNaughtan, nachdem er sie einen Augenblick ernst betrachtet hat, +dankbar:) Ich danke Ihnen, ich werde mit Vergnügen erscheinen. + +/* (Gloria) (murmeln:) Ich danke Ihnen sehr für... (Dolly) } (höflich: +) Es freut uns außerordentlich, daß... (Philip) Wir sind wirklich +entzückt, Ihre... */ + +(Die Unterhaltung stockt. Gloria und Dolly blicken erst einander und +dann Dr. Valentine und Philip an. Die beiden Männer, der Lage nicht +gewachsen, sehen von ihnen fort, einander in die Augen und sind +augenscheinlich dadurch so verwirrt, daß sie wieder zurückschauen und +den Augen von Gloria und Dolly begegnen. So sucht einer das Auge des +andern der Reihe nach, und sie sehen alle auf nichts und sind total +verlegen. McNaughtan sieht sich um und wartet auf die andern, bevor +er beginnt. Das Stillschweigen fängt an, unerträglich zu werden.) + +(Dolly plötzlich, um die Unterhaltung aufrechtzuerhalten:) Wie alt +sind Sie, Herr McNaughtan? + +(Gloria schnell:) Ich fürchte, wir müssen eilen, Herr Doktor.--Es +bleibt also dabei, daß wir uns um halb zwei Uhr im Marinehotel treffen. +(Sie geht zur Tür, Philip folgt ihr, Dr. Valentine geht an den +Glockenzug.) + +(Dr. Valentine.) Punkt halb zwei. (Er klingelt:) Vielen Dank. (Er +begleitet Gloria und Philip zur Tür und geht mit ihnen hinaus.) + +(Dolly, die sich inzwischen zu McNaughtan hingeschlichen hat:) Lassen +Sie sich Lachgas geben--das kostet noch fünf Schillinge extra, aber +die Sache ist es wert. + +(McNaughtan belustigt:) Ausgezeichnet! (Sie ernster betrachtend:) Sie +wollen also wissen, wie alt ich bin--wirklich? Ich bin +siebenundfünfzig. + +(Dolly mit Überzeugung:) Sie sehen auch so alt aus. + +(McNaughtan grimmig:) Jawohl, das ist wahrscheinlich der Fall. + +(Dolly.) Warum sehen Sie mich so forschend an? Ist etwas an mir nicht +in Ordnung? (Sie befühlt ihren Hut, ob er in Ordnung ist.) + +(McNaughtan.) Sie erinnern mich an wen. + +(Dolly.) An wen? + +(McNaughtan.) Nun--Sie haben eine merkwürdige Ähnlichkeit mit meiner +Mutter. + +(Dolly ungläubig:) Mit Ihrer Mutter?!... Meinen Sie nicht vielleicht +mit Ihrer Tochter? + +(McNaughtan bricht plötzlich haßerfüllt aus:) Nein--verlassen Sie sich +darauf, daß ich nicht meine Tochter meine! + +(Dolly teilnahmsvoll:) Tut Ihnen der Zahn sehr weh? (McNaughtan.) +Nein, nein--es ist nichts. Ein Anfall von Erinnerungen, nicht von +Zahnschmerzen, Fräulein Clandon. + +(Dolly.) Heraus damit! "Wurzelnden Gram ausreuten dem +Gedächtnis"[*]--mit Lachgas, fünf Schillinge extra. + +[Footnote *: MacBeth, 5. Akt, 3. Szene (Schlegel und Tieck).] + +(McNaughtan rachsüchtig:) Nein, kein Schmerz. Eine Beleidigung, die +mir einst zugefügt wurde! Ich kann Beleidigungen nicht vergessen--und +ich will sie nicht vergessen! (Sein Gesicht legt sich in +unversöhnliche Falten.) + +(Dolly McNaughtans Ausdruck kritisch betrachtend:) Ich glaube nicht, +daß wir Sie werden leiden mögen, wenn Sie über erlittenem Unrecht +brüten. + +(Philip der unbeobachtet wieder eingetreten ist und sich hinter Dolly +geschlichen hat:) Meine Schwester meint es ehrlich, Herr McNaughtan, +aber sie ist indiskret.--Nun, Dolly, fort! (Er geht mit ihr zur Tür.) + +(Dolly in einem vollkommen hörbaren Flüsterton:) Er behauptet, daß er +erst siebenundfünfzig ist--er hält mich für das Ebenbild seiner +Mutter--er haßt seine Tochter--und... (Sie wird durch die Rückkehr Dr. +Valentines unterbrochen.) + +(Dr. Valentine.) Fräulein Clandon ist schon voraus. + +(Philip.) Vergessen Sie nicht--Punkt halb zwei. + +(Dolly.) Bitte, lassen Sie Herrn McNaughtan so viel Zähne übrig, daß +er mit uns essen kann. (Sie gehen ab.) + +(Dr. Valentine kommt herab zu seiner Instrumentenlade und öffnet sie.) + +(McNaughtan.) Das ist ein verzogenes Kind, Herr Doktor! Das richtige +Früchtchen der modernen Erziehung! Als ich im Alter dieser jungen +Dame war, hatte ich immer die letzte Tracht Prügel frisch in der +Erinnerung, um mich gute Manieren zu lehren. + +(Dr. Valentine nimmt Zahnspiegel und Sonde von der seiner Lade +gegenüber befestigten Platte:) Wie gefiel Ihnen ihre Schwester? +(McNaughtan.) Die war Ihnen lieber, nicht wahr! + +* * * * * + +(Dr. Valentine überschwenglich:) Sie hat mich ergriffen, als ein +Wesen--(Er besinnt sich und fügt prosaisch hinzu:) Doch das hat nichts +mit dem Geschäft zu tun. (Er stellt sich hinter McNaugthans rechte +Schulter und nimmt seinen berufsmäßigen Ton an:) Aufmachen, bitte. + +(McNaughtan öffnet den Mund.) + +(Dr. Valentine steckt den Spiegel hinein und untersucht seine Zähne:) +Hm!... Na, den haben Sie nett abgebrochen--wie schade! So ein +prächtiges Gebiß zu ruinieren!--Warum knacken Sie damit Nüsse auf? +(Er zieht den Spiegel zurück und tritt vor, um mit McNaugthan zu +sprechen.) + +(McNaughtan.) Ich habe immer mit den Zähnen Nüsse geknackt--wozu hat +man sie denn? (Entschieden:) Das richtige Mittel, seine Zähne in +gutem Zustand zu erhalten, besteht darin, daß man sie an Knochen und +Nüssen genügend abnützt und sie täglich mit Seife putzt--mit +gewöhnlicher Schmierseife! + +(Dr. Valentine.) Seife?... Warum mit Seife? + +(McNaughtan.) Als Junge fing ich damit an, weil man mich dazu anhielt, +und seitdem hab' ich's immer getan. Und ich hab' in meinem ganzen +Leben keine Zahnschmerzen gehabt! + +(Dr. Valentine.) Finden Sie das nicht ziemlich ekelhaft? + +(McNaughtan.) Ich habe gefunden, daß die meisten Dinge, die mir gut +getan haben, ekelhaft waren; aber ich wurde angelernt, mich damit +abzufinden, und man sorgte dafür, daß ich mich damit abfand. Jetzt +bin ich daran gewöhnt;--wahrhaftig, ich liebe den Geschmack, wenn die +Seife wirklich gut ist. + +(Dr. Valentine macht gegen seine Absicht eine Grimasse:) Sie scheinen +sehr sorgfältig erzogen worden zu sein, Herr McNaughtan. + +(McNaughtan grimmig:) Jedenfalls bin ich nicht verzogen worden! + +(Dr. Valentine lächelt vor sich hin:) Sind Sie dessen ganz sicher? + +(McNaughtan.) Wie meinen Sie das? + +(Dr. Valentine.) Nun, Ihre Zähne sind gut--ich gebe es zu; aber ich +habe in manchem Mund, der mit sich sehr nachsichtig umging, ebenso +gute gesehn. (Er geht an den Rand der Lade und vertauscht die Sonde +mit einer andern.) + +(McNaugthan.) Es kommt nicht auf die Zähne an, sondern auf den +Charakter. + +(Dr. Valentine versöhnlich:) Oh! Auf den Charakter--ich verstehe. +(Er nimmt die Behandlung wieder auf:) Etwas weiter, bitte--hm!... Der +da wird heraus müssen--er ist nicht mehr zu retten. (Er zieht die +Sonde zurück und tritt wieder seitwärts an den Stuhl, um zu plaudern:) +Fürchten Sie sich nicht, Sie werden gar nichts fühlen; ich werde Ihnen +Lachgas geben. + +(McNaughtan.) Unsinn, Mensch! Ich brauche kein Lachgas! Heraus damit! +Zu meiner Zeit hat man den Leuten beigebracht, notwendige Schmerzen +zu ertragen. + +(Dr. Valentine.) Oh! Wenn Sie Schmerzen gern mögen--schön. Ich werde +Ihnen so weh tun, wie Sie nur wollen--ohne für den günstigen Einfluß +auf Ihren Charakter irgendeinen Preisaufschlag zu verlangen. + +(McNaughtan erhebt sich und starrt ihn an:) Junger Mann, Sie schulden +mir sechs Wochen Miete! + +(Dr. Valentine.) Richtig. + +(McNaughtan.) Können Sie mich bezahlen? + +(Dr. Valentine.) Nein. + +(McNaughtan zufrieden mit seinem Vorteil:) Das habe ich mir gedacht. +--Wann, glauben Sie, werden Sie zahlungsfähig sein, da Sie nichts +Besseres wissen, als sich über Ihre Patienten lustig zu machen? (Er +setzt sich wieder.) + +(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr McNaughtan. Meine Patienten haben +nicht alle ihren Charakter an Schmierseife gebildet. + +(McNaughtan packt ihn plötzlich am Arm, während Dr. Valentine sich +wieder nach der Lade wendet:) Desto schlimmer für sie! Ich sage Ihnen, +Sie verstehen meinen Charakter nicht! Wenn ich all meine Zähne +entbehren könnte ich würde sie mir, einen nach dem andern, von Ihnen +ziehen lassen, um Ihnen zu zeigen, was ein tüchtiger, abgehärteter +Mann aushalten kann, wenn er sich einmal dazu entschlossen hat. (Er +nickt Dr. Valentine zu, um diese Erklärung zu bekräftigen, und läßt +ihn los.) + +(Dr. Valentine, dessen sorglose Scherzhaftigkeit sich gar nicht stören +läßt:) Und Sie wollen noch mehr abgehärtet werden, nicht wahr? + +(McNaughtan.) Ja. + +(Dr. Valentine schlendert fort zur Glocke:) Für mich sind Sie als +Hausherr--schon abgehärtet genug. + +(McNaughtan quittiert diesen Scherz mit einem Brummen grimmigen Humors.) + +(Dr. Valentine klingelt und fragt in heiterer, beiläufiger Weise, +während er auf die Antwort wartet:) Warum haben Sie nie geheiratet, +Herr McNaughtan? Eine Frau und Kinder würden Ihnen Ihre Abhärtung +schon ein wenig ausgetrieben haben. + +(McNaughtan mit unerwarteter Wildheit:) Was zum Teufel geht Sie das +an?! + +(Das Stubenmädchen erscheint an der Tür.) + +(Dr. Valentine höflich:) Bitte, etwas warmes Wasser. (Sie zieht sich +zurück, und Dr. Valentine geht wieder an die Lade, durch McNaughtans +Grobheit durchaus nicht aus dem Konzept gebracht. Er setzt die +Unterhaltung fort, während er eine Zange aussucht und sie sich zur +Hand legt, zusammen mit einem Sperrholz und einem Trinkglas:) Sie +fragten eben, was zum Teufel mich das angeht... Nun, ich habe vor, +mich selbst zu verheiraten. + +(McNaughtan mit brummiger Ironie:) Natürlich, Mensch--natürlich! Wenn +ein junger Mann auf den letzten Heller heruntergekommen ist und in +vierundzwanzig Stunden von seinem Hausherrn gepfändet werden soll, +dann heiratet er. Das habe ich schon öfter beobachtet.--Gut, heiraten +Sie und werden Sie unglücklich! + +(Dr. Valentine.) Oh, gehen Sie, was wissen Sie davon? + +(McNaughtan.) Ich bin kein Junggeselle! + +(Dr. Valentine.) Dann gibt es also eine Frau McNaughtan? + +(McNaughtan zusammenzuckend, mit einem Gefühl des Unwillens:) Ja--der +Teufel soll sie holen! + +(Dr. Valentine unerschütterlich:) Hm!... Am Ende sind Sie auch Vater, +nicht nur Ehemann, Herr McNaughtan? + +(McNaughtan.) Drei Kinder! + +(Dr. Valentine höflich:) Der Teufel soll sie holen--was? + +(McNaughtan eifersüchtig:) Nein, Herr: die Kinder gehören mir so gut +wie ihr. + +(Das Stubenmädchen bringt einen Krug heißes Wasser herein.) + +(Dr. Valentine.) Danke. (Er nimmt ihr den Krug ab und bringt ihn an +den Stuhl; dann fährt er in dem gleichen nachlässigen Ton fort:) Ich +möchte wirklich gern Ihre Familie kennen lernen, Herr McNaughtan. (Er +gießt etwas warmes Wasser in das Trinkglas.) + +(Das Stubenmädchen geht hinaus.) + +(McNaughtan.) Ich bedaure, Sie nicht vorstellen zu können. Ich bin so +glücklich, nicht zu wissen, wo sie alle sind, und ich bin's zufrieden, +solange sie mir nicht in den Weg kommen. + +(Dr. Valentine tut mit einer Bewegung seiner Augenbrauen und Schultern +die leise an den Glasrand klirrende Zange in das Glas heißen Wassers.) + +(McNaughtan.) Meinetwegen brauchen Sie das Dings da nicht zu wärmen; +ich habe keine Angst vor dem kalten Stahl. (Dr. Valentine beugt sich +vor, um den Gasschlauch und den Zylinder neben dem Stuhl in Ordnung zu +bringen:) Was ist das für ein schweres Ding? + +(Dr. Valentine.) O nichts! Ich setze bloß meinen Fuß darauf, wenn ich +den nötigen Stützpunkt für einen kräftigen Zug bekommen will. + +(McNaughtan sieht gegen seinen Willen beunruhigt aus.) + +(Dr. Valentine steht aufrecht neben ihm und setzt das Glas mit der +Zange in Bereitschaft. Er fährt fort mit herausfordernder +Gleichgültigkeit zu plaudern:) Sie raten mir also, mich nicht zu +verheiraten, Herr McNaughtan? (Er bückt sich, um die Kurbel an den +Apparat zu befestigen, durch die der Stuhl gehoben und gesenkt werden +kann.) + +(McNaughtan reizbar:) Ich rate Ihnen, mir den Zahn nun zu ziehen und +endlich aufzuhören, mich an meine Frau zu erinnern! Vorwärts, Herr! +(Er klammert sich an lit Stuhllehnen und stählt sich.) + +(Dr. Valentine setzt ab, die Hand auf der Kurbel, siebt ihn an und +sagt:) Um wie viel wollen Sie wetten, daß ich den Zahn herauskriege, +ohne daß Sie es spüren? + +(McNaughtan.) Um Ihre sechswöchige Miete, mein Junge! Mich foppen Sie +nicht! + +(Dr. Valentine nimmt die Wette mit Freude an und dreht die Kurbel +kräftig hinauf, so daß der Sessel steigt:) Abgemacht! Sind Sie +bereit? (McNaughtan, der beunruhigt über sein plötzliches +Gehobenwerden die Stuhllehnen losgelassen hat, kreuzt die Arme, setzt +sich steif aufrecht und bereitet sich auf das Schlimmste vor. Dr. +Valentine läßt den Rücken des Stuhles plötzlich zu einem stumpfen +Winkel hinab.) + +(McNaughtan packt mit festem Griff die Stuhllehnen, während er +zurückfällt:) Au! Nehmen Sie sich in acht, Mensch! Ich bin ganz +wehrlos in dieser La-- + +(Dr. Valentine hält ihm mit dem Sperrholz geschickt den Mund offen und +erfaßt das Mundstück des Gasschlauchs:) Sie werden gleich noch +wehrloser sein! (Er preßt das Mundstück über McNaughtans Mund und +Nase und lehnt sich dabei über McNaugthans Brust so zurück, daß er ihm +Kopf und Schultern gut in den Stuhl niederhalten kann.) + +(McNaughtan stößt einen unartikulierten Laut in das Mundstück aus und +versucht, Dr. Valentine zu packen, den er sich gegenüber glaubt. Nach +einem Augenblick greifen seine Arme ins Leere, senken sich und fallen +herab. Er ist vollständig bewußtlos.) + +(Dr. Valentine wirft mit einem Ausdruck nachdenklichen Triumphes das +Mundstück rasch beiseite, nimmt die Zange geschickt aus dem Glas und +der Vorbang fällt.) + + + + +ZWEITER AKT + +(Die Terrasse des Marinehotels--eine viereckige gepflasterte Planform, +die in der Sonne funkelt und auf der Seeseite von einer Brustwehr aus +schweren Stützpfeilern eingefaßt ist, die wie schwerfällige Ölkrüge +aussehen und eine breite steinerne Mauerkappe tragen.) + +(Der Oberkellner des Etablissements, der damit beschäftigt ist, auf +einem Frühstückstisch Servietten zu ordnen, wendet dem Meere den +Rücken zu und hat das Hotel zu seiner Rechten; zu seiner Linken, in +der Ecke, befindet sich in der Nähe des Meeres die Flucht von Stufen, +die hinunter zum Strand führen. Wenn er vor sich die Terrasse +hinunterblickt, sieht er gegenüber, etwas zu seiner Linken, einen +Herrn in mittleren Jahren, der auf einem eisengitternen Stuhle an +einem kleinen eisernen Tische sitzt, auf dem sich eine von drei Wespen +umschwirrte Zuckerdose befindet. Er liest den "Standard" und hat +seinen Schirm aufgespannt, um sich gegen die Augustsonne zu schützen, +die--es ist noch nicht ein Uhr nachmittag--seine ausgestreckten Beine +röstet. Ihm gegenüber, auf der Hotelseite der Terrasse, steht eine +Gartenbank von der gewöhnlichen Strandpromenadenform. Besucher treten +durch einen Eingang in der Mitte der Fassade ins Hotel, wohin man über +ein paar Stufen gelangt, die sich auf einem breiten, erhöhten, +gepflasterten Viereck erheben. Näher an der Brüstung ist ein geheimer +Weg in die Küche durch ein kleines Gitterportal maskiert. Der Tisch, +an dem der Kellner sich beschäftigt, ist sehr lang. Er steht quer +über der Terrasse und ist mit fünf Gedecken versehen; vor jedem Gedeck +steht ein Stuhl, und zwar befinden sich zwei Stühle auf jeder +Längsseite und ein Stuhl an der dem Hotel zugewandten Schmalseite. +Gegen die Brustwehr lehnt ein zweiter, als Büfett eingerichteter Tisch, +von dem aus serviert werden soll.) + +(Der Kellner ist in seiner Art ein bemerkenswerter Mensch. Ein zarter +alter Mann mit weißen Haaren und sanften Augen, jedoch so freudig und +zufrieden, daß in seiner ermutigenden Gegenwart Ehrgeiz sich als +Gemeinheit gerügt fühlt und Einbildungskraft als Verrat an dem +überströmenden Reichtum und Interesse der Wirklichkeit. Er hat jenen +gewissen Ausdruck, der Menschen eigen ist, die in ihrem Beruf +hervorragend sind und die, im Bewußtsein der Nichtigkeit des Erfolges, +von Neid unberührt bleiben.) + +(Der Herr an dem eisernen Tischchen ist nicht für den Strand gekleidet. +Er trägt seinen Londoner Gehrock und Handschuhe; sein hoher Zylinder +steht auf dem Tisch neben der Zuckerdose. Die vortreffliche +Verfassung und Qualität dieser Kleidung, der goldgeränderte Zwicker, +mit dem er den "Standard" liest und die "Times", die an seinem +Ellbogen über der Ortszeitung liegt--alles weist auf seine Achtbarkeit +hin. Er ist ungefähr fünfzig Jahre alt, glatt rasiert und +kurzgeschoren. Seine Mundwinkel sind absichtlich herabgezogen, als +hätte er sie im Verdacht, hinaufschnellen zu wollen, und wäre +entschlossen, ihnen den Willen nicht zu lassen. Er hat große, weite +Ohren, Augen von der Farbe des Stockfisches und eine energische Stirn, +die er resolut offen trägt, als wenn er, wiederum, in seiner Jugend +beschlossen hätte, wahrheitsliebend, großmütig, unbestechlich zu +bleiben, es ihm aber niemals gelungen wäre, diese geistige Gewöhnung +automatisch und unbewußt zu machen. Trotzdem macht er durchaus keinen +lächerlichen Eindruck; kein Zeichen der Dummheit oder Willensschwäche +ist an ihm bemerkbar;--im Gegenteil, er würde dem Anblick nach überall +für einen Menschen von mehr als durchschnittlichen geschäftlichen +Fähigkeiten und geschäftlicher Verantwortung gehalten werden. +Augenblicklich genießt er das Wetter und das Meer zu sehr, um die +Geduld zu verlieren; aber er hat alles Neue in seinen Zeitungen +durchgelesen und ist gegenwärtig auf die Inserate angewiesen, die aber +nicht interessant genug sind, ihn für die Dauer zu fesseln.) + + +(Der Herr gähnt und verzichtet auf die Zeitung als ungenießbar:) +Kellner! + +(Der Kellner.) Bitte? (Er nähert sich ihm.) + +(Der Herr.) Wissen Sie ganz bestimmt, daß Frau Clandon vor dem +Frühstück zurückkommt? + +(Der Kellner.) Ganz bestimmt. Sie erwartet den Herrn um dreiviertel +auf Eins. (Der Herr, den des Kellners Stimme sofort besänftigt, sieht +ihn mit einem lässigen Lächeln an. Der Kellner hat eine ruhige, +sanfte, melodische Stimme, die seinen alltäglichsten Bemerkungen ein +sympathisches Interesse verleiht; er spricht mit dem süßesten Anstand, +ohne seine H's zu verschlucken oder sie zu verlegen, oder in +irgendeine andere Vulgarität zu verfallen. Der Kellner sieht nach der +Uhr und fährt fort:) Es ist noch nicht so viel, nicht? Erst zwölf Uhr +dreiundvierzig... nur noch zwei Minuten muß sich der Herr gedulden.-- +Schöner Morgen, nicht wahr? + +(Der Herr.) Ja. Sehr frisch im Vergleich zu London. + +(Der Kellner.) Ja. Das sagen alle unsere Gäste.--Eine sehr angenehme +Familie, die von Frau Clandon. + +(Der Herr.) Sie mögen sie? (Der Kellner.) Ja. Sie haben ein sehr +unbefangenes, einnehmendes Betragen--wahrhaftig, sehr einnehmend. +Namentlich die junge Dame und der junge Herr. + +(Der Herr.) Fräulein Dorothea und Herr Philip wahrscheinlich. + +(Der Kellner.) Jawohl. Die junge Dame sagt immer, wenn sie mir einen +Befehl erteilt oder so etwas: "Sie wissen, William, daß wir Ihretwegen +in dieses Hotel gekommen sind, weil wir gehört haben, was für ein +vollendeter Kellner Sie sind." Der junge Herr sagt mir immer, daß ich +ihn sehr an seinen Herrn Vater erinnere, (der Herr fährt auf bei +diesen Worten:) und daß er von mir erwartet, daß ich mich gegen ihn +auch wie ein Vater benehmen werde. (Mit beruhigendem sonnigem Tonfall: +) Oh, so liebenswürdig... wirklich, sehr höflich und freundlich sind +sie! + +(Der Herr.) Sie sollen seinem Vater ähnlich sein! (Er lacht über +diese Idee.) + +(Der Kellner.) Oh, wir dürfen nicht zu ernst nehmen, was die +Herrschaften sagen. Wenn es wahr wäre, so würde die junge Dame die +Ähnlichkeit natürlich auch bemerkt haben. + +(Der Herr.) Hat sie das nicht? + +(Der Kellner.) Nein. Sie fand, ich hätte mit der Shakespear-Büste in +der Stratford-Kirche Ähnlichkeit; deshalb nennt sie mich auch +"William"--mein richtiger Name ist Walter. (Er wendet sich um, will +nach dem Tisch zurückgeben und erblickt Frau Clandon, die über die +Stufen vom Strand her die Terrasse heraufkommt.) Da ist Frau Clandon. +(Zu Frau Clandon, in einem bescheiden vertraulichen Tone:) Ein Herr +ist da, der Sie sprechen will, gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) Es werden noch zwei Herren mit uns frühstücken, +William. + +(Der Kellner.) Sehr wohl, gnädige Frau. Danke schön, gnädige Frau. +(Er zieht sich in das Hotel zurück.) + +(Frau Clandon kommt nach vorn und sieht sich nach ihrem Besucher um, +geht aber an dem Herrn vorbei, ohne irgendein Zeichen des Erkennens zu +geben.) + +(Der Herr sieht verschmitzt nach ihr unter dem Schirm hervor:) +Erkennen Sie mich nicht? + +(Frau Clandon sieht ihn scharf und ungläubig an:) Sind Sie Finch +McComas? + +(McComas.) Können Sie das nicht raten? (Er schließt den Schirm, +stellt ihn zur Seite, pflanzt sich mit den Händen in den Hüften lustig +vor ihr auf und laßt sich betrachten.) + +(Frau Clandon.) Mir scheint, Sie sind es wirklich! (Sie reicht ihm +die Hand. Der Händedruck, der folgt, ist der alter Freunde nach einer +Langen Trennung:) Wo ist Ihr Bart? + +(McComas komisch feierlich:) Würden Sie einen Anwalt mit einem Bart +beschäftigen? + +(Frau Clandon zeigt auf den Zylinder, der auf dem Tischchen steht:) +Ist das Ihr Hut? + +(McComas.) Würden Sie einen Anwalt mit einem Sombrero beschäftigen? + +(Frau Clandon.) Ich habe Sie während der ganzen achtzehn Jahre in +Gedanken mit einem Bart und einem großen, runden Hut vor mir gesehen. +(Sie setzt sich auf die Gartenbank. McComas nimmt seinen Platz wieder +ein.) Gehen Sie noch immer zu den Versammlungen der philosophischen +Gesellschaft? + +(McComas ernst:) Ich besuche keine Versammlungen mehr. + +(Frau Clandon.) Finch, ich merke, was mit Ihnen vorgegangen ist! Sie +sind respektabel geworden! + +(McComas.) Und Sie nicht? + +(Frau Clandon.) Nicht im geringsten. + +(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest? + +(Frau Clandon.) Fester denn je. + +(McComas.) Was Sie sagen!... Und sind Sie noch immer bereit, +öffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts? (Frau Clandon nickt. +) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete +Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermögen von dem ihres Gatten zu +trennen? (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer +Vorkämpferin für die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und +für John Stuart Mills Schrift über die Freiheit? (Sie nickt.) Lesen +Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot? (Sie nickt dreimal.) +Und verlangen Sie noch immer für die Frauen so gut wie für die Männer +den Zutritt zur Universität, die Ausübung aller Gewerbe und das +parlamentarische Wahlrecht? + +(Frau Clandon energisch:) Jawohl. Ich bin nicht um Haares Breite +davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort +fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich +nach England zurückgeführt hat. Ich fühlte, daß ich kein Recht hatte, +meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch! +--Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist +darauf vorbereitet. + +(McComas.) Ausgezischt?... Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage +könnte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof +heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, daß ich respektabel +geworden bin. Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten +Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und +ich tue nicht so, als ob ich es täte. Ich bekenne, was ich bin: ein +radikaler Philosoph, der für Freiheit und für die Rechte des +Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt +hat. Werde ich ausgezischt?... Nein! Ich werde nachsichtig +belächelt, wie ein altmodischer Kauz! Ich bin vollständig erledigt, +weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen. + +(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus! + +(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fräulein +Gloria bis über die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen. + +(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, daß der +Sozialismus ein Trugschluß ist! + +(McComas pathetisch:) Dadurch, daß ich es bewies, habe ich alle meine +Schüler verloren, Frau Clandon. Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie +Gloria ihren eigenen Weg gehen. (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch +geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurückgeblieben! Es +gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen für +vorgeschritten gelten würden. + +(Frau Clandon spöttisch und nicht überzeugt:) Die Kirche vielleicht? + +(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache. Warum haben Sie +mich hierher kommen lassen? + +(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte. + +(McComas mit gutmütiger Ironie:) Danke! + +(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich möchte, daß Sie den Kindern +alles erklären. Sie wissen nichts. Und jetzt, wo wir nach England +zurückgekehrt sind, ist es unmöglich, sie noch länger im unklaren zu +lassen. (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschließen, es +ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria +unterbrochen. Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestürzt, im +Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestörten +Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet. +Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stößt durch die Heftigkeit +ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe über den Haufen.) + +(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama! Der Zahnarzt kommt, +und seinen alten Hausherrn bringt er mit! + +(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht? + +(McComas erhebt sich lächelnd.) + +(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die größte Enttäuschung +ausdrückt:) Der?!... Wo sind die wallenden Locken? + +(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das +poetische Aussehen?! + +(Dolly.) Oh, Herr McComas! Sie haben sich ganz und gar verdorben! +Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?! + +(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der +schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil für einen Rechtsanwalt +achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare +schneiden zu lassen. + +(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas. +(Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drückt sie, mit +einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie +endlich zu sehen. + +(McComas.) Fräulein Gloria, nicht wahr? (Gloria lächelt zustimmend +und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurück. Sie tritt hinter +die Gartenbank und neigt sich über die Lehne neben Frau Clandon:) Und +dieser junge Herr? + +(Philip.) Ich wurde in einer verhältnismäßig prosaischen Laune getauft. +Ich heiße-- + +(Dolly ergänzt sein Zitat für ihn, deklamatorisch:) "Ich heiße Norval, +auf den Grampianhügeln"... + +(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur +ein Schäfer"--[*] + +[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel +"Douglas" von John Horne (1724-1808).] + +(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so +albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, daß sie in der +tollsten Laune sind. Sie halten jeden Engländer, dem sie begegnen, +für einen Witz. + +(Dolly.) Ja, das ist er auch! Wir können nichts dafür! + +(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas; +aber es ist mir unmöglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen. + +(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip? (Er bietet +ihm die Hand.) + +(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der +junge Philip--das war ich durch viele Jahre. Genau so wie Sie einmal +der junge Finch gewesen sind. (Er schüttelt ihm einmal die Hand; dann +läßt er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es +doch, so auf seine Knabenzeit zurückzublicken! + +(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)* + +(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen? + +(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns +frühstücken. + +(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt? Vergiß nur nicht den alten +Herrn! + +(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind. Wie heißt er? + +(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein. (Zu McComas:) +Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben? + +(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas +hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen +alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich +gerichtet habt, zu beantworten. Er ist sowohl der Freund eures Vaters +als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens +besser erzählen, als ich es könnte.--Gloria, bist du nun zufrieden? + +(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr gütig. + +(McComas nervös:) Durchaus nicht, mein Fräulein, durchaus nicht. Doch +das kommt ziemlich plötzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet-- + +(Dolly argwöhnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes +hören. + +(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit. + +(Dolly nachdrünklich:) Die nackte Wahrheit! + +(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen, +was ich zu sagen habe? + +(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, daß es das verdient, Herr +McComas. Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu +erwarten. + +(Frau Clandon abwehrend:) Phil-- + +(Philip.) Ja Mutter, schon gut. Entschuldigen Sie, Herr McComas, +stoßen Sie sich nicht an uns. + +(Dolly versöhnlich:) Wir meinen es gut. + +(Philip.) Schweigen wir beide! + +(Dolly hält ihre Lippen fest. McComas nimmt einen Stuhl vom +Frühstückstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die +Gartenbank, so daß Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken +zu stehen kommt. Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im +Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen. Die +Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.) + +(McComas.) Hm!--Ihr Vater-- + +(Dolly.) Wie alt ist er? + +(Philip.) Sch! + +(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht +unterbrechen. + +(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke! +(Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfünfzig Jahre alt. + +(Dolly mit einem Satz, überrascht und aufgeregt:) Siebenundfünfzig?!... +Wo lebt er? + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly! Dolly! + +(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau +Clandon. Die Antwort wird Sie sehr überraschen.--Er lebt hier, an +diesem Ort. + +(Frau Clandon erhebt sich sehr böse, setzt sich aber wieder sprachlos +nieder. Gloria beobachtet sie ganz starr.) + +(Dolly mit Überzeugung:) Ich wußte es!... Phil--Gichtknoten ist unser +Vater! + +(McComas.) Gichtknoten--?! + +(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiß ich! Er sagte mir, +ich sähe seiner Mutter ähnlich; ich wußte es ja, daß er seine Tochter +meinte. + +(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich möchte Ihre Gefühle auf jede +mögliche Art berücksichtigen--aber ich warne Sie! Wenn Sie den langen +Arm des Zufalls derart verlängern, daß Sie mir einreden wollen, der +hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf +Ihre Auskünfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen. + +(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf? + +(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gänzlich +ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater, +oder der Mann meiner Mutter zu sein! + +(McComas.) Oh, wirklich?--So. Dann muß ich Ihnen sagen--ob Sie es nun +gern hören oder nicht--: er ist tatsächlich Ihr Vater und der Vater +Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu? + +(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so böse zu sein! Gichtknoten +ist ja nicht Ihr Vater! + +(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos. Sie finden hier +eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit +genießt, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines +Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des +Bandes einer frei gewählten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen +Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstoßen, den wir +nicht kennen.... + +(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann! (Vorwurfsvoll:) Und +Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater für uns hätten! + +(McComas ärgerlich:) Woher wissen Sie, daß er nicht nett ist? Und +welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu wählen? (Seine +Stimme erhebend:) Ich muß Ihnen sagen, Fräulein Clandon, daß Sie zu +jung sind, um-- + +(Dolly unterbricht ihn plötzlich mit Heftigkeit:) Still! Das hab' ich +ja ganz vergessen... hat er Geld? + +(McComas.) Er hat sehr viel Geld. + +(Dolly entzückt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil? + +(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell +verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas. + +(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr. Ich bin zu empört, +zu verletzt dazu. + +(Frau Clandon kämpft mit ihrem Zorn:) Finch, können Sie die ganze +Sachlage mit allen Folgen überblicken? Wissen Sie, daß meine Kinder +diesen Mann zum Frühstück eingeladen haben und daß er in einigen +Augenblicken hier sein wird? (McComas ganz außer sich:) Was!... +Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es... + +(Philip nachdrücklich:) Ruhig Blut, Finch! Denken Sie darüber langsam +und sorgfältig nach.--Er kommt--kommt zum Frühstück. + +(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen? Habt ihr darüber +nachgedacht? + +(Frau Clandon.) Finch, Sie müssen es ihm sagen! + +(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen! Schau +doch, was er damit angerichtet hat, daß er es uns gesagt hat! + +(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen. Ich protestiere. + +(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht böse +sein! + +(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden +Augenblick kommen! + +(Gloria stolz:) Rühr' dich nicht vom Fleck, Mutter. Ich werde mich +auch nicht rühren. Wir dürfen nicht davonlaufen. + +(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so können wir nicht zu +Tisch gehen. Wir kommen gleich wieder. Wir müssen kein Heldentum +posieren. (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm, +Dolly! (Als sie sich der Hoteltüre nähert, kommt ihr der Kellner +daraus entgegen. Er trägt ein Servierbrett, auf dem sich Teller für +die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.) + +(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnädige Frau? + +(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei. Sie werden gleich da sein. (Sie +geht ins Hotel. Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den +Serviertisch.) + +(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas. Die Mitteilung, die Sie +zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt, +nicht wahr? + +(McComas.) Es gehört sicherlich Takt dazu. + +(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen? + +(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiß, wen du +meinst! William! + +(Philip.) Das ist der Mann! (Rufend:) William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr. + +(McComas entsetzt:) Der Kellner?!... Nein! Nein! Das kann ich nicht +zugeben, ich-- + +(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu +Diensten. + +(McComas setzt sich außer Fassung. Sein Gesicht wird aschfahl, und +seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos. Er setzt sich total +verdutzt.) + +(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren +Sohn zu betrachten? + +(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiß, junger Herr?--Alles, +womit ich Ihnen dienen kann. + +(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und +schon ist ein Rivale auf der Bildfläche aufgetaucht. + +(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr? Nun, das war früher +oder später zu erwarten, nicht wahr? (Er wendet sich mit einem +glücklichen Lächeln zu McComas:) Sind Sie es, gnädiger Herr? + +(McComas kommt durch seine Entrüstung wieder zu Kräften:) Nein, ganz +gewiß nicht, Gott sei Dank! Meine Kinder wissen, wie sie sich zu +benehmen haben! + +(Philip.) Nein, William, dieser Herr hätte nur mein Vater werden +können! Um ein Haar wäre er's geworden. Er hat um meine Mutter +angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben. + +(McComas beleidigt:) Ich muß doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit-- + +(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden. +--Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt? + +(Der Kellner.) Der schieläugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen +Knüttel--meinen Sie den? + +(Philip.) Das weiß ich nicht!--Finch, hält er ein Wirtshaus? + +(McC omas erhebt sich empört:) Nein, nein, nein! Ihr Vater, Herr, ist +ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Männer der +Stadt! + +(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie, +gnädiger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Güte! + +(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns frühstücken. + +(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr. (Diplomatisch:) Er +frühstückt für gewöhnlich wohl nicht mit seiner Familie? + +(Philip nachdenklich:) William--er weiß nicht, daß wir seine Familie +sind. Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns +nicht erkennen. (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich +Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner +mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.) + +(Dolly.) Wir wollen, daß Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William! + +(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, daß er's errät, wenn er Ihre +Mutter sieht, gnädiges Fräulein? + +(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre +Bewegung ein.) + +(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht! + +(Philip.) Ich auch nicht! (Er verläßt den Tisch und wendet sich +vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht! + +(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein? + +(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulänglichkeit ist erschreckend! +--William, Ihr Scharfsinn beschämt uns alle. + +(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr ähnlich, William! + +(Der Kellner.) Aber nein! Es ist nicht der Rede wert, gnädiges +Fräulein... ich schätze mich glücklich, junger Herr. (Er gebt +bescheiden zum Frühstückstisch zurück und legt die beiden +hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Nähe +der Stufen und das andere so, daß noch ein drittes hinzukommen kann an +der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.) + +(Philip ergreift plötzlich McComas' Arm und führt ihn gegen das Hotel +zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Hände. + +(McComas.) Ich bin überaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon-- + +(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewöhnen. +Komm, Dolly! + +(McComas schüttelt ihn ab und geht ins Hotel. Philip folgt ihm mit +unerschütterlicher Gemütsruhe.) + +(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen +um:) Halten Sie Ihre fünf Sinne beisammen, William--es wird drunter +und drüber gehen! + +(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie können sich auf mich verlassen, gnädiges +Fräulein. + +(Dolly geht ins Hotel.) + +(Dr. Valentine kommt leichten Fußes die Stufen vom Strand herauf, +McNaughtan folgt ihm störrisch. Dr. Valentine hat einen Spazierstock, +McNaughtan trägt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen +unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Überzieher. Er +bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der +Terrasse stehen, stützt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein +bißchen Kraft.) + +(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig. (Er fährt +sich mit der Hand über die Stirn:) Ich habe dieses höllische Gas noch +immer im Leibe. (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so daß er seine +Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstützen und den Kopf in die Hände +stützen kann. Er erholt sich bald und beginnt seinen Überrock +aufzuknöpfen. Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.) + +(Dr. Valentine.) Kellner! + +(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gäste:) Zu Befehl? + +(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause? + +(Der Kellner mit einem süßen Lächeln des Willkommens:) Zu dienen, Herr +Doktor, wir erwarten Sie. Dies ist der bestellte Tisch. Frau Clandon +wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben +von ihrem Freunde gesprochen. + +(Dr. Valentine.) Wirklich? + +(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl. Die jungen Herrschaften +sind sehr ausgelassen--eine spaßhafte Ader sozusagen, gnädiger Herr. +(Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Überrock +abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie... (Er hilft ihm den +Überrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr. +(McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene +Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, daß Sie sein +Vater sind, gnädiger Herr. + +(McNaughtan.) Was?! + +(Der Kellner.) Nur ein Spaß, Euer Gnaden--sein Lieblingsspaß. Gestern +sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, daß Sie kommen +würden, gnädiger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, daß Sie +sein Vater wären--sein lang verlorener Vater. Achtzehn Jahre lang hat +er Sie nicht gesehen--sagt er. + +(McNaughtan verblüfft:) Achtzehn Jahre?... + +(Der Kellner.) Zu Befehl. (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war +seinen Späßen gewachsen, gnädiger Herr. Ich sah, wie ihm die Idee kam, +als er hier stand und über einen neuen Scherz nachdachte, den er sich +mit mir machen könnte.--Ja, gnädiger Herr, das ist so seine Art. Sehr +vergnügt, liebenswürdig, sehr frei und sehr umgänglich--wahrhaftig, +gnädiger Herr! (Verändert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine, +der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf +ich so frei sein?... (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schön. + +(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menü.) + +(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und fährt in seinem +Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen, +obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm über den jungen Herrn +gesprochen hatte... Ja, ich versichere Ihnen, Sie würden nicht +glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem +Ausflug, wenn die Meerluft sie anbläst, imstande sind! + +(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich? + +(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnädiger Herr. Ein Herr +McComas. (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang, +glücklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit +diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.) + +(McNaughtan erhebt sich in wütender Erregung:) McComas! (Ruft:) Dr. +Valentine! (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine! (Dr. Valentine wendet +sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwörung! Das ist meine +Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib! + +(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen! Ein interessantes +Zusammentreffen. (Er geht wieder daran, das Menü zu studieren.) + +(McNaughtan.) Zusammentreffen?... Es wird nicht stattfinden! Lassen +Sie mich fort! (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Überzieher! + +(Der Kellner.) Ja, gnädiger Herr! (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines +Stock vorsichtig an den Frühstückstisch, schüttelt den Überzieher +behutsam und hält ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem +jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnädiger Herr? + +(McNaughtan.) Rrrh! (Er hält inne, im Begriff in die Armel au +schlüpfen, und wendet sich mit plötzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:) +Doktor, Sie sind im Einverständnis! Das haben Sie angestiftet! Sie-- + +(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn! (Er wirft das Menü fort, geht um +den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgültig hinaus.) + +(McNaughtan ärgerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel, +Philip und Dolly folgen ihm. Er wankt bei McNaughtans Anblick einen +Moment zurück.) + +(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnädiger Herr! +Hier kommen sie. (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock +über seinen Arm werfend, ins Hotel.) + +(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan +zu, der zurückweicht und mit den Händen auf dem Rücken ihn böse +anstarrt. McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an, +mit der Majestät eines fleckenlosen Gewissens.) + +(Der Kellner flüstert Philip während seines Abgangs zu:) Ich hab' es +ihm beigebracht, junger Herr. + + +(Philip.) Unschätzbarer William! (Er tritt vor, an den Tisch.) + +(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen? + +(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnädiges +Fräulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben. +(Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.) + +(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht: +) Da wären Sie also, Herr McNaughtan! + +(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz +gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder? + +(Philip mit tödlicher Höflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas? + +(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und hält inne.) + +(Dolly förmlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen. (Sie +kommt nachlässig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr. +Valentine ein Lächeln und ein Wort des Grußes.) + +(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenüber zu +erfüllen und Ihren Wein zu bestellen. (Er nimmt die Weinkarte vom +Tisch; seine höfliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose +Gleichgültigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufälligen +Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben. Diese +Erkenntnis berührt den Vater mit so heftiger Qual, daß er über und +über zittert. Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn +schweigend an. Dieser ist sich seiner eigenen Gefühllosigkeit genug +bewußt, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit außerordentlich +zu freuen. Er fährt freundlich fort.) Finch, darf ich für den alten +respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein +bestellen? + +(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts +Erhitzendes nehmen. (Er wendet sich nach der andern Seite der +Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.) + +(Philip.) Doktor--? + +(Dr. Valentine.) Würde Lagerbier zu gemein gefunden werden? + +(Philip.) Wahrscheinlich. Bestellen wir welches. Dolly trinkt es +auch. (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Höflichkeit:) Nun, Herr +McNaughtan, was dürfen wir Ihnen bestellen? + +(McNaughtan.) Was soll das heißen, Junge? + +(Philip.) Junge?... (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, daß ich +ein Junge bin? (McNaughtan reißt ihm die Weinkarte grob aus der Hand +und tut unschlüssig so, als ob er sie lese. Philip überläßt sie ihm +mit vollendeter Höflichkeit.) + +(Dolly über McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der +vorletzten Seite. + +(McNaughtan.) Laß mich zufrieden, Kind. + +(Dolly.) Kind?... Nein, nein, das geht nicht! Sie können mich +"Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie dürfen nicht "Kind" zu mir +sagen! (Sie hängt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor +McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.) + +(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar +durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha! Das wird +ein--ein nettes Frühstück werden! + +(McComas kleinmütig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht +nett werden sollte. (Er blickt äußerst trübe drein.) + +(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen. + +(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel. Frau Clandon nähert +sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau +getragenem würdigem Benehmen. Sie hält auf der obersten Stufe inne, +um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria +bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen +Widerwillen.) + +(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor. (Er +lächelt. Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenüber in der +Absicht, ihn mit vollständiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber +sein Anblick erschüttert sie. Sie hält plötzlich inne und sagt +ängstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus, +du hast dich sehr verändert. + +(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen! Ein Mann verändert sich in +achtzehn Jahren. + +(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint. Ich hoffe, +du bist gesund. + +(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glück, da +steckt die Veränderung, die du meinst, nicht wahr? (Plötzlich +ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb +lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an! + +(Philip.) Sch! (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben +erschienen ist:) Still! Haltung vor William! + +(Dolly berührt McNaughtans Arm warnend:) Hm! + +(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kücheneingang, +aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit +weißer Schürze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschüssel. Der +Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von +Zeit zu Zeit, die Gänge auftragend, wieder herein. Er tranchiert, +aber er serviert nicht. Der Kellner tritt an das in der Nähe der +Stufen gelegene Ende des Frühstückstisches.) + +(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich +glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet... +doch nein, entschuldigen Sie. (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr +Rechtsanwalt McComas. (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem +Hotel zunächst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte. + +(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan! + +(Der Kellner hält ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier, +ich bitte. + +(McNaughtan fügt sich und nimmt Platz.) + +(Der Kellner.) Danke schön. + +(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist +auf den Stuhl in der Nähe der Balustrade:) neben Gloria. (Dr. +Valentine und Gloria nehmen ihre Plätze ein, Gloria neben McNaughtan +und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muß ich auf diese +Seite setzen, zwischen Dolly und Phil. Wehren Sie sich, so gut Sie +können. (Die drei nehmen die übriggebliebene Seite des Tisches ein; +Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas +zwischen ihnen. Die Suppe wird aufgetragen.) + +(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe? + +(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein +Tischgebet? + +(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir +zu essen und zu trinken bekommen werden.--William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an +Philips linke Seite; auf dem Wege flüstert er dem Kellnerjungen zu:) +Suppe! + +(Philip.) Zwei kleine Lager für uns Kinder, wie gewöhnlich, und ein +großes für diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine große +Flasche Apollinaris für Herrn McComas. + +(Der Kellner.) Zu dienen. + +(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch? + +(McComas entrüstet:) Nein, nein, ich danke! + +(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer für meine Mutter und +Fräulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen +Sie? + +(McNaughtan mürrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich-- + +(Der Kellner honigsüß dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger +Herr. Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt. (Er geht ins Hotel.) + +(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte +Gewohnheit, Wirtshäuser zu besuchen! + +(Der Koch, dem ein Kellner mit übereinandergetürmten heißen Tellern +folgt, bringt den Fisch aus der Küche und beginnt, ihn auf dem +Serviertisch zu zerlegen.) + +(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt. + +(Frau Clandon.) Phil! bedenke gefälligst, daß deine Scherze Leute, die +nicht daran gewöhnt sind, auf-* zubringen imstande sind und daß dein +Vater heute unser Gast ist. + +(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches! +(Die Suppenteller werden weggenommen.) + +(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr? Aber uns ist +es ebenso peinlich. + +(Philip.) Sch! Wir sind beide taktlos. (Zu McNaughtan:) Wir meinen +es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geübt in +unseren Rollen als Kinder. (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den +Getränken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen +wieder her. + +(Der Kellner ermunternd:) Mit größtem Vergnügen, junger Herr. (Setzt +die Getränke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und +Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager, +(zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnädige +Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr großes Lager; (zu Gloria:) +vierhundertdreizehn, gnädiges Fräulein. + +(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie! + +(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd! (Der Fisch wird herumgereicht.) + +(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch, +Familiengemütlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch +ganz gut. + +(Dolly kritisierend:) Eigentlich...? Warum "eigentlich", Finch? + +(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, daß es trotz eures Vaters +Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr +McComas? + +(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich" +gesagt, um den Satz abzurunden. Ich--ich-- + +(Der Kellner taktvoll:) Turbot? + +(McComas überaus dankbar für die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte. + +(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte. (Er geht an den Serviertisch +zurück.) + +(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes +gedacht? + +(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William! + +(Der Kellner.) Zu Befehl? + +(Philip.) Was glauben Sie: wie lange müßte ich in die Lehre gehen, um +ein wirklich tüchtiger Kellner zu werden? + +(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr. Das liegt +im Charakter. (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen +scheint:) Brot für das gnädige Fräulein?... Hier, bitte. (Er reicht +Gloria Brot und fährt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige +sind dazu geboren, junger Herr! + +(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was? + +(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. O ja. (Zu Gloria, seine Stimme +wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnädiges Fräulein? Sie dürften +sich nicht viel aus Braten machen zum Frühstück. + +(Gloria.) Nein, ich danke. (Die Fischteller werden weggenommen.) + +(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William? + +(Der Kellner bedient Gloria mit Geflügel:) O nein, gnädiges Fräulein. +Dafür ist er zu heftig. Er ist vor den Schranken tätig. + +(McComas gönnerhaft:) Schenkkellner--was? + +(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an +eine durch die Zeit gelinderte Enttäuschung erinnerte:) Nein, gnädiger +Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken. Ihr Gewerbe, Herr +Rechtsanwalt. Königlicher Anwalt. + +(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie. + +(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr. Ein sehr +begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewünscht, es wäre ein +Schenkkellner aus ihm geworden! Dann hätte er mir nicht halb so lange +auf der Tasche gelegen. (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas +zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor. + +(Fährt wieder fort:) Ja, ich mußte ihn bis zu seinem +siebenunddreißigsten Jahr erhalten. Aber jetzt geht es ihm gut--recht +zufriedenstellend, wirklich! Er plaidiert nicht unter fünfzig Guineen. + +(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie! + +(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloß Erziehung, +gnädiger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium, +gnädiger Herr. (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und +sie flüstert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnädiges +Fräulein? Sofort! (Zu McComas:) Für ihn war es ein Glück, er hatte +nie Lust zu wirklicher Arbeit. (Er geht ins Hotel und läßt die +Gesellschaft etwas übermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes +zurück.) + +(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen +Befehl zu erteilen? + +(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht übel, daß ich ihn um +Ingwerbier geschickt habe. + +(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein +Geschäft! Wenn ihr ihn behandelt hättet, wie ein Kellner behandelt +werden soll, so würde er geschwiegen haben. + +(Dolly.) Das wäre jammerschade gewesen! Vielleicht gibt er uns eine +Empfehlung an seinen Sohn, der könnte uns doch in die Londoner +Gesellschaft einführen. + +(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.) + +(McNaughtan brummt wütend:) Londoner Gesellschaft,... Londoner +Gesellschaft!... Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind! + +(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn +Sie glauben-- + +(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnädiges Fräulein. + +(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug +wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William. Sie +sind gerade im rechten Augenblick gekommen. (Sie trinkt.) + +(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in +leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, daß ich das Thema +wechsle, Fräulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras? + +(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion. Ich habe nie +danach gefragt. + +(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft +nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die +Herrschaften müssen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das +auch in England, William? + +(Der Kellner.) Für gewöhnlich nicht, gnädiges Fräulein. Vielleicht in +einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehört. (Er +fängt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die +Salatschüssel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnädige Frau?--Ja, +ja, ich habe welchen für Sie. (Zu seinem jungen Kollegen, ihn +anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herüber, Joe. (Er nimmt eine +Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons +Teller. Während er das tut, bemerkt er, daß Dolly ein saures Gesicht +macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtümlicherweise hineingekommen, +gnädiges Fräulein. (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie. +(Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe! +(nimmt das frühere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der +anglikanischen Kirche, gnädiges Fräulein. + +(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche? Wie hoch ist der +Jahresbeitrag? + +(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empört auf:) Sie sehen, +wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es... Sie hören +es! Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverständlich und ist +im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen +zu berücksichtigen, als der Kellner ihm rücksichtsvoll den Teller +fortnimmt.) + +(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus. Es ist gar kein Anlaß zu +diesem Auftritt. Du mußt bedenken, daß Dolly hier wie eine +Ausländerin ist.--Bitte, setze dich! + +(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch +an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhören muß. Ich bin +wirklich im Zweifel. + +(Der Kellner.) Käse, gnädiger Herr?... Oder wünschen Sie eine kalte +süße Speise? + +(McNaughtan verwirrt:) Was?... O Käse--Käse! + +(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William. + +(Der Kellner.) Hier, gnädiges Fräulein. (Er nimmt eine +Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die +eine auswählt und sich zu rauchen anschickt. Dann gebt er an den +Serviertisch zurück, um Wachshölzer zu holen.) + +(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!... + +(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fürchte, +ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand +rauchen. (Sie verläßt plötzlich den Tisch und läuft ärgerlich die +Stufen hinunter. Der Kellner will ihr die Wachshölzer geben, aber sie +ist fort, bevor er sie erreichen kann.) + +(McNaughtan wütend:) Margarete, rufe das Mädel zurück!... rufe sie +zurück, sag' ich! + +(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen +Sie sich nichts daraus! Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter +nichts. + +(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch. (Sie +erhebt sich. Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr, +Sie entschuldigen mich? Ich fürchte, Dolly ist über diesen Vorfall +ganz außer sich, ich muß zu ihr gehen. + +(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?! + +(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so +lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind? (Sie geht auf die Stufen +zu. McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Haß; die übrigen +beobachten sie in verlegenem Schweigen und fühlen sich von dem +Zwischenfall sehr peinlich berührt.) + +(Der Kellner hält Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr +eine Schachtel Wachsbölzer an:) Die junge Dame hat die Streichhölzer +vergessen, gnädige Frau. Wenn Sie so gütig sein wollten, gnädige +Frau-- + +(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner süßen und ermunternden +Stimme überrascht, den Ton dankbarer Höflichkeit an:) Ich danke Ihnen +sehr. (Sie nimmt die Wachshölzer und geht hinab an den Strand.) + +(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Küchentür mit sich ins +Hotel und überläßt die Gesellschaft sich selbst.) + +(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurückwerfend:) Eine Mutter nach +Ihrem Geschmack, McComas! Eine Mutter nach Ihrem Geschmack! + +(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter! + +(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was? + +(Dr. Valentine erhebt sich entrüstet und wendet sich zu Gloria:) +Fräulein Clandon, ich-- + +(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Mädchen heißt McNaughtan, Herr +Doktor--nicht Clandon! Wollen Sie sich meiner Familie in den +Beleidigungen meiner Person anschließen? + +(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin außer mir, Fräulein +Clandon! Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin für +ihn verantwortlich, und ich schäme mich für ihn! + +(McNaughtan.) Was meinen Sie damit? + +(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich +fürchte, wir sind alle ein bißchen kindisch gewesen; unsere +Zusammenkunft ist mißglückt. Wir wollen sie abbrechen und Schluß +machen. (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen +zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fügt sie mit nachlässiger Ruhe +hinzu:) Adieu, Vater. (Sie geht die Stufen mit kalter, verdrießlicher +Gleichgültigkeit hinab.) + +(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rückkehr des Kellners +nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein +paar Schals, Sonnenschirmen und einem weißen Leinensonnenschirm und +einigen Feldstühlen beladen, aus dem Hotel kommt.) + +(McNaughtan für sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck +nachblickend:) Vater--Vater!... (Er schlägt mit der Faust heftig auf +den Tisch:) Jetzt-- + +(Der Kellner den Überzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre, +gnädiger Herr. + +(McNaughtan starrt ihn an, reißt dann den Überzieher grob an sich und +geht längs der Terrasse gegen die Gartenbank zu. Er kämpft mit seinem +Rock bei seinen ärgerlichen Bemühungen, ihn anzuziehen. McComas +erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe. Dann nimmt er seinen Hut und +Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu. +Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveränderter +Süßigkeit für die Abnahme des Überziehers gedankt hat, etwas von +seiner Last Philip an.) + +(Der Kellner.) Die Sonnenschirme für die Damen, junger Herr.--Das Meer +blendet heute stark, das ist sehr schädlich für den Teint... Ich +werde die Strandstühle selbst hinuntertragen. + +(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste +Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben +Sie mir die Strandstühle. (Er nimmt sie.) + +[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.] + +(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu gütig, junger Herr. + +(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir. (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie! +(Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.) + +(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen. +.. einen von diesen. (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.) + +(Der Kellner diskret:) Der gehört der jüngeren Dame, Herr Doktor. (Dr. +Valentine überläßt ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so +glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen. (Er legt den +Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren +Fracktasche ein Buch. Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blättern +als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die ältere junge +Dame jetzt gerade liest. (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke +schön. Schopenhauer, wie Sie sehen. (Er nimmt die Sonnenschirme +wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was +die Damen betrifft. (Er geht die Stufen hinab.) + +(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an +McNaughtan und ändert seinen Entschluß. Er geht ziemlich aufgeregt zu +McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schämen Sie sich denn gar +nicht? + +(Mc Naugthan streitsüchtig:) Mich schämen?... Weshalb? + +(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Bär!... Was +wird Ihre Tochter von mir denken, daß ich Sie hergebracht habe? + +(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darüber nachzusinnen, +was meine Tochter von Ihnen denkt. + +(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht! Sie sind ein +krankhafter Egoist! + +(McNaughtan tiefbekümmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein +Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser +Generation?... Muß ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten +Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu +hören!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!... +platze zufällig in das Frühstück herein--heiße Herr McNaughtan!... +Was für ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?... Ich +bin ihr Vater--leugnen sie es?... Ich bin ein Mann mit allgemein +menschlichen Gefühlen!... Habe ich keine Rechte, keine Ansprüche?... +Was für Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?... Diener, +Angestellte, Geschäftsfreunde!... Aber ich habe ihre Achtung +genossen--ja ihre Güte!... Würde einer von diesen Leuten so mit mir +gesprochen haben, wie dieses Mädchen?... Würde einer von denen über +mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit über mich gelacht +hat? (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan! Meine-- + +(Dr. Valentine.) Aber, aber!... Es sind ja nur Kinder! Das einzige +von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt. + +(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu! O ja! Dies Kind hat sich an +mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoß. + +(Dr. Valentine nimmt das sehr übel auf:) Hören Sie, McNaughtan, lassen +Sie die in Ruh! Sie hat Sie sehr gut behandelt. Ich habe eine viel +schlimmere Stunde beim Frühstück zugebracht als Sie. + +(McNaughtan.) Sie?... + +(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich! Ich habe neben +ihr gesessen und habe während der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort +mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und +nicht ein Wort hat sie für mich gehabt! + +(McNaughtan.) Nun? + +(Dr. Valentine.) Nun... nun?... (Spricht sehr ernst und immer +schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?. +.. Sie glauben doch nicht, daß ich die Gewohnheit habe, meinen +Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe? + +(McNaughtan.) Hoffentlich nicht. + +(Dr. Valentine.) Der Grund ist, daß ich entweder völlig verrückt bin, +oder vielmehr früher nie wirklich im Besitze meines gesunden +Menschenverstandes gewesen bin. Jetzt bin ich zu allem fähig--ich bin +endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es, +die einen Mann aus mir gemacht hat! + +(McNaughtan ungläubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt? + +(Dr. Valentine, seine Worte ergießen sich nun in einem wahren Strom +von seinen Lippen:) Verliebt?... Unsinn!... Es ist viel mehr und +viel höher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewißheit, +Paradies... + +(McNaughtan unterbricht ihn mit beißendem Hohn:) Unsinn, Mensch! Was +haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?... Sie können sie nicht +heiraten. + +(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?... Ich will ihre Hände +küssen, ich will zu ihren Füßen knien, ich will für sie leben, ich +will für sie sterben... und das soll mir genügen! Sehen Sie ihr Buch +an--sehen Sie! (Er küßt das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes +Geld anböten für diese Gegenstände, die mir als Ausrede dienen, an den +Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich würde +Ihnen nur ins Gesicht lachen. (Er geht übermütig gegen die Stufen zu, +wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme läuft. +Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich +gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.) + +(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte! + +(Dr. Valentine über seine eigene Heftigkeit unangenehm berührt:) +Entschuldigen Sie! + +(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte. Das ist ganz natürlich in +Ihrem Alter.--Das gnädige Fräulein hat mich um ihr Buch +heraufgeschickt; dürfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort +zu bringen? + +(Dr. Valentine.) Mit Vergnügen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit +der sechswöchentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken... (Er +bietet ihm Dollys Fünf-Schilling-Stück an.) + +(Der Kellner, als ob diese Summe seine höchsten Erwartungen überträfe: +) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank! + +(Dr. Valentine stürzt die Stufen hinunter.) Ein sehr übermütiger +junger Mann, sehr männlich und gut gewachsen! + +(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell +ein Vermögen machen--zweifellos! Ich weiß, wieviel seine +sechswöchentlichen Einnahmen betragen. (Er geht über die Terrasse an +den eisernen Tisch und setzt sich.) + +(Der Kellner philosophisch:) Ja, gnädiger Herr, man kann nie wissen... +Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie gütigst verzeihen wollen, daß ich +so ein Ding habe. (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart +fühlenden Kellner zurückgedrängt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht, +daß Sie Ihr Getränk noch nicht berührt hatten, als die Gesellschaft +aufbrach. (Er nimmt das Glas vom Frühstückstisch und setzt es vor +McNaughtan hin.) Ja, gnädiger Herr--man kann nie wissen... Sehen Sie +nur meinen Sohn: wer hätte je gedacht, daß er es dahin bringen würde, +einen seidenen Talar zu tragen als königlicher Anwalt? Und dennoch +verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozeß, +gnädiger Herr. Was für eine Lehre! + +(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiß, was er +Ihnen schuldet. + +(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in +Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen. (Mit einem zweiten +seiner unwiderstehlichen Übergänge:) Ein Stückchen Zucker wird, ohne +den Trank merklich zu süßen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen. +Erlauben Sie, gnädiger Herr. (Er wirft ein Stückchen Zucker in das +Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schließlich der +Unterschied? Ich muß einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was +ich bin, und er muß eine Perücke und einen Talar anlegen, wenn er +zeigen will, was er ist. Wenn mein Einkommen vorwiegend aus +Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muß, als ob ich nicht darauf +aus wäre, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebühren, und auch +er muß, wie ich wohl verstehe, so tun, als wäre er nicht darauf aus. +--Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Berührung mit allen +möglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch. Wenn +es für einen Advokaten nicht günstig ist, der Sohn eines Kellners zu +sein, so ist es auch für einen Kellner nicht günstig, der Vater eines +Advokaten zu sein. Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin +eine große Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas +besorgen, gnädiger Herr? + +(McNaughtan.) Nein, danke. (Gedemütigt und bitter:) Ich hoffe, man +wird nichts dagegen einzuwenden haben, daß ich hier noch eine Weile +sitzen bleibe. Hier stör' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am +Strande. + +(Der Kellner gerührt:) Es ist sehr gütig von Ihnen, gnädiger Herr, daß +Sie tun, als ob Sie nicht wüßten, daß Ihre Anwesenheit hier eine +Auszeichnung und eine Ehre für uns alle ist... wirklich sehr gütig! +--Je mehr Sie sich hier zu Hause fühlen, desto glücklicher werden wir +sein. + +(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause! + +(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnädiger Herr, das ist auch +Ansichtssache. Ich behaupte immer, der große Vorzug eines Hotels +besteht darin, daß es Schutz bietet vor dem Familienleben. + +(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt. + +(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiß Gott! Immer +geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr? (Er schüttelt +den Kopf:) Man kann nie wissen, gnädiger Herr--man kann nie wissen! +(Er geht ins Hotel.) + +(McNaughtan stützt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den +hartblickenden Augen in die Hände:) Familie--Familie! (Er legt seine +Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden +kommen hört, setzt er sich wieder kerzengerade auf. Es ist Gloria, +die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in +Händen. McNaughtan sieht sie trotzig an. Die brutale Hartnäckigkeit +seines Mundes und die sehnsüchtigen Augen stehen zueinander in +pathetischem Widerspruch. Sie geht an das eine Ende der Gartenbank +und lehnt sich mit dem Rücken dagegen und sieht auf McNaughtan herab, +wie erstaunt über seine Schwäche. Sie ist zu neugierig auf ihn, um +kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhältniß ist ihr höchst +gleichgültig:) Nun?... + +(Gloria.) Ich möchte Sie einen Augenblick sprechen. + +(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich? Das ist überraschend! Du +begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den +Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist rührend--wahrhaftig! +(Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestützt, und blickt, in +düsteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)* + +(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so +unberechtigt. Was für Gefühle haben Sie von uns erwartet? Was sollen +wir für Sie tun? Warum sind Sie gegen uns weniger höflich als andere +Leute?... Sie können uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum +sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen +können, ohne zu streiten. + +(McNaughtan, über dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht: +) Machst du dir klar, daß ich dein Vater bin? + +(Gloria.) Vollkommen. + +(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebührt? + +(Gloria.) Zum Beispiel--? + +(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekämpfen hätte:) +Zum Beispiel--... zum Beispiel--?... +Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam! + +(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell +und stolz gegenüber:) Ich gehorche nur meinem Sinn für das Rechte; ich +achte nichts, was nicht edel ist! Das ist meine Pflicht. (Sie fügt +weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner +Macht--ich glaube nicht, daß ich genau weiß, was Liebe eigentlich ist. +(Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab +und geht an den Frühstückstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie +ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.) + +(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst? + +(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das +ist eine unhöfliche Frage. Ich spreche ernst mit Ihnen und ich +erwarte auch, daß Sie mich ernst nehmen. (Sie nimmt einen der Stühle, +wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas müde nieder.) Können +Sie diese Dinge nicht kühl und vernünftig besprechen? + +(McNaughtan.) Kühl und vernünftig?... Nein, das kann ich nicht! +Verstehst du? Das kann ich nicht! + +(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen. Ich habe +keine Sympathie für-- + +(McNaughtan fährt nervös zusammen:) Halt, sprich nicht weiter! Du +weißt nicht, was du tust! Willst du mich toll machen? (Sie runzelt +die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unerträglich. Er setzt +rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht! Warte, +warte--laß mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen. (Er steht einen +Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Hände in seiner +Aufregung. Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Frühstückstisches und +setzt sich neben Gloria. Mit einer rührenden Anstrengung, sanft und +geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit. +Jedenfalls will ich es versuchen. + +(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende +denkt. + +(McNaughtan mit plötzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht! Denke +nichts--ich will, du sollst fühlen! Das ist das einzige, was uns +helfen kann. Höre! Weißt du--aber vor allem--ich vergaß: wie heißt +du eigentlich? Ich meine deinen Kosenamen. Sie können dich nicht gut +Sophronia nennen. + +(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria. +Ich werde immer so genannt. + +(McNaughtan, dessen Zorn zurückkehrt:) Dein Name ist Sophronia, +Mädchen! Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia +getauft! Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin +geschenkt. + +(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben. + +(McNaughtan ärgerlich:) Sie hatte kein Recht dazu! Ich werde das +nicht zugeben! + +(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu +geben. Ich kenne sie nicht einmal. + +(McNaughtan.) Unsinn! Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine +Grenzen! Ich will das nicht haben--verstehst du? + +(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem +zänkischen Ton fortzufahren? + +(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich! Willst du? +(Sie sieht ihn an und läßt ihn in Ungewißheit. Er zwingt sich, den +verhaßten Namen auszusprechen:) Gloria! + +(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen +Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch, +dir zu zeigen, daß ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind. (Die +Zärtlichkeit ist so kläglich unbeholfen, daß Gloria gegen ihren Willen +lächelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Höre mich +an. Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner +nicht? Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm, +aber du konntest schon alles recht gut verstehen. Kannst du dich +wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder-- +(schüchtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest? Besinnst du +dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine +kleinen Schiffe ansehn durftest, die du für Spielzeug hieltest? (Er +sieht ihr ängstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner +Antwort. Dann fährt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:) +Auf jemanden, der dich tun ließ, was du nur wolltest, und dir nie ein +böses Wort gab, dir höchstens sagte, du solltest still sein und nicht +sprechen? Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand +gewesen ist--der dein Vater war! + +(Gloria ungerührt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern, +dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, daß ich mich daran +erinnere. Aber tatsächlich erinnere ich mich an gar nichts. + +(McNaughtan sehnsüchtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzählt? + +(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenüber nie erwähnt. (Er stöhnt +unwillkürlich auf. Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und +fährt fort:) Doch! Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an +etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte. + +(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was? + +(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten, +um mich zu schlagen. + +(McNaughtan mit den Zähnen knirschend:) Oh! Das aufzutischen, um dich +mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest! (Mit pfeifendem, +schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr! + +(Gloria aufspringend:) Sie Elender! (Mit heftigem Nachdruck:) Sie +Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen! + +(McNaughtan.) Hör' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen! Ich bin +dein Vater! + +(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse! Wie ich das Wort "Mutter" liebe! +Es wäre besser, Sie gingen. + +(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich töten! +Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.) + +(Gloria gebt zur Balustrade; kühl und nicht verlegen um ein +Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine! + +(Valentine antwortet von unten:) Bitte! + +(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf! Herr McNaughtan +braucht Sie. (Sie geht an den Tisch zurück und schenkt ein Glas +Wasser ein.) + +(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! laß mich in Ruhe! +Ich brauche ihn nicht. Ich fühle mich vollkommen wohl! Ich brauche +seine Hilfe nicht und deine auch nicht! (Er erhebt sich und rafft +sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe. (Er +setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort? + +(Gloria.) Ich hoffe. (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt +grimmig, als wenn er damit einverstanden wäre, und geht ins Hotel. +Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet. Dann +macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine, +der die Stufen heraufgelaufen kommt.) + +(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los? (Er siebt sich um:) Wo ist +McNaughtan? + +(Gloria.) Fort. (Dr. Valentines Gesicht drückt plötzliche Freude, +Furcht und Durchtriebenheit aus. Er hat eben bemerkt, daß er mit +Gloria allein ist. Sie fährt gleichgültig fort:) Ich glaubte, er +fühle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt. Er wollte +nicht auf Sie warten--es tut mir leid. (Sie geht ihr Buch und den +Sonnenschlrm holen.) + +(Dr. Valentine.) Um so besser! Er geht mir ohnedies auf die Nerven +nach einer Weile. (Tut so, als ob er sich vergäße:) Wie kommt dieser +Mann nur zu so einer wundervollen Tochter? + +(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit höflicher, +aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem +Kompliment zu sein. Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu +machen, Doktor, daß Komplimente eine sehr öde Unterhaltung abgeben. +Bitte, lassen Sie uns auf eine vernünftige und gesunde Weise Freunde +sein, falls wir Freunde werden sollen. Ich habe nicht die Absicht, +mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen +wollen, so wäre vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht +fortzusetzen. + +(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe. Gestatten Sie mir nur eine +einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche +Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich +persönlich zu heiraten? + +(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um über Ihre +persönlichen Vorzüge irgendeine Meinung zu haben. (Sie wendet sich +mit unendlicher Gleichgültigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem +Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe +nicht für solche, die irgendein Weib annehmen könnte, das sich selbst +achtet. + +(Dr. Valentine schlägt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um, +als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annähme und von ihren +Grundsätzen entzückt und beruhigt wäre:) Oh, da haben wir denn schon +einen Punkt gemeinsamer Sympathie! Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die +heutigen Eheeinrichtungen sind höchst ungerecht. (Er nimmt seinen Hut +ab und wirft ihn fröhlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich für mein +Teil möchte all diesen Unsinn loswerden. (Er setzt sich so unbefangen +neben sie, daß sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und +führt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich, +daß ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um +verdächtigt zu werden, daß sie Heiratsabsichten haben? Als ob es +keine andern Interessen gäbe--keine andern Unterhaltungsmöglichkeiten-- +als wenn die Frauen zu nichts Besserem fähig wären! + +(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und +vernünftig zu sprechen, Herr Doktor! + +(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen über den Erfolg +seiner Jägerlist:) Selbstverständlich! Zwei intelligente Menschen wie +wir...! Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen +gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden +zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklärten, hellen +Geist? + +(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu +begegnen. + +(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm... Es gibt eine Menge Menschen in +England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsüchtige +Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira. + +(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfüllt:) Oh, in Madeira sind +alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale +Geschöpfe! Ich hasse Schwäche; und ich hasse Sentimentalität! + +(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern können! + +(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern? + +(Dr. Valentine.) Ja. Stärke ist ansteckend. + +(Gloria.) Schwäche ist es--das weiß ich. + +(Dr. Valentine mit Überzeugung:) Sie sind stark! Wissen Sie, daß Sie +mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben? Ich war schwermütig +und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte +mich über die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet! (Ihre +Stirn bewölkt sich ein wenig. Er fährt rasch fort:) Das war natürlich +albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir! Erklären +Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zögert und sucht nach +einem genügend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt, +meine Muskeln spannten sich, mein Geist klärte sich, mein Mut wuchs. +--Das ist sonderbar, nicht wahr? Wenn man bedenkt, daß ich durchaus +kein sentimentaler Mensch bin. + +(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurück an den Strand. + +(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, düster:) Wie? Sie haben das auch? + +(Gloria.) Was? + +(Dr. Valentine.) Angst. + +(Gloria.) Angst?... + +(Dr. Valentine.) Ja, daß irgend etwas geschehen könnte. Es kam +plötzlich über mich, gerade ehe Sie vorschlugen, daß wir weglaufen +sollten zu den andern. + +(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar! Ich hatte +dasselbe Gefühl. + +(Dr. Valentine.) Wie merkwürdig! (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir +fliehen? + +(Gloria.) Fliehen?... O nein, das wäre kindisch! (Sie setzt sich +wieder. Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster +Sympathie. Nachdenklich und etwas verwirrt fügt sie hinzu:) Ich wüßte +aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklärung für solche +gelegentlichen Einbildungen. + +(Dr. Valentine.) Ja, die möchte ich zuweilen auch gern wissen. Es ist +ein merkwürdig hilfloses Gefühl--nicht wahr? + +(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?... + +(Dr. Valentine.) Ja. Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns +jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehören und zu tun, was wir für +richtig und vernünftig halten--plötzlich ihre große Hand erhöbe und +uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern +Willen, auf ihre eigene Weise für ihre eigenen Zwecke dienstbar zu +machen? + +(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch? + +(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Übergang zu einem Ton +äußerster Sorglosigkeit:) Das weiß ich nicht--ich frage nicht danach! +(Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fräulein Clandon--Fräulein Clandon--wie +konnten Sie nur! + +(Gloria.) Was hab' ich getan? + +(Dr. Valentine.) Diese Verzückung in meine Seele schleudern!--Ich +bemühe mich aufrichtig, vernünftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie +immer Sie mich wünschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit +Sie meine Phantasie erfüllt haben?! + +(Gloria mit empörter verachtungsvoller Härte:) Ich hoffe, daß Sie +nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von... "Liebe" zu +sprechen! + +(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwäche in Abrede zu +stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe! Wir sind zu gescheit, an so +was zu denken! Wir wollen es Chemie nennen! Sie können nicht leugnen, +daß es so etwas wie eine chemische Tätigkeit, eine chemische +Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt. Sie ist die +unwiderstehlichste aller Naturkräfte... Nun, Sie ziehen mich +unwiderstehlich an--chemisch. + +(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn! + +(Dr. Valentine.) Natürlich ist das Unsinn, dummes Mädel! (Gloria +weicht mit empörter Überraschung zurück.) Ja, ein dummes Mädel sind +Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache! Sie sind ein +eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister! Das sind Sie! (Er +erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--für immer! +(Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.) + +(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer +Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie +wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im +geringsten beleidigt. (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.) +Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler +aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde +mich so ungeheuerlich mißverstehen wie Sie! Ich habe viele +Fehler--sehr große Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist +es das, was Sie einen Philister nennen. + +(Sie preßt ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und +herausfordernd an, während sie gefaßter ist denn je.) + +(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurück, um Gloria mit +mehr Nachdruck gegenüber zutreten:) O doch, das sind Sie! Mein +Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung +sagt es mir. + +(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß +Ihr Verstand und Ihr Gefühl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar +sind--ich hoffe es wenigstens. + +(Dr. Valentine.) Ich muß diesen aber glauben. Es sei denn, Sie +wollten, daß ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und +meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle über Ihre Person die +ungeheuerlichsten Lügen erzählen. + +(Gloria, deren Fassung anfängt nachzulassen:) Lügen?... + +(Dr. Valentine hartnäckig:) Ja, Lügen. (Er setzt sich wieder neben +sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, daß Sie das schönste Weib der +Erde sind? Erwarten Sie das von mir? + +(Gloria.) Das ist lächerlich und etwas persönlich noch dazu. + +(Dr. Valentine.) Natürlich ist es lächerlich!--Aber es ist das, was mir +meine Augen sagen. (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen +Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch, +daß ich meinen Augen nicht traue. (Sie schämt sich darüber, daß ihr +das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, daß ich hier sitzen und +wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine +Schwäche nichts von mir wissen wollen? + +(Gloria beginnt einzusehen, daß sie, um standhaft zu bleiben, kurz und +bündig sprechen muß:) Warum sollten Sie das wohl, bitte? + +(Dr. Valentine läßt absichtlich eine Gefühlsbewegung in seiner Stimme +zittern:) Natürlich werde ich das nicht! Ich bin kein solcher Esel! +--Und doch sagt mir mein Herz, daß ich heulen würde--mein närrisches +Herz. Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es +zur Vernunft bringen. Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der +Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen... Ist ja doch auch ganz +leicht, vernünftig zu sein... Tatsachen sind Tatsachen. Wo sind wir +hier? Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel! Die Zeit ist nicht +die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags. Was bin ich? Ein +Zahnarzt--ein Fünf-Schilling-Zahnarzt! + +(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister. + +(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht +ertragen! Eine Illusion muß mir bleiben--die Illusion über Sie! Ich +liebe Sie. (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu +berühren, nicht länger widerstehen könnte. Sie erhebt sich zornig und +ist auf der Hut. Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt +zurück.) Oh, was bin ich für ein Narr--was für ein Idiot! Sie +verstehen mich nicht... Ich könnte ebensogut zu den Steinen am Strand +sprechen! (Er wendet sich entmutigt ab.) + +(Gloria beruhigter infolge seines Rückzuges und etwas reuig:) Es tut +mir leid. Ich möchte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was +soll ich sagen? + +(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurück, und an die Stelle seines +Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:) +Sie können nichts sagen, Fräulein Clandon. Verzeihen Sie mir. Ich +allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt. +Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern möchten. (Sie ist +im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebärden: +) Oh, ich weiß--Sie dürfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern mögen +oder nicht; aber-- + +(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsätzen:) Ich darf nicht?... +Warum nicht?... Ich bin ein freies Weib! Warum soll ich es Ihnen +nicht sagen dürfen? + +(Dr. Valentine weicht ängstlich zurück; bittend:) Nicht! Ich könnte +es nicht ertragen! + +(Gloria nicht länger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu +fürchten. Ich halte Sie für sentimental und für ein wenig +überspannt--aber ich habe Sie gern. + +(Dr. Valentine fällt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles +vorüber! (Er ist ein Bild der Verzweiflung.) + +(Gloria nähert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn? + +(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genügt! Jetzt, wo ich ernstlich +darüber nachdenke, weiß ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder +nicht. + +(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir +leid. + +(Dr. Valentine. Im Schmerz zurückgehaltener Leidenschaft:) Oh, +bemitleiden Sie mich nicht! Ihre Stimme zerreißt mir das Herz! +Lassen Sie mich allein, Gloria. Sie wühlen mich in meinen tiefsten +Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den +Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen-- + +(Gloria bricht plötzlich nieder:) Oh, hören Sie auf mir zu sagen, was +Sie fühlen: ich kann es nicht ertragen! + +(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme +klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah! Er ist endlich gekommen--der +Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Hände; sie blickt ihn +entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes! (Er ziebt sie an sich, +küßt sie mit ungestümer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen, +Gloria--es ist alles vorüber--wir sind ineinander verliebt! (Sie kann +nur nach Luft ringen.) Aber was für ein Ungeheuer waren Sie, und was +für ein Hasenfuß bin ich gewesen! + +(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine! + +(Dollys Stimme.) Doktor Valentine! + +(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir. (Er küßt ihr +rasch die Hände und läuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden +Frau Clandon begegnet. Gloria, ganz verloren, kann ihm nur +nachstarren.) + +(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor. (Sie siebt sich +ängstlich um:) Ist er fort? + +(Dr. Valentine verwirrt:) Er?... (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan! +--Der ist schon längst fort, Frau Clandon. (Er läuft in gehobener +Stimmung die Stiegen hinunter.) + +(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter! + +(Frau Clandon stürzt ängstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein +Kind? + +(Gloria mit tief bekümmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich +nicht ordentlich erzogen, Mutter? + +(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein môglichstes getan! + +(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts! + +(Frau Clandon.) Was ist mit dir? + +(Gloria mit dem größten Nachdruck:) Ich schäme mich--schäme +mich--schäme mich--(Da sie unerträglich errötet, bedeckt sie ihr +Gesicht mit den Händen und wendet sich von ihrer Mutter ab.) + +(Vorhang) + + + + +DRITTER AKT + +(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im +Marinehotel gemietet haben. Eine bis auf den Fußboden reichende +zweiflügelige Fenstertür führt in den Garten. In der Mitte des +Zimmers steht ein massiver, von Stühlen umgebener Tisch, der mit einer +kastanienbraunen Decke bedeckt ist. Kostspielig eingebundene Hotel- +und Eisenbahnführer liegen darauf. Ein Besucher, der durch die +Fenstertür käme und zu diesem Mitteltisch ginge, würde den Kamin zu +seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner +Rechten, in der Nähe die Tür, die weiter hinten ist. Er würde, wenn +dies seiner Geschmacksrichtung entspräche, die pflaumen- und +bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel +und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern +können. Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf +Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersätzen aus +poliertem schwarzem Holz. Zunächst der Vase, in der nächsten Nähe des +Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tür aus +Holzmosaï[*or i?]k verschließt und dessen durch gewölbte Glasscheiben +abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weißem +Steingutgeschirr schützen. Ein Teetisch aus Bambusrohr mit +zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenüber auf der andern Seite +des Fensters.--An den Wänden hängen Bilder, gemalte Ozeandampfer und +Hunde von Landseer. In einer Linie mit der Türe, aber auf der andern +Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich +stehen zwei bequeme dazu passende Stühle. Über dem Fenster ist +eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune +Ripsvorhänge mit mattgrünen Zierborten hängen. Kurzum, ein Zimmer, +das danach eingerichtet ist, den Gefühlen des Bewohners von seiner +eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der täglichen Ausgabe +eines ganzen Pfundes für die Benützung auszusöhnen.) + +(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen. Gloria +lehnt am Fenster und starrt in gequälter Träumerei ins Weite. Die Uhr +auf dem Kaminsims schlägt Fünf mit schwachem Klirren, da die Glocke +gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist, +nicht aufkommen kann.) + + +(Frau Clandon.) Fünf! Ich glaube, wir brauchen nicht länger auf die +Kinder zu warten; sie trinken gewiß außer Haus Tee. + +(Gloria müde:) Soll ich klingeln? + +(Frau Clandon.) Ja, mein Kind. + +(Gloria geht an den Kamin und klingelt.) + +(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig. Gott sei +Dank! + +(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den +Stuhl ihrer Mutter:) Was für Korrekturen? + +(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten +Jahrhunderts". + +(Gloria mit einem bittern Lächeln:) Es fehlt noch ein Kapitel. + +(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstöbern:) Glaubst du?... +doch nicht. + +(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes. Vielleicht werde ich es für +dich schreiben--sobald ich erst den Schluß weiß. (Sie geht an das +Fenster zurück.) + +(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Rätsel? + +(Gloria.) O nein! das alte Rätsel. + +(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter +einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind-- + +(Gloria zurückkommend:) Ja? + +(Frau Clandon>) Du weißt, daß ich niemals Fragen stelle. + +(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiß, ich weiß! (Sie wirft +plötzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe +leidenschaftlich.) + +(Frau Clandon sanft Lächelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst +ganz sentimental! + +(Gloria zurückfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh! (Sie erhebt +sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob +sie sich losrisse.) + +(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen? Was--(Der +Kellner kommt mit dem Teebrett herein.) + +(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnädige Frau? + +(Frau Clandon.) Ja, ich danke. (Sie wendet ihren Stuhl vom +Schreibtisch fort und setzt sich wieder.) + +(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht +in einen Stuhl.) + +(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das +habe ich mir gedacht, gnädige Frau. Sonderbar, wie die Nerven +nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen. (Er holt den Teetisch und +setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und +das gnädige Fräulein sind eben zurückgekommen, gnädige Frau. Sie +waren in einem Boote auf dem Meer. Sehr angenehm an einem schönen +Nachmittag wie heute, sehr kräftigend. (Er nimmt nun das Teebrett vom +Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt +nicht zum Tee, gnädige Frau. Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu +besuchen. (Er nimmt zwei Stühle und setzt sie rechts und links vom +Teetisch hin.) + +(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?... + +(Der Kellner verfällt unbewußt einen Augenblick in die Tonart eines +Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt, +gnädiges Fräulein--oh, der kommt. Er hat gerudert und ist eben in die +Apotheke gelaufen, sich etwas für seine wunden Handflächen geben zu +lassen. Aber er muß gleich hier sein, gnädiges Fräulein! + +(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und läuft zur Tür.) + +(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau +Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.) + +(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefällig, gnädige Frau? + +(Frau Clandon.) Nein, danke. + +(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnädige Frau. + +(Als er sich zurückziehen will, kommen Philip und Dolly in +fröhlichster Laune bereingestürmt; er hält ihnen die Tür auf, geht +dann hinaus und schließt sie.) + +(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee! (Frau Clandon schenkt +ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen. Dr. +Valentine wird gleich da sein. + +(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewöhnt.--Wo ist Gloria? + +(Frau Clandon ängstlich, während sie ihm Tee eingießt:) Phil, mit +Gloria ist etwas los. Ist etwas passiert? (Philip und Dolly sehen +einander mit unterdrücktem Lachen an.) Was ist es? + +(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo-- + +(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia! + +(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die +alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch. (Er reißt +ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Frühling-- + +(Dolly)--kann eines Jünglings Phantasie-- + +(Philip)--leicht Liebesblüten treiben... Ich danke. (Zu Frau Clandon, +die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt übrigens auch im Herbst +vor. Diesmal ist der Jüngling-- + +(Dolly.) Doktor Valentine. + +(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Maße gehuldigt, daß +er sie-- + +(Dolly)--geküßt hat-- + +(Philip.)--auf der Terrasse-- + +(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten! + +(Frau Clandon ungläubig:) Phil--Dolly--spaßt ihr? (Sie schütteln den +Kopf.) Hat sie es geduldet? + +(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden +geschmettert zu sehen-- + +(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen-- + +(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein. + +(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten... (Sie fällt Philip, der +im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugießen, in den Arm:) Nein, +du hast die zweite Tasse abgeschworen! + +(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr dürft nicht hier sein, +wenn Doktor Valentine kommt. Ich muß darüber sehr ernst mit ihm +sprechen. + +(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?... Was für eine +Verletzung der "Grundsätze des zwanzigsten Jahrhunderts"! + +(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama! Stelle ihn zur Rede. Schlage +soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange +es dauert. + +(Philip.) Sch! er kommt! + +(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspätet zu haben, +Frau Clandon. (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich +trinke niemals Tee. Fräulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon +erzählt, was mir passiert ist. + +(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzählt. + +(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama +sehr genau erzählt. + +(Philip.) Es war unsere Pflicht. (Sehr ernst:) Komm, Dolly! (Er +bietet Dolly seinen Arm, die sich einhängt. Sie sehen Dr. Valentine +mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus. Dr. Valentine sieht +ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine +Erklärung bittend an.) + +(Frau Clandon erhebt sich und verläßt den Teetisch:) Wollen Sie +gefälligst Platz nehmen, Herr Doktor. Ich möchte etwas mit Ihnen +besprechen, wenn Sie erlauben. (Dr. Valentine setzt sich langsam auf +die Ottamane nieder. Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme +Viertelstunde. Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich +bedächtig in gemessener Entfernung.) Ich muß zunächst ein wenig +Nachsicht für mich erbitten. Ich bin im Begriff, über einen +Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts +verstehe. Ich meine--Liebe. + +(Dr. Valentine.) Liebe! + +(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt +dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt. + +(Dr. Valentine überwältigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es +würde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es wären. + +(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt, +jetzt nach damit anzufangen. + +(Dr. Valentine.) Anzufangen?!... Haben Sie nie--? + +(Frau Clandon.) Niemals. Mein Schicksal ist sehr alltäglich gewesen. +Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich +eigentlich tat. Wie Sie sich selbst überzeugt haben, war die Folge +davon eine bittere Enttäuschung für uns beide, für meinen Mann und für +mich. So kommt es, daß ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals +verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige +Liebesangelegenheit gehabt. Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr +Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe, +hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen. +(Dr. Valentine, der sehr verdrießlich dreinschaut, blinzelt skeptisch +nach ihr hin und sagt nichts. Sie errötet ein wenig und fügt mit +unterdrücktem Ärger hinzu:) Sie glauben mir nicht. + +(Dr. Valentine bestürzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber, +warum denn nicht... warum nicht? + +(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, daß ein der +Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften +kennt, die bei weitem die selbstsüchtigen Verblendungen und +Sentimentalitäten eines Liebesromanes übersteigen. Ihre +Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr? (Dr. +Valentine weiß wohl, daß Frau Clandon ihn deswegen geringschätzt, und +antwortet negativ mit melancholischem Kopfschütteln.) Ich dachte mir's. +--Nun, dafür bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten +Herzensangelegenheiten besprechen muß, in denen Sie ein Fachmann zu +sein scheinen. + +(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es. + +(Dr. Valentine.) Gloria? + +(Frau Clandon.) Ja, Gloria. + +(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria. +(Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiß +schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld. + +(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Mütter, +die mit mir gesprochen haben. + +(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor! Sie +sind ein alter Praktikus! (Er öffnet die Lippen, um zu widersprechen. +Sie unterbricht ihn mit einiger Entrüstung:) Oh, glauben Sie doch +nicht, daß ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu +wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--daß ein Mann, der +bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit +kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann! + +(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen-- + +(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr +Doktor. Es war Glorias Sache, sich selbst zu schützen, und Sie haben +das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten. + +(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?... Oh, Frau Clandon! + +(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie +es ernst? + +(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst! +(Sie sieht ihn forschend an. Sein Sinn für Humor bricht bei ihm durch, +und er fügt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst +gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen! + +(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte. (Streng:) Herr +Doktor, Sie sind einer von den Männern, die mit den Gefühlen der +Frauen spielen. + +(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der +Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden? Aber ich verstehe. +(Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit förmlicher Höflichkeit:) Sie +wünschen, daß ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle. + +(Frau Clandon.) Nein. Ich bin klug genug zu wissen, daß für Gloria +die beste Möglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser +kennen zu lernen. + +(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau +Clandon! Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein? + +(Frau Clandon.) Ich habe großes Vertrauen zu der gesunden Schule, die +Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat. + +(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht! +(Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut übermütig beiseite, mit +der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fürchten hat.) + +(Frau Clandon empört über seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das? + +(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch +etwas lehren, Frau Clandon? + +(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen. + +(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschützkunst--Artillerie, +Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon? + +(Frau Clandon.) Hat die Geschützkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen? + +(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erläuterung nämlich.--Während dieses +ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf +zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von +kugelsichern Panzerplatten. Man baut ein Schiff, das gegen die besten +Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet +jemand ein besseres Geschoß und bringt das Schiff zum Sinken. Sofort +baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone +undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres +Geschoß und bringt das Schiff wieder zum Sinken. Und so weiter.--Nun, +der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise. + +(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?... + +(Dr. Valentine.) Ja. Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter +gehört, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht! Sie sind lange +in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen. +Brauche ich ihn zu erklären? + +(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein. + +(Dr. Valentine.) Natürlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem +Geschlechterzweikampf?... Die altmodische Mutter bekam eine +altmodische Erziehung, um gegen die Ränke des Mannes gerüstet zu sein. +Gut. Sie kennen das Resultat. Der altmodische Mann hat sie +herumgekriegt. Die altmodische Frau entschloß sich nun, ihre Tochter +wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der +altmodische Mann nicht aufkommen könnte. Sie gab ihrer Tochter +deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System! Diese neue +Ausrüstung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei +nicht gerecht, unweiblich und weiß Gott was alles. Aber das half ihm +nichts, und so mußte er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie +wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam +schwören--und so weiter. + +(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen. + +(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natürlich, +es war das Weib!--Nun gut. Was hat der Mann getan? Genau dasselbe, +was der Kanonengießer tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau, +bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau +so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte. Ich war +noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die +frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, daß +man das herausgefunden hat. Sie sehen, meine Methoden sind gründlich +modern. + +(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos. + +(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Mädchensorte, gegen +die diese Methode nutzlos ist. + +(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das? + +(Dr. Valentine.) Das gründlich altmodische Mädchen. Wenn Sie Gloria +in der ehemals üblichen Weise erzogen hätten, so würde ich achtzehn +Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag +in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die +Frauenemanzipation hat Gloria in meine Hände geliefert, und Sie waren +es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat. + +(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit. + +(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon! + +(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt. Adieu. + +(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen, +bevor ich gehe? + +(Frau Clandon.) Ich fürchte, sie wird erst zurückkommen, wenn Sie +gegangen sind, Herr Doktor. Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um +Ihnen auszuweichen. + +(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen. Adieu. (Er +verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tür.) + +(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das für ein gutes Zeichen? + +(Dr. Valentine dreht sich in der Nähe der Tür um:) Weil ich eine +Todesangst vor ihr habe; und es scheint, daß sie eine Todesangst vor +mir hat. (Er will nun gehen, steht aber an der Türschwelle plötzlich +Gloria gegenüber, die eben eingetreten ist. Sie sieht ihm standhaft +ins Auge. Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau +Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen außer Fassung.) + +(Gloria bleich und sich nur mühsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr, +was Dolly mir gesagt hat? + +(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind? + +(Gloria.) Daß du mit diesem Herrn über meine Angelegenheiten +gesprochen hast? + +(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh! + +(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--können Sie einen Augenblick +schweigen? (Er blickt sie kläglich an, dann geht er mit einem +verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurück und wirft seinen Hut +darauf.) + +(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du +für ein Recht dazu? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein +Recht gehabt hätte, Gloria. + +(Dr. Valentine bestätigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das +geringste. (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entrüstung an.) +Verzeihen Sie. (Er setzt sich beschämt auf die Ottomane.) + +(Gloria.) Ich glaube nicht, daß irgend jemand das Recht hat, über +Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen. (Sie wendet +sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.) + +(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben +sollte-- + +(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort! +Ich weiß jetzt, daß ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein +könnte. (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht +selbst zu beschützen weiß, die kann niemand beschützen. Niemand ist +auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter! Ich +weiß, daß ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die +Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie hält inne, um einen Seufzer +zu unterdrücken.) + +(Dr. Valentine stöhnend:) Dieses Mannes--! (Er murmelt wieder:) Oh!... + +(Frau Clandon mit gedämpfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr +Doktor. + +(Gloria fährt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner +Schande allein zu bleiben. Ich bin eins von jenen schwachen +Geschöpfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge +auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muß mein Schicksal +erfüllen. Erspare mir wenigstens die Demütigung deiner +Rettungsversuche. (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an +das entferntere Ende des Tisches.) + +(Dr. Valentine aufspringend:) Hören Sie mal-- + +(Frau Clandon.) Herr Dokt-- + +(Dr. Valentine unbekümmert:) Nein! Ich will sprechen! Ich habe +nahezu dreißig Sekunden geschwiegen. (Er geht zu Gloria hin:) +Fräulein Clandon-- + +(Gloria bitter:) Oh--nicht Fräulein Clandon--Sie wissen ja, daß man es +sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen. + +(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht. Sie werden mir es nachher +vorwerfen und mich der Mißachtung beschuldigen. Es ist eine +herzzerreißende Lüge, daß ich Sie nicht achte. Es ist wahr, daß ich +Ihren früheren Stolz nicht geachtet habe. Warum sollte ich es auch? +Er war nichts als Feigheit. Ich habe Ihren Verstand nicht +geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine männliche +Spezialität. Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewühlt hatten! +--als mein großer Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer +machten!--ah, da, da, da! + +(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie. + +(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an! (Sie erhebt +sich rasch und wendet ihm den Rücken zu.) Und diesen Augenblick werden +Sie mir niemals nehmen können. So--nun ist mir einerlei, was +geschieht! (Er geht auf und ab und stößt einen frohen Ausruf aus, mit +dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiß sehr gut, daß ich +Unsinn rede--aber ich kann nicht anders. (Zu Frau Clandon:) Ich liebe +Gloria--und damit basta! + +(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr +gefährlicher Mensch. Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig +über diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts +von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite. +Frau Clandon spricht nun mit nachdrücklichem Hohn:) Frage diesen Mann, +den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor +dir getan haben. (Gloria sieht plötzlich mit einem Aufflammen +eifersüchtigen Ärgers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt +hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben +Redensarten geködert hat; wieviel Übung er als Duellant im Zweikampf +der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht. + +(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon! Sie. nützen mein +Vertrauen aus! + +(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria! + +(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Fäusten auf ihn los:) +Ist das wahr?! + +(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht böse-- + +(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?! Haben Sie das +alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon +empfunden?... für eine andere Frau? + +(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja. + +(Gloria erbebt ihre geballten Hände.) + +(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und hält ihre erhobenen +Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergißt dich! + +(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam +auf:) + +(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Fähigkeit zur Liebe und +zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Fähigkeiten: er muß sie oft +weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist. + +(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten. +Gloria, nimm dich in acht! + +(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh! + +(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:) +Glaubst du, daß ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche? (Zu Dr. +Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben! + +(Dr. Valentine.) Jawohl. + +(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, daß ich Sie +hasse--leidenschaftlich hasse! + +(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist überraschend, wie klein doch der +Unterschied zwischen Haß und Liebe ist. (Gloria wendet sich entrüstet +von ihm ab. Er fährt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen, +die ihre Männer lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen. + +(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber wäre es nicht +besser, Sie gingen? + +(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken! Er ist +mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amüsieren. (Sie +setzt sich mit geringschätziger Gleichgültigkeit an den Tisch, in die +Nähe des Fensters.) + +(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht! Das ist die vernünftige Art, +es aufzufassen. Gehen Sie, Frau Clandon Sie können einem bloßen +Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich böse sein. + +(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor; +aber ich will nicht annehmen, daß Ihre beklagenswert leichtsinnige +Veranlagung einzig schamlos und nichtswürdig ist-- + +(Gloria für sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswürdig! + +(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und +Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die übliche +Weise zu beenden. + +(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das größte Kompliment gemacht hätte:) +Sie sind zu liebenswürdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen! + +(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) O gewiß! ich lasse bitten. + +(Der Kellner.) Er läßt fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen +dürfte, gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) Warum nicht hier? + +(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnädige Frau: ich glaube, +Herr McComas fühlt, er hätte leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in +Abwesenheit der jüngeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen könnte, +gnädige Frau. + +(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, daß die Kinder nicht hier sind. + +(Der Kellner.) Sie behalten die Tür im Auge, gnädige Frau, und passen +scharf auf aus irgendeinem Grunde. + +(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen. + +(Der Kellner hält ihr die Tür auf:) Ich danke, gnädige Frau. (Sie +geht hinaus. Er kommt ins Zimmer zurück und begegnet dem Auge Dr. +Valentines, der wünscht, daß er sich entferne.) Sofort, Herr +Doktor--nur das Teegeschirr. (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen +Sie, Herr Doktor--ich danke sehr. (Er gebt hinaus.) + +(Dr. Valentine zu Gloria:) Hören Sie! Früher oder später werden Sie +mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich. + +(Gloria erbebt sich, um ihre Erklärung an ihn intensiver zu machen:) +Niemals! so lange Gras wächst und Wasser fließt--nie--nie--nie! + +(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut. Mich kann nichts unglücklich +machen--ich werde nie wieder unglücklich sein, nie, nie, nie, so lange +Gras wächst und Wasser fließt!! Der Gedanke an Sie wird mich immer +mit jauchzender Freude erfüllen. (Ein höhnisches Wort ist auf ihren +Lippen. Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner +gesagt... Das ist das erstemal! + +(Gloria.) Wenn Sie es der nächsten Frau sagen, wird es nicht zum +ersten Male sein! + +(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht! (Er kniet vor ihr nieder.) + +(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf! Wie können Sie es wagen? + +(Philip und Dolly stürzen, wie gewôhnlich um die Wette laufend, ins +Zimmer. Sie prallen zurück, als sie sehen, was vorgeht. Dr. +Valentine springt auf.) + +(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly. (Er wendet sich +um und will geben.) + +(Gloria geärgert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil. +(Streng:) Bitte, wartet hier auf sie. (Sie geht an das Fenster und +sieht, mit dem Rücken gegen die andern, hinaus.) + +(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm... + +(Dolly.) Aha! + +(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor? + +(Dr. Valentine.) Das bin ich auch. (Er tritt zwischen sie:) Nun so +hören Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht +wahr? (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue +Beleidigung.) + +(Dolly.) Alles. + +(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei. Ich wurde +abgewiesen--verachtet. Ich werde hier nur noch geduldet. Sie +verstehen doch?... es ist alles vorbei. Ihre Schwester will von +meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal +geruhen, auch nur das kleinste Interesse für mich zu haben. (Gloria +ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist +das klar? + +(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt. + +(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts +daraus--nicht einmal Ihre Seele wäre Ihr Eigentum geblieben, wenn +Gloria Sie geheiratet hätte. Sie können jetzt ein neues Kapitel Ihres +Lebens beginnen. + +(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefähr, nicht wahr? + +(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen +Sie nicht solche Sachen! Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art +richten das größte Unglück an. + +(Dolly.) O wirklich? Hm hm! + +(Philip.) Aha! (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner +gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.) + +(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein, +deren erste Sorge Gloria ist. Sie blickt suchend umher und ist im +Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit +deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen. Endlich +setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl. +McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.) + +(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes... Finch? + +(McComas düster:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem + +Vater. Fräulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten. (Er gebt zur +Ottomane und setzt sich.) + +(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich +rechts neben ihn.) + +(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe. + +(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor! Sie geht die Sache sehr an. +(Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich +rittlings, über den Rücken gelehnt, in die Nähe der Ottomane.) Frau +Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht über seine zwei jüngeren +Kinder, die nicht majorenn sind, für sich. + +(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly +um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.) + +(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm! Er hat uns lieb, Mama! + +(McComas.) Es tut mir leid, Sie darüber eines Besseren belehren zu +müssen, Fräulein Dorothea. + +(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a! (Lehnt sich ganz +überwältigt an seine Brust:) O Finch! + +(McComas nervös wegrückend:) Nein! nein--nein! nein! + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly! (Zu Mc Comas:) Laut +unserer Trennungsurkunde fällt mir die Aufsicht über die Kinder zu. + +(McComas.) Sie enthält auch die Verpflichtung, daß Sie sich ihm weder +nähern noch ihn in irgendeiner Weise belästigen dürfen. + +(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan? + +(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer jüngeren Kinder dem Gesetze nach eine +Belästigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat +entscheiden müßte. Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur +belästigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, daß er planmäßig +hergelockt wurde und daß Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter +die Hand im Spiel gehabt hat. + +(Dr. Valentine.) Was?... wie??... + +(McComas.) Er behauptet, daß Sie ihn betäubt haben, Herr Doktor. + +(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan. (Sie sind erstaunt.) + +(McComas.) Aber zu welchem Zweck? + +(Dolly.) Um fünf Schillinge extra zu verdienen! + +(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muß Sie wirklich bitten, +Fräulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch +ungehörige Unterbrechungen zu stören. (Heftig:) Ich bestehe darauf, +daß ernste Angelegenheiten ernst und würdig besprochen werden! +(Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die +selbst Herrn McComas aus dem Text bringt. Er hustet und beginnt von +neuem, sich an Gloria wendend:) Fräulein Clandon: ich habe ferner die +Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Ihr Vater auch die Überzeugung gewonnen +hat, daß Dr. Valentine Sie zu heiraten wünscht. + +(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wünsche ich auch. + +(McComas beleidigt:) Dann dürfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor, +wenn der Vater der jungen Dame Sie für einen Mitgiftjäger hält. + +(Dr. Valentine.) Das bin ich auch! Glauben Sie, daß eine Frau von +meinen Einkünften leben kann? Einen Schilling pro Woche? + +(McComas empört:) Ich habe nichts mehr hinzuzufügen, Herr Doktor. Ich +werde zu Herrn McNaughtan zurückkehren und ihm sagen, daß diese +Familie kein Ort für einen Vater ist. (Er gebt zur Tür.) + +(Frau Clandon mit ruhiger Würde:) Finch! (Er bleibt stehen:) Wenn der +Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie können es. Setzen Sie sich. +(Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Würde und seiner Freundschaft +unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau +Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, daß all dies eine Komödie ist und +daß Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie. Geben Sie mir +jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat. +Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut. Ich verspreche +Ihnen, daß die Kinder sich ruhig verhalten werden. + +(McComas fügt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen möchte, ist dies. Nach +der alten Übereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr +Mann furchtbar benachteiligt. + +(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf? + +(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewöhnt, die +öffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt über Sie +sagen könnte, keinerlei Rücksicht zu nehmen. + +(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig! (Gloria beugt sich +vor und küßt ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie +äußerst verwirrt.) + +(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen großen +Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte. Er mußte +Rücksicht auf sein Geschäft sowohl wie auf die Vorurteile seiner +altmodischen Familie nehmen. + +(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwähnen. + +(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon. + +(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos. + +(McComas.) War es aber ausschließlich seine Schuld? + +(Frau Clandon.) War es die meine? + +(McComas rasch:) Nein, selbstverständlich nicht. + +(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich, +Herr McComas. + +(McComas.) Mein liebes Fräulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber +ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe +eingeht--dafür kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufällige +Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglück +der häuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist, +warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist +als gar keine Frau--woran sie natürlich unschuldig sein kann--ist es +da gar so erstaunlich, daß er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er +ihr Vorwürfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich +zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht? + +(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwürfe gemacht, ich habe einfach +mich und die Kinder von ihm befreit. + +(McComas.) Ja. Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau +Clandon. Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie +gedrückt, als Sie damit drohten, die Sache zu veröffentlichen, indem +Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen. Nehmen Sie +an, er hätte diese Macht über Sie gehabt und dazu benützt, Ihre Kinder +von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, daß Sie bis auf Ihren +Namen vergessen wären... was würden Sie dabei fühlen?... Was würden +Sie tun?... Wollen Sie nicht auch seinen Gefühlen etwas Nachsicht +zeigen--? aus reiner Menschlichkeit? + +(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefühle bei ihm entdeckt. Ich habe sein +heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles übrige +seiner gewöhnlichen Menschlichkeit. + +(McComas gedankenvoll:) Frauen können sehr hart sein, Frau Clandon. + +(Dr. Valentine.) Das ist wahr! + +(Gloria zornig:) Schweigen Sie! (Er fügt sich.) + +(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine +letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon. Glauben Sie mir, es gibt +Männer, die sehr viel Gefühl, ja Güte haben, die aber unfähig sind, +sie auszudrücken. Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloß +äußere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten +zu erweisen und auf reizende liebenswürdige Art unaufrichtige +Komplimente zu machen. Wenn Sie in London lebten, wo die ganze +Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist +und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein können, ohne +herausgefunden zu haben, daß er Sie haßt wie Gift, dann würden Ihnen +die Augen bald aufgehen. Dort tut man unfreundliche Dinge auf +freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit süßer Stimme; man gibt +seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stücke reißt. Aber +denken Sie an die Kehrseite der Medaille! Denken Sie an die Leute, +die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Berührung +schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen +durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu +verletzen und zu quälen, selbst dann noch, wenn sie sie versöhnen +wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern... +McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat +keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein, +irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht +danach auf Treu und Glauben hinnimmt. Soll er gar keine Liebe haben, +nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und +Blut? + +(Dolly ganz gerührt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen! + +(Philip mit Überzeugung:) Finch, das nenne ich +Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit! + +(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance! Behalten wir ihn zum +Essen! + +(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch +gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir über Fergus +zu sprechen. Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich. + +(McComas zu Gloria:) Fräulein Clandon, ich habe bis jetzt davon +abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger +als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan +gesagt hat. + +(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Stärke der Mutter an die +Schwäche der Tochter! + +(McComas.) Nicht an Ihre Schwäche, Fräulein Clandon--ich wende mich +vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter. + +(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu mißtrauen. (Mit einem +zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich könnte, ich würde mir das +Herz aus dem Leibe reißen und es fortwerfen. Meine Antwort ist die +Antwort meiner Mutter! (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie. +Aber Frau Clandon, unfäbig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu +ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefühle zu +verletzen, nur kann.) + +(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid. Ich habe mein +Möglichstes getan. (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster +Unzufriedenheit fortzugehen.) + +(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch? Was +verlangen Sie?... Was sollen wir tun? + +(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das +Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit +McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist. Warum nun nicht +dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht +wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan +einholen, und zwar am besten sofort? Der Einfachheit und +Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor... Gleich heute +abend--was meinen Sie dazu? + +(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell +bekommen? + +(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen. Auf +meinem Rückwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem +hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor +Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst berühmt gemacht hat. Er +bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen +Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen. Er war so freundlich, mir +sein Erscheinen für den Fall zuzusagen, daß es mir gelänge, eine +Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen. Er wird uns mit +seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese +Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft +benützen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will +versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen. Bitte, stimmen Sie +zu! Einverstanden? + +(Frau Clandon nach einem Augenblick der Überlegung, bedeutungsvoll:) +Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe, +mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen. Ich wünsche nicht, +Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht +glaube, daß eine Zusammenkunft irgendwie nützen könnte. (Sie erhebt +sich:) Aber da Sie die Kinder überzeugt haben, daß er nicht ganz +hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt. + +(McComas nimmt ihre Hand und schüttelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau +Clandon.--Paßt Ihnen neun Uhr? + +(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte. + +(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn +Dr. Valentine verschworen zu haben, dann würde es, glaube ich, besser +sein, er wäre zugegen. + +(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich halte +meine Anwesenheit für äußerst wichtig. + +(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich hege die +größten Hoffnungen auf eine glückliche Lösung. Inzwischen leben Sie +wohl. (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tür für ihn +offen hält.) + +(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William. Könnten wir +nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren? + +(Der Kellner an der Tür:) Um sieben, gnädige Frau? Gewiß, gnädige +Frau. Es wird sogar eine Erleichterung für uns sein heut abend, wo so +viel zu tun ist. Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu +arrangieren und sonst noch allerlei, gnädige Frau. + +(Dolly.) Illumination! + +(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los? + +(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnädiges Fräulein. + +(Dolly und Philip stürzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?! + +(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. Der Regatta-Klub gibt das Fest +zum Besten des Rettungsbootes. (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft +solche Abende, gnädige Frau; Lampions im Garten, sehr hübsch, sehr +lustig und harmlos--wirklich! (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fünf +Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr. Damen in +Herrenbegleitung zahlen die Hälfte. + +(Philip erfaßt seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau, +William! + +(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten +weg sind! (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.) + +(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor? (Abgehnd:) +Ich muß wirklich nachsehen und sie zurückrufen. (Sie folgt ihnen und +spricht im Abgeben weiter.) + +(Gloria starrt Dr. Valentine kühl an und sieht dann bedächtig auf ihre +Taschenuhr.) + +(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben. +Ich gehe. + +(Gloria mit berablassender Förmlichkeit:) Ich muß mich bei Ihnen +entschuldigen. Ich bin mir bewußt, etwas scharf... vielleicht grob +gegen Sie gewesen zu sein. + +(Dr. Valentine.) Durchaus nicht. + +(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, daß es sehr schwer fällt, +jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen würdeloser Charakter +weder Respekt noch Achtung fordert. + +(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann würdevoll auftreten, wenn +er verliebt ist? + +(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil +abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen. Es sind +Beleidigungen. + +(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten. Aber ich kann nichts dafür, +ich muß sie begehen. + +(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt wären, würden Sie nicht töricht +sein. Liebe verleiht Würde, Ernst, ja sogar Schönheit. + +(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, daß ich davon schön werden +würde? (Sie wendet ihm mit kältester Verachtung den Rücken.) Ah, Sie +sehen, daß Sie es nicht ernstlich meinen! Die Liebe kann dem Manne +keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er +geboren wurde, entwickeln und erhöhen. + +(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren, +wenn ich bitten darf? + +(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens. + +(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des +Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht. + +(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im +Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne. (Sie erbebt ärgerlich den +Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe. Um neun bin ich wieder da. Adieu. +(Er läuft lustig hinaus und läßt sie in der Mitte des Zimmers zurück. +Sie starrt ihm nach.) + +(Vorhang) + + + + +VIERTER AKT + +(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind +angezündet, aber die Vorhänge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht +weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der +Bäume, darüber ein sternbesäter Himmel. Das Orchester im Garten +spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung übertönt.) + +(Der Kellner tritt ein und führt McNaughtan und McComas in das Zimmer. +McNaughtan sieht ängstlich und gedrückt aus. Er setzt sich müde und +mutlos auf die Ottomane.) + + +(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich +die Masken an. Wenn Sie einstweilen gütigst Platz nehmen wollten--ich +werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertür in den +Garten zu gehen, als ihn McComas aufhält.) + +(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, führen +Sie ihn unverzüglich herein. Wir warten auf ihn. + +(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten? + +(McComas.) Er heißt Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen +also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie +nicht, daß sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird. + +[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es +ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den +normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England +gekommen sind. Der Name Boon ist alltäglicher. McComas sagt dem +Kellner, daß er einen Herrn Bohun erwartet. Da fällt ihm ein, daß der +Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte für Frau Clandon geben +wird, und da er annimmt, daß William nicht wissen dürfte, daß der Name +Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie +der Name buchstabiert wird. (Anm. des Übers.)] + +(Der Kellner lächelnd:) Da können Sie sich vollkommen auf mich +verlassen, gnädiger Herr. Ich heiße selbst Boon, obgleich ich hier +fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte +ich auch ein H. U. einfügen; aber es ist besser, wenn ich mir diese +Freiheit nicht herausnehme. Meine Name würde dann auf Normannenblut +hindeuten, gnädiger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung für +einen Kellner. + +(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen, +und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*] + +(Der Kellner.) Das hängt zum großen Teil von der Stellung ab, die man +im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner wären, würden Sie bald finden, +daß Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen können wie +Normannenblut. Ich finde es am zweckmäßigsten, wenn ich meinen Namen +B. OO. N. schreibe und meinen Verstand möglichst zusammennehme.--Aber +ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst +schuld daran. Ich werde den Damen sagen, daß Sie hier sind, gnädiger +Herr. (Er geht durch die Fenstertür in des Garten hinaus.) + +(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr? + +(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein; +ich werde mein Möglichstes tun. + +(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe +Ihrer Familie gesagt, daß sie ganz allein Schuld an allem trüge. + +(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, daß ich einzig und allein der +Schuldige wäre. + +(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt. + +(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein +werden! + +(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie +sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn +Sie fortfahren, solche unmögliche Bedingungen zu stellen, dann können +wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen. + +(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht-- + +[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."] + +(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt +frage ich Sie aber ein für allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen, +sich gut zu benehmen, nur bedeuten, daß Sie nicht ohne Anlaß +aufbrausen würden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er +geben wolle.) + +(McNaughtan jämmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin +genug herumgestoßen und gequält worden--ich verspreche Ihnen, mein +Möglichstes zu tun. Aber wenn dieses Mädchen sich wieder erlauben +wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und +vergräbt den Kopf in die Hände.) + +(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn +Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es +kommt jemand. + +(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel +daraus zu machen, er verändert seine Stellung kaum.) + +(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertür +entgegen, so daß er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehört +zu werden.) + +(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fräulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm. +Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in +den Garten.) + +(Gloria tritt ein und geht kühl bis in die Mitte des Zimmers.) + +(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas? + +(Gloria gleichgültig, aber nicht unliebenswürdig:) Hinausgegangen, um +uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefühl. (Sie bleibt +neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater? + +(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun, +Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit +melancholischem Humor. + +(Gloria.) Reichen wir uns die Hände. (Sie reichen einander die Hände.) + +(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute +nachmittag leider zu sehr ungehörigen Worten über deine Mutter +hinreißen lassen. + +(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst +sehr hochmütig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft +gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich +neben seinen Stuhl auf den Boden.) + +(McNaughtan.) Was ist dir zugestoßen, mein Kind? + +(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter +meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die +Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer +Sturz--nicht wahr? + +(McNaughtan ärgerlich:) Was! (Sie behält ihren wunderlichen Ausdruck +bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, daß +du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswürdig.) Ich +fürchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiß immer, was +recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst +du das glauben? + +(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar! +Ich weiß auch stets, was recht ist und meiner würdig und stark und +edel--genau so gut, wie sie es weiß. Aber, ach! ich tue Dinge... und +ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--! + +(McNaughtan etwas mürrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es +weiß"... du meinst deine Mutter!... + +(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu +ihm hin und ergreift seine Hände.) Nun hören Sie mich an: keinen +Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht über +uns--über Ihnen und mir--himmelhoch über uns!--Sind Sie damit +einverstanden? + +(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind. + +(Gloria ist nicht befriedigt, läßt seine Hände los und zieht sich von +ihm zurück:) Sie mögen sie nicht? + +(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet +gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit +wachsender Kälte.) Sie hat mir ein großes Unrecht zugefügt, indem sie +mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles +Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr +wieder die Hand.) + +(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das +ist ein gefährliches Thema. Mit meinen Gefühlen, meinen elenden, +feigen, weiblichen Gefühlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit +meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter. + +(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind. +Ich danke dir. + +(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsätzlich hochmütig.) + +(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen, +einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare +William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich wäre auch gern +hingegangen, mir fehlen aber die fünf Schillinge für eine +Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was? + +(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen +dafür Dank schuldig zu sein. + +(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fräulein +Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er +beschimpft mich dafür. + +(Gloria kalt:) Ich bedaure, daß meine Mutter nicht da ist, Sie zu +empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von +dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen. + +(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn +gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fräulein +Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn förmlich +arbeiten hören. + +(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er? + +(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den +Maskenball gegangen. + +(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, daß alle auf +diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer +Zusammenkunft einzuhalten. + +(Dr. Valentine.) Oh, er wird pünktlich erscheinen--ich traf ihn schon +vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fünf Schillinge +anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloß ich mich dem Volke an und +habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fräulein Clandon durch +diese Glastür ins Hotel getreten war. + +(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir öffentlich, um +mich anzustarren? + +(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm +den Rücken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser +verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgültigkeit und begibt sich auf +die entgegengesetzte Seite des Zimmers.) + +(Der Kellner erscheint an der Fenstertür und führt Frau Clandon und +McComas herein.) + +(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, daß ich Sie alle +habe warten lassen! + +(Ein majestätischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und +eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der +Glastür.) + +(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine +Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und +die Speisesäle zeigen. Hier, wenn ich bitten darf! + +(Er tritt in den Garten zurück und zeigt den Weg in der Überzeugung, +daß der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an +das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemächlichkeit +zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen +einrollt und das Bündel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer +seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken +großen Mann, zwischen Vierzig und Fünfzig. Er ist glattrasiert und +von einer Blässe, die durch nächtliches Studium verursacht ist und die +durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geölt ist, noch +verstärkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Roßhaarmöbeln des +früheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig +grobkörniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein +Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so +erhöht seine mächtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise, +seine kräftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht +seiner äußerst kritischen Art zuzuhören noch den Eindruck, den er +hervorruft, bis zum Furchterregenden.) + +(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich +die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich, +Bohun verbeugt sich.) Fräulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun +verbeugt sich.) Herr Clandon? + +(McNaughtan besteht so ärgerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem +wahren Namen:) Ich heiße McNaughtan! + +(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er +sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon? + +(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht +imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heiße Valentine. Ich +bin der, der ihn betäubt hat. + +(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend? + +(Der Kellner kommt ängstlich durch die Fenstertür herein:) Verzeihen +Sie, gnädige Frau, aber können Sie mir vielleicht sagen, was aus +diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung. +Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefaßt hat. +Nachdem er eine rührende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er +sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhängender Stimme +anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das? + +(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es. + +(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfähig seine Tränen zurückzuhalten:) +*Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmächtig vor +dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnädige Frau--ein kleiner +Schwindelanfall. + +(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich +Ihnen sage, daß er mein Vater ist. + +(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater +ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von +dir denken! + +(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswürdigsten Weise: +) Ich bin entzückt, das zu hören, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns +während der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund +gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.) + +(Der Kellner den Kopf schüttelnd:) O nein, gnädige Frau! Sie sind zu +gütig--sehr vornehm und gnädig, wahrhaftig! Aber ich fühle mich sehr +verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin... +Entschuldigen Sie, daß ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch +schließlich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnädige Frau? (Er +erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe. +(Mit nach der Tür gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl +am Tisch entlang.) + +(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner hält inne, sein Mut sinkt.) +Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute +zugetragen hat? + +(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, größtenteils. + +(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen. + +(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Ich habe +heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr +viel zu tun! + +(Bohun unerschütterlich:) Wir werden dich brauchen! + +(Frau Clandon höflich:) Bitte, nehmen Sie Platz. + +(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnädige Frau! Ich darf mich +nicht setzen, ich muß eine Grenze ziehen; ich dürfte nicht gesehen +werden, wenn ich so etwas täte, gnädige Frau. Ich danke Ihnen +trotzdem. (Er blickt mit einem verstörten Gesicht, das ein Herz von +Stein rühren müßte, alle Anwesenden der Reibe nach an.) + +(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wünscht nur, uns +weiter gut bedienen zu dürfen. Ich hätte gern eine Tasse Kaffee. + +(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnädiges Fräulein? (Er +stößt einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnädiges +Fräulein. Das ist sehr zeitgemäß und richtig. (Zu Frau Clandon, +furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige +Frau? + +(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiß. Ich glaube, wir könnten +eine Rotweinbowle trinken. + +(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnädige Frau? Gewiß, gnädige +Frau! + +(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee. +Geben Sie etwas Gurke hinein. + +(Der Kellner entzückt:) Gurke, gnädiges Fräulein--ja! (Zu Bohun:) +Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie mögen keine Gurke. + +(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen +schottischen Whisky mit Soda. + +(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky für +Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem +Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.) + +(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke. + +(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzählend:) Weinbowle--einen +schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen. + +(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles. + +(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnädige Frau--sofort! (Er +tummelt sich durch die Fenstertür hinaus und hat die ganze +Stufenleiter der menschlichen Glückseligkeit in wenig mehr als zwei +Minuten durchlebt.) + +(McComas.) Ich glaube, jetzt können wir anfangen. + +(Bohun.) Es wäre besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann! + +(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann! + +(Bohun schlägt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen +dieser und der früheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet, +daß Sie McNaughtan heißen! + +(McNaughtan.) So heiße ich auch. + +/* +(Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich-- +(Gloria) ) (sprechen) ( Meine-- +(McComas) ) (gleichzeitig:) ( Frau-- +(Dr. Valentine)) ( Sie-- +*/ + +(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen +Augenblick! (Tödliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen +Sie sich alle! (Sie gehorchen demütig. Gloria nimmt den +Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem +Fenster gegenüberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann. +McNaughtan setzt sich mit dem Rücken gegen Dr. Valentine auch auf die +Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit möglichst auf der +entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um +McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Nähe der Tür. Links von +ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des +Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen, +fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heißt in dieser +Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also +schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung. + +(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinüber, mit einem Knie +auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach-- + +(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon +hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende +Erklärung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie +unterschätzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine! + +(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun läßt ihn nicht zu Worte +kommen.) Nein: ich will nicht, daß Sie darauf antworten; ich will, daß +Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu müssen. + +(Dr. Valentine niedergedrückt:) Das heißt wirklich, einen +Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei? +(Ersetzt sich wieder.) + +(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, daß--wenn +diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle +hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen +müssen, wie es sich gehört und gesellschaftlich üblich ist. + +(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck äußerst entschlossenen +Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schließen +müssen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen +drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos für eine +ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon +und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft +sich in seinen Stuhl zurück und runzelt heftig die Stirn.) + +(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst +damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen. + +(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei +Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind +es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht +drein, als ob er dies für ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner +Ansicht--was? + +(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es wäre-- + +(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es wären, so würden Sie sein, was +ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind. + +(McComas unterwürfig:) Gewiß, lieber Justizrat, Ihre Spezialität-- + +(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialität ist es, recht zu +haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht wären, +dann würde ich hier unnütz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache +abzufertigen, und wendet sich dann plötzlich und heftig an McNaughtan: +) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit +liegt Ihnen am meisten am Herzen? + +(McNaughtan beginnt langsam:) Ich möchte in dieser Sache allen +Egoismus beiseite lassen-- + +(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau +Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau +Clandon? + +(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, daß ich mich nicht an +meine eigenen Gefüllte kehre. + +(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fräulein Clandon--nicht wahr? + +(Gloria.) Gewiß nicht. + +(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht. + +(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch. + +(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, daß eine Pose der +Aufrichtigkeit auf Fräulein Clandon einen besseren Eindruck machen +wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch +diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er +nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Lächeln. Bobun, +zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollständig unterjocht zu haben, +wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurück, als wäre er nun +bereit, alle Wünsche der Parteien geduldig anzuhören.) Nun, Herr +McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird +beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das +vorauszuschicken. + +(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat. + +(Bohun..) Gewiß. Jetzt zu Ihrer Sache! + +(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernünftige Mensch +wird zugeben, daß das selbstlos ist. + +(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern? + +(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben-- + +(Bohun fällt wieder über ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von +Ihren Gefühlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit +Ihren Gefühlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschäft zu tun. +--Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen +müssen. + +(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, +Herr Justizrat. + +(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die +gegenwärtige Lage Ihrer Kinder einzuwenden? + +(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen +haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.) + +(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu +ändern? + +(McNaughtan.) Ich meine, daß sie sich ruhiger, einfacher kleiden +sollten. + +(Dr. Valentine.) Unsinn! + +(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empört, sofort in seinen +Stuhl zurück:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn +Sie ganz fertig sind! + +(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fräulein Clandons Kleidung +einzuwenden? + +(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig +wie die Ihre! + +(Gloria warnend:) Vater! + +(McNaughtan gibt kläglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine +Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die +beiden jüngeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr +Justizrat... wahrhaftig, ich bin überzeugt, Sie wären auch der Ansicht, +daß in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes, +beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt. + +(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, daß ich ihnen ihre Kleider +aussuche? Das ist wirklich kindisch! + +(McNaughtan erhebt sich wütend:) Kindisch!... + +(Frau Clandon steht entrüstet auf.) + +/* +(McComas) ) (McNaughtan, Sie + ) (alle erbeben sich (haben versprochen-- +(Dr. Valentine) ) und sprechen (Lächerlich, sie + ) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend! +(Gloria) ) (Bitte, wollen wir uns + (nicht vernünftig + (benehmen? +*/ + +(Lärm. Plötzlich hören sie ein warnendes Gläserklirren aus dem hinter +ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewußt um und sehen, +daß der Kellner eben aus dem Gartenschank zurückgekehrt ist und sein +Servierbrett erklingen läßt. Während er damit behutsam an den Tisch +kommt, wird es totenstill.) + +(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch +stellend:) Ihr irischer Whisky, gnädiger Herr. (McNaughtan setzt sich +ein wenig beschämt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein +Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky +mit Soda für den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der +Hand. Der Kellner setzt eine große Bowle in die Mitte des Tisches.) +Die Weinbowle. + +(Alle nehmen ihre Plätze wieder ein. Es herrscht Frieden.) + +(Frau Clandon demütig zu Bohun:) Ich fürchte, wir haben Sie +unterbrochen, Herr Justizrat. + +(Bohun ruhig:) Das haben Sie. (Zum Kellner, der binausgeht:) Warten +Sie einen Augenblick. + +(Der Kellner.) Gern. Womit kann ich dienen? (Er stellt sich hinter +Bohuns Stuhl.) + +(Frau Clandon zum Kellner:) Entschuldigen Sie, daß wir Sie aufhalten. +Der Herr Justizrat wünscht es. + +(Der Kellner, der sich jetzt ganz wohl fühlt:) Aber, gnädige +Frau--durchaus nicht, es ist mir ein Vergnügen, der Gedankenarbeit +seines geübten und mächtigen Geistes folgen zu dürfen--das ist sehr +anregend, sehr unterhaltend und lehrreich--wahrhaftig, gnädige Frau! + +(Bohun nimmt den Gang der Ferhandlung wieder auf:) Nun, Herr +McNaughtan, wir warten auf Sie! Ziehen Sie Ihren Einwand gegen die +Kleidung Ihrer Kinder zurück oder beharren Sie dabei? + +(McNaughtan erörternd:) Herr Justizrat, versetzen Sie sich einen +Augenblick in meine Lage: ich habe nicht nur an mich allein zu +denken--da ist meine Schwester Sophronia und mein Schwager--und ihr +ganzer Kreis. Sie haben einen großen Abscheu vor allem, was nur +irgendwie--nur irgendwie--nun... + +(Bohun.) Na, heraus damit!... Ausgelassen?--laut? bunt? + +(McNaughtan.) Ja. Ich meine das natürlich in keinem ruchlosen +Sinne--aber--aber (verzweifelt damit herausplatzend:) die beiden +Kinder würden meine Leute durch ihr Auftreten abstoßen! Sie passen +nicht zu ihren eigenen Verwandten. Das ist es, worüber ich mich +beklage! + +(Frau Clandon mit unterdrücktem Zorn:) Herr Dr. Valentine, haben Sie +irgend etwas Ausgelassenes oder Vorlautes an Phil und Dolly bemerkt? + +(Dr. Valentine.) Ganz gewiß nicht! Das ist der reinste Unsinn. +Nichts kann geschmackvoller sein. + +(McNaughtan.) Ja, Sie finden das natürlich geschmackvoll! + +(Frau Clandon.) William, Sie sehen eine Menge Menschen aus der guten +englischen Gesellschaft: sind meine Kinder auffallend und überladen +gekleidet? + +(Der Kellner versichernd:) O durchaus nicht, gnädige Frau! +(Überzeugend:) O nein, gnädiger Herr, durchaus nicht! Hübsch und +geschmackvoll, ohne Zweifel--aber dabei sehr gewählt und nobel--sehr +fein und hochklassig! Wahrhaftig, es könnten Sohn und Tochter eines +Dechanten sein, gnädiger Herr. Man braucht sie nur anzusehen, nur +zu--(In diesem Augenblick wirbeln ein Harlekin und eine Kolombine ins +Zimmer, die zu der Musik im Garten, die eben den Schluß eines Walzers +spielt, tanzen. Das Kleid des Harlekin besteht aus abwechselnden +Vierecken (I Zoll im Quadrat) von türkisblauer und goldfarbener Seide, +seine Pritsche ist vergoldet und seine Maske aufgeschlagen. Der Rock +der Kolombine gleicht einem Feld im Herbst, orangegolden und +mohnblumenrot; eine winzige Samtjacke stellt die Staubfäden der +Mohnblume vor.--Sie schwirren zwischen McComas und Bohun herein, ein +erlesenes, blendendes Paar, und dann zurück in einem Kreis bis an das +Ende des Tisches hin, wo sie, da der letzte Walzertakt eben verklingt, +in der Mitte der Gesellschaft ein lebendes Bild stellen: Harlekin +beugt sein linkes Knie und Kolombine steht auf seinem rechten Knie mit +über den Kopf gebogenen Armen. Im Gegensatz zu ihrem Tanz, der +reizend graziös war, ist diese Pose keine sehr glückliche und droht +mit einer Katastrophe zu enden.) + +(Die Kolombine schreiend:) Hebt mich herunter! Ich werde gleich +fallen! Papa, heben Sie mich herunter! + +(McNaughtan läuft ängstlich zu ihr hin und ergreift sie an den Händen: +) Mein Kind! + +(Dolly springt mit seiner Hilfe herunter:) Danke schön, das war lieb +von Ihnen. (Philip schiebt seine Pritsche in seinen Gürtel, setzt +sich auf den Rand des Tisches und schenkt etwas Weinbowle ein.) + +(McNaughtan geht sehr verblüfft an die Ottomane zurück.) Oh, war das +lustig! O Gott! (Sie setzt sich mit einem Satz auf die Tischkante; +keuchend:) Oh, Weinbowle! (Sie trinkt.) + +(Bohun mit mächtiger Stimme:) Das ist die jüngere Dame, nicht wahr? + +(Dolly gleitet vom Tische herunter; geängstigt von Bohuns mächtiger +Stimme und seinem Benehmen:) Ja. Bitte, wer sind Sie? + +(Frau Clandon.) Das ist Herr Justizrat Bohun, Dolly. Er war so +freundlich, heute abend zu uns zu kommen, um uns zu helfen. + +(Dolly.) Oh, dann wollen wir seinen Eintritt segnen-- + +(Philip.) Sch! + +(McNaughtan.) Herr Justizrat--McComas! ich wende mich an euch! Ist +das in Ordnung? Würden Sie die Familie meiner Schwester tadeln, wenn +sie sich dagegen verwahrte? + +(Dolly errötet; drohend:) Fangen Sie also schon wieder an? + +(McNaughtan versöhnlich:) Nein, nein--es ist in deinem Alter +vielleicht selbstverständlich. + +(Dolly hartnäckig:) Lassen Sie mein Alter aus dem Spiel!--Ob mein +Kleid hübsch ist, will ich wissen! + +(McNaughtan.) Ja, liebes Kind--ja--(Er setzt sich mit Zeichen der +Unterwerfung.) + +(Dolly nachdrücklich:) Gefällt es Ihnen? + +(McNaughtan.) Mein Kind, wie kannst du nur glauben, daß mir das +gefällt oder daß ich damit einverstanden bin? + +(Dolly entschlossen ihn nicht auszulassen:) Wie können Sie es hübsch +finden und es dann nicht leiden mögen? + +(McComas erhebt sich ärgerlich und entrüstet:) Wahrhaftig, ich muß +sagen-- + +(Bohun, der Dolly mit der größten Zustimmung angehört hat, macht sich +sofort über ihn her:) Still, unterbrechen Sie nicht, McComas! Die +Methode der jungen Dame ist vollkommen richtig! (Zu Dolly mit +furchtbarem Nachdruck:) Fahren Sie fort zu fragen, Fräulein Clandon,... +fahren Sie fort, rasch! + +(Dolly.) Aber Sie sind ein regelrechter Gewaltmensch! Gehen Sie immer +so vor? + +(Bohun erhebt sich:) Jawohl. Versuchen Sie nicht, mich aus dem Text +zu bringen, mein Fräulein! Sie sind zu jung dazu. (Er nimmt den +Stuhl des McComas, der neben Frau Clandons Stuhl siebt, und stellt ihn +neben seinen eigenen.) Setzen Sie sich! (Dolly gehorcht wie bezaubert, +und Bohun setzt sich wieder. McComas, seines Stuhles beraubt, holt +sich einen anderen, der zwischen dem Tisch und der ottomane steht:) +Nun, Herr McNaughtan, die Tatsachen stehen vor Ihnen--alle beide. Sie +glauben zwar, daß Sie Ihre beiden jüngsten Kinder gern bei sich hätten, +aber das würde Ihnen gar nicht gefallen--(McNaughtan versucht zu +protestieren, aber Bohun gibt das unter keinen Umständen zu:) Nein, +das gefiele Ihnen gar nicht. Sie glauben zwar, daß Sie das gern +hätten, aber ich weiß das besser als Sie. Sie verlangen, daß diese +junge Dame aufhört, sich des Abends wie eine Bühnen-Kolombine und des +Morgens wie eine moderne Kolombine zu kleiden... nun, sie wird das nie +tun--niemals! Sie glaubt, sie wird es einmal tun, aber-- + +(Dolly ihn unterbrechend:) Nein, das glaube ich auch nicht! +(Entschlossen:) Ich werde es niemals aufgeben, mich hübsch zu +kleiden--niemals! Wie Gloria zu jenem Mann in Madeira gesagt hat: +nie--nie--nie, so lange Gras wächst und Wasser fließt! + +(Dr. Valentine erhebt sich in furchtbarer Aufregung:) Was?... was?!... +(Er beginnt sehr rasch zu sprechen:) Wann hat sie das gesagt?... Zu +wem hat sie das gesagt? + +(Bohun wirft sich in einen Stuhl, mit intensivem, mitleidigem Protest: +) Herr Doktor Valentine-- + +(Dr. Valentine hitzig:) Unterbrechen Sie mich nicht! Dies ist etwas +sehr Ernstes! Ich muß wissen, zu wem Fräulein Clandon das gesagt +hat--ich bestehe darauf! + +(Dolly.) Vielleicht erinnert sich Phil. Welche Nummer war es? Numero +drei oder Numero fünf? + +(Dr. Valentine.) Numero fünf!!!! + +(Philip.) Mut, Doktor, es war noch nicht Numero fünf. Es war nur ein +zahmer Seeoffizier, der immer bei der Hand war--der geduldigste und +harmloseste Mensch von der Welt. + +(Gloria kalt:) Was wird jetzt erörtert, wenn ich fragen darf? + +(Dr. Valentine mit rotem Kopf:) Entschuldigen Sie... ich bedaure, +gestört zu haben. Ich will Sie nicht länger belästigen, Frau Clandon. +(Er verneigt sich vor Frau Clandon und geht, kochend vor +unterdrückter Wut, rasch durch die Fenstertür in den Garten.) + +(Dolly.) Hm hm... + +(Philip.) Aha! + +(Gloria.) Bitte, fahren Sie fort, Herr Justizrat. + +(Dolly dazwischenfahrend, als Bohun die Stirn furchtbar runzelt und +sich zusammenrafft, zu einem neuerlichen Ringen mit dem Fall:) Sie +wollen uns einschüchtern, Herr Justizrat. + +(Bohun.) Ich-- + +(Dolly ihn unterbrechend:) O ja, das wollen Sie! Sie glauben, daß es +nicht so ist--aber es ist so. Ich sehe es an Ihrem Stirnrunzeln. + +(Bohun nachgebend:) Frau Clandon, ich erkenne aus freien Stücken an, +daß Sie kluge, hellköpfige, gut erzogene Kinder haben... wollen Sie +mir dafür das Mittel angeben, das sie dazu bringen kann, den Mund zu +halten? + +(Frau Clandon.) Dolly! liebste Dolly--! + +(Philip.) Unsere alte Unart, Dolly! Ruhe! (Dolly hält sich den Mund.) + +(Frau Clandon.) Nun, Herr Justizrat, bevor Sie wieder anfangen... + +(Der Kellner leise:) Beeilen Sie sich--rasch! + +(Dolly ihm zublinzelnd:) Lieber William! + +(Philip.) Sch! + +(Bohun platzt gegen Dolly plötzlich ganz unerwartet mit einer Frage +los:) Haben Sie die Absicht, sich zu verheiraten? + +(Dolly.) Ich!... Nun, Finch nennt mich mit meinem Vornamen... + +(McComas.) Was soll das heißen?--Herr Justizrat, natürlich spreche ich +die junge Dame als alter Freund ihrer Mutter bei ihrem Vornamen an. + +(Dolly.) Ja. Sie nennen mich als alter Freund meiner Mutter "Dolly". +Aber warum nennen Sie mich "Dorothee-ee-a?" (Mc Comos erhebt sich +entrüstet.) + +(McNaughtan erhebt sich ängstlich, um ihn zurückzuhalten:) Beherrschen +Sie sich, McComas. Wir wollen nicht heftig werden--haben Sie Geduld. + +(McComas.) Ich will keine Geduld haben! Sie tragen die +beklagenswerteste Charakterschwäche zur Schau, mein lieber McNaughtan! +Ich finde das einfach unerhört! + +(Dolly.) Herr Justizrat, bitte, schüchtern Sie Finch ein wenig für uns +ein. + +(Bohun.) Das will ich.--McComas, Sie machen sich lächerlich. Setzen +Sie sich! + +(McComas.) Ich-- + +(Bohun winkt ihm gebieterisch, sich zu setzen:) Nein, setzen Sie +sich--setzen Sie sich! (McComas setzt sich verdrießlich nieder, und +McNaughtan folgt sehr erleichtert seinem Beispiel.) + +(Dolly zu Bohun demütig:) Ich danke Ihnen. + +(Bohun.) Nun hören Sie mich alle an. Ich enthalte mich jeder Meinung +darüber, McComas, wie weit Sie sich in der durch die junge Dame +angegebenen Richtung eingelassen oder nicht eingelassen haben. +(McComas ist im Begriff zu protestieren.) Nein, unterbrechen Sie mich +nicht!--Wenn sie Sie nicht heiratet, heiratet sie einen andern; das +ist die beste Lösung der Schwierigkeit, die dadurch entsteht, daß sie +nicht den Namen ihres Vaters trägt.--Die andere Dame hat die Absicht, +sich zu verheiraten. + +(Gloria errötend:) Herr Justizrat! + +(Bohun.) Doch, Sie haben die Absicht. Sie wissen es nicht, aber es +ist so. + +(Gloria erhebt sich:) Halt! Hüten Sie sich davor, Herr Justizrat, für +meine Absichten einzustehen. + +(Bohun erhebt sich:) Es hat keinen Zweck, Fräulein Clandon. Sie +werden mich nicht unterkriegen. Ich sage Ihnen, daß Ihr Name bald +weder Clandon noch McNaughtan lauten wird. Und wenn ich wollte, +könnte ich Ihnen sagen, wie er lauten wird. (Er geht an das andere +Ende des Tisches, rollt seinen Domino auf und legt die falsche Nase +auf den Tisch. Da er sich erhebt, erheben sich alle, und Philip geht +an das Fenster. Bohun gibt dem Kellner durch eine Bewegung zu +verstehen, daß er ihm beim Anziehen des Dominos helfen soll.) Herr +McNaughtan, Ihre Absicht, die Gesetze anzurufen, ist Unsinn. Ihre +Kinder werden alle majorenn sein, bevor Sie eine Entscheidung +erreichen können. + +(Indem er dem Kellner erlaubt, den Domino um seine Schultern zu legen: +) Ich kann Ihnen nur raten, ein freundschaftliches Übereinkommen zu +treffen. Wenn Sie Ihre Familie nötiger haben als Ihre Familie Sie, +dann werden Sie bei diesem Übereinkommen allerdings schlecht wegkommen; +--wenn Ihre Familie Sie aber nötiger hat als umgekehrt, dann werden +Sie schon besser wegkommen. (Er schüttelt den Domino, so daß er in +Falten fällt, und ergreift die falsche Nase. Dolly starrt ihn +bewundernd an.) Die Sache liegt für Ihre Angehörigen insoweit günstig, +als sie alle persönlich sehr angenehme Menschen sind. Und Ihre Stärke, +Herr McNaughtan, liegt in Ihrem Einkommen. (Er stülpt die falsche +Nase auf und ist wieder in grotesker Weise verwandelt.) + +(Dolly auf ihn zulaufend:) Oh, jetzt sehen Sie ganz menschlich aus! +Ich möchte mit Ihnen tanzen--ein einzigesmal! Können Sie tanzen? +(Philip nimmt seine Harlekinrolle wieder auf und bewegt seine Pritsche, +als wenn er Bohun und Dolly bezaubern wollte.) + +(Bohun mit Donnerstimme:) Ja, Sie glauben, daß ich nicht tanzen +kann--aber ich kann es. Kommen Sie! (Er packt sie und tanzt mit ihr +durch die Fenstertür in gewaltsamer Weise, aber mit beflissener +Sicherheit und Anmut hinaus. Inzwischen stellt der Kellner geschäftig +die Stühle an ihre gewöhnlichen Plätze zurück.) + +(Philip.) "Auf! Bis zum Morgen tanzt und trink und minnt"[*]--William! + +[Footnote *: Byrons "Childe Harold" Canto III Strophe 22. (Anm. des +Übers.)] + +(Der Kellner.) Zu dienen, junger Herr? + +(Philip.) Können Sie meinem Vater und Herrn McComas zwei Dominos und +zwei falsche Nasen verschaffen? + +(McComas.) Was fällt Ihnen ein--ich verwahre mich dagegen-- + +(McNaughtan.) Nicht doch! Was ist denn da weiter dabei? Nur einmal, +McComas! Wir wollen doch keine Spielverderber sein. + +(McComas.) McNaughtan, Sie sind nicht der Mann, für den ich Sie +gehalten habe. (Scharf:) Tyrannen sind immer Feiglinge. (Er geht +angewidert zur Fenstertür.) + +(McNaughtan folgt ihm:) Na, nichts für ungut! Wir müssen ihnen etwas +zugute halten.--Können Sie uns irgendeinen Umhang verschaffen, Kellner? + +(Der Kellner.) Gewiß, gnädiger Herr. (Er folgt ihnen an die +Fenstertür und bleibt dort stehen, um die Herren vorausgehen zu lassen. +) Hier bitte--Sie wünschen Dominos und Nasen? + +(McComas ärgerlich im Abgehen:) Ich werde meine eigene Nase tragen. + +(Der Kellner schmelzend:) Selbstverständlich, gnädiger Herr: die +falsche Nase wird ganz leicht darüber gehen. Es ist viel Platz dafür, +gnädiger Herr--viel Platz! (Er geht hinter McComas hinaus.) + +(McNaughtan wendet sich an der Fenstertür nach Phil um mit einem +Versuch zu gemütlicher Väterlichkeit:) Komm, mein Junge, komm! (Er +geht.) + +(Philip folgt ihm heiter:) Ich komme schon, Papachen, ich komme schon! +(An der Schwelle der Fenstertür hält er inne, blickt McNaughtan nach, +wendet sich dann phantastisch mit seiner um seinen Kopf wie einen +Heiligenschein gebogenen Pritsche um und sagt mit gedämpfter Stimme zu +Frau Clandon und Gloria:) Habt ihr das Ergreifende dieser Worte +empfunden? (Er verschwindet.) + +(Frau Clandon mit Gloria allein:) Warum ist Doktor Valentine so +plötzlich fortgegangen? Das verstehe ich nicht. + +(Gloria verdrießlich:) Ich weiß nicht.--Doch--ich weiß es. Komm, +sehen wir ein wenig dem Tanz zu. (Sie gehen nach der Fenstertür zu +und begegnen Dr. Valentine, der vom Garten mit raschen Schritten +hereinkommt, mit mürrischem Gesicht und bewölkter Stirn.) + +(Dr. Valentine steif:) Entschuldigen Sie. Ich dachte, die +Gesellschaft wäre schon auseinandergegangen. + +(Gloria nörgelnd:) Warum sind Sie dann zurückgekommen? + +(Dr. Valentine.) Ich bin zurückgekommen, weil ich kein Geld bei mir +habe und dort ohne ein Fünf-Schilling-Billett nicht hinausgelassen +werde. + +(Frau Clandon.) Hat Sie hier irgend etwas verletzt, Herr Doktor? + +(Gloria.) Kümmere dich nicht um ihn, Mutter. Das soll eine neue +Beleidigung für mich sein--weiter nichts. + +(Frau Clandon kaum fähig, sich vorzustellen, daß Gloria wohlüberlegt +einen Wortwechsel heraufbeschwören könnte:) Gloria! + +(Dr. Valentine.) Frau Clandon, habe ich irgend etwas Beleidigendes +gesagt?... Habe ich irgend etwas Beleidigendes getan? + +(Gloria.) Sie haben stillschweigend zu verstehen gegeben, daß meine +Vergangenheit der Ihrigen gleicht--das ist die allerschwerste +Beleidigung. + +(Dr. Valentine.) Ich habe nichts dergleichen zu verstehen gegeben. +Ich behaupte, daß meine Vergangenheit, mit der Ihren verglichen, +tadellos gewesen ist. + +(Frau Clandon äußerst entrüstet:) Herr Doktor! + +(Dr. Valentine.) Na, was soll ich mir dabei denken, wenn ich erfahren +muß, daß Fräulein Clandon andern Männern genau dieselben Reden +gehalten hat wie mir--wenn ich von mindestens fünf früheren Liebhabern +hören muß und einem zahmen Seeoffizier noch dazu! Oh, das ist zu arg! + +(Frau Clandon.) Aber Sie glauben doch sicher nicht, daß diese Dinge +ernst gewesen sind--harmlose Scherze von Kindern--Herr Doktor? + +(Dr. Valentine.) Ihnen sind es vielleicht Scherze--vielleicht auch +ihr. Aber ich weiß, was die Betroffenen dabei gelitten haben. (Mit +possierlich echtem Ernst:) Haben Sie jemals an die vernichteten +Existenzen gedacht--an die Ehen, die in der Rücksichtslosigkeit der +Verzweiflung geschlossen wurden--an die Selbstmorde--die--die--die-- + +(Gloria unterbricht ihn verachtungsvoll:) Mutter, dieser Mensch ist +ein sentimentaler Esel! (Sie rauscht fort an den Kamin.) + +(Frau Clandon empört:) Oh, meine teuerste Gloria! Der Herr Doktor +wird das grob finden. + +(Dr. Valentine.) Ich bin kein sentimentaler Esel mehr! Ich bin für +immer von jeder Sentimentalität geheilt. (Er setzt sich zornig.) + +(Frau Clandon.) Sie müssen uns allen verzeihen, Herr Doktor. Die +Frauen müssen die falschen guten Manieren ihres Sklaventums erst +verlernen, bevor sie sich die echten guten Manieren ihrer Freiheit +aneignen können.--Halten Sie Gloria nicht für gemein. (Gloria wendet +sich erstaunt um.) Sie ist es wirklich nicht. + +(Gloria.) Mutter, du entschuldigst mich bei *ihm*! + +(Frau Clandon.) Mein Kind, du hast manchen Fehler der Jugend und auch +manchen ihrer Vorzüge, und Herr Doktor Valentine hat wohl zu +altmodische Ideen über sein eigenes Geschlecht, als daß er sich gern +einen Esel nennen ließe.--Aber wollen wir jetzt nicht lieber nachsehen, +was Dolly anstellen mag? (Sie gebt an die Fenstertür. Dr. Valentine +erhebt sich.) + +(Gloria.) Geh du ohne mich, Mutter. Ich habe mit Herrn Doktor +Valentine ein Wort allein zu sprechen. + +(Frau Clandon überrascht, will sich dagegen verwahren:) Meine liebe +Gloria... (Sich besinnend:) Entschuldige--selbstverständlich, wenn du +es wünschest. (Sie verneigt sich gegen Dr. Valentine und geht hinaus.) + +(Dr. Valentine.) Oh, warum ist Ihre Mutter nicht Witwe--sie ist +sechsmal so viel wert als Sie! + +(Gloria.) Nun höre ich endlich das erste Wort aus Ihrem Munde, das +Ihnen Ehre macht. + +(Dr. Valentine.) Unsinn! Nun--sagen Sie mir, was Sie mir zu sagen +haben, und lassen Sie mich gehen. + +(Gloria.) Ich habe Ihnen nur das eine zu sagen: Sie haben mich heute +nachmittag einen Augenblick auf Ihr Niveau herabgedrückt. Glauben Sie, +daß ich nicht auf meiner Hut gewesen sein würde, wenn mir das schon +einmal passiert wäre, daß ich nicht gewußt hätte, was kommen würde, +und meine eigene elende Schwäche gekannt hätte? + +(Dr. Valentine sie leidenschaftlich auszankend:) Sprechen Sie nicht in +dieser Weise darüber! Was liegt mir an Ihren inneren Eigenschaften +mit Ausnahme von Ihrer Schwäche, wie Sie das nennen? Sie haben sich +für sehr sicher gehalten--nicht wahr?--Verschanzt hinter Ihren +fortschrittlichen Ideen! Es hat mir Spaß gemacht, die ziemlich leicht +über den Haufen zu werfen. + +(Gloria dreist, da sie fühlt, daß sie jetzt mit ihm machen kann, was +sie will:) Wirklich? + +(Dr. Valentine.) Aber aus welchen Gründen habe ich das getan?--Weil es +mich gereizt hat, Ihr Herz zu wecken, die Tiefen in Ihnen aufzuwühlen. +--Und warum hat mich das gereizt? Weil meine Natur es bitter ernst +mit mir gemeint hat, als ich mit ihr nur zu scherzen meinte... Wer +von uns beiden ist erwacht, wie dann der große Augenblick gekommen +war--wer wurde aufgewühlt in seinen tiefsten Tiefen?... Ich! Ich! +--Ich wurde hingerissen. Sie waren nur beleidigt... empört! Sie sind +nur eine ganz alltägliche junge Dame--zu alltäglich, um zahmen +Seeoffizieren zu erlauben, so weit zu gehen, wie ich heute ging... +weiter nichts. Ich will Sie nicht mit den üblichen Entschuldigungen +behelligen.--Leben Sie wohl. (Er geht entschlossen zur Tür.) + +(Gloria.) Bleiben Sie! (Er zögert.) Aber wollen Sie auch verstehen, +daß ich Ihnen durchaus nicht entgegenkomme, wenn ich Ihnen jetzt die +Wahrheit sage? + +(Dr. Valentine.) Pah! Ich weiß, was Sie mir jetzt sagen wollen. Sie +glauben, daß Sie nicht alltäglich sind--daß ich recht hatte--daß jene +Tiefen in Ihrer Natur dennoch vorhanden sind... Es schmeichelt Ihnen, +das zu glauben. (Sie weicht zurück.) Nun, ich gebe zu, daß Sie in +einer Hinsicht nicht alltäglich sind: Sie sind ein gescheites Mädchen. +(Gloria unterdrückt einen Wutschrei und gebt ihm drohend einen +Schritt entgegen.) Aber Sie sind noch nicht erweckt worden. Ich war +Ihnen gleichgültig... ich bin Ihnen gleichgültig... meine Tragödie ist +es gewesen, nicht die Ihre. Leben Sie wohl! (Er wendet sich nach der +Tür; sie beobachtet ihn, entsetzt darüber, daß er ihrer Macht +entschlüpft. Die Türklinke in der Hand, hält er inne, wendet sich +dann wieder Gloria zu und reicht ihr die Hand.) Wir wollen als Freunde +auseinandergehen. + +(Gloria außerordentlich erleichtert, kehrt ihm mit größter +Absichtlichkeit den Rücken:) Adieu.--Ich hoffe, Sie werden von Ihrer +Wunde bald genesen. + +(Dr. Valentine mit Freude, da er erkennt, daß er doch schließlich Herr +der Situation ist:) Gewiß werde ich das--solche Wunden heilen, ohne zu +schmerzen. Schließlich kann mir meine Gloria doch niemand rauben. + +(Gloria sieht ihm rasch ins Gesicht:) Was meinen Sie? + +(Dr. Valentine.) Die Gloria meiner Einbildung. + +(Gloria stolz:) Behalten Sie diese Gloria--die Gloria Ihrer Einbildung. +(Ihre Erregung beginnt stärker durch ihren Stolz hindurchzubrechen.) +Die wirkliche Gloria, die empörte...die beleidigte...die +entsetzte--jawohl!--die vor Scham fast zum Wahnsinn gebrachte, als sie +erfuhr, daß all ihre Selbstbeherrschung niederbrechen konnte bei der +ersten Begegnung mit--mit--(Ihr Gesicht errötet wieder über und über, +sie bedeckt es mit ihrer linken Hand und ihre Rechte legt sie auf Dr. +Valentines linken Arm, um sich zu stützen.) + +(Dr. Valentine.) Nehmen Sie sich in acht--ich bin schon wieder nahe +dran, den Verstand zu verlieren! (Sie nimmt allen ihren Mut zusammen +und läßt die Hand, die ihr Gesicht bedeckt, auf Dr. Valentines rechte +Schulter fallen, wobei sie sich ihm zuwendet und ihm gerade in die +Augen schaut. Er beginnt auf-*) *(geregt zu protestieren:) Gloria, +seien Sie vernünftig--es hat ja keinen Zweck--ich habe keinen Heller! + +(Gloria.) Können Sie denn keinen verdienen? Andere Leute können es +doch. + +(Dr. Valentine halb entzückt, halb erschrocken:) O niemals! Ich würde +Sie unglücklich machen--Teuerste, Geliebte--ich müßte ein erbärmlicher +Mitgiftjäger und Abenteurer sein--(Sie umschlingt ihn fester und küßt +ihn:) O Gott! (Atemlos:) Oh... ich--(Er keucht:) Ich kenne die Frauen +noch immer nicht... keine Ahnung habe ich... die Erfahrungen von zwölf +Jahren genügen nicht! + +(In einer Aufwallung von Eifersucht stößt sie ihn von sich fort, und +er taumelt zurück in den Stuhl wie ein vom Wind verwehtes Blatt. Da +tanzt Dolly mit dem Kellner ins Zimmer, Frau Clandon und McComas +folgen ihr, auch tanzend, und Philip pirouettiert auf eigene Faust +herein.) + +(Dolly sinkt atemlos auf den Stuhl vor den Schreibtisch:) Oh, ich bin +atemlos! Sie tanzen wundervoll Walzer, William! + +(Frau Clandon sinkt in den Lederfauteuil vor dem Kamin:) Oh, wie +konnten Sie mich nur zu einer solchen Torheit verleiten, Finch! Ich +habe seit der Soiree in South Place vor zwanzig Jahren nicht getanzt. + +(Gloria bestimmt, zu Dr. Valentine:) Stehen Sie auf! (Dr. Valentine +erhebt sich unterwürfig.) Lassen wir jetzt alles falsche Zartgefühl +beiseite. Sagen Sie meiner Mutter, daß wir entschlossen sind, uns zu +heiraten. + +(Ein Schweigen sprachlosen Erstaunens. Dr. Valentine, sprachlos vor +panischem Schrecken, starrt alle an. Er will sichtlich davonlaufen.) + +(Dolly bricht das Stillschweigen:) Nummer sechs! + +(Philip.) Sch! + +(Dolly ausgelassen:) Oh, meine Gefühle! Ich kann sie kaum beherrschen! +Ich möchte jemanden küssen,--und in der Familie ist das verboten! +Wo ist Finch? + +(McComas heftig losbrechend:) Nein! zum Donnerwetter! + +(McNaughtan erscheint an der Fenstertür.) + +(Dolly zu McNaughtan laufend:) Oh, Sie kommen gerade recht! (Sie küßt +ihn.) Nun--(zieht ihn vor, zu Dr. Valentine und Gloria:) segnen Sie +sie! + +(Gloria.) Nein! nichts davon--nicht einmal im Scherz. Wenn ich einen +Segen brauche, so werde ich meine Mutter darum bitten. + +(McNaughtan zu Gloria, schmerzlich enttäuscht:) Soll das heißen, daß +du dich mit diesem Herrn verlobt hast? + +(Gloria entschlossen:) Ja.--Haben Sie die Absicht, unser Freund zu +sein, oder-- + +(Dolly unterbrechend:)--oder unser Vater? + +(McNaughtan.) Ich würde gern beides sein, mein Kind, aber--!... Herr +Doktor Valentine, ich wende mich an Ihr Ehrgefühl-- + +(Dr. Valentine.) Sie haben ganz recht. Es ist einfach Wahnsinn. Wenn +wir zusammen auf einen Ball gehen wollen, werde ich Sie um fünf +Schillinge anpumpen müssen, um mir die Eintrittskarte zu lösen. +--Gloria, übereilen Sie nichts--Sie werfen sich fort! Es ist das +beste, wenn ich alledem ein Ende mache und niemals irgendeinem aus +Ihrer Familie wieder begegne. Ich werde keinen Selbstmord begehen, +ich werde nicht einmal unglücklich sein: es wird eine Befreiung für +mich sein--ich--ich fürchte mich--ich fürchte mich wahrhaftig--es ist +die reine Wahrheit. + +(Gloria entschlossen:) Ich verbiete Ihnen zu gehen! + +(Dr. Valentine verzagt:) Nein, Liebste, selbstverständlich nicht, aber +... Oh, wenn doch nur jemand einen Augenblick vernünftig sprechen und +uns alle zur Vernunft bringen wollte! Ich kann's nicht... Wo ist +Bohun?... Bohun ist der Mann! Phil, gehen Sie und beschwören Sie +Bohun. + +(Philip.) Aus der ungeheuren Tiefe. Ich gehe. (Er läßt seine +Pritsche durch die Luft sausen und schießt durch die Fenstertür fort.) + +(Der Kellner harmonisch zu Dr. Valentine:) Wenn Sie gestatten, daß ich +mir ein Wort zu sagen erlaube, Herr Doktor: Opfern Sie wegen fünf +Schillinge nicht Ihr Lebensglück. Wir werden uns nur zu sehr freuen, +Ihnen das Billett auf Kredit zu besorgen, und Sie können die Sache +ordnen, wann es Ihnen beliebt,--wann immer es Ihnen passen wird. Es +wird mich nur sehr freuen, es wird mir ein Vergnügen und eine Ehre +sein, Herr Doktor. + +(Philip erscheint wieder:) Er kommt! (Er schwingt seine Pritsche vor +dem Fenster. Bohun tritt ein, nimmt seine falsche Nase ab und wirft +sie auf den Tisch, während er an Philip vorübergeht und zwischen +Gloria und Dr. Valentine tritt.) + +(Dr. Valentine.) Es handelt sich darum, Herr Justizrat-- + +(McComas unterbricht, vom Kamin aus:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, +die Sache muß von einem Anwalt vorgetragen werden.--Es handelt sich um +eine Verlobung zwischen diesen beiden jungen Leuten. Sie hat etwas +Vermögen und (sieht McNaughtan an:) wird wahrscheinlich einmal noch +viel mehr haben. + +(McNaughtan.) Möglich. Ich hoffe es. + +(Dr. Valentine.) Und er hat keinen Heller. + +(Bohun nagelt Dr. Valentine sofort auf diesen Punkt fest:) Dann +bestehen Sie auf einem Ehevertrag.--Das verletzt Ihr Zartgefühl?... +Das tun die meisten vernünftigen Vorsichtsmaßregeln. Aber Sie bitten +mich um meinen Rat. Das ist er. Machen Sie einen Ehevertrag! + +(Gloria stolz:) Er soll einen Ehevertrag bekommen. + +(Dr. Valentine.) Mein lieber Herr Justizrat, ich, für meine Person, +brauche Ihren Rat nicht--geben Sie ihr einen guten Rat. + +(Bohun.) Sie würde ihn nicht befolgen. Wenn Sie ihr Mann sein werden, +wird sie auch Ihren Rat nicht befolgen... (Wendet sich plötzlich an +Gloria:) Nein, das werden Sie nicht--Sie glauben, daß Sie es werden, +aber Sie werden es nicht. Er wird an die Arbeit gehen und seinen +Unterhalt verdienen... (Wendet sich plötzlich an Dr. Valentine:) O ja, +das werden Sie--Sie glauben es nicht, aber Sie werden es! Sie wird +Sie schon dazu anhalten. + +(McNaughtan nur halb überzeugt:) Dann, Herr Justizrat, halten Sie +diese Verbindung also nicht für unklug? + +(Bohun.) O doch! Alle Verbindungen sind unklug. Es ist unklug, +geboren zu werden--es ist unklug, zu heiraten--es ist unklug, zu +leben--und es ist klug, zu sterben. + +(Der Kellner drängt sich unauffällig zwischen McNaughtan und Dr. +Valentine:) Wenn ich mir höflichst erlauben darf, fortzusetzen: Dann +ist es etwas Trauriges um die Weisheit. (Zu Dr. Valentine:) Glück auf, +Herr Doktor, Glück auf! Jeder Mensch fürchtet die Ehe, wenn es dazu +kommt--aber sie geht oft ganz angenehm aus, sehr fröhlich und selbst +glücklich--von Zeit zu Zeit. Ich war niemals Herr in meinem eigenen +Hause. Meine Frau war wie Ihre Braut, befehlshaberisch und +herrschsüchtig veranlagt. Mein Sohn hat diese Eigenschaften von ihr +geerbt. Aber wenn ich mein Leben zum zweitenmal zu leben hätte, ich +würde es wieder so leben!... ich würde es genau wieder so +leben--wahrhaftig!--Man kann nie wissen, Herr Doktor... man kann nie +wissen. + +(Philip.) Erlauben Sie mir zu bemerken, daß, wenn Gloria sich wirklich +entschlossen hat-- + +(Dolly)--die Sache besiegelt und Doktor Valentine erledigt ist. Wir +verpassen bloß alle Tänze. + +(Dr. Valentine zu Gloria, galant, sich so gut er kann, aus der Affäre +ziehend:) Darf ich um einen Walzer bitten?-- + +(Bohun widerspricht in seiner tiefsten Oktave:) Entschuldigen +Sie--diesen Vorzug beanspruche ich als Rechtsbeistandshonorar! Darf +ich um die Ehre bitten?--Ich danke. (Er tanzt mit Gloria fort und +verschwindet unter den Lampions, und läßt Dr. Valentine nach Luft +schnappend zurück.) + +(Dr. Valentine wieder zu sich kommend:) Dolly: darf ich +bitten--(Fordert sie zum Tanze auf.) + +(Dolly.) Unsinn! (Weicht ihm geschickt aus und läuft um den Tisch +herum an den Kamin:) Finch! Mein Finch! (Sie fällt über McComas her +und zwingt ihn zu tanzen.) + +(McComas protestierend:) Ich bitte, halten Sie ein--wahrhaftig--(Er +wird durch die Fenstertür davongerissen.) + +(Dr. Valentine macht eins letzte Anstrengung:) Frau Clandon, darf ich +bitten-- + +(Philip ihm zuvorkommend:) Komm, Mütter! (Er ergreift seine Mutter +und wirbelt mit ihr fort.) + +(Frau Clandon zurechtweisend:) Phil--Phil--(Sie teilt McComas' +Schicksal.) + +(McNaughtan folgt ihnen mit greisenhafter Heiterkeit:) Ho! ho! ho! ho! +ho! (Er gebt in den Garten und kichert über den spaß.) + +(Dr. Valentine sinkt auf die Ottomane und starrt den Kellner an:) Als +ob ich schon verheiratet wäre!... + +(Der Kellner betrachtet den im Zweikampf der Geschlechter Gefallenen +mit liebenswürdiger Teilnahme und schüttelt langsam den Kopf.) + +(Vorhang) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Mann Kann Nie Wissen, von George +Bernard Shaw. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MAN KANN NIE WISSEN *** + +This file should be named 8mknw10.txt or 8mknw10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8mknw11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8mknw10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. If your state is not listed and +you would like to know if we have added it since the list you have, +just ask. + +While we cannot solicit donations from people in states where we are +not yet registered, we know of no prohibition against accepting +donations from donors in these states who approach us with an offer to +donate. + +International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about +how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made +deductible, and don't have the staff to handle it even if there are +ways. + +Donations by check or money order may be sent to: + + PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION + 809 North 1500 West + Salt Lake City, UT 84116 + +Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment +method other than by check or money order. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by +the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN +[Employee Identification Number] 64-622154. 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