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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/9375-8.txt b/9375-8.txt new file mode 100644 index 0000000..2a3e4b5 --- /dev/null +++ b/9375-8.txt @@ -0,0 +1,1527 @@ +Project Gutenberg's Ausgewählte Fabeln, by Gotthold Ephraim Lessing + +This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most +other parts of the world at no cost and with almost no restrictions +whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of +the Project Gutenberg License included with this eBook or online at +www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Ausgewählte Fabeln + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Posting Date: September 22, 2014 [EBook #9375] +Release Date: November, 2005 +First Posted: September 26, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUSGEWÄHLTE FABELN *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + + + + + + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Ausgewählte Fabeln + +Gotthold Ephraim Lessing + +1759 + + + + + + + +Inhalt: + +Das Geschenk der Feien +Das Roß und der Stier +Der Affe und der Fuchs +Der Besitzer des Bogens +Der Esel mit dem Löwen +Der Esel und das Jagdpferd +Der Esel und der Wolf +Der Fuchs +Der Geizige +Der Hamster und die Ameise +Der Hirsch +Der Hirsch und der Fuchs +Der Knabe und die Schlange +Der Löwe mit dem Esel +Der Löwe und der Hase +Der Pelikan +Der Phönix +Der Rabe +Der Rabe und der Fuchs +Der Rangstreit der Tiere +Der Sperling und der Strauß +Der Strauß +Der Wolf auf dem Todbette +Der Wolf und der Schäfer +Der hungrige Fuchs +Der junge und der alte Hirsch +Die Eiche +Die Eiche und das Schwein +Die Erscheinung +Die Eule und der Schatzgräber +Die Furien +Die Gans +Die Geschichte des alten Wolfs +Die Nachtigall und die Lerche +Die Pfauen und die Krähe +Die Schwalbe +Die Sperlinge +Die Traube +Die Wasserschlange +Die Ziegen +Die eherne Bildsäule +Die junge Schwalbe +Jupiter und das Schaf +Merops +Minerva +Zeus und das Pferd + + + + +Das Geschenk der Feien + +Zu der Wiege eines jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten +Regenten seines Landes ward, traten zwei wohltätige Feien. + +"Ich schenke diesem meinem Lieblinge", sagte die eine, "den +scharfsichtigen Blick des Adlers, dem in seinem weiten Reiche auch die +kleinste Mücke nicht entgeht." + +"Das Geschenk ist schön", unterbrach sie die zweite Feie. "Der Prinz +wird ein einsichtsvoller Monarch werden. Aber der Adler besitzt nicht +allein Scharfsichtigkeit, die kleinsten Mücken zu bemerken, er besitzt +auch eine edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen. Und diese nehme +der Prinz von mir zum Geschenk!" + +"Ich danke dir, Schwester, für diese weise Einschränkung", versetzte +die erste Feie. "Es ist wahr; viele würden weit größere Könige +gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden +Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten erniedrigen +wollen." + + + + +Das Roß und der Stier + +Auf einem feurigen Rosse flog stolz ein dreister Knabe daher. Da rief +ein wilder Stier dem Rosse zu: "Schande! Von einem Knaben ließ ich +mich nicht regieren!" + +"Aber ich", versetzte das Roß. "Denn was für Ehre könnte es mir +bringen, einen Knaben abzuwerfen?" + + + + +Der Affe und der Fuchs + +"Nenne mir ein so geschicktes Tier, dem ich nicht nachahmen könnte!" +so prahlte der Affe gegen den Fuchs. Der Fuchs aber erwiderte: "Un du, +nenne mir ein so geringschätziges Tier, dem es einfallen könnte, dir +nachzuahmen." + +Schriftsteller meiner Nation!--Muß ich mich noch deutlicher erklären? + + + + +Der Besitzer des Bogens + +Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr +weit und sehr sicher schoß, und den er ungemein wert hielt. Einst +aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: "Ein wenig zu +plump bist du doch! All deine Zierde ist die Glätte. Schade!--Doch +dem ist abzuhelfen!" fiel ihm ein. "Ich will hingehen und den besten +Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen."--Er ging hin, und der +Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen, und was hätte sich +besser auf einem Bogen geschickt als eine Jagd? + +Der Mann war voller Freuden. "Du verdienst diese Zieraten, mein +lieber Bogen!"--Indem will er ihn versuchen, er spannt, und der Bogen-- +zerbricht. + + + + +Der Esel mit dem Löwen + +Als der Esel mit dem Löwen des Äsopus, der ihn statt seines Jägerhorns +brauchte, nach dem Walde ging, begegnete ihm ein anderer Esel von +seiner Bekanntschaft und rief ihm zu: "Guten Tag, mein Bruder!"-- + +"Unverschämter!" war die Antwort.-- + +"Und warum das?" fuhr jener Esel fort. "Bist du deswegen, weil du mit +einem Löwen gehst, besser als ich, mehr als ein Esel?" + + + + +Der Esel und das Jagdpferd + +Ein Esel vermaß sich, mit einem Jagdpferd um die Wette zu laufen. Die +Probe fiel erbärmlich aus, und der Esel ward ausgelacht. "Ich merke +nun wohl", sagte der Esel, "woran es gelegen hat; ich trat mir vor +einigen Monaten einen Dorn in den Fuß, und der schmerzt mich noch." + +"Entschuldigen Sie mich", sagte der Kanzelredner Liederhold, "wenn +meine heutige Predigt so gründlich und erbaulich nicht gewesen, als +man sie von dem glücklichen Nachahmer eines Mosheims erwartet hätte; +ich habe, wie Sie hören, einen heisern Hals, und den schon seit acht +Tagen." + + + + +Der Esel und der Wolf + +Ein Esel begegnete einem hungrigen Wolfe. "Habe Mitleid mit mir", +sagte der zitternde Esel, "ich bin ein armes krankes Tier; sieh nur, +was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten habe!" + +"Wahrhaftig, du dauerst mich", versetzte der Wolf. "Und ich finde +mich in meinem Gewissen verbunden, dich von deinen Schmerzen zu +befreien." + +Kaum ward das Wort gesagt, so ward der Esel zerrissen. + + + + +Der Fuchs + +Ein verfolgter Fuchs rettete sich auf eine Mauer. Um auf der andern +Seite gut herabzukommen, ergriff er einen nahen Dornstrauch. Er ließ +sich auch glücklich daran nieder, nur daß ihn die Dornen schmerzlich +verwundeten. "Elende Helfer", rief der Fuchs, "die nicht helfen +können, ohne zugleich zu schaden!" + + + + +Der Geizige + +"Ich Unglücklicher!" klagte ein Geizhals seinem Nachbar. "Man hat mir +den Schatz, den ich in meinem Garten vergraben hatte, diese Nacht +entwendet und einen verdammten Stein an dessen Stelle gelegt." + +"Du würdest", antwortete ihm der Nachbar, "deinen Schatz doch nicht +genutzt haben. Bilde dir also ein, der Stein sei dein Schatz; und du +bist nichts ärmer." + +"Wäre ich schon nichts ärmer", erwiderte der Geizhals; "ist ein andrer +nicht um so viel reicher? Ein andrer um so viel reicher! Ich möchte +rasend werden." + + + + +Der Hamster und die Ameise + +"Ihr armseligen Ameisen", sagte ein Hamster. Verlohnt es sich der +Mühe, daß ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so Weniges +einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!--" + +"Höre", antworibete eine Ameise, "wenn er größer ist, als du ihn +brauchst, so ist es schon recht, daß die Menschen dir nachgraben, +deine Scheuern ausleeren und dich deinen räuberischen Geiz mit dem +Leben büßen lassen!" + + + + +Der Hirsch + +Die Natur hatte einen Hirsch von mehr als gewöhnlicher Größe gebildet, +und an seinem Halse hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der +Hirsch bei sich selbst: Du könntest dich ja wohl für ein Elend ansehen +lassen. Und was tat der Eitle, ein Elend zu scheinen? Er hing den +Kopf traurig zur Erde und stellte sich, sehr oft das böse Wesen zu +haben. + +So glaubt nicht selten ein witziger Geck, daß man ihn für keinen +schönen Geist halten werde, wenn er nicht über Kopfweh und Hypochonder +klage. + + + + +Der Hirsch und der Fuchs + +Der Hirsch sprach zu dem Fuchse: "Nun weh uns armen schwächeren Tieren! +Der Löwe hat sich mit dem Wolfe verbunden." + +"Mit dem Wolfe?" sagte der Fuchs. "Das mag noch hingehen! Der Löwe +brüllt, der Wolf heult und so werdet, ihr euch noch oft beizeiten mit +der Flucht retten können. Aber alsdenn, alsdenn möchte es um uns alle +geschehen sein, wenn es dem gewaltigen Löwen einfallen sollte, sich +mit dem schleichenden Luchse zu verbinden." + + + + +Der Knabe und die Schlange + +Ein Knabe spielte mit einer zahmen Schlange. "Mein liebes Tierchen", +sagte der Knabe, "ich würde mich mit dir so gemein nicht machen, wenn +dir das Gift nicht benommen wäre. Ihr Schlangen seid die boshaftesten, +undankbarsten Geschöpfe! Ich habe es wohl gelesen, wie es einem +armen Landmanne ging, der eine, vielleicht von deinen Ureltern, die er +halb erfroren unter einer Hecke fand, mitleidig aufhob und sie in +seinen erwärmenden Busen steckte. Kaum fühlte sich die Böse wieder, +als sie ihren Wohltäter biß; und der gute freundliche Mann mußte +sterben." + +"Ich erstaune", sagte die Schlange, "wie parteiisch eure +Geschichtschreiber sein müssen! Die unsrigen erzählen diese Historie +ganz anders. Dein freundlicher Mann glaubte, die Schlange sei +wirklich erfroren, und weil es eine von den bunten Schlangen war, so +steckte er sie zu sich, ihr zu Hause die schöne Haut abzustreiten. +War das recht?" + +"Ach, schweig nur", erwiderte der Knabe. "Welcher Undankbare hätte +sich nicht zu entschuldigen gewußt!" + +"Recht, mein Sohn", fiel der Vater, der dieser Unterredung zugehört +hatte, dem Knaben ins Wort. "Aber gleichwohl, wenn du einmal von +einem außerordentlichen Undanke hören solltest, so untersuche ja alle +Umstände genau, bevor du einen Menschen mit so einem abscheulichen +Schandflecke brandmarken lässest. Wahre Wohltäter haben selten +Undankbare verpflichtet; ja, ich will zur Ehre der Menschheit hoffen-- +niemals. Aber die Wohltäter mit kleinen eigennützigen Absichten, die +sind es wert, mein Sohn, daß sie Undank anstatt Erkenntlichkeit +einwuchern." + + + + +Der Löwe mit dem Esel + +Als des Äsopus Löwe mit dem Esel, der ihm durch seine fürchterliche +Stimme die Tiere sollte jagen helfen, nach dem Walde ging, rief ihm +eine naseweise Krähe von dem Baume zu: "Ein schöner Gesellschafter! +Schämst du dich nicht, mit einem Esel zu gehen?"--"Wen ich brauchen +kann", versetzte der Löwe, "dem kann ich ja wohl meine Seite gönnen." + +So denken die Großen alle, wenn sie einen Niedrigen ihrer Gemeinschaft +würdigen. + + + + +Der Löwe und der Hase + +Ein Löwe würdigte einen drolligen Hasen seiner näheren Bekanntschaft. +"Aber ist es denn wahr", fragte ihn einst der Hase, "daß euch Löwen +ein elender krähender Hahn so leicht verjagen kann?" + +"Allerdings ist es wahr", antwortete der Löwe; "und es ist eine +allgemeine Anmerkung, daß wir großen Tiere durchgängig eine gewisse +kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem +Elefanten gehört haben, daß ihm das Grunzen eines Schweins Schauder +und Entsetzen erwecket." + +"Wahrhaftig?" unterbrach ihn der Hase. "Ja, nun begreif' ich auch, +warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten." + + + + +Der Pelikan + +Für wohlgeratene Kinder können Eltern nicht zu viel tun. Aber wenn +sich ein blöder Vater für einen ausgearteten Sohn das Blut vom Herzen +zapft, dann wird Liebe zur Torheit. + +Ein frommer Pelikan, da er seine Jungen schmachten sah, ritzte sich +mit scharfem Schnabel die Brust auf und erquickte sie mit seinem Blute. +"Ich bewundere deine Zärtlichkeit", rief ihm ein Adler zu, "und +bejammere deine Blindheit. Sieh doch, wie manchen nichtswürdigen +Kuckuck du unter deinen Jungen mit ausgebrütet hast!" + +So war es auch wirklich; denn auch ihm hatte der kalte Kuckuck seine +Eier untergeschoben.--Waren es undankbare Kuckucke wert, daß ihr Leben +so teuer erkauft wurde? + + + + +Der Phönix + +Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phönix, sich wieder einmal +sehen zu lassen. Er erschien, und alle Tiere und Vögel versammelten +sich um ihn. Sie gafften, sie staunten, sie bewunderten und brachen +in entzückendes Lob aus. + +Bald aber verwandten die besten und geselligsten mitleidsvoll ihre +Blicke und seufzten: "Der unglückliche Phönix! Ihm ward das harte Los, +weder Geliebte noch Freunde zu haben; denn er ist der einzige seiner +Art!" + + + + +Der Rabe + +Der Rabe bemerkte, daß der Adler ganze dreißig Tage über seinen Eiern +brütete. "Und daher kommt es ohne Zweifel", sprach er, "daß die +jungen des Adlers so scharfsichtig und stark werden. Gut! Das will +ich auch tun." Und seitdem brütet der Rabe ganze dreißig Tage über +seinen Eiern; aber noch hat er nichts als elende Raben ausgebrütet. + + + + +Der Rabe und der Fuchs + +Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner +für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen +fort. Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich +ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: "Sei mir gesegnet, Vogel des +Jupiters!" + +--"Für wen siehst du mich an?" fragte der Rabe. "Für wen ich dich +ansehe?" erwiderte der Fuchs. "Bist du nicht der rüstige Adler, der +täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herabkommt, mich +Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in +der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich +zu schicken noch fortfährt?" + +Der Rabe erstaunte und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu +werden. Ich muß, dachte er, den Fuchs aus diesem Irrtum nicht bringen. +--Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog +stolz davon. + +Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter +Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes +Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte. + +Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte +Schmeichler! + + + + +Der Rangstreit der Tiere + +In vier Fabeln + + +1. + +Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren. Ihn zu +schlichten, sprach das Pferd, "lasset uns den Menschen zu Rate ziehen; +er ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer +sein." + +"Aber hat er auch den Verstand dazu?" ließ sich ein Maulwurf hören. +"Er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten +Vollkommenheiten zu erkennen." + +"Das war sehr weislich erinnert!" sprach der Hamster. + +"Jawohl!" rief auch der Igel. "Ich glaube es nimmermehr, daß der +Mensch Scharfsichtigkeit genug besitzt." + +"Schweigt ihr!" befahl das Pferd. "Wir wissen es schon: Wer sich auf +die Güte seiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am +fertigsten, die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen." + + +2. + +Der Mensch ward Richter.--"Noch ein Wort", rief ihm der majestätische +Löwe zu, "bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, +willst du unsern Wert bestimmen?" + +"Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel", antwortete der +Mensch, "in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich seid." + +"Vortrefflich!" versetzte der beleidigte Löwe. "Wie weit würde ich +alsdann unter dem Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter +nicht sein, Mensch! Verlaß die Versammlung!" + + +3. + +Der Mensch entfernte sich.--"Nun", sprach der höhnische Maulwurf,-- +(und ihm stimmten der Hamster und der Igel wieder bei)--"siehst du, +Pferd? der Löwe meint es auch, daß der Mensch unser Richter nicht +sein kann. Der Löwe denkt wie wir." + +"Aber aus besseren Gründen als ihr!" sagte der Löwe, und warf ihnen +einen verächtlichen Blick zu. + + +4. + +Der Löwe fuhr weiter fort: "Der Rangstreit, wenn ich es recht überlege, +ist ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich für den Vornehmsten oder +den Geringsten; es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich!"--Und +so ging er aus der Versammlung. + +Ihm folgte der weise Elefant, der kühne Tiger, der ernsthafte Bär, der +kluge Fuchs, das edle Pferd; kurz alle, die ihren Wert fühlten oder zu +fühlen glaubten. + +Die sich am letzten wegbegeben und über die zerrissene Versammlung am +meisten murrten, waren--der Affe und der Esel. + + + + +Der Sperling und der Strauß + +"Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz wie du willst", sprach +der Sperling zu dem Strauße; "ich bin doch mehr ein Vogel als du. +Denn du kannst nicht fliegen, ich aber fliege, obgleich nicht hoch, +obgleich nur ruckweise." + +Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen +verliebten Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber +einer langen Hermanniade. + + + + +Der Strauß + +"Jetzt will ich fliegen!" rief der gigantische Strauß, und das ganze +Volk der Vögel stand in ernster Erwartung um ihn versammelt. "Jetzt +will ich fliegen", rief er nochmals, breitete die gewaltigen Fittiche +weit aus und schoß, gleich einem Schiffe mit aufgespannten Segeln, auf +dem Boden dahin, ohne ihn mit einem Tritte zu verlieren. + +Sehet da ein poetisches Bild jener unpoetischen Köpfe, die in den +ersten Zeilen ihrer ungeheuren Oden mit stolzen Schwingen prahlen, +sich über Wolken und Sterne zu erheben drohen und dem Staube doch +immer getreu bleiben! + + + + +Der Wolf auf dem Todbette + +Der Wolf lag in den letzten Zügen und schickte einen prüfenden Blick +auf sein vergangenes Leben zurück. "Ich bin freilich ein Sünder", +sagte er; "aber doch, ich hoffe, keiner von den größten. Ich habe +Böses getan; aber auch viel Gutes. Einstmals, erinnere ich mich, kam +mir ein blökendes Lamm, welches sich von der Herde verirrt hatte, so +nahe, daß ich es gar leicht hätte erwürgen können; und ich tat ihm +nichts. Zu eben dieser Zeit hörte ich die Spöttereien und Schmähungen +eines Scbafes mit der bewunderungswürdigsten Gleichgültigkeit an, ob +ich schon keine schätzenden Hunde zu fürchten hatte." + +"Und alles kann ich dir bezeugen", fiel ihm Freund Fuchs, der ihn zum +Tode bereiten half, ins Wort. "Denn ich erinnere mich noch gar wohl +aller Umstände dabei. Es war zu eben der Zeit, als du dich an dem +Beine so jämmerlich würgtest, das dir der gutherzige Kranich hernach +aus dem Schlunde zog." + + + + +Der Wolf und der Schäfer + +Ein Schäfer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde +verloren. Das erfuhr der Wolf und kam, seine Kondolenz abzustatten. + +"Schäfer", sprach er, "ist es wahr, daß dich ein so grausames Unglück +betroffen? Du bist um deine ganze Herde gekommen? Die liebe, fromme, +fette Herde? Du dauerst, mich, und ich möchte blutige Tränen weinen." + +"Habe Dank, Meister Isegrim", versetzte der Schäfer. "Ich sehe, du +hast ein sehr mitleidiges Herz." + +"Das hat er auch wirklich", fügte des Schäfers Hylax hinzu, "so oft er +unter dem Unglücke seines Nächsten selbst leidet." + + + + +Der hungrige Fuchs + +"Ich bin zu einer unglücklichen Stunde geboren!" so klagte ein junger +Fuchs einem alten. "Fast keiner von meinen Anschlägen will mir +gelingen."--"Deine Anschläge", sagte der ältere Fuchs, "werden ohne +Zweifel doch klug sein. Laß doch hören, wann machst du deine +Anschläge?" "Wann ich sie mache? Wann anders, als wenn mich hungert?" +--"Wenn dich hungert?" fuhr der alte Fuchs fort. "Ja! da haben wir es! +Hunger und Überlegung sind nie beisammen. Mache sie künftig, wenn +du satt bist; und sie werden besser ausfallen." + + + + +Der junge und der alte Hirsch + +Ein Hirsch, den die gütige Natur Jahrhunderte hat leben lassen, sagte +einst zu einem seiner Enkel: "Ich kann mich der Zeit noch sehr wohl +erinnern, da der Mensch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfunden +hatte." + +"Welche glückliche Zeit muß das für unser Geschlecht gewesen sein!" +seufzte der Enkel. + +"Du schließest zu geschwind!" sagte der alte Hirsch. "Die Zeit war +anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstatt des +Feuerrohrs, Pfeile und Bogen, und wir waren ebenso schlimm daran als +jetzt." + + + + +Die Eiche + +Der rasende Nordwind hatte seine Stärke in einer stürmischen Nacht an +einer erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt, und eine Menge +niedriger Sträucher lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der +seine Grube nicht weit davon hatte, sah sie des Morgens darauf. "Was +für ein Baum!" rief er. "Hätte ich doch nimmermehr gedacht, daß er so +groß gewesen wäre!" + + + + +Die Eiche und das Schwein + +Ein gefräßiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der +herabgefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiß, verschluckte +es bereits eine andere mit dem Auge. + +"Undankbares Vieh!" rief endlich der Eichbaum herab. "Du nährst dich +von meinen Früchten ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in +die Höhe zu richten." + +Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: +"Meine dankbaren Blicke sollten nicht außen bleiben, wenn ich nur +wüßte, daß du deine Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen." + + + + +Die Erscheinung + +In der einsamsten Tiefe jenes Waldes, wo ich schon manches redende +Tier belauscht, lag ich an einem sanften Wasserfalle und war bemüht, +einem meiner Märchen den leichten poetischen Schmuck zu geben, in +welchem am liebsten zu erscheinen La Fontaine die Fabel fast verwöhnt +hat. Ich sann, ich wählte, ich verwarf, die Stirne glühte--Umsonst, +es kam nichts auf das Blatt. Voll Unwill sprang ich auf; aber sieh!-- +auf einmal stand sie selbst, die fabelnde Muse vor mir. + +Und sie sprach lächelnd: "Schüler, wozu die undankbare Mühe? Die +Wahrheit braucht die Anmut der Fabel; aber wozu braucht die Fabel die +Anmut der Harmonie? Du willst das Gewürze würzen. G'nug, wenn die +Erfindung des Dichters ist; der Vortrag sei des ungekünstelten +Geschichtsschreibers, so wie der Sinn des Weltweisen." + +Ich wollte antworten, aber die Muse verschwand. "Sie verschwand?" +höre ich einen Leser fragen. "Wenn du uns doch nur wahrscheinlicher +täuschen wolltest! Die seichten Schlüsse, auf die dein Unvermögen +dich führte, der Muse in den Mund zu legen! Zwar ein gewöhnlicher +Betrug-" + +Vortrefflich, mein Leser! Mir ist keine Muse erschienen. Ich erzähle +eine bloße Fabel, aus der du selbst die Lehre gezogen. Ich bin nicht +der erste und werde nicht der letzte sein, der seine Grillen zu +Orakelsprüchen einer göttlichen Erscheinung macht. + + + + +Die Eule und der Schatzgräber + +Jener Schatzgräber war ein sehr unbilliger Mann. Er wagte sich in die +Ruinen eines alten Raubschlosses und ward da gewahr, daß die Eule eine +magere Maus ergriff und verzehrte. "Schickt sich das", sprach er, +"für den philosophischen Liebling Minervens?" + +"Warum nicht?" versetzte die Eule. "Weil ich stille Betrachtungen +liebe, kann ich deswegen von der Luft leben? Ich weiß zwar, daß ihr +Menschen es von euren Gelehrten verlanget--" + + + + +Die Furien + +"Meine Furien", sagte Pluto zu dem Boten der Götter, "werden alt und +stumpf. Ich brauche frische. Geh also, Merkur, und suche mir auf der +Oberwelt drei tüchtige Weibspersonen dazu aus." Merkur ging. + +Kurz darauf sagte Juno zu ihrer Dienerin: "Glaubtest du wohl, Iris, +unter den Sterblichen zwei oder drei vollkommen strenge, züchtige +Mädchen zu finden? Aber vollkommen strenge! Verstehst du mich? Um +Cytheren hohnzusprechen, die sich das ganze weibliche Geschlecht +unterworfen zu haben rühmt. Geh immer und sieh, wo du sie auftreibst." +Iris ging.-- + +In welchem Winkel der Erde suchte nicht die gute Iris! Und dennoch +umsonst! Sie kam ganz allein wieder, und Juno rief ihr entgegen: "Ist +es möglich? O Keuschheit! O Tugend!" + +"Göttin", sagte Iris, "ich hätte dir wohl drei Mädchen bringen können, +die alle drei vollkommen streng und züchtig gewesen; die alle drei nie +einer Mannsperson gelächelt, die alle drei den geringsten Funken der +Liebe in ihren Herzen erstickt; aber ich kam, leider, zu spät." + +"Zu spät?" sagte Juno. "Wieso?" + +"Eben hatte sie Merkur für den Pluto abgeholt." + +"Für den Pluto? Und wozu will Pluto diese Tugendhaften?" + +"Zu Furien." + + + + +Die Gans + +Die Federn einer Gans beschämten den neugeborenen Schnee. Stolz auf +dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane +als zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von +ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche +herum. Bald dehnte sie ihren Hals, dessen verräterischer Kürze sie +mit aller Macht abhelfen wollte; bald suchte sie ihm die prächtige +Biegung zu geben, in welcher der Schwan das würdige Ansehen eines +Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er war zu steif, und mit aller +ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter, als daß sie eine +lächerliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden. + + + + +Die Geschichte des alten Wolfs + +in sieben Fabeln + +1. + +Der böse Wolf war zu Jahren gekommen und faßte den gleißenden +Entschluß, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er +machte sich also auf und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner +Höhle die nächsten waren. + +"Schäfer", sprach er, "du nennst mich den blutgierigsten Räuber, der +ich doch wirklich nicht bin. Freilich muß ich mich an deine Schafe +halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor +dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl +zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, +wenn ich satt bin." + +"Wenn du satt bist? Das kann wohl sein", versetzte der Schäfer. +"Aber wann bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie. Geh +deinen Weg!" + +2. + +Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer. + +"Du weißt, Schäfer", war seine Anrede, "daß ich dir das Jahr durch +manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs +Schafe geben, so bin ich zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen +und die Hunde ohne Bedenken abschaffen." + +"Sechs Schafe?" sprach der Schäfer, "das ist ja eine ganze Herde!" + +"Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen", sagte +der Wolf. + +"Du scherzest, fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfere ich kaum im +ganzen Jahre dem Pan." + +"Auch nicht viere?" fragte der Wolf weiter; und der Schäfer schüttelte +spöttisch den Kopf. + +"Drei?--Zwei?" + +"Nicht ein einziges", fiel endlich der Bescheid, "denn es wäre ja wohl +töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich +mich durch meine Wachsamkeit sichern kann." + +3. + +Aller guten Dinge sind drei, dachte der Wolf und kam zu einem dritten +Schäfer. + +"Es geht mir recht nahe", sprach er, "daß ich unter euch Schäfern als +das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, +will ich jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich +ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher +macht als ich, frei und unbeschädigt weiden dürfen. Ein Schaf! +Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger, könnte ich +uneigennütziger handeln?--Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?" + +"Oh, über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?" sprach der +Schäfer. + +"Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine +liebsten Lämmer zu würgen." + +"Erzürne dich nicht, alter Isegrim! Es tut mir leid, daß du mit +deinem Vorschlage einige Jahre zu spät kommst. Deine ausgerissenen +Zähne verraten dich. Du spielst den Uneigennützigen, bloß um dich +desto gemächlicher nähren zu können." + +4. + +Der Wolf ward ärgerlich, faßte sich aber doch und ging auch zu dem +vierten Schäfer. Diesem war eben sein treuer Hund gestorben, und der +Wolf machte sich den Umstand zunutze. + +"Schäfer", sprach er, "ich habe mich mit meinen Brüdern in dem Walde +veruneinigt und so, daß ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen +aussöhnen werde. Du weißt, wieviel du von ihnen zu fürchten hast! +Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen +willst, so stehe ich dir dafür, daß sie keines deiner Schafe auch nur +scheel ansehen sollen." + +"Du willst sie also", versetzte der Schäfer, "gegen deine Brüder im +Walde beschützen?" + +"Was meine ich denn sonst? Freilich." + +"Das wäre nicht übel! Aber, wenn ich dich nun in meine Horden +einnähme, sage mir doch, wer sollte alsdann meine armen Schafe gegen +dich beschützen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Dieben außer +dem Hause sicher zu sein, das halten wir Menschen--" + +"Ich höre", sagte der Wolf, "du fängst an zu moralisieren. Lebe wohl!" + + +5. + +"Wäre ich nicht so alt!" knirschte der Wolf "Aber ich muß mich leider +in die Zeit schicken." Und so kam er zu dem fünften Schäfer. + +"Kennst du mich, Schäfer?" fragte der Wolf. + +"Deinesgleichen wenigstens kenne ich", versetzte der Schäfer. + +"Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr. Ich bin ein so sonderbarer +Wolf, daß ich deiner und aller Schäfer Freundschaft wohl wert bin." + +"Und wie sonderbar bist du denn?" + +"Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und fressen, und wenn es mir +das Leben kosten sollte. Ich nähre mich bloß mit toten Schafen. Ist +das nicht löblich? Erlaube mir also immer, daß ich mich dann und wann +bei deiner Herde einfinden und nachfragen darf, ob dir nicht--" + +"Spare der Worte!" sagte der Schäfer. "Du müßtest gar keine Schafe +fressen, auch nicht einmal tote, wenn ich dein Feind nicht sein sollte. +Ein Tier, das mir schon tote Schafe frißt, lernt leicht aus Hunger +kranke Schafe für tot und gesunde für krank ansehen. Mache auf meine +Freundschaft also keine Rechnung und geh!" + + +6. + +Ich muß nun schon mein Liebstes daran wenden, um zu meinem Zweckc zu +gelangen! dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schäfer. "Schäfer, +wie gefällt dir mein Pelz?" fragte der Wolf. + +"Dein Pelz?" sagte der Schäfer, "laß sehen! Er ist schön; die Hunde +müssen dich nicht oft untergehabt haben." + +"Nun, so höre, Schäfer; ich bin alt und werde es so lange nicht mehr +treiben. Füttere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz." + +"Ei sieh doch!" sagte der Schäfer, "kommst du auch hinter die Schliche +der alten Geizhälse? Nein, nein; dein Pelz würde mich am Ende +siebenmal mehr kosten, als er wert wäre. Ist es dir aber ein Ernst, +mir ein Geschenk zu machen, so gib mir ihn gleich jetzt." Hiermit +griff der Schäfer nach der Keule, und der Wolf floh. + + +7. + +"O die Unbarmherzigen!" schrie der Wolf und geriet in die äußerste Wut. +"So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger tötet, +denn sie wollen es nicht besser!" Er lief, brach in die Wohnungen der +Schäfer ein, riß ihre Kinder nieder und ward nicht ohne große Mühe von +den Schäfern erschlagen. + +Da sprach der weiseste von ihnen: "Wir taten doch wohl unrecht, daß +wir den alten Räuber auf das äußerste brachten und ihm alle Mittel zur +Besserung, so spät uns erzwungen sie auch war, benahmen!" + + + + +Die Nachtigall und die Lerche + +Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über +alle Fassung des größten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als +was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte: "Schwingst du dich, +Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehört zu werden?" + + + + +Die Pfauen und die Krähe + +Eine stolze Krähe schmückte sich mit den ausgefallenen Federn der +farbigen Pfaue und mischte sich kühn, als sie genug geschmückt zu sein +glaubte, unter diese glänzenden Vögel der Juno. Sie ward erkannt, und +schnell fielen die Pfaue mit scharfen Schnäbeln auf sie, ihr den +betrügerischen Putz auszureißen. + +"Lasset nach!" schrie sie endlich, "ihr habt nun alle das Eurige +wieder." Doch die Pfaue, welche einige von den eigenen glänzenden +Schwingfedern der Krähe bemerkt hatten, versetzten: "Schweig, +armselige Närrin, auch diese können nicht dein sein!"--und hackten +weiter. + + + + +Die Schwalbe + +Glaubt mir, Freunde, die große Welt ist nicht für den Weisen, ist nich +für den Dichter! Man kennt da ihren wahren Wert nicht, und ach! sie +sind oft schwach genug, ihn mit einem nichtigen zu vertauschen. + +In den ersten Zeiten war die Schwalbe ein ebenso tonreicher +melodischer Vogel wie die Nachtigall. Sie ward es aber bald müde, in +den einsamen Büschen zu wohnen und da von niemandem als dem fleißige +Landmanne und der unschuldigen Schäferin gehört und bewundert zu +werden. Sie verließ ihre demütigere Freundin und zog in die Stadt.-- +Was geschah? Weil man in der Stadt nicht Zeit hatte, ihr göttliches +Lied zu hören, so verlernte sie es nach und nach und lernte dafür-- +bauen. + + + + +Die Sperlinge + +Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzählige Nester gab, ward +ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze dastand, kamen die +Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden +sie alle vermauert. "Zu was", schrien sie, "taugt denn nun das große +Gebäude? Kommt, verlaßt den unbrauchbaren Steinhaufen!" + + + + +Die Traube + +Ich kenne einen Dichter, dem die schreiende Bewunderung seiner kleinen +Nachahmer weit mehr geschadet hat als die neidische Verachtung seiner +Kunstrichter. + +"Sie ist ja doch sauer!" sagte der Fuchs von der Traube, nach der er +lange genug vergebens gesprungen war. Das hörte ein Sperling und +sprach: "Sauer sollte die Traube sein? Danach sieht sie mir doch +nicht aus!" Er flog hin und kostete und fand sie ungemein süß und rief +hundert näschige Brüder herbei. "Kostet doch!" schrie er, "kostet +doch! Diese treffliche Traube schalt der Fuchs sauer." + +Sie kosteten alle, und in wenigen Augenblicken ward die Traube so +zugerichtet, daß nie ein Fuchs wieder danach sprang. + + + + +Die Wasserschlange + +Zeus hatte nunmehr den Fröschen einen anderen König gegeben; anstatt +eines friedlichen Klotzes eine gefräßige Wasserschlange. + +"Willst du unser König sein", schrien die Frösche, "warum verschlingst +du uns?"--"Darum", antwortete die Schlange, "weil ihr um mich gebeten +habt."-- + +"Ich habe nicht um dich gebeten!" rief einer von den Fröschen, den sie +schon mit den Augen verschlang.--"Nicht?" sagte die Wasserschlange. +"Desto schlimmer! So muß ich dich verschlingen, weil du nicht um mich +gebeten hast." + + + + +Die Ziegen + +Die Ziegen baten den Zeus, auch ihnen Hörner zu geben; denn anfangs +hatten die Ziegen keine Hörner. + +"Überlegt es wohl, was ihr bittet", sagte Zeus. "Es ist mit dem +Geschenke der Hörner ein anderes unzertrennlich verbunden, das euch so +angenehm nicht sein möchte." + +Doch die Ziegen beharrten auf ihrer Bitte, und Zeus sprach: "So habt +denn Hörner!" + +Und die Ziegen bekamen Hörner--und Bart! Denn anfangs hatten die +Ziegen auch keinen Bart. O wie schmerzte sie der häßliche Bart, weit +mehr, als sie die stolzen Hörner erfreuten! + + + + +Die eherne Bildsäule + +Die eherne Bildsäule eines vortrefflichen Künstlers schmolz durch die +Hitze einer wütenden Feuersbrunst in einen Klumpen. Dieser Klumpen +kam einem anderen Künstler in die Hände, und durch seine +Geschicklichkeit verfertigte er eine neue Bildsäule daraus, von der +ersteren in dem, was sie vorstellte, unterschieden, an Geschmack und +Schönheit aber ihr gleich. + +Der Neid sah es und knirschte. Endlich besann er sich auf einen +armseligen Trost: Der gute Mann würde dieses noch ganz erträgliche +Stück auch nicht hervorgebracht haben, wenn ihm nicht die Materie der +alten Bildsäule dabei zustatten gekommen wäre. + + + + +Die junge Schwalbe + +"Was macht ihr da?" fragte eine junge Schwalbe die geschäftigen +Ameisen. + +"Wir sammeln Vorrat für den Winter", war die Antwort. + +"Das ist klug", sagte die Schwalbe, "das will ich auch tun." + +Und gleich fing sie an, eine Menge toter Spinnen und Fliegen in ihr +Nest zu tragen. + +"Aber wozu soll das?" fragte endlich ihre Mutter. + +"Wozu? Das ist Vorrat für den bösen Winter, liebe Mutter. Sammle +doch auch! Die Ameisen haben mich diese Vorsicht gelehrt" + +"Laß nur die Ameisen!" versetzte die Mutter. "Uns Schwalben hat die +Natur ein schöneres Los bereitet. Wenn der reiche Sommer sich wendet, +dann ziehen wir fort von hier." + + + + +Jupiter und das Schaf + +Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend. +Es mußte viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der +Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das +Schafweibchen war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu +verstecken. Auch mußte es achtgeben, daß der Wolf es nicht entdeckte, +denn dieser strolchte auf dem dichtbebuschten Nachbarhügel herum. +Außerdem war es wirklich ein Wunder, daß der Bär aus der waldigen +Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch +nicht erwischt hatte. + +An einem Sonntag beschloß das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und +ihn um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte +ihm sein Leid. "Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, daß ich dich +allzu schutzlos geschaffen habe", sprach der Gott freundlich, "darum +will ich dir auch helfen. Aber du mußt selber wählen, was für eine +Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, +daß ich dein Gebiß mit scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und +deine Füße mit spitzen Krallen bewaffne?" + +Das Schaf schauderte. "O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den +wilden, mörderischen Raubtieren nichts gemein haben." + +"Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?" Das Schaf wich bei +dieser Vorstellung einen Schritt zurück. "Bitte nicht, gnädiger +Herrscher, die Giftnattern werden ja überall so sehr gehaßt." + +"Nun, was willst du dann haben?" fragte Jupiter geduldig. "Ich könnte +Hörner auf deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?" + +"Auch das bitte nicht", wehrte das Schaf schüchtern ab, "mit meinem +Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein +Bock." + +"Mein liebes Schaf", belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf, +"wenn du willst, daß andere dir keinen Schaden zufügen, so mußt du +gezwungenerweise selber schaden können." + +"Muß ich das?" seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer +Weile sagte es: "Gütiger Vater, laß mich doch lieber so sein, wie ich +bin. Ich fürchte, daß ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung +gebrauchen würde, sondern daß mit der Kraft und den Waffen zugleich +auch die Lust zum Angriff erwacht." + +Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in +das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr +über sein Schicksal. + + + + +Merops + +"Ich muß dich doch etwas fragen", sprach ein junger Adler zu einem +tiefsinnigen grundgelehrten Uhu. "Man sagt, es gäbe einen Vogel mit +Namen Merops, der, wenn er in die Luft steige, mit dem Schwanze voraus, +den Kopf gegen die Erde gekehrt, fliege. Ist das wahr?" + +"Ei nicht doch!" antwortete der Uhu; "das ist eine alberne Erdichtung +des Menschen. Er mag selbst ein solcher Merops sein, weil er nur gar +zu gern den Himmel erfliegen möchte, ohne die Erde auch nur einen +Augenblick aus dem Gesichte zu verlieren." + + + + +Minerva + +Laß sie doch, Freund! laß sie, die kleinen hämischen Neider deines +wachsenden Ruhmes! Warum will dein Witz ihre der Vergessenheit +bestimmte Namen verewigen? + +In dem unsinnigen Kriege, welchen die Riesen wider die Götter führten, +stellten die Riesen der Minerva einen schrecklichen Drachen entgegen. +Minerva aber ergriff den Drachen und schleuderte ihn mit gewaltiger +Hand an das Firmament. Da glänzt er noch, und was so oft großer Taten +Belohnung war, ward des Drachens beneidenswürdige Strafe. + + + + +Zeus und das Pferd + +"Vater der Tiere und Menschen", so sprach das Pferd und nahte sich dem +Throne des Zeus, "man will, ich sei eines der schönsten Geschöpfe, +womit du die Welt geziert, und meine Eigenliebe heißt es mich glauben. +Aber sollte gleichwohl nicht noch verschiedenes an mit zu bessern +sein?" "Und was meinst du denn, das an dir zu bessern sei? Rede, ich +nehme Lehre an", sprach der gute Gott und lächelte. + +"Vielleicht", sprach das Pferd weiter, "würde ich flüchtiger sein, +wenn meine Beine höher und schmächtiger wären; ein langer Schwanenhals +würde mich nicht verstellen; eine breitere Brust wurde meine Stärke +vermehren; und da du mich doch einmal bestimmt hast, deinen Liebling, +den Menschen, zu tragen, so könnte mir ja wohl der Sattel anerschaffen +sein, den mir der wohltätige Reiter auflegt." + +"Gut", versetzte Zeus, "gedulde dich einen Augenblick!" Zeus, mit +ernstem Gesichte, sprach das Wort der Schöpfung. Da quoll Leben in +den Staub, da verband sich organisierter Stoff; und plötzlich stand +vor dem Throne--das häßliche Kamel. + +Das Pferd sah, schauderte und zitterte vor entsetzendem Abscheu. + +"Hier sind höhere und mächtigere Beine", sprach Zeus; "hier ist ein +langer Schwanenhals; hier ist eine breite Brust; hier ist der +anerschaffene Sattel! Willst du, Pferd, daß ich dich so umbilden +soll?" + +Das Pferd zitterte noch. + +"Geh", fuhr Zeus fort; "dieses Mal sei belehrt, ohne bestraft zu +werden. Dich deiner Vermessenheit aber dann und wann reuend zu +erinnern, so daure du fort, neues Geschöpf"--Zeus warf einen +erhaltenden Blick auf das Kamel--"und das Pferd erblicke dich nie, +ohne zu schaudern." + + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ausgewählte Fabeln, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Ausgewählte Fabeln, by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUSGEWÄHLTE FABELN *** + +***** This file should be named 9375-8.txt or 9375-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/9/3/7/9375/ + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Ausgewaehlte Fabeln + +Gotthold Ephraim Lessing + +1759 + + + + + + + +Inhalt: + +Das Geschenk der Feien +Das Ross und der Stier +Der Affe und der Fuchs +Der Besitzer des Bogens +Der Esel mit dem Loewen +Der Esel und das Jagdpferd +Der Esel und der Wolf +Der Fuchs +Der Geizige +Der Hamster und die Ameise +Der Hirsch +Der Hirsch und der Fuchs +Der Knabe und die Schlange +Der Loewe mit dem Esel +Der Loewe und der Hase +Der Pelikan +Der Phoenix +Der Rabe +Der Rabe und der Fuchs +Der Rangstreit der Tiere +Der Sperling und der Strauss +Der Strauss +Der Wolf auf dem Todbette +Der Wolf und der Schaefer +Der hungrige Fuchs +Der junge und der alte Hirsch +Die Eiche +Die Eiche und das Schwein +Die Erscheinung +Die Eule und der Schatzgraeber +Die Furien +Die Gans +Die Geschichte des alten Wolfs +Die Nachtigall und die Lerche +Die Pfauen und die Kraehe +Die Schwalbe +Die Sperlinge +Die Traube +Die Wasserschlange +Die Ziegen +Die eherne Bildsaeule +Die junge Schwalbe +Jupiter und das Schaf +Merops +Minerva +Zeus und das Pferd + + + + +Das Geschenk der Feien + +Zu der Wiege eines jungen Prinzen, der in der Folge einer der groessten +Regenten seines Landes ward, traten zwei wohltaetige Feien. + +"Ich schenke diesem meinem Lieblinge", sagte die eine, "den +scharfsichtigen Blick des Adlers, dem in seinem weiten Reiche auch die +kleinste Muecke nicht entgeht." + +"Das Geschenk ist schoen", unterbrach sie die zweite Feie. "Der Prinz +wird ein einsichtsvoller Monarch werden. Aber der Adler besitzt nicht +allein Scharfsichtigkeit, die kleinsten Muecken zu bemerken, er besitzt +auch eine edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen. Und diese nehme +der Prinz von mir zum Geschenk!" + +"Ich danke dir, Schwester, fuer diese weise Einschraenkung", versetzte +die erste Feie. "Es ist wahr; viele wuerden weit groessere Koenige +gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden +Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten haetten erniedrigen +wollen." + + + + +Das Ross und der Stier + +Auf einem feurigen Rosse flog stolz ein dreister Knabe daher. Da rief +ein wilder Stier dem Rosse zu: "Schande! Von einem Knaben liess ich +mich nicht regieren!" + +"Aber ich", versetzte das Ross. "Denn was fuer Ehre koennte es mir +bringen, einen Knaben abzuwerfen?" + + + + +Der Affe und der Fuchs + +"Nenne mir ein so geschicktes Tier, dem ich nicht nachahmen koennte!" +so prahlte der Affe gegen den Fuchs. Der Fuchs aber erwiderte: "Un du, +nenne mir ein so geringschaetziges Tier, dem es einfallen koennte, dir +nachzuahmen." + +Schriftsteller meiner Nation!--Muss ich mich noch deutlicher erklaeren? + + + + +Der Besitzer des Bogens + +Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr +weit und sehr sicher schoss, und den er ungemein wert hielt. Einst +aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: "Ein wenig zu +plump bist du doch! All deine Zierde ist die Glaette. Schade!--Doch +dem ist abzuhelfen!" fiel ihm ein. "Ich will hingehen und den besten +Kuenstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen."--Er ging hin, und der +Kuenstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen, und was haette sich +besser auf einem Bogen geschickt als eine Jagd? + +Der Mann war voller Freuden. "Du verdienst diese Zieraten, mein +lieber Bogen!"--Indem will er ihn versuchen, er spannt, und der Bogen-- +zerbricht. + + + + +Der Esel mit dem Loewen + +Als der Esel mit dem Loewen des Aesopus, der ihn statt seines Jaegerhorns +brauchte, nach dem Walde ging, begegnete ihm ein anderer Esel von +seiner Bekanntschaft und rief ihm zu: "Guten Tag, mein Bruder!"-- + +"Unverschaemter!" war die Antwort.-- + +"Und warum das?" fuhr jener Esel fort. "Bist du deswegen, weil du mit +einem Loewen gehst, besser als ich, mehr als ein Esel?" + + + + +Der Esel und das Jagdpferd + +Ein Esel vermass sich, mit einem Jagdpferd um die Wette zu laufen. Die +Probe fiel erbaermlich aus, und der Esel ward ausgelacht. "Ich merke +nun wohl", sagte der Esel, "woran es gelegen hat; ich trat mir vor +einigen Monaten einen Dorn in den Fuss, und der schmerzt mich noch." + +"Entschuldigen Sie mich", sagte der Kanzelredner Liederhold, "wenn +meine heutige Predigt so gruendlich und erbaulich nicht gewesen, als +man sie von dem gluecklichen Nachahmer eines Mosheims erwartet haette; +ich habe, wie Sie hoeren, einen heisern Hals, und den schon seit acht +Tagen." + + + + +Der Esel und der Wolf + +Ein Esel begegnete einem hungrigen Wolfe. "Habe Mitleid mit mir", +sagte der zitternde Esel, "ich bin ein armes krankes Tier; sieh nur, +was fuer einen Dorn ich mir in den Fuss getreten habe!" + +"Wahrhaftig, du dauerst mich", versetzte der Wolf. "Und ich finde +mich in meinem Gewissen verbunden, dich von deinen Schmerzen zu +befreien." + +Kaum ward das Wort gesagt, so ward der Esel zerrissen. + + + + +Der Fuchs + +Ein verfolgter Fuchs rettete sich auf eine Mauer. Um auf der andern +Seite gut herabzukommen, ergriff er einen nahen Dornstrauch. Er liess +sich auch gluecklich daran nieder, nur dass ihn die Dornen schmerzlich +verwundeten. "Elende Helfer", rief der Fuchs, "die nicht helfen +koennen, ohne zugleich zu schaden!" + + + + +Der Geizige + +"Ich Ungluecklicher!" klagte ein Geizhals seinem Nachbar. "Man hat mir +den Schatz, den ich in meinem Garten vergraben hatte, diese Nacht +entwendet und einen verdammten Stein an dessen Stelle gelegt." + +"Du wuerdest", antwortete ihm der Nachbar, "deinen Schatz doch nicht +genutzt haben. Bilde dir also ein, der Stein sei dein Schatz; und du +bist nichts aermer." + +"Waere ich schon nichts aermer", erwiderte der Geizhals; "ist ein andrer +nicht um so viel reicher? Ein andrer um so viel reicher! Ich moechte +rasend werden." + + + + +Der Hamster und die Ameise + +"Ihr armseligen Ameisen", sagte ein Hamster. Verlohnt es sich der +Muehe, dass ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so Weniges +einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!--" + +"Hoere", antworibete eine Ameise, "wenn er groesser ist, als du ihn +brauchst, so ist es schon recht, dass die Menschen dir nachgraben, +deine Scheuern ausleeren und dich deinen raeuberischen Geiz mit dem +Leben buessen lassen!" + + + + +Der Hirsch + +Die Natur hatte einen Hirsch von mehr als gewoehnlicher Groesse gebildet, +und an seinem Halse hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der +Hirsch bei sich selbst: Du koenntest dich ja wohl fuer ein Elend ansehen +lassen. Und was tat der Eitle, ein Elend zu scheinen? Er hing den +Kopf traurig zur Erde und stellte sich, sehr oft das boese Wesen zu +haben. + +So glaubt nicht selten ein witziger Geck, dass man ihn fuer keinen +schoenen Geist halten werde, wenn er nicht ueber Kopfweh und Hypochonder +klage. + + + + +Der Hirsch und der Fuchs + +Der Hirsch sprach zu dem Fuchse: "Nun weh uns armen schwaecheren Tieren! +Der Loewe hat sich mit dem Wolfe verbunden." + +"Mit dem Wolfe?" sagte der Fuchs. "Das mag noch hingehen! Der Loewe +bruellt, der Wolf heult und so werdet, ihr euch noch oft beizeiten mit +der Flucht retten koennen. Aber alsdenn, alsdenn moechte es um uns alle +geschehen sein, wenn es dem gewaltigen Loewen einfallen sollte, sich +mit dem schleichenden Luchse zu verbinden." + + + + +Der Knabe und die Schlange + +Ein Knabe spielte mit einer zahmen Schlange. "Mein liebes Tierchen", +sagte der Knabe, "ich wuerde mich mit dir so gemein nicht machen, wenn +dir das Gift nicht benommen waere. Ihr Schlangen seid die boshaftesten, +undankbarsten Geschoepfe! Ich habe es wohl gelesen, wie es einem +armen Landmanne ging, der eine, vielleicht von deinen Ureltern, die er +halb erfroren unter einer Hecke fand, mitleidig aufhob und sie in +seinen erwaermenden Busen steckte. Kaum fuehlte sich die Boese wieder, +als sie ihren Wohltaeter biss; und der gute freundliche Mann musste +sterben." + +"Ich erstaune", sagte die Schlange, "wie parteiisch eure +Geschichtschreiber sein muessen! Die unsrigen erzaehlen diese Historie +ganz anders. Dein freundlicher Mann glaubte, die Schlange sei +wirklich erfroren, und weil es eine von den bunten Schlangen war, so +steckte er sie zu sich, ihr zu Hause die schoene Haut abzustreiten. +War das recht?" + +"Ach, schweig nur", erwiderte der Knabe. "Welcher Undankbare haette +sich nicht zu entschuldigen gewusst!" + +"Recht, mein Sohn", fiel der Vater, der dieser Unterredung zugehoert +hatte, dem Knaben ins Wort. "Aber gleichwohl, wenn du einmal von +einem ausserordentlichen Undanke hoeren solltest, so untersuche ja alle +Umstaende genau, bevor du einen Menschen mit so einem abscheulichen +Schandflecke brandmarken laessest. Wahre Wohltaeter haben selten +Undankbare verpflichtet; ja, ich will zur Ehre der Menschheit hoffen-- +niemals. Aber die Wohltaeter mit kleinen eigennuetzigen Absichten, die +sind es wert, mein Sohn, dass sie Undank anstatt Erkenntlichkeit +einwuchern." + + + + +Der Loewe mit dem Esel + +Als des Aesopus Loewe mit dem Esel, der ihm durch seine fuerchterliche +Stimme die Tiere sollte jagen helfen, nach dem Walde ging, rief ihm +eine naseweise Kraehe von dem Baume zu: "Ein schoener Gesellschafter! +Schaemst du dich nicht, mit einem Esel zu gehen?"--"Wen ich brauchen +kann", versetzte der Loewe, "dem kann ich ja wohl meine Seite goennen." + +So denken die Grossen alle, wenn sie einen Niedrigen ihrer Gemeinschaft +wuerdigen. + + + + +Der Loewe und der Hase + +Ein Loewe wuerdigte einen drolligen Hasen seiner naeheren Bekanntschaft. +"Aber ist es denn wahr", fragte ihn einst der Hase, "dass euch Loewen +ein elender kraehender Hahn so leicht verjagen kann?" + +"Allerdings ist es wahr", antwortete der Loewe; "und es ist eine +allgemeine Anmerkung, dass wir grossen Tiere durchgaengig eine gewisse +kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem +Elefanten gehoert haben, dass ihm das Grunzen eines Schweins Schauder +und Entsetzen erwecket." + +"Wahrhaftig?" unterbrach ihn der Hase. "Ja, nun begreif' ich auch, +warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fuerchten." + + + + +Der Pelikan + +Fuer wohlgeratene Kinder koennen Eltern nicht zu viel tun. Aber wenn +sich ein bloeder Vater fuer einen ausgearteten Sohn das Blut vom Herzen +zapft, dann wird Liebe zur Torheit. + +Ein frommer Pelikan, da er seine Jungen schmachten sah, ritzte sich +mit scharfem Schnabel die Brust auf und erquickte sie mit seinem Blute. +"Ich bewundere deine Zaertlichkeit", rief ihm ein Adler zu, "und +bejammere deine Blindheit. Sieh doch, wie manchen nichtswuerdigen +Kuckuck du unter deinen Jungen mit ausgebruetet hast!" + +So war es auch wirklich; denn auch ihm hatte der kalte Kuckuck seine +Eier untergeschoben.--Waren es undankbare Kuckucke wert, dass ihr Leben +so teuer erkauft wurde? + + + + +Der Phoenix + +Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phoenix, sich wieder einmal +sehen zu lassen. Er erschien, und alle Tiere und Voegel versammelten +sich um ihn. Sie gafften, sie staunten, sie bewunderten und brachen +in entzueckendes Lob aus. + +Bald aber verwandten die besten und geselligsten mitleidsvoll ihre +Blicke und seufzten: "Der unglueckliche Phoenix! Ihm ward das harte Los, +weder Geliebte noch Freunde zu haben; denn er ist der einzige seiner +Art!" + + + + +Der Rabe + +Der Rabe bemerkte, dass der Adler ganze dreissig Tage ueber seinen Eiern +bruetete. "Und daher kommt es ohne Zweifel", sprach er, "dass die +jungen des Adlers so scharfsichtig und stark werden. Gut! Das will +ich auch tun." Und seitdem bruetet der Rabe ganze dreissig Tage ueber +seinen Eiern; aber noch hat er nichts als elende Raben ausgebruetet. + + + + +Der Rabe und der Fuchs + +Ein Rabe trug ein Stueck vergiftetes Fleisch, das der erzuernte Gaertner +fuer die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen +fort. Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich +ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: "Sei mir gesegnet, Vogel des +Jupiters!" + +--"Fuer wen siehst du mich an?" fragte der Rabe. "Fuer wen ich dich +ansehe?" erwiderte der Fuchs. "Bist du nicht der ruestige Adler, der +taeglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herabkommt, mich +Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in +der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich +zu schicken noch fortfaehrt?" + +Der Rabe erstaunte und freute sich innig, fuer einen Adler gehalten zu +werden. Ich muss, dachte er, den Fuchs aus diesem Irrtum nicht bringen. +--Grossmuetig dumm liess er ihm also seinen Raub herabfallen und flog +stolz davon. + +Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und frass es mit boshafter +Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes +Gefuehl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte. + +Moechtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte +Schmeichler! + + + + +Der Rangstreit der Tiere + +In vier Fabeln + + +1. + +Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren. Ihn zu +schlichten, sprach das Pferd, "lasset uns den Menschen zu Rate ziehen; +er ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer +sein." + +"Aber hat er auch den Verstand dazu?" liess sich ein Maulwurf hoeren. +"Er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten +Vollkommenheiten zu erkennen." + +"Das war sehr weislich erinnert!" sprach der Hamster. + +"Jawohl!" rief auch der Igel. "Ich glaube es nimmermehr, dass der +Mensch Scharfsichtigkeit genug besitzt." + +"Schweigt ihr!" befahl das Pferd. "Wir wissen es schon: Wer sich auf +die Guete seiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am +fertigsten, die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen." + + +2. + +Der Mensch ward Richter.--"Noch ein Wort", rief ihm der majestaetische +Loewe zu, "bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, +willst du unsern Wert bestimmen?" + +"Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel", antwortete der +Mensch, "in welchem ihr mir mehr oder weniger nuetzlich seid." + +"Vortrefflich!" versetzte der beleidigte Loewe. "Wie weit wuerde ich +alsdann unter dem Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter +nicht sein, Mensch! Verlass die Versammlung!" + + +3. + +Der Mensch entfernte sich.--"Nun", sprach der hoehnische Maulwurf,-- +(und ihm stimmten der Hamster und der Igel wieder bei)--"siehst du, +Pferd? der Loewe meint es auch, dass der Mensch unser Richter nicht +sein kann. Der Loewe denkt wie wir." + +"Aber aus besseren Gruenden als ihr!" sagte der Loewe, und warf ihnen +einen veraechtlichen Blick zu. + + +4. + +Der Loewe fuhr weiter fort: "Der Rangstreit, wenn ich es recht ueberlege, +ist ein nichtswuerdiger Streit! Haltet mich fuer den Vornehmsten oder +den Geringsten; es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich!"--Und +so ging er aus der Versammlung. + +Ihm folgte der weise Elefant, der kuehne Tiger, der ernsthafte Baer, der +kluge Fuchs, das edle Pferd; kurz alle, die ihren Wert fuehlten oder zu +fuehlen glaubten. + +Die sich am letzten wegbegeben und ueber die zerrissene Versammlung am +meisten murrten, waren--der Affe und der Esel. + + + + +Der Sperling und der Strauss + +"Sei auf deine Groesse, auf deine Staerke so stolz wie du willst", sprach +der Sperling zu dem Strausse; "ich bin doch mehr ein Vogel als du. +Denn du kannst nicht fliegen, ich aber fliege, obgleich nicht hoch, +obgleich nur ruckweise." + +Der leichte Dichter eines froehlichen Trinkliedes, eines kleinen +verliebten Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber +einer langen Hermanniade. + + + + +Der Strauss + +"Jetzt will ich fliegen!" rief der gigantische Strauss, und das ganze +Volk der Voegel stand in ernster Erwartung um ihn versammelt. "Jetzt +will ich fliegen", rief er nochmals, breitete die gewaltigen Fittiche +weit aus und schoss, gleich einem Schiffe mit aufgespannten Segeln, auf +dem Boden dahin, ohne ihn mit einem Tritte zu verlieren. + +Sehet da ein poetisches Bild jener unpoetischen Koepfe, die in den +ersten Zeilen ihrer ungeheuren Oden mit stolzen Schwingen prahlen, +sich ueber Wolken und Sterne zu erheben drohen und dem Staube doch +immer getreu bleiben! + + + + +Der Wolf auf dem Todbette + +Der Wolf lag in den letzten Zuegen und schickte einen pruefenden Blick +auf sein vergangenes Leben zurueck. "Ich bin freilich ein Suender", +sagte er; "aber doch, ich hoffe, keiner von den groessten. Ich habe +Boeses getan; aber auch viel Gutes. Einstmals, erinnere ich mich, kam +mir ein bloekendes Lamm, welches sich von der Herde verirrt hatte, so +nahe, dass ich es gar leicht haette erwuergen koennen; und ich tat ihm +nichts. Zu eben dieser Zeit hoerte ich die Spoettereien und Schmaehungen +eines Scbafes mit der bewunderungswuerdigsten Gleichgueltigkeit an, ob +ich schon keine schaetzenden Hunde zu fuerchten hatte." + +"Und alles kann ich dir bezeugen", fiel ihm Freund Fuchs, der ihn zum +Tode bereiten half, ins Wort. "Denn ich erinnere mich noch gar wohl +aller Umstaende dabei. Es war zu eben der Zeit, als du dich an dem +Beine so jaemmerlich wuergtest, das dir der gutherzige Kranich hernach +aus dem Schlunde zog." + + + + +Der Wolf und der Schaefer + +Ein Schaefer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde +verloren. Das erfuhr der Wolf und kam, seine Kondolenz abzustatten. + +"Schaefer", sprach er, "ist es wahr, dass dich ein so grausames Unglueck +betroffen? Du bist um deine ganze Herde gekommen? Die liebe, fromme, +fette Herde? Du dauerst, mich, und ich moechte blutige Traenen weinen." + +"Habe Dank, Meister Isegrim", versetzte der Schaefer. "Ich sehe, du +hast ein sehr mitleidiges Herz." + +"Das hat er auch wirklich", fuegte des Schaefers Hylax hinzu, "so oft er +unter dem Ungluecke seines Naechsten selbst leidet." + + + + +Der hungrige Fuchs + +"Ich bin zu einer ungluecklichen Stunde geboren!" so klagte ein junger +Fuchs einem alten. "Fast keiner von meinen Anschlaegen will mir +gelingen."--"Deine Anschlaege", sagte der aeltere Fuchs, "werden ohne +Zweifel doch klug sein. Lass doch hoeren, wann machst du deine +Anschlaege?" "Wann ich sie mache? Wann anders, als wenn mich hungert?" +--"Wenn dich hungert?" fuhr der alte Fuchs fort. "Ja! da haben wir es! +Hunger und Ueberlegung sind nie beisammen. Mache sie kuenftig, wenn +du satt bist; und sie werden besser ausfallen." + + + + +Der junge und der alte Hirsch + +Ein Hirsch, den die guetige Natur Jahrhunderte hat leben lassen, sagte +einst zu einem seiner Enkel: "Ich kann mich der Zeit noch sehr wohl +erinnern, da der Mensch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfunden +hatte." + +"Welche glueckliche Zeit muss das fuer unser Geschlecht gewesen sein!" +seufzte der Enkel. + +"Du schliessest zu geschwind!" sagte der alte Hirsch. "Die Zeit war +anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstatt des +Feuerrohrs, Pfeile und Bogen, und wir waren ebenso schlimm daran als +jetzt." + + + + +Die Eiche + +Der rasende Nordwind hatte seine Staerke in einer stuermischen Nacht an +einer erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt, und eine Menge +niedriger Straeucher lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der +seine Grube nicht weit davon hatte, sah sie des Morgens darauf. "Was +fuer ein Baum!" rief er. "Haette ich doch nimmermehr gedacht, dass er so +gross gewesen waere!" + + + + +Die Eiche und das Schwein + +Ein gefraessiges Schwein maestete sich unter einer hohen Eiche mit der +herabgefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiss, verschluckte +es bereits eine andere mit dem Auge. + +"Undankbares Vieh!" rief endlich der Eichbaum herab. "Du naehrst dich +von meinen Fruechten ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in +die Hoehe zu richten." + +Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: +"Meine dankbaren Blicke sollten nicht aussen bleiben, wenn ich nur +wuesste, dass du deine Eicheln meinetwegen haettest fallen lassen." + + + + +Die Erscheinung + +In der einsamsten Tiefe jenes Waldes, wo ich schon manches redende +Tier belauscht, lag ich an einem sanften Wasserfalle und war bemueht, +einem meiner Maerchen den leichten poetischen Schmuck zu geben, in +welchem am liebsten zu erscheinen La Fontaine die Fabel fast verwoehnt +hat. Ich sann, ich waehlte, ich verwarf, die Stirne gluehte--Umsonst, +es kam nichts auf das Blatt. Voll Unwill sprang ich auf; aber sieh!-- +auf einmal stand sie selbst, die fabelnde Muse vor mir. + +Und sie sprach laechelnd: "Schueler, wozu die undankbare Muehe? Die +Wahrheit braucht die Anmut der Fabel; aber wozu braucht die Fabel die +Anmut der Harmonie? Du willst das Gewuerze wuerzen. G'nug, wenn die +Erfindung des Dichters ist; der Vortrag sei des ungekuenstelten +Geschichtsschreibers, so wie der Sinn des Weltweisen." + +Ich wollte antworten, aber die Muse verschwand. "Sie verschwand?" +hoere ich einen Leser fragen. "Wenn du uns doch nur wahrscheinlicher +taeuschen wolltest! Die seichten Schluesse, auf die dein Unvermoegen +dich fuehrte, der Muse in den Mund zu legen! Zwar ein gewoehnlicher +Betrug-" + +Vortrefflich, mein Leser! Mir ist keine Muse erschienen. Ich erzaehle +eine blosse Fabel, aus der du selbst die Lehre gezogen. Ich bin nicht +der erste und werde nicht der letzte sein, der seine Grillen zu +Orakelspruechen einer goettlichen Erscheinung macht. + + + + +Die Eule und der Schatzgraeber + +Jener Schatzgraeber war ein sehr unbilliger Mann. Er wagte sich in die +Ruinen eines alten Raubschlosses und ward da gewahr, dass die Eule eine +magere Maus ergriff und verzehrte. "Schickt sich das", sprach er, +"fuer den philosophischen Liebling Minervens?" + +"Warum nicht?" versetzte die Eule. "Weil ich stille Betrachtungen +liebe, kann ich deswegen von der Luft leben? Ich weiss zwar, dass ihr +Menschen es von euren Gelehrten verlanget--" + + + + +Die Furien + +"Meine Furien", sagte Pluto zu dem Boten der Goetter, "werden alt und +stumpf. Ich brauche frische. Geh also, Merkur, und suche mir auf der +Oberwelt drei tuechtige Weibspersonen dazu aus." Merkur ging. + +Kurz darauf sagte Juno zu ihrer Dienerin: "Glaubtest du wohl, Iris, +unter den Sterblichen zwei oder drei vollkommen strenge, zuechtige +Maedchen zu finden? Aber vollkommen strenge! Verstehst du mich? Um +Cytheren hohnzusprechen, die sich das ganze weibliche Geschlecht +unterworfen zu haben ruehmt. Geh immer und sieh, wo du sie auftreibst." +Iris ging.-- + +In welchem Winkel der Erde suchte nicht die gute Iris! Und dennoch +umsonst! Sie kam ganz allein wieder, und Juno rief ihr entgegen: "Ist +es moeglich? O Keuschheit! O Tugend!" + +"Goettin", sagte Iris, "ich haette dir wohl drei Maedchen bringen koennen, +die alle drei vollkommen streng und zuechtig gewesen; die alle drei nie +einer Mannsperson gelaechelt, die alle drei den geringsten Funken der +Liebe in ihren Herzen erstickt; aber ich kam, leider, zu spaet." + +"Zu spaet?" sagte Juno. "Wieso?" + +"Eben hatte sie Merkur fuer den Pluto abgeholt." + +"Fuer den Pluto? Und wozu will Pluto diese Tugendhaften?" + +"Zu Furien." + + + + +Die Gans + +Die Federn einer Gans beschaemten den neugeborenen Schnee. Stolz auf +dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane +als zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von +ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestaetisch auf dem Teiche +herum. Bald dehnte sie ihren Hals, dessen verraeterischer Kuerze sie +mit aller Macht abhelfen wollte; bald suchte sie ihm die praechtige +Biegung zu geben, in welcher der Schwan das wuerdige Ansehen eines +Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er war zu steif, und mit aller +ihrer Bemuehung brachte sie es nicht weiter, als dass sie eine +laecherliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden. + + + + +Die Geschichte des alten Wolfs + +in sieben Fabeln + +1. + +Der boese Wolf war zu Jahren gekommen und fasste den gleissenden +Entschluss, mit den Schaefern auf einem guetlichen Fuss zu leben. Er +machte sich also auf und kam zu dem Schaefer, dessen Horden seiner +Hoehle die naechsten waren. + +"Schaefer", sprach er, "du nennst mich den blutgierigsten Raeuber, der +ich doch wirklich nicht bin. Freilich muss ich mich an deine Schafe +halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schuetze mich nur vor +dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl +zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmuetigste Tier, +wenn ich satt bin." + +"Wenn du satt bist? Das kann wohl sein", versetzte der Schaefer. +"Aber wann bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie. Geh +deinen Weg!" + +2. + +Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schaefer. + +"Du weisst, Schaefer", war seine Anrede, "dass ich dir das Jahr durch +manches Schaf wuergen koennte. Willst du mir ueberhaupt jedes Jahr sechs +Schafe geben, so bin ich zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen +und die Hunde ohne Bedenken abschaffen." + +"Sechs Schafe?" sprach der Schaefer, "das ist ja eine ganze Herde!" + +"Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fuenfen begnuegen", sagte +der Wolf. + +"Du scherzest, fuenf Schafe! Mehr als fuenf Schafe opfere ich kaum im +ganzen Jahre dem Pan." + +"Auch nicht viere?" fragte der Wolf weiter; und der Schaefer schuettelte +spoettisch den Kopf. + +"Drei?--Zwei?" + +"Nicht ein einziges", fiel endlich der Bescheid, "denn es waere ja wohl +toericht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich +mich durch meine Wachsamkeit sichern kann." + +3. + +Aller guten Dinge sind drei, dachte der Wolf und kam zu einem dritten +Schaefer. + +"Es geht mir recht nahe", sprach er, "dass ich unter euch Schaefern als +das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, +will ich jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jaehrlich +ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher +macht als ich, frei und unbeschaedigt weiden duerfen. Ein Schaf! +Welche Kleinigkeit! Koennte ich grossmuetiger, koennte ich +uneigennuetziger handeln?--Du lachst, Schaefer? Worueber lachst du denn?" + +"Oh, ueber nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?" sprach der +Schaefer. + +"Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine +liebsten Laemmer zu wuergen." + +"Erzuerne dich nicht, alter Isegrim! Es tut mir leid, dass du mit +deinem Vorschlage einige Jahre zu spaet kommst. Deine ausgerissenen +Zaehne verraten dich. Du spielst den Uneigennuetzigen, bloss um dich +desto gemaechlicher naehren zu koennen." + +4. + +Der Wolf ward aergerlich, fasste sich aber doch und ging auch zu dem +vierten Schaefer. Diesem war eben sein treuer Hund gestorben, und der +Wolf machte sich den Umstand zunutze. + +"Schaefer", sprach er, "ich habe mich mit meinen Bruedern in dem Walde +veruneinigt und so, dass ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen +aussoehnen werde. Du weisst, wieviel du von ihnen zu fuerchten hast! +Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen +willst, so stehe ich dir dafuer, dass sie keines deiner Schafe auch nur +scheel ansehen sollen." + +"Du willst sie also", versetzte der Schaefer, "gegen deine Brueder im +Walde beschuetzen?" + +"Was meine ich denn sonst? Freilich." + +"Das waere nicht uebel! Aber, wenn ich dich nun in meine Horden +einnaehme, sage mir doch, wer sollte alsdann meine armen Schafe gegen +dich beschuetzen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Dieben ausser +dem Hause sicher zu sein, das halten wir Menschen--" + +"Ich hoere", sagte der Wolf, "du faengst an zu moralisieren. Lebe wohl!" + + +5. + +"Waere ich nicht so alt!" knirschte der Wolf "Aber ich muss mich leider +in die Zeit schicken." Und so kam er zu dem fuenften Schaefer. + +"Kennst du mich, Schaefer?" fragte der Wolf. + +"Deinesgleichen wenigstens kenne ich", versetzte der Schaefer. + +"Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr. Ich bin ein so sonderbarer +Wolf, dass ich deiner und aller Schaefer Freundschaft wohl wert bin." + +"Und wie sonderbar bist du denn?" + +"Ich koennte kein lebendiges Schaf wuergen und fressen, und wenn es mir +das Leben kosten sollte. Ich naehre mich bloss mit toten Schafen. Ist +das nicht loeblich? Erlaube mir also immer, dass ich mich dann und wann +bei deiner Herde einfinden und nachfragen darf, ob dir nicht--" + +"Spare der Worte!" sagte der Schaefer. "Du muesstest gar keine Schafe +fressen, auch nicht einmal tote, wenn ich dein Feind nicht sein sollte. +Ein Tier, das mir schon tote Schafe frisst, lernt leicht aus Hunger +kranke Schafe fuer tot und gesunde fuer krank ansehen. Mache auf meine +Freundschaft also keine Rechnung und geh!" + + +6. + +Ich muss nun schon mein Liebstes daran wenden, um zu meinem Zweckc zu +gelangen! dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schaefer. "Schaefer, +wie gefaellt dir mein Pelz?" fragte der Wolf. + +"Dein Pelz?" sagte der Schaefer, "lass sehen! Er ist schoen; die Hunde +muessen dich nicht oft untergehabt haben." + +"Nun, so hoere, Schaefer; ich bin alt und werde es so lange nicht mehr +treiben. Fuettere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz." + +"Ei sieh doch!" sagte der Schaefer, "kommst du auch hinter die Schliche +der alten Geizhaelse? Nein, nein; dein Pelz wuerde mich am Ende +siebenmal mehr kosten, als er wert waere. Ist es dir aber ein Ernst, +mir ein Geschenk zu machen, so gib mir ihn gleich jetzt." Hiermit +griff der Schaefer nach der Keule, und der Wolf floh. + + +7. + +"O die Unbarmherzigen!" schrie der Wolf und geriet in die aeusserste Wut. +"So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger toetet, +denn sie wollen es nicht besser!" Er lief, brach in die Wohnungen der +Schaefer ein, riss ihre Kinder nieder und ward nicht ohne grosse Muehe von +den Schaefern erschlagen. + +Da sprach der weiseste von ihnen: "Wir taten doch wohl unrecht, dass +wir den alten Raeuber auf das aeusserste brachten und ihm alle Mittel zur +Besserung, so spaet uns erzwungen sie auch war, benahmen!" + + + + +Die Nachtigall und die Lerche + +Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit ueber +alle Fassung des groessten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als +was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte: "Schwingst du dich, +Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehoert zu werden?" + + + + +Die Pfauen und die Kraehe + +Eine stolze Kraehe schmueckte sich mit den ausgefallenen Federn der +farbigen Pfaue und mischte sich kuehn, als sie genug geschmueckt zu sein +glaubte, unter diese glaenzenden Voegel der Juno. Sie ward erkannt, und +schnell fielen die Pfaue mit scharfen Schnaebeln auf sie, ihr den +betruegerischen Putz auszureissen. + +"Lasset nach!" schrie sie endlich, "ihr habt nun alle das Eurige +wieder." Doch die Pfaue, welche einige von den eigenen glaenzenden +Schwingfedern der Kraehe bemerkt hatten, versetzten: "Schweig, +armselige Naerrin, auch diese koennen nicht dein sein!"--und hackten +weiter. + + + + +Die Schwalbe + +Glaubt mir, Freunde, die grosse Welt ist nicht fuer den Weisen, ist nich +fuer den Dichter! Man kennt da ihren wahren Wert nicht, und ach! sie +sind oft schwach genug, ihn mit einem nichtigen zu vertauschen. + +In den ersten Zeiten war die Schwalbe ein ebenso tonreicher +melodischer Vogel wie die Nachtigall. Sie ward es aber bald muede, in +den einsamen Bueschen zu wohnen und da von niemandem als dem fleissige +Landmanne und der unschuldigen Schaeferin gehoert und bewundert zu +werden. Sie verliess ihre demuetigere Freundin und zog in die Stadt.-- +Was geschah? Weil man in der Stadt nicht Zeit hatte, ihr goettliches +Lied zu hoeren, so verlernte sie es nach und nach und lernte dafuer-- +bauen. + + + + +Die Sperlinge + +Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzaehlige Nester gab, ward +ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze dastand, kamen die +Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden +sie alle vermauert. "Zu was", schrien sie, "taugt denn nun das grosse +Gebaeude? Kommt, verlasst den unbrauchbaren Steinhaufen!" + + + + +Die Traube + +Ich kenne einen Dichter, dem die schreiende Bewunderung seiner kleinen +Nachahmer weit mehr geschadet hat als die neidische Verachtung seiner +Kunstrichter. + +"Sie ist ja doch sauer!" sagte der Fuchs von der Traube, nach der er +lange genug vergebens gesprungen war. Das hoerte ein Sperling und +sprach: "Sauer sollte die Traube sein? Danach sieht sie mir doch +nicht aus!" Er flog hin und kostete und fand sie ungemein suess und rief +hundert naeschige Brueder herbei. "Kostet doch!" schrie er, "kostet +doch! Diese treffliche Traube schalt der Fuchs sauer." + +Sie kosteten alle, und in wenigen Augenblicken ward die Traube so +zugerichtet, dass nie ein Fuchs wieder danach sprang. + + + + +Die Wasserschlange + +Zeus hatte nunmehr den Froeschen einen anderen Koenig gegeben; anstatt +eines friedlichen Klotzes eine gefraessige Wasserschlange. + +"Willst du unser Koenig sein", schrien die Froesche, "warum verschlingst +du uns?"--"Darum", antwortete die Schlange, "weil ihr um mich gebeten +habt."-- + +"Ich habe nicht um dich gebeten!" rief einer von den Froeschen, den sie +schon mit den Augen verschlang.--"Nicht?" sagte die Wasserschlange. +"Desto schlimmer! So muss ich dich verschlingen, weil du nicht um mich +gebeten hast." + + + + +Die Ziegen + +Die Ziegen baten den Zeus, auch ihnen Hoerner zu geben; denn anfangs +hatten die Ziegen keine Hoerner. + +"Ueberlegt es wohl, was ihr bittet", sagte Zeus. "Es ist mit dem +Geschenke der Hoerner ein anderes unzertrennlich verbunden, das euch so +angenehm nicht sein moechte." + +Doch die Ziegen beharrten auf ihrer Bitte, und Zeus sprach: "So habt +denn Hoerner!" + +Und die Ziegen bekamen Hoerner--und Bart! Denn anfangs hatten die +Ziegen auch keinen Bart. O wie schmerzte sie der haessliche Bart, weit +mehr, als sie die stolzen Hoerner erfreuten! + + + + +Die eherne Bildsaeule + +Die eherne Bildsaeule eines vortrefflichen Kuenstlers schmolz durch die +Hitze einer wuetenden Feuersbrunst in einen Klumpen. Dieser Klumpen +kam einem anderen Kuenstler in die Haende, und durch seine +Geschicklichkeit verfertigte er eine neue Bildsaeule daraus, von der +ersteren in dem, was sie vorstellte, unterschieden, an Geschmack und +Schoenheit aber ihr gleich. + +Der Neid sah es und knirschte. Endlich besann er sich auf einen +armseligen Trost: Der gute Mann wuerde dieses noch ganz ertraegliche +Stueck auch nicht hervorgebracht haben, wenn ihm nicht die Materie der +alten Bildsaeule dabei zustatten gekommen waere. + + + + +Die junge Schwalbe + +"Was macht ihr da?" fragte eine junge Schwalbe die geschaeftigen +Ameisen. + +"Wir sammeln Vorrat fuer den Winter", war die Antwort. + +"Das ist klug", sagte die Schwalbe, "das will ich auch tun." + +Und gleich fing sie an, eine Menge toter Spinnen und Fliegen in ihr +Nest zu tragen. + +"Aber wozu soll das?" fragte endlich ihre Mutter. + +"Wozu? Das ist Vorrat fuer den boesen Winter, liebe Mutter. Sammle +doch auch! Die Ameisen haben mich diese Vorsicht gelehrt" + +"Lass nur die Ameisen!" versetzte die Mutter. "Uns Schwalben hat die +Natur ein schoeneres Los bereitet. Wenn der reiche Sommer sich wendet, +dann ziehen wir fort von hier." + + + + +Jupiter und das Schaf + +Ein Schafweibchen lebte in einer spaerlich bewachsenen Gebirgsgegend. +Es musste viel von anderen Tieren erleiden und war staendig auf der +Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft ueber diesem Gebiet, und das +Schafweibchen war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schaefchen zu +verstecken. Auch musste es achtgeben, dass der Wolf es nicht entdeckte, +denn dieser strolchte auf dem dichtbebuschten Nachbarhuegel herum. +Ausserdem war es wirklich ein Wunder, dass der Baer aus der waldigen +Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch +nicht erwischt hatte. + +An einem Sonntag beschloss das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und +ihn um Hilfe zu bitten. Demuetig trat es vor Jupiter und schilderte +ihm sein Leid. "Ich sehe wohl, mein frommes Geschoepf, dass ich dich +allzu schutzlos geschaffen habe", sprach der Gott freundlich, "darum +will ich dir auch helfen. Aber du musst selber waehlen, was fuer eine +Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, +dass ich dein Gebiss mit scharfen Fang- und Reisszaehnen ausrueste und +deine Fuesse mit spitzen Krallen bewaffne?" + +Das Schaf schauderte. "O nein, guetiger Vater, ich moechte mit den +wilden, moerderischen Raubtieren nichts gemein haben." + +"Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?" Das Schaf wich bei +dieser Vorstellung einen Schritt zurueck. "Bitte nicht, gnaediger +Herrscher, die Giftnattern werden ja ueberall so sehr gehasst." + +"Nun, was willst du dann haben?" fragte Jupiter geduldig. "Ich koennte +Hoerner auf deine Stirn pflanzen, wuerde dir das gefallen?" + +"Auch das bitte nicht", wehrte das Schaf schuechtern ab, "mit meinem +Gehoern koennte ich so streitsuechtig oder gewalttaetig werden wie ein +Bock." + +"Mein liebes Schaf", belehrte Jupiter sein sanftmuetiges Geschoepf, +"wenn du willst, dass andere dir keinen Schaden zufuegen, so musst du +gezwungenerweise selber schaden koennen." + +"Muss ich das?" seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer +Weile sagte es: "Guetiger Vater, lass mich doch lieber so sein, wie ich +bin. Ich fuerchte, dass ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung +gebrauchen wuerde, sondern dass mit der Kraft und den Waffen zugleich +auch die Lust zum Angriff erwacht." + +Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in +das Gebirge zurueck. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr +ueber sein Schicksal. + + + + +Merops + +"Ich muss dich doch etwas fragen", sprach ein junger Adler zu einem +tiefsinnigen grundgelehrten Uhu. "Man sagt, es gaebe einen Vogel mit +Namen Merops, der, wenn er in die Luft steige, mit dem Schwanze voraus, +den Kopf gegen die Erde gekehrt, fliege. Ist das wahr?" + +"Ei nicht doch!" antwortete der Uhu; "das ist eine alberne Erdichtung +des Menschen. Er mag selbst ein solcher Merops sein, weil er nur gar +zu gern den Himmel erfliegen moechte, ohne die Erde auch nur einen +Augenblick aus dem Gesichte zu verlieren." + + + + +Minerva + +Lass sie doch, Freund! lass sie, die kleinen haemischen Neider deines +wachsenden Ruhmes! Warum will dein Witz ihre der Vergessenheit +bestimmte Namen verewigen? + +In dem unsinnigen Kriege, welchen die Riesen wider die Goetter fuehrten, +stellten die Riesen der Minerva einen schrecklichen Drachen entgegen. +Minerva aber ergriff den Drachen und schleuderte ihn mit gewaltiger +Hand an das Firmament. Da glaenzt er noch, und was so oft grosser Taten +Belohnung war, ward des Drachens beneidenswuerdige Strafe. + + + + +Zeus und das Pferd + +"Vater der Tiere und Menschen", so sprach das Pferd und nahte sich dem +Throne des Zeus, "man will, ich sei eines der schoensten Geschoepfe, +womit du die Welt geziert, und meine Eigenliebe heisst es mich glauben. +Aber sollte gleichwohl nicht noch verschiedenes an mit zu bessern +sein?" "Und was meinst du denn, das an dir zu bessern sei? Rede, ich +nehme Lehre an", sprach der gute Gott und laechelte. + +"Vielleicht", sprach das Pferd weiter, "wuerde ich fluechtiger sein, +wenn meine Beine hoeher und schmaechtiger waeren; ein langer Schwanenhals +wuerde mich nicht verstellen; eine breitere Brust wurde meine Staerke +vermehren; und da du mich doch einmal bestimmt hast, deinen Liebling, +den Menschen, zu tragen, so koennte mir ja wohl der Sattel anerschaffen +sein, den mir der wohltaetige Reiter auflegt." + +"Gut", versetzte Zeus, "gedulde dich einen Augenblick!" Zeus, mit +ernstem Gesichte, sprach das Wort der Schoepfung. Da quoll Leben in +den Staub, da verband sich organisierter Stoff; und ploetzlich stand +vor dem Throne--das haessliche Kamel. + +Das Pferd sah, schauderte und zitterte vor entsetzendem Abscheu. + +"Hier sind hoehere und maechtigere Beine", sprach Zeus; "hier ist ein +langer Schwanenhals; hier ist eine breite Brust; hier ist der +anerschaffene Sattel! Willst du, Pferd, dass ich dich so umbilden +soll?" + +Das Pferd zitterte noch. + +"Geh", fuhr Zeus fort; "dieses Mal sei belehrt, ohne bestraft zu +werden. Dich deiner Vermessenheit aber dann und wann reuend zu +erinnern, so daure du fort, neues Geschoepf"--Zeus warf einen +erhaltenden Blick auf das Kamel--"und das Pferd erblicke dich nie, +ohne zu schaudern." + + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ausgewaehlte Fabeln, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AUSGEWäHLTE FABELN *** + +This file should be named 7afbl10.txt or 7afbl10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7afbl11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7afbl10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +http://gutenberg.net or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext05 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext05 + +Or /etext04, 03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, +91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Ausgewählte Fabeln + +Gotthold Ephraim Lessing + +1759 + + + + + + + +Inhalt: + +Das Geschenk der Feien +Das Roß und der Stier +Der Affe und der Fuchs +Der Besitzer des Bogens +Der Esel mit dem Löwen +Der Esel und das Jagdpferd +Der Esel und der Wolf +Der Fuchs +Der Geizige +Der Hamster und die Ameise +Der Hirsch +Der Hirsch und der Fuchs +Der Knabe und die Schlange +Der Löwe mit dem Esel +Der Löwe und der Hase +Der Pelikan +Der Phönix +Der Rabe +Der Rabe und der Fuchs +Der Rangstreit der Tiere +Der Sperling und der Strauß +Der Strauß +Der Wolf auf dem Todbette +Der Wolf und der Schäfer +Der hungrige Fuchs +Der junge und der alte Hirsch +Die Eiche +Die Eiche und das Schwein +Die Erscheinung +Die Eule und der Schatzgräber +Die Furien +Die Gans +Die Geschichte des alten Wolfs +Die Nachtigall und die Lerche +Die Pfauen und die Krähe +Die Schwalbe +Die Sperlinge +Die Traube +Die Wasserschlange +Die Ziegen +Die eherne Bildsäule +Die junge Schwalbe +Jupiter und das Schaf +Merops +Minerva +Zeus und das Pferd + + + + +Das Geschenk der Feien + +Zu der Wiege eines jungen Prinzen, der in der Folge einer der größten +Regenten seines Landes ward, traten zwei wohltätige Feien. + +"Ich schenke diesem meinem Lieblinge", sagte die eine, "den +scharfsichtigen Blick des Adlers, dem in seinem weiten Reiche auch die +kleinste Mücke nicht entgeht." + +"Das Geschenk ist schön", unterbrach sie die zweite Feie. "Der Prinz +wird ein einsichtsvoller Monarch werden. Aber der Adler besitzt nicht +allein Scharfsichtigkeit, die kleinsten Mücken zu bemerken, er besitzt +auch eine edle Verachtung, ihnen nicht nachzujagen. Und diese nehme +der Prinz von mir zum Geschenk!" + +"Ich danke dir, Schwester, für diese weise Einschränkung", versetzte +die erste Feie. "Es ist wahr; viele würden weit größere Könige +gewesen sein, wenn sie sich weniger mit ihrem durchdringenden +Verstande bis zu den kleinsten Angelegenheiten hätten erniedrigen +wollen." + + + + +Das Roß und der Stier + +Auf einem feurigen Rosse flog stolz ein dreister Knabe daher. Da rief +ein wilder Stier dem Rosse zu: "Schande! Von einem Knaben ließ ich +mich nicht regieren!" + +"Aber ich", versetzte das Roß. "Denn was für Ehre könnte es mir +bringen, einen Knaben abzuwerfen?" + + + + +Der Affe und der Fuchs + +"Nenne mir ein so geschicktes Tier, dem ich nicht nachahmen könnte!" +so prahlte der Affe gegen den Fuchs. Der Fuchs aber erwiderte: "Un du, +nenne mir ein so geringschätziges Tier, dem es einfallen könnte, dir +nachzuahmen." + +Schriftsteller meiner Nation!--Muß ich mich noch deutlicher erklären? + + + + +Der Besitzer des Bogens + +Ein Mann hatte einen trefflichen Bogen von Ebenholz, mit dem er sehr +weit und sehr sicher schoß, und den er ungemein wert hielt. Einst +aber, als er ihn aufmerksam betrachtete, sprach er: "Ein wenig zu +plump bist du doch! All deine Zierde ist die Glätte. Schade!--Doch +dem ist abzuhelfen!" fiel ihm ein. "Ich will hingehen und den besten +Künstler Bilder in den Bogen schnitzen lassen."--Er ging hin, und der +Künstler schnitzte eine ganze Jagd auf den Bogen, und was hätte sich +besser auf einem Bogen geschickt als eine Jagd? + +Der Mann war voller Freuden. "Du verdienst diese Zieraten, mein +lieber Bogen!"--Indem will er ihn versuchen, er spannt, und der Bogen-- +zerbricht. + + + + +Der Esel mit dem Löwen + +Als der Esel mit dem Löwen des Äsopus, der ihn statt seines Jägerhorns +brauchte, nach dem Walde ging, begegnete ihm ein anderer Esel von +seiner Bekanntschaft und rief ihm zu: "Guten Tag, mein Bruder!"-- + +"Unverschämter!" war die Antwort.-- + +"Und warum das?" fuhr jener Esel fort. "Bist du deswegen, weil du mit +einem Löwen gehst, besser als ich, mehr als ein Esel?" + + + + +Der Esel und das Jagdpferd + +Ein Esel vermaß sich, mit einem Jagdpferd um die Wette zu laufen. Die +Probe fiel erbärmlich aus, und der Esel ward ausgelacht. "Ich merke +nun wohl", sagte der Esel, "woran es gelegen hat; ich trat mir vor +einigen Monaten einen Dorn in den Fuß, und der schmerzt mich noch." + +"Entschuldigen Sie mich", sagte der Kanzelredner Liederhold, "wenn +meine heutige Predigt so gründlich und erbaulich nicht gewesen, als +man sie von dem glücklichen Nachahmer eines Mosheims erwartet hätte; +ich habe, wie Sie hören, einen heisern Hals, und den schon seit acht +Tagen." + + + + +Der Esel und der Wolf + +Ein Esel begegnete einem hungrigen Wolfe. "Habe Mitleid mit mir", +sagte der zitternde Esel, "ich bin ein armes krankes Tier; sieh nur, +was für einen Dorn ich mir in den Fuß getreten habe!" + +"Wahrhaftig, du dauerst mich", versetzte der Wolf. "Und ich finde +mich in meinem Gewissen verbunden, dich von deinen Schmerzen zu +befreien." + +Kaum ward das Wort gesagt, so ward der Esel zerrissen. + + + + +Der Fuchs + +Ein verfolgter Fuchs rettete sich auf eine Mauer. Um auf der andern +Seite gut herabzukommen, ergriff er einen nahen Dornstrauch. Er ließ +sich auch glücklich daran nieder, nur daß ihn die Dornen schmerzlich +verwundeten. "Elende Helfer", rief der Fuchs, "die nicht helfen +können, ohne zugleich zu schaden!" + + + + +Der Geizige + +"Ich Unglücklicher!" klagte ein Geizhals seinem Nachbar. "Man hat mir +den Schatz, den ich in meinem Garten vergraben hatte, diese Nacht +entwendet und einen verdammten Stein an dessen Stelle gelegt." + +"Du würdest", antwortete ihm der Nachbar, "deinen Schatz doch nicht +genutzt haben. Bilde dir also ein, der Stein sei dein Schatz; und du +bist nichts ärmer." + +"Wäre ich schon nichts ärmer", erwiderte der Geizhals; "ist ein andrer +nicht um so viel reicher? Ein andrer um so viel reicher! Ich möchte +rasend werden." + + + + +Der Hamster und die Ameise + +"Ihr armseligen Ameisen", sagte ein Hamster. Verlohnt es sich der +Mühe, daß ihr den ganzen Sommer arbeitet, um ein so Weniges +einzusammeln? Wenn ihr meinen Vorrat sehen solltet!--" + +"Höre", antworibete eine Ameise, "wenn er größer ist, als du ihn +brauchst, so ist es schon recht, daß die Menschen dir nachgraben, +deine Scheuern ausleeren und dich deinen räuberischen Geiz mit dem +Leben büßen lassen!" + + + + +Der Hirsch + +Die Natur hatte einen Hirsch von mehr als gewöhnlicher Größe gebildet, +und an seinem Halse hingen ihm lange Haare herab. Da dachte der +Hirsch bei sich selbst: Du könntest dich ja wohl für ein Elend ansehen +lassen. Und was tat der Eitle, ein Elend zu scheinen? Er hing den +Kopf traurig zur Erde und stellte sich, sehr oft das böse Wesen zu +haben. + +So glaubt nicht selten ein witziger Geck, daß man ihn für keinen +schönen Geist halten werde, wenn er nicht über Kopfweh und Hypochonder +klage. + + + + +Der Hirsch und der Fuchs + +Der Hirsch sprach zu dem Fuchse: "Nun weh uns armen schwächeren Tieren! +Der Löwe hat sich mit dem Wolfe verbunden." + +"Mit dem Wolfe?" sagte der Fuchs. "Das mag noch hingehen! Der Löwe +brüllt, der Wolf heult und so werdet, ihr euch noch oft beizeiten mit +der Flucht retten können. Aber alsdenn, alsdenn möchte es um uns alle +geschehen sein, wenn es dem gewaltigen Löwen einfallen sollte, sich +mit dem schleichenden Luchse zu verbinden." + + + + +Der Knabe und die Schlange + +Ein Knabe spielte mit einer zahmen Schlange. "Mein liebes Tierchen", +sagte der Knabe, "ich würde mich mit dir so gemein nicht machen, wenn +dir das Gift nicht benommen wäre. Ihr Schlangen seid die boshaftesten, +undankbarsten Geschöpfe! Ich habe es wohl gelesen, wie es einem +armen Landmanne ging, der eine, vielleicht von deinen Ureltern, die er +halb erfroren unter einer Hecke fand, mitleidig aufhob und sie in +seinen erwärmenden Busen steckte. Kaum fühlte sich die Böse wieder, +als sie ihren Wohltäter biß; und der gute freundliche Mann mußte +sterben." + +"Ich erstaune", sagte die Schlange, "wie parteiisch eure +Geschichtschreiber sein müssen! Die unsrigen erzählen diese Historie +ganz anders. Dein freundlicher Mann glaubte, die Schlange sei +wirklich erfroren, und weil es eine von den bunten Schlangen war, so +steckte er sie zu sich, ihr zu Hause die schöne Haut abzustreiten. +War das recht?" + +"Ach, schweig nur", erwiderte der Knabe. "Welcher Undankbare hätte +sich nicht zu entschuldigen gewußt!" + +"Recht, mein Sohn", fiel der Vater, der dieser Unterredung zugehört +hatte, dem Knaben ins Wort. "Aber gleichwohl, wenn du einmal von +einem außerordentlichen Undanke hören solltest, so untersuche ja alle +Umstände genau, bevor du einen Menschen mit so einem abscheulichen +Schandflecke brandmarken lässest. Wahre Wohltäter haben selten +Undankbare verpflichtet; ja, ich will zur Ehre der Menschheit hoffen-- +niemals. Aber die Wohltäter mit kleinen eigennützigen Absichten, die +sind es wert, mein Sohn, daß sie Undank anstatt Erkenntlichkeit +einwuchern." + + + + +Der Löwe mit dem Esel + +Als des Äsopus Löwe mit dem Esel, der ihm durch seine fürchterliche +Stimme die Tiere sollte jagen helfen, nach dem Walde ging, rief ihm +eine naseweise Krähe von dem Baume zu: "Ein schöner Gesellschafter! +Schämst du dich nicht, mit einem Esel zu gehen?"--"Wen ich brauchen +kann", versetzte der Löwe, "dem kann ich ja wohl meine Seite gönnen." + +So denken die Großen alle, wenn sie einen Niedrigen ihrer Gemeinschaft +würdigen. + + + + +Der Löwe und der Hase + +Ein Löwe würdigte einen drolligen Hasen seiner näheren Bekanntschaft. +"Aber ist es denn wahr", fragte ihn einst der Hase, "daß euch Löwen +ein elender krähender Hahn so leicht verjagen kann?" + +"Allerdings ist es wahr", antwortete der Löwe; "und es ist eine +allgemeine Anmerkung, daß wir großen Tiere durchgängig eine gewisse +kleine Schwachheit an uns haben. So wirst du, zum Exempel, von dem +Elefanten gehört haben, daß ihm das Grunzen eines Schweins Schauder +und Entsetzen erwecket." + +"Wahrhaftig?" unterbrach ihn der Hase. "Ja, nun begreif' ich auch, +warum wir Hasen uns so entsetzlich vor den Hunden fürchten." + + + + +Der Pelikan + +Für wohlgeratene Kinder können Eltern nicht zu viel tun. Aber wenn +sich ein blöder Vater für einen ausgearteten Sohn das Blut vom Herzen +zapft, dann wird Liebe zur Torheit. + +Ein frommer Pelikan, da er seine Jungen schmachten sah, ritzte sich +mit scharfem Schnabel die Brust auf und erquickte sie mit seinem Blute. +"Ich bewundere deine Zärtlichkeit", rief ihm ein Adler zu, "und +bejammere deine Blindheit. Sieh doch, wie manchen nichtswürdigen +Kuckuck du unter deinen Jungen mit ausgebrütet hast!" + +So war es auch wirklich; denn auch ihm hatte der kalte Kuckuck seine +Eier untergeschoben.--Waren es undankbare Kuckucke wert, daß ihr Leben +so teuer erkauft wurde? + + + + +Der Phönix + +Nach vielen Jahrhunderten gefiel es dem Phönix, sich wieder einmal +sehen zu lassen. Er erschien, und alle Tiere und Vögel versammelten +sich um ihn. Sie gafften, sie staunten, sie bewunderten und brachen +in entzückendes Lob aus. + +Bald aber verwandten die besten und geselligsten mitleidsvoll ihre +Blicke und seufzten: "Der unglückliche Phönix! Ihm ward das harte Los, +weder Geliebte noch Freunde zu haben; denn er ist der einzige seiner +Art!" + + + + +Der Rabe + +Der Rabe bemerkte, daß der Adler ganze dreißig Tage über seinen Eiern +brütete. "Und daher kommt es ohne Zweifel", sprach er, "daß die +jungen des Adlers so scharfsichtig und stark werden. Gut! Das will +ich auch tun." Und seitdem brütet der Rabe ganze dreißig Tage über +seinen Eiern; aber noch hat er nichts als elende Raben ausgebrütet. + + + + +Der Rabe und der Fuchs + +Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner +für die Katzen seines Nachbars hingeworfen hatte, in seinen Klauen +fort. Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich +ein Fuchs herbeischlich und ihm zurief: "Sei mir gesegnet, Vogel des +Jupiters!" + +--"Für wen siehst du mich an?" fragte der Rabe. "Für wen ich dich +ansehe?" erwiderte der Fuchs. "Bist du nicht der rüstige Adler, der +täglich von der Rechten des Zeus auf diese Eiche herabkommt, mich +Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht in +der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich +zu schicken noch fortfährt?" + +Der Rabe erstaunte und freute sich innig, für einen Adler gehalten zu +werden. Ich muß, dachte er, den Fuchs aus diesem Irrtum nicht bringen. +--Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen und flog +stolz davon. + +Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf und fraß es mit boshafter +Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes +Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte. + +Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte +Schmeichler! + + + + +Der Rangstreit der Tiere + +In vier Fabeln + + +1. + +Es entstand ein hitziger Rangstreit unter den Tieren. Ihn zu +schlichten, sprach das Pferd, "lasset uns den Menschen zu Rate ziehen; +er ist keiner von den streitenden Teilen und kann desto unparteiischer +sein." + +"Aber hat er auch den Verstand dazu?" ließ sich ein Maulwurf hören. +"Er braucht wirklich den allerfeinsten, unsere oft tief versteckten +Vollkommenheiten zu erkennen." + +"Das war sehr weislich erinnert!" sprach der Hamster. + +"Jawohl!" rief auch der Igel. "Ich glaube es nimmermehr, daß der +Mensch Scharfsichtigkeit genug besitzt." + +"Schweigt ihr!" befahl das Pferd. "Wir wissen es schon: Wer sich auf +die Güte seiner Sache am wenigsten zu verlassen hat, ist immer am +fertigsten, die Einsicht seines Richters in Zweifel zu ziehen." + + +2. + +Der Mensch ward Richter.--"Noch ein Wort", rief ihm der majestätische +Löwe zu, "bevor du den Ausspruch tust! Nach welcher Regel, Mensch, +willst du unsern Wert bestimmen?" + +"Nach welcher Regel? Nach dem Grade, ohne Zweifel", antwortete der +Mensch, "in welchem ihr mir mehr oder weniger nützlich seid." + +"Vortrefflich!" versetzte der beleidigte Löwe. "Wie weit würde ich +alsdann unter dem Esel zu stehen kommen! Du kannst unser Richter +nicht sein, Mensch! Verlaß die Versammlung!" + + +3. + +Der Mensch entfernte sich.--"Nun", sprach der höhnische Maulwurf,-- +(und ihm stimmten der Hamster und der Igel wieder bei)--"siehst du, +Pferd? der Löwe meint es auch, daß der Mensch unser Richter nicht +sein kann. Der Löwe denkt wie wir." + +"Aber aus besseren Gründen als ihr!" sagte der Löwe, und warf ihnen +einen verächtlichen Blick zu. + + +4. + +Der Löwe fuhr weiter fort: "Der Rangstreit, wenn ich es recht überlege, +ist ein nichtswürdiger Streit! Haltet mich für den Vornehmsten oder +den Geringsten; es gilt mir gleichviel. Genug, ich kenne mich!"--Und +so ging er aus der Versammlung. + +Ihm folgte der weise Elefant, der kühne Tiger, der ernsthafte Bär, der +kluge Fuchs, das edle Pferd; kurz alle, die ihren Wert fühlten oder zu +fühlen glaubten. + +Die sich am letzten wegbegeben und über die zerrissene Versammlung am +meisten murrten, waren--der Affe und der Esel. + + + + +Der Sperling und der Strauß + +"Sei auf deine Größe, auf deine Stärke so stolz wie du willst", sprach +der Sperling zu dem Strauße; "ich bin doch mehr ein Vogel als du. +Denn du kannst nicht fliegen, ich aber fliege, obgleich nicht hoch, +obgleich nur ruckweise." + +Der leichte Dichter eines fröhlichen Trinkliedes, eines kleinen +verliebten Gesanges, ist mehr ein Genie, als der schwunglose Schreiber +einer langen Hermanniade. + + + + +Der Strauß + +"Jetzt will ich fliegen!" rief der gigantische Strauß, und das ganze +Volk der Vögel stand in ernster Erwartung um ihn versammelt. "Jetzt +will ich fliegen", rief er nochmals, breitete die gewaltigen Fittiche +weit aus und schoß, gleich einem Schiffe mit aufgespannten Segeln, auf +dem Boden dahin, ohne ihn mit einem Tritte zu verlieren. + +Sehet da ein poetisches Bild jener unpoetischen Köpfe, die in den +ersten Zeilen ihrer ungeheuren Oden mit stolzen Schwingen prahlen, +sich über Wolken und Sterne zu erheben drohen und dem Staube doch +immer getreu bleiben! + + + + +Der Wolf auf dem Todbette + +Der Wolf lag in den letzten Zügen und schickte einen prüfenden Blick +auf sein vergangenes Leben zurück. "Ich bin freilich ein Sünder", +sagte er; "aber doch, ich hoffe, keiner von den größten. Ich habe +Böses getan; aber auch viel Gutes. Einstmals, erinnere ich mich, kam +mir ein blökendes Lamm, welches sich von der Herde verirrt hatte, so +nahe, daß ich es gar leicht hätte erwürgen können; und ich tat ihm +nichts. Zu eben dieser Zeit hörte ich die Spöttereien und Schmähungen +eines Scbafes mit der bewunderungswürdigsten Gleichgültigkeit an, ob +ich schon keine schätzenden Hunde zu fürchten hatte." + +"Und alles kann ich dir bezeugen", fiel ihm Freund Fuchs, der ihn zum +Tode bereiten half, ins Wort. "Denn ich erinnere mich noch gar wohl +aller Umstände dabei. Es war zu eben der Zeit, als du dich an dem +Beine so jämmerlich würgtest, das dir der gutherzige Kranich hernach +aus dem Schlunde zog." + + + + +Der Wolf und der Schäfer + +Ein Schäfer hatte durch eine grausame Seuche seine ganze Herde +verloren. Das erfuhr der Wolf und kam, seine Kondolenz abzustatten. + +"Schäfer", sprach er, "ist es wahr, daß dich ein so grausames Unglück +betroffen? Du bist um deine ganze Herde gekommen? Die liebe, fromme, +fette Herde? Du dauerst, mich, und ich möchte blutige Tränen weinen." + +"Habe Dank, Meister Isegrim", versetzte der Schäfer. "Ich sehe, du +hast ein sehr mitleidiges Herz." + +"Das hat er auch wirklich", fügte des Schäfers Hylax hinzu, "so oft er +unter dem Unglücke seines Nächsten selbst leidet." + + + + +Der hungrige Fuchs + +"Ich bin zu einer unglücklichen Stunde geboren!" so klagte ein junger +Fuchs einem alten. "Fast keiner von meinen Anschlägen will mir +gelingen."--"Deine Anschläge", sagte der ältere Fuchs, "werden ohne +Zweifel doch klug sein. Laß doch hören, wann machst du deine +Anschläge?" "Wann ich sie mache? Wann anders, als wenn mich hungert?" +--"Wenn dich hungert?" fuhr der alte Fuchs fort. "Ja! da haben wir es! +Hunger und Überlegung sind nie beisammen. Mache sie künftig, wenn +du satt bist; und sie werden besser ausfallen." + + + + +Der junge und der alte Hirsch + +Ein Hirsch, den die gütige Natur Jahrhunderte hat leben lassen, sagte +einst zu einem seiner Enkel: "Ich kann mich der Zeit noch sehr wohl +erinnern, da der Mensch das donnernde Feuerrohr noch nicht erfunden +hatte." + +"Welche glückliche Zeit muß das für unser Geschlecht gewesen sein!" +seufzte der Enkel. + +"Du schließest zu geschwind!" sagte der alte Hirsch. "Die Zeit war +anders, aber nicht besser. Der Mensch hatte da, anstatt des +Feuerrohrs, Pfeile und Bogen, und wir waren ebenso schlimm daran als +jetzt." + + + + +Die Eiche + +Der rasende Nordwind hatte seine Stärke in einer stürmischen Nacht an +einer erhabenen Eiche bewiesen. Nun lag sie gestreckt, und eine Menge +niedriger Sträucher lagen unter ihr zerschmettert. Ein Fuchs, der +seine Grube nicht weit davon hatte, sah sie des Morgens darauf. "Was +für ein Baum!" rief er. "Hätte ich doch nimmermehr gedacht, daß er so +groß gewesen wäre!" + + + + +Die Eiche und das Schwein + +Ein gefräßiges Schwein mästete sich unter einer hohen Eiche mit der +herabgefallenen Frucht. Indem es die eine Eichel zerbiß, verschluckte +es bereits eine andere mit dem Auge. + +"Undankbares Vieh!" rief endlich der Eichbaum herab. "Du nährst dich +von meinen Früchten ohne einen einzigen dankbaren Blick auf mich in +die Höhe zu richten." + +Das Schwein hielt einen Augenblick inne und grunzte zur Antwort: +"Meine dankbaren Blicke sollten nicht außen bleiben, wenn ich nur +wüßte, daß du deine Eicheln meinetwegen hättest fallen lassen." + + + + +Die Erscheinung + +In der einsamsten Tiefe jenes Waldes, wo ich schon manches redende +Tier belauscht, lag ich an einem sanften Wasserfalle und war bemüht, +einem meiner Märchen den leichten poetischen Schmuck zu geben, in +welchem am liebsten zu erscheinen La Fontaine die Fabel fast verwöhnt +hat. Ich sann, ich wählte, ich verwarf, die Stirne glühte--Umsonst, +es kam nichts auf das Blatt. Voll Unwill sprang ich auf; aber sieh!-- +auf einmal stand sie selbst, die fabelnde Muse vor mir. + +Und sie sprach lächelnd: "Schüler, wozu die undankbare Mühe? Die +Wahrheit braucht die Anmut der Fabel; aber wozu braucht die Fabel die +Anmut der Harmonie? Du willst das Gewürze würzen. G'nug, wenn die +Erfindung des Dichters ist; der Vortrag sei des ungekünstelten +Geschichtsschreibers, so wie der Sinn des Weltweisen." + +Ich wollte antworten, aber die Muse verschwand. "Sie verschwand?" +höre ich einen Leser fragen. "Wenn du uns doch nur wahrscheinlicher +täuschen wolltest! Die seichten Schlüsse, auf die dein Unvermögen +dich führte, der Muse in den Mund zu legen! Zwar ein gewöhnlicher +Betrug-" + +Vortrefflich, mein Leser! Mir ist keine Muse erschienen. Ich erzähle +eine bloße Fabel, aus der du selbst die Lehre gezogen. Ich bin nicht +der erste und werde nicht der letzte sein, der seine Grillen zu +Orakelsprüchen einer göttlichen Erscheinung macht. + + + + +Die Eule und der Schatzgräber + +Jener Schatzgräber war ein sehr unbilliger Mann. Er wagte sich in die +Ruinen eines alten Raubschlosses und ward da gewahr, daß die Eule eine +magere Maus ergriff und verzehrte. "Schickt sich das", sprach er, +"für den philosophischen Liebling Minervens?" + +"Warum nicht?" versetzte die Eule. "Weil ich stille Betrachtungen +liebe, kann ich deswegen von der Luft leben? Ich weiß zwar, daß ihr +Menschen es von euren Gelehrten verlanget--" + + + + +Die Furien + +"Meine Furien", sagte Pluto zu dem Boten der Götter, "werden alt und +stumpf. Ich brauche frische. Geh also, Merkur, und suche mir auf der +Oberwelt drei tüchtige Weibspersonen dazu aus." Merkur ging. + +Kurz darauf sagte Juno zu ihrer Dienerin: "Glaubtest du wohl, Iris, +unter den Sterblichen zwei oder drei vollkommen strenge, züchtige +Mädchen zu finden? Aber vollkommen strenge! Verstehst du mich? Um +Cytheren hohnzusprechen, die sich das ganze weibliche Geschlecht +unterworfen zu haben rühmt. Geh immer und sieh, wo du sie auftreibst." +Iris ging.-- + +In welchem Winkel der Erde suchte nicht die gute Iris! Und dennoch +umsonst! Sie kam ganz allein wieder, und Juno rief ihr entgegen: "Ist +es möglich? O Keuschheit! O Tugend!" + +"Göttin", sagte Iris, "ich hätte dir wohl drei Mädchen bringen können, +die alle drei vollkommen streng und züchtig gewesen; die alle drei nie +einer Mannsperson gelächelt, die alle drei den geringsten Funken der +Liebe in ihren Herzen erstickt; aber ich kam, leider, zu spät." + +"Zu spät?" sagte Juno. "Wieso?" + +"Eben hatte sie Merkur für den Pluto abgeholt." + +"Für den Pluto? Und wozu will Pluto diese Tugendhaften?" + +"Zu Furien." + + + + +Die Gans + +Die Federn einer Gans beschämten den neugeborenen Schnee. Stolz auf +dieses blendende Geschenk der Natur glaubte sie eher zu einem Schwane +als zu dem, was sie war, geboren zu sein. Sie sonderte sich von +ihresgleichen ab und schwamm einsam und majestätisch auf dem Teiche +herum. Bald dehnte sie ihren Hals, dessen verräterischer Kürze sie +mit aller Macht abhelfen wollte; bald suchte sie ihm die prächtige +Biegung zu geben, in welcher der Schwan das würdige Ansehen eines +Vogels des Apollo hat. Doch vergebens; er war zu steif, und mit aller +ihrer Bemühung brachte sie es nicht weiter, als daß sie eine +lächerliche Gans ward, ohne ein Schwan zu werden. + + + + +Die Geschichte des alten Wolfs + +in sieben Fabeln + +1. + +Der böse Wolf war zu Jahren gekommen und faßte den gleißenden +Entschluß, mit den Schäfern auf einem gütlichen Fuß zu leben. Er +machte sich also auf und kam zu dem Schäfer, dessen Horden seiner +Höhle die nächsten waren. + +"Schäfer", sprach er, "du nennst mich den blutgierigsten Räuber, der +ich doch wirklich nicht bin. Freilich muß ich mich an deine Schafe +halten, wenn mich hungert; denn Hunger tut weh. Schütze mich nur vor +dem Hunger; mache mich nur satt, und du sollst mit mir recht wohl +zufrieden sein. Denn ich bin wirklich das zahmste, sanftmütigste Tier, +wenn ich satt bin." + +"Wenn du satt bist? Das kann wohl sein", versetzte der Schäfer. +"Aber wann bist du denn satt? Du und der Geiz werden es nie. Geh +deinen Weg!" + +2. + +Der abgewiesene Wolf kam zu einem zweiten Schäfer. + +"Du weißt, Schäfer", war seine Anrede, "daß ich dir das Jahr durch +manches Schaf würgen könnte. Willst du mir überhaupt jedes Jahr sechs +Schafe geben, so bin ich zufrieden. Du kannst alsdann sicher schlafen +und die Hunde ohne Bedenken abschaffen." + +"Sechs Schafe?" sprach der Schäfer, "das ist ja eine ganze Herde!" + +"Nun, weil du es bist, so will ich mich mit fünfen begnügen", sagte +der Wolf. + +"Du scherzest, fünf Schafe! Mehr als fünf Schafe opfere ich kaum im +ganzen Jahre dem Pan." + +"Auch nicht viere?" fragte der Wolf weiter; und der Schäfer schüttelte +spöttisch den Kopf. + +"Drei?--Zwei?" + +"Nicht ein einziges", fiel endlich der Bescheid, "denn es wäre ja wohl +töricht, wenn ich mich einem Feinde zinsbar machte, vor welchem ich +mich durch meine Wachsamkeit sichern kann." + +3. + +Aller guten Dinge sind drei, dachte der Wolf und kam zu einem dritten +Schäfer. + +"Es geht mir recht nahe", sprach er, "daß ich unter euch Schäfern als +das grausamste, gewissenloseste Tier verschrien bin. Dir, Montan, +will ich jetzt beweisen, wie unrecht man mir tut. Gib mir jährlich +ein Schaf, so soll deine Herde in jenem Walde, den niemand unsicher +macht als ich, frei und unbeschädigt weiden dürfen. Ein Schaf! +Welche Kleinigkeit! Könnte ich großmütiger, könnte ich +uneigennütziger handeln?--Du lachst, Schäfer? Worüber lachst du denn?" + +"Oh, über nichts! Aber wie alt bist du, guter Freund?" sprach der +Schäfer. + +"Was geht dich mein Alter an? Immer noch alt genug, dir deine +liebsten Lämmer zu würgen." + +"Erzürne dich nicht, alter Isegrim! Es tut mir leid, daß du mit +deinem Vorschlage einige Jahre zu spät kommst. Deine ausgerissenen +Zähne verraten dich. Du spielst den Uneigennützigen, bloß um dich +desto gemächlicher nähren zu können." + +4. + +Der Wolf ward ärgerlich, faßte sich aber doch und ging auch zu dem +vierten Schäfer. Diesem war eben sein treuer Hund gestorben, und der +Wolf machte sich den Umstand zunutze. + +"Schäfer", sprach er, "ich habe mich mit meinen Brüdern in dem Walde +veruneinigt und so, daß ich mich in Ewigkeit nicht wieder mit ihnen +aussöhnen werde. Du weißt, wieviel du von ihnen zu fürchten hast! +Wenn du mich aber anstatt deines verstorbenen Hundes in Dienste nehmen +willst, so stehe ich dir dafür, daß sie keines deiner Schafe auch nur +scheel ansehen sollen." + +"Du willst sie also", versetzte der Schäfer, "gegen deine Brüder im +Walde beschützen?" + +"Was meine ich denn sonst? Freilich." + +"Das wäre nicht übel! Aber, wenn ich dich nun in meine Horden +einnähme, sage mir doch, wer sollte alsdann meine armen Schafe gegen +dich beschützen? Einen Dieb ins Haus nehmen, um vor den Dieben außer +dem Hause sicher zu sein, das halten wir Menschen--" + +"Ich höre", sagte der Wolf, "du fängst an zu moralisieren. Lebe wohl!" + + +5. + +"Wäre ich nicht so alt!" knirschte der Wolf "Aber ich muß mich leider +in die Zeit schicken." Und so kam er zu dem fünften Schäfer. + +"Kennst du mich, Schäfer?" fragte der Wolf. + +"Deinesgleichen wenigstens kenne ich", versetzte der Schäfer. + +"Meinesgleichen? Daran zweifle ich sehr. Ich bin ein so sonderbarer +Wolf, daß ich deiner und aller Schäfer Freundschaft wohl wert bin." + +"Und wie sonderbar bist du denn?" + +"Ich könnte kein lebendiges Schaf würgen und fressen, und wenn es mir +das Leben kosten sollte. Ich nähre mich bloß mit toten Schafen. Ist +das nicht löblich? Erlaube mir also immer, daß ich mich dann und wann +bei deiner Herde einfinden und nachfragen darf, ob dir nicht--" + +"Spare der Worte!" sagte der Schäfer. "Du müßtest gar keine Schafe +fressen, auch nicht einmal tote, wenn ich dein Feind nicht sein sollte. +Ein Tier, das mir schon tote Schafe frißt, lernt leicht aus Hunger +kranke Schafe für tot und gesunde für krank ansehen. Mache auf meine +Freundschaft also keine Rechnung und geh!" + + +6. + +Ich muß nun schon mein Liebstes daran wenden, um zu meinem Zweckc zu +gelangen! dachte der Wolf und kam zu dem sechsten Schäfer. "Schäfer, +wie gefällt dir mein Pelz?" fragte der Wolf. + +"Dein Pelz?" sagte der Schäfer, "laß sehen! Er ist schön; die Hunde +müssen dich nicht oft untergehabt haben." + +"Nun, so höre, Schäfer; ich bin alt und werde es so lange nicht mehr +treiben. Füttere mich zu Tode, und ich vermache dir meinen Pelz." + +"Ei sieh doch!" sagte der Schäfer, "kommst du auch hinter die Schliche +der alten Geizhälse? Nein, nein; dein Pelz würde mich am Ende +siebenmal mehr kosten, als er wert wäre. Ist es dir aber ein Ernst, +mir ein Geschenk zu machen, so gib mir ihn gleich jetzt." Hiermit +griff der Schäfer nach der Keule, und der Wolf floh. + + +7. + +"O die Unbarmherzigen!" schrie der Wolf und geriet in die äußerste Wut. +"So will ich auch als ihr Feind sterben, ehe mich der Hunger tötet, +denn sie wollen es nicht besser!" Er lief, brach in die Wohnungen der +Schäfer ein, riß ihre Kinder nieder und ward nicht ohne große Mühe von +den Schäfern erschlagen. + +Da sprach der weiseste von ihnen: "Wir taten doch wohl unrecht, daß +wir den alten Räuber auf das äußerste brachten und ihm alle Mittel zur +Besserung, so spät uns erzwungen sie auch war, benahmen!" + + + + +Die Nachtigall und die Lerche + +Was soll man zu den Dichtern sagen, die so gern ihren Flug weit über +alle Fassung des größten Teiles ihrer Leser nehmen? Was sonst, als +was die Nachtigall einst zu der Lerche sagte: "Schwingst du dich, +Freundin, nur darum so hoch, um nicht gehört zu werden?" + + + + +Die Pfauen und die Krähe + +Eine stolze Krähe schmückte sich mit den ausgefallenen Federn der +farbigen Pfaue und mischte sich kühn, als sie genug geschmückt zu sein +glaubte, unter diese glänzenden Vögel der Juno. Sie ward erkannt, und +schnell fielen die Pfaue mit scharfen Schnäbeln auf sie, ihr den +betrügerischen Putz auszureißen. + +"Lasset nach!" schrie sie endlich, "ihr habt nun alle das Eurige +wieder." Doch die Pfaue, welche einige von den eigenen glänzenden +Schwingfedern der Krähe bemerkt hatten, versetzten: "Schweig, +armselige Närrin, auch diese können nicht dein sein!"--und hackten +weiter. + + + + +Die Schwalbe + +Glaubt mir, Freunde, die große Welt ist nicht für den Weisen, ist nich +für den Dichter! Man kennt da ihren wahren Wert nicht, und ach! sie +sind oft schwach genug, ihn mit einem nichtigen zu vertauschen. + +In den ersten Zeiten war die Schwalbe ein ebenso tonreicher +melodischer Vogel wie die Nachtigall. Sie ward es aber bald müde, in +den einsamen Büschen zu wohnen und da von niemandem als dem fleißige +Landmanne und der unschuldigen Schäferin gehört und bewundert zu +werden. Sie verließ ihre demütigere Freundin und zog in die Stadt.-- +Was geschah? Weil man in der Stadt nicht Zeit hatte, ihr göttliches +Lied zu hören, so verlernte sie es nach und nach und lernte dafür-- +bauen. + + + + +Die Sperlinge + +Eine alte Kirche, welche den Sperlingen unzählige Nester gab, ward +ausgebessert. Als sie nun in ihrem neuen Glanze dastand, kamen die +Sperlinge wieder, ihre alten Wohnungen zu suchen. Allein sie fanden +sie alle vermauert. "Zu was", schrien sie, "taugt denn nun das große +Gebäude? Kommt, verlaßt den unbrauchbaren Steinhaufen!" + + + + +Die Traube + +Ich kenne einen Dichter, dem die schreiende Bewunderung seiner kleinen +Nachahmer weit mehr geschadet hat als die neidische Verachtung seiner +Kunstrichter. + +"Sie ist ja doch sauer!" sagte der Fuchs von der Traube, nach der er +lange genug vergebens gesprungen war. Das hörte ein Sperling und +sprach: "Sauer sollte die Traube sein? Danach sieht sie mir doch +nicht aus!" Er flog hin und kostete und fand sie ungemein süß und rief +hundert näschige Brüder herbei. "Kostet doch!" schrie er, "kostet +doch! Diese treffliche Traube schalt der Fuchs sauer." + +Sie kosteten alle, und in wenigen Augenblicken ward die Traube so +zugerichtet, daß nie ein Fuchs wieder danach sprang. + + + + +Die Wasserschlange + +Zeus hatte nunmehr den Fröschen einen anderen König gegeben; anstatt +eines friedlichen Klotzes eine gefräßige Wasserschlange. + +"Willst du unser König sein", schrien die Frösche, "warum verschlingst +du uns?"--"Darum", antwortete die Schlange, "weil ihr um mich gebeten +habt."-- + +"Ich habe nicht um dich gebeten!" rief einer von den Fröschen, den sie +schon mit den Augen verschlang.--"Nicht?" sagte die Wasserschlange. +"Desto schlimmer! So muß ich dich verschlingen, weil du nicht um mich +gebeten hast." + + + + +Die Ziegen + +Die Ziegen baten den Zeus, auch ihnen Hörner zu geben; denn anfangs +hatten die Ziegen keine Hörner. + +"Überlegt es wohl, was ihr bittet", sagte Zeus. "Es ist mit dem +Geschenke der Hörner ein anderes unzertrennlich verbunden, das euch so +angenehm nicht sein möchte." + +Doch die Ziegen beharrten auf ihrer Bitte, und Zeus sprach: "So habt +denn Hörner!" + +Und die Ziegen bekamen Hörner--und Bart! Denn anfangs hatten die +Ziegen auch keinen Bart. O wie schmerzte sie der häßliche Bart, weit +mehr, als sie die stolzen Hörner erfreuten! + + + + +Die eherne Bildsäule + +Die eherne Bildsäule eines vortrefflichen Künstlers schmolz durch die +Hitze einer wütenden Feuersbrunst in einen Klumpen. Dieser Klumpen +kam einem anderen Künstler in die Hände, und durch seine +Geschicklichkeit verfertigte er eine neue Bildsäule daraus, von der +ersteren in dem, was sie vorstellte, unterschieden, an Geschmack und +Schönheit aber ihr gleich. + +Der Neid sah es und knirschte. Endlich besann er sich auf einen +armseligen Trost: Der gute Mann würde dieses noch ganz erträgliche +Stück auch nicht hervorgebracht haben, wenn ihm nicht die Materie der +alten Bildsäule dabei zustatten gekommen wäre. + + + + +Die junge Schwalbe + +"Was macht ihr da?" fragte eine junge Schwalbe die geschäftigen +Ameisen. + +"Wir sammeln Vorrat für den Winter", war die Antwort. + +"Das ist klug", sagte die Schwalbe, "das will ich auch tun." + +Und gleich fing sie an, eine Menge toter Spinnen und Fliegen in ihr +Nest zu tragen. + +"Aber wozu soll das?" fragte endlich ihre Mutter. + +"Wozu? Das ist Vorrat für den bösen Winter, liebe Mutter. Sammle +doch auch! Die Ameisen haben mich diese Vorsicht gelehrt" + +"Laß nur die Ameisen!" versetzte die Mutter. "Uns Schwalben hat die +Natur ein schöneres Los bereitet. Wenn der reiche Sommer sich wendet, +dann ziehen wir fort von hier." + + + + +Jupiter und das Schaf + +Ein Schafweibchen lebte in einer spärlich bewachsenen Gebirgsgegend. +Es mußte viel von anderen Tieren erleiden und war ständig auf der +Flucht vor Feinden. Ein Adler kreiste oft über diesem Gebiet, und das +Schafweibchen war gezwungen, immer wieder ihr kleines Schäfchen zu +verstecken. Auch mußte es achtgeben, daß der Wolf es nicht entdeckte, +denn dieser strolchte auf dem dichtbebuschten Nachbarhügel herum. +Außerdem war es wirklich ein Wunder, daß der Bär aus der waldigen +Schlucht unter ihm es und sein Kind mit seinen riesigen Pranken noch +nicht erwischt hatte. + +An einem Sonntag beschloß das Schaf, zum Himmelsgott zu wandern und +ihn um Hilfe zu bitten. Demütig trat es vor Jupiter und schilderte +ihm sein Leid. "Ich sehe wohl, mein frommes Geschöpf, daß ich dich +allzu schutzlos geschaffen habe", sprach der Gott freundlich, "darum +will ich dir auch helfen. Aber du mußt selber wählen, was für eine +Waffe ich dir zu deiner Verteidigung geben soll. Willst du vielleicht, +daß ich dein Gebiß mit scharfen Fang- und Reißzähnen ausrüste und +deine Füße mit spitzen Krallen bewaffne?" + +Das Schaf schauderte. "O nein, gütiger Vater, ich möchte mit den +wilden, mörderischen Raubtieren nichts gemein haben." + +"Soll ich deinen Mund mit Giftwerkzeugen wappnen?" Das Schaf wich bei +dieser Vorstellung einen Schritt zurück. "Bitte nicht, gnädiger +Herrscher, die Giftnattern werden ja überall so sehr gehaßt." + +"Nun, was willst du dann haben?" fragte Jupiter geduldig. "Ich könnte +Hörner auf deine Stirn pflanzen, würde dir das gefallen?" + +"Auch das bitte nicht", wehrte das Schaf schüchtern ab, "mit meinem +Gehörn könnte ich so streitsüchtig oder gewalttätig werden wie ein +Bock." + +"Mein liebes Schaf", belehrte Jupiter sein sanftmütiges Geschöpf, +"wenn du willst, daß andere dir keinen Schaden zufügen, so mußt du +gezwungenerweise selber schaden können." + +"Muß ich das?" seufzte das Schaf und wurde nachdenklich. Nach einer +Weile sagte es: "Gütiger Vater, laß mich doch lieber so sein, wie ich +bin. Ich fürchte, daß ich die Waffen nicht nur zur Verteidigung +gebrauchen würde, sondern daß mit der Kraft und den Waffen zugleich +auch die Lust zum Angriff erwacht." + +Jupiter warf einen liebevollen Blick auf das Schaf, und es trabte in +das Gebirge zurück. Von dieser Stunde an klagte das Schaf nie mehr +über sein Schicksal. + + + + +Merops + +"Ich muß dich doch etwas fragen", sprach ein junger Adler zu einem +tiefsinnigen grundgelehrten Uhu. "Man sagt, es gäbe einen Vogel mit +Namen Merops, der, wenn er in die Luft steige, mit dem Schwanze voraus, +den Kopf gegen die Erde gekehrt, fliege. Ist das wahr?" + +"Ei nicht doch!" antwortete der Uhu; "das ist eine alberne Erdichtung +des Menschen. Er mag selbst ein solcher Merops sein, weil er nur gar +zu gern den Himmel erfliegen möchte, ohne die Erde auch nur einen +Augenblick aus dem Gesichte zu verlieren." + + + + +Minerva + +Laß sie doch, Freund! laß sie, die kleinen hämischen Neider deines +wachsenden Ruhmes! Warum will dein Witz ihre der Vergessenheit +bestimmte Namen verewigen? + +In dem unsinnigen Kriege, welchen die Riesen wider die Götter führten, +stellten die Riesen der Minerva einen schrecklichen Drachen entgegen. +Minerva aber ergriff den Drachen und schleuderte ihn mit gewaltiger +Hand an das Firmament. Da glänzt er noch, und was so oft großer Taten +Belohnung war, ward des Drachens beneidenswürdige Strafe. + + + + +Zeus und das Pferd + +"Vater der Tiere und Menschen", so sprach das Pferd und nahte sich dem +Throne des Zeus, "man will, ich sei eines der schönsten Geschöpfe, +womit du die Welt geziert, und meine Eigenliebe heißt es mich glauben. +Aber sollte gleichwohl nicht noch verschiedenes an mit zu bessern +sein?" "Und was meinst du denn, das an dir zu bessern sei? Rede, ich +nehme Lehre an", sprach der gute Gott und lächelte. + +"Vielleicht", sprach das Pferd weiter, "würde ich flüchtiger sein, +wenn meine Beine höher und schmächtiger wären; ein langer Schwanenhals +würde mich nicht verstellen; eine breitere Brust wurde meine Stärke +vermehren; und da du mich doch einmal bestimmt hast, deinen Liebling, +den Menschen, zu tragen, so könnte mir ja wohl der Sattel anerschaffen +sein, den mir der wohltätige Reiter auflegt." + +"Gut", versetzte Zeus, "gedulde dich einen Augenblick!" Zeus, mit +ernstem Gesichte, sprach das Wort der Schöpfung. Da quoll Leben in +den Staub, da verband sich organisierter Stoff; und plötzlich stand +vor dem Throne--das häßliche Kamel. + +Das Pferd sah, schauderte und zitterte vor entsetzendem Abscheu. + +"Hier sind höhere und mächtigere Beine", sprach Zeus; "hier ist ein +langer Schwanenhals; hier ist eine breite Brust; hier ist der +anerschaffene Sattel! Willst du, Pferd, daß ich dich so umbilden +soll?" + +Das Pferd zitterte noch. + +"Geh", fuhr Zeus fort; "dieses Mal sei belehrt, ohne bestraft zu +werden. Dich deiner Vermessenheit aber dann und wann reuend zu +erinnern, so daure du fort, neues Geschöpf"--Zeus warf einen +erhaltenden Blick auf das Kamel--"und das Pferd erblicke dich nie, +ohne zu schaudern." + + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Ausgewählte Fabeln, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, AUSGEWäHLTE FABELN *** + +This file should be named 8afbl10.txt or 8afbl10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8afbl11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8afbl10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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