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+The Project Gutenberg EBook of Die Richterin, by Conrad Ferdinand Meyer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Richterin
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Posting Date: November 15, 2011 [EBook #9632]
+Release Date: January, 2006
+First Posted: October 11, 2003
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RICHTERIN ***
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+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
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+This Etext is in German.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+Die Richterin
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+Novelle
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+Conrad Ferdinand Meyer
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+Erstes Kapitel
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+"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Mönche
+auf Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel eines
+römischen Märztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das
+Kapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der
+Kaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst
+Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des
+höchsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe
+Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer
+solennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin,
+beizuwohnen.
+
+Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, während ein Gefolge von
+Höflingen, die aus allen Ländern der Christenheit zusammengewählte
+Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus
+Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem günstigen
+Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen. Die
+vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehüllten Höflinge schlenderten mit
+gleichgültiger Miene und hochfahrender Gebärde in den erlauchten
+Stapfen, die Begrüßung der umstellenden Menge mit einem kurzen
+Kopfnicken erwidernd und sich über nichts verwundern wollend, was
+ihnen die Ewige Stadt Großes und Ehrwürdiges vor das Auge stellte.
+
+Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem Platze
+Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. "Ich kann es
+nicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zu
+betrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet!
+Diese Züge müssen ähnlich sein."
+
+Da flüsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: "Es
+ist nicht Constantin. Das hab ich längst heraus. Doch ist es gut,
+daß er dafür gelte, sonst wären Reiter und Gaul in der Flamme
+geschmolzen." Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem
+großen Kaiser ins Ohr: "Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel."
+"Wirklich?" lächelte Karl.
+
+Sie gingen der Pforte von Ara Cöli zu, durch welche sie verschwanden,
+der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungen
+Menschen in rätischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und
+durch die ehrfürchtigsten Grüße seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte.
+
+"Halt, Herren", rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilde
+angelangten Höflinge und fing rechts und links die Hände der neben ihm
+Wandelnden, "jetzt, da alles treibt und schwillt"--Erd- und Lenzgeruch
+kam aus nahen Gärten--, "will ich meinen Becher und was mir sonst lieb
+ist mit Veilchen bekränzen, aber keinen Weihrauch trinken, am
+wenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenke
+entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Wölfin. Das hat
+mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bißchen den Reiter an und
+verduften dann in die Tabernen."
+
+"Wer ist's?" fragte einer.
+
+"Ein griechischer Kaiser"
+
+"Den setzen wir ab"--
+
+"Wie er die Beine spreizt!"--
+
+"Reitet der Kerl in die Schwemme?"--
+
+"Holla, Stallknecht!"--
+
+"Nettes Tier!"--
+
+"Wülste wie ein Mastschwein!"
+
+So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz überblitzte den
+andern. Das antike Roß wurde gründlich und unbarmherzig kritisiert.
+
+Der artige Räter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spötter
+genähert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelächtern in ihre
+Gruppe zu gelangen und auf eine unverfängliche Weise mit der Schule
+anzuknüpfen. Aber die Höflinge achteten seiner nicht. Da faßte er
+sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst:
+"Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Günstling des Glücks,
+wer ihr angehören darf!"
+
+Über eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und
+sprach gelassen: "Wir schwänzen sie meistenteils." Dann kehrte sich
+der ganze Höfling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Räter mit
+einem spöttischen Gesichte: "Welcher Eltern rühmst du dich, Knabe?"
+
+Dieser gab vergnügten Bescheid. "Ich bin der Neffe des Bischofs Felix
+in Chur und mit seinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt."
+
+"Räter", sprach der Lange ernsthaft, "du bist an den Quell der
+Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und
+über den Grüften unzähliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und
+bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs."
+
+Eben intonierten die Mönche von Ara Cöli mit jungen und markigen
+Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: "Concepit in
+iniquitatibus me mater mea!"
+
+"Hörst du", und der Höfling deutete nach der Kirche, "die dort wissen
+es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf.
+
+Der kluge Bischofsneffe hütete sich, in Zorn zu geraten. Mit einem
+flüchtigen Erröten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er.
+"Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge die aus eurer Schule
+aufsteigende Sonne der Bildung mit frommem Jubel begrüßt, hat mir den
+Auftrag gegeben, für seine jung gebliebene Lernbegierde einige
+Hauptschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das
+unvergleichliche Büchlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu
+erwerben. Nun wird erzählt, dieser große und gute Lehrer habe jeden
+von euch mit einem kostbaren Exemplare ausgerüstet, und ich meine nur,
+einer dieser Herren hätte vielleicht Lust, einen Handel zu schließen."
+
+"Du sprichst wahr und weise, Bischofssohn", parodierte ihn der Höfling,
+"und wäre mein Alcuin nicht längst unter die Hebräer gegangen, mochte
+es geschehen, daß wir zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges
+Würfelspielchen machten."
+
+"In unchristliche Hände! diese göttliche Weisheit!" wehklagte der
+Räter.
+
+"Weisheit!" spottete der Rotbart, "ich versichere dir: lauter dummes
+Zeug. Übrigens weiß ich es auswendig. Höre nur, Bergbewohner!" Er
+krümmte den langen Rücken wie ein verbogener Schulmeister, zog die
+Brauen in die Höhe und wendete sich an den jüngsten der Bande, einen
+Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus südlichen Augen lachend mit
+Lust und Liebe auf das gottlose Spiel einging.
+
+"Jüngling", predigte der falsche Alcuin, "du hast einen guten
+Charakter und einen gelehrigen Geist. Ich werde dir eine ungeheuer
+schwere Frage vorlegen. Siehe, ob du sie beantwortest. Was ist der
+Mensch?"
+
+"Ein Licht zwischen sechs Wänden", antwortete der Knabe andächtig.
+
+"Welche Wände?"
+
+"Das Links, das Rechts, das Vorn, das Nichtvorn, das Oben, das Unten."
+Jeden dieser Räume bezeichnete er mit einer Gebärde: beim fünften
+starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen
+Engelreigen, und bohrte schließlich einen stieren Blick in den Boden,
+als entdecke er die verschüttete Tarpeja. Jubelndes Klatschen
+belohnte die Faxe.
+
+Die wachsende Lustigkeit der Palastschule begann den Bischofsneffen zu
+ängstigen. Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein
+kühner Krieger, dem an der rechten Seite des stämmigen Wuchses ein
+seltsam gewundenes Hifthorn hing. "Sei getrost", sagte er und ergriff
+die Hand des Räters, "du sollst ein Pergament haben. Das meinige. Es
+schleppt sich unter dem Gepäcke." Er führte den Erlösten weg, die
+Treppe des Kapitols hinunter, sich nicht weiter um seine Gefährten
+bekümmernd.
+
+Jetzt gingen sie freundlich nebeneinander, wenn auch nicht mehr Hand
+in Hand. Die des Palastschülers war auf das Hifthorn geglitten, das
+der Bischofsneffe mit aufmerksamen Blicken betrachtete. "Das hier
+kommt aus dem Gebirge", sagte er.
+
+"So", machte der Behelmte. "Aus welchem Gebirge?"
+
+"Aus unserm, Landsmann. Ich kenne dich an deiner Sprache, wie du mich
+ebendaran erkannt haben wirst, da du mich, wofür ich dir danke, den
+Neckereien der Palastschule entzogest. Daß du es wissest, ich bin
+Graciosus"--der kluge Räter hatte diesen seinen hübschen Namen den
+Spöttern am Reiterbilde weislich verschwiegen--"oder auf deutsch
+Gnadenreich, und du bist Wulfrin, Sohn Wulfs, wenn dieses Hifthorn
+dein Erbteil ist, wie ich vermute."
+
+Wulfrin runzelte die Stirn. Es mochte ihm nicht willkommen sein, von
+der Heimat zu hören. Dann musterte er Gnadenreich und fand einen
+anmutenden, wohlgebildeten Jüngling, eine Gott und Menschen gefällige
+Erscheinung, nicht anders als der Name lautete. Er klopfte ihn auf
+die runde Schulter, deren Schmiegsamkeit zu dieser beschützenden
+Liebkosung einlud, und sagte. "Es macht warm." In der Tat strahlte
+nicht nur die römische Märzsonne, sie brannte sogar.
+
+"Ja, es macht warm", wiederholte er, hob den Helm und wischte mit der
+Hand einen Schweißtropfen. "Leeren wir einen Becher?", und ohne die
+Antwort zu erwarten, bog er nach wenigen Schritten in den offenen
+Hofraum eines klösterlichen Gebäudes und warf sich dort auf eine
+Steinbank, wo Graciosus in Züchten sich neben ihn setzte. "Ich darf
+mich nicht weiter verziehen", sagte der Höfling, "als das Horn reicht,
+wann Herr Karl die Schule zusammenruft. Auch liebe ich dieses junge
+Geschöpf", scherzte er und zeigte auf eine Palme, welche in geringer
+Entfernung auf dem Vorsprunge eines Hügels, von leichten Windstößen
+bewegt, sich im blauen Himmel fächerte und etwa sechzehn Jahresringe
+zählen mochte. "Hier heißt es ad palmam novellam, und Pförtner Petrus
+schenkt einen herben. He, Petrus!" Dieser, ein Alter mit struppigem
+Bart, feurigen Augen und zwei riesigen Schlüsseln am Gurte, brachte
+Kanne und Becher.
+
+"Palma novella ist auch ein Frauenname", bemerkte Graciosus und netzte
+den Mund.
+
+"Mag sein", versetzte Wulfrin. "In Hispanien, wenn mir recht ist,
+läuft derlei Getauftes oder Ungetauftes herum. Ich habe mich nicht
+damit befaßt. Ich mache mir nichts aus den Weibern."
+
+"Deine rätische Schwester heißt auch nicht anders", sagte Gnadenreich
+unschuldig.
+
+"Meine--rätische--Schwester?"
+
+"Nun ja, Wulfrin, das Kind der Judicatrix, meiner Nachbarin auf
+Malmort am Hinterrhein. Du hast sie nie von Angesicht gesehen, die
+Frau Stemma, das zweite Weib deines Vaters?"
+
+"Das dritte", murrte Wulfrin. "Ich bin von der zweiten."
+
+"Das weißt du besser. Auch das jähe Ende deines Vaters weißt du, bei
+seinem Aufritt in Malmort. Palma ist nachgeboren."
+
+"Es sei", versetzte Wulfrin verdrossen. "Warum auch sollte es nicht
+sein? Rührt mich aber nicht. Was mich kümmern konnte, hat mir der
+Knecht des Vaters, der Steinmetz Arbogast, umständlich berichtet. Ich
+habe es mit ihm beredet und erörtert mehr als einmal und noch zuletzt
+am Wachfeuer vor Pertusa, wenige Augenblicke bevor den treuen Kerl der
+maurische Pfeil meuchelte. Das ist nun fertig und abgetan. Wisse:
+als Siebenjähriger bin ich daheim ausgerissen--der Vater hatte mir das
+sieche Mütterlein ins Kloster gestoßen--und über Stock und Stein zu
+König Karl gerannt. Dorthin hat mir der Arbogast mein Erbe gebracht,
+das Wulfenhorn, dieses hier. Der Wulfenbecher, der dazu gehört,
+obschon er heidnisch ist--das Horn ist biblischen Ursprungs--, blieb
+auf Malmort und mag dort bleiben, bis ich freie, und das hat Weile.
+Sie werden ihn aufgehoben haben. Du hast ihn wohl gesehen, wenn du
+dort ein und aus gehst."
+
+Graciosus nickte.
+
+"Verstehe: beide, Horn und Kelch, sind zwei Altertümer, mit Tugenden
+und Kräften begabt. Den Becher gab einem Wölfling ein Elb oder eine
+Elbin von denen im Hinterrhein. Solang eines Wolfes Weib ihn ihrem
+Wolfe kredenzt und den dareingegrabenen Spruch ohne Anstoß hersagt,
+einmal vorwärts und einmal rückwärts, gefällt und mundet sie dem Wolfe.
+Über das Hifthorn sind die Meinungen geteilt. Nach den einen ist
+es gleichfalls ein elbisches Geschenk, und vor dem Burgtor bei der
+Rückkehr geblasen, zwingt es die Wölfin zu bekennen, was immer sie in
+Abwesenheit des Gatten gesündigt hat. Andere dagegen behaupten, daß
+ein Wolf im Gelobten Lande das Horn mit seinem Schwert aus dem
+erstarrten Pech und Schwefel des Toten Meeres grub. So ist es ein im
+Getümmel zur Erde gestürztes Harschhorn, von denen, welche die
+himmlischen Haufen bliesen zum Gericht über Sodom und Gomorra."
+Wulfrin blickte dem Räter ins Gesicht, der ihm--Schlauheit oder
+Einfalt--zwei gläubige Augen entgegenhielt.
+
+Eben wurde vom Winde ein Bruchstück der Seelenmesse aus Ara Cöli
+hergetragen. Zornig und drohend sangen sie dort: "Dies irae, dies
+illa, dies magna et amara valde!"
+
+"Schöne Bässe", lobte Wulfrin. "Um wieder auf den Becher zu kommen,
+so glaube ich nicht an seine Kraft. Sicherlich hat die Mutter nicht
+unterlassen, seinen Spruch herzubeten, vorwärts und rückwärts. Es hat
+nichts gefruchtet. Sie welkte, und der Vater verstieß sie." Er tat
+einen Seufzer.
+
+"Und das Horn?" fragte Schelm Graciosus.
+
+Der Höfling wog es in den Händen und lächelte. Graciosus lächelte
+gleichfalls.
+
+"Übrigens ist es das beste Hifthorn im Heere. Das ruft! Höre nur!"
+und er setzte es an den Mund.
+
+"Um aller Heiligen willen, Wulfrin, laß ab!" schrie Graciosus
+ängstlich. "Willst du die Stadt Rom in Aufruhr bringen?"
+
+"Du hast recht, ich dachte nicht daran." Wulfrin ließ das Horn in die
+tragende Kette zurückfallen.
+
+"Dieses Hifthorn", sagte jetzt Graciosus bedächtig, "wurde mir
+beschrieben. Auch hat es der Knecht Arbogast in Stein gemeißelt auf
+dem Grabmal im Hofe von Malmort, wo er den Comes, deinen Vater,
+abbildete und die Wittib daneben."
+
+"So?" grollte Wulfrin. "Konnte der Vater nicht allein liegen?"
+
+Graciosus ließ sich nicht einschüchtern. "An den Herrn des Hifthorns
+habe ich einen Auftrag", sagte er.
+
+"Du bist voller Aufträge. Von wem hast du diesen?"
+
+"Von der Richterin."
+
+"Welche Richterin?" Entweder war Wulfrin von harten Begriffen oder
+seine Laune verschlechterte sich zusehends.
+
+"Nun, die Judicatrix Stemma, deine Stiefmutter."
+
+"Was hab ich mit der Alten zu schaffen! Warum lächelst du, Männchen?"
+
+"Weil du so mit ihr umgehst, die noch schön und jung ist."
+
+"Ein altes Weib, sage ich dir."
+
+"Ich bitte dich, Wulfrin! Dein Vater freite sie als eine
+Sechzehnjährige. Dein Geschwister ist nicht älter. Zähle zusammen!
+Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag, und ich darf ihn nicht
+unausgerichtet heimbringen."
+
+Der Höfling verschluckte einen Fluch. "Du verdirbst mir den Krätzer,
+er schmeckt wie Galle." Erbost stieß er den Becher von der Bank und
+setzte den Fuß darauf. "So sprich!"
+
+"Frau Stemma", begann Gnadenreich in bildlicher Rede, "will sich vor
+dir die Hände in ihrer Unschuld waschen."
+
+"Ein Becken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gasse hinaus
+nach einem Bader.
+
+"Wulfrin, stünde sie vor dir, du straftest deine Lippen! Keine in
+Rätien hat edlere Sitte. Was sie verlangt, ist gebührlich. Auf der
+Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jählings ist dein Vater
+erblichen. Das ist schrecklich und fragwürdig. Frau Stemma läßt dir
+sagen, sie wundere sich, daß sie dich rufen müsse, sie habe dich
+längst, täglich, stündlich erwartet, seit du zu deinen mündigen Jahren
+gekommen bist. Nur ein Sorgloser, ein Fahrlässiger, ein
+Pflichtvergessener--nicht meine Worte, die ihrigen--verschiebe und
+versäume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen."
+
+Wulfrin blickte finster. "Das Weib tritt mir zu nahe", sagte er.
+"Ich wußte, was man einem Vater schuldig ist. Er hat an meiner Mutter
+gefrevelt, und sein Gedächtnis--die Kriegstaten ausgenommen--ist mir
+unlieb: dennoch habe ich mir seine Todesgebärde vergegenwärtigt, den
+Augenzeugen Arbogast, der das Lügen nicht kannte, habe ich scharf ins
+Verhör genommen. Jetzt will ich noch ein übriges tun und dir die
+gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen. Du bist aus dem Lande
+und kennst die Geschichte. Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel,
+so widersprich!"
+
+Der Vater kam aus Italien und nächtigte bei dem Judex auf Malmort.
+Bei Wein und Würfeln wurden sie Freunde, und der Vater, der, meiner
+Treu, kein Jüngling mehr war--ich habe aus der Wiege seinen weißen
+Bart gezupft--, warb um das Kind des Richters und erhielt es. Beim
+Bischof in Chur wurde Beilager gehalten. Am dritten Tage setzte es
+Händel. Der Räzünser, dessen Werbung der Judex abgewiesen haben
+mochte, wurde zu spät oder ungebührlich geladen oder an einen
+unrechten Platz gesetzt oder nachlässig bedient oder schlecht
+beherbergt, oder es wurde sonst etwas versehen. Kurz, es gab Streit,
+und der Räzünser streckt den Judex. Der Vater hat den Schwieger zu
+rächen, berennt Räzüns eine Woche lang und bricht es. Inzwischen
+bestattet das Weib den Judex und reitet nach Hause. Dort sucht sie
+der Vater, mit Beute beladen. Er stößt ins Horn, der Sitte gemäß.
+Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den
+ihr der Vater in Chur nach wölfischer Sitte als Morgengabe gereicht
+hatte. Kredenzt ihn mit drei Schlücken. Der Arbogast, der durstig
+daneben stand, hat sie gezählt: drei herzhafte Schlücke. Der Vater
+nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus.
+War es so oder war es anders, Bischofsneffe?"
+
+"Wörtlich und zum Beschwören so", bestätigte Graciosus. "Von hundert
+Zeugen, die den Burghof füllten, zu beschwören! Soviel ihrer noch am
+Leben sind. Und solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei
+flackernden Spänen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer
+Mittagszeit. Der Comes, dein Vater, war rasend geritten, hatte im
+Bügel manchen Trunk getan"--
+
+"Und mit fliegender Lunge ins Horn gestoßen, vergiß nicht!" höhnte
+Wulfrin.
+
+"Er triefte und keuchte"--
+
+"Er lechzte wie eine Bracke!" überbot ihn Wulfrin.
+
+"Er sehnte sich nach seinem Weibe", dämpfte Graciosus.
+
+"Trunken und brünstig! unter gebleichten Haaren! pfui! Ist das zum
+Abmalen und an die Wand heften? Was will die Judicatrix? Mich
+schwören lassen, daß wir Wölfe gemeinhin am Schlage sterben? Was
+freilich auf die Wahrheit herausliefe."
+
+"Es ist ihr Wille so, und man gehorcht ihr in Rätien."
+
+"Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin. "Mein Wille ist es
+nicht, und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite
+Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlägt.
+Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwöhner! Sie
+rühre nicht an die Sache! Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe!
+Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte
+mit der Hand, als stünde die Stiefmutter vor ihm. Dann spottete er:
+"Hat das Weib den Narren gefressen an Spruch und Urteil? Hat es eine
+kranke Lust an Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersättigen an
+Recht und Gericht?"
+
+"Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus lächelnd. "Frau Stemma
+liebt das Richtschwert und befaßt sich gerne mit seltenen und
+verwickelten Fällen. Sie hat einen großen und stets beschäftigten
+Scharfsinn. Aus wenigen Punkten errät sie den Umriß einer Tat, und
+ihre feinen Finger enthüllen das Verborgene. Nicht daß auf ihrem
+Gebiete kein Verbrechen begangen würde, aber geleugnet wird keines,
+denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fühlt sich von ihr
+durchschaut. Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern, und das
+Vergrabene ist nicht sicher vor ihr. Sie hat sich einen Ruhm erworben,
+daß fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird."
+
+"Das Weib gefällt mir immer weniger", grollte Wulfrin. "Der Richter
+walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde
+und schnüffle nicht nach verrauchtem Blute."
+
+Graciosus begütigte. "Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl
+sie noch in Blüte und Kraft steht. Vielleicht sorgt sie, wenn sie
+nicht mehr da wäre, könntest du deine Schwester in Unglück stürzen"--
+
+"In Unglück?"
+
+"Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande einer
+unaufgeklärten und ungeschlichteten Sache. Darum, vermute ich, will
+sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen."
+
+Wulfrin lachte. "Wirklich?" sagte er. "Sie hat einen schönen Begriff
+von mir. Meine Schwester plündern? Das arme Ding! Im Grunde kann es
+nicht dafür, daß es auf die Welt gekommen ist. Doch auch von ihr will
+ich nichts wissen." Während er redete, zählte sein Blick die
+Jahresringe der jungen Palme. "Fünfzehn Ringe?" sagt er.
+
+"Fünfzehn Jahre", berichtigte Graciosus.
+
+"Und wie schaut sie?"
+
+"Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unterdrückten
+Seufzer. "Sie ist gut, aber wild."
+
+"So ist es recht. Und dennoch will ich nichts von ihr wissen."
+
+"Sie aber weiß von nichts anderm als von dem fremden, reisigen,
+fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den
+Sarazenen rauft. 'Wann der Bruder kommt'--'Das gehört dem
+Bruder'--'Das muß man den Bruder fragen'--davon werden ihr die Lippen
+nicht trocken. Jedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem
+Becher und damit an den Brunnen. Sie wäscht ihn, sie reibt ihn, sie
+spült ihn."
+
+"Warum, Narr?"
+
+"Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod
+getrunken hat."
+
+"Dummes Ding! Du also wirbst um sie?"
+
+Der ertappte Graciosus errötete wie ein Mädchen. "Die Mutter
+begünstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er.
+"Kämest du heim, ich bäte dich, ein Wort mit ihr zu reden."
+
+Wieder musterte Wulfrin den netten Jüngling und wieder klopfte er ihn
+auf die Schulter. "Sie hält dich zum besten?" sagte er.
+
+"Sie redet Rätsel. Da ich neulich auf mein Herz anspielte"--
+
+"Schlug sie die Augen nieder?"
+
+"Nein, die schweiften. Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt im
+Himmel. Ich blinzte. Ein Geier, der ein Lamm davontrug.
+Unverständlich."
+
+"Klar wie der Morgen. 'Raube mich.' Das Mädchen gefällt mir."
+
+"Du willst sie sehen?"
+
+"Niemals."
+
+Jetzt trat ein Palastschüler mit suchenden Blicken in den Hofraum und
+dann rasch auf Wulfrin zu. "Du", sagte er, "die Messe ist aus, der
+König verläßt die Kirche." Der "Kaiser" wollte ihm noch nicht über die
+Zunge.
+
+Wulfrin sprang auf. "Nimm mich mit!" bat Graciosus, "damit ich dem
+Herrn der Erde nahe trete und ihn reden höre."
+
+"Komm", willfahrte Wulfrin gutmütig, und bald standen sie neben dem
+Kaiser, vor welchem ein ehrwürdiger, aber etwas verwilderter Graubart
+das Knie bog. Gnadenreich erkannte Rudio, den Kastellan auf Malmort,
+und wunderte sich, welche Botschaft der Räter bringe, denn Karl hielt
+ein Schreiben in der Hand. Er reichte es dem Abte, und Alcuin las vor:
+
+"Erhabener, da ich höre, Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen,
+flehe ich Dich an, daß Du Deinen Weg durch Rätia nehmest. Seit Jahren
+haben sich in unsern verwickelten Tälern versprengte Lombarden
+eingenistet unter einem Witigis, der sich Herzog nennt. Wir, die
+Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden
+nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut. Ein
+unerträglicher Zustand. Du bist der Kaiser. Wenn du kommst und
+Ordnung schaffst, so tust Du, was Deines Amtes ist. Stemma,
+Judicatrix."
+
+"Keine Schwätzerin", sagte der Kaiser. "Meine Sendboten haben mir von
+der Frau erzählt." Alcuin betrachtete die Handschrift. "Feste Züge",
+lobte er.
+
+"Alcuin, du Abgrund des Wissens", lächelte Karl, "was ist Rätien?
+Welche Pässe führen dahin?"
+
+Der kleine Abt fühlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete
+sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Höfling und der
+Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem
+guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser versammelt
+stand.
+
+"Jünglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Höhe, "wer seinen Weg
+durch das rätische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten, aber in Stücke
+zerrissenen Damm einer Römerstraße zu zählen, die Wahl zwischen
+mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine
+zusammenfinden. Diese Wege und Stapfen führen im Geisterlicht der
+Firne durch ein beirrendes Netz verstrickter Täler, das die Fabel mit
+ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevölkert. Hier
+ringelt sich die Schlangenkönigin, wie verlockt von einer Schale Milch,
+einem blanken Wasser zu, gegenüber, aus einem finstern Borne, taucht
+die Fei und wehklagt."
+
+"Lehrer, was hat sie für Gründe dazu?" fragte der Rotbart wißbegierig.
+
+"Sie ahnt das ewige Gut und kann nicht selig werden. Dahinter,
+zwischen Schnee und Eis, in einem grünen Winkel, weidet eine
+glockenlose Herde, und ein kolossaler Hirte, halb Firn halb Wolke,
+neigt sich über sie. Tiefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert
+die harmlose Fabel ihre Kraft, und menschliche Schuld findet ihre
+Höhlen und Schlupfwinkel. Hier raucht und schwelt eine gebrochene
+Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Mörder in den
+zerschmetternden Abgrund."
+
+"Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spöttisch.
+
+"Eheu!" jammerte der Abt, "bist du es, Liebling meiner Seele, Peregrin,
+mein bester Schüler, dessen Knochen in der rätischen Schlucht
+bleichen?" Er trocknete sich eine Träne. Dann schloß er: "Gegen
+beides, Fabel und Sünde, hält Bischof Felix in Chur beschwörend seinen
+Krummstab empor."
+
+"In schwachen Händen", scherzte der Kaiser.
+
+"Er ist sehr schön gearbeitet", rief Graciosus mit der schallenden
+Stimme eines Chorknaben, "und in seiner Krümmung neigt sich der
+Verkündigungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den
+Menschen ein Wohlgefallen."
+
+Karl gönnte dem Bischofsneffen einen heitern Blick und wendete sich
+gegen die Schule: "Stammt einer von euch aus Rätien?"
+
+Wulfrin trat vor. "Ich, Herr. Jung bin ich ausgewandert, doch kenne
+ich Sprache und Steige."
+
+"So reite und berichte."
+
+"Dir zu Dienste, Herr", verabschiedete sich Wulfrin, wurde aber von
+dem hartnäckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemächtigte und
+ihn vor den Kaiser zurückbrachte. "Durchlauchtigster", verklagte er
+ihn, "er soll auf Malmort bei der Richterin, seiner Stiefmutter,
+erscheinen, keiner andern als die dir den Brief geschrieben hat, und
+er will nicht. Sie besteht darauf, sich vor ihm zu rechtfertigen über
+das jähe Sterben ihres Gemahles des Comes Wulf."
+
+"Jener?" besann sich der Kaiser. "Er hat mir und schon meinem Vater
+gedient und verunglückte im rätischen Gebirge."
+
+"Vor dem Kastell und zu den Füßen seines Weibes Stemma, die ihm den
+Willkomm kredenzt hatte", erinnerte Gnadenreich.
+
+Karl verfiel in ein Nachdenken. "Eben habe ich für die Seele meines
+Vaters gebetet", sagte er. "Kindliche Bande reichen in das Grab.
+Mich dünkt, Wulfrin, du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben. Du
+bist es deinem Vater schuldig."
+
+Wulfrin schwieg trotzig. Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem
+Hifthorn, um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu
+geben. Es mangelte. Er hatte es im Palaste vergessen oder
+absichtlich zurückgelassen, um der Messe als ein Friedfertiger
+beizuwohnen. "Deines, Trotzkopf!" gebot er, und Wulfrin hob sich sein
+Hifthorn über das Haupt. Karl betrachtete es eine Weile. "Es ist von
+einem Elk", sagte er, hob es an den Mund und stieß darein. Da gab das
+Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, daß nicht nur die
+Höflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstürzten,
+sondern auch, was sich ringsum von römischem Volke gehäuft hatte,
+erstaunt und erschreckt die Köpfe reckte, als nahe ein plötzliches
+Gericht. Karl aber stand wie ein Cherub.
+
+Im Gedränge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an
+den Höfling. "Auf Wiedersehen in Malmort: du gehorchst?"
+
+"Nein", antwortete Wulfrin.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen
+rätischen Kastells sprudelte ein Quell in klösterlicher Stille. Durch
+die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mächtig über den
+Hof weg, und schon rückte das Spätrot hinauf an dem klotzigen Gemäuer.
+Am Brunnen aber stand ein junges Mädchen und ließ den heftigen Strahl
+in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwärztem Silber er
+schäumend empor und ihr über die bloßen Arme spritzte.
+
+"Berg und Wetter sind gut", murmelte sie. "Mir brannten die Sohlen
+von früh an, ihm entgegen zu rennen. Kommt er heute noch? oder erst
+morgen? oder übermorgen zum allerspätesten! Graciosus verschwor sich,
+der Bruder ziehe mit dem Kaiser--nein, er reite ihm weit voraus! Und
+der Kaiser ist nahe, was flüchteten sonst die Lombarden Hals über
+Kopf? Bum!" machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach,
+dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das
+in Gestalt einer breiten blanken Firn über die Firste blickte, hatte
+es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen.
+
+"Die ihr auf weißen Stürzen in den Abgrund schlittet, seid ihm hold,
+bärtige Zwerge! Verberget ihm nicht den Pfad, verschüttet ihm nicht
+die Hufen des Rosses! Sprudle, Flut! Spül aus den Hauch des Todes!
+Lust und Leben trinke der Bruder!" und sie streckte den schlanken Arm.
+Dann hob sie den gebadeten Becher in die Höhe der Augen und
+buchstabierte den Elbenspruch, welchen sie sich deutlicher in das Herz
+schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand.
+Der Spruch aber lautete folgendermaßen:
+
+"Gesegnet seiest du!
+Leg ab das Schwert und ruh!
+Genieße Heim und Rast
+Als Herr und nicht als Gast!
+Den Wulfenbecher hier
+Dreimal kredenz ich dir!
+Erfreue dich am Wein!
+Willkomm..."
+
+
+Hier schloß entweder der zaubertüchtige Spruch oder dann kam noch
+etwas gänzlich Unleserliches, wenn es nicht zufällige Male der
+Verwitterung waren.
+
+Eigentlich wußte sie ihn schon lange auswendig. Sie sagte ihn
+vorwärts, das ging, rückwärts, das ging auch. Dann sah sie ihn darauf
+an--zum wievielten Male!--, ob er ihr mundgerecht sei und von der
+Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten:
+sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn
+Wulfrin zu kredenzen. Ob es die Mutter erlaube? Diese machte sich
+mit dem Becher nichts zu schaffen, sie ließ ihn, wo er langeher seinen
+Platz hatte. Der Spruch gefiel dem Mädchen, und es malte sich die
+Ankunft.
+
+"Das Horn klingt! Oder wäre es möglich, daß er mich still beschliche?
+mit heimlichen Schritten? Aber nein, er will ja nichts von mir
+wissen--wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat. Das
+Horn dröhnt! Ich ergreife den Becher, fliege der Mutter voran--oder
+noch lieber, sie ist verritten, und ich bin Herrin im Hause--jetzt
+naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte. Sie begann zu zittern und
+zu zagen. "Er ist da! er ist hinter mir!" Sie wendete sich zögernd
+erst, dann plötzlich gegen das Burgtor. In der niedern Wölbung
+desselben stand kein junger Held, aber lauernd drückte sich dort ein
+armseliger Pickelhering.
+
+Das Mädchen brach in ein enttäuschtes Gelächter aus und trat beherzt
+der Fratze entgegen. Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den
+ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Strümpfe. In die
+schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall
+zusammenwürfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen
+Spitzbart, der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte
+eine possierliche Maske schuf.
+
+"Wer bist du, und was willst du?" fragte das Mädchen.
+
+"Nur nicht gerufen, kleine Herrin oder vielmehr große Herrin, denn,
+bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit
+überwachsen. Wo ist sie?" Er schaute sich ängstlich um. Sein Blick
+fiel auf etwas Graues. In der Mitte des Hofes und im Schatten der
+Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter
+Mann neben einem Weibe lag, das die Hände über der Brust faltete. "Ei,
+da hält ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht",
+spaßte der Lombarde, "und trübt kein Wässerchen, während sie zugleich
+in ihrer grünen Kraft bergauf bergab reitet und hängen und köpfen läßt."
+Er blickte bedenklich zu dem prächtig gebildeten leuchterförmigen
+Ast eines Ahorns empor. "Hier würde ich ungerne prangen", sagte er.
+"In Kürze: ich bin Rachis der Goldschmied und habe ein Geschäftchen mir
+dir. Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?"
+
+Diese plötzliche Frage setzte das Mädchen kaum in Erstaunen, das sich
+heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben
+Gegenstande beschäftigt hatte. "Wie mein Leben", sagte sie.
+
+"Das ist schön von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten.
+Wulfrin der Höfling ist in unsere Gewalt geraten."
+
+"Er lebt?" schrie das Mädchen angstvoll.
+
+"Zur Not. Herzog Witigis zielt auf sein Herz--aber wird uns die
+Richterin nicht überraschen?"
+
+"Nein, nein, sie ist nach Chur verritten. Rede! schnell!"
+
+"Nun, ich habe ein feines Ohr und weiß auch ein Loch in der Mauer,
+denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Hühnerhof. Also:
+dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen. Er schlug um sich wie
+ein Rasender, und unser Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet,
+die andern, um es nicht zu werden. Doch sein Pferd rollte in den
+Abgrund, und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir
+ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterrücks ein langes Jagdnetz
+über den Kopf warfen. Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um
+ihn über die Wege des Franken, unsers Verderbers, auszufragen. Der
+Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen. Da legte der
+Herzog den Pfeil auf den Bogen und"--Rachis tat einen grausamen Pfiff.
+
+"Du lügst! er lebt!" rief das Mädchen mutig.
+
+"Vorläufig. Der Herzog drückte nicht ab, denn--jetzt wird die
+Geschichte lustig--das junge Weib eines der Unsrigen, eine
+freigegebene Eigene der Richterin, wenig älter als du"--
+
+"Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens"--
+
+"Gerade diese sprang dazwischen. 'Bei der durchlöcherten Seite
+Gottes', heulte sie, 'der arme Herr trägt das Wulfenhorn und ist kein
+anderer als der Sohn des Comes, der im Steinbild auf Malmort liegt.
+Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzählt, von
+klein an und in einem fort ohne Aufhören. Du darfst nicht sterben',
+wendete sie sich an den Gebundenen, 'das wäre ihr ein großes Leid und
+tötete ihr das Herzchen. Denn wisse, du bist ihr Herzkäfer,
+wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat. Sende hin, und
+sie löst dich mit ihrem ganzen Geschmeide. Es sind köstliche Sachen.
+All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs
+hatte, gespendet und dahingegeben.'"
+
+"So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde
+Rosmunde, die er um sich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes.
+Sie umhalste den Herzog und erflehte sich das Geschmeide von Malmort.
+Ihr Stirnband habe seine Perlen und ihr elfenbeinerner Kamm die Hälfte
+seiner Zähne verloren. Kurz, Goldschmied Rachis wurde an dich
+geschickt und bietet dir den Tausch. Wähle: Schmuck oder Bruder!"
+
+Ehe noch der Lombarde geendigt hatte, stürzte das Mädchen gegen die
+Burg, die steile Treppe hinauf, verschwand in der Pforte und kam
+atemlos wieder, Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schürze
+gefaßten hellen Oberkleide tragend. Dieses hielt sie mit der Linken,
+während die Rechte Stück um Stück wie aus einem Horte emporhob und den
+gekrümmten Fingern des Goldschmieds überantwortete. Spangen,
+Stirnbänder, Gürtel, Perlschnüre verschwanden in dem Sacke, welchen
+Rachis geöffnet hatte, auch für die blonden Flechten Rosmundens ein
+kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in
+erhabener Arbeit. Jedes durch seine Hände wandernde Stück begleitete
+der Goldschmied mit dem Lobe des Kenners, nicht ohne ein bißchen
+Bosheit, die dem begeisterten Mädchen seine Verluste fühlbar machen
+wollte. Sie zuckte nicht einmal mit dem Mund, sie leuchtete vor
+Freude bei der Hingabe alles ihres Besitzes.
+
+Da kam ihr denn doch ein Zweifel. "Du bist redlich?" sagte sie. "Du
+schickst mir den Bruder? Es ist besser, ich begleite dich!" und sie
+machte sich wegfertig.
+
+"Unmöglich, Herrin", widersprach der Lombarde, "das geht nicht! Du
+entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefährdetest mit dem Leben des
+Bruders auch das deinige. Die Richterin aber würde dich von uns
+geraubt glauben. Sei nicht unklug, und gib dich nicht in fremde
+Gewalt!" Er belud sich mit dem Sacke. "Ein Schlummerchen, Fräulein!
+und wenn du die Augen wieder öffnest, hast du den Bruder, der dich
+Gold und Gut kostet. Das schwöre ich dir!" Er senkte die drei Finger
+mit einem grimmigen Blicke gegen den Erdboden. "Bei dem da unten!"
+gelobte er.
+
+"Ein glaubhafter Schwur!" sprach eine weibliche Stimme. Rachis
+wendete sich erschrocken und bog das Knie vor einer behelmten Frau mit
+strengen Zügen, die den Speer, den sie in der Hand getragen, einem
+bewaffneten Knechte reichte. Die Richterin mochte aus Schonung für
+ihr ermüdetes Tier den steilen Burgweg zu Fuß erklommen haben. Sie
+faßte Palma schützend am Arm und blickte geringschätzig auf den
+Lombarden. "Schwürest du bei Gott und seinen Heiligen", sagte sie,
+"so schwürest du falsch; eher schwörst du die Wahrheit bei dem Vater
+der Lügen. Habet ihr euch nicht bei allem Göttlichen verpflichtet,
+ihr Lombarden, nie mehr in Rätien zu rauben und zu brennen? Und jetzt,
+da ihr, wie alles Böse, vor den Augen des Kaisers flüchtet,
+schleudert ihr rechts und links verheerende Flammen! Ich komme von
+Chur und weiß um eure Taten, Eidbrüchige! Sage du deinem Witigis, die
+Richterin würde ihm nachjagen und ihn züchtigen, wenn nicht ein
+Höherer käme, und er ist schon da, dessen Hand ihn erreicht, flöhe er
+an die Enden der Erde!" Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des
+Goldschmieds. "Was trägst du da weg, Dieb?" fragte sie verächtlich.
+
+"Ein ehrlicher Handel", beteuerte dieser und öffnete den Sack, während
+das Mädchen die Mutter stürmisch umarmte. "Ich kaufe den Bruder!"
+rief sie. "Er ist in die Gewalt des Witigis geraten, der auf ihn
+zielt, bis ich der Frau Herzogin"--das unschuldige Kind erhob die
+blonde Rosmunde in den Ehestand--"meinen Schmuck gegeben habe, und wie
+gerne gebe ich ihn!"
+
+Die Richterin machte sich von ihr los und fragte Rachis: "Ist das
+wahr?"
+
+"Bei meinem Halse, Herrin!"
+
+"Ich würde dir nicht glauben, wüßte ich nicht, daß der Höfling Wulfrin
+dem Kaiser voranreitet, und hätte ich nicht selbst eben jetzt in Chur
+gehört, daß die Lombarden einen Höfling gefangen haben. Dennoch kann
+es eine Lüge sein, denn es ist kaum glaublich, daß ein Tischgenosse
+Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Mädchen um Lösung
+sendet."
+
+"Nein, nein, Mutter, so war es nicht!" rief Palma und erzählte den
+Vorgang.
+
+"Ein eitles Weib, dem ein Leben feil ist für einen Schmuck, das hat
+mehr Sinn", meinte die Richterin. Sie schien zu überlegen. Dann warf
+sie einen Blick auf das Geschmeide. "Ich will den Höfling mit
+Byzantinern lösen", sagte sie.
+
+"Das steht nicht in meinem Auftrag und würde der Rosmunde schlecht
+gefallen."
+
+"Dann tue ich es nicht."
+
+"Auch gut", grinste Rachis. "So lässest du eben den Wulfrin umkommen.
+Du magst deine Gründe haben. Ganz wie du willst."
+
+"Das willst du nicht, Mutter!" jammerte Palma und stürzte auf die Knie.
+
+"Nein, das will ich nicht", sprach die Richterin mit nachdenklichen
+Brauen. "Warum auch? Nimm das Zeug!" und Rachis war weg.
+
+Das jubelnde Mädchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den
+strengen Mund mit dankbaren Küssen. Dann raubte sie ihr den
+kriegerischen Helm so ungestüm, daß die Flechten des schwarzen Haares
+sich lösten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin
+einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben. Die nicht enden
+wollende Freude Palmas ermüdete endlich die Richterin. "Geh schlafen,
+Kind", sagte sie, "es dunkelt."
+
+"Schlafen? Wer könnte das, bis Wulfrin ruft?"
+
+"So wirf dich, wie du bist, auf das Polster. Was gilt's, ich finde
+dich schlummern? Zu Bette, Hühnchen! husch! husch!" und sie klatschte
+in die Hände.
+
+Palma flog die Stiege hinauf, und die Richterin wendete sich zu Rudio,
+ihrem Kastellan, der schon eine Weile ruhig harrend vor ihr stand.
+"Was meldest du?" fragte sie.
+
+"Eine Albernheit, Herrin. Ich sah die Tür zu unserm Kerker
+sperrangelweit offen. Freilich hatte ich sie nicht verriegelt, da
+gerade niemand sitzt. Ich steige hinab, und auf dem Stroh liegt ein
+Geschöpf, das ich in der letzten Helle mir nur mühsam enträtsle. Es
+war die Faustine, welche, wie du dich erinnerst, mit deiner Erlaubnis
+ihr Kind, die Brunetta, einem Lombarden, einem leidlichen Manne, den
+du auf mein Fürwort unter deinem Gesinde duldetest, zum Weibe gegeben
+hat. Jetzt, da das fremde Volk wandert, hat auch ihr Kind sein Bündel
+geschnürt, und das muß sie irre gemacht haben. Sie hat sich eine Hand
+in den Kettenring gezwängt und ist übrigens guten Mutes. 'Meister
+Rudio', redete sie zu mir, 'wetze dein Beil am Schleifstein und tue
+mir morgen nicht weher, als recht ist.' Ich schelte sie und will ihr
+den Arm aus der Fessel ziehen. 'Welche Posse!' sage ich, 'du bist ja
+die ehrliche Armut am Rocken und im Rübenfeld, die ihr Kind
+rechtschaffen großgezogen hat. Hier ist nicht dein Ort. Mit
+deinesgleichen habe ich nichts zu tun.' Sie sperrte sich und sagte:
+'Das weißt du nicht, Rudio. Geh und rufe die Richterin. Die wird das
+Garn schon abwickeln und mir armem Weibe geben, was mir gehört.'
+Sollte ich die Törin zerren? Du steigst wohl hinab und bringst sie
+zurecht."
+
+Die Richterin hieß Rudio eine Fackel anbrennen und ihr vorschreiten.
+In dem tiefen Gelasse saß ein gefesseltes Weib, das der Kastellan
+beleuchtete. Auf einen Wink der Herrin steckte er den brennenden Span
+in den Eisenring und ließ die Frauen allein.
+
+Stemma beugte sich über die freiwillig Eingekerkerte und befühlte ihr
+als geschickte Ärztin den Puls der freien Hand, welchen aber kein
+Fieber beschleunigte. "Faustine", sagte sie, "was ficht dich an? Was
+ist über dich gekommen? Dich verwirrt der Schmerz, daß du dich von
+deinem Kinde trennen mußtest. Willst du ihr folgen? Noch ist es Zeit.
+Ich gebe dich frei. Du bist nicht länger meine Eigene. Der Kaiser
+wird den Lombarden feste Sitze weisen, und du behältst deine Brunetta."
+
+Faustine schüttelte das Haupt. "Das fehlte noch", sagte sie, "daß ich
+mich an die Sohlen der Brunetta heftete und auch ihr zum Fluche würde!
+Richterin Stemma, nimm mir das ab!" Sie wies auf ihren Kopf. "Du
+weißt ja wohl und langeher, daß ich meinen Mann ermordete."
+
+Mit ruhigem Blicke prüfte Stemma das grellbeleuchtete knochige Gesicht
+der gleichaltrigen Räterin. Dann ließ sie sich auf eine Treppenstufe
+nieder, und Faustine kroch zu ihren Knien, ohne diese zu berühren.
+Ihre Augen waren gesund. "Herrin", sagte sie, "du weißt alles, und
+wenn du mich ein Jahrzehnt und länger gnädig verschont und meine
+Missetat bedeckt hast, so war es, weil du nicht wolltest, daß die
+Brunetta, der unschuldige Wurm, zuschanden komme. Ich durfte sie
+aufziehen, und diese Gunst hast du mir erwiesen, weil ich dein Gespiel
+gewesen bin. Jetzt aber, da die Brunetta einem Manne folgt, ist kein
+Grund, länger zu trödeln und zu tändeln. Laß uns die Sache ins reine
+bringen. Gib mir mein Urteil!"
+
+Die Richterin erkannte aus der ganzen Gebärde Faustinens, daß diese
+bei Sinnen sei, und sosehr sie das schlimme Geständnis überraschte, so
+wenig gab sie den furchtbaren Ruf ihrer Allwissenheit preis. "Lege
+Bekenntnis ab", sagte sie streng. "Das ist der Anfang der Reue." Und
+Faustine begann: "Kurz ist die Geschichte. Der Schütze Stenio umwarb
+mich"--
+
+"Den der Eber, welchen er gefehlt hatte, schleifte und zerriß"--
+
+"Jener. Hernach gab mich der Judex seinem Reisigen Lupulus zur Ehe.
+Ich bequemte mich und doch"--sie hielt inne, um das reine Ohr Stemmas
+nicht zu beleidigen. Die Richterin half ihr und sagte ernst und
+traurig: "Und doch warest du das Weib des Toten."
+
+Faustine nickte. "Dann, vor dem Altar, plötzlich, zu meinem
+Entsetzen"--
+
+"Fühltest du, daß du dem Toten gehörtest, du und ein Ungebornes", half
+ihr die Richterin.
+
+Wieder nickte Faustine. "Das ist alles, Herrin", sagte sie. "Lupulus,
+jähzornig wie er war, hätte mich umgebracht. Das Ungeborne aber
+verhielt mir den Mund und flüsterte mir Feindseliges gegen den Mann zu."
+
+"Genug", schloß Stemma. "Nur eines noch: woher hattest du das Gift?"
+
+"Siehst du, Herrin", rief das Weib, daß du weißt, wie ich ihn tötete!
+Das Gift hat mir Peregrin gezeigt."
+
+"Peregrin?" fragte die Richterin mit verhüllter Stimme. "Das ist
+nicht möglich", sagte sie.
+
+"Er zeigte es mir und warnte mich davor. Ich irrte verzweifelnd unter
+den Kiefern von Silvretta. Da sehe ich ihn in seinem langen, dunkeln
+Gewande, der sich bückt und Wurzeln gräbt. Blumen nickten mit braunen
+Glocken. Er ruft mich herbei, und, eine dieser Blumen in der Hand,
+sagt er zu mir: 'Frau, hüte dich und die Kinder vor diesem Gewächs!
+Sein Saft tötet, außer in den Händen des Arztes.' Er meinte es gut mit
+seinem warnenden Blick unter dem braunen Gelocke hervor und hauchte
+mir doch einen grimmig bösen Gedanken an. Keine Schuld komme auf
+seine Seele! Doch ich rede töricht. Er ist ja längst ein Engel
+Gottes, seit er nach der großen Ebene wandernd im Gebirge unterging,
+wie sie sagen, und das war nicht lange nach jener Stunde. Du
+erinnerst dich noch, der Judex dein Vater, dem er die Wunde heilte,
+hatte ihn abgelohnt, was dir unlieb war, da er dich als ein weiser
+Kleriker noch vieles hätte lehren können."
+
+"Schwatze nicht", gebot die Richterin, "und endige dein Bekenntnis.
+Am folgenden Tage bist du aus deiner Hütte nach Silvretta gegangen und
+hast die Wurzeln gegraben?"
+
+"Ja. Du rittest vorüber, und ich duckte mich, damit du mich nicht
+erkennen möchtest, aber du wendetest dich zweimal im Sattel. Und nun
+sei barmherzig, Herrin, und gib mir mein Teil." Sie ließ den Kopf auf
+die Brust fallen, so daß ihr der üppige schwarze Haarwuchs über das
+Gesicht sank.
+
+Stemma sann, auf Faustinen niederblickend, und zog ihr mit zerstreuten
+Fingern einen langen Strohhalm aus dem Haar. "Faustine, mein Gespiel",
+sagte sie endlich, "ich kann dich nicht richten."
+
+Die ganze Faustine geriet in Aufruhr. "Warum nicht?" schrie sie
+empört, "du mußt es, oder ich schreie, daß alle Mauern tönen: Sie hat
+ihren Mann umgebracht!"
+
+Stemma verhielt ihr den Mund. "Laß das Totengebein!" schalt sie, als
+drohe sie einem den verscharrten Knochen hervorkratzenden Hunde.
+
+"Sei barmherzig!" flehte Faustine, "laß mir das Haupt abschlagen,
+nachdem es Gott gekostet und sein Kreuz geküßt hat. Dann wächst es
+mir im Himmel wieder an und, Stenio rechts, Lupulus links, sitzen wir
+auf einer Bank und geben uns die Hände. Danach verlangt mich", und
+sie streckte den Hals.
+
+"Ich kann dich nicht richten, Törin", sagte Stemma sanfter. "Aus drei
+Gründen nicht. Merk auf!"
+
+Als du deine Tat begingest, lebte und regierte noch der Judex mein
+Vater. Nach seinem Ende und dem des Comes, da ich das Richtschwert
+erbte, habe ich laut verkündigt: 'Ab ist alles Geschehene! Von nun an
+sündige keiner mehr!' Aber auch wenn ich dieses nicht hätte ausrufen
+lassen, könnte ich dennoch dich nicht richten, und du gingest frei aus,
+denn seit deiner Tat sind fünfzehn völlige Jahre in das Land gegangen,
+und hier ist uralter Brauch, daß Schuld verjährt in fünfzehn Jahren."
+
+"Verjährt? was ist das?" fragte Faustine verblüfft.
+
+"Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert."
+
+Ein höhnisches Lachen lief blitzend über die weißen Zähne der Räterin.
+"Also zum Beispiel", sagte sie, "wenn ich gestern noch meinen Mann
+vergiftet hatte und über Nacht wird die Zeit völlig, so bin ich heute
+keine Mörderin mehr. Diese Dummheit!"
+
+"Doch, du bleibst eine Mörderin", belehrte sie Stemma langmütig, "aber
+du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen, sondern nur
+noch mit dem himmlischen. Sühne durch gute Werke! Du hast den Anfang
+gemacht: fünfzehn mühselige und rechtschaffene Jahre wiegen."
+
+"Nichts wiegen sie!" zürnte Faustine. "Ich sehe schon, du willst
+meiner schonen! Du heißest die Richterin, aber du bist die Ungerechte,
+du machst Ausnahmen, du siehst die Person an!"
+
+"Schweige!" befahl die Richterin. "Ich bin denn doch klüger als du,
+und ich sage dir: deine Sache ist nicht mehr richtbar. Noch aus einem
+letzten Grunde. Ich kann dich nicht verdammen, auch wenn ich dir den
+Gefallen tun wollte, denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine
+törichte Zunge. Aber weißt du was: gehe nach Chur und beichte dem
+Bischof. Er ist der Hirte, und du bist das Schäflein. Er mag dir die
+härteste Buße auflegen: Fasten, schwere Dienste, härenes Hemde,
+blutige Geißelungen. Fordere sie, ist er dir zu milde! Dann aber gib
+dich zufrieden! Unterwirf dich ganz der Kirche: sie vertritt dich,
+und du hast eine sichere Sache!" Sie sagte das mit einem überzeugenden
+Lächeln.
+
+"Ich weiß nicht", schluchzte Faustine, "Gott sei davor, daß eine
+Missetäterin wie ich seiner heiligen Kirche nicht gehorche. Aber
+anders wäre es einfacher gewesen. Geplagt habe ich mich schon und im
+Schweiße meines Angesichtes zerarbeitet fünfzehn Jahre lang mit dem
+Trost und Vorsatz, sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann
+gekommen, stracks in den Himmel zu fahren. Jetzt verrückst du mir die
+kurze Leiter und vertrittst mir den Weg."
+
+"Der nach Chur ist kurz, und der an unser Ende ist nicht lang.
+Gehorche, Faustine!" Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen
+vorauf. Faustine folgte wie eine Seele in Pein.
+
+Unter dem Burgtor, das sich wie von selbst öffnete, denn der Wärtel
+hatte die wandernde Helle wahrgenommen, blickte die Richterin in die
+Nacht hinaus und sagte zu Faustinen: "Lege die Schuhe ab und laß die
+scharfen Kiesel deine Sohlen zerreißen, denn du bist eine große
+Sünderin!" Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an.
+
+
+
+Frau Stemma hatte recht gesagt. Da sie die hochgelegene Burgkammer
+betrat, schlief Palma. Neben ihren tiefen Atemzügen glomm auf einem
+Dreifuß eine hütende Flamme. Das Mädchen lag in ihrem ganzen Gewande
+auf dem Polster, die Hand über das Herz gelegt. Sie hatte das freudig
+pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert. Die Mutter
+betrachtete die Gebärde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren.
+
+Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas
+hatte die noch nicht zwanzigjährige Richterin die Regierung ihres
+Erbes mit entschlossener Hand ergriffen. Die dem jungen und schönen
+Weibe unter einem verwilderten, begehrlichen Adel von selbst
+entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer über ihre Jahre
+scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen
+ihrer Lehensleute gebändigt. Helm und Schwert und die gerechte Sache
+der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in
+seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Händen gesegnet. Nach
+einigen stürmischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt, und es
+trat eine große Stille ein. Jetzt rächte sich die überhetzte Natur,
+und Stemma verlor den Schlummer. Wenn sie nicht selbst ihn
+verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten. Nicht
+weit von dem Lager ihres Kindes, auf einer schmalen Bank in der tiefen
+Fensterwölbung saß sie damals oft mit verschlungenen Armen, oder dann
+konnte sie lange, lange mit zwei Fläschchen spielen, welche sie in der
+Mauer verwahrte und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf
+Malmort zurückgelassen hatte, da er von dannen zog, um spurlos im
+Gebirge zu verschwinden. Beide waren von starkem Kristall und hatten
+über den gläsernen Zapfen goldene Deckel, auf deren einem das Wort
+"Antidoton" mit griechischen Lettern eingekritzt war, während auf dem
+andern ein winziges Schlänglein sich krümmte. Mit diesen Fläschchen
+zu spielen, bis der Tag anbrach, wurde Stemma zu einem Bedürfnis. Da
+geschah es einmal, daß sie darüber einnickte und, als das Frühlicht
+sie weckte, das eine Fläschchen, das unbeschriebene, aus ihrer
+halbgeöffneten Hand verschwunden war. Sie geriet in entsetzliche
+Angst und suchte und suchte. Endlich fand sie es in dem Händchen
+ihres Kindes. Die kleine Palma mochte, vor ihr erwacht, sie auf
+nackten Sohlen beschlichen, ihr das schmucke Spielzeug entwendet und
+mit ihm das Lager und den Schlummer wieder gefunden haben. Das Kind
+hielt den Kristall an das kleine Herz gepreßt und vorsichtig löste
+Frau Stemma Fingerchen um Fingerchen.
+
+Jetzt holte sie, verlockt von der frühern Gewohnheit, die lange im
+Verschluß gelegenen Kristalle hervor. Nachdem sie dieselben eine
+Weile in den Händen gehalten und mit den Fläschchen, sie unablässig
+wechselnd, nach ihrer alten Weise gespielt hatte, legte sie das eine
+unter ihren mit Gemsleder beschuhten Fuß und zertrat es auf der
+steinernen Fliese mit einem kräftigen Drucke zu Scherben. Die
+ausströmende Flüssigkeit verbreitete einen angenehmen Mandelgeruch.
+Im Begriffe, den zweiten Kristall unter die Sohle zu legen, besah sie
+noch seinen goldenen Deckel und erkannte, daß sie sich zwischen den
+Fläschchen geirrt hatte. Sie glaubte das inschriftlose zuerst
+zermalmt zu haben und hielt es noch in der Hand. Kopfschüttelnd legte
+sie das Schlänglein unter die Ferse, doch das festere Glas widerstand
+hartnäckig. Sie ergriff es wieder, und schon hob sie den Arm, um es
+an der Wand zu zerschmettern, da hielt sie inne, aus Furcht, mit dem
+klirrenden Wurfe den Schlummer des Mädchens zu stören. Oder mit einem
+andern Gedanken barg sie es sorgfältig in dem weiten Busen ihres
+Gewandes.
+
+Frau Stemma wurden die Lider schwer, und sie ließ sich betäubt in
+einen Sessel fallen. Da sah sie ein Ding hinter ihrem Stuhle
+hervorkommen, das langsam dem Lager ihres schlummernden Kindes
+zustrebte. Es floß wie ein dünner Nebel, durch welchen die
+Gegenstände der Kammer sichtbar blieben, während das blühende Mädchen
+in fester Bildung und mit kräftig atmendem Leibe dalag. Die
+Erscheinung war die eines Jünglings, dem Gewande nach eines Klerikers,
+mit vorhangenden Locken. Das ungewisse Wesen rutschte auf den Knien
+oder watete, dem Steinboden zutrotz, in einem Flusse. Stemma
+betrachtete es ohne Grauen und ließ es gewähren, bis es die Hälfte des
+Weges zurückgelegt hatte. Dann sagte sie freundlich: "Du, Peregrin!
+Du bist lange weggeblieben. Ich dachte, du hättest Ruhe gefunden."
+Ohne den Kopf zu wenden und sich wieder um einen Ruck vorwärts
+bringend, antwortete der Müde: "Ich danke dir, daß du mich leidest.
+Es ist ohnehin das letzte Mal. Ich werde zunichte. Aber noch zieht
+es mich zu meinem trauten Kindchen."
+
+"Seid ihr Toten denn nicht gestorben?" fragte die Richterin.
+
+"Wir sterben sachte, sachte," antwortete der Kleriker. "Wie denkst du?
+Die"--er stotterte--"die Seele wird damit nicht früher fertig als der
+Leib vermodert ist. Inzwischen habe ich mir diesen ärmlichen Mantel
+geliehen." Der Schatten schüttelte seine Gestalt wie einen rinnenden
+Regen. "Ei, was war der irdische Leib für ein heftiges und lustiges
+Feuer! In diesem dünnen Röcklein friert mich, und ich lasse es gerne
+fallen."
+
+"Hernach?" fragte Stemma.
+
+"Hernach? Hernach, nach der Schrift"--
+
+Stemma runzelte die Stirn. "Zurück von dem Kinde!" gebot sie dem
+Schatten, der Palma fast erreicht hatte.
+
+"Harte!" stöhnte dieser und wendete das bekümmerte Haupt. Dann aber,
+von dem warmen Atem Stemmas angezogen, schleppte er sich rascher gegen
+ihre Knie, auf welche er die Ellbogen stützte, ohne daß sie nur die
+leiseste Berührung empfunden hätte. Dennoch belebte sich der Schatten,
+die schöne Stirn wölbte sich, und ein sanftes Blau quoll in dem
+gehobenen Auge.
+
+"Woher kommst du, Peregrin?" sagte die Richterin.
+
+"Vom trägen Schilf und von der unbewegten Flut. Wir kauern am Ufer.
+Denke dir, Liebchen, neben welchem Nachbar ich zeither sitze, neben
+dem"--er suchte.
+
+"Neben dem Comes Wulf?" fragte die Richterin neugierig.
+
+"Gerade. Kein kurzweiliger Gesell. Er lehnt an seinen Spieß und
+brummt etwas, immer dasselbe, und kann nicht darüber wegkommen. Ob du
+ihm ein Leid antatest oder nicht. Ich bin mäuschenstille"--Peregrin
+kicherte, tat dann aber einen schweren Seufzer. Darauf schnüffelte er,
+als rieche er den verschütteten Saft, und suchte mit starrem Blicke
+unter Stemmas Gewand, wo das andere Fläschchen lag, so daß diese
+schnell den Busen mit der Hand bedeckte.
+
+Da fühlte sie eine unbändige Lust, das kraftlose Wesen zu ihren Füßen
+zu überwältigen. "Peregrin", sagte sie, "du machst dir etwas vor, du
+hast dir etwas zusammengefabelt. Palma geht dich nichts an, du hast
+keinen Teil an ihr."
+
+Der Kleriker lächelte.
+
+"Du bildest dir etwas Närrisches ein", spottete die Richterin.
+
+"Stemma, ich lasse mir mein Kindchen nicht ausreden."
+
+"Torheit! Wie wäre solches möglich? Was weißt du, Traum?"
+
+"Ich weiß"--der flüchtig Beseelte schien eine Süßigkeit zu empfinden,
+in sein kurzes und grausames Los zurückzukehren--"wie mich dein Vater
+überfiel, da ich von meinem Lehrer dem Abte weg über das Gebirge zog.
+Der Judex litt an einer Wunde und hatte von meiner Wissenschaft
+vernommen. Da hob er mich auf und brachte mich dir mit. Du warest
+noch sehr jung und o wie schön! mit grausamen schwarzen Augen! Dabei
+herzlich unwissend. Ich lehrte dich Buchstaben und Verse bilden, doch
+diese da mochtest du nicht. Lieber regiertest du in den Dörfern,
+schiedest Händel und machtest die Ärztin bei deinen Eigenen. Ich
+zeigte dir die Kräfte der Kräuter, lehrte dich allerlei brauen, und du
+brachtest mir aus dem Schmuckkästchen zwei Kristalle"--
+
+Die Richterin lauschte.
+
+"Stemma, du bist noch jung, und auch ich bin jung geblieben, wenig
+älter, als da wir uns liebten", schluchzte Peregrin zärtlich.
+
+"Wir liebten uns", sagte Stemma.
+
+"Du lagest in meinen Armen!"
+
+"Wo dich der Judex überraschte und erwürgte", sprach sie hart.
+Peregrin ächzte, und Flecken wurden an seinem Halse sichtbar. "Er lud
+mich auf ein Maultier, zog mit mir davon und warf mich in den Abgrund."
+
+"Peregrin, ich habe geweint! Aber besinne dich: dein ist die Schuld!
+Bin ich nicht dreimal vor dich getreten, mein Bündel in der Hand?
+Habe ich dich nicht drohend beschworen, mit mir zu fliehen? Wer
+wollte Fuß neben Fuß in Armut und Elend wandern? Du aber erblaßtest
+und erbleichtest, denn du hast ein feiges Herz. Ich liebte dich, und,
+bei meinem Leben!--warest du ein Mann--Vater, Heimat, alles hätte ich
+niedergetreten und wäre dein eigen geworden."
+
+"Du wurdest es", flüsterte der Schatten.
+
+"Niemals!" sagte Stemma. "Sieh mich an: gleiche ich einer Sünderin?
+Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige? Bin ich
+nicht die Zucht und die Tugend? Und so war ich immer. Du hast mich
+nicht berührt, kaum daß du mir mit furchtsamen Küssen den Mund
+streiftest. Wo hättest du auch den Mut hergenommen?"
+
+Da geriet der Schatten in Unruhe. "O ihr Gewalttätigen beide, der
+Vater und du! Er hat mich geraubt und erwürgt, du, Stemma, locktest
+mit dem Blutstropfen! Gib den Finger, da sitzt das Närbchen!"
+
+Stemma hob die Achseln. "Es war einmal", höhnte sie.
+
+Da wiegte Peregrinus, der sich gleich wieder besänftigte, die Locken
+und sang mit gedämpfter Stimme:
+
+"Es war einmal, es war einmal
+Ein Fürst mit seinem Kinde,
+Es war einmal ein junger Pfaff
+In ihrem Burggesinde."
+
+Am Mahle saßen alle drei,
+Da riefen den Herrn die Leute:
+"Herr Judex, auf! Zu Roß! Zu Roß!
+Im Tal zieht eine Beute!"
+
+Er gürtet sich das breite Schwert
+Und wirft mit einem Gelächter
+Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff
+Als einen scharfen Wächter.
+
+Den Judex hat das schnelle Roß
+Im Sturm davongetragen,
+Zweie halten still und bang
+Die Augen niedergeschlagen.
+
+Stemma hebt das Fingerlein,
+Sie tut es ihm zuleide,
+Und fährt damit wohl auf und ab
+Über die blanke Schneide.
+
+"Ein Tröpflein warmen Blutes quoll"--
+
+
+"Stille, Schwächling!" zürnte die Richterin. "Das hast du dir in
+deinem Schlupfwinkel zusammengeträumt. Solche Schmach kennt die Sonne
+nicht! Stemma ist makellos! Und auch der Comes, er komme nur! ihm
+will ich Rede stehen!"
+
+"Stemma, Stemma!" flehte Peregrin.
+
+"Hinweg, du Nichts!" Sie entzog sich ihm mit einer starken Gebärde,
+und seine Züge begannen zu schwimmen.
+
+"Mein Weib, mein"--"Leben" wollte er sagen, doch das Wort war dem
+Ohnmächtigen entschwunden. "Hilf, Stemma", hauchte er, "Wie heißt es,
+das Atmende, Blühende? Hilf!" Die Richterin preßte die Lippen, und
+Peregrinus zerfloß.
+
+Erwacht stand sie vor dem Lager ihres Kindes. Sie küßte ihm die
+geschlossenen Augen. "Bleibet unwissend!" murmelte sie. Dann glitt
+sie neben Palma auf das breite Lager und schlang den Arm um das
+Mädchen, wie um eine erkämpfte Beute: "Du bist mein Eigentum! Ich
+teile dich nicht mit dem verschollenen Knaben! Dich siedle ich an im
+Licht und umschleiche dich wie eine hütende Löwin!" Der Traum hatte
+ihr Peregrin gezeigt nicht anders, als sein Bild in ihr zu leben
+aufgehört hatte. Längst war der Jüngling, dem sie sich aus Trotz und
+Auflehnung mehr noch als aus Liebe heimlich vermählt, an ihrem
+kasteiten Herzen niedergeglitten und untergegangen, und der einst aus
+ihrer Fingerbeere gespritzte Blutstropfen erschien der Geläuterten als
+ein lockeres und aberwitziges Märchen. Schon glaublicher deuchte ihr
+der andere Bewohner der Unterwelt, und da sie sich auf dem Lager
+umwendete und das Haupt in die Kissen begrub, ohne den Arm von der
+Schulter ihres Kindes zu lösen, erblickte die Entschlummernde den
+Comes, wie er an den Speer gelehnt verdrießlich im Schilfe saß und
+etwas Feindseliges in den Bart murmelte. Ein Lächeln des Hohnes glitt
+über ihr verdunkeltes Gesicht, denn Stemma kannte die Hilflosigkeit
+der Abgeschiedenen.
+
+Im ersten Lichte weckte die zwei Schlafenden ein jäher Hornstoß und
+riß sie vom Lager empor. Der gewaltsame Tagruf beleidigte das feine
+Ohr der Richterin. Sie erriet, wen er meldete, und mit schnellem
+Entschluß und festem Schritte ging sie Wulfrin entgegen. Noch vor ihr,
+den rasch ergriffenen Wulfenbecher in der Hand, war Palma durch die
+Tür gehuscht.
+
+In das von Rudio geöffnete Tor tretend, stand Stemma vor dem Höfling,
+der sie mit verwunderten Augen betrachtete. Das Antlitz gebot ihm
+Ehrfurcht. Er verschluckte ein unziemliches Scherzwort über sein
+durch vier Weiber gerettetes Leben. Bewältigt von dem ruhig prüfenden
+Blicke und der Hoheit der blassen Züge sagte er nur: "Hier hast du
+mich, Frau", worauf sie erwiderte: "Es hat Mühe gekostet, dich nach
+Malmort zu bringen."
+
+"Wo ist die Schwester, daß ich sie küsse?" fuhr er fort, und diese,
+die inzwischen den Becher gefüllt hatte, eilte ihm mit klopfendem
+Herzen und leuchtenden Augen zu, obwohl sie vorsichtig schritt und den
+Wein nicht verschütten durfte. Sie trat vor den Bruder und begann den
+Spruch. Da aber Stemma den Kelch, der dem Comes den Tod gebracht, in
+den Händen ihres Kindes erblickte und den frischen Mund über seinem
+Rand, empfand sie einen Ekel und einen tiefen Abscheu. Mit sicherm
+Griffe bemächtigte sie sich des Bechers, den das überraschte Mädchen
+ohne Kampf und Widerstand fahren ließ, führte ihn kredenzend an den
+eigenen Mund und bot ihn dem Höfling mit den einfachen Worten: "Dir
+und dieser zum Segen!" Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht.
+
+Palma stand bestürzt und beschämt. Da hieß die Mutter sie die Glocke
+ziehen, die hoch oben in einem offenen Türmchen hing und das Gesinde
+weither zum Angelus rief. Palma hatte als Kind Freude gehabt, das
+leichtbewegliche Glöcklein erschallen zu lassen, und das Amt war dem
+Mädchen geblieben. Sie fügte sich zögernd.
+
+"Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?" fragte Wulfrin.
+Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers. "Siehe, es ist der Spruch
+eines Eheweibes", sagte sie. "Davon lese ich nichts", meinte er.
+
+"Erfreue dich am Wein!
+Willkomm...!"
+
+
+Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte, aus welchem für ein
+genauer prüfendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten,
+ein i, ein K, ein l. Wulfrin erriet ohne Mühe:
+
+"Willkomm im Kämmerlein!"
+
+
+"Du hast recht, Frau", lachte er.
+
+Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn vor das Grabmal. Da lag ihm
+der Vater, die Linke am Schwert, die Rechte am Hifthorn, die
+steinernen Füße ausgestreckt. Wulfrin betrachtete die rohen aber
+treuherzigen Züge nicht ohne kindliches Gefühl. Das abgebildete
+Hifthorn erblickend, hob er in einer plötzlichen Anwandlung das
+wirkliche, das er an der Seite trug, vor den Mund und tat einen
+kräftigen Stoß. "Fröhliche Urständ!" rief er dem in der Gruft zu.
+
+"Laß das!" verbot die Richterin, "es tönt häßlich."
+
+Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges, neben ihr eigenes
+liegendes Bild, das die betenden Hände gegeneinander hielt, und begann:
+"Da du nun auf Malmort bist, verlässest du es nicht, Wulfrin, ohne
+mich--nach vernommenen Zeugen--angeklagt oder freigegeben zu haben von
+dem Tode des Mannes hier." Der Höfling machte eine widerwillige
+Gebärde. "Füge dich", sagte sie. "Ist es dir keine Sache, so ist es
+eine Form, die du mir erfüllen mußt, denn ich bin eine genaue Frau."
+
+"Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben", versetzte der Höfling
+aufgebracht, "daß ich dich nie beargwöhnte, weder ich noch Arbogast,
+der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat. Ich bin kein
+Zweifler und möchte nicht leben als ein solcher. Es gibt deren, die
+in jedem Zufall einen Plan, und in jedem Unfall eine Schuld wittern,
+doch das sind Betrogene oder selbst Betrüger. Der Himmel behüte mich
+vor beiden! Hätte ich aber Verdacht geschöpft und Feindseliges gegen
+dich gesonnen, jetzt, da ich dein Antlitz sehe, stünde ich entwaffnet,
+denn wahrlich du blickst nicht wie eine Mörderin. Wärest du eine Böse,
+woher nähmest du das Recht und die Stirn, das Böse aufzudecken und zu
+richten? Dawider empört sich die Natur!"
+
+Ein Schweigen trat ein. "Aber was ist das für ein dumpfes Dröhnen,
+das den Boden schüttert?"
+
+"Das ist der Strom", sagte die Richterin, "der den Felsen benagt und
+unter der Burg zu Tale stürzt."
+
+"Wahr ist es, Frau", fuhr der Höfling treuherzig fort, "daß ich dich
+nie leiden mochte, und ich sage dir warum. Dieser Greis hier, mein
+Vater, war ein roher und gewaltsamer Mann. Ich sage es ungern: er hat
+an meinem Mütterlein mißgetan, ich glaube, er schlug es. Ich mag
+nicht daran denken. Ins Kloster hat er es gesperrt, sobald es
+abwelkte. Da ist es nicht zu wundern, wie wir Menschen sind, daß ich
+von dir nichts wissen wollte, die es von seinem Platze verstieß."
+
+"Nicht ich. Hier tust du mir unrecht. Da wir so zusammensitzen,
+Wulfrin, warum soll ich es dir nicht erzählen? Ich habe deiner Mutter
+nichts zuleide getan. Kälter und lebloser als diese steinerne war
+meine Hand, da sie gewaltsam in die deines Vaters gedrückt wurde. Aus
+dem Kerker hergeschleppt, zugeschleudert wurde ich ihm von dem Judex,
+der mir einen zitternden und zagenden Liebling von niederer Geburt
+erwürgt hatte. Nicht jedes Weib würde dir solches anvertrauen,
+Wulfrin."
+
+"Ich glaube dir", sagte dieser.
+
+"Einer Gezwungenen und Entwürdigten", betonte sie, "gab dein Vater
+sterbend die Freiheit. Und ich wurde Herrin von Malmort. Du hast
+Grund, Wulfrin, dir die Sache zu besehen. Sie ist dunkel und schwer.
+Betrachte sie von allen Seiten! Denn, du räumst mir ein, vernichtete
+ich deinen Vater, so bin ich oder du bist zuviel auf der Erde."
+
+"Verhöhnst du mich?" fuhr er auf, "doch nein, du blickst ernst und
+traurig. Siehe, Frau, das ewige Verhören und Richten hat dich quälend
+und peinlich gemacht und wahrhaftig, ich glaube"--seine Augen deuteten
+auf den Stein--"auch eine Frömmlerin bist du." Er hatte rings um das
+Frauenhaupt die Worte gelesen: "Orate pro magna peccatrice." "Das hier
+ist großgetan."
+
+"Ich bin eine kirchliche Frau", antwortete Stemma, "doch wahrlich, ich
+bin keine Frömmlerin, denn ich glaube nur, was ich an dem eigenen
+Herzen erfahren habe. Dein Knecht, der Steinmetz Arbogast, fragte
+mich in seiner einfältigen Art, was er mir um das Haupt schreiben
+dürfe. In seiner schwäbischen Heimat sei bei vornehmen Frauen die
+Umschrift gebräuchlich: Betet für eine Sünderin." "Schreibe mir,"
+sagte ich, "'Betet für die große Sünderin', denn, Wulfrin, du hast
+recht gesagt, was ich tue, tue ich groß."
+
+"Hübsch!" rief der Höfling, aber nicht als Antwort auf diesen
+Selbstruhm, sondern das Haupt in die Höhe richtend, wo Palma stand und
+das helltönige Glöcklein zog. Sie hatte sich lange auf der
+Wendeltreppe gesäumt und aus den Luken nach dem ihr vorenthaltenen
+Bruder zurückgeblickt. In der weiten Bogenöffnung des von den ersten
+Sonnenstrahlen vergoldeten Turmes wiegte sich ein lichtes Geschöpf auf
+dem klingenden Morgenhimmel. Der Höfling sah einen läutenden Engel,
+wie ihn etwa in der zierlichen Initiale eines kostbaren Psalters ein
+farbenkundiger Mönch abbildet. Eine Innigkeit, deren er sich schämte,
+rührte und füllte sein Herz. Hatte ihn doch dieses lobpreisende Kind
+vom Tode errettet.
+
+Inzwischen sammelte sich im Burghofe das Gesinde der Richterin, wohl
+einhundert Köpfe stark, Männer und Weiber, ein finsteres, sehniges,
+sonneverbranntes Geschlecht, das den Behelmten eher feindlich als
+neugierig musterte. Dieser, die wieder zur Erde gestiegene Palma
+darunter erblickend, machte sich Bahn, und als wollte er sich für die
+flüchtige Andacht rächen, welche er zu einem Geschöpf aus irdischem
+Stoffe empfunden, legte er ihr die Hand auf die Achsel, und den
+blühenden Mund findend, küßte er ihn kräftig. Sie zitterte vor Freude
+und wollte erwidern, doch schneller faßte die Richterin mit der Linken
+ihre Hand, die Rechte Wulfrin bietend, und führte die beiden in die
+Mitte ihres Volkes.
+
+"Bruder und Schwester", verkündigte sie und sich auf die andere Seite
+wendend noch einmal: "Schwester und Bruder."
+
+So ungefähr hatten es sich Knechte und Mägde schon zurechtgelegt, denn
+die Ähnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar,
+nur daß sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des
+Hifthorns an der Seite Wulfrins zu geschweigen, das anschauliches
+Zeugnis gab von seiner Abstammung.
+
+Nur das runzlige, stocktaube Mütterchen, die Sibylle, hatte nichts
+vernommen und nichts begriffen. Sie trippelte kichernd um das Mädchen,
+zupfte und tätschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem
+zahnlosen Munde: "O du mein liebes Herrgöttchen! Was für einen hat
+dir da die Frau Mutter gekramt! Zum Wiederjungwerden. Von Paris ist
+er verschrieben, aus den Buben, die dem Großmächtigen dienen. Krause
+Haare, prächtige Ware!"
+
+"Halt das Maul, Drud!" schrie dem Mütterchen der Knecht Dionys ins Ohr,
+"es ist der Bruder!", und sie versetzte. "Das sage ich ja, Dionys:
+der Gnadenreich ist ein tröstlicher und auferbaulicher Herr, aber der
+da ist ein gewaltiger, stürmender Krieger! O du glückseliges Pälmchen!",
+und so unziemlich schwatzte sie noch lange, wenn man sie nicht
+zurückgedrängt und ihr den frechen Mund verhalten hätte. Denn die
+Morgenandacht begann, und von einer entfernteren Gruppe wurde schon
+die Litanei angestimmt. Wie von selbst ordnete sich der Frühdienst,
+einen Halbkreis bildend, in dessen Mitte die Richterin den
+schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Sätze immer
+dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel über
+Malmort anrief.
+
+Wulfrin, welcher, er wußte nicht wie, an das eine Ende des andächtigen
+Kreises geraten war, erblickte sich gegenüber die Schwester. Alles
+hatte sich niedergeworfen, er und die Richterin ausgenommen. Seine
+Blicke hingen an Palma. Auf beiden Knien liegend, die Hände im Schoß
+gefaltet, sang sie eifrig mit den jungen rätischen Mägden. Aber das
+Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten
+Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den
+Augen und jubelte ihr auf den Lippen, daß die Litanei darüber
+verstummte. Die geöffneten gaben durch die Lüfte den Kuß des Bruders
+zurück. Und jetzt sich halb erhebend, streckte sie auch die Arme nach
+ihm. Nur eine flüchtige Gebärde, doch so viel Glut und Jugend
+ausströmend, daß Wulfrin unwillkürlich eine abwehrende Bewegung machte,
+als würde ihm Gewalt angetan. "Der Wildling!" lachte er heimlich.
+"Aber die wird dem wackern Gnadenreich zu schaffen machen! Ich muß
+ihm noch das wilde Füllen zähmen und schulen, daß es nicht ausschlage
+gegen den frommen Jüngling! Warte du nur!"
+
+Und um die Erziehung zu beginnen, wendete er sich, da die Richterin
+das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber
+an Frau Stemma, die seine Hand ergriff, ihn feierlich in die Mitte
+führte und mit eherner Stimme zu reden begann: "Meine Leute! Wer von
+euch, Mann oder Weib, so alt ist, daß er vor jetzt sechzehn Jahren
+hier stand, während ich den Comes empfing, der davon herkam euren
+erschlagenen Herrn, den Judex, zu rächen--wer so alt ist und dabei
+gegenwärtig war, der bleibe! Ihr Jüngern, lasset uns, auch du, Palma!"
+
+Sie gehorchten. Palma zog sich schmollend in den äußersten Burgwinkel
+zurück, eine halbrunde Bastei, die, ein paar Stufen tiefer als der Hof,
+über dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflut in
+ungeheurem Sturze zu Tale fiel. Sie setzte sich auf die breite Platte
+der Brüstung, blickte, den Arm vorgestützt, in den schneeweißen Gischt
+hinein, der ihr mit seinem feinen Regen die Wange kühlte, und hörte in
+dem Tumulte der Tiefe nur wieder den Jubel und die Ungeduld des
+eigenen Herzens.
+
+Im Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren
+Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und doch gemessen,
+nach dem Winke der Richterin.
+
+"Hier steht der Sohn des Comes. Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig.
+Saget sie. Habet ihr das Bild jener Stunde?"
+
+"Als wäre es heute"--"Ich sehe den Comes vom Rosse springen"--"Wir
+alle"--"Dampfend und keuchend"--"Du kredenztest"--"Drei lange
+Züge"--"Mit einem leerte er den Becher"--"Er sank"--"Wortlos"--"Er lag."
+
+"Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie.
+
+"So und nicht anders. Bei unserm Anteil am Kreuze!" antwortete der
+vielstimmige Schwur.
+
+"Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut! Wo bist du? Nimm
+dich zusammen!"
+
+Hastig und unwillig erhob er die Hand.
+
+Die Richterin faßte ihn am Arm. "Kein Leichtsinn!" warnte sie. "Frage,
+untersuche, prüfe, ehe du mich freigibst! Du begehst eine ernste,
+eine wichtige Tat!"
+
+Wulfrin machte sich von ihr los. "Ich gebe die Richterin frei von dem
+Tode des Comes und will verdammt sein, wenn ich je daran rühre!"
+schwur er zornig.
+
+Der Burghof begann sich zu leeren. Wulfrin starrte vor sich hin und
+vernahm, so überzeugt er von der Unschuld der Richterin war und so
+erleichtert, mit einer häßlichen Sache fertig zu sein--dennoch vernahm
+er aus seinem Innern einen Vorwurf, als hätte er den Vater durch seine
+Unmut und seine Hast preisgegeben und beleidigt. So stand er
+regungslos, während die Richterin langsam auf ihn zutrat, sich an
+seiner Brust emporrichtete und ihm Kette und Hifthorn leicht über das
+Haupt hob. "Als Pfand meiner Freigebung und unsers Friedens", sagte
+sie freundlich. "Ich kann seinen Ton nicht leiden." Und sie schritt
+durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf die Bastei und
+schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten in die donnernde
+Tiefe.
+
+Jetzt kam Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das väterliche
+Erbe zurückzufordern. Er kam zu spät. In den betäubenden Abgrund
+blickend, der das Horn verschlungen hatte, hörte er unten einen
+feindlichen Triumph wie Tuben und Rossegewieher. Sein Ohr hatte sich
+in den Ebenen der lauten Rede entwöhnt, welche die Bergströme führen.
+Als er wieder aufschaute, war die Richterin verschwunden. Nur Palma
+stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund küßte.
+
+"Laß mich!" schrie er und stieß sie von sich.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen
+Türmen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die
+Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Größe ihres Besitzes. "Das
+beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin,
+habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine brüderliche
+Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich stürbe, dieses weite Erbe zu
+sichern."
+
+"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er.
+
+"Fern oder nahe. Du bist ihr natürlicher Beschützer. Ich kann mein
+Kind keinem Mächtigen dieses Landes vermählen, denn sie sind ein
+zuchtloses und sich selbst zerstörendes Geschlecht. Ich bände sie an
+den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der
+nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in
+einer Blutrache untergehen? Ja, fände ich für sie einen Guten und
+Starken wie du bist, dann wäre ich ruhig und könnte dich freigeben, du
+hättest weiter keine Pflicht an ihr zu erfüllen. Ich weiß ihr keinen
+Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der
+Verheißung, als ein Sanftmütiger, kann es aber gegen die Gewalttätigen
+nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Söhne werden
+kraft meines Blutes Männer sein. Bis diese kommen und wachsen, wirst
+du schon deine gepanzerte Hand über Gnadenreich und Palma halten und
+die Herrschaft führen müssen. Denn ewig reitest du nicht mit dem
+Kaiser. Vielleicht auch, wer weiß, erhebt er dich zum Grafen über
+diesen Gau, oder dann erhältst du von mir eine Burg, jene"--sie wies
+auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen.
+Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm
+vertrauend die Hand auf die Schulter.
+
+"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich
+lebe, herrsche ich."
+
+"Dann hat es keine Eile", antwortete er. "Daß der Schwester nichts
+geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muß ich
+reiten, heute! in einer Stunde!"
+
+"Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio
+geschickt mit der sichern Kundschaft, daß die Lombarden sich am Mons
+Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie
+geführt werden müssen. Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen.
+So braucht es dir nicht zu eilen."
+
+"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Bügel", sagte der
+Höfling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir
+noch diesen Tag. Ich sähe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum
+Gnadenreich sich hier nicht blicken läßt? Er hält sich wohl in seinem
+Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist,
+obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weißt du was?
+Geh und bring ihn. Oder wüßtest du deiner Schwester einen bessern
+Mann?"
+
+"Nein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und
+zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt.
+Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast."
+
+Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. "Was ist dir, Wulfrin? Du
+siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um
+wie mit einer Puppe, du stößest sie weg, und dann hätschelst du sie
+wieder. Du verdirbst mir das Mädchen. Wo hast du solche Sitte
+gelernt?"
+
+"Sie ist aufdringlich", sagte er. "Ich liebe freie Ellbogen und kann
+es nicht leiden, daß man sich an mich hängt. Sie läuft mir nach, und
+wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muß ich sie wieder trösten. Es
+ist unerträglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und großer
+Räume--auf diesem Felsstück ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge
+drückt, der Hof beengt, der Strom schüttert--an jeder Ecke, auf jeder
+Treppe dieselben Gesichter! Verwünschtes Malmort! Hier hältst du
+mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Mache dir keine
+Rechnung, Frau."
+
+"Du tust mir wehe", sagte sie.
+
+Die harte Rede reute ihn. "Frau, laß mich ziehen!" bat er. "Und daß
+du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und
+wir verloben die Schwester. Wo haust er?"
+
+"Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in
+Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, über welcher
+eine grüne Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Führer. Den
+Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich
+damit beschäftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und
+plauderte.
+
+"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du führst deinen Herrn Wulfrin
+nach Pratum."
+
+"Den Höfling? Mit Freuden!" jauchzte der Bube.
+
+"Er träumt davon", erklärte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu
+reiten. Besieh dir ihn."
+
+"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt.
+
+"Nein", sagte die Richterin.
+
+"Bruder!" bat sie und streckte die Hände.
+
+"Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. Ihre Augen füllten sich mit
+Tränen. "So komm, Närrchen!"
+
+Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen,
+während ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu
+Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: hüte sie!"
+
+"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mädchen.
+
+Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach
+Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere über die Alp."
+Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so
+nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es könnte
+trübe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft."
+
+"Ja, über die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen
+See zeigen", und leichtgeschürzt schlug sie sich über eine lichte
+Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde.
+
+Leicht wie auf Flügeln, mit frei atmender Brust ging das Mädchen
+bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kühl wie eine
+springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude.
+Glänzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit
+ihrem Blondhaar.
+
+Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der
+Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in
+jenem Gemäuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschöpf
+beängstigen, dieses fröhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen
+Augen und flüchtigen Füßen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne,
+daß der Knabe zu plaudern begann.
+
+Gabriel erzählte von den Lombarden, welche er als Späher der Richterin
+beschlichen hatte. Sie seien überall und nirgends. Sie nisten in den
+Pässen, belauern die Boten und plündern die Säumer. Sie berauschen
+sich in dem geraubten heißen Weine von drüben, prahlen mit besiegten
+Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder
+lästern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment führe,
+"und doch", endigte der Knabe, "sind sie gläubige Christen, denn sie
+stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie
+davon erwischen können. Es ist Zeit, daß der Herr Kaiser zum Rechten
+sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe."
+
+Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Würde
+ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich
+seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen!
+Ich heiße Gabriel und schlage gerne mit Fäusten, lieber hieße ich
+Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muß dabei sein, und der
+Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und
+Geist. Er hat die Weltregierung übernommen und hütet, ein blitzendes
+Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjährige
+Reich."
+
+Nun mußte ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone,
+den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das
+kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Höflinge ihm
+nachahmen", sagte er lachend.
+
+"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne
+Besinnen: "Milde."
+
+Die Kinder lauschten andächtig und bestaunten den Mann, der mit dem
+Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Höhe erreicht war, wo
+sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel
+jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel gütig
+spielend erwiderte, und Palma lief, den Höfling an der Hand, einem
+gründunkelklaren Gewässer entgegen, das die Wand mit ihrem
+Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie
+umwandelten das mit Felsblöcken besäte Ufer bis zu einem bemoosten
+Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie
+so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Märchen erfüllt von dem Bruder
+und der Schwester, die zusammen über Berg und Tal wandern. Alles ist
+schön in Erfüllung gegangen."
+
+"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb
+die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Höfling nicht
+bloßstellen.
+
+"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben."
+
+"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt
+keine, nur darf man sie nicht mit wüsten Worten rufen oder gar ihnen
+Steine ins Wasser schmeißen. Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn?
+Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst."
+
+"Es ist in den Strom gestürzt", fertigte ihn der Höfling ab.
+
+"Das ist nicht gut", meinte der Knabe.
+
+"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube
+wurde sichtbar. "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen,
+kohlschwarz mit einem weißen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es
+gehört nach Malmort."
+
+Gabriel sprang mit einem Satz in die Höhe. "Heilige Mutter Gottes",
+rief er, "das ist unsere Magra, der muß ich nach! Lieber Herr,
+entlasse mich. Du wirst dich schon zurechtfinden. Ein Mensch ist
+vernünftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort
+den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiß die kleine
+Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kümmern.
+
+"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?"
+
+"Mich würde es nicht wundern", sagte sie. "Oft, wenn ich hier liege,
+erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser
+mit der Zehe. Und dann ist mir, als löse ich mich von mir selbst, und
+ich schwimme und plätschere in der Flut. Aber siehe!"
+
+Sie deutete auf ein majestätisches Schneegebirge, das ihnen gegenüber
+sich entwölkte. Seine verklärten Linien hoben sich auf dem lautern
+Himmel rein und zierlich, doch ohne Schärfe, als wollten sie ihn nicht
+ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und
+Lieblichkeit, als hätten sie sich gebildet, ehe die Schöpfung in Mann
+und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging.
+
+"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts,
+wenn es mondhell ist, zieht er bläulich Gewand an und redet heimlich
+und sehnlich. Da ich mich jüngst hier verspätete, machte sich der
+süße Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Tränen und zog mir das
+Herz aus dem Leibe. Aber siehe!" wiederholte sie.
+
+Eine Wolke schwebte über den weißen Gipfeln, ohne sie zu berühren, ein
+himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich
+ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich
+einander zu, und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den
+Finger an den Mund. "Still", flüsterte sie, "das sind Selige!"
+Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen
+Blicken belauschte himmlische Freude löste sich auf und zerfloß.
+"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebärde, "Wir sind
+selige wie ihr! Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen
+Augen bis in den Grund der seinigen.
+
+Es kam die schwüle Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber.
+Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld. Sie schmeichelte
+seinem Gelocke wie die Luft und küßte ihn traumhaft wie der See zu
+ihren Füßen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur und
+wurde eins mit dem Leben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz
+klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen...
+
+Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in
+der Tiefe umarmen!"
+
+Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und
+Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte. "Wer sind die zweie?" rief
+er.
+
+"Wir, Bruder", sagte Palma schüchtern, und Wulfrin erschrak, daß er
+die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschüttelt
+sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem
+Fuße folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt
+eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu
+halten schien.
+
+"Grüß Gott! grüß Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne
+einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Hände
+entgegen. "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben müssen", erklärte er,
+"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden hütend
+zu umwandeln, aber nicht zu überschreiten, denn Pratum ist ein Lehen
+des Bistums, und die Kirche hält Frieden. Sei willkommen, Wulfrin,
+und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem
+Höfling und dem Mädchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es
+auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie
+schwiegen, begann er ein großes Geplauder.
+
+"Sie haben dem guten Ohm böse mitgespielt", erzählte er. "Wir saßen
+zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach
+Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu
+treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern mußte. Frau
+Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nüssen, wie sie zuweilen tun,
+über die Güte der Menschennatur. Nun hatten sich kürzlich zwei arge
+Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche
+Bischof Felix gefirmelt hatte"--
+
+"Mit mir. Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben
+dem Höfling schritt.
+
+"Still!" sagte dieser ungebärdig, und das Mädchen lief nach einer
+Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch
+das Burgfenster geworfen. Wenige Tage später schlug der Schamser
+mitten im Stiftshofe dem Bergüner nach kurzem Wortwechsel den Schädel
+ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms
+sich geküßt und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches
+hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen
+und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist
+gut und wird durch die Gnade noch besser.' Der Ohm ist ein bißchen
+Pelagianer, hi, hi!"
+
+"Pelagianer?" fragte der Höfling zerstreut, denn sein Blick rief Palma,
+die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung
+griechischer Krieger?"
+
+"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma
+und der Ohm stritten über das Böse. Da sieht der Bischof, der
+kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Höhe
+gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme. Wir feiern den
+Abzug der Lombarden", lächelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt
+in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig
+tanzten sie auf dem Hügel wie Dämonen um den Brand.
+
+Da lärmt es auf dem Platz. Ein Bösewicht fällt mit der Türe ins Haus
+und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock,
+nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefüllt hast, denn deine
+Mäntel haben wir in der Sakristei drüben schon gestohlen!' Der Ohm
+erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im
+Halbdunkel saß, 'Die Frau da', höhnt er, 'hat einen Heiligenschein um
+das Haupt, her mit dem Stirnband!' Da erhebt sich Frau Stemma und
+durchbohrt den Menschen mit ihren fürchterlichen Augen: 'Unterstehe
+dich!' 'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie. Da der
+arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief
+ihn der Höllenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit
+nackten Fersen den schönsten Stiftsgaul, dem er eine purpurne
+Altardecke übergelegt--sich selbst hatte er ein Meßgewand umgehangen--,
+und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur
+einen solchen über den blanken Hinterbacken, daß er bolzgerade stieg
+und der Stab in Trümmer flog. 'Bischof, segne mich!' schrie der
+Lombarde. Der Ohm in seiner Frömmigkeit besiegte sich. 'Ziehe hin in
+Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Hände.
+
+'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!'
+
+'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurück. "Ich hätte es
+eigentlich nicht erzählen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es
+hat den Ohm schrecklich erbost."
+
+Palma hatte gelacht, auch der Höfling verzog den Mund, und Gnadenreich
+wurde immer gesprächiger und zutulicher.
+
+"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. "Ich
+verließ Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt!
+Welche Bekanntschaften habe ich gemacht! Ich ging dein Büchlein im
+Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf!
+Fast zu schwer für den kleinen Körper! Was da alles drinnesteckt!
+Kaum ein Viertelstündchen kostete ich den berühmten Mann, aber in
+dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich für mein Lebtag in allem Guten
+befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt
+ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser. Ich verging vor Ehrfurcht.
+Er aber war gnädig und ergötzte sich, denke dir! an deiner
+Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzählen ließ"--
+
+Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie
+gerieten zwischen die Herden und das grüne Pratum wurde voller Geblöke
+und Gebrülle. Einer der magern und wolfähnlichen Berghunde
+beschnoberte den Höfling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und
+beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht
+verwiesen hätte. Palma aber wurde von den Hirtenmädchen umringt und
+mit Verwunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmort war
+leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden.
+
+"Ich bin gewiß kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum
+geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt--
+haarklein mußte ich berichten von Horn und Becher, und zumal
+die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen."
+
+Der Höfling blickte verdrießlich.
+
+"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. "Der Inhalt und die Höhe des
+Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? Und doch, aber doch--Wulfrin,
+ich habe von den Höflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte,
+etwas vernommen, das mich tief betrübt, etwas von einer gewissen
+Regine... weißt du es?"
+
+"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus.
+
+"Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes
+Beispiel! Und die Karlstöchter?"
+
+"Alle Wetter und Stürme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hüter
+der Karlstöchter bestellt?"
+
+"Die Karlstöchter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der
+Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte. "Sie heißen:
+Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud.
+Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die rätischen Mädchen
+wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter
+jubelndem Gelächter die junge Herrin mit sich fort.
+
+Gnadenreich verlangsamte den Schritt. Traulich suchte er die Hand des
+Höflings. "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser
+nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, daß
+ich außer ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine große Meinung von
+ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend
+zu sein. Ein gutes Mädchen führe nicht schlecht mit mir. Du kennst
+meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen
+Sorge macht. Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das
+könnte die Stunde sein--wenn es dein Wille wäre"--
+
+"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist
+abgemacht."
+
+Hätte einer der Gewalttätigen, welche auf den rätischen Felsen
+nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin möchte ihm ins
+Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben,
+aber Graciosus war zu harmlos, als daß er ihm hätte zürnen können.
+Und er selbst fühlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken
+getrieben, die Schwester zu vermählen.
+
+"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der
+Richterin? Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und
+groß für mich?"
+
+"Sei nicht blöde und fackle nicht länger! Willst du sie?"
+
+Die Schreitenden hatten eine Hügelwelle überstiegen und erblickten
+jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie hatte sich
+von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und
+schnellströmenden Bäche, welche die Hochmatten durchschneiden. Neben
+ihr irrte ein blökendes Lämmchen, das die Herde verloren hatte, und am
+Uferrand sitzend, löste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen
+von ihrem wunden Fuße und wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch
+entledigte sich das Mädchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem
+mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete
+mit ihm durch die Strömung und ließ es seiner Herde nachlaufen.
+
+Da kam über Gnadenreich eine Erleuchtung. "Ich wage es! Ich nehme
+sie!" rief er aus. "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!"
+
+"So gehe voraus und richte das Brautmahl! Ich werde für dich werben.
+Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem
+Bezirke von Hürden und Ställen ein neugebauter Rundturm, über welchem
+gerade der Föhn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb.
+Gnadenreich bog seitwärts, die Brücke suchend, während der Höfling den
+reißenden Bach in einem Satze übersprang.
+
+Wulfrin erreichte die Schwester. "Du läufst barfuß, Bräutchen?"
+
+"Ich bin kein Bräutchen, und was nützen mir die Schuhe, wenn ich nicht
+mit dir durch die Welt laufen darf?"
+
+"Du bist nicht die Törin, das im Ernste zu reden, und die Frau auf
+Pratum darf nicht unbeschuht gehen."
+
+"Gnadenreich hat nicht den Mund gegen mich geöffnet."
+
+"Er wirbt durch den meinigen. Nimm ihn, rat ich dir, wenn du keinen
+andern liebst."
+
+Sie schüttelte den Kopf. "Nur dich, Wulfrin."
+
+"Das zählt nicht."
+
+Sie hob die klaren Augen zu ihm auf. "Geschieht dir damit ein so
+großer Gefallen?"
+
+Er nickte.
+
+"So tue ich es dir zuliebe."
+
+"Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die Wange. "Ich werde
+euch schützen, daß euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem
+ersten Buben Gevatter stehen."
+
+Sie errötete nicht, sondern die Augen füllten sich mit Tränen. "Nun
+denn", sagte sie, "aber wir wollen langsam gehen, daß es eine Stunde
+dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen. Dem
+Höfling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, daß
+sie ihm das Liebste auf der Erde sei.
+
+"Hier thronen wir wie die Engel", sagte Graciosus, nachdem er seine
+Gäste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf
+die Zinne geführt hatte, wo das Mahl bereitet war. Der Tisch trug
+neben den Broten eine Schüssel Milch mit dem geschnitzten Löffel und
+einen Krug voll schwarzdunkeln Weines, ein bischöfliches Geschirr,
+denn es war mit der Mitra und den zwei Krummstäben bezeichnet. Die
+dreie saßen auf einer Bank, das Mädchen in der Mitte. Die ringsum
+laufende Brüstung reichte so hoch, daß sich kaum darüber wegblicken
+ließ. Nur der Himmel war sichtbar, und an diesem häuften sich
+unheimliche schwefelgelbe Wolken.
+
+"Die Milch für mich, für dich der Wein, Wulfrin", sagte Graciosus.
+"Der verreiste noch glücklich aus dem bischöflichen Keller, ehe ihn
+die Lombarden leerten. Aber mit wem hält es Fräulein Palma?"
+
+"Mit dir", meinte der Höfling.
+
+Graciosus sprach das Tischgebet. "Nun gleich auch den andern Spruch,
+frisch heraus, Gnadenreich!" ermunterte Wulfrin.
+
+Da geschah es, daß der Bischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf
+nichts besinnen konnte von alle dem Zärtlichen und Verständigen, was
+er sich für diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen
+hatte. Ratlos blickte er in die warmen braunen Augen. Jetzt gedachte
+er des Lämmchens und der bloßen Füße und kam in eine fromme Stimmung.
+"Palma novella", bekannte er, "ich liebe dich von ganzem Herzen, von
+ganzer Seele und von ganzem Gemüte."
+
+Das war hübsch. Das Mädchen wurde gerührt und reichte ihm die Hand.
+Auch Wulfrin mißfiel diese Werbung nicht. "Nun aber wollen wir ein
+bißchen lustig sein!" rief er aus. "Das bringe ich euch!" Er hob den
+Krug und trank. Graciosus schöpfte einen Löffel Milch und bot ihn dem
+Munde seiner Braut. Es war nicht der einzige auf Pratum, aber
+Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen.
+
+Sie öffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht
+mir die Milch. Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den
+Krug, und sie schlürfte so hastig, daß er ihr denselben wieder aus den
+Händen nahm. Darauf schien sie ermüdet, denn sie ließ den Kopf auf
+die Schulter und allmählich in die Arme sinken und nickte ein. Die
+Föhnluft wurde zum Ersticken heiß. Wulfrin und Graciosus verstummten
+ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch auslöffelte und
+nach ländlicher Sitte zuletzt die Schüssel mit beiden Händen an den
+Mund hob. Wulfrin betrachtete den jungen Nacken. Er enthielt sich
+nicht und berührte ihn mit den Lippen. Sie erwachte.
+
+"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie.
+"Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist,
+das aus dem Stifte--weißt du--, welches du bei deinem letzten Besuche
+der Mutter, der ich über die Schulter blickte, gezeigt hast."
+Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne.
+
+Palma suchte und fand das Blatt. Über dem lateinischen Texte war
+mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter
+den Arm abwehrend gegen ein Mädchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen
+schien. Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als
+den Helm, doch je länger er das gemalte Mädchen beschaute, desto mehr
+begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu
+gleichen. Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis."
+
+"Erzähle und deute, Gnadenreich", bat Palma. Graciosus blieb stumm.
+"Nun, so will ich erklären. Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie
+er anfangs war und mich wegstößt."
+
+"Das ist nichts für dich, Palma!" wehrte Graciosus ängstlich, "laß!",
+und er entzog das Buch ihren Händen.
+
+"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie. "Ich gehe lieber. Drüben
+am Hange sah ich blühende Rosen in dichten Büschen stehen. Ich will
+mir einen Kranz winden", und sie entsprang.
+
+Ein blendender Blitz fuhr über Pratum weg und dem Höfling durch die
+Adern. "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt.
+
+"Weil es für Mädchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich.
+
+"Warum nicht?"
+
+"Die Schwester im Buche liebt den Bruder."
+
+"Natürlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?"
+
+Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn
+sündig! sie begehrt ihn."
+
+Wulfrin entfärbte sich und wurde totenbleich. "Schweig, Schurke!"
+schrie er mit entstellten Zügen, "oder ich schleudere dich über die
+Mauer!"
+
+"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir? Bist du
+verhext? Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche
+weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte.
+"Ich beschwöre dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und laß dir sagen: das
+hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und lügnerisch hat er
+erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen
+und Heiden ein Greuel wäre!"
+
+"Und du liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen,
+Schuft?"
+
+"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich
+beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, daß ich den Versucher
+kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite!"
+
+Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte.
+
+"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstöre das Buch nicht! Es ist das
+teuerste des Stiftes!"
+
+"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Höfling, und weil kein Herd da war als
+der lodernde des offenen Himmels, riß er das Blatt in Fetzen und warf
+sie hoch auf in den wirbelnden Sturm.
+
+Es trat eine Stille ein. Graciosus betrachtete stöhnend das
+verstümmelte Buch, während Wulfrin mit verschlungenen Armen und
+unheimlichen Augen brütete. So beschlich ihn die zurückkommende Palma
+und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete
+Haupt.
+
+Er fuhr zusammen, da er das Geflechte spürte, zerrte es sich ab, riß
+es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten
+Mädchen zu Füßen.
+
+Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Höhe: "Du
+Abscheulicher! Tust du mir so?" Zornige Tränen drangen ihr hervor.
+"Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!"
+
+"Palma", befahl er, "gleich kehrst du nach Hause! Über die Alp!
+Wende dich nicht um! Ich gehe durch die Schlucht! Läufst du mir über
+den Weg, so werfe ich dich in den Strom!"
+
+Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblässe, das gesträubte Haar,
+das unglückliche Antlitz erfüllten sie mit Angst und Mitleid. Sie
+machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Händen
+die pochenden Schläfen halten. "Hinweg!" rief er und riß das Schwert
+aus der Scheide.
+
+Da wandte sie sich. Er blickte über die Brüstung und sah, wie sie in
+wildem Laufe durch die Alp eilte. Auch er verließ das Kastell und
+schlug, von dem nahen Tosen des Stromes geführt, den Weg gegen die
+Schlucht ein, die furchtbarste in Rätien. Gnadenreich gab ihm kein
+Geleit.
+
+Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Strom wütete, und er im
+Gestrüppe den Pfad suchte, störte sein Fuß oder der ihm vorleuchtende
+Wetterstrahl häßliches Nachtgevögel auf, und eine pfeifende Fledermaus
+verwirrte sich in seinem Haare. Er betrat eine Hölle. Über der
+rasenden Flut drehten und krümmten sich ungeheure Gestalten, die der
+flammende Himmel auseinanderriß und die sich in der Finsternis wieder
+umarmten. Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schönen
+Maßen der Erde. Das war eine Welt der Willkür, des Trotzes, der
+Auflehnung. Gestreckte Arme schleuderten Felsstücke gegen den Himmel.
+Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger
+Leib über dem Abgrund. Mitten im weißen Gischt lag ein Riese, ließ
+sich den ganzen Sturz und Stoß auf die Brust prallen und brüllte vor
+Wonne. Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fühlte sich wohl
+unter diesen Gesetzlosen. Auch ihn ergriff die Lust der Empörung, er
+glitt auf eine wilde Platte, ließ die Füße überhangen in die Tiefe,
+die nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund.
+
+Da traf der starre Blick seines zurückgeworfenen Hauptes auf ein Weib
+in einer Kutte, das am Wege sag. "Nonne, was hast du gefrevelt?"
+fragte er. Sie erwiderte: "Ich bin die Faustine und habe den Mann
+vergiftet. Und du, Herr, was ist deine Tat?"
+
+Lachend antwortete er: "Ich begehre die Schwester!"
+
+Da entsetzte sich die Mörderin, schlug ein Kreuz über das andere und
+lief so geschwind sie konnte. Auch er erstaunte und erschrak vor dem
+lauten Worte seines Geheimnisses. Es jagte ihn auf, und er floh vor
+sich selbst. Schweres Rollen erschütterte den Grund, als öffne er
+sich, ihn zu verschlingen. Von senkrechter Wand herab schlug ein
+mächtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in
+die aufspritzende Flut.
+
+Der Himmel schwieg eine Weile, und Wulfrin tappte in dunkler Nacht.
+Da erhellte sich wiederum die Schlucht, und auf einer über den Abgrund
+gestürzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Füßen
+gegen sich wandeln, und jetzt lag sie vor ihm und berührte seine Knie.
+
+"Was habe ich dir getan", weinte sie, "warum fliehst, warum
+verwünschest du mich? Bruder, Bruder, was habe ich an dir gesündigt?
+Ich kann es nicht finden! Siehe, ich muß dir folgen, es ist stärker
+als ich! Ich lief drüben, da sah ich den Steg. Töte mich lieber! Ich
+kann nicht leben, wenn du mich hassest! Tue, wie du gedroht hast!"
+
+Er stieß einen Schrei aus, ergriff, schleuderte sie, sah sie im
+Gewitterlicht gegen den Felsen fahren, taumeln, tasten und ihre Knie
+unter ihr weichen. Er neigte sich über die Zusammengesunkene. Sie
+regte sich nicht, und an der Stirn klebte Blut. Da hob er sie auf
+mächtigen Armen an seine Brust und schritt, ohne zu wissen wohin, das
+Liebe umfangend, dem Tale zu.
+
+Er hatte die Klus hinter sich, da sauste es an ihm vorüber, und er
+erblickte einen Knaben, der ein scheues Roß zu bändigen suchte. "He,
+Gabriel", rief er ihm nach, "sage der Richterin, sie rüste den Saal
+und richte das Mahl! Tausend Fackeln entzündet! Malmort strahle!
+Ich halte Hochzeit mit der Schwester!" Der Sturm verschlang die
+rasenden Worte. Malmort mit seinen Türmen stand schwarz auf dem noch
+wetterleuchtenden Nachthimmel.
+
+Mit seiner Last den Burgpfad emporsteigend, sah er oben Lichter hin-
+und herrennen. Dann begegnete er der geängstigten Mutter, die ihm
+halben Weges entgegengeeilt war. "Wulfrin", flehte sie mit
+ausgestreckten Armen, "wo hast du Palma?" "Da nimm sie", sagte er und
+bot ihr die Leblose.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den
+schwarzschattenden Büscheln einer gewaltigen Arve, während die Matten
+ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch,
+den würzigen Waldgeruch einatmend, heiter und glücklich geträumt von
+dem Wettspiel in einer römischen Arena und im Speerwurf einen
+Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floß ruhig, und seine Stirne
+war hell.
+
+Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins
+Dunkel zurückgewichen. Mit irren Füßen, in ruhelosem Laufe, kreuz und
+quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit über
+Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestürzt und in
+einen bleiernen Schlaf versunken.
+
+Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hügeln umgebenen Wiese,
+fernab von dem Geläute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Nur ein
+Specht hämmerte, und zwei Eichhörner tummelten und neckten sich in der
+Mitte ihres grünen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den
+Augen und schaute umher. Da entdeckte er über dem Hügelrande die
+Giebel und Turmspitzen von Malmort. Er ließ sich auf dem Hange
+gleiten, und sie verschwanden.
+
+Allmählich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er
+mißtraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht
+der Starke und Freie, der Fröhliche und Zuversichtliche, der dem
+Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt? Was
+war denn geschehen? Eine rätselhafte Frau hatte ihn übermocht, zu
+beschwören, was er nicht bezweifelte. Ein Mädchen, das sich in der
+Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen,
+war ihm zugesprungen und hatte sich närrisch ihm an den Hals gehängt.
+Ein tückischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer
+ausschweifenden Fabel oder der heiße Hauch des Föhnes oder was es
+sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betört und verstört. Und was er
+an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie hätte sie den
+gähnenden Abgrund überschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der
+Gewitternacht.
+
+"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich
+ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches
+Mitleid und die inbrünstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er
+mißhandelt und vernichtet hatte. Er sah sie mit allen ihren Gebärden,
+jedes ihrer süßen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute
+in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden. Jetzt fühlte er sie,
+die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wußte, daß
+sie noch lebte und atmete. "Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er
+und wieder: "Palma! Palma!"
+
+"--Palma!" wiederholte das Echo.
+
+"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte.
+
+Ein tödlicher Schauer durchrieselte sein Mark. Sich auf die Rechte
+stützend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach
+der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde. "Es sitzt!" ächzte er.
+"ich bin der Schrankenlose, der Übertreter, der Verdammte! Ich muß
+sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel
+beleidigt? wodurch habe ich die Hölle gelockt?" Rasch übersann er sein
+Leben, er fand darin keinen Makel, nur läßlichen Fehl. "Nun, wen's
+trifft, den trifft's! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme
+gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der
+Walstatt. Es geht vorüber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein
+Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter
+grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste
+Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Hände vor das
+Angesicht und schluchzte...
+
+Mählich verlängerten sich die Schatten, und es wurde still über der
+Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Ohne das Haupt
+zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er
+wußte, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jähesten Abgrund
+zu führen.
+
+"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze
+mich zu dir", und Frau Stemma ließ sich neben ihn auf das Moos gleiten
+in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Füße
+verhüllte.
+
+"Berühre mich nicht!" schrie er und warf sich zurück. "Ich bin ein
+Unseliger!"
+
+"Ich suchte dich lange", sagte sie. "Warum bliebest du ferne? Dir
+ist bange für Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in
+tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzählt, wie euch gestern
+das Gewitter in der Schlucht überraschte, wie sie glitt und die
+Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du sie getragen."
+
+Wulfrin blieb stumm.
+
+"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu
+zerschmettern?"
+
+Er nickte.
+
+Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und berührte wiederum
+seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst
+sie!" Sie fühlte, wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte.
+
+"Es ist entsetzlich", stöhnte er.
+
+"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklärlich ist es nicht. Ihr
+seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und
+Gestalten nicht gewöhnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr
+euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe
+und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind
+eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht länger die
+himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem
+schöpferischen Feuer der Erde."
+
+Er antwortete nicht, kaum daß er ihre Worte gehört hatte, sondern
+murmelte zärtlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist
+ein gar seltsamer und schöner Name!"
+
+Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus
+dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufsprießt, und, bei meinem
+Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und töte ich!
+Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein
+Härchen der Wimper, nicht den äußersten Saum des Kleides versengt.
+Unglücklicher, wie ist ein solches Leiden über dich gekommen?"
+
+"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel
+warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloß ich das Ohr.
+Ich bog ab und fiel in die Hände der Lombarden. Warum hast du den
+Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie
+er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin, die
+finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte
+Gottes--"
+
+"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie.
+
+"Ist sie meine Schwester?"
+
+"Wie sonst? Ich weiß es nicht anders. Was denkst du dir?"
+
+"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzüge eine Sünde!"
+Er sprang auf, während sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so daß er
+sie mit sich emporzog.
+
+"Wohin, Wulfrin? In eine Tiefe? Nein, du darfst diesen starken Leib
+und dieses tapfere Herz nicht zerstören! Nimm dein Roß und reite!
+Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter deine Waffenbrüder! Ein
+paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!"
+
+"Das geht nicht", sagte er jammervoll. "Wir leiden nicht den
+geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verräterisch die
+Schande unter uns verstecken?"
+
+"So stachle dein Roß, reite Tag und Nacht, über Berg und Fläche,
+springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie
+und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir
+aus der Bläue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die
+Schönheit als Beute!"
+
+"Was hülfe es?" sagte er. "Sie zöge mit mir, die Nixe trüge ihr
+Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr
+vermählt ewiglich. Nein, ich kann nicht leben!"
+
+"Das ist Feigheit!" sprach sie leise.
+
+Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er
+bäumte sich auf. "Du hast recht, Frau!" schrie er. "Ich darf nicht
+als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und
+verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel
+bekennen und die Sühne leisten!" So rief er in zorniger Empörung, dann
+aber besänftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Lösung
+gefunden, die ihm ziemte.
+
+"Unsinn!" sagte sie. "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem
+Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat
+aber und nur die Tat ist richtbar."
+
+"Frau, das wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere
+zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Höfling begehrt
+das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so, er kann nicht
+anders. Schaffe den Sünder aus der Welt! Und spricht der Kaiser: Die
+Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit
+jedem Atemzuge!"
+
+"Auf sündiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer."
+
+Wulfrin lachte.
+
+"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Blöße?"
+
+"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin."
+
+"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Sünde zu
+tragen?"
+
+"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er verächtlich.
+
+"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?"
+
+"Du!"
+
+"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam.
+
+Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam
+die Ruhe des Abends über ihn. Er blieb unter seiner Arve, bis die
+Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Und wie sie mit gebrochenen
+Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verströmte, erlosch er mit
+ihr und sah sich die Schwester, wie das Spätlicht, im grünen Gewande
+und auf stillen Sohlen nachschreiten. Das aufgegebene Schwert reute
+ihn nicht. "Sie werden drüben einen Krieger brauchen", sagte er sich
+und wandelte schon unter den seligen Helden.
+
+Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn
+er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen,
+ohne daß er Malmort und die Stapfen der Schwester berühre. Beide
+wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen. Er gelangte an den Strom,
+der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit überflutete.
+Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstück zu lagern und
+wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufließen. Er wurde sich
+selbst zum Traume.
+
+Da sah er Elb oder Elbin tauchen. Es schwamm weiß im Strome, ein
+Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die
+Höhe, das der Mond versilberte. Er erkannte sein entwendetes Erbteil
+und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe.
+
+"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich! Glück über
+dir! Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder
+umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor.
+
+"Schon heute mittag", erzählte er, "sah ich es beim Fischen auf dem
+Grunde. Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und mußte die
+Nacht erwarten. Hat es schon lange gelegen?" Er schüttelte das Horn
+und ließ das Wasser sorgfältig aus der Bauchung abtropfen. "Wenn es
+nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stieß darein, daß
+die Berge widerhallten. "Hier, Herr!" sagte er. "Wahrhaftig, es hat
+ihm nichts getan. Ein wackeres Schlachthorn!"
+
+Wulfrin ergriff es und hing es sich um. Als er sich aber einen
+Goldring--irgendein Beutestück--von der Hand ziehen wollte, um den
+Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel. "Nein, Herr, lege lieber ein Wort
+für mich ein, daß mich der Kaiser mitreiten läßt! Doch jetzt muß ich
+heim! Ich habe noch in den Ställen zu tun. Kommst du mit? Ich weiß
+Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein
+Hinterpförtchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege."
+
+Und Wulfrin folgte. Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte
+seine Sinne und Geister erwärmt. Der Wiedergewinn seines Erbes weckte
+das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf. Und obwohl aus
+dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch über dem Strom
+ein Schimmer von Geisterhilfe. "Am Ende ist es der Vater", sagte er
+sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann. Wenn er noch irgend
+da ist, läßt er mich nicht elend umkommen. Ich will ihn rufen.
+Vielleicht antwortet er. Es ist ein Glaube, daß der Tote aus dem
+Grabmal mit seinen Kindern redet. Ich wage es! Ich blase ihn wach!
+Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind? Redet er nicht,
+so nickt er wohl oder schüttelt das Haupt." Obschon der Höfling an
+Stemma nicht zweifelte, deren Wesen über ihn Gewalt hatte, focht ihn
+doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der
+Frage an den Toten wenig an. Er fühlte einfach, daß er den
+Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten müsse, ehe
+er sich anklage und sich richten lasse. Aber seine Ruhe war weg, sein
+Geist gespannt, und er hörte kein Wort von dem, was der Knabe
+unterweges plauderte.
+
+Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der
+Emporklimmende über dem Burgfelsen aufsteigen sah. Aus der Ferne und
+Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie haßte und den sie
+vernichtet zu haben glaubte. Während ihr Kind auf dem Lager
+schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder. Sie vergegenwärtigte
+sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja
+unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, daß sie
+und wie sie über ihn richten werde.
+
+War es denkbar, daß sich die Natur so verirrte? daß ein so lauterer
+Mensch in eine solche Sünde verfiel? War es nicht wahrscheinlicher,
+daß hier Irrtum oder Lüge Bruder und Schwester gemacht hatte? So
+hätte die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, wäre sie
+nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen. Aber sie durfte nicht
+untersuchen, denn sie hätte etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine,
+zerstörte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen müssen, das
+sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.
+
+Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Sünde des
+Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhängnis.
+"Gilt es mir? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet? Ist eine
+Verschwörung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein.
+
+Da hatte sie ein Gesicht. Sie erblickte mit den Augen des Geistes
+durch die dämmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein
+gewaltiges Weib von furchtbarer Schönheit. Diese saß in langen,
+blauen Gewanden, eine Tafel auf das übergelegte Knie gestützt, einen
+Griffel in der Hand, schreibend oder zählend, irgendeine Lösung
+suchend. Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lächeln über
+den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist
+so einfach!
+
+Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenüber zu sehen und
+trotzte ihr, Weib gegen Weib. "Das bringst du nicht heraus! Du
+findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Händen
+empor über die sonnenhellen Augen und verschwand. "Du hast keine
+Zeugen!" rief ihr die Richterin nach. Ihr antwortete ein
+erschütternder Ruf, der aus allen Wänden, aus allen Mauern drang, als
+werde die Posaune geblasen über Malmort.
+
+Stemma erbebte. Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in
+den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge. Palma war nicht erwacht,
+sie schlief ruhig fort. Die Richterin besann sich. Hatte der
+grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Räume, diese
+Mauern erschüttert? Müßte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer
+aufgefahren sein? Es war unmöglich, daß der gewaltige Ruf sie nicht
+geweckt hätte. Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen
+unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die
+Sprache der überreizten Sinne. Sie hatte es erfahren an den
+Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst. "Das Ohr hat mir
+geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte.
+
+Hätte sie durch Dielen und Mauern blicken können, so sah sie den
+bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stieß,
+ihn rührend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen. Sie
+hätte gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern
+Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd über die Mauer sprang.
+
+Wieder schütterte Malmort in seinen Tiefen, stärker noch als das
+erstemal. Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie
+mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugängliche Tiefen
+hatte versinken sehen. Sie sann an dem ängstlichen Rätsel und konnte
+es nicht lösen. Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt
+stürmte.
+
+Da fiel ihr zur bösen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe
+sitze und mit dem schweren Kopfe unablässig daran herumarbeite, ob
+Frau Stemma ihm ein Leides getan. "Er besucht sein Grabmal und stößt
+in sein Horn! Er stört die Nacht! Er verwirrt Malmort! Er schreckt
+das Land auf! Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe
+den Empörer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn.
+
+Ohne sich nach Palma umzusehen, stürzte sie zornig die Wendeltreppe
+hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der
+Gruft lagen. Darüber webte ein ungewisser Dämmer, da eine leichte
+Wolke den Mond verschleierte. Der Comes ließ sein Horn zurückgleiten,
+und die steinerne Stemma hob die Hände, als flehe sie: Hüte das
+Geheimnis!
+
+Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestörer. "Arglistiger",
+schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in
+Aufruhr? Ich weiß, worüber du brütest, und ich will dir Rede stehen!
+Keine Maid hat dir der Judex gegeben! Ich trug das Kind eines andern!
+Du durftest mich nie berühren, Trunkenbold, und am siebenten Tage
+begrub dich Malmort! Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Fläschchen
+aus dem Busen. "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte?
+Dummkopf, mich schützte ein Gegengift! Jetzt weißt du es! Palma
+novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht! Und jetzt quäle mich
+nicht mehr!"
+
+So grelle und freche Worte redete die Richterin.
+
+Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie
+wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag. Die
+furchtbare Geschichte kümmerte ihn nicht, er lag regungslos mit
+gestreckten Füßen. Jetzt sah sie, daß sie zum Steine gesprochen, und
+schlug eine Lache auf. "Heute bin ich eine Närrin!" sagte sie. "Ich
+will zu Bette gehen."
+
+Sie wandte sich. Palma novella stand hinter ihr, weiß, mit
+entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen. Der
+zweite Hornstoß hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf
+besorgten Zehen nachgeschlichen.
+
+Zwei Gespenster standen sich gegenüber. Dann packte Stemma den Arm
+des Mädchens und schleppte es in die Burg zurück. Sie selbst hatte
+ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser
+Zeuge war ihr Kind.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Seit der Höfling aus Malmort verschwunden war, lastete auf den
+schweren Mauern Schweigen und Kümmernis. Das Gesinde munkelte
+allerlei, und Knechte und Dirnen steckten die Köpfe zusammen. Die
+junge Herrin sei krank. Es sei ihr angetan worden. Irgendein
+Zauber--ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut
+verschluckt oder aus einem schädlichen Quell getrunken--habe die
+Ärmste der Vernunft beraubt. Ihr mangle der Schlummer, sie weine
+unablässig und lasse sich weder trösten noch auch nur berühren. Ihr
+widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe. Die Laute
+und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reißen dünn
+geworden. Die bekümmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt
+und dürfe sie nicht aus den Augen lassen.
+
+Zwei Mägde standen am Brunnen zusammen und flüsterten. Benedicta war
+der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr
+gebührlich die Hand küssen. Palma sei angstvoll zurückgewichen und
+habe aufgeschrien: "Rühre mich nicht an!" Veronica hatte durch das
+Schlüsselloch gespäht und was erblickt? etwas ganz Unglaubliches: die
+stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen, ihm liebkosend die
+Knie umfangend und um die Gnade flehend, daß es den Mund öffne und
+einen Bissen berühre.
+
+Die Mägde verstummten, hoben sich die Krüge zu Haupte und drückten
+sich, eine hinter der andern, während langsam die Richterin mit Palma
+aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt. Frau Stemma
+stützte das Mädchen, das, elend und zerstört, sich selbst nicht mehr
+gleichsah. Palma ging mit gebeugtem Rücken und unsichern Knien. Groß,
+doch ohne Strahl und Wärme, traten die Augen aus dem vermagerten
+Antlitz. "Komm, Kindchen", sagte Frau Stemma, "du mußt Luft schöpfen",
+und sie öffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese
+führte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghöhe
+bekleidete und über die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in
+eine lichte Ferne verlief.
+
+Sie setzten sich auf eine Bank, und Frau Stemma betrachtete ihr Kind.
+Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen über die
+Verwüstung des einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb aufrecht und
+gürtete sich mit ihrer letzten Kraft. "Wie", sagte sie sich, "Mir
+gelänge es nicht, dieses Gehirnchen zu betören, dieses Herzchen zu
+überwältigen?"
+
+"Mein Kind", begann sie, "hier sind wir allein. Laß uns noch einmal
+recht klar und klug miteinander reden"--
+
+"Wenn du willst, Mutter."--"miteinander reden von dem Wahne jener
+Nacht. Ich wachte, du schliefest. Da lärmt es im Hofe. Ich gehe
+hinunter, es war nichts, und ich lache über meinen leeren Schrecken.
+Ich wende mich. Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren
+Augen. Ich ergreife dich und führe dich in das Haus zurück. Und du
+erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und
+zugrunde richtet."
+
+"Ja und nein, Mutter. Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen
+und folge dir auf dem Fuße. Du standest im Hofe vor den Steinbildern
+und schaltest den Vater und erzähltest ihm"--sie hielt schaudernd inne.
+
+"Was erzählte ich?" fragte die Richterin.
+
+"Du sagtest"--Palma redete ganz leise--"daß ich nicht sein Kind bin.
+Du sagtest, daß ich schon unter deinem Herzen lag. Du sagtest, daß du
+und ich ihn getötet haben."
+
+"Liebe Törin", lächelte Frau Stemma, "nimm all dein Denken zusammen
+und verliere keines meiner Worte. Ich hätte mit einem Steine geredet?
+als eine Abergläubische? oder eine Närrin? Kennst du mich so? Und du
+wärest nicht das Kind des Comes? Mit wem war ich denn sonst vermählt?
+Habe ich dir nicht erzählt, daß ich eine Gefangene war auf Malmort,
+bis mich der Comes freite? Und ich hätte den Gatten getötet? Ich,
+die Richterin und die Ärztin des Landes, hätte Gifte gemischt? Kannst
+du das glauben? Hältst du das für möglich?"
+
+"Nein, Mutter, nein! Und doch, du hast es gesagt!"
+
+"Palma, Palma, mißhandle mich nicht! Sonst müßte ich dich hassen!"
+
+Palma brach in trostlose Tränen aus und warf sich gegen die Brust der
+Mutter, die das schluchzende Haupt an sich preßte. "Du bringst mich
+um mit deinem Weinen", sagte sie. "Glaube mir doch, Närrchen!"
+
+Palma hob das Angesicht und blickte um sich. "Weidet hier am Rande
+ein Zicklein, Mutter?"
+
+"Ja, Palma."
+
+"Läutet dort Maria in valle?" Sie wies ein im Tale schimmerndes
+Kloster.
+
+"Ja, Palma."
+
+"Ebenso wahr, als ich jetzt nicht träume und das Zicklein weidet und
+das Kirchlein läutet, ebensowenig habe ich geträumt, daß du vor
+Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast. Es war so, es ist so.
+Du sprächest immer die Wahrheit, Mutter."
+
+"Ich sage dir, Palma, es ist ein Traum. Und ich will, daß es ein
+Traum sei."
+
+Palma erwiderte sanft: "Belüge mich nicht, Mutter! Habe ich doch
+vorhin, da du mich an dich preßtest, den scharfen Kristall empfunden,
+welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast."
+
+Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr
+Kind, glitt aber langsam auf die Bank zurück, und nachdem sie eine
+Weile in den Boden gestarrt, sagte sie: "Wäre es so und hätte ich so
+getan, so wäre es deinetwegen."
+
+"Ich weiß", sagte Palma traurig.
+
+"Habe ich es getan", wiederholte Stemma, "so tat ich es dir zuliebe.
+Ich tötete, damit mein Kind rein blieb."
+
+Palma zitterte.
+
+"Warum hast du dich in mein Geheimnis gedrängt, Unselige?" flüsterte
+Stemma ingrimmig. "Ich hütete es. Ich verschonte dich. Du hast es
+mir geraubt! Nun ist es auch das deinige, und du mußt es mir tragen
+helfen! Lerne heucheln, Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst!
+Aber wo sind deine Gedanken? Du bist abwesend! Wohin träumst du?"
+
+"Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise, und eine schwache
+Röte glomm und verschwand auf den gehöhlten Wangen.
+
+"Ich weiß nicht", sagte die Richterin.
+
+"Jetzt verstehe ich, daß er mich verabscheut", jammerte Palma. "O ich
+Elende! Er stößt mich von sich, weil er Mord an mir wittert. Mir
+graut vor meinem Leibe! Läge ich zerschmettert!"
+
+"Ängstige dich nicht! Wulfrin hat keinen Argwohn. Er ist gläubig und
+er traut."
+
+"Er traut!" schrie Palma empört. "Dann eile ich zu ihm und sage ihm
+alles wie es ist! Ich laufe, bis ich ihn finde!" Sie wollte
+aufspringen, die Mutter mußte sie nicht zurückhalten, erschöpft und
+entkräftet sank sie ihr in den Schoß.
+
+"Ich verrate dich, Mutter!"
+
+"Das tust du nicht", sagte Stemma ruhig. "Mein Kind wird nicht als
+Zeugin gegen mich stehen."
+
+"Nein, Mutter."
+
+Die Richterin streichelte Palma. Diese ließ es geschehen. Darauf
+sagte sie wieder: "Mutter, weißt du was? Wir wollen die Wahrheit
+bekennen!"
+
+Frau Stemma brütete mit finstern Blicken. Dann sprach sie: "Foltere
+mich nicht! Auch wenn ich wollte, dürfte ich nicht. Dieser wegen!",
+und sie deutete auf ihr Gebiet. "Würde laut und offenbar, daß hier
+während langer Jahre Sünde Sünde gerichtet hat, irre würden tausend
+Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du
+mußt schweigen!"
+
+"So will ich schweigen!"
+
+"Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloß ihr den Mund
+mit einem Kusse. "Aber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren
+brechend, und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der
+Mutter. Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die
+Burg zurück.
+
+Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stücklein Brot. Sie
+kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der
+Entkräfteten. Diese wandte sich ab.
+
+Da bat und flehte die Richterin: "Nimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!"
+Jetzt wollte Palma gehorchen und öffnete den entfärbten Mund, doch er
+versagte den Dienst.
+
+Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille.
+Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr
+und steinern. Dann verklärte sich das Angesicht der Richterin, und
+ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle.
+
+"Palma", sagte sie zärtlich, und dieser warme Klang, hob die Lider des
+Kindes, "Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort.
+Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da
+freuten sich die Augen Palmas, und ihre Pulse schlugen.
+
+"Nimm den Bissen", sagte die Richterin und speiste und tränkte ihr
+Kind.
+
+Sie führte die Neubelebte in den Hof zurück. In der Mitte desselben
+stand Rudio, noch keuchend vom Ritte. "Heil und Ruhm dir, Herrin!"
+frohlockte er. "Ich melde den Kaiser! Der Höchste sucht dich heim!
+Er naht! Er zieht mächtig heran und mit ihm ganz Rätien!"
+
+"Dafür sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. "Komm, Kind, wir
+wollen uns schmücken!"
+
+Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte, hieß er
+Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurückbleiben und betrat allein den
+Hof von Malmort. Stemma und Palma standen in weißen Gewändern. Die
+Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma
+hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und
+sagte: "Du bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft
+empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast.
+Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkür entartet. Ich will
+diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weißt du mir den Mann?"
+
+"Ich weiß ihn", antwortete die Richterin. "Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs,
+dein Höfling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtgläubig
+und unerfahren, doch die Jahre reifen."
+
+"Ich führe ihn mit mir", sprach der Kaiser, "aber als einen, der sich
+selbst anklagt und dein Gericht begehrt, sich so großen Frevels
+anklagt, daß ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter
+diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg
+hat mein Roß an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich
+ließ sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle."
+
+Er dämpfte die Stimme: "Frau, was verbirgt Malmort? Wärest du eine
+andere, als die du scheinest, und stündest du über einem begrabenen
+Frevel, so wäre deine Waage falsch und dein Gericht eine
+Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier rühmlich gewaltet. Gib
+dich in meine Hände. Mein ist die Gnade. Oder getraust du dich,
+Wulfrin zu richten?"
+
+"Herr", antwortete sie, "ich werde ihn und mich richten unter deinen
+Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt. Sie
+leuchtete von Wahrheit. "So walte deines Amtes", sagte er.
+
+Dann ging er auf das kniende Mädchen zu. "Palma novella!" sagte er
+und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit flehenden und
+vertrauenden Augen, und sein Herz wurde gerührt.
+
+"Rudio", gebot die Richterin, "bringe Faustinen her!" Der Kastellan
+gehorchte und trug die Bürde herbei, die er an den Grabstein lehnte.
+"Jetzt tue auf das Tor und öffne es weit! Alles Volk trete ein und
+sehe und höre!"
+
+Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum. Die
+Höflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen,
+während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm,
+ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des
+Kaisers ragte, in langem, blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Neben
+ihm Stemma und ihr Kind. Vor den dreien stand Wulfrin und sprach, den
+Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: "Jetzt richte mich!"
+
+"Gedulde dich!" sagte sie. "Erst rede ich von dieser", und sie wies
+auf die entseelte Faustine, die mit gebrochenen Augen und hängenden
+Armen an der Gruft saß.
+
+"Räter", sprach sie, und es wurde die tiefste Stille, "ihr kennet jene
+dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofür ihr
+sie hieltet. Nun ist ihr Mund verschlossen, sonst riefe er: Ihr irret
+euch in mir! Ich bin eine Sünderin. Ich, die das Kind eines andern
+im Schoße barg, habe den Mann gemordet"--
+
+"Frau", schrie Wulfrin ungeduldig, "was bedeutet die Magd! Mich laß
+reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!"
+
+"Nun denn! Aber zuerst, Wulfrin--nicht wahr, wenn diese hier"--sie
+zeigte Palma--"nicht das Kind deines Vaters, nicht deine Schwester,
+sondern eine andere und Fremde wäre, dein Frevel zerfiele in sich
+selbst?"
+
+"Frau, Frau!" stammelte er.
+
+"Kaiser und Räter", rief Stemma mit gewaltiger Stimme, "ich habe getan
+wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den
+Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hört! Nicht ein
+Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm
+scheidend zwischen Wulfrin und Palma. "Hört! hört! Kein Tropfen
+gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt
+ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Stemmas
+und Peregrins des Klerikers, hat das Geheimnis meiner Tat belauscht.
+Sie glaubt daran und stirbt darauf, daß ich wahr rede. Gib Zeugnis,
+Palma!"
+
+Aller Augen richteten sich auf das Mädchen, das mit gesenktem Haupte
+dastand. Palma bewegte die Lippen.
+
+"Lauter!" befahl die Richterin.
+
+Jetzt sprach Palma hörbar den Vers der Messe: "Concepit in
+iniquitatibus me mater mea..."
+
+Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte auf die Knie und
+murmelte: "Miserere mei!" Wulfrin streckte die Arme und rief gen
+Himmel: "Ich danke dir, daß ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat
+zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel.
+
+"Nun richte du, Kaiser!" sprach Stemma.
+
+"Richte dich selbst!" antwortete Karl.
+
+"Nicht ich", sagte sie, wendete sich zu dem Volke und rief:
+"Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?"
+
+Es redete, es rief, es dröhnte: "Gottesurteil!"
+
+Da sprach die Richterin feierlich: "Erstorbenes Gift, erstorbene Tat!
+Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte den Kristall aus dem Busen
+gehoben und geleert.
+
+Eine Weile stand sie, dann tat sie einen Schritt und einen zweiten
+wankenden gegen Wulfrin. "Sei stark!" seufzte sie und brach zusammen.
+Rudio neigte sich über die Tote, hob sie auf seine Arme und trug sie
+zu Faustinen. Dort saß sie am Grabe, die Hörige aber neigte sich und
+legte das Antlitz in den Schoß der Herrin.
+
+Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen, das einen jammervollen Blick
+nach der Mutter warf, faltete die Hände und gebot. "Oremus pro magna
+peccatrice!" Alles Volk betete.
+
+Dann sagte er mit milder Stimme: "Was wird aus diesem Kinde? Ich
+ziehe nicht, bis ich es weiß. Wie rätst du, Alcuin?"
+
+"Sie tue die Gelübde!" rief der Abt.
+
+"Ehe sie gelebt hat?" schrie Wulfrin angstvoll.
+
+"Dann weiß ich ein anderes. Graciosus"--der Abt hielt ihn an der
+Hand--"dieser hier, ein frommer Jüngling, hat ein Wohlgefallen an der
+Ärmsten"--
+
+"Herr Abt", unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich, "das geht über
+Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Mörderin. Alle guten
+Geister loben Gott den Herrn!"
+
+Wulfrin sprang in die Mitte. "Kaiser und ihr alle", rief er, "mein
+ist Palma novella!"
+
+Da redete Karl: "Sohn Wulfs, du freiest das Kind seiner Mörderin?
+Überwindest du die Dämonen?"
+
+"Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, daß ich sie
+überwältige!"
+
+Karl hieß das Mädchen knien und legte ihr die Hände auf das Haupt.
+"Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war!
+Dieser folge mir ins Feld! Gott entscheide! Kehrt er zurück und
+stößt er ins Horn, so freue dich, Palma novella, fülle den Becher und
+vollende den Spruch! Dann entzündet Rudio die Brautfackel und
+schleudert sie in das Gebälke von Malmort!"
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Richterin, von Conrad
+Ferdinand Meyer.
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Richterin, by Conrad Ferdinand Meyer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE RICHTERIN ***
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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+The Project Gutenberg EBook of Die Richterin, by Conrad Ferdinand Meyer
+
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+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+
+Title: Die Richterin
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Release Date: January, 2006 [EBook #9632]
+[This file was first posted on October 11, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE RICHTERIN ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen
+
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+
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+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
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+This is the 7-bit version.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+
+
+
+Die Richterin
+
+Novelle
+
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Moenche
+auf Ara Coeli, waehrend Karl der Grosse unter dem lichten Himmel eines
+roemischen Maerztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das
+Kapitol fuehrenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der
+Kaiserkrone, welche ihm unlaengst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst
+Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des
+hoechsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe
+Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer
+solennen Seelenmesse fuer das Heil seines Vaters, des Koenigs Pippin,
+beizuwohnen.
+
+Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, waehrend ein Gefolge von
+Hoeflingen, die aus allen Laendern der Christenheit zusammengewaehlte
+Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus
+Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem guenstigen
+Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen. Die
+vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehuellten Hoeflinge schlenderten mit
+gleichgueltiger Miene und hochfahrender Gebaerde in den erlauchten
+Stapfen, die Begruessung der umstellenden Menge mit einem kurzen
+Kopfnicken erwidernd und sich ueber nichts verwundern wollend, was
+ihnen die Ewige Stadt Grosses und Ehrwuerdiges vor das Auge stellte.
+
+Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, waehrend oben auf dem Platze
+Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. "Ich kann es
+nicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zu
+betrachten. Wie mild er ueber der Erde waltet! Seine Rechte segnet!
+Diese Zuege muessen aehnlich sein."
+
+Da fluesterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: "Es
+ist nicht Constantin. Das hab ich laengst heraus. Doch ist es gut,
+dass er dafuer gelte, sonst waeren Reiter und Gaul in der Flamme
+geschmolzen." Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem
+grossen Kaiser ins Ohr: "Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel."
+"Wirklich?" laechelte Karl.
+
+Sie gingen der Pforte von Ara Coeli zu, durch welche sie verschwanden,
+der Kaiser schon in Andacht vertieft, so dass er einen netten jungen
+Menschen in raetischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und
+durch die ehrfuerchtigsten Gruesse seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte.
+
+"Halt, Herren", rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilde
+angelangten Hoeflinge und fing rechts und links die Haende der neben ihm
+Wandelnden, "jetzt, da alles treibt und schwillt"--Erd- und Lenzgeruch
+kam aus nahen Gaerten--, "will ich meinen Becher und was mir sonst lieb
+ist mit Veilchen bekraenzen, aber keinen Weihrauch trinken, am
+wenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenke
+entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Woelfin. Das hat
+mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bisschen den Reiter an und
+verduften dann in die Tabernen."
+
+"Wer ist's?" fragte einer.
+
+"Ein griechischer Kaiser"
+
+"Den setzen wir ab"--
+
+"Wie er die Beine spreizt!"--
+
+"Reitet der Kerl in die Schwemme?"--
+
+"Holla, Stallknecht!"--
+
+"Nettes Tier!"--
+
+"Wuelste wie ein Mastschwein!"
+
+So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz ueberblitzte den
+andern. Das antike Ross wurde gruendlich und unbarmherzig kritisiert.
+
+Der artige Raeter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spoetter
+genaehert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelaechtern in ihre
+Gruppe zu gelangen und auf eine unverfaengliche Weise mit der Schule
+anzuknuepfen. Aber die Hoeflinge achteten seiner nicht. Da fasste er
+sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst:
+"Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Guenstling des Gluecks,
+wer ihr angehoeren darf!"
+
+Ueber eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und
+sprach gelassen: "Wir schwaenzen sie meistenteils." Dann kehrte sich
+der ganze Hoefling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Raeter mit
+einem spoettischen Gesichte: "Welcher Eltern ruehmst du dich, Knabe?"
+
+Dieser gab vergnuegten Bescheid. "Ich bin der Neffe des Bischofs Felix
+in Chur und mit seinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt."
+
+"Raeter", sprach der Lange ernsthaft, "du bist an den Quell der
+Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und
+ueber den Grueften unzaehliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und
+bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs."
+
+Eben intonierten die Moenche von Ara Coeli mit jungen und markigen
+Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: "Concepit in
+iniquitatibus me mater mea!"
+
+"Hoerst du", und der Hoefling deutete nach der Kirche, "die dort wissen
+es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf.
+
+Der kluge Bischofsneffe huetete sich, in Zorn zu geraten. Mit einem
+fluechtigen Erroeten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er.
+"Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge die aus eurer Schule
+aufsteigende Sonne der Bildung mit frommem Jubel begruesst, hat mir den
+Auftrag gegeben, fuer seine jung gebliebene Lernbegierde einige
+Hauptschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das
+unvergleichliche Buechlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu
+erwerben. Nun wird erzaehlt, dieser grosse und gute Lehrer habe jeden
+von euch mit einem kostbaren Exemplare ausgeruestet, und ich meine nur,
+einer dieser Herren haette vielleicht Lust, einen Handel zu schliessen."
+
+"Du sprichst wahr und weise, Bischofssohn", parodierte ihn der Hoefling,
+"und waere mein Alcuin nicht laengst unter die Hebraeer gegangen, mochte
+es geschehen, dass wir zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges
+Wuerfelspielchen machten."
+
+"In unchristliche Haende! diese goettliche Weisheit!" wehklagte der
+Raeter.
+
+"Weisheit!" spottete der Rotbart, "ich versichere dir: lauter dummes
+Zeug. Uebrigens weiss ich es auswendig. Hoere nur, Bergbewohner!" Er
+kruemmte den langen Ruecken wie ein verbogener Schulmeister, zog die
+Brauen in die Hoehe und wendete sich an den juengsten der Bande, einen
+Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus suedlichen Augen lachend mit
+Lust und Liebe auf das gottlose Spiel einging.
+
+"Juengling", predigte der falsche Alcuin, "du hast einen guten
+Charakter und einen gelehrigen Geist. Ich werde dir eine ungeheuer
+schwere Frage vorlegen. Siehe, ob du sie beantwortest. Was ist der
+Mensch?"
+
+"Ein Licht zwischen sechs Waenden", antwortete der Knabe andaechtig.
+
+"Welche Waende?"
+
+"Das Links, das Rechts, das Vorn, das Nichtvorn, das Oben, das Unten."
+Jeden dieser Raeume bezeichnete er mit einer Gebaerde: beim fuenften
+starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen
+Engelreigen, und bohrte schliesslich einen stieren Blick in den Boden,
+als entdecke er die verschuettete Tarpeja. Jubelndes Klatschen
+belohnte die Faxe.
+
+Die wachsende Lustigkeit der Palastschule begann den Bischofsneffen zu
+aengstigen. Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein
+kuehner Krieger, dem an der rechten Seite des staemmigen Wuchses ein
+seltsam gewundenes Hifthorn hing. "Sei getrost", sagte er und ergriff
+die Hand des Raeters, "du sollst ein Pergament haben. Das meinige. Es
+schleppt sich unter dem Gepaecke." Er fuehrte den Erloesten weg, die
+Treppe des Kapitols hinunter, sich nicht weiter um seine Gefaehrten
+bekuemmernd.
+
+Jetzt gingen sie freundlich nebeneinander, wenn auch nicht mehr Hand
+in Hand. Die des Palastschuelers war auf das Hifthorn geglitten, das
+der Bischofsneffe mit aufmerksamen Blicken betrachtete. "Das hier
+kommt aus dem Gebirge", sagte er.
+
+"So", machte der Behelmte. "Aus welchem Gebirge?"
+
+"Aus unserm, Landsmann. Ich kenne dich an deiner Sprache, wie du mich
+ebendaran erkannt haben wirst, da du mich, wofuer ich dir danke, den
+Neckereien der Palastschule entzogest. Dass du es wissest, ich bin
+Graciosus"--der kluge Raeter hatte diesen seinen huebschen Namen den
+Spoettern am Reiterbilde weislich verschwiegen--"oder auf deutsch
+Gnadenreich, und du bist Wulfrin, Sohn Wulfs, wenn dieses Hifthorn
+dein Erbteil ist, wie ich vermute."
+
+Wulfrin runzelte die Stirn. Es mochte ihm nicht willkommen sein, von
+der Heimat zu hoeren. Dann musterte er Gnadenreich und fand einen
+anmutenden, wohlgebildeten Juengling, eine Gott und Menschen gefaellige
+Erscheinung, nicht anders als der Name lautete. Er klopfte ihn auf
+die runde Schulter, deren Schmiegsamkeit zu dieser beschuetzenden
+Liebkosung einlud, und sagte. "Es macht warm." In der Tat strahlte
+nicht nur die roemische Maerzsonne, sie brannte sogar.
+
+"Ja, es macht warm", wiederholte er, hob den Helm und wischte mit der
+Hand einen Schweisstropfen. "Leeren wir einen Becher?", und ohne die
+Antwort zu erwarten, bog er nach wenigen Schritten in den offenen
+Hofraum eines kloesterlichen Gebaeudes und warf sich dort auf eine
+Steinbank, wo Graciosus in Zuechten sich neben ihn setzte. "Ich darf
+mich nicht weiter verziehen", sagte der Hoefling, "als das Horn reicht,
+wann Herr Karl die Schule zusammenruft. Auch liebe ich dieses junge
+Geschoepf", scherzte er und zeigte auf eine Palme, welche in geringer
+Entfernung auf dem Vorsprunge eines Huegels, von leichten Windstoessen
+bewegt, sich im blauen Himmel faecherte und etwa sechzehn Jahresringe
+zaehlen mochte. "Hier heisst es ad palmam novellam, und Pfoertner Petrus
+schenkt einen herben. He, Petrus!" Dieser, ein Alter mit struppigem
+Bart, feurigen Augen und zwei riesigen Schluesseln am Gurte, brachte
+Kanne und Becher.
+
+"Palma novella ist auch ein Frauenname", bemerkte Graciosus und netzte
+den Mund.
+
+"Mag sein", versetzte Wulfrin. "In Hispanien, wenn mir recht ist,
+laeuft derlei Getauftes oder Ungetauftes herum. Ich habe mich nicht
+damit befasst. Ich mache mir nichts aus den Weibern."
+
+"Deine raetische Schwester heisst auch nicht anders", sagte Gnadenreich
+unschuldig.
+
+"Meine--raetische--Schwester?"
+
+"Nun ja, Wulfrin, das Kind der Judicatrix, meiner Nachbarin auf
+Malmort am Hinterrhein. Du hast sie nie von Angesicht gesehen, die
+Frau Stemma, das zweite Weib deines Vaters?"
+
+"Das dritte", murrte Wulfrin. "Ich bin von der zweiten."
+
+"Das weisst du besser. Auch das jaehe Ende deines Vaters weisst du, bei
+seinem Aufritt in Malmort. Palma ist nachgeboren."
+
+"Es sei", versetzte Wulfrin verdrossen. "Warum auch sollte es nicht
+sein? Ruehrt mich aber nicht. Was mich kuemmern konnte, hat mir der
+Knecht des Vaters, der Steinmetz Arbogast, umstaendlich berichtet. Ich
+habe es mit ihm beredet und eroertert mehr als einmal und noch zuletzt
+am Wachfeuer vor Pertusa, wenige Augenblicke bevor den treuen Kerl der
+maurische Pfeil meuchelte. Das ist nun fertig und abgetan. Wisse:
+als Siebenjaehriger bin ich daheim ausgerissen--der Vater hatte mir das
+sieche Muetterlein ins Kloster gestossen--und ueber Stock und Stein zu
+Koenig Karl gerannt. Dorthin hat mir der Arbogast mein Erbe gebracht,
+das Wulfenhorn, dieses hier. Der Wulfenbecher, der dazu gehoert,
+obschon er heidnisch ist--das Horn ist biblischen Ursprungs--, blieb
+auf Malmort und mag dort bleiben, bis ich freie, und das hat Weile.
+Sie werden ihn aufgehoben haben. Du hast ihn wohl gesehen, wenn du
+dort ein und aus gehst."
+
+Graciosus nickte.
+
+"Verstehe: beide, Horn und Kelch, sind zwei Altertuemer, mit Tugenden
+und Kraeften begabt. Den Becher gab einem Woelfling ein Elb oder eine
+Elbin von denen im Hinterrhein. Solang eines Wolfes Weib ihn ihrem
+Wolfe kredenzt und den dareingegrabenen Spruch ohne Anstoss hersagt,
+einmal vorwaerts und einmal rueckwaerts, gefaellt und mundet sie dem Wolfe.
+Ueber das Hifthorn sind die Meinungen geteilt. Nach den einen ist
+es gleichfalls ein elbisches Geschenk, und vor dem Burgtor bei der
+Rueckkehr geblasen, zwingt es die Woelfin zu bekennen, was immer sie in
+Abwesenheit des Gatten gesuendigt hat. Andere dagegen behaupten, dass
+ein Wolf im Gelobten Lande das Horn mit seinem Schwert aus dem
+erstarrten Pech und Schwefel des Toten Meeres grub. So ist es ein im
+Getuemmel zur Erde gestuerztes Harschhorn, von denen, welche die
+himmlischen Haufen bliesen zum Gericht ueber Sodom und Gomorra."
+Wulfrin blickte dem Raeter ins Gesicht, der ihm--Schlauheit oder
+Einfalt--zwei glaeubige Augen entgegenhielt.
+
+Eben wurde vom Winde ein Bruchstueck der Seelenmesse aus Ara Coeli
+hergetragen. Zornig und drohend sangen sie dort: "Dies irae, dies
+illa, dies magna et amara valde!"
+
+"Schoene Baesse", lobte Wulfrin. "Um wieder auf den Becher zu kommen,
+so glaube ich nicht an seine Kraft. Sicherlich hat die Mutter nicht
+unterlassen, seinen Spruch herzubeten, vorwaerts und rueckwaerts. Es hat
+nichts gefruchtet. Sie welkte, und der Vater verstiess sie." Er tat
+einen Seufzer.
+
+"Und das Horn?" fragte Schelm Graciosus.
+
+Der Hoefling wog es in den Haenden und laechelte. Graciosus laechelte
+gleichfalls.
+
+"Uebrigens ist es das beste Hifthorn im Heere. Das ruft! Hoere nur!"
+und er setzte es an den Mund.
+
+"Um aller Heiligen willen, Wulfrin, lass ab!" schrie Graciosus
+aengstlich. "Willst du die Stadt Rom in Aufruhr bringen?"
+
+"Du hast recht, ich dachte nicht daran." Wulfrin liess das Horn in die
+tragende Kette zurueckfallen.
+
+"Dieses Hifthorn", sagte jetzt Graciosus bedaechtig, "wurde mir
+beschrieben. Auch hat es der Knecht Arbogast in Stein gemeisselt auf
+dem Grabmal im Hofe von Malmort, wo er den Comes, deinen Vater,
+abbildete und die Wittib daneben."
+
+"So?" grollte Wulfrin. "Konnte der Vater nicht allein liegen?"
+
+Graciosus liess sich nicht einschuechtern. "An den Herrn des Hifthorns
+habe ich einen Auftrag", sagte er.
+
+"Du bist voller Auftraege. Von wem hast du diesen?"
+
+"Von der Richterin."
+
+"Welche Richterin?" Entweder war Wulfrin von harten Begriffen oder
+seine Laune verschlechterte sich zusehends.
+
+"Nun, die Judicatrix Stemma, deine Stiefmutter."
+
+"Was hab ich mit der Alten zu schaffen! Warum laechelst du, Maennchen?"
+
+"Weil du so mit ihr umgehst, die noch schoen und jung ist."
+
+"Ein altes Weib, sage ich dir."
+
+"Ich bitte dich, Wulfrin! Dein Vater freite sie als eine
+Sechzehnjaehrige. Dein Geschwister ist nicht aelter. Zaehle zusammen!
+Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag, und ich darf ihn nicht
+unausgerichtet heimbringen."
+
+Der Hoefling verschluckte einen Fluch. "Du verdirbst mir den Kraetzer,
+er schmeckt wie Galle." Erbost stiess er den Becher von der Bank und
+setzte den Fuss darauf. "So sprich!"
+
+"Frau Stemma", begann Gnadenreich in bildlicher Rede, "will sich vor
+dir die Haende in ihrer Unschuld waschen."
+
+"Ein Becken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gasse hinaus
+nach einem Bader.
+
+"Wulfrin, stuende sie vor dir, du straftest deine Lippen! Keine in
+Raetien hat edlere Sitte. Was sie verlangt, ist gebuehrlich. Auf der
+Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jaehlings ist dein Vater
+erblichen. Das ist schrecklich und fragwuerdig. Frau Stemma laesst dir
+sagen, sie wundere sich, dass sie dich rufen muesse, sie habe dich
+laengst, taeglich, stuendlich erwartet, seit du zu deinen muendigen Jahren
+gekommen bist. Nur ein Sorgloser, ein Fahrlaessiger, ein
+Pflichtvergessener--nicht meine Worte, die ihrigen--verschiebe und
+versaeume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen."
+
+Wulfrin blickte finster. "Das Weib tritt mir zu nahe", sagte er.
+"Ich wusste, was man einem Vater schuldig ist. Er hat an meiner Mutter
+gefrevelt, und sein Gedaechtnis--die Kriegstaten ausgenommen--ist mir
+unlieb: dennoch habe ich mir seine Todesgebaerde vergegenwaertigt, den
+Augenzeugen Arbogast, der das Luegen nicht kannte, habe ich scharf ins
+Verhoer genommen. Jetzt will ich noch ein uebriges tun und dir die
+gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen. Du bist aus dem Lande
+und kennst die Geschichte. Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel,
+so widersprich!"
+
+Der Vater kam aus Italien und naechtigte bei dem Judex auf Malmort.
+Bei Wein und Wuerfeln wurden sie Freunde, und der Vater, der, meiner
+Treu, kein Juengling mehr war--ich habe aus der Wiege seinen weissen
+Bart gezupft--, warb um das Kind des Richters und erhielt es. Beim
+Bischof in Chur wurde Beilager gehalten. Am dritten Tage setzte es
+Haendel. Der Raezuenser, dessen Werbung der Judex abgewiesen haben
+mochte, wurde zu spaet oder ungebuehrlich geladen oder an einen
+unrechten Platz gesetzt oder nachlaessig bedient oder schlecht
+beherbergt, oder es wurde sonst etwas versehen. Kurz, es gab Streit,
+und der Raezuenser streckt den Judex. Der Vater hat den Schwieger zu
+raechen, berennt Raezuens eine Woche lang und bricht es. Inzwischen
+bestattet das Weib den Judex und reitet nach Hause. Dort sucht sie
+der Vater, mit Beute beladen. Er stoesst ins Horn, der Sitte gemaess.
+Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den
+ihr der Vater in Chur nach woelfischer Sitte als Morgengabe gereicht
+hatte. Kredenzt ihn mit drei Schluecken. Der Arbogast, der durstig
+daneben stand, hat sie gezaehlt: drei herzhafte Schluecke. Der Vater
+nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus.
+War es so oder war es anders, Bischofsneffe?"
+
+"Woertlich und zum Beschwoeren so", bestaetigte Graciosus. "Von hundert
+Zeugen, die den Burghof fuellten, zu beschwoeren! Soviel ihrer noch am
+Leben sind. Und solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei
+flackernden Spaenen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer
+Mittagszeit. Der Comes, dein Vater, war rasend geritten, hatte im
+Buegel manchen Trunk getan"--
+
+"Und mit fliegender Lunge ins Horn gestossen, vergiss nicht!" hoehnte
+Wulfrin.
+
+"Er triefte und keuchte"--
+
+"Er lechzte wie eine Bracke!" ueberbot ihn Wulfrin.
+
+"Er sehnte sich nach seinem Weibe", daempfte Graciosus.
+
+"Trunken und bruenstig! unter gebleichten Haaren! pfui! Ist das zum
+Abmalen und an die Wand heften? Was will die Judicatrix? Mich
+schwoeren lassen, dass wir Woelfe gemeinhin am Schlage sterben? Was
+freilich auf die Wahrheit herausliefe."
+
+"Es ist ihr Wille so, und man gehorcht ihr in Raetien."
+
+"Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin. "Mein Wille ist es
+nicht, und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite
+Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlaegt.
+Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwoehner! Sie
+ruehre nicht an die Sache! Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe!
+Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte
+mit der Hand, als stuende die Stiefmutter vor ihm. Dann spottete er:
+"Hat das Weib den Narren gefressen an Spruch und Urteil? Hat es eine
+kranke Lust an Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersaettigen an
+Recht und Gericht?"
+
+"Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus laechelnd. "Frau Stemma
+liebt das Richtschwert und befasst sich gerne mit seltenen und
+verwickelten Faellen. Sie hat einen grossen und stets beschaeftigten
+Scharfsinn. Aus wenigen Punkten erraet sie den Umriss einer Tat, und
+ihre feinen Finger enthuellen das Verborgene. Nicht dass auf ihrem
+Gebiete kein Verbrechen begangen wuerde, aber geleugnet wird keines,
+denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fuehlt sich von ihr
+durchschaut. Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern, und das
+Vergrabene ist nicht sicher vor ihr. Sie hat sich einen Ruhm erworben,
+dass fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird."
+
+"Das Weib gefaellt mir immer weniger", grollte Wulfrin. "Der Richter
+walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde
+und schnueffle nicht nach verrauchtem Blute."
+
+Graciosus beguetigte. "Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl
+sie noch in Bluete und Kraft steht. Vielleicht sorgt sie, wenn sie
+nicht mehr da waere, koenntest du deine Schwester in Unglueck stuerzen"--
+
+"In Unglueck?"
+
+"Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande einer
+unaufgeklaerten und ungeschlichteten Sache. Darum, vermute ich, will
+sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen."
+
+Wulfrin lachte. "Wirklich?" sagte er. "Sie hat einen schoenen Begriff
+von mir. Meine Schwester pluendern? Das arme Ding! Im Grunde kann es
+nicht dafuer, dass es auf die Welt gekommen ist. Doch auch von ihr will
+ich nichts wissen." Waehrend er redete, zaehlte sein Blick die
+Jahresringe der jungen Palme. "Fuenfzehn Ringe?" sagt er.
+
+"Fuenfzehn Jahre", berichtigte Graciosus.
+
+"Und wie schaut sie?"
+
+"Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unterdrueckten
+Seufzer. "Sie ist gut, aber wild."
+
+"So ist es recht. Und dennoch will ich nichts von ihr wissen."
+
+"Sie aber weiss von nichts anderm als von dem fremden, reisigen,
+fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den
+Sarazenen rauft. 'Wann der Bruder kommt'--'Das gehoert dem
+Bruder'--'Das muss man den Bruder fragen'--davon werden ihr die Lippen
+nicht trocken. Jedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem
+Becher und damit an den Brunnen. Sie waescht ihn, sie reibt ihn, sie
+spuelt ihn."
+
+"Warum, Narr?"
+
+"Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod
+getrunken hat."
+
+"Dummes Ding! Du also wirbst um sie?"
+
+Der ertappte Graciosus erroetete wie ein Maedchen. "Die Mutter
+beguenstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er.
+"Kaemest du heim, ich baete dich, ein Wort mit ihr zu reden."
+
+Wieder musterte Wulfrin den netten Juengling und wieder klopfte er ihn
+auf die Schulter. "Sie haelt dich zum besten?" sagte er.
+
+"Sie redet Raetsel. Da ich neulich auf mein Herz anspielte"--
+
+"Schlug sie die Augen nieder?"
+
+"Nein, die schweiften. Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt im
+Himmel. Ich blinzte. Ein Geier, der ein Lamm davontrug.
+Unverstaendlich."
+
+"Klar wie der Morgen. 'Raube mich.' Das Maedchen gefaellt mir."
+
+"Du willst sie sehen?"
+
+"Niemals."
+
+Jetzt trat ein Palastschueler mit suchenden Blicken in den Hofraum und
+dann rasch auf Wulfrin zu. "Du", sagte er, "die Messe ist aus, der
+Koenig verlaesst die Kirche." Der "Kaiser" wollte ihm noch nicht ueber die
+Zunge.
+
+Wulfrin sprang auf. "Nimm mich mit!" bat Graciosus, "damit ich dem
+Herrn der Erde nahe trete und ihn reden hoere."
+
+"Komm", willfahrte Wulfrin gutmuetig, und bald standen sie neben dem
+Kaiser, vor welchem ein ehrwuerdiger, aber etwas verwilderter Graubart
+das Knie bog. Gnadenreich erkannte Rudio, den Kastellan auf Malmort,
+und wunderte sich, welche Botschaft der Raeter bringe, denn Karl hielt
+ein Schreiben in der Hand. Er reichte es dem Abte, und Alcuin las vor:
+
+"Erhabener, da ich hoere, Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen,
+flehe ich Dich an, dass Du Deinen Weg durch Raetia nehmest. Seit Jahren
+haben sich in unsern verwickelten Taelern versprengte Lombarden
+eingenistet unter einem Witigis, der sich Herzog nennt. Wir, die
+Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden
+nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut. Ein
+unertraeglicher Zustand. Du bist der Kaiser. Wenn du kommst und
+Ordnung schaffst, so tust Du, was Deines Amtes ist. Stemma,
+Judicatrix."
+
+"Keine Schwaetzerin", sagte der Kaiser. "Meine Sendboten haben mir von
+der Frau erzaehlt." Alcuin betrachtete die Handschrift. "Feste Zuege",
+lobte er.
+
+"Alcuin, du Abgrund des Wissens", laechelte Karl, "was ist Raetien?
+Welche Paesse fuehren dahin?"
+
+Der kleine Abt fuehlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete
+sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Hoefling und der
+Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem
+guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser versammelt
+stand.
+
+"Juenglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Hoehe, "wer seinen Weg
+durch das raetische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten, aber in Stuecke
+zerrissenen Damm einer Roemerstrasse zu zaehlen, die Wahl zwischen
+mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine
+zusammenfinden. Diese Wege und Stapfen fuehren im Geisterlicht der
+Firne durch ein beirrendes Netz verstrickter Taeler, das die Fabel mit
+ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevoelkert. Hier
+ringelt sich die Schlangenkoenigin, wie verlockt von einer Schale Milch,
+einem blanken Wasser zu, gegenueber, aus einem finstern Borne, taucht
+die Fei und wehklagt."
+
+"Lehrer, was hat sie fuer Gruende dazu?" fragte der Rotbart wissbegierig.
+
+"Sie ahnt das ewige Gut und kann nicht selig werden. Dahinter,
+zwischen Schnee und Eis, in einem gruenen Winkel, weidet eine
+glockenlose Herde, und ein kolossaler Hirte, halb Firn halb Wolke,
+neigt sich ueber sie. Tiefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert
+die harmlose Fabel ihre Kraft, und menschliche Schuld findet ihre
+Hoehlen und Schlupfwinkel. Hier raucht und schwelt eine gebrochene
+Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Moerder in den
+zerschmetternden Abgrund."
+
+"Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spoettisch.
+
+"Eheu!" jammerte der Abt, "bist du es, Liebling meiner Seele, Peregrin,
+mein bester Schueler, dessen Knochen in der raetischen Schlucht
+bleichen?" Er trocknete sich eine Traene. Dann schloss er: "Gegen
+beides, Fabel und Suende, haelt Bischof Felix in Chur beschwoerend seinen
+Krummstab empor."
+
+"In schwachen Haenden", scherzte der Kaiser.
+
+"Er ist sehr schoen gearbeitet", rief Graciosus mit der schallenden
+Stimme eines Chorknaben, "und in seiner Kruemmung neigt sich der
+Verkuendigungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den
+Menschen ein Wohlgefallen."
+
+Karl goennte dem Bischofsneffen einen heitern Blick und wendete sich
+gegen die Schule: "Stammt einer von euch aus Raetien?"
+
+Wulfrin trat vor. "Ich, Herr. Jung bin ich ausgewandert, doch kenne
+ich Sprache und Steige."
+
+"So reite und berichte."
+
+"Dir zu Dienste, Herr", verabschiedete sich Wulfrin, wurde aber von
+dem hartnaeckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemaechtigte und
+ihn vor den Kaiser zurueckbrachte. "Durchlauchtigster", verklagte er
+ihn, "er soll auf Malmort bei der Richterin, seiner Stiefmutter,
+erscheinen, keiner andern als die dir den Brief geschrieben hat, und
+er will nicht. Sie besteht darauf, sich vor ihm zu rechtfertigen ueber
+das jaehe Sterben ihres Gemahles des Comes Wulf."
+
+"Jener?" besann sich der Kaiser. "Er hat mir und schon meinem Vater
+gedient und verunglueckte im raetischen Gebirge."
+
+"Vor dem Kastell und zu den Fuessen seines Weibes Stemma, die ihm den
+Willkomm kredenzt hatte", erinnerte Gnadenreich.
+
+Karl verfiel in ein Nachdenken. "Eben habe ich fuer die Seele meines
+Vaters gebetet", sagte er. "Kindliche Bande reichen in das Grab.
+Mich duenkt, Wulfrin, du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben. Du
+bist es deinem Vater schuldig."
+
+Wulfrin schwieg trotzig. Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem
+Hifthorn, um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu
+geben. Es mangelte. Er hatte es im Palaste vergessen oder
+absichtlich zurueckgelassen, um der Messe als ein Friedfertiger
+beizuwohnen. "Deines, Trotzkopf!" gebot er, und Wulfrin hob sich sein
+Hifthorn ueber das Haupt. Karl betrachtete es eine Weile. "Es ist von
+einem Elk", sagte er, hob es an den Mund und stiess darein. Da gab das
+Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, dass nicht nur die
+Hoeflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstuerzten,
+sondern auch, was sich ringsum von roemischem Volke gehaeuft hatte,
+erstaunt und erschreckt die Koepfe reckte, als nahe ein ploetzliches
+Gericht. Karl aber stand wie ein Cherub.
+
+Im Gedraenge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an
+den Hoefling. "Auf Wiedersehen in Malmort: du gehorchst?"
+
+"Nein", antwortete Wulfrin.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen
+raetischen Kastells sprudelte ein Quell in kloesterlicher Stille. Durch
+die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind maechtig ueber den
+Hof weg, und schon rueckte das Spaetrot hinauf an dem klotzigen Gemaeuer.
+Am Brunnen aber stand ein junges Maedchen und liess den heftigen Strahl
+in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwaerztem Silber er
+schaeumend empor und ihr ueber die blossen Arme spritzte.
+
+"Berg und Wetter sind gut", murmelte sie. "Mir brannten die Sohlen
+von frueh an, ihm entgegen zu rennen. Kommt er heute noch? oder erst
+morgen? oder uebermorgen zum allerspaetesten! Graciosus verschwor sich,
+der Bruder ziehe mit dem Kaiser--nein, er reite ihm weit voraus! Und
+der Kaiser ist nahe, was fluechteten sonst die Lombarden Hals ueber
+Kopf? Bum!" machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach,
+dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das
+in Gestalt einer breiten blanken Firn ueber die Firste blickte, hatte
+es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen.
+
+"Die ihr auf weissen Stuerzen in den Abgrund schlittet, seid ihm hold,
+baertige Zwerge! Verberget ihm nicht den Pfad, verschuettet ihm nicht
+die Hufen des Rosses! Sprudle, Flut! Spuel aus den Hauch des Todes!
+Lust und Leben trinke der Bruder!" und sie streckte den schlanken Arm.
+Dann hob sie den gebadeten Becher in die Hoehe der Augen und
+buchstabierte den Elbenspruch, welchen sie sich deutlicher in das Herz
+schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand.
+Der Spruch aber lautete folgendermassen:
+
+"Gesegnet seiest du!
+Leg ab das Schwert und ruh!
+Geniesse Heim und Rast
+Als Herr und nicht als Gast!
+Den Wulfenbecher hier
+Dreimal kredenz ich dir!
+Erfreue dich am Wein!
+Willkomm..."
+
+
+Hier schloss entweder der zaubertuechtige Spruch oder dann kam noch
+etwas gaenzlich Unleserliches, wenn es nicht zufaellige Male der
+Verwitterung waren.
+
+Eigentlich wusste sie ihn schon lange auswendig. Sie sagte ihn
+vorwaerts, das ging, rueckwaerts, das ging auch. Dann sah sie ihn darauf
+an--zum wievielten Male!--, ob er ihr mundgerecht sei und von der
+Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten:
+sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn
+Wulfrin zu kredenzen. Ob es die Mutter erlaube? Diese machte sich
+mit dem Becher nichts zu schaffen, sie liess ihn, wo er langeher seinen
+Platz hatte. Der Spruch gefiel dem Maedchen, und es malte sich die
+Ankunft.
+
+"Das Horn klingt! Oder waere es moeglich, dass er mich still beschliche?
+mit heimlichen Schritten? Aber nein, er will ja nichts von mir
+wissen--wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat. Das
+Horn droehnt! Ich ergreife den Becher, fliege der Mutter voran--oder
+noch lieber, sie ist verritten, und ich bin Herrin im Hause--jetzt
+naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte. Sie begann zu zittern und
+zu zagen. "Er ist da! er ist hinter mir!" Sie wendete sich zoegernd
+erst, dann ploetzlich gegen das Burgtor. In der niedern Woelbung
+desselben stand kein junger Held, aber lauernd drueckte sich dort ein
+armseliger Pickelhering.
+
+Das Maedchen brach in ein enttaeuschtes Gelaechter aus und trat beherzt
+der Fratze entgegen. Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den
+ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Struempfe. In die
+schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall
+zusammenwuerfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen
+Spitzbart, der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte
+eine possierliche Maske schuf.
+
+"Wer bist du, und was willst du?" fragte das Maedchen.
+
+"Nur nicht gerufen, kleine Herrin oder vielmehr grosse Herrin, denn,
+bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit
+ueberwachsen. Wo ist sie?" Er schaute sich aengstlich um. Sein Blick
+fiel auf etwas Graues. In der Mitte des Hofes und im Schatten der
+Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter
+Mann neben einem Weibe lag, das die Haende ueber der Brust faltete. "Ei,
+da haelt ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht",
+spasste der Lombarde, "und truebt kein Waesserchen, waehrend sie zugleich
+in ihrer gruenen Kraft bergauf bergab reitet und haengen und koepfen
+laesst." Er blickte bedenklich zu dem praechtig gebildeten
+leuchterfoermigen Ast eines Ahorns empor. "Hier wuerde ich ungerne
+prangen", sagte er. "In Kuerze: ich bin Rachis der Goldschmied und habe
+ein Geschaeftchen mir dir. Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?"
+
+Diese ploetzliche Frage setzte das Maedchen kaum in Erstaunen, das sich
+heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben
+Gegenstande beschaeftigt hatte. "Wie mein Leben", sagte sie.
+
+"Das ist schoen von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten.
+Wulfrin der Hoefling ist in unsere Gewalt geraten."
+
+"Er lebt?" schrie das Maedchen angstvoll.
+
+"Zur Not. Herzog Witigis zielt auf sein Herz--aber wird uns die
+Richterin nicht ueberraschen?"
+
+"Nein, nein, sie ist nach Chur verritten. Rede! schnell!"
+
+"Nun, ich habe ein feines Ohr und weiss auch ein Loch in der Mauer,
+denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Huehnerhof. Also:
+dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen. Er schlug um sich wie
+ein Rasender, und unser Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet,
+die andern, um es nicht zu werden. Doch sein Pferd rollte in den
+Abgrund, und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir
+ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterruecks ein langes Jagdnetz
+ueber den Kopf warfen. Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um
+ihn ueber die Wege des Franken, unsers Verderbers, auszufragen. Der
+Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen. Da legte der
+Herzog den Pfeil auf den Bogen und"--Rachis tat einen grausamen Pfiff.
+
+"Du luegst! er lebt!" rief das Maedchen mutig.
+
+"Vorlaeufig. Der Herzog drueckte nicht ab, denn--jetzt wird die
+Geschichte lustig--das junge Weib eines der Unsrigen, eine
+freigegebene Eigene der Richterin, wenig aelter als du"--
+
+"Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens"--
+
+"Gerade diese sprang dazwischen. 'Bei der durchloecherten Seite
+Gottes', heulte sie, 'der arme Herr traegt das Wulfenhorn und ist kein
+anderer als der Sohn des Comes, der im Steinbild auf Malmort liegt.
+Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzaehlt, von
+klein an und in einem fort ohne Aufhoeren. Du darfst nicht sterben',
+wendete sie sich an den Gebundenen, 'das waere ihr ein grosses Leid und
+toetete ihr das Herzchen. Denn wisse, du bist ihr Herzkaefer,
+wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat. Sende hin, und
+sie loest dich mit ihrem ganzen Geschmeide. Es sind koestliche Sachen.
+All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs
+hatte, gespendet und dahingegeben.'"
+
+"So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde
+Rosmunde, die er um sich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes.
+Sie umhalste den Herzog und erflehte sich das Geschmeide von Malmort.
+Ihr Stirnband habe seine Perlen und ihr elfenbeinerner Kamm die Haelfte
+seiner Zaehne verloren. Kurz, Goldschmied Rachis wurde an dich
+geschickt und bietet dir den Tausch. Waehle: Schmuck oder Bruder!"
+
+Ehe noch der Lombarde geendigt hatte, stuerzte das Maedchen gegen die
+Burg, die steile Treppe hinauf, verschwand in der Pforte und kam
+atemlos wieder, Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schuerze
+gefassten hellen Oberkleide tragend. Dieses hielt sie mit der Linken,
+waehrend die Rechte Stueck um Stueck wie aus einem Horte emporhob und den
+gekruemmten Fingern des Goldschmieds ueberantwortete. Spangen,
+Stirnbaender, Guertel, Perlschnuere verschwanden in dem Sacke, welchen
+Rachis geoeffnet hatte, auch fuer die blonden Flechten Rosmundens ein
+kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in
+erhabener Arbeit. Jedes durch seine Haende wandernde Stueck begleitete
+der Goldschmied mit dem Lobe des Kenners, nicht ohne ein bisschen
+Bosheit, die dem begeisterten Maedchen seine Verluste fuehlbar machen
+wollte. Sie zuckte nicht einmal mit dem Mund, sie leuchtete vor
+Freude bei der Hingabe alles ihres Besitzes.
+
+Da kam ihr denn doch ein Zweifel. "Du bist redlich?" sagte sie. "Du
+schickst mir den Bruder? Es ist besser, ich begleite dich!" und sie
+machte sich wegfertig.
+
+"Unmoeglich, Herrin", widersprach der Lombarde, "das geht nicht! Du
+entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefaehrdetest mit dem Leben des
+Bruders auch das deinige. Die Richterin aber wuerde dich von uns
+geraubt glauben. Sei nicht unklug, und gib dich nicht in fremde
+Gewalt!" Er belud sich mit dem Sacke. "Ein Schlummerchen, Fraeulein!
+und wenn du die Augen wieder oeffnest, hast du den Bruder, der dich
+Gold und Gut kostet. Das schwoere ich dir!" Er senkte die drei Finger
+mit einem grimmigen Blicke gegen den Erdboden. "Bei dem da unten!"
+gelobte er.
+
+"Ein glaubhafter Schwur!" sprach eine weibliche Stimme. Rachis
+wendete sich erschrocken und bog das Knie vor einer behelmten Frau mit
+strengen Zuegen, die den Speer, den sie in der Hand getragen, einem
+bewaffneten Knechte reichte. Die Richterin mochte aus Schonung fuer
+ihr ermuedetes Tier den steilen Burgweg zu Fuss erklommen haben. Sie
+fasste Palma schuetzend am Arm und blickte geringschaetzig auf den
+Lombarden. "Schwuerest du bei Gott und seinen Heiligen", sagte sie,
+"so schwuerest du falsch; eher schwoerst du die Wahrheit bei dem Vater
+der Luegen. Habet ihr euch nicht bei allem Goettlichen verpflichtet,
+ihr Lombarden, nie mehr in Raetien zu rauben und zu brennen? Und jetzt,
+da ihr, wie alles Boese, vor den Augen des Kaisers fluechtet,
+schleudert ihr rechts und links verheerende Flammen! Ich komme von
+Chur und weiss um eure Taten, Eidbruechige! Sage du deinem Witigis, die
+Richterin wuerde ihm nachjagen und ihn zuechtigen, wenn nicht ein
+Hoeherer kaeme, und er ist schon da, dessen Hand ihn erreicht, floehe er
+an die Enden der Erde!" Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des
+Goldschmieds. "Was traegst du da weg, Dieb?" fragte sie veraechtlich.
+
+"Ein ehrlicher Handel", beteuerte dieser und oeffnete den Sack, waehrend
+das Maedchen die Mutter stuermisch umarmte. "Ich kaufe den Bruder!"
+rief sie. "Er ist in die Gewalt des Witigis geraten, der auf ihn
+zielt, bis ich der Frau Herzogin"--das unschuldige Kind erhob die
+blonde Rosmunde in den Ehestand--"meinen Schmuck gegeben habe, und wie
+gerne gebe ich ihn!"
+
+Die Richterin machte sich von ihr los und fragte Rachis: "Ist das
+wahr?"
+
+"Bei meinem Halse, Herrin!"
+
+"Ich wuerde dir nicht glauben, wuesste ich nicht, dass der Hoefling Wulfrin
+dem Kaiser voranreitet, und haette ich nicht selbst eben jetzt in Chur
+gehoert, dass die Lombarden einen Hoefling gefangen haben. Dennoch kann
+es eine Luege sein, denn es ist kaum glaublich, dass ein Tischgenosse
+Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Maedchen um Loesung
+sendet."
+
+"Nein, nein, Mutter, so war es nicht!" rief Palma und erzaehlte den
+Vorgang.
+
+"Ein eitles Weib, dem ein Leben feil ist fuer einen Schmuck, das hat
+mehr Sinn", meinte die Richterin. Sie schien zu ueberlegen. Dann warf
+sie einen Blick auf das Geschmeide. "Ich will den Hoefling mit
+Byzantinern loesen", sagte sie.
+
+"Das steht nicht in meinem Auftrag und wuerde der Rosmunde schlecht
+gefallen."
+
+"Dann tue ich es nicht."
+
+"Auch gut", grinste Rachis. "So laessest du eben den Wulfrin umkommen.
+Du magst deine Gruende haben. Ganz wie du willst."
+
+"Das willst du nicht, Mutter!" jammerte Palma und stuerzte auf die Knie.
+
+"Nein, das will ich nicht", sprach die Richterin mit nachdenklichen
+Brauen. "Warum auch? Nimm das Zeug!" und Rachis war weg.
+
+Das jubelnde Maedchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den
+strengen Mund mit dankbaren Kuessen. Dann raubte sie ihr den
+kriegerischen Helm so ungestuem, dass die Flechten des schwarzen Haares
+sich loesten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin
+einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben. Die nicht enden
+wollende Freude Palmas ermuedete endlich die Richterin. "Geh schlafen,
+Kind", sagte sie, "es dunkelt."
+
+"Schlafen? Wer koennte das, bis Wulfrin ruft?"
+
+"So wirf dich, wie du bist, auf das Polster. Was gilt's, ich finde
+dich schlummern? Zu Bette, Huehnchen! husch! husch!" und sie klatschte
+in die Haende.
+
+Palma flog die Stiege hinauf, und die Richterin wendete sich zu Rudio,
+ihrem Kastellan, der schon eine Weile ruhig harrend vor ihr stand.
+"Was meldest du?" fragte sie.
+
+"Eine Albernheit, Herrin. Ich sah die Tuer zu unserm Kerker
+sperrangelweit offen. Freilich hatte ich sie nicht verriegelt, da
+gerade niemand sitzt. Ich steige hinab, und auf dem Stroh liegt ein
+Geschoepf, das ich in der letzten Helle mir nur muehsam entraetsle. Es
+war die Faustine, welche, wie du dich erinnerst, mit deiner Erlaubnis
+ihr Kind, die Brunetta, einem Lombarden, einem leidlichen Manne, den
+du auf mein Fuerwort unter deinem Gesinde duldetest, zum Weibe gegeben
+hat. Jetzt, da das fremde Volk wandert, hat auch ihr Kind sein Buendel
+geschnuert, und das muss sie irre gemacht haben. Sie hat sich eine Hand
+in den Kettenring gezwaengt und ist uebrigens guten Mutes. 'Meister
+Rudio', redete sie zu mir, 'wetze dein Beil am Schleifstein und tue
+mir morgen nicht weher, als recht ist.' Ich schelte sie und will ihr
+den Arm aus der Fessel ziehen. 'Welche Posse!' sage ich, 'du bist ja
+die ehrliche Armut am Rocken und im Ruebenfeld, die ihr Kind
+rechtschaffen grossgezogen hat. Hier ist nicht dein Ort. Mit
+deinesgleichen habe ich nichts zu tun.' Sie sperrte sich und sagte:
+'Das weisst du nicht, Rudio. Geh und rufe die Richterin. Die wird das
+Garn schon abwickeln und mir armem Weibe geben, was mir gehoert.'
+Sollte ich die Toerin zerren? Du steigst wohl hinab und bringst sie
+zurecht."
+
+Die Richterin hiess Rudio eine Fackel anbrennen und ihr vorschreiten.
+In dem tiefen Gelasse sass ein gefesseltes Weib, das der Kastellan
+beleuchtete. Auf einen Wink der Herrin steckte er den brennenden Span
+in den Eisenring und liess die Frauen allein.
+
+Stemma beugte sich ueber die freiwillig Eingekerkerte und befuehlte ihr
+als geschickte Aerztin den Puls der freien Hand, welchen aber kein
+Fieber beschleunigte. "Faustine", sagte sie, "was ficht dich an? Was
+ist ueber dich gekommen? Dich verwirrt der Schmerz, dass du dich von
+deinem Kinde trennen musstest. Willst du ihr folgen? Noch ist es Zeit.
+Ich gebe dich frei. Du bist nicht laenger meine Eigene. Der Kaiser
+wird den Lombarden feste Sitze weisen, und du behaeltst deine Brunetta."
+
+Faustine schuettelte das Haupt. "Das fehlte noch", sagte sie, "dass ich
+mich an die Sohlen der Brunetta heftete und auch ihr zum Fluche wuerde!
+Richterin Stemma, nimm mir das ab!" Sie wies auf ihren Kopf. "Du
+weisst ja wohl und langeher, dass ich meinen Mann ermordete."
+
+Mit ruhigem Blicke pruefte Stemma das grellbeleuchtete knochige Gesicht
+der gleichaltrigen Raeterin. Dann liess sie sich auf eine Treppenstufe
+nieder, und Faustine kroch zu ihren Knien, ohne diese zu beruehren.
+Ihre Augen waren gesund. "Herrin", sagte sie, "du weisst alles, und
+wenn du mich ein Jahrzehnt und laenger gnaedig verschont und meine
+Missetat bedeckt hast, so war es, weil du nicht wolltest, dass die
+Brunetta, der unschuldige Wurm, zuschanden komme. Ich durfte sie
+aufziehen, und diese Gunst hast du mir erwiesen, weil ich dein Gespiel
+gewesen bin. Jetzt aber, da die Brunetta einem Manne folgt, ist kein
+Grund, laenger zu troedeln und zu taendeln. Lass uns die Sache ins reine
+bringen. Gib mir mein Urteil!"
+
+Die Richterin erkannte aus der ganzen Gebaerde Faustinens, dass diese
+bei Sinnen sei, und sosehr sie das schlimme Gestaendnis ueberraschte, so
+wenig gab sie den furchtbaren Ruf ihrer Allwissenheit preis. "Lege
+Bekenntnis ab", sagte sie streng. "Das ist der Anfang der Reue." Und
+Faustine begann: "Kurz ist die Geschichte. Der Schuetze Stenio umwarb
+mich"--
+
+"Den der Eber, welchen er gefehlt hatte, schleifte und zerriss"--
+
+"Jener. Hernach gab mich der Judex seinem Reisigen Lupulus zur Ehe.
+Ich bequemte mich und doch"--sie hielt inne, um das reine Ohr Stemmas
+nicht zu beleidigen. Die Richterin half ihr und sagte ernst und
+traurig: "Und doch warest du das Weib des Toten."
+
+Faustine nickte. "Dann, vor dem Altar, ploetzlich, zu meinem
+Entsetzen"--
+
+"Fuehltest du, dass du dem Toten gehoertest, du und ein Ungebornes", half
+ihr die Richterin.
+
+Wieder nickte Faustine. "Das ist alles, Herrin", sagte sie. "Lupulus,
+jaehzornig wie er war, haette mich umgebracht. Das Ungeborne aber
+verhielt mir den Mund und fluesterte mir Feindseliges gegen den Mann zu."
+
+"Genug", schloss Stemma. "Nur eines noch: woher hattest du das Gift?"
+
+"Siehst du, Herrin", rief das Weib, dass du weisst, wie ich ihn toetete!
+Das Gift hat mir Peregrin gezeigt."
+
+"Peregrin?" fragte die Richterin mit verhuellter Stimme. "Das ist
+nicht moeglich", sagte sie.
+
+"Er zeigte es mir und warnte mich davor. Ich irrte verzweifelnd unter
+den Kiefern von Silvretta. Da sehe ich ihn in seinem langen, dunkeln
+Gewande, der sich bueckt und Wurzeln graebt. Blumen nickten mit braunen
+Glocken. Er ruft mich herbei, und, eine dieser Blumen in der Hand,
+sagt er zu mir: 'Frau, huete dich und die Kinder vor diesem Gewaechs!
+Sein Saft toetet, ausser in den Haenden des Arztes.' Er meinte es gut mit
+seinem warnenden Blick unter dem braunen Gelocke hervor und hauchte
+mir doch einen grimmig boesen Gedanken an. Keine Schuld komme auf
+seine Seele! Doch ich rede toericht. Er ist ja laengst ein Engel
+Gottes, seit er nach der grossen Ebene wandernd im Gebirge unterging,
+wie sie sagen, und das war nicht lange nach jener Stunde. Du
+erinnerst dich noch, der Judex dein Vater, dem er die Wunde heilte,
+hatte ihn abgelohnt, was dir unlieb war, da er dich als ein weiser
+Kleriker noch vieles haette lehren koennen."
+
+"Schwatze nicht", gebot die Richterin, "und endige dein Bekenntnis.
+Am folgenden Tage bist du aus deiner Huette nach Silvretta gegangen und
+hast die Wurzeln gegraben?"
+
+"Ja. Du rittest vorueber, und ich duckte mich, damit du mich nicht
+erkennen moechtest, aber du wendetest dich zweimal im Sattel. Und nun
+sei barmherzig, Herrin, und gib mir mein Teil." Sie liess den Kopf auf
+die Brust fallen, so dass ihr der ueppige schwarze Haarwuchs ueber das
+Gesicht sank.
+
+Stemma sann, auf Faustinen niederblickend, und zog ihr mit zerstreuten
+Fingern einen langen Strohhalm aus dem Haar. "Faustine, mein Gespiel",
+sagte sie endlich, "ich kann dich nicht richten."
+
+Die ganze Faustine geriet in Aufruhr. "Warum nicht?" schrie sie
+empoert, "du musst es, oder ich schreie, dass alle Mauern toenen: Sie hat
+ihren Mann umgebracht!"
+
+Stemma verhielt ihr den Mund. "Lass das Totengebein!" schalt sie, als
+drohe sie einem den verscharrten Knochen hervorkratzenden Hunde.
+
+"Sei barmherzig!" flehte Faustine, "lass mir das Haupt abschlagen,
+nachdem es Gott gekostet und sein Kreuz gekuesst hat. Dann waechst es
+mir im Himmel wieder an und, Stenio rechts, Lupulus links, sitzen wir
+auf einer Bank und geben uns die Haende. Danach verlangt mich", und
+sie streckte den Hals.
+
+"Ich kann dich nicht richten, Toerin", sagte Stemma sanfter. "Aus drei
+Gruenden nicht. Merk auf!"
+
+Als du deine Tat begingest, lebte und regierte noch der Judex mein
+Vater. Nach seinem Ende und dem des Comes, da ich das Richtschwert
+erbte, habe ich laut verkuendigt: 'Ab ist alles Geschehene! Von nun an
+suendige keiner mehr!' Aber auch wenn ich dieses nicht haette ausrufen
+lassen, koennte ich dennoch dich nicht richten, und du gingest frei aus,
+denn seit deiner Tat sind fuenfzehn voellige Jahre in das Land gegangen,
+und hier ist uralter Brauch, dass Schuld verjaehrt in fuenfzehn Jahren."
+
+"Verjaehrt? was ist das?" fragte Faustine verbluefft.
+
+"Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert."
+
+Ein hoehnisches Lachen lief blitzend ueber die weissen Zaehne der Raeterin.
+"Also zum Beispiel", sagte sie, "wenn ich gestern noch meinen Mann
+vergiftet hatte und ueber Nacht wird die Zeit voellig, so bin ich heute
+keine Moerderin mehr. Diese Dummheit!"
+
+"Doch, du bleibst eine Moerderin", belehrte sie Stemma langmuetig, "aber
+du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen, sondern nur
+noch mit dem himmlischen. Suehne durch gute Werke! Du hast den Anfang
+gemacht: fuenfzehn muehselige und rechtschaffene Jahre wiegen."
+
+"Nichts wiegen sie!" zuernte Faustine. "Ich sehe schon, du willst
+meiner schonen! Du heissest die Richterin, aber du bist die Ungerechte,
+du machst Ausnahmen, du siehst die Person an!"
+
+"Schweige!" befahl die Richterin. "Ich bin denn doch klueger als du,
+und ich sage dir: deine Sache ist nicht mehr richtbar. Noch aus einem
+letzten Grunde. Ich kann dich nicht verdammen, auch wenn ich dir den
+Gefallen tun wollte, denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine
+toerichte Zunge. Aber weisst du was: gehe nach Chur und beichte dem
+Bischof. Er ist der Hirte, und du bist das Schaeflein. Er mag dir die
+haerteste Busse auflegen: Fasten, schwere Dienste, haerenes Hemde,
+blutige Geisselungen. Fordere sie, ist er dir zu milde! Dann aber gib
+dich zufrieden! Unterwirf dich ganz der Kirche: sie vertritt dich,
+und du hast eine sichere Sache!" Sie sagte das mit einem ueberzeugenden
+Laecheln.
+
+"Ich weiss nicht", schluchzte Faustine, "Gott sei davor, dass eine
+Missetaeterin wie ich seiner heiligen Kirche nicht gehorche. Aber
+anders waere es einfacher gewesen. Geplagt habe ich mich schon und im
+Schweisse meines Angesichtes zerarbeitet fuenfzehn Jahre lang mit dem
+Trost und Vorsatz, sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann
+gekommen, stracks in den Himmel zu fahren. Jetzt verrueckst du mir die
+kurze Leiter und vertrittst mir den Weg."
+
+"Der nach Chur ist kurz, und der an unser Ende ist nicht lang.
+Gehorche, Faustine!" Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen
+vorauf. Faustine folgte wie eine Seele in Pein.
+
+Unter dem Burgtor, das sich wie von selbst oeffnete, denn der Waertel
+hatte die wandernde Helle wahrgenommen, blickte die Richterin in die
+Nacht hinaus und sagte zu Faustinen: "Lege die Schuhe ab und lass die
+scharfen Kiesel deine Sohlen zerreissen, denn du bist eine grosse
+Suenderin!" Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an.
+
+
+
+Frau Stemma hatte recht gesagt. Da sie die hochgelegene Burgkammer
+betrat, schlief Palma. Neben ihren tiefen Atemzuegen glomm auf einem
+Dreifuss eine huetende Flamme. Das Maedchen lag in ihrem ganzen Gewande
+auf dem Polster, die Hand ueber das Herz gelegt. Sie hatte das freudig
+pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert. Die Mutter
+betrachtete die Gebaerde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren.
+
+Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas
+hatte die noch nicht zwanzigjaehrige Richterin die Regierung ihres
+Erbes mit entschlossener Hand ergriffen. Die dem jungen und schoenen
+Weibe unter einem verwilderten, begehrlichen Adel von selbst
+entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer ueber ihre Jahre
+scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen
+ihrer Lehensleute gebaendigt. Helm und Schwert und die gerechte Sache
+der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in
+seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Haenden gesegnet. Nach
+einigen stuermischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt, und es
+trat eine grosse Stille ein. Jetzt raechte sich die ueberhetzte Natur,
+und Stemma verlor den Schlummer. Wenn sie nicht selbst ihn
+verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten. Nicht
+weit von dem Lager ihres Kindes, auf einer schmalen Bank in der tiefen
+Fensterwoelbung sass sie damals oft mit verschlungenen Armen, oder dann
+konnte sie lange, lange mit zwei Flaeschchen spielen, welche sie in der
+Mauer verwahrte und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf
+Malmort zurueckgelassen hatte, da er von dannen zog, um spurlos im
+Gebirge zu verschwinden. Beide waren von starkem Kristall und hatten
+ueber den glaesernen Zapfen goldene Deckel, auf deren einem das Wort
+"Antidoton" mit griechischen Lettern eingekritzt war, waehrend auf dem
+andern ein winziges Schlaenglein sich kruemmte. Mit diesen Flaeschchen
+zu spielen, bis der Tag anbrach, wurde Stemma zu einem Beduerfnis. Da
+geschah es einmal, dass sie darueber einnickte und, als das Fruehlicht
+sie weckte, das eine Flaeschchen, das unbeschriebene, aus ihrer
+halbgeoeffneten Hand verschwunden war. Sie geriet in entsetzliche
+Angst und suchte und suchte. Endlich fand sie es in dem Haendchen
+ihres Kindes. Die kleine Palma mochte, vor ihr erwacht, sie auf
+nackten Sohlen beschlichen, ihr das schmucke Spielzeug entwendet und
+mit ihm das Lager und den Schlummer wieder gefunden haben. Das Kind
+hielt den Kristall an das kleine Herz gepresst und vorsichtig loeste
+Frau Stemma Fingerchen um Fingerchen.
+
+Jetzt holte sie, verlockt von der fruehern Gewohnheit, die lange im
+Verschluss gelegenen Kristalle hervor. Nachdem sie dieselben eine
+Weile in den Haenden gehalten und mit den Flaeschchen, sie unablaessig
+wechselnd, nach ihrer alten Weise gespielt hatte, legte sie das eine
+unter ihren mit Gemsleder beschuhten Fuss und zertrat es auf der
+steinernen Fliese mit einem kraeftigen Drucke zu Scherben. Die
+ausstroemende Fluessigkeit verbreitete einen angenehmen Mandelgeruch.
+Im Begriffe, den zweiten Kristall unter die Sohle zu legen, besah sie
+noch seinen goldenen Deckel und erkannte, dass sie sich zwischen den
+Flaeschchen geirrt hatte. Sie glaubte das inschriftlose zuerst
+zermalmt zu haben und hielt es noch in der Hand. Kopfschuettelnd legte
+sie das Schlaenglein unter die Ferse, doch das festere Glas widerstand
+hartnaeckig. Sie ergriff es wieder, und schon hob sie den Arm, um es
+an der Wand zu zerschmettern, da hielt sie inne, aus Furcht, mit dem
+klirrenden Wurfe den Schlummer des Maedchens zu stoeren. Oder mit einem
+andern Gedanken barg sie es sorgfaeltig in dem weiten Busen ihres
+Gewandes.
+
+Frau Stemma wurden die Lider schwer, und sie liess sich betaeubt in
+einen Sessel fallen. Da sah sie ein Ding hinter ihrem Stuhle
+hervorkommen, das langsam dem Lager ihres schlummernden Kindes
+zustrebte. Es floss wie ein duenner Nebel, durch welchen die
+Gegenstaende der Kammer sichtbar blieben, waehrend das bluehende Maedchen
+in fester Bildung und mit kraeftig atmendem Leibe dalag. Die
+Erscheinung war die eines Juenglings, dem Gewande nach eines Klerikers,
+mit vorhangenden Locken. Das ungewisse Wesen rutschte auf den Knien
+oder watete, dem Steinboden zutrotz, in einem Flusse. Stemma
+betrachtete es ohne Grauen und liess es gewaehren, bis es die Haelfte des
+Weges zurueckgelegt hatte. Dann sagte sie freundlich: "Du, Peregrin!
+Du bist lange weggeblieben. Ich dachte, du haettest Ruhe gefunden."
+Ohne den Kopf zu wenden und sich wieder um einen Ruck vorwaerts
+bringend, antwortete der Muede: "Ich danke dir, dass du mich leidest.
+Es ist ohnehin das letzte Mal. Ich werde zunichte. Aber noch zieht
+es mich zu meinem trauten Kindchen."
+
+"Seid ihr Toten denn nicht gestorben?" fragte die Richterin.
+
+"Wir sterben sachte, sachte," antwortete der Kleriker. "Wie denkst du?
+Die"--er stotterte--"die Seele wird damit nicht frueher fertig als der
+Leib vermodert ist. Inzwischen habe ich mir diesen aermlichen Mantel
+geliehen." Der Schatten schuettelte seine Gestalt wie einen rinnenden
+Regen. "Ei, was war der irdische Leib fuer ein heftiges und lustiges
+Feuer! In diesem duennen Roecklein friert mich, und ich lasse es gerne
+fallen."
+
+"Hernach?" fragte Stemma.
+
+"Hernach? Hernach, nach der Schrift"--
+
+Stemma runzelte die Stirn. "Zurueck von dem Kinde!" gebot sie dem
+Schatten, der Palma fast erreicht hatte.
+
+"Harte!" stoehnte dieser und wendete das bekuemmerte Haupt. Dann aber,
+von dem warmen Atem Stemmas angezogen, schleppte er sich rascher gegen
+ihre Knie, auf welche er die Ellbogen stuetzte, ohne dass sie nur die
+leiseste Beruehrung empfunden haette. Dennoch belebte sich der Schatten,
+die schoene Stirn woelbte sich, und ein sanftes Blau quoll in dem
+gehobenen Auge.
+
+"Woher kommst du, Peregrin?" sagte die Richterin.
+
+"Vom traegen Schilf und von der unbewegten Flut. Wir kauern am Ufer.
+Denke dir, Liebchen, neben welchem Nachbar ich zeither sitze, neben
+dem"--er suchte.
+
+"Neben dem Comes Wulf?" fragte die Richterin neugierig.
+
+"Gerade. Kein kurzweiliger Gesell. Er lehnt an seinen Spiess und
+brummt etwas, immer dasselbe, und kann nicht darueber wegkommen. Ob du
+ihm ein Leid antatest oder nicht. Ich bin maeuschenstille"--Peregrin
+kicherte, tat dann aber einen schweren Seufzer. Darauf schnueffelte er,
+als rieche er den verschuetteten Saft, und suchte mit starrem Blicke
+unter Stemmas Gewand, wo das andere Flaeschchen lag, so dass diese
+schnell den Busen mit der Hand bedeckte.
+
+Da fuehlte sie eine unbaendige Lust, das kraftlose Wesen zu ihren Fuessen
+zu ueberwaeltigen. "Peregrin", sagte sie, "du machst dir etwas vor, du
+hast dir etwas zusammengefabelt. Palma geht dich nichts an, du hast
+keinen Teil an ihr."
+
+Der Kleriker laechelte.
+
+"Du bildest dir etwas Naerrisches ein", spottete die Richterin.
+
+"Stemma, ich lasse mir mein Kindchen nicht ausreden."
+
+"Torheit! Wie waere solches moeglich? Was weisst du, Traum?"
+
+"Ich weiss"--der fluechtig Beseelte schien eine Suessigkeit zu empfinden,
+in sein kurzes und grausames Los zurueckzukehren--"wie mich dein Vater
+ueberfiel, da ich von meinem Lehrer dem Abte weg ueber das Gebirge zog.
+Der Judex litt an einer Wunde und hatte von meiner Wissenschaft
+vernommen. Da hob er mich auf und brachte mich dir mit. Du warest
+noch sehr jung und o wie schoen! mit grausamen schwarzen Augen! Dabei
+herzlich unwissend. Ich lehrte dich Buchstaben und Verse bilden, doch
+diese da mochtest du nicht. Lieber regiertest du in den Doerfern,
+schiedest Haendel und machtest die Aerztin bei deinen Eigenen. Ich
+zeigte dir die Kraefte der Kraeuter, lehrte dich allerlei brauen, und du
+brachtest mir aus dem Schmuckkaestchen zwei Kristalle"--
+
+Die Richterin lauschte.
+
+"Stemma, du bist noch jung, und auch ich bin jung geblieben, wenig
+aelter, als da wir uns liebten", schluchzte Peregrin zaertlich.
+
+"Wir liebten uns", sagte Stemma.
+
+"Du lagest in meinen Armen!"
+
+"Wo dich der Judex ueberraschte und erwuergte", sprach sie hart.
+Peregrin aechzte, und Flecken wurden an seinem Halse sichtbar. "Er lud
+mich auf ein Maultier, zog mit mir davon und warf mich in den Abgrund."
+
+"Peregrin, ich habe geweint! Aber besinne dich: dein ist die Schuld!
+Bin ich nicht dreimal vor dich getreten, mein Buendel in der Hand?
+Habe ich dich nicht drohend beschworen, mit mir zu fliehen? Wer
+wollte Fuss neben Fuss in Armut und Elend wandern? Du aber erblasstest
+und erbleichtest, denn du hast ein feiges Herz. Ich liebte dich, und,
+bei meinem Leben!--warest du ein Mann--Vater, Heimat, alles haette ich
+niedergetreten und waere dein eigen geworden."
+
+"Du wurdest es", fluesterte der Schatten.
+
+"Niemals!" sagte Stemma. "Sieh mich an: gleiche ich einer Suenderin?
+Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige? Bin ich
+nicht die Zucht und die Tugend? Und so war ich immer. Du hast mich
+nicht beruehrt, kaum dass du mir mit furchtsamen Kuessen den Mund
+streiftest. Wo haettest du auch den Mut hergenommen?"
+
+Da geriet der Schatten in Unruhe. "O ihr Gewalttaetigen beide, der
+Vater und du! Er hat mich geraubt und erwuergt, du, Stemma, locktest
+mit dem Blutstropfen! Gib den Finger, da sitzt das Naerbchen!"
+
+Stemma hob die Achseln. "Es war einmal", hoehnte sie.
+
+Da wiegte Peregrinus, der sich gleich wieder besaenftigte, die Locken
+und sang mit gedaempfter Stimme:
+
+"Es war einmal, es war einmal
+Ein Fuerst mit seinem Kinde,
+Es war einmal ein junger Pfaff
+In ihrem Burggesinde."
+
+Am Mahle sassen alle drei,
+Da riefen den Herrn die Leute:
+"Herr Judex, auf! Zu Ross! Zu Ross!
+Im Tal zieht eine Beute!"
+
+Er guertet sich das breite Schwert
+Und wirft mit einem Gelaechter
+Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff
+Als einen scharfen Waechter.
+
+Den Judex hat das schnelle Ross
+Im Sturm davongetragen,
+Zweie halten still und bang
+Die Augen niedergeschlagen.
+
+Stemma hebt das Fingerlein,
+Sie tut es ihm zuleide,
+Und faehrt damit wohl auf und ab
+Ueber die blanke Schneide.
+
+"Ein Troepflein warmen Blutes quoll"--
+
+
+"Stille, Schwaechling!" zuernte die Richterin. "Das hast du dir in
+deinem Schlupfwinkel zusammengetraeumt. Solche Schmach kennt die Sonne
+nicht! Stemma ist makellos! Und auch der Comes, er komme nur! ihm
+will ich Rede stehen!"
+
+"Stemma, Stemma!" flehte Peregrin.
+
+"Hinweg, du Nichts!" Sie entzog sich ihm mit einer starken Gebaerde,
+und seine Zuege begannen zu schwimmen.
+
+"Mein Weib, mein"--"Leben" wollte er sagen, doch das Wort war dem
+Ohnmaechtigen entschwunden. "Hilf, Stemma", hauchte er, "Wie heisst es,
+das Atmende, Bluehende? Hilf!" Die Richterin presste die Lippen, und
+Peregrinus zerfloss.
+
+Erwacht stand sie vor dem Lager ihres Kindes. Sie kuesste ihm die
+geschlossenen Augen. "Bleibet unwissend!" murmelte sie. Dann glitt
+sie neben Palma auf das breite Lager und schlang den Arm um das
+Maedchen, wie um eine erkaempfte Beute: "Du bist mein Eigentum! Ich
+teile dich nicht mit dem verschollenen Knaben! Dich siedle ich an im
+Licht und umschleiche dich wie eine huetende Loewin!" Der Traum hatte
+ihr Peregrin gezeigt nicht anders, als sein Bild in ihr zu leben
+aufgehoert hatte. Laengst war der Juengling, dem sie sich aus Trotz und
+Auflehnung mehr noch als aus Liebe heimlich vermaehlt, an ihrem
+kasteiten Herzen niedergeglitten und untergegangen, und der einst aus
+ihrer Fingerbeere gespritzte Blutstropfen erschien der Gelaeuterten als
+ein lockeres und aberwitziges Maerchen. Schon glaublicher deuchte ihr
+der andere Bewohner der Unterwelt, und da sie sich auf dem Lager
+umwendete und das Haupt in die Kissen begrub, ohne den Arm von der
+Schulter ihres Kindes zu loesen, erblickte die Entschlummernde den
+Comes, wie er an den Speer gelehnt verdriesslich im Schilfe sass und
+etwas Feindseliges in den Bart murmelte. Ein Laecheln des Hohnes glitt
+ueber ihr verdunkeltes Gesicht, denn Stemma kannte die Hilflosigkeit
+der Abgeschiedenen.
+
+Im ersten Lichte weckte die zwei Schlafenden ein jaeher Hornstoss und
+riss sie vom Lager empor. Der gewaltsame Tagruf beleidigte das feine
+Ohr der Richterin. Sie erriet, wen er meldete, und mit schnellem
+Entschluss und festem Schritte ging sie Wulfrin entgegen. Noch vor ihr,
+den rasch ergriffenen Wulfenbecher in der Hand, war Palma durch die
+Tuer gehuscht.
+
+In das von Rudio geoeffnete Tor tretend, stand Stemma vor dem Hoefling,
+der sie mit verwunderten Augen betrachtete. Das Antlitz gebot ihm
+Ehrfurcht. Er verschluckte ein unziemliches Scherzwort ueber sein
+durch vier Weiber gerettetes Leben. Bewaeltigt von dem ruhig pruefenden
+Blicke und der Hoheit der blassen Zuege sagte er nur: "Hier hast du
+mich, Frau", worauf sie erwiderte: "Es hat Muehe gekostet, dich nach
+Malmort zu bringen."
+
+"Wo ist die Schwester, dass ich sie kuesse?" fuhr er fort, und diese,
+die inzwischen den Becher gefuellt hatte, eilte ihm mit klopfendem
+Herzen und leuchtenden Augen zu, obwohl sie vorsichtig schritt und den
+Wein nicht verschuetten durfte. Sie trat vor den Bruder und begann den
+Spruch. Da aber Stemma den Kelch, der dem Comes den Tod gebracht, in
+den Haenden ihres Kindes erblickte und den frischen Mund ueber seinem
+Rand, empfand sie einen Ekel und einen tiefen Abscheu. Mit sicherm
+Griffe bemaechtigte sie sich des Bechers, den das ueberraschte Maedchen
+ohne Kampf und Widerstand fahren liess, fuehrte ihn kredenzend an den
+eigenen Mund und bot ihn dem Hoefling mit den einfachen Worten: "Dir
+und dieser zum Segen!" Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht.
+
+Palma stand bestuerzt und beschaemt. Da hiess die Mutter sie die Glocke
+ziehen, die hoch oben in einem offenen Tuermchen hing und das Gesinde
+weither zum Angelus rief. Palma hatte als Kind Freude gehabt, das
+leichtbewegliche Gloecklein erschallen zu lassen, und das Amt war dem
+Maedchen geblieben. Sie fuegte sich zoegernd.
+
+"Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?" fragte Wulfrin.
+Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers. "Siehe, es ist der Spruch
+eines Eheweibes", sagte sie. "Davon lese ich nichts", meinte er.
+
+"Erfreue dich am Wein!
+Willkomm...!"
+
+
+Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte, aus welchem fuer ein
+genauer pruefendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten,
+ein i, ein K, ein l. Wulfrin erriet ohne Muehe:
+
+"Willkomm im Kaemmerlein!"
+
+
+"Du hast recht, Frau", lachte er.
+
+Sie nahm ihn an der Hand und fuehrte ihn vor das Grabmal. Da lag ihm
+der Vater, die Linke am Schwert, die Rechte am Hifthorn, die
+steinernen Fuesse ausgestreckt. Wulfrin betrachtete die rohen aber
+treuherzigen Zuege nicht ohne kindliches Gefuehl. Das abgebildete
+Hifthorn erblickend, hob er in einer ploetzlichen Anwandlung das
+wirkliche, das er an der Seite trug, vor den Mund und tat einen
+kraeftigen Stoss. "Froehliche Urstaend!" rief er dem in der Gruft zu.
+
+"Lass das!" verbot die Richterin, "es toent haesslich."
+
+Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges, neben ihr eigenes
+liegendes Bild, das die betenden Haende gegeneinander hielt, und begann:
+"Da du nun auf Malmort bist, verlaessest du es nicht, Wulfrin, ohne
+mich--nach vernommenen Zeugen--angeklagt oder freigegeben zu haben von
+dem Tode des Mannes hier." Der Hoefling machte eine widerwillige
+Gebaerde. "Fuege dich", sagte sie. "Ist es dir keine Sache, so ist es
+eine Form, die du mir erfuellen musst, denn ich bin eine genaue Frau."
+
+"Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben", versetzte der Hoefling
+aufgebracht, "dass ich dich nie beargwoehnte, weder ich noch Arbogast,
+der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat. Ich bin kein
+Zweifler und moechte nicht leben als ein solcher. Es gibt deren, die
+in jedem Zufall einen Plan, und in jedem Unfall eine Schuld wittern,
+doch das sind Betrogene oder selbst Betrueger. Der Himmel behuete mich
+vor beiden! Haette ich aber Verdacht geschoepft und Feindseliges gegen
+dich gesonnen, jetzt, da ich dein Antlitz sehe, stuende ich entwaffnet,
+denn wahrlich du blickst nicht wie eine Moerderin. Waerest du eine Boese,
+woher naehmest du das Recht und die Stirn, das Boese aufzudecken und zu
+richten? Dawider empoert sich die Natur!"
+
+Ein Schweigen trat ein. "Aber was ist das fuer ein dumpfes Droehnen,
+das den Boden schuettert?"
+
+"Das ist der Strom", sagte die Richterin, "der den Felsen benagt und
+unter der Burg zu Tale stuerzt."
+
+"Wahr ist es, Frau", fuhr der Hoefling treuherzig fort, "dass ich dich
+nie leiden mochte, und ich sage dir warum. Dieser Greis hier, mein
+Vater, war ein roher und gewaltsamer Mann. Ich sage es ungern: er hat
+an meinem Muetterlein missgetan, ich glaube, er schlug es. Ich mag
+nicht daran denken. Ins Kloster hat er es gesperrt, sobald es
+abwelkte. Da ist es nicht zu wundern, wie wir Menschen sind, dass ich
+von dir nichts wissen wollte, die es von seinem Platze verstiess."
+
+"Nicht ich. Hier tust du mir unrecht. Da wir so zusammensitzen,
+Wulfrin, warum soll ich es dir nicht erzaehlen? Ich habe deiner Mutter
+nichts zuleide getan. Kaelter und lebloser als diese steinerne war
+meine Hand, da sie gewaltsam in die deines Vaters gedrueckt wurde. Aus
+dem Kerker hergeschleppt, zugeschleudert wurde ich ihm von dem Judex,
+der mir einen zitternden und zagenden Liebling von niederer Geburt
+erwuergt hatte. Nicht jedes Weib wuerde dir solches anvertrauen,
+Wulfrin."
+
+"Ich glaube dir", sagte dieser.
+
+"Einer Gezwungenen und Entwuerdigten", betonte sie, "gab dein Vater
+sterbend die Freiheit. Und ich wurde Herrin von Malmort. Du hast
+Grund, Wulfrin, dir die Sache zu besehen. Sie ist dunkel und schwer.
+Betrachte sie von allen Seiten! Denn, du raeumst mir ein, vernichtete
+ich deinen Vater, so bin ich oder du bist zuviel auf der Erde."
+
+"Verhoehnst du mich?" fuhr er auf, "doch nein, du blickst ernst und
+traurig. Siehe, Frau, das ewige Verhoeren und Richten hat dich quaelend
+und peinlich gemacht und wahrhaftig, ich glaube"--seine Augen deuteten
+auf den Stein--"auch eine Froemmlerin bist du." Er hatte rings um das
+Frauenhaupt die Worte gelesen: "Orate pro magna peccatrice." "Das hier
+ist grossgetan."
+
+"Ich bin eine kirchliche Frau", antwortete Stemma, "doch wahrlich, ich
+bin keine Froemmlerin, denn ich glaube nur, was ich an dem eigenen
+Herzen erfahren habe. Dein Knecht, der Steinmetz Arbogast, fragte
+mich in seiner einfaeltigen Art, was er mir um das Haupt schreiben
+duerfe. In seiner schwaebischen Heimat sei bei vornehmen Frauen die
+Umschrift gebraeuchlich: Betet fuer eine Suenderin." "Schreibe mir,"
+sagte ich, "'Betet fuer die grosse Suenderin', denn, Wulfrin, du hast
+recht gesagt, was ich tue, tue ich gross."
+
+"Huebsch!" rief der Hoefling, aber nicht als Antwort auf diesen
+Selbstruhm, sondern das Haupt in die Hoehe richtend, wo Palma stand und
+das helltoenige Gloecklein zog. Sie hatte sich lange auf der
+Wendeltreppe gesaeumt und aus den Luken nach dem ihr vorenthaltenen
+Bruder zurueckgeblickt. In der weiten Bogenoeffnung des von den ersten
+Sonnenstrahlen vergoldeten Turmes wiegte sich ein lichtes Geschoepf auf
+dem klingenden Morgenhimmel. Der Hoefling sah einen laeutenden Engel,
+wie ihn etwa in der zierlichen Initiale eines kostbaren Psalters ein
+farbenkundiger Moench abbildet. Eine Innigkeit, deren er sich schaemte,
+ruehrte und fuellte sein Herz. Hatte ihn doch dieses lobpreisende Kind
+vom Tode errettet.
+
+Inzwischen sammelte sich im Burghofe das Gesinde der Richterin, wohl
+einhundert Koepfe stark, Maenner und Weiber, ein finsteres, sehniges,
+sonneverbranntes Geschlecht, das den Behelmten eher feindlich als
+neugierig musterte. Dieser, die wieder zur Erde gestiegene Palma
+darunter erblickend, machte sich Bahn, und als wollte er sich fuer die
+fluechtige Andacht raechen, welche er zu einem Geschoepf aus irdischem
+Stoffe empfunden, legte er ihr die Hand auf die Achsel, und den
+bluehenden Mund findend, kuesste er ihn kraeftig. Sie zitterte vor Freude
+und wollte erwidern, doch schneller fasste die Richterin mit der Linken
+ihre Hand, die Rechte Wulfrin bietend, und fuehrte die beiden in die
+Mitte ihres Volkes.
+
+"Bruder und Schwester", verkuendigte sie und sich auf die andere Seite
+wendend noch einmal: "Schwester und Bruder."
+
+So ungefaehr hatten es sich Knechte und Maegde schon zurechtgelegt, denn
+die Aehnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar,
+nur dass sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des
+Hifthorns an der Seite Wulfrins zu geschweigen, das anschauliches
+Zeugnis gab von seiner Abstammung.
+
+Nur das runzlige, stocktaube Muetterchen, die Sibylle, hatte nichts
+vernommen und nichts begriffen. Sie trippelte kichernd um das Maedchen,
+zupfte und taetschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem
+zahnlosen Munde: "O du mein liebes Herrgoettchen! Was fuer einen hat
+dir da die Frau Mutter gekramt! Zum Wiederjungwerden. Von Paris ist
+er verschrieben, aus den Buben, die dem Grossmaechtigen dienen. Krause
+Haare, praechtige Ware!"
+
+"Halt das Maul, Drud!" schrie dem Muetterchen der Knecht Dionys ins Ohr,
+"es ist der Bruder!", und sie versetzte. "Das sage ich ja, Dionys:
+der Gnadenreich ist ein troestlicher und auferbaulicher Herr, aber
+der da ist ein gewaltiger, stuermender Krieger! O du glueckseliges
+Paelmchen!", und so unziemlich schwatzte sie noch lange, wenn man sie
+nicht zurueckgedraengt und ihr den frechen Mund verhalten haette. Denn
+die Morgenandacht begann, und von einer entfernteren Gruppe wurde schon
+die Litanei angestimmt. Wie von selbst ordnete sich der Fruehdienst,
+einen Halbkreis bildend, in dessen Mitte die Richterin den
+schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Saetze immer
+dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel ueber
+Malmort anrief.
+
+Wulfrin, welcher, er wusste nicht wie, an das eine Ende des andaechtigen
+Kreises geraten war, erblickte sich gegenueber die Schwester. Alles
+hatte sich niedergeworfen, er und die Richterin ausgenommen. Seine
+Blicke hingen an Palma. Auf beiden Knien liegend, die Haende im Schoss
+gefaltet, sang sie eifrig mit den jungen raetischen Maegden. Aber das
+Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten
+Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den
+Augen und jubelte ihr auf den Lippen, dass die Litanei darueber
+verstummte. Die geoeffneten gaben durch die Luefte den Kuss des Bruders
+zurueck. Und jetzt sich halb erhebend, streckte sie auch die Arme nach
+ihm. Nur eine fluechtige Gebaerde, doch so viel Glut und Jugend
+ausstroemend, dass Wulfrin unwillkuerlich eine abwehrende Bewegung machte,
+als wuerde ihm Gewalt angetan. "Der Wildling!" lachte er heimlich.
+"Aber die wird dem wackern Gnadenreich zu schaffen machen! Ich muss
+ihm noch das wilde Fuellen zaehmen und schulen, dass es nicht ausschlage
+gegen den frommen Juengling! Warte du nur!"
+
+Und um die Erziehung zu beginnen, wendete er sich, da die Richterin
+das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber
+an Frau Stemma, die seine Hand ergriff, ihn feierlich in die Mitte
+fuehrte und mit eherner Stimme zu reden begann: "Meine Leute! Wer von
+euch, Mann oder Weib, so alt ist, dass er vor jetzt sechzehn Jahren
+hier stand, waehrend ich den Comes empfing, der davon herkam euren
+erschlagenen Herrn, den Judex, zu raechen--wer so alt ist und dabei
+gegenwaertig war, der bleibe! Ihr Juengern, lasset uns, auch du, Palma!"
+
+Sie gehorchten. Palma zog sich schmollend in den aeussersten Burgwinkel
+zurueck, eine halbrunde Bastei, die, ein paar Stufen tiefer als der Hof,
+ueber dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflut in
+ungeheurem Sturze zu Tale fiel. Sie setzte sich auf die breite Platte
+der Bruestung, blickte, den Arm vorgestuetzt, in den schneeweissen Gischt
+hinein, der ihr mit seinem feinen Regen die Wange kuehlte, und hoerte in
+dem Tumulte der Tiefe nur wieder den Jubel und die Ungeduld des
+eigenen Herzens.
+
+Im Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren
+Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und doch gemessen,
+nach dem Winke der Richterin.
+
+"Hier steht der Sohn des Comes. Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig.
+Saget sie. Habet ihr das Bild jener Stunde?"
+
+"Als waere es heute"--"Ich sehe den Comes vom Rosse springen"--"Wir
+alle"--"Dampfend und keuchend"--"Du kredenztest"--"Drei lange
+Zuege"--"Mit einem leerte er den Becher"--"Er sank"--"Wortlos"--"Er lag."
+
+"Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie.
+
+"So und nicht anders. Bei unserm Anteil am Kreuze!" antwortete der
+vielstimmige Schwur.
+
+"Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut! Wo bist du? Nimm
+dich zusammen!"
+
+Hastig und unwillig erhob er die Hand.
+
+Die Richterin fasste ihn am Arm. "Kein Leichtsinn!" warnte sie. "Frage,
+untersuche, pruefe, ehe du mich freigibst! Du begehst eine ernste,
+eine wichtige Tat!"
+
+Wulfrin machte sich von ihr los. "Ich gebe die Richterin frei von dem
+Tode des Comes und will verdammt sein, wenn ich je daran ruehre!"
+schwur er zornig.
+
+Der Burghof begann sich zu leeren. Wulfrin starrte vor sich hin und
+vernahm, so ueberzeugt er von der Unschuld der Richterin war und so
+erleichtert, mit einer haesslichen Sache fertig zu sein--dennoch vernahm
+er aus seinem Innern einen Vorwurf, als haette er den Vater durch seine
+Unmut und seine Hast preisgegeben und beleidigt. So stand er
+regungslos, waehrend die Richterin langsam auf ihn zutrat, sich an
+seiner Brust emporrichtete und ihm Kette und Hifthorn leicht ueber das
+Haupt hob. "Als Pfand meiner Freigebung und unsers Friedens", sagte
+sie freundlich. "Ich kann seinen Ton nicht leiden." Und sie schritt
+durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf die Bastei und
+schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten in die donnernde
+Tiefe.
+
+Jetzt kam Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das vaeterliche
+Erbe zurueckzufordern. Er kam zu spaet. In den betaeubenden Abgrund
+blickend, der das Horn verschlungen hatte, hoerte er unten einen
+feindlichen Triumph wie Tuben und Rossegewieher. Sein Ohr hatte sich
+in den Ebenen der lauten Rede entwoehnt, welche die Bergstroeme fuehren.
+Als er wieder aufschaute, war die Richterin verschwunden. Nur Palma
+stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund kuesste.
+
+"Lass mich!" schrie er und stiess sie von sich.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen
+Tuermen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die
+Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Groesse ihres Besitzes. "Das
+beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin,
+habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine bruederliche
+Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich stuerbe, dieses weite Erbe zu
+sichern."
+
+"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er.
+
+"Fern oder nahe. Du bist ihr natuerlicher Beschuetzer. Ich kann mein
+Kind keinem Maechtigen dieses Landes vermaehlen, denn sie sind ein
+zuchtloses und sich selbst zerstoerendes Geschlecht. Ich baende sie an
+den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der
+nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in
+einer Blutrache untergehen? Ja, faende ich fuer sie einen Guten und
+Starken wie du bist, dann waere ich ruhig und koennte dich freigeben, du
+haettest weiter keine Pflicht an ihr zu erfuellen. Ich weiss ihr keinen
+Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der
+Verheissung, als ein Sanftmuetiger, kann es aber gegen die Gewalttaetigen
+nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Soehne werden
+kraft meines Blutes Maenner sein. Bis diese kommen und wachsen, wirst
+du schon deine gepanzerte Hand ueber Gnadenreich und Palma halten und
+die Herrschaft fuehren muessen. Denn ewig reitest du nicht mit dem
+Kaiser. Vielleicht auch, wer weiss, erhebt er dich zum Grafen ueber
+diesen Gau, oder dann erhaeltst du von mir eine Burg, jene"--sie wies
+auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen.
+Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm
+vertrauend die Hand auf die Schulter.
+
+"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich
+lebe, herrsche ich."
+
+"Dann hat es keine Eile", antwortete er. "Dass der Schwester nichts
+geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muss ich
+reiten, heute! in einer Stunde!"
+
+"Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio
+geschickt mit der sichern Kundschaft, dass die Lombarden sich am Mons
+Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie
+gefuehrt werden muessen. Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen.
+So braucht es dir nicht zu eilen."
+
+"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Buegel", sagte der
+Hoefling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir
+noch diesen Tag. Ich saehe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum
+Gnadenreich sich hier nicht blicken laesst? Er haelt sich wohl in seinem
+Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist,
+obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weisst du was?
+Geh und bring ihn. Oder wuesstest du deiner Schwester einen bessern
+Mann?"
+
+"Nein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und
+zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt.
+Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast."
+
+Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. "Was ist dir, Wulfrin? Du
+siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um
+wie mit einer Puppe, du stoessest sie weg, und dann haetschelst du sie
+wieder. Du verdirbst mir das Maedchen. Wo hast du solche Sitte
+gelernt?"
+
+"Sie ist aufdringlich", sagte er. "Ich liebe freie Ellbogen und kann
+es nicht leiden, dass man sich an mich haengt. Sie laeuft mir nach, und
+wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muss ich sie wieder troesten. Es
+ist unertraeglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und grosser
+Raeume--auf diesem Felsstueck ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge
+drueckt, der Hof beengt, der Strom schuettert--an jeder Ecke, auf jeder
+Treppe dieselben Gesichter! Verwuenschtes Malmort! Hier haeltst du
+mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Mache dir keine
+Rechnung, Frau."
+
+"Du tust mir wehe", sagte sie.
+
+Die harte Rede reute ihn. "Frau, lass mich ziehen!" bat er. "Und dass
+du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und
+wir verloben die Schwester. Wo haust er?"
+
+"Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in
+Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, ueber welcher
+eine gruene Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Fuehrer. Den
+Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich
+damit beschaeftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und
+plauderte.
+
+"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du fuehrst deinen Herrn Wulfrin
+nach Pratum."
+
+"Den Hoefling? Mit Freuden!" jauchzte der Bube.
+
+"Er traeumt davon", erklaerte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu
+reiten. Besieh dir ihn."
+
+"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt.
+
+"Nein", sagte die Richterin.
+
+"Bruder!" bat sie und streckte die Haende.
+
+"Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. Ihre Augen fuellten sich mit
+Traenen. "So komm, Naerrchen!"
+
+Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen,
+waehrend ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu
+Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: huete sie!"
+
+"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Maedchen.
+
+Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach
+Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere ueber die Alp."
+Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so
+nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es koennte
+truebe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft."
+
+"Ja, ueber die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen
+See zeigen", und leichtgeschuerzt schlug sie sich ueber eine lichte
+Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde.
+
+Leicht wie auf Fluegeln, mit frei atmender Brust ging das Maedchen
+bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kuehl wie eine
+springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude.
+Glaenzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit
+ihrem Blondhaar.
+
+Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der
+Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in
+jenem Gemaeuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschoepf
+beaengstigen, dieses froehliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen
+Augen und fluechtigen Fuessen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne,
+dass der Knabe zu plaudern begann.
+
+Gabriel erzaehlte von den Lombarden, welche er als Spaeher der Richterin
+beschlichen hatte. Sie seien ueberall und nirgends. Sie nisten in den
+Paessen, belauern die Boten und pluendern die Saeumer. Sie berauschen
+sich in dem geraubten heissen Weine von drueben, prahlen mit besiegten
+Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder
+laestern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment fuehre,
+"und doch", endigte der Knabe, "sind sie glaeubige Christen, denn sie
+stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie
+davon erwischen koennen. Es ist Zeit, dass der Herr Kaiser zum Rechten
+sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe."
+
+Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Wuerde
+ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich
+seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen!
+Ich heisse Gabriel und schlage gerne mit Faeusten, lieber hiesse ich
+Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muss dabei sein, und der
+Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und
+Geist. Er hat die Weltregierung uebernommen und huetet, ein blitzendes
+Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjaehrige
+Reich."
+
+Nun musste ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone,
+den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das
+kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Hoeflinge ihm
+nachahmen", sagte er lachend.
+
+"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne
+Besinnen: "Milde."
+
+Die Kinder lauschten andaechtig und bestaunten den Mann, der mit dem
+Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Hoehe erreicht war, wo
+sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel
+jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel guetig
+spielend erwiderte, und Palma lief, den Hoefling an der Hand, einem
+gruendunkelklaren Gewaesser entgegen, das die Wand mit ihrem
+Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie
+umwandelten das mit Felsbloecken besaete Ufer bis zu einem bemoosten
+Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie
+so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Maerchen erfuellt von dem Bruder
+und der Schwester, die zusammen ueber Berg und Tal wandern. Alles ist
+schoen in Erfuellung gegangen."
+
+"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb
+die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Hoefling nicht
+blossstellen.
+
+"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben."
+
+"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt
+keine, nur darf man sie nicht mit wuesten Worten rufen oder gar ihnen
+Steine ins Wasser schmeissen. Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn?
+Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst."
+
+"Es ist in den Strom gestuerzt", fertigte ihn der Hoefling ab.
+
+"Das ist nicht gut", meinte der Knabe.
+
+"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube
+wurde sichtbar. "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen,
+kohlschwarz mit einem weissen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es
+gehoert nach Malmort."
+
+Gabriel sprang mit einem Satz in die Hoehe. "Heilige Mutter Gottes",
+rief er, "das ist unsere Magra, der muss ich nach! Lieber Herr,
+entlasse mich. Du wirst dich schon zurechtfinden. Ein Mensch ist
+vernuenftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort
+den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiss die kleine
+Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kuemmern.
+
+"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?"
+
+"Mich wuerde es nicht wundern", sagte sie. "Oft, wenn ich hier liege,
+erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser
+mit der Zehe. Und dann ist mir, als loese ich mich von mir selbst, und
+ich schwimme und plaetschere in der Flut. Aber siehe!"
+
+Sie deutete auf ein majestaetisches Schneegebirge, das ihnen gegenueber
+sich entwoelkte. Seine verklaerten Linien hoben sich auf dem lautern
+Himmel rein und zierlich, doch ohne Schaerfe, als wollten sie ihn nicht
+ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und
+Lieblichkeit, als haetten sie sich gebildet, ehe die Schoepfung in Mann
+und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging.
+
+"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts,
+wenn es mondhell ist, zieht er blaeulich Gewand an und redet heimlich
+und sehnlich. Da ich mich juengst hier verspaetete, machte sich der
+suesse Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Traenen und zog mir das
+Herz aus dem Leibe. Aber siehe!" wiederholte sie.
+
+Eine Wolke schwebte ueber den weissen Gipfeln, ohne sie zu beruehren, ein
+himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich
+ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich
+einander zu, und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den
+Finger an den Mund. "Still", fluesterte sie, "das sind Selige!"
+Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen
+Blicken belauschte himmlische Freude loeste sich auf und zerfloss.
+"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebaerde, "Wir sind
+selige wie ihr! Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen
+Augen bis in den Grund der seinigen.
+
+Es kam die schwuele Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber.
+Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld. Sie schmeichelte
+seinem Gelocke wie die Luft und kuesste ihn traumhaft wie der See zu
+ihren Fuessen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur und
+wurde eins mit dem Leben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz
+klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen...
+
+Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in
+der Tiefe umarmen!"
+
+Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und
+Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte. "Wer sind die zweie?" rief
+er.
+
+"Wir, Bruder", sagte Palma schuechtern, und Wulfrin erschrak, dass er
+die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschuettelt
+sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem
+Fusse folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt
+eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu
+halten schien.
+
+"Gruess Gott! gruess Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne
+einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Haende
+entgegen. "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben muessen", erklaerte er,
+"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden huetend
+zu umwandeln, aber nicht zu ueberschreiten, denn Pratum ist ein Lehen
+des Bistums, und die Kirche haelt Frieden. Sei willkommen, Wulfrin,
+und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem
+Hoefling und dem Maedchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es
+auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie
+schwiegen, begann er ein grosses Geplauder.
+
+"Sie haben dem guten Ohm boese mitgespielt", erzaehlte er. "Wir sassen
+zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach
+Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu
+treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern musste. Frau
+Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nuessen, wie sie zuweilen tun,
+ueber die Guete der Menschennatur. Nun hatten sich kuerzlich zwei arge
+Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche
+Bischof Felix gefirmelt hatte"--
+
+"Mit mir. Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben
+dem Hoefling schritt.
+
+"Still!" sagte dieser ungebaerdig, und das Maedchen lief nach einer
+Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch
+das Burgfenster geworfen. Wenige Tage spaeter schlug der Schamser
+mitten im Stiftshofe dem Berguener nach kurzem Wortwechsel den Schaedel
+ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms
+sich gekuesst und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches
+hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen
+und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist
+gut und wird durch die Gnade noch besser.' Der Ohm ist ein bisschen
+Pelagianer, hi, hi!"
+
+"Pelagianer?" fragte der Hoefling zerstreut, denn sein Blick rief Palma,
+die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung
+griechischer Krieger?"
+
+"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma
+und der Ohm stritten ueber das Boese. Da sieht der Bischof, der
+kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Hoehe
+gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme. Wir feiern den
+Abzug der Lombarden", laechelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt
+in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig
+tanzten sie auf dem Huegel wie Daemonen um den Brand.
+
+Da laermt es auf dem Platz. Ein Boesewicht faellt mit der Tuere ins Haus
+und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock,
+nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefuellt hast, denn deine
+Maentel haben wir in der Sakristei drueben schon gestohlen!' Der Ohm
+erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im
+Halbdunkel sass, 'Die Frau da', hoehnt er, 'hat einen Heiligenschein um
+das Haupt, her mit dem Stirnband!' Da erhebt sich Frau Stemma und
+durchbohrt den Menschen mit ihren fuerchterlichen Augen: 'Unterstehe
+dich!' 'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie. Da der
+arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief
+ihn der Hoellenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit
+nackten Fersen den schoensten Stiftsgaul, dem er eine purpurne
+Altardecke uebergelegt--sich selbst hatte er ein Messgewand umgehangen--,
+und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur
+einen solchen ueber den blanken Hinterbacken, dass er bolzgerade stieg
+und der Stab in Truemmer flog. 'Bischof, segne mich!' schrie der
+Lombarde. Der Ohm in seiner Froemmigkeit besiegte sich. 'Ziehe hin in
+Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Haende.
+
+'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!'
+
+'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurueck. "Ich haette es
+eigentlich nicht erzaehlen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es
+hat den Ohm schrecklich erbost."
+
+Palma hatte gelacht, auch der Hoefling verzog den Mund, und Gnadenreich
+wurde immer gespraechiger und zutulicher.
+
+"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. "Ich
+verliess Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt!
+Welche Bekanntschaften habe ich gemacht! Ich ging dein Buechlein im
+Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf!
+Fast zu schwer fuer den kleinen Koerper! Was da alles drinnesteckt!
+Kaum ein Viertelstuendchen kostete ich den beruehmten Mann, aber in
+dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich fuer mein Lebtag in allem Guten
+befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt
+ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser. Ich verging vor Ehrfurcht.
+Er aber war gnaedig und ergoetzte sich, denke dir! an deiner
+Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzaehlen liess"--
+
+Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie
+gerieten zwischen die Herden und das gruene Pratum wurde voller Gebloeke
+und Gebruelle. Einer der magern und wolfaehnlichen Berghunde
+beschnoberte den Hoefling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und
+beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht
+verwiesen haette. Palma aber wurde von den Hirtenmaedchen umringt und
+mit Verwunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmort war
+leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden.
+
+"Ich bin gewiss kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum
+geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt--
+haarklein musste ich berichten von Horn und Becher, und zumal
+die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen."
+
+Der Hoefling blickte verdriesslich.
+
+"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. "Der Inhalt und die Hoehe des
+Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? Und doch, aber doch--Wulfrin,
+ich habe von den Hoeflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte,
+etwas vernommen, das mich tief betruebt, etwas von einer gewissen
+Regine... weisst du es?"
+
+"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus.
+
+"Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes
+Beispiel! Und die Karlstoechter?"
+
+"Alle Wetter und Stuerme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hueter
+der Karlstoechter bestellt?"
+
+"Die Karlstoechter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der
+Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte. "Sie heissen:
+Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud.
+Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die raetischen Maedchen
+wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter
+jubelndem Gelaechter die junge Herrin mit sich fort.
+
+Gnadenreich verlangsamte den Schritt. Traulich suchte er die Hand des
+Hoeflings. "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser
+nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, dass
+ich ausser ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine grosse Meinung von
+ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend
+zu sein. Ein gutes Maedchen fuehre nicht schlecht mit mir. Du kennst
+meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen
+Sorge macht. Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das
+koennte die Stunde sein--wenn es dein Wille waere"--
+
+"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist
+abgemacht."
+
+Haette einer der Gewalttaetigen, welche auf den raetischen Felsen
+nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin moechte ihm ins
+Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben,
+aber Graciosus war zu harmlos, als dass er ihm haette zuernen koennen.
+Und er selbst fuehlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken
+getrieben, die Schwester zu vermaehlen.
+
+"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der
+Richterin? Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und
+gross fuer mich?"
+
+"Sei nicht bloede und fackle nicht laenger! Willst du sie?"
+
+Die Schreitenden hatten eine Huegelwelle ueberstiegen und erblickten
+jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie hatte sich
+von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und
+schnellstroemenden Baeche, welche die Hochmatten durchschneiden. Neben
+ihr irrte ein bloekendes Laemmchen, das die Herde verloren hatte, und am
+Uferrand sitzend, loeste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen
+von ihrem wunden Fusse und wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch
+entledigte sich das Maedchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem
+mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete
+mit ihm durch die Stroemung und liess es seiner Herde nachlaufen.
+
+Da kam ueber Gnadenreich eine Erleuchtung. "Ich wage es! Ich nehme
+sie!" rief er aus. "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!"
+
+"So gehe voraus und richte das Brautmahl! Ich werde fuer dich werben.
+Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem
+Bezirke von Huerden und Staellen ein neugebauter Rundturm, ueber welchem
+gerade der Foehn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb.
+Gnadenreich bog seitwaerts, die Bruecke suchend, waehrend der Hoefling den
+reissenden Bach in einem Satze uebersprang.
+
+Wulfrin erreichte die Schwester. "Du laeufst barfuss, Braeutchen?"
+
+"Ich bin kein Braeutchen, und was nuetzen mir die Schuhe, wenn ich nicht
+mit dir durch die Welt laufen darf?"
+
+"Du bist nicht die Toerin, das im Ernste zu reden, und die Frau auf
+Pratum darf nicht unbeschuht gehen."
+
+"Gnadenreich hat nicht den Mund gegen mich geoeffnet."
+
+"Er wirbt durch den meinigen. Nimm ihn, rat ich dir, wenn du keinen
+andern liebst."
+
+Sie schuettelte den Kopf. "Nur dich, Wulfrin."
+
+"Das zaehlt nicht."
+
+Sie hob die klaren Augen zu ihm auf. "Geschieht dir damit ein so
+grosser Gefallen?"
+
+Er nickte.
+
+"So tue ich es dir zuliebe."
+
+"Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die Wange. "Ich werde
+euch schuetzen, dass euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem
+ersten Buben Gevatter stehen."
+
+Sie erroetete nicht, sondern die Augen fuellten sich mit Traenen. "Nun
+denn", sagte sie, "aber wir wollen langsam gehen, dass es eine Stunde
+dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen. Dem
+Hoefling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, dass
+sie ihm das Liebste auf der Erde sei.
+
+"Hier thronen wir wie die Engel", sagte Graciosus, nachdem er seine
+Gaeste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf
+die Zinne gefuehrt hatte, wo das Mahl bereitet war. Der Tisch trug
+neben den Broten eine Schuessel Milch mit dem geschnitzten Loeffel und
+einen Krug voll schwarzdunkeln Weines, ein bischoefliches Geschirr,
+denn es war mit der Mitra und den zwei Krummstaeben bezeichnet. Die
+dreie sassen auf einer Bank, das Maedchen in der Mitte. Die ringsum
+laufende Bruestung reichte so hoch, dass sich kaum darueber wegblicken
+liess. Nur der Himmel war sichtbar, und an diesem haeuften sich
+unheimliche schwefelgelbe Wolken.
+
+"Die Milch fuer mich, fuer dich der Wein, Wulfrin", sagte Graciosus.
+"Der verreiste noch gluecklich aus dem bischoeflichen Keller, ehe ihn
+die Lombarden leerten. Aber mit wem haelt es Fraeulein Palma?"
+
+"Mit dir", meinte der Hoefling.
+
+Graciosus sprach das Tischgebet. "Nun gleich auch den andern Spruch,
+frisch heraus, Gnadenreich!" ermunterte Wulfrin.
+
+Da geschah es, dass der Bischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf
+nichts besinnen konnte von alle dem Zaertlichen und Verstaendigen, was
+er sich fuer diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen
+hatte. Ratlos blickte er in die warmen braunen Augen. Jetzt gedachte
+er des Laemmchens und der blossen Fuesse und kam in eine fromme Stimmung.
+"Palma novella", bekannte er, "ich liebe dich von ganzem Herzen, von
+ganzer Seele und von ganzem Gemuete."
+
+Das war huebsch. Das Maedchen wurde geruehrt und reichte ihm die Hand.
+Auch Wulfrin missfiel diese Werbung nicht. "Nun aber wollen wir ein
+bisschen lustig sein!" rief er aus. "Das bringe ich euch!" Er hob den
+Krug und trank. Graciosus schoepfte einen Loeffel Milch und bot ihn dem
+Munde seiner Braut. Es war nicht der einzige auf Pratum, aber
+Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen.
+
+Sie oeffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht
+mir die Milch. Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den
+Krug, und sie schluerfte so hastig, dass er ihr denselben wieder aus den
+Haenden nahm. Darauf schien sie ermuedet, denn sie liess den Kopf auf
+die Schulter und allmaehlich in die Arme sinken und nickte ein. Die
+Foehnluft wurde zum Ersticken heiss. Wulfrin und Graciosus verstummten
+ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch ausloeffelte und
+nach laendlicher Sitte zuletzt die Schuessel mit beiden Haenden an den
+Mund hob. Wulfrin betrachtete den jungen Nacken. Er enthielt sich
+nicht und beruehrte ihn mit den Lippen. Sie erwachte.
+
+"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie.
+"Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist,
+das aus dem Stifte--weisst du--, welches du bei deinem letzten Besuche
+der Mutter, der ich ueber die Schulter blickte, gezeigt hast."
+Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne.
+
+Palma suchte und fand das Blatt. Ueber dem lateinischen Texte war
+mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter
+den Arm abwehrend gegen ein Maedchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen
+schien. Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als
+den Helm, doch je laenger er das gemalte Maedchen beschaute, desto mehr
+begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu
+gleichen. Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis."
+
+"Erzaehle und deute, Gnadenreich", bat Palma. Graciosus blieb stumm.
+"Nun, so will ich erklaeren. Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie
+er anfangs war und mich wegstoesst."
+
+"Das ist nichts fuer dich, Palma!" wehrte Graciosus aengstlich, "lass!",
+und er entzog das Buch ihren Haenden.
+
+"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie. "Ich gehe lieber. Drueben
+am Hange sah ich bluehende Rosen in dichten Bueschen stehen. Ich will
+mir einen Kranz winden", und sie entsprang.
+
+Ein blendender Blitz fuhr ueber Pratum weg und dem Hoefling durch die
+Adern. "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt.
+
+"Weil es fuer Maedchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich.
+
+"Warum nicht?"
+
+"Die Schwester im Buche liebt den Bruder."
+
+"Natuerlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?"
+
+Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn
+suendig! sie begehrt ihn."
+
+Wulfrin entfaerbte sich und wurde totenbleich. "Schweig, Schurke!"
+schrie er mit entstellten Zuegen, "oder ich schleudere dich ueber die
+Mauer!"
+
+"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir? Bist du
+verhext? Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche
+weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte.
+"Ich beschwoere dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und lass dir sagen: das
+hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und luegnerisch hat er
+erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen
+und Heiden ein Greuel waere!"
+
+"Und du liesest so gemeine Buecher und ergoetzest dich an dem Boesen,
+Schuft?"
+
+"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich
+beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, dass ich den Versucher
+kenne und nicht unversehens in die Suende gleite!"
+
+Die Haende des Hoeflings zitterten und krampften sich ueber dem Blatte.
+
+"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstoere das Buch nicht! Es ist das
+teuerste des Stiftes!"
+
+"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Hoefling, und weil kein Herd da war als
+der lodernde des offenen Himmels, riss er das Blatt in Fetzen und warf
+sie hoch auf in den wirbelnden Sturm.
+
+Es trat eine Stille ein. Graciosus betrachtete stoehnend das
+verstuemmelte Buch, waehrend Wulfrin mit verschlungenen Armen und
+unheimlichen Augen bruetete. So beschlich ihn die zurueckkommende Palma
+und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete
+Haupt.
+
+Er fuhr zusammen, da er das Geflechte spuerte, zerrte es sich ab, riss
+es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten
+Maedchen zu Fuessen.
+
+Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Hoehe: "Du
+Abscheulicher! Tust du mir so?" Zornige Traenen drangen ihr hervor.
+"Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!"
+
+"Palma", befahl er, "gleich kehrst du nach Hause! Ueber die Alp!
+Wende dich nicht um! Ich gehe durch die Schlucht! Laeufst du mir ueber
+den Weg, so werfe ich dich in den Strom!"
+
+Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblaesse, das gestraeubte Haar,
+das unglueckliche Antlitz erfuellten sie mit Angst und Mitleid. Sie
+machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Haenden
+die pochenden Schlaefen halten. "Hinweg!" rief er und riss das Schwert
+aus der Scheide.
+
+Da wandte sie sich. Er blickte ueber die Bruestung und sah, wie sie in
+wildem Laufe durch die Alp eilte. Auch er verliess das Kastell und
+schlug, von dem nahen Tosen des Stromes gefuehrt, den Weg gegen die
+Schlucht ein, die furchtbarste in Raetien. Gnadenreich gab ihm kein
+Geleit.
+
+Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Strom wuetete, und er im
+Gestrueppe den Pfad suchte, stoerte sein Fuss oder der ihm vorleuchtende
+Wetterstrahl haessliches Nachtgevoegel auf, und eine pfeifende Fledermaus
+verwirrte sich in seinem Haare. Er betrat eine Hoelle. Ueber der
+rasenden Flut drehten und kruemmten sich ungeheure Gestalten, die der
+flammende Himmel auseinanderriss und die sich in der Finsternis wieder
+umarmten. Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schoenen
+Massen der Erde. Das war eine Welt der Willkuer, des Trotzes, der
+Auflehnung. Gestreckte Arme schleuderten Felsstuecke gegen den Himmel.
+Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger
+Leib ueber dem Abgrund. Mitten im weissen Gischt lag ein Riese, liess
+sich den ganzen Sturz und Stoss auf die Brust prallen und bruellte vor
+Wonne. Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fuehlte sich wohl
+unter diesen Gesetzlosen. Auch ihn ergriff die Lust der Empoerung, er
+glitt auf eine wilde Platte, liess die Fuesse ueberhangen in die Tiefe,
+die nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund.
+
+Da traf der starre Blick seines zurueckgeworfenen Hauptes auf ein Weib
+in einer Kutte, das am Wege sag. "Nonne, was hast du gefrevelt?"
+fragte er. Sie erwiderte: "Ich bin die Faustine und habe den Mann
+vergiftet. Und du, Herr, was ist deine Tat?"
+
+Lachend antwortete er: "Ich begehre die Schwester!"
+
+Da entsetzte sich die Moerderin, schlug ein Kreuz ueber das andere und
+lief so geschwind sie konnte. Auch er erstaunte und erschrak vor dem
+lauten Worte seines Geheimnisses. Es jagte ihn auf, und er floh vor
+sich selbst. Schweres Rollen erschuetterte den Grund, als oeffne er
+sich, ihn zu verschlingen. Von senkrechter Wand herab schlug ein
+maechtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in
+die aufspritzende Flut.
+
+Der Himmel schwieg eine Weile, und Wulfrin tappte in dunkler Nacht.
+Da erhellte sich wiederum die Schlucht, und auf einer ueber den Abgrund
+gestuerzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Fuessen
+gegen sich wandeln, und jetzt lag sie vor ihm und beruehrte seine Knie.
+
+"Was habe ich dir getan", weinte sie, "warum fliehst, warum
+verwuenschest du mich? Bruder, Bruder, was habe ich an dir gesuendigt?
+Ich kann es nicht finden! Siehe, ich muss dir folgen, es ist staerker
+als ich! Ich lief drueben, da sah ich den Steg. Toete mich lieber! Ich
+kann nicht leben, wenn du mich hassest! Tue, wie du gedroht hast!"
+
+Er stiess einen Schrei aus, ergriff, schleuderte sie, sah sie im
+Gewitterlicht gegen den Felsen fahren, taumeln, tasten und ihre Knie
+unter ihr weichen. Er neigte sich ueber die Zusammengesunkene. Sie
+regte sich nicht, und an der Stirn klebte Blut. Da hob er sie auf
+maechtigen Armen an seine Brust und schritt, ohne zu wissen wohin, das
+Liebe umfangend, dem Tale zu.
+
+Er hatte die Klus hinter sich, da sauste es an ihm vorueber, und er
+erblickte einen Knaben, der ein scheues Ross zu baendigen suchte. "He,
+Gabriel", rief er ihm nach, "sage der Richterin, sie rueste den Saal
+und richte das Mahl! Tausend Fackeln entzuendet! Malmort strahle!
+Ich halte Hochzeit mit der Schwester!" Der Sturm verschlang die
+rasenden Worte. Malmort mit seinen Tuermen stand schwarz auf dem noch
+wetterleuchtenden Nachthimmel.
+
+Mit seiner Last den Burgpfad emporsteigend, sah er oben Lichter hin-
+und herrennen. Dann begegnete er der geaengstigten Mutter, die ihm
+halben Weges entgegengeeilt war. "Wulfrin", flehte sie mit
+ausgestreckten Armen, "wo hast du Palma?" "Da nimm sie", sagte er und
+bot ihr die Leblose.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den
+schwarzschattenden Buescheln einer gewaltigen Arve, waehrend die Matten
+ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch,
+den wuerzigen Waldgeruch einatmend, heiter und gluecklich getraeumt von
+dem Wettspiel in einer roemischen Arena und im Speerwurf einen
+Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floss ruhig, und seine Stirne
+war hell.
+
+Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins
+Dunkel zurueckgewichen. Mit irren Fuessen, in ruhelosem Laufe, kreuz und
+quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit ueber
+Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestuerzt und in
+einen bleiernen Schlaf versunken.
+
+Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Huegeln umgebenen Wiese,
+fernab von dem Gelaeute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Nur ein
+Specht haemmerte, und zwei Eichhoerner tummelten und neckten sich in der
+Mitte ihres gruenen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den
+Augen und schaute umher. Da entdeckte er ueber dem Huegelrande die
+Giebel und Turmspitzen von Malmort. Er liess sich auf dem Hange
+gleiten, und sie verschwanden.
+
+Allmaehlich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er
+misstraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht
+der Starke und Freie, der Froehliche und Zuversichtliche, der dem
+Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt? Was
+war denn geschehen? Eine raetselhafte Frau hatte ihn uebermocht, zu
+beschwoeren, was er nicht bezweifelte. Ein Maedchen, das sich in der
+Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen,
+war ihm zugesprungen und hatte sich naerrisch ihm an den Hals gehaengt.
+Ein tueckischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer
+ausschweifenden Fabel oder der heisse Hauch des Foehnes oder was es
+sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betoert und verstoert. Und was er
+an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie haette sie den
+gaehnenden Abgrund ueberschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der
+Gewitternacht.
+
+"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich
+ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches
+Mitleid und die inbruenstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er
+misshandelt und vernichtet hatte. Er sah sie mit allen ihren Gebaerden,
+jedes ihrer suessen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute
+in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden. Jetzt fuehlte er sie,
+die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wusste, dass
+sie noch lebte und atmete. "Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er
+und wieder: "Palma! Palma!"
+
+"--Palma!" wiederholte das Echo.
+
+"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte.
+
+Ein toedlicher Schauer durchrieselte sein Mark. Sich auf die Rechte
+stuetzend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach
+der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde. "Es sitzt!" aechzte er.
+"ich bin der Schrankenlose, der Uebertreter, der Verdammte! Ich muss
+sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel
+beleidigt? wodurch habe ich die Hoelle gelockt?" Rasch uebersann er sein
+Leben, er fand darin keinen Makel, nur laesslichen Fehl. "Nun, wen's
+trifft, den trifft's! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme
+gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der
+Walstatt. Es geht vorueber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein
+Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter
+grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste
+Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Haende vor das
+Angesicht und schluchzte...
+
+Maehlich verlaengerten sich die Schatten, und es wurde still ueber der
+Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Ohne das Haupt
+zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er
+wusste, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jaehesten Abgrund
+zu fuehren.
+
+"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze
+mich zu dir", und Frau Stemma liess sich neben ihn auf das Moos gleiten
+in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Fuesse
+verhuellte.
+
+"Beruehre mich nicht!" schrie er und warf sich zurueck. "Ich bin ein
+Unseliger!"
+
+"Ich suchte dich lange", sagte sie. "Warum bliebest du ferne? Dir
+ist bange fuer Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in
+tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzaehlt, wie euch gestern
+das Gewitter in der Schlucht ueberraschte, wie sie glitt und die
+Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du sie getragen."
+
+Wulfrin blieb stumm.
+
+"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu
+zerschmettern?"
+
+Er nickte.
+
+Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und beruehrte wiederum
+seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst
+sie!" Sie fuehlte, wie der Hoefling vom Wirbel zur Zehe zitterte.
+
+"Es ist entsetzlich", stoehnte er.
+
+"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklaerlich ist es nicht. Ihr
+seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und
+Gestalten nicht gewoehnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr
+euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe
+und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind
+eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht laenger die
+himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem
+schoepferischen Feuer der Erde."
+
+Er antwortete nicht, kaum dass er ihre Worte gehoert hatte, sondern
+murmelte zaertlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist
+ein gar seltsamer und schoener Name!"
+
+Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus
+dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufspriesst, und, bei meinem
+Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und toete ich!
+Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein
+Haerchen der Wimper, nicht den aeussersten Saum des Kleides versengt.
+Ungluecklicher, wie ist ein solches Leiden ueber dich gekommen?"
+
+"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel
+warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloss ich das Ohr.
+Ich bog ab und fiel in die Haende der Lombarden. Warum hast du den
+Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie
+er verzweifelnd auf und ergriff und presste den Arm der Richterin, die
+finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte
+Gottes--"
+
+"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie.
+
+"Ist sie meine Schwester?"
+
+"Wie sonst? Ich weiss es nicht anders. Was denkst du dir?"
+
+"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzuege eine Suende!"
+Er sprang auf, waehrend sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so dass er
+sie mit sich emporzog.
+
+"Wohin, Wulfrin? In eine Tiefe? Nein, du darfst diesen starken Leib
+und dieses tapfere Herz nicht zerstoeren! Nimm dein Ross und reite!
+Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter deine Waffenbrueder! Ein
+paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!"
+
+"Das geht nicht", sagte er jammervoll. "Wir leiden nicht den
+geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verraeterisch die
+Schande unter uns verstecken?"
+
+"So stachle dein Ross, reite Tag und Nacht, ueber Berg und Flaeche,
+springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie
+und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir
+aus der Blaeue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die
+Schoenheit als Beute!"
+
+"Was huelfe es?" sagte er. "Sie zoege mit mir, die Nixe truege ihr
+Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr
+vermaehlt ewiglich. Nein, ich kann nicht leben!"
+
+"Das ist Feigheit!" sprach sie leise.
+
+Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er
+baeumte sich auf. "Du hast recht, Frau!" schrie er. "Ich darf nicht
+als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und
+verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel
+bekennen und die Suehne leisten!" So rief er in zorniger Empoerung, dann
+aber besaenftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Loesung
+gefunden, die ihm ziemte.
+
+"Unsinn!" sagte sie. "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem
+Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat
+aber und nur die Tat ist richtbar."
+
+"Frau, das wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere
+zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Hoefling begehrt
+das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so, er kann nicht
+anders. Schaffe den Suender aus der Welt! Und spricht der Kaiser: Die
+Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit
+jedem Atemzuge!"
+
+"Auf suendiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer."
+
+Wulfrin lachte.
+
+"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Bloesse?"
+
+"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin."
+
+"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Suende zu
+tragen?"
+
+"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er veraechtlich.
+
+"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?"
+
+"Du!"
+
+"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam.
+
+Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam
+die Ruhe des Abends ueber ihn. Er blieb unter seiner Arve, bis die
+Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Und wie sie mit gebrochenen
+Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verstroemte, erlosch er mit
+ihr und sah sich die Schwester, wie das Spaetlicht, im gruenen Gewande
+und auf stillen Sohlen nachschreiten. Das aufgegebene Schwert reute
+ihn nicht. "Sie werden drueben einen Krieger brauchen", sagte er sich
+und wandelte schon unter den seligen Helden.
+
+Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn
+er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen,
+ohne dass er Malmort und die Stapfen der Schwester beruehre. Beide
+wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen. Er gelangte an den Strom,
+der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit ueberflutete.
+Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstueck zu lagern und
+wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufliessen. Er wurde sich
+selbst zum Traume.
+
+Da sah er Elb oder Elbin tauchen. Es schwamm weiss im Strome, ein
+Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die
+Hoehe, das der Mond versilberte. Er erkannte sein entwendetes Erbteil
+und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe.
+
+"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich! Glueck ueber
+dir! Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder
+umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor.
+
+"Schon heute mittag", erzaehlte er, "sah ich es beim Fischen auf dem
+Grunde. Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und musste die
+Nacht erwarten. Hat es schon lange gelegen?" Er schuettelte das Horn
+und liess das Wasser sorgfaeltig aus der Bauchung abtropfen. "Wenn es
+nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stiess darein, dass
+die Berge widerhallten. "Hier, Herr!" sagte er. "Wahrhaftig, es hat
+ihm nichts getan. Ein wackeres Schlachthorn!"
+
+Wulfrin ergriff es und hing es sich um. Als er sich aber einen
+Goldring--irgendein Beutestueck--von der Hand ziehen wollte, um den
+Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel. "Nein, Herr, lege lieber ein Wort
+fuer mich ein, dass mich der Kaiser mitreiten laesst! Doch jetzt muss ich
+heim! Ich habe noch in den Staellen zu tun. Kommst du mit? Ich weiss
+Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein
+Hinterpfoertchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege."
+
+Und Wulfrin folgte. Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte
+seine Sinne und Geister erwaermt. Der Wiedergewinn seines Erbes weckte
+das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf. Und obwohl aus
+dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch ueber dem Strom
+ein Schimmer von Geisterhilfe. "Am Ende ist es der Vater", sagte er
+sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann. Wenn er noch irgend
+da ist, laesst er mich nicht elend umkommen. Ich will ihn rufen.
+Vielleicht antwortet er. Es ist ein Glaube, dass der Tote aus dem
+Grabmal mit seinen Kindern redet. Ich wage es! Ich blase ihn wach!
+Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind? Redet er nicht,
+so nickt er wohl oder schuettelt das Haupt." Obschon der Hoefling an
+Stemma nicht zweifelte, deren Wesen ueber ihn Gewalt hatte, focht ihn
+doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der
+Frage an den Toten wenig an. Er fuehlte einfach, dass er den
+Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten muesse, ehe
+er sich anklage und sich richten lasse. Aber seine Ruhe war weg, sein
+Geist gespannt, und er hoerte kein Wort von dem, was der Knabe
+unterweges plauderte.
+
+Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der
+Emporklimmende ueber dem Burgfelsen aufsteigen sah. Aus der Ferne und
+Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie hasste und den sie
+vernichtet zu haben glaubte. Waehrend ihr Kind auf dem Lager
+schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder. Sie vergegenwaertigte
+sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja
+unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, dass sie
+und wie sie ueber ihn richten werde.
+
+War es denkbar, dass sich die Natur so verirrte? dass ein so lauterer
+Mensch in eine solche Suende verfiel? War es nicht wahrscheinlicher,
+dass hier Irrtum oder Luege Bruder und Schwester gemacht hatte? So
+haette die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, waere sie
+nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen. Aber sie durfte nicht
+untersuchen, denn sie haette etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine,
+zerstoerte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen muessen, das
+sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.
+
+Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Suende des
+Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhaengnis.
+"Gilt es mir? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet? Ist eine
+Verschwoerung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein.
+
+Da hatte sie ein Gesicht. Sie erblickte mit den Augen des Geistes
+durch die daemmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein
+gewaltiges Weib von furchtbarer Schoenheit. Diese sass in langen,
+blauen Gewanden, eine Tafel auf das uebergelegte Knie gestuetzt, einen
+Griffel in der Hand, schreibend oder zaehlend, irgendeine Loesung
+suchend. Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Laecheln ueber
+den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist
+so einfach!
+
+Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenueber zu sehen und
+trotzte ihr, Weib gegen Weib. "Das bringst du nicht heraus! Du
+findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Haenden
+empor ueber die sonnenhellen Augen und verschwand. "Du hast keine
+Zeugen!" rief ihr die Richterin nach. Ihr antwortete ein
+erschuetternder Ruf, der aus allen Waenden, aus allen Mauern drang, als
+werde die Posaune geblasen ueber Malmort.
+
+Stemma erbebte. Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in
+den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge. Palma war nicht erwacht,
+sie schlief ruhig fort. Die Richterin besann sich. Hatte der
+grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Raeume, diese
+Mauern erschuettert? Muesste Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer
+aufgefahren sein? Es war unmoeglich, dass der gewaltige Ruf sie nicht
+geweckt haette. Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen
+unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die
+Sprache der ueberreizten Sinne. Sie hatte es erfahren an den
+Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst. "Das Ohr hat mir
+geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte.
+
+Haette sie durch Dielen und Mauern blicken koennen, so sah sie den
+bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stiess,
+ihn ruehrend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen. Sie
+haette gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern
+Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd ueber die Mauer sprang.
+
+Wieder schuetterte Malmort in seinen Tiefen, staerker noch als das
+erstemal. Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie
+mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugaengliche Tiefen
+hatte versinken sehen. Sie sann an dem aengstlichen Raetsel und konnte
+es nicht loesen. Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt
+stuermte.
+
+Da fiel ihr zur boesen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe
+sitze und mit dem schweren Kopfe unablaessig daran herumarbeite, ob
+Frau Stemma ihm ein Leides getan. "Er besucht sein Grabmal und stoesst
+in sein Horn! Er stoert die Nacht! Er verwirrt Malmort! Er schreckt
+das Land auf! Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe
+den Empoerer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht ueber diese Stirn.
+
+Ohne sich nach Palma umzusehen, stuerzte sie zornig die Wendeltreppe
+hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der
+Gruft lagen. Darueber webte ein ungewisser Daemmer, da eine leichte
+Wolke den Mond verschleierte. Der Comes liess sein Horn zurueckgleiten,
+und die steinerne Stemma hob die Haende, als flehe sie: Huete das
+Geheimnis!
+
+Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestoerer. "Arglistiger",
+schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in
+Aufruhr? Ich weiss, worueber du bruetest, und ich will dir Rede stehen!
+Keine Maid hat dir der Judex gegeben! Ich trug das Kind eines andern!
+Du durftest mich nie beruehren, Trunkenbold, und am siebenten Tage
+begrub dich Malmort! Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Flaeschchen
+aus dem Busen. "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte?
+Dummkopf, mich schuetzte ein Gegengift! Jetzt weisst du es! Palma
+novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht! Und jetzt quaele mich
+nicht mehr!"
+
+So grelle und freche Worte redete die Richterin.
+
+Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie
+wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag. Die
+furchtbare Geschichte kuemmerte ihn nicht, er lag regungslos mit
+gestreckten Fuessen. Jetzt sah sie, dass sie zum Steine gesprochen, und
+schlug eine Lache auf. "Heute bin ich eine Naerrin!" sagte sie. "Ich
+will zu Bette gehen."
+
+Sie wandte sich. Palma novella stand hinter ihr, weiss, mit
+entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen. Der
+zweite Hornstoss hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf
+besorgten Zehen nachgeschlichen.
+
+Zwei Gespenster standen sich gegenueber. Dann packte Stemma den Arm
+des Maedchens und schleppte es in die Burg zurueck. Sie selbst hatte
+ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser
+Zeuge war ihr Kind.
+
+
+
+
+Fuenftes Kapitel
+
+
+Seit der Hoefling aus Malmort verschwunden war, lastete auf den
+schweren Mauern Schweigen und Kuemmernis. Das Gesinde munkelte
+allerlei, und Knechte und Dirnen steckten die Koepfe zusammen. Die
+junge Herrin sei krank. Es sei ihr angetan worden. Irgendein
+Zauber--ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut
+verschluckt oder aus einem schaedlichen Quell getrunken--habe die
+Aermste der Vernunft beraubt. Ihr mangle der Schlummer, sie weine
+unablaessig und lasse sich weder troesten noch auch nur beruehren. Ihr
+widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe. Die Laute
+und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reissen duenn
+geworden. Die bekuemmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt
+und duerfe sie nicht aus den Augen lassen.
+
+Zwei Maegde standen am Brunnen zusammen und fluesterten. Benedicta war
+der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr
+gebuehrlich die Hand kuessen. Palma sei angstvoll zurueckgewichen und
+habe aufgeschrien: "Ruehre mich nicht an!" Veronica hatte durch das
+Schluesselloch gespaeht und was erblickt? etwas ganz Unglaubliches: die
+stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen, ihm liebkosend die
+Knie umfangend und um die Gnade flehend, dass es den Mund oeffne und
+einen Bissen beruehre.
+
+Die Maegde verstummten, hoben sich die Kruege zu Haupte und drueckten
+sich, eine hinter der andern, waehrend langsam die Richterin mit Palma
+aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt. Frau Stemma
+stuetzte das Maedchen, das, elend und zerstoert, sich selbst nicht mehr
+gleichsah. Palma ging mit gebeugtem Ruecken und unsichern Knien. Gross,
+doch ohne Strahl und Waerme, traten die Augen aus dem vermagerten
+Antlitz. "Komm, Kindchen", sagte Frau Stemma, "du musst Luft schoepfen",
+und sie oeffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese
+fuehrte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghoehe
+bekleidete und ueber die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in
+eine lichte Ferne verlief.
+
+Sie setzten sich auf eine Bank, und Frau Stemma betrachtete ihr Kind.
+Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen ueber die
+Verwuestung des einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb aufrecht und
+guertete sich mit ihrer letzten Kraft. "Wie", sagte sie sich, "Mir
+gelaenge es nicht, dieses Gehirnchen zu betoeren, dieses Herzchen zu
+ueberwaeltigen?"
+
+"Mein Kind", begann sie, "hier sind wir allein. Lass uns noch einmal
+recht klar und klug miteinander reden"--
+
+"Wenn du willst, Mutter."--"miteinander reden von dem Wahne jener
+Nacht. Ich wachte, du schliefest. Da laermt es im Hofe. Ich gehe
+hinunter, es war nichts, und ich lache ueber meinen leeren Schrecken.
+Ich wende mich. Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren
+Augen. Ich ergreife dich und fuehre dich in das Haus zurueck. Und du
+erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und
+zugrunde richtet."
+
+"Ja und nein, Mutter. Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen
+und folge dir auf dem Fusse. Du standest im Hofe vor den Steinbildern
+und schaltest den Vater und erzaehltest ihm"--sie hielt schaudernd inne.
+
+"Was erzaehlte ich?" fragte die Richterin.
+
+"Du sagtest"--Palma redete ganz leise--"dass ich nicht sein Kind bin.
+Du sagtest, dass ich schon unter deinem Herzen lag. Du sagtest, dass du
+und ich ihn getoetet haben."
+
+"Liebe Toerin", laechelte Frau Stemma, "nimm all dein Denken zusammen
+und verliere keines meiner Worte. Ich haette mit einem Steine geredet?
+als eine Aberglaeubische? oder eine Naerrin? Kennst du mich so? Und du
+waerest nicht das Kind des Comes? Mit wem war ich denn sonst vermaehlt?
+Habe ich dir nicht erzaehlt, dass ich eine Gefangene war auf Malmort,
+bis mich der Comes freite? Und ich haette den Gatten getoetet? Ich,
+die Richterin und die Aerztin des Landes, haette Gifte gemischt? Kannst
+du das glauben? Haeltst du das fuer moeglich?"
+
+"Nein, Mutter, nein! Und doch, du hast es gesagt!"
+
+"Palma, Palma, misshandle mich nicht! Sonst muesste ich dich hassen!"
+
+Palma brach in trostlose Traenen aus und warf sich gegen die Brust der
+Mutter, die das schluchzende Haupt an sich presste. "Du bringst mich
+um mit deinem Weinen", sagte sie. "Glaube mir doch, Naerrchen!"
+
+Palma hob das Angesicht und blickte um sich. "Weidet hier am Rande
+ein Zicklein, Mutter?"
+
+"Ja, Palma."
+
+"Laeutet dort Maria in valle?" Sie wies ein im Tale schimmerndes
+Kloster.
+
+"Ja, Palma."
+
+"Ebenso wahr, als ich jetzt nicht traeume und das Zicklein weidet und
+das Kirchlein laeutet, ebensowenig habe ich getraeumt, dass du vor
+Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast. Es war so, es ist so.
+Du spraechest immer die Wahrheit, Mutter."
+
+"Ich sage dir, Palma, es ist ein Traum. Und ich will, dass es ein
+Traum sei."
+
+Palma erwiderte sanft: "Beluege mich nicht, Mutter! Habe ich doch
+vorhin, da du mich an dich presstest, den scharfen Kristall empfunden,
+welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast."
+
+Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr
+Kind, glitt aber langsam auf die Bank zurueck, und nachdem sie eine
+Weile in den Boden gestarrt, sagte sie: "Waere es so und haette ich so
+getan, so waere es deinetwegen."
+
+"Ich weiss", sagte Palma traurig.
+
+"Habe ich es getan", wiederholte Stemma, "so tat ich es dir zuliebe.
+Ich toetete, damit mein Kind rein blieb."
+
+Palma zitterte.
+
+"Warum hast du dich in mein Geheimnis gedraengt, Unselige?" fluesterte
+Stemma ingrimmig. "Ich huetete es. Ich verschonte dich. Du hast es
+mir geraubt! Nun ist es auch das deinige, und du musst es mir tragen
+helfen! Lerne heucheln, Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst!
+Aber wo sind deine Gedanken? Du bist abwesend! Wohin traeumst du?"
+
+"Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise, und eine schwache
+Roete glomm und verschwand auf den gehoehlten Wangen.
+
+"Ich weiss nicht", sagte die Richterin.
+
+"Jetzt verstehe ich, dass er mich verabscheut", jammerte Palma. "O ich
+Elende! Er stoesst mich von sich, weil er Mord an mir wittert. Mir
+graut vor meinem Leibe! Laege ich zerschmettert!"
+
+"Aengstige dich nicht! Wulfrin hat keinen Argwohn. Er ist glaeubig und
+er traut."
+
+"Er traut!" schrie Palma empoert. "Dann eile ich zu ihm und sage ihm
+alles wie es ist! Ich laufe, bis ich ihn finde!" Sie wollte
+aufspringen, die Mutter musste sie nicht zurueckhalten, erschoepft und
+entkraeftet sank sie ihr in den Schoss.
+
+"Ich verrate dich, Mutter!"
+
+"Das tust du nicht", sagte Stemma ruhig. "Mein Kind wird nicht als
+Zeugin gegen mich stehen."
+
+"Nein, Mutter."
+
+Die Richterin streichelte Palma. Diese liess es geschehen. Darauf
+sagte sie wieder: "Mutter, weisst du was? Wir wollen die Wahrheit
+bekennen!"
+
+Frau Stemma bruetete mit finstern Blicken. Dann sprach sie: "Foltere
+mich nicht! Auch wenn ich wollte, duerfte ich nicht. Dieser wegen!",
+und sie deutete auf ihr Gebiet. "Wuerde laut und offenbar, dass hier
+waehrend langer Jahre Suende Suende gerichtet hat, irre wuerden tausend
+Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du
+musst schweigen!"
+
+"So will ich schweigen!"
+
+"Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloss ihr den Mund
+mit einem Kusse. "Aber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren
+brechend, und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der
+Mutter. Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die
+Burg zurueck.
+
+Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stuecklein Brot. Sie
+kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der
+Entkraefteten. Diese wandte sich ab.
+
+Da bat und flehte die Richterin: "Nimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!"
+Jetzt wollte Palma gehorchen und oeffnete den entfaerbten Mund, doch er
+versagte den Dienst.
+
+Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille.
+Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr
+und steinern. Dann verklaerte sich das Angesicht der Richterin, und
+ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle.
+
+"Palma", sagte sie zaertlich, und dieser warme Klang, hob die Lider des
+Kindes, "Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort.
+Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da
+freuten sich die Augen Palmas, und ihre Pulse schlugen.
+
+"Nimm den Bissen", sagte die Richterin und speiste und traenkte ihr
+Kind.
+
+Sie fuehrte die Neubelebte in den Hof zurueck. In der Mitte desselben
+stand Rudio, noch keuchend vom Ritte. "Heil und Ruhm dir, Herrin!"
+frohlockte er. "Ich melde den Kaiser! Der Hoechste sucht dich heim!
+Er naht! Er zieht maechtig heran und mit ihm ganz Raetien!"
+
+"Dafuer sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. "Komm, Kind, wir
+wollen uns schmuecken!"
+
+Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte, hiess er
+Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurueckbleiben und betrat allein den
+Hof von Malmort. Stemma und Palma standen in weissen Gewaendern. Die
+Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma
+hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und
+sagte: "Du bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft
+empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast.
+Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkuer entartet. Ich will
+diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weisst du mir den Mann?"
+
+"Ich weiss ihn", antwortete die Richterin. "Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs,
+dein Hoefling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtglaeubig
+und unerfahren, doch die Jahre reifen."
+
+"Ich fuehre ihn mit mir", sprach der Kaiser, "aber als einen, der sich
+selbst anklagt und dein Gericht begehrt, sich so grossen Frevels
+anklagt, dass ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter
+diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg
+hat mein Ross an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich
+liess sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle."
+
+Er daempfte die Stimme: "Frau, was verbirgt Malmort? Waerest du eine
+andere, als die du scheinest, und stuendest du ueber einem begrabenen
+Frevel, so waere deine Waage falsch und dein Gericht eine
+Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier ruehmlich gewaltet. Gib
+dich in meine Haende. Mein ist die Gnade. Oder getraust du dich,
+Wulfrin zu richten?"
+
+"Herr", antwortete sie, "ich werde ihn und mich richten unter deinen
+Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt. Sie
+leuchtete von Wahrheit. "So walte deines Amtes", sagte er.
+
+Dann ging er auf das kniende Maedchen zu. "Palma novella!" sagte er
+und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit flehenden und
+vertrauenden Augen, und sein Herz wurde geruehrt.
+
+"Rudio", gebot die Richterin, "bringe Faustinen her!" Der Kastellan
+gehorchte und trug die Buerde herbei, die er an den Grabstein lehnte.
+"Jetzt tue auf das Tor und oeffne es weit! Alles Volk trete ein und
+sehe und hoere!"
+
+Da waelzte sich der Strom durch die Pforte und fuellte den Raum. Die
+Hoeflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen,
+waehrend die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm,
+ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des
+Kaisers ragte, in langem, blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Neben
+ihm Stemma und ihr Kind. Vor den dreien stand Wulfrin und sprach, den
+Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: "Jetzt richte mich!"
+
+"Gedulde dich!" sagte sie. "Erst rede ich von dieser", und sie wies
+auf die entseelte Faustine, die mit gebrochenen Augen und haengenden
+Armen an der Gruft sass.
+
+"Raeter", sprach sie, und es wurde die tiefste Stille, "ihr kennet jene
+dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofuer ihr
+sie hieltet. Nun ist ihr Mund verschlossen, sonst riefe er: Ihr irret
+euch in mir! Ich bin eine Suenderin. Ich, die das Kind eines andern
+im Schosse barg, habe den Mann gemordet"--
+
+"Frau", schrie Wulfrin ungeduldig, "was bedeutet die Magd! Mich lass
+reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!"
+
+"Nun denn! Aber zuerst, Wulfrin--nicht wahr, wenn diese hier"--sie
+zeigte Palma--"nicht das Kind deines Vaters, nicht deine Schwester,
+sondern eine andere und Fremde waere, dein Frevel zerfiele in sich
+selbst?"
+
+"Frau, Frau!" stammelte er.
+
+"Kaiser und Raeter", rief Stemma mit gewaltiger Stimme, "ich habe getan
+wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den
+Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hoert! Nicht ein
+Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm
+scheidend zwischen Wulfrin und Palma. "Hoert! hoert! Kein Tropfen
+gleichen Blutes fliesst in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt
+ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Stemmas
+und Peregrins des Klerikers, hat das Geheimnis meiner Tat belauscht.
+Sie glaubt daran und stirbt darauf, dass ich wahr rede. Gib Zeugnis,
+Palma!"
+
+Aller Augen richteten sich auf das Maedchen, das mit gesenktem Haupte
+dastand. Palma bewegte die Lippen.
+
+"Lauter!" befahl die Richterin.
+
+Jetzt sprach Palma hoerbar den Vers der Messe: "Concepit in
+iniquitatibus me mater mea..."
+
+Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stuerzte auf die Knie und
+murmelte: "Miserere mei!" Wulfrin streckte die Arme und rief gen
+Himmel: "Ich danke dir, dass ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat
+zu Palma und huellte sie in seinen Mantel.
+
+"Nun richte du, Kaiser!" sprach Stemma.
+
+"Richte dich selbst!" antwortete Karl.
+
+"Nicht ich", sagte sie, wendete sich zu dem Volke und rief:
+"Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?"
+
+Es redete, es rief, es droehnte: "Gottesurteil!"
+
+Da sprach die Richterin feierlich: "Erstorbenes Gift, erstorbene Tat!
+Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte den Kristall aus dem Busen
+gehoben und geleert.
+
+Eine Weile stand sie, dann tat sie einen Schritt und einen zweiten
+wankenden gegen Wulfrin. "Sei stark!" seufzte sie und brach zusammen.
+Rudio neigte sich ueber die Tote, hob sie auf seine Arme und trug sie
+zu Faustinen. Dort sass sie am Grabe, die Hoerige aber neigte sich und
+legte das Antlitz in den Schoss der Herrin.
+
+Jetzt enthuellte der Kaiser das Maedchen, das einen jammervollen Blick
+nach der Mutter warf, faltete die Haende und gebot. "Oremus pro magna
+peccatrice!" Alles Volk betete.
+
+Dann sagte er mit milder Stimme: "Was wird aus diesem Kinde? Ich
+ziehe nicht, bis ich es weiss. Wie raetst du, Alcuin?"
+
+"Sie tue die Geluebde!" rief der Abt.
+
+"Ehe sie gelebt hat?" schrie Wulfrin angstvoll.
+
+"Dann weiss ich ein anderes. Graciosus"--der Abt hielt ihn an der
+Hand--"dieser hier, ein frommer Juengling, hat ein Wohlgefallen an der
+Aermsten"--
+
+"Herr Abt", unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich, "das geht ueber
+Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Moerderin. Alle guten
+Geister loben Gott den Herrn!"
+
+Wulfrin sprang in die Mitte. "Kaiser und ihr alle", rief er, "mein
+ist Palma novella!"
+
+Da redete Karl: "Sohn Wulfs, du freiest das Kind seiner Moerderin?
+Ueberwindest du die Daemonen?"
+
+"Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, dass ich sie
+ueberwaeltige!"
+
+Karl hiess das Maedchen knien und legte ihr die Haende auf das Haupt.
+"Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war!
+Dieser folge mir ins Feld! Gott entscheide! Kehrt er zurueck und
+stoesst er ins Horn, so freue dich, Palma novella, fuelle den Becher und
+vollende den Spruch! Dann entzuendet Rudio die Brautfackel und
+schleudert sie in das Gebaelke von Malmort!"
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Richterin, von Conrad
+Ferdinand Meyer.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE RICHTERIN ***
+
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+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
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+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
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+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
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+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
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+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
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+You can get up to date donation information online at:
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+you can always email directly to:
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+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
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+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
diff --git a/old/7drct10.zip b/old/7drct10.zip
new file mode 100644
index 0000000..9f9efd6
--- /dev/null
+++ b/old/7drct10.zip
Binary files differ
diff --git a/old/8drct10.txt b/old/8drct10.txt
new file mode 100644
index 0000000..97b9dde
--- /dev/null
+++ b/old/8drct10.txt
@@ -0,0 +1,3312 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Richterin, by Conrad Ferdinand Meyer
+
+Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
+copyright laws for your country before downloading or redistributing
+this or any other Project Gutenberg eBook.
+
+This header should be the first thing seen when viewing this Project
+Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the
+header without written permission.
+
+Please read the "legal small print," and other information about the
+eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is
+important information about your specific rights and restrictions in
+how the file may be used. You can also find out about how to make a
+donation to Project Gutenberg, and how to get involved.
+
+
+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
+
+**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**
+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Die Richterin
+
+Author: Conrad Ferdinand Meyer
+
+Release Date: January, 2006 [EBook #9632]
+[This file was first posted on October 11, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE RICHTERIN ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen
+
+
+
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format,
+known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email--
+and one in 8-bit format, which includes higher order characters--
+which requires a binary transfer, or sent as email attachment and
+may require more specialized programs to display the accents.
+This is the 8-bit version.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Die Richterin
+
+Novelle
+
+Conrad Ferdinand Meyer
+
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+
+"Precor sanctos apostolos Petrum er Paulum!" psalmodierten die Mönche
+auf Ara Cöli, während Karl der Große unter dem lichten Himmel eines
+römischen Märztages die ziemlich schadhaften Stufen der auf das
+Kapitol führenden Treppe emporstieg. Er schritt feierlich unter der
+Kaiserkrone, welche ihm unlängst zu seinem herzlichen Erstaunen Papst
+Leo in rascher Begeisterung auf das Haupt gesetzt. Der Empfang des
+höchsten Amtes der Welt hatte im Ernste seines Antlitzes eine tiefe
+Spur gelassen. Heute, am Vorabend seiner Abreise, gedachte er einer
+solennen Seelenmesse für das Heil seines Vaters, des Königs Pippin,
+beizuwohnen.
+
+Zu seiner Linken ging der Abt Alcuin, während ein Gefolge von
+Höflingen, die aus allen Ländern der Christenheit zusammengewählte
+Palastschule, sich in gemessener Entfernung hielt, halb aus
+Ehrerbietung, halb mit dem Hintergedanken, in einem günstigen
+Augenblicke sich sachte zu verziehen und der Messe zu entkommen. Die
+vom Wirbel zur Zehe in Eisen gehüllten Höflinge schlenderten mit
+gleichgültiger Miene und hochfahrender Gebärde in den erlauchten
+Stapfen, die Begrüßung der umstellenden Menge mit einem kurzen
+Kopfnicken erwidernd und sich über nichts verwundern wollend, was
+ihnen die Ewige Stadt Großes und Ehrwürdiges vor das Auge stellte.
+
+Jetzt hielten sie vor der ersten Stufe, während oben auf dem Platze
+Karl mit Alcuin bei dem ehernen Reiterbilde stillestand. "Ich kann es
+nicht lassen", sagte er zu dem gelehrten Haupte, "den Reiter zu
+betrachten. Wie mild er über der Erde waltet! Seine Rechte segnet!
+Diese Züge müssen ähnlich sein."
+
+Da flüsterte der Abt, den der Hafer seiner Gelehrsamkeit stach: "Es
+ist nicht Constantin. Das hab ich längst heraus. Doch ist es gut,
+daß er dafür gelte, sonst wären Reiter und Gaul in der Flamme
+geschmolzen." Der kleine Abt hob sich auf die Zehen und wisperte dem
+großen Kaiser ins Ohr: "Es ist der Philosoph und Heide Marc Aurel."
+"Wirklich?" lächelte Karl.
+
+Sie gingen der Pforte von Ara Cöli zu, durch welche sie verschwanden,
+der Kaiser schon in Andacht vertieft, so daß er einen netten jungen
+Menschen in rätischer Tracht nicht beachtete, der unferne stand und
+durch die ehrfürchtigsten Grüße seine Aufmerksamkeit zu erregen suchte.
+
+"Halt, Herren", rief einer der inzwischen bei dem Reiterbilde
+angelangten Höflinge und fing rechts und links die Hände der neben ihm
+Wandelnden, "jetzt, da alles treibt und schwillt"--Erd- und Lenzgeruch
+kam aus nahen Gärten--, "will ich meinen Becher und was mir sonst lieb
+ist mit Veilchen bekränzen, aber keinen Weihrauch trinken, am
+wenigsten den einer Totenmesse. Ich habe hier herum eine Schenke
+entdeckt mit dem steinernen Zeichen einer saugenden Wölfin. Das hat
+mir Durst gemacht. Sehen wir uns noch ein bißchen den Reiter an und
+verduften dann in die Tabernen."
+
+"Wer ist's?" fragte einer.
+
+"Ein griechischer Kaiser"
+
+"Den setzen wir ab"--
+
+"Wie er die Beine spreizt!"--
+
+"Reitet der Kerl in die Schwemme?"--
+
+"Holla, Stallknecht!"--
+
+"Nettes Tier!"--
+
+"Wülste wie ein Mastschwein!"
+
+So ging es Schlag auf Schlag, und ein frecher Witz überblitzte den
+andern. Das antike Roß wurde gründlich und unbarmherzig kritisiert.
+
+Der artige Räter hatte sich nach und nach dem Kreise der Spötter
+genähert. Seine Absicht schien, zwischen zwei Gelächtern in ihre
+Gruppe zu gelangen und auf eine unverfängliche Weise mit der Schule
+anzuknüpfen. Aber die Höflinge achteten seiner nicht. Da faßte er
+sich ein Herz und sprach in vernehmlichen Worten zu sich selbst:
+"Erstaunliche Sache, diese Palastschule, und ein Günstling des Glücks,
+wer ihr angehören darf!"
+
+Über eine gepanzerte Schulter wendete sich ein junger Rotbart und
+sprach gelassen: "Wir schwänzen sie meistenteils." Dann kehrte sich
+der ganze Höfling, ein baumlanger Mensch, und fragte den Räter mit
+einem spöttischen Gesichte: "Welcher Eltern rühmst du dich, Knabe?"
+
+Dieser gab vergnügten Bescheid. "Ich bin der Neffe des Bischofs Felix
+in Chur und mit seinen Briefen an den Heiligen Stuhl geschickt."
+
+"Räter", sprach der Lange ernsthaft, "du bist an den Quell der
+Wahrheit gesendet. Hier stehst du auf den Schwellen der Apostel und
+über den Grüften unzähliger Bekenner. Lege wahrhaftes Zeugnis ab und
+bekenne tapfer: Ich bin der Sohn des Bischofs."
+
+Eben intonierten die Mönche von Ara Cöli mit jungen und markigen
+Stimmen die dunkle Klage und flehende Entschuldigung: "Concepit in
+iniquitatibus me mater mea!"
+
+"Hörst du", und der Höfling deutete nach der Kirche, "die dort wissen
+es!" Der ganze Haufe schlug eine schallende Lache auf.
+
+Der kluge Bischofsneffe hütete sich, in Zorn zu geraten. Mit einem
+flüchtigen Erröten und einer leichten Wendung des Kopfes sagte er.
+"Bischof Felix, der im Schatten seiner Berge die aus eurer Schule
+aufsteigende Sonne der Bildung mit frommem Jubel begrüßt, hat mir den
+Auftrag gegeben, für seine jung gebliebene Lernbegierde einige
+Hauptschriften der erwachenden Wissenschaft und insbesondere das
+unvergleichliche Büchlein der Disputationen des Abtes Alcuin zu
+erwerben. Nun wird erzählt, dieser große und gute Lehrer habe jeden
+von euch mit einem kostbaren Exemplare ausgerüstet, und ich meine nur,
+einer dieser Herren hätte vielleicht Lust, einen Handel zu schließen."
+
+"Du sprichst wahr und weise, Bischofssohn", parodierte ihn der Höfling,
+"und wäre mein Alcuin nicht längst unter die Hebräer gegangen, mochte
+es geschehen, daß wir zweie zu dieser Stunde darum ein kurzweiliges
+Würfelspielchen machten."
+
+"In unchristliche Hände! diese göttliche Weisheit!" wehklagte der
+Räter.
+
+"Weisheit!" spottete der Rotbart, "ich versichere dir: lauter dummes
+Zeug. Übrigens weiß ich es auswendig. Höre nur, Bergbewohner!" Er
+krümmte den langen Rücken wie ein verbogener Schulmeister, zog die
+Brauen in die Höhe und wendete sich an den jüngsten der Bande, einen
+Krauskopf, der, fast noch ein Knabe, aus südlichen Augen lachend mit
+Lust und Liebe auf das gottlose Spiel einging.
+
+"Jüngling", predigte der falsche Alcuin, "du hast einen guten
+Charakter und einen gelehrigen Geist. Ich werde dir eine ungeheuer
+schwere Frage vorlegen. Siehe, ob du sie beantwortest. Was ist der
+Mensch?"
+
+"Ein Licht zwischen sechs Wänden", antwortete der Knabe andächtig.
+
+"Welche Wände?"
+
+"Das Links, das Rechts, das Vorn, das Nichtvorn, das Oben, das Unten."
+Jeden dieser Räume bezeichnete er mit einer Gebärde: beim fünften
+starrte er in den leuchtenden Himmel hinauf, als bestaune er einen
+Engelreigen, und bohrte schließlich einen stieren Blick in den Boden,
+als entdecke er die verschüttete Tarpeja. Jubelndes Klatschen
+belohnte die Faxe.
+
+Die wachsende Lustigkeit der Palastschule begann den Bischofsneffen zu
+ängstigen. Da trat im guten Augenblicke einer aus dem Kreise, ein
+kühner Krieger, dem an der rechten Seite des stämmigen Wuchses ein
+seltsam gewundenes Hifthorn hing. "Sei getrost", sagte er und ergriff
+die Hand des Räters, "du sollst ein Pergament haben. Das meinige. Es
+schleppt sich unter dem Gepäcke." Er führte den Erlösten weg, die
+Treppe des Kapitols hinunter, sich nicht weiter um seine Gefährten
+bekümmernd.
+
+Jetzt gingen sie freundlich nebeneinander, wenn auch nicht mehr Hand
+in Hand. Die des Palastschülers war auf das Hifthorn geglitten, das
+der Bischofsneffe mit aufmerksamen Blicken betrachtete. "Das hier
+kommt aus dem Gebirge", sagte er.
+
+"So", machte der Behelmte. "Aus welchem Gebirge?"
+
+"Aus unserm, Landsmann. Ich kenne dich an deiner Sprache, wie du mich
+ebendaran erkannt haben wirst, da du mich, wofür ich dir danke, den
+Neckereien der Palastschule entzogest. Daß du es wissest, ich bin
+Graciosus"--der kluge Räter hatte diesen seinen hübschen Namen den
+Spöttern am Reiterbilde weislich verschwiegen--"oder auf deutsch
+Gnadenreich, und du bist Wulfrin, Sohn Wulfs, wenn dieses Hifthorn
+dein Erbteil ist, wie ich vermute."
+
+Wulfrin runzelte die Stirn. Es mochte ihm nicht willkommen sein, von
+der Heimat zu hören. Dann musterte er Gnadenreich und fand einen
+anmutenden, wohlgebildeten Jüngling, eine Gott und Menschen gefällige
+Erscheinung, nicht anders als der Name lautete. Er klopfte ihn auf
+die runde Schulter, deren Schmiegsamkeit zu dieser beschützenden
+Liebkosung einlud, und sagte. "Es macht warm." In der Tat strahlte
+nicht nur die römische Märzsonne, sie brannte sogar.
+
+"Ja, es macht warm", wiederholte er, hob den Helm und wischte mit der
+Hand einen Schweißtropfen. "Leeren wir einen Becher?", und ohne die
+Antwort zu erwarten, bog er nach wenigen Schritten in den offenen
+Hofraum eines klösterlichen Gebäudes und warf sich dort auf eine
+Steinbank, wo Graciosus in Züchten sich neben ihn setzte. "Ich darf
+mich nicht weiter verziehen", sagte der Höfling, "als das Horn reicht,
+wann Herr Karl die Schule zusammenruft. Auch liebe ich dieses junge
+Geschöpf", scherzte er und zeigte auf eine Palme, welche in geringer
+Entfernung auf dem Vorsprunge eines Hügels, von leichten Windstößen
+bewegt, sich im blauen Himmel fächerte und etwa sechzehn Jahresringe
+zählen mochte. "Hier heißt es ad palmam novellam, und Pförtner Petrus
+schenkt einen herben. He, Petrus!" Dieser, ein Alter mit struppigem
+Bart, feurigen Augen und zwei riesigen Schlüsseln am Gurte, brachte
+Kanne und Becher.
+
+"Palma novella ist auch ein Frauenname", bemerkte Graciosus und netzte
+den Mund.
+
+"Mag sein", versetzte Wulfrin. "In Hispanien, wenn mir recht ist,
+läuft derlei Getauftes oder Ungetauftes herum. Ich habe mich nicht
+damit befaßt. Ich mache mir nichts aus den Weibern."
+
+"Deine rätische Schwester heißt auch nicht anders", sagte Gnadenreich
+unschuldig.
+
+"Meine--rätische--Schwester?"
+
+"Nun ja, Wulfrin, das Kind der Judicatrix, meiner Nachbarin auf
+Malmort am Hinterrhein. Du hast sie nie von Angesicht gesehen, die
+Frau Stemma, das zweite Weib deines Vaters?"
+
+"Das dritte", murrte Wulfrin. "Ich bin von der zweiten."
+
+"Das weißt du besser. Auch das jähe Ende deines Vaters weißt du, bei
+seinem Aufritt in Malmort. Palma ist nachgeboren."
+
+"Es sei", versetzte Wulfrin verdrossen. "Warum auch sollte es nicht
+sein? Rührt mich aber nicht. Was mich kümmern konnte, hat mir der
+Knecht des Vaters, der Steinmetz Arbogast, umständlich berichtet. Ich
+habe es mit ihm beredet und erörtert mehr als einmal und noch zuletzt
+am Wachfeuer vor Pertusa, wenige Augenblicke bevor den treuen Kerl der
+maurische Pfeil meuchelte. Das ist nun fertig und abgetan. Wisse:
+als Siebenjähriger bin ich daheim ausgerissen--der Vater hatte mir das
+sieche Mütterlein ins Kloster gestoßen--und über Stock und Stein zu
+König Karl gerannt. Dorthin hat mir der Arbogast mein Erbe gebracht,
+das Wulfenhorn, dieses hier. Der Wulfenbecher, der dazu gehört,
+obschon er heidnisch ist--das Horn ist biblischen Ursprungs--, blieb
+auf Malmort und mag dort bleiben, bis ich freie, und das hat Weile.
+Sie werden ihn aufgehoben haben. Du hast ihn wohl gesehen, wenn du
+dort ein und aus gehst."
+
+Graciosus nickte.
+
+"Verstehe: beide, Horn und Kelch, sind zwei Altertümer, mit Tugenden
+und Kräften begabt. Den Becher gab einem Wölfling ein Elb oder eine
+Elbin von denen im Hinterrhein. Solang eines Wolfes Weib ihn ihrem
+Wolfe kredenzt und den dareingegrabenen Spruch ohne Anstoß hersagt,
+einmal vorwärts und einmal rückwärts, gefällt und mundet sie dem Wolfe.
+Über das Hifthorn sind die Meinungen geteilt. Nach den einen ist
+es gleichfalls ein elbisches Geschenk, und vor dem Burgtor bei der
+Rückkehr geblasen, zwingt es die Wölfin zu bekennen, was immer sie in
+Abwesenheit des Gatten gesündigt hat. Andere dagegen behaupten, daß
+ein Wolf im Gelobten Lande das Horn mit seinem Schwert aus dem
+erstarrten Pech und Schwefel des Toten Meeres grub. So ist es ein im
+Getümmel zur Erde gestürztes Harschhorn, von denen, welche die
+himmlischen Haufen bliesen zum Gericht über Sodom und Gomorra."
+Wulfrin blickte dem Räter ins Gesicht, der ihm--Schlauheit oder
+Einfalt--zwei gläubige Augen entgegenhielt.
+
+Eben wurde vom Winde ein Bruchstück der Seelenmesse aus Ara Cöli
+hergetragen. Zornig und drohend sangen sie dort: "Dies irae, dies
+illa, dies magna et amara valde!"
+
+"Schöne Bässe", lobte Wulfrin. "Um wieder auf den Becher zu kommen,
+so glaube ich nicht an seine Kraft. Sicherlich hat die Mutter nicht
+unterlassen, seinen Spruch herzubeten, vorwärts und rückwärts. Es hat
+nichts gefruchtet. Sie welkte, und der Vater verstieß sie." Er tat
+einen Seufzer.
+
+"Und das Horn?" fragte Schelm Graciosus.
+
+Der Höfling wog es in den Händen und lächelte. Graciosus lächelte
+gleichfalls.
+
+"Übrigens ist es das beste Hifthorn im Heere. Das ruft! Höre nur!"
+und er setzte es an den Mund.
+
+"Um aller Heiligen willen, Wulfrin, laß ab!" schrie Graciosus
+ängstlich. "Willst du die Stadt Rom in Aufruhr bringen?"
+
+"Du hast recht, ich dachte nicht daran." Wulfrin ließ das Horn in die
+tragende Kette zurückfallen.
+
+"Dieses Hifthorn", sagte jetzt Graciosus bedächtig, "wurde mir
+beschrieben. Auch hat es der Knecht Arbogast in Stein gemeißelt auf
+dem Grabmal im Hofe von Malmort, wo er den Comes, deinen Vater,
+abbildete und die Wittib daneben."
+
+"So?" grollte Wulfrin. "Konnte der Vater nicht allein liegen?"
+
+Graciosus ließ sich nicht einschüchtern. "An den Herrn des Hifthorns
+habe ich einen Auftrag", sagte er.
+
+"Du bist voller Aufträge. Von wem hast du diesen?"
+
+"Von der Richterin."
+
+"Welche Richterin?" Entweder war Wulfrin von harten Begriffen oder
+seine Laune verschlechterte sich zusehends.
+
+"Nun, die Judicatrix Stemma, deine Stiefmutter."
+
+"Was hab ich mit der Alten zu schaffen! Warum lächelst du, Männchen?"
+
+"Weil du so mit ihr umgehst, die noch schön und jung ist."
+
+"Ein altes Weib, sage ich dir."
+
+"Ich bitte dich, Wulfrin! Dein Vater freite sie als eine
+Sechzehnjährige. Dein Geschwister ist nicht älter. Zähle zusammen!
+Doch jung oder alt, sie gab mir den Auftrag, und ich darf ihn nicht
+unausgerichtet heimbringen."
+
+Der Höfling verschluckte einen Fluch. "Du verdirbst mir den Krätzer,
+er schmeckt wie Galle." Erbost stieß er den Becher von der Bank und
+setzte den Fuß darauf. "So sprich!"
+
+"Frau Stemma", begann Gnadenreich in bildlicher Rede, "will sich vor
+dir die Hände in ihrer Unschuld waschen."
+
+"Ein Becken her!" spottete Wulfrin, als riefe er in die Gasse hinaus
+nach einem Bader.
+
+"Wulfrin, stünde sie vor dir, du straftest deine Lippen! Keine in
+Rätien hat edlere Sitte. Was sie verlangt, ist gebührlich. Auf der
+Schwelle ihres Kastells, vor ihrem Angesichte, jählings ist dein Vater
+erblichen. Das ist schrecklich und fragwürdig. Frau Stemma läßt dir
+sagen, sie wundere sich, daß sie dich rufen müsse, sie habe dich
+längst, täglich, stündlich erwartet, seit du zu deinen mündigen Jahren
+gekommen bist. Nur ein Sorgloser, ein Fahrlässiger, ein
+Pflichtvergessener--nicht meine Worte, die ihrigen--verschiebe und
+versäume es, sie zur Rechenschaft zu ziehen."
+
+Wulfrin blickte finster. "Das Weib tritt mir zu nahe", sagte er.
+"Ich wußte, was man einem Vater schuldig ist. Er hat an meiner Mutter
+gefrevelt, und sein Gedächtnis--die Kriegstaten ausgenommen--ist mir
+unlieb: dennoch habe ich mir seine Todesgebärde vergegenwärtigt, den
+Augenzeugen Arbogast, der das Lügen nicht kannte, habe ich scharf ins
+Verhör genommen. Jetzt will ich noch ein übriges tun und dir die
+gemeine Sache herbeten, vom Kredo bis zum Amen. Du bist aus dem Lande
+und kennst die Geschichte. Mangelt etwas daran oder ist etwas zuviel,
+so widersprich!"
+
+Der Vater kam aus Italien und nächtigte bei dem Judex auf Malmort.
+Bei Wein und Würfeln wurden sie Freunde, und der Vater, der, meiner
+Treu, kein Jüngling mehr war--ich habe aus der Wiege seinen weißen
+Bart gezupft--, warb um das Kind des Richters und erhielt es. Beim
+Bischof in Chur wurde Beilager gehalten. Am dritten Tage setzte es
+Händel. Der Räzünser, dessen Werbung der Judex abgewiesen haben
+mochte, wurde zu spät oder ungebührlich geladen oder an einen
+unrechten Platz gesetzt oder nachlässig bedient oder schlecht
+beherbergt, oder es wurde sonst etwas versehen. Kurz, es gab Streit,
+und der Räzünser streckt den Judex. Der Vater hat den Schwieger zu
+rächen, berennt Räzüns eine Woche lang und bricht es. Inzwischen
+bestattet das Weib den Judex und reitet nach Hause. Dort sucht sie
+der Vater, mit Beute beladen. Er stößt ins Horn, der Sitte gemäß.
+Sie tritt ins Tor, sagt den Spruch und kredenzt den Wulfenbecher, den
+ihr der Vater in Chur nach wölfischer Sitte als Morgengabe gereicht
+hatte. Kredenzt ihn mit drei Schlücken. Der Arbogast, der durstig
+daneben stand, hat sie gezählt: drei herzhafte Schlücke. Der Vater
+nimmt den Becher, leert ihn auf einen Zug und haucht die Seele aus.
+War es so oder war es anders, Bischofsneffe?"
+
+"Wörtlich und zum Beschwören so", bestätigte Graciosus. "Von hundert
+Zeugen, die den Burghof füllten, zu beschwören! Soviel ihrer noch am
+Leben sind. Und solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei
+flackernden Spänen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer
+Mittagszeit. Der Comes, dein Vater, war rasend geritten, hatte im
+Bügel manchen Trunk getan"--
+
+"Und mit fliegender Lunge ins Horn gestoßen, vergiß nicht!" höhnte
+Wulfrin.
+
+"Er triefte und keuchte"--
+
+"Er lechzte wie eine Bracke!" überbot ihn Wulfrin.
+
+"Er sehnte sich nach seinem Weibe", dämpfte Graciosus.
+
+"Trunken und brünstig! unter gebleichten Haaren! pfui! Ist das zum
+Abmalen und an die Wand heften? Was will die Judicatrix? Mich
+schwören lassen, daß wir Wölfe gemeinhin am Schlage sterben? Was
+freilich auf die Wahrheit herausliefe."
+
+"Es ist ihr Wille so, und man gehorcht ihr in Rätien."
+
+"Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin. "Mein Wille ist es
+nicht, und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite
+Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlägt.
+Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwöhner! Sie
+rühre nicht an die Sache! Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe!
+Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte
+mit der Hand, als stünde die Stiefmutter vor ihm. Dann spottete er:
+"Hat das Weib den Narren gefressen an Spruch und Urteil? Hat es eine
+kranke Lust an Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersättigen an
+Recht und Gericht?"
+
+"Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus lächelnd. "Frau Stemma
+liebt das Richtschwert und befaßt sich gerne mit seltenen und
+verwickelten Fällen. Sie hat einen großen und stets beschäftigten
+Scharfsinn. Aus wenigen Punkten errät sie den Umriß einer Tat, und
+ihre feinen Finger enthüllen das Verborgene. Nicht daß auf ihrem
+Gebiete kein Verbrechen begangen würde, aber geleugnet wird keines,
+denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fühlt sich von ihr
+durchschaut. Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern, und das
+Vergrabene ist nicht sicher vor ihr. Sie hat sich einen Ruhm erworben,
+daß fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird."
+
+"Das Weib gefällt mir immer weniger", grollte Wulfrin. "Der Richter
+walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde
+und schnüffle nicht nach verrauchtem Blute."
+
+Graciosus begütigte. "Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl
+sie noch in Blüte und Kraft steht. Vielleicht sorgt sie, wenn sie
+nicht mehr da wäre, könntest du deine Schwester in Unglück stürzen"--
+
+"In Unglück?"
+
+"Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande einer
+unaufgeklärten und ungeschlichteten Sache. Darum, vermute ich, will
+sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen."
+
+Wulfrin lachte. "Wirklich?" sagte er. "Sie hat einen schönen Begriff
+von mir. Meine Schwester plündern? Das arme Ding! Im Grunde kann es
+nicht dafür, daß es auf die Welt gekommen ist. Doch auch von ihr will
+ich nichts wissen." Während er redete, zählte sein Blick die
+Jahresringe der jungen Palme. "Fünfzehn Ringe?" sagt er.
+
+"Fünfzehn Jahre", berichtigte Graciosus.
+
+"Und wie schaut sie?"
+
+"Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unterdrückten
+Seufzer. "Sie ist gut, aber wild."
+
+"So ist es recht. Und dennoch will ich nichts von ihr wissen."
+
+"Sie aber weiß von nichts anderm als von dem fremden, reisigen,
+fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den
+Sarazenen rauft. 'Wann der Bruder kommt'--'Das gehört dem
+Bruder'--'Das muß man den Bruder fragen'--davon werden ihr die Lippen
+nicht trocken. Jedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem
+Becher und damit an den Brunnen. Sie wäscht ihn, sie reibt ihn, sie
+spült ihn."
+
+"Warum, Narr?"
+
+"Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod
+getrunken hat."
+
+"Dummes Ding! Du also wirbst um sie?"
+
+Der ertappte Graciosus errötete wie ein Mädchen. "Die Mutter
+begünstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er.
+"Kämest du heim, ich bäte dich, ein Wort mit ihr zu reden."
+
+Wieder musterte Wulfrin den netten Jüngling und wieder klopfte er ihn
+auf die Schulter. "Sie hält dich zum besten?" sagte er.
+
+"Sie redet Rätsel. Da ich neulich auf mein Herz anspielte"--
+
+"Schlug sie die Augen nieder?"
+
+"Nein, die schweiften. Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt im
+Himmel. Ich blinzte. Ein Geier, der ein Lamm davontrug.
+Unverständlich."
+
+"Klar wie der Morgen. 'Raube mich.' Das Mädchen gefällt mir."
+
+"Du willst sie sehen?"
+
+"Niemals."
+
+Jetzt trat ein Palastschüler mit suchenden Blicken in den Hofraum und
+dann rasch auf Wulfrin zu. "Du", sagte er, "die Messe ist aus, der
+König verläßt die Kirche." Der "Kaiser" wollte ihm noch nicht über die
+Zunge.
+
+Wulfrin sprang auf. "Nimm mich mit!" bat Graciosus, "damit ich dem
+Herrn der Erde nahe trete und ihn reden höre."
+
+"Komm", willfahrte Wulfrin gutmütig, und bald standen sie neben dem
+Kaiser, vor welchem ein ehrwürdiger, aber etwas verwilderter Graubart
+das Knie bog. Gnadenreich erkannte Rudio, den Kastellan auf Malmort,
+und wunderte sich, welche Botschaft der Räter bringe, denn Karl hielt
+ein Schreiben in der Hand. Er reichte es dem Abte, und Alcuin las vor:
+
+"Erhabener, da ich höre, Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen,
+flehe ich Dich an, daß Du Deinen Weg durch Rätia nehmest. Seit Jahren
+haben sich in unsern verwickelten Tälern versprengte Lombarden
+eingenistet unter einem Witigis, der sich Herzog nennt. Wir, die
+Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden
+nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut. Ein
+unerträglicher Zustand. Du bist der Kaiser. Wenn du kommst und
+Ordnung schaffst, so tust Du, was Deines Amtes ist. Stemma,
+Judicatrix."
+
+"Keine Schwätzerin", sagte der Kaiser. "Meine Sendboten haben mir von
+der Frau erzählt." Alcuin betrachtete die Handschrift. "Feste Züge",
+lobte er.
+
+"Alcuin, du Abgrund des Wissens", lächelte Karl, "was ist Rätien?
+Welche Pässe führen dahin?"
+
+Der kleine Abt fühlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete
+sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Höfling und der
+Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem
+guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser versammelt
+stand.
+
+"Jünglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Höhe, "wer seinen Weg
+durch das rätische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten, aber in Stücke
+zerrissenen Damm einer Römerstraße zu zählen, die Wahl zwischen
+mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine
+zusammenfinden. Diese Wege und Stapfen führen im Geisterlicht der
+Firne durch ein beirrendes Netz verstrickter Täler, das die Fabel mit
+ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevölkert. Hier
+ringelt sich die Schlangenkönigin, wie verlockt von einer Schale Milch,
+einem blanken Wasser zu, gegenüber, aus einem finstern Borne, taucht
+die Fei und wehklagt."
+
+"Lehrer, was hat sie für Gründe dazu?" fragte der Rotbart wißbegierig.
+
+"Sie ahnt das ewige Gut und kann nicht selig werden. Dahinter,
+zwischen Schnee und Eis, in einem grünen Winkel, weidet eine
+glockenlose Herde, und ein kolossaler Hirte, halb Firn halb Wolke,
+neigt sich über sie. Tiefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert
+die harmlose Fabel ihre Kraft, und menschliche Schuld findet ihre
+Höhlen und Schlupfwinkel. Hier raucht und schwelt eine gebrochene
+Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Mörder in den
+zerschmetternden Abgrund."
+
+"Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spöttisch.
+
+"Eheu!" jammerte der Abt, "bist du es, Liebling meiner Seele, Peregrin,
+mein bester Schüler, dessen Knochen in der rätischen Schlucht
+bleichen?" Er trocknete sich eine Träne. Dann schloß er: "Gegen
+beides, Fabel und Sünde, hält Bischof Felix in Chur beschwörend seinen
+Krummstab empor."
+
+"In schwachen Händen", scherzte der Kaiser.
+
+"Er ist sehr schön gearbeitet", rief Graciosus mit der schallenden
+Stimme eines Chorknaben, "und in seiner Krümmung neigt sich der
+Verkündigungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den
+Menschen ein Wohlgefallen."
+
+Karl gönnte dem Bischofsneffen einen heitern Blick und wendete sich
+gegen die Schule: "Stammt einer von euch aus Rätien?"
+
+Wulfrin trat vor. "Ich, Herr. Jung bin ich ausgewandert, doch kenne
+ich Sprache und Steige."
+
+"So reite und berichte."
+
+"Dir zu Dienste, Herr", verabschiedete sich Wulfrin, wurde aber von
+dem hartnäckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemächtigte und
+ihn vor den Kaiser zurückbrachte. "Durchlauchtigster", verklagte er
+ihn, "er soll auf Malmort bei der Richterin, seiner Stiefmutter,
+erscheinen, keiner andern als die dir den Brief geschrieben hat, und
+er will nicht. Sie besteht darauf, sich vor ihm zu rechtfertigen über
+das jähe Sterben ihres Gemahles des Comes Wulf."
+
+"Jener?" besann sich der Kaiser. "Er hat mir und schon meinem Vater
+gedient und verunglückte im rätischen Gebirge."
+
+"Vor dem Kastell und zu den Füßen seines Weibes Stemma, die ihm den
+Willkomm kredenzt hatte", erinnerte Gnadenreich.
+
+Karl verfiel in ein Nachdenken. "Eben habe ich für die Seele meines
+Vaters gebetet", sagte er. "Kindliche Bande reichen in das Grab.
+Mich dünkt, Wulfrin, du darfst bei der Richterin nicht ausbleiben. Du
+bist es deinem Vater schuldig."
+
+Wulfrin schwieg trotzig. Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem
+Hifthorn, um die ganze Schule zusammenzurufen und ihr seine Befehle zu
+geben. Es mangelte. Er hatte es im Palaste vergessen oder
+absichtlich zurückgelassen, um der Messe als ein Friedfertiger
+beizuwohnen. "Deines, Trotzkopf!" gebot er, und Wulfrin hob sich sein
+Hifthorn über das Haupt. Karl betrachtete es eine Weile. "Es ist von
+einem Elk", sagte er, hob es an den Mund und stieß darein. Da gab das
+Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, daß nicht nur die
+Höflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstürzten,
+sondern auch, was sich ringsum von römischem Volke gehäuft hatte,
+erstaunt und erschreckt die Köpfe reckte, als nahe ein plötzliches
+Gericht. Karl aber stand wie ein Cherub.
+
+Im Gedränge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneffe noch einmal an
+den Höfling. "Auf Wiedersehen in Malmort: du gehorchst?"
+
+"Nein", antwortete Wulfrin.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+
+Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Felsen gewachsenen
+rätischen Kastells sprudelte ein Quell in klösterlicher Stille. Durch
+die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mächtig über den
+Hof weg, und schon rückte das Spätrot hinauf an dem klotzigen Gemäuer.
+Am Brunnen aber stand ein junges Mädchen und ließ den heftigen Strahl
+in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwärztem Silber er
+schäumend empor und ihr über die bloßen Arme spritzte.
+
+"Berg und Wetter sind gut", murmelte sie. "Mir brannten die Sohlen
+von früh an, ihm entgegen zu rennen. Kommt er heute noch? oder erst
+morgen? oder übermorgen zum allerspätesten! Graciosus verschwor sich,
+der Bruder ziehe mit dem Kaiser--nein, er reite ihm weit voraus! Und
+der Kaiser ist nahe, was flüchteten sonst die Lombarden Hals über
+Kopf? Bum!" machte sie und ahmte den dumpfen Schlag einer Laue nach,
+dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das
+in Gestalt einer breiten blanken Firn über die Firste blickte, hatte
+es heute in einem fort gerieselt und geschmolzen.
+
+"Die ihr auf weißen Stürzen in den Abgrund schlittet, seid ihm hold,
+bärtige Zwerge! Verberget ihm nicht den Pfad, verschüttet ihm nicht
+die Hufen des Rosses! Sprudle, Flut! Spül aus den Hauch des Todes!
+Lust und Leben trinke der Bruder!" und sie streckte den schlanken Arm.
+Dann hob sie den gebadeten Becher in die Höhe der Augen und
+buchstabierte den Elbenspruch, welchen sie sich deutlicher in das Herz
+schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand.
+Der Spruch aber lautete folgendermaßen:
+
+"Gesegnet seiest du!
+Leg ab das Schwert und ruh!
+Genieße Heim und Rast
+Als Herr und nicht als Gast!
+Den Wulfenbecher hier
+Dreimal kredenz ich dir!
+Erfreue dich am Wein!
+Willkomm..."
+
+
+Hier schloß entweder der zaubertüchtige Spruch oder dann kam noch
+etwas gänzlich Unleserliches, wenn es nicht zufällige Male der
+Verwitterung waren.
+
+Eigentlich wußte sie ihn schon lange auswendig. Sie sagte ihn
+vorwärts, das ging, rückwärts, das ging auch. Dann sah sie ihn darauf
+an--zum wievielten Male!--, ob er ihr mundgerecht sei und von der
+Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten:
+sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn
+Wulfrin zu kredenzen. Ob es die Mutter erlaube? Diese machte sich
+mit dem Becher nichts zu schaffen, sie ließ ihn, wo er langeher seinen
+Platz hatte. Der Spruch gefiel dem Mädchen, und es malte sich die
+Ankunft.
+
+"Das Horn klingt! Oder wäre es möglich, daß er mich still beschliche?
+mit heimlichen Schritten? Aber nein, er will ja nichts von mir
+wissen--wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat. Das
+Horn dröhnt! Ich ergreife den Becher, fliege der Mutter voran--oder
+noch lieber, sie ist verritten, und ich bin Herrin im Hause--jetzt
+naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte. Sie begann zu zittern und
+zu zagen. "Er ist da! er ist hinter mir!" Sie wendete sich zögernd
+erst, dann plötzlich gegen das Burgtor. In der niedern Wölbung
+desselben stand kein junger Held, aber lauernd drückte sich dort ein
+armseliger Pickelhering.
+
+Das Mädchen brach in ein enttäuschtes Gelächter aus und trat beherzt
+der Fratze entgegen. Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den
+ziegelroten Nesteln seiner schmutzig-gelben Strümpfe. In die
+schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall
+zusammenwürfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen
+Spitzbart, der mit den gezackten Brauen und dem verzerrten Gesichte
+eine possierliche Maske schuf.
+
+"Wer bist du, und was willst du?" fragte das Mädchen.
+
+"Nur nicht gerufen, kleine Herrin oder vielmehr große Herrin, denn,
+bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit
+überwachsen. Wo ist sie?" Er schaute sich ängstlich um. Sein Blick
+fiel auf etwas Graues. In der Mitte des Hofes und im Schatten der
+Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter
+Mann neben einem Weibe lag, das die Hände über der Brust faltete. "Ei,
+da hält ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht",
+spaßte der Lombarde, "und trübt kein Wässerchen, während sie zugleich
+in ihrer grünen Kraft bergauf bergab reitet und hängen und köpfen läßt."
+Er blickte bedenklich zu dem prächtig gebildeten leuchterförmigen
+Ast eines Ahorns empor. "Hier würde ich ungerne prangen", sagte er.
+"In Kürze: ich bin Rachis der Goldschmied und habe ein Geschäftchen mir
+dir. Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?"
+
+Diese plötzliche Frage setzte das Mädchen kaum in Erstaunen, das sich
+heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben
+Gegenstande beschäftigt hatte. "Wie mein Leben", sagte sie.
+
+"Das ist schön von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten.
+Wulfrin der Höfling ist in unsere Gewalt geraten."
+
+"Er lebt?" schrie das Mädchen angstvoll.
+
+"Zur Not. Herzog Witigis zielt auf sein Herz--aber wird uns die
+Richterin nicht überraschen?"
+
+"Nein, nein, sie ist nach Chur verritten. Rede! schnell!"
+
+"Nun, ich habe ein feines Ohr und weiß auch ein Loch in der Mauer,
+denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Hühnerhof. Also:
+dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen. Er schlug um sich wie
+ein Rasender, und unser Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet,
+die andern, um es nicht zu werden. Doch sein Pferd rollte in den
+Abgrund, und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir
+ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterrücks ein langes Jagdnetz
+über den Kopf warfen. Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um
+ihn über die Wege des Franken, unsers Verderbers, auszufragen. Der
+Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen. Da legte der
+Herzog den Pfeil auf den Bogen und"--Rachis tat einen grausamen Pfiff.
+
+"Du lügst! er lebt!" rief das Mädchen mutig.
+
+"Vorläufig. Der Herzog drückte nicht ab, denn--jetzt wird die
+Geschichte lustig--das junge Weib eines der Unsrigen, eine
+freigegebene Eigene der Richterin, wenig älter als du"--
+
+"Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens"--
+
+"Gerade diese sprang dazwischen. 'Bei der durchlöcherten Seite
+Gottes', heulte sie, 'der arme Herr trägt das Wulfenhorn und ist kein
+anderer als der Sohn des Comes, der im Steinbild auf Malmort liegt.
+Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzählt, von
+klein an und in einem fort ohne Aufhören. Du darfst nicht sterben',
+wendete sie sich an den Gebundenen, 'das wäre ihr ein großes Leid und
+tötete ihr das Herzchen. Denn wisse, du bist ihr Herzkäfer,
+wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat. Sende hin, und
+sie löst dich mit ihrem ganzen Geschmeide. Es sind köstliche Sachen.
+All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs
+hatte, gespendet und dahingegeben.'"
+
+"So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde
+Rosmunde, die er um sich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes.
+Sie umhalste den Herzog und erflehte sich das Geschmeide von Malmort.
+Ihr Stirnband habe seine Perlen und ihr elfenbeinerner Kamm die Hälfte
+seiner Zähne verloren. Kurz, Goldschmied Rachis wurde an dich
+geschickt und bietet dir den Tausch. Wähle: Schmuck oder Bruder!"
+
+Ehe noch der Lombarde geendigt hatte, stürzte das Mädchen gegen die
+Burg, die steile Treppe hinauf, verschwand in der Pforte und kam
+atemlos wieder, Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schürze
+gefaßten hellen Oberkleide tragend. Dieses hielt sie mit der Linken,
+während die Rechte Stück um Stück wie aus einem Horte emporhob und den
+gekrümmten Fingern des Goldschmieds überantwortete. Spangen,
+Stirnbänder, Gürtel, Perlschnüre verschwanden in dem Sacke, welchen
+Rachis geöffnet hatte, auch für die blonden Flechten Rosmundens ein
+kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in
+erhabener Arbeit. Jedes durch seine Hände wandernde Stück begleitete
+der Goldschmied mit dem Lobe des Kenners, nicht ohne ein bißchen
+Bosheit, die dem begeisterten Mädchen seine Verluste fühlbar machen
+wollte. Sie zuckte nicht einmal mit dem Mund, sie leuchtete vor
+Freude bei der Hingabe alles ihres Besitzes.
+
+Da kam ihr denn doch ein Zweifel. "Du bist redlich?" sagte sie. "Du
+schickst mir den Bruder? Es ist besser, ich begleite dich!" und sie
+machte sich wegfertig.
+
+"Unmöglich, Herrin", widersprach der Lombarde, "das geht nicht! Du
+entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefährdetest mit dem Leben des
+Bruders auch das deinige. Die Richterin aber würde dich von uns
+geraubt glauben. Sei nicht unklug, und gib dich nicht in fremde
+Gewalt!" Er belud sich mit dem Sacke. "Ein Schlummerchen, Fräulein!
+und wenn du die Augen wieder öffnest, hast du den Bruder, der dich
+Gold und Gut kostet. Das schwöre ich dir!" Er senkte die drei Finger
+mit einem grimmigen Blicke gegen den Erdboden. "Bei dem da unten!"
+gelobte er.
+
+"Ein glaubhafter Schwur!" sprach eine weibliche Stimme. Rachis
+wendete sich erschrocken und bog das Knie vor einer behelmten Frau mit
+strengen Zügen, die den Speer, den sie in der Hand getragen, einem
+bewaffneten Knechte reichte. Die Richterin mochte aus Schonung für
+ihr ermüdetes Tier den steilen Burgweg zu Fuß erklommen haben. Sie
+faßte Palma schützend am Arm und blickte geringschätzig auf den
+Lombarden. "Schwürest du bei Gott und seinen Heiligen", sagte sie,
+"so schwürest du falsch; eher schwörst du die Wahrheit bei dem Vater
+der Lügen. Habet ihr euch nicht bei allem Göttlichen verpflichtet,
+ihr Lombarden, nie mehr in Rätien zu rauben und zu brennen? Und jetzt,
+da ihr, wie alles Böse, vor den Augen des Kaisers flüchtet,
+schleudert ihr rechts und links verheerende Flammen! Ich komme von
+Chur und weiß um eure Taten, Eidbrüchige! Sage du deinem Witigis, die
+Richterin würde ihm nachjagen und ihn züchtigen, wenn nicht ein
+Höherer käme, und er ist schon da, dessen Hand ihn erreicht, flöhe er
+an die Enden der Erde!" Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des
+Goldschmieds. "Was trägst du da weg, Dieb?" fragte sie verächtlich.
+
+"Ein ehrlicher Handel", beteuerte dieser und öffnete den Sack, während
+das Mädchen die Mutter stürmisch umarmte. "Ich kaufe den Bruder!"
+rief sie. "Er ist in die Gewalt des Witigis geraten, der auf ihn
+zielt, bis ich der Frau Herzogin"--das unschuldige Kind erhob die
+blonde Rosmunde in den Ehestand--"meinen Schmuck gegeben habe, und wie
+gerne gebe ich ihn!"
+
+Die Richterin machte sich von ihr los und fragte Rachis: "Ist das
+wahr?"
+
+"Bei meinem Halse, Herrin!"
+
+"Ich würde dir nicht glauben, wüßte ich nicht, daß der Höfling Wulfrin
+dem Kaiser voranreitet, und hätte ich nicht selbst eben jetzt in Chur
+gehört, daß die Lombarden einen Höfling gefangen haben. Dennoch kann
+es eine Lüge sein, denn es ist kaum glaublich, daß ein Tischgenosse
+Karls dem Feinde seinen Namen nennt und zu einem Mädchen um Lösung
+sendet."
+
+"Nein, nein, Mutter, so war es nicht!" rief Palma und erzählte den
+Vorgang.
+
+"Ein eitles Weib, dem ein Leben feil ist für einen Schmuck, das hat
+mehr Sinn", meinte die Richterin. Sie schien zu überlegen. Dann warf
+sie einen Blick auf das Geschmeide. "Ich will den Höfling mit
+Byzantinern lösen", sagte sie.
+
+"Das steht nicht in meinem Auftrag und würde der Rosmunde schlecht
+gefallen."
+
+"Dann tue ich es nicht."
+
+"Auch gut", grinste Rachis. "So lässest du eben den Wulfrin umkommen.
+Du magst deine Gründe haben. Ganz wie du willst."
+
+"Das willst du nicht, Mutter!" jammerte Palma und stürzte auf die Knie.
+
+"Nein, das will ich nicht", sprach die Richterin mit nachdenklichen
+Brauen. "Warum auch? Nimm das Zeug!" und Rachis war weg.
+
+Das jubelnde Mädchen fiel der Mutter um den Hals und bedeckte den
+strengen Mund mit dankbaren Küssen. Dann raubte sie ihr den
+kriegerischen Helm so ungestüm, daß die Flechten des schwarzen Haares
+sich lösten und niederrollend dem entschlossenen Haupte der Richterin
+einen jugendlichen und leidenden Ausdruck gaben. Die nicht enden
+wollende Freude Palmas ermüdete endlich die Richterin. "Geh schlafen,
+Kind", sagte sie, "es dunkelt."
+
+"Schlafen? Wer könnte das, bis Wulfrin ruft?"
+
+"So wirf dich, wie du bist, auf das Polster. Was gilt's, ich finde
+dich schlummern? Zu Bette, Hühnchen! husch! husch!" und sie klatschte
+in die Hände.
+
+Palma flog die Stiege hinauf, und die Richterin wendete sich zu Rudio,
+ihrem Kastellan, der schon eine Weile ruhig harrend vor ihr stand.
+"Was meldest du?" fragte sie.
+
+"Eine Albernheit, Herrin. Ich sah die Tür zu unserm Kerker
+sperrangelweit offen. Freilich hatte ich sie nicht verriegelt, da
+gerade niemand sitzt. Ich steige hinab, und auf dem Stroh liegt ein
+Geschöpf, das ich in der letzten Helle mir nur mühsam enträtsle. Es
+war die Faustine, welche, wie du dich erinnerst, mit deiner Erlaubnis
+ihr Kind, die Brunetta, einem Lombarden, einem leidlichen Manne, den
+du auf mein Fürwort unter deinem Gesinde duldetest, zum Weibe gegeben
+hat. Jetzt, da das fremde Volk wandert, hat auch ihr Kind sein Bündel
+geschnürt, und das muß sie irre gemacht haben. Sie hat sich eine Hand
+in den Kettenring gezwängt und ist übrigens guten Mutes. 'Meister
+Rudio', redete sie zu mir, 'wetze dein Beil am Schleifstein und tue
+mir morgen nicht weher, als recht ist.' Ich schelte sie und will ihr
+den Arm aus der Fessel ziehen. 'Welche Posse!' sage ich, 'du bist ja
+die ehrliche Armut am Rocken und im Rübenfeld, die ihr Kind
+rechtschaffen großgezogen hat. Hier ist nicht dein Ort. Mit
+deinesgleichen habe ich nichts zu tun.' Sie sperrte sich und sagte:
+'Das weißt du nicht, Rudio. Geh und rufe die Richterin. Die wird das
+Garn schon abwickeln und mir armem Weibe geben, was mir gehört.'
+Sollte ich die Törin zerren? Du steigst wohl hinab und bringst sie
+zurecht."
+
+Die Richterin hieß Rudio eine Fackel anbrennen und ihr vorschreiten.
+In dem tiefen Gelasse saß ein gefesseltes Weib, das der Kastellan
+beleuchtete. Auf einen Wink der Herrin steckte er den brennenden Span
+in den Eisenring und ließ die Frauen allein.
+
+Stemma beugte sich über die freiwillig Eingekerkerte und befühlte ihr
+als geschickte Ärztin den Puls der freien Hand, welchen aber kein
+Fieber beschleunigte. "Faustine", sagte sie, "was ficht dich an? Was
+ist über dich gekommen? Dich verwirrt der Schmerz, daß du dich von
+deinem Kinde trennen mußtest. Willst du ihr folgen? Noch ist es Zeit.
+Ich gebe dich frei. Du bist nicht länger meine Eigene. Der Kaiser
+wird den Lombarden feste Sitze weisen, und du behältst deine Brunetta."
+
+Faustine schüttelte das Haupt. "Das fehlte noch", sagte sie, "daß ich
+mich an die Sohlen der Brunetta heftete und auch ihr zum Fluche würde!
+Richterin Stemma, nimm mir das ab!" Sie wies auf ihren Kopf. "Du
+weißt ja wohl und langeher, daß ich meinen Mann ermordete."
+
+Mit ruhigem Blicke prüfte Stemma das grellbeleuchtete knochige Gesicht
+der gleichaltrigen Räterin. Dann ließ sie sich auf eine Treppenstufe
+nieder, und Faustine kroch zu ihren Knien, ohne diese zu berühren.
+Ihre Augen waren gesund. "Herrin", sagte sie, "du weißt alles, und
+wenn du mich ein Jahrzehnt und länger gnädig verschont und meine
+Missetat bedeckt hast, so war es, weil du nicht wolltest, daß die
+Brunetta, der unschuldige Wurm, zuschanden komme. Ich durfte sie
+aufziehen, und diese Gunst hast du mir erwiesen, weil ich dein Gespiel
+gewesen bin. Jetzt aber, da die Brunetta einem Manne folgt, ist kein
+Grund, länger zu trödeln und zu tändeln. Laß uns die Sache ins reine
+bringen. Gib mir mein Urteil!"
+
+Die Richterin erkannte aus der ganzen Gebärde Faustinens, daß diese
+bei Sinnen sei, und sosehr sie das schlimme Geständnis überraschte, so
+wenig gab sie den furchtbaren Ruf ihrer Allwissenheit preis. "Lege
+Bekenntnis ab", sagte sie streng. "Das ist der Anfang der Reue." Und
+Faustine begann: "Kurz ist die Geschichte. Der Schütze Stenio umwarb
+mich"--
+
+"Den der Eber, welchen er gefehlt hatte, schleifte und zerriß"--
+
+"Jener. Hernach gab mich der Judex seinem Reisigen Lupulus zur Ehe.
+Ich bequemte mich und doch"--sie hielt inne, um das reine Ohr Stemmas
+nicht zu beleidigen. Die Richterin half ihr und sagte ernst und
+traurig: "Und doch warest du das Weib des Toten."
+
+Faustine nickte. "Dann, vor dem Altar, plötzlich, zu meinem
+Entsetzen"--
+
+"Fühltest du, daß du dem Toten gehörtest, du und ein Ungebornes", half
+ihr die Richterin.
+
+Wieder nickte Faustine. "Das ist alles, Herrin", sagte sie. "Lupulus,
+jähzornig wie er war, hätte mich umgebracht. Das Ungeborne aber
+verhielt mir den Mund und flüsterte mir Feindseliges gegen den Mann zu."
+
+"Genug", schloß Stemma. "Nur eines noch: woher hattest du das Gift?"
+
+"Siehst du, Herrin", rief das Weib, daß du weißt, wie ich ihn tötete!
+Das Gift hat mir Peregrin gezeigt."
+
+"Peregrin?" fragte die Richterin mit verhüllter Stimme. "Das ist
+nicht möglich", sagte sie.
+
+"Er zeigte es mir und warnte mich davor. Ich irrte verzweifelnd unter
+den Kiefern von Silvretta. Da sehe ich ihn in seinem langen, dunkeln
+Gewande, der sich bückt und Wurzeln gräbt. Blumen nickten mit braunen
+Glocken. Er ruft mich herbei, und, eine dieser Blumen in der Hand,
+sagt er zu mir: 'Frau, hüte dich und die Kinder vor diesem Gewächs!
+Sein Saft tötet, außer in den Händen des Arztes.' Er meinte es gut mit
+seinem warnenden Blick unter dem braunen Gelocke hervor und hauchte
+mir doch einen grimmig bösen Gedanken an. Keine Schuld komme auf
+seine Seele! Doch ich rede töricht. Er ist ja längst ein Engel
+Gottes, seit er nach der großen Ebene wandernd im Gebirge unterging,
+wie sie sagen, und das war nicht lange nach jener Stunde. Du
+erinnerst dich noch, der Judex dein Vater, dem er die Wunde heilte,
+hatte ihn abgelohnt, was dir unlieb war, da er dich als ein weiser
+Kleriker noch vieles hätte lehren können."
+
+"Schwatze nicht", gebot die Richterin, "und endige dein Bekenntnis.
+Am folgenden Tage bist du aus deiner Hütte nach Silvretta gegangen und
+hast die Wurzeln gegraben?"
+
+"Ja. Du rittest vorüber, und ich duckte mich, damit du mich nicht
+erkennen möchtest, aber du wendetest dich zweimal im Sattel. Und nun
+sei barmherzig, Herrin, und gib mir mein Teil." Sie ließ den Kopf auf
+die Brust fallen, so daß ihr der üppige schwarze Haarwuchs über das
+Gesicht sank.
+
+Stemma sann, auf Faustinen niederblickend, und zog ihr mit zerstreuten
+Fingern einen langen Strohhalm aus dem Haar. "Faustine, mein Gespiel",
+sagte sie endlich, "ich kann dich nicht richten."
+
+Die ganze Faustine geriet in Aufruhr. "Warum nicht?" schrie sie
+empört, "du mußt es, oder ich schreie, daß alle Mauern tönen: Sie hat
+ihren Mann umgebracht!"
+
+Stemma verhielt ihr den Mund. "Laß das Totengebein!" schalt sie, als
+drohe sie einem den verscharrten Knochen hervorkratzenden Hunde.
+
+"Sei barmherzig!" flehte Faustine, "laß mir das Haupt abschlagen,
+nachdem es Gott gekostet und sein Kreuz geküßt hat. Dann wächst es
+mir im Himmel wieder an und, Stenio rechts, Lupulus links, sitzen wir
+auf einer Bank und geben uns die Hände. Danach verlangt mich", und
+sie streckte den Hals.
+
+"Ich kann dich nicht richten, Törin", sagte Stemma sanfter. "Aus drei
+Gründen nicht. Merk auf!"
+
+Als du deine Tat begingest, lebte und regierte noch der Judex mein
+Vater. Nach seinem Ende und dem des Comes, da ich das Richtschwert
+erbte, habe ich laut verkündigt: 'Ab ist alles Geschehene! Von nun an
+sündige keiner mehr!' Aber auch wenn ich dieses nicht hätte ausrufen
+lassen, könnte ich dennoch dich nicht richten, und du gingest frei aus,
+denn seit deiner Tat sind fünfzehn völlige Jahre in das Land gegangen,
+und hier ist uralter Brauch, daß Schuld verjährt in fünfzehn Jahren."
+
+"Verjährt? was ist das?" fragte Faustine verblüfft.
+
+"Durch die Wirkung der Zeit ihre Kraft verliert."
+
+Ein höhnisches Lachen lief blitzend über die weißen Zähne der Räterin.
+"Also zum Beispiel", sagte sie, "wenn ich gestern noch meinen Mann
+vergiftet hatte und über Nacht wird die Zeit völlig, so bin ich heute
+keine Mörderin mehr. Diese Dummheit!"
+
+"Doch, du bleibst eine Mörderin", belehrte sie Stemma langmütig, "aber
+du hast mit dem irdischen Richter nichts mehr zu schaffen, sondern nur
+noch mit dem himmlischen. Sühne durch gute Werke! Du hast den Anfang
+gemacht: fünfzehn mühselige und rechtschaffene Jahre wiegen."
+
+"Nichts wiegen sie!" zürnte Faustine. "Ich sehe schon, du willst
+meiner schonen! Du heißest die Richterin, aber du bist die Ungerechte,
+du machst Ausnahmen, du siehst die Person an!"
+
+"Schweige!" befahl die Richterin. "Ich bin denn doch klüger als du,
+und ich sage dir: deine Sache ist nicht mehr richtbar. Noch aus einem
+letzten Grunde. Ich kann dich nicht verdammen, auch wenn ich dir den
+Gefallen tun wollte, denn es steht kein Zeuge gegen dich als deine
+törichte Zunge. Aber weißt du was: gehe nach Chur und beichte dem
+Bischof. Er ist der Hirte, und du bist das Schäflein. Er mag dir die
+härteste Buße auflegen: Fasten, schwere Dienste, härenes Hemde,
+blutige Geißelungen. Fordere sie, ist er dir zu milde! Dann aber gib
+dich zufrieden! Unterwirf dich ganz der Kirche: sie vertritt dich,
+und du hast eine sichere Sache!" Sie sagte das mit einem überzeugenden
+Lächeln.
+
+"Ich weiß nicht", schluchzte Faustine, "Gott sei davor, daß eine
+Missetäterin wie ich seiner heiligen Kirche nicht gehorche. Aber
+anders wäre es einfacher gewesen. Geplagt habe ich mich schon und im
+Schweiße meines Angesichtes zerarbeitet fünfzehn Jahre lang mit dem
+Trost und Vorsatz, sobald mein Kind in sein Alter und an den Mann
+gekommen, stracks in den Himmel zu fahren. Jetzt verrückst du mir die
+kurze Leiter und vertrittst mir den Weg."
+
+"Der nach Chur ist kurz, und der an unser Ende ist nicht lang.
+Gehorche, Faustine!" Sie ergriff die Fackel und schritt die Stufen
+vorauf. Faustine folgte wie eine Seele in Pein.
+
+Unter dem Burgtor, das sich wie von selbst öffnete, denn der Wärtel
+hatte die wandernde Helle wahrgenommen, blickte die Richterin in die
+Nacht hinaus und sagte zu Faustinen: "Lege die Schuhe ab und laß die
+scharfen Kiesel deine Sohlen zerreißen, denn du bist eine große
+Sünderin!" Weinend trat Faustine ihren dunkeln Weg an.
+
+
+
+Frau Stemma hatte recht gesagt. Da sie die hochgelegene Burgkammer
+betrat, schlief Palma. Neben ihren tiefen Atemzügen glomm auf einem
+Dreifuß eine hütende Flamme. Das Mädchen lag in ihrem ganzen Gewande
+auf dem Polster, die Hand über das Herz gelegt. Sie hatte das freudig
+pochende beruhigen wollen und war daran entschlummert. Die Mutter
+betrachtete die Gebärde und konnte sich der Erinnerung nicht erwehren.
+
+Nach dem Tode des Vaters und des Gatten und nach der Geburt Palmas
+hatte die noch nicht zwanzigjährige Richterin die Regierung ihres
+Erbes mit entschlossener Hand ergriffen. Die dem jungen und schönen
+Weibe unter einem verwilderten, begehrlichen Adel von selbst
+entstehenden Freier und Feinde hatte sie mit einer über ihre Jahre
+scharfsinnigen Politik veruneint und der Reihe nach mit den Waffen
+ihrer Lehensleute gebändigt. Helm und Schwert und die gerechte Sache
+der mutigen Richterin wurden von dem friedseligen Bischof Felix in
+seinem festen Hofe Chur mit weit ausgestreckten Händen gesegnet. Nach
+einigen stürmischen Jahren war Stemmas Herrschaft befestigt, und es
+trat eine große Stille ein. Jetzt rächte sich die überhetzte Natur,
+und Stemma verlor den Schlummer. Wenn sie nicht selbst ihn
+verscheuchte mit brennenden Leuchtern und endlosen Schritten. Nicht
+weit von dem Lager ihres Kindes, auf einer schmalen Bank in der tiefen
+Fensterwölbung saß sie damals oft mit verschlungenen Armen, oder dann
+konnte sie lange, lange mit zwei Fläschchen spielen, welche sie in der
+Mauer verwahrte und die der arzneikundige junge Kleriker Peregrin auf
+Malmort zurückgelassen hatte, da er von dannen zog, um spurlos im
+Gebirge zu verschwinden. Beide waren von starkem Kristall und hatten
+über den gläsernen Zapfen goldene Deckel, auf deren einem das Wort
+"Antidoton" mit griechischen Lettern eingekritzt war, während auf dem
+andern ein winziges Schlänglein sich krümmte. Mit diesen Fläschchen
+zu spielen, bis der Tag anbrach, wurde Stemma zu einem Bedürfnis. Da
+geschah es einmal, daß sie darüber einnickte und, als das Frühlicht
+sie weckte, das eine Fläschchen, das unbeschriebene, aus ihrer
+halbgeöffneten Hand verschwunden war. Sie geriet in entsetzliche
+Angst und suchte und suchte. Endlich fand sie es in dem Händchen
+ihres Kindes. Die kleine Palma mochte, vor ihr erwacht, sie auf
+nackten Sohlen beschlichen, ihr das schmucke Spielzeug entwendet und
+mit ihm das Lager und den Schlummer wieder gefunden haben. Das Kind
+hielt den Kristall an das kleine Herz gepreßt und vorsichtig löste
+Frau Stemma Fingerchen um Fingerchen.
+
+Jetzt holte sie, verlockt von der frühern Gewohnheit, die lange im
+Verschluß gelegenen Kristalle hervor. Nachdem sie dieselben eine
+Weile in den Händen gehalten und mit den Fläschchen, sie unablässig
+wechselnd, nach ihrer alten Weise gespielt hatte, legte sie das eine
+unter ihren mit Gemsleder beschuhten Fuß und zertrat es auf der
+steinernen Fliese mit einem kräftigen Drucke zu Scherben. Die
+ausströmende Flüssigkeit verbreitete einen angenehmen Mandelgeruch.
+Im Begriffe, den zweiten Kristall unter die Sohle zu legen, besah sie
+noch seinen goldenen Deckel und erkannte, daß sie sich zwischen den
+Fläschchen geirrt hatte. Sie glaubte das inschriftlose zuerst
+zermalmt zu haben und hielt es noch in der Hand. Kopfschüttelnd legte
+sie das Schlänglein unter die Ferse, doch das festere Glas widerstand
+hartnäckig. Sie ergriff es wieder, und schon hob sie den Arm, um es
+an der Wand zu zerschmettern, da hielt sie inne, aus Furcht, mit dem
+klirrenden Wurfe den Schlummer des Mädchens zu stören. Oder mit einem
+andern Gedanken barg sie es sorgfältig in dem weiten Busen ihres
+Gewandes.
+
+Frau Stemma wurden die Lider schwer, und sie ließ sich betäubt in
+einen Sessel fallen. Da sah sie ein Ding hinter ihrem Stuhle
+hervorkommen, das langsam dem Lager ihres schlummernden Kindes
+zustrebte. Es floß wie ein dünner Nebel, durch welchen die
+Gegenstände der Kammer sichtbar blieben, während das blühende Mädchen
+in fester Bildung und mit kräftig atmendem Leibe dalag. Die
+Erscheinung war die eines Jünglings, dem Gewande nach eines Klerikers,
+mit vorhangenden Locken. Das ungewisse Wesen rutschte auf den Knien
+oder watete, dem Steinboden zutrotz, in einem Flusse. Stemma
+betrachtete es ohne Grauen und ließ es gewähren, bis es die Hälfte des
+Weges zurückgelegt hatte. Dann sagte sie freundlich: "Du, Peregrin!
+Du bist lange weggeblieben. Ich dachte, du hättest Ruhe gefunden."
+Ohne den Kopf zu wenden und sich wieder um einen Ruck vorwärts
+bringend, antwortete der Müde: "Ich danke dir, daß du mich leidest.
+Es ist ohnehin das letzte Mal. Ich werde zunichte. Aber noch zieht
+es mich zu meinem trauten Kindchen."
+
+"Seid ihr Toten denn nicht gestorben?" fragte die Richterin.
+
+"Wir sterben sachte, sachte," antwortete der Kleriker. "Wie denkst du?
+Die"--er stotterte--"die Seele wird damit nicht früher fertig als der
+Leib vermodert ist. Inzwischen habe ich mir diesen ärmlichen Mantel
+geliehen." Der Schatten schüttelte seine Gestalt wie einen rinnenden
+Regen. "Ei, was war der irdische Leib für ein heftiges und lustiges
+Feuer! In diesem dünnen Röcklein friert mich, und ich lasse es gerne
+fallen."
+
+"Hernach?" fragte Stemma.
+
+"Hernach? Hernach, nach der Schrift"--
+
+Stemma runzelte die Stirn. "Zurück von dem Kinde!" gebot sie dem
+Schatten, der Palma fast erreicht hatte.
+
+"Harte!" stöhnte dieser und wendete das bekümmerte Haupt. Dann aber,
+von dem warmen Atem Stemmas angezogen, schleppte er sich rascher gegen
+ihre Knie, auf welche er die Ellbogen stützte, ohne daß sie nur die
+leiseste Berührung empfunden hätte. Dennoch belebte sich der Schatten,
+die schöne Stirn wölbte sich, und ein sanftes Blau quoll in dem
+gehobenen Auge.
+
+"Woher kommst du, Peregrin?" sagte die Richterin.
+
+"Vom trägen Schilf und von der unbewegten Flut. Wir kauern am Ufer.
+Denke dir, Liebchen, neben welchem Nachbar ich zeither sitze, neben
+dem"--er suchte.
+
+"Neben dem Comes Wulf?" fragte die Richterin neugierig.
+
+"Gerade. Kein kurzweiliger Gesell. Er lehnt an seinen Spieß und
+brummt etwas, immer dasselbe, und kann nicht darüber wegkommen. Ob du
+ihm ein Leid antatest oder nicht. Ich bin mäuschenstille"--Peregrin
+kicherte, tat dann aber einen schweren Seufzer. Darauf schnüffelte er,
+als rieche er den verschütteten Saft, und suchte mit starrem Blicke
+unter Stemmas Gewand, wo das andere Fläschchen lag, so daß diese
+schnell den Busen mit der Hand bedeckte.
+
+Da fühlte sie eine unbändige Lust, das kraftlose Wesen zu ihren Füßen
+zu überwältigen. "Peregrin", sagte sie, "du machst dir etwas vor, du
+hast dir etwas zusammengefabelt. Palma geht dich nichts an, du hast
+keinen Teil an ihr."
+
+Der Kleriker lächelte.
+
+"Du bildest dir etwas Närrisches ein", spottete die Richterin.
+
+"Stemma, ich lasse mir mein Kindchen nicht ausreden."
+
+"Torheit! Wie wäre solches möglich? Was weißt du, Traum?"
+
+"Ich weiß"--der flüchtig Beseelte schien eine Süßigkeit zu empfinden,
+in sein kurzes und grausames Los zurückzukehren--"wie mich dein Vater
+überfiel, da ich von meinem Lehrer dem Abte weg über das Gebirge zog.
+Der Judex litt an einer Wunde und hatte von meiner Wissenschaft
+vernommen. Da hob er mich auf und brachte mich dir mit. Du warest
+noch sehr jung und o wie schön! mit grausamen schwarzen Augen! Dabei
+herzlich unwissend. Ich lehrte dich Buchstaben und Verse bilden, doch
+diese da mochtest du nicht. Lieber regiertest du in den Dörfern,
+schiedest Händel und machtest die Ärztin bei deinen Eigenen. Ich
+zeigte dir die Kräfte der Kräuter, lehrte dich allerlei brauen, und du
+brachtest mir aus dem Schmuckkästchen zwei Kristalle"--
+
+Die Richterin lauschte.
+
+"Stemma, du bist noch jung, und auch ich bin jung geblieben, wenig
+älter, als da wir uns liebten", schluchzte Peregrin zärtlich.
+
+"Wir liebten uns", sagte Stemma.
+
+"Du lagest in meinen Armen!"
+
+"Wo dich der Judex überraschte und erwürgte", sprach sie hart.
+Peregrin ächzte, und Flecken wurden an seinem Halse sichtbar. "Er lud
+mich auf ein Maultier, zog mit mir davon und warf mich in den Abgrund."
+
+"Peregrin, ich habe geweint! Aber besinne dich: dein ist die Schuld!
+Bin ich nicht dreimal vor dich getreten, mein Bündel in der Hand?
+Habe ich dich nicht drohend beschworen, mit mir zu fliehen? Wer
+wollte Fuß neben Fuß in Armut und Elend wandern? Du aber erblaßtest
+und erbleichtest, denn du hast ein feiges Herz. Ich liebte dich, und,
+bei meinem Leben!--warest du ein Mann--Vater, Heimat, alles hätte ich
+niedergetreten und wäre dein eigen geworden."
+
+"Du wurdest es", flüsterte der Schatten.
+
+"Niemals!" sagte Stemma. "Sieh mich an: gleiche ich einer Sünderin?
+Blicke ich wie eine Leidenschaftliche und Leichtfertige? Bin ich
+nicht die Zucht und die Tugend? Und so war ich immer. Du hast mich
+nicht berührt, kaum daß du mir mit furchtsamen Küssen den Mund
+streiftest. Wo hättest du auch den Mut hergenommen?"
+
+Da geriet der Schatten in Unruhe. "O ihr Gewalttätigen beide, der
+Vater und du! Er hat mich geraubt und erwürgt, du, Stemma, locktest
+mit dem Blutstropfen! Gib den Finger, da sitzt das Närbchen!"
+
+Stemma hob die Achseln. "Es war einmal", höhnte sie.
+
+Da wiegte Peregrinus, der sich gleich wieder besänftigte, die Locken
+und sang mit gedämpfter Stimme:
+
+"Es war einmal, es war einmal
+Ein Fürst mit seinem Kinde,
+Es war einmal ein junger Pfaff
+In ihrem Burggesinde."
+
+Am Mahle saßen alle drei,
+Da riefen den Herrn die Leute:
+"Herr Judex, auf! Zu Roß! Zu Roß!
+Im Tal zieht eine Beute!"
+
+Er gürtet sich das breite Schwert
+Und wirft mit einem Gelächter
+Den Hausdolch zwischen Maid und Pfaff
+Als einen scharfen Wächter.
+
+Den Judex hat das schnelle Roß
+Im Sturm davongetragen,
+Zweie halten still und bang
+Die Augen niedergeschlagen.
+
+Stemma hebt das Fingerlein,
+Sie tut es ihm zuleide,
+Und fährt damit wohl auf und ab
+Über die blanke Schneide.
+
+"Ein Tröpflein warmen Blutes quoll"--
+
+
+"Stille, Schwächling!" zürnte die Richterin. "Das hast du dir in
+deinem Schlupfwinkel zusammengeträumt. Solche Schmach kennt die Sonne
+nicht! Stemma ist makellos! Und auch der Comes, er komme nur! ihm
+will ich Rede stehen!"
+
+"Stemma, Stemma!" flehte Peregrin.
+
+"Hinweg, du Nichts!" Sie entzog sich ihm mit einer starken Gebärde,
+und seine Züge begannen zu schwimmen.
+
+"Mein Weib, mein"--"Leben" wollte er sagen, doch das Wort war dem
+Ohnmächtigen entschwunden. "Hilf, Stemma", hauchte er, "Wie heißt es,
+das Atmende, Blühende? Hilf!" Die Richterin preßte die Lippen, und
+Peregrinus zerfloß.
+
+Erwacht stand sie vor dem Lager ihres Kindes. Sie küßte ihm die
+geschlossenen Augen. "Bleibet unwissend!" murmelte sie. Dann glitt
+sie neben Palma auf das breite Lager und schlang den Arm um das
+Mädchen, wie um eine erkämpfte Beute: "Du bist mein Eigentum! Ich
+teile dich nicht mit dem verschollenen Knaben! Dich siedle ich an im
+Licht und umschleiche dich wie eine hütende Löwin!" Der Traum hatte
+ihr Peregrin gezeigt nicht anders, als sein Bild in ihr zu leben
+aufgehört hatte. Längst war der Jüngling, dem sie sich aus Trotz und
+Auflehnung mehr noch als aus Liebe heimlich vermählt, an ihrem
+kasteiten Herzen niedergeglitten und untergegangen, und der einst aus
+ihrer Fingerbeere gespritzte Blutstropfen erschien der Geläuterten als
+ein lockeres und aberwitziges Märchen. Schon glaublicher deuchte ihr
+der andere Bewohner der Unterwelt, und da sie sich auf dem Lager
+umwendete und das Haupt in die Kissen begrub, ohne den Arm von der
+Schulter ihres Kindes zu lösen, erblickte die Entschlummernde den
+Comes, wie er an den Speer gelehnt verdrießlich im Schilfe saß und
+etwas Feindseliges in den Bart murmelte. Ein Lächeln des Hohnes glitt
+über ihr verdunkeltes Gesicht, denn Stemma kannte die Hilflosigkeit
+der Abgeschiedenen.
+
+Im ersten Lichte weckte die zwei Schlafenden ein jäher Hornstoß und
+riß sie vom Lager empor. Der gewaltsame Tagruf beleidigte das feine
+Ohr der Richterin. Sie erriet, wen er meldete, und mit schnellem
+Entschluß und festem Schritte ging sie Wulfrin entgegen. Noch vor ihr,
+den rasch ergriffenen Wulfenbecher in der Hand, war Palma durch die
+Tür gehuscht.
+
+In das von Rudio geöffnete Tor tretend, stand Stemma vor dem Höfling,
+der sie mit verwunderten Augen betrachtete. Das Antlitz gebot ihm
+Ehrfurcht. Er verschluckte ein unziemliches Scherzwort über sein
+durch vier Weiber gerettetes Leben. Bewältigt von dem ruhig prüfenden
+Blicke und der Hoheit der blassen Züge sagte er nur: "Hier hast du
+mich, Frau", worauf sie erwiderte: "Es hat Mühe gekostet, dich nach
+Malmort zu bringen."
+
+"Wo ist die Schwester, daß ich sie küsse?" fuhr er fort, und diese,
+die inzwischen den Becher gefüllt hatte, eilte ihm mit klopfendem
+Herzen und leuchtenden Augen zu, obwohl sie vorsichtig schritt und den
+Wein nicht verschütten durfte. Sie trat vor den Bruder und begann den
+Spruch. Da aber Stemma den Kelch, der dem Comes den Tod gebracht, in
+den Händen ihres Kindes erblickte und den frischen Mund über seinem
+Rand, empfand sie einen Ekel und einen tiefen Abscheu. Mit sicherm
+Griffe bemächtigte sie sich des Bechers, den das überraschte Mädchen
+ohne Kampf und Widerstand fahren ließ, führte ihn kredenzend an den
+eigenen Mund und bot ihn dem Höfling mit den einfachen Worten: "Dir
+und dieser zum Segen!" Wulfrin leerte den Becher ohne jegliche Furcht.
+
+Palma stand bestürzt und beschämt. Da hieß die Mutter sie die Glocke
+ziehen, die hoch oben in einem offenen Türmchen hing und das Gesinde
+weither zum Angelus rief. Palma hatte als Kind Freude gehabt, das
+leichtbewegliche Glöcklein erschallen zu lassen, und das Amt war dem
+Mädchen geblieben. Sie fügte sich zögernd.
+
+"Frau, warum hast du ihr die Freude verdorben?" fragte Wulfrin.
+Stemma wies ihm die Inschrift des Bechers. "Siehe, es ist der Spruch
+eines Eheweibes", sagte sie. "Davon lese ich nichts", meinte er.
+
+"Erfreue dich am Wein!
+Willkomm...!"
+
+
+Der Finger der Richterin zeigte das Verwischte, aus welchem für ein
+genauer prüfendes Auge noch drei Buchstaben leserlich hervortraten,
+ein i, ein K, ein l. Wulfrin erriet ohne Mühe:
+
+"Willkomm im Kämmerlein!"
+
+
+"Du hast recht, Frau", lachte er.
+
+Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn vor das Grabmal. Da lag ihm
+der Vater, die Linke am Schwert, die Rechte am Hifthorn, die
+steinernen Füße ausgestreckt. Wulfrin betrachtete die rohen aber
+treuherzigen Züge nicht ohne kindliches Gefühl. Das abgebildete
+Hifthorn erblickend, hob er in einer plötzlichen Anwandlung das
+wirkliche, das er an der Seite trug, vor den Mund und tat einen
+kräftigen Stoß. "Fröhliche Urständ!" rief er dem in der Gruft zu.
+
+"Laß das!" verbot die Richterin, "es tönt häßlich."
+
+Sie setzte sich auf den Rand des Steinsarges, neben ihr eigenes
+liegendes Bild, das die betenden Hände gegeneinander hielt, und begann:
+"Da du nun auf Malmort bist, verlässest du es nicht, Wulfrin, ohne
+mich--nach vernommenen Zeugen--angeklagt oder freigegeben zu haben von
+dem Tode des Mannes hier." Der Höfling machte eine widerwillige
+Gebärde. "Füge dich", sagte sie. "Ist es dir keine Sache, so ist es
+eine Form, die du mir erfüllen mußt, denn ich bin eine genaue Frau."
+
+"Gnadenreich wird dir ausgerichtet haben", versetzte der Höfling
+aufgebracht, "daß ich dich nie beargwöhnte, weder ich noch Arbogast,
+der mir das Zusammensinken des Vaters beschrieben hat. Ich bin kein
+Zweifler und möchte nicht leben als ein solcher. Es gibt deren, die
+in jedem Zufall einen Plan, und in jedem Unfall eine Schuld wittern,
+doch das sind Betrogene oder selbst Betrüger. Der Himmel behüte mich
+vor beiden! Hätte ich aber Verdacht geschöpft und Feindseliges gegen
+dich gesonnen, jetzt, da ich dein Antlitz sehe, stünde ich entwaffnet,
+denn wahrlich du blickst nicht wie eine Mörderin. Wärest du eine Böse,
+woher nähmest du das Recht und die Stirn, das Böse aufzudecken und zu
+richten? Dawider empört sich die Natur!"
+
+Ein Schweigen trat ein. "Aber was ist das für ein dumpfes Dröhnen,
+das den Boden schüttert?"
+
+"Das ist der Strom", sagte die Richterin, "der den Felsen benagt und
+unter der Burg zu Tale stürzt."
+
+"Wahr ist es, Frau", fuhr der Höfling treuherzig fort, "daß ich dich
+nie leiden mochte, und ich sage dir warum. Dieser Greis hier, mein
+Vater, war ein roher und gewaltsamer Mann. Ich sage es ungern: er hat
+an meinem Mütterlein mißgetan, ich glaube, er schlug es. Ich mag
+nicht daran denken. Ins Kloster hat er es gesperrt, sobald es
+abwelkte. Da ist es nicht zu wundern, wie wir Menschen sind, daß ich
+von dir nichts wissen wollte, die es von seinem Platze verstieß."
+
+"Nicht ich. Hier tust du mir unrecht. Da wir so zusammensitzen,
+Wulfrin, warum soll ich es dir nicht erzählen? Ich habe deiner Mutter
+nichts zuleide getan. Kälter und lebloser als diese steinerne war
+meine Hand, da sie gewaltsam in die deines Vaters gedrückt wurde. Aus
+dem Kerker hergeschleppt, zugeschleudert wurde ich ihm von dem Judex,
+der mir einen zitternden und zagenden Liebling von niederer Geburt
+erwürgt hatte. Nicht jedes Weib würde dir solches anvertrauen,
+Wulfrin."
+
+"Ich glaube dir", sagte dieser.
+
+"Einer Gezwungenen und Entwürdigten", betonte sie, "gab dein Vater
+sterbend die Freiheit. Und ich wurde Herrin von Malmort. Du hast
+Grund, Wulfrin, dir die Sache zu besehen. Sie ist dunkel und schwer.
+Betrachte sie von allen Seiten! Denn, du räumst mir ein, vernichtete
+ich deinen Vater, so bin ich oder du bist zuviel auf der Erde."
+
+"Verhöhnst du mich?" fuhr er auf, "doch nein, du blickst ernst und
+traurig. Siehe, Frau, das ewige Verhören und Richten hat dich quälend
+und peinlich gemacht und wahrhaftig, ich glaube"--seine Augen deuteten
+auf den Stein--"auch eine Frömmlerin bist du." Er hatte rings um das
+Frauenhaupt die Worte gelesen: "Orate pro magna peccatrice." "Das hier
+ist großgetan."
+
+"Ich bin eine kirchliche Frau", antwortete Stemma, "doch wahrlich, ich
+bin keine Frömmlerin, denn ich glaube nur, was ich an dem eigenen
+Herzen erfahren habe. Dein Knecht, der Steinmetz Arbogast, fragte
+mich in seiner einfältigen Art, was er mir um das Haupt schreiben
+dürfe. In seiner schwäbischen Heimat sei bei vornehmen Frauen die
+Umschrift gebräuchlich: Betet für eine Sünderin." "Schreibe mir,"
+sagte ich, "'Betet für die große Sünderin', denn, Wulfrin, du hast
+recht gesagt, was ich tue, tue ich groß."
+
+"Hübsch!" rief der Höfling, aber nicht als Antwort auf diesen
+Selbstruhm, sondern das Haupt in die Höhe richtend, wo Palma stand und
+das helltönige Glöcklein zog. Sie hatte sich lange auf der
+Wendeltreppe gesäumt und aus den Luken nach dem ihr vorenthaltenen
+Bruder zurückgeblickt. In der weiten Bogenöffnung des von den ersten
+Sonnenstrahlen vergoldeten Turmes wiegte sich ein lichtes Geschöpf auf
+dem klingenden Morgenhimmel. Der Höfling sah einen läutenden Engel,
+wie ihn etwa in der zierlichen Initiale eines kostbaren Psalters ein
+farbenkundiger Mönch abbildet. Eine Innigkeit, deren er sich schämte,
+rührte und füllte sein Herz. Hatte ihn doch dieses lobpreisende Kind
+vom Tode errettet.
+
+Inzwischen sammelte sich im Burghofe das Gesinde der Richterin, wohl
+einhundert Köpfe stark, Männer und Weiber, ein finsteres, sehniges,
+sonneverbranntes Geschlecht, das den Behelmten eher feindlich als
+neugierig musterte. Dieser, die wieder zur Erde gestiegene Palma
+darunter erblickend, machte sich Bahn, und als wollte er sich für die
+flüchtige Andacht rächen, welche er zu einem Geschöpf aus irdischem
+Stoffe empfunden, legte er ihr die Hand auf die Achsel, und den
+blühenden Mund findend, küßte er ihn kräftig. Sie zitterte vor Freude
+und wollte erwidern, doch schneller faßte die Richterin mit der Linken
+ihre Hand, die Rechte Wulfrin bietend, und führte die beiden in die
+Mitte ihres Volkes.
+
+"Bruder und Schwester", verkündigte sie und sich auf die andere Seite
+wendend noch einmal: "Schwester und Bruder."
+
+So ungefähr hatten es sich Knechte und Mägde schon zurechtgelegt, denn
+die Ähnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar,
+nur daß sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des
+Hifthorns an der Seite Wulfrins zu geschweigen, das anschauliches
+Zeugnis gab von seiner Abstammung.
+
+Nur das runzlige, stocktaube Mütterchen, die Sibylle, hatte nichts
+vernommen und nichts begriffen. Sie trippelte kichernd um das Mädchen,
+zupfte und tätschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem
+zahnlosen Munde: "O du mein liebes Herrgöttchen! Was für einen hat
+dir da die Frau Mutter gekramt! Zum Wiederjungwerden. Von Paris ist
+er verschrieben, aus den Buben, die dem Großmächtigen dienen. Krause
+Haare, prächtige Ware!"
+
+"Halt das Maul, Drud!" schrie dem Mütterchen der Knecht Dionys ins Ohr,
+"es ist der Bruder!", und sie versetzte. "Das sage ich ja, Dionys:
+der Gnadenreich ist ein tröstlicher und auferbaulicher Herr, aber der
+da ist ein gewaltiger, stürmender Krieger! O du glückseliges Pälmchen!",
+und so unziemlich schwatzte sie noch lange, wenn man sie nicht
+zurückgedrängt und ihr den frechen Mund verhalten hätte. Denn die
+Morgenandacht begann, und von einer entfernteren Gruppe wurde schon
+die Litanei angestimmt. Wie von selbst ordnete sich der Frühdienst,
+einen Halbkreis bildend, in dessen Mitte die Richterin den
+schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Sätze immer
+dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel über
+Malmort anrief.
+
+Wulfrin, welcher, er wußte nicht wie, an das eine Ende des andächtigen
+Kreises geraten war, erblickte sich gegenüber die Schwester. Alles
+hatte sich niedergeworfen, er und die Richterin ausgenommen. Seine
+Blicke hingen an Palma. Auf beiden Knien liegend, die Hände im Schoß
+gefaltet, sang sie eifrig mit den jungen rätischen Mägden. Aber das
+Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten
+Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den
+Augen und jubelte ihr auf den Lippen, daß die Litanei darüber
+verstummte. Die geöffneten gaben durch die Lüfte den Kuß des Bruders
+zurück. Und jetzt sich halb erhebend, streckte sie auch die Arme nach
+ihm. Nur eine flüchtige Gebärde, doch so viel Glut und Jugend
+ausströmend, daß Wulfrin unwillkürlich eine abwehrende Bewegung machte,
+als würde ihm Gewalt angetan. "Der Wildling!" lachte er heimlich.
+"Aber die wird dem wackern Gnadenreich zu schaffen machen! Ich muß
+ihm noch das wilde Füllen zähmen und schulen, daß es nicht ausschlage
+gegen den frommen Jüngling! Warte du nur!"
+
+Und um die Erziehung zu beginnen, wendete er sich, da die Richterin
+das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber
+an Frau Stemma, die seine Hand ergriff, ihn feierlich in die Mitte
+führte und mit eherner Stimme zu reden begann: "Meine Leute! Wer von
+euch, Mann oder Weib, so alt ist, daß er vor jetzt sechzehn Jahren
+hier stand, während ich den Comes empfing, der davon herkam euren
+erschlagenen Herrn, den Judex, zu rächen--wer so alt ist und dabei
+gegenwärtig war, der bleibe! Ihr Jüngern, lasset uns, auch du, Palma!"
+
+Sie gehorchten. Palma zog sich schmollend in den äußersten Burgwinkel
+zurück, eine halbrunde Bastei, die, ein paar Stufen tiefer als der Hof,
+über dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflut in
+ungeheurem Sturze zu Tale fiel. Sie setzte sich auf die breite Platte
+der Brüstung, blickte, den Arm vorgestützt, in den schneeweißen Gischt
+hinein, der ihr mit seinem feinen Regen die Wange kühlte, und hörte in
+dem Tumulte der Tiefe nur wieder den Jubel und die Ungeduld des
+eigenen Herzens.
+
+Im Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren
+Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und doch gemessen,
+nach dem Winke der Richterin.
+
+"Hier steht der Sohn des Comes. Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig.
+Saget sie. Habet ihr das Bild jener Stunde?"
+
+"Als wäre es heute"--"Ich sehe den Comes vom Rosse springen"--"Wir
+alle"--"Dampfend und keuchend"--"Du kredenztest"--"Drei lange
+Züge"--"Mit einem leerte er den Becher"--"Er sank"--"Wortlos"--"Er lag."
+
+"Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie.
+
+"So und nicht anders. Bei unserm Anteil am Kreuze!" antwortete der
+vielstimmige Schwur.
+
+"Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut! Wo bist du? Nimm
+dich zusammen!"
+
+Hastig und unwillig erhob er die Hand.
+
+Die Richterin faßte ihn am Arm. "Kein Leichtsinn!" warnte sie. "Frage,
+untersuche, prüfe, ehe du mich freigibst! Du begehst eine ernste,
+eine wichtige Tat!"
+
+Wulfrin machte sich von ihr los. "Ich gebe die Richterin frei von dem
+Tode des Comes und will verdammt sein, wenn ich je daran rühre!"
+schwur er zornig.
+
+Der Burghof begann sich zu leeren. Wulfrin starrte vor sich hin und
+vernahm, so überzeugt er von der Unschuld der Richterin war und so
+erleichtert, mit einer häßlichen Sache fertig zu sein--dennoch vernahm
+er aus seinem Innern einen Vorwurf, als hätte er den Vater durch seine
+Unmut und seine Hast preisgegeben und beleidigt. So stand er
+regungslos, während die Richterin langsam auf ihn zutrat, sich an
+seiner Brust emporrichtete und ihm Kette und Hifthorn leicht über das
+Haupt hob. "Als Pfand meiner Freigebung und unsers Friedens", sagte
+sie freundlich. "Ich kann seinen Ton nicht leiden." Und sie schritt
+durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf die Bastei und
+schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten in die donnernde
+Tiefe.
+
+Jetzt kam Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das väterliche
+Erbe zurückzufordern. Er kam zu spät. In den betäubenden Abgrund
+blickend, der das Horn verschlungen hatte, hörte er unten einen
+feindlichen Triumph wie Tuben und Rossegewieher. Sein Ohr hatte sich
+in den Ebenen der lauten Rede entwöhnt, welche die Bergströme führen.
+Als er wieder aufschaute, war die Richterin verschwunden. Nur Palma
+stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund küßte.
+
+"Laß mich!" schrie er und stieß sie von sich.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+
+An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen
+Türmen und Weilern als duftige Ferne hereinschimmerte, stand die
+Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Größe ihres Besitzes. "Das
+beherrsche ich", sagte sie, "und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin,
+habe ich schon ehevor dazu ausersehen--wie es auch deine brüderliche
+Pflicht ist--, der Schwester, wenn ich stürbe, dieses weite Erbe zu
+sichern."
+
+"Planvoll, aber ferneliegend", sagte er.
+
+"Fern oder nahe. Du bist ihr natürlicher Beschützer. Ich kann mein
+Kind keinem Mächtigen dieses Landes vermählen, denn sie sind ein
+zuchtloses und sich selbst zerstörendes Geschlecht. Ich bände sie an
+den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der
+nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in
+einer Blutrache untergehen? Ja, fände ich für sie einen Guten und
+Starken wie du bist, dann wäre ich ruhig und könnte dich freigeben, du
+hättest weiter keine Pflicht an ihr zu erfüllen. Ich weiß ihr keinen
+Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der
+Verheißung, als ein Sanftmütiger, kann es aber gegen die Gewalttätigen
+nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Söhne werden
+kraft meines Blutes Männer sein. Bis diese kommen und wachsen, wirst
+du schon deine gepanzerte Hand über Gnadenreich und Palma halten und
+die Herrschaft führen müssen. Denn ewig reitest du nicht mit dem
+Kaiser. Vielleicht auch, wer weiß, erhebt er dich zum Grafen über
+diesen Gau, oder dann erhältst du von mir eine Burg, jene"--sie wies
+auf einen Turm am Horizonte--"oder eine andere, nach deinem Gefallen.
+Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm
+vertrauend die Hand auf die Schulter.
+
+"Aber, Frau", sagte er, "du lebst!", und sie erwiderte: "Solang ich
+lebe, herrsche ich."
+
+"Dann hat es keine Eile", antwortete er. "Daß der Schwester nichts
+geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muß ich
+reiten, heute! in einer Stunde!"
+
+"Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Rudio
+geschickt mit der sichern Kundschaft, daß die Lombarden sich am Mons
+Maurus befestigen und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie
+geführt werden müssen. Herr Karl sitzt in Mediolanum, wie wir wissen.
+So braucht es dir nicht zu eilen."
+
+"Ich lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Bügel", sagte der
+Höfling, und die Richterin erwiderte nachgiebig: "Dann schenkst du mir
+noch diesen Tag. Ich sähe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum
+Gnadenreich sich hier nicht blicken läßt? Er hält sich wohl in seinem
+Pratum eingeschlossen, der Lombarden halber, vorsichtig wie er ist,
+obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weißt du was?
+Geh und bring ihn. Oder wüßtest du deiner Schwester einen bessern
+Mann?"
+
+"Nein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und
+zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt.
+Ich will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast."
+
+Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. "Was ist dir, Wulfrin? Du
+siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um
+wie mit einer Puppe, du stößest sie weg, und dann hätschelst du sie
+wieder. Du verdirbst mir das Mädchen. Wo hast du solche Sitte
+gelernt?"
+
+"Sie ist aufdringlich", sagte er. "Ich liebe freie Ellbogen und kann
+es nicht leiden, daß man sich an mich hängt. Sie läuft mir nach, und
+wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muß ich sie wieder trösten. Es
+ist unerträglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und großer
+Räume--auf diesem Felsstück ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge
+drückt, der Hof beengt, der Strom schüttert--an jeder Ecke, auf jeder
+Treppe dieselben Gesichter! Verwünschtes Malmort! Hier hältst du
+mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Mache dir keine
+Rechnung, Frau."
+
+"Du tust mir wehe", sagte sie.
+
+Die harte Rede reute ihn. "Frau, laß mich ziehen!" bat er. "Und daß
+du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich, und
+wir verloben die Schwester. Wo haust er?"
+
+"Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in
+Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, über welcher
+eine grüne Alp hoch emporstieg. "Ich gebe dir einen Führer. Den
+Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich
+damit beschäftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und
+plauderte.
+
+"Gabriel", rief ihn die Richterin, "du führst deinen Herrn Wulfrin
+nach Pratum."
+
+"Den Höfling? Mit Freuden!" jauchzte der Bube.
+
+"Er träumt davon", erklärte die Richterin, "hinter dem Kaiser zu
+reiten. Besieh dir ihn."
+
+"Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt.
+
+"Nein", sagte die Richterin.
+
+"Bruder!" bat sie und streckte die Hände.
+
+"Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. Ihre Augen füllten sich mit
+Tränen. "So komm, Närrchen!"
+
+Da die dreie barhaupt und reisefertig in dem feuchten Tore standen,
+während ringsum die Sonne brannte, sagte die geleitende Richterin zu
+Wulfrin: "Ich anvertraue dir Palma: hüte sie!"
+
+"Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mädchen.
+
+Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: "Herr, es gibt zwei Wege nach
+Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, der andere über die Alp."
+Er wies mit der Hand. "Wenn es dir und der jungen Herrin beliebt, so
+nehmen wir diesen. Oben schaut es sich weit und lustig, und es könnte
+trübe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft."
+
+"Ja, über die Alp, Wulfrin!" rief Palma. "Ich will dir dort meinen
+See zeigen", und leichtgeschürzt schlug sie sich über eine lichte
+Matte, die bald zu steigen begann und immer steiler wurde.
+
+Leicht wie auf Flügeln, mit frei atmender Brust ging das Mädchen
+bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kühl wie eine
+springende Quelle. Der Berg hatte an dem Kinde seine Freude.
+Glänzende Falter umgaukelten ihr das Haupt, und der Wind spielte mit
+ihrem Blondhaar.
+
+Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der
+Morgenlandschaft hervortrat. "Wie geschah mir", fragte er sich, "in
+jenem Gemäuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschöpf
+beängstigen, dieses fröhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen
+Augen und flüchtigen Füßen?" Ihm wurde wohl, und er mochte es gerne,
+daß der Knabe zu plaudern begann.
+
+Gabriel erzählte von den Lombarden, welche er als Späher der Richterin
+beschlichen hatte. Sie seien überall und nirgends. Sie nisten in den
+Pässen, belauern die Boten und plündern die Säumer. Sie berauschen
+sich in dem geraubten heißen Weine von drüben, prahlen mit besiegten
+Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder
+lästern den Weltlauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment führe,
+"und doch", endigte der Knabe, "sind sie gläubige Christen, denn sie
+stehlen aus unsern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie
+davon erwischen können. Es ist Zeit, daß der Herr Kaiser zum Rechten
+sehe und ihnen feste Bezirke und einen Richter gebe."
+
+Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Würde
+ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich
+seine Augen und er rief: "Diesem und keinem andern will ich dienen!
+Ich heiße Gabriel und schlage gerne mit Fäusten, lieber hieße ich
+Michael und hiebe mit dem Schwerte! Recht muß dabei sein, und der
+Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und
+Geist. Er hat die Weltregierung übernommen und hütet, ein blitzendes
+Schwert in der Faust, den christlichen Frieden und das tausendjährige
+Reich."
+
+Nun mußte ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone,
+den blauen, langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das
+kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, "den wir Höflinge ihm
+nachahmen", sagte er lachend.
+
+"Wie blickt der Kaiser?" fragte Palma, und Wulfrin antwortete ohne
+Besinnen: "Milde."
+
+Die Kinder lauschten andächtig und bestaunten den Mann, der mit dem
+Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Höhe erreicht war, wo
+sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel
+jauchzte gegen eine ernsthafte Felswand, die den Knabenjubel gütig
+spielend erwiderte, und Palma lief, den Höfling an der Hand, einem
+gründunkelklaren Gewässer entgegen, das die Wand mit ihrem
+Riesenschatten noch immer vor der schon hohen Sonne verbarg. Sie
+umwandelten das mit Felsblöcken besäte Ufer bis zu einem bemoosten
+Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder, und wie sie
+so lagerten, sagte sie: "Nun ist das Märchen erfüllt von dem Bruder
+und der Schwester, die zusammen über Berg und Tal wandern. Alles ist
+schön in Erfüllung gegangen."
+
+"Haust hier unten auch eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb
+die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Höfling nicht
+bloßstellen.
+
+"Dumme Geschichten", lachte dieser, "es gibt keine Elben."
+
+"Nein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr, "es gibt
+keine, nur darf man sie nicht mit wüsten Worten rufen oder gar ihnen
+Steine ins Wasser schmeißen. Aber, Herr, wo hast du dein Hifthorn?
+Du trugest es an der Seite, da du nach Malmort kamst."
+
+"Es ist in den Strom gestürzt", fertigte ihn der Höfling ab.
+
+"Das ist nicht gut", meinte der Knabe.
+
+"Heho, Gabriel!" rief es aus der Ferne, und ein anderer Hirtenbube
+wurde sichtbar. "Ein Fohlen hat sich nach Alp Grun verlaufen,
+kohlschwarz mit einem weißen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es
+gehört nach Malmort."
+
+Gabriel sprang mit einem Satz in die Höhe. "Heilige Mutter Gottes",
+rief er, "das ist unsere Magra, der muß ich nach! Lieber Herr,
+entlasse mich. Du wirst dich schon zurechtfinden. Ein Mensch ist
+vernünftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, "Siehst du dort
+den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiß die kleine
+Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kümmern.
+
+"Palma", lachte Wulfrin, "wenn da unten eine Elbin leuchtete?"
+
+"Mich würde es nicht wundern", sagte sie. "Oft, wenn ich hier liege,
+erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer nieder und versuche das Wasser
+mit der Zehe. Und dann ist mir, als löse ich mich von mir selbst, und
+ich schwimme und plätschere in der Flut. Aber siehe!"
+
+Sie deutete auf ein majestätisches Schneegebirge, das ihnen gegenüber
+sich entwölkte. Seine verklärten Linien hoben sich auf dem lautern
+Himmel rein und zierlich, doch ohne Schärfe, als wollten sie ihn nicht
+ritzen und verwunden, und waren beides, Ernst und Reiz, Kraft und
+Lieblichkeit, als hätten sie sich gebildet, ehe die Schöpfung in Mann
+und Weib, in Jugend und Alter auseinanderging.
+
+"Jetzt prangt und jubelt der Schneeberg", sagte Palma, "aber nachts,
+wenn es mondhell ist, zieht er bläulich Gewand an und redet heimlich
+und sehnlich. Da ich mich jüngst hier verspätete, machte sich der
+süße Schein mit mir zu schaffen, lockte mir Tränen und zog mir das
+Herz aus dem Leibe. Aber siehe!" wiederholte sie.
+
+Eine Wolke schwebte über den weißen Gipfeln, ohne sie zu berühren, ein
+himmlisches Fest mit langsam sich wandelnden Gestalten. Hier hob sich
+ein Arm mit einem Becher, dort neigten Freunde oder Liebende sich
+einander zu, und leise klang eine luftige Harfe. Palma legte den
+Finger an den Mund. "Still", flüsterte sie, "das sind Selige!"
+Schweigend betrachtete das Paar die hohe Fahrt, aber die von irdischen
+Blicken belauschte himmlische Freude löste sich auf und zerfloß.
+"Bleibet! oder gehet nur!" rief Palma mit jubelnder Gebärde, "Wir sind
+selige wie ihr! Nicht wahr, Bruder?", und sie blickte mit trunkenen
+Augen bis in den Grund der seinigen.
+
+Es kam die schwüle Mittagsstunde mit ihrem bestrickenden Zauber.
+Palma umfing den Bruder in Liebe und Unschuld. Sie schmeichelte
+seinem Gelocke wie die Luft und küßte ihn traumhaft wie der See zu
+ihren Füßen das Gestade. Wulfrin aber ging unter in der Natur und
+wurde eins mit dem Leben der Erde. Seine Brust schwoll. Sein Herz
+klopfte zum Zerspringen. Feuer loderte vor seinen Augen...
+
+Da rief eine kindliche Stimme: "Sieh doch, Wulfrin, wie sie sich in
+der Tiefe umarmen!"
+
+Sein Blick glitt hinunter in die schattendunkle Flut, die Felsen und
+Ufer und das Geschwisterpaar verdoppelte. "Wer sind die zweie?" rief
+er.
+
+"Wir, Bruder", sagte Palma schüchtern, und Wulfrin erschrak, daß er
+die Schwester in den Armen hielt. Von einem Schauder geschüttelt
+sprang er empor, und ohne sich nach Palma umzusehen, die ihm auf dem
+Fuße folgte, eilte er in die Sonne und dem nahen Grate zu, wo jetzt
+eine Figur mit einem breiten Hut und einem langen Stabe Wache zu
+halten schien.
+
+"Grüß Gott! grüß Gott!" bewillkommte Gnadenreich die Geschwister, ohne
+einen Schritt vom Platze zu tun. Er streckte ihnen nur die Hände
+entgegen. "Ich habe es dem Ohm feierlich geloben müssen", erklärte er,
+"solange die Lombardengefahr dauert, die Grenze meiner Weiden hütend
+zu umwandeln, aber nicht zu überschreiten, denn Pratum ist ein Lehen
+des Bistums, und die Kirche hält Frieden. Sei willkommen, Wulfrin,
+und Palma nicht minder!" Seine Blicke liefen rasch zwischen dem
+Höfling und dem Mädchen: beide schienen ihm befangen. Er wurde es
+auch, denn er glaubte die Ursache ihres Weges zu wissen, und da sie
+schwiegen, begann er ein großes Geplauder.
+
+"Sie haben dem guten Ohm böse mitgespielt", erzählte er. "Wir saßen
+zu dreien in der Stube beim Nachtische, denn die Richterin war nach
+Chur gekommen, um den Bischof gegen die Lombarden in die Waffen zu
+treiben, was er ihr als ein Kind des Friedens verweigern mußte. Frau
+Stemma und der Ohm stritten sich bei den Nüssen, wie sie zuweilen tun,
+über die Güte der Menschennatur. Nun hatten sich kürzlich zwei arge
+Geschichten ereignet. Jucunda, die junge Frau des Montafuners, welche
+Bischof Felix gefirmelt hatte"--
+
+"Mit mir. Sie war sein Liebling", rief Palma, die wieder dicht neben
+dem Höfling schritt.
+
+"Still!" sagte dieser ungebärdig, und das Mädchen lief nach einer
+Blume.--"wurde von ihrem Manne mit einem Edelknecht ertappt und durch
+das Burgfenster geworfen. Wenige Tage später schlug der Schamser
+mitten im Stiftshofe dem Bergüner nach kurzem Wortwechsel den Schädel
+ein, und doch hatten sie eben auf die priesterliche Zusprache des Ohms
+sich geküßt und miteinander den Leib des Herrn empfangen. Solches
+hielt ihm Frau Stemma vor, doch der Ohm erwiderte: 'Das sind Wallungen
+und augenblickliche Verfinsterungen der Vernunft, aber die Natur ist
+gut und wird durch die Gnade noch besser.' Der Ohm ist ein bißchen
+Pelagianer, hi, hi!"
+
+"Pelagianer?" fragte der Höfling zerstreut, denn sein Blick rief Palma,
+die ihm gleich wieder zusprang; "ist das nicht eine Gattung
+griechischer Krieger?"
+
+"Nicht doch, Wulfrin, es ist eine Gattung Ketzer. Also: Frau Stemma
+und der Ohm stritten über das Böse. Da sieht der Bischof, der
+kurzsichtig ist, auf Felicitas--diesen Namen hat er der nahen Höhe
+gegeben, wo ihm ein Sommerhaus steht--eine Flamme. Wir feiern den
+Abzug der Lombarden", lächelte er. Frau Stemma blickt hin und bemerkt
+in ihrer ruhigen Weise: 'Ich meine, sie sind es selber', und richtig
+tanzten sie auf dem Hügel wie Dämonen um den Brand.
+
+Da lärmt es auf dem Platz. Ein Bösewicht fällt mit der Türe ins Haus
+und redet: 'Bischof, tue nach dem Evangelium und gib mir den Rock,
+nachdem du seine Taschen mit Byzantinern gefüllt hast, denn deine
+Mäntel haben wir in der Sakristei drüben schon gestohlen!' Der Ohm
+erstarrt. Jetzt tritt der Lombarde auf Stemma zu, welche im
+Halbdunkel saß, 'Die Frau da', höhnt er, 'hat einen Heiligenschein um
+das Haupt, her mit dem Stirnband!' Da erhebt sich Frau Stemma und
+durchbohrt den Menschen mit ihren fürchterlichen Augen: 'Unterstehe
+dich!' 'Ja so', sagt er, 'die Richterin!' und biegt das Knie. Da der
+arme Ohm endlich aufatmete, nach erbrochenen Kisten und Kasten, rief
+ihn der Höllenkerl wieder vom Domplatze her ans Fenster. Er ritt mit
+nackten Fersen den schönsten Stiftsgaul, dem er eine purpurne
+Altardecke übergelegt--sich selbst hatte er ein Meßgewand umgehangen--,
+und zog dem Kirchenschimmel mit dem entwendeten Krummstab von Chur
+einen solchen über den blanken Hinterbacken, daß er bolzgerade stieg
+und der Stab in Trümmer flog. 'Bischof, segne mich!' schrie der
+Lombarde. Der Ohm in seiner Frömmigkeit besiegte sich. 'Ziehe hin in
+Frieden, mein Sohn!' sprach er und hob die Hände.
+
+'Dich, Bischof', jauchzte der Lombarde, 'hole der Teufel!'
+
+'Und dich hole er gleichfalls!' gab der Ohm zurück. "Ich hätte es
+eigentlich nicht erzählen sollen", endete Gnadenreich halb reuig, "es
+hat den Ohm schrecklich erbost."
+
+Palma hatte gelacht, auch der Höfling verzog den Mund, und Gnadenreich
+wurde immer gesprächiger und zutulicher.
+
+"Wir haben uns eine Ewigkeit nicht gesehen, Wulfrin", sagte er. "Ich
+verließ Rom bald nach dir, aber was habe ich nicht dort noch erlebt!
+Welche Bekanntschaften habe ich gemacht! Ich ging dein Büchlein im
+Palaste holen und traf ihn selbst, der es geschrieben. Welch ein Kopf!
+Fast zu schwer für den kleinen Körper! Was da alles drinnesteckt!
+Kaum ein Viertelstündchen kostete ich den berühmten Mann, aber in
+dieser winzigen Spanne Zeit hat er mich für mein Lebtag in allem Guten
+befestigt. Dann pochte es ganz bescheiden und leise, und wer tritt
+ein?--ich bitte dich, Wulfrin!--der Kaiser. Ich verging vor Ehrfurcht.
+Er aber war gnädig und ergötzte sich, denke dir! an deiner
+Geschichte, Wulfrin, die er sich von mir erzählen ließ"--
+
+Jetzt verstand Graciosus sein eigenes Wort nicht mehr, denn sie
+gerieten zwischen die Herden und das grüne Pratum wurde voller Geblöke
+und Gebrülle. Einer der magern und wolfähnlichen Berghunde
+beschnoberte den Höfling, sprang dann aber liebkosend an ihm auf und
+beleckte ihn, wenn Graciosus dem Tiere seine Ungezogenheit nicht
+verwiesen hätte. Palma aber wurde von den Hirtenmädchen umringt und
+mit Verwunderung angestarrt. Die junge Herrin von Malmort war
+leutselig und frug alle nach ihren Namen und Herden.
+
+"Ich bin gewiß kein Plauderer", sagte Graciosus, nachdem er Raum
+geschafft hatte, "aber du begreifst, wenn der Kaiser befiehlt--
+haarklein mußte ich berichten von Horn und Becher, und zumal
+die erstaunliche Frau Stemma machte dem hohen Herrn zu schaffen."
+
+Der Höfling blickte verdrießlich.
+
+"Welch ein Mann!" lobpries Gnadenreich. "Der Inhalt und die Höhe des
+Jahrhunderts! Wer bewundert ihn genug? Und doch, aber doch--Wulfrin,
+ich habe von den Höflingen, deren Umgang ich nicht ganz meiden konnte,
+etwas vernommen, das mich tief betrübt, etwas von einer gewissen
+Regine... weißt du es?"
+
+"Das ist seine Kebsin", fuhr Wulfrin ehrlich heraus.
+
+"Schlimm, sehr schlimm! Ein Flecken in der Sonne! Kein vollkommenes
+Beispiel! Und die Karlstöchter?"
+
+"Alle Wetter und Stürme", brauste Wulfrin auf, "wer hat mich zum Hüter
+der Karlstöchter bestellt?"
+
+"Die Karlstöchter!" rief mitten aus den Herden Palma, die in der
+Entfernung die schallende Rede Wulfrins verstanden hatte. "Sie heißen:
+Hiltrud, Rotrud, Rothaid, Gisella, Bertha, Adaltrud und Himiltrud.
+Gnadenreich hat eine Tabelle davon verfertigt." Die rätischen Mädchen
+wiederholten die ihnen fremd klingenden Namen und zogen unter
+jubelndem Gelächter die junge Herrin mit sich fort.
+
+Gnadenreich verlangsamte den Schritt. Traulich suchte er die Hand des
+Höflings. "Die Ehe ist heilig", sagte er, "und das sollte der Kaiser
+nicht vergessen, da er so hoch steht. Du hast erraten, Wulfrin, daß
+ich außer ihr geboren bin. Deshalb habe ich eine große Meinung von
+ihr und eine wahre Leidenschaft, in der meinigen ein Muster von Tugend
+zu sein. Ein gutes Mädchen führe nicht schlecht mit mir. Du kennst
+meine Neigung, an der ich festhalte, wenn mir auch Palma zuweilen
+Sorge macht. Jetzt sind wir allein--sie scheint heute lenksam--das
+könnte die Stunde sein--wenn es dein Wille wäre"--
+
+"Sei nur getrost, Gnadenreich", ermutigte Wulfrin, "die Sache ist
+abgemacht."
+
+Hätte einer der Gewalttätigen, welche auf den rätischen Felsen
+nisteten, begehrlich nach Palma gegriffen, Wulfrin möchte ihm ins
+Angesicht getrotzt und das Schwert aus der Scheide gerissen haben,
+aber Graciosus war zu harmlos, als daß er ihm hätte zürnen können.
+Und er selbst fühlte sich mit einem Male von einem dunkeln Schrecken
+getrieben, die Schwester zu vermählen.
+
+"Abgemacht?" fragte Graciosus, "du willst sagen: zwischen dir und der
+Richterin? Doch wie meinst du--ist Palma nicht am Ende zu wild und
+groß für mich?"
+
+"Sei nicht blöde und fackle nicht länger! Willst du sie?"
+
+Die Schreitenden hatten eine Hügelwelle überstiegen und erblickten
+jetzt diejenige wieder, von der sie redeten. Sie hatte sich
+von den Hirtinnen getrennt und stand vor einem der tiefen und
+schnellströmenden Bäche, welche die Hochmatten durchschneiden. Neben
+ihr irrte ein blökendes Lämmchen, das die Herde verloren hatte, und am
+Uferrand sitzend, löste sich eine kropfige Bettlerin blutige Lumpen
+von ihrem wunden Fuße und wusch ihn mit dem frischen Wasser. Rasch
+entledigte sich das Mädchen der Schuhe, stellte dieselben mit einem
+mitleidigen Blick neben die Kretine, hob das Lamm in die Arme, watete
+mit ihm durch die Strömung und ließ es seiner Herde nachlaufen.
+
+Da kam über Gnadenreich eine Erleuchtung. "Ich wage es! Ich nehme
+sie!" rief er aus. "Sie ist gut und barmherzig mit jeglicher Kreatur!"
+
+"So gehe voraus und richte das Brautmahl! Ich werde für dich werben.
+Das ist doch dein Kastell?" In einiger Entfernung stieg aus einem
+Bezirke von Hürden und Ställen ein neugebauter Rundturm, über welchem
+gerade der Föhn einen ungeheuerlichen Wolkendrachen emportrieb.
+Gnadenreich bog seitwärts, die Brücke suchend, während der Höfling den
+reißenden Bach in einem Satze übersprang.
+
+Wulfrin erreichte die Schwester. "Du läufst barfuß, Bräutchen?"
+
+"Ich bin kein Bräutchen, und was nützen mir die Schuhe, wenn ich nicht
+mit dir durch die Welt laufen darf?"
+
+"Du bist nicht die Törin, das im Ernste zu reden, und die Frau auf
+Pratum darf nicht unbeschuht gehen."
+
+"Gnadenreich hat nicht den Mund gegen mich geöffnet."
+
+"Er wirbt durch den meinigen. Nimm ihn, rat ich dir, wenn du keinen
+andern liebst."
+
+Sie schüttelte den Kopf. "Nur dich, Wulfrin."
+
+"Das zählt nicht."
+
+Sie hob die klaren Augen zu ihm auf. "Geschieht dir damit ein so
+großer Gefallen?"
+
+Er nickte.
+
+"So tue ich es dir zuliebe."
+
+"Du bist ein gutes Kind." Er streichelte ihr die Wange. "Ich werde
+euch schützen, daß euch nichts Feindliches widerfahre, und bei eurem
+ersten Buben Gevatter stehen."
+
+Sie errötete nicht, sondern die Augen füllten sich mit Tränen. "Nun
+denn", sagte sie, "aber wir wollen langsam gehen, daß es eine Stunde
+dauert, bis wir Pratum erreichen." Der Turm stand vor ihnen. Dem
+Höfling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, daß
+sie ihm das Liebste auf der Erde sei.
+
+"Hier thronen wir wie die Engel", sagte Graciosus, nachdem er seine
+Gäste die Wendeltreppe empor durch die Gelasse seines Turmes und auf
+die Zinne geführt hatte, wo das Mahl bereitet war. Der Tisch trug
+neben den Broten eine Schüssel Milch mit dem geschnitzten Löffel und
+einen Krug voll schwarzdunkeln Weines, ein bischöfliches Geschirr,
+denn es war mit der Mitra und den zwei Krummstäben bezeichnet. Die
+dreie saßen auf einer Bank, das Mädchen in der Mitte. Die ringsum
+laufende Brüstung reichte so hoch, daß sich kaum darüber wegblicken
+ließ. Nur der Himmel war sichtbar, und an diesem häuften sich
+unheimliche schwefelgelbe Wolken.
+
+"Die Milch für mich, für dich der Wein, Wulfrin", sagte Graciosus.
+"Der verreiste noch glücklich aus dem bischöflichen Keller, ehe ihn
+die Lombarden leerten. Aber mit wem hält es Fräulein Palma?"
+
+"Mit dir", meinte der Höfling.
+
+Graciosus sprach das Tischgebet. "Nun gleich auch den andern Spruch,
+frisch heraus, Gnadenreich!" ermunterte Wulfrin.
+
+Da geschah es, daß der Bischofsneffe, so redegewandt er war, sich auf
+nichts besinnen konnte von alle dem Zärtlichen und Verständigen, was
+er sich für diesen entscheidenden Augenblick langeher ausgesonnen
+hatte. Ratlos blickte er in die warmen braunen Augen. Jetzt gedachte
+er des Lämmchens und der bloßen Füße und kam in eine fromme Stimmung.
+"Palma novella", bekannte er, "ich liebe dich von ganzem Herzen, von
+ganzer Seele und von ganzem Gemüte."
+
+Das war hübsch. Das Mädchen wurde gerührt und reichte ihm die Hand.
+Auch Wulfrin mißfiel diese Werbung nicht. "Nun aber wollen wir ein
+bißchen lustig sein!" rief er aus. "Das bringe ich euch!" Er hob den
+Krug und trank. Graciosus schöpfte einen Löffel Milch und bot ihn dem
+Munde seiner Braut. Es war nicht der einzige auf Pratum, aber
+Gnadenreich wollte eine sinnbildliche Handlung begehen.
+
+Sie öffnete schon die roten Lippen, da sagte sie: "Heute widersteht
+mir die Milch. Gib du mir zu trinken, Wulfrin." Er reichte ihr den
+Krug, und sie schlürfte so hastig, daß er ihr denselben wieder aus den
+Händen nahm. Darauf schien sie ermüdet, denn sie ließ den Kopf auf
+die Schulter und allmählich in die Arme sinken und nickte ein. Die
+Föhnluft wurde zum Ersticken heiß. Wulfrin und Graciosus verstummten
+ebenfalls, und dieser half sich, indem er seine Milch auslöffelte und
+nach ländlicher Sitte zuletzt die Schüssel mit beiden Händen an den
+Mund hob. Wulfrin betrachtete den jungen Nacken. Er enthielt sich
+nicht und berührte ihn mit den Lippen. Sie erwachte.
+
+"Aber wir sitzen auf dem Turm wie die drei Verzauberten", sagte sie.
+"Geh, Gnadenreich, hole uns das Buch, wo der Bruder abgebildet ist,
+das aus dem Stifte--weißt du--, welches du bei deinem letzten Besuche
+der Mutter, der ich über die Schulter blickte, gezeigt hast."
+Gnadenreich willfahrte ihr, aber sichtlich ungerne.
+
+Palma suchte und fand das Blatt. Über dem lateinischen Texte war
+mit saubern Strichen und hellen Farben abgebildet, wie ein Behelmter
+den Arm abwehrend gegen ein Mädchen ausstreckt, das ihn zu verfolgen
+schien. Mit dem Krieger deuchte er sich nichts gemein zu haben als
+den Helm, doch je länger er das gemalte Mädchen beschaute, desto mehr
+begann es mit seinen braunen Augen und goldenen Haaren Palma zu
+gleichen. Um die Figur aber stand geschrieben: "Byblis."
+
+"Erzähle und deute, Gnadenreich", bat Palma. Graciosus blieb stumm.
+"Nun, so will ich erklären. Das hier ist der Bruder auf Malmort, wie
+er anfangs war und mich wegstößt."
+
+"Das ist nichts für dich, Palma!" wehrte Graciosus ängstlich, "laß!",
+und er entzog das Buch ihren Händen.
+
+"Ihr seid beide langweilig!" schmollte sie. "Ich gehe lieber. Drüben
+am Hange sah ich blühende Rosen in dichten Büschen stehen. Ich will
+mir einen Kranz winden", und sie entsprang.
+
+Ein blendender Blitz fuhr über Pratum weg und dem Höfling durch die
+Adern. "Warum hast du ihr das Buch weggenommen?" fragte er gereizt.
+
+"Weil es für Mädchen nicht taugt", rechtfertigte sich Gnadenreich.
+
+"Warum nicht?"
+
+"Die Schwester im Buche liebt den Bruder."
+
+"Natürlich liebt sie ihn. Was ist da zu suchen?"
+
+Graciosus antwortete mit einer Miene des Abscheus: "Sie liebt ihn
+sündig! sie begehrt ihn."
+
+Wulfrin entfärbte sich und wurde totenbleich. "Schweig, Schurke!"
+schrie er mit entstellten Zügen, "oder ich schleudere dich über die
+Mauer!"
+
+"Um Gottes willen", stammelte Graciosus, "was ist dir? Bist du
+verhext? Wirst du wahnsinnig?" Er war von Wulfrin und dem Buche
+weggesprungen, in welches dieser mit entsetzten Blicken hineinstarrte.
+"Ich beschwöre dich, Wulfrin, nimm Vernunft an und laß dir sagen: das
+hat ein heidnischer Poet ersonnen, leichtfertig und lügnerisch hat er
+erfunden, was nicht sein darf, was nicht sein kann, was unter Christen
+und Heiden ein Greuel wäre!"
+
+"Und du liesest so gemeine Bücher und ergötzest dich an dem Bösen,
+Schuft?"
+
+"Ich lese mit christlichen Augen", verteidigte sich Gnadenreich
+beleidigt, "zu meiner Warnung und Bewahrung, daß ich den Versucher
+kenne und nicht unversehens in die Sünde gleite!"
+
+Die Hände des Höflings zitterten und krampften sich über dem Blatte.
+
+"Bei allen Heiligen, Wulfrin, zerstöre das Buch nicht! Es ist das
+teuerste des Stiftes!"
+
+"Ins Feuer mit ihm!" schrie der Höfling, und weil kein Herd da war als
+der lodernde des offenen Himmels, riß er das Blatt in Fetzen und warf
+sie hoch auf in den wirbelnden Sturm.
+
+Es trat eine Stille ein. Graciosus betrachtete stöhnend das
+verstümmelte Buch, während Wulfrin mit verschlungenen Armen und
+unheimlichen Augen brütete. So beschlich ihn die zurückkommende Palma
+und setzte ihm den leichten von ihr gewundenen Kranz auf das belastete
+Haupt.
+
+Er fuhr zusammen, da er das Geflechte spürte, zerrte es sich ab, riß
+es entzwei und warf es mit einem Fluche dem vom Laufe erhitzten
+Mädchen zu Füßen.
+
+Da flammten ihr die Augen und sie streckte sich in die Höhe: "Du
+Abscheulicher! Tust du mir so?" Zornige Tränen drangen ihr hervor.
+"Nun nehme ich auch den Gnadenreich nicht, dir zuleide!"
+
+"Palma", befahl er, "gleich kehrst du nach Hause! Über die Alp!
+Wende dich nicht um! Ich gehe durch die Schlucht! Läufst du mir über
+den Weg, so werfe ich dich in den Strom!"
+
+Sie sah ihn jammervoll an. Seine Todesblässe, das gesträubte Haar,
+das unglückliche Antlitz erfüllten sie mit Angst und Mitleid. Sie
+machte eine Bewegung gegen ihn, als wollte sie ihm mit beiden Händen
+die pochenden Schläfen halten. "Hinweg!" rief er und riß das Schwert
+aus der Scheide.
+
+Da wandte sie sich. Er blickte über die Brüstung und sah, wie sie in
+wildem Laufe durch die Alp eilte. Auch er verließ das Kastell und
+schlug, von dem nahen Tosen des Stromes geführt, den Weg gegen die
+Schlucht ein, die furchtbarste in Rätien. Gnadenreich gab ihm kein
+Geleit.
+
+Da er in den Schlund hinabstieg, wo der Strom wütete, und er im
+Gestrüppe den Pfad suchte, störte sein Fuß oder der ihm vorleuchtende
+Wetterstrahl häßliches Nachtgevögel auf, und eine pfeifende Fledermaus
+verwirrte sich in seinem Haare. Er betrat eine Hölle. Über der
+rasenden Flut drehten und krümmten sich ungeheure Gestalten, die der
+flammende Himmel auseinanderriß und die sich in der Finsternis wieder
+umarmten. Da war nichts mehr von den lichten Gesetzen und den schönen
+Maßen der Erde. Das war eine Welt der Willkür, des Trotzes, der
+Auflehnung. Gestreckte Arme schleuderten Felsstücke gegen den Himmel.
+Hier wuchs ein drohendes Haupt aus der Wand, dort hing ein gewaltiger
+Leib über dem Abgrund. Mitten im weißen Gischt lag ein Riese, ließ
+sich den ganzen Sturz und Stoß auf die Brust prallen und brüllte vor
+Wonne. Wulfrin aber schritt ohne Furcht, denn er fühlte sich wohl
+unter diesen Gesetzlosen. Auch ihn ergriff die Lust der Empörung, er
+glitt auf eine wilde Platte, ließ die Füße überhangen in die Tiefe,
+die nach ihm rief und spritzte, und sang und jauchzte mit dem Abgrund.
+
+Da traf der starre Blick seines zurückgeworfenen Hauptes auf ein Weib
+in einer Kutte, das am Wege sag. "Nonne, was hast du gefrevelt?"
+fragte er. Sie erwiderte: "Ich bin die Faustine und habe den Mann
+vergiftet. Und du, Herr, was ist deine Tat?"
+
+Lachend antwortete er: "Ich begehre die Schwester!"
+
+Da entsetzte sich die Mörderin, schlug ein Kreuz über das andere und
+lief so geschwind sie konnte. Auch er erstaunte und erschrak vor dem
+lauten Worte seines Geheimnisses. Es jagte ihn auf, und er floh vor
+sich selbst. Schweres Rollen erschütterte den Grund, als öffne er
+sich, ihn zu verschlingen. Von senkrechter Wand herab schlug ein
+mächtiger Block vor ihm nieder und sprang mit einem zweiten Satz in
+die aufspritzende Flut.
+
+Der Himmel schwieg eine Weile, und Wulfrin tappte in dunkler Nacht.
+Da erhellte sich wiederum die Schlucht, und auf einer über den Abgrund
+gestürzten Tanne sah er die Schwester mit nackten und sichern Füßen
+gegen sich wandeln, und jetzt lag sie vor ihm und berührte seine Knie.
+
+"Was habe ich dir getan", weinte sie, "warum fliehst, warum
+verwünschest du mich? Bruder, Bruder, was habe ich an dir gesündigt?
+Ich kann es nicht finden! Siehe, ich muß dir folgen, es ist stärker
+als ich! Ich lief drüben, da sah ich den Steg. Töte mich lieber! Ich
+kann nicht leben, wenn du mich hassest! Tue, wie du gedroht hast!"
+
+Er stieß einen Schrei aus, ergriff, schleuderte sie, sah sie im
+Gewitterlicht gegen den Felsen fahren, taumeln, tasten und ihre Knie
+unter ihr weichen. Er neigte sich über die Zusammengesunkene. Sie
+regte sich nicht, und an der Stirn klebte Blut. Da hob er sie auf
+mächtigen Armen an seine Brust und schritt, ohne zu wissen wohin, das
+Liebe umfangend, dem Tale zu.
+
+Er hatte die Klus hinter sich, da sauste es an ihm vorüber, und er
+erblickte einen Knaben, der ein scheues Roß zu bändigen suchte. "He,
+Gabriel", rief er ihm nach, "sage der Richterin, sie rüste den Saal
+und richte das Mahl! Tausend Fackeln entzündet! Malmort strahle!
+Ich halte Hochzeit mit der Schwester!" Der Sturm verschlang die
+rasenden Worte. Malmort mit seinen Türmen stand schwarz auf dem noch
+wetterleuchtenden Nachthimmel.
+
+Mit seiner Last den Burgpfad emporsteigend, sah er oben Lichter hin-
+und herrennen. Dann begegnete er der geängstigten Mutter, die ihm
+halben Weges entgegengeeilt war. "Wulfrin", flehte sie mit
+ausgestreckten Armen, "wo hast du Palma?" "Da nimm sie", sagte er und
+bot ihr die Leblose.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+
+Da Wulfrin am folgenden Tage erwachte, lag er unter den
+schwarzschattenden Büscheln einer gewaltigen Arve, während die Matten
+ringsum schon in der Mittagssonne schimmerten. Er hatte eben noch,
+den würzigen Waldgeruch einatmend, heiter und glücklich geträumt von
+dem Wettspiel in einer römischen Arena und im Speerwurf einen
+Lorbeerkranz davongetragen. Sein Blut floß ruhig, und seine Stirne
+war hell.
+
+Nachdem er gestern Palma der Mutter in die Arme gelegt, war er ins
+Dunkel zurückgewichen. Mit irren Füßen, in ruhelosem Laufe, kreuz und
+quer, hatte er das Gebiet von Malmort durchjagt, bis weit über
+Mitternacht hinaus, und war dann im Morgengrauen niedergestürzt und in
+einen bleiernen Schlaf versunken.
+
+Er fand sich auf einer von leichtgeschwungenen Hügeln umgebenen Wiese,
+fernab von dem Geläute der Herdglocken, in tiefer Einsamkeit. Nur ein
+Specht hämmerte, und zwei Eichhörner tummelten und neckten sich in der
+Mitte ihres grünen Bezirkes. Wulfrin rieb sich den Schlummer aus den
+Augen und schaute umher. Da entdeckte er über dem Hügelrande die
+Giebel und Turmspitzen von Malmort. Er ließ sich auf dem Hange
+gleiten, und sie verschwanden.
+
+Allmählich schlich sich das Gestern an ihn heran, er wehrte es ab, er
+mißtraute ihm, er wollte, er konnte es nicht glauben. War er nicht
+der Starke und Freie, der Fröhliche und Zuversichtliche, der dem
+Feinde ins Auge sah und das Irrsal mit dem Schwerte durchschnitt? Was
+war denn geschehen? Eine rätselhafte Frau hatte ihn übermocht, zu
+beschwören, was er nicht bezweifelte. Ein Mädchen, das sich in der
+Langenweile eines Bergschlosses den vollkommensten Bruder ausgesonnen,
+war ihm zugesprungen und hatte sich närrisch ihm an den Hals gehängt.
+Ein tückischer Becher ungewohnten Weines oder das freche Bild einer
+ausschweifenden Fabel oder der heiße Hauch des Föhnes oder was es
+sonst gewesen sein mochte, hatte ihn betört und verstört. Und was er
+an den Felsen geschleudert, war nicht die Schwester--wie hätte sie den
+gähnenden Abgrund überschritten?--, sondern irgendein Blendwerk der
+Gewitternacht.
+
+"Und war es die Schwester und habe ich sie zerschmettert, so bin ich
+ihrer ledig", trotzte er, und zugleich ergriff ihn ein unendliches
+Mitleid und die inbrünstigste Liebe zu dem jungen Leben, das er
+mißhandelt und vernichtet hatte. Er sah sie mit allen ihren Gebärden,
+jedes ihrer süßen und unschuldigen Worte nahm Gestalt an, er schaute
+in ihre seligen Augen und in ihre wehklagenden. Jetzt fühlte er sie,
+die sich weinend und schmeichelnd mit ihm vereinigte, und wußte, daß
+sie noch lebte und atmete. "Meine Seele! Blut meiner Adern!" rief er
+und wieder: "Palma! Palma!"
+
+"--Palma!" wiederholte das Echo.
+
+"Palma mein Weib!" Das Echo entsetzte sich und verstummte.
+
+Ein tödlicher Schauer durchrieselte sein Mark. Sich auf die Rechte
+stützend, hob er sich halb von der Erde und langte mit der Linken nach
+der blutenden Brust wie auf dem Schlachtfelde. "Es sitzt!" ächzte er.
+"ich bin der Schrankenlose, der Übertreter, der Verdammte! Ich muß
+sterben, damit die Schwester lebe! Doch womit habe ich den Himmel
+beleidigt? wodurch habe ich die Hölle gelockt?" Rasch übersann er sein
+Leben, er fand darin keinen Makel, nur läßlichen Fehl. "Nun, wen's
+trifft, den trifft's! Ich habe eben das schlimme Los aus dem Helme
+gezogen und verwundere mich nicht, kenne ich ja die Grausamkeiten der
+Walstatt. Es geht vorüber!" Da schien ihm denn doch das Dasein ein
+Gut, so leicht er es sonst wertete, jetzt da er, ob auch unter
+grimmigen Schrecken, seinen tiefsten Reiz und seine geheimste
+Lieblichkeit gekostet hatte. Er hob die starken Hände vor das
+Angesicht und schluchzte...
+
+Mählich verlängerten sich die Schatten, und es wurde still über der
+Wiese. Da legte sich ihm eine Hand auf die Schulter. Ohne das Haupt
+zu wenden, sagte er: "Ich komme", und wollte sich erheben, denn er
+wußte, es war der Tod, der zu ihm trat, um ihn an den jähesten Abgrund
+zu führen.
+
+"Bleibe, Wulfrin!" sprach weich die Stimme der Richterin, "ich setze
+mich zu dir", und Frau Stemma ließ sich neben ihn auf das Moos gleiten
+in einem weiten langen Gewande, das selbst die Spitzen der Füße
+verhüllte.
+
+"Berühre mich nicht!" schrie er und warf sich zurück. "Ich bin ein
+Unseliger!"
+
+"Ich suchte dich lange", sagte sie. "Warum bliebest du ferne? Dir
+ist bange für Palma? Die wurde nur leicht verwundet, hat aber in
+tiefer Ohnmacht gelegen. Erwachend hat sie erzählt, wie euch gestern
+das Gewitter in der Schlucht überraschte, wie sie glitt und die
+Besinnung verlor. Auf deinen Armen hast du sie getragen."
+
+Wulfrin blieb stumm.
+
+"Oder redete sie unwahr, und du warfest sie an den Felsen, um sie zu
+zerschmettern?"
+
+Er nickte.
+
+Sie schwieg eine Weile, dann hob sie die Hand und berührte wiederum
+seine Schulter. "Wulfrin, du hassest deine Schwester oder--du liebst
+sie!" Sie fühlte, wie der Höfling vom Wirbel zur Zehe zitterte.
+
+"Es ist entsetzlich", stöhnte er.
+
+"Es ist entsetzlich", sagte sie, "aber unerklärlich ist es nicht. Ihr
+seid ferne voneinander erwachsen, wurdet eurer Angesichter und
+Gestalten nicht gewöhnt, und so waret ihr euch frisch und neu, da ihr
+euch fandet, wie ein fremder Mann und ein fremdes Weib. Mutig! Rufe
+und rufe es deinen Gedanken und Sinnen zu. Palma und Wulfrin sind
+eines Blutes! Sie werden schaudern und erkalten und nicht länger die
+himmlische Flamme der Geschwisterliebe verwechseln mit dem
+schöpferischen Feuer der Erde."
+
+Er antwortete nicht, kaum daß er ihre Worte gehört hatte, sondern
+murmelte zärtlich: "Warum hast du sie Palma novella getauft? Das ist
+ein gar seltsamer und schöner Name!"
+
+Stemma erwiderte: "Ich habe sie die junge Palme genannt, weil sie aus
+dem Schutte des Grabes frisch und freudig aufsprießt, und, bei meinem
+Leben! wer an dem schlanken Stamme frevelt, den richte und töte ich!
+Noch ist Palma unschuldig. Deine rasende Flamme hat ihr nicht ein
+Härchen der Wimper, nicht den äußersten Saum des Kleides versengt.
+Unglücklicher, wie ist ein solches Leiden über dich gekommen?"
+
+"Wie eine Seuche, die aus dem Boden dampft! Aber mein Schutzengel
+warnte mich vor Malmort. Da du mich riefest, verschloß ich das Ohr.
+Ich bog ab und fiel in die Hände der Lombarden. Warum hast du den
+Pfeil des Witigis gehemmt?" Er starrte vor sich nieder. Dann schrie
+er verzweifelnd auf und ergriff und preßte den Arm der Richterin, die
+finstern Augen fest auf das ruhige Antlitz heftend: "Bei dem Haupte
+Gottes--"
+
+"Bei dem Haupte Palmas", sagte sie.
+
+"Ist sie meine Schwester?"
+
+"Wie sonst? Ich weiß es nicht anders. Was denkst du dir?"
+
+"Dann ist mein Haupt verwirkt und jeder meiner Atemzüge eine Sünde!"
+Er sprang auf, während sie ihn mit nervigen Armen umschlang, so daß er
+sie mit sich emporzog.
+
+"Wohin, Wulfrin? In eine Tiefe? Nein, du darfst diesen starken Leib
+und dieses tapfere Herz nicht zerstören! Nimm dein Roß und reite!
+Reite zu deinem Kaiser! Mische dich unter deine Waffenbrüder! Ein
+paar Tagritte, und du bist gesundet und blickst so frei wie die andern!"
+
+"Das geht nicht", sagte er jammervoll. "Wir leiden nicht den
+geringsten Makel in unserer Schar, und ich sollte verräterisch die
+Schande unter uns verstecken?"
+
+"So stachle dein Roß, reite Tag und Nacht, über Berg und Fläche,
+springe in ein Schiff, bringe ein Meer und ein zweites zwischen sie
+und dich, und wenn dich Delphin und Nixe umgaukelt, tauchen vor dir
+aus der Bläue Inseln und Vorgebirge, verwegenes Abenteuer und die
+Schönheit als Beute!"
+
+"Was hülfe es?" sagte er. "Sie zöge mit mir, die Nixe trüge ihr
+Angesicht, und ich umarmte sie in jedem Weibe! Denn ich bin mit ihr
+vermählt ewiglich. Nein, ich kann nicht leben!"
+
+"Das ist Feigheit!" sprach sie leise.
+
+Der Schimpf trieb ihm wie ein Schlag das Blut ins Angesicht. Er
+bäumte sich auf. "Du hast recht, Frau!" schrie er. "Ich darf nicht
+als ein Feigling umkommen, du selbst sollst mich richten und
+verurteilen. Am lichten Tag, unter allem Volke, will ich den Greuel
+bekennen und die Sühne leisten!" So rief er in zorniger Empörung, dann
+aber besänftigte sich sein Angesicht, denn er hatte die Lösung
+gefunden, die ihm ziemte.
+
+"Unsinn!" sagte sie. "Solche verborgene Dinge bekennt man nicht dem
+Tage, denn du bist ein Verbrecher nur in deinen Gedanken. Die Tat
+aber und nur die Tat ist richtbar."
+
+"Frau, das wird sich offenbaren! Vernimm, was ich tue. Ich wandere
+zu dem Kaiser und spreche zu ihm: Siehe, Wulfrin der Höfling begehrt
+das eigene Blut, das Kind seines Vaters! Es ist so, er kann nicht
+anders. Schaffe den Sünder aus der Welt! Und spricht der Kaiser: Die
+Tat ist nicht vollbracht, so antwortet Wulfrin: Ich vollbringe sie mit
+jedem Atemzuge!"
+
+"Auf sündiger Geschwisterliebe", drohte Frau Stemma, "steht das Feuer."
+
+Wulfrin lachte.
+
+"Und du willst vor dem ganzen Volke dastehen in deiner Blöße?"
+
+"Ich will dastehen", sagte er, "als der, welcher ich bin."
+
+"So mangelt dir der Verstand und die Kraft, das Geheimnis der Sünde zu
+tragen?"
+
+"Das ist Weibes Art und Weibes Lust", sagte er verächtlich.
+
+"Und du wirst mit dem Kaiser kommen, und ich soll dich richten?"
+
+"Du!"
+
+"Das werde ich!" sagte sie und entfernte sich langsam.
+
+Jetzt da Wulfrin sein Schicksal entschieden und vollendet glaubte, kam
+die Ruhe des Abends über ihn. Er blieb unter seiner Arve, bis die
+Sonne niederging und der Tag ihr folgte. Und wie sie mit gebrochenen
+Speeren sich legte und ihr Blut am Himmel verströmte, erlosch er mit
+ihr und sah sich die Schwester, wie das Spätlicht, im grünen Gewande
+und auf stillen Sohlen nachschreiten. Das aufgegebene Schwert reute
+ihn nicht. "Sie werden drüben einen Krieger brauchen", sagte er sich
+und wandelte schon unter den seligen Helden.
+
+Wie es Nacht war und der Mond leuchtete, ging er sachte bergab, denn
+er gedachte ein Seitental zu gewinnen und seinen Kaiser zu erreichen,
+ohne daß er Malmort und die Stapfen der Schwester berühre. Beide
+wollte er nur am Gerichtstage wiedersehen. Er gelangte an den Strom,
+der hier ohne Gewalt und Sturz Klippen und Felsen breit überflutete.
+Das Mondlicht verlockte ihn, sich auf ein Felsstück zu lagern und
+wunsch- und schmerzlos mit den Wellen dahinzufließen. Er wurde sich
+selbst zum Traume.
+
+Da sah er Elb oder Elbin tauchen. Es schwamm weiß im Strome, ein
+Nacken schimmerte, und jetzt hob der blanke Arm ein Hifthorn in die
+Höhe, das der Mond versilberte. Er erkannte sein entwendetes Erbteil
+und trat ohne Hast und Erstaunen dem freundlichen Wunder nahe.
+
+"Herr Wulfrin", jubelte eine Knabenstimme, "freue dich! Glück über
+dir! Ich halte dein Horn!", und Gabriel, der sein Hirtenhemde wieder
+umgeworfen hatte, sprang zu ihm empor.
+
+"Schon heute mittag", erzählte er, "sah ich es beim Fischen auf dem
+Grunde. Ich kannte es gleich, doch war ich nicht allein und mußte die
+Nacht erwarten. Hat es schon lange gelegen?" Er schüttelte das Horn
+und ließ das Wasser sorgfältig aus der Bauchung abtropfen. "Wenn es
+nur nicht verdorben ist!" Er hob es an den Mund und stieß darein, daß
+die Berge widerhallten. "Hier, Herr!" sagte er. "Wahrhaftig, es hat
+ihm nichts getan. Ein wackeres Schlachthorn!"
+
+Wulfrin ergriff es und hing es sich um. Als er sich aber einen
+Goldring--irgendein Beutestück--von der Hand ziehen wollte, um den
+Knaben abzulohnen, wehrte Gabriel. "Nein, Herr, lege lieber ein Wort
+für mich ein, daß mich der Kaiser mitreiten läßt! Doch jetzt muß ich
+heim! Ich habe noch in den Ställen zu tun. Kommst du mit? Ich weiß
+Stapfen an dem Felsen empor, und wir gelangen durch ein
+Hinterpförtchen noch einmal so rasch in den Hof als auf dem Burgwege."
+
+Und Wulfrin folgte. Die Handlichkeit und Herzlichkeit des Buben hatte
+seine Sinne und Geister erwärmt. Der Wiedergewinn seines Erbes weckte
+das Bild des Vaters und die kindliche Gesinnung auf. Und obwohl aus
+dem Elben ein Menschenknabe geworden war, zitterte doch über dem Strom
+ein Schimmer von Geisterhilfe. "Am Ende ist es der Vater", sagte er
+sich, "und er wird mir beistehen, wenn er kann. Wenn er noch irgend
+da ist, läßt er mich nicht elend umkommen. Ich will ihn rufen.
+Vielleicht antwortet er. Es ist ein Glaube, daß der Tote aus dem
+Grabmal mit seinen Kindern redet. Ich wage es! Ich blase ihn wach!
+Dann frage ich nichts als: Vater, ist Palma dein Kind? Redet er nicht,
+so nickt er wohl oder schüttelt das Haupt." Obschon der Höfling an
+Stemma nicht zweifelte, deren Wesen über ihn Gewalt hatte, focht ihn
+doch der Widerspruch zwischen dem Glauben an die Lebendige und der
+Frage an den Toten wenig an. Er fühlte einfach, daß er den
+Vater--wenn dieser zu erreichen sei--befragen und beraten müsse, ehe
+er sich anklage und sich richten lasse. Aber seine Ruhe war weg, sein
+Geist gespannt, und er hörte kein Wort von dem, was der Knabe
+unterweges plauderte.
+
+Ebenso unruhig schritt Stemma hinter dem erhellten Fenster, das der
+Emporklimmende über dem Burgfelsen aufsteigen sah. Aus der Ferne und
+Tiefe war ein Ton zu ihr hergedrungen, den sie haßte und den sie
+vernichtet zu haben glaubte. Während ihr Kind auf dem Lager
+schlummerte, ging sie rastlos auf und nieder. Sie vergegenwärtigte
+sich Wulfrin, wie er vor Kaiser und Volk eines seltenen, ja
+unglaublichen Frevels sich beschuldigte, und ihr wurde bange, daß sie
+und wie sie über ihn richten werde.
+
+War es denkbar, daß sich die Natur so verirrte? daß ein so lauterer
+Mensch in eine solche Sünde verfiel? War es nicht wahrscheinlicher,
+daß hier Irrtum oder Lüge Bruder und Schwester gemacht hatte? So
+hätte die Richterin ohne Zweifel geforscht und untersucht, wäre sie
+nicht Stemma und Palma nicht ihr Kind gewesen. Aber sie durfte nicht
+untersuchen, denn sie hätte etwas Vergrabenes aufgedeckt, eine,
+zerstörte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen müssen, das
+sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.
+
+Jetzt begann es mit einem Male vor ihr aufzutauchen, die Sünde des
+Unschuldigen sei das gegen sie selbst heranschreitende Verhängnis.
+"Gilt es mir? Wird ein Plan gegen mich geschmiedet? Ist eine
+Verschwörung im Werke?" rief sie ins Dunkel hinein.
+
+Da hatte sie ein Gesicht. Sie erblickte mit den Augen des Geistes
+durch die dämmernde Wand, weit in der Ferne und doch ganz nahe, ein
+gewaltiges Weib von furchtbarer Schönheit. Diese saß in langen,
+blauen Gewanden, eine Tafel auf das übergelegte Knie gestützt, einen
+Griffel in der Hand, schreibend oder zählend, irgendeine Lösung
+suchend. Nach einigem Sinnen ging ein stilles langsames Lächeln über
+den strengen Mund und schien zu sagen: So ist es gut und siehe, es ist
+so einfach!
+
+Da glaubte die Richterin eine Feindin sich gegenüber zu sehen und
+trotzte ihr, Weib gegen Weib. "Das bringst du nicht heraus! Du
+findest keine Zeugen!" Die Fremde aber hob die Tafel mit beiden Händen
+empor über die sonnenhellen Augen und verschwand. "Du hast keine
+Zeugen!" rief ihr die Richterin nach. Ihr antwortete ein
+erschütternder Ruf, der aus allen Wänden, aus allen Mauern drang, als
+werde die Posaune geblasen über Malmort.
+
+Stemma erbebte. Sie sprang an das Lager ihres Kindes, um es fest in
+den Armen zu halten, wenn Malmort unterginge. Palma war nicht erwacht,
+sie schlief ruhig fort. Die Richterin besann sich. Hatte der
+grauenhafte Ton in Tat und Wahrheit diese Luft, diese Räume, diese
+Mauern erschüttert? Müßte Palma nicht aus dem tiefsten Schlummer
+aufgefahren sein? Es war unmöglich, daß der gewaltige Ruf sie nicht
+geweckt hätte. Frau Stemma war nicht unerfahren in solchen
+unheimlichen Dingen: sie kannte die Schrecken der Einbildung und die
+Sprache der überreizten Sinne. Sie hatte es erfahren an den
+Schuldigen, die sie richtete, und an sich selbst. "Das Ohr hat mir
+geklungen", sagte sie, die noch am ganzen Leibe zitterte.
+
+Hätte sie durch Dielen und Mauern blicken können, so sah sie den
+bleichen Wulfrin, der an der Gruft des Vaters kniete, ins Horn stieß,
+ihn rührend beschwor, ihm herzlich zusprach, Rede zu stehen. Sie
+hätte gesehen, wie Wulfrin, da der Stein schwieg, das Horn zum andern
+Male an den Mund setzte und endlich verzweifelnd über die Mauer sprang.
+
+Wieder schütterte Malmort in seinen Tiefen, stärker noch als das
+erstemal. Da war kein Zweifel mehr, es war das Wulfenhorn, das sie
+mitten in Gischt und Sturz geschleudert und in unzugängliche Tiefen
+hatte versinken sehen. Sie sann an dem ängstlichen Rätsel und konnte
+es nicht lösen. Sie sann, bis ihr die Stirnader schwoll und das Haupt
+stürmte.
+
+Da fiel ihr zur bösen Stunde der Comes ein, wie er murmelnd im Schilfe
+sitze und mit dem schweren Kopfe unablässig daran herumarbeite, ob
+Frau Stemma ihm ein Leides getan. "Er besucht sein Grabmal und stößt
+in sein Horn! Er stört die Nacht! Er verwirrt Malmort! Er schreckt
+das Land auf! Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe
+den Empörer zum Schweigen!" Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn.
+
+Ohne sich nach Palma umzusehen, stürzte sie zornig die Wendeltreppe
+hinab und betrat den Hof, wo der Comes und ihr eigenes Bild auf der
+Gruft lagen. Darüber webte ein ungewisser Dämmer, da eine leichte
+Wolke den Mond verschleierte. Der Comes ließ sein Horn zurückgleiten,
+und die steinerne Stemma hob die Hände, als flehe sie: Hüte das
+Geheimnis!
+
+Aufgebracht stand die Richterin vor dem Ruhestörer. "Arglistiger",
+schalt sie, "was peinigst du mein Ohr und bringst mein Reich in
+Aufruhr? Ich weiß, worüber du brütest, und ich will dir Rede stehen!
+Keine Maid hat dir der Judex gegeben! Ich trug das Kind eines andern!
+Du durftest mich nie berühren, Trunkenbold, und am siebenten Tage
+begrub dich Malmort! Siehst du dieses Gift?" Sie hob das Fläschchen
+aus dem Busen. "Warum ich leben blieb, die dir den Tod kredenzte?
+Dummkopf, mich schützte ein Gegengift! Jetzt weißt du es! Palma
+novella unter meinem Herzen hat dich umgebracht! Und jetzt quäle mich
+nicht mehr!"
+
+So grelle und freche Worte redete die Richterin.
+
+Durch ihr lautes Schelten zu sich selbst gebracht, betrachtete sie
+wieder den Comes, der jetzt im klarsten Mondenlichte lag. Die
+furchtbare Geschichte kümmerte ihn nicht, er lag regungslos mit
+gestreckten Füßen. Jetzt sah sie, daß sie zum Steine gesprochen, und
+schlug eine Lache auf. "Heute bin ich eine Närrin!" sagte sie. "Ich
+will zu Bette gehen."
+
+Sie wandte sich. Palma novella stand hinter ihr, weiß, mit
+entgeisterten Augen, das Antlitz entstellt, starr vor Entsetzen. Der
+zweite Hornstoß hatte sie geweckt, und sie war der Mutter auf
+besorgten Zehen nachgeschlichen.
+
+Zwei Gespenster standen sich gegenüber. Dann packte Stemma den Arm
+des Mädchens und schleppte es in die Burg zurück. Sie selbst hatte
+ihrem Geheimnisse einen Mund und einen Zeugen gegeben, und dieser
+Zeuge war ihr Kind.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+
+Seit der Höfling aus Malmort verschwunden war, lastete auf den
+schweren Mauern Schweigen und Kümmernis. Das Gesinde munkelte
+allerlei, und Knechte und Dirnen steckten die Köpfe zusammen. Die
+junge Herrin sei krank. Es sei ihr angetan worden. Irgendein
+Zauber--ob sie einer Drude begegnet oder ein giftiges Kraut
+verschluckt oder aus einem schädlichen Quell getrunken--habe die
+Ärmste der Vernunft beraubt. Ihr mangle der Schlummer, sie weine
+unablässig und lasse sich weder trösten noch auch nur berühren. Ihr
+widerstehe Speise und Trank und sie schwinde zum Gerippe. Die Laute
+und Wilde sei gar still und zahm und ihr Lebensfaden zum Reißen dünn
+geworden. Die bekümmerte Richterin folge ihr auf Schritt und Tritt
+und dürfe sie nicht aus den Augen lassen.
+
+Zwei Mägde standen am Brunnen zusammen und flüsterten. Benedicta war
+der jungen Herrin unversehens im Flur begegnet und wollte ihr
+gebührlich die Hand küssen. Palma sei angstvoll zurückgewichen und
+habe aufgeschrien: "Rühre mich nicht an!" Veronica hatte durch das
+Schlüsselloch gespäht und was erblickt? etwas ganz Unglaubliches: die
+stolze Frau Stemma vor ihrem Kinde niedergeworfen, ihm liebkosend die
+Knie umfangend und um die Gnade flehend, daß es den Mund öffne und
+einen Bissen berühre.
+
+Die Mägde verstummten, hoben sich die Krüge zu Haupte und drückten
+sich, eine hinter der andern, während langsam die Richterin mit Palma
+aus der Pforte trat und die Stufen herunterschritt. Frau Stemma
+stützte das Mädchen, das, elend und zerstört, sich selbst nicht mehr
+gleichsah. Palma ging mit gebeugtem Rücken und unsichern Knien. Groß,
+doch ohne Strahl und Wärme, traten die Augen aus dem vermagerten
+Antlitz. "Komm, Kindchen", sagte Frau Stemma, "du mußt Luft schöpfen",
+und sie öffnete ein Gatter, das auf eine zirpende und summende Wiese
+führte, die einen weiten leicht geneigten Vorsprung der Burghöhe
+bekleidete und über die Grenzlinie der unsichtbaren Tiefe hinweg in
+eine lichte Ferne verlief.
+
+Sie setzten sich auf eine Bank, und Frau Stemma betrachtete ihr Kind.
+Da ergrimmte sie und weinte zugleich in ihrem Herzen über die
+Verwüstung des einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb aufrecht und
+gürtete sich mit ihrer letzten Kraft. "Wie", sagte sie sich, "Mir
+gelänge es nicht, dieses Gehirnchen zu betören, dieses Herzchen zu
+überwältigen?"
+
+"Mein Kind", begann sie, "hier sind wir allein. Laß uns noch einmal
+recht klar und klug miteinander reden"--
+
+"Wenn du willst, Mutter."--"miteinander reden von dem Wahne jener
+Nacht. Ich wachte, du schliefest. Da lärmt es im Hofe. Ich gehe
+hinunter, es war nichts, und ich lache über meinen leeren Schrecken.
+Ich wende mich. Du stehst vor mir nachtwandelnd, mit offenen stieren
+Augen. Ich ergreife dich und führe dich in das Haus zurück. Und du
+erwachst aus dem abscheulichen Traume, der dich jetzt peinigt und
+zugrunde richtet."
+
+"Ja und nein, Mutter. Mich weckte ein Ruf, ich sehe dich hinauseilen
+und folge dir auf dem Fuße. Du standest im Hofe vor den Steinbildern
+und schaltest den Vater und erzähltest ihm"--sie hielt schaudernd inne.
+
+"Was erzählte ich?" fragte die Richterin.
+
+"Du sagtest"--Palma redete ganz leise--"daß ich nicht sein Kind bin.
+Du sagtest, daß ich schon unter deinem Herzen lag. Du sagtest, daß du
+und ich ihn getötet haben."
+
+"Liebe Törin", lächelte Frau Stemma, "nimm all dein Denken zusammen
+und verliere keines meiner Worte. Ich hätte mit einem Steine geredet?
+als eine Abergläubische? oder eine Närrin? Kennst du mich so? Und du
+wärest nicht das Kind des Comes? Mit wem war ich denn sonst vermählt?
+Habe ich dir nicht erzählt, daß ich eine Gefangene war auf Malmort,
+bis mich der Comes freite? Und ich hätte den Gatten getötet? Ich,
+die Richterin und die Ärztin des Landes, hätte Gifte gemischt? Kannst
+du das glauben? Hältst du das für möglich?"
+
+"Nein, Mutter, nein! Und doch, du hast es gesagt!"
+
+"Palma, Palma, mißhandle mich nicht! Sonst müßte ich dich hassen!"
+
+Palma brach in trostlose Tränen aus und warf sich gegen die Brust der
+Mutter, die das schluchzende Haupt an sich preßte. "Du bringst mich
+um mit deinem Weinen", sagte sie. "Glaube mir doch, Närrchen!"
+
+Palma hob das Angesicht und blickte um sich. "Weidet hier am Rande
+ein Zicklein, Mutter?"
+
+"Ja, Palma."
+
+"Läutet dort Maria in valle?" Sie wies ein im Tale schimmerndes
+Kloster.
+
+"Ja, Palma."
+
+"Ebenso wahr, als ich jetzt nicht träume und das Zicklein weidet und
+das Kirchlein läutet, ebensowenig habe ich geträumt, daß du vor
+Wulfrins Vater gestanden und ihn angeredet hast. Es war so, es ist so.
+Du sprächest immer die Wahrheit, Mutter."
+
+"Ich sage dir, Palma, es ist ein Traum. Und ich will, daß es ein
+Traum sei."
+
+Palma erwiderte sanft: "Belüge mich nicht, Mutter! Habe ich doch
+vorhin, da du mich an dich preßtest, den scharfen Kristall empfunden,
+welchen du aus dem Busen gezogen und dem Comes gezeigt hast."
+
+Die Richterin schnellte empor mit einem feindseligen Blicke gegen ihr
+Kind, glitt aber langsam auf die Bank zurück, und nachdem sie eine
+Weile in den Boden gestarrt, sagte sie: "Wäre es so und hätte ich so
+getan, so wäre es deinetwegen."
+
+"Ich weiß", sagte Palma traurig.
+
+"Habe ich es getan", wiederholte Stemma, "so tat ich es dir zuliebe.
+Ich tötete, damit mein Kind rein blieb."
+
+Palma zitterte.
+
+"Warum hast du dich in mein Geheimnis gedrängt, Unselige?" flüsterte
+Stemma ingrimmig. "Ich hütete es. Ich verschonte dich. Du hast es
+mir geraubt! Nun ist es auch das deinige, und du mußt es mir tragen
+helfen! Lerne heucheln, Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst!
+Aber wo sind deine Gedanken? Du bist abwesend! Wohin träumst du?"
+
+"Was ist aus Wulfrin geworden?" fragte sie leise, und eine schwache
+Röte glomm und verschwand auf den gehöhlten Wangen.
+
+"Ich weiß nicht", sagte die Richterin.
+
+"Jetzt verstehe ich, daß er mich verabscheut", jammerte Palma. "O ich
+Elende! Er stößt mich von sich, weil er Mord an mir wittert. Mir
+graut vor meinem Leibe! Läge ich zerschmettert!"
+
+"Ängstige dich nicht! Wulfrin hat keinen Argwohn. Er ist gläubig und
+er traut."
+
+"Er traut!" schrie Palma empört. "Dann eile ich zu ihm und sage ihm
+alles wie es ist! Ich laufe, bis ich ihn finde!" Sie wollte
+aufspringen, die Mutter mußte sie nicht zurückhalten, erschöpft und
+entkräftet sank sie ihr in den Schoß.
+
+"Ich verrate dich, Mutter!"
+
+"Das tust du nicht", sagte Stemma ruhig. "Mein Kind wird nicht als
+Zeugin gegen mich stehen."
+
+"Nein, Mutter."
+
+Die Richterin streichelte Palma. Diese ließ es geschehen. Darauf
+sagte sie wieder: "Mutter, weißt du was? Wir wollen die Wahrheit
+bekennen!"
+
+Frau Stemma brütete mit finstern Blicken. Dann sprach sie: "Foltere
+mich nicht! Auch wenn ich wollte, dürfte ich nicht. Dieser wegen!",
+und sie deutete auf ihr Gebiet. "Würde laut und offenbar, daß hier
+während langer Jahre Sünde Sünde gerichtet hat, irre würden tausend
+Gewissen und unterginge der Glaube an die Gerechtigkeit! Palma! Du
+mußt schweigen!"
+
+"So will ich schweigen!"
+
+"Du bist meine tapfere Palma!" und die Richterin schloß ihr den Mund
+mit einem Kusse. "Aber Kind, Kind, wie wird dir?" Palmas Augen waren
+brechend, und das Herz klopfte kaum unter der tastenden Hand der
+Mutter. Diese bettete die Halbentseelte und eilte verzweifelnd in die
+Burg zurück.
+
+Sie kam wieder mit einer Schale Wein und einem Stücklein Brot. Sie
+kniete sich nieder, brach und tunkte den Bissen und bot ihn der
+Entkräfteten. Diese wandte sich ab.
+
+Da bat und flehte die Richterin: "Nimm, Kind, deiner Mutter zuliebe!"
+Jetzt wollte Palma gehorchen und öffnete den entfärbten Mund, doch er
+versagte den Dienst.
+
+Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille.
+Ein Todeskrampf verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr
+und steinern. Dann verklärte sich das Angesicht der Richterin, und
+ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle.
+
+"Palma", sagte sie zärtlich, und dieser warme Klang, hob die Lider des
+Kindes, "Palma, was meinst du? Ich lade den Kaiser ein nach Malmort.
+Wir treten vor ihn Hand in Hand, wir bekennen und er richtet." Da
+freuten sich die Augen Palmas, und ihre Pulse schlugen.
+
+"Nimm den Bissen", sagte die Richterin und speiste und tränkte ihr
+Kind.
+
+Sie führte die Neubelebte in den Hof zurück. In der Mitte desselben
+stand Rudio, noch keuchend vom Ritte. "Heil und Ruhm dir, Herrin!"
+frohlockte er. "Ich melde den Kaiser! Der Höchste sucht dich heim!
+Er naht! Er zieht mächtig heran und mit ihm ganz Rätien!"
+
+"Dafür sei er gepriesen!" antwortete die Richterin. "Komm, Kind, wir
+wollen uns schmücken!"
+
+Da Kaiser Karl mit allem Volke den Burgweg erstiegen hatte, hieß er
+Gesinde und Gefolge vor dem Tore zurückbleiben und betrat allein den
+Hof von Malmort. Stemma und Palma standen in weißen Gewändern. Die
+Richterin schritt dem Herrscher entgegen und bog das Knie. Palma
+hinter ihr tat desgleichen. Karl hob die Richterin von der Erde und
+sagte: "Du bist die Frau von Malmort. Ich habe deine Botschaft
+empfangen und bin da, Ordnung zu schaffen, wie du gefordert hast.
+Hier ist Freiheit in Frevel und Kraft in Willkür entartet. Ich will
+diesem Gebirge einen Grafen setzen. Weißt du mir den Mann?"
+
+"Ich weiß ihn", antwortete die Richterin. "Es ist Wulfrin, Sohn Wulfs,
+dein Höfling, ein treuer und tapferer Mann, zwar noch leichtgläubig
+und unerfahren, doch die Jahre reifen."
+
+"Ich führe ihn mit mir", sprach der Kaiser, "aber als einen, der sich
+selbst anklagt und dein Gericht begehrt, sich so großen Frevels
+anklagt, daß ich nicht daran glauben mag. Frau, heute ist mir unter
+diesem leuchtenden Berghimmel ein Zeichen begegnet. Vor deiner Burg
+hat mein Roß an einer Toten gescheut, die mitten im Wege lag. Ich
+ließ sie aufheben. Es ist deine Eigene. Sie harrt vor der Schwelle."
+
+Er dämpfte die Stimme: "Frau, was verbirgt Malmort? Wärest du eine
+andere, als die du scheinest, und stündest du über einem begrabenen
+Frevel, so wäre deine Waage falsch und dein Gericht eine
+Ungerechtigkeit. Lange Jahre hast du hier rühmlich gewaltet. Gib
+dich in meine Hände. Mein ist die Gnade. Oder getraust du dich,
+Wulfrin zu richten?"
+
+"Herr", antwortete sie, "ich werde ihn und mich richten unter deinen
+Augen nach der Gerechtigkeit." Karl betrachtete sie erstaunt. Sie
+leuchtete von Wahrheit. "So walte deines Amtes", sagte er.
+
+Dann ging er auf das kniende Mädchen zu. "Palma novella!" sagte er
+und hob sie zu sich empor. Sie blickte ihn an mit flehenden und
+vertrauenden Augen, und sein Herz wurde gerührt.
+
+"Rudio", gebot die Richterin, "bringe Faustinen her!" Der Kastellan
+gehorchte und trug die Bürde herbei, die er an den Grabstein lehnte.
+"Jetzt tue auf das Tor und öffne es weit! Alles Volk trete ein und
+sehe und höre!"
+
+Da wälzte sich der Strom durch die Pforte und füllte den Raum. Die
+Höflinge scharten sich um den Kaiser, Alcuin und Graciosus unter ihnen,
+während die Menge Kopf an Kopf stand und selbst Tor und Mauer erklomm,
+ein dichter und schweigender Kreis, in dessen Mitte die Gestalt des
+Kaisers ragte, in langem, blauem Mantel, mit strahlenden Augen. Neben
+ihm Stemma und ihr Kind. Vor den dreien stand Wulfrin und sprach, den
+Blick fest und ungeteilt auf Stemma geheftet: "Jetzt richte mich!"
+
+"Gedulde dich!" sagte sie. "Erst rede ich von dieser", und sie wies
+auf die entseelte Faustine, die mit gebrochenen Augen und hängenden
+Armen an der Gruft saß.
+
+"Räter", sprach sie, und es wurde die tiefste Stille, "ihr kennet jene
+dort! Sie hat unter euch gewandelt als eine Rechtschaffene, wofür ihr
+sie hieltet. Nun ist ihr Mund verschlossen, sonst riefe er: Ihr irret
+euch in mir! Ich bin eine Sünderin. Ich, die das Kind eines andern
+im Schoße barg, habe den Mann gemordet"--
+
+"Frau", schrie Wulfrin ungeduldig, "was bedeutet die Magd! Mich laß
+reden, meinen Frevel richte, damit ein Ende werde!"
+
+"Nun denn! Aber zuerst, Wulfrin--nicht wahr, wenn diese hier"--sie
+zeigte Palma--"nicht das Kind deines Vaters, nicht deine Schwester,
+sondern eine andere und Fremde wäre, dein Frevel zerfiele in sich
+selbst?"
+
+"Frau, Frau!" stammelte er.
+
+"Kaiser und Räter", rief Stemma mit gewaltiger Stimme, "ich habe getan
+wie Faustine. Auch ich war das Weib eines Toten! Auch ich habe den
+Gatten ermordet! Die Herrin ist wie die Eigene. Hört! Nicht ein
+Tropfen Blutes ist diesen zweien gemeinsam!" Sie streckte den Arm
+scheidend zwischen Wulfrin und Palma. "Hört! hört! Kein Tropfen
+gleichen Blutes fließt in diesem Mann und in diesem Weibe! Zweifelt
+ihr? Ich stelle euch einen Zeugen. Palma novella, das Kind Stemmas
+und Peregrins des Klerikers, hat das Geheimnis meiner Tat belauscht.
+Sie glaubt daran und stirbt darauf, daß ich wahr rede. Gib Zeugnis,
+Palma!"
+
+Aller Augen richteten sich auf das Mädchen, das mit gesenktem Haupte
+dastand. Palma bewegte die Lippen.
+
+"Lauter!" befahl die Richterin.
+
+Jetzt sprach Palma hörbar den Vers der Messe: "Concepit in
+iniquitatibus me mater mea..."
+
+Da glaubte das Volk und entsetzte sich und stürzte auf die Knie und
+murmelte: "Miserere mei!" Wulfrin streckte die Arme und rief gen
+Himmel: "Ich danke dir, daß ich nicht gefrevelt habe!" Karl aber trat
+zu Palma und hüllte sie in seinen Mantel.
+
+"Nun richte du, Kaiser!" sprach Stemma.
+
+"Richte dich selbst!" antwortete Karl.
+
+"Nicht ich", sagte sie, wendete sich zu dem Volke und rief:
+"Gottesurteil! Wollt ihr Gottesurteil?"
+
+Es redete, es rief, es dröhnte: "Gottesurteil!"
+
+Da sprach die Richterin feierlich: "Erstorbenes Gift, erstorbene Tat!
+Lebendige Tat, lebendiges Gift!" und hatte den Kristall aus dem Busen
+gehoben und geleert.
+
+Eine Weile stand sie, dann tat sie einen Schritt und einen zweiten
+wankenden gegen Wulfrin. "Sei stark!" seufzte sie und brach zusammen.
+Rudio neigte sich über die Tote, hob sie auf seine Arme und trug sie
+zu Faustinen. Dort saß sie am Grabe, die Hörige aber neigte sich und
+legte das Antlitz in den Schoß der Herrin.
+
+Jetzt enthüllte der Kaiser das Mädchen, das einen jammervollen Blick
+nach der Mutter warf, faltete die Hände und gebot. "Oremus pro magna
+peccatrice!" Alles Volk betete.
+
+Dann sagte er mit milder Stimme: "Was wird aus diesem Kinde? Ich
+ziehe nicht, bis ich es weiß. Wie rätst du, Alcuin?"
+
+"Sie tue die Gelübde!" rief der Abt.
+
+"Ehe sie gelebt hat?" schrie Wulfrin angstvoll.
+
+"Dann weiß ich ein anderes. Graciosus"--der Abt hielt ihn an der
+Hand--"dieser hier, ein frommer Jüngling, hat ein Wohlgefallen an der
+Ärmsten"--
+
+"Herr Abt", unterbrach ihn der aufgeregte Gnadenreich, "das geht über
+Menschenkraft. Mir graut vor dem Kinde der Mörderin. Alle guten
+Geister loben Gott den Herrn!"
+
+Wulfrin sprang in die Mitte. "Kaiser und ihr alle", rief er, "mein
+ist Palma novella!"
+
+Da redete Karl: "Sohn Wulfs, du freiest das Kind seiner Mörderin?
+Überwindest du die Dämonen?"
+
+"Ich ersticke sie in meinen Armen! Hilf, Kaiser, daß ich sie
+überwältige!"
+
+Karl hieß das Mädchen knien und legte ihr die Hände auf das Haupt.
+"Waise! Ich bin dir an Vaters Statt! Begrabe, die deine Mutter war!
+Dieser folge mir ins Feld! Gott entscheide! Kehrt er zurück und
+stößt er ins Horn, so freue dich, Palma novella, fülle den Becher und
+vollende den Spruch! Dann entzündet Rudio die Brautfackel und
+schleudert sie in das Gebälke von Malmort!"
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Die Richterin, von Conrad
+Ferdinand Meyer.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE RICHTERIN ***
+
+This file should be named 8drct10.txt or 8drct10.zip
+Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8drct11.txt
+VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8drct10a.txt
+
+Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+http://gutenberg.net or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05
+
+Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92,
+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+ PROJECT GUTENBERG LITERARY ARCHIVE FOUNDATION
+ 809 North 1500 West
+ Salt Lake City, UT 84116
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+http://www.gutenberg.net/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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new file mode 100644
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Binary files differ