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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:33:05 -0700 |
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If you are not located in the United States, you'll have +to check the laws of the country where you are located before using this ebook. + +Title: Der junge Gelehrte + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Posting Date: October 3, 2014 [EBook #9369] +Release Date: November, 2005 +First Posted: September 25, 2003 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JUNGE GELEHRTE *** + + + + +Produced by Delphine Lettau, Mike Pullen, and Gutenberg Projekt-DE + + + + + + + + + +Der junge Gelehrte + +Ein Lustspiel in drei Aufzügen + +Gotthold Ephraim Lessing + +Verfertigt im Jahre 1747 + + + +Personen: + +Chrysander, ein alter Kaufmann Damis, der junge Gelehrte, Chrysanders +Sohn Valer Juliane Anton, Bedienter des Damis Lisette + +Der Schauplatz ist die Studierstube des Damis. + + + + +Erster Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Damis (am Tische unter Büchern). Anton. + + +Damis. Die Post also ist noch nicht da? + +Anton. Nein. + +Damis. Noch nicht? Hast du auch nach der rechten gefragt? Die Post +von Berlin-- + +Anton. Nun ja doch; die Post von Berlin; sie ist noch nicht da! Wenn +sie aber nicht bald kömmt, so habe ich mir die Beine abgelaufen. Tun +Sie doch, als ob sie Ihnen, wer weiß was, mitbringen würde! Und ich +wette, wenn's hoch kömmt, so ist es eine neue Scharteke oder eine +Zeitung oder sonst ein Wisch.-- + +Damis. Nein, mein guter Anton; dasmal möchte es etwas mehr sein. Ah! +wann du es wüßtest-- + +Anton. Will ich's denn wissen? Es würde mir weiter doch nichts +helfen, als daß ich einmal wieder über Sie lachen könnte. Das ist mir +gewiß etwas Seltnes?--Haben Sie mich sonst noch wohin zu schicken? +Ich habe ohnedem auf dem Ratskeller eine kleine Verrichtung; +vielleicht ist's ein Gang? Nu? + +Damis (erzürnt). Nein, Schurke! + +Anton. Da haben wir's! Er hat alles gelesen, nur kein +Komplimentierbuch.--Aber besinnen Sie sich. Etwa in den Buchladen? + +Damis. Nein, Schurke! + +Anton. Ich muß das Schurke so oft hören, daß ich endlich selbst +glauben werde, es sei mein Taufname.--Aber zum Buchbinder? + +Damis. Schweig, oder-- + +Anton. Oder zum Buchdrucker? Zu diesen dreien, Gott sei Dank! weiß +ich mich, wie das Färbepferd um die Rolle. + +Damis. Sieht denn der Schlingel nicht, daß ich lese? Will er mich +noch länger stören? + +Anton (beiseite). St! Er ist im Ernste böse geworden. Lenk ein, +Anton.--Aber, sagen Sie mir nur, was lesen Sie denn da für ein Buch? +Potz Stern, was das für Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche +Krakelfüße, solche fürchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen? +Wann das nicht wenigstens Fausts Höllenzwang ist--Ach, man weiß es ja +wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich +verführt sie der böse Geist, daß sie auch hexen lernen.-- + +Damis (nimmt sein muntres Wesen wieder an). Du guter Anton! Das ist +ein Buch in hebräischer Sprache.--Des Ben Maimon Jad chasaka. + +Anton. Ja doch; wer's nur glauben wollte! Was Hebräisch ist, weiß +ich endlich auch. Ist es nicht mit der Grundsprache, mit der +Textsprache, mit der heiligen Sprache einerlei? Die warf unser Pfarr, +als ich noch in die Schule ging, mehr als einmal von der Kanzel. Aber +so ein Buch, wahrhaftig! hatte er nicht; ich habe alle seine Bücher +beguckt; ich mußte sie ihm einmal von einem Boden auf den andern +räumen helfen. + +Damis. Ha! ha! ha! das kann wohl sein. Es ist Wunders genug, wenn +ein Geistlicher auf dem Lande nur den Namen davon weiß. Zwar, im +Vertrauen, mein lieber Anton, die Geistlichen überhaupt sind schlechte +Helden in der Gelehrsamkeit. + +Anton. Nu, nu, bei allen trifft das wohl nicht ein. Der Magister in +meinem Dorfe wenigstens gehört unter die Ausnahme. Versichert! der +Schulmeister selber hat mir es mehr als einmal gesagt, daß er ein sehr +gelehrter Mann wäre. Und dem Schulmeister muß ich das glauben; denn +wie mir der Herr Pfarr oft gesagt hat, so ist er keiner von den +schlechten Schulmeistern; er versteht ein Wort Latein und kann davon +urteilen. + +Damis. Das ist lustig! Der Schulmeister also lobt den Pfarr, und der +Pfarr, nicht unerkenntlich zu sein, lobt den Schulmeister. Wenn mein +Vater zugegen wäre, so würde er gewiß sagen: Manus manum lavat. Hast +du ihm die alberne Gewohnheit nicht angemerkt, daß er bei aller +Gelegenheit ein lateinisches Sprüchelchen mit einflickt? Der alte +Idiote denkt, weil er so einen gelehrten Sohn hat, müsse er doch auch +zeigen, daß er einmal durch die Schule gelaufen sei. + +Anton. Hab ich's doch gedacht, daß es etwas Albernes sein müsse; denn +manchmal mitten in der Rede murmelt er etwas her, wovon ich kein Wort +verstehe. + +Damis. Doch schließe nur nicht daraus, daß alles albern sei, was du +nicht verstehst. Ich würde sonst viel albernes Zeug wissen.--Aber, o +himmlische Gelehrsamkeit, wieviel ist dir ein Sterblicher schuldig, +der dich besitzt! Und wie bejammernswürdig ist es, daß dich die +wenigsten in deinem Umfange kennen! Der Theolog glaubt dich bei einer +Menge heiliger Sprüche, fürchterlicher Erzählungen und einiger übel +angebrachten Figuren zu besitzen. Der Rechtsgelehrte bei einer +unseligen Geschicklichkeit, unbrauchbare Gesetze abgestorbner Staaten, +zum Nachteile der Billigkeit und Vernunft, zu verdrehen und die +fürchterlichsten Urtel in einer noch fürchterlichern Sprache +vorzutragen. Der Arzt endlich glaubt sich wirklich deiner bemächtiget +zu haben, wann er durch eine Legion barbarischer Wörter die Gesunden +krank und die Kranken noch kränker machen kann. Aber, o betrogene +Toren! die Wahrheit läßt euch nicht lange in diesem sie schimpfenden +Irrtume. Es kommen Gelegenheiten, wo ihr selbst erkennet, wie +mangelhaft euer Wissen sei; voll tollen Hochmuts beurteilet ihr +alsdann alle menschliche Erkenntnis nach der eurigen und ruft wohl gar +in einem Tone, welcher alle Sterbliche zu bejammern scheinet, aus: +Unser Wissen ist Stückwerk! Nein, glaube mir, mein lieber Anton: der +Mensch ist allerdings einer allgemeinen Erkenntnis fähig. Es leugnen, +heißt ein Bekenntnis seiner Faulheit oder seines mäßigen Genies +ablegen. Wenn ich erwäge, wieviel ich schon nach meinen wenigen +Jahren verstehe, so werde ich von dieser Wahrheit noch mehr überzeugt. +Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Englisch, +Italienisch--das sind sechs Sprachen, die ich alle vollkommen besitze: +und bin erst zwanzig Jahr alt! + +Anton. Sachte! Sie haben eine vergessen; die deutsche-- + +Damis. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen; +und ich bin erst zwanzig Jahr alt! + +Anton. Pfui doch, Herr! Sie haben mich oder sich selbst zum besten. +Sie werden doch das, daß Sie Deutsch können, nicht zu Ihrer +Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht.-- + +Damis. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu können? + +Anton. Ich? ich? nicht Deutsch! Es wäre ein verdammter Streich, wenn +ich Kalmuckisch redete und wüßte es nicht. + +Damis. Unter können und können ist ein Unterschied. Du kannst +Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Tönen ausdrücken, die +einem Deutschen verständlich sind; das ist, die ebendie Gedanken in +ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das +ist: du weißt nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh +oder annehmlich, undeutlich oder verständlich, alt oder gebräuchlich +ist; du weißt ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von +ihr. + +Anton. Was einem die Gelehrten nicht weismachen wollen! Wenn es nur +auf Ihr "das ist" ankäme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch +ab, daß ich essen könnte. + +Damis. Essen? Je nun wahrhaftig, wenn ich es genau nehmen will, so +kannst du es auch nicht. + +Anton. Ich? ich nicht essen? Und trinken wohl auch nicht? + +Damis. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden, +in Mund stecken, kauen, herunterschlucken und so weiter. Du kannst +nicht essen, das ist: du weißt die mechanischen Gesetze nicht, nach +welchen es geschiehet; du weißt nicht, welches das Amt einer jeden +dabei tätigen Muskel ist; ob der Digastrikus oder der Masseter, ob der +Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomatikus oder der +Platysmamyodes, ob-- + +Anton. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein +Magen etwas davon erhält und ob mir's bekömmt.--Aber wieder auf die +Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, daß ich eine verstehe, die Sie +nicht verstehen? + +Damis. Du, eine Sprache, die ich nicht verstünde? + +Anton. Ja; raten Sie einmal. + +Damis. Kannst du etwa Koptisch? + +Anton. Foptisch? Nein, das kann ich nicht. + +Damis. Chinesisch? Malabarisch? Ich wüßte nicht woher. + +Anton. Wie Sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er +besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redete nichts als diese Sprache. + +Damis. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein +Vetter? + +Anton. Daß ich nicht gar ein Jude wäre! Mein Vetter war ein Wende; +ich kann Wendisch; und das können Sie nicht. + +Damis (nachsinnend). Er hat recht.--Mein Bedienter soll eine Sprache +verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache? +Ich erinnere mich, daß ihre Verwandtschaft mit der hebräischen sehr +groß sein soll. Wer weiß, wieviel Stammwörter, die in dieser verloren +sind, ich in jener entdecken könnte!--Das Ding fängt mir an, im Kopfe +herumzugehen! + +Anton. Sehen Sie!--Doch wissen Sie was? Wenn Sie mir meinen Lohn +verdoppeln, so sollen Sie bald so viel davon verstehen als ich selbst. +Wir wollen fleißig miteinander wendisch parlieren, und--Kurz, +überlegen Sie es. Ich vergesse über dem verdammten Plaudern meinen +Gang auf den Ratskeller ganz und gar. Ich bin gleich wieder zu Ihren +Diensten. + +Damis. Bleib itzt hier; bleib hier. + +Anton. Aber Ihr Herr Vater kömmt. Hören Sie? Wir könnten doch nicht +weiterreden. (Geht ab.) + +Damis. Wenn mich doch mein Vater ungestört lassen wollte. Glaubt er +denn, daß ich so ein Müßiggänger bin wie er? + + + + +Zweiter Auftritt + +Damis. Chrysander. + + +Chrysander. Immer über den verdammten Büchern! Mein Sohn, zuviel ist +zuviel. Das Vergnügen ist so nötig als die Arbeit. + +Damis. O Herr Vater, das Studieren ist mir Vergnügens genug. Wer +neben den Wissenschaften noch andere Ergötzungen sucht, muß die wahre +Süßigkeit derselben noch nicht geschmeckt haben. + +Chrysander. Das sage nicht! Ich habe in meiner Jugend auch studiert; +ich bin bis auf das Mark der Gelehrsamkeit gekommen. Aber daß ich +beständig über den Büchern gelegen hätte, das ist nicht wahr. Ich +ging spazieren; ich spielte; ich besuchte Gesellschaften; ich machte +Bekanntschaft mit Frauenzimmern. Was der Vater in der Jugend getan +hat, kann der Sohn auch tun; soll der Sohn auch tun. A bove majori +discat arare minor! wie wir Lateiner reden. Besonders das +Frauenzimmer laß dir, wie wir Lateiner reden, de meliori empfohlen +sein! Das sind Narren, die einen jungen Menschen vor das Frauenzimmer +ärger als vor Skorpionen warnen; die es ihm, wie wir Lateiner reden, +cautius sanguine viperino zu fliehen befehlen.-- + +Damis. Cautius sanguine viperino? Ja, das ist noch Latein! Aber wie +heißt die ganze Stelle? + +Cur timet flavum Tiberim tangere? cur olivum Sanguine viperino Cautius +vitat?-- + +Oh, ich höre schon, Herr Vater, Sie haben auch nicht aus der Quelle +geschöpft! Denn sonst würden Sie wissen, daß Horaz in ebender Ode die +Liebe als eine sehr nachteilige Leidenschaft beschreibt, und das +Frauenzimmer-- + +Chrysander. Horaz! Horaz! Horaz war ein Italiener und meinet das +italienische Frauenzimmer. Ja vor dem italienischen warne ich dich +auch! das ist gefährlich! Ich habe einen guten Freund, der in seiner +Jugend--Doch still! man muß kein Ärgernis geben.--Das deutsche +Frauenzimmer hingegen, o das deutsche! mit dem ist es ganz anders +beschaffen.--Ich würde der Mann nicht geworden sein, der ich doch bin, +wenn mich das Frauenzimmer nicht vollends zugestutzt hätte. Ich +dächte, man sähe mir's an. Du hast tote Bücher genug gelesen; guck +einmal in ein lebendiges! + +Damis. Ich erstaune-- + +Chrysander. O du wirst noch mehr erstaunen, wenn du erst tiefer +hineingehen wirst. Das Frauenzimmer, mußt du wissen, ist für einen +jungen Menschen eine neue Welt, wo man so viel anzugaffen, so viel zu +bewundern findet-- + +Damis. Hören Sie mich doch! Ich erstaune, will ich sagen, Sie eine +Sprache führen zu hören, in der wahrhaftig diejenigen Vorschriften +nicht ausgedruckt waren, die Sie mir mit auf die hohe Schule gaben. + +Chrysander. Quae, qualis, quanta! Jetzt und damals! Tempora +mutantur! wie wir Lateiner sagen. + +Damis. Tempora mutantur? Ich bitte Sie, legen Sie doch die +Vorurteile des Pöbels ab. Die Zeiten ändern sich nicht. Denn lassen +Sie uns einmal sehen: was ist die Zeit?-- + +Chrysander. Schweig! die Zeit ist ein Ding, das ich mir mit deinem +unnützen Geplaudre nicht will verderben lassen. Meine damaligen +Vorschriften waren nach dem damaligen Maße deiner Erfahrung und deines +Verstandes eingerichtet. Nun aber traue ich dir von beiden so viel zu, +daß du Ergötzlichkeiten nicht zu Beschäftigungen machen wirst. Aus +diesem Grunde rate ich dir also-- + +Damis. Ihre Reden haben einigen Schein der Wahrheit. Allein ich +dringe tiefer. Sie werden es gleich sehen. Der Status Controversiä +ist-- + +Chrysander. Ei, der Status Controversiä mag meinetwegen in Barbara +oder in Celarent sein. Ich bin nicht hergekommen mit dir zu +disputieren, sondern-- + +Damis. Die Kunstwörter des Disputierens zu lernen? Wohl! Sie müssen +also wissen, daß weder Barbara noch Celarent den Statum-- + +Chrysander. Ich möchte toll werden! Bleib Er mir, Herr Informator, +mit den Possen weg, oder-- + +Damis. Possen? diese seltsamen Benennungen sind zwar Überbleibsel der +scholastischen Philosophie, das ist wahr; aber doch solche +Überbleibsel-- + +Chrysander. Über die ich die Geduld verlieren werde, wann du mich +nicht bald anhörst. Ich komme in der ernsthaftesten Sache von der +Welt zu dir,--denn was ist ernsthafter als heiraten?--und du-- + +Damis. Heiraten? Des Heiratens wegen zu mir? zu mir? + +Chrysander. Ha! ha! Macht dich das aufmerksam? Also ausculta et +perpende! + +Damis. Ausculta et perpende? ausculta et perpende? Ein glücklicher +Einfall-- + +Chrysander. Oh, ich habe Einfälle-- + +Damis. Den ich da bekomme! + +Chrysander. Du? + +Damis. Ja, ich. Wissen Sie, wo sich dieses ausculta et perpende +herschreibt? Eben mache ich die Entdeckung; aus dem Homer. O was +finde ich nicht alles in meinem Homer? + +Chrysander. Du und dein Homer, ihr seid ein paar Narren! + +Damis. Ich und Homer? Homer und ich? wir beide? Hi! hi! hi! Gewiß, +Herr Vater? O ich danke, ich danke. Ich und Homer! Homer und ich! +--Aber hören Sie nur: sooft Homer--er war wirklich kein Narr, so wenig +wie ich--sooft er, sag ich, seine Helden den Soldaten zur Tapferkeit +ermuntern oder in dem Kriegsrate eine Beratschlagung anheben läßt; +sooft ist auch der Anfang ihrer Rede: Höret, was ich vortragen werde, +und überlegt es! Zum Exempel in der Odyssee: + +"Keklute dae nun meu, Ithakhsioi, oti ken eipo." [Greek] + +Und darauf folgt denn auch oft: + +"Oy eiath' oi d' ara tau mala men chluon, aed' epithonto," [Greek] + +das ist: so sprach er, und sie gehorchten dem, was sie gehöret hatten. + +Chrysander. Gehorchten sie ihm? Nu, das ist vernünftig! Homer mag +doch wohl kein Narr sein. Sieh zu, daß ich von dir auch widerrufen +kann. Denn wieder zur Sache: ich kenne, mein Sohn-- + +Damis. Einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Vater. Ich will mich +nur hinsetzen und diese Anmerkung aufschreiben. + +Chrysander. Aufschreiben? was ist hier aufzuschreiben? Wem liegt +daran, ob das Sprüchelchen aus dem Homer oder aus dem Gesangbuche ist? + +Damis. Der gelehrten Welt liegt daran; meiner und Homers Ehre lieget +daran! Denn ein Halbhundert solche Anmerkungen machen einen +Philologen. Und sie ist neu, muß ich Ihnen sagen, sie ist ganz neu. + +Chrysander. So schreib sie ein andermal auf. + +Damis. Wenn sie mir aber wieder entfiele? Ich würde untröstlich sein. +Haben Sie wenigstens die Gütigkeit, mich wieder daran zu erinnern. + +Chrysander. Gut, das will ich tun; höre mir nur jetzt zu. Ich kenne, +mein Sohn, ein recht allerliebstes Frauenzimmer; und ich weiß, du +kennst es auch. Hättest du wohl Lust-- + +Damis. Ich soll ein Frauenzimmer, ein liebenswürdiges Frauenzimmer +kennen? Oh, Herr Vater, wenn das jemand hörte, was würde er von +meiner Gelehrsamkeit denken?--Ich ein liebenswürdiges Frauenzimmer?-- + +Chrysander. Nun wahrhaftig; ich glaube nicht, daß ein Gastwirt so +erschrecken kann, wenn man ihm schuld gibt, er kenne den oder jenen +Spitzbuben, als du erschrickst, weil du ein Frauenzimmer kennen sollst. +Ist denn das ein Schimpf? + +Damis. Wenigstens ist es keine Ehre, besonders für einen Gelehrten. +Mit wem man umgeht, dessen Sitten nimmt man nach und nach an. Jedes +Frauenzimmer ist eitel, hoffärtig, geschwätzig, zänkisch und +zeitlebens kindisch, es mag so alt werden, als es will. Jedes +Frauenzimmer weiß kaum, daß es eine Seele hat, um die es unendlich +mehr besorgt sein sollte als um den Körper. Sich ankleiden, +auskleiden und wieder anders ankleiden; vor dem Spiegel sitzen, seinen +eignen Reiz bewundern; auf ausgekünstelte Mienen sinnen; mit +neugierigen Augen müßig an dem Fenster liegen: unsinnige Romane lesen +und aufs höchste zum Zeitvertreibe die Nadel zur Hand nehmen: das sind +seine Beschäftigungen; das ist sein Leben. Und Sie glauben, daß ein +Gelehrter, ohne Nachteil seines guten Namens, solche närrische +Geschöpfe weiter als ihrer äußerlichen Gestalt nach kennen dürfe? + +Chrysander. Mensch, Mensch! deine Mutter kehrt sich im Grabe um. +Bedenke doch, daß sie auch ein Frauenzimmer war! Bedenke doch, daß +die Dinger von Natur nun einmal nicht anders sind! Obschon, wie wir +Lateiner zu reden pflegen, nulla regula sine exceptione. Und so eine +Exzeption ist sicherlich das Mädchen, das ich jetzt im Kopfe habe und +das du kennst.-- + +Damis. Nein, nein! ich schwöre es Ihnen zu; unsere Muhmen ausgenommen +und Julianen-- + +Chrysander. Und Julianen? bene!-- + +Damis. Und ihr Mädchen ausgenommen, kenne ich kein einziges Weibsbild. +Ja, der Himmel soll mich strafen, wenn ich mir jemals in den Sinn +kommen lasse, mehrere kennenzulernen! + +Chrysander. Je nun, auch das! wie du willst! Genug, Julianen, die +kennst du. + +Damis. Leider! + +Chrysander. Und eben Juliane ist es, über die ich deine Gedanken +vernehmen möchte.-- + +Damis. Über Julianen? meine Gedanken über Julianen? O Herr Vater, +wenn Sie noch meine Gedanken über Erinnen oder Korinnen, über +Telesillen oder Praxillen verlangten-- + +Chrysander. Schocktausend! was sind das für Illen? Den Augenblick +schwur er, er kenne kein Frauenzimmer, und nun nennt er ein halb +Dutzend Menscher.-- + +Damis. Menscher? Herr Vater! + +Chrysander. Ja, Herr Sohn, Menscher! Die Endung gibt's gewiß nicht? +Netrix, Lotrix, Meretrix.-- + +Damis. Himmel, Menscher! griechische berühmte Dichterinnen Menscher +zu nennen!-- + +Chrysander. Ja, ja, Dichterinnen! das sind mir eben die rechten. +Lotrix, Meretrix, Poetrix-- + +Damis. Poetrix? O wehe, meine Ohren! Poetria müßten Sie sagen: oder +Poetris-- + +Chrysander. Is oder ix, Herr Buchstabenkrämer! + + + + +Dritter Auftritt + +Chrysander. Damis. Lisette. + + +Lisette. Hurtig herunter in die Wohnstube, Herr Chrysander! Man will +Sie sprechen. + +Chrysander. Nun, was für ein Narr muß mich jetzo stören? Wer ist es +denn? + +Lisette. Soll ich alle Narren kennen? + +Chrysander. Was sagst du? Du hast ein unglückliches Maul, Lisette. +Einen ehrlichen Mann einen Narren zu schimpfen? Denn ein ehrlicher +Mann muß es doch sein; was wollte er sonst bei mir? + +Lisette. Nu, nu; verzeihen Sie immer meinem Maule den Fehler des +Ihrigen. + +Chrysander. Den Fehler des meinigen? + +Lisette. O gehen Sie doch! der ehrliche Mann wartet. + +Chrysander. Laß ihn warten. Habe ich doch den Narren nicht kommen +heißen.--Ich werde gleich wieder da sein, mein Sohn. + +Lisette (beiseite). Ich muß doch sehen, ob ich aus dem wunderlichen +Einfall meiner Jungfer etwas machen kann. + + + + +Vierter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Damis. Nun? geht Lisette nicht mit? + +Lisette. Ich bin Ihre gehorsamste Dienerin. Wenn Sie befehlen, so +werde ich gehorchen. Aber nur eines möchte ich erst wissen. Sagen +Sie mir, um des Himmels willen, wie können Sie beständig so allein +sein? Was machen Sie denn den ganzen Tag auf Ihrer Studierstube? +Werden Ihnen denn nicht alle Augenblicke zu Stunden? + +Damis. Ach, was nutzen die Fragen? Fort! fort! + +Lisette. Über den Büchern können Sie doch unmöglich die ganze Zeit +liegen. Die Bücher, die toten Gesellschafter! Nein, ich lobe mir das +Lebendige; und das ist auch Mamsell Julianens Geschmack. Zwar dann +und wann lesen wir auch; einen irrenden Ritter, eine Banise, und so +etwas Gutes; aber länger als eine Stunde halten wir es hintereinander +nicht aus. Ganze Tage damit zuzubringen wie Sie, hilf Himmel! in den +ersten dreien wären wir tot. Und vollends nicht ein Wort dabei zu +reden wie Sie; das wäre unsre Hölle. Ein Vorzug des ganzen männlichen +Geschlechts kann es nicht sein, weil ich Mannspersonen kenne, die so +flüchtig und noch flüchtiger sind als wir. Es müssen nur sehr wenig +große Geister diese besondere Gaben besitzen.-- + +Damis. Lisette spricht so albern eben nicht. Es ist schade, daß ein +so guter Mutterwitz nicht durch die Wissenschaften ausgebessert wird. + +Lisette. Sie machen mich schamrot. Bald dürfte ich mich dafür rächen +und Ihnen die Lobeserhebungen nacheinander erzählen, die Ihnen von der +gestrigen Gartengesellschaft gemacht wurden. Doch ich will Ihre +Bescheidenheit nicht beleidigen. Ich weiß, die Gelehrten halten auf +diese Tugend allzuviel. + +Damis. Meine Lobeserhebungen? meine? + +Lisette. Ja, ja, die Ihrigen. + +Damis. O besorge Sie nichts, meine liebe Lisette. Ich will sie als +die Lobeserhebungen eines andern betrachten, und so kann meine +Bescheidenheit zufrieden sein. Erzähle Sie mir sie nur. Bloß wegen +Ihrer lebhaften und ungekünstelten Art, sich auszudrücken, wünsche ich +sie zu hören. + +Lisette. O meine Art ist wohl keine von den besten. Es hat mir ein +Lehrmeister wie Sie gefehlt. Doch ich will Ihrem Befehle gehorchen. +Sie wissen doch wohl, wer die Herren waren, die gestern bei Ihrem +Herrn Vater im Garten schmauseten? + +Damis. Nein, wahrhaftig nicht. Weil ich nicht dabeisein wollte, so +habe ich mich auch nicht darum bekümmert. Hoffentlich aber werden es +Leute gewesen sein, die selbst lobenswürdig sind, daß man sich also +auf ihr Lob etwas einbilden kann. + +Lisette. Das sind sie so ziemlich. Was würde es Ihnen aber +verschlagen, wenn sie es auch nicht wären? Sie wollen ja Ihre +Lobeserhebungen aus Bescheidenheit als fremde betrachten. Und hängt +denn die Wahrheit von dem Munde desjenigen ab, der sie vorträgt? +Hören Sie nur-- + +Damis. Himmel! ich höre meinen Vater wiederkommen. Um Gottes willen, +liebe Lisette, daß er nicht merkt, daß Sie sich so lange bei mir +aufgehalten hat. Geh Sie hurtig unterdessen in das Kabinett. + + + + +Fünfter Auftritt + +Damis. Chrysander. + + +Chrysander. Der verzweifelte Valer! er hätte mir zu keiner +ungelegnern Zeit kommen können. Muß ihn denn der Henker eben heute +von Berlin zurückführen? Und muß er sich denn eben gleich bei mir +anmelden lassen? Hui daß--Nein, Herr Valer, damit kommen Sie zu spät. +--Nun mein Sohn--(Damis steht zerstreut, als in tiefen Gedanken.) +Hörst du, mein Sohn? + +Damis. Ich höre; ich höre alles. + +Chrysander. Kurz, du merkst doch, wo ich vorhin hinauswollte? Einem +Klugen sind drei Worte genug. Sapienti sat! sagen wir Lateiner. +--Antworte doch-- + +Damis (noch immer als in Gedanken). Was ist da zu antworten?-- + +Chrysander. Was da zu antworten ist?--Das will ich dir sagen. +--Antworte, daß du mich verstanden; daß dir mein Antrag lieb ist; daß +dir Juliane gefällt; daß du mir in allem gehorchen willst.--Nun, +antwortest du das?-- + +Damis. Ich will gleich sehn--(Indem er in der angenommenen +Zerstreuung nach einem Buche greift.) + +Chrysander. Was kann in dem Buche davon stehen?--Antworte aus dem +Herzen und nicht aus dem Buche.--Ex libro doctus quilibet esse potest; +sagen wir Lateiner.-- + +Damis (als ob er in dem Buche läse). Vollkommen recht! Aber nun wie +weiter?-- + +Chrysander. Das weitere gibt sich, wie 's Griechische. Du sagst ja; +sie sagt ja; damit wird Verlöbnis; und bald darauf wird Hochzeit; und +alsdenn--Du wirst schon sehen, wie's alsdenn weitergeht.-- + +Damis. Wenn nun aber diese Voraussetzung--(Immer noch als ob er läse.) + +Chrysander. Ei, ich setze nichts voraus, was im geringsten +zweifelhaft wäre. Juliane ist eine Waise; ich bin ihr Vormund; ich +bin dein Vater; was muß mir angelegner sein, als euch beide glücklich +zu machen? Ihr Vater war mein Freund und war ein ehrlicher Mann, +obgleich ein Narr. Er hätte einen honetten Bankerott machen können; +seine Gläubiger würden aufs Drittel mit sich haben akkordieren lassen; +und er war so einfältig und bezahlte bis auf den letzten Heller. Wie +ist mir denn? hast du ihn nicht gekannt? + +Damis. Von Person nicht. Aber seine Lebensumstände sind mir ganz +wohl bewußt. Ich habe sie, ich weiß nicht in welcher Biographie, +gelesen' + +Chrysander. Gelesen? gedruckt gelesen? + +Damis. Ja, ja; gelesen. Er ward gegen die Mitte des vorigen +Jahrhunderts geboren und ist, etwa vor zwanzig Jahren, als +Generalsuperintendent in Pommern gestorben. In orientalischen +Sprachen war seine vornehmste Stärke. Allein seine Bücher sind nicht +alle gleich gut. Dieses ist noch eines von den besten. Eine +besondere Gewohnheit soll der Mann an sich gehabt haben-- + +Chrysander. Von wem sprichst denn du? + +Damis. Sie fragen mich ja, ob mir der Verfasser dieses Buchs bekannt +wäre? + +Chrysander. Ich glaube, du träumest; oder es geht gar noch etwas +Ärgers in deinem Gehirne vor. Ich frage dich, ob du Julianens Vater +noch gekannt hast? + +Damis. Verzeihen Sie mir, wann ich ein wenig zerstreut geantwortet +habe! Ich dachte eben nach,--warum wohl die Rabbinen--das Schurek +M'lo Pum heißen. + +Chrysander. Mit dem verdammten Schurek! Gib doch auf das acht, was +der Vater mit dir spricht!--(Er nimmt ihm das Buch aus der Hand.) Du +hast ihn also nicht gekannt? Ich besinne mich; es ist auch nicht wohl +möglich. Als er starb, war Juliane noch sehr jung. Ich nahm sie +gleich nach seinem Tode in mein Haus, und Gott sei Dank! sie hat viel +Wohltaten hier genossen. Sie ist schön, sie ist tugendhaft; wem +sollte ich sie also lieber gönnen als dir? Was meinst du?--Antworte +doch! Stehst du nicht da, als wenn du schliefest!-- + +Damis. Ja, ja, Herr Vater. Nur eins ist noch dabei zu erwägen.-- + +Chrysander. Du hast recht; freilich ist noch eins dabei zu erwägen: +ob du dich nämlich geschickt befindest, bald ein öffentliches Amt +anzunehmen, weil doch-- + +Damis. Wie? geschickt? geschickt? Sie zweifeln also an meiner +Geschicklichkeit?--Wie unglücklich bin ich, daß ich Ihnen nicht +sogleich die unwidersprechlichsten Beweise geben kann! Doch es soll +noch diesen Abend geschehen. Glauben Sie mir, noch diesen Abend.--Die +verdammte Post! Ich weiß auch nicht, wo sie bleibt. + +Chrysander. Beruhige dich nur, mein Sohn. Die Frage geschahe eben +aus keinem Mißtrauen, sondern bloß weil ich glaube, es schicke sich +nicht, eher zu heiraten, als bis man ein Amt hat; so wie es sich, +sollte ich meinen, auch nicht wohl schickt, eher ein Amt anzunehmen, +als bis man weiß, woher man die Frau bekommen will. + +Damis. Ach, was heiraten? was Frau? Erlauben Sie mir, daß ich Sie +allein lasse. Ich muß ihn gleich wieder auf die Post schicken. Anton! +Anton! Doch es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen; ich muß nur +selbst gehen. + + + + +Sechster Auftritt + +Anton. Chrysander. + + +Anton. Rufte mich nicht Herr Damis? Wo ist er? was soll ich? + +Chrysander. Ich weiß nicht, was ihm im Kopfe steckt. Er ruft dich; +er will dich auf die Post schicken; er besinnt sich, daß mit dir +Schlingel nichts anzufangen ist, und geht selber. Sage mir nur, +willst du zeitlebens ein Esel bleiben? + +Anton. Gemach, Herr Chrysander! ich nehme an den Torheiten Ihres +Sohnes keinen Teil. Mehr als zwölfmal habe ich ihm heute schon auf +die Post laufen müssen. Er verlangt Briefe von Berlin. Ist es meine +Schuld, daß sie nicht kommen? + +Chrysander. Der wunderliche Heilige! Du bist aber nun schon so lange +um ihn; solltest du nicht sein Gemüt, seine Art zu denken ein wenig +kennen? + +Anton. Ha! ha! das kömmt darauf hinaus, was wir Gelehrten die +Kenntnis der Gemüter nennen? Darin bin ich Meister; bei meiner Ehre! +Ich darf nur ein Wort mit einem reden; ich darf ihn nur ansehen: husch, +habe ich den ganzen Menschen weg! Ich weiß sogleich, ob er +vernünftig oder eigensinnig, ob er freigebig oder ein Knicker-- + +Chrysander. Ich glaube gar, du zeigst auf mich? + +Anton. O kehren Sie sich an meine Hände nicht!--Ob er-- + +Chrysander. Du sollst deine Kunst gleich zeigen! Ich habe meinem +Sohne eine Heirat vorgeschlagen: nun sage einmal, wenn du ihn kennst, +was wird er tun? + +Anton. Ihr Herr Sohn? Herr Damis? Verzeihen Sie mir, bei dem geht +meine Kunst, meine sonst so wohl versuchte Kunst, betteln. + +Chrysander. Nu, Schurke, so geh mit und prahle nicht! + +Anton. Die Gemütsart eines jungen Gelehrten kennen wollen und etwas +daraus schließen wollen, ist unmöglich; und was unmöglich ist, Herr +Chrysander--das ist unmöglich. + +Chrysander. Und wieso? + +Anton. Weil er gar keine hat. + +Chrysander. Gar keine? + +Anton. Nein, nicht gar keine; sondern alle Augenblicke eine andre. +Die Bücher und die Exempel, die er liest, sind die Winde, nach welchen +sich der Wetterhahn seiner Gedanken richtet. Nur bei dem Kapitel vom +Heiraten stehenzubleiben, weil das einmal auf dem Tapete ist, so +besinne ich mich, daß--Denn vor allen Dingen müssen Sie wissen, daß +Herr Damis nie etwas vor mir verborgen hat. Ich bin von jeher sein +Vertrauter gewesen und von jeher der, mit dem er sich immer am +liebsten abgegeben hat. Ganze Tage, ganze Nächte haben wir manchmal +auf der Universität miteinander disputiert. Und ich weiß nicht, er +muß doch so etwas an mir finden; etwa eine Eigenschaft, die er an +andern nicht findet-- + +Chrysander. Ich will dir sagen, was das für eine Eigenschaft ist: +deine Dummheit! Es ergötzt ihn, wenn er sieht, daß er gelehrter ist +als du. Bist du nun vollends ein Schalk und widersprichst ihm nicht +und lobst ihn ins Gesicht und bewunderst ihn-- + +Anton. Je verflucht! da verraten Sie mir ja meine ganze Politik! Wie +schlau ein alter Kaufmann nicht ist! + +Chrysander. Aber vergiß das Hauptwerk nicht! Vom Heiraten-- + +Anton. Ja darüber hat er schon Teufelsgrillen im Kopfe gehabt. Zum +Exempel: ich weiß die Zeit, da er gar nicht heiraten wollte. + +Chrysander. Gar nicht? so muß ich noch heiraten. Ich werde doch +meinen Namen nicht untergehen lassen? Der Bösewicht! Aber warum denn +nicht? + +Anton. Darum: weil es einmal Gelehrte gegeben hat, die geglaubt haben, +der ehelose Stand sei für einen Gelehrten der schicklichste. Gott +weiß, ob diese Herren allzu geistlich oder allzu fleischlich sind +gesinnt gewesen! Als ein künftiger Hagestolz hatte er sich schon auf +verschiedene sinnreiche Entschuldigungen gefaßt gemacht.-- + +Chrysander. Auf Entschuldigungen? kann sich so ein ruchloser Mensch, +der dieses heilige Sakrament--Denn im Vorbeigehen zu sagen, ich bin +mit unsern Theologen gar nicht zufrieden, daß sie den Ehestand für +kein Sakrament wollen gelten lassen--der, sage ich, dieses heilige +Sakrament verachtet, kann der sich noch unterstehen, seine +Gottlosigkeit zu entschuldigen? Aber, Kerl, ich glaube, du machst mir +etwas weis; denn nur vorhin schien er ja meinen Vorschlag zu billigen. + +Anton. Das ist unmöglich richtig zugegangen. Wie stellte er sich +dabei an? Lassen Sie sehen; stand er etwa da, als wenn er vor den +Kopf geschlagen wäre? sahe er etwa steif auf die Erde? legte er etwa +die Hand an die Stirne? griff er etwa nach einem Buche, als wenn er +darin lesen wollte? ließ er Sie etwa ungestört fortreden? + +Chrysander. Getroffen! du malst ihn, als ob du ihn gesehen hättest. + +Anton. O da sieht es windig aus! Wann er es so macht, will er haben, +daß man ihn für zerstreut halten soll. Ich kenne seine Mucken. Er +hört alsdenn alles, was man ihm sagt; allein die Leute sollen glauben, +er habe es vor vielem Nachsinnen nicht gehört. Er antwortet zuweilen +auch; wenn man ihm aber seine Antwort wieder vorlegt, so wird er +nimmermehr zugestehen, daß sie auf das gegangen sei, was man von ihm +hat wissen wollen. + +Chrysander. Nun, wer noch nicht gestehen will, daß zu viel +Gelehrsamkeit den Kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren. +Gott sei Dank, daß ich in meiner Jugend gleich das rechte Maß zu +treffen wußte! Omne nimium vertitur in vitulum: sagen wir Lateiner +sehr spaßhaft.--Aber Gott sei dem Bösewichte gnädig, wann er auf dem +Vorsatze verharret! Wann er behauptet, es sei nicht nötig, zu +heiraten und Kinder zu zeugen, will er mir damit nicht zu verstehn +geben, es sei auch nicht nötig gewesen, daß ich ihn gezeugt habe? Der +undankbare Sohn! + +Anton. Es ist wahr, kein größter Undank kann unter der Sonne sein, +als wenn ein Sohn die viele Mühe nicht erkennen will, die sein Vater +hat über sich nehmen müssen, um ihn in die Welt zu setzen. + +Chrysander. Nein; gewiß, an mir soll der heilige Ehestand seinen +Verteidiger finden! + +Anton. Der Wille ist gut; aber lauter solche Verteidiger würden die +Konsumtionsakzise ziemlich geringe machen. + +Chrysander. Wieso? + +Anton. Bedenken Sie es selbst! drei Weiber, und von der dritten kaum +einen Sohn. + +Chrysander. Kaum? was willst du mit dem, kaum‘ sagen, Schlingel? + +Anton. Hui, daß Sie etwas Schlimmers darunter verstehn als ich. + +Chrysander. Zwar im Vertrauen, Anton: wenn die Weiber vor zwanzig +Jahren so gewesen wären, wie die Weiber jetzo sind, ich würde auf +wunderbare Gedanken geraten. Er hat gar zu wenig von mir! Doch die +Weiber vor zwanzig Jahren waren so frech noch nicht wie die jetzigen; +so treulos noch nicht, wie sie heutzutage sind; so lüstern noch nicht-- + +Anton. Ist das gewiß? Nun wahrhaftig, so hat man meiner Mutter +unrecht getan, die vor 33 Jahren von ihrem Manne, der mein Vater nicht +sein wollte, geschieden wurde! Doch das ist ein Punkt, woran ich +nicht gern denke. Die Grillen Ihres Herrn Sohns sind lustiger. + +Chrysander. Ärgerlicher, sprich! Aber sage mir, was waren denn +seine Entschuldigungen? + +Anton. Seine Entschuldigungen waren Einfälle, die auf seinem Miste +nicht gewachsen waren. Er sagte zum Exempel, solange er unter vierzig +Jahren sei und ihn jemand um die Ursache fragen würde, warum er nicht +heirate, wolle er antworten, er sei zum Heiraten noch zu jung. Wäre +er aber über vierzig Jahr, so wolle er sprechen, nunmehr sei er zum +Heiraten zu alt. Ich weiß nicht, wie der Gelehrte hieß, der auch so +soll gesagt haben.--Ein anderer Vorwand war der: er heiratete deswegen +nicht, weil er alle Tage willens wäre, ein Mönch zu werden; und würde +deswegen kein Mönch, weil er alle Tage gedächte zu heiraten. + +Chrysander. Was? nun will er auch gar ein Mönch werden? Da sieht man, +wohin so ein böses Gemüt, das keine Ehrfurcht für den heiligen +Ehestand hat, verfallen kann! Das hätte ich nimmermehr in meinem +Sohne gesucht! + +Anton. Sorgen Sie nicht! bei Ihrem Sohne ist alles nur ein Übergang. +Er hatte den Einfall in der Lebensbeschreibung eines Gelehrten gelesen; +er hatte Geschmack daran gefunden und sogleich beschlossen, ihn bei +Gelegenheit als den seinen anzubringen. Bald aber ward die Grille von +einer andern verjagt, so wie etwann, so wie etwann--Schade, daß ich +kein Gleichnis dazu finden kann! Kurz, sie ward verjagt. Er wollte +nunmehr heiraten, und zwar einen rechten Teufel von einer Frau. + +Chrysander. Wenn doch den Einfall mehr Narren haben wollten, damit +andre ehrliche Männer mit bösen Weibern verschont blieben. + +Anton. Ja, meinte er: es würde doch hübsch klingen, wenn es einmal +von ihm heißen könnte: unter die Zahl der Gelehrten, welche der Himmel +mit bösen Weibern gestraft hat, gehöret auch der berühmte Damis; +gleichwohl kann sich die gelehrte Welt nicht über ihn beklagen, daß +ihn dieses Hauskreuz nur im geringsten abgehalten hätte, ihr mit +unzählbaren gelehrten Schriften zu dienen. + +Chrysander. Mit Schriften! ja, die mir am teuersten zu stehen kommen. +Was für Rechnungen habe ich nicht schon an die Buchdrucker bezahlen +müssen! Der Bösewicht! + +Anton. Geduld! er hat auch erst angefangen zu schreiben! Es wird +schon besser kommen. + +Chrysander. Besser? vielleicht damit man ihn endlich einmal auch +unter die zählen kann, die ihren Vater arm geschrieben haben! + +Anton. Warum nicht? wenn es ihm Ehre brächte-- + +Chrysander. Die verdammte Ehre! + +Anton. Um die tut ein junger Gelehrter alles! Wann es auch nach +seinem Tode heißen sollte: unter diejenigen Gelehrten, die zum Teufel +gefahren sind, gehört auch der berühmte Damis! was schadet das? Genug, +er heißt gelehrt; er heißt berühmt-- + +Chrysander. Kerl, du erschreckst mich! Aber du, der du weit älter +bist als er, kannst du ihn nicht dann und wann zurechte weisen?-- + +Anton. Oh, Herr Chrysander! Sie wissen wohl, daß ich keinen Gehalt +als Hofmeister bekomme. Und dazu meine Dummheit-- + +Chrysander. Ja, die du annimmst, um ihn desto dümmer zu machen. + +Anton (beiseite). St! der kennt mich.--Aber glauben Sie, daß ihm mit +der bösen Frau ein Ernst war? Nichts weniger! Eine Stunde darauf +wollte er sich eine gelehrte Frau aussuchen. + +Chrysander. Nun, das wäre doch noch etwas Kluges! + +Anton. Etwas Kluges? Nach meiner unvorgreiflichen Meinung ist es +gleich der dümmste Einfall, den er hat haben können. Eine gelehrte +Frau! bedenken Sie doch! eine gelehrte Frau; eine Frau wie Ihr Herr +Sohn! Zittern und Entsetzen möchte einem ehrlichen Kerl ankommen. +Wahrhaftig! ehe ich mir eine Gelehrte aufhängen ließ'-- + +Chrysander. Narre, Narre! sie gehen unter andern Leuten, als du bist, +reißend weg. Wann ihrer nur viel wären, wer weiß, ob ich mir nicht +selbst eine wählte. + +Anton. Kennen Sie Karlinen? + +Chrysander. Karlinen? Nein. + +Anton. Meinen ehemaligen Kameraden? meinen guten Freund? kennen Sie +den nicht? + +Chrysander. Nein doch, nein. + +Anton. Er trug ein hechtgraues Kleid mit roten Aufschlägen und auf +seiner Sonntagsmontur rote und blaue Achselbänder. Sie müssen ihn bei +mir gesehen haben. Er hatte eine etwas lange Nase. Sie war ein +Erbstück; denn er wollte aus der Geschichte wissen, daß schon sein +Ururältervater, der ehedem einem gewissen Turnier als Stallknecht +beigewohnt, eine ebenso lange gehabt habe. Sein einziger Fehler war, +daß er etwas krumme Beine hatte. Besinnen Sie sich nun? + +Chrysander. Soll ich denn alle das Lumpengesindel kennen, das du +kennst? Und was willst du denn mit ihm? + +Anton. Sie kennen ihn also im Ernste nicht? Oh! da kennen Sie einen +sehr großen Geist weniger. Ich will Sie zu seiner Bekanntschaft +verhelfen; ich gelte etwas bei ihm. + +Chrysander. Ich glaube, du schwärmst manchmal so gut als mein Sohn. +Wie kömmst du denn auf die Possen? + +Anton. Eben der Karlin, will ich sagen--Oh! es ist ärgerlich, daß Sie +ihn nicht kennen.--Eben der Karlin, sage ich, hat einmal bei einem +Herrn gedient, der eine gelehrte Frau hatte. Der verzweifelte +Vogel--er sah gut aus, und wie nun der Appetit sich nach dem Stande +nicht richtet--kurz, er mußte sie näher gekannt haben. Wo hätte er +sonst so viel Verstand her? Endlich merkte es auch sein Herr, daß er +bei der Frau in die Schule ging. Er bekam seinen Abschied, ehe er +sich's versah. Die arme Frau! + +Chrysander. Ach schweig! ich mag weder deine noch meines Sohnes +Grillen länger mit anhören. + +Anton. Noch eine hören Sie; und zwar die, welche zuletzt seine +Leibgrille ward: er wollte mehr als eine Frau heiraten. + +Chrysander. Aber eine nach der andern. + +Anton. Nein, wenigstens ein halb Dutzend auf einmal. Der Bibel, der +Obrigkeit und dem Gebrauche zum Trutze! Er las damals gleich ein +Buch-- + +Chrysander. Die verdammten Bücher! Kurz, ich will nicht weiter hören. +Es soll ihm schon vergehen, mehr als eine zu nehmen, wenn er nur +erst die genommen hat, die ich jetzt für ihn im Kopfe habe. Und was +meinest du wohl, Anton? quid putas? wie wir Lateiner reden; wird er's +tun? + +Anton. Vielleicht; vielleicht nicht. Wenn ich wüßte, was er für ein +Buch zuletzt gelesen hätte, und wenn ich dieses Buch selbst lesen +könnte, und wenn-- + +Chrysander. Ich sehe schon, ich werde deine Hilfe nötig haben. Du +bist zwar ein Gauner, aber ich weiß auch, man kömmt jetzt mit +Betrügern weiter als mit ehrlichen Leuten. + +Anton. Ei, Herr Chrysander, für was halten Sie mich? + +Chrysander. Ohne Komplimente, Herr Anton! ich verspreche dir eine +Belohnung, die deinen Verdiensten gemäß sein soll, wenn du meinen Sohn +quovis modo, wie wir Lateiner reden, durch Wahrheiten oder durch Lügen, +durch Ernst oder durch Schraubereien, vel sic vel aliter, wie wir +Lateiner reden, Julianen zu heiraten bereden kannst. + +Anton. Wen? Julianen? + +Chrysander. Julianen; illam ipsam. + +Anton. Unsere Mamsell Juliane? Ihr Mündel? Ihre Pflegetochter? + +Chrysander. Kennst du eine andre? + +Anton. Das ist unmöglich, oder das, was ich von ihr gehört habe, muß +nicht wahr sein. + +Chrysander. Gehört? so? hast du etwas von ihr gehört? doch wohl +nichts Böses. + +Anton. Nichts Gutes war es freilich nicht. + +Chrysander. Ei! ich habe auf das Mädchen so große Stücken gehalten. +Sie wird doch nicht etwa mit einem jungen Kerl--he? + +Anton. Wann es nichts mehr wäre! so ein klein Fehlerchen entschuldigt +die Mode. Aber, es ist noch etwas weit Ärgers für eine gute Jungfer, +die gerne nicht länger Jungfer sein möchte. + +Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? ich versteh dich nicht. + +Anton. Und Sie sind gleichwohl ein Kaufmann? + +Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? Ich habe immer geglaubt, +Eingezogenheit und gute Sitten wären das Vornehmste-- + +Anton. Nicht mehr! nicht mehr! vor zwanzig Jahren wohl, wie Sie +vorher selbst weislich erinnerten. + +Chrysander. Nun so erkläre dich deutlicher. Ich habe nicht Lust, +deine närrischen Gedanken zu erraten. + +Anton. Und nichts ist doch leichter. Mit einem Worte: sie soll kein +Geld haben. Man hat mir gesagt, in Ansehung ihres Vaters, der Ihr +guter Freund gewesen wäre, hätten Sie Julianen, von ihrem neunten +Jahre an, zu sich genommen und aus Barmherzigkeit erzogen. + +Chrysander. Da hat man dir nun wohl keine Lügen gesagt; gleichwohl +aber soll sie doch kein andrer haben als mein Sohn, wann nur er--Denn +sieh, Anton, ich muß dir das ganze Rätsel erklären.--Es liegt nur an +mir, Julianen in kurzer Zeit reich zu machen. + +Anton. Ja, durch Ihr eigen Geld; und auf diese Art könnten Sie auch +mich wohl reich machen. Wollen Sie so gut sein? + +Chrysander. Nein, nicht durch mein eigen Geld.--Kannst du schweigen? + +Anton. Versuchen Sie es. + +Chrysander. Höre also; mit Julianens Vermögen steht es so: ihr Vater +kam durch einen Prozeß, den er endlich doch mußte liegenlassen, kurz +vor seinem Tode um alle das Seine. Jetzt nun ist mir ein gewisses +Dokument in die Hände gefallen, das er lange vergebens suchte und das +dem ganzen Handel ein ander Ansehen gibt. Es kömmt nur darauf an, daß +ich so viel Geld hergebe, den Prozeß wieder anzufangen. Das Dokument +selbst habe ich bereits an meinen Advokaten nach Dresden geschickt.-- + +Anton. Gott sei Dank! daß Sie wieder zum Kaufmanne werden! Vorhin +hätte ich bald nicht gewußt, was ich aus Ihnen machen sollte.--Aber +Julianens Einwilligung haben Sie doch schon? + +Chrysander. Oh! das gute Kind will mir, wie es spricht, in allem +gehorchen. Unterdessen hat sich doch schon Valer auf sie gespitzt. +Er hat mir vor einiger Zeit auch seine Gedanken deshalb eröffnet. Ehe +ich das Dokument bekam-- + +Anton. Ja, da war uns an Julianen so viel nicht gelegen. Sie machten +ihm also Hoffnung? + +Chrysander. Freilich! Er ist heute von Berlin wieder zurückgekommen +und hat sich auch schon bei mir melden lassen. Ich besorge, ich +besorge--Doch wenn mein Sohn nur will--Und diesen, Anton, du +verstehest mich--Ein Narr ist auf viel Seiten zu fassen; und ein Mann +wie du kann auf viel Seiten fassen.--Du wirst sehen, daß ich +erkenntlich bin. + +Anton. Und Sie, daß ich ganz zu Ihren Diensten bin, zumal wenn mich +die Erkenntlichkeit zuerst herausfordert und-- + + + + +Siebenter Auftritt + +Anton. Chrysander. Juliane. + + +Juliane. Kommen Sie doch, Herr Chrysander, kommen Sie doch hurtig +herunter. Herr Valer ist schon da, Ihnen seine Aufwartung zu machen. + +Chrysander. Tut Sie doch ganz fröhlich, mein Jungferchen! + +Anton (sachte zu Chrysandern). Hui! daß Valer schon den Vogel +gefangen hat. + +Chrysander. Das wäre mir gelegen. + + +(Anton und Chrysander gehen ab.) + + + + +Achter Auftritt + +Juliane. Lisette. + + +Lisette (guckt aus dem Kabinett). Bst! bst! bst! + +Juliane. Nun, wem gilt das? Lisette? bist du's? Was machst du denn +hier? + +Lisette. Ja, das werden Sie wohl nimmermehr glauben, daß ich und +Damis schon so weit miteinander gekommen sind, daß er mich verstecken +muß. Schon kann ich ihn um einen Finger wickeln! Noch eine +Unterredung wie vorhin, so habe ich ihn im Sacke. + +Juliane. Und also hätte ich wohl, in allem Scherze, einen recht guten +Einfall gehabt? Wollte doch der Himmel, daß die Verbindung, die sein +Vater zwischen uns-- + +Lisette. Ach, sein Vater! der Schalk, der Geizhals! Jetzt habe ich +ihn kennenlernen. + +Juliane. Was gibst du ihm für Titel? Seine Gütigkeit ist nur gar zu +groß. Seine Wohltaten vollkommen zu machen, trägt er mir die Hand +seines Sohnes und mit ihr sein ganzes Vermögen an. Aber wie +unglücklich bin ich dabei!--Dankbarkeit und Liebe, Liebe gegen den +Valer, und Dankbarkeit-- + +Lisette. Noch vor einer Minute, war ich in ebendem Irrtume. Aber +glauben Sie mir nur, ich weiß es nunmehr aus seinem Munde: nicht aus +Freundschaft für Sie, sondern aus Freundschaft für Ihr Vermögen will +er diese Verbindung treffen. + +Juliane. Für mein Vermögen? du schwärmst. Was habe ich denn, das ich +nicht von ihm hätte? + +Lisette. Kommen Sie, kommen Sie. Hier ist der Ort nicht, viel zu +schwatzen. Ich will Ihnen alles erzählen, was ich gehört habe. + + + + +Zweiter Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Lisette. Valer. Juliane. + + +Lisette (noch innerhalb der Szene). Nur hier herein; Herr Damis ist +ausgegangen. Sie können hier schon ein Wörtchen miteinander im +Vertrauen reden. + +Juliane. Ja, Valer, mein Entschluß ist gefaßt. Ich bin ihm zu viel +schuldig; er hat durch seine Wohltaten das größte Recht über mich +erhalten. Es koste mir, was es wolle; ich muß die Heirat eingehen, +weil es Chrysander verlangt. Oder soll ich etwa die Dankbarkeit der +Liebe aufopfern? Sie sind selbst tugendhaft, Valer, und Ihr Umgang +hat mich edler denken gelehrt. Mich Ihrer wert zu zeigen, muß ich +meine Pflicht, auch mit dem Verluste meines Glückes, erfüllen. + +Lisette. Eine wunderbare Moral! wahrhaftig! + +Valer. Aber wo bleiben Versprechung, Schwur, Treue? Ist es erlaubt, +um eine eingebildete Pflicht zu erfüllen, einer andern, die uns +wirklich verbindet, entgegen zu handeln? + +Juliane. Ach, Valer, Sie wissen es besser, was zu solchen +Versprechungen gehört. Mißbrauchen Sie meine Schwäche nicht. Die +Einwilligung meines Vaters war nicht dabei. + +Valer. Was für eines Vaters?-- + +Juliane. Desjenigen, dem ich für seine Wohltaten diese Benennung +schuldig bin. Oder halten Sie es für keine Wohltaten, der Armut und +allen ihren unseligen Folgen entrissen zu werden? Ach, Valer, ich +würde Ihr Herz nicht besitzen, hätte nicht Chrysanders Sorgfalt mich +zur Tugend und Anständigkeit bilden lassen. + +Valer. Wohltaten hören auf, Wohltaten zu sein, wenn man sucht, sich +für sie bezahlt zu machen. Und was tut Chrysander anders, da er Sie, +allzu gewissenhafte Juliane, nur deswegen mit seinem Sohne verbinden +will, weil er ein Mittel sieht, Ihnen wieder zu dem größten Teile +Ihres väterlichen Vermögens zu verhelfen? + +Juliane. Fußen Sie doch auf eine so wunderbare Nachricht nicht. Wer +weiß, was Lisette gehört hat? + +Lisette. Nichts, als was sich vollkommen mit seiner übrigen +Aufführung reimt. Ein Mann, der seine Wohltaten schon ausposaunet, +der sie einem jeden auf den Fingern vorzurechnen weiß, sucht etwas +mehr als das bloße Gotteslohn. Und wäre es etwa die erste Träne, die +Ihnen aus Verdruß, von einem so eigennützig freigebigen Manne +abzuhängen, entfahren ist? + +Valer. Lisette hat recht!--Aber ich empfinde es leider; Juliane liebt +mich nicht mehr. + +Juliane. Sie liebt Sie nicht mehr? Dieser Verdacht fehlte noch, +ihren Kummer vollkommen zu machen. Wann Sie wüßten, wieviel es ihr, +gegen die Ratschläge der Liebe taub zu sein, koste; wann Sie wüßten, +Valer--ach, die mißtrauischen Mannspersonen! + +Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glück auf +dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und +wollen sich einem andern überlassen? + +Juliane. Ich will? Könnten Sie mich empfindlicher martern? Ich +will?--Sagen Sie: ich muß. + +Valer. Sie müssen?--Noch ist nie ein Herz gezwungen worden als +dasjenige, dem es lieb ist, den Zwang zu seiner Entschuldigung machen +zu können-- + +Juliane. Ihre Vorwürfe sind so fein, so fein! daß ich Sie vor Verdruß +verlassen werde. + +Valer. Bleiben Sie, Juliane; und sagen Sie mir wenigstens, was ich +dabei tun soll? + +Juliane. Was ich tue; dem Schicksale nachgeben. + +Valer. Ach, lassen Sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele! + +Juliane. Das unschuldige? und ich werde also wohl die Schuldige sein? +Halten Sie mich nicht länger-- + +Lisette. Wann ich mich nun nicht bald dazwischenlege, so werden sie +sich vor lauter Liebe zanken.--Was Sie tun sollen, Herr Valer? eine +große Frage! Himmel und Hölle rege machen, damit die gute Jungfer +nicht muß! Den Vater auf andre Gedanken bringen; den Sohn auf Ihre +Seite ziehen.--Mit dem Sohne zwar hat es gute Wege; den überlassen Sie +nur mir. Der gute Damis! Ich bin ohne Zweifel das erste Mädchen, das +ihm schmeichelt, und hoffe dadurch auch das erste zu werden, das von +ihm geschmeichelt wird. Wahrhaftig; er ist so eitel, und ich bin so +geschickt, daß ich mich wohl noch zu seiner Frau an ihm loben wollte, +wenn der verzweifelte Vater nicht wäre!--Sehen Sie, Herr Valer, der +Einfall ist von Mamsell Julianen! Erfinden Sie nun eine Schlinge für +den Vater-- + +Juliane. Was sagst du, Lisette? von mir? O Valer, glauben Sie solch +rasendes Zeug nicht! Habe ich dir etwas anders befohlen, als ihm +einen schlechten Begriff von mir beizubringen? + +Lisette. Ja, recht; einen schlechten von Ihnen--und wenn es möglich +wäre, einen desto bessern von mir. + +Juliane. Nein, es ist mit euch nicht auszuhalten-- + +Valer. Erklären Sie wenigstens, liebste Juliane-- + +Juliane. Erklären? und was? Vielleicht, daß ich Ihnen in die Arme +rennen will und wann ich auch alle Tugenden beleidigen sollte? daß ich +mich mit einer Begierde, mit einem Eifer die Ihrige zu werden bemühen +will, die mich in Ihren Augen notwendig einmal verächtlich machen +müssen? Nein, Valer-- + +Lisette. Hören Sie denn nicht, daß sie uns gern freie Hand lassen +will? Sie macht es wie die schöne Aspasia--oder wie hieß die +Prinzessin in dem dicken Romane? Zwei Ritter machten auf sie Anspruch. +Schlagt euch miteinander, sagte die schöne Aspasia; wer den andern +überwindet, soll mich haben. Gleichwohl aber war sie dem Ritter in +der blauen Rüstung günstiger als dem andern-- + +Juliane. Ach, die Närrin, mit ihrem blauen Ritter--(Reißt sich los +und geht ab.) + + + + +Zweiter Auftritt + +Lisette. Valer. + + +Lisette. Ha! ha! ha! + +Valer. Mir ist nicht lächerlich, Lisette. + +Lisette. Nicht? Ha! ha! ha! + +Valer. Ich glaube, du lachst mich aus. + +Lisette. Oh, so lachen Sie mit! Oder ich muß noch einmal darüber +lachen, daß Sie nicht lachen wollen. Ha! ha! ha! + +Valer. Ich möchte verzweifeln! In der Ungewißheit, ob sie mich noch +liebt-- + +Lisette. Ungewißheit? Sind denn alle Mannspersonen so schwer zu +überreden? Werden sie denn alle zu solchen ängstlichen Zweiflern, +sobald sie die Liebe ein wenig erhitzt? Lassen Sie Ihre Grillen +fahren, Herr Valer, oder ich lache aufs neue. Spannen Sie vielmehr +Ihren Verstand an, etwas auszusinnen, um den alten Chrysander-- + +Valer. Chrysander traut mir nicht und kann mir nicht trauen. Er +kennt meine Neigung zu Julianen. Alle mein Zureden würde umsonst sein; +er würde den Eigennutz, die Quelle davon, gar bald entdecken. Und +wenn ich auch eine völlige Anwerbung tun wollte; was würde es helfen? +Er ist deutsch genug, mir gerade ins Gesicht zu sagen, daß ich seinem +Sohne hier nachstehen müsse, welcher wegen der Wohltaten des Vaters +das größte Recht auf Julianen habe.--Was soll ich also anfangen? + +Lisette. Mit den wunderlichen Leuten, die nur überall den ebenen Weg +gehen wollen! Hören Sie, was mir eingefallen ist. Das Dokument, oder +wie der Quark heißt, ist das einzige, was Chrysandern zu dieser Heirat +Lust macht, so daß er es schon an seinen Advokaten geschickt hat. Wie +wenn man von diesem Advokaten einen Brief unterschieben könnte, in +welchem--in welchem-- + +Valer. In welchem er ihm die Gültigkeit des Dokuments verdächtig +macht; willst du sagen? Der Einfall ist so unrecht nicht! Aber--wenn +ihm nun einmal der Advokate ganz das Gegenteil schreibt, so ist ja +unser Betrug am Tage. + +Lisette. Was für ein Einwurf! Freilich müssen Sie ihn stimmen. Es +ist von jeher gebräuchlich gewesen, daß es sich ein Liebhaber etwas +muß kosten lassen. + +Valer. Wenn nun aber der Advokat ehrlich ist? + +Lisette. Tun Sie doch, als ob Sie seit vier Wochen erst in der Welt +wären. Wie die Geschenke so ist der Advokat. Kommen gar keine, so +ist der niederträchtigste Betrüger der redlichste Mann. Kommen welche, +aber nur kleine, so hält das Gewissen noch so ziemlich das +Gleichgewicht. Es steigen alsdenn wohl Versuchungen bei ihm auf; +allein die kleinste Betrachtung schlägt sie wieder nieder. Kommen +aber nur recht ansehnliche, so ist gar bald der ehrlichste Advokat +nicht mehr der ehrlichste. Er legt die Ehrlichkeit mit den +geschenkten Goldstücken in den Schatz, wo jene eher zu rosten anfängt +als diese. Ich kenne die Herren! + +Valer. Dein Urteil ist zu allgemein. Nicht alle Personen von +einerlei Stande sind auf einerlei Art gesinnet. Ich kenne +verschiedene alte rechtschaffene Sachwalter-- + +Lisette. Was wollen Sie mit Ihren alten? Es ist eben, als wenn Sie +sagten, die großen runden Aufschläge, die kleinen spitzen Knöpfe, die +erschrecklichen Halskrausen, aus welchen man Schiffssegel machen +könnte, die viereckigten breiten Schuhe, die tiefen Taschen, kurz, die +ganze Tracht, wie sich etwa Ihre Paten an Ehrentagen mögen +ausstaffiert haben, wären noch jetzt Mode, weil man noch manchmal hier +und da einige gebückte zitternde Männerchen über die Gassen so +schleichen sieht. Lassen Sie nur noch die und Ihr paar alte +rechtschaffene Advokaten sterben; die Mode und die Redlichkeit werden +einen Weg nehmen. + +Valer. Man hört doch gleich, wenn das Frauenzimmer am beredtesten ist! + +Lisette. Sie meinen etwa, wenn es ans Lästern geht? O wahrhaftig! +des bloßen Lästerns wegen habe ich so viel nicht geplaudert. Meine +vornehmste Absicht war, Ihnen beizubringen, wieviel überall das Geld +tun könne und was für ein vortreffliches Spiel ein Liebhaber in den +Händen hat, wenn er gegen alle freigebig ist, gegen die Gebieterin, +gegen den Advokaten und--Dero Dienerin. (Sie macht eine Verbeugung.) + +Valer. Verlaß dich auf meine Erkenntlichkeit. Ich verspreche dir +eine recht ansehnliche Ausstattung, wenn wir glücklich sind-- + +Lisette. Ei, wie fein! Eine Ausstattung? Sie hoffen doch wohl nicht, +daß ich übrigbleiben werde? + +Valer. Wann du das befürchtest, so verspreche ich dir den Mann darzu. +--Doch komm nur; Juliane wird ohne Zweifel auf uns warten. Wir wollen +gemeinschaftlich unsre Sachen weiter überlegen. + +Lisette. Gehen Sie nur voran; ich muß noch hier verziehen, um meinem +jungen Gelehrten-- + +Valer. Er wird vielleicht schon unten bei dem Vater sein. + +Lisette. Wir müssen uns alleine sprechen. Gehen Sie nur! Sie haben +ihn doch wohl noch nicht gesprochen? + +Valer. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich es ganz und gar +überhoben sein könnte! Seinetwegen würde ich dieses Haus fliehen, +ärger als ein Tollhaus, wenn nicht ein angenehmerer Gegenstand-- + +Lisette. So gehen Sie doch, und lassen Sie den angenehmern Gegenstand +nicht länger auf sich warten. + +(Valer geht ab.) + + + + +Dritter Auftritt + +Anton. Lisette. + + +Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging +Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich +glaube gar, ihr habt eure Zusammenkünfte hier. Warte, Lisette! das +will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon rächen; noch für das +Gestrige; besinnst du dich? + +Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen? + +Anton. Eine Maulschelle vergißt sich wohl bei dem leicht, der sie +gibt, aber der, dem die Zähne davon gewackelt haben, der denkt eine +Zeitlang daran. Warte nur! warte! + +Lisette. Wer heißt dich, mich küssen? + +Anton. Potz Stern, wie gemein würden die Maulschellen sein; wenn alle +die welche bekommen sollten, die euch küssen wollen.--Jetzt soll dich +mein Herr dafür wacker-- + +Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun. + +Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, daß so ein heiliger +Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschöpfen nicht +müsse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie +nennt er ihn?--Apollo--könne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch +davon wäre ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stößer vor den Tauben. +--Und du denkst, mein Herr würde es so mit ansehen, daß du ihm den +lieben Gott von der Stube treibest? + +Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei +euch Mannspersonen? Schweig, oder-- + +Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht? + +Lisette. Noch eine beßre! der Pinsel hätte gestern mehr als eine +verdient. Er kömmt zu mir; es ist finster; er will mich küssen; ich +stoße ihn zurück, er kömmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut +ihm weh; er läßt nach; er schimpft; er geht fort--Ich möchte dir +gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke. + +Anton. Ich hätte es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine +Karesse hättest wiederholen wollen? + +Lisette. Gesetzt, es wären noch einige gefolgt, so würden sie doch +immer schwächer und schwächer geworden sein. Vielleicht hätten sich +die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts. + +Anton. Was hör ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald hätte ich Lust, +die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen. + +Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst +gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur. + +Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige, +die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich dächte, du +hättest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist. + +Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt +dein Herr? + +Anton. Danke du Gott, daß er so lange bleibt; und mache, daß du hier +fortkömmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr, +herausgeprügelt zu werden. + +Lisette. Dafür laß mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post +noch nicht wieder zurück? + +Anton. Woher weißt du denn, daß er auf die Post gegangen ist? + +Lisette. Genug, ich weiß es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie +kam es denn, daß er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem +Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz +verliebt in dich. + +Anton. Wer Henker muß dir das gesagt haben? + +Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da? + +Anton. Schon längst; unten ist er bei seinem Vater. + +Lisette. Und was machen sie miteinander? + +Anton. Was sie machen? sie zanken sich. + +Lisette. Der Sohn will gewiß den Vater von seiner Geschicklichkeit +überführen? + +Anton. Ohne Zweifel muß es so etwas sein. Damis ist ganz außer sich: +er läßt den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Bücher +her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die +er schreiben will, und hundert kleine Bücherchen, die er schon +geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein +Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben +hätten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche +Posaune für einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes +Mundstück darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle +zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz +erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft +einmal über das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine +Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht +gemeint! + +Lisette. Und Damis?-- + +Anton. Und Damis läßt nicht nach. Endlich greift sich der Vater an; +er überschreit ihn mit Gewalt und besänftiget ihn mit einer Menge +solcher Lobsprüche, die in der Welt niemand verdient hat, verdient, +noch verdienen wird. Nun wird der Sohn wieder vernünftig, und nun--ja +nun schreiten sie zu einem andern Punkte, zu einer andern Sache,--zu-- + +Lisette. Wozu denn? + +Anton. Gott sei Dank, mein Maul kann schweigen! + +Lisette. Du willst mir es nicht sagen? + +Anton. Nimmermehr! ich bin zwar sonst ein schlechter Kerl; aber wenn +es auf die Verschwiegenheit ankömmt-- + +Lisette. Lerne ich dich so kennen? + +Anton. Ich dächte, das sollte dir lieb sein, daß ich schweigen kann; +und besonders von Heiratssachen oder was dem anhängig ist-- + +Lisette. Weißt du nichts mehr? O das habe ich längst gewußt. + +Anton. Wie schön sie mich über den Tölpel stoßen will. Also wäre es +ja nicht nötig, daß ich dir es sagte?-- + +Lisette. Freilich nicht! aber mich für dein schelmisches Mißtrauen zu +rächen, weiß ich schon, was ich tun will. Du sollst es gewiß nicht +mehr wagen, gegen ein Mädchen von meiner Profession verschwiegen zu +sein! Besinnst du dich, wie du von deinem Herrn vor kurzem gesprochen +hast? + +Anton. Besinnen? ein Mann, der in Geschäften sitzt, der einen Tag +lang so viel zu reden hat wie ich, soll sich der auf allen Bettel +besinnen? + +Lisette. Seinen Herrn verleumden, ist etwas mehr, sollte ich meinen. + +Anton. Was? verleumden? + +Lisette. Ha, ha! Herr Mann, der in Geschäften sitzt, besinnen Sie +sich nun? Was haben Sie vorhin gegen seinen Vater von ihm geredt? + +Anton. Das Mädel muß den Teufel haben, oder der verzweifelten Alte +hat geplaudert. Aber höre, Lisette, weißt du es gewiß, was ich gesagt +habe? Was war es denn? Laß einmal hören. + +Lisette. Du sollst alles hören, wenn ich es deinem Herrn erzählen +werde. + +Anton. O wahrhaftig, ich glaube, du machst Ernst daraus. Du wirst +mir doch meinen Kredit bei meinem Herrn nicht verderben wollen? Wenn +du wirklich etwas weißt, so sei keine Närrin!--Daß ihr Weibsvolk doch +niemals Spaß versteht! Ich habe dir eine Ohrfeige vergeben, und du +willst dich, einer kleinen Neckerei wegen, rächen? Ich will dir ja +alles sagen. + +Lisette. Nun so sage-- + +Anton. Aber du sagst doch nichts?-- + +Lisette. Je mehr du sagen wirst, je weniger werde ich sagen. + +Anton. Was wird es sonst viel sein, als daß der Vater dem Sohne +nochmals die Heirat mit Julianen vorschlug? Damis schien ganz +aufmerksam zu sein, und--weiter kann ich dir nichts sagen. + +Lisette. Weiter nichts? Gut, gut, dein Herr soll alles erfahren. + +Anton. Um des Himmels willen, Lisette; ich will dir es nur gestehn. + +Lisette. Nun so gesteh! + +Anton. Ich will dir es nur gestehen, daß ich wahrhaftig nichts mehr +gehört habe. Ich wurde eben weggeschickt. Nun weißt du wohl, wenn +man nicht zugegen ist, so kann man nicht viel hören-- + +Lisette. Das versteht sich. Aber was meinst du, wird Damis sich dazu +entschlossen haben? + +Anton. Wenn er sich noch nicht dazu entschlossen hat, so will ich +mein Äußerstes anwenden, daß er es noch tut. Ich soll für meine Mühe +bezahlt werden, Lisette; und du weißt wohl, wenn ich bezahlt werde, +daß alsdenn auch du-- + +Lisette. Ja, ja, auch ich verspreche dir's; du sollst redlich bezahlt +werden!--Unterstehe dich!-- + +Anton. Wie? + +Lisette. Habe einmal das Herz!-- + +Anton. Was? + +Lisette. Dummkopf! meine Jungfer will deinen Damis nicht haben-- + +Anton. Was tut das?-- + +Lisette. Folglich ist mein Wille, daß er sie auch nicht bekommen soll. + +Anton. Folglich, wenn sie mein Herr wird haben wollen, so wird mein +Wille sein müssen, daß er sie bekommen soll. + +Lisette. Höre doch! du willst mein Mann werden und einen Willen für +dich haben? Bürschchen, das laß dir nicht einkommen! Dein Wille muß +mein Wille sein, oder-- + +Anton. St! potz Element! er kömmt; hörst du? er kömmt! Nun sieh ja, +wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Verstecke dich wenigstens; +verstecke dich! Er bringt sonst mich und dich um. + +Lisette (beiseite). Halt, ich will beide betrügen!--Wo denn aber hin? +wohin? in das Kabinett? + +Anton. Ja, ja, nur unterdessen hinein. Vielleicht geht er bald +wieder fort.--Und ich, ich will mich geschwind hieher setzen--(Er +setzt sich an den Tisch, nimmt ein Buch in die Hand und tut, als ob er +den Damis nicht gewahr würde.) + + + + +Vierter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten--wie glücklich sind die Leute +nicht!--Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, daß er mich nicht auch +auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muß es für eine Lust +sein, wenn man alles in der Welt weiß, so wie mein Herr!--Potz Stern, +die Bücher alle zu verstehn!--Wenn man nur darunter sitzt, man mag +darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch!--Ich +fühl's, wahrhaftig ich fühl's, der Verstand duftet mir recht daraus +entgegen.--Gewiß, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts +als eine Bestie.--Ich dumme Bestie!--(Beiseite.) Nun, wie lange wird +er mich noch schimpfen lassen?--Wir sind doch närrisch gepaaret, ich +und mein Herr!--Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten +nichts nach.--Ich will auch noch heute anfangen zu lesen.--Wenn ich +ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch +ein ganzer Kerl werden.--Nur frisch angefangen! Da sind Bücher genug! +--Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muß man sich nicht +übernehmen.--Ha! da finde ich ein allerliebstes Büchelchen.--In so +einem muß es sich mit Lust studieren lassen.--Nur frisch angefangen, +Anton!--Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne?--Wahrhaftig, +es wäre eine Schande für meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so +abscheulich gelehrten Herrn, wenn er länger einen so dummen Bedienten +haben sollte-- + +Damis (indem er sich ihm vollends nähert). Ja freilich wäre es eine +Schande für ihn. + +Anton. Hilf Himmel! mein Herr-- + +Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehört-- + +Anton. Sie haben alles gehört?--ich bitte tausendmal um Verzeihung, +wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe.--Ich war so eingenommen, so +eingenommen von der Schönheit der Gelehrsamkeit--verzeihen Sie mir +meinen dummen Streich--, daß ich selbst noch gelehrt werden wollte. + +Damis. Schimpfe doch nicht selbst den klügsten Einfall, den du +zeitlebens gehabt hast. + +Anton. Vor zwanzig Jahren möchte er klug genug gewesen sein. + +Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt. +Wir können in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich +gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben. + +Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoß +werfen.--Aber in welcher Stadt sind die Leute? + +Damis. In welcher Stadt? + +Anton. Ja; ich muß hin, sie kennenzulernen. Sie müssen mir sagen, +wie sie es angefangen haben.-- + +Damis. Was willst du mit der Stadt? + +Anton. Sie denken etwa, ich weiß nicht, was eine Republik +ist?--Sachsen, zum Exempel--Und eine Republik hat ja mehr wie eine +Stadt? nicht? + +Damis. Was für ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten. +Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein +Gelehrter, wie ich bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit: +er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß-- + +Anton. Aber sie muß doch wo liegen, die Republik der Gelehrten. + +Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist überall. + +Anton. Überall? und also ist sie mit der Republik der Narren an +einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch überall. + +Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und +die Ungelehrten überall untermengt, und zwar so, daß die letztern +immer den größten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen. +Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben? +Einige davon wissen nichts, und wissen es, daß sie nichts wissen. +Unter diese gehörst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und +deswegen sind sie noch die erträglichsten. Andre wissen nichts und +wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit für +glücklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit-- + +Anton. Das Eulengeschlecht! + +Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen; +sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein +haben, als hätten sie etwas gelernt. Und diese sind die +allerunerträglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch +mein Vater gehört. + +Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater, +nicht zu einem Erznarren machen? + +Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht, +insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen +betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an +sich reißen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es +ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie ärgerlich er mir ist, wenn er, +als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte +Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und höchstens das letzte +für das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen +Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muß, so +prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater +sein, oder nicht. + +Anton. Schade! ewig schade! daß ich das insofern und in Absicht nicht +als ein Junge gewußt habe. Mein Vater hätte mir gewiß nicht so viel +Prügel umsonst geben sollen. Er hätte sie alle richtig wiederbekommen; +nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich +zuerst geschlagen hätte. Es lebe die Gelehrsamkeit!-- + +Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natürlichen +Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten kömmt. Ich muß +doch den Hobbes nachsehen!--Geduld! daraus will ich gewiß eine schöne +Schrift machen! + +Anton. Um zu beweisen, daß man seinen Vater wiederprügeln dürfe?-- + +Damis. Certo respectu allerdings. Nur muß man sich wohl in acht +nehmen, daß man, wenn man ihn schlägt, nicht den Vater, sondern den +Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst-- + +Anton. Aggressor? Was ist das für ein Ding? + +Damis. So heißt der, welcher ausschlägt-- + +Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr, +stieße wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem +Buckel durch eine Tracht Schläge empfindlich machte: so wären Sie--wie +heißt es?--der Aggressor; und ich, ich würde berechtiget sein, mich +über den Aggressor zu erbarmen, und ihm-- + +Damis. Kerl, du bist toll!-- + +Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu +richten wissen, daß der Herr unterdessen beiseite geschafft würde-- + +Damis. Nun wahrhaftig, das wäre ein merkwürdiges Exempel, in was für +verderbliche Irrtümer man verfallen kann, wenn man nicht weiß, aus +welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die +Prügel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehören nicht in +das Recht der Natur, sondern in das bürgerliche Recht. Wenn sich ein +Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen +Grundsatz merke dir. + +Anton. Aus dem bürgerlichen Rechte ist er? O das muß ein garstiges +Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte +Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Prügeln verhelfen als dafür +schützen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle +ihre wächserne Nasen so gut verstünde als Sie--O Herr Damis, erbarmen +Sie sich meiner Dummheit! + +Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es +erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten +gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen +Lehren unterstützen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir, +dich in die gelehrte Welt selbst einzuführen und mit einem besondern +Werke dich ihr anzukündigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit, +etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder +auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal berühmt. +--Doch laß einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu +versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Händen? + +Anton. Es war ein ganz kleines-- + +Damis. Welches denn?-- + +Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Rücken +und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da! + +Damis. Das hattest du? das? + +Anton. Ja, das! + +Damis. Das? + +Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so hübsch klein war-- + +Damis. Ich hätte dir selbst kein beßres vorschlagen können. + +Anton. Das dacht' ich wohl, daß es ein schön Buch sein müsse. Würde +es wohl sonst einen so schönen Rock haben? + +Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es +selbst geschrieben. Siehst du?--Auctore Damide! + +Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehört, daß man die +leiblichen Kinder besser in Kleidung hält als die Stiefkinder. Das +zeugt von der väterlichen Liebe. + +Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst übertroffen. +Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus. + +Anton. Aus Ihrem eignen Buche? + +Damis. Wundert dich das?--Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst: +mein Gott, das arme Mädchen! Sie wird doch nicht noch in dem +Kabinette stecken (Er geht darauf los.) + +Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin? + +Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen? + +Anton. Nun bin ich verloren!--Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich +lebe, sie ist nicht drinne. + +Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort? + +Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen. +Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne-- + + + + +Fünfter Auftritt + +Lisette. Damis. Anton. + + +Lisette. Allerdings ist sie noch drinne-- + +Anton. O das Rabenaas! + +Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette! +das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen +wäre, hätte Sie immer wieder herausgehen können. + +Lisette. Ich wußte doch nicht, ob ich recht täte. Ich wollte also +lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder +hervorkommen hieß-- + +Anton. Zum Henker, von was für einem Verstecken reden die? (Sachte +zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon +einmal versteckt? Nun weiß ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige +auslegen soll. Du Falsche! + +Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, daß ich zuvor bei dir gewesen +bin, oder--du weißt schon-- + +Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht +hören? + +Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloß, er solle heruntergehen, +daß, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen könnte, +ich sei ausgegangen. Juliane ist mißtrauisch; sie suchte mich doch +wohl hier, wenn sie mich brauchte. + +Damis. Das ist vernünftig. Gleich, Anton, geh! + +Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette? + +Lisette. Freilich; fort, laß uns allein. + +Damis. Wirst du bald gehen? + +Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr +Geplaudre werden überdrüssig sein, und das wird gar bald geschehen, +wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht +dabei bin? + +Lisette. Warte, ich will dein Lästermaul-- + +Damis. Laß dich unbekümmert! Wann sie mir beschwerlich fällt, wird +sie schon selbst so vernünftig sein und gehen. + +Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube! +Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden. + +Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeißen müssen? + +Anton. Das wäre mir gelegen.--Die verdammten Mädel! auch bei dem +Teufel können sie sich einschmeicheln. (Geht ab.) + + + + +Sechster Auftritt + +Lisette. Damis + + +Damis. Und wo blieben wir denn vorhin? + +Lisette. Wo blieben wir? bei dem, was ich allezeit am liebsten höre +und wovon ich allezeit am liebsten rede, bei Ihrem Lobe. Wenn es nur +nicht eine so gar kitzliche Sache wäre, einen ins Gesicht zu loben! +--Ich kann Ihnen unmöglich die Marter antun. + +Damis. Aber ich beteure Ihr nochmals, Lisette: es ist mir nicht um +mein Lob zu tun! Ich möchte nur gern hören, auf was für verschiedene +Art verschiedene Personen einerlei Gegenstand betrachtet haben. + +Lisette. Jeder lobte dasjenige an Ihnen, was er an sich +Lobenswürdiges zu finden glaubte. Zum Exempel, der kleine dicke Mann +mit der ernsthaften Miene, der so selten lacht, der aber, wenn er +einmal zu lachen anfängt, mit dem erschütterten Bauche den ganzen +Tisch über den Haufen wirft-- + +Damis. Und wer ist das? Aus Ihrer Beschreibung, Lisette, kann ich es +nicht erraten--O es ist mit den Beschreibungen eine kitzliche Sache! +Es gehört nicht wenig dazu, sie so einzurichten, daß man, gleich bei +dem ersten Anblicke, das Beschriebene erkennen kann. Über nichts +aber muß ich mehr lachen, als wenn ich bei diesem und jenem großen +Philosophen, wahrhaftig bei Männern, die schon einer ganzen Sekte +ihren Namen gegeben haben, öfters Beschreibungen anstatt Erklärungen +antreffe. Das macht, die guten Herren haben mehr Einbildungskraft als +Beurteilung. Bei der Erklärung muß der Verstand in das Innere der +Dinge eindringen; bei der Beschreibung aber darf man bloß auf die +äußerlichen Merkmale, auf das-- + +Lisette. Wir kommen von unsrer Sache, Herr Damis. Ihr Lob-- + +Damis. Jawohl; fahr Sie nur fort, Lisette. Von wem wollte Sie vorhin +reden? + +Lisette. Je, sollten Sie denn den kleinen Mann nicht kennen? Er +bläset immer die Backen auf-- + +Damis. Sie meint vielleicht den alten Ratsherrn? + +Lisette. Ganz recht, aber seinen Namen-- + +Damis. Was liegt an dem?-- + +Lisette. "Ja, Herr Chrysander", sagte also der Ratsherr, an dessen +Namen nichts gelegen ist, "Ihr Herr Sohn kann einmal der beste +Ratsherr von der Welt werden, wenn er sich nur darauf applizieren will." +Es gehört ein aufgeweckter Geist dazu; den hat er: eine fixe Zunge; +die hat er: eine tiefe Einsicht in die Staatskunst; die hat er: eine +Geschicklichkeit, seine Gedanken zierlich auf das Papier zu bringen; +die hat er: eine verschlagne Aufmerksamkeit auf die geringsten +Bewegungen unruhiger Bürger; die hat er: und wenn er sie nicht hat--o +die Übung--die Übung! Ich weiß ja, wie mir es anfangs ging. Freilich +kann man die Geschicklichkeit zu einem so schweren Amte nicht gleich +mit auf die Welt bringen-- + +Damis. Der Narr! es ist zwar wahr, daß ich alle diese +Geschicklichkeiten besitze; allein mit der Hälfte derselben könnte ich +Geheimter Rat werden, und nicht bloß-- + + + + +Siebenter Auftritt + +Anton. Lisette. Damis. + + +Damis. Nun, was willst du schon wieder? + +Anton. Mamsell Juliane weiß es nun, daß Lisette ausgegangen ist. +Fürchten Sie sich nur nicht; sie wird uns nicht überraschen-- + +Damis. Wer hieß dich denn wiederkommen? + +Anton. Sollte ich wohl meinen Herrn allein lassen? Und dazu, es +überfiel mich auf einmal so eine Angst, so eine Bangigkeit; die Ohren +fingen mir an zu klingen und besonders das linke--Lisette! Lisette! + +Lisette. Was willst du denn? + +Anton (sachte zu Lisetten). Was habt ihr denn beide allein gemacht? +Was gilt's, es ging auf meine Unkosten! + +Lisette. O pack dich--Ich weiß nicht, was der Narre will. + +Damis. Fort, Anton! es ist die höchste Zeit; du mußt wieder auf die +Post sehen. Ich weiß auch gar nicht, wo sie so lange bleibt.--Wird's +bald? + +Anton. Lisette, komm mit! + +Damis. Was soll denn Lisette mit? + +Anton. Und was soll sie denn bei Ihnen? + +Damis. Unwissender! + +Anton. Ja freilich ist es mein Unglück, daß ich es nicht weiß. +(Sachte zu Lisetten.) Rede nur wenigstens ein wenig laut, damit ich +höre, was unter euch vorgeht--Ich werde horchen--(Gehet ab.) + + + + +Achter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Lisette. Lassen Sie uns ein wenig sachte reden. Sie wissen wohl, man +ist vor dem Horcher nicht sicher. + +Damis. Jawohl; fahr Sie also nur sachte fort. + +Lisette. Sie kennen doch wohl des Herrn Chrysanders Beichtvater? + +Damis. Beichtvater? soll ich denn alle solche Handwerksgelehrte +kennen? + +Lisette. Wenigstens schien er Sie sehr wohl zu kennen. "Ein guter +Prediger", fiel er der dicken Rechtsgelehrsamkeit ins Wort, "sollte +Herr Damis gewiß auch werden. Eine schöne Statur; eine starke +deutliche Stimme; ein gutes Gedächtnis; ein feiner Vortrag; eine +anständige Dreistigkeit; ein reifer Verstand, der über seine Meinungen +türkenmäßig zu halten weiß: alle diese Eigenschaften glaube ich, in +einem ziemlich hohen Grade, bei ihm bemerkt zu haben. Nur um einen +Punkt ist mir bange. Ich fürchte, ich fürchte, er ist auch ein wenig +von der Freigeisterei angesteckt."--"Ei, was Freigeisterei?" schrie +der schon halb trunkene Medikus. "Die Freigeister sind brave Leute! +Wird er deswegen keinen Kranken kurieren können? Wenn es nach mir +geht, so muß er ein Medikus werden. Griechisch kann er, und +Griechisch ist die halbe Medizin. (Indem sie allmählich wieder lauter +spricht.) Freilich das Herz, das dazu gehört, kann sich niemand geben. +Doch das kömmt von sich selbst, wenn man erst eine Weile praktiziert +hat."--"Nu", fiel ihm ein alter Kaufmann in die Rede, "so muß es mit +den Herrn Medizinern wohl sein wie mit den Scharfrichtern. Wenn die +zum ersten Male köpfen, so zittern und beben sie; je öfter sie aber +den Versuch wiederholen, desto frischer geht es."--Und auf diesen +Einfall ward eine ganze Viertelstunde gelacht; in einem fort, in einem +fort; sogar das Trinken ward darüber vergessen. + + + + +Neunter Auftritt + +Lisette. Damis. Anton. + + +Anton. Herr, die Post wird heute vor neun Uhr nicht kommen. Ich habe +gefragt; Sie können sieh darauf verlassen. + +Damis. Mußt du uns aber denn schon wieder stören, Idiote? + +Anton. Es soll mir recht lieb sein, wann ich Sie nur noch zur rechten +Zeit gestört habe. + +Damis. Was willst du mit deiner rechten Zeit? + +Anton. Ich will mich gegen Lisetten schon deutlicher erklären. Darf +ich ihr etwas ins Ohr sagen? + +Lisette. Was wirst du mir ins Ohr zu sagen haben? + +Anton. Nur ein Wort. (Sachte.) Du denkst, ich habe nicht gehorcht? +Sagtest du nicht: du hättest nicht Herz genug dazu? doch wenn du nur +erst das Ding eine Weile würdest praktizierst haben--O ich habe alles +gehört--Kurz, wir sind geschiedne Leute! Du Unverschämte, Garstige-- + +Lisette. Sage nur, was du willst? + +Damis. Gleich, geh mir wieder aus den Augen! Und komme mir nicht +wieder vors Gesicht, bis ich dich rufen werde oder bis du mir Briefe +von Berlin bringst!--Ich kann sie kaum erwarten. So macht es die +übermäßige Freude! Zwar sollte ich Hoffnung sagen, weil jene nur auf +das Gegenwärtige und diese auf das Zukünftige geht. Doch hier ist das +Zukünftige schon so gewiß als das Gegenwärtige. Ich brauche die +Sprache der Propheten, die ihrer Sachen doch unmöglich so gewiß sein +konnten.--Die ganze Akademie müßte blind sein.--Nun, was stehst du +noch da? Wirst du gehen? + + + + +Zehnter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Lisette. Da sehen Sie! so lobten Sie die Leute. + +Damis. Ah, wann die Leute nicht besser loben können, so möchten sie +es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht rühmen, aber doch so +viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die +Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrtheit oder der +Rechte oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei +Fakultäten habe ich disputiert; in allen dreien habe ich-- + +Lisette. Sie sprechen von einer Braut? heiraten Sie denn wirklich? + +Damis. Hat Sie denn auch schon davon gehört, Lisette? + +Lisette. Kömmt denn wohl ohn' unsereiner irgend in einem Hause eine +Heirat zustande? Aber eingebildet hätte ich mir es nimmermehr, daß +Sie sich für Julianen entschließen würden! für Julianen! + +Damis. Größtenteils tue ich es dem Vater zu Gefallen, der auf die +außerordentlichste Weise deswegen in mich dringt. Ich weiß wohl, daß +Juliane meiner nicht wert ist. Allein soll ich einer solchen +Kleinigkeit wegen, als eine Heirat ist, den Vater vor den Kopf stoßen? +Und dazu habe ich sonst einen Einfall, der mir ganz wohl lassen wird. + +Lisette. Freilich ist Juliane Ihrer nicht wert; und wenn nur alle +Leute die gute Mamsell so kennten als ich-- + + + + +Eilfter Auftritt + +Anton. Damis. Lisette. + + +Anton (vor sich). Ich kann die Leute unmöglich so alleine lassen. +--Herr Valer fragt, ob Sie in Ihrer Stube sind? Sind Sie noch da, +Herr Damis? + +Damis. Sage mir nur, Unwissender, hast du dir es denn heute recht +vorgesetzt, mir beschwerlich zu fallen? + +Lisette. So lassen Sie ihn nur da, Herr Damis. Er bleibt doch nicht +weg-- + +Anton. Ja, jetzt soll ich dableiben; jetzt, da es schon vielleicht +vorbei ist, was ich nicht hören und sehen sollte. + +Damis. Was soll denn vorbei sein? + +Anton. Das werden Sie wohl wissen. + +Lisette (sachte). Jetzt, Anton, hilf mir, Julianen bei deinem Herrn +recht schwarz machen. Willst du? + +Anton. Ei ja doch! zum Danke vielleicht-- + +Lisette. So schweig wenigstens.--Notwendig, Herr Damis, müssen Sie +mit Julianen übel fahren. Ich bedaure Sie im voraus. Der ganze +Erdboden trägt kein ärgeres Frauenzimmer-- + +Anton. Glauben Sie es nicht, Herr Damis; Juliane ist ein recht gut +Kind. Sie können mit keiner in der Welt besser fahren. Ich wünsche +Ihnen im voraus Glück. + +Lisette. Wahrhaftig! du mußt gegen deinen Herrn sehr redlich gesinnt +sein, daß du ihm eine so unerträgliche Plage an den Hals schwatzen +willst. + +Anton. Noch weit redlicher mußt du gegen deine Mamsell sein, daß du +ihr einen so guten Ehemann, als Herr Damis werden wird, mißgönnest. + +Lisette. Einen guten Ehemann? Nun wahrhaftig, ein guter Ehemann, das +ist auch alles, was sie sich wünscht. Ein Mann, der alles gut sein +läßt-- + +Anton. Ho! ho! alles? Hören Sie, Herr Damis, für was Sie Lisette +ansieht? Aus der Ursache möchtest du wohl selbst gern seine Frau +sein? Alles? ei! unter das alles, gehört wohl auch--? du verstehst +mich doch? + +Damis. Aber im Ernste, Lisette; glaubt Sie wirklich, daß Ihre Jungfer +eine recht böse Frau werden wird? Hat sie in der Tat viel schlimme +Eigenschaften? + +Lisette. Viel? Sie hat sie alle, die man haben kann; auch nicht die +ausgenommen, die einander widersprechen. + +Damis. Will Sie mir nicht ein Verzeichnis davon geben? + +Lisette. Wo soll ich anfangen?--Sie ist albern-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und ich sage: Lügen! + +Lisette. Sie ist zänkisch-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und ich sage: Lügen! + +Lisette. Sie ist eitel-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Lügen! sag ich. + +Lisette. Sie ist keine Wirtin-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Lügen! + +Lisette. Sie wird Sie durch übertriebenen Staat, durch beständige +Ergötzlichkeiten und Schmausereien, um alle das Ihrige bringen-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Lügen! + +Lisette. Sie wird Ihnen die Sorge um eine Herde Kinder auf den Hals +laden-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Das tun die besten Weiber am ersten! + +Lisette. Aber um Kinder, die aus der rechten Quelle nicht geholt sind. + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und zwar Kleinigkeit nach der Mode! + +Lisette. Kleinigkeit? aber was denken Sie denn, Herr Damis? + +Damis. Ich denke, daß Juliane nicht arg genug sein kann. Ist sie +albern? ich bin desto klüger; ist sie zänkisch? ich bin desto +gelassener; ist sie eitel? ich bin desto philosophischer gesinnt; +vertut sie? sie wird aufhören, wenn sie nichts mehr hat; ist sie +fruchtbar? so mag sie sehen, was sie vermag, wann sie es mit mir um +die Wette sein will. Ein jedes mache sich ewig, womit es kann; das +Weib durch Kinder, der Mann durch Bücher. + +Anton. Aber merken Sie denn nicht, daß Lisette ihre Ursachen haben +muß, Julianen so zu verleumden? + +Damis. Ach freilich merk ich es. Sie gönnt mich ihr und beschreibt +sie mir also vollkommen nach meinem Geschmacke. Sie hat es ohne +Zweifel geschlossen, daß ich ihre Mamsell nur eben deswegen, weil sie +das unerträglichste Frauenzimmer ist, heiraten will. + +Lisette. Nur deswegen? nur deswegen? und das hätte ich geschlossen? +Ich müßte Sie für irre im Kopfe gehalten haben. Überlegen Sie doch +nur-- + +Damis. Das geht zu weit, Lisette! Traut Sie mir keine Überlegung zu? +Was ich gesagt habe, ist die Frucht einer nur allzu scharfen +Überlegung. Ja, es ist beschlossen: ich will die Zahl der unglücklich +scheinenden Gelehrten, die sich mit bösen Weibern vermählt haben, +vermehren. Dieser Vorsatz ist nicht von heute. + +Anton. Nein, wahrhaftig!--Was aber der Teufel nicht tun kann! Wer +hätte es sich jetzt sollen träumen lassen, jetzt da es Ernst werden +soll? Ich muß lachen; Lisette wollte ihn von der Heirat abziehen und +hat ihm nur mehr dazu beredt; und ich, ich wollte ihn dazu bereden und +hätte ihn bald davon abgezogen. + +Damis. Einmal soll geheiratet sein. Auf eine recht gute Frau darf +ich mir nicht Rechnung machen; also wähle ich mir eine recht schlimme. +Eine Frau von der gemeinen Art, die weder kalt noch warm, weder recht +gut noch recht schlimm ist, taugt für einen Gelehrten nichts, ganz und +gar nichts! Wer wird sich nach seinem Tode um sie bekümmern? +Gleichwohl verdient er es doch, daß sein ganzes Haus mit ihm +unsterblich bleibe. Kann ich keine Frau haben, die einmal ihren Platz +in einer Abhandlung de bonis Eruditorum uxoribus findet, so will ich +wenigstens eine haben, mit welcher ein fleißiger Mann seine Sammlung +de malis Eruditorum uxoribus vermehren kann. Ja, ja; ich bin es +ohnehin meinem Vater, als der einzige Sohn, schuldig, auf die +Erhaltung seines Namens mit der äußersten Sorgfalt bedacht zu sein. + +Lisette. Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen--Ich habe +Sie, Herr Damis, für einen so großen Geist gehalten-- + +Damis. Und das nicht mit Unrecht. Doch eben hierdurch glaube ich den +stärksten Beweis davon zu geben. + +Lisette. Ich möchte platzen!--Ja, ja, den stärksten Beweis, daß +niemand schwerer zu fangen ist als ein junger Gelehrter; nicht sowohl +wegen seiner Einsicht und Verschlagenheit als wegen seiner Narrheit. + +Damis. Wie, so naseweis, Lisette? Ein junger Gelehrter?--ein junger +Gelehrter?-- + +Lisette. Ich will Ihnen die Verweise ersparen. Valer soll gleich von +allem Nachricht bekommen. Ich bin Ihre Dienerin. + + + + +Zwölfter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Anton. Da sehen Sie! Nun läuft sie fort, da Sie nach ihrer Pfeife +nicht tanzen wollen.-- + +Damis. Mulier non Homo! bald werde ich auch dieses Paradoxon für wahr +halten. Wodurch zeigt man, daß man ein Mensch ist? Durch den +Verstand. Wodurch zeigt man, daß man Verstand hat? Wann man die +Gelehrten und die Gelehrsamkeit gehörig zu schätzen weiß. Dieses kann +kein Weibsbild, und also hat es keinen Verstand, und also ist es kein +Mensch. Ja, wahrhaftig ja; in diesem Paradoxo liegt mehr Wahrheit als +in zwanzig Lehrbüchern. + +Anton. Wie ist mir denn? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie Herr +Valer gesucht hat? Wollen Sie nicht gehen und ihn sprechen? + +Damis. Valer? ich will ihn erwarten. Die Zeiten sind vorbei, da ich +ihn hochschätzte. Er hat seit einigen Jahren die Bücher beiseite +gelegt; er hat sich das Vorurteil in den Kopf setzen lassen, daß man +sich vollends durch den Umgang und durch die Kenntnis der Welt +geschickt machen müsse, dem Staate nützliche Dienste zu leisten. Was +kann ich mehr tun als ihn bedauern? Doch ja, endlich werde ich mich +auch seiner schämen müssen. Ich werde mich schämen müssen, daß ich +ihn ehemals meiner Freundschaft wert geschätzt habe. O wie ekel muß +man in der Freundschaft sein! Doch was hat geholfen, daß ich es bis +auf den höchsten Grad gewesen bin? Umsonst habe ich mich vor der +Bekanntschaft aller mittelmäßigen Köpfe gehütet; umsonst habe ich mich +bestrebt, nur mit Genies, nur mit originellen Geistern umzugehen: +dennoch mußte mich Valer, unter der Larve eines solchen, hintergehen. +O Valer! Valer! + +Anton. Laut genug, wenn er es hören soll. + +Damis. Ich hätte über sein kaltsinniges Kompliment bersten mögen! +Von was unterhielt er mich? von nichtswürdigen Kleinigkeiten. Und +gleichwohl kam er von Berlin, und gleichwohl hätte er mir die +allerangenehmste Neuigkeit zuerst berichten können. O Valer! Valer! + +Anton. St! wahrhaftig er kömmt. Sehen Sie, daß er sich nicht dreimal +rufen läßt? + + + + +Dreizehnter Auftritt + +Damis. Valer. Anton. + + +Valer. Verzeihen Sie, liebster Freund, daß ich Sie in Ihrer gelehrten +Ruhe störe-- + +Anton. Wenn er doch gleich sagte, Faulheit. + +Damis. Stören? Ich sollte glauben, daß Sie mich zu stören kämen? +Nein, Valer, ich kenne Sie zu wohl; Sie kommen, mir die angenehmsten +Neuigkeiten zu hinterbringen, die der Aufmerksamkeit eines Gelehrten, +der seine Belohnung erwartet, würdig sind.--Einen Stuhl, Anton! +--Setzen Sie sich. + +Valer. Sie irren sich, liebster Freund. Ich komme, Ihnen die +Unbeständigkeit Ihres Vaters zu klagen; ich komme, eine Erklärung von +Ihnen zu verlangen, von welcher mein ganzes Glück abhängen wird.-- + +Damis. Oh! ich konnte es Ihnen gleich ansehen, daß Sie vorhin die +Gegenwart meines Vaters abhielt, sich mit mir vertraulicher zu +besprechen und mir Ihre Freude über die Ehre zu bezeigen, die mir der +billige Ausspruch der Akademie-- + +Valer. Nein, allzu gelehrter Freund; lassen Sie uns einen Augenblick +von etwas minder Gleichgültigem reden. + +Damis. Von etwas minder Gleichgültigem? Also ist Ihnen meine Ehre +gleichgültig? Falscher Freund!-- + +Valer. Ihnen wird diese Benennung zukommen, wann Sie mich länger von +dem, was für ein zärtliches Herz das wichtigste ist, abbringen werden. +Ist es wahr, daß Sie Julianen heiraten wollen? daß Ihr Vater dieses +allzu zärtliche Frauenzimmer durch Bande der Dankbarkeit binden will, +in seiner Wahl minder frei zu handeln? Habe ich Ihnen jemals aus +meiner Neigung gegen Julianen ein Geheimnis gemacht? Haben Sie mir +nicht von jeher versprochen, meiner Liebe behilflich zu sein? + +Damis. Sie ereifern sich, Valer; und vergessen, daß ein Weibsbild die +Ursache ist. Schlagen Sie sich diese Kleinigkeit aus dem Sinne--Sie +müssen in Berlin gewesen sein, da die Akademie den Preis auf dieses +Jahr ausgeteilet hat. Die Monaden sind die Aufgabe gewesen. Sollten +Sie nicht etwa gehört haben, daß die Devise-- + +Valer. Wie grausam sind Sie, Damis! So antworten Sie mir doch! + +Damis. Und Sie wollen mir nicht antworten? Besinnen Sie sich; sollte +nicht die Devise Unum est necessarium sein gekrönt worden? Ich +schmeichle mir wenigstens-- + +Valer. Bald schmeichle ich mir nun mit nichts mehr, da ich Sie so +ausschweifend sehe. Bald werde ich nun auch glauben müssen, daß die +Nachricht, die ich für eine Spötterei von Lisetten gehalten habe, +gegründet sei. Sie halten Julianen für Ihrer unwert, Sie halten sie +für die Schande ihres Geschlechts, und eben deswegen wollen Sie sie +heiraten? Was für ein ungeheurer Einfall! + +Damis. Ha! ha! ha! + +Valer. Ja, lachen Sie nur, Damis, lachen Sie nur! Ich bin ein Tor, +daß ich einen Augenblick solchen Unsinn von Ihnen habe glauben können. +Sie haben Lisetten zum besten gehabt oder Lisette mich. Nein, nur in +ein zerrüttetes Gehirn kann ein solcher Entschluß kommen! Ihn zu +verabscheuen braucht man nur vernünftig zu denken und lange nicht edel, +wie Sie doch zu denken gewohnt sind. Aber lösen Sie mir, ich bitte +Sie, dieses marternde Rätsel! + +Damis. Bald werden Sie mich, Valer, auf Ihr Geschwätze aufmerksam +gemacht haben. So verlangen Sie doch in der Tat, daß ich meinen Ruhm +Ihrer törichten Neigung nachsetzen soll? Meinen Ruhm!--Doch +wahrhaftig, ich will vielmehr glauben, daß Sie scherzen. Sie wollen +versuchen, ob ich in meinen Entschließungen auch wankelhaft bin. + +Valer. Ich scherzen? der Scherz sei verflucht, der mir hier in den +Sinn kommt!-- + +Damis. Desto lieber ist mir es, wann Sie endlich ernsthaft reden +wollen. Was ich Ihnen sage: die Schrift mit der Devise Unum est +necessarium-- + + + + +Vierzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. Valer. Anton. + + +Chrysander (mit einem Zeitungsblatte in der Hand). Nun, nicht wahr, +Herr Valer? mein Sohn ist nicht von der Heirat abzubringen? Sehen Sie, +daß nicht sowohl ich als er auf diese Heirat dringt? + +Damis. Ich? ich auf die Heirat dringen? + +Chrysander. St! st! st! + +Damis. Ei was st, st? Meine Ehre leidet hierunter. Könnte man nicht +auf die Gedanken kommen, wer weiß was mir an einer Frau gelegen sei? + +Chrysander. St! st! st! + +Valer. Oh! brauchen Sie doch keine Umstände. Ich sehe es ja wohl; +Sie sind mir beide entgegen. Was für ein Unglück hat mich in dieses +Haus führen müssen! Ich muß eine liebenswürdige Person antreffen; ich +muß ihr gefallen und muß doch endlich, nach vieler Hoffnung, alle +Hoffnung verlieren. Damis, wenn ich jemals einiges Recht auf Ihre +Freundschaft gehabt habe-- + +Damis. Aber, nicht wahr, Valer? einer Sache wegen muß man auf die +Berlinische Akademie recht böse sein? Bedenken Sie doch, sie will +künftig die Aufgaben zu dem Preise zwei Jahr vorher bekanntmachen. +Warum denn zwei Jahr? war es nicht an einem genug? Hält sie denn die +Deutschen für so langsame Köpfe? Seit ihrer Erneuerung habe ich jedes +Jahr meine Abhandlung mit eingeschickt; aber, ohne mich zu rühmen, +länger als acht Tage habe ich über keine zugebracht. + +Chrysander. Wißt ihr denn aber auch, ihr lieben Leute, was in den +Niederlanden vorgegangen ist? Ich habe hier eben die neuste Zeitung. +Sie haben sich die Köpfe wacker gewaschen. Doch die Alliierten, ich +bin in der Tat recht böse auf sie. Haben sie nicht wieder einen +wunderbaren Streich gemacht!-- + +Anton. Nun, da reden alle drei etwas anders! Der spricht von der +Liebe; der von seinen Abhandlungen; der vom Kriege. Wenn ich auch +etwas Besonders reden soll, so werde ich vom Abendessen reden. Vom +Mittage an bis auf den Abend um sechs Uhr zu fasten sind keine +Narrenspossen. + +Valer. Unglückliche Liebe! + +Damis. Die unbesonnene Akademie! + +Chrysander. Die dummen Alliierten! + +Anton. Die vierte Stimme fehlt noch: die langsamen Bratenwender! + + + + +Funfzehnter Auftritt + +Lisette. Damis. Valer. Chrysander. Anton. + + +Lisette. Nun, Herr Chrysander? ich glaubte, Sie hätten die Herren zu +Tische rufen wollen? Ich sehe aber, Sie wollen selbst gerufen sein. +Es ist schon aufgetragen. + +Anton. Das war die höchste Zeit! dem Himmel sei Dank! + +Chrysander. Es ist wahr; es ist wahr; ich hätte es bald vergessen. +Der Zeitungsmann hielt mich auf der Treppe auf. Kommen Sie, Herr +Valer; wir wollen die jetzigen Staatsgeschäfte ein wenig miteinander +bei einem Gläschen überlegen. Schlagen Sie sich Julianen aus dem +Kopfe. Und du, mein Sohn, du magst mit deiner Braut schwatzen. Du +wirst gewiß eine wackre Frau an ihr haben; nicht so eine Xanthippe +wie-- + +Damis. Xanthippe? wie verstehen Sie das? Sind Sie etwa auch noch in +dem pöbelhaften Vorurteile, daß Xanthippe eine böse Frau gewesen sei? + +Chrysander. Willst du sie etwa für eine gute halten? Du wirst doch +nicht die Xanthippe verteidigen? Pfui! das heißt einen Abc-Schnitzer +machen. Ich glaube, ihr Gelehrten, je mehr ihr lernt, je mehr vergeßt +ihr. + +Damis. Ich behaupte aber, daß man kein einzig tüchtiges Zeugnis für +Ihre Meinung anführen kann. Das ist das erste, was die ganze Sache +verdächtig macht; und zum andern-- + +Lisette. Das ewige Geplaudre! + +Chrysander. Lisette hat recht! Mein Sohn, contra principia negantem, +non est disputandum. Kommt! Kommt! + +(Chrysander, Damis und Anton gehen ab.) + +Valer. Nun ist alles für mich verloren, Lisette. Was soll ich +anfangen? + +Lisette. Ich weiß keinen Rat; wann nicht der Brief-- + +Valer. Dieser Betrug wäre zu arg, und Juliane will ihn nicht zugeben. + +Lisette. Ei, was Betrug? Wenn der Betrug nützlich ist, so ist er +auch erlaubt. Ich sehe es wohl, ich werde es selbst tun müssen. +Kommen Sie nur fort, und fassen Sie wieder Mut. + + + + +Dritter Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Lisette. Anton. + + +Lisette. So warte doch, Anton. + +Anton. Ei, laß mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben. + +Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versöhnen? Willst du nicht +tun, was ich dich gebeten habe? + +Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun? + +Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht +kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der +Postträger habe ihn gebracht? + +Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann!--Halte mich +nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Laß mich gehen. + +Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei +Tische? + +Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht müßige Weile haben, +so muß er sich doch wohl etwas zu tun machen. + +Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der +Kirche wäre. Reden sie denn nichts? + +Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem +Totenmahle so stille zugehen kann. + +Lisette. Wenigstens wird der Alte reden. + +Anton. Der redt, ohne zu reden. Er ißt und redt zugleich; und ich +glaube, er gäbe wer weiß was darum, wenn er noch dazu trinken könnte, +und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem +Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem +einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich +nun nicht anders sein, die Worte müssen auf dem Gekauten sitzenbleiben, +sodaß man ihn mit genauer Not noch murmeln hört. + +Lisette. Was machen aber die übrigen? + +Anton. Die übrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen +nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie +schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach +dem Sohne; sie werden weiß; sie werden rot. Der Zorn und die +Verzweiflung sieht beiden aus den Augen.--Aber juchhe! so recht! +Siehst du, daß es nicht nach deinem Kopfe gehen muß? Mein Herr soll +Julianen haben, und wenn-- + +Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der? + +Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem +Teller; hängt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst +redte; wackelt mit dem Stuhle; stößt einmal ein Weinglas um; läßt es +liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die +Kleider laufen will; nun fährt er auf und spricht wohl gar, ich hätte +es umgegossen.--Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo +ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muß es doch suchen. Auf dem +Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche +rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand; +trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das +wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.) +Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand? + +Lisette. Das weiß ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag +es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief-- + +Anton. Kömmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch; +deinetwegen soll ich meinen Herrn betrügen? + +Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein. + +Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander +versprochen hat, muß sitzenlassen? + +Lisette. Dafür aber verspricht dich Valer schadlos zu halten. + +Anton. Wo verspricht er mir es denn? + +Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt. + +Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde +ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser +als eine Taube auf dem Dache. + +Lisette. Wann du die Taube gewiß fangen kannst, so wird sie doch +besser sein als der Sperling? + +Anton. Gewiß fangen! als wenn sich alles fangen ließe! Nicht wahr, +wann ich die Taube haschen will, so muß ich den Sperling aus der Hand +fliegen lassen? + +Lisette. So laß ihn fliegen. + +Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein, +Jungfer, so dumm ist Anton nicht. + +Lisette. Was du für kindische Umstände machst! Bedenke doch, wie +glücklich du sein kannst. + +Anton. Wie denn? laß doch hören. + +Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem +Kapitalisten tausend Taler? + +Anton. Auf die machst du dir Rechnung? + +Lisette. Wenigstens. Dich würde er auch nicht leer ausgehen lassen, +wann du mir behilflich wärest. Ich hätte alsdenn Geld; du hättest +auch Geld: könnten wir nicht ein allerliebstes Paar werden? + +Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt hätte. + +Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzählt, +was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Bücherwürmchen! + +Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Bücherwürmer. Es ist +schon wahr, ein Mädel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens +tausend Taler wert; aber nur das Kabinett--das Kabinett-- + +Lisette. Höre doch einmal auf, Anton, und laß dich nicht so lange +bitten. + +Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben? + +Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht könnte +Chrysander nicht argwöhnen-- + +Anton. Ja, ja, mein Äffchen, ich merk es schon; du willst die +Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu. + +Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer! + +Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib +nur her, den Brief; gib nur! + +Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton-- + +Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit?-- + +Lisette. Verlaß dich drauf-- + +Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein?-- + +Lisette. Desgleichen. + +Anton. Nun wohl, der Brief ist übergeben! + +Lisette. Aber so bald als möglich-- + +Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm!--Potz Stern! wer +kömmt?--Zum Henker, es ist Damis. + + + + +Zweiter Auftritt + +Damis. Anton. Lisette. + + +Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche? + +Anton. Ich wollte gleich, ich wollte--Lisette und--Kurz, ich kann es +nicht finden, Herr Damis. + +Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es +liegt. + +Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher +rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen. + +Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, daß ich von der +Seite rede, an welcher ich sitze? + +Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darüber haben wir uns den Kopf +zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klüger als wir! (Indem er ihm +hinterwärts einen Mönch sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiß +eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich +bringen. + +Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind. + +Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt. +Sind sie schon alle, alle aufgestanden? + +Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen, +damit er morgen in seinem Kränzchen den Staatsmann spielen kann. Geh +geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu +werden. Was will aber Lisette hier? + +Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin? + +Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette hätte +wenigstens so viel Verstand, daß ihr Plaudern auf eine Viertelstunde +erträglich sein könnte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm +wie alle übrige im Hause. + +Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller übrigen zu bedanken. + +Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone! +Gott gebe, daß sie sich recht zanken! Aber zuhören mag ich +nicht--Lisette, ich will immer gehen. + +Lisette (sachte). Den Brief vergiß nicht; geschwind! + +Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir: +bleib da. Ich wüßte nicht, wohin du zu gehen hättest. + +Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post! + +Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh! + + + + +Dritter Auftritt + +Damis. Lisette. + + +Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn +meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener; +bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein +sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit, +und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und +wichtige Verrichtungen, daß ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen +soll; und gleichwohl stört man mich. Mit der Heirat, mit einer so +nichtswürdigen Sache, ist der größte Teil des Nachmittags +daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und +Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, daß in keinem Hause der +Müßiggang so herrschen kann als in diesem. + +Lisette. Und besonders auf dieser Stube. + +Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende! + +Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt? + +Damis. Was für eine niederträchtige Seele! die Unwissenheit, die +Ungelehrsamkeit für keinen Schimpf zu halten! für keinen Schimpf? So +möchte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwätzerin +von Ehre und Schande hat. Vielleicht, daß bei ihr die Gelehrsamkeit +ein Schimpf ist? + +Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgängig von dem Schlage ist wie bei +Ihnen-- + +Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit +gebracht-- + +Lisette. Daß man nicht unterscheiden kann, ob sie närrisch oder +gelehrt sind?-- + +Damis. Ich möchte aus der Haut fahren-- + +Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine klügere. + +Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswürdigsten +Kreatur ausgesetzt sein?--Tausend würden sich glücklich preisen, wenn +sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste hätten. Ich bin erst +zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter +beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir--Doch ich rede +umsonst. Was kann es mir für Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner +Geschicklichkeit zu überführen? Ich verstehe sieben Sprachen +vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der +Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne +gleichem-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die höchste +Würde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch +unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von +den Monaden erkennen.--Ach, die verwünschte Post!-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine +satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben. + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem +unvergänglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und +Haller ist gegen mich ein Schwätzer. Meine Freunde, welchen ich sonst +zum öftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen +habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hören und versichern mich +allezeit auf das aufrichtigste, daß sie schon genugsam von meiner mehr +als göttlichen Ader überzeugt wären. + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein +Weltweiser, ein Redner, ein Dichter-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne +Bart und ein Redner, der noch nicht mündig ist! schöne Raritäten! + +Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube! + +Lisette. Den Augenblick? Ich möchte gar zu gern die schöne Ausrufung: +und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie +nichts mehr an sich zu rühmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun +so will ich es selbst tun. Hören Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind +noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt! + +Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.) + +Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl! + +Damis. Himmel! was muß man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist +es möglich von einem unwissenden Weibsbilde-- + + + + +Vierter Auftritt + +Chrysander. Anton. Damis. + + +Chrysander. Das ist ein verfluchter Brief, Anton! Ei! ei! mein Sohn, +mein Sohn, post coenam stabis, vel passus mille meabis. Du wirst doch +nicht schon wieder sitzen? + +Damis. Ein andrer, der nichts zu tun hat, mag sich um dergleichen +barbarische Gesundheitsregeln bekümmern. Wichtige Beschäftigungen-- + +Chrysander. Was willst du von wichtigen Beschäftigungen reden? + +Damis. Ich nicht, Herr Vater? Die meisten von den Büchern, die Sie +hier auf dem Tische sehen, warten teils auf meine Noten, teils auf +meine Übersetzung, teils auf meine Widerlegung, teils auf meine +Verteidigung, teils auch auf mein bloßes Urteil. + +Chrysander. Laß sie warten! Jetzt-- + +Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten. +Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie +glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung für Nachschlagen +und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so +habe ich es bewiesen, daß sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und +nicht an die Brust, gesetzt hat-- + +Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir wäre beinahe +jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Höre +einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich-- + +Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen +Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich +nicht länger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie +aufhören an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie glücklich bin +ich! Anton, weißt du es auch schon, was darin steht? + +Chrysander. Was schwärmst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin; +er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt, +kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden. + +Damis. Nichtswürdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post +gewesen? + +Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, daß vor neun Uhr für mich auf der +Post nichts zu tun ist. + +Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! daß ich +vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwörter brauchen muß. Wird dir denn +ein vergebner Gang gleich den Hals kosten? + +Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so +mag es hingehen. + +Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen +kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich +nicht zwingen. Du mußt wissen, daß ich keiner von den Vätern bin-- + +Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch +wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate +sie-- + +Chrysander. Das heißt so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen? +Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist +du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muß machen +können, was er will; und--kurz--ich gebe dir dein Wort wieder zurück. + +Damis. Wieder zurück? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht +hurtig genug entschließen? Wie soll ich das verstehen? + +Chrysander. Das sollst du so verstehen, daß ich es überlegt habe und +daß, weil dir Juliane nicht gefällt, sie mir auch nicht ansteht; daß +ich ihre wahren Umstände in diesem Briefe wieder gefunden habe und +daß--Du siehst es ja, daß ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe. +Ich weiß zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand +meines Advokaten ist es nicht-- + +(Damis setzt sich wieder an den Tisch.) + +Anton. Nicht? oh! die Leutchen müssen mehr als eine Hand zu schreiben +wissen. + +Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage, +daß ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit +schon haben untersuchen können? Von wem hast du denn den Brief +bekommen, Anton? + +Anton. Von Lisetten. + +Chrysander. Und Lisette? + +Anton. Von dem Briefträger, ohne Zweifel. + +Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir +selbst? + +Anton. Sie werden sich doch in den Händen, wodurch sie gehen, nicht +verändern können? + +Chrysander. Man weiß nicht--Gleichwohl aber lassen sich die Gründe, +die er anführt, hören. Ich muß also wohl den sichersten Weg nehmen +und dir, mein Sohn--Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den +Tisch gesetzt und studierst? + +Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun. + +Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit +bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du +wieder vergessen kannst. Wann ich es recht überlege, so hat doch +Valer das größte Recht auf sie. + +Damis. Sie betrügen sich, wenn Sie glauben, daß ich nunmehr davon +abgehen werde.--Ich habe alles wohl überleget, und ich muß es Ihnen +nur mit ganz trocknen Worten sagen, daß eine böse Frau mir helfen soll, +meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, daß ich eine böse +Frau, an die man nicht denken würde, wann sie keinen Gelehrten gehabt +hätte, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines +solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen-- + +Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine böse Frau; nur aber eine +mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch erträglich ist. Von +der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler, +die ich mit ihr bekam, hätte ich des bösen Feindes Schwester heiraten +wollen--Du mußt mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den +Worten.--Wann sie aber böse sein soll, deine Frau, was willst du mit +Julianen?--Höre, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Männer ins +Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich dächte, das wäre +deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal wäßrig gemacht, +ich muß dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine +Xanthippe sein soll, so kannst du keine beßre finden. + +Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als +einmal gesagt, daß Xanthippe keine böse Frau gewesen ist. Haben Sie +meine Beweisgründe schon wieder vergessen? + +Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch +hat schreiben können, das so allgemein geworden ist, der muß es gewiß +besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, daß +Xanthippe eine böse Frau gewesen ist. Ich könnte mich nicht +zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben. +Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser +unterrichtet sein. + +Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtümern +helfen wollen. + +Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klüger als die Henne? he? Herr +Doktor, vergeß Er nicht, daß ich Vater bin und daß es auf den Vater +ankömmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr +gedacht wissen-- + +Damis. Und warum nicht? + +Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Mädchen +aufhängen? Du bist nicht wert, daß ich für dich so besorgt bin. Du +weißt ja, daß sie nichts im Vermögen hat. + +Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt? + +Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wußte wohl, was ich vorhin +tat: aber ich weiß auch, was ich jetzt tue. + +Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird +mir also nicht nachreden können, die böse Frau des Geldes wegen +genommen zu haben; man wird es zugestehen müssen, daß ich keine andere +Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu üben, die bei +Erduldung eines solchen Weibes nötig sind. + +Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, daß +Juliane eine böse Frau werden wird? + +Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori +davon überführt wäre, so würde ich es schon daraus schließen können, +weil Sie daran zweifeln. + +Chrysander. Fein naseweis, mein Sohn! fein naseweis! Ich habe +Julianen auferzogen; sie hat viel Wohltaten bei mir genossen; ich habe +ihr alles Gute beigebracht: wer von ihr Übels spricht, der spricht es +zugleich von mir. Was? ich sollte nicht ein Frauenzimmer zu ziehen +wissen? Ich sollte ein Mädchen, das unter meiner Aufsicht groß +geworden ist, nicht so weit gebracht haben, daß es einmal eine +rechtschaffne wackre Frau würde? Reich habe ich sie freilich nicht +machen können; ich bin der Wohltat selbst noch benötigt. Aber daß ich +sie nicht tugendhaft, nicht verständig gemacht hätte, das kann mir nur +einer nachreden, der so dumm ist als du, mein Sohn. Nimm mir es nicht +übel, daß ich mit der Sprache herausrücke. Du bist so ein +eingemachter Narre, so ein Stockfisch--nimm mir's nicht übel, mein +Sohn--so ein überstudierter Pickelhering--aber nimm mir's nicht übel-- + +Damis (beiseite). Bald sollte ich glauben, daß sein erster Handel mit +eingesalznen Fischen gewesen sei.--Schon gut, Herr Vater; von +Julianens Tugend will ich nichts sagen; die Tugend ist oft eine Art +von Dummheit. Aber was ihren Verstand anbelangt, von dem werden Sie +mir erlauben, daß ich ihn noch immer in Zweifel ziehe. Ich bin nun +schon eine ziemliche Zeit wieder hier; ich habe mir auch manchmal die +Mühe genommen, ein paar Worte mit ihr zu sprechen: hat sie aber wohl +jemals an meine Gelehrsamkeit gedacht? Ich mag nicht gelobt sein; so +eitel bin ich nicht; nur muß man den Leuten ihr Recht widerfahren +lassen-- + + + + +Fünfter Auftritt + +Chrysander. Damis. Valer. + + +Chrysander. Gut, gut, Herr Valer, Sie kommen gleich zur rechten +Stunde. + +Damis. Was will der unerträgliche Mensch wieder? + +Valer. Ich komme, Abschied von Ihnen beiden zu nehmen-- + +Chrysander. Abschied? so zeitig? warum denn? + +Valer. Ich glaube nicht, daß Sie im Ernste fragen. + +Chrysander. Gott weiß es, Herr Valer; in dem allerernstlichstem +Ernste. Ich lasse Sie wahrhaftig nicht. + +Valer. Um mich noch empfindlicher zu martern? Sie wissen, wie lieb +mir die Person allezeit gewesen ist, die Sie mir heute entreißen. +Doch das Unglück wäre klein, wenn es mich nur allein träfe. Sie +wollen noch dazu diese geliebte Person mit einem verbinden, der sie +ebenso sehr haßt, als ich sie verehre? Meine ganze Seele ist voller +Verzweiflung, und von nun an werde ich weder hier noch irgendswo in +der Welt wieder ruhig werden. Ich gehe, um mich-- + +Chrysander. Nicht gehen, Herr Valer, nicht gehen! Dem Übel ist +vielleicht noch abzuhelfen. + +Valer. Abzuhelfen? Sie beschimpfen mich, wenn Sie glauben, daß ich +jemals diesen Streich überwinden werde. Er würde für ein minder +zärtliches Herz, als das meinige ist, tödlich sein. + +Damis. Was für ein Gewäsche! (Setzt sich an seinen Tisch.) + +Valer. Wie glücklich sind Sie, Damis! Lernen Sie wenigstens Ihr +Glück erkennen; es ist der geringste Dank, den Sie dem Himmel schuldig +sind. Juliane wird die Ihrige-- + +Chrysander. Ei, wer sagt denn das? Sie soll noch zeitig genug die +Ihrige werden, Herr Valer, nur Geduld! + +Valer. Halten Sie inne mit Ihren kalten Verspottungen-- + +Chrysander. Verspottungen? Sie müssen mich schlecht kennen. Was ich +sage, das sag ich. Ich habe die Sache nun besser überlegt; ich sehe, +Juliane schickt sich für meinen Sohn nicht und er sich noch viel +weniger für Julianen. Sie lieben sie; Sie haben längst bei mir um sie +angehalten; wer am ersten kömmt, der muß am ersten mahlen. Ich habe +eben mit meinem Sohne davon geredt--Sie kennen ihn ja-- + +Valer. Himmel, was hör ich? Ist es möglich? welche glückliche +Veränderung! Erlauben Sie, daß ich Sie tausendmal umfange. Soll ich +also doch noch glücklich sein? O Chrysander! o Damis! + +Chrysander. Reden Sie mit ihm und setzen Sie ihm den Kopf ein wenig +zurechte. Ich will zu Julianen gehen und ihr meinen veränderten +Entschluß hinterbringen. Sie wird mir es doch nicht übelnehmen? + +Valer. Übel? Sie werden ihr das Leben wiedergeben, so wie Sie es +mir wiedergegeben haben. + +Chrysander. Ei, kann ich das? (Geht ab.) + + + + +Sechster Auftritt + +Damis. Valer. Anton. + + +Valer. Und in welchem Tone soll ich nun mit Ihnen reden, liebster +Freund? Das erneuerte Versprechen Ihres Vaters berechtigte mich, Sie +ganz und gar zu übergehen. Ich habe gewonnen, sobald Chrysander +Julianen zu zwingen aufhört. Doch wie angenehm soll es mir sein, wann +ich ihren Besitz zum Teil auch Ihnen werde verdanken können. + +Damis. Anton! + +Anton (kömmt). Was soll der? ist Ihnen die Post wieder eingefallen? + +Damis. Gleich geh! sie muß notwendig da sein. + +Anton. Aber ich sage Ihnen, daß sie bei so übeln Wetter vor zehn Uhr +nicht kommen kann. + +Damis. Gibst du abermals eine Stunde zu? Kurz, geh! und kömmst du +leer wieder, so sieh dich vor! + +Anton. Wenn ich diese Nacht nicht sanft schlafe, so glaube ich +zeitlebens nicht mehr, daß die Müdigkeit etwas dazu helfen kann. +(Gehet ab.) + + + + +Siebenter Auftritt + +Damis. Valer. + + +Valer. So? anstatt zu antworten, reden Sie mit dem Bedienten? + +Damis. Verzeihen Sie, Valer; Sie haben also mit mir gesprochen? Ich +habe den Kopf so voll; es ist mir unmöglich, auf alles zu hören. + +Valer. Und Sie wollen sich auch bei mir verstellen? Ich weiß die +Zeit noch sehr wohl, da ich in ebendem wunderbaren Wahne stand, es +ließe gelehrt, so zerstreut als möglich und auf nichts als auf sein +Buch aufmerksam zu tun. Doch glauben Sie nur, der muß sehr einfältig +sein, den Sie mit diesen Gaukeleien hintergehen wollen. + +Damis. Und Sie müssen noch einfältiger sein, daß Sie glauben können, +ein jeder Kopf sei so gedankenleer als der Ihrige. Und verdient denn +Ihr Geschwätz, daß ich darauf höre? Sie haben ja gewonnen, sobald +Chrysander Julianen zu zwingen aufhört; Sie sind ja berechtiget, mich +zu übergehen-- + +Valer. Das muß doch eine besondere Art der Zerstreuung sein, in +welcher man des andern Reden gleichwohl so genau höret, daß man sie +von Wort zu Wort wiederholen kann. + +Damis. Ihre Spötterei ist sehr trocken. (Sieht wieder auf sein Buch.) + +Valer. Doch aber zu empfinden?--Was für eine Marter ist es, mit einem +Menschen von Ihrer Art zu tun zu haben? Es gibt deren wenige-- + +Damis. Das sollte ich selbst glauben. + +Valer. Es würden sich aber mehrere finden, wenn selbst-- + +Damis. Ganz recht; wenn die wahre Gelehrsamkeit nicht so schwer zu +erlangen, die natürliche Fähigkeit dazu gemeiner und ein unermüdeter +Fleiß nicht so etwas Beschwerliches wären-- + +Valer. Ha! ha! ha! + +Damis. Das Lachen eines wahren Idioten! + +Valer. Sie reden von Ihrer Gelehrsamkeit, und ich, mit Vergebung, +wollte von Ihrer Torheit reden. Hierin, meinte ich, würden Sie +mehrere Ihresgleichen finden, wenn selbst diese Torheit ihren Sklaven +nicht zur Last werden müßte. + +Damis. Verdienen Sie also, daß ich Ihnen antworte? (Sieht wieder in +sein Buch.) + +Valer. Und verdienen Sie wohl, daß ich noch Freundes genug bin, mit +Ihnen ohne Verstellung zu reden? Glauben Sie mir, Sie werden Ihre +Torheiten bei mehreren Verstande bereuen-- + +Damis. Bei mehreren Verstande? (Spöttisch.) + +Valer. Werden Sie darüber ungehalten? Das ist wunderbar! Ihr Körper +kann, Ihren Jahren nach, noch nicht ausgewachsen haben, und Sie +glauben, daß Ihre Seele gleichwohl schon zu ihrer möglichen +Vollkommenheit gelanget sei? Ich würde den für meinen Feind halten, +welcher mir den Vorzug, täglich zu mehrerm Verstande zu kommen, +streitig machen wollte. + +Damis. Sie! + +Valer. Sie werden so spöttisch, mein Herr Nebenbuhler--Doch da ist +sie selbst! (Läuft ihr entgegen.) Ah, Juliane-- + + + + +Achter Auftritt + +Juliane. Damis. Valer. + + +Juliane. Ach, Valer, welche glückliche Veränderung!-- + +Damis (indem er sich auf dem Stuhle umwendet). Die Ehre, Sie hier zu +sehen, Mademoiselle, habe ich ohne Zweifel einem Irrtume zu danken? +Sie glauben vielleicht, in Ihr Schlafzimmer zu kommen-- + +Juliane. Dieser Irrtum wäre unvergeblich! Nein! mein Herr, es +geschieht auf Befehl Ihres Herrn Vaters, daß ich diesen heiligen Ort +betrete. Ich komme, Ihnen einen Kauf aufzusagen und mich bei Ihrer +Muse zu entschuldigen, daß ich beinahe in die Gefahr gekommen wäre, +ihr einen so liebenswürdigen Geist abspenstig zu machen. + +Valer. O wie entzückt bin ich, schönste Juliane, Sie auf einmal +wieder in Ihrer Heiterkeit zu sehen. + +Damis. Wenn ich das Gewäsche eines Frauenzimmers recht verstehe, so +kommen Sie, ein Paktum aufzuheben, welches doch alle Requisita hat, +die zu einem unumstößlichen Pakto erfordert werden. + +Juliane. Und wann ich das Galimathias eines jungen Gelehrten +verstehen darf, so haben Sie es getroffen. + +Damis. Mein Vater ist ein Idiote. Kömmt es denn nur auf ihn oder auf +Sie, Mademoiselle, an, einen Vertrag, der an meinem Teil fest bestehet, +ungültig zu machen?--Es wird sich alles zeigen; nur wollte ich bitten, +mich jetzt ungestört zu lassen--(Wendet sich wieder an den Tisch.) + +Valer. Was für ein Bezeigen! hat man jemals einem Frauenzimmer, auf +dessen Besitz man Anspruch macht, so begegnet? + +Damis. Und ist man jemals einem beschäftigten Gelehrten so überlästig +gewesen? Diese verdrießliche Gesellschaft loszuwerden, muß ich nur +selbst meine vier Wände verlassen. (Geht ab.) + + + + +Neunter Auftritt + +Valer. Juliane. + + +Juliane. Und wir lachen ihm nicht nach? + +Valer. Nein, Juliane; eine bessere Freude mag uns jetzt erfüllen; und +beinahe gehört eine Art von Grausamkeit dazu, sich über einen so +kläglichen Toren lustig zu machen. Wie soll ich Ihnen die Regungen +meines Herzens beschreiben, jetzt, da man ihm alle seine +Glückseligkeit wiedergegeben hat? Ich beschwöre Sie, Juliane, wann +Sie mich lieben, so verlassen Sie noch heute mit mir dieses +gefährliche Haus. Setzen Sie sich nicht länger der Ungestümigkeit +eines veränderlichen Alten, der Raserei eines jungen Pedanten und der +Schwäche Ihrer eignen allzu zärtlichen Denkungsart aus. Sie sind mir +in einem Tage genommen und wiedergegeben worden; lassen Sie ihn den +ersten und den letzten sein, der so grausam mit uns spielen darf! + +Juliane. Fassen Sie sich, Valer. Wir wollen lieber nichts tun, was +uns einige Vorwürfe von Chrysandern zuziehen könnte. Sie sehen, er +ist auf dem besten Wege, und ich liebe ihn ebensosehr, als ich den +Damis verachte. Durch das Mißtrauen, wodurch ich mich auf einmal +seiner Vorsorge entzöge, würde ich ihm für seine Wohltaten schlecht +danken-- + +Valer. Noch immer reden Sie von Wohltaten? Ich werde nicht eher +ruhig, als bis ich Sie von diesen gefährlichen Banden befreiet habe. +Erlauben Sie mir, daß ich sie sogleich gänzlich vernichte und dem +alten Eigennützigen-- + +Juliane. Nennen Sie ihn anders, Valer; er ist das nicht; und schon +seine Veränderung zeigt es, daß Lisette falsch gehört oder uns +hintergangen hat. Zwar weiß ich nicht, wem ich diese Veränderung +zuschreiben soll--(Nachsinnend.) + +Valer. Warum auf einmal so in Gedanken? Die Ursache, die ihn bewogen +hat, mag sein, welche es will; ich weiß doch gewiß, daß es eine Fügung +des Himmels ist. + +Juliane. Des Himmels oder Lisettens. Auf einmal fällt mir ein, was +Sie mir von einem Briefe gesagt haben. Sollte wohl Lisettens allzu +große Dienstfertigkeit-- + +Valer. Welche Einbildung, liebste Juliane! Sie weiß es ja, daß Ihre +Tugend in diesen kleinen Betrug nicht willigen wollen. + +Juliane. Gleichwohl, je mehr ich nachdenke-- + +Valer. Wenn es nun auch wäre, wollten Sie denn deswegen-- + +Juliane. Wann es nun auch wäre? wie? + + + + +Zehnter Auftritt + +Lisette. Valer. Juliane. + + +Juliane. Du kömmst als gerufen, Lisette. + +Lisette. Nun, gehen meine Sachen nicht vortrefflich? Wollen Sie es +nicht unten mit anhören, wie sich Damis und Chrysander zanken? "Du +sollst sie nicht bekommen; ich muß sie bekommen: ich bin Vater; Sie +haben mir sie versprochen: ich habe mich anders besonnen; ich aber +nicht: so muß es noch geschehen; das ist unmöglich: unmöglich oder +nicht; kurz, ich geh nicht ab, ich will es Ihnen aus Büchern beweisen, +daß Sie mir Wort halten müssen: du kannst mit deinen Büchern an den +Galgen gehen."--Was wiederhole ich viel ihre närrische Reden? Der +Vater hat recht; er handelt klug: er würde aber gewiß nicht so klug +handeln, wenn ich nicht vorher so klug gewesen wäre. + +Juliane. Wie verstehst du das, Lisette? + +Lisette. Ich lobe mich nicht gerne selbst. Kurz, meine liebe Mamsell, +Ihr Schutzengel, der bin ich! + +Juliane. Der bist du? und wie denn? + +Lisette. Dadurch, daß ich einen Betrüger mit seiner Münze bezahlt +habe. Der alte häßliche-- + +Juliane. Und also hast du Chrysandern betrogen? + +Lisette. Ei, sagen Sie doch das nicht; einen Betrüger betrügt man +nicht, sondern den hintergeht man nur. Hintergangen hab ich ihn. + +Valer. Und wie? + +Lisette. Schlecht genug, daß Sie es schon wieder vergessen haben. +Ich sollte meinen, erkenntlich zu sein, brauche man ein besser +Gedächtnis. + +Juliane. Du hast ihm also wohl gar den falschen Brief untergeschoben? + +Lisette. Behüte Gott! ich habe ihn bloß durch einen erdichteten Brief +auf andere Gedanken zu bringen gesucht; und das ist mir gelungen. + +Juliane. Das hast du getan? Und ich sollte mein Glück einer +Betrügerin zu danken haben? Es mag mir gehen, wie es will; Chrysander +soll es den Augenblick erfahren-- + +Lisette. Was soll denn das heißen? Ist das mein Dank? + +Valer. Besinnen Sie sich, Juliane; verziehen Sie! + +Juliane. Unmöglich, Valer; lassen Sie mich. (Juliane geht ab.) + + + + +Eilfter Auftritt + +Valer. Lisette. + + +Valer. Himmel, nun ist alles wieder aus! + +Lisette. So mag sie es haben! Gift und Galle möchte ich speien, so +toll bin ich! Für meinen guten Willen mich eine Betrügerin zu heißen? +Ich hoffte, sie würde mir vor Freuden um den Hals fallen.--Wie wird +der Alte auf mich losziehen! Er jagt mich und Sie zum Hause heraus. +Was wollen Sie nun anfangen? + +Valer. Ja, was soll ich nun anfangen, Lisette? + +Lisette. Ich glaube, Sie antworten mir mit meiner eignen Frage? Das +ist bequem. Mein guter Rat hat ein Ende. Ich will mich bald wieder +in so etwas mengen! + +Valer. Zu was für einer ungelegnen Zeit kamst du aber auch, Lisette? +Ich hatte dir es gesagt, daß Juliane in diesen Streich nicht willigen +wollte. Hättest du nicht noch einige Zeit schweigen können? + +Lisette. Konnte ich denn vermuten, daß sie so übertrieben eigensinnig +sein würde? Sie können sich leicht einbilden, wie es mit unsereiner +ist: ich hätte nicht wieviel nehmen und es gegen sie länger verbergen +wollen, wem sie ihr Glück zu danken habe. Die Freude ist schwatzhaft, +und--Ach, ich möchte gleich-- + + + + +Zwölfter Auftritt + +Anton. Valer. Lisette. + + +Anton (mit Briefen in der Hand). Ha! ha! haltet ihr wieder Konferenz! +Wenn es mein Herr wüßte, daß in seiner eignen Stube die schlimmsten +Anschläge wider ihn geschmiedet werden, er würde dich, Lisette--Aber, +wie steht ihr denn da beisammen? Herr Valer scheint betrübt: du bist +erhitzt, erhitzt wie ein Zinshahn. Habt ihr euch geschlagen, oder +habt ihr euch sonst eine Motion gemacht? Ei, ei, Lisette! +höre--(sachte zu Lisetten) du hast dich doch der Ausstattung wegen mit +ihm nicht überworfen? Hat er sein Wort etwa zurückgezogen? Das wäre +ein verfluchter Streich. (Laut.) Nein, nein, Herr Valer, was man +verspricht, das muß man halten. Sie hat Ihnen redlich gedienet und +ich auch. Zum Henker! glauben Sie denn, daß es einmal einer ehrlichen +Seele keine Gewissensbisse verursachen muß, wenn sie ihre Herrschaft +für null und nichts betrogen hat? Ich lasse mich nicht vexieren; und +meine Forderung wenigstens--Hol' mich dieser und jener! ich nehm einen +Advokaten an, einen rechten Bullenbeißer von einem Advokaten, der +Ihnen gewiß so viel soll zu schaffen machen-- + +Lisette. Ach Narre, schweig! + +Valer. Was will er denn? Mit wem sprichst du denn? + +Anton. Potz Stern! mit unserm Schuldmanne sprech ich. Das können Sie +ja wohl am Tone hören. + +Valer. Wer ist denn dein Schuldmann? + +Anton. Kommt es nun da heraus, daß Sie die Schuld leugnen wollen? +Hören Sie: mein Advokat bringt Sie zum Schwur-- + +Valer. Lisette, weißt denn du, was er will? + +Lisette. Der Schwärmer! ich brauchte ihn vorhin zu Überbringung des +Briefes und versprach ihm, wenn die Sache gut ausfallen sollte, eine +Belohnung von Ihnen. + +Valer. Weiter ist es nichts? + +Anton. Ich dächte doch, das wäre genug. Und wie hält es denn mit +Lisettens Ausstattung? Ich muß mich um ihr Vermögen so gut als um das +meinige bekümmern, weil es doch meine werden soll. + +Valer. Seid unbesorgt; wenn ich mein Glück mache, so will ich das +eurige gewiß nicht vergessen. + +Anton. Gesetzt aber, Sie machten es nicht? Und was versprochen ist, +ist doch versprochen. + +Valer. Auch alsdenn will ich euern Eifer nicht unbelohnt lassen. + +Anton. Ach, das sind Komplimente, Komplimente! + +Lisette. So hör einmal auf! + +Anton. Bist du nicht eine Närrin; ich rede ja für dich mit. + +Lisette. Es ist aber ganz unnötig. + +Anton. Unnötig? habt ihr euch denn nicht gezankt? + +Lisette. Warum nicht gar? + +Anton. Hat er sein Versprechen nicht zurückgezogen? + +Lisette. Nein doch. + +Anton. O so verzeihen Sie mir, Herr Valer. Die Galle kann einem +ehrlichen Manne leicht überlaufen. Ich bin ein wenig hitzig, zumal in +Geldsachen. Fürchten Sie sich für den Advokaten nur nicht-- + +Valer. Und ich kann in einer so marternden Ungewißheit hier noch +verziehen? Ich muß sie sprechen; vielleicht hat sie es noch nicht +getan-- + +Lisette. Hat sie es aber getan, so kommen Sie dem Alten ja nicht zu +nahe! + +Valer. Ich habe von dem ganzen Handel nichts gewußt. + +Lisette. Desto schlimmer alsdenn für mich. Gehen Sie nur. + + + + +Dreizehnter Auftritt + +Anton. Lisette. + + +Anton. Desto schlimmer für dich? Was ist denn desto schlimmer für +dich? Warum soll er denn dem Alten nicht zu nahe kommen? Was habt +ihr denn wieder! + +Lisette. Je, der verfluchte Brief! + +Anton. Was für ein Brief? + +Lisette. Den ich dir vorhin gab. + +Anton. Was ist denn mit dem? + +Lisette. Es ist alles umsonst; meine Mühe ist vergebens. + +Anton. Wie denn so? So wahr ich lebe, ich habe ihn richtig bestellt. +Mache keine Possen und schiebe die Schuld etwa auf mich! + +Lisette. Richtig übergeben ist er wohl; er tat auch schon seine +Wirkung. Aber Juliane hat uns selbst einen Strich durch die Rechnung +gemacht. Sie will es durchaus entdecken, daß es ein falscher Brief +gewesen sei, und hat es vielleicht auch schon getan. + +Anton. Was zum Henker, sie selbst? Da werden wir ankommen! Siehst +du; nun ist der Sperling und die Taube weg. Und was das schlimmste ist: +da ich die Taube habe fangen wollen, so bin ich darüber mit der Nase +ins Weiche gefallen. Oder deutlicher und ohne Gleichnis mit dir zu +reden: die versprochene Belohnung bei dem Alten hab ich verloren, die +eingebildete bei Valeren entgeht mir auch, und aller Profit, den ich +dabei machen werde, ist, nebst einem gnädigen Rippenstoße, ein Pack +dich zum Teufel!--Will Sie mich alsdenn noch, Jungfer Lisette?--Oh, +Sie muß mich. Ich will Sie die Leute lehren unglücklich machen-- + +Lisette. Es wird mir gewiß besser gehen? Wir wandern miteinander, +und wenn wir nur einmal ein Paar sind, so magst du sehen, wie du mich +ernährest. + +Anton. Ich dich ernähren? bei der teuren Zeit? Wenn ich noch könnte +mit dir herumziehen, wie der mit dem großen Tiere, das ein Horn auf +der Nase hat. + +Lisette. Sorge nicht, in ein Tier mit einem Horne will ich dich bald +verwandeln. Es wird alsdenn doch wohl einerlei sein, ob du mit mir +oder ich mit dir herumziehe. + +Anton. Nu wahrhaftig, mit dir weiß man doch noch, woran man ist. +--Aber, damit wir nicht eins ins andre reden, wo ist denn nun mein +Herr? Da sind endlich seine verdammten Briefe! + +Lisette. Siehst du ihn? + +Anton. Nein; aber wo mir recht ist, jetzt hör ich ihn. + +Lisette. Laß ihn nur kommen; toll will ich ihn noch machen, zu guter +Letzt. + + + + +Vierzehnter Auftritt + + +Anton. Lisette. Damis (kömmt ganz tiefsinnig; Lisette schleicht +hinter ihm her und macht seine Grimassen nach). + +Anton. Halt! ich will ihn noch ein wenig zappeln lassen und ihm die +Briefe nicht gleich geben. (Steckt sie ein.) Wie so tiefsinnig, Herr +Damis? was steckt Ihnen wieder im Kopfe? + +Damis. Halt dein Maul! + +Anton. Kurz geantwortet! Aber soll sich denn ein Bedienter nicht um +seinen Herrn bekümmern? Es wäre doch ganz billig, wann ich auch wüßte, +worauf Sie dächten. Eine blinde Henne findet auch manchmal ein +Körnchen, und vielleicht könnte ich Ihnen-- + +Damis. Schweig! + +Anton. Die Antwort war noch kürzer. Wenn sie stufenweise so abnimmt, +so will ich einmal sehen, was übrigbleiben wird.--Was zählen Sie denn +an den Fingern? Was hat Ihnen denn der arme Nagel getan, daß Sie ihn +so zerreißen? (Er wird Lisetten gewahr.)--Und, zum Henker, was ist +denn das für ein Affe? Kömmst du von Sinnen? + +Lisette. Halt dein Maul! + +Anton. Um des Himmels willen geh! Wann mein Herr aus seinem Schlafe +erwacht und dich sieht-- + +Lisette. Schweig! + +Anton. Willst du mich oder meinen Herrn zum besten haben? So sehen +Sie doch einmal hinter sich, Herr Damis! + +Damis (geht einigemal tiefsinnig auf und nieder; Lisette in gleichen +Stellungen hinter ihm her; und wann er sich umwendet, schleicht sie +sich hurtig herum, daß er sie nicht gewahr wird). Meiner +Hochzeitfackel Brand Sei von mir jetzt selbst gesungen! + + +Anton. Ho! ho! Sie machen Verse? Komm, Lisette, nun müssen wir ihn +allein lassen. Bei solcher Gelegenheit hat er mich selbst schon, mehr +als einmal, aus der Stube gestoßen. Komm nur; er ruft uns gewiß +selbst wieder, sobald er fertig ist, und vielleicht das ganze Haus +dazu. + +Lisette (indem sich Damis umwendet, bleibt sie starr vor ihm stehen +und nimmt seinen Ton an). Meiner Hochzeitfackel Brand Sei von mir +jetzt selbst gesungen! + + +(Damis tut, als ob er sie nicht gewahr würde, und stößt auf sie.) + +Damis. Was ist das? + +Lisette. Was ist das? + +(Beide, als ob sie zu sich selbst kämen.) + +Damis. Unwissender, niederträchtiger Kerl! habe ich dir nicht oft +genug gesagt, keine Seele in meine Stube zu lassen als aufs höchste +meinen Vater? Was will denn die hier? + +Lisette. Unwissender, niederträchtiger Kerl! hast du mir es nicht oft +genug gesagt, daß ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du +dir denn aber nicht einbilden, daß die, welche im Kabinette hat sein +dürfen, auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender, +niederträchtiger Kerl! + +Anton. Wem soll ich nun antworten? + +Damis. Gleich stoße sie zur Stube hinaus! + +Anton. Stoßen? mit Gewalt? + +Damis. Wenn sie nicht in gutem gehen will-- + +Anton. Lisette, geh immer in gutem-- + +Lisette. Sobald es mir gelegen sein wird. + +Damis. Stoß sie heraus, sag ich! + +Anton. Komm, Lisette, gib mir die Hand; ich will dich ganz ehrbar +herausführen. + +Lisette. Grobian, wer wird denn ein Frauenzimmer mit der bloßen Hand +führen wollen? + +Anton. O ich weiß auch zu leben!--In Ermanglung eines Handschuhs +also--(er nimmt den Zipfel von der Weste)--werde ich die Ehre haben-- + +Damis. Ich seh wohl, ich soll mich selbst über sie machen--(Geht auf +sie los.) + +Lisette. Ha! ha! ha! so weit wollte ich Sie nur gern bringen. Adieu! + + + + +Funfzehnter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Damis. Nun sind alle Gedanken wieder fort! Das Feuer ist verraucht; +die Einbildungskraft ist zerstreut. Der Gott, der uns begeistern muß, +hat mich verlassen--Verdammte Kreatur! was für Verdruß hat sie mir +heute nicht schon gemacht! wie spöttisch ist sie mit mir umgegangen! +Himmel! in meiner Tiefsinnigkeit mir alles so lächerlich nachzuäffen. + +Anton. Sie sahen es ja aber nicht. + +Damis. Ich sah es nicht? + +Anton. Ja? ist's möglich? und Sie stellten sich nur so? + +Damis. Schweig, Idiote!--Ich will sehen, ob ich mich wieder in die +Entzückung setzen kann-- + +Anton. Tun Sie das lieber nicht; die Verse können unmöglich geraten, +wobei man so finster aussieht.--Darf man aber nicht wissen, was es +werden wird? ein Abendlied oder ein Morgenlied? + +Damis. Dummkopf! + +Anton. Ein Bußlied? + +Damis. Einfaltspinsel! + +Anton. Ein Tischlied? auch nicht?--Ein Sterbelied werden Sie doch +nicht machen? So wahr ich ehrlich bin, wenn ich auch noch so ein +großer Poet wäre, das bliebe von mir ungemacht. Sterben ist der +abgeschmackteste Streich, den man sich selbst spielt. Er verdient +nicht einen Vers, geschweige ein Lied. + +Damis. Ich muß Mitleiden mit deiner Unwissenheit haben. Du kennst +keine andre Arten von Gedichten, als die du im Gesangbuche gefunden +hast. + +Anton. Es wird gewiß noch andre geben? So lassen Sie doch hören, was +Sie machen. + +Damis. Ich mache--ein Epithalamium-- + +Anton. Ein Epithalamium? Potz Stern, das ist ein schwer Ding! Damit +können Sie wirklich zurechte kommen? Da gehört Kunst dazu--Aber, Herr +Damis, im Vertrauen, was ist denn das ein Epith--pitha--thlamium? + +Damis. Wie kannst du es denn schwer nennen, wenn du noch nicht weißt, +was es ist? + +Anton. Ei nun, das Wort ist ja schon schwer genug. Sagen Sie mir nur +ein wenig mit einem andern Namen, was es ist. + +Damis. Ein Epithalamium ist ein Thalassio. + +Anton. So, so! nun versteh ich's; ein Epithalamium ist ein--wie hieß +es?-- + +Damis. Thalassio. + +Anton. Ein Thalassio; und das können Sie machen? Wenigstens werden +Sie viel Zeit dazu brauchen--Aber, hören Sie doch, wenn mich nun +jemand fragt, was ein Thalassio ist, was muß ich ihm wohl antworten? + +Damis. Auch das weißt du nicht, was ein Thalassio ist? + +Anton. Ich für mein Teil weiß es wohl. Ein Thalassio ist ein--wie +hieß das vorige Wort? + +Damis. Epithalamium. + +Anton. Ist ein Epithalamium. Und ein Epithalamium ist ein Thalassio. +Nicht wahr, ich habe es gut behalten? Aber das möchte nur andern +Leuten nicht deutlich sein, welche beide Worte nicht verstehen. + +Damis. Je nun, so sage ihnen, Thalassio sei ein Hymenaeus. + +Anton. Zum Henker! das heißt Leute vexieren. Ein Epithalamium ist +ein Thalassio, und ein Thalassio ist ein Hymenaeus. Und so umgekehrt, +ein Hym--Hym--Die Namen mag sonst einer merken! + +Damis. Recht! recht! ich sehe doch, daß du anfängst einen Begriff von +Sachen zu bekommen. + +Anton. Ich einen Begriff hiervon? so wahr ich ehrlich bin! Sie irren +sich. Der Kobold müßte mir's eingeblasen haben, wenn ich wüßte, was +die kauderwelschen Worte heißen sollen. Sagen Sie mir doch ihren +deutschen Namen; oder haben sie keinen? + +Damis. Sie haben zwar einen, allein er ist lange nicht von der +Annehmlichkeit und dem Nachdrucke der griechischen oder lateinischen. +Sage einmal selbst, ob ein Hochzeitgedichte nicht viel kahler klingt +als ein Epithalamium, ein Hymenaeus, ein Thalassio. + +Anton. Mir nicht; wahrhaftig mir nicht! denn jenes versteh ich und +dieses nicht. Ein Hochzeitgedichte haben Sie also machen wollen? +Warum sagten Sie das nicht gleich?--Oh! in Hochzeitgedichten habe ich. +eine Belesenheit, die erstaunend ist. Ich muß Ihnen nur sagen, wie +ich dazu gekommen bin. Mein weiland seliger Vater hatte einen +Vetter--und gewissermaßen war es also auch mein Vetter-- + +Damis. Was wird das für ein Gewäsche werden? + +Anton. Sie wollen es nicht abwarten? Gut! Der Schade ist Ihre. +--Weiter also: Verse auf eine Hochzeit wollten Sie machen? aber auf +was denn für eine? + +Damis. Welche Frage! auf meine eigne. + +Anton. Sie heiraten also Julianen noch? Der Alte will es ja nicht?-- + +Damis. Ah der! + +Anton. Es ist schon wahr; was hat sich ein Sohn um den Vater zu +bekümmern? Aber sagen Sie mir doch: schickt es sich denn, daß man auf +seine eigne Hochzeit Verse macht? + +Damis. Gewöhnlich ist es freilich nicht; aber desto besser! Geister +wie ich lieben das Besondre. + +Anton (beiseite). St! jetzt will ich ihm einen Streich spielen! +--(Laut.) Hören Sie nur, Herr Damis, ich werde es selbst gern sehen, +wenn Sie Julianen heiraten. + +Damis. Wieso? + +Anton. Ich weiß nicht, ob ich mich unterstehen darf, es Ihnen zu +sagen. Ich habe--ich habe selbst-- + +Damis. Nur heraus mit der Sprache! + +Anton. Ich habe selbst versucht, Verse auf Ihre Hochzeit zu machen, +und deswegen wollte ich nun nicht gern, daß meine Mühe verloren wäre. + +Damis. Das wird etwas Schönes sein! + +Anton. Freilich! denn das ist mein Fehler; ich mache entweder etwas +Rechtes oder gar nichts. + +Damis. Gib doch her! vielleicht kann ich deine Reime verbessern, daß +sie alsdenn mir und dir Ehre machen. + +Anton. Hören Sie nur, ich will sie Ihnen vorlesen. (Er sucht einen +Zettel aus der Tasche.) Ganz bin ich noch nicht fertig, muß ich Ihnen +sagen. Der Anfang aber, aus dem auch allenfalls das Ende werden kann, +klingt so--Rücken Sie mir doch das Licht ein wenig näher!--Du, o edle +Fertigkeit, Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel-- + +Damis. Halt! du bist ein elender Stümper! Ha! ha! ha! Das du o +steht ganz vergebens. Edle Fertigkeit sagt nichts weniger, und Du, o +edle Fertigkeit nichts mehr. Deleatur ergo du o! Damit aber nicht +zwei Silben fehlen, so verstärke das Beiwort edel, nach Art der +Griechen, und sage überedel. Ich weiß zwar wohl, überedel ist ein +neues Wort; aber ich weiß auch, daß neue Wörter dasjenige sind, was +die Poesie am meisten von der Prose unterscheiden muß. Solche +Vorteilchen merke dir! Du mußt dich durchaus bestreben, etwas +Unerhörtes, etwas Ungesagtes zu sagen. Verstehst du mich, dummer +Teufel? + +Anton. Ich will es hoffen. + +Damis. Also heißt dein erster Vers + +überedle Fertigkeit + + +usw. Nun lies weiter! + +Anton. Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel zu entdecken Und +sich dann zur rechten Zeit Ihrer Kräfte zu bedienen, Wirst, so lange, +bis die Welt In ihr erstes Cha- Cha- Chaos fällt, Wie die Pappelbäume +grünen. + + +Aber, Herr Damis, können Sie mir nicht sagen, was ich hier muß gedacht +haben? Verflucht! das ist schön; ich verstehe mich selbst nicht mehr. +Das erste Cha--Chaos;--ich dächte, ich hätte das Wort noch nie in +meinen Mund genommen, so fürchterlich klingt es mir. + +Damis. Zeige doch-- + +Anton. Warten Sie, warten Sie! ich will es Ihnen noch einmal vorlesen. + +Damis. Nein, nein; weise mir nur den Zettel her. + +Anton. Sie können es unmöglich lesen. Ich habe gar zu schlecht +geschrieben; kein Buchstabe steht gerade; sie hocken einer auf den +andern, als ob sie Junge hecken wollten. + +Damis. O so gib her! + +Anton (gibt ihm den Zettel mit Zittern). Zum Henker, es ist seine +eigne Hand! + +Damis (betrachtet ihn einige Zeit). Was soll das heißen? (Steht +zornig auf.) Verfluchter Verräter, wo hast du dieses Blatt her? + +Anton. Nicht so zornig; nicht so zornig! + +Damis. Wo hast du es her? + +Anton. Wollen Sie mich denn erwürgen? + +Damis. Wo hast du das Blatt her, frag ich? + +Anton. Lassen Sie nur erst nach. + +Damis. Gesteh! + +Anton. Aus--aus Ihrer--Westentasche. + +Damis. Ungelehrte Bestie! ist das deine Treue? Das ist ein Diebstahl; +ein Plagium. + +Anton. Zum Henker! des Quarks wegen mich zu einem Diebe zu machen? + +Damis. Des Quarks wegen? was? den Anfang eines philosophischen +Lehrgedichts einen Quark zu nennen? + +Anton. Sie sagten ja selbst, es tauge nichts. + +Damis. Ja, insofern es ein Hochzeitkarmen vorstellen sollte und du +der Verfasser davon wärest. Gleich schaffe die andern Manuskripte, +die du mir sonst entwandt hast, auch herbei! Soll ich meine Arbeit in +fremden Händen sehen? Soll ich zugeben, daß sich eine häßliche Dohle +mit meinen prächtigen Pfauenfedern ausschmücke? Mach bald! oder ich +werde andre Maßregeln ergreifen. + +Anton. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht einen Buchstaben mehr von +Ihnen. + +Damis. Gleich wende alle Taschen um! + +Anton. Warum auch nicht? Wenn ich sie umwende, so fällt ja alles +heraus, was ich darin habe. + +Damis. Mach und erzürne mich nicht! + +Anton. Ich will ein Schelm sein, wenn Sie nur ein Stäubchen Papier +bei mir finden. Damit Sie aber doch Ihren Willen haben;--hier ist die +eine; da ist die andre--Was sehen Sie?--Da ist die dritte; die ist +auch leer.--Nun kommt die vierte--(Indem er sie umwendet, fallen die +Briefe heraus.)--Zum Henker, die verfluchten Briefe! die hatte ich +ganz vergessen--(Er will sie geschwind wieder aufheben.) + +Damis. Gib her, gib her! was fiel da heraus? Ganz gewiß wird es +wieder etwas von mir sein. + +Anton. So wahr ich lebe, es ist nichts von Ihnen. An Sie könnte es +eher noch etwas sein. + +Damis. Halte mich nicht auf; ich habe mehr zu tun. + +Anton. Halten Sie mich nur nicht auf. Sie wissen ja, daß ich nun +bald wieder auf die Post gehen muß. Ich weiß, es sind Briefe da. + +Damis. Nun so geh, so geh! Aber durchaus zeige mir erst, was du so +eilfertig aufhobst. Ich muß es sehen. + +Anton. Zum Henker! wenn das ist, so brauche ich nicht auf die Post zu +gehen. + +Damis. Wieso? + +Anton. Nu, nu! da haben Sie es. Ich will hurtig gehen. (Er gibt ihm +den Brief und will fortlaufen.) + +Damis (indem er ihn besieht). Je, Anton, Anton! das ist ja eben der +Brief aus Berlin, welchen ich erwarte. Ich kenn ihn an der Aufschrift. + +Anton. Es kann wohl sein, daß er es ist. Aber, Herr Damis, werden +Sie nur--nur nicht ungehalten. Ich hatte es, bei meiner armen Seele! +ganz vergessen-- + +Damis. Was hast du denn vergessen? + +Anton. Daß ich den Brief, beinahe schon eine halbe Stunde, in der +Tasche trage. Mit dem verdammten Plaudern!-- + +Damis. Weil er nun da ist, so will ich dir den dummen Streich +verzeihen.--Aber, allerliebster Anton, was müssen hierin für +unvergleichliche, für unschätzbare Nachrichten stehen! Wie wird sich +mein Vater freuen! Was für Ehre, was für Lobsprüche!--O Anton!--ich +will dir ihn gleich vorlesen--(Bricht ihn hastig auf.) + +Anton. Nur sachte, sonst zerreißen Sie ihn gar. Nun da! sagte ich's +nicht? + +Damis. Es schadet nichts; er wird doch noch zu lesen sein.--Vor allen +Dingen muß ich dir sagen, was er betrifft. Du weißt, oder vielmehr du +weißt nicht, daß die Preußische Akademie auf die beste Untersuchung +der Lehre von den Monaden einen Preis gesetzt hat. Es kam mir noch +ganz spät ein, unsern Philosophen diesen Preis vor dem Maule +wegzufangen. Ich machte mich also geschwind darüber und schrieb eine +Abhandlung, die noch gleich zur rechten Zeit muß gekommen sein.--Eine +Abhandlung, Anton--ich weiß selbst nicht, wo ich sie hergenommen habe, +so gelehrt ist sie. Nun hat die Akademie vor acht Tagen ihr Urteil +über die eingeschickten Schriften bekanntgemacht, welches notwendig zu +meiner Ehre muß ausgefallen sein. Ich, ich muß den Preis haben und +kein andrer. Ich habe es einem von meinen Freunden daselbst heilig +eingebunden, mir sogleich Nachricht davon zu geben. Hier ist sie; nun +höre zu. + +"Mein Herr, + +"Wie nahe können Sie einem Freunde das Antworten legen! Sie drohen mir +mit dem Verluste Ihrer Liebe, wenn Sie nicht von mir die erste +Nachricht erhielten, ob Sie oder ein anderer den akademischen Preis +davongetragen hätten. Ich muß Ihnen also in aller Eil' melden, daß +Sie ihn nicht--(stotternd) bekommen haben und auch--(immer +furchtsamer) nicht haben--bekommen können.--" + +Was? ich nicht? und wer denn? und warum denn nicht?-- + +"Erlauben Sie mir aber, daß ich als ein Freund mit Ihnen reden darf." + +So rede, Verräter! + +"Ich habe Ihnen unmöglich den schlimmen Dienst erweisen können, Ihre +Abhandlung zu übergeben.--" + +Du hast sie also nicht übergeben, Treuloser? Himmel, was für ein +Donnerschlag!--So soll mich deine Nachlässigkeit, unwürdiger Freund, +um die verdienteste Belohnung bringen?--Wie wird er sich entschuldigen, +der Nichtswürdige? + +"Wenn ich es frei gestehen soll, so scheinen Sie etwas ganz anders +getan zu haben, als die Akademie verlangt hat. Sie wollte nicht +untersucht wissen, was das Wort Monas grammatikalisch bedeute? wer es +zuerst gebraucht habe? was es bei dem Xenokrates anzeige? ob die +Monaden des Pythagoras die Atomi des Moschus gewesen? usw. Was ist +ihr an diesen kritischen Kleinigkeiten gelegen, und besonders alsdann, +wann die Hauptsache dabei aus den Augen gesetzt wird? Wie leicht +hätte man Ihren Namen mutmaßen können, und Sie würden vielleicht +Spöttereien sein ausgesetzt worden, dergleichen ich nur vor wenig +Tagen in einer gelehrten Zeitung über Sie gefunden habe.--" + +Was lese ich? kann ich meinen Augen trauen? Ah, verfluchtes Papier! +verfluchte Hand, die dich schrieb! (Wirft den Brief auf die Erde und +tritt mit den Füßen darauf.) + +Anton. Der arme Brief! man muß ihn doch vollends auslesen! (Hebt ihn +auf.) Das Beste kömmt vielleicht noch, Herr Damis. Wo blieben Sie? +Da, da! hören Sie nur! + +"... gelehrten Zeitung gefunden habe.--Man nennt Sie ein junges +Gelehrtchen, welches überall gern glänzen möchte und dessen +Schreibesucht--" + +Damis (reißt ihm den Brief aus der Hand). Verdammter Korrespondent! +--Das ist der Lohn, den dein Brief verdient! (Er zerreißt ihn.) Du +zerreißest mein Herz, und ich zerreiße deine unverschämte Neuigkeiten. +Wollte Gott, daß ich ein gleiches mit deinem Eingeweide tun könnte! +Aber--(zu Anton) du nichtswürdige, unwissende Bestie! An alledem bist +du schuld! + +Anton. Ich, Herr Damis? + +Damis. Ja du! wie lange hast du nicht den Brief in der Tasche +behalten? + +Anton. Herr, meine Tasche kann weder schreiben noch lesen: wenn Sie +etwa denken, daß ihn die anders gemacht hat-- + +Damis. Schweig! Und solche Beschimpfungen kann ich überleben?--O ihr +dummen Deutschen! ja freilich, solche Werke, als die meinigen sind, +gehörig zu schätzen, dazu werden andre Genies erfordert! Ihr werdet +ewig in eurer barbarischen Finsternis bleiben und ein Spott eurer +witzigen Nachbarn sein!--Ich aber will mich an euch rächen und von nun +an aufhören, ein Deutscher zu heißen. Ich will mein undankbares +Vaterland verlassen. Vater, Anverwandte und Freunde, alle, alle +verdienen es nicht, daß ich sie länger kenne, weil sie Deutsche sind; +weil sie aus dem Volke sind, das ihre größten Geister mit Gewalt von +sich ausstößt. Ich weiß gewiß, Frankreich und Engeland werden meine +Verdienste erkennen-- + +Anton. Herr Damis, Herr Damis, Sie fangen an zu rasen. Ich bin nicht +sicher bei Ihnen; ich werde jemand rufen müssen. + +Damis. Sie werden es schon empfinden, die dummen Deutschen, was sie +an mir verloren haben! Morgen will ich Anstalt machen, dieses +unselige Land zu verlassen-- + + + + +Sechzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. Anton. + + +Anton. Gott sei Dank, daß jemand kömmt! + +Chrysander. Das verzweifelte Mädel, die Lisette! Und (zu Anton) du, +du Spitzbube! du sollst dein Briefträgerlohn auch bekommen, Mich so zu +hintergehen? schon gut!--Mein Sohn, ich habe mich besonnen; du hast +recht; ich kann dir Julianen nun nicht wieder nehmen. Du sollst sie +behalten. + +Damis. Schon wieder Juliane? Jetzt, da ich ganz andre Dinge zu +beschließen habe--Hören Sie nur auf damit; ich mag sie nicht. + +Chrysander. Es würde unrecht sein, wenn ich dir länger widerstehen +wollte. Ich lasse jedem seine Freiheit; und ich sehe wohl, Juliane +gefällt dir-- + +Damis. Mir? eine dumme Deutsche? + +Chrysander. Sie ist ein hübsches, tugendhaftes, aufrichtiges Mädchen; +sie wird dir tausend Vergnügen machen. + +Damis. Sie mögen sie loben oder schelten; mir gilt alles gleich. Ich +weiß mich nach Ihrem Willen zu richten, und dieser ist, nicht an sie +zu gedenken. + +Chrysander. Nein, nein; du sollst dich über meine Härte nicht +beklagen dürfen. + +Damis. Und Sie sich noch weniger über meinen Ungehorsam. + +Chrysander. Ich will dir zeigen, daß du einen gütigen Vater hast, der +sich mehr nach deinem als nach seinem eignen Willen richtet. + +Damis. Und ich will Ihnen zeigen, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen +in allen die schuldige Untertänigkeit leistet. + +Chrysander. Ja, ja; nimm Julianen! Ich gebe dir meinen Segen. + +Damis. Nein, nein; ich werde Sie nicht so erzürnen-- + +Chrysander. Aber was soll denn das Widersprechen? Dadurch erzürnst +du mich! + +Damis. Ich will doch nicht glauben, daß Sie sich im Ernste schon zum +drittenmal anders besonnen haben? + +Chrysander. Und warum das nicht? + +Damis. Oh, dem sei nun, wie ihm wolle! Ich habe mich gleichfalls +geändert und fest entschlossen, ganz und gar nicht zu heiraten. Ich +muß auf Reisen gehen, und ich werde mich, je eher, je lieber, +davonmachen. + +Chrysander. Was? du willst ohne meine Erlaubnis in die Welt laufen? + +Anton. Das geht lustig! Der dritte Mann fehlt noch, und den will ich +gleich holen. Damis will Julianen nicht, vielleicht fischt sie Valer. +(Gehet ab.) + + + + +Siebzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. + + +Damis. Ja, ja; in zweimal vierundzwanzig Stunden muß ich schon +unterwegens sein. + +Chrysander. Aber was ist dir denn in den Kopf gekommen? + +Damis. Ich bin es längst überdrüssig gewesen, länger in Deutschland +zu bleiben; in diesem nordischen Sitze der Grobheit und Dummheit; wo +es alle Elemente verwehren, klug zu sein; wo kaum alle hundert Jahr +ein Geist meinesgleichen geboren wird-- + +Chrysander. Hast du vergessen, daß Deutschland dein Vaterland ist? + +Damis. Was Vaterland! + +Chrysander. Du Bösewicht, sprich doch lieber gar: was Vater! Aber +ich will dir es zeigen: du mußt Julianen nehmen; du hast ihr dein Wort +gegeben und sie dir das ihrige. + +Damis. Sie hat das ihrige zurückgenommen wie ich jetzt das meinige; +also-- + +Chrysander. Also!--also!--Kurz von der Sache zu reden, glaubst du, +daß ich vermögend bin, dich zu enterben, wann du mir nicht folgest? + +Damis. Tun Sie, was Sie wollen. Nur, wann ich bitten darf, lassen +Sie mich jetzt allein. Ich muß vor meiner Abreise noch zwei Schriften +zustande bringen, die ich meinen Landsleuten, aus Barmherzigkeit, noch +zurücklassen will. Ich bitte nochmals, lassen Sie mich-- + +Chrysander. Willst du mich nicht lieber gar zur Tür hinausstoßen? + + + + +Achtzehnter Auftritt + +Valer. Anton. Chrysander. Damis. + + +Valer. Wie, Damis? ist es wahr, daß Sie wieder zu sich selbst +gekommen sind?--daß Sie von Julianen abstehen? + +Chrysander. Ach, Herr Valer, Sie könnten mir nicht ungelegener kommen. +Bestärken Sie ihn fein in seinem Trotze. So? Sie verdienten es +wohl, daß ich mich nach Ihrem Wunsche bequemte? Mich auf eine so +gottlose Art hintergehen zu wollen?--Mein Sohn, widersprich mir nicht +länger, oder-- + +Damis. Ihre Drohungen sind umsonst. Ich muß mich fremden Ländern +zeigen, die sowohl ein Recht auf mich haben als das Vaterland. Und +Sie verlangen doch nicht, daß ich eine Frau mit herumführen soll? + +Valer. Damis hat recht, daß er auf das Reisen dringt. Nichts kann +ihm, in seinen Umständen, nützlicher sein. Lassen Sie ihm seinen +Willen, und mir lassen Sie Julianen, die Sie mir so heilig versprochen +haben. + +Chrysander. Was versprochen? Betrügern braucht man sein Wort nicht +zu halten. + +Valer. Ich habe es Ihnen schon beschworen, daß einzig und allein +Lisette diesen Betrug hat spielen wollen, ohne die wir von dem +Dokumente gar nichts wissen würden.--Wie glücklich, wann es nie zum +Vorschein gekommen wäre! Es ist das grausamste Glück, das Julianen +hat treffen können. Wie gern würde sie es aufopfern, wenn sie dadurch +die Freiheit über ihr Herz erhalten könnte. + +Chrysander. Aufopfern? Herr Valer, bedenken Sie, was das sagen will. +Wir Handelsleute fassen einander gern bei dem Worte. + +Valer. Oh, tun Sie es auch hier! Mit Freuden tritt Ihnen Juliane das +Dokument ab. Fangen Sie den Prozeß an, wenn Sie wollen; der Vorteil +davon soll ganz Ihnen gehören. Juliane hält dieses für das kleinste +Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie glaubt Ihnen noch weit mehr schuldig +zu sein.-- + +Chrysander. Nu, nu, sie ist mir immer ganz erkenntlich +vorgekommen--Aber was würden Sie denn, Valer, als ihr künft'ger Mann, +zu dieser Dankbarkeit sagen? + +Valer. Denken Sie besser von mir. Ich habe Julianen geliebt, da sie +zu nichts Hoffnung hatte. Ich liebe sie auch noch, ohne die geringste +eigennützige Absicht. Und ich bitte Sie: was schenkt man denn einem +ehrlichen Manne, wenn man ihm einen schweren Prozeß schenkt? + +Chrysander. Valer, ist das Ihr Ernst? + +Valer. Fordern Sie noch mehr als das Dokument; mein halbes Vermögen +ist Ihre. + +Chrysander. Da sei Gott vor, daß ich von Ihrem Vermögen einen Heller +haben wollte! Sie müssen mich nicht für so eigennützig ansehen.--Wir +sind gute Freunde, und es bleibt bei dem alten: Juliane ist Ihre! Und +wenn das Dokument meine soll, so ist sie um so viel mehr Ihre. + +Valer. Kommen Sie, Herr Chrysander, bekräftigen Sie ihr dieses selbst! +Wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnügt machen zu können. + +Chrysander. Wenn das ist, Damis; so kannst du meinetwegen noch heute +die Nacht fortreisen. Ich will Gott danken, wenn ich dich Narren +wieder aus dem Hause los bin. + +Damis. Gehen Sie doch nur, und lassen Sie mich allein. + +Valer. Damis, und endlich muß ich Ihnen doch noch mein Glück +verdanken? Ich tue es mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit, ob ich +schon weiß, daß ich die Ursache Ihrer Veränderung nicht bin. + +Damis. Aber die wahre Ursache?--(Zu Anton.) Verfluchter Kerl, hast du +dein Maul nicht halten können?--Gehen Sie nur, Valer-- + +(Indem Chrysander und Valer abgeben wollen, hält Anton Valeren zurück.) + +Anton (sachte). Nicht so geschwind! Wie steht es mit Lisettens +Ausstattung, Herr Valer? und mit-- + +Valer. Seid ohne Sorgen; ich werde mehr halten, als ich versprochen +habe. + +Anton. Juchhe! nun war die Taube gefangen. + + + + +Letzter Auftritt + +Damis (an seinem Tische). Anton. + + +Anton. Noch ein Wort, Herr Damis, habe ich mit Ihnen zu reden. + +Damis. Und?-- + +Anton. Sie wollen auf Reisen gehen?-- + +Damis. Zur Sache! es ist schon mehr als ein Wort. + +Anton. Je nun! meinen Abschied. + +Damis. Deinen Abschied? Du denkst vielleicht, daß ich dich +ungelehrten Esel mitnehmen würde? + +Anton. Nicht? und ich habe also meinen Abschied? Gott sei Dank! +empfangen Sie nun auch den Ihrigen, welcher in einer kleinen Lehre +bestehen soll. Ich habe Ihre Torheiten nun länger als drei Jahr +angesehen und selber alber genug dabei getan, weil ich weiß, daß ein +Bedienter, wenn sein Herr auch noch so närrisch ist-- + +Damis. Unverschämter Idiote, wirst du mir aus den Augen gehen? + +Anton. Je nun! wem nicht zu raten steht, dem steht auch nicht zu +helfen. Bleiben Sie zeitlebens der gelehrte Herr Damis! (Gehet ab.) + +Damis. Geh, sag ich, oder!-- + +(Er wirft ihm sein Buch nach, und das Theater fällt zu.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der junge Gelehrte, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Der junge Gelehrte, by Gotthold Ephraim Lessing + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER JUNGE GELEHRTE *** + +***** This file should be named 9369-8.txt or 9369-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/9/3/6/9369/ + +Produced by Delphine Lettau, Mike Pullen, and Gutenberg Projekt-DE +Updated editions will replace the previous one--the old editions will +be renamed. + +Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright +law means that no one owns a United States copyright in these works, +so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United +States without permission and without paying copyright +royalties. 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Redistribution is subject to the +trademark license, especially commercial redistribution. + +START: FULL LICENSE + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full +Project Gutenberg-tm License available with this file or online at +www.gutenberg.org/license. + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project +Gutenberg-tm electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It +exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations +from people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future +generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see +Sections 3 and 4 and the Foundation information page at +www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by +U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the +mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its +volunteers and employees are scattered throughout numerous +locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt +Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to +date contact information can be found at the Foundation's web site and +official page at www.gutenberg.org/contact + +For additional contact information: + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not +necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper +edition. + +Most people start at our Web site which has the main PG search +facility: www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + diff --git a/9369-8.zip b/9369-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2c66567 --- /dev/null +++ b/9369-8.zip diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..7c621d6 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #9369 (https://www.gutenberg.org/ebooks/9369) diff --git a/old/7jngg10.txt b/old/7jngg10.txt new file mode 100644 index 0000000..8542980 --- /dev/null +++ b/old/7jngg10.txt @@ -0,0 +1,4649 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der junge Gelehrte, by Gotthold Ephraim Lessing + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. 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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Der junge Gelehrte + +Author: Gotthold Ephraim Lessing + +Release Date: November, 2005 [EBook #9369] +[This file was first posted on September 25, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER JUNGE GELEHRTE *** + + + + +E-text prepared by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + + + + +This Etext is in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfuegung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Der junge Gelehrte + +Ein Lustspiel in drei Aufzuegen + +Gotthold Ephraim Lessing + +Verfertigt im Jahre 1747 + + + +Personen: + +Chrysander, ein alter Kaufmann Damis, der junge Gelehrte, Chrysanders +Sohn Valer Juliane Anton, Bedienter des Damis Lisette + +Der Schauplatz ist die Studierstube des Damis. + + + + +Erster Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Damis (am Tische unter Buechern). Anton. + + +Damis. Die Post also ist noch nicht da? + +Anton. Nein. + +Damis. Noch nicht? Hast du auch nach der rechten gefragt? Die Post +von Berlin-- + +Anton. Nun ja doch; die Post von Berlin; sie ist noch nicht da! Wenn +sie aber nicht bald koemmt, so habe ich mir die Beine abgelaufen. Tun +Sie doch, als ob sie Ihnen, wer weiss was, mitbringen wuerde! Und ich +wette, wenn's hoch koemmt, so ist es eine neue Scharteke oder eine +Zeitung oder sonst ein Wisch.-- + +Damis. Nein, mein guter Anton; dasmal moechte es etwas mehr sein. Ah! +wann du es wuesstest-- + +Anton. Will ich's denn wissen? Es wuerde mir weiter doch nichts +helfen, als dass ich einmal wieder ueber Sie lachen koennte. Das ist mir +gewiss etwas Seltnes?--Haben Sie mich sonst noch wohin zu schicken? +Ich habe ohnedem auf dem Ratskeller eine kleine Verrichtung; +vielleicht ist's ein Gang? Nu? + +Damis (erzuernt). Nein, Schurke! + +Anton. Da haben wir's! Er hat alles gelesen, nur kein +Komplimentierbuch.--Aber besinnen Sie sich. Etwa in den Buchladen? + +Damis. Nein, Schurke! + +Anton. Ich muss das Schurke so oft hoeren, dass ich endlich selbst +glauben werde, es sei mein Taufname.--Aber zum Buchbinder? + +Damis. Schweig, oder-- + +Anton. Oder zum Buchdrucker? Zu diesen dreien, Gott sei Dank! weiss +ich mich, wie das Faerbepferd um die Rolle. + +Damis. Sieht denn der Schlingel nicht, dass ich lese? Will er mich +noch laenger stoeren? + +Anton (beiseite). St! Er ist im Ernste boese geworden. Lenk ein, +Anton.--Aber, sagen Sie mir nur, was lesen Sie denn da fuer ein Buch? +Potz Stern, was das fuer Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche +Krakelfuesse, solche fuerchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen? +Wann das nicht wenigstens Fausts Hoellenzwang ist--Ach, man weiss es ja +wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich +verfuehrt sie der boese Geist, dass sie auch hexen lernen.-- + +Damis (nimmt sein muntres Wesen wieder an). Du guter Anton! Das ist +ein Buch in hebraeischer Sprache.--Des Ben Maimon Jad chasaka. + +Anton. Ja doch; wer's nur glauben wollte! Was Hebraeisch ist, weiss +ich endlich auch. Ist es nicht mit der Grundsprache, mit der +Textsprache, mit der heiligen Sprache einerlei? Die warf unser Pfarr, +als ich noch in die Schule ging, mehr als einmal von der Kanzel. Aber +so ein Buch, wahrhaftig! hatte er nicht; ich habe alle seine Buecher +beguckt; ich musste sie ihm einmal von einem Boden auf den andern +raeumen helfen. + +Damis. Ha! ha! ha! das kann wohl sein. Es ist Wunders genug, wenn +ein Geistlicher auf dem Lande nur den Namen davon weiss. Zwar, im +Vertrauen, mein lieber Anton, die Geistlichen ueberhaupt sind schlechte +Helden in der Gelehrsamkeit. + +Anton. Nu, nu, bei allen trifft das wohl nicht ein. Der Magister in +meinem Dorfe wenigstens gehoert unter die Ausnahme. Versichert! der +Schulmeister selber hat mir es mehr als einmal gesagt, dass er ein sehr +gelehrter Mann waere. Und dem Schulmeister muss ich das glauben; denn +wie mir der Herr Pfarr oft gesagt hat, so ist er keiner von den +schlechten Schulmeistern; er versteht ein Wort Latein und kann davon +urteilen. + +Damis. Das ist lustig! Der Schulmeister also lobt den Pfarr, und der +Pfarr, nicht unerkenntlich zu sein, lobt den Schulmeister. Wenn mein +Vater zugegen waere, so wuerde er gewiss sagen: Manus manum lavat. Hast +du ihm die alberne Gewohnheit nicht angemerkt, dass er bei aller +Gelegenheit ein lateinisches Spruechelchen mit einflickt? Der alte +Idiote denkt, weil er so einen gelehrten Sohn hat, muesse er doch auch +zeigen, dass er einmal durch die Schule gelaufen sei. + +Anton. Hab ich's doch gedacht, dass es etwas Albernes sein muesse; denn +manchmal mitten in der Rede murmelt er etwas her, wovon ich kein Wort +verstehe. + +Damis. Doch schliesse nur nicht daraus, dass alles albern sei, was du +nicht verstehst. Ich wuerde sonst viel albernes Zeug wissen.--Aber, o +himmlische Gelehrsamkeit, wieviel ist dir ein Sterblicher schuldig, +der dich besitzt! Und wie bejammernswuerdig ist es, dass dich die +wenigsten in deinem Umfange kennen! Der Theolog glaubt dich bei einer +Menge heiliger Sprueche, fuerchterlicher Erzaehlungen und einiger uebel +angebrachten Figuren zu besitzen. Der Rechtsgelehrte bei einer +unseligen Geschicklichkeit, unbrauchbare Gesetze abgestorbner Staaten, +zum Nachteile der Billigkeit und Vernunft, zu verdrehen und die +fuerchterlichsten Urtel in einer noch fuerchterlichern Sprache +vorzutragen. Der Arzt endlich glaubt sich wirklich deiner bemaechtiget +zu haben, wann er durch eine Legion barbarischer Woerter die Gesunden +krank und die Kranken noch kraenker machen kann. Aber, o betrogene +Toren! die Wahrheit laesst euch nicht lange in diesem sie schimpfenden +Irrtume. Es kommen Gelegenheiten, wo ihr selbst erkennet, wie +mangelhaft euer Wissen sei; voll tollen Hochmuts beurteilet ihr +alsdann alle menschliche Erkenntnis nach der eurigen und ruft wohl gar +in einem Tone, welcher alle Sterbliche zu bejammern scheinet, aus: +Unser Wissen ist Stueckwerk! Nein, glaube mir, mein lieber Anton: der +Mensch ist allerdings einer allgemeinen Erkenntnis faehig. Es leugnen, +heisst ein Bekenntnis seiner Faulheit oder seines maessigen Genies +ablegen. Wenn ich erwaege, wieviel ich schon nach meinen wenigen +Jahren verstehe, so werde ich von dieser Wahrheit noch mehr ueberzeugt. +Lateinisch, Griechisch, Hebraeisch, Franzoesisch, Englisch, +Italienisch--das sind sechs Sprachen, die ich alle vollkommen besitze: +und bin erst zwanzig Jahr alt! + +Anton. Sachte! Sie haben eine vergessen; die deutsche-- + +Damis. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen; +und ich bin erst zwanzig Jahr alt! + +Anton. Pfui doch, Herr! Sie haben mich oder sich selbst zum besten. +Sie werden doch das, dass Sie Deutsch koennen, nicht zu Ihrer +Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht.-- + +Damis. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu koennen? + +Anton. Ich? ich? nicht Deutsch! Es waere ein verdammter Streich, wenn +ich Kalmuckisch redete und wuesste es nicht. + +Damis. Unter koennen und koennen ist ein Unterschied. Du kannst +Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Toenen ausdruecken, die +einem Deutschen verstaendlich sind; das ist, die ebendie Gedanken in +ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das +ist: du weisst nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh +oder annehmlich, undeutlich oder verstaendlich, alt oder gebraeuchlich +ist; du weisst ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von +ihr. + +Anton. Was einem die Gelehrten nicht weismachen wollen! Wenn es nur +auf Ihr "das ist" ankaeme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch +ab, dass ich essen koennte. + +Damis. Essen? Je nun wahrhaftig, wenn ich es genau nehmen will, so +kannst du es auch nicht. + +Anton. Ich? ich nicht essen? Und trinken wohl auch nicht? + +Damis. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden, +in Mund stecken, kauen, herunterschlucken und so weiter. Du kannst +nicht essen, das ist: du weisst die mechanischen Gesetze nicht, nach +welchen es geschiehet; du weisst nicht, welches das Amt einer jeden +dabei taetigen Muskel ist; ob der Digastrikus oder der Masseter, ob der +Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomatikus oder der +Platysmamyodes, ob-- + +Anton. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein +Magen etwas davon erhaelt und ob mir's bekoemmt.--Aber wieder auf die +Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, dass ich eine verstehe, die Sie +nicht verstehen? + +Damis. Du, eine Sprache, die ich nicht verstuende? + +Anton. Ja; raten Sie einmal. + +Damis. Kannst du etwa Koptisch? + +Anton. Foptisch? Nein, das kann ich nicht. + +Damis. Chinesisch? Malabarisch? Ich wuesste nicht woher. + +Anton. Wie Sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er +besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redete nichts als diese Sprache. + +Damis. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein +Vetter? + +Anton. Dass ich nicht gar ein Jude waere! Mein Vetter war ein Wende; +ich kann Wendisch; und das koennen Sie nicht. + +Damis (nachsinnend). Er hat recht.--Mein Bedienter soll eine Sprache +verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache? +Ich erinnere mich, dass ihre Verwandtschaft mit der hebraeischen sehr +gross sein soll. Wer weiss, wieviel Stammwoerter, die in dieser verloren +sind, ich in jener entdecken koennte!--Das Ding faengt mir an, im Kopfe +herumzugehen! + +Anton. Sehen Sie!--Doch wissen Sie was? Wenn Sie mir meinen Lohn +verdoppeln, so sollen Sie bald so viel davon verstehen als ich selbst. +Wir wollen fleissig miteinander wendisch parlieren, und--Kurz, +ueberlegen Sie es. Ich vergesse ueber dem verdammten Plaudern meinen +Gang auf den Ratskeller ganz und gar. Ich bin gleich wieder zu Ihren +Diensten. + +Damis. Bleib itzt hier; bleib hier. + +Anton. Aber Ihr Herr Vater koemmt. Hoeren Sie? Wir koennten doch nicht +weiterreden. (Geht ab.) + +Damis. Wenn mich doch mein Vater ungestoert lassen wollte. Glaubt er +denn, dass ich so ein Muessiggaenger bin wie er? + + + + +Zweiter Auftritt + +Damis. Chrysander. + + +Chrysander. Immer ueber den verdammten Buechern! Mein Sohn, zuviel ist +zuviel. Das Vergnuegen ist so noetig als die Arbeit. + +Damis. O Herr Vater, das Studieren ist mir Vergnuegens genug. Wer +neben den Wissenschaften noch andere Ergoetzungen sucht, muss die wahre +Suessigkeit derselben noch nicht geschmeckt haben. + +Chrysander. Das sage nicht! Ich habe in meiner Jugend auch studiert; +ich bin bis auf das Mark der Gelehrsamkeit gekommen. Aber dass ich +bestaendig ueber den Buechern gelegen haette, das ist nicht wahr. Ich +ging spazieren; ich spielte; ich besuchte Gesellschaften; ich machte +Bekanntschaft mit Frauenzimmern. Was der Vater in der Jugend getan +hat, kann der Sohn auch tun; soll der Sohn auch tun. A bove majori +discat arare minor! wie wir Lateiner reden. Besonders das +Frauenzimmer lass dir, wie wir Lateiner reden, de meliori empfohlen +sein! Das sind Narren, die einen jungen Menschen vor das Frauenzimmer +aerger als vor Skorpionen warnen; die es ihm, wie wir Lateiner reden, +cautius sanguine viperino zu fliehen befehlen.-- + +Damis. Cautius sanguine viperino? Ja, das ist noch Latein! Aber wie +heisst die ganze Stelle? + +Cur timet flavum Tiberim tangere? cur olivum Sanguine viperino Cautius +vitat?-- + +Oh, ich hoere schon, Herr Vater, Sie haben auch nicht aus der Quelle +geschoepft! Denn sonst wuerden Sie wissen, dass Horaz in ebender Ode die +Liebe als eine sehr nachteilige Leidenschaft beschreibt, und das +Frauenzimmer-- + +Chrysander. Horaz! Horaz! Horaz war ein Italiener und meinet das +italienische Frauenzimmer. Ja vor dem italienischen warne ich dich +auch! das ist gefaehrlich! Ich habe einen guten Freund, der in seiner +Jugend--Doch still! man muss kein Aergernis geben.--Das deutsche +Frauenzimmer hingegen, o das deutsche! mit dem ist es ganz anders +beschaffen.--Ich wuerde der Mann nicht geworden sein, der ich doch bin, +wenn mich das Frauenzimmer nicht vollends zugestutzt haette. Ich +daechte, man saehe mir's an. Du hast tote Buecher genug gelesen; guck +einmal in ein lebendiges! + +Damis. Ich erstaune-- + +Chrysander. O du wirst noch mehr erstaunen, wenn du erst tiefer +hineingehen wirst. Das Frauenzimmer, musst du wissen, ist fuer einen +jungen Menschen eine neue Welt, wo man so viel anzugaffen, so viel zu +bewundern findet-- + +Damis. Hoeren Sie mich doch! Ich erstaune, will ich sagen, Sie eine +Sprache fuehren zu hoeren, in der wahrhaftig diejenigen Vorschriften +nicht ausgedruckt waren, die Sie mir mit auf die hohe Schule gaben. + +Chrysander. Quae, qualis, quanta! Jetzt und damals! Tempora +mutantur! wie wir Lateiner sagen. + +Damis. Tempora mutantur? Ich bitte Sie, legen Sie doch die +Vorurteile des Poebels ab. Die Zeiten aendern sich nicht. Denn lassen +Sie uns einmal sehen: was ist die Zeit?-- + +Chrysander. Schweig! die Zeit ist ein Ding, das ich mir mit deinem +unnuetzen Geplaudre nicht will verderben lassen. Meine damaligen +Vorschriften waren nach dem damaligen Masse deiner Erfahrung und deines +Verstandes eingerichtet. Nun aber traue ich dir von beiden so viel zu, +dass du Ergoetzlichkeiten nicht zu Beschaeftigungen machen wirst. Aus +diesem Grunde rate ich dir also-- + +Damis. Ihre Reden haben einigen Schein der Wahrheit. Allein ich +dringe tiefer. Sie werden es gleich sehen. Der Status Controversiae +ist-- + +Chrysander. Ei, der Status Controversiae mag meinetwegen in Barbara +oder in Celarent sein. Ich bin nicht hergekommen mit dir zu +disputieren, sondern-- + +Damis. Die Kunstwoerter des Disputierens zu lernen? Wohl! Sie muessen +also wissen, dass weder Barbara noch Celarent den Statum-- + +Chrysander. Ich moechte toll werden! Bleib Er mir, Herr Informator, +mit den Possen weg, oder-- + +Damis. Possen? diese seltsamen Benennungen sind zwar Ueberbleibsel der +scholastischen Philosophie, das ist wahr; aber doch solche +Ueberbleibsel-- + +Chrysander. Ueber die ich die Geduld verlieren werde, wann du mich +nicht bald anhoerst. Ich komme in der ernsthaftesten Sache von der +Welt zu dir,--denn was ist ernsthafter als heiraten?--und du-- + +Damis. Heiraten? Des Heiratens wegen zu mir? zu mir? + +Chrysander. Ha! ha! Macht dich das aufmerksam? Also ausculta et +perpende! + +Damis. Ausculta et perpende? ausculta et perpende? Ein gluecklicher +Einfall-- + +Chrysander. Oh, ich habe Einfaelle-- + +Damis. Den ich da bekomme! + +Chrysander. Du? + +Damis. Ja, ich. Wissen Sie, wo sich dieses ausculta et perpende +herschreibt? Eben mache ich die Entdeckung; aus dem Homer. O was +finde ich nicht alles in meinem Homer? + +Chrysander. Du und dein Homer, ihr seid ein paar Narren! + +Damis. Ich und Homer? Homer und ich? wir beide? Hi! hi! hi! Gewiss, +Herr Vater? O ich danke, ich danke. Ich und Homer! Homer und ich! +--Aber hoeren Sie nur: sooft Homer--er war wirklich kein Narr, so wenig +wie ich--sooft er, sag ich, seine Helden den Soldaten zur Tapferkeit +ermuntern oder in dem Kriegsrate eine Beratschlagung anheben laesst; +sooft ist auch der Anfang ihrer Rede: Hoeret, was ich vortragen werde, +und ueberlegt es! Zum Exempel in der Odyssee: + +"Keklute dae nun meu, Ithakhsioi, oti ken eipo." [Greek] + +Und darauf folgt denn auch oft: + +"Oy eiath' oi d' ara tau mala men chluon, aed' epithonto," [Greek] + +das ist: so sprach er, und sie gehorchten dem, was sie gehoeret hatten. + +Chrysander. Gehorchten sie ihm? Nu, das ist vernuenftig! Homer mag +doch wohl kein Narr sein. Sieh zu, dass ich von dir auch widerrufen +kann. Denn wieder zur Sache: ich kenne, mein Sohn-- + +Damis. Einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Vater. Ich will mich +nur hinsetzen und diese Anmerkung aufschreiben. + +Chrysander. Aufschreiben? was ist hier aufzuschreiben? Wem liegt +daran, ob das Spruechelchen aus dem Homer oder aus dem Gesangbuche ist? + +Damis. Der gelehrten Welt liegt daran; meiner und Homers Ehre lieget +daran! Denn ein Halbhundert solche Anmerkungen machen einen +Philologen. Und sie ist neu, muss ich Ihnen sagen, sie ist ganz neu. + +Chrysander. So schreib sie ein andermal auf. + +Damis. Wenn sie mir aber wieder entfiele? Ich wuerde untroestlich sein. +Haben Sie wenigstens die Guetigkeit, mich wieder daran zu erinnern. + +Chrysander. Gut, das will ich tun; hoere mir nur jetzt zu. Ich kenne, +mein Sohn, ein recht allerliebstes Frauenzimmer; und ich weiss, du +kennst es auch. Haettest du wohl Lust-- + +Damis. Ich soll ein Frauenzimmer, ein liebenswuerdiges Frauenzimmer +kennen? Oh, Herr Vater, wenn das jemand hoerte, was wuerde er von +meiner Gelehrsamkeit denken?--Ich ein liebenswuerdiges Frauenzimmer?-- + +Chrysander. Nun wahrhaftig; ich glaube nicht, dass ein Gastwirt so +erschrecken kann, wenn man ihm schuld gibt, er kenne den oder jenen +Spitzbuben, als du erschrickst, weil du ein Frauenzimmer kennen sollst. +Ist denn das ein Schimpf? + +Damis. Wenigstens ist es keine Ehre, besonders fuer einen Gelehrten. +Mit wem man umgeht, dessen Sitten nimmt man nach und nach an. Jedes +Frauenzimmer ist eitel, hoffaertig, geschwaetzig, zaenkisch und +zeitlebens kindisch, es mag so alt werden, als es will. Jedes +Frauenzimmer weiss kaum, dass es eine Seele hat, um die es unendlich +mehr besorgt sein sollte als um den Koerper. Sich ankleiden, +auskleiden und wieder anders ankleiden; vor dem Spiegel sitzen, seinen +eignen Reiz bewundern; auf ausgekuenstelte Mienen sinnen; mit +neugierigen Augen muessig an dem Fenster liegen: unsinnige Romane lesen +und aufs hoechste zum Zeitvertreibe die Nadel zur Hand nehmen: das sind +seine Beschaeftigungen; das ist sein Leben. Und Sie glauben, dass ein +Gelehrter, ohne Nachteil seines guten Namens, solche naerrische +Geschoepfe weiter als ihrer aeusserlichen Gestalt nach kennen duerfe? + +Chrysander. Mensch, Mensch! deine Mutter kehrt sich im Grabe um. +Bedenke doch, dass sie auch ein Frauenzimmer war! Bedenke doch, dass +die Dinger von Natur nun einmal nicht anders sind! Obschon, wie wir +Lateiner zu reden pflegen, nulla regula sine exceptione. Und so eine +Exzeption ist sicherlich das Maedchen, das ich jetzt im Kopfe habe und +das du kennst.-- + +Damis. Nein, nein! ich schwoere es Ihnen zu; unsere Muhmen ausgenommen +und Julianen-- + +Chrysander. Und Julianen? bene!-- + +Damis. Und ihr Maedchen ausgenommen, kenne ich kein einziges Weibsbild. +Ja, der Himmel soll mich strafen, wenn ich mir jemals in den Sinn +kommen lasse, mehrere kennenzulernen! + +Chrysander. Je nun, auch das! wie du willst! Genug, Julianen, die +kennst du. + +Damis. Leider! + +Chrysander. Und eben Juliane ist es, ueber die ich deine Gedanken +vernehmen moechte.-- + +Damis. Ueber Julianen? meine Gedanken ueber Julianen? O Herr Vater, +wenn Sie noch meine Gedanken ueber Erinnen oder Korinnen, ueber +Telesillen oder Praxillen verlangten-- + +Chrysander. Schocktausend! was sind das fuer Illen? Den Augenblick +schwur er, er kenne kein Frauenzimmer, und nun nennt er ein halb +Dutzend Menscher.-- + +Damis. Menscher? Herr Vater! + +Chrysander. Ja, Herr Sohn, Menscher! Die Endung gibt's gewiss nicht? +Netrix, Lotrix, Meretrix.-- + +Damis. Himmel, Menscher! griechische beruehmte Dichterinnen Menscher +zu nennen!-- + +Chrysander. Ja, ja, Dichterinnen! das sind mir eben die rechten. +Lotrix, Meretrix, Poetrix-- + +Damis. Poetrix? O wehe, meine Ohren! Poetria muessten Sie sagen: oder +Poetris-- + +Chrysander. Is oder ix, Herr Buchstabenkraemer! + + + + +Dritter Auftritt + +Chrysander. Damis. Lisette. + + +Lisette. Hurtig herunter in die Wohnstube, Herr Chrysander! Man will +Sie sprechen. + +Chrysander. Nun, was fuer ein Narr muss mich jetzo stoeren? Wer ist es +denn? + +Lisette. Soll ich alle Narren kennen? + +Chrysander. Was sagst du? Du hast ein unglueckliches Maul, Lisette. +Einen ehrlichen Mann einen Narren zu schimpfen? Denn ein ehrlicher +Mann muss es doch sein; was wollte er sonst bei mir? + +Lisette. Nu, nu; verzeihen Sie immer meinem Maule den Fehler des +Ihrigen. + +Chrysander. Den Fehler des meinigen? + +Lisette. O gehen Sie doch! der ehrliche Mann wartet. + +Chrysander. Lass ihn warten. Habe ich doch den Narren nicht kommen +heissen.--Ich werde gleich wieder da sein, mein Sohn. + +Lisette (beiseite). Ich muss doch sehen, ob ich aus dem wunderlichen +Einfall meiner Jungfer etwas machen kann. + + + + +Vierter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Damis. Nun? geht Lisette nicht mit? + +Lisette. Ich bin Ihre gehorsamste Dienerin. Wenn Sie befehlen, so +werde ich gehorchen. Aber nur eines moechte ich erst wissen. Sagen +Sie mir, um des Himmels willen, wie koennen Sie bestaendig so allein +sein? Was machen Sie denn den ganzen Tag auf Ihrer Studierstube? +Werden Ihnen denn nicht alle Augenblicke zu Stunden? + +Damis. Ach, was nutzen die Fragen? Fort! fort! + +Lisette. Ueber den Buechern koennen Sie doch unmoeglich die ganze Zeit +liegen. Die Buecher, die toten Gesellschafter! Nein, ich lobe mir das +Lebendige; und das ist auch Mamsell Julianens Geschmack. Zwar dann +und wann lesen wir auch; einen irrenden Ritter, eine Banise, und so +etwas Gutes; aber laenger als eine Stunde halten wir es hintereinander +nicht aus. Ganze Tage damit zuzubringen wie Sie, hilf Himmel! in den +ersten dreien waeren wir tot. Und vollends nicht ein Wort dabei zu +reden wie Sie; das waere unsre Hoelle. Ein Vorzug des ganzen maennlichen +Geschlechts kann es nicht sein, weil ich Mannspersonen kenne, die so +fluechtig und noch fluechtiger sind als wir. Es muessen nur sehr wenig +grosse Geister diese besondere Gaben besitzen.-- + +Damis. Lisette spricht so albern eben nicht. Es ist schade, dass ein +so guter Mutterwitz nicht durch die Wissenschaften ausgebessert wird. + +Lisette. Sie machen mich schamrot. Bald duerfte ich mich dafuer raechen +und Ihnen die Lobeserhebungen nacheinander erzaehlen, die Ihnen von der +gestrigen Gartengesellschaft gemacht wurden. Doch ich will Ihre +Bescheidenheit nicht beleidigen. Ich weiss, die Gelehrten halten auf +diese Tugend allzuviel. + +Damis. Meine Lobeserhebungen? meine? + +Lisette. Ja, ja, die Ihrigen. + +Damis. O besorge Sie nichts, meine liebe Lisette. Ich will sie als +die Lobeserhebungen eines andern betrachten, und so kann meine +Bescheidenheit zufrieden sein. Erzaehle Sie mir sie nur. Bloss wegen +Ihrer lebhaften und ungekuenstelten Art, sich auszudruecken, wuensche ich +sie zu hoeren. + +Lisette. O meine Art ist wohl keine von den besten. Es hat mir ein +Lehrmeister wie Sie gefehlt. Doch ich will Ihrem Befehle gehorchen. +Sie wissen doch wohl, wer die Herren waren, die gestern bei Ihrem +Herrn Vater im Garten schmauseten? + +Damis. Nein, wahrhaftig nicht. Weil ich nicht dabeisein wollte, so +habe ich mich auch nicht darum bekuemmert. Hoffentlich aber werden es +Leute gewesen sein, die selbst lobenswuerdig sind, dass man sich also +auf ihr Lob etwas einbilden kann. + +Lisette. Das sind sie so ziemlich. Was wuerde es Ihnen aber +verschlagen, wenn sie es auch nicht waeren? Sie wollen ja Ihre +Lobeserhebungen aus Bescheidenheit als fremde betrachten. Und haengt +denn die Wahrheit von dem Munde desjenigen ab, der sie vortraegt? +Hoeren Sie nur-- + +Damis. Himmel! ich hoere meinen Vater wiederkommen. Um Gottes willen, +liebe Lisette, dass er nicht merkt, dass Sie sich so lange bei mir +aufgehalten hat. Geh Sie hurtig unterdessen in das Kabinett. + + + + +Fuenfter Auftritt + +Damis. Chrysander. + + +Chrysander. Der verzweifelte Valer! er haette mir zu keiner +ungelegnern Zeit kommen koennen. Muss ihn denn der Henker eben heute +von Berlin zurueckfuehren? Und muss er sich denn eben gleich bei mir +anmelden lassen? Hui dass--Nein, Herr Valer, damit kommen Sie zu spaet. +--Nun mein Sohn--(Damis steht zerstreut, als in tiefen Gedanken.) +Hoerst du, mein Sohn? + +Damis. Ich hoere; ich hoere alles. + +Chrysander. Kurz, du merkst doch, wo ich vorhin hinauswollte? Einem +Klugen sind drei Worte genug. Sapienti sat! sagen wir Lateiner. +--Antworte doch-- + +Damis (noch immer als in Gedanken). Was ist da zu antworten?-- + +Chrysander. Was da zu antworten ist?--Das will ich dir sagen. +--Antworte, dass du mich verstanden; dass dir mein Antrag lieb ist; dass +dir Juliane gefaellt; dass du mir in allem gehorchen willst.--Nun, +antwortest du das?-- + +Damis. Ich will gleich sehn--(Indem er in der angenommenen +Zerstreuung nach einem Buche greift.) + +Chrysander. Was kann in dem Buche davon stehen?--Antworte aus dem +Herzen und nicht aus dem Buche.--Ex libro doctus quilibet esse potest; +sagen wir Lateiner.-- + +Damis (als ob er in dem Buche laese). Vollkommen recht! Aber nun wie +weiter?-- + +Chrysander. Das weitere gibt sich, wie 's Griechische. Du sagst ja; +sie sagt ja; damit wird Verloebnis; und bald darauf wird Hochzeit; und +alsdenn--Du wirst schon sehen, wie's alsdenn weitergeht.-- + +Damis. Wenn nun aber diese Voraussetzung--(Immer noch als ob er laese.) + +Chrysander. Ei, ich setze nichts voraus, was im geringsten +zweifelhaft waere. Juliane ist eine Waise; ich bin ihr Vormund; ich +bin dein Vater; was muss mir angelegner sein, als euch beide gluecklich +zu machen? Ihr Vater war mein Freund und war ein ehrlicher Mann, +obgleich ein Narr. Er haette einen honetten Bankerott machen koennen; +seine Glaeubiger wuerden aufs Drittel mit sich haben akkordieren lassen; +und er war so einfaeltig und bezahlte bis auf den letzten Heller. Wie +ist mir denn? hast du ihn nicht gekannt? + +Damis. Von Person nicht. Aber seine Lebensumstaende sind mir ganz +wohl bewusst. Ich habe sie, ich weiss nicht in welcher Biographie, +gelesen' + +Chrysander. Gelesen? gedruckt gelesen? + +Damis. Ja, ja; gelesen. Er ward gegen die Mitte des vorigen +Jahrhunderts geboren und ist, etwa vor zwanzig Jahren, als +Generalsuperintendent in Pommern gestorben. In orientalischen +Sprachen war seine vornehmste Staerke. Allein seine Buecher sind nicht +alle gleich gut. Dieses ist noch eines von den besten. Eine +besondere Gewohnheit soll der Mann an sich gehabt haben-- + +Chrysander. Von wem sprichst denn du? + +Damis. Sie fragen mich ja, ob mir der Verfasser dieses Buchs bekannt +waere? + +Chrysander. Ich glaube, du traeumest; oder es geht gar noch etwas +Aergers in deinem Gehirne vor. Ich frage dich, ob du Julianens Vater +noch gekannt hast? + +Damis. Verzeihen Sie mir, wann ich ein wenig zerstreut geantwortet +habe! Ich dachte eben nach,--warum wohl die Rabbinen--das Schurek +M'lo Pum heissen. + +Chrysander. Mit dem verdammten Schurek! Gib doch auf das acht, was +der Vater mit dir spricht!--(Er nimmt ihm das Buch aus der Hand.) Du +hast ihn also nicht gekannt? Ich besinne mich; es ist auch nicht wohl +moeglich. Als er starb, war Juliane noch sehr jung. Ich nahm sie +gleich nach seinem Tode in mein Haus, und Gott sei Dank! sie hat viel +Wohltaten hier genossen. Sie ist schoen, sie ist tugendhaft; wem +sollte ich sie also lieber goennen als dir? Was meinst du?--Antworte +doch! Stehst du nicht da, als wenn du schliefest!-- + +Damis. Ja, ja, Herr Vater. Nur eins ist noch dabei zu erwaegen.-- + +Chrysander. Du hast recht; freilich ist noch eins dabei zu erwaegen: +ob du dich naemlich geschickt befindest, bald ein oeffentliches Amt +anzunehmen, weil doch-- + +Damis. Wie? geschickt? geschickt? Sie zweifeln also an meiner +Geschicklichkeit?--Wie ungluecklich bin ich, dass ich Ihnen nicht +sogleich die unwidersprechlichsten Beweise geben kann! Doch es soll +noch diesen Abend geschehen. Glauben Sie mir, noch diesen Abend.--Die +verdammte Post! Ich weiss auch nicht, wo sie bleibt. + +Chrysander. Beruhige dich nur, mein Sohn. Die Frage geschahe eben +aus keinem Misstrauen, sondern bloss weil ich glaube, es schicke sich +nicht, eher zu heiraten, als bis man ein Amt hat; so wie es sich, +sollte ich meinen, auch nicht wohl schickt, eher ein Amt anzunehmen, +als bis man weiss, woher man die Frau bekommen will. + +Damis. Ach, was heiraten? was Frau? Erlauben Sie mir, dass ich Sie +allein lasse. Ich muss ihn gleich wieder auf die Post schicken. Anton! +Anton! Doch es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen; ich muss nur +selbst gehen. + + + + +Sechster Auftritt + +Anton. Chrysander. + + +Anton. Rufte mich nicht Herr Damis? Wo ist er? was soll ich? + +Chrysander. Ich weiss nicht, was ihm im Kopfe steckt. Er ruft dich; +er will dich auf die Post schicken; er besinnt sich, dass mit dir +Schlingel nichts anzufangen ist, und geht selber. Sage mir nur, +willst du zeitlebens ein Esel bleiben? + +Anton. Gemach, Herr Chrysander! ich nehme an den Torheiten Ihres +Sohnes keinen Teil. Mehr als zwoelfmal habe ich ihm heute schon auf +die Post laufen muessen. Er verlangt Briefe von Berlin. Ist es meine +Schuld, dass sie nicht kommen? + +Chrysander. Der wunderliche Heilige! Du bist aber nun schon so lange +um ihn; solltest du nicht sein Gemuet, seine Art zu denken ein wenig +kennen? + +Anton. Ha! ha! das koemmt darauf hinaus, was wir Gelehrten die +Kenntnis der Gemueter nennen? Darin bin ich Meister; bei meiner Ehre! +Ich darf nur ein Wort mit einem reden; ich darf ihn nur ansehen: husch, +habe ich den ganzen Menschen weg! Ich weiss sogleich, ob er +vernuenftig oder eigensinnig, ob er freigebig oder ein Knicker-- + +Chrysander. Ich glaube gar, du zeigst auf mich? + +Anton. O kehren Sie sich an meine Haende nicht!--Ob er-- + +Chrysander. Du sollst deine Kunst gleich zeigen! Ich habe meinem +Sohne eine Heirat vorgeschlagen: nun sage einmal, wenn du ihn kennst, +was wird er tun? + +Anton. Ihr Herr Sohn? Herr Damis? Verzeihen Sie mir, bei dem geht +meine Kunst, meine sonst so wohl versuchte Kunst, betteln. + +Chrysander. Nu, Schurke, so geh mit und prahle nicht! + +Anton. Die Gemuetsart eines jungen Gelehrten kennen wollen und etwas +daraus schliessen wollen, ist unmoeglich; und was unmoeglich ist, Herr +Chrysander--das ist unmoeglich. + +Chrysander. Und wieso? + +Anton. Weil er gar keine hat. + +Chrysander. Gar keine? + +Anton. Nein, nicht gar keine; sondern alle Augenblicke eine andre. +Die Buecher und die Exempel, die er liest, sind die Winde, nach welchen +sich der Wetterhahn seiner Gedanken richtet. Nur bei dem Kapitel vom +Heiraten stehenzubleiben, weil das einmal auf dem Tapete ist, so +besinne ich mich, dass--Denn vor allen Dingen muessen Sie wissen, dass +Herr Damis nie etwas vor mir verborgen hat. Ich bin von jeher sein +Vertrauter gewesen und von jeher der, mit dem er sich immer am +liebsten abgegeben hat. Ganze Tage, ganze Naechte haben wir manchmal +auf der Universitaet miteinander disputiert. Und ich weiss nicht, er +muss doch so etwas an mir finden; etwa eine Eigenschaft, die er an +andern nicht findet-- + +Chrysander. Ich will dir sagen, was das fuer eine Eigenschaft ist: +deine Dummheit! Es ergoetzt ihn, wenn er sieht, dass er gelehrter ist +als du. Bist du nun vollends ein Schalk und widersprichst ihm nicht +und lobst ihn ins Gesicht und bewunderst ihn-- + +Anton. Je verflucht! da verraten Sie mir ja meine ganze Politik! Wie +schlau ein alter Kaufmann nicht ist! + +Chrysander. Aber vergiss das Hauptwerk nicht! Vom Heiraten-- + +Anton. Ja darueber hat er schon Teufelsgrillen im Kopfe gehabt. Zum +Exempel: ich weiss die Zeit, da er gar nicht heiraten wollte. + +Chrysander. Gar nicht? so muss ich noch heiraten. Ich werde doch +meinen Namen nicht untergehen lassen? Der Boesewicht! Aber warum denn +nicht? + +Anton. Darum: weil es einmal Gelehrte gegeben hat, die geglaubt haben, +der ehelose Stand sei fuer einen Gelehrten der schicklichste. Gott +weiss, ob diese Herren allzu geistlich oder allzu fleischlich sind +gesinnt gewesen! Als ein kuenftiger Hagestolz hatte er sich schon auf +verschiedene sinnreiche Entschuldigungen gefasst gemacht.-- + +Chrysander. Auf Entschuldigungen? kann sich so ein ruchloser Mensch, +der dieses heilige Sakrament--Denn im Vorbeigehen zu sagen, ich bin +mit unsern Theologen gar nicht zufrieden, dass sie den Ehestand fuer +kein Sakrament wollen gelten lassen--der, sage ich, dieses heilige +Sakrament verachtet, kann der sich noch unterstehen, seine +Gottlosigkeit zu entschuldigen? Aber, Kerl, ich glaube, du machst mir +etwas weis; denn nur vorhin schien er ja meinen Vorschlag zu billigen. + +Anton. Das ist unmoeglich richtig zugegangen. Wie stellte er sich +dabei an? Lassen Sie sehen; stand er etwa da, als wenn er vor den +Kopf geschlagen waere? sahe er etwa steif auf die Erde? legte er etwa +die Hand an die Stirne? griff er etwa nach einem Buche, als wenn er +darin lesen wollte? liess er Sie etwa ungestoert fortreden? + +Chrysander. Getroffen! du malst ihn, als ob du ihn gesehen haettest. + +Anton. O da sieht es windig aus! Wann er es so macht, will er haben, +dass man ihn fuer zerstreut halten soll. Ich kenne seine Mucken. Er +hoert alsdenn alles, was man ihm sagt; allein die Leute sollen glauben, +er habe es vor vielem Nachsinnen nicht gehoert. Er antwortet zuweilen +auch; wenn man ihm aber seine Antwort wieder vorlegt, so wird er +nimmermehr zugestehen, dass sie auf das gegangen sei, was man von ihm +hat wissen wollen. + +Chrysander. Nun, wer noch nicht gestehen will, dass zu viel +Gelehrsamkeit den Kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren. +Gott sei Dank, dass ich in meiner Jugend gleich das rechte Mass zu +treffen wusste! Omne nimium vertitur in vitulum: sagen wir Lateiner +sehr spasshaft.--Aber Gott sei dem Boesewichte gnaedig, wann er auf dem +Vorsatze verharret! Wann er behauptet, es sei nicht noetig, zu +heiraten und Kinder zu zeugen, will er mir damit nicht zu verstehn +geben, es sei auch nicht noetig gewesen, dass ich ihn gezeugt habe? Der +undankbare Sohn! + +Anton. Es ist wahr, kein groesster Undank kann unter der Sonne sein, +als wenn ein Sohn die viele Muehe nicht erkennen will, die sein Vater +hat ueber sich nehmen muessen, um ihn in die Welt zu setzen. + +Chrysander. Nein; gewiss, an mir soll der heilige Ehestand seinen +Verteidiger finden! + +Anton. Der Wille ist gut; aber lauter solche Verteidiger wuerden die +Konsumtionsakzise ziemlich geringe machen. + +Chrysander. Wieso? + +Anton. Bedenken Sie es selbst! drei Weiber, und von der dritten kaum +einen Sohn. + +Chrysander. Kaum? was willst du mit dem, kaum' sagen, Schlingel? + +Anton. Hui, dass Sie etwas Schlimmers darunter verstehn als ich. + +Chrysander. Zwar im Vertrauen, Anton: wenn die Weiber vor zwanzig +Jahren so gewesen waeren, wie die Weiber jetzo sind, ich wuerde auf +wunderbare Gedanken geraten. Er hat gar zu wenig von mir! Doch die +Weiber vor zwanzig Jahren waren so frech noch nicht wie die jetzigen; +so treulos noch nicht, wie sie heutzutage sind; so luestern noch nicht-- + +Anton. Ist das gewiss? Nun wahrhaftig, so hat man meiner Mutter +unrecht getan, die vor 33 Jahren von ihrem Manne, der mein Vater nicht +sein wollte, geschieden wurde! Doch das ist ein Punkt, woran ich +nicht gern denke. Die Grillen Ihres Herrn Sohns sind lustiger. + +Chrysander. Aergerlicher, sprich! Aber sage mir, was waren denn +seine Entschuldigungen? + +Anton. Seine Entschuldigungen waren Einfaelle, die auf seinem Miste +nicht gewachsen waren. Er sagte zum Exempel, solange er unter vierzig +Jahren sei und ihn jemand um die Ursache fragen wuerde, warum er nicht +heirate, wolle er antworten, er sei zum Heiraten noch zu jung. Waere +er aber ueber vierzig Jahr, so wolle er sprechen, nunmehr sei er zum +Heiraten zu alt. Ich weiss nicht, wie der Gelehrte hiess, der auch so +soll gesagt haben.--Ein anderer Vorwand war der: er heiratete deswegen +nicht, weil er alle Tage willens waere, ein Moench zu werden; und wuerde +deswegen kein Moench, weil er alle Tage gedaechte zu heiraten. + +Chrysander. Was? nun will er auch gar ein Moench werden? Da sieht man, +wohin so ein boeses Gemuet, das keine Ehrfurcht fuer den heiligen +Ehestand hat, verfallen kann! Das haette ich nimmermehr in meinem +Sohne gesucht! + +Anton. Sorgen Sie nicht! bei Ihrem Sohne ist alles nur ein Uebergang. +Er hatte den Einfall in der Lebensbeschreibung eines Gelehrten gelesen; +er hatte Geschmack daran gefunden und sogleich beschlossen, ihn bei +Gelegenheit als den seinen anzubringen. Bald aber ward die Grille von +einer andern verjagt, so wie etwann, so wie etwann--Schade, dass ich +kein Gleichnis dazu finden kann! Kurz, sie ward verjagt. Er wollte +nunmehr heiraten, und zwar einen rechten Teufel von einer Frau. + +Chrysander. Wenn doch den Einfall mehr Narren haben wollten, damit +andre ehrliche Maenner mit boesen Weibern verschont blieben. + +Anton. Ja, meinte er: es wuerde doch huebsch klingen, wenn es einmal +von ihm heissen koennte: unter die Zahl der Gelehrten, welche der Himmel +mit boesen Weibern gestraft hat, gehoeret auch der beruehmte Damis; +gleichwohl kann sich die gelehrte Welt nicht ueber ihn beklagen, dass +ihn dieses Hauskreuz nur im geringsten abgehalten haette, ihr mit +unzaehlbaren gelehrten Schriften zu dienen. + +Chrysander. Mit Schriften! ja, die mir am teuersten zu stehen kommen. +Was fuer Rechnungen habe ich nicht schon an die Buchdrucker bezahlen +muessen! Der Boesewicht! + +Anton. Geduld! er hat auch erst angefangen zu schreiben! Es wird +schon besser kommen. + +Chrysander. Besser? vielleicht damit man ihn endlich einmal auch +unter die zaehlen kann, die ihren Vater arm geschrieben haben! + +Anton. Warum nicht? wenn es ihm Ehre braechte-- + +Chrysander. Die verdammte Ehre! + +Anton. Um die tut ein junger Gelehrter alles! Wann es auch nach +seinem Tode heissen sollte: unter diejenigen Gelehrten, die zum Teufel +gefahren sind, gehoert auch der beruehmte Damis! was schadet das? Genug, +er heisst gelehrt; er heisst beruehmt-- + +Chrysander. Kerl, du erschreckst mich! Aber du, der du weit aelter +bist als er, kannst du ihn nicht dann und wann zurechte weisen?-- + +Anton. Oh, Herr Chrysander! Sie wissen wohl, dass ich keinen Gehalt +als Hofmeister bekomme. Und dazu meine Dummheit-- + +Chrysander. Ja, die du annimmst, um ihn desto duemmer zu machen. + +Anton (beiseite). St! der kennt mich.--Aber glauben Sie, dass ihm mit +der boesen Frau ein Ernst war? Nichts weniger! Eine Stunde darauf +wollte er sich eine gelehrte Frau aussuchen. + +Chrysander. Nun, das waere doch noch etwas Kluges! + +Anton. Etwas Kluges? Nach meiner unvorgreiflichen Meinung ist es +gleich der duemmste Einfall, den er hat haben koennen. Eine gelehrte +Frau! bedenken Sie doch! eine gelehrte Frau; eine Frau wie Ihr Herr +Sohn! Zittern und Entsetzen moechte einem ehrlichen Kerl ankommen. +Wahrhaftig! ehe ich mir eine Gelehrte aufhaengen liess'-- + +Chrysander. Narre, Narre! sie gehen unter andern Leuten, als du bist, +reissend weg. Wann ihrer nur viel waeren, wer weiss, ob ich mir nicht +selbst eine waehlte. + +Anton. Kennen Sie Karlinen? + +Chrysander. Karlinen? Nein. + +Anton. Meinen ehemaligen Kameraden? meinen guten Freund? kennen Sie +den nicht? + +Chrysander. Nein doch, nein. + +Anton. Er trug ein hechtgraues Kleid mit roten Aufschlaegen und auf +seiner Sonntagsmontur rote und blaue Achselbaender. Sie muessen ihn bei +mir gesehen haben. Er hatte eine etwas lange Nase. Sie war ein +Erbstueck; denn er wollte aus der Geschichte wissen, dass schon sein +Ururaeltervater, der ehedem einem gewissen Turnier als Stallknecht +beigewohnt, eine ebenso lange gehabt habe. Sein einziger Fehler war, +dass er etwas krumme Beine hatte. Besinnen Sie sich nun? + +Chrysander. Soll ich denn alle das Lumpengesindel kennen, das du +kennst? Und was willst du denn mit ihm? + +Anton. Sie kennen ihn also im Ernste nicht? Oh! da kennen Sie einen +sehr grossen Geist weniger. Ich will Sie zu seiner Bekanntschaft +verhelfen; ich gelte etwas bei ihm. + +Chrysander. Ich glaube, du schwaermst manchmal so gut als mein Sohn. +Wie koemmst du denn auf die Possen? + +Anton. Eben der Karlin, will ich sagen--Oh! es ist aergerlich, dass Sie +ihn nicht kennen.--Eben der Karlin, sage ich, hat einmal bei einem +Herrn gedient, der eine gelehrte Frau hatte. Der verzweifelte +Vogel--er sah gut aus, und wie nun der Appetit sich nach dem Stande +nicht richtet--kurz, er musste sie naeher gekannt haben. Wo haette er +sonst so viel Verstand her? Endlich merkte es auch sein Herr, dass er +bei der Frau in die Schule ging. Er bekam seinen Abschied, ehe er +sich's versah. Die arme Frau! + +Chrysander. Ach schweig! ich mag weder deine noch meines Sohnes +Grillen laenger mit anhoeren. + +Anton. Noch eine hoeren Sie; und zwar die, welche zuletzt seine +Leibgrille ward: er wollte mehr als eine Frau heiraten. + +Chrysander. Aber eine nach der andern. + +Anton. Nein, wenigstens ein halb Dutzend auf einmal. Der Bibel, der +Obrigkeit und dem Gebrauche zum Trutze! Er las damals gleich ein +Buch-- + +Chrysander. Die verdammten Buecher! Kurz, ich will nicht weiter hoeren. +Es soll ihm schon vergehen, mehr als eine zu nehmen, wenn er nur +erst die genommen hat, die ich jetzt fuer ihn im Kopfe habe. Und was +meinest du wohl, Anton? quid putas? wie wir Lateiner reden; wird er's +tun? + +Anton. Vielleicht; vielleicht nicht. Wenn ich wuesste, was er fuer ein +Buch zuletzt gelesen haette, und wenn ich dieses Buch selbst lesen +koennte, und wenn-- + +Chrysander. Ich sehe schon, ich werde deine Hilfe noetig haben. Du +bist zwar ein Gauner, aber ich weiss auch, man koemmt jetzt mit +Betruegern weiter als mit ehrlichen Leuten. + +Anton. Ei, Herr Chrysander, fuer was halten Sie mich? + +Chrysander. Ohne Komplimente, Herr Anton! ich verspreche dir eine +Belohnung, die deinen Verdiensten gemaess sein soll, wenn du meinen Sohn +quovis modo, wie wir Lateiner reden, durch Wahrheiten oder durch Luegen, +durch Ernst oder durch Schraubereien, vel sic vel aliter, wie wir +Lateiner reden, Julianen zu heiraten bereden kannst. + +Anton. Wen? Julianen? + +Chrysander. Julianen; illam ipsam. + +Anton. Unsere Mamsell Juliane? Ihr Muendel? Ihre Pflegetochter? + +Chrysander. Kennst du eine andre? + +Anton. Das ist unmoeglich, oder das, was ich von ihr gehoert habe, muss +nicht wahr sein. + +Chrysander. Gehoert? so? hast du etwas von ihr gehoert? doch wohl +nichts Boeses. + +Anton. Nichts Gutes war es freilich nicht. + +Chrysander. Ei! ich habe auf das Maedchen so grosse Stuecken gehalten. +Sie wird doch nicht etwa mit einem jungen Kerl--he? + +Anton. Wann es nichts mehr waere! so ein klein Fehlerchen entschuldigt +die Mode. Aber, es ist noch etwas weit Aergers fuer eine gute Jungfer, +die gerne nicht laenger Jungfer sein moechte. + +Chrysander. Noch etwas weit Aergers? ich versteh dich nicht. + +Anton. Und Sie sind gleichwohl ein Kaufmann? + +Chrysander. Noch etwas weit Aergers? Ich habe immer geglaubt, +Eingezogenheit und gute Sitten waeren das Vornehmste-- + +Anton. Nicht mehr! nicht mehr! vor zwanzig Jahren wohl, wie Sie +vorher selbst weislich erinnerten. + +Chrysander. Nun so erklaere dich deutlicher. Ich habe nicht Lust, +deine naerrischen Gedanken zu erraten. + +Anton. Und nichts ist doch leichter. Mit einem Worte: sie soll kein +Geld haben. Man hat mir gesagt, in Ansehung ihres Vaters, der Ihr +guter Freund gewesen waere, haetten Sie Julianen, von ihrem neunten +Jahre an, zu sich genommen und aus Barmherzigkeit erzogen. + +Chrysander. Da hat man dir nun wohl keine Luegen gesagt; gleichwohl +aber soll sie doch kein andrer haben als mein Sohn, wann nur er--Denn +sieh, Anton, ich muss dir das ganze Raetsel erklaeren.--Es liegt nur an +mir, Julianen in kurzer Zeit reich zu machen. + +Anton. Ja, durch Ihr eigen Geld; und auf diese Art koennten Sie auch +mich wohl reich machen. Wollen Sie so gut sein? + +Chrysander. Nein, nicht durch mein eigen Geld.--Kannst du schweigen? + +Anton. Versuchen Sie es. + +Chrysander. Hoere also; mit Julianens Vermoegen steht es so: ihr Vater +kam durch einen Prozess, den er endlich doch musste liegenlassen, kurz +vor seinem Tode um alle das Seine. Jetzt nun ist mir ein gewisses +Dokument in die Haende gefallen, das er lange vergebens suchte und das +dem ganzen Handel ein ander Ansehen gibt. Es koemmt nur darauf an, dass +ich so viel Geld hergebe, den Prozess wieder anzufangen. Das Dokument +selbst habe ich bereits an meinen Advokaten nach Dresden geschickt.-- + +Anton. Gott sei Dank! dass Sie wieder zum Kaufmanne werden! Vorhin +haette ich bald nicht gewusst, was ich aus Ihnen machen sollte.--Aber +Julianens Einwilligung haben Sie doch schon? + +Chrysander. Oh! das gute Kind will mir, wie es spricht, in allem +gehorchen. Unterdessen hat sich doch schon Valer auf sie gespitzt. +Er hat mir vor einiger Zeit auch seine Gedanken deshalb eroeffnet. Ehe +ich das Dokument bekam-- + +Anton. Ja, da war uns an Julianen so viel nicht gelegen. Sie machten +ihm also Hoffnung? + +Chrysander. Freilich! Er ist heute von Berlin wieder zurueckgekommen +und hat sich auch schon bei mir melden lassen. Ich besorge, ich +besorge--Doch wenn mein Sohn nur will--Und diesen, Anton, du +verstehest mich--Ein Narr ist auf viel Seiten zu fassen; und ein Mann +wie du kann auf viel Seiten fassen.--Du wirst sehen, dass ich +erkenntlich bin. + +Anton. Und Sie, dass ich ganz zu Ihren Diensten bin, zumal wenn mich +die Erkenntlichkeit zuerst herausfordert und-- + + + + +Siebenter Auftritt + +Anton. Chrysander. Juliane. + + +Juliane. Kommen Sie doch, Herr Chrysander, kommen Sie doch hurtig +herunter. Herr Valer ist schon da, Ihnen seine Aufwartung zu machen. + +Chrysander. Tut Sie doch ganz froehlich, mein Jungferchen! + +Anton (sachte zu Chrysandern). Hui! dass Valer schon den Vogel +gefangen hat. + +Chrysander. Das waere mir gelegen. + + +(Anton und Chrysander gehen ab.) + + + + +Achter Auftritt + +Juliane. Lisette. + + +Lisette (guckt aus dem Kabinett). Bst! bst! bst! + +Juliane. Nun, wem gilt das? Lisette? bist du's? Was machst du denn +hier? + +Lisette. Ja, das werden Sie wohl nimmermehr glauben, dass ich und +Damis schon so weit miteinander gekommen sind, dass er mich verstecken +muss. Schon kann ich ihn um einen Finger wickeln! Noch eine +Unterredung wie vorhin, so habe ich ihn im Sacke. + +Juliane. Und also haette ich wohl, in allem Scherze, einen recht guten +Einfall gehabt? Wollte doch der Himmel, dass die Verbindung, die sein +Vater zwischen uns-- + +Lisette. Ach, sein Vater! der Schalk, der Geizhals! Jetzt habe ich +ihn kennenlernen. + +Juliane. Was gibst du ihm fuer Titel? Seine Guetigkeit ist nur gar zu +gross. Seine Wohltaten vollkommen zu machen, traegt er mir die Hand +seines Sohnes und mit ihr sein ganzes Vermoegen an. Aber wie +ungluecklich bin ich dabei!--Dankbarkeit und Liebe, Liebe gegen den +Valer, und Dankbarkeit-- + +Lisette. Noch vor einer Minute, war ich in ebendem Irrtume. Aber +glauben Sie mir nur, ich weiss es nunmehr aus seinem Munde: nicht aus +Freundschaft fuer Sie, sondern aus Freundschaft fuer Ihr Vermoegen will +er diese Verbindung treffen. + +Juliane. Fuer mein Vermoegen? du schwaermst. Was habe ich denn, das ich +nicht von ihm haette? + +Lisette. Kommen Sie, kommen Sie. Hier ist der Ort nicht, viel zu +schwatzen. Ich will Ihnen alles erzaehlen, was ich gehoert habe. + + + + +Zweiter Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Lisette. Valer. Juliane. + + +Lisette (noch innerhalb der Szene). Nur hier herein; Herr Damis ist +ausgegangen. Sie koennen hier schon ein Woertchen miteinander im +Vertrauen reden. + +Juliane. Ja, Valer, mein Entschluss ist gefasst. Ich bin ihm zu viel +schuldig; er hat durch seine Wohltaten das groesste Recht ueber mich +erhalten. Es koste mir, was es wolle; ich muss die Heirat eingehen, +weil es Chrysander verlangt. Oder soll ich etwa die Dankbarkeit der +Liebe aufopfern? Sie sind selbst tugendhaft, Valer, und Ihr Umgang +hat mich edler denken gelehrt. Mich Ihrer wert zu zeigen, muss ich +meine Pflicht, auch mit dem Verluste meines Glueckes, erfuellen. + +Lisette. Eine wunderbare Moral! wahrhaftig! + +Valer. Aber wo bleiben Versprechung, Schwur, Treue? Ist es erlaubt, +um eine eingebildete Pflicht zu erfuellen, einer andern, die uns +wirklich verbindet, entgegen zu handeln? + +Juliane. Ach, Valer, Sie wissen es besser, was zu solchen +Versprechungen gehoert. Missbrauchen Sie meine Schwaeche nicht. Die +Einwilligung meines Vaters war nicht dabei. + +Valer. Was fuer eines Vaters?-- + +Juliane. Desjenigen, dem ich fuer seine Wohltaten diese Benennung +schuldig bin. Oder halten Sie es fuer keine Wohltaten, der Armut und +allen ihren unseligen Folgen entrissen zu werden? Ach, Valer, ich +wuerde Ihr Herz nicht besitzen, haette nicht Chrysanders Sorgfalt mich +zur Tugend und Anstaendigkeit bilden lassen. + +Valer. Wohltaten hoeren auf, Wohltaten zu sein, wenn man sucht, sich +fuer sie bezahlt zu machen. Und was tut Chrysander anders, da er Sie, +allzu gewissenhafte Juliane, nur deswegen mit seinem Sohne verbinden +will, weil er ein Mittel sieht, Ihnen wieder zu dem groessten Teile +Ihres vaeterlichen Vermoegens zu verhelfen? + +Juliane. Fussen Sie doch auf eine so wunderbare Nachricht nicht. Wer +weiss, was Lisette gehoert hat? + +Lisette. Nichts, als was sich vollkommen mit seiner uebrigen +Auffuehrung reimt. Ein Mann, der seine Wohltaten schon ausposaunet, +der sie einem jeden auf den Fingern vorzurechnen weiss, sucht etwas +mehr als das blosse Gotteslohn. Und waere es etwa die erste Traene, die +Ihnen aus Verdruss, von einem so eigennuetzig freigebigen Manne +abzuhaengen, entfahren ist? + +Valer. Lisette hat recht!--Aber ich empfinde es leider; Juliane liebt +mich nicht mehr. + +Juliane. Sie liebt Sie nicht mehr? Dieser Verdacht fehlte noch, +ihren Kummer vollkommen zu machen. Wann Sie wuessten, wieviel es ihr, +gegen die Ratschlaege der Liebe taub zu sein, koste; wann Sie wuessten, +Valer--ach, die misstrauischen Mannspersonen! + +Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glueck auf +dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und +wollen sich einem andern ueberlassen? + +Juliane. Ich will? Koennten Sie mich empfindlicher martern? Ich +will?--Sagen Sie: ich muss. + +Valer. Sie muessen?--Noch ist nie ein Herz gezwungen worden als +dasjenige, dem es lieb ist, den Zwang zu seiner Entschuldigung machen +zu koennen-- + +Juliane. Ihre Vorwuerfe sind so fein, so fein! dass ich Sie vor Verdruss +verlassen werde. + +Valer. Bleiben Sie, Juliane; und sagen Sie mir wenigstens, was ich +dabei tun soll? + +Juliane. Was ich tue; dem Schicksale nachgeben. + +Valer. Ach, lassen Sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele! + +Juliane. Das unschuldige? und ich werde also wohl die Schuldige sein? +Halten Sie mich nicht laenger-- + +Lisette. Wann ich mich nun nicht bald dazwischenlege, so werden sie +sich vor lauter Liebe zanken.--Was Sie tun sollen, Herr Valer? eine +grosse Frage! Himmel und Hoelle rege machen, damit die gute Jungfer +nicht muss! Den Vater auf andre Gedanken bringen; den Sohn auf Ihre +Seite ziehen.--Mit dem Sohne zwar hat es gute Wege; den ueberlassen Sie +nur mir. Der gute Damis! Ich bin ohne Zweifel das erste Maedchen, das +ihm schmeichelt, und hoffe dadurch auch das erste zu werden, das von +ihm geschmeichelt wird. Wahrhaftig; er ist so eitel, und ich bin so +geschickt, dass ich mich wohl noch zu seiner Frau an ihm loben wollte, +wenn der verzweifelte Vater nicht waere!--Sehen Sie, Herr Valer, der +Einfall ist von Mamsell Julianen! Erfinden Sie nun eine Schlinge fuer +den Vater-- + +Juliane. Was sagst du, Lisette? von mir? O Valer, glauben Sie solch +rasendes Zeug nicht! Habe ich dir etwas anders befohlen, als ihm +einen schlechten Begriff von mir beizubringen? + +Lisette. Ja, recht; einen schlechten von Ihnen--und wenn es moeglich +waere, einen desto bessern von mir. + +Juliane. Nein, es ist mit euch nicht auszuhalten-- + +Valer. Erklaeren Sie wenigstens, liebste Juliane-- + +Juliane. Erklaeren? und was? Vielleicht, dass ich Ihnen in die Arme +rennen will und wann ich auch alle Tugenden beleidigen sollte? dass ich +mich mit einer Begierde, mit einem Eifer die Ihrige zu werden bemuehen +will, die mich in Ihren Augen notwendig einmal veraechtlich machen +muessen? Nein, Valer-- + +Lisette. Hoeren Sie denn nicht, dass sie uns gern freie Hand lassen +will? Sie macht es wie die schoene Aspasia--oder wie hiess die +Prinzessin in dem dicken Romane? Zwei Ritter machten auf sie Anspruch. +Schlagt euch miteinander, sagte die schoene Aspasia; wer den andern +ueberwindet, soll mich haben. Gleichwohl aber war sie dem Ritter in +der blauen Ruestung guenstiger als dem andern-- + +Juliane. Ach, die Naerrin, mit ihrem blauen Ritter--(Reisst sich los +und geht ab.) + + + + +Zweiter Auftritt + +Lisette. Valer. + + +Lisette. Ha! ha! ha! + +Valer. Mir ist nicht laecherlich, Lisette. + +Lisette. Nicht? Ha! ha! ha! + +Valer. Ich glaube, du lachst mich aus. + +Lisette. Oh, so lachen Sie mit! Oder ich muss noch einmal darueber +lachen, dass Sie nicht lachen wollen. Ha! ha! ha! + +Valer. Ich moechte verzweifeln! In der Ungewissheit, ob sie mich noch +liebt-- + +Lisette. Ungewissheit? Sind denn alle Mannspersonen so schwer zu +ueberreden? Werden sie denn alle zu solchen aengstlichen Zweiflern, +sobald sie die Liebe ein wenig erhitzt? Lassen Sie Ihre Grillen +fahren, Herr Valer, oder ich lache aufs neue. Spannen Sie vielmehr +Ihren Verstand an, etwas auszusinnen, um den alten Chrysander-- + +Valer. Chrysander traut mir nicht und kann mir nicht trauen. Er +kennt meine Neigung zu Julianen. Alle mein Zureden wuerde umsonst sein; +er wuerde den Eigennutz, die Quelle davon, gar bald entdecken. Und +wenn ich auch eine voellige Anwerbung tun wollte; was wuerde es helfen? +Er ist deutsch genug, mir gerade ins Gesicht zu sagen, dass ich seinem +Sohne hier nachstehen muesse, welcher wegen der Wohltaten des Vaters +das groesste Recht auf Julianen habe.--Was soll ich also anfangen? + +Lisette. Mit den wunderlichen Leuten, die nur ueberall den ebenen Weg +gehen wollen! Hoeren Sie, was mir eingefallen ist. Das Dokument, oder +wie der Quark heisst, ist das einzige, was Chrysandern zu dieser Heirat +Lust macht, so dass er es schon an seinen Advokaten geschickt hat. Wie +wenn man von diesem Advokaten einen Brief unterschieben koennte, in +welchem--in welchem-- + +Valer. In welchem er ihm die Gueltigkeit des Dokuments verdaechtig +macht; willst du sagen? Der Einfall ist so unrecht nicht! Aber--wenn +ihm nun einmal der Advokate ganz das Gegenteil schreibt, so ist ja +unser Betrug am Tage. + +Lisette. Was fuer ein Einwurf! Freilich muessen Sie ihn stimmen. Es +ist von jeher gebraeuchlich gewesen, dass es sich ein Liebhaber etwas +muss kosten lassen. + +Valer. Wenn nun aber der Advokat ehrlich ist? + +Lisette. Tun Sie doch, als ob Sie seit vier Wochen erst in der Welt +waeren. Wie die Geschenke so ist der Advokat. Kommen gar keine, so +ist der niedertraechtigste Betrueger der redlichste Mann. Kommen welche, +aber nur kleine, so haelt das Gewissen noch so ziemlich das +Gleichgewicht. Es steigen alsdenn wohl Versuchungen bei ihm auf; +allein die kleinste Betrachtung schlaegt sie wieder nieder. Kommen +aber nur recht ansehnliche, so ist gar bald der ehrlichste Advokat +nicht mehr der ehrlichste. Er legt die Ehrlichkeit mit den +geschenkten Goldstuecken in den Schatz, wo jene eher zu rosten anfaengt +als diese. Ich kenne die Herren! + +Valer. Dein Urteil ist zu allgemein. Nicht alle Personen von +einerlei Stande sind auf einerlei Art gesinnet. Ich kenne +verschiedene alte rechtschaffene Sachwalter-- + +Lisette. Was wollen Sie mit Ihren alten? Es ist eben, als wenn Sie +sagten, die grossen runden Aufschlaege, die kleinen spitzen Knoepfe, die +erschrecklichen Halskrausen, aus welchen man Schiffssegel machen +koennte, die viereckigten breiten Schuhe, die tiefen Taschen, kurz, die +ganze Tracht, wie sich etwa Ihre Paten an Ehrentagen moegen +ausstaffiert haben, waeren noch jetzt Mode, weil man noch manchmal hier +und da einige gebueckte zitternde Maennerchen ueber die Gassen so +schleichen sieht. Lassen Sie nur noch die und Ihr paar alte +rechtschaffene Advokaten sterben; die Mode und die Redlichkeit werden +einen Weg nehmen. + +Valer. Man hoert doch gleich, wenn das Frauenzimmer am beredtesten ist! + +Lisette. Sie meinen etwa, wenn es ans Laestern geht? O wahrhaftig! +des blossen Laesterns wegen habe ich so viel nicht geplaudert. Meine +vornehmste Absicht war, Ihnen beizubringen, wieviel ueberall das Geld +tun koenne und was fuer ein vortreffliches Spiel ein Liebhaber in den +Haenden hat, wenn er gegen alle freigebig ist, gegen die Gebieterin, +gegen den Advokaten und--Dero Dienerin. (Sie macht eine Verbeugung.) + +Valer. Verlass dich auf meine Erkenntlichkeit. Ich verspreche dir +eine recht ansehnliche Ausstattung, wenn wir gluecklich sind-- + +Lisette. Ei, wie fein! Eine Ausstattung? Sie hoffen doch wohl nicht, +dass ich uebrigbleiben werde? + +Valer. Wann du das befuerchtest, so verspreche ich dir den Mann darzu. +--Doch komm nur; Juliane wird ohne Zweifel auf uns warten. Wir wollen +gemeinschaftlich unsre Sachen weiter ueberlegen. + +Lisette. Gehen Sie nur voran; ich muss noch hier verziehen, um meinem +jungen Gelehrten-- + +Valer. Er wird vielleicht schon unten bei dem Vater sein. + +Lisette. Wir muessen uns alleine sprechen. Gehen Sie nur! Sie haben +ihn doch wohl noch nicht gesprochen? + +Valer. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich es ganz und gar +ueberhoben sein koennte! Seinetwegen wuerde ich dieses Haus fliehen, +aerger als ein Tollhaus, wenn nicht ein angenehmerer Gegenstand-- + +Lisette. So gehen Sie doch, und lassen Sie den angenehmern Gegenstand +nicht laenger auf sich warten. + +(Valer geht ab.) + + + + +Dritter Auftritt + +Anton. Lisette. + + +Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging +Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich +glaube gar, ihr habt eure Zusammenkuenfte hier. Warte, Lisette! das +will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon raechen; noch fuer das +Gestrige; besinnst du dich? + +Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen? + +Anton. Eine Maulschelle vergisst sich wohl bei dem leicht, der sie +gibt, aber der, dem die Zaehne davon gewackelt haben, der denkt eine +Zeitlang daran. Warte nur! warte! + +Lisette. Wer heisst dich, mich kuessen? + +Anton. Potz Stern, wie gemein wuerden die Maulschellen sein; wenn alle +die welche bekommen sollten, die euch kuessen wollen.--Jetzt soll dich +mein Herr dafuer wacker-- + +Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun. + +Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, dass so ein heiliger +Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschoepfen nicht +muesse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie +nennt er ihn?--Apollo--koenne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch +davon waere ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stoesser vor den Tauben. +--Und du denkst, mein Herr wuerde es so mit ansehen, dass du ihm den +lieben Gott von der Stube treibest? + +Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei +euch Mannspersonen? Schweig, oder-- + +Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht? + +Lisette. Noch eine bessre! der Pinsel haette gestern mehr als eine +verdient. Er koemmt zu mir; es ist finster; er will mich kuessen; ich +stosse ihn zurueck, er koemmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut +ihm weh; er laesst nach; er schimpft; er geht fort--Ich moechte dir +gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke. + +Anton. Ich haette es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine +Karesse haettest wiederholen wollen? + +Lisette. Gesetzt, es waeren noch einige gefolgt, so wuerden sie doch +immer schwaecher und schwaecher geworden sein. Vielleicht haetten sich +die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts. + +Anton. Was hoer ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald haette ich Lust, +die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen. + +Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst +gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur. + +Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige, +die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich daechte, du +haettest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist. + +Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt +dein Herr? + +Anton. Danke du Gott, dass er so lange bleibt; und mache, dass du hier +fortkoemmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr, +herausgepruegelt zu werden. + +Lisette. Dafuer lass mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post +noch nicht wieder zurueck? + +Anton. Woher weisst du denn, dass er auf die Post gegangen ist? + +Lisette. Genug, ich weiss es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie +kam es denn, dass er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem +Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz +verliebt in dich. + +Anton. Wer Henker muss dir das gesagt haben? + +Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da? + +Anton. Schon laengst; unten ist er bei seinem Vater. + +Lisette. Und was machen sie miteinander? + +Anton. Was sie machen? sie zanken sich. + +Lisette. Der Sohn will gewiss den Vater von seiner Geschicklichkeit +ueberfuehren? + +Anton. Ohne Zweifel muss es so etwas sein. Damis ist ganz ausser sich: +er laesst den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Buecher +her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die +er schreiben will, und hundert kleine Buecherchen, die er schon +geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein +Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben +haetten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche +Posaune fuer einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes +Mundstueck darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle +zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz +erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft +einmal ueber das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine +Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht +gemeint! + +Lisette. Und Damis?-- + +Anton. Und Damis laesst nicht nach. Endlich greift sich der Vater an; +er ueberschreit ihn mit Gewalt und besaenftiget ihn mit einer Menge +solcher Lobsprueche, die in der Welt niemand verdient hat, verdient, +noch verdienen wird. Nun wird der Sohn wieder vernuenftig, und nun--ja +nun schreiten sie zu einem andern Punkte, zu einer andern Sache,--zu-- + +Lisette. Wozu denn? + +Anton. Gott sei Dank, mein Maul kann schweigen! + +Lisette. Du willst mir es nicht sagen? + +Anton. Nimmermehr! ich bin zwar sonst ein schlechter Kerl; aber wenn +es auf die Verschwiegenheit ankoemmt-- + +Lisette. Lerne ich dich so kennen? + +Anton. Ich daechte, das sollte dir lieb sein, dass ich schweigen kann; +und besonders von Heiratssachen oder was dem anhaengig ist-- + +Lisette. Weisst du nichts mehr? O das habe ich laengst gewusst. + +Anton. Wie schoen sie mich ueber den Toelpel stossen will. Also waere es +ja nicht noetig, dass ich dir es sagte?-- + +Lisette. Freilich nicht! aber mich fuer dein schelmisches Misstrauen zu +raechen, weiss ich schon, was ich tun will. Du sollst es gewiss nicht +mehr wagen, gegen ein Maedchen von meiner Profession verschwiegen zu +sein! Besinnst du dich, wie du von deinem Herrn vor kurzem gesprochen +hast? + +Anton. Besinnen? ein Mann, der in Geschaeften sitzt, der einen Tag +lang so viel zu reden hat wie ich, soll sich der auf allen Bettel +besinnen? + +Lisette. Seinen Herrn verleumden, ist etwas mehr, sollte ich meinen. + +Anton. Was? verleumden? + +Lisette. Ha, ha! Herr Mann, der in Geschaeften sitzt, besinnen Sie +sich nun? Was haben Sie vorhin gegen seinen Vater von ihm geredt? + +Anton. Das Maedel muss den Teufel haben, oder der verzweifelten Alte +hat geplaudert. Aber hoere, Lisette, weisst du es gewiss, was ich gesagt +habe? Was war es denn? Lass einmal hoeren. + +Lisette. Du sollst alles hoeren, wenn ich es deinem Herrn erzaehlen +werde. + +Anton. O wahrhaftig, ich glaube, du machst Ernst daraus. Du wirst +mir doch meinen Kredit bei meinem Herrn nicht verderben wollen? Wenn +du wirklich etwas weisst, so sei keine Naerrin!--Dass ihr Weibsvolk doch +niemals Spass versteht! Ich habe dir eine Ohrfeige vergeben, und du +willst dich, einer kleinen Neckerei wegen, raechen? Ich will dir ja +alles sagen. + +Lisette. Nun so sage-- + +Anton. Aber du sagst doch nichts?-- + +Lisette. Je mehr du sagen wirst, je weniger werde ich sagen. + +Anton. Was wird es sonst viel sein, als dass der Vater dem Sohne +nochmals die Heirat mit Julianen vorschlug? Damis schien ganz +aufmerksam zu sein, und--weiter kann ich dir nichts sagen. + +Lisette. Weiter nichts? Gut, gut, dein Herr soll alles erfahren. + +Anton. Um des Himmels willen, Lisette; ich will dir es nur gestehn. + +Lisette. Nun so gesteh! + +Anton. Ich will dir es nur gestehen, dass ich wahrhaftig nichts mehr +gehoert habe. Ich wurde eben weggeschickt. Nun weisst du wohl, wenn +man nicht zugegen ist, so kann man nicht viel hoeren-- + +Lisette. Das versteht sich. Aber was meinst du, wird Damis sich dazu +entschlossen haben? + +Anton. Wenn er sich noch nicht dazu entschlossen hat, so will ich +mein Aeusserstes anwenden, dass er es noch tut. Ich soll fuer meine Muehe +bezahlt werden, Lisette; und du weisst wohl, wenn ich bezahlt werde, +dass alsdenn auch du-- + +Lisette. Ja, ja, auch ich verspreche dir's; du sollst redlich bezahlt +werden!--Unterstehe dich!-- + +Anton. Wie? + +Lisette. Habe einmal das Herz!-- + +Anton. Was? + +Lisette. Dummkopf! meine Jungfer will deinen Damis nicht haben-- + +Anton. Was tut das?-- + +Lisette. Folglich ist mein Wille, dass er sie auch nicht bekommen soll. + +Anton. Folglich, wenn sie mein Herr wird haben wollen, so wird mein +Wille sein muessen, dass er sie bekommen soll. + +Lisette. Hoere doch! du willst mein Mann werden und einen Willen fuer +dich haben? Buerschchen, das lass dir nicht einkommen! Dein Wille muss +mein Wille sein, oder-- + +Anton. St! potz Element! er koemmt; hoerst du? er koemmt! Nun sieh ja, +wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Verstecke dich wenigstens; +verstecke dich! Er bringt sonst mich und dich um. + +Lisette (beiseite). Halt, ich will beide betruegen!--Wo denn aber hin? +wohin? in das Kabinett? + +Anton. Ja, ja, nur unterdessen hinein. Vielleicht geht er bald +wieder fort.--Und ich, ich will mich geschwind hieher setzen--(Er +setzt sich an den Tisch, nimmt ein Buch in die Hand und tut, als ob er +den Damis nicht gewahr wuerde.) + + + + +Vierter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten--wie gluecklich sind die Leute +nicht!--Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, dass er mich nicht auch +auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muss es fuer eine Lust +sein, wenn man alles in der Welt weiss, so wie mein Herr!--Potz Stern, +die Buecher alle zu verstehn!--Wenn man nur darunter sitzt, man mag +darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch!--Ich +fuehl's, wahrhaftig ich fuehl's, der Verstand duftet mir recht daraus +entgegen.--Gewiss, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts +als eine Bestie.--Ich dumme Bestie!--(Beiseite.) Nun, wie lange wird +er mich noch schimpfen lassen?--Wir sind doch naerrisch gepaaret, ich +und mein Herr!--Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten +nichts nach.--Ich will auch noch heute anfangen zu lesen.--Wenn ich +ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch +ein ganzer Kerl werden.--Nur frisch angefangen! Da sind Buecher genug! +--Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muss man sich nicht +uebernehmen.--Ha! da finde ich ein allerliebstes Buechelchen.--In so +einem muss es sich mit Lust studieren lassen.--Nur frisch angefangen, +Anton!--Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne?--Wahrhaftig, +es waere eine Schande fuer meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so +abscheulich gelehrten Herrn, wenn er laenger einen so dummen Bedienten +haben sollte-- + +Damis (indem er sich ihm vollends naehert). Ja freilich waere es eine +Schande fuer ihn. + +Anton. Hilf Himmel! mein Herr-- + +Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehoert-- + +Anton. Sie haben alles gehoert?--ich bitte tausendmal um Verzeihung, +wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe.--Ich war so eingenommen, so +eingenommen von der Schoenheit der Gelehrsamkeit--verzeihen Sie mir +meinen dummen Streich--, dass ich selbst noch gelehrt werden wollte. + +Damis. Schimpfe doch nicht selbst den kluegsten Einfall, den du +zeitlebens gehabt hast. + +Anton. Vor zwanzig Jahren moechte er klug genug gewesen sein. + +Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt. +Wir koennen in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich +gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben. + +Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoss +werfen.--Aber in welcher Stadt sind die Leute? + +Damis. In welcher Stadt? + +Anton. Ja; ich muss hin, sie kennenzulernen. Sie muessen mir sagen, +wie sie es angefangen haben.-- + +Damis. Was willst du mit der Stadt? + +Anton. Sie denken etwa, ich weiss nicht, was eine Republik +ist?--Sachsen, zum Exempel--Und eine Republik hat ja mehr wie eine +Stadt? nicht? + +Damis. Was fuer ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten. +Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein +Gelehrter, wie ich bin, ist fuer die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit: +er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muss-- + +Anton. Aber sie muss doch wo liegen, die Republik der Gelehrten. + +Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist ueberall. + +Anton. Ueberall? und also ist sie mit der Republik der Narren an +einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch ueberall. + +Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und +die Ungelehrten ueberall untermengt, und zwar so, dass die letztern +immer den groessten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen. +Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben? +Einige davon wissen nichts, und wissen es, dass sie nichts wissen. +Unter diese gehoerst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und +deswegen sind sie noch die ertraeglichsten. Andre wissen nichts und +wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit fuer +gluecklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit-- + +Anton. Das Eulengeschlecht! + +Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen; +sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein +haben, als haetten sie etwas gelernt. Und diese sind die +allerunertraeglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch +mein Vater gehoert. + +Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater, +nicht zu einem Erznarren machen? + +Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht, +insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen +betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an +sich reissen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es +ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie aergerlich er mir ist, wenn er, +als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte +Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und hoechstens das letzte +fuer das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen +Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muss, so +prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater +sein, oder nicht. + +Anton. Schade! ewig schade! dass ich das insofern und in Absicht nicht +als ein Junge gewusst habe. Mein Vater haette mir gewiss nicht so viel +Pruegel umsonst geben sollen. Er haette sie alle richtig wiederbekommen; +nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich +zuerst geschlagen haette. Es lebe die Gelehrsamkeit!-- + +Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natuerlichen +Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten koemmt. Ich muss +doch den Hobbes nachsehen!--Geduld! daraus will ich gewiss eine schoene +Schrift machen! + +Anton. Um zu beweisen, dass man seinen Vater wiederpruegeln duerfe?-- + +Damis. Certo respectu allerdings. Nur muss man sich wohl in acht +nehmen, dass man, wenn man ihn schlaegt, nicht den Vater, sondern den +Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst-- + +Anton. Aggressor? Was ist das fuer ein Ding? + +Damis. So heisst der, welcher ausschlaegt-- + +Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr, +stiesse wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem +Buckel durch eine Tracht Schlaege empfindlich machte: so waeren Sie--wie +heisst es?--der Aggressor; und ich, ich wuerde berechtiget sein, mich +ueber den Aggressor zu erbarmen, und ihm-- + +Damis. Kerl, du bist toll!-- + +Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu +richten wissen, dass der Herr unterdessen beiseite geschafft wuerde-- + +Damis. Nun wahrhaftig, das waere ein merkwuerdiges Exempel, in was fuer +verderbliche Irrtuemer man verfallen kann, wenn man nicht weiss, aus +welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die +Pruegel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehoeren nicht in +das Recht der Natur, sondern in das buergerliche Recht. Wenn sich ein +Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen +Grundsatz merke dir. + +Anton. Aus dem buergerlichen Rechte ist er? O das muss ein garstiges +Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte +Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Pruegeln verhelfen als dafuer +schuetzen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle +ihre waechserne Nasen so gut verstuende als Sie--O Herr Damis, erbarmen +Sie sich meiner Dummheit! + +Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es +erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten +gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen +Lehren unterstuetzen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir, +dich in die gelehrte Welt selbst einzufuehren und mit einem besondern +Werke dich ihr anzukuendigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit, +etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder +auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal beruehmt. +--Doch lass einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu +versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Haenden? + +Anton. Es war ein ganz kleines-- + +Damis. Welches denn?-- + +Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Ruecken +und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da! + +Damis. Das hattest du? das? + +Anton. Ja, das! + +Damis. Das? + +Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so huebsch klein war-- + +Damis. Ich haette dir selbst kein bessres vorschlagen koennen. + +Anton. Das dacht' ich wohl, dass es ein schoen Buch sein muesse. Wuerde +es wohl sonst einen so schoenen Rock haben? + +Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es +selbst geschrieben. Siehst du?--Auctore Damide! + +Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehoert, dass man die +leiblichen Kinder besser in Kleidung haelt als die Stiefkinder. Das +zeugt von der vaeterlichen Liebe. + +Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst uebertroffen. +Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus. + +Anton. Aus Ihrem eignen Buche? + +Damis. Wundert dich das?--Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst: +mein Gott, das arme Maedchen! Sie wird doch nicht noch in dem +Kabinette stecken (Er geht darauf los.) + +Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin? + +Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen? + +Anton. Nun bin ich verloren!--Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich +lebe, sie ist nicht drinne. + +Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort? + +Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen. +Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne-- + + + + +Fuenfter Auftritt + +Lisette. Damis. Anton. + + +Lisette. Allerdings ist sie noch drinne-- + +Anton. O das Rabenaas! + +Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette! +das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen +waere, haette Sie immer wieder herausgehen koennen. + +Lisette. Ich wusste doch nicht, ob ich recht taete. Ich wollte also +lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder +hervorkommen hiess-- + +Anton. Zum Henker, von was fuer einem Verstecken reden die? (Sachte +zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon +einmal versteckt? Nun weiss ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige +auslegen soll. Du Falsche! + +Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, dass ich zuvor bei dir gewesen +bin, oder--du weisst schon-- + +Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht +hoeren? + +Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloss, er solle heruntergehen, +dass, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen koennte, +ich sei ausgegangen. Juliane ist misstrauisch; sie suchte mich doch +wohl hier, wenn sie mich brauchte. + +Damis. Das ist vernuenftig. Gleich, Anton, geh! + +Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette? + +Lisette. Freilich; fort, lass uns allein. + +Damis. Wirst du bald gehen? + +Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr +Geplaudre werden ueberdruessig sein, und das wird gar bald geschehen, +wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht +dabei bin? + +Lisette. Warte, ich will dein Laestermaul-- + +Damis. Lass dich unbekuemmert! Wann sie mir beschwerlich faellt, wird +sie schon selbst so vernuenftig sein und gehen. + +Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube! +Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden. + +Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeissen muessen? + +Anton. Das waere mir gelegen.--Die verdammten Maedel! auch bei dem +Teufel koennen sie sich einschmeicheln. (Geht ab.) + + + + +Sechster Auftritt + +Lisette. Damis + + +Damis. Und wo blieben wir denn vorhin? + +Lisette. Wo blieben wir? bei dem, was ich allezeit am liebsten hoere +und wovon ich allezeit am liebsten rede, bei Ihrem Lobe. Wenn es nur +nicht eine so gar kitzliche Sache waere, einen ins Gesicht zu loben! +--Ich kann Ihnen unmoeglich die Marter antun. + +Damis. Aber ich beteure Ihr nochmals, Lisette: es ist mir nicht um +mein Lob zu tun! Ich moechte nur gern hoeren, auf was fuer verschiedene +Art verschiedene Personen einerlei Gegenstand betrachtet haben. + +Lisette. Jeder lobte dasjenige an Ihnen, was er an sich +Lobenswuerdiges zu finden glaubte. Zum Exempel, der kleine dicke Mann +mit der ernsthaften Miene, der so selten lacht, der aber, wenn er +einmal zu lachen anfaengt, mit dem erschuetterten Bauche den ganzen +Tisch ueber den Haufen wirft-- + +Damis. Und wer ist das? Aus Ihrer Beschreibung, Lisette, kann ich es +nicht erraten--O es ist mit den Beschreibungen eine kitzliche Sache! +Es gehoert nicht wenig dazu, sie so einzurichten, dass man, gleich bei +dem ersten Anblicke, das Beschriebene erkennen kann. Ueber nichts +aber muss ich mehr lachen, als wenn ich bei diesem und jenem grossen +Philosophen, wahrhaftig bei Maennern, die schon einer ganzen Sekte +ihren Namen gegeben haben, oefters Beschreibungen anstatt Erklaerungen +antreffe. Das macht, die guten Herren haben mehr Einbildungskraft als +Beurteilung. Bei der Erklaerung muss der Verstand in das Innere der +Dinge eindringen; bei der Beschreibung aber darf man bloss auf die +aeusserlichen Merkmale, auf das-- + +Lisette. Wir kommen von unsrer Sache, Herr Damis. Ihr Lob-- + +Damis. Jawohl; fahr Sie nur fort, Lisette. Von wem wollte Sie vorhin +reden? + +Lisette. Je, sollten Sie denn den kleinen Mann nicht kennen? Er +blaeset immer die Backen auf-- + +Damis. Sie meint vielleicht den alten Ratsherrn? + +Lisette. Ganz recht, aber seinen Namen-- + +Damis. Was liegt an dem?-- + +Lisette. "Ja, Herr Chrysander", sagte also der Ratsherr, an dessen +Namen nichts gelegen ist, "Ihr Herr Sohn kann einmal der beste +Ratsherr von der Welt werden, wenn er sich nur darauf applizieren will." +Es gehoert ein aufgeweckter Geist dazu; den hat er: eine fixe Zunge; +die hat er: eine tiefe Einsicht in die Staatskunst; die hat er: eine +Geschicklichkeit, seine Gedanken zierlich auf das Papier zu bringen; +die hat er: eine verschlagne Aufmerksamkeit auf die geringsten +Bewegungen unruhiger Buerger; die hat er: und wenn er sie nicht hat--o +die Uebung--die Uebung! Ich weiss ja, wie mir es anfangs ging. Freilich +kann man die Geschicklichkeit zu einem so schweren Amte nicht gleich +mit auf die Welt bringen-- + +Damis. Der Narr! es ist zwar wahr, dass ich alle diese +Geschicklichkeiten besitze; allein mit der Haelfte derselben koennte ich +Geheimter Rat werden, und nicht bloss-- + + + + +Siebenter Auftritt + +Anton. Lisette. Damis. + + +Damis. Nun, was willst du schon wieder? + +Anton. Mamsell Juliane weiss es nun, dass Lisette ausgegangen ist. +Fuerchten Sie sich nur nicht; sie wird uns nicht ueberraschen-- + +Damis. Wer hiess dich denn wiederkommen? + +Anton. Sollte ich wohl meinen Herrn allein lassen? Und dazu, es +ueberfiel mich auf einmal so eine Angst, so eine Bangigkeit; die Ohren +fingen mir an zu klingen und besonders das linke--Lisette! Lisette! + +Lisette. Was willst du denn? + +Anton (sachte zu Lisetten). Was habt ihr denn beide allein gemacht? +Was gilt's, es ging auf meine Unkosten! + +Lisette. O pack dich--Ich weiss nicht, was der Narre will. + +Damis. Fort, Anton! es ist die hoechste Zeit; du musst wieder auf die +Post sehen. Ich weiss auch gar nicht, wo sie so lange bleibt.--Wird's +bald? + +Anton. Lisette, komm mit! + +Damis. Was soll denn Lisette mit? + +Anton. Und was soll sie denn bei Ihnen? + +Damis. Unwissender! + +Anton. Ja freilich ist es mein Unglueck, dass ich es nicht weiss. +(Sachte zu Lisetten.) Rede nur wenigstens ein wenig laut, damit ich +hoere, was unter euch vorgeht--Ich werde horchen--(Gehet ab.) + + + + +Achter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Lisette. Lassen Sie uns ein wenig sachte reden. Sie wissen wohl, man +ist vor dem Horcher nicht sicher. + +Damis. Jawohl; fahr Sie also nur sachte fort. + +Lisette. Sie kennen doch wohl des Herrn Chrysanders Beichtvater? + +Damis. Beichtvater? soll ich denn alle solche Handwerksgelehrte +kennen? + +Lisette. Wenigstens schien er Sie sehr wohl zu kennen. "Ein guter +Prediger", fiel er der dicken Rechtsgelehrsamkeit ins Wort, "sollte +Herr Damis gewiss auch werden. Eine schoene Statur; eine starke +deutliche Stimme; ein gutes Gedaechtnis; ein feiner Vortrag; eine +anstaendige Dreistigkeit; ein reifer Verstand, der ueber seine Meinungen +tuerkenmaessig zu halten weiss: alle diese Eigenschaften glaube ich, in +einem ziemlich hohen Grade, bei ihm bemerkt zu haben. Nur um einen +Punkt ist mir bange. Ich fuerchte, ich fuerchte, er ist auch ein wenig +von der Freigeisterei angesteckt."--"Ei, was Freigeisterei?" schrie +der schon halb trunkene Medikus. "Die Freigeister sind brave Leute! +Wird er deswegen keinen Kranken kurieren koennen? Wenn es nach mir +geht, so muss er ein Medikus werden. Griechisch kann er, und +Griechisch ist die halbe Medizin. (Indem sie allmaehlich wieder lauter +spricht.) Freilich das Herz, das dazu gehoert, kann sich niemand geben. +Doch das koemmt von sich selbst, wenn man erst eine Weile praktiziert +hat."--"Nu", fiel ihm ein alter Kaufmann in die Rede, "so muss es mit +den Herrn Medizinern wohl sein wie mit den Scharfrichtern. Wenn die +zum ersten Male koepfen, so zittern und beben sie; je oefter sie aber +den Versuch wiederholen, desto frischer geht es."--Und auf diesen +Einfall ward eine ganze Viertelstunde gelacht; in einem fort, in einem +fort; sogar das Trinken ward darueber vergessen. + + + + +Neunter Auftritt + +Lisette. Damis. Anton. + + +Anton. Herr, die Post wird heute vor neun Uhr nicht kommen. Ich habe +gefragt; Sie koennen sieh darauf verlassen. + +Damis. Musst du uns aber denn schon wieder stoeren, Idiote? + +Anton. Es soll mir recht lieb sein, wann ich Sie nur noch zur rechten +Zeit gestoert habe. + +Damis. Was willst du mit deiner rechten Zeit? + +Anton. Ich will mich gegen Lisetten schon deutlicher erklaeren. Darf +ich ihr etwas ins Ohr sagen? + +Lisette. Was wirst du mir ins Ohr zu sagen haben? + +Anton. Nur ein Wort. (Sachte.) Du denkst, ich habe nicht gehorcht? +Sagtest du nicht: du haettest nicht Herz genug dazu? doch wenn du nur +erst das Ding eine Weile wuerdest praktizierst haben--O ich habe alles +gehoert--Kurz, wir sind geschiedne Leute! Du Unverschaemte, Garstige-- + +Lisette. Sage nur, was du willst? + +Damis. Gleich, geh mir wieder aus den Augen! Und komme mir nicht +wieder vors Gesicht, bis ich dich rufen werde oder bis du mir Briefe +von Berlin bringst!--Ich kann sie kaum erwarten. So macht es die +uebermaessige Freude! Zwar sollte ich Hoffnung sagen, weil jene nur auf +das Gegenwaertige und diese auf das Zukuenftige geht. Doch hier ist das +Zukuenftige schon so gewiss als das Gegenwaertige. Ich brauche die +Sprache der Propheten, die ihrer Sachen doch unmoeglich so gewiss sein +konnten.--Die ganze Akademie muesste blind sein.--Nun, was stehst du +noch da? Wirst du gehen? + + + + +Zehnter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Lisette. Da sehen Sie! so lobten Sie die Leute. + +Damis. Ah, wann die Leute nicht besser loben koennen, so moechten sie +es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht ruehmen, aber doch so +viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die +Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrtheit oder der +Rechte oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei +Fakultaeten habe ich disputiert; in allen dreien habe ich-- + +Lisette. Sie sprechen von einer Braut? heiraten Sie denn wirklich? + +Damis. Hat Sie denn auch schon davon gehoert, Lisette? + +Lisette. Koemmt denn wohl ohn' unsereiner irgend in einem Hause eine +Heirat zustande? Aber eingebildet haette ich mir es nimmermehr, dass +Sie sich fuer Julianen entschliessen wuerden! fuer Julianen! + +Damis. Groesstenteils tue ich es dem Vater zu Gefallen, der auf die +ausserordentlichste Weise deswegen in mich dringt. Ich weiss wohl, dass +Juliane meiner nicht wert ist. Allein soll ich einer solchen +Kleinigkeit wegen, als eine Heirat ist, den Vater vor den Kopf stossen? +Und dazu habe ich sonst einen Einfall, der mir ganz wohl lassen wird. + +Lisette. Freilich ist Juliane Ihrer nicht wert; und wenn nur alle +Leute die gute Mamsell so kennten als ich-- + + + + +Eilfter Auftritt + +Anton. Damis. Lisette. + + +Anton (vor sich). Ich kann die Leute unmoeglich so alleine lassen. +--Herr Valer fragt, ob Sie in Ihrer Stube sind? Sind Sie noch da, +Herr Damis? + +Damis. Sage mir nur, Unwissender, hast du dir es denn heute recht +vorgesetzt, mir beschwerlich zu fallen? + +Lisette. So lassen Sie ihn nur da, Herr Damis. Er bleibt doch nicht +weg-- + +Anton. Ja, jetzt soll ich dableiben; jetzt, da es schon vielleicht +vorbei ist, was ich nicht hoeren und sehen sollte. + +Damis. Was soll denn vorbei sein? + +Anton. Das werden Sie wohl wissen. + +Lisette (sachte). Jetzt, Anton, hilf mir, Julianen bei deinem Herrn +recht schwarz machen. Willst du? + +Anton. Ei ja doch! zum Danke vielleicht-- + +Lisette. So schweig wenigstens.--Notwendig, Herr Damis, muessen Sie +mit Julianen uebel fahren. Ich bedaure Sie im voraus. Der ganze +Erdboden traegt kein aergeres Frauenzimmer-- + +Anton. Glauben Sie es nicht, Herr Damis; Juliane ist ein recht gut +Kind. Sie koennen mit keiner in der Welt besser fahren. Ich wuensche +Ihnen im voraus Glueck. + +Lisette. Wahrhaftig! du musst gegen deinen Herrn sehr redlich gesinnt +sein, dass du ihm eine so unertraegliche Plage an den Hals schwatzen +willst. + +Anton. Noch weit redlicher musst du gegen deine Mamsell sein, dass du +ihr einen so guten Ehemann, als Herr Damis werden wird, missgoennest. + +Lisette. Einen guten Ehemann? Nun wahrhaftig, ein guter Ehemann, das +ist auch alles, was sie sich wuenscht. Ein Mann, der alles gut sein +laesst-- + +Anton. Ho! ho! alles? Hoeren Sie, Herr Damis, fuer was Sie Lisette +ansieht? Aus der Ursache moechtest du wohl selbst gern seine Frau +sein? Alles? ei! unter das alles, gehoert wohl auch--? du verstehst +mich doch? + +Damis. Aber im Ernste, Lisette; glaubt Sie wirklich, dass Ihre Jungfer +eine recht boese Frau werden wird? Hat sie in der Tat viel schlimme +Eigenschaften? + +Lisette. Viel? Sie hat sie alle, die man haben kann; auch nicht die +ausgenommen, die einander widersprechen. + +Damis. Will Sie mir nicht ein Verzeichnis davon geben? + +Lisette. Wo soll ich anfangen?--Sie ist albern-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und ich sage: Luegen! + +Lisette. Sie ist zaenkisch-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und ich sage: Luegen! + +Lisette. Sie ist eitel-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Luegen! sag ich. + +Lisette. Sie ist keine Wirtin-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Luegen! + +Lisette. Sie wird Sie durch uebertriebenen Staat, durch bestaendige +Ergoetzlichkeiten und Schmausereien, um alle das Ihrige bringen-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Luegen! + +Lisette. Sie wird Ihnen die Sorge um eine Herde Kinder auf den Hals +laden-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Das tun die besten Weiber am ersten! + +Lisette. Aber um Kinder, die aus der rechten Quelle nicht geholt sind. + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und zwar Kleinigkeit nach der Mode! + +Lisette. Kleinigkeit? aber was denken Sie denn, Herr Damis? + +Damis. Ich denke, dass Juliane nicht arg genug sein kann. Ist sie +albern? ich bin desto klueger; ist sie zaenkisch? ich bin desto +gelassener; ist sie eitel? ich bin desto philosophischer gesinnt; +vertut sie? sie wird aufhoeren, wenn sie nichts mehr hat; ist sie +fruchtbar? so mag sie sehen, was sie vermag, wann sie es mit mir um +die Wette sein will. Ein jedes mache sich ewig, womit es kann; das +Weib durch Kinder, der Mann durch Buecher. + +Anton. Aber merken Sie denn nicht, dass Lisette ihre Ursachen haben +muss, Julianen so zu verleumden? + +Damis. Ach freilich merk ich es. Sie goennt mich ihr und beschreibt +sie mir also vollkommen nach meinem Geschmacke. Sie hat es ohne +Zweifel geschlossen, dass ich ihre Mamsell nur eben deswegen, weil sie +das unertraeglichste Frauenzimmer ist, heiraten will. + +Lisette. Nur deswegen? nur deswegen? und das haette ich geschlossen? +Ich muesste Sie fuer irre im Kopfe gehalten haben. Ueberlegen Sie doch +nur-- + +Damis. Das geht zu weit, Lisette! Traut Sie mir keine Ueberlegung zu? +Was ich gesagt habe, ist die Frucht einer nur allzu scharfen +Ueberlegung. Ja, es ist beschlossen: ich will die Zahl der ungluecklich +scheinenden Gelehrten, die sich mit boesen Weibern vermaehlt haben, +vermehren. Dieser Vorsatz ist nicht von heute. + +Anton. Nein, wahrhaftig!--Was aber der Teufel nicht tun kann! Wer +haette es sich jetzt sollen traeumen lassen, jetzt da es Ernst werden +soll? Ich muss lachen; Lisette wollte ihn von der Heirat abziehen und +hat ihm nur mehr dazu beredt; und ich, ich wollte ihn dazu bereden und +haette ihn bald davon abgezogen. + +Damis. Einmal soll geheiratet sein. Auf eine recht gute Frau darf +ich mir nicht Rechnung machen; also waehle ich mir eine recht schlimme. +Eine Frau von der gemeinen Art, die weder kalt noch warm, weder recht +gut noch recht schlimm ist, taugt fuer einen Gelehrten nichts, ganz und +gar nichts! Wer wird sich nach seinem Tode um sie bekuemmern? +Gleichwohl verdient er es doch, dass sein ganzes Haus mit ihm +unsterblich bleibe. Kann ich keine Frau haben, die einmal ihren Platz +in einer Abhandlung de bonis Eruditorum uxoribus findet, so will ich +wenigstens eine haben, mit welcher ein fleissiger Mann seine Sammlung +de malis Eruditorum uxoribus vermehren kann. Ja, ja; ich bin es +ohnehin meinem Vater, als der einzige Sohn, schuldig, auf die +Erhaltung seines Namens mit der aeussersten Sorgfalt bedacht zu sein. + +Lisette. Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen--Ich habe +Sie, Herr Damis, fuer einen so grossen Geist gehalten-- + +Damis. Und das nicht mit Unrecht. Doch eben hierdurch glaube ich den +staerksten Beweis davon zu geben. + +Lisette. Ich moechte platzen!--Ja, ja, den staerksten Beweis, dass +niemand schwerer zu fangen ist als ein junger Gelehrter; nicht sowohl +wegen seiner Einsicht und Verschlagenheit als wegen seiner Narrheit. + +Damis. Wie, so naseweis, Lisette? Ein junger Gelehrter?--ein junger +Gelehrter?-- + +Lisette. Ich will Ihnen die Verweise ersparen. Valer soll gleich von +allem Nachricht bekommen. Ich bin Ihre Dienerin. + + + + +Zwoelfter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Anton. Da sehen Sie! Nun laeuft sie fort, da Sie nach ihrer Pfeife +nicht tanzen wollen.-- + +Damis. Mulier non Homo! bald werde ich auch dieses Paradoxon fuer wahr +halten. Wodurch zeigt man, dass man ein Mensch ist? Durch den +Verstand. Wodurch zeigt man, dass man Verstand hat? Wann man die +Gelehrten und die Gelehrsamkeit gehoerig zu schaetzen weiss. Dieses kann +kein Weibsbild, und also hat es keinen Verstand, und also ist es kein +Mensch. Ja, wahrhaftig ja; in diesem Paradoxo liegt mehr Wahrheit als +in zwanzig Lehrbuechern. + +Anton. Wie ist mir denn? Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie Herr +Valer gesucht hat? Wollen Sie nicht gehen und ihn sprechen? + +Damis. Valer? ich will ihn erwarten. Die Zeiten sind vorbei, da ich +ihn hochschaetzte. Er hat seit einigen Jahren die Buecher beiseite +gelegt; er hat sich das Vorurteil in den Kopf setzen lassen, dass man +sich vollends durch den Umgang und durch die Kenntnis der Welt +geschickt machen muesse, dem Staate nuetzliche Dienste zu leisten. Was +kann ich mehr tun als ihn bedauern? Doch ja, endlich werde ich mich +auch seiner schaemen muessen. Ich werde mich schaemen muessen, dass ich +ihn ehemals meiner Freundschaft wert geschaetzt habe. O wie ekel muss +man in der Freundschaft sein! Doch was hat geholfen, dass ich es bis +auf den hoechsten Grad gewesen bin? Umsonst habe ich mich vor der +Bekanntschaft aller mittelmaessigen Koepfe gehuetet; umsonst habe ich mich +bestrebt, nur mit Genies, nur mit originellen Geistern umzugehen: +dennoch musste mich Valer, unter der Larve eines solchen, hintergehen. +O Valer! Valer! + +Anton. Laut genug, wenn er es hoeren soll. + +Damis. Ich haette ueber sein kaltsinniges Kompliment bersten moegen! +Von was unterhielt er mich? von nichtswuerdigen Kleinigkeiten. Und +gleichwohl kam er von Berlin, und gleichwohl haette er mir die +allerangenehmste Neuigkeit zuerst berichten koennen. O Valer! Valer! + +Anton. St! wahrhaftig er koemmt. Sehen Sie, dass er sich nicht dreimal +rufen laesst? + + + + +Dreizehnter Auftritt + +Damis. Valer. Anton. + + +Valer. Verzeihen Sie, liebster Freund, dass ich Sie in Ihrer gelehrten +Ruhe stoere-- + +Anton. Wenn er doch gleich sagte, Faulheit. + +Damis. Stoeren? Ich sollte glauben, dass Sie mich zu stoeren kaemen? +Nein, Valer, ich kenne Sie zu wohl; Sie kommen, mir die angenehmsten +Neuigkeiten zu hinterbringen, die der Aufmerksamkeit eines Gelehrten, +der seine Belohnung erwartet, wuerdig sind.--Einen Stuhl, Anton! +--Setzen Sie sich. + +Valer. Sie irren sich, liebster Freund. Ich komme, Ihnen die +Unbestaendigkeit Ihres Vaters zu klagen; ich komme, eine Erklaerung von +Ihnen zu verlangen, von welcher mein ganzes Glueck abhaengen wird.-- + +Damis. Oh! ich konnte es Ihnen gleich ansehen, dass Sie vorhin die +Gegenwart meines Vaters abhielt, sich mit mir vertraulicher zu +besprechen und mir Ihre Freude ueber die Ehre zu bezeigen, die mir der +billige Ausspruch der Akademie-- + +Valer. Nein, allzu gelehrter Freund; lassen Sie uns einen Augenblick +von etwas minder Gleichgueltigem reden. + +Damis. Von etwas minder Gleichgueltigem? Also ist Ihnen meine Ehre +gleichgueltig? Falscher Freund!-- + +Valer. Ihnen wird diese Benennung zukommen, wann Sie mich laenger von +dem, was fuer ein zaertliches Herz das wichtigste ist, abbringen werden. +Ist es wahr, dass Sie Julianen heiraten wollen? dass Ihr Vater dieses +allzu zaertliche Frauenzimmer durch Bande der Dankbarkeit binden will, +in seiner Wahl minder frei zu handeln? Habe ich Ihnen jemals aus +meiner Neigung gegen Julianen ein Geheimnis gemacht? Haben Sie mir +nicht von jeher versprochen, meiner Liebe behilflich zu sein? + +Damis. Sie ereifern sich, Valer; und vergessen, dass ein Weibsbild die +Ursache ist. Schlagen Sie sich diese Kleinigkeit aus dem Sinne--Sie +muessen in Berlin gewesen sein, da die Akademie den Preis auf dieses +Jahr ausgeteilet hat. Die Monaden sind die Aufgabe gewesen. Sollten +Sie nicht etwa gehoert haben, dass die Devise-- + +Valer. Wie grausam sind Sie, Damis! So antworten Sie mir doch! + +Damis. Und Sie wollen mir nicht antworten? Besinnen Sie sich; sollte +nicht die Devise Unum est necessarium sein gekroent worden? Ich +schmeichle mir wenigstens-- + +Valer. Bald schmeichle ich mir nun mit nichts mehr, da ich Sie so +ausschweifend sehe. Bald werde ich nun auch glauben muessen, dass die +Nachricht, die ich fuer eine Spoetterei von Lisetten gehalten habe, +gegruendet sei. Sie halten Julianen fuer Ihrer unwert, Sie halten sie +fuer die Schande ihres Geschlechts, und eben deswegen wollen Sie sie +heiraten? Was fuer ein ungeheurer Einfall! + +Damis. Ha! ha! ha! + +Valer. Ja, lachen Sie nur, Damis, lachen Sie nur! Ich bin ein Tor, +dass ich einen Augenblick solchen Unsinn von Ihnen habe glauben koennen. +Sie haben Lisetten zum besten gehabt oder Lisette mich. Nein, nur in +ein zerruettetes Gehirn kann ein solcher Entschluss kommen! Ihn zu +verabscheuen braucht man nur vernuenftig zu denken und lange nicht edel, +wie Sie doch zu denken gewohnt sind. Aber loesen Sie mir, ich bitte +Sie, dieses marternde Raetsel! + +Damis. Bald werden Sie mich, Valer, auf Ihr Geschwaetze aufmerksam +gemacht haben. So verlangen Sie doch in der Tat, dass ich meinen Ruhm +Ihrer toerichten Neigung nachsetzen soll? Meinen Ruhm!--Doch +wahrhaftig, ich will vielmehr glauben, dass Sie scherzen. Sie wollen +versuchen, ob ich in meinen Entschliessungen auch wankelhaft bin. + +Valer. Ich scherzen? der Scherz sei verflucht, der mir hier in den +Sinn kommt!-- + +Damis. Desto lieber ist mir es, wann Sie endlich ernsthaft reden +wollen. Was ich Ihnen sage: die Schrift mit der Devise Unum est +necessarium-- + + + + +Vierzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. Valer. Anton. + + +Chrysander (mit einem Zeitungsblatte in der Hand). Nun, nicht wahr, +Herr Valer? mein Sohn ist nicht von der Heirat abzubringen? Sehen Sie, +dass nicht sowohl ich als er auf diese Heirat dringt? + +Damis. Ich? ich auf die Heirat dringen? + +Chrysander. St! st! st! + +Damis. Ei was st, st? Meine Ehre leidet hierunter. Koennte man nicht +auf die Gedanken kommen, wer weiss was mir an einer Frau gelegen sei? + +Chrysander. St! st! st! + +Valer. Oh! brauchen Sie doch keine Umstaende. Ich sehe es ja wohl; +Sie sind mir beide entgegen. Was fuer ein Unglueck hat mich in dieses +Haus fuehren muessen! Ich muss eine liebenswuerdige Person antreffen; ich +muss ihr gefallen und muss doch endlich, nach vieler Hoffnung, alle +Hoffnung verlieren. Damis, wenn ich jemals einiges Recht auf Ihre +Freundschaft gehabt habe-- + +Damis. Aber, nicht wahr, Valer? einer Sache wegen muss man auf die +Berlinische Akademie recht boese sein? Bedenken Sie doch, sie will +kuenftig die Aufgaben zu dem Preise zwei Jahr vorher bekanntmachen. +Warum denn zwei Jahr? war es nicht an einem genug? Haelt sie denn die +Deutschen fuer so langsame Koepfe? Seit ihrer Erneuerung habe ich jedes +Jahr meine Abhandlung mit eingeschickt; aber, ohne mich zu ruehmen, +laenger als acht Tage habe ich ueber keine zugebracht. + +Chrysander. Wisst ihr denn aber auch, ihr lieben Leute, was in den +Niederlanden vorgegangen ist? Ich habe hier eben die neuste Zeitung. +Sie haben sich die Koepfe wacker gewaschen. Doch die Alliierten, ich +bin in der Tat recht boese auf sie. Haben sie nicht wieder einen +wunderbaren Streich gemacht!-- + +Anton. Nun, da reden alle drei etwas anders! Der spricht von der +Liebe; der von seinen Abhandlungen; der vom Kriege. Wenn ich auch +etwas Besonders reden soll, so werde ich vom Abendessen reden. Vom +Mittage an bis auf den Abend um sechs Uhr zu fasten sind keine +Narrenspossen. + +Valer. Unglueckliche Liebe! + +Damis. Die unbesonnene Akademie! + +Chrysander. Die dummen Alliierten! + +Anton. Die vierte Stimme fehlt noch: die langsamen Bratenwender! + + + + +Funfzehnter Auftritt + +Lisette. Damis. Valer. Chrysander. Anton. + + +Lisette. Nun, Herr Chrysander? ich glaubte, Sie haetten die Herren zu +Tische rufen wollen? Ich sehe aber, Sie wollen selbst gerufen sein. +Es ist schon aufgetragen. + +Anton. Das war die hoechste Zeit! dem Himmel sei Dank! + +Chrysander. Es ist wahr; es ist wahr; ich haette es bald vergessen. +Der Zeitungsmann hielt mich auf der Treppe auf. Kommen Sie, Herr +Valer; wir wollen die jetzigen Staatsgeschaefte ein wenig miteinander +bei einem Glaeschen ueberlegen. Schlagen Sie sich Julianen aus dem +Kopfe. Und du, mein Sohn, du magst mit deiner Braut schwatzen. Du +wirst gewiss eine wackre Frau an ihr haben; nicht so eine Xanthippe +wie-- + +Damis. Xanthippe? wie verstehen Sie das? Sind Sie etwa auch noch in +dem poebelhaften Vorurteile, dass Xanthippe eine boese Frau gewesen sei? + +Chrysander. Willst du sie etwa fuer eine gute halten? Du wirst doch +nicht die Xanthippe verteidigen? Pfui! das heisst einen Abc-Schnitzer +machen. Ich glaube, ihr Gelehrten, je mehr ihr lernt, je mehr vergesst +ihr. + +Damis. Ich behaupte aber, dass man kein einzig tuechtiges Zeugnis fuer +Ihre Meinung anfuehren kann. Das ist das erste, was die ganze Sache +verdaechtig macht; und zum andern-- + +Lisette. Das ewige Geplaudre! + +Chrysander. Lisette hat recht! Mein Sohn, contra principia negantem, +non est disputandum. Kommt! Kommt! + +(Chrysander, Damis und Anton gehen ab.) + +Valer. Nun ist alles fuer mich verloren, Lisette. Was soll ich +anfangen? + +Lisette. Ich weiss keinen Rat; wann nicht der Brief-- + +Valer. Dieser Betrug waere zu arg, und Juliane will ihn nicht zugeben. + +Lisette. Ei, was Betrug? Wenn der Betrug nuetzlich ist, so ist er +auch erlaubt. Ich sehe es wohl, ich werde es selbst tun muessen. +Kommen Sie nur fort, und fassen Sie wieder Mut. + + + + +Dritter Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Lisette. Anton. + + +Lisette. So warte doch, Anton. + +Anton. Ei, lass mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben. + +Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versoehnen? Willst du nicht +tun, was ich dich gebeten habe? + +Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun? + +Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht +kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der +Posttraeger habe ihn gebracht? + +Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann!--Halte mich +nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Lass mich gehen. + +Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei +Tische? + +Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht muessige Weile haben, +so muss er sich doch wohl etwas zu tun machen. + +Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der +Kirche waere. Reden sie denn nichts? + +Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem +Totenmahle so stille zugehen kann. + +Lisette. Wenigstens wird der Alte reden. + +Anton. Der redt, ohne zu reden. Er isst und redt zugleich; und ich +glaube, er gaebe wer weiss was darum, wenn er noch dazu trinken koennte, +und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem +Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem +einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich +nun nicht anders sein, die Worte muessen auf dem Gekauten sitzenbleiben, +sodass man ihn mit genauer Not noch murmeln hoert. + +Lisette. Was machen aber die uebrigen? + +Anton. Die uebrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen +nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie +schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach +dem Sohne; sie werden weiss; sie werden rot. Der Zorn und die +Verzweiflung sieht beiden aus den Augen.--Aber juchhe! so recht! +Siehst du, dass es nicht nach deinem Kopfe gehen muss? Mein Herr soll +Julianen haben, und wenn-- + +Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der? + +Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem +Teller; haengt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst +redte; wackelt mit dem Stuhle; stoesst einmal ein Weinglas um; laesst es +liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die +Kleider laufen will; nun faehrt er auf und spricht wohl gar, ich haette +es umgegossen.--Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo +ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muss es doch suchen. Auf dem +Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche +rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand; +trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das +wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.) +Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand? + +Lisette. Das weiss ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag +es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief-- + +Anton. Koemmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch; +deinetwegen soll ich meinen Herrn betruegen? + +Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein. + +Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander +versprochen hat, muss sitzenlassen? + +Lisette. Dafuer aber verspricht dich Valer schadlos zu halten. + +Anton. Wo verspricht er mir es denn? + +Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt. + +Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde +ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser +als eine Taube auf dem Dache. + +Lisette. Wann du die Taube gewiss fangen kannst, so wird sie doch +besser sein als der Sperling? + +Anton. Gewiss fangen! als wenn sich alles fangen liesse! Nicht wahr, +wann ich die Taube haschen will, so muss ich den Sperling aus der Hand +fliegen lassen? + +Lisette. So lass ihn fliegen. + +Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein, +Jungfer, so dumm ist Anton nicht. + +Lisette. Was du fuer kindische Umstaende machst! Bedenke doch, wie +gluecklich du sein kannst. + +Anton. Wie denn? lass doch hoeren. + +Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem +Kapitalisten tausend Taler? + +Anton. Auf die machst du dir Rechnung? + +Lisette. Wenigstens. Dich wuerde er auch nicht leer ausgehen lassen, +wann du mir behilflich waerest. Ich haette alsdenn Geld; du haettest +auch Geld: koennten wir nicht ein allerliebstes Paar werden? + +Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt haette. + +Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzaehlt, +was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Buecherwuermchen! + +Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Buecherwuermer. Es ist +schon wahr, ein Maedel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens +tausend Taler wert; aber nur das Kabinett--das Kabinett-- + +Lisette. Hoere doch einmal auf, Anton, und lass dich nicht so lange +bitten. + +Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben? + +Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht koennte +Chrysander nicht argwoehnen-- + +Anton. Ja, ja, mein Aeffchen, ich merk es schon; du willst die +Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu. + +Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer! + +Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib +nur her, den Brief; gib nur! + +Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton-- + +Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit?-- + +Lisette. Verlass dich drauf-- + +Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein?-- + +Lisette. Desgleichen. + +Anton. Nun wohl, der Brief ist uebergeben! + +Lisette. Aber so bald als moeglich-- + +Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm!--Potz Stern! wer +koemmt?--Zum Henker, es ist Damis. + + + + +Zweiter Auftritt + +Damis. Anton. Lisette. + + +Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche? + +Anton. Ich wollte gleich, ich wollte--Lisette und--Kurz, ich kann es +nicht finden, Herr Damis. + +Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es +liegt. + +Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher +rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen. + +Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, dass ich von der +Seite rede, an welcher ich sitze? + +Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darueber haben wir uns den Kopf +zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klueger als wir! (Indem er ihm +hinterwaerts einen Moench sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiss +eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich +bringen. + +Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind. + +Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt. +Sind sie schon alle, alle aufgestanden? + +Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen, +damit er morgen in seinem Kraenzchen den Staatsmann spielen kann. Geh +geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu +werden. Was will aber Lisette hier? + +Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin? + +Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette haette +wenigstens so viel Verstand, dass ihr Plaudern auf eine Viertelstunde +ertraeglich sein koennte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm +wie alle uebrige im Hause. + +Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller uebrigen zu bedanken. + +Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone! +Gott gebe, dass sie sich recht zanken! Aber zuhoeren mag ich +nicht--Lisette, ich will immer gehen. + +Lisette (sachte). Den Brief vergiss nicht; geschwind! + +Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir: +bleib da. Ich wuesste nicht, wohin du zu gehen haettest. + +Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post! + +Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh! + + + + +Dritter Auftritt + +Damis. Lisette. + + +Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn +meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener; +bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein +sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit, +und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und +wichtige Verrichtungen, dass ich nicht weiss, wo ich zuerst anfangen +soll; und gleichwohl stoert man mich. Mit der Heirat, mit einer so +nichtswuerdigen Sache, ist der groesste Teil des Nachmittags +daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und +Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, dass in keinem Hause der +Muessiggang so herrschen kann als in diesem. + +Lisette. Und besonders auf dieser Stube. + +Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende! + +Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt? + +Damis. Was fuer eine niedertraechtige Seele! die Unwissenheit, die +Ungelehrsamkeit fuer keinen Schimpf zu halten! fuer keinen Schimpf? So +moechte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwaetzerin +von Ehre und Schande hat. Vielleicht, dass bei ihr die Gelehrsamkeit +ein Schimpf ist? + +Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgaengig von dem Schlage ist wie bei +Ihnen-- + +Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit +gebracht-- + +Lisette. Dass man nicht unterscheiden kann, ob sie naerrisch oder +gelehrt sind?-- + +Damis. Ich moechte aus der Haut fahren-- + +Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine kluegere. + +Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswuerdigsten +Kreatur ausgesetzt sein?--Tausend wuerden sich gluecklich preisen, wenn +sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste haetten. Ich bin erst +zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter +beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir--Doch ich rede +umsonst. Was kann es mir fuer Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner +Geschicklichkeit zu ueberfuehren? Ich verstehe sieben Sprachen +vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der +Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne +gleichem-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die hoechste +Wuerde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch +unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von +den Monaden erkennen.--Ach, die verwuenschte Post!-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine +satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben. + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem +unvergaenglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und +Haller ist gegen mich ein Schwaetzer. Meine Freunde, welchen ich sonst +zum oeftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen +habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hoeren und versichern mich +allezeit auf das aufrichtigste, dass sie schon genugsam von meiner mehr +als goettlichen Ader ueberzeugt waeren. + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein +Weltweiser, ein Redner, ein Dichter-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne +Bart und ein Redner, der noch nicht muendig ist! schoene Raritaeten! + +Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube! + +Lisette. Den Augenblick? Ich moechte gar zu gern die schoene Ausrufung: +und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie +nichts mehr an sich zu ruehmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun +so will ich es selbst tun. Hoeren Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind +noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt! + +Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.) + +Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl! + +Damis. Himmel! was muss man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist +es moeglich von einem unwissenden Weibsbilde-- + + + + +Vierter Auftritt + +Chrysander. Anton. Damis. + + +Chrysander. Das ist ein verfluchter Brief, Anton! Ei! ei! mein Sohn, +mein Sohn, post coenam stabis, vel passus mille meabis. Du wirst doch +nicht schon wieder sitzen? + +Damis. Ein andrer, der nichts zu tun hat, mag sich um dergleichen +barbarische Gesundheitsregeln bekuemmern. Wichtige Beschaeftigungen-- + +Chrysander. Was willst du von wichtigen Beschaeftigungen reden? + +Damis. Ich nicht, Herr Vater? Die meisten von den Buechern, die Sie +hier auf dem Tische sehen, warten teils auf meine Noten, teils auf +meine Uebersetzung, teils auf meine Widerlegung, teils auf meine +Verteidigung, teils auch auf mein blosses Urteil. + +Chrysander. Lass sie warten! Jetzt-- + +Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten. +Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie +glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung fuer Nachschlagen +und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so +habe ich es bewiesen, dass sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und +nicht an die Brust, gesetzt hat-- + +Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir waere beinahe +jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Hoere +einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich-- + +Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen +Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich +nicht laenger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie +aufhoeren an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie gluecklich bin +ich! Anton, weisst du es auch schon, was darin steht? + +Chrysander. Was schwaermst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin; +er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt, +kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden. + +Damis. Nichtswuerdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post +gewesen? + +Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, dass vor neun Uhr fuer mich auf der +Post nichts zu tun ist. + +Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! dass ich +vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwoerter brauchen muss. Wird dir denn +ein vergebner Gang gleich den Hals kosten? + +Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so +mag es hingehen. + +Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen +kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich +nicht zwingen. Du musst wissen, dass ich keiner von den Vaetern bin-- + +Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch +wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate +sie-- + +Chrysander. Das heisst so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen? +Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist +du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muss machen +koennen, was er will; und--kurz--ich gebe dir dein Wort wieder zurueck. + +Damis. Wieder zurueck? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht +hurtig genug entschliessen? Wie soll ich das verstehen? + +Chrysander. Das sollst du so verstehen, dass ich es ueberlegt habe und +dass, weil dir Juliane nicht gefaellt, sie mir auch nicht ansteht; dass +ich ihre wahren Umstaende in diesem Briefe wieder gefunden habe und +dass--Du siehst es ja, dass ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe. +Ich weiss zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand +meines Advokaten ist es nicht-- + +(Damis setzt sich wieder an den Tisch.) + +Anton. Nicht? oh! die Leutchen muessen mehr als eine Hand zu schreiben +wissen. + +Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage, +dass ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit +schon haben untersuchen koennen? Von wem hast du denn den Brief +bekommen, Anton? + +Anton. Von Lisetten. + +Chrysander. Und Lisette? + +Anton. Von dem Brieftraeger, ohne Zweifel. + +Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir +selbst? + +Anton. Sie werden sich doch in den Haenden, wodurch sie gehen, nicht +veraendern koennen? + +Chrysander. Man weiss nicht--Gleichwohl aber lassen sich die Gruende, +die er anfuehrt, hoeren. Ich muss also wohl den sichersten Weg nehmen +und dir, mein Sohn--Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den +Tisch gesetzt und studierst? + +Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun. + +Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit +bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du +wieder vergessen kannst. Wann ich es recht ueberlege, so hat doch +Valer das groesste Recht auf sie. + +Damis. Sie betruegen sich, wenn Sie glauben, dass ich nunmehr davon +abgehen werde.--Ich habe alles wohl ueberleget, und ich muss es Ihnen +nur mit ganz trocknen Worten sagen, dass eine boese Frau mir helfen soll, +meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, dass ich eine boese +Frau, an die man nicht denken wuerde, wann sie keinen Gelehrten gehabt +haette, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines +solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen-- + +Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine boese Frau; nur aber eine +mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch ertraeglich ist. Von +der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler, +die ich mit ihr bekam, haette ich des boesen Feindes Schwester heiraten +wollen--Du musst mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den +Worten.--Wann sie aber boese sein soll, deine Frau, was willst du mit +Julianen?--Hoere, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Maenner ins +Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich daechte, das waere +deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal waessrig gemacht, +ich muss dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine +Xanthippe sein soll, so kannst du keine bessre finden. + +Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als +einmal gesagt, dass Xanthippe keine boese Frau gewesen ist. Haben Sie +meine Beweisgruende schon wieder vergessen? + +Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch +hat schreiben koennen, das so allgemein geworden ist, der muss es gewiss +besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, dass +Xanthippe eine boese Frau gewesen ist. Ich koennte mich nicht +zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben. +Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser +unterrichtet sein. + +Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtuemern +helfen wollen. + +Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klueger als die Henne? he? Herr +Doktor, vergess Er nicht, dass ich Vater bin und dass es auf den Vater +ankoemmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr +gedacht wissen-- + +Damis. Und warum nicht? + +Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Maedchen +aufhaengen? Du bist nicht wert, dass ich fuer dich so besorgt bin. Du +weisst ja, dass sie nichts im Vermoegen hat. + +Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt? + +Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wusste wohl, was ich vorhin +tat: aber ich weiss auch, was ich jetzt tue. + +Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird +mir also nicht nachreden koennen, die boese Frau des Geldes wegen +genommen zu haben; man wird es zugestehen muessen, dass ich keine andere +Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu ueben, die bei +Erduldung eines solchen Weibes noetig sind. + +Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, dass +Juliane eine boese Frau werden wird? + +Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori +davon ueberfuehrt waere, so wuerde ich es schon daraus schliessen koennen, +weil Sie daran zweifeln. + +Chrysander. Fein naseweis, mein Sohn! fein naseweis! Ich habe +Julianen auferzogen; sie hat viel Wohltaten bei mir genossen; ich habe +ihr alles Gute beigebracht: wer von ihr Uebels spricht, der spricht es +zugleich von mir. Was? ich sollte nicht ein Frauenzimmer zu ziehen +wissen? Ich sollte ein Maedchen, das unter meiner Aufsicht gross +geworden ist, nicht so weit gebracht haben, dass es einmal eine +rechtschaffne wackre Frau wuerde? Reich habe ich sie freilich nicht +machen koennen; ich bin der Wohltat selbst noch benoetigt. Aber dass ich +sie nicht tugendhaft, nicht verstaendig gemacht haette, das kann mir nur +einer nachreden, der so dumm ist als du, mein Sohn. Nimm mir es nicht +uebel, dass ich mit der Sprache herausruecke. Du bist so ein +eingemachter Narre, so ein Stockfisch--nimm mir's nicht uebel, mein +Sohn--so ein ueberstudierter Pickelhering--aber nimm mir's nicht uebel-- + +Damis (beiseite). Bald sollte ich glauben, dass sein erster Handel mit +eingesalznen Fischen gewesen sei.--Schon gut, Herr Vater; von +Julianens Tugend will ich nichts sagen; die Tugend ist oft eine Art +von Dummheit. Aber was ihren Verstand anbelangt, von dem werden Sie +mir erlauben, dass ich ihn noch immer in Zweifel ziehe. Ich bin nun +schon eine ziemliche Zeit wieder hier; ich habe mir auch manchmal die +Muehe genommen, ein paar Worte mit ihr zu sprechen: hat sie aber wohl +jemals an meine Gelehrsamkeit gedacht? Ich mag nicht gelobt sein; so +eitel bin ich nicht; nur muss man den Leuten ihr Recht widerfahren +lassen-- + + + + +Fuenfter Auftritt + +Chrysander. Damis. Valer. + + +Chrysander. Gut, gut, Herr Valer, Sie kommen gleich zur rechten +Stunde. + +Damis. Was will der unertraegliche Mensch wieder? + +Valer. Ich komme, Abschied von Ihnen beiden zu nehmen-- + +Chrysander. Abschied? so zeitig? warum denn? + +Valer. Ich glaube nicht, dass Sie im Ernste fragen. + +Chrysander. Gott weiss es, Herr Valer; in dem allerernstlichstem +Ernste. Ich lasse Sie wahrhaftig nicht. + +Valer. Um mich noch empfindlicher zu martern? Sie wissen, wie lieb +mir die Person allezeit gewesen ist, die Sie mir heute entreissen. +Doch das Unglueck waere klein, wenn es mich nur allein traefe. Sie +wollen noch dazu diese geliebte Person mit einem verbinden, der sie +ebenso sehr hasst, als ich sie verehre? Meine ganze Seele ist voller +Verzweiflung, und von nun an werde ich weder hier noch irgendswo in +der Welt wieder ruhig werden. Ich gehe, um mich-- + +Chrysander. Nicht gehen, Herr Valer, nicht gehen! Dem Uebel ist +vielleicht noch abzuhelfen. + +Valer. Abzuhelfen? Sie beschimpfen mich, wenn Sie glauben, dass ich +jemals diesen Streich ueberwinden werde. Er wuerde fuer ein minder +zaertliches Herz, als das meinige ist, toedlich sein. + +Damis. Was fuer ein Gewaesche! (Setzt sich an seinen Tisch.) + +Valer. Wie gluecklich sind Sie, Damis! Lernen Sie wenigstens Ihr +Glueck erkennen; es ist der geringste Dank, den Sie dem Himmel schuldig +sind. Juliane wird die Ihrige-- + +Chrysander. Ei, wer sagt denn das? Sie soll noch zeitig genug die +Ihrige werden, Herr Valer, nur Geduld! + +Valer. Halten Sie inne mit Ihren kalten Verspottungen-- + +Chrysander. Verspottungen? Sie muessen mich schlecht kennen. Was ich +sage, das sag ich. Ich habe die Sache nun besser ueberlegt; ich sehe, +Juliane schickt sich fuer meinen Sohn nicht und er sich noch viel +weniger fuer Julianen. Sie lieben sie; Sie haben laengst bei mir um sie +angehalten; wer am ersten koemmt, der muss am ersten mahlen. Ich habe +eben mit meinem Sohne davon geredt--Sie kennen ihn ja-- + +Valer. Himmel, was hoer ich? Ist es moeglich? welche glueckliche +Veraenderung! Erlauben Sie, dass ich Sie tausendmal umfange. Soll ich +also doch noch gluecklich sein? O Chrysander! o Damis! + +Chrysander. Reden Sie mit ihm und setzen Sie ihm den Kopf ein wenig +zurechte. Ich will zu Julianen gehen und ihr meinen veraenderten +Entschluss hinterbringen. Sie wird mir es doch nicht uebelnehmen? + +Valer. Uebel? Sie werden ihr das Leben wiedergeben, so wie Sie es +mir wiedergegeben haben. + +Chrysander. Ei, kann ich das? (Geht ab.) + + + + +Sechster Auftritt + +Damis. Valer. Anton. + + +Valer. Und in welchem Tone soll ich nun mit Ihnen reden, liebster +Freund? Das erneuerte Versprechen Ihres Vaters berechtigte mich, Sie +ganz und gar zu uebergehen. Ich habe gewonnen, sobald Chrysander +Julianen zu zwingen aufhoert. Doch wie angenehm soll es mir sein, wann +ich ihren Besitz zum Teil auch Ihnen werde verdanken koennen. + +Damis. Anton! + +Anton (koemmt). Was soll der? ist Ihnen die Post wieder eingefallen? + +Damis. Gleich geh! sie muss notwendig da sein. + +Anton. Aber ich sage Ihnen, dass sie bei so uebeln Wetter vor zehn Uhr +nicht kommen kann. + +Damis. Gibst du abermals eine Stunde zu? Kurz, geh! und koemmst du +leer wieder, so sieh dich vor! + +Anton. Wenn ich diese Nacht nicht sanft schlafe, so glaube ich +zeitlebens nicht mehr, dass die Muedigkeit etwas dazu helfen kann. +(Gehet ab.) + + + + +Siebenter Auftritt + +Damis. Valer. + + +Valer. So? anstatt zu antworten, reden Sie mit dem Bedienten? + +Damis. Verzeihen Sie, Valer; Sie haben also mit mir gesprochen? Ich +habe den Kopf so voll; es ist mir unmoeglich, auf alles zu hoeren. + +Valer. Und Sie wollen sich auch bei mir verstellen? Ich weiss die +Zeit noch sehr wohl, da ich in ebendem wunderbaren Wahne stand, es +liesse gelehrt, so zerstreut als moeglich und auf nichts als auf sein +Buch aufmerksam zu tun. Doch glauben Sie nur, der muss sehr einfaeltig +sein, den Sie mit diesen Gaukeleien hintergehen wollen. + +Damis. Und Sie muessen noch einfaeltiger sein, dass Sie glauben koennen, +ein jeder Kopf sei so gedankenleer als der Ihrige. Und verdient denn +Ihr Geschwaetz, dass ich darauf hoere? Sie haben ja gewonnen, sobald +Chrysander Julianen zu zwingen aufhoert; Sie sind ja berechtiget, mich +zu uebergehen-- + +Valer. Das muss doch eine besondere Art der Zerstreuung sein, in +welcher man des andern Reden gleichwohl so genau hoeret, dass man sie +von Wort zu Wort wiederholen kann. + +Damis. Ihre Spoetterei ist sehr trocken. (Sieht wieder auf sein Buch.) + +Valer. Doch aber zu empfinden?--Was fuer eine Marter ist es, mit einem +Menschen von Ihrer Art zu tun zu haben? Es gibt deren wenige-- + +Damis. Das sollte ich selbst glauben. + +Valer. Es wuerden sich aber mehrere finden, wenn selbst-- + +Damis. Ganz recht; wenn die wahre Gelehrsamkeit nicht so schwer zu +erlangen, die natuerliche Faehigkeit dazu gemeiner und ein unermuedeter +Fleiss nicht so etwas Beschwerliches waeren-- + +Valer. Ha! ha! ha! + +Damis. Das Lachen eines wahren Idioten! + +Valer. Sie reden von Ihrer Gelehrsamkeit, und ich, mit Vergebung, +wollte von Ihrer Torheit reden. Hierin, meinte ich, wuerden Sie +mehrere Ihresgleichen finden, wenn selbst diese Torheit ihren Sklaven +nicht zur Last werden muesste. + +Damis. Verdienen Sie also, dass ich Ihnen antworte? (Sieht wieder in +sein Buch.) + +Valer. Und verdienen Sie wohl, dass ich noch Freundes genug bin, mit +Ihnen ohne Verstellung zu reden? Glauben Sie mir, Sie werden Ihre +Torheiten bei mehreren Verstande bereuen-- + +Damis. Bei mehreren Verstande? (Spoettisch.) + +Valer. Werden Sie darueber ungehalten? Das ist wunderbar! Ihr Koerper +kann, Ihren Jahren nach, noch nicht ausgewachsen haben, und Sie +glauben, dass Ihre Seele gleichwohl schon zu ihrer moeglichen +Vollkommenheit gelanget sei? Ich wuerde den fuer meinen Feind halten, +welcher mir den Vorzug, taeglich zu mehrerm Verstande zu kommen, +streitig machen wollte. + +Damis. Sie! + +Valer. Sie werden so spoettisch, mein Herr Nebenbuhler--Doch da ist +sie selbst! (Laeuft ihr entgegen.) Ah, Juliane-- + + + + +Achter Auftritt + +Juliane. Damis. Valer. + + +Juliane. Ach, Valer, welche glueckliche Veraenderung!-- + +Damis (indem er sich auf dem Stuhle umwendet). Die Ehre, Sie hier zu +sehen, Mademoiselle, habe ich ohne Zweifel einem Irrtume zu danken? +Sie glauben vielleicht, in Ihr Schlafzimmer zu kommen-- + +Juliane. Dieser Irrtum waere unvergeblich! Nein! mein Herr, es +geschieht auf Befehl Ihres Herrn Vaters, dass ich diesen heiligen Ort +betrete. Ich komme, Ihnen einen Kauf aufzusagen und mich bei Ihrer +Muse zu entschuldigen, dass ich beinahe in die Gefahr gekommen waere, +ihr einen so liebenswuerdigen Geist abspenstig zu machen. + +Valer. O wie entzueckt bin ich, schoenste Juliane, Sie auf einmal +wieder in Ihrer Heiterkeit zu sehen. + +Damis. Wenn ich das Gewaesche eines Frauenzimmers recht verstehe, so +kommen Sie, ein Paktum aufzuheben, welches doch alle Requisita hat, +die zu einem unumstoesslichen Pakto erfordert werden. + +Juliane. Und wann ich das Galimathias eines jungen Gelehrten +verstehen darf, so haben Sie es getroffen. + +Damis. Mein Vater ist ein Idiote. Koemmt es denn nur auf ihn oder auf +Sie, Mademoiselle, an, einen Vertrag, der an meinem Teil fest bestehet, +ungueltig zu machen?--Es wird sich alles zeigen; nur wollte ich bitten, +mich jetzt ungestoert zu lassen--(Wendet sich wieder an den Tisch.) + +Valer. Was fuer ein Bezeigen! hat man jemals einem Frauenzimmer, auf +dessen Besitz man Anspruch macht, so begegnet? + +Damis. Und ist man jemals einem beschaeftigten Gelehrten so ueberlaestig +gewesen? Diese verdriessliche Gesellschaft loszuwerden, muss ich nur +selbst meine vier Waende verlassen. (Geht ab.) + + + + +Neunter Auftritt + +Valer. Juliane. + + +Juliane. Und wir lachen ihm nicht nach? + +Valer. Nein, Juliane; eine bessere Freude mag uns jetzt erfuellen; und +beinahe gehoert eine Art von Grausamkeit dazu, sich ueber einen so +klaeglichen Toren lustig zu machen. Wie soll ich Ihnen die Regungen +meines Herzens beschreiben, jetzt, da man ihm alle seine +Glueckseligkeit wiedergegeben hat? Ich beschwoere Sie, Juliane, wann +Sie mich lieben, so verlassen Sie noch heute mit mir dieses +gefaehrliche Haus. Setzen Sie sich nicht laenger der Ungestuemigkeit +eines veraenderlichen Alten, der Raserei eines jungen Pedanten und der +Schwaeche Ihrer eignen allzu zaertlichen Denkungsart aus. Sie sind mir +in einem Tage genommen und wiedergegeben worden; lassen Sie ihn den +ersten und den letzten sein, der so grausam mit uns spielen darf! + +Juliane. Fassen Sie sich, Valer. Wir wollen lieber nichts tun, was +uns einige Vorwuerfe von Chrysandern zuziehen koennte. Sie sehen, er +ist auf dem besten Wege, und ich liebe ihn ebensosehr, als ich den +Damis verachte. Durch das Misstrauen, wodurch ich mich auf einmal +seiner Vorsorge entzoege, wuerde ich ihm fuer seine Wohltaten schlecht +danken-- + +Valer. Noch immer reden Sie von Wohltaten? Ich werde nicht eher +ruhig, als bis ich Sie von diesen gefaehrlichen Banden befreiet habe. +Erlauben Sie mir, dass ich sie sogleich gaenzlich vernichte und dem +alten Eigennuetzigen-- + +Juliane. Nennen Sie ihn anders, Valer; er ist das nicht; und schon +seine Veraenderung zeigt es, dass Lisette falsch gehoert oder uns +hintergangen hat. Zwar weiss ich nicht, wem ich diese Veraenderung +zuschreiben soll--(Nachsinnend.) + +Valer. Warum auf einmal so in Gedanken? Die Ursache, die ihn bewogen +hat, mag sein, welche es will; ich weiss doch gewiss, dass es eine Fuegung +des Himmels ist. + +Juliane. Des Himmels oder Lisettens. Auf einmal faellt mir ein, was +Sie mir von einem Briefe gesagt haben. Sollte wohl Lisettens allzu +grosse Dienstfertigkeit-- + +Valer. Welche Einbildung, liebste Juliane! Sie weiss es ja, dass Ihre +Tugend in diesen kleinen Betrug nicht willigen wollen. + +Juliane. Gleichwohl, je mehr ich nachdenke-- + +Valer. Wenn es nun auch waere, wollten Sie denn deswegen-- + +Juliane. Wann es nun auch waere? wie? + + + + +Zehnter Auftritt + +Lisette. Valer. Juliane. + + +Juliane. Du koemmst als gerufen, Lisette. + +Lisette. Nun, gehen meine Sachen nicht vortrefflich? Wollen Sie es +nicht unten mit anhoeren, wie sich Damis und Chrysander zanken? "Du +sollst sie nicht bekommen; ich muss sie bekommen: ich bin Vater; Sie +haben mir sie versprochen: ich habe mich anders besonnen; ich aber +nicht: so muss es noch geschehen; das ist unmoeglich: unmoeglich oder +nicht; kurz, ich geh nicht ab, ich will es Ihnen aus Buechern beweisen, +dass Sie mir Wort halten muessen: du kannst mit deinen Buechern an den +Galgen gehen."--Was wiederhole ich viel ihre naerrische Reden? Der +Vater hat recht; er handelt klug: er wuerde aber gewiss nicht so klug +handeln, wenn ich nicht vorher so klug gewesen waere. + +Juliane. Wie verstehst du das, Lisette? + +Lisette. Ich lobe mich nicht gerne selbst. Kurz, meine liebe Mamsell, +Ihr Schutzengel, der bin ich! + +Juliane. Der bist du? und wie denn? + +Lisette. Dadurch, dass ich einen Betrueger mit seiner Muenze bezahlt +habe. Der alte haessliche-- + +Juliane. Und also hast du Chrysandern betrogen? + +Lisette. Ei, sagen Sie doch das nicht; einen Betrueger betruegt man +nicht, sondern den hintergeht man nur. Hintergangen hab ich ihn. + +Valer. Und wie? + +Lisette. Schlecht genug, dass Sie es schon wieder vergessen haben. +Ich sollte meinen, erkenntlich zu sein, brauche man ein besser +Gedaechtnis. + +Juliane. Du hast ihm also wohl gar den falschen Brief untergeschoben? + +Lisette. Behuete Gott! ich habe ihn bloss durch einen erdichteten Brief +auf andere Gedanken zu bringen gesucht; und das ist mir gelungen. + +Juliane. Das hast du getan? Und ich sollte mein Glueck einer +Betruegerin zu danken haben? Es mag mir gehen, wie es will; Chrysander +soll es den Augenblick erfahren-- + +Lisette. Was soll denn das heissen? Ist das mein Dank? + +Valer. Besinnen Sie sich, Juliane; verziehen Sie! + +Juliane. Unmoeglich, Valer; lassen Sie mich. (Juliane geht ab.) + + + + +Eilfter Auftritt + +Valer. Lisette. + + +Valer. Himmel, nun ist alles wieder aus! + +Lisette. So mag sie es haben! Gift und Galle moechte ich speien, so +toll bin ich! Fuer meinen guten Willen mich eine Betruegerin zu heissen? +Ich hoffte, sie wuerde mir vor Freuden um den Hals fallen.--Wie wird +der Alte auf mich losziehen! Er jagt mich und Sie zum Hause heraus. +Was wollen Sie nun anfangen? + +Valer. Ja, was soll ich nun anfangen, Lisette? + +Lisette. Ich glaube, Sie antworten mir mit meiner eignen Frage? Das +ist bequem. Mein guter Rat hat ein Ende. Ich will mich bald wieder +in so etwas mengen! + +Valer. Zu was fuer einer ungelegnen Zeit kamst du aber auch, Lisette? +Ich hatte dir es gesagt, dass Juliane in diesen Streich nicht willigen +wollte. Haettest du nicht noch einige Zeit schweigen koennen? + +Lisette. Konnte ich denn vermuten, dass sie so uebertrieben eigensinnig +sein wuerde? Sie koennen sich leicht einbilden, wie es mit unsereiner +ist: ich haette nicht wieviel nehmen und es gegen sie laenger verbergen +wollen, wem sie ihr Glueck zu danken habe. Die Freude ist schwatzhaft, +und--Ach, ich moechte gleich-- + + + + +Zwoelfter Auftritt + +Anton. Valer. Lisette. + + +Anton (mit Briefen in der Hand). Ha! ha! haltet ihr wieder Konferenz! +Wenn es mein Herr wuesste, dass in seiner eignen Stube die schlimmsten +Anschlaege wider ihn geschmiedet werden, er wuerde dich, Lisette--Aber, +wie steht ihr denn da beisammen? Herr Valer scheint betruebt: du bist +erhitzt, erhitzt wie ein Zinshahn. Habt ihr euch geschlagen, oder +habt ihr euch sonst eine Motion gemacht? Ei, ei, Lisette! +hoere--(sachte zu Lisetten) du hast dich doch der Ausstattung wegen mit +ihm nicht ueberworfen? Hat er sein Wort etwa zurueckgezogen? Das waere +ein verfluchter Streich. (Laut.) Nein, nein, Herr Valer, was man +verspricht, das muss man halten. Sie hat Ihnen redlich gedienet und +ich auch. Zum Henker! glauben Sie denn, dass es einmal einer ehrlichen +Seele keine Gewissensbisse verursachen muss, wenn sie ihre Herrschaft +fuer null und nichts betrogen hat? Ich lasse mich nicht vexieren; und +meine Forderung wenigstens--Hol' mich dieser und jener! ich nehm einen +Advokaten an, einen rechten Bullenbeisser von einem Advokaten, der +Ihnen gewiss so viel soll zu schaffen machen-- + +Lisette. Ach Narre, schweig! + +Valer. Was will er denn? Mit wem sprichst du denn? + +Anton. Potz Stern! mit unserm Schuldmanne sprech ich. Das koennen Sie +ja wohl am Tone hoeren. + +Valer. Wer ist denn dein Schuldmann? + +Anton. Kommt es nun da heraus, dass Sie die Schuld leugnen wollen? +Hoeren Sie: mein Advokat bringt Sie zum Schwur-- + +Valer. Lisette, weisst denn du, was er will? + +Lisette. Der Schwaermer! ich brauchte ihn vorhin zu Ueberbringung des +Briefes und versprach ihm, wenn die Sache gut ausfallen sollte, eine +Belohnung von Ihnen. + +Valer. Weiter ist es nichts? + +Anton. Ich daechte doch, das waere genug. Und wie haelt es denn mit +Lisettens Ausstattung? Ich muss mich um ihr Vermoegen so gut als um das +meinige bekuemmern, weil es doch meine werden soll. + +Valer. Seid unbesorgt; wenn ich mein Glueck mache, so will ich das +eurige gewiss nicht vergessen. + +Anton. Gesetzt aber, Sie machten es nicht? Und was versprochen ist, +ist doch versprochen. + +Valer. Auch alsdenn will ich euern Eifer nicht unbelohnt lassen. + +Anton. Ach, das sind Komplimente, Komplimente! + +Lisette. So hoer einmal auf! + +Anton. Bist du nicht eine Naerrin; ich rede ja fuer dich mit. + +Lisette. Es ist aber ganz unnoetig. + +Anton. Unnoetig? habt ihr euch denn nicht gezankt? + +Lisette. Warum nicht gar? + +Anton. Hat er sein Versprechen nicht zurueckgezogen? + +Lisette. Nein doch. + +Anton. O so verzeihen Sie mir, Herr Valer. Die Galle kann einem +ehrlichen Manne leicht ueberlaufen. Ich bin ein wenig hitzig, zumal in +Geldsachen. Fuerchten Sie sich fuer den Advokaten nur nicht-- + +Valer. Und ich kann in einer so marternden Ungewissheit hier noch +verziehen? Ich muss sie sprechen; vielleicht hat sie es noch nicht +getan-- + +Lisette. Hat sie es aber getan, so kommen Sie dem Alten ja nicht zu +nahe! + +Valer. Ich habe von dem ganzen Handel nichts gewusst. + +Lisette. Desto schlimmer alsdenn fuer mich. Gehen Sie nur. + + + + +Dreizehnter Auftritt + +Anton. Lisette. + + +Anton. Desto schlimmer fuer dich? Was ist denn desto schlimmer fuer +dich? Warum soll er denn dem Alten nicht zu nahe kommen? Was habt +ihr denn wieder! + +Lisette. Je, der verfluchte Brief! + +Anton. Was fuer ein Brief? + +Lisette. Den ich dir vorhin gab. + +Anton. Was ist denn mit dem? + +Lisette. Es ist alles umsonst; meine Muehe ist vergebens. + +Anton. Wie denn so? So wahr ich lebe, ich habe ihn richtig bestellt. +Mache keine Possen und schiebe die Schuld etwa auf mich! + +Lisette. Richtig uebergeben ist er wohl; er tat auch schon seine +Wirkung. Aber Juliane hat uns selbst einen Strich durch die Rechnung +gemacht. Sie will es durchaus entdecken, dass es ein falscher Brief +gewesen sei, und hat es vielleicht auch schon getan. + +Anton. Was zum Henker, sie selbst? Da werden wir ankommen! Siehst +du; nun ist der Sperling und die Taube weg. Und was das schlimmste ist: +da ich die Taube habe fangen wollen, so bin ich darueber mit der Nase +ins Weiche gefallen. Oder deutlicher und ohne Gleichnis mit dir zu +reden: die versprochene Belohnung bei dem Alten hab ich verloren, die +eingebildete bei Valeren entgeht mir auch, und aller Profit, den ich +dabei machen werde, ist, nebst einem gnaedigen Rippenstosse, ein Pack +dich zum Teufel!--Will Sie mich alsdenn noch, Jungfer Lisette?--Oh, +Sie muss mich. Ich will Sie die Leute lehren ungluecklich machen-- + +Lisette. Es wird mir gewiss besser gehen? Wir wandern miteinander, +und wenn wir nur einmal ein Paar sind, so magst du sehen, wie du mich +ernaehrest. + +Anton. Ich dich ernaehren? bei der teuren Zeit? Wenn ich noch koennte +mit dir herumziehen, wie der mit dem grossen Tiere, das ein Horn auf +der Nase hat. + +Lisette. Sorge nicht, in ein Tier mit einem Horne will ich dich bald +verwandeln. Es wird alsdenn doch wohl einerlei sein, ob du mit mir +oder ich mit dir herumziehe. + +Anton. Nu wahrhaftig, mit dir weiss man doch noch, woran man ist. +--Aber, damit wir nicht eins ins andre reden, wo ist denn nun mein +Herr? Da sind endlich seine verdammten Briefe! + +Lisette. Siehst du ihn? + +Anton. Nein; aber wo mir recht ist, jetzt hoer ich ihn. + +Lisette. Lass ihn nur kommen; toll will ich ihn noch machen, zu guter +Letzt. + + + + +Vierzehnter Auftritt + + +Anton. Lisette. Damis (koemmt ganz tiefsinnig; Lisette schleicht +hinter ihm her und macht seine Grimassen nach). + +Anton. Halt! ich will ihn noch ein wenig zappeln lassen und ihm die +Briefe nicht gleich geben. (Steckt sie ein.) Wie so tiefsinnig, Herr +Damis? was steckt Ihnen wieder im Kopfe? + +Damis. Halt dein Maul! + +Anton. Kurz geantwortet! Aber soll sich denn ein Bedienter nicht um +seinen Herrn bekuemmern? Es waere doch ganz billig, wann ich auch wuesste, +worauf Sie daechten. Eine blinde Henne findet auch manchmal ein +Koernchen, und vielleicht koennte ich Ihnen-- + +Damis. Schweig! + +Anton. Die Antwort war noch kuerzer. Wenn sie stufenweise so abnimmt, +so will ich einmal sehen, was uebrigbleiben wird.--Was zaehlen Sie denn +an den Fingern? Was hat Ihnen denn der arme Nagel getan, dass Sie ihn +so zerreissen? (Er wird Lisetten gewahr.)--Und, zum Henker, was ist +denn das fuer ein Affe? Koemmst du von Sinnen? + +Lisette. Halt dein Maul! + +Anton. Um des Himmels willen geh! Wann mein Herr aus seinem Schlafe +erwacht und dich sieht-- + +Lisette. Schweig! + +Anton. Willst du mich oder meinen Herrn zum besten haben? So sehen +Sie doch einmal hinter sich, Herr Damis! + +Damis (geht einigemal tiefsinnig auf und nieder; Lisette in gleichen +Stellungen hinter ihm her; und wann er sich umwendet, schleicht sie +sich hurtig herum, dass er sie nicht gewahr wird). Meiner +Hochzeitfackel Brand Sei von mir jetzt selbst gesungen! + + +Anton. Ho! ho! Sie machen Verse? Komm, Lisette, nun muessen wir ihn +allein lassen. Bei solcher Gelegenheit hat er mich selbst schon, mehr +als einmal, aus der Stube gestossen. Komm nur; er ruft uns gewiss +selbst wieder, sobald er fertig ist, und vielleicht das ganze Haus +dazu. + +Lisette (indem sich Damis umwendet, bleibt sie starr vor ihm stehen +und nimmt seinen Ton an). Meiner Hochzeitfackel Brand Sei von mir +jetzt selbst gesungen! + + +(Damis tut, als ob er sie nicht gewahr wuerde, und stoesst auf sie.) + +Damis. Was ist das? + +Lisette. Was ist das? + +(Beide, als ob sie zu sich selbst kaemen.) + +Damis. Unwissender, niedertraechtiger Kerl! habe ich dir nicht oft +genug gesagt, keine Seele in meine Stube zu lassen als aufs hoechste +meinen Vater? Was will denn die hier? + +Lisette. Unwissender, niedertraechtiger Kerl! hast du mir es nicht oft +genug gesagt, dass ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du +dir denn aber nicht einbilden, dass die, welche im Kabinette hat sein +duerfen, auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender, +niedertraechtiger Kerl! + +Anton. Wem soll ich nun antworten? + +Damis. Gleich stosse sie zur Stube hinaus! + +Anton. Stossen? mit Gewalt? + +Damis. Wenn sie nicht in gutem gehen will-- + +Anton. Lisette, geh immer in gutem-- + +Lisette. Sobald es mir gelegen sein wird. + +Damis. Stoss sie heraus, sag ich! + +Anton. Komm, Lisette, gib mir die Hand; ich will dich ganz ehrbar +herausfuehren. + +Lisette. Grobian, wer wird denn ein Frauenzimmer mit der blossen Hand +fuehren wollen? + +Anton. O ich weiss auch zu leben!--In Ermanglung eines Handschuhs +also--(er nimmt den Zipfel von der Weste)--werde ich die Ehre haben-- + +Damis. Ich seh wohl, ich soll mich selbst ueber sie machen--(Geht auf +sie los.) + +Lisette. Ha! ha! ha! so weit wollte ich Sie nur gern bringen. Adieu! + + + + +Funfzehnter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Damis. Nun sind alle Gedanken wieder fort! Das Feuer ist verraucht; +die Einbildungskraft ist zerstreut. Der Gott, der uns begeistern muss, +hat mich verlassen--Verdammte Kreatur! was fuer Verdruss hat sie mir +heute nicht schon gemacht! wie spoettisch ist sie mit mir umgegangen! +Himmel! in meiner Tiefsinnigkeit mir alles so laecherlich nachzuaeffen. + +Anton. Sie sahen es ja aber nicht. + +Damis. Ich sah es nicht? + +Anton. Ja? ist's moeglich? und Sie stellten sich nur so? + +Damis. Schweig, Idiote!--Ich will sehen, ob ich mich wieder in die +Entzueckung setzen kann-- + +Anton. Tun Sie das lieber nicht; die Verse koennen unmoeglich geraten, +wobei man so finster aussieht.--Darf man aber nicht wissen, was es +werden wird? ein Abendlied oder ein Morgenlied? + +Damis. Dummkopf! + +Anton. Ein Busslied? + +Damis. Einfaltspinsel! + +Anton. Ein Tischlied? auch nicht?--Ein Sterbelied werden Sie doch +nicht machen? So wahr ich ehrlich bin, wenn ich auch noch so ein +grosser Poet waere, das bliebe von mir ungemacht. Sterben ist der +abgeschmackteste Streich, den man sich selbst spielt. Er verdient +nicht einen Vers, geschweige ein Lied. + +Damis. Ich muss Mitleiden mit deiner Unwissenheit haben. Du kennst +keine andre Arten von Gedichten, als die du im Gesangbuche gefunden +hast. + +Anton. Es wird gewiss noch andre geben? So lassen Sie doch hoeren, was +Sie machen. + +Damis. Ich mache--ein Epithalamium-- + +Anton. Ein Epithalamium? Potz Stern, das ist ein schwer Ding! Damit +koennen Sie wirklich zurechte kommen? Da gehoert Kunst dazu--Aber, Herr +Damis, im Vertrauen, was ist denn das ein Epith--pitha--thlamium? + +Damis. Wie kannst du es denn schwer nennen, wenn du noch nicht weisst, +was es ist? + +Anton. Ei nun, das Wort ist ja schon schwer genug. Sagen Sie mir nur +ein wenig mit einem andern Namen, was es ist. + +Damis. Ein Epithalamium ist ein Thalassio. + +Anton. So, so! nun versteh ich's; ein Epithalamium ist ein--wie hiess +es?-- + +Damis. Thalassio. + +Anton. Ein Thalassio; und das koennen Sie machen? Wenigstens werden +Sie viel Zeit dazu brauchen--Aber, hoeren Sie doch, wenn mich nun +jemand fragt, was ein Thalassio ist, was muss ich ihm wohl antworten? + +Damis. Auch das weisst du nicht, was ein Thalassio ist? + +Anton. Ich fuer mein Teil weiss es wohl. Ein Thalassio ist ein--wie +hiess das vorige Wort? + +Damis. Epithalamium. + +Anton. Ist ein Epithalamium. Und ein Epithalamium ist ein Thalassio. +Nicht wahr, ich habe es gut behalten? Aber das moechte nur andern +Leuten nicht deutlich sein, welche beide Worte nicht verstehen. + +Damis. Je nun, so sage ihnen, Thalassio sei ein Hymenaeus. + +Anton. Zum Henker! das heisst Leute vexieren. Ein Epithalamium ist +ein Thalassio, und ein Thalassio ist ein Hymenaeus. Und so umgekehrt, +ein Hym--Hym--Die Namen mag sonst einer merken! + +Damis. Recht! recht! ich sehe doch, dass du anfaengst einen Begriff von +Sachen zu bekommen. + +Anton. Ich einen Begriff hiervon? so wahr ich ehrlich bin! Sie irren +sich. Der Kobold muesste mir's eingeblasen haben, wenn ich wuesste, was +die kauderwelschen Worte heissen sollen. Sagen Sie mir doch ihren +deutschen Namen; oder haben sie keinen? + +Damis. Sie haben zwar einen, allein er ist lange nicht von der +Annehmlichkeit und dem Nachdrucke der griechischen oder lateinischen. +Sage einmal selbst, ob ein Hochzeitgedichte nicht viel kahler klingt +als ein Epithalamium, ein Hymenaeus, ein Thalassio. + +Anton. Mir nicht; wahrhaftig mir nicht! denn jenes versteh ich und +dieses nicht. Ein Hochzeitgedichte haben Sie also machen wollen? +Warum sagten Sie das nicht gleich?--Oh! in Hochzeitgedichten habe ich. +eine Belesenheit, die erstaunend ist. Ich muss Ihnen nur sagen, wie +ich dazu gekommen bin. Mein weiland seliger Vater hatte einen +Vetter--und gewissermassen war es also auch mein Vetter-- + +Damis. Was wird das fuer ein Gewaesche werden? + +Anton. Sie wollen es nicht abwarten? Gut! Der Schade ist Ihre. +--Weiter also: Verse auf eine Hochzeit wollten Sie machen? aber auf +was denn fuer eine? + +Damis. Welche Frage! auf meine eigne. + +Anton. Sie heiraten also Julianen noch? Der Alte will es ja nicht?-- + +Damis. Ah der! + +Anton. Es ist schon wahr; was hat sich ein Sohn um den Vater zu +bekuemmern? Aber sagen Sie mir doch: schickt es sich denn, dass man auf +seine eigne Hochzeit Verse macht? + +Damis. Gewoehnlich ist es freilich nicht; aber desto besser! Geister +wie ich lieben das Besondre. + +Anton (beiseite). St! jetzt will ich ihm einen Streich spielen! +--(Laut.) Hoeren Sie nur, Herr Damis, ich werde es selbst gern sehen, +wenn Sie Julianen heiraten. + +Damis. Wieso? + +Anton. Ich weiss nicht, ob ich mich unterstehen darf, es Ihnen zu +sagen. Ich habe--ich habe selbst-- + +Damis. Nur heraus mit der Sprache! + +Anton. Ich habe selbst versucht, Verse auf Ihre Hochzeit zu machen, +und deswegen wollte ich nun nicht gern, dass meine Muehe verloren waere. + +Damis. Das wird etwas Schoenes sein! + +Anton. Freilich! denn das ist mein Fehler; ich mache entweder etwas +Rechtes oder gar nichts. + +Damis. Gib doch her! vielleicht kann ich deine Reime verbessern, dass +sie alsdenn mir und dir Ehre machen. + +Anton. Hoeren Sie nur, ich will sie Ihnen vorlesen. (Er sucht einen +Zettel aus der Tasche.) Ganz bin ich noch nicht fertig, muss ich Ihnen +sagen. Der Anfang aber, aus dem auch allenfalls das Ende werden kann, +klingt so--Ruecken Sie mir doch das Licht ein wenig naeher!--Du, o edle +Fertigkeit, Zu den vorgesetzten Zwecken Tuecht'ge Mittel-- + +Damis. Halt! du bist ein elender Stuemper! Ha! ha! ha! Das du o +steht ganz vergebens. Edle Fertigkeit sagt nichts weniger, und Du, o +edle Fertigkeit nichts mehr. Deleatur ergo du o! Damit aber nicht +zwei Silben fehlen, so verstaerke das Beiwort edel, nach Art der +Griechen, und sage ueberedel. Ich weiss zwar wohl, ueberedel ist ein +neues Wort; aber ich weiss auch, dass neue Woerter dasjenige sind, was +die Poesie am meisten von der Prose unterscheiden muss. Solche +Vorteilchen merke dir! Du musst dich durchaus bestreben, etwas +Unerhoertes, etwas Ungesagtes zu sagen. Verstehst du mich, dummer +Teufel? + +Anton. Ich will es hoffen. + +Damis. Also heisst dein erster Vers + +ueberedle Fertigkeit + + +usw. Nun lies weiter! + +Anton. Zu den vorgesetzten Zwecken Tuecht'ge Mittel zu entdecken Und +sich dann zur rechten Zeit Ihrer Kraefte zu bedienen, Wirst, so lange, +bis die Welt In ihr erstes Cha- Cha- Chaos faellt, Wie die Pappelbaeume +gruenen. + + +Aber, Herr Damis, koennen Sie mir nicht sagen, was ich hier muss gedacht +haben? Verflucht! das ist schoen; ich verstehe mich selbst nicht mehr. +Das erste Cha--Chaos;--ich daechte, ich haette das Wort noch nie in +meinen Mund genommen, so fuerchterlich klingt es mir. + +Damis. Zeige doch-- + +Anton. Warten Sie, warten Sie! ich will es Ihnen noch einmal vorlesen. + +Damis. Nein, nein; weise mir nur den Zettel her. + +Anton. Sie koennen es unmoeglich lesen. Ich habe gar zu schlecht +geschrieben; kein Buchstabe steht gerade; sie hocken einer auf den +andern, als ob sie Junge hecken wollten. + +Damis. O so gib her! + +Anton (gibt ihm den Zettel mit Zittern). Zum Henker, es ist seine +eigne Hand! + +Damis (betrachtet ihn einige Zeit). Was soll das heissen? (Steht +zornig auf.) Verfluchter Verraeter, wo hast du dieses Blatt her? + +Anton. Nicht so zornig; nicht so zornig! + +Damis. Wo hast du es her? + +Anton. Wollen Sie mich denn erwuergen? + +Damis. Wo hast du das Blatt her, frag ich? + +Anton. Lassen Sie nur erst nach. + +Damis. Gesteh! + +Anton. Aus--aus Ihrer--Westentasche. + +Damis. Ungelehrte Bestie! ist das deine Treue? Das ist ein Diebstahl; +ein Plagium. + +Anton. Zum Henker! des Quarks wegen mich zu einem Diebe zu machen? + +Damis. Des Quarks wegen? was? den Anfang eines philosophischen +Lehrgedichts einen Quark zu nennen? + +Anton. Sie sagten ja selbst, es tauge nichts. + +Damis. Ja, insofern es ein Hochzeitkarmen vorstellen sollte und du +der Verfasser davon waerest. Gleich schaffe die andern Manuskripte, +die du mir sonst entwandt hast, auch herbei! Soll ich meine Arbeit in +fremden Haenden sehen? Soll ich zugeben, dass sich eine haessliche Dohle +mit meinen praechtigen Pfauenfedern ausschmuecke? Mach bald! oder ich +werde andre Massregeln ergreifen. + +Anton. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht einen Buchstaben mehr von +Ihnen. + +Damis. Gleich wende alle Taschen um! + +Anton. Warum auch nicht? Wenn ich sie umwende, so faellt ja alles +heraus, was ich darin habe. + +Damis. Mach und erzuerne mich nicht! + +Anton. Ich will ein Schelm sein, wenn Sie nur ein Staeubchen Papier +bei mir finden. Damit Sie aber doch Ihren Willen haben;--hier ist die +eine; da ist die andre--Was sehen Sie?--Da ist die dritte; die ist +auch leer.--Nun kommt die vierte--(Indem er sie umwendet, fallen die +Briefe heraus.)--Zum Henker, die verfluchten Briefe! die hatte ich +ganz vergessen--(Er will sie geschwind wieder aufheben.) + +Damis. Gib her, gib her! was fiel da heraus? Ganz gewiss wird es +wieder etwas von mir sein. + +Anton. So wahr ich lebe, es ist nichts von Ihnen. An Sie koennte es +eher noch etwas sein. + +Damis. Halte mich nicht auf; ich habe mehr zu tun. + +Anton. Halten Sie mich nur nicht auf. Sie wissen ja, dass ich nun +bald wieder auf die Post gehen muss. Ich weiss, es sind Briefe da. + +Damis. Nun so geh, so geh! Aber durchaus zeige mir erst, was du so +eilfertig aufhobst. Ich muss es sehen. + +Anton. Zum Henker! wenn das ist, so brauche ich nicht auf die Post zu +gehen. + +Damis. Wieso? + +Anton. Nu, nu! da haben Sie es. Ich will hurtig gehen. (Er gibt ihm +den Brief und will fortlaufen.) + +Damis (indem er ihn besieht). Je, Anton, Anton! das ist ja eben der +Brief aus Berlin, welchen ich erwarte. Ich kenn ihn an der Aufschrift. + +Anton. Es kann wohl sein, dass er es ist. Aber, Herr Damis, werden +Sie nur--nur nicht ungehalten. Ich hatte es, bei meiner armen Seele! +ganz vergessen-- + +Damis. Was hast du denn vergessen? + +Anton. Dass ich den Brief, beinahe schon eine halbe Stunde, in der +Tasche trage. Mit dem verdammten Plaudern!-- + +Damis. Weil er nun da ist, so will ich dir den dummen Streich +verzeihen.--Aber, allerliebster Anton, was muessen hierin fuer +unvergleichliche, fuer unschaetzbare Nachrichten stehen! Wie wird sich +mein Vater freuen! Was fuer Ehre, was fuer Lobsprueche!--O Anton!--ich +will dir ihn gleich vorlesen--(Bricht ihn hastig auf.) + +Anton. Nur sachte, sonst zerreissen Sie ihn gar. Nun da! sagte ich's +nicht? + +Damis. Es schadet nichts; er wird doch noch zu lesen sein.--Vor allen +Dingen muss ich dir sagen, was er betrifft. Du weisst, oder vielmehr du +weisst nicht, dass die Preussische Akademie auf die beste Untersuchung +der Lehre von den Monaden einen Preis gesetzt hat. Es kam mir noch +ganz spaet ein, unsern Philosophen diesen Preis vor dem Maule +wegzufangen. Ich machte mich also geschwind darueber und schrieb eine +Abhandlung, die noch gleich zur rechten Zeit muss gekommen sein.--Eine +Abhandlung, Anton--ich weiss selbst nicht, wo ich sie hergenommen habe, +so gelehrt ist sie. Nun hat die Akademie vor acht Tagen ihr Urteil +ueber die eingeschickten Schriften bekanntgemacht, welches notwendig zu +meiner Ehre muss ausgefallen sein. Ich, ich muss den Preis haben und +kein andrer. Ich habe es einem von meinen Freunden daselbst heilig +eingebunden, mir sogleich Nachricht davon zu geben. Hier ist sie; nun +hoere zu. + +"Mein Herr, + +"Wie nahe koennen Sie einem Freunde das Antworten legen! Sie drohen mir +mit dem Verluste Ihrer Liebe, wenn Sie nicht von mir die erste +Nachricht erhielten, ob Sie oder ein anderer den akademischen Preis +davongetragen haetten. Ich muss Ihnen also in aller Eil' melden, dass +Sie ihn nicht--(stotternd) bekommen haben und auch--(immer +furchtsamer) nicht haben--bekommen koennen.--" + +Was? ich nicht? und wer denn? und warum denn nicht?-- + +"Erlauben Sie mir aber, dass ich als ein Freund mit Ihnen reden darf." + +So rede, Verraeter! + +"Ich habe Ihnen unmoeglich den schlimmen Dienst erweisen koennen, Ihre +Abhandlung zu uebergeben.--" + +Du hast sie also nicht uebergeben, Treuloser? Himmel, was fuer ein +Donnerschlag!--So soll mich deine Nachlaessigkeit, unwuerdiger Freund, +um die verdienteste Belohnung bringen?--Wie wird er sich entschuldigen, +der Nichtswuerdige? + +"Wenn ich es frei gestehen soll, so scheinen Sie etwas ganz anders +getan zu haben, als die Akademie verlangt hat. Sie wollte nicht +untersucht wissen, was das Wort Monas grammatikalisch bedeute? wer es +zuerst gebraucht habe? was es bei dem Xenokrates anzeige? ob die +Monaden des Pythagoras die Atomi des Moschus gewesen? usw. Was ist +ihr an diesen kritischen Kleinigkeiten gelegen, und besonders alsdann, +wann die Hauptsache dabei aus den Augen gesetzt wird? Wie leicht +haette man Ihren Namen mutmassen koennen, und Sie wuerden vielleicht +Spoettereien sein ausgesetzt worden, dergleichen ich nur vor wenig +Tagen in einer gelehrten Zeitung ueber Sie gefunden habe.--" + +Was lese ich? kann ich meinen Augen trauen? Ah, verfluchtes Papier! +verfluchte Hand, die dich schrieb! (Wirft den Brief auf die Erde und +tritt mit den Fuessen darauf.) + +Anton. Der arme Brief! man muss ihn doch vollends auslesen! (Hebt ihn +auf.) Das Beste koemmt vielleicht noch, Herr Damis. Wo blieben Sie? +Da, da! hoeren Sie nur! + +"... gelehrten Zeitung gefunden habe.--Man nennt Sie ein junges +Gelehrtchen, welches ueberall gern glaenzen moechte und dessen +Schreibesucht--" + +Damis (reisst ihm den Brief aus der Hand). Verdammter Korrespondent! +--Das ist der Lohn, den dein Brief verdient! (Er zerreisst ihn.) Du +zerreissest mein Herz, und ich zerreisse deine unverschaemte Neuigkeiten. +Wollte Gott, dass ich ein gleiches mit deinem Eingeweide tun koennte! +Aber--(zu Anton) du nichtswuerdige, unwissende Bestie! An alledem bist +du schuld! + +Anton. Ich, Herr Damis? + +Damis. Ja du! wie lange hast du nicht den Brief in der Tasche +behalten? + +Anton. Herr, meine Tasche kann weder schreiben noch lesen: wenn Sie +etwa denken, dass ihn die anders gemacht hat-- + +Damis. Schweig! Und solche Beschimpfungen kann ich ueberleben?--O ihr +dummen Deutschen! ja freilich, solche Werke, als die meinigen sind, +gehoerig zu schaetzen, dazu werden andre Genies erfordert! Ihr werdet +ewig in eurer barbarischen Finsternis bleiben und ein Spott eurer +witzigen Nachbarn sein!--Ich aber will mich an euch raechen und von nun +an aufhoeren, ein Deutscher zu heissen. Ich will mein undankbares +Vaterland verlassen. Vater, Anverwandte und Freunde, alle, alle +verdienen es nicht, dass ich sie laenger kenne, weil sie Deutsche sind; +weil sie aus dem Volke sind, das ihre groessten Geister mit Gewalt von +sich ausstoesst. Ich weiss gewiss, Frankreich und Engeland werden meine +Verdienste erkennen-- + +Anton. Herr Damis, Herr Damis, Sie fangen an zu rasen. Ich bin nicht +sicher bei Ihnen; ich werde jemand rufen muessen. + +Damis. Sie werden es schon empfinden, die dummen Deutschen, was sie +an mir verloren haben! Morgen will ich Anstalt machen, dieses +unselige Land zu verlassen-- + + + + +Sechzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. Anton. + + +Anton. Gott sei Dank, dass jemand koemmt! + +Chrysander. Das verzweifelte Maedel, die Lisette! Und (zu Anton) du, +du Spitzbube! du sollst dein Brieftraegerlohn auch bekommen, Mich so zu +hintergehen? schon gut!--Mein Sohn, ich habe mich besonnen; du hast +recht; ich kann dir Julianen nun nicht wieder nehmen. Du sollst sie +behalten. + +Damis. Schon wieder Juliane? Jetzt, da ich ganz andre Dinge zu +beschliessen habe--Hoeren Sie nur auf damit; ich mag sie nicht. + +Chrysander. Es wuerde unrecht sein, wenn ich dir laenger widerstehen +wollte. Ich lasse jedem seine Freiheit; und ich sehe wohl, Juliane +gefaellt dir-- + +Damis. Mir? eine dumme Deutsche? + +Chrysander. Sie ist ein huebsches, tugendhaftes, aufrichtiges Maedchen; +sie wird dir tausend Vergnuegen machen. + +Damis. Sie moegen sie loben oder schelten; mir gilt alles gleich. Ich +weiss mich nach Ihrem Willen zu richten, und dieser ist, nicht an sie +zu gedenken. + +Chrysander. Nein, nein; du sollst dich ueber meine Haerte nicht +beklagen duerfen. + +Damis. Und Sie sich noch weniger ueber meinen Ungehorsam. + +Chrysander. Ich will dir zeigen, dass du einen guetigen Vater hast, der +sich mehr nach deinem als nach seinem eignen Willen richtet. + +Damis. Und ich will Ihnen zeigen, dass Sie einen Sohn haben, der Ihnen +in allen die schuldige Untertaenigkeit leistet. + +Chrysander. Ja, ja; nimm Julianen! Ich gebe dir meinen Segen. + +Damis. Nein, nein; ich werde Sie nicht so erzuernen-- + +Chrysander. Aber was soll denn das Widersprechen? Dadurch erzuernst +du mich! + +Damis. Ich will doch nicht glauben, dass Sie sich im Ernste schon zum +drittenmal anders besonnen haben? + +Chrysander. Und warum das nicht? + +Damis. Oh, dem sei nun, wie ihm wolle! Ich habe mich gleichfalls +geaendert und fest entschlossen, ganz und gar nicht zu heiraten. Ich +muss auf Reisen gehen, und ich werde mich, je eher, je lieber, +davonmachen. + +Chrysander. Was? du willst ohne meine Erlaubnis in die Welt laufen? + +Anton. Das geht lustig! Der dritte Mann fehlt noch, und den will ich +gleich holen. Damis will Julianen nicht, vielleicht fischt sie Valer. +(Gehet ab.) + + + + +Siebzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. + + +Damis. Ja, ja; in zweimal vierundzwanzig Stunden muss ich schon +unterwegens sein. + +Chrysander. Aber was ist dir denn in den Kopf gekommen? + +Damis. Ich bin es laengst ueberdruessig gewesen, laenger in Deutschland +zu bleiben; in diesem nordischen Sitze der Grobheit und Dummheit; wo +es alle Elemente verwehren, klug zu sein; wo kaum alle hundert Jahr +ein Geist meinesgleichen geboren wird-- + +Chrysander. Hast du vergessen, dass Deutschland dein Vaterland ist? + +Damis. Was Vaterland! + +Chrysander. Du Boesewicht, sprich doch lieber gar: was Vater! Aber +ich will dir es zeigen: du musst Julianen nehmen; du hast ihr dein Wort +gegeben und sie dir das ihrige. + +Damis. Sie hat das ihrige zurueckgenommen wie ich jetzt das meinige; +also-- + +Chrysander. Also!--also!--Kurz von der Sache zu reden, glaubst du, +dass ich vermoegend bin, dich zu enterben, wann du mir nicht folgest? + +Damis. Tun Sie, was Sie wollen. Nur, wann ich bitten darf, lassen +Sie mich jetzt allein. Ich muss vor meiner Abreise noch zwei Schriften +zustande bringen, die ich meinen Landsleuten, aus Barmherzigkeit, noch +zuruecklassen will. Ich bitte nochmals, lassen Sie mich-- + +Chrysander. Willst du mich nicht lieber gar zur Tuer hinausstossen? + + + + +Achtzehnter Auftritt + +Valer. Anton. Chrysander. Damis. + + +Valer. Wie, Damis? ist es wahr, dass Sie wieder zu sich selbst +gekommen sind?--dass Sie von Julianen abstehen? + +Chrysander. Ach, Herr Valer, Sie koennten mir nicht ungelegener kommen. +Bestaerken Sie ihn fein in seinem Trotze. So? Sie verdienten es +wohl, dass ich mich nach Ihrem Wunsche bequemte? Mich auf eine so +gottlose Art hintergehen zu wollen?--Mein Sohn, widersprich mir nicht +laenger, oder-- + +Damis. Ihre Drohungen sind umsonst. Ich muss mich fremden Laendern +zeigen, die sowohl ein Recht auf mich haben als das Vaterland. Und +Sie verlangen doch nicht, dass ich eine Frau mit herumfuehren soll? + +Valer. Damis hat recht, dass er auf das Reisen dringt. Nichts kann +ihm, in seinen Umstaenden, nuetzlicher sein. Lassen Sie ihm seinen +Willen, und mir lassen Sie Julianen, die Sie mir so heilig versprochen +haben. + +Chrysander. Was versprochen? Betruegern braucht man sein Wort nicht +zu halten. + +Valer. Ich habe es Ihnen schon beschworen, dass einzig und allein +Lisette diesen Betrug hat spielen wollen, ohne die wir von dem +Dokumente gar nichts wissen wuerden.--Wie gluecklich, wann es nie zum +Vorschein gekommen waere! Es ist das grausamste Glueck, das Julianen +hat treffen koennen. Wie gern wuerde sie es aufopfern, wenn sie dadurch +die Freiheit ueber ihr Herz erhalten koennte. + +Chrysander. Aufopfern? Herr Valer, bedenken Sie, was das sagen will. +Wir Handelsleute fassen einander gern bei dem Worte. + +Valer. Oh, tun Sie es auch hier! Mit Freuden tritt Ihnen Juliane das +Dokument ab. Fangen Sie den Prozess an, wenn Sie wollen; der Vorteil +davon soll ganz Ihnen gehoeren. Juliane haelt dieses fuer das kleinste +Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie glaubt Ihnen noch weit mehr schuldig +zu sein.-- + +Chrysander. Nu, nu, sie ist mir immer ganz erkenntlich +vorgekommen--Aber was wuerden Sie denn, Valer, als ihr kuenft'ger Mann, +zu dieser Dankbarkeit sagen? + +Valer. Denken Sie besser von mir. Ich habe Julianen geliebt, da sie +zu nichts Hoffnung hatte. Ich liebe sie auch noch, ohne die geringste +eigennuetzige Absicht. Und ich bitte Sie: was schenkt man denn einem +ehrlichen Manne, wenn man ihm einen schweren Prozess schenkt? + +Chrysander. Valer, ist das Ihr Ernst? + +Valer. Fordern Sie noch mehr als das Dokument; mein halbes Vermoegen +ist Ihre. + +Chrysander. Da sei Gott vor, dass ich von Ihrem Vermoegen einen Heller +haben wollte! Sie muessen mich nicht fuer so eigennuetzig ansehen.--Wir +sind gute Freunde, und es bleibt bei dem alten: Juliane ist Ihre! Und +wenn das Dokument meine soll, so ist sie um so viel mehr Ihre. + +Valer. Kommen Sie, Herr Chrysander, bekraeftigen Sie ihr dieses selbst! +Wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnuegt machen zu koennen. + +Chrysander. Wenn das ist, Damis; so kannst du meinetwegen noch heute +die Nacht fortreisen. Ich will Gott danken, wenn ich dich Narren +wieder aus dem Hause los bin. + +Damis. Gehen Sie doch nur, und lassen Sie mich allein. + +Valer. Damis, und endlich muss ich Ihnen doch noch mein Glueck +verdanken? Ich tue es mit der aufrichtigsten Zaertlichkeit, ob ich +schon weiss, dass ich die Ursache Ihrer Veraenderung nicht bin. + +Damis. Aber die wahre Ursache?--(Zu Anton.) Verfluchter Kerl, hast du +dein Maul nicht halten koennen?--Gehen Sie nur, Valer-- + +(Indem Chrysander und Valer abgeben wollen, haelt Anton Valeren zurueck.) + +Anton (sachte). Nicht so geschwind! Wie steht es mit Lisettens +Ausstattung, Herr Valer? und mit-- + +Valer. Seid ohne Sorgen; ich werde mehr halten, als ich versprochen +habe. + +Anton. Juchhe! nun war die Taube gefangen. + + + + +Letzter Auftritt + +Damis (an seinem Tische). Anton. + + +Anton. Noch ein Wort, Herr Damis, habe ich mit Ihnen zu reden. + +Damis. Und?-- + +Anton. Sie wollen auf Reisen gehen?-- + +Damis. Zur Sache! es ist schon mehr als ein Wort. + +Anton. Je nun! meinen Abschied. + +Damis. Deinen Abschied? Du denkst vielleicht, dass ich dich +ungelehrten Esel mitnehmen wuerde? + +Anton. Nicht? und ich habe also meinen Abschied? Gott sei Dank! +empfangen Sie nun auch den Ihrigen, welcher in einer kleinen Lehre +bestehen soll. Ich habe Ihre Torheiten nun laenger als drei Jahr +angesehen und selber alber genug dabei getan, weil ich weiss, dass ein +Bedienter, wenn sein Herr auch noch so naerrisch ist-- + +Damis. Unverschaemter Idiote, wirst du mir aus den Augen gehen? + +Anton. Je nun! wem nicht zu raten steht, dem steht auch nicht zu +helfen. Bleiben Sie zeitlebens der gelehrte Herr Damis! (Gehet ab.) + +Damis. Geh, sag ich, oder!-- + +(Er wirft ihm sein Buch nach, und das Theater faellt zu.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der junge Gelehrte, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER JUNGE GELEHRTE *** + +This file should be named 7jngg10.txt or 7jngg10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 7jngg11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7jngg10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Der junge Gelehrte + +Ein Lustspiel in drei Aufzügen + +Gotthold Ephraim Lessing + +Verfertigt im Jahre 1747 + + + +Personen: + +Chrysander, ein alter Kaufmann Damis, der junge Gelehrte, Chrysanders +Sohn Valer Juliane Anton, Bedienter des Damis Lisette + +Der Schauplatz ist die Studierstube des Damis. + + + + +Erster Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Damis (am Tische unter Büchern). Anton. + + +Damis. Die Post also ist noch nicht da? + +Anton. Nein. + +Damis. Noch nicht? Hast du auch nach der rechten gefragt? Die Post +von Berlin-- + +Anton. Nun ja doch; die Post von Berlin; sie ist noch nicht da! Wenn +sie aber nicht bald kömmt, so habe ich mir die Beine abgelaufen. Tun +Sie doch, als ob sie Ihnen, wer weiß was, mitbringen würde! Und ich +wette, wenn's hoch kömmt, so ist es eine neue Scharteke oder eine +Zeitung oder sonst ein Wisch.-- + +Damis. Nein, mein guter Anton; dasmal möchte es etwas mehr sein. Ah! +wann du es wüßtest-- + +Anton. Will ich's denn wissen? Es würde mir weiter doch nichts +helfen, als daß ich einmal wieder über Sie lachen könnte. Das ist mir +gewiß etwas Seltnes?--Haben Sie mich sonst noch wohin zu schicken? +Ich habe ohnedem auf dem Ratskeller eine kleine Verrichtung; +vielleicht ist's ein Gang? Nu? + +Damis (erzürnt). Nein, Schurke! + +Anton. Da haben wir's! Er hat alles gelesen, nur kein +Komplimentierbuch.--Aber besinnen Sie sich. Etwa in den Buchladen? + +Damis. Nein, Schurke! + +Anton. Ich muß das Schurke so oft hören, daß ich endlich selbst +glauben werde, es sei mein Taufname.--Aber zum Buchbinder? + +Damis. Schweig, oder-- + +Anton. Oder zum Buchdrucker? Zu diesen dreien, Gott sei Dank! weiß +ich mich, wie das Färbepferd um die Rolle. + +Damis. Sieht denn der Schlingel nicht, daß ich lese? Will er mich +noch länger stören? + +Anton (beiseite). St! Er ist im Ernste böse geworden. Lenk ein, +Anton.--Aber, sagen Sie mir nur, was lesen Sie denn da für ein Buch? +Potz Stern, was das für Zeug ist! Das verstehen Sie? Solche +Krakelfüße, solche fürchterliche Zickzacke, die kann ein Mensch lesen? +Wann das nicht wenigstens Fausts Höllenzwang ist--Ach, man weiß es ja +wohl, wie's den Leuten geht, die alles lernen wollen. Endlich +verführt sie der böse Geist, daß sie auch hexen lernen.-- + +Damis (nimmt sein muntres Wesen wieder an). Du guter Anton! Das ist +ein Buch in hebräischer Sprache.--Des Ben Maimon Jad chasaka. + +Anton. Ja doch; wer's nur glauben wollte! Was Hebräisch ist, weiß +ich endlich auch. Ist es nicht mit der Grundsprache, mit der +Textsprache, mit der heiligen Sprache einerlei? Die warf unser Pfarr, +als ich noch in die Schule ging, mehr als einmal von der Kanzel. Aber +so ein Buch, wahrhaftig! hatte er nicht; ich habe alle seine Bücher +beguckt; ich mußte sie ihm einmal von einem Boden auf den andern +räumen helfen. + +Damis. Ha! ha! ha! das kann wohl sein. Es ist Wunders genug, wenn +ein Geistlicher auf dem Lande nur den Namen davon weiß. Zwar, im +Vertrauen, mein lieber Anton, die Geistlichen überhaupt sind schlechte +Helden in der Gelehrsamkeit. + +Anton. Nu, nu, bei allen trifft das wohl nicht ein. Der Magister in +meinem Dorfe wenigstens gehört unter die Ausnahme. Versichert! der +Schulmeister selber hat mir es mehr als einmal gesagt, daß er ein sehr +gelehrter Mann wäre. Und dem Schulmeister muß ich das glauben; denn +wie mir der Herr Pfarr oft gesagt hat, so ist er keiner von den +schlechten Schulmeistern; er versteht ein Wort Latein und kann davon +urteilen. + +Damis. Das ist lustig! Der Schulmeister also lobt den Pfarr, und der +Pfarr, nicht unerkenntlich zu sein, lobt den Schulmeister. Wenn mein +Vater zugegen wäre, so würde er gewiß sagen: Manus manum lavat. Hast +du ihm die alberne Gewohnheit nicht angemerkt, daß er bei aller +Gelegenheit ein lateinisches Sprüchelchen mit einflickt? Der alte +Idiote denkt, weil er so einen gelehrten Sohn hat, müsse er doch auch +zeigen, daß er einmal durch die Schule gelaufen sei. + +Anton. Hab ich's doch gedacht, daß es etwas Albernes sein müsse; denn +manchmal mitten in der Rede murmelt er etwas her, wovon ich kein Wort +verstehe. + +Damis. Doch schließe nur nicht daraus, daß alles albern sei, was du +nicht verstehst. Ich würde sonst viel albernes Zeug wissen.--Aber, o +himmlische Gelehrsamkeit, wieviel ist dir ein Sterblicher schuldig, +der dich besitzt! Und wie bejammernswürdig ist es, daß dich die +wenigsten in deinem Umfange kennen! Der Theolog glaubt dich bei einer +Menge heiliger Sprüche, fürchterlicher Erzählungen und einiger übel +angebrachten Figuren zu besitzen. Der Rechtsgelehrte bei einer +unseligen Geschicklichkeit, unbrauchbare Gesetze abgestorbner Staaten, +zum Nachteile der Billigkeit und Vernunft, zu verdrehen und die +fürchterlichsten Urtel in einer noch fürchterlichern Sprache +vorzutragen. Der Arzt endlich glaubt sich wirklich deiner bemächtiget +zu haben, wann er durch eine Legion barbarischer Wörter die Gesunden +krank und die Kranken noch kränker machen kann. Aber, o betrogene +Toren! die Wahrheit läßt euch nicht lange in diesem sie schimpfenden +Irrtume. Es kommen Gelegenheiten, wo ihr selbst erkennet, wie +mangelhaft euer Wissen sei; voll tollen Hochmuts beurteilet ihr +alsdann alle menschliche Erkenntnis nach der eurigen und ruft wohl gar +in einem Tone, welcher alle Sterbliche zu bejammern scheinet, aus: +Unser Wissen ist Stückwerk! Nein, glaube mir, mein lieber Anton: der +Mensch ist allerdings einer allgemeinen Erkenntnis fähig. Es leugnen, +heißt ein Bekenntnis seiner Faulheit oder seines mäßigen Genies +ablegen. Wenn ich erwäge, wieviel ich schon nach meinen wenigen +Jahren verstehe, so werde ich von dieser Wahrheit noch mehr überzeugt. +Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Englisch, +Italienisch--das sind sechs Sprachen, die ich alle vollkommen besitze: +und bin erst zwanzig Jahr alt! + +Anton. Sachte! Sie haben eine vergessen; die deutsche-- + +Damis. Es ist wahr, mein lieber Anton; das sind also sieben Sprachen; +und ich bin erst zwanzig Jahr alt! + +Anton. Pfui doch, Herr! Sie haben mich oder sich selbst zum besten. +Sie werden doch das, daß Sie Deutsch können, nicht zu Ihrer +Gelehrsamkeit rechnen? Es war ja mein Ernst nicht.-- + +Damis. Und also denkst du wohl selber Deutsch zu können? + +Anton. Ich? ich? nicht Deutsch! Es wäre ein verdammter Streich, wenn +ich Kalmuckisch redete und wüßte es nicht. + +Damis. Unter können und können ist ein Unterschied. Du kannst +Deutsch, das ist: du kannst deine Gedanken mit Tönen ausdrücken, die +einem Deutschen verständlich sind; das ist, die ebendie Gedanken in +ihm erwecken, die du bei dir hast. Du kannst aber nicht Deutsch, das +ist: du weißt nicht, was in dieser Sprache gemein oder niedrig, rauh +oder annehmlich, undeutlich oder verständlich, alt oder gebräuchlich +ist; du weißt ihre Regeln nicht; du hast keine gelehrte Kenntnis von +ihr. + +Anton. Was einem die Gelehrten nicht weismachen wollen! Wenn es nur +auf Ihr "das ist" ankäme, ich glaube, Sie stritten mir wohl gar noch +ab, daß ich essen könnte. + +Damis. Essen? Je nun wahrhaftig, wenn ich es genau nehmen will, so +kannst du es auch nicht. + +Anton. Ich? ich nicht essen? Und trinken wohl auch nicht? + +Damis. Du kannst essen, das ist: du kannst die Speisen zerschneiden, +in Mund stecken, kauen, herunterschlucken und so weiter. Du kannst +nicht essen, das ist: du weißt die mechanischen Gesetze nicht, nach +welchen es geschiehet; du weißt nicht, welches das Amt einer jeden +dabei tätigen Muskel ist; ob der Digastrikus oder der Masseter, ob der +Pterygoideus internus oder externus, ob der Zygomatikus oder der +Platysmamyodes, ob-- + +Anton. Ach ob, ob! Das einzige Ob, worauf ich sehe, ist das, ob mein +Magen etwas davon erhält und ob mir's bekömmt.--Aber wieder auf die +Sprache zu kommen. Glauben Sie wohl, daß ich eine verstehe, die Sie +nicht verstehen? + +Damis. Du, eine Sprache, die ich nicht verstünde? + +Anton. Ja; raten Sie einmal. + +Damis. Kannst du etwa Koptisch? + +Anton. Foptisch? Nein, das kann ich nicht. + +Damis. Chinesisch? Malabarisch? Ich wüßte nicht woher. + +Anton. Wie Sie herumraten. Haben Sie meinen Vetter nicht gesehn? Er +besuchte mich vor vierzehn Tagen. Der redete nichts als diese Sprache. + +Damis. Der Rabbi, der vor kurzen zu mir kam, war doch wohl nicht dein +Vetter? + +Anton. Daß ich nicht gar ein Jude wäre! Mein Vetter war ein Wende; +ich kann Wendisch; und das können Sie nicht. + +Damis (nachsinnend). Er hat recht.--Mein Bedienter soll eine Sprache +verstehen, die ich nicht verstehe? Und noch dazu eine Hauptsprache? +Ich erinnere mich, daß ihre Verwandtschaft mit der hebräischen sehr +groß sein soll. Wer weiß, wieviel Stammwörter, die in dieser verloren +sind, ich in jener entdecken könnte!--Das Ding fängt mir an, im Kopfe +herumzugehen! + +Anton. Sehen Sie!--Doch wissen Sie was? Wenn Sie mir meinen Lohn +verdoppeln, so sollen Sie bald so viel davon verstehen als ich selbst. +Wir wollen fleißig miteinander wendisch parlieren, und--Kurz, +überlegen Sie es. Ich vergesse über dem verdammten Plaudern meinen +Gang auf den Ratskeller ganz und gar. Ich bin gleich wieder zu Ihren +Diensten. + +Damis. Bleib itzt hier; bleib hier. + +Anton. Aber Ihr Herr Vater kömmt. Hören Sie? Wir könnten doch nicht +weiterreden. (Geht ab.) + +Damis. Wenn mich doch mein Vater ungestört lassen wollte. Glaubt er +denn, daß ich so ein Müßiggänger bin wie er? + + + + +Zweiter Auftritt + +Damis. Chrysander. + + +Chrysander. Immer über den verdammten Büchern! Mein Sohn, zuviel ist +zuviel. Das Vergnügen ist so nötig als die Arbeit. + +Damis. O Herr Vater, das Studieren ist mir Vergnügens genug. Wer +neben den Wissenschaften noch andere Ergötzungen sucht, muß die wahre +Süßigkeit derselben noch nicht geschmeckt haben. + +Chrysander. Das sage nicht! Ich habe in meiner Jugend auch studiert; +ich bin bis auf das Mark der Gelehrsamkeit gekommen. Aber daß ich +beständig über den Büchern gelegen hätte, das ist nicht wahr. Ich +ging spazieren; ich spielte; ich besuchte Gesellschaften; ich machte +Bekanntschaft mit Frauenzimmern. Was der Vater in der Jugend getan +hat, kann der Sohn auch tun; soll der Sohn auch tun. A bove majori +discat arare minor! wie wir Lateiner reden. Besonders das +Frauenzimmer laß dir, wie wir Lateiner reden, de meliori empfohlen +sein! Das sind Narren, die einen jungen Menschen vor das Frauenzimmer +ärger als vor Skorpionen warnen; die es ihm, wie wir Lateiner reden, +cautius sanguine viperino zu fliehen befehlen.-- + +Damis. Cautius sanguine viperino? Ja, das ist noch Latein! Aber wie +heißt die ganze Stelle? + +Cur timet flavum Tiberim tangere? cur olivum Sanguine viperino Cautius +vitat?-- + +Oh, ich höre schon, Herr Vater, Sie haben auch nicht aus der Quelle +geschöpft! Denn sonst würden Sie wissen, daß Horaz in ebender Ode die +Liebe als eine sehr nachteilige Leidenschaft beschreibt, und das +Frauenzimmer-- + +Chrysander. Horaz! Horaz! Horaz war ein Italiener und meinet das +italienische Frauenzimmer. Ja vor dem italienischen warne ich dich +auch! das ist gefährlich! Ich habe einen guten Freund, der in seiner +Jugend--Doch still! man muß kein Ärgernis geben.--Das deutsche +Frauenzimmer hingegen, o das deutsche! mit dem ist es ganz anders +beschaffen.--Ich würde der Mann nicht geworden sein, der ich doch bin, +wenn mich das Frauenzimmer nicht vollends zugestutzt hätte. Ich +dächte, man sähe mir's an. Du hast tote Bücher genug gelesen; guck +einmal in ein lebendiges! + +Damis. Ich erstaune-- + +Chrysander. O du wirst noch mehr erstaunen, wenn du erst tiefer +hineingehen wirst. Das Frauenzimmer, mußt du wissen, ist für einen +jungen Menschen eine neue Welt, wo man so viel anzugaffen, so viel zu +bewundern findet-- + +Damis. Hören Sie mich doch! Ich erstaune, will ich sagen, Sie eine +Sprache führen zu hören, in der wahrhaftig diejenigen Vorschriften +nicht ausgedruckt waren, die Sie mir mit auf die hohe Schule gaben. + +Chrysander. Quae, qualis, quanta! Jetzt und damals! Tempora +mutantur! wie wir Lateiner sagen. + +Damis. Tempora mutantur? Ich bitte Sie, legen Sie doch die +Vorurteile des Pöbels ab. Die Zeiten ändern sich nicht. Denn lassen +Sie uns einmal sehen: was ist die Zeit?-- + +Chrysander. Schweig! die Zeit ist ein Ding, das ich mir mit deinem +unnützen Geplaudre nicht will verderben lassen. Meine damaligen +Vorschriften waren nach dem damaligen Maße deiner Erfahrung und deines +Verstandes eingerichtet. Nun aber traue ich dir von beiden so viel zu, +daß du Ergötzlichkeiten nicht zu Beschäftigungen machen wirst. Aus +diesem Grunde rate ich dir also-- + +Damis. Ihre Reden haben einigen Schein der Wahrheit. Allein ich +dringe tiefer. Sie werden es gleich sehen. Der Status Controversiä +ist-- + +Chrysander. Ei, der Status Controversiä mag meinetwegen in Barbara +oder in Celarent sein. Ich bin nicht hergekommen mit dir zu +disputieren, sondern-- + +Damis. Die Kunstwörter des Disputierens zu lernen? Wohl! Sie müssen +also wissen, daß weder Barbara noch Celarent den Statum-- + +Chrysander. Ich möchte toll werden! Bleib Er mir, Herr Informator, +mit den Possen weg, oder-- + +Damis. Possen? diese seltsamen Benennungen sind zwar Überbleibsel der +scholastischen Philosophie, das ist wahr; aber doch solche +Überbleibsel-- + +Chrysander. Über die ich die Geduld verlieren werde, wann du mich +nicht bald anhörst. Ich komme in der ernsthaftesten Sache von der +Welt zu dir,--denn was ist ernsthafter als heiraten?--und du-- + +Damis. Heiraten? Des Heiratens wegen zu mir? zu mir? + +Chrysander. Ha! ha! Macht dich das aufmerksam? Also ausculta et +perpende! + +Damis. Ausculta et perpende? ausculta et perpende? Ein glücklicher +Einfall-- + +Chrysander. Oh, ich habe Einfälle-- + +Damis. Den ich da bekomme! + +Chrysander. Du? + +Damis. Ja, ich. Wissen Sie, wo sich dieses ausculta et perpende +herschreibt? Eben mache ich die Entdeckung; aus dem Homer. O was +finde ich nicht alles in meinem Homer? + +Chrysander. Du und dein Homer, ihr seid ein paar Narren! + +Damis. Ich und Homer? Homer und ich? wir beide? Hi! hi! hi! Gewiß, +Herr Vater? O ich danke, ich danke. Ich und Homer! Homer und ich! +--Aber hören Sie nur: sooft Homer--er war wirklich kein Narr, so wenig +wie ich--sooft er, sag ich, seine Helden den Soldaten zur Tapferkeit +ermuntern oder in dem Kriegsrate eine Beratschlagung anheben läßt; +sooft ist auch der Anfang ihrer Rede: Höret, was ich vortragen werde, +und überlegt es! Zum Exempel in der Odyssee: + +"Keklute dae nun meu, Ithakhsioi, oti ken eipo." [Greek] + +Und darauf folgt denn auch oft: + +"Oy eiath' oi d' ara tau mala men chluon, aed' epithonto," [Greek] + +das ist: so sprach er, und sie gehorchten dem, was sie gehöret hatten. + +Chrysander. Gehorchten sie ihm? Nu, das ist vernünftig! Homer mag +doch wohl kein Narr sein. Sieh zu, daß ich von dir auch widerrufen +kann. Denn wieder zur Sache: ich kenne, mein Sohn-- + +Damis. Einen kleinen Augenblick Geduld, Herr Vater. Ich will mich +nur hinsetzen und diese Anmerkung aufschreiben. + +Chrysander. Aufschreiben? was ist hier aufzuschreiben? Wem liegt +daran, ob das Sprüchelchen aus dem Homer oder aus dem Gesangbuche ist? + +Damis. Der gelehrten Welt liegt daran; meiner und Homers Ehre lieget +daran! Denn ein Halbhundert solche Anmerkungen machen einen +Philologen. Und sie ist neu, muß ich Ihnen sagen, sie ist ganz neu. + +Chrysander. So schreib sie ein andermal auf. + +Damis. Wenn sie mir aber wieder entfiele? Ich würde untröstlich sein. +Haben Sie wenigstens die Gütigkeit, mich wieder daran zu erinnern. + +Chrysander. Gut, das will ich tun; höre mir nur jetzt zu. Ich kenne, +mein Sohn, ein recht allerliebstes Frauenzimmer; und ich weiß, du +kennst es auch. Hättest du wohl Lust-- + +Damis. Ich soll ein Frauenzimmer, ein liebenswürdiges Frauenzimmer +kennen? Oh, Herr Vater, wenn das jemand hörte, was würde er von +meiner Gelehrsamkeit denken?--Ich ein liebenswürdiges Frauenzimmer?-- + +Chrysander. Nun wahrhaftig; ich glaube nicht, daß ein Gastwirt so +erschrecken kann, wenn man ihm schuld gibt, er kenne den oder jenen +Spitzbuben, als du erschrickst, weil du ein Frauenzimmer kennen sollst. +Ist denn das ein Schimpf? + +Damis. Wenigstens ist es keine Ehre, besonders für einen Gelehrten. +Mit wem man umgeht, dessen Sitten nimmt man nach und nach an. Jedes +Frauenzimmer ist eitel, hoffärtig, geschwätzig, zänkisch und +zeitlebens kindisch, es mag so alt werden, als es will. Jedes +Frauenzimmer weiß kaum, daß es eine Seele hat, um die es unendlich +mehr besorgt sein sollte als um den Körper. Sich ankleiden, +auskleiden und wieder anders ankleiden; vor dem Spiegel sitzen, seinen +eignen Reiz bewundern; auf ausgekünstelte Mienen sinnen; mit +neugierigen Augen müßig an dem Fenster liegen: unsinnige Romane lesen +und aufs höchste zum Zeitvertreibe die Nadel zur Hand nehmen: das sind +seine Beschäftigungen; das ist sein Leben. Und Sie glauben, daß ein +Gelehrter, ohne Nachteil seines guten Namens, solche närrische +Geschöpfe weiter als ihrer äußerlichen Gestalt nach kennen dürfe? + +Chrysander. Mensch, Mensch! deine Mutter kehrt sich im Grabe um. +Bedenke doch, daß sie auch ein Frauenzimmer war! Bedenke doch, daß +die Dinger von Natur nun einmal nicht anders sind! Obschon, wie wir +Lateiner zu reden pflegen, nulla regula sine exceptione. Und so eine +Exzeption ist sicherlich das Mädchen, das ich jetzt im Kopfe habe und +das du kennst.-- + +Damis. Nein, nein! ich schwöre es Ihnen zu; unsere Muhmen ausgenommen +und Julianen-- + +Chrysander. Und Julianen? bene!-- + +Damis. Und ihr Mädchen ausgenommen, kenne ich kein einziges Weibsbild. +Ja, der Himmel soll mich strafen, wenn ich mir jemals in den Sinn +kommen lasse, mehrere kennenzulernen! + +Chrysander. Je nun, auch das! wie du willst! Genug, Julianen, die +kennst du. + +Damis. Leider! + +Chrysander. Und eben Juliane ist es, über die ich deine Gedanken +vernehmen möchte.-- + +Damis. Über Julianen? meine Gedanken über Julianen? O Herr Vater, +wenn Sie noch meine Gedanken über Erinnen oder Korinnen, über +Telesillen oder Praxillen verlangten-- + +Chrysander. Schocktausend! was sind das für Illen? Den Augenblick +schwur er, er kenne kein Frauenzimmer, und nun nennt er ein halb +Dutzend Menscher.-- + +Damis. Menscher? Herr Vater! + +Chrysander. Ja, Herr Sohn, Menscher! Die Endung gibt's gewiß nicht? +Netrix, Lotrix, Meretrix.-- + +Damis. Himmel, Menscher! griechische berühmte Dichterinnen Menscher +zu nennen!-- + +Chrysander. Ja, ja, Dichterinnen! das sind mir eben die rechten. +Lotrix, Meretrix, Poetrix-- + +Damis. Poetrix? O wehe, meine Ohren! Poetria müßten Sie sagen: oder +Poetris-- + +Chrysander. Is oder ix, Herr Buchstabenkrämer! + + + + +Dritter Auftritt + +Chrysander. Damis. Lisette. + + +Lisette. Hurtig herunter in die Wohnstube, Herr Chrysander! Man will +Sie sprechen. + +Chrysander. Nun, was für ein Narr muß mich jetzo stören? Wer ist es +denn? + +Lisette. Soll ich alle Narren kennen? + +Chrysander. Was sagst du? Du hast ein unglückliches Maul, Lisette. +Einen ehrlichen Mann einen Narren zu schimpfen? Denn ein ehrlicher +Mann muß es doch sein; was wollte er sonst bei mir? + +Lisette. Nu, nu; verzeihen Sie immer meinem Maule den Fehler des +Ihrigen. + +Chrysander. Den Fehler des meinigen? + +Lisette. O gehen Sie doch! der ehrliche Mann wartet. + +Chrysander. Laß ihn warten. Habe ich doch den Narren nicht kommen +heißen.--Ich werde gleich wieder da sein, mein Sohn. + +Lisette (beiseite). Ich muß doch sehen, ob ich aus dem wunderlichen +Einfall meiner Jungfer etwas machen kann. + + + + +Vierter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Damis. Nun? geht Lisette nicht mit? + +Lisette. Ich bin Ihre gehorsamste Dienerin. Wenn Sie befehlen, so +werde ich gehorchen. Aber nur eines möchte ich erst wissen. Sagen +Sie mir, um des Himmels willen, wie können Sie beständig so allein +sein? Was machen Sie denn den ganzen Tag auf Ihrer Studierstube? +Werden Ihnen denn nicht alle Augenblicke zu Stunden? + +Damis. Ach, was nutzen die Fragen? Fort! fort! + +Lisette. Über den Büchern können Sie doch unmöglich die ganze Zeit +liegen. Die Bücher, die toten Gesellschafter! Nein, ich lobe mir das +Lebendige; und das ist auch Mamsell Julianens Geschmack. Zwar dann +und wann lesen wir auch; einen irrenden Ritter, eine Banise, und so +etwas Gutes; aber länger als eine Stunde halten wir es hintereinander +nicht aus. Ganze Tage damit zuzubringen wie Sie, hilf Himmel! in den +ersten dreien wären wir tot. Und vollends nicht ein Wort dabei zu +reden wie Sie; das wäre unsre Hölle. Ein Vorzug des ganzen männlichen +Geschlechts kann es nicht sein, weil ich Mannspersonen kenne, die so +flüchtig und noch flüchtiger sind als wir. Es müssen nur sehr wenig +große Geister diese besondere Gaben besitzen.-- + +Damis. Lisette spricht so albern eben nicht. Es ist schade, daß ein +so guter Mutterwitz nicht durch die Wissenschaften ausgebessert wird. + +Lisette. Sie machen mich schamrot. Bald dürfte ich mich dafür rächen +und Ihnen die Lobeserhebungen nacheinander erzählen, die Ihnen von der +gestrigen Gartengesellschaft gemacht wurden. Doch ich will Ihre +Bescheidenheit nicht beleidigen. Ich weiß, die Gelehrten halten auf +diese Tugend allzuviel. + +Damis. Meine Lobeserhebungen? meine? + +Lisette. Ja, ja, die Ihrigen. + +Damis. O besorge Sie nichts, meine liebe Lisette. Ich will sie als +die Lobeserhebungen eines andern betrachten, und so kann meine +Bescheidenheit zufrieden sein. Erzähle Sie mir sie nur. Bloß wegen +Ihrer lebhaften und ungekünstelten Art, sich auszudrücken, wünsche ich +sie zu hören. + +Lisette. O meine Art ist wohl keine von den besten. Es hat mir ein +Lehrmeister wie Sie gefehlt. Doch ich will Ihrem Befehle gehorchen. +Sie wissen doch wohl, wer die Herren waren, die gestern bei Ihrem +Herrn Vater im Garten schmauseten? + +Damis. Nein, wahrhaftig nicht. Weil ich nicht dabeisein wollte, so +habe ich mich auch nicht darum bekümmert. Hoffentlich aber werden es +Leute gewesen sein, die selbst lobenswürdig sind, daß man sich also +auf ihr Lob etwas einbilden kann. + +Lisette. Das sind sie so ziemlich. Was würde es Ihnen aber +verschlagen, wenn sie es auch nicht wären? Sie wollen ja Ihre +Lobeserhebungen aus Bescheidenheit als fremde betrachten. Und hängt +denn die Wahrheit von dem Munde desjenigen ab, der sie vorträgt? +Hören Sie nur-- + +Damis. Himmel! ich höre meinen Vater wiederkommen. Um Gottes willen, +liebe Lisette, daß er nicht merkt, daß Sie sich so lange bei mir +aufgehalten hat. Geh Sie hurtig unterdessen in das Kabinett. + + + + +Fünfter Auftritt + +Damis. Chrysander. + + +Chrysander. Der verzweifelte Valer! er hätte mir zu keiner +ungelegnern Zeit kommen können. Muß ihn denn der Henker eben heute +von Berlin zurückführen? Und muß er sich denn eben gleich bei mir +anmelden lassen? Hui daß--Nein, Herr Valer, damit kommen Sie zu spät. +--Nun mein Sohn--(Damis steht zerstreut, als in tiefen Gedanken.) +Hörst du, mein Sohn? + +Damis. Ich höre; ich höre alles. + +Chrysander. Kurz, du merkst doch, wo ich vorhin hinauswollte? Einem +Klugen sind drei Worte genug. Sapienti sat! sagen wir Lateiner. +--Antworte doch-- + +Damis (noch immer als in Gedanken). Was ist da zu antworten?-- + +Chrysander. Was da zu antworten ist?--Das will ich dir sagen. +--Antworte, daß du mich verstanden; daß dir mein Antrag lieb ist; daß +dir Juliane gefällt; daß du mir in allem gehorchen willst.--Nun, +antwortest du das?-- + +Damis. Ich will gleich sehn--(Indem er in der angenommenen +Zerstreuung nach einem Buche greift.) + +Chrysander. Was kann in dem Buche davon stehen?--Antworte aus dem +Herzen und nicht aus dem Buche.--Ex libro doctus quilibet esse potest; +sagen wir Lateiner.-- + +Damis (als ob er in dem Buche läse). Vollkommen recht! Aber nun wie +weiter?-- + +Chrysander. Das weitere gibt sich, wie 's Griechische. Du sagst ja; +sie sagt ja; damit wird Verlöbnis; und bald darauf wird Hochzeit; und +alsdenn--Du wirst schon sehen, wie's alsdenn weitergeht.-- + +Damis. Wenn nun aber diese Voraussetzung--(Immer noch als ob er läse.) + +Chrysander. Ei, ich setze nichts voraus, was im geringsten +zweifelhaft wäre. Juliane ist eine Waise; ich bin ihr Vormund; ich +bin dein Vater; was muß mir angelegner sein, als euch beide glücklich +zu machen? Ihr Vater war mein Freund und war ein ehrlicher Mann, +obgleich ein Narr. Er hätte einen honetten Bankerott machen können; +seine Gläubiger würden aufs Drittel mit sich haben akkordieren lassen; +und er war so einfältig und bezahlte bis auf den letzten Heller. Wie +ist mir denn? hast du ihn nicht gekannt? + +Damis. Von Person nicht. Aber seine Lebensumstände sind mir ganz +wohl bewußt. Ich habe sie, ich weiß nicht in welcher Biographie, +gelesen' + +Chrysander. Gelesen? gedruckt gelesen? + +Damis. Ja, ja; gelesen. Er ward gegen die Mitte des vorigen +Jahrhunderts geboren und ist, etwa vor zwanzig Jahren, als +Generalsuperintendent in Pommern gestorben. In orientalischen +Sprachen war seine vornehmste Stärke. Allein seine Bücher sind nicht +alle gleich gut. Dieses ist noch eines von den besten. Eine +besondere Gewohnheit soll der Mann an sich gehabt haben-- + +Chrysander. Von wem sprichst denn du? + +Damis. Sie fragen mich ja, ob mir der Verfasser dieses Buchs bekannt +wäre? + +Chrysander. Ich glaube, du träumest; oder es geht gar noch etwas +Ärgers in deinem Gehirne vor. Ich frage dich, ob du Julianens Vater +noch gekannt hast? + +Damis. Verzeihen Sie mir, wann ich ein wenig zerstreut geantwortet +habe! Ich dachte eben nach,--warum wohl die Rabbinen--das Schurek +M'lo Pum heißen. + +Chrysander. Mit dem verdammten Schurek! Gib doch auf das acht, was +der Vater mit dir spricht!--(Er nimmt ihm das Buch aus der Hand.) Du +hast ihn also nicht gekannt? Ich besinne mich; es ist auch nicht wohl +möglich. Als er starb, war Juliane noch sehr jung. Ich nahm sie +gleich nach seinem Tode in mein Haus, und Gott sei Dank! sie hat viel +Wohltaten hier genossen. Sie ist schön, sie ist tugendhaft; wem +sollte ich sie also lieber gönnen als dir? Was meinst du?--Antworte +doch! Stehst du nicht da, als wenn du schliefest!-- + +Damis. Ja, ja, Herr Vater. Nur eins ist noch dabei zu erwägen.-- + +Chrysander. Du hast recht; freilich ist noch eins dabei zu erwägen: +ob du dich nämlich geschickt befindest, bald ein öffentliches Amt +anzunehmen, weil doch-- + +Damis. Wie? geschickt? geschickt? Sie zweifeln also an meiner +Geschicklichkeit?--Wie unglücklich bin ich, daß ich Ihnen nicht +sogleich die unwidersprechlichsten Beweise geben kann! Doch es soll +noch diesen Abend geschehen. Glauben Sie mir, noch diesen Abend.--Die +verdammte Post! Ich weiß auch nicht, wo sie bleibt. + +Chrysander. Beruhige dich nur, mein Sohn. Die Frage geschahe eben +aus keinem Mißtrauen, sondern bloß weil ich glaube, es schicke sich +nicht, eher zu heiraten, als bis man ein Amt hat; so wie es sich, +sollte ich meinen, auch nicht wohl schickt, eher ein Amt anzunehmen, +als bis man weiß, woher man die Frau bekommen will. + +Damis. Ach, was heiraten? was Frau? Erlauben Sie mir, daß ich Sie +allein lasse. Ich muß ihn gleich wieder auf die Post schicken. Anton! +Anton! Doch es ist mit dem Schlingel nichts anzufangen; ich muß nur +selbst gehen. + + + + +Sechster Auftritt + +Anton. Chrysander. + + +Anton. Rufte mich nicht Herr Damis? Wo ist er? was soll ich? + +Chrysander. Ich weiß nicht, was ihm im Kopfe steckt. Er ruft dich; +er will dich auf die Post schicken; er besinnt sich, daß mit dir +Schlingel nichts anzufangen ist, und geht selber. Sage mir nur, +willst du zeitlebens ein Esel bleiben? + +Anton. Gemach, Herr Chrysander! ich nehme an den Torheiten Ihres +Sohnes keinen Teil. Mehr als zwölfmal habe ich ihm heute schon auf +die Post laufen müssen. Er verlangt Briefe von Berlin. Ist es meine +Schuld, daß sie nicht kommen? + +Chrysander. Der wunderliche Heilige! Du bist aber nun schon so lange +um ihn; solltest du nicht sein Gemüt, seine Art zu denken ein wenig +kennen? + +Anton. Ha! ha! das kömmt darauf hinaus, was wir Gelehrten die +Kenntnis der Gemüter nennen? Darin bin ich Meister; bei meiner Ehre! +Ich darf nur ein Wort mit einem reden; ich darf ihn nur ansehen: husch, +habe ich den ganzen Menschen weg! Ich weiß sogleich, ob er +vernünftig oder eigensinnig, ob er freigebig oder ein Knicker-- + +Chrysander. Ich glaube gar, du zeigst auf mich? + +Anton. O kehren Sie sich an meine Hände nicht!--Ob er-- + +Chrysander. Du sollst deine Kunst gleich zeigen! Ich habe meinem +Sohne eine Heirat vorgeschlagen: nun sage einmal, wenn du ihn kennst, +was wird er tun? + +Anton. Ihr Herr Sohn? Herr Damis? Verzeihen Sie mir, bei dem geht +meine Kunst, meine sonst so wohl versuchte Kunst, betteln. + +Chrysander. Nu, Schurke, so geh mit und prahle nicht! + +Anton. Die Gemütsart eines jungen Gelehrten kennen wollen und etwas +daraus schließen wollen, ist unmöglich; und was unmöglich ist, Herr +Chrysander--das ist unmöglich. + +Chrysander. Und wieso? + +Anton. Weil er gar keine hat. + +Chrysander. Gar keine? + +Anton. Nein, nicht gar keine; sondern alle Augenblicke eine andre. +Die Bücher und die Exempel, die er liest, sind die Winde, nach welchen +sich der Wetterhahn seiner Gedanken richtet. Nur bei dem Kapitel vom +Heiraten stehenzubleiben, weil das einmal auf dem Tapete ist, so +besinne ich mich, daß--Denn vor allen Dingen müssen Sie wissen, daß +Herr Damis nie etwas vor mir verborgen hat. Ich bin von jeher sein +Vertrauter gewesen und von jeher der, mit dem er sich immer am +liebsten abgegeben hat. Ganze Tage, ganze Nächte haben wir manchmal +auf der Universität miteinander disputiert. Und ich weiß nicht, er +muß doch so etwas an mir finden; etwa eine Eigenschaft, die er an +andern nicht findet-- + +Chrysander. Ich will dir sagen, was das für eine Eigenschaft ist: +deine Dummheit! Es ergötzt ihn, wenn er sieht, daß er gelehrter ist +als du. Bist du nun vollends ein Schalk und widersprichst ihm nicht +und lobst ihn ins Gesicht und bewunderst ihn-- + +Anton. Je verflucht! da verraten Sie mir ja meine ganze Politik! Wie +schlau ein alter Kaufmann nicht ist! + +Chrysander. Aber vergiß das Hauptwerk nicht! Vom Heiraten-- + +Anton. Ja darüber hat er schon Teufelsgrillen im Kopfe gehabt. Zum +Exempel: ich weiß die Zeit, da er gar nicht heiraten wollte. + +Chrysander. Gar nicht? so muß ich noch heiraten. Ich werde doch +meinen Namen nicht untergehen lassen? Der Bösewicht! Aber warum denn +nicht? + +Anton. Darum: weil es einmal Gelehrte gegeben hat, die geglaubt haben, +der ehelose Stand sei für einen Gelehrten der schicklichste. Gott +weiß, ob diese Herren allzu geistlich oder allzu fleischlich sind +gesinnt gewesen! Als ein künftiger Hagestolz hatte er sich schon auf +verschiedene sinnreiche Entschuldigungen gefaßt gemacht.-- + +Chrysander. Auf Entschuldigungen? kann sich so ein ruchloser Mensch, +der dieses heilige Sakrament--Denn im Vorbeigehen zu sagen, ich bin +mit unsern Theologen gar nicht zufrieden, daß sie den Ehestand für +kein Sakrament wollen gelten lassen--der, sage ich, dieses heilige +Sakrament verachtet, kann der sich noch unterstehen, seine +Gottlosigkeit zu entschuldigen? Aber, Kerl, ich glaube, du machst mir +etwas weis; denn nur vorhin schien er ja meinen Vorschlag zu billigen. + +Anton. Das ist unmöglich richtig zugegangen. Wie stellte er sich +dabei an? Lassen Sie sehen; stand er etwa da, als wenn er vor den +Kopf geschlagen wäre? sahe er etwa steif auf die Erde? legte er etwa +die Hand an die Stirne? griff er etwa nach einem Buche, als wenn er +darin lesen wollte? ließ er Sie etwa ungestört fortreden? + +Chrysander. Getroffen! du malst ihn, als ob du ihn gesehen hättest. + +Anton. O da sieht es windig aus! Wann er es so macht, will er haben, +daß man ihn für zerstreut halten soll. Ich kenne seine Mucken. Er +hört alsdenn alles, was man ihm sagt; allein die Leute sollen glauben, +er habe es vor vielem Nachsinnen nicht gehört. Er antwortet zuweilen +auch; wenn man ihm aber seine Antwort wieder vorlegt, so wird er +nimmermehr zugestehen, daß sie auf das gegangen sei, was man von ihm +hat wissen wollen. + +Chrysander. Nun, wer noch nicht gestehen will, daß zu viel +Gelehrsamkeit den Kopf verwirre, der verdient es selber zu erfahren. +Gott sei Dank, daß ich in meiner Jugend gleich das rechte Maß zu +treffen wußte! Omne nimium vertitur in vitulum: sagen wir Lateiner +sehr spaßhaft.--Aber Gott sei dem Bösewichte gnädig, wann er auf dem +Vorsatze verharret! Wann er behauptet, es sei nicht nötig, zu +heiraten und Kinder zu zeugen, will er mir damit nicht zu verstehn +geben, es sei auch nicht nötig gewesen, daß ich ihn gezeugt habe? Der +undankbare Sohn! + +Anton. Es ist wahr, kein größter Undank kann unter der Sonne sein, +als wenn ein Sohn die viele Mühe nicht erkennen will, die sein Vater +hat über sich nehmen müssen, um ihn in die Welt zu setzen. + +Chrysander. Nein; gewiß, an mir soll der heilige Ehestand seinen +Verteidiger finden! + +Anton. Der Wille ist gut; aber lauter solche Verteidiger würden die +Konsumtionsakzise ziemlich geringe machen. + +Chrysander. Wieso? + +Anton. Bedenken Sie es selbst! drei Weiber, und von der dritten kaum +einen Sohn. + +Chrysander. Kaum? was willst du mit dem, kaum‘ sagen, Schlingel? + +Anton. Hui, daß Sie etwas Schlimmers darunter verstehn als ich. + +Chrysander. Zwar im Vertrauen, Anton: wenn die Weiber vor zwanzig +Jahren so gewesen wären, wie die Weiber jetzo sind, ich würde auf +wunderbare Gedanken geraten. Er hat gar zu wenig von mir! Doch die +Weiber vor zwanzig Jahren waren so frech noch nicht wie die jetzigen; +so treulos noch nicht, wie sie heutzutage sind; so lüstern noch nicht-- + +Anton. Ist das gewiß? Nun wahrhaftig, so hat man meiner Mutter +unrecht getan, die vor 33 Jahren von ihrem Manne, der mein Vater nicht +sein wollte, geschieden wurde! Doch das ist ein Punkt, woran ich +nicht gern denke. Die Grillen Ihres Herrn Sohns sind lustiger. + +Chrysander. Ärgerlicher, sprich! Aber sage mir, was waren denn +seine Entschuldigungen? + +Anton. Seine Entschuldigungen waren Einfälle, die auf seinem Miste +nicht gewachsen waren. Er sagte zum Exempel, solange er unter vierzig +Jahren sei und ihn jemand um die Ursache fragen würde, warum er nicht +heirate, wolle er antworten, er sei zum Heiraten noch zu jung. Wäre +er aber über vierzig Jahr, so wolle er sprechen, nunmehr sei er zum +Heiraten zu alt. Ich weiß nicht, wie der Gelehrte hieß, der auch so +soll gesagt haben.--Ein anderer Vorwand war der: er heiratete deswegen +nicht, weil er alle Tage willens wäre, ein Mönch zu werden; und würde +deswegen kein Mönch, weil er alle Tage gedächte zu heiraten. + +Chrysander. Was? nun will er auch gar ein Mönch werden? Da sieht man, +wohin so ein böses Gemüt, das keine Ehrfurcht für den heiligen +Ehestand hat, verfallen kann! Das hätte ich nimmermehr in meinem +Sohne gesucht! + +Anton. Sorgen Sie nicht! bei Ihrem Sohne ist alles nur ein Übergang. +Er hatte den Einfall in der Lebensbeschreibung eines Gelehrten gelesen; +er hatte Geschmack daran gefunden und sogleich beschlossen, ihn bei +Gelegenheit als den seinen anzubringen. Bald aber ward die Grille von +einer andern verjagt, so wie etwann, so wie etwann--Schade, daß ich +kein Gleichnis dazu finden kann! Kurz, sie ward verjagt. Er wollte +nunmehr heiraten, und zwar einen rechten Teufel von einer Frau. + +Chrysander. Wenn doch den Einfall mehr Narren haben wollten, damit +andre ehrliche Männer mit bösen Weibern verschont blieben. + +Anton. Ja, meinte er: es würde doch hübsch klingen, wenn es einmal +von ihm heißen könnte: unter die Zahl der Gelehrten, welche der Himmel +mit bösen Weibern gestraft hat, gehöret auch der berühmte Damis; +gleichwohl kann sich die gelehrte Welt nicht über ihn beklagen, daß +ihn dieses Hauskreuz nur im geringsten abgehalten hätte, ihr mit +unzählbaren gelehrten Schriften zu dienen. + +Chrysander. Mit Schriften! ja, die mir am teuersten zu stehen kommen. +Was für Rechnungen habe ich nicht schon an die Buchdrucker bezahlen +müssen! Der Bösewicht! + +Anton. Geduld! er hat auch erst angefangen zu schreiben! Es wird +schon besser kommen. + +Chrysander. Besser? vielleicht damit man ihn endlich einmal auch +unter die zählen kann, die ihren Vater arm geschrieben haben! + +Anton. Warum nicht? wenn es ihm Ehre brächte-- + +Chrysander. Die verdammte Ehre! + +Anton. Um die tut ein junger Gelehrter alles! Wann es auch nach +seinem Tode heißen sollte: unter diejenigen Gelehrten, die zum Teufel +gefahren sind, gehört auch der berühmte Damis! was schadet das? Genug, +er heißt gelehrt; er heißt berühmt-- + +Chrysander. Kerl, du erschreckst mich! Aber du, der du weit älter +bist als er, kannst du ihn nicht dann und wann zurechte weisen?-- + +Anton. Oh, Herr Chrysander! Sie wissen wohl, daß ich keinen Gehalt +als Hofmeister bekomme. Und dazu meine Dummheit-- + +Chrysander. Ja, die du annimmst, um ihn desto dümmer zu machen. + +Anton (beiseite). St! der kennt mich.--Aber glauben Sie, daß ihm mit +der bösen Frau ein Ernst war? Nichts weniger! Eine Stunde darauf +wollte er sich eine gelehrte Frau aussuchen. + +Chrysander. Nun, das wäre doch noch etwas Kluges! + +Anton. Etwas Kluges? Nach meiner unvorgreiflichen Meinung ist es +gleich der dümmste Einfall, den er hat haben können. Eine gelehrte +Frau! bedenken Sie doch! eine gelehrte Frau; eine Frau wie Ihr Herr +Sohn! Zittern und Entsetzen möchte einem ehrlichen Kerl ankommen. +Wahrhaftig! ehe ich mir eine Gelehrte aufhängen ließ'-- + +Chrysander. Narre, Narre! sie gehen unter andern Leuten, als du bist, +reißend weg. Wann ihrer nur viel wären, wer weiß, ob ich mir nicht +selbst eine wählte. + +Anton. Kennen Sie Karlinen? + +Chrysander. Karlinen? Nein. + +Anton. Meinen ehemaligen Kameraden? meinen guten Freund? kennen Sie +den nicht? + +Chrysander. Nein doch, nein. + +Anton. Er trug ein hechtgraues Kleid mit roten Aufschlägen und auf +seiner Sonntagsmontur rote und blaue Achselbänder. Sie müssen ihn bei +mir gesehen haben. Er hatte eine etwas lange Nase. Sie war ein +Erbstück; denn er wollte aus der Geschichte wissen, daß schon sein +Ururältervater, der ehedem einem gewissen Turnier als Stallknecht +beigewohnt, eine ebenso lange gehabt habe. Sein einziger Fehler war, +daß er etwas krumme Beine hatte. Besinnen Sie sich nun? + +Chrysander. Soll ich denn alle das Lumpengesindel kennen, das du +kennst? Und was willst du denn mit ihm? + +Anton. Sie kennen ihn also im Ernste nicht? Oh! da kennen Sie einen +sehr großen Geist weniger. Ich will Sie zu seiner Bekanntschaft +verhelfen; ich gelte etwas bei ihm. + +Chrysander. Ich glaube, du schwärmst manchmal so gut als mein Sohn. +Wie kömmst du denn auf die Possen? + +Anton. Eben der Karlin, will ich sagen--Oh! es ist ärgerlich, daß Sie +ihn nicht kennen.--Eben der Karlin, sage ich, hat einmal bei einem +Herrn gedient, der eine gelehrte Frau hatte. Der verzweifelte +Vogel--er sah gut aus, und wie nun der Appetit sich nach dem Stande +nicht richtet--kurz, er mußte sie näher gekannt haben. Wo hätte er +sonst so viel Verstand her? Endlich merkte es auch sein Herr, daß er +bei der Frau in die Schule ging. Er bekam seinen Abschied, ehe er +sich's versah. Die arme Frau! + +Chrysander. Ach schweig! ich mag weder deine noch meines Sohnes +Grillen länger mit anhören. + +Anton. Noch eine hören Sie; und zwar die, welche zuletzt seine +Leibgrille ward: er wollte mehr als eine Frau heiraten. + +Chrysander. Aber eine nach der andern. + +Anton. Nein, wenigstens ein halb Dutzend auf einmal. Der Bibel, der +Obrigkeit und dem Gebrauche zum Trutze! Er las damals gleich ein +Buch-- + +Chrysander. Die verdammten Bücher! Kurz, ich will nicht weiter hören. +Es soll ihm schon vergehen, mehr als eine zu nehmen, wenn er nur +erst die genommen hat, die ich jetzt für ihn im Kopfe habe. Und was +meinest du wohl, Anton? quid putas? wie wir Lateiner reden; wird er's +tun? + +Anton. Vielleicht; vielleicht nicht. Wenn ich wüßte, was er für ein +Buch zuletzt gelesen hätte, und wenn ich dieses Buch selbst lesen +könnte, und wenn-- + +Chrysander. Ich sehe schon, ich werde deine Hilfe nötig haben. Du +bist zwar ein Gauner, aber ich weiß auch, man kömmt jetzt mit +Betrügern weiter als mit ehrlichen Leuten. + +Anton. Ei, Herr Chrysander, für was halten Sie mich? + +Chrysander. Ohne Komplimente, Herr Anton! ich verspreche dir eine +Belohnung, die deinen Verdiensten gemäß sein soll, wenn du meinen Sohn +quovis modo, wie wir Lateiner reden, durch Wahrheiten oder durch Lügen, +durch Ernst oder durch Schraubereien, vel sic vel aliter, wie wir +Lateiner reden, Julianen zu heiraten bereden kannst. + +Anton. Wen? Julianen? + +Chrysander. Julianen; illam ipsam. + +Anton. Unsere Mamsell Juliane? Ihr Mündel? Ihre Pflegetochter? + +Chrysander. Kennst du eine andre? + +Anton. Das ist unmöglich, oder das, was ich von ihr gehört habe, muß +nicht wahr sein. + +Chrysander. Gehört? so? hast du etwas von ihr gehört? doch wohl +nichts Böses. + +Anton. Nichts Gutes war es freilich nicht. + +Chrysander. Ei! ich habe auf das Mädchen so große Stücken gehalten. +Sie wird doch nicht etwa mit einem jungen Kerl--he? + +Anton. Wann es nichts mehr wäre! so ein klein Fehlerchen entschuldigt +die Mode. Aber, es ist noch etwas weit Ärgers für eine gute Jungfer, +die gerne nicht länger Jungfer sein möchte. + +Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? ich versteh dich nicht. + +Anton. Und Sie sind gleichwohl ein Kaufmann? + +Chrysander. Noch etwas weit Ärgers? Ich habe immer geglaubt, +Eingezogenheit und gute Sitten wären das Vornehmste-- + +Anton. Nicht mehr! nicht mehr! vor zwanzig Jahren wohl, wie Sie +vorher selbst weislich erinnerten. + +Chrysander. Nun so erkläre dich deutlicher. Ich habe nicht Lust, +deine närrischen Gedanken zu erraten. + +Anton. Und nichts ist doch leichter. Mit einem Worte: sie soll kein +Geld haben. Man hat mir gesagt, in Ansehung ihres Vaters, der Ihr +guter Freund gewesen wäre, hätten Sie Julianen, von ihrem neunten +Jahre an, zu sich genommen und aus Barmherzigkeit erzogen. + +Chrysander. Da hat man dir nun wohl keine Lügen gesagt; gleichwohl +aber soll sie doch kein andrer haben als mein Sohn, wann nur er--Denn +sieh, Anton, ich muß dir das ganze Rätsel erklären.--Es liegt nur an +mir, Julianen in kurzer Zeit reich zu machen. + +Anton. Ja, durch Ihr eigen Geld; und auf diese Art könnten Sie auch +mich wohl reich machen. Wollen Sie so gut sein? + +Chrysander. Nein, nicht durch mein eigen Geld.--Kannst du schweigen? + +Anton. Versuchen Sie es. + +Chrysander. Höre also; mit Julianens Vermögen steht es so: ihr Vater +kam durch einen Prozeß, den er endlich doch mußte liegenlassen, kurz +vor seinem Tode um alle das Seine. Jetzt nun ist mir ein gewisses +Dokument in die Hände gefallen, das er lange vergebens suchte und das +dem ganzen Handel ein ander Ansehen gibt. Es kömmt nur darauf an, daß +ich so viel Geld hergebe, den Prozeß wieder anzufangen. Das Dokument +selbst habe ich bereits an meinen Advokaten nach Dresden geschickt.-- + +Anton. Gott sei Dank! daß Sie wieder zum Kaufmanne werden! Vorhin +hätte ich bald nicht gewußt, was ich aus Ihnen machen sollte.--Aber +Julianens Einwilligung haben Sie doch schon? + +Chrysander. Oh! das gute Kind will mir, wie es spricht, in allem +gehorchen. Unterdessen hat sich doch schon Valer auf sie gespitzt. +Er hat mir vor einiger Zeit auch seine Gedanken deshalb eröffnet. Ehe +ich das Dokument bekam-- + +Anton. Ja, da war uns an Julianen so viel nicht gelegen. Sie machten +ihm also Hoffnung? + +Chrysander. Freilich! Er ist heute von Berlin wieder zurückgekommen +und hat sich auch schon bei mir melden lassen. Ich besorge, ich +besorge--Doch wenn mein Sohn nur will--Und diesen, Anton, du +verstehest mich--Ein Narr ist auf viel Seiten zu fassen; und ein Mann +wie du kann auf viel Seiten fassen.--Du wirst sehen, daß ich +erkenntlich bin. + +Anton. Und Sie, daß ich ganz zu Ihren Diensten bin, zumal wenn mich +die Erkenntlichkeit zuerst herausfordert und-- + + + + +Siebenter Auftritt + +Anton. Chrysander. Juliane. + + +Juliane. Kommen Sie doch, Herr Chrysander, kommen Sie doch hurtig +herunter. Herr Valer ist schon da, Ihnen seine Aufwartung zu machen. + +Chrysander. Tut Sie doch ganz fröhlich, mein Jungferchen! + +Anton (sachte zu Chrysandern). Hui! daß Valer schon den Vogel +gefangen hat. + +Chrysander. Das wäre mir gelegen. + + +(Anton und Chrysander gehen ab.) + + + + +Achter Auftritt + +Juliane. Lisette. + + +Lisette (guckt aus dem Kabinett). Bst! bst! bst! + +Juliane. Nun, wem gilt das? Lisette? bist du's? Was machst du denn +hier? + +Lisette. Ja, das werden Sie wohl nimmermehr glauben, daß ich und +Damis schon so weit miteinander gekommen sind, daß er mich verstecken +muß. Schon kann ich ihn um einen Finger wickeln! Noch eine +Unterredung wie vorhin, so habe ich ihn im Sacke. + +Juliane. Und also hätte ich wohl, in allem Scherze, einen recht guten +Einfall gehabt? Wollte doch der Himmel, daß die Verbindung, die sein +Vater zwischen uns-- + +Lisette. Ach, sein Vater! der Schalk, der Geizhals! Jetzt habe ich +ihn kennenlernen. + +Juliane. Was gibst du ihm für Titel? Seine Gütigkeit ist nur gar zu +groß. Seine Wohltaten vollkommen zu machen, trägt er mir die Hand +seines Sohnes und mit ihr sein ganzes Vermögen an. Aber wie +unglücklich bin ich dabei!--Dankbarkeit und Liebe, Liebe gegen den +Valer, und Dankbarkeit-- + +Lisette. Noch vor einer Minute, war ich in ebendem Irrtume. Aber +glauben Sie mir nur, ich weiß es nunmehr aus seinem Munde: nicht aus +Freundschaft für Sie, sondern aus Freundschaft für Ihr Vermögen will +er diese Verbindung treffen. + +Juliane. Für mein Vermögen? du schwärmst. Was habe ich denn, das ich +nicht von ihm hätte? + +Lisette. Kommen Sie, kommen Sie. Hier ist der Ort nicht, viel zu +schwatzen. Ich will Ihnen alles erzählen, was ich gehört habe. + + + + +Zweiter Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Lisette. Valer. Juliane. + + +Lisette (noch innerhalb der Szene). Nur hier herein; Herr Damis ist +ausgegangen. Sie können hier schon ein Wörtchen miteinander im +Vertrauen reden. + +Juliane. Ja, Valer, mein Entschluß ist gefaßt. Ich bin ihm zu viel +schuldig; er hat durch seine Wohltaten das größte Recht über mich +erhalten. Es koste mir, was es wolle; ich muß die Heirat eingehen, +weil es Chrysander verlangt. Oder soll ich etwa die Dankbarkeit der +Liebe aufopfern? Sie sind selbst tugendhaft, Valer, und Ihr Umgang +hat mich edler denken gelehrt. Mich Ihrer wert zu zeigen, muß ich +meine Pflicht, auch mit dem Verluste meines Glückes, erfüllen. + +Lisette. Eine wunderbare Moral! wahrhaftig! + +Valer. Aber wo bleiben Versprechung, Schwur, Treue? Ist es erlaubt, +um eine eingebildete Pflicht zu erfüllen, einer andern, die uns +wirklich verbindet, entgegen zu handeln? + +Juliane. Ach, Valer, Sie wissen es besser, was zu solchen +Versprechungen gehört. Mißbrauchen Sie meine Schwäche nicht. Die +Einwilligung meines Vaters war nicht dabei. + +Valer. Was für eines Vaters?-- + +Juliane. Desjenigen, dem ich für seine Wohltaten diese Benennung +schuldig bin. Oder halten Sie es für keine Wohltaten, der Armut und +allen ihren unseligen Folgen entrissen zu werden? Ach, Valer, ich +würde Ihr Herz nicht besitzen, hätte nicht Chrysanders Sorgfalt mich +zur Tugend und Anständigkeit bilden lassen. + +Valer. Wohltaten hören auf, Wohltaten zu sein, wenn man sucht, sich +für sie bezahlt zu machen. Und was tut Chrysander anders, da er Sie, +allzu gewissenhafte Juliane, nur deswegen mit seinem Sohne verbinden +will, weil er ein Mittel sieht, Ihnen wieder zu dem größten Teile +Ihres väterlichen Vermögens zu verhelfen? + +Juliane. Fußen Sie doch auf eine so wunderbare Nachricht nicht. Wer +weiß, was Lisette gehört hat? + +Lisette. Nichts, als was sich vollkommen mit seiner übrigen +Aufführung reimt. Ein Mann, der seine Wohltaten schon ausposaunet, +der sie einem jeden auf den Fingern vorzurechnen weiß, sucht etwas +mehr als das bloße Gotteslohn. Und wäre es etwa die erste Träne, die +Ihnen aus Verdruß, von einem so eigennützig freigebigen Manne +abzuhängen, entfahren ist? + +Valer. Lisette hat recht!--Aber ich empfinde es leider; Juliane liebt +mich nicht mehr. + +Juliane. Sie liebt Sie nicht mehr? Dieser Verdacht fehlte noch, +ihren Kummer vollkommen zu machen. Wann Sie wüßten, wieviel es ihr, +gegen die Ratschläge der Liebe taub zu sein, koste; wann Sie wüßten, +Valer--ach, die mißtrauischen Mannspersonen! + +Valer. Legen Sie die Furcht eines Liebhabers, dessen ganzes Glück auf +dem Spiele steht, nicht falsch aus. Sie lieben mich also noch? und +wollen sich einem andern überlassen? + +Juliane. Ich will? Könnten Sie mich empfindlicher martern? Ich +will?--Sagen Sie: ich muß. + +Valer. Sie müssen?--Noch ist nie ein Herz gezwungen worden als +dasjenige, dem es lieb ist, den Zwang zu seiner Entschuldigung machen +zu können-- + +Juliane. Ihre Vorwürfe sind so fein, so fein! daß ich Sie vor Verdruß +verlassen werde. + +Valer. Bleiben Sie, Juliane; und sagen Sie mir wenigstens, was ich +dabei tun soll? + +Juliane. Was ich tue; dem Schicksale nachgeben. + +Valer. Ach, lassen Sie das unschuldige Schicksal aus dem Spiele! + +Juliane. Das unschuldige? und ich werde also wohl die Schuldige sein? +Halten Sie mich nicht länger-- + +Lisette. Wann ich mich nun nicht bald dazwischenlege, so werden sie +sich vor lauter Liebe zanken.--Was Sie tun sollen, Herr Valer? eine +große Frage! Himmel und Hölle rege machen, damit die gute Jungfer +nicht muß! Den Vater auf andre Gedanken bringen; den Sohn auf Ihre +Seite ziehen.--Mit dem Sohne zwar hat es gute Wege; den überlassen Sie +nur mir. Der gute Damis! Ich bin ohne Zweifel das erste Mädchen, das +ihm schmeichelt, und hoffe dadurch auch das erste zu werden, das von +ihm geschmeichelt wird. Wahrhaftig; er ist so eitel, und ich bin so +geschickt, daß ich mich wohl noch zu seiner Frau an ihm loben wollte, +wenn der verzweifelte Vater nicht wäre!--Sehen Sie, Herr Valer, der +Einfall ist von Mamsell Julianen! Erfinden Sie nun eine Schlinge für +den Vater-- + +Juliane. Was sagst du, Lisette? von mir? O Valer, glauben Sie solch +rasendes Zeug nicht! Habe ich dir etwas anders befohlen, als ihm +einen schlechten Begriff von mir beizubringen? + +Lisette. Ja, recht; einen schlechten von Ihnen--und wenn es möglich +wäre, einen desto bessern von mir. + +Juliane. Nein, es ist mit euch nicht auszuhalten-- + +Valer. Erklären Sie wenigstens, liebste Juliane-- + +Juliane. Erklären? und was? Vielleicht, daß ich Ihnen in die Arme +rennen will und wann ich auch alle Tugenden beleidigen sollte? daß ich +mich mit einer Begierde, mit einem Eifer die Ihrige zu werden bemühen +will, die mich in Ihren Augen notwendig einmal verächtlich machen +müssen? Nein, Valer-- + +Lisette. Hören Sie denn nicht, daß sie uns gern freie Hand lassen +will? Sie macht es wie die schöne Aspasia--oder wie hieß die +Prinzessin in dem dicken Romane? Zwei Ritter machten auf sie Anspruch. +Schlagt euch miteinander, sagte die schöne Aspasia; wer den andern +überwindet, soll mich haben. Gleichwohl aber war sie dem Ritter in +der blauen Rüstung günstiger als dem andern-- + +Juliane. Ach, die Närrin, mit ihrem blauen Ritter--(Reißt sich los +und geht ab.) + + + + +Zweiter Auftritt + +Lisette. Valer. + + +Lisette. Ha! ha! ha! + +Valer. Mir ist nicht lächerlich, Lisette. + +Lisette. Nicht? Ha! ha! ha! + +Valer. Ich glaube, du lachst mich aus. + +Lisette. Oh, so lachen Sie mit! Oder ich muß noch einmal darüber +lachen, daß Sie nicht lachen wollen. Ha! ha! ha! + +Valer. Ich möchte verzweifeln! In der Ungewißheit, ob sie mich noch +liebt-- + +Lisette. Ungewißheit? Sind denn alle Mannspersonen so schwer zu +überreden? Werden sie denn alle zu solchen ängstlichen Zweiflern, +sobald sie die Liebe ein wenig erhitzt? Lassen Sie Ihre Grillen +fahren, Herr Valer, oder ich lache aufs neue. Spannen Sie vielmehr +Ihren Verstand an, etwas auszusinnen, um den alten Chrysander-- + +Valer. Chrysander traut mir nicht und kann mir nicht trauen. Er +kennt meine Neigung zu Julianen. Alle mein Zureden würde umsonst sein; +er würde den Eigennutz, die Quelle davon, gar bald entdecken. Und +wenn ich auch eine völlige Anwerbung tun wollte; was würde es helfen? +Er ist deutsch genug, mir gerade ins Gesicht zu sagen, daß ich seinem +Sohne hier nachstehen müsse, welcher wegen der Wohltaten des Vaters +das größte Recht auf Julianen habe.--Was soll ich also anfangen? + +Lisette. Mit den wunderlichen Leuten, die nur überall den ebenen Weg +gehen wollen! Hören Sie, was mir eingefallen ist. Das Dokument, oder +wie der Quark heißt, ist das einzige, was Chrysandern zu dieser Heirat +Lust macht, so daß er es schon an seinen Advokaten geschickt hat. Wie +wenn man von diesem Advokaten einen Brief unterschieben könnte, in +welchem--in welchem-- + +Valer. In welchem er ihm die Gültigkeit des Dokuments verdächtig +macht; willst du sagen? Der Einfall ist so unrecht nicht! Aber--wenn +ihm nun einmal der Advokate ganz das Gegenteil schreibt, so ist ja +unser Betrug am Tage. + +Lisette. Was für ein Einwurf! Freilich müssen Sie ihn stimmen. Es +ist von jeher gebräuchlich gewesen, daß es sich ein Liebhaber etwas +muß kosten lassen. + +Valer. Wenn nun aber der Advokat ehrlich ist? + +Lisette. Tun Sie doch, als ob Sie seit vier Wochen erst in der Welt +wären. Wie die Geschenke so ist der Advokat. Kommen gar keine, so +ist der niederträchtigste Betrüger der redlichste Mann. Kommen welche, +aber nur kleine, so hält das Gewissen noch so ziemlich das +Gleichgewicht. Es steigen alsdenn wohl Versuchungen bei ihm auf; +allein die kleinste Betrachtung schlägt sie wieder nieder. Kommen +aber nur recht ansehnliche, so ist gar bald der ehrlichste Advokat +nicht mehr der ehrlichste. Er legt die Ehrlichkeit mit den +geschenkten Goldstücken in den Schatz, wo jene eher zu rosten anfängt +als diese. Ich kenne die Herren! + +Valer. Dein Urteil ist zu allgemein. Nicht alle Personen von +einerlei Stande sind auf einerlei Art gesinnet. Ich kenne +verschiedene alte rechtschaffene Sachwalter-- + +Lisette. Was wollen Sie mit Ihren alten? Es ist eben, als wenn Sie +sagten, die großen runden Aufschläge, die kleinen spitzen Knöpfe, die +erschrecklichen Halskrausen, aus welchen man Schiffssegel machen +könnte, die viereckigten breiten Schuhe, die tiefen Taschen, kurz, die +ganze Tracht, wie sich etwa Ihre Paten an Ehrentagen mögen +ausstaffiert haben, wären noch jetzt Mode, weil man noch manchmal hier +und da einige gebückte zitternde Männerchen über die Gassen so +schleichen sieht. Lassen Sie nur noch die und Ihr paar alte +rechtschaffene Advokaten sterben; die Mode und die Redlichkeit werden +einen Weg nehmen. + +Valer. Man hört doch gleich, wenn das Frauenzimmer am beredtesten ist! + +Lisette. Sie meinen etwa, wenn es ans Lästern geht? O wahrhaftig! +des bloßen Lästerns wegen habe ich so viel nicht geplaudert. Meine +vornehmste Absicht war, Ihnen beizubringen, wieviel überall das Geld +tun könne und was für ein vortreffliches Spiel ein Liebhaber in den +Händen hat, wenn er gegen alle freigebig ist, gegen die Gebieterin, +gegen den Advokaten und--Dero Dienerin. (Sie macht eine Verbeugung.) + +Valer. Verlaß dich auf meine Erkenntlichkeit. Ich verspreche dir +eine recht ansehnliche Ausstattung, wenn wir glücklich sind-- + +Lisette. Ei, wie fein! Eine Ausstattung? Sie hoffen doch wohl nicht, +daß ich übrigbleiben werde? + +Valer. Wann du das befürchtest, so verspreche ich dir den Mann darzu. +--Doch komm nur; Juliane wird ohne Zweifel auf uns warten. Wir wollen +gemeinschaftlich unsre Sachen weiter überlegen. + +Lisette. Gehen Sie nur voran; ich muß noch hier verziehen, um meinem +jungen Gelehrten-- + +Valer. Er wird vielleicht schon unten bei dem Vater sein. + +Lisette. Wir müssen uns alleine sprechen. Gehen Sie nur! Sie haben +ihn doch wohl noch nicht gesprochen? + +Valer. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich es ganz und gar +überhoben sein könnte! Seinetwegen würde ich dieses Haus fliehen, +ärger als ein Tollhaus, wenn nicht ein angenehmerer Gegenstand-- + +Lisette. So gehen Sie doch, und lassen Sie den angenehmern Gegenstand +nicht länger auf sich warten. + +(Valer geht ab.) + + + + +Dritter Auftritt + +Anton. Lisette. + + +Anton. Nu? was will die! in meines Herrn Studierstube? Jetzt ging +Valer heraus; vor einer Weile Juliane; und du bist noch da? Ich +glaube gar, ihr habt eure Zusammenkünfte hier. Warte, Lisette! das +will ich meinem Herrn sagen. Ich will mich schon rächen; noch für das +Gestrige; besinnst du dich? + +Lisette. Ich glaube, du keifst? Was willst du mit deinem Gestrigen? + +Anton. Eine Maulschelle vergißt sich wohl bei dem leicht, der sie +gibt, aber der, dem die Zähne davon gewackelt haben, der denkt eine +Zeitlang daran. Warte nur! warte! + +Lisette. Wer heißt dich, mich küssen? + +Anton. Potz Stern, wie gemein würden die Maulschellen sein; wenn alle +die welche bekommen sollten, die euch küssen wollen.--Jetzt soll dich +mein Herr dafür wacker-- + +Lisette. Dein Herr? der wird mir nicht viel tun. + +Anton. Nicht? Wievielmal hat er es nicht gesagt, daß so ein heiliger +Ort, als eine Studierstube ist, von euch unreinen Geschöpfen nicht +müsse entheiliget werden? Der Gott der Gelehrsamkeit--warte, wie +nennt er ihn?--Apollo--könne kein Weibsbild leiden. Schon der Geruch +davon wäre ihm zuwider. Er fliehe davor wie der Stößer vor den Tauben. +--Und du denkst, mein Herr würde es so mit ansehen, daß du ihm den +lieben Gott von der Stube treibest? + +Lisette. Ich glaube gar, du Narre denkst, der liebe Gott sei nur bei +euch Mannspersonen? Schweig, oder-- + +Anton. Ja, so eine wie gestern vielleicht? + +Lisette. Noch eine beßre! der Pinsel hätte gestern mehr als eine +verdient. Er kömmt zu mir; es ist finster; er will mich küssen; ich +stoße ihn zurück, er kömmt wieder; ich schlage ihn aufs Maul, es tut +ihm weh; er läßt nach; er schimpft; er geht fort--Ich möchte dir +gleich noch eine geben, wenn ich daran gedenke. + +Anton. Ich hätte es also wohl abwarten sollen, wie oft du deine +Karesse hättest wiederholen wollen? + +Lisette. Gesetzt, es wären noch einige gefolgt, so würden sie doch +immer schwächer und schwächer geworden sein. Vielleicht hätten sich +die letztern gar--doch so ein dummer Teufel verdient nichts. + +Anton. Was hör ich? ist das dein Ernst, Lisette? Bald hätte ich Lust, +die Maulschelle zu vergessen und mich wieder mit dir zu vertragen. + +Lisette. Halte es, wie du willst. Was ist mir jetzt an deiner Gunst +gelegen? Ich habe ganz ein ander Wildbret auf der Spur. + +Anton. Ein anders? au weh, Lisette! Das war wieder eine Ohrfeige, +die ich so bald nicht vergessen werde! Ein anders? Ich dächte, du +hättest an einem genug, das dir selbst ins Netz gelaufen ist. + +Lisette. Und drum eben ist nichts dran.--Aber sage mir, wo bleibt +dein Herr? + +Anton. Danke du Gott, daß er so lange bleibt; und mache, daß du hier +fortkömmst. Wann er dich trifft, so bist du in Gefahr, +herausgeprügelt zu werden. + +Lisette. Dafür laß mich sorgen! Wo ist er denn? ist er von der Post +noch nicht wieder zurück? + +Anton. Woher weißt du denn, daß er auf die Post gegangen ist? + +Lisette. Genug, ich weiß es. Er wollte dich erst schicken. Aber wie +kam es denn, daß er selbst ging? Ha! ha! ha! "Es ist mit dem +Schlingel nichts anzufangen." Wahrhaftig, das Lob macht mich ganz +verliebt in dich. + +Anton. Wer Henker muß dir das gesagt haben? + +Lisette. O niemand; sage mir nur, ist er wieder da? + +Anton. Schon längst; unten ist er bei seinem Vater. + +Lisette. Und was machen sie miteinander? + +Anton. Was sie machen? sie zanken sich. + +Lisette. Der Sohn will gewiß den Vater von seiner Geschicklichkeit +überführen? + +Anton. Ohne Zweifel muß es so etwas sein. Damis ist ganz außer sich: +er läßt den Alten kein Wort aufbringen: er rechnet ihm tausend Bücher +her, die er gesehen; tausend, die er gelesen hat; andere tausend, die +er schreiben will, und hundert kleine Bücherchen, die er schon +geschrieben hat. Bald nennt er ein Dutzend Professores, die ihm sein +Lob schriftlich, mit untergedrucktem Siegel, nicht umsonst, gegeben +hätten; bald ein Dutzend Zeitungsschreiber, die eine vortreffliche +Posaune für einen jungen Gelehrten sind, wenn man ein silbernes +Mundstück darauf steckt; bald ein Dutzend Journalisten, die ihn alle +zu ihrem Mitarbeiter flehentlich erbeten haben. Der Vater sieht ganz +erstaunt; er ist um die Gesundheit seines Sohnes besorgt; er ruft +einmal über das andre: Sohn, erhitze dich doch nicht so! schone deine +Lunge! ja doch, ich glaub es! gib dich zufrieden! es war so nicht +gemeint! + +Lisette. Und Damis?-- + +Anton. Und Damis läßt nicht nach. Endlich greift sich der Vater an; +er überschreit ihn mit Gewalt und besänftiget ihn mit einer Menge +solcher Lobsprüche, die in der Welt niemand verdient hat, verdient, +noch verdienen wird. Nun wird der Sohn wieder vernünftig, und nun--ja +nun schreiten sie zu einem andern Punkte, zu einer andern Sache,--zu-- + +Lisette. Wozu denn? + +Anton. Gott sei Dank, mein Maul kann schweigen! + +Lisette. Du willst mir es nicht sagen? + +Anton. Nimmermehr! ich bin zwar sonst ein schlechter Kerl; aber wenn +es auf die Verschwiegenheit ankömmt-- + +Lisette. Lerne ich dich so kennen? + +Anton. Ich dächte, das sollte dir lieb sein, daß ich schweigen kann; +und besonders von Heiratssachen oder was dem anhängig ist-- + +Lisette. Weißt du nichts mehr? O das habe ich längst gewußt. + +Anton. Wie schön sie mich über den Tölpel stoßen will. Also wäre es +ja nicht nötig, daß ich dir es sagte?-- + +Lisette. Freilich nicht! aber mich für dein schelmisches Mißtrauen zu +rächen, weiß ich schon, was ich tun will. Du sollst es gewiß nicht +mehr wagen, gegen ein Mädchen von meiner Profession verschwiegen zu +sein! Besinnst du dich, wie du von deinem Herrn vor kurzem gesprochen +hast? + +Anton. Besinnen? ein Mann, der in Geschäften sitzt, der einen Tag +lang so viel zu reden hat wie ich, soll sich der auf allen Bettel +besinnen? + +Lisette. Seinen Herrn verleumden, ist etwas mehr, sollte ich meinen. + +Anton. Was? verleumden? + +Lisette. Ha, ha! Herr Mann, der in Geschäften sitzt, besinnen Sie +sich nun? Was haben Sie vorhin gegen seinen Vater von ihm geredt? + +Anton. Das Mädel muß den Teufel haben, oder der verzweifelten Alte +hat geplaudert. Aber höre, Lisette, weißt du es gewiß, was ich gesagt +habe? Was war es denn? Laß einmal hören. + +Lisette. Du sollst alles hören, wenn ich es deinem Herrn erzählen +werde. + +Anton. O wahrhaftig, ich glaube, du machst Ernst daraus. Du wirst +mir doch meinen Kredit bei meinem Herrn nicht verderben wollen? Wenn +du wirklich etwas weißt, so sei keine Närrin!--Daß ihr Weibsvolk doch +niemals Spaß versteht! Ich habe dir eine Ohrfeige vergeben, und du +willst dich, einer kleinen Neckerei wegen, rächen? Ich will dir ja +alles sagen. + +Lisette. Nun so sage-- + +Anton. Aber du sagst doch nichts?-- + +Lisette. Je mehr du sagen wirst, je weniger werde ich sagen. + +Anton. Was wird es sonst viel sein, als daß der Vater dem Sohne +nochmals die Heirat mit Julianen vorschlug? Damis schien ganz +aufmerksam zu sein, und--weiter kann ich dir nichts sagen. + +Lisette. Weiter nichts? Gut, gut, dein Herr soll alles erfahren. + +Anton. Um des Himmels willen, Lisette; ich will dir es nur gestehn. + +Lisette. Nun so gesteh! + +Anton. Ich will dir es nur gestehen, daß ich wahrhaftig nichts mehr +gehört habe. Ich wurde eben weggeschickt. Nun weißt du wohl, wenn +man nicht zugegen ist, so kann man nicht viel hören-- + +Lisette. Das versteht sich. Aber was meinst du, wird Damis sich dazu +entschlossen haben? + +Anton. Wenn er sich noch nicht dazu entschlossen hat, so will ich +mein Äußerstes anwenden, daß er es noch tut. Ich soll für meine Mühe +bezahlt werden, Lisette; und du weißt wohl, wenn ich bezahlt werde, +daß alsdenn auch du-- + +Lisette. Ja, ja, auch ich verspreche dir's; du sollst redlich bezahlt +werden!--Unterstehe dich!-- + +Anton. Wie? + +Lisette. Habe einmal das Herz!-- + +Anton. Was? + +Lisette. Dummkopf! meine Jungfer will deinen Damis nicht haben-- + +Anton. Was tut das?-- + +Lisette. Folglich ist mein Wille, daß er sie auch nicht bekommen soll. + +Anton. Folglich, wenn sie mein Herr wird haben wollen, so wird mein +Wille sein müssen, daß er sie bekommen soll. + +Lisette. Höre doch! du willst mein Mann werden und einen Willen für +dich haben? Bürschchen, das laß dir nicht einkommen! Dein Wille muß +mein Wille sein, oder-- + +Anton. St! potz Element! er kömmt; hörst du? er kömmt! Nun sieh ja, +wo der Zimmermann das Loch gelassen hat. Verstecke dich wenigstens; +verstecke dich! Er bringt sonst mich und dich um. + +Lisette (beiseite). Halt, ich will beide betrügen!--Wo denn aber hin? +wohin? in das Kabinett? + +Anton. Ja, ja, nur unterdessen hinein. Vielleicht geht er bald +wieder fort.--Und ich, ich will mich geschwind hieher setzen--(Er +setzt sich an den Tisch, nimmt ein Buch in die Hand und tut, als ob er +den Damis nicht gewahr würde.) + + + + +Vierter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten--wie glücklich sind die Leute +nicht!--Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, daß er mich nicht auch +auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muß es für eine Lust +sein, wenn man alles in der Welt weiß, so wie mein Herr!--Potz Stern, +die Bücher alle zu verstehn!--Wenn man nur darunter sitzt, man mag +darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch!--Ich +fühl's, wahrhaftig ich fühl's, der Verstand duftet mir recht daraus +entgegen.--Gewiß, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts +als eine Bestie.--Ich dumme Bestie!--(Beiseite.) Nun, wie lange wird +er mich noch schimpfen lassen?--Wir sind doch närrisch gepaaret, ich +und mein Herr!--Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten +nichts nach.--Ich will auch noch heute anfangen zu lesen.--Wenn ich +ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch +ein ganzer Kerl werden.--Nur frisch angefangen! Da sind Bücher genug! +--Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muß man sich nicht +übernehmen.--Ha! da finde ich ein allerliebstes Büchelchen.--In so +einem muß es sich mit Lust studieren lassen.--Nur frisch angefangen, +Anton!--Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne?--Wahrhaftig, +es wäre eine Schande für meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so +abscheulich gelehrten Herrn, wenn er länger einen so dummen Bedienten +haben sollte-- + +Damis (indem er sich ihm vollends nähert). Ja freilich wäre es eine +Schande für ihn. + +Anton. Hilf Himmel! mein Herr-- + +Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehört-- + +Anton. Sie haben alles gehört?--ich bitte tausendmal um Verzeihung, +wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe.--Ich war so eingenommen, so +eingenommen von der Schönheit der Gelehrsamkeit--verzeihen Sie mir +meinen dummen Streich--, daß ich selbst noch gelehrt werden wollte. + +Damis. Schimpfe doch nicht selbst den klügsten Einfall, den du +zeitlebens gehabt hast. + +Anton. Vor zwanzig Jahren möchte er klug genug gewesen sein. + +Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt. +Wir können in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich +gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben. + +Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoß +werfen.--Aber in welcher Stadt sind die Leute? + +Damis. In welcher Stadt? + +Anton. Ja; ich muß hin, sie kennenzulernen. Sie müssen mir sagen, +wie sie es angefangen haben.-- + +Damis. Was willst du mit der Stadt? + +Anton. Sie denken etwa, ich weiß nicht, was eine Republik +ist?--Sachsen, zum Exempel--Und eine Republik hat ja mehr wie eine +Stadt? nicht? + +Damis. Was für ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten. +Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein +Gelehrter, wie ich bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit: +er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß-- + +Anton. Aber sie muß doch wo liegen, die Republik der Gelehrten. + +Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist überall. + +Anton. Überall? und also ist sie mit der Republik der Narren an +einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch überall. + +Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und +die Ungelehrten überall untermengt, und zwar so, daß die letztern +immer den größten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen. +Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben? +Einige davon wissen nichts, und wissen es, daß sie nichts wissen. +Unter diese gehörst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und +deswegen sind sie noch die erträglichsten. Andre wissen nichts und +wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit für +glücklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit-- + +Anton. Das Eulengeschlecht! + +Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen; +sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein +haben, als hätten sie etwas gelernt. Und diese sind die +allerunerträglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch +mein Vater gehört. + +Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater, +nicht zu einem Erznarren machen? + +Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht, +insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen +betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an +sich reißen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es +ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie ärgerlich er mir ist, wenn er, +als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte +Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und höchstens das letzte +für das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen +Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muß, so +prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater +sein, oder nicht. + +Anton. Schade! ewig schade! daß ich das insofern und in Absicht nicht +als ein Junge gewußt habe. Mein Vater hätte mir gewiß nicht so viel +Prügel umsonst geben sollen. Er hätte sie alle richtig wiederbekommen; +nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich +zuerst geschlagen hätte. Es lebe die Gelehrsamkeit!-- + +Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natürlichen +Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten kömmt. Ich muß +doch den Hobbes nachsehen!--Geduld! daraus will ich gewiß eine schöne +Schrift machen! + +Anton. Um zu beweisen, daß man seinen Vater wiederprügeln dürfe?-- + +Damis. Certo respectu allerdings. Nur muß man sich wohl in acht +nehmen, daß man, wenn man ihn schlägt, nicht den Vater, sondern den +Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst-- + +Anton. Aggressor? Was ist das für ein Ding? + +Damis. So heißt der, welcher ausschlägt-- + +Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr, +stieße wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem +Buckel durch eine Tracht Schläge empfindlich machte: so wären Sie--wie +heißt es?--der Aggressor; und ich, ich würde berechtiget sein, mich +über den Aggressor zu erbarmen, und ihm-- + +Damis. Kerl, du bist toll!-- + +Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu +richten wissen, daß der Herr unterdessen beiseite geschafft würde-- + +Damis. Nun wahrhaftig, das wäre ein merkwürdiges Exempel, in was für +verderbliche Irrtümer man verfallen kann, wenn man nicht weiß, aus +welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die +Prügel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehören nicht in +das Recht der Natur, sondern in das bürgerliche Recht. Wenn sich ein +Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen +Grundsatz merke dir. + +Anton. Aus dem bürgerlichen Rechte ist er? O das muß ein garstiges +Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte +Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Prügeln verhelfen als dafür +schützen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle +ihre wächserne Nasen so gut verstünde als Sie--O Herr Damis, erbarmen +Sie sich meiner Dummheit! + +Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es +erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten +gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen +Lehren unterstützen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir, +dich in die gelehrte Welt selbst einzuführen und mit einem besondern +Werke dich ihr anzukündigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit, +etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder +auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal berühmt. +--Doch laß einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu +versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Händen? + +Anton. Es war ein ganz kleines-- + +Damis. Welches denn?-- + +Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Rücken +und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da! + +Damis. Das hattest du? das? + +Anton. Ja, das! + +Damis. Das? + +Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so hübsch klein war-- + +Damis. Ich hätte dir selbst kein beßres vorschlagen können. + +Anton. Das dacht' ich wohl, daß es ein schön Buch sein müsse. Würde +es wohl sonst einen so schönen Rock haben? + +Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es +selbst geschrieben. Siehst du?--Auctore Damide! + +Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehört, daß man die +leiblichen Kinder besser in Kleidung hält als die Stiefkinder. Das +zeugt von der väterlichen Liebe. + +Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst übertroffen. +Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus. + +Anton. Aus Ihrem eignen Buche? + +Damis. Wundert dich das?--Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst: +mein Gott, das arme Mädchen! Sie wird doch nicht noch in dem +Kabinette stecken (Er geht darauf los.) + +Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin? + +Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen? + +Anton. Nun bin ich verloren!--Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich +lebe, sie ist nicht drinne. + +Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort? + +Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen. +Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne-- + + + + +Fünfter Auftritt + +Lisette. Damis. Anton. + + +Lisette. Allerdings ist sie noch drinne-- + +Anton. O das Rabenaas! + +Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette! +das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen +wäre, hätte Sie immer wieder herausgehen können. + +Lisette. Ich wußte doch nicht, ob ich recht täte. Ich wollte also +lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder +hervorkommen hieß-- + +Anton. Zum Henker, von was für einem Verstecken reden die? (Sachte +zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon +einmal versteckt? Nun weiß ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige +auslegen soll. Du Falsche! + +Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, daß ich zuvor bei dir gewesen +bin, oder--du weißt schon-- + +Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht +hören? + +Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloß, er solle heruntergehen, +daß, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen könnte, +ich sei ausgegangen. Juliane ist mißtrauisch; sie suchte mich doch +wohl hier, wenn sie mich brauchte. + +Damis. Das ist vernünftig. Gleich, Anton, geh! + +Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette? + +Lisette. Freilich; fort, laß uns allein. + +Damis. Wirst du bald gehen? + +Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr +Geplaudre werden überdrüssig sein, und das wird gar bald geschehen, +wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht +dabei bin? + +Lisette. Warte, ich will dein Lästermaul-- + +Damis. Laß dich unbekümmert! Wann sie mir beschwerlich fällt, wird +sie schon selbst so vernünftig sein und gehen. + +Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube! +Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden. + +Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeißen müssen? + +Anton. Das wäre mir gelegen.--Die verdammten Mädel! auch bei dem +Teufel können sie sich einschmeicheln. (Geht ab.) + + + + +Sechster Auftritt + +Lisette. Damis + + +Damis. Und wo blieben wir denn vorhin? + +Lisette. Wo blieben wir? bei dem, was ich allezeit am liebsten höre +und wovon ich allezeit am liebsten rede, bei Ihrem Lobe. Wenn es nur +nicht eine so gar kitzliche Sache wäre, einen ins Gesicht zu loben! +--Ich kann Ihnen unmöglich die Marter antun. + +Damis. Aber ich beteure Ihr nochmals, Lisette: es ist mir nicht um +mein Lob zu tun! Ich möchte nur gern hören, auf was für verschiedene +Art verschiedene Personen einerlei Gegenstand betrachtet haben. + +Lisette. Jeder lobte dasjenige an Ihnen, was er an sich +Lobenswürdiges zu finden glaubte. Zum Exempel, der kleine dicke Mann +mit der ernsthaften Miene, der so selten lacht, der aber, wenn er +einmal zu lachen anfängt, mit dem erschütterten Bauche den ganzen +Tisch über den Haufen wirft-- + +Damis. Und wer ist das? Aus Ihrer Beschreibung, Lisette, kann ich es +nicht erraten--O es ist mit den Beschreibungen eine kitzliche Sache! +Es gehört nicht wenig dazu, sie so einzurichten, daß man, gleich bei +dem ersten Anblicke, das Beschriebene erkennen kann. Über nichts +aber muß ich mehr lachen, als wenn ich bei diesem und jenem großen +Philosophen, wahrhaftig bei Männern, die schon einer ganzen Sekte +ihren Namen gegeben haben, öfters Beschreibungen anstatt Erklärungen +antreffe. Das macht, die guten Herren haben mehr Einbildungskraft als +Beurteilung. Bei der Erklärung muß der Verstand in das Innere der +Dinge eindringen; bei der Beschreibung aber darf man bloß auf die +äußerlichen Merkmale, auf das-- + +Lisette. Wir kommen von unsrer Sache, Herr Damis. Ihr Lob-- + +Damis. Jawohl; fahr Sie nur fort, Lisette. Von wem wollte Sie vorhin +reden? + +Lisette. Je, sollten Sie denn den kleinen Mann nicht kennen? Er +bläset immer die Backen auf-- + +Damis. Sie meint vielleicht den alten Ratsherrn? + +Lisette. Ganz recht, aber seinen Namen-- + +Damis. Was liegt an dem?-- + +Lisette. "Ja, Herr Chrysander", sagte also der Ratsherr, an dessen +Namen nichts gelegen ist, "Ihr Herr Sohn kann einmal der beste +Ratsherr von der Welt werden, wenn er sich nur darauf applizieren will." +Es gehört ein aufgeweckter Geist dazu; den hat er: eine fixe Zunge; +die hat er: eine tiefe Einsicht in die Staatskunst; die hat er: eine +Geschicklichkeit, seine Gedanken zierlich auf das Papier zu bringen; +die hat er: eine verschlagne Aufmerksamkeit auf die geringsten +Bewegungen unruhiger Bürger; die hat er: und wenn er sie nicht hat--o +die Übung--die Übung! Ich weiß ja, wie mir es anfangs ging. Freilich +kann man die Geschicklichkeit zu einem so schweren Amte nicht gleich +mit auf die Welt bringen-- + +Damis. Der Narr! es ist zwar wahr, daß ich alle diese +Geschicklichkeiten besitze; allein mit der Hälfte derselben könnte ich +Geheimter Rat werden, und nicht bloß-- + + + + +Siebenter Auftritt + +Anton. Lisette. Damis. + + +Damis. Nun, was willst du schon wieder? + +Anton. Mamsell Juliane weiß es nun, daß Lisette ausgegangen ist. +Fürchten Sie sich nur nicht; sie wird uns nicht überraschen-- + +Damis. Wer hieß dich denn wiederkommen? + +Anton. Sollte ich wohl meinen Herrn allein lassen? Und dazu, es +überfiel mich auf einmal so eine Angst, so eine Bangigkeit; die Ohren +fingen mir an zu klingen und besonders das linke--Lisette! Lisette! + +Lisette. Was willst du denn? + +Anton (sachte zu Lisetten). Was habt ihr denn beide allein gemacht? +Was gilt's, es ging auf meine Unkosten! + +Lisette. O pack dich--Ich weiß nicht, was der Narre will. + +Damis. Fort, Anton! es ist die höchste Zeit; du mußt wieder auf die +Post sehen. Ich weiß auch gar nicht, wo sie so lange bleibt.--Wird's +bald? + +Anton. Lisette, komm mit! + +Damis. Was soll denn Lisette mit? + +Anton. Und was soll sie denn bei Ihnen? + +Damis. Unwissender! + +Anton. Ja freilich ist es mein Unglück, daß ich es nicht weiß. +(Sachte zu Lisetten.) Rede nur wenigstens ein wenig laut, damit ich +höre, was unter euch vorgeht--Ich werde horchen--(Gehet ab.) + + + + +Achter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Lisette. Lassen Sie uns ein wenig sachte reden. Sie wissen wohl, man +ist vor dem Horcher nicht sicher. + +Damis. Jawohl; fahr Sie also nur sachte fort. + +Lisette. Sie kennen doch wohl des Herrn Chrysanders Beichtvater? + +Damis. Beichtvater? soll ich denn alle solche Handwerksgelehrte +kennen? + +Lisette. Wenigstens schien er Sie sehr wohl zu kennen. "Ein guter +Prediger", fiel er der dicken Rechtsgelehrsamkeit ins Wort, "sollte +Herr Damis gewiß auch werden. Eine schöne Statur; eine starke +deutliche Stimme; ein gutes Gedächtnis; ein feiner Vortrag; eine +anständige Dreistigkeit; ein reifer Verstand, der über seine Meinungen +türkenmäßig zu halten weiß: alle diese Eigenschaften glaube ich, in +einem ziemlich hohen Grade, bei ihm bemerkt zu haben. Nur um einen +Punkt ist mir bange. Ich fürchte, ich fürchte, er ist auch ein wenig +von der Freigeisterei angesteckt."--"Ei, was Freigeisterei?" schrie +der schon halb trunkene Medikus. "Die Freigeister sind brave Leute! +Wird er deswegen keinen Kranken kurieren können? Wenn es nach mir +geht, so muß er ein Medikus werden. Griechisch kann er, und +Griechisch ist die halbe Medizin. (Indem sie allmählich wieder lauter +spricht.) Freilich das Herz, das dazu gehört, kann sich niemand geben. +Doch das kömmt von sich selbst, wenn man erst eine Weile praktiziert +hat."--"Nu", fiel ihm ein alter Kaufmann in die Rede, "so muß es mit +den Herrn Medizinern wohl sein wie mit den Scharfrichtern. Wenn die +zum ersten Male köpfen, so zittern und beben sie; je öfter sie aber +den Versuch wiederholen, desto frischer geht es."--Und auf diesen +Einfall ward eine ganze Viertelstunde gelacht; in einem fort, in einem +fort; sogar das Trinken ward darüber vergessen. + + + + +Neunter Auftritt + +Lisette. Damis. Anton. + + +Anton. Herr, die Post wird heute vor neun Uhr nicht kommen. Ich habe +gefragt; Sie können sieh darauf verlassen. + +Damis. Mußt du uns aber denn schon wieder stören, Idiote? + +Anton. Es soll mir recht lieb sein, wann ich Sie nur noch zur rechten +Zeit gestört habe. + +Damis. Was willst du mit deiner rechten Zeit? + +Anton. Ich will mich gegen Lisetten schon deutlicher erklären. Darf +ich ihr etwas ins Ohr sagen? + +Lisette. Was wirst du mir ins Ohr zu sagen haben? + +Anton. Nur ein Wort. (Sachte.) Du denkst, ich habe nicht gehorcht? +Sagtest du nicht: du hättest nicht Herz genug dazu? doch wenn du nur +erst das Ding eine Weile würdest praktizierst haben--O ich habe alles +gehört--Kurz, wir sind geschiedne Leute! Du Unverschämte, Garstige-- + +Lisette. Sage nur, was du willst? + +Damis. Gleich, geh mir wieder aus den Augen! Und komme mir nicht +wieder vors Gesicht, bis ich dich rufen werde oder bis du mir Briefe +von Berlin bringst!--Ich kann sie kaum erwarten. So macht es die +übermäßige Freude! Zwar sollte ich Hoffnung sagen, weil jene nur auf +das Gegenwärtige und diese auf das Zukünftige geht. Doch hier ist das +Zukünftige schon so gewiß als das Gegenwärtige. Ich brauche die +Sprache der Propheten, die ihrer Sachen doch unmöglich so gewiß sein +konnten.--Die ganze Akademie müßte blind sein.--Nun, was stehst du +noch da? Wirst du gehen? + + + + +Zehnter Auftritt + +Lisette. Damis. + + +Lisette. Da sehen Sie! so lobten Sie die Leute. + +Damis. Ah, wann die Leute nicht besser loben können, so möchten sie +es nur gar bleiben lassen. Ich will mich nicht rühmen, aber doch so +viel kann ich mir ohne Hochmut zutrauen: ich will meiner Braut die +Wahl lassen, ob sie lieber einen Doktor der Gottesgelahrtheit oder der +Rechte oder der Arzneikunst zu ihrem Manne haben will. In allen drei +Fakultäten habe ich disputiert; in allen dreien habe ich-- + +Lisette. Sie sprechen von einer Braut? heiraten Sie denn wirklich? + +Damis. Hat Sie denn auch schon davon gehört, Lisette? + +Lisette. Kömmt denn wohl ohn' unsereiner irgend in einem Hause eine +Heirat zustande? Aber eingebildet hätte ich mir es nimmermehr, daß +Sie sich für Julianen entschließen würden! für Julianen! + +Damis. Größtenteils tue ich es dem Vater zu Gefallen, der auf die +außerordentlichste Weise deswegen in mich dringt. Ich weiß wohl, daß +Juliane meiner nicht wert ist. Allein soll ich einer solchen +Kleinigkeit wegen, als eine Heirat ist, den Vater vor den Kopf stoßen? +Und dazu habe ich sonst einen Einfall, der mir ganz wohl lassen wird. + +Lisette. Freilich ist Juliane Ihrer nicht wert; und wenn nur alle +Leute die gute Mamsell so kennten als ich-- + + + + +Eilfter Auftritt + +Anton. Damis. Lisette. + + +Anton (vor sich). Ich kann die Leute unmöglich so alleine lassen. +--Herr Valer fragt, ob Sie in Ihrer Stube sind? Sind Sie noch da, +Herr Damis? + +Damis. Sage mir nur, Unwissender, hast du dir es denn heute recht +vorgesetzt, mir beschwerlich zu fallen? + +Lisette. So lassen Sie ihn nur da, Herr Damis. Er bleibt doch nicht +weg-- + +Anton. Ja, jetzt soll ich dableiben; jetzt, da es schon vielleicht +vorbei ist, was ich nicht hören und sehen sollte. + +Damis. Was soll denn vorbei sein? + +Anton. Das werden Sie wohl wissen. + +Lisette (sachte). Jetzt, Anton, hilf mir, Julianen bei deinem Herrn +recht schwarz machen. Willst du? + +Anton. Ei ja doch! zum Danke vielleicht-- + +Lisette. So schweig wenigstens.--Notwendig, Herr Damis, müssen Sie +mit Julianen übel fahren. Ich bedaure Sie im voraus. Der ganze +Erdboden trägt kein ärgeres Frauenzimmer-- + +Anton. Glauben Sie es nicht, Herr Damis; Juliane ist ein recht gut +Kind. Sie können mit keiner in der Welt besser fahren. Ich wünsche +Ihnen im voraus Glück. + +Lisette. Wahrhaftig! du mußt gegen deinen Herrn sehr redlich gesinnt +sein, daß du ihm eine so unerträgliche Plage an den Hals schwatzen +willst. + +Anton. Noch weit redlicher mußt du gegen deine Mamsell sein, daß du +ihr einen so guten Ehemann, als Herr Damis werden wird, mißgönnest. + +Lisette. Einen guten Ehemann? Nun wahrhaftig, ein guter Ehemann, das +ist auch alles, was sie sich wünscht. Ein Mann, der alles gut sein +läßt-- + +Anton. Ho! ho! alles? Hören Sie, Herr Damis, für was Sie Lisette +ansieht? Aus der Ursache möchtest du wohl selbst gern seine Frau +sein? Alles? ei! unter das alles, gehört wohl auch--? du verstehst +mich doch? + +Damis. Aber im Ernste, Lisette; glaubt Sie wirklich, daß Ihre Jungfer +eine recht böse Frau werden wird? Hat sie in der Tat viel schlimme +Eigenschaften? + +Lisette. Viel? Sie hat sie alle, die man haben kann; auch nicht die +ausgenommen, die einander widersprechen. + +Damis. Will Sie mir nicht ein Verzeichnis davon geben? + +Lisette. Wo soll ich anfangen?--Sie ist albern-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und ich sage: Lügen! + +Lisette. Sie ist zänkisch-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und ich sage: Lügen! + +Lisette. Sie ist eitel-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Lügen! sag ich. + +Lisette. Sie ist keine Wirtin-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Lügen! + +Lisette. Sie wird Sie durch übertriebenen Staat, durch beständige +Ergötzlichkeiten und Schmausereien, um alle das Ihrige bringen-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Lügen! + +Lisette. Sie wird Ihnen die Sorge um eine Herde Kinder auf den Hals +laden-- + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Das tun die besten Weiber am ersten! + +Lisette. Aber um Kinder, die aus der rechten Quelle nicht geholt sind. + +Damis. Kleinigkeit! + +Anton. Und zwar Kleinigkeit nach der Mode! + +Lisette. Kleinigkeit? aber was denken Sie denn, Herr Damis? + +Damis. Ich denke, daß Juliane nicht arg genug sein kann. Ist sie +albern? ich bin desto klüger; ist sie zänkisch? ich bin desto +gelassener; ist sie eitel? ich bin desto philosophischer gesinnt; +vertut sie? sie wird aufhören, wenn sie nichts mehr hat; ist sie +fruchtbar? so mag sie sehen, was sie vermag, wann sie es mit mir um +die Wette sein will. Ein jedes mache sich ewig, womit es kann; das +Weib durch Kinder, der Mann durch Bücher. + +Anton. Aber merken Sie denn nicht, daß Lisette ihre Ursachen haben +muß, Julianen so zu verleumden? + +Damis. Ach freilich merk ich es. Sie gönnt mich ihr und beschreibt +sie mir also vollkommen nach meinem Geschmacke. Sie hat es ohne +Zweifel geschlossen, daß ich ihre Mamsell nur eben deswegen, weil sie +das unerträglichste Frauenzimmer ist, heiraten will. + +Lisette. Nur deswegen? nur deswegen? und das hätte ich geschlossen? +Ich müßte Sie für irre im Kopfe gehalten haben. Überlegen Sie doch +nur-- + +Damis. Das geht zu weit, Lisette! Traut Sie mir keine Überlegung zu? +Was ich gesagt habe, ist die Frucht einer nur allzu scharfen +Überlegung. Ja, es ist beschlossen: ich will die Zahl der unglücklich +scheinenden Gelehrten, die sich mit bösen Weibern vermählt haben, +vermehren. Dieser Vorsatz ist nicht von heute. + +Anton. Nein, wahrhaftig!--Was aber der Teufel nicht tun kann! Wer +hätte es sich jetzt sollen träumen lassen, jetzt da es Ernst werden +soll? Ich muß lachen; Lisette wollte ihn von der Heirat abziehen und +hat ihm nur mehr dazu beredt; und ich, ich wollte ihn dazu bereden und +hätte ihn bald davon abgezogen. + +Damis. Einmal soll geheiratet sein. Auf eine recht gute Frau darf +ich mir nicht Rechnung machen; also wähle ich mir eine recht schlimme. +Eine Frau von der gemeinen Art, die weder kalt noch warm, weder recht +gut noch recht schlimm ist, taugt für einen Gelehrten nichts, ganz und +gar nichts! Wer wird sich nach seinem Tode um sie bekümmern? +Gleichwohl verdient er es doch, daß sein ganzes Haus mit ihm +unsterblich bleibe. Kann ich keine Frau haben, die einmal ihren Platz +in einer Abhandlung de bonis Eruditorum uxoribus findet, so will ich +wenigstens eine haben, mit welcher ein fleißiger Mann seine Sammlung +de malis Eruditorum uxoribus vermehren kann. Ja, ja; ich bin es +ohnehin meinem Vater, als der einzige Sohn, schuldig, auf die +Erhaltung seines Namens mit der äußersten Sorgfalt bedacht zu sein. + +Lisette. Kaum kann ich mich von meinem Erstaunen erholen--Ich habe +Sie, Herr Damis, für einen so großen Geist gehalten-- + +Damis. Und das nicht mit Unrecht. Doch eben hierdurch glaube ich den +stärksten Beweis davon zu geben. + +Lisette. Ich möchte platzen!--Ja, ja, den stärksten Beweis, daß +niemand schwerer zu fangen ist als ein junger Gelehrter; nicht sowohl +wegen seiner Einsicht und Verschlagenheit als wegen seiner Narrheit. + +Damis. Wie, so naseweis, Lisette? Ein junger Gelehrter?--ein junger +Gelehrter?-- + +Lisette. Ich will Ihnen die Verweise ersparen. Valer soll gleich von +allem Nachricht bekommen. Ich bin Ihre Dienerin. + + + + +Zwölfter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Anton. Da sehen Sie! Nun läuft sie fort, da Sie nach ihrer Pfeife +nicht tanzen wollen.-- + +Damis. Mulier non Homo! bald werde ich auch dieses Paradoxon für wahr +halten. Wodurch zeigt man, daß man ein Mensch ist? Durch den +Verstand. Wodurch zeigt man, daß man Verstand hat? Wann man die +Gelehrten und die Gelehrsamkeit gehörig zu schätzen weiß. Dieses kann +kein Weibsbild, und also hat es keinen Verstand, und also ist es kein +Mensch. Ja, wahrhaftig ja; in diesem Paradoxo liegt mehr Wahrheit als +in zwanzig Lehrbüchern. + +Anton. Wie ist mir denn? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Sie Herr +Valer gesucht hat? Wollen Sie nicht gehen und ihn sprechen? + +Damis. Valer? ich will ihn erwarten. Die Zeiten sind vorbei, da ich +ihn hochschätzte. Er hat seit einigen Jahren die Bücher beiseite +gelegt; er hat sich das Vorurteil in den Kopf setzen lassen, daß man +sich vollends durch den Umgang und durch die Kenntnis der Welt +geschickt machen müsse, dem Staate nützliche Dienste zu leisten. Was +kann ich mehr tun als ihn bedauern? Doch ja, endlich werde ich mich +auch seiner schämen müssen. Ich werde mich schämen müssen, daß ich +ihn ehemals meiner Freundschaft wert geschätzt habe. O wie ekel muß +man in der Freundschaft sein! Doch was hat geholfen, daß ich es bis +auf den höchsten Grad gewesen bin? Umsonst habe ich mich vor der +Bekanntschaft aller mittelmäßigen Köpfe gehütet; umsonst habe ich mich +bestrebt, nur mit Genies, nur mit originellen Geistern umzugehen: +dennoch mußte mich Valer, unter der Larve eines solchen, hintergehen. +O Valer! Valer! + +Anton. Laut genug, wenn er es hören soll. + +Damis. Ich hätte über sein kaltsinniges Kompliment bersten mögen! +Von was unterhielt er mich? von nichtswürdigen Kleinigkeiten. Und +gleichwohl kam er von Berlin, und gleichwohl hätte er mir die +allerangenehmste Neuigkeit zuerst berichten können. O Valer! Valer! + +Anton. St! wahrhaftig er kömmt. Sehen Sie, daß er sich nicht dreimal +rufen läßt? + + + + +Dreizehnter Auftritt + +Damis. Valer. Anton. + + +Valer. Verzeihen Sie, liebster Freund, daß ich Sie in Ihrer gelehrten +Ruhe störe-- + +Anton. Wenn er doch gleich sagte, Faulheit. + +Damis. Stören? Ich sollte glauben, daß Sie mich zu stören kämen? +Nein, Valer, ich kenne Sie zu wohl; Sie kommen, mir die angenehmsten +Neuigkeiten zu hinterbringen, die der Aufmerksamkeit eines Gelehrten, +der seine Belohnung erwartet, würdig sind.--Einen Stuhl, Anton! +--Setzen Sie sich. + +Valer. Sie irren sich, liebster Freund. Ich komme, Ihnen die +Unbeständigkeit Ihres Vaters zu klagen; ich komme, eine Erklärung von +Ihnen zu verlangen, von welcher mein ganzes Glück abhängen wird.-- + +Damis. Oh! ich konnte es Ihnen gleich ansehen, daß Sie vorhin die +Gegenwart meines Vaters abhielt, sich mit mir vertraulicher zu +besprechen und mir Ihre Freude über die Ehre zu bezeigen, die mir der +billige Ausspruch der Akademie-- + +Valer. Nein, allzu gelehrter Freund; lassen Sie uns einen Augenblick +von etwas minder Gleichgültigem reden. + +Damis. Von etwas minder Gleichgültigem? Also ist Ihnen meine Ehre +gleichgültig? Falscher Freund!-- + +Valer. Ihnen wird diese Benennung zukommen, wann Sie mich länger von +dem, was für ein zärtliches Herz das wichtigste ist, abbringen werden. +Ist es wahr, daß Sie Julianen heiraten wollen? daß Ihr Vater dieses +allzu zärtliche Frauenzimmer durch Bande der Dankbarkeit binden will, +in seiner Wahl minder frei zu handeln? Habe ich Ihnen jemals aus +meiner Neigung gegen Julianen ein Geheimnis gemacht? Haben Sie mir +nicht von jeher versprochen, meiner Liebe behilflich zu sein? + +Damis. Sie ereifern sich, Valer; und vergessen, daß ein Weibsbild die +Ursache ist. Schlagen Sie sich diese Kleinigkeit aus dem Sinne--Sie +müssen in Berlin gewesen sein, da die Akademie den Preis auf dieses +Jahr ausgeteilet hat. Die Monaden sind die Aufgabe gewesen. Sollten +Sie nicht etwa gehört haben, daß die Devise-- + +Valer. Wie grausam sind Sie, Damis! So antworten Sie mir doch! + +Damis. Und Sie wollen mir nicht antworten? Besinnen Sie sich; sollte +nicht die Devise Unum est necessarium sein gekrönt worden? Ich +schmeichle mir wenigstens-- + +Valer. Bald schmeichle ich mir nun mit nichts mehr, da ich Sie so +ausschweifend sehe. Bald werde ich nun auch glauben müssen, daß die +Nachricht, die ich für eine Spötterei von Lisetten gehalten habe, +gegründet sei. Sie halten Julianen für Ihrer unwert, Sie halten sie +für die Schande ihres Geschlechts, und eben deswegen wollen Sie sie +heiraten? Was für ein ungeheurer Einfall! + +Damis. Ha! ha! ha! + +Valer. Ja, lachen Sie nur, Damis, lachen Sie nur! Ich bin ein Tor, +daß ich einen Augenblick solchen Unsinn von Ihnen habe glauben können. +Sie haben Lisetten zum besten gehabt oder Lisette mich. Nein, nur in +ein zerrüttetes Gehirn kann ein solcher Entschluß kommen! Ihn zu +verabscheuen braucht man nur vernünftig zu denken und lange nicht edel, +wie Sie doch zu denken gewohnt sind. Aber lösen Sie mir, ich bitte +Sie, dieses marternde Rätsel! + +Damis. Bald werden Sie mich, Valer, auf Ihr Geschwätze aufmerksam +gemacht haben. So verlangen Sie doch in der Tat, daß ich meinen Ruhm +Ihrer törichten Neigung nachsetzen soll? Meinen Ruhm!--Doch +wahrhaftig, ich will vielmehr glauben, daß Sie scherzen. Sie wollen +versuchen, ob ich in meinen Entschließungen auch wankelhaft bin. + +Valer. Ich scherzen? der Scherz sei verflucht, der mir hier in den +Sinn kommt!-- + +Damis. Desto lieber ist mir es, wann Sie endlich ernsthaft reden +wollen. Was ich Ihnen sage: die Schrift mit der Devise Unum est +necessarium-- + + + + +Vierzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. Valer. Anton. + + +Chrysander (mit einem Zeitungsblatte in der Hand). Nun, nicht wahr, +Herr Valer? mein Sohn ist nicht von der Heirat abzubringen? Sehen Sie, +daß nicht sowohl ich als er auf diese Heirat dringt? + +Damis. Ich? ich auf die Heirat dringen? + +Chrysander. St! st! st! + +Damis. Ei was st, st? Meine Ehre leidet hierunter. Könnte man nicht +auf die Gedanken kommen, wer weiß was mir an einer Frau gelegen sei? + +Chrysander. St! st! st! + +Valer. Oh! brauchen Sie doch keine Umstände. Ich sehe es ja wohl; +Sie sind mir beide entgegen. Was für ein Unglück hat mich in dieses +Haus führen müssen! Ich muß eine liebenswürdige Person antreffen; ich +muß ihr gefallen und muß doch endlich, nach vieler Hoffnung, alle +Hoffnung verlieren. Damis, wenn ich jemals einiges Recht auf Ihre +Freundschaft gehabt habe-- + +Damis. Aber, nicht wahr, Valer? einer Sache wegen muß man auf die +Berlinische Akademie recht böse sein? Bedenken Sie doch, sie will +künftig die Aufgaben zu dem Preise zwei Jahr vorher bekanntmachen. +Warum denn zwei Jahr? war es nicht an einem genug? Hält sie denn die +Deutschen für so langsame Köpfe? Seit ihrer Erneuerung habe ich jedes +Jahr meine Abhandlung mit eingeschickt; aber, ohne mich zu rühmen, +länger als acht Tage habe ich über keine zugebracht. + +Chrysander. Wißt ihr denn aber auch, ihr lieben Leute, was in den +Niederlanden vorgegangen ist? Ich habe hier eben die neuste Zeitung. +Sie haben sich die Köpfe wacker gewaschen. Doch die Alliierten, ich +bin in der Tat recht böse auf sie. Haben sie nicht wieder einen +wunderbaren Streich gemacht!-- + +Anton. Nun, da reden alle drei etwas anders! Der spricht von der +Liebe; der von seinen Abhandlungen; der vom Kriege. Wenn ich auch +etwas Besonders reden soll, so werde ich vom Abendessen reden. Vom +Mittage an bis auf den Abend um sechs Uhr zu fasten sind keine +Narrenspossen. + +Valer. Unglückliche Liebe! + +Damis. Die unbesonnene Akademie! + +Chrysander. Die dummen Alliierten! + +Anton. Die vierte Stimme fehlt noch: die langsamen Bratenwender! + + + + +Funfzehnter Auftritt + +Lisette. Damis. Valer. Chrysander. Anton. + + +Lisette. Nun, Herr Chrysander? ich glaubte, Sie hätten die Herren zu +Tische rufen wollen? Ich sehe aber, Sie wollen selbst gerufen sein. +Es ist schon aufgetragen. + +Anton. Das war die höchste Zeit! dem Himmel sei Dank! + +Chrysander. Es ist wahr; es ist wahr; ich hätte es bald vergessen. +Der Zeitungsmann hielt mich auf der Treppe auf. Kommen Sie, Herr +Valer; wir wollen die jetzigen Staatsgeschäfte ein wenig miteinander +bei einem Gläschen überlegen. Schlagen Sie sich Julianen aus dem +Kopfe. Und du, mein Sohn, du magst mit deiner Braut schwatzen. Du +wirst gewiß eine wackre Frau an ihr haben; nicht so eine Xanthippe +wie-- + +Damis. Xanthippe? wie verstehen Sie das? Sind Sie etwa auch noch in +dem pöbelhaften Vorurteile, daß Xanthippe eine böse Frau gewesen sei? + +Chrysander. Willst du sie etwa für eine gute halten? Du wirst doch +nicht die Xanthippe verteidigen? Pfui! das heißt einen Abc-Schnitzer +machen. Ich glaube, ihr Gelehrten, je mehr ihr lernt, je mehr vergeßt +ihr. + +Damis. Ich behaupte aber, daß man kein einzig tüchtiges Zeugnis für +Ihre Meinung anführen kann. Das ist das erste, was die ganze Sache +verdächtig macht; und zum andern-- + +Lisette. Das ewige Geplaudre! + +Chrysander. Lisette hat recht! Mein Sohn, contra principia negantem, +non est disputandum. Kommt! Kommt! + +(Chrysander, Damis und Anton gehen ab.) + +Valer. Nun ist alles für mich verloren, Lisette. Was soll ich +anfangen? + +Lisette. Ich weiß keinen Rat; wann nicht der Brief-- + +Valer. Dieser Betrug wäre zu arg, und Juliane will ihn nicht zugeben. + +Lisette. Ei, was Betrug? Wenn der Betrug nützlich ist, so ist er +auch erlaubt. Ich sehe es wohl, ich werde es selbst tun müssen. +Kommen Sie nur fort, und fassen Sie wieder Mut. + + + + +Dritter Aufzug + + + + +Erster Auftritt + +Lisette. Anton. + + +Lisette. So warte doch, Anton. + +Anton. Ei, laß mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben. + +Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versöhnen? Willst du nicht +tun, was ich dich gebeten habe? + +Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun? + +Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht +kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der +Postträger habe ihn gebracht? + +Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann!--Halte mich +nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Laß mich gehen. + +Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei +Tische? + +Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht müßige Weile haben, +so muß er sich doch wohl etwas zu tun machen. + +Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der +Kirche wäre. Reden sie denn nichts? + +Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem +Totenmahle so stille zugehen kann. + +Lisette. Wenigstens wird der Alte reden. + +Anton. Der redt, ohne zu reden. Er ißt und redt zugleich; und ich +glaube, er gäbe wer weiß was darum, wenn er noch dazu trinken könnte, +und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem +Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem +einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich +nun nicht anders sein, die Worte müssen auf dem Gekauten sitzenbleiben, +sodaß man ihn mit genauer Not noch murmeln hört. + +Lisette. Was machen aber die übrigen? + +Anton. Die übrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen +nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie +schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach +dem Sohne; sie werden weiß; sie werden rot. Der Zorn und die +Verzweiflung sieht beiden aus den Augen.--Aber juchhe! so recht! +Siehst du, daß es nicht nach deinem Kopfe gehen muß? Mein Herr soll +Julianen haben, und wenn-- + +Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der? + +Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem +Teller; hängt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst +redte; wackelt mit dem Stuhle; stößt einmal ein Weinglas um; läßt es +liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die +Kleider laufen will; nun fährt er auf und spricht wohl gar, ich hätte +es umgegossen.--Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo +ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muß es doch suchen. Auf dem +Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche +rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand; +trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das +wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.) +Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand? + +Lisette. Das weiß ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag +es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief-- + +Anton. Kömmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch; +deinetwegen soll ich meinen Herrn betrügen? + +Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein. + +Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander +versprochen hat, muß sitzenlassen? + +Lisette. Dafür aber verspricht dich Valer schadlos zu halten. + +Anton. Wo verspricht er mir es denn? + +Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt. + +Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde +ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser +als eine Taube auf dem Dache. + +Lisette. Wann du die Taube gewiß fangen kannst, so wird sie doch +besser sein als der Sperling? + +Anton. Gewiß fangen! als wenn sich alles fangen ließe! Nicht wahr, +wann ich die Taube haschen will, so muß ich den Sperling aus der Hand +fliegen lassen? + +Lisette. So laß ihn fliegen. + +Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein, +Jungfer, so dumm ist Anton nicht. + +Lisette. Was du für kindische Umstände machst! Bedenke doch, wie +glücklich du sein kannst. + +Anton. Wie denn? laß doch hören. + +Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem +Kapitalisten tausend Taler? + +Anton. Auf die machst du dir Rechnung? + +Lisette. Wenigstens. Dich würde er auch nicht leer ausgehen lassen, +wann du mir behilflich wärest. Ich hätte alsdenn Geld; du hättest +auch Geld: könnten wir nicht ein allerliebstes Paar werden? + +Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt hätte. + +Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzählt, +was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Bücherwürmchen! + +Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Bücherwürmer. Es ist +schon wahr, ein Mädel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens +tausend Taler wert; aber nur das Kabinett--das Kabinett-- + +Lisette. Höre doch einmal auf, Anton, und laß dich nicht so lange +bitten. + +Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben? + +Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht könnte +Chrysander nicht argwöhnen-- + +Anton. Ja, ja, mein Äffchen, ich merk es schon; du willst die +Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu. + +Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer! + +Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib +nur her, den Brief; gib nur! + +Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton-- + +Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit?-- + +Lisette. Verlaß dich drauf-- + +Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein?-- + +Lisette. Desgleichen. + +Anton. Nun wohl, der Brief ist übergeben! + +Lisette. Aber so bald als möglich-- + +Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm!--Potz Stern! wer +kömmt?--Zum Henker, es ist Damis. + + + + +Zweiter Auftritt + +Damis. Anton. Lisette. + + +Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche? + +Anton. Ich wollte gleich, ich wollte--Lisette und--Kurz, ich kann es +nicht finden, Herr Damis. + +Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es +liegt. + +Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher +rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen. + +Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, daß ich von der +Seite rede, an welcher ich sitze? + +Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darüber haben wir uns den Kopf +zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klüger als wir! (Indem er ihm +hinterwärts einen Mönch sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiß +eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich +bringen. + +Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind. + +Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt. +Sind sie schon alle, alle aufgestanden? + +Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen, +damit er morgen in seinem Kränzchen den Staatsmann spielen kann. Geh +geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu +werden. Was will aber Lisette hier? + +Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin? + +Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette hätte +wenigstens so viel Verstand, daß ihr Plaudern auf eine Viertelstunde +erträglich sein könnte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm +wie alle übrige im Hause. + +Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller übrigen zu bedanken. + +Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone! +Gott gebe, daß sie sich recht zanken! Aber zuhören mag ich +nicht--Lisette, ich will immer gehen. + +Lisette (sachte). Den Brief vergiß nicht; geschwind! + +Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir: +bleib da. Ich wüßte nicht, wohin du zu gehen hättest. + +Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post! + +Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh! + + + + +Dritter Auftritt + +Damis. Lisette. + + +Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn +meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener; +bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein +sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit, +und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und +wichtige Verrichtungen, daß ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen +soll; und gleichwohl stört man mich. Mit der Heirat, mit einer so +nichtswürdigen Sache, ist der größte Teil des Nachmittags +daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und +Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, daß in keinem Hause der +Müßiggang so herrschen kann als in diesem. + +Lisette. Und besonders auf dieser Stube. + +Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende! + +Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt? + +Damis. Was für eine niederträchtige Seele! die Unwissenheit, die +Ungelehrsamkeit für keinen Schimpf zu halten! für keinen Schimpf? So +möchte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwätzerin +von Ehre und Schande hat. Vielleicht, daß bei ihr die Gelehrsamkeit +ein Schimpf ist? + +Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgängig von dem Schlage ist wie bei +Ihnen-- + +Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit +gebracht-- + +Lisette. Daß man nicht unterscheiden kann, ob sie närrisch oder +gelehrt sind?-- + +Damis. Ich möchte aus der Haut fahren-- + +Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine klügere. + +Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswürdigsten +Kreatur ausgesetzt sein?--Tausend würden sich glücklich preisen, wenn +sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste hätten. Ich bin erst +zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter +beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir--Doch ich rede +umsonst. Was kann es mir für Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner +Geschicklichkeit zu überführen? Ich verstehe sieben Sprachen +vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der +Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne +gleichem-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die höchste +Würde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch +unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von +den Monaden erkennen.--Ach, die verwünschte Post!-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine +satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben. + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem +unvergänglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und +Haller ist gegen mich ein Schwätzer. Meine Freunde, welchen ich sonst +zum öftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen +habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hören und versichern mich +allezeit auf das aufrichtigste, daß sie schon genugsam von meiner mehr +als göttlichen Ader überzeugt wären. + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! + +Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein +Weltweiser, ein Redner, ein Dichter-- + +Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne +Bart und ein Redner, der noch nicht mündig ist! schöne Raritäten! + +Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube! + +Lisette. Den Augenblick? Ich möchte gar zu gern die schöne Ausrufung: +und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie +nichts mehr an sich zu rühmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun +so will ich es selbst tun. Hören Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind +noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt! + +Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.) + +Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl! + +Damis. Himmel! was muß man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist +es möglich von einem unwissenden Weibsbilde-- + + + + +Vierter Auftritt + +Chrysander. Anton. Damis. + + +Chrysander. Das ist ein verfluchter Brief, Anton! Ei! ei! mein Sohn, +mein Sohn, post coenam stabis, vel passus mille meabis. Du wirst doch +nicht schon wieder sitzen? + +Damis. Ein andrer, der nichts zu tun hat, mag sich um dergleichen +barbarische Gesundheitsregeln bekümmern. Wichtige Beschäftigungen-- + +Chrysander. Was willst du von wichtigen Beschäftigungen reden? + +Damis. Ich nicht, Herr Vater? Die meisten von den Büchern, die Sie +hier auf dem Tische sehen, warten teils auf meine Noten, teils auf +meine Übersetzung, teils auf meine Widerlegung, teils auf meine +Verteidigung, teils auch auf mein bloßes Urteil. + +Chrysander. Laß sie warten! Jetzt-- + +Damis. Jetzt kann ich freilich nicht alles auf einmal verrichten. +Wann ich nur erst mit dem Wichtigsten werde zustande sein. Sie +glauben nicht, was mir hier eine gewisse Untersuchung für Nachschlagen +und Kopfbrechen kostet. Noch eine einzige Kleinigkeit fehlt mir, so +habe ich es bewiesen, daß sich Kleopatra die Schlangen an den Arm, und +nicht an die Brust, gesetzt hat-- + +Chrysander. Die Schlangen taugen nirgends viel. Mir wäre beinahe +jetzt auch eine in Busen gekrochen; aber noch ist es Zeit. Höre +einmal, mein Sohn; hier habe ich einen Brief bekommen, der mich-- + +Damis. Wie? einen Brief? einen Brief? Ach, lieber Anton! einen +Brief? Liebster Herr Vater, einen Brief? von Berlin? Lassen Sie mich +nicht länger warten; wo ist er? Nicht wahr, nunmehr werden Sie +aufhören an meiner Geschicklichkeit zu zweifeln? Wie glücklich bin +ich! Anton, weißt du es auch schon, was darin steht? + +Chrysander. Was schwärmst du wieder? Der Brief ist nicht von Berlin; +er ist von meinem Advokaten aus Dresden, und nach dem, was er schreibt, +kann aus deiner Heirat mit Julianen nichts werden. + +Damis. Nichtswürdiger Kerl! so bist du noch nicht wieder auf der Post +gewesen? + +Anton. Ich habe es Ihnen ja gesagt, daß vor neun Uhr für mich auf der +Post nichts zu tun ist. + +Damis. Ah, verberabilissime, non fur, sed trifur! Himmel! daß ich +vor Zorn sogar des Plautus Schimpfwörter brauchen muß. Wird dir denn +ein vergebner Gang gleich den Hals kosten? + +Anton. Schimpften Sie mich? Weil ich es nicht verstanden habe, so +mag es hingehen. + +Chrysander. Aber sage mir nur, Damis; nicht wahr, du hast doch einen +kleinen Widerwillen gegen Julianen? Wenn das ist, so will ich dich +nicht zwingen. Du mußt wissen, daß ich keiner von den Vätern bin-- + +Damis. Ist die Heirat schon wieder auf dem Tapete? Wann Sie doch +wegen meines Widerwillens unbesorgt sein wollten. Genug, ich heirate +sie-- + +Chrysander. Das heißt so viel, du wolltest dich meinetwegen zwingen? +Das will ich durchaus nicht. Wenn du gleich mein Sohn bist, so bist +du doch ein Mensch; und jeder Mensch wird frei geboren; er muß machen +können, was er will; und--kurz--ich gebe dir dein Wort wieder zurück. + +Damis. Wieder zurück? und vor einigen Stunden konnte ich mich nicht +hurtig genug entschließen? Wie soll ich das verstehen? + +Chrysander. Das sollst du so verstehen, daß ich es überlegt habe und +daß, weil dir Juliane nicht gefällt, sie mir auch nicht ansteht; daß +ich ihre wahren Umstände in diesem Briefe wieder gefunden habe und +daß--Du siehst es ja, daß ich den Brief nur jetzt gleich bekommen habe. +Ich weiß zwar wahrhaftig nicht, was ich davon denken soll? Die Hand +meines Advokaten ist es nicht-- + +(Damis setzt sich wieder an den Tisch.) + +Anton. Nicht? oh! die Leutchen müssen mehr als eine Hand zu schreiben +wissen. + +Chrysander. Zu geschwind ist es beinahe auch. Kaum sind es acht Tage, +daß ich ihm geschrieben habe. Sollte er das Ding in der kurzen Zeit +schon haben untersuchen können? Von wem hast du denn den Brief +bekommen, Anton? + +Anton. Von Lisetten. + +Chrysander. Und Lisette? + +Anton. Von dem Briefträger, ohne Zweifel. + +Chrysander. Aber warum bringt denn der Kerl die Briefe nicht mir +selbst? + +Anton. Sie werden sich doch in den Händen, wodurch sie gehen, nicht +verändern können? + +Chrysander. Man weiß nicht--Gleichwohl aber lassen sich die Gründe, +die er anführt, hören. Ich muß also wohl den sichersten Weg nehmen +und dir, mein Sohn--Aber, ich glaube gar, du hast dich wieder an den +Tisch gesetzt und studierst? + +Damis. Mein Gott! ich habe zu tun, ich habe sogar viel zu tun. + +Chrysander. Drum mit einem Worte, damit ich dich nicht um die Zeit +bringe: die Heirat mit Julianen war nichts als ein Gedanke, den du +wieder vergessen kannst. Wann ich es recht überlege, so hat doch +Valer das größte Recht auf sie. + +Damis. Sie betrügen sich, wenn Sie glauben, daß ich nunmehr davon +abgehen werde.--Ich habe alles wohl überleget, und ich muß es Ihnen +nur mit ganz trocknen Worten sagen, daß eine böse Frau mir helfen soll, +meinen Ruhm unsterblich zu machen; oder vielmehr, daß ich eine böse +Frau, an die man nicht denken würde, wann sie keinen Gelehrten gehabt +hätte, mit mir zugleich unsterblich machen will. Der Charakter eines +solchen Eheteufels wird auf den meinigen ein gewisses Licht werfen-- + +Chrysander. Nun wohl, wohl; so nimm dir eine böse Frau; nur aber eine +mit Gelde, weil an einer solchen die Bosheit noch erträglich ist. Von +der Gattung war meine erste selige Frau. Um die zwanzigtausend Taler, +die ich mit ihr bekam, hätte ich des bösen Feindes Schwester heiraten +wollen--Du mußt mich nur recht verstehen: ich meine es nicht nach den +Worten.--Wann sie aber böse sein soll, deine Frau, was willst du mit +Julianen?--Höre, ich kenne eine alte Witwe, die schon vier Männer ins +Grab gezankt hat; sie hat ihr feines Auskommen: ich dächte, das wäre +deine Sache; nimm die! Ich habe dir das Maul einmal wäßrig gemacht, +ich muß dir also doch etwas darein geben. Wann es einmal eine +Xanthippe sein soll, so kannst du keine beßre finden. + +Damis. Mit Ihrer Xanthippe! ich habe es Ihnen ja schon mehr als +einmal gesagt, daß Xanthippe keine böse Frau gewesen ist. Haben Sie +meine Beweisgründe schon wieder vergessen? + +Chrysander. Ei was? mein Beweis ist das Abc-Buch. Wer so ein Buch +hat schreiben können, das so allgemein geworden ist, der muß es gewiß +besser verstanden haben als du. Und kurz, mir liegt daran, daß +Xanthippe eine böse Frau gewesen ist. Ich könnte mich nicht +zufriedengeben, wenn ich meine erste Frau so oft sollte gelobt haben. +Schweig also mit deinen Narrenspossen; ich mag von dir nicht besser +unterrichtet sein. + +Damis. So wird uns gedankt, wenn wir die Leute aus ihren Irrtümern +helfen wollen. + +Chrysander. Seit wenn ist denn das Ei klüger als die Henne? he? Herr +Doktor, vergeß Er nicht, daß ich Vater bin und daß es auf den Vater +ankömmt, wenn der Sohn heiraten soll. Ich will an Julianen nicht mehr +gedacht wissen-- + +Damis. Und warum nicht? + +Chrysander. Soll ich meinem einzigen Sohne ein armes Mädchen +aufhängen? Du bist nicht wert, daß ich für dich so besorgt bin. Du +weißt ja, daß sie nichts im Vermögen hat. + +Damis. Hatte sie vorhin, da ich sie heiraten sollte, mehr als jetzt? + +Chrysander. Das verstehst du nicht. Ich wußte wohl, was ich vorhin +tat: aber ich weiß auch, was ich jetzt tue. + +Damis. Gut, desto besser ist es, wann sie kein Geld hat. Man wird +mir also nicht nachreden können, die böse Frau des Geldes wegen +genommen zu haben; man wird es zugestehen müssen, daß ich keine andere +Absicht gehabt als die, mich in den Tugenden zu üben, die bei +Erduldung eines solchen Weibes nötig sind. + +Chrysander. Eines solchen Weibes! Wer hat dir denn gesagt, daß +Juliane eine böse Frau werden wird? + +Damis. Wenn ich nicht, wie wir Gelehrten zu reden pflegen, a priori +davon überführt wäre, so würde ich es schon daraus schließen können, +weil Sie daran zweifeln. + +Chrysander. Fein naseweis, mein Sohn! fein naseweis! Ich habe +Julianen auferzogen; sie hat viel Wohltaten bei mir genossen; ich habe +ihr alles Gute beigebracht: wer von ihr Übels spricht, der spricht es +zugleich von mir. Was? ich sollte nicht ein Frauenzimmer zu ziehen +wissen? Ich sollte ein Mädchen, das unter meiner Aufsicht groß +geworden ist, nicht so weit gebracht haben, daß es einmal eine +rechtschaffne wackre Frau würde? Reich habe ich sie freilich nicht +machen können; ich bin der Wohltat selbst noch benötigt. Aber daß ich +sie nicht tugendhaft, nicht verständig gemacht hätte, das kann mir nur +einer nachreden, der so dumm ist als du, mein Sohn. Nimm mir es nicht +übel, daß ich mit der Sprache herausrücke. Du bist so ein +eingemachter Narre, so ein Stockfisch--nimm mir's nicht übel, mein +Sohn--so ein überstudierter Pickelhering--aber nimm mir's nicht übel-- + +Damis (beiseite). Bald sollte ich glauben, daß sein erster Handel mit +eingesalznen Fischen gewesen sei.--Schon gut, Herr Vater; von +Julianens Tugend will ich nichts sagen; die Tugend ist oft eine Art +von Dummheit. Aber was ihren Verstand anbelangt, von dem werden Sie +mir erlauben, daß ich ihn noch immer in Zweifel ziehe. Ich bin nun +schon eine ziemliche Zeit wieder hier; ich habe mir auch manchmal die +Mühe genommen, ein paar Worte mit ihr zu sprechen: hat sie aber wohl +jemals an meine Gelehrsamkeit gedacht? Ich mag nicht gelobt sein; so +eitel bin ich nicht; nur muß man den Leuten ihr Recht widerfahren +lassen-- + + + + +Fünfter Auftritt + +Chrysander. Damis. Valer. + + +Chrysander. Gut, gut, Herr Valer, Sie kommen gleich zur rechten +Stunde. + +Damis. Was will der unerträgliche Mensch wieder? + +Valer. Ich komme, Abschied von Ihnen beiden zu nehmen-- + +Chrysander. Abschied? so zeitig? warum denn? + +Valer. Ich glaube nicht, daß Sie im Ernste fragen. + +Chrysander. Gott weiß es, Herr Valer; in dem allerernstlichstem +Ernste. Ich lasse Sie wahrhaftig nicht. + +Valer. Um mich noch empfindlicher zu martern? Sie wissen, wie lieb +mir die Person allezeit gewesen ist, die Sie mir heute entreißen. +Doch das Unglück wäre klein, wenn es mich nur allein träfe. Sie +wollen noch dazu diese geliebte Person mit einem verbinden, der sie +ebenso sehr haßt, als ich sie verehre? Meine ganze Seele ist voller +Verzweiflung, und von nun an werde ich weder hier noch irgendswo in +der Welt wieder ruhig werden. Ich gehe, um mich-- + +Chrysander. Nicht gehen, Herr Valer, nicht gehen! Dem Übel ist +vielleicht noch abzuhelfen. + +Valer. Abzuhelfen? Sie beschimpfen mich, wenn Sie glauben, daß ich +jemals diesen Streich überwinden werde. Er würde für ein minder +zärtliches Herz, als das meinige ist, tödlich sein. + +Damis. Was für ein Gewäsche! (Setzt sich an seinen Tisch.) + +Valer. Wie glücklich sind Sie, Damis! Lernen Sie wenigstens Ihr +Glück erkennen; es ist der geringste Dank, den Sie dem Himmel schuldig +sind. Juliane wird die Ihrige-- + +Chrysander. Ei, wer sagt denn das? Sie soll noch zeitig genug die +Ihrige werden, Herr Valer, nur Geduld! + +Valer. Halten Sie inne mit Ihren kalten Verspottungen-- + +Chrysander. Verspottungen? Sie müssen mich schlecht kennen. Was ich +sage, das sag ich. Ich habe die Sache nun besser überlegt; ich sehe, +Juliane schickt sich für meinen Sohn nicht und er sich noch viel +weniger für Julianen. Sie lieben sie; Sie haben längst bei mir um sie +angehalten; wer am ersten kömmt, der muß am ersten mahlen. Ich habe +eben mit meinem Sohne davon geredt--Sie kennen ihn ja-- + +Valer. Himmel, was hör ich? Ist es möglich? welche glückliche +Veränderung! Erlauben Sie, daß ich Sie tausendmal umfange. Soll ich +also doch noch glücklich sein? O Chrysander! o Damis! + +Chrysander. Reden Sie mit ihm und setzen Sie ihm den Kopf ein wenig +zurechte. Ich will zu Julianen gehen und ihr meinen veränderten +Entschluß hinterbringen. Sie wird mir es doch nicht übelnehmen? + +Valer. Übel? Sie werden ihr das Leben wiedergeben, so wie Sie es +mir wiedergegeben haben. + +Chrysander. Ei, kann ich das? (Geht ab.) + + + + +Sechster Auftritt + +Damis. Valer. Anton. + + +Valer. Und in welchem Tone soll ich nun mit Ihnen reden, liebster +Freund? Das erneuerte Versprechen Ihres Vaters berechtigte mich, Sie +ganz und gar zu übergehen. Ich habe gewonnen, sobald Chrysander +Julianen zu zwingen aufhört. Doch wie angenehm soll es mir sein, wann +ich ihren Besitz zum Teil auch Ihnen werde verdanken können. + +Damis. Anton! + +Anton (kömmt). Was soll der? ist Ihnen die Post wieder eingefallen? + +Damis. Gleich geh! sie muß notwendig da sein. + +Anton. Aber ich sage Ihnen, daß sie bei so übeln Wetter vor zehn Uhr +nicht kommen kann. + +Damis. Gibst du abermals eine Stunde zu? Kurz, geh! und kömmst du +leer wieder, so sieh dich vor! + +Anton. Wenn ich diese Nacht nicht sanft schlafe, so glaube ich +zeitlebens nicht mehr, daß die Müdigkeit etwas dazu helfen kann. +(Gehet ab.) + + + + +Siebenter Auftritt + +Damis. Valer. + + +Valer. So? anstatt zu antworten, reden Sie mit dem Bedienten? + +Damis. Verzeihen Sie, Valer; Sie haben also mit mir gesprochen? Ich +habe den Kopf so voll; es ist mir unmöglich, auf alles zu hören. + +Valer. Und Sie wollen sich auch bei mir verstellen? Ich weiß die +Zeit noch sehr wohl, da ich in ebendem wunderbaren Wahne stand, es +ließe gelehrt, so zerstreut als möglich und auf nichts als auf sein +Buch aufmerksam zu tun. Doch glauben Sie nur, der muß sehr einfältig +sein, den Sie mit diesen Gaukeleien hintergehen wollen. + +Damis. Und Sie müssen noch einfältiger sein, daß Sie glauben können, +ein jeder Kopf sei so gedankenleer als der Ihrige. Und verdient denn +Ihr Geschwätz, daß ich darauf höre? Sie haben ja gewonnen, sobald +Chrysander Julianen zu zwingen aufhört; Sie sind ja berechtiget, mich +zu übergehen-- + +Valer. Das muß doch eine besondere Art der Zerstreuung sein, in +welcher man des andern Reden gleichwohl so genau höret, daß man sie +von Wort zu Wort wiederholen kann. + +Damis. Ihre Spötterei ist sehr trocken. (Sieht wieder auf sein Buch.) + +Valer. Doch aber zu empfinden?--Was für eine Marter ist es, mit einem +Menschen von Ihrer Art zu tun zu haben? Es gibt deren wenige-- + +Damis. Das sollte ich selbst glauben. + +Valer. Es würden sich aber mehrere finden, wenn selbst-- + +Damis. Ganz recht; wenn die wahre Gelehrsamkeit nicht so schwer zu +erlangen, die natürliche Fähigkeit dazu gemeiner und ein unermüdeter +Fleiß nicht so etwas Beschwerliches wären-- + +Valer. Ha! ha! ha! + +Damis. Das Lachen eines wahren Idioten! + +Valer. Sie reden von Ihrer Gelehrsamkeit, und ich, mit Vergebung, +wollte von Ihrer Torheit reden. Hierin, meinte ich, würden Sie +mehrere Ihresgleichen finden, wenn selbst diese Torheit ihren Sklaven +nicht zur Last werden müßte. + +Damis. Verdienen Sie also, daß ich Ihnen antworte? (Sieht wieder in +sein Buch.) + +Valer. Und verdienen Sie wohl, daß ich noch Freundes genug bin, mit +Ihnen ohne Verstellung zu reden? Glauben Sie mir, Sie werden Ihre +Torheiten bei mehreren Verstande bereuen-- + +Damis. Bei mehreren Verstande? (Spöttisch.) + +Valer. Werden Sie darüber ungehalten? Das ist wunderbar! Ihr Körper +kann, Ihren Jahren nach, noch nicht ausgewachsen haben, und Sie +glauben, daß Ihre Seele gleichwohl schon zu ihrer möglichen +Vollkommenheit gelanget sei? Ich würde den für meinen Feind halten, +welcher mir den Vorzug, täglich zu mehrerm Verstande zu kommen, +streitig machen wollte. + +Damis. Sie! + +Valer. Sie werden so spöttisch, mein Herr Nebenbuhler--Doch da ist +sie selbst! (Läuft ihr entgegen.) Ah, Juliane-- + + + + +Achter Auftritt + +Juliane. Damis. Valer. + + +Juliane. Ach, Valer, welche glückliche Veränderung!-- + +Damis (indem er sich auf dem Stuhle umwendet). Die Ehre, Sie hier zu +sehen, Mademoiselle, habe ich ohne Zweifel einem Irrtume zu danken? +Sie glauben vielleicht, in Ihr Schlafzimmer zu kommen-- + +Juliane. Dieser Irrtum wäre unvergeblich! Nein! mein Herr, es +geschieht auf Befehl Ihres Herrn Vaters, daß ich diesen heiligen Ort +betrete. Ich komme, Ihnen einen Kauf aufzusagen und mich bei Ihrer +Muse zu entschuldigen, daß ich beinahe in die Gefahr gekommen wäre, +ihr einen so liebenswürdigen Geist abspenstig zu machen. + +Valer. O wie entzückt bin ich, schönste Juliane, Sie auf einmal +wieder in Ihrer Heiterkeit zu sehen. + +Damis. Wenn ich das Gewäsche eines Frauenzimmers recht verstehe, so +kommen Sie, ein Paktum aufzuheben, welches doch alle Requisita hat, +die zu einem unumstößlichen Pakto erfordert werden. + +Juliane. Und wann ich das Galimathias eines jungen Gelehrten +verstehen darf, so haben Sie es getroffen. + +Damis. Mein Vater ist ein Idiote. Kömmt es denn nur auf ihn oder auf +Sie, Mademoiselle, an, einen Vertrag, der an meinem Teil fest bestehet, +ungültig zu machen?--Es wird sich alles zeigen; nur wollte ich bitten, +mich jetzt ungestört zu lassen--(Wendet sich wieder an den Tisch.) + +Valer. Was für ein Bezeigen! hat man jemals einem Frauenzimmer, auf +dessen Besitz man Anspruch macht, so begegnet? + +Damis. Und ist man jemals einem beschäftigten Gelehrten so überlästig +gewesen? Diese verdrießliche Gesellschaft loszuwerden, muß ich nur +selbst meine vier Wände verlassen. (Geht ab.) + + + + +Neunter Auftritt + +Valer. Juliane. + + +Juliane. Und wir lachen ihm nicht nach? + +Valer. Nein, Juliane; eine bessere Freude mag uns jetzt erfüllen; und +beinahe gehört eine Art von Grausamkeit dazu, sich über einen so +kläglichen Toren lustig zu machen. Wie soll ich Ihnen die Regungen +meines Herzens beschreiben, jetzt, da man ihm alle seine +Glückseligkeit wiedergegeben hat? Ich beschwöre Sie, Juliane, wann +Sie mich lieben, so verlassen Sie noch heute mit mir dieses +gefährliche Haus. Setzen Sie sich nicht länger der Ungestümigkeit +eines veränderlichen Alten, der Raserei eines jungen Pedanten und der +Schwäche Ihrer eignen allzu zärtlichen Denkungsart aus. Sie sind mir +in einem Tage genommen und wiedergegeben worden; lassen Sie ihn den +ersten und den letzten sein, der so grausam mit uns spielen darf! + +Juliane. Fassen Sie sich, Valer. Wir wollen lieber nichts tun, was +uns einige Vorwürfe von Chrysandern zuziehen könnte. Sie sehen, er +ist auf dem besten Wege, und ich liebe ihn ebensosehr, als ich den +Damis verachte. Durch das Mißtrauen, wodurch ich mich auf einmal +seiner Vorsorge entzöge, würde ich ihm für seine Wohltaten schlecht +danken-- + +Valer. Noch immer reden Sie von Wohltaten? Ich werde nicht eher +ruhig, als bis ich Sie von diesen gefährlichen Banden befreiet habe. +Erlauben Sie mir, daß ich sie sogleich gänzlich vernichte und dem +alten Eigennützigen-- + +Juliane. Nennen Sie ihn anders, Valer; er ist das nicht; und schon +seine Veränderung zeigt es, daß Lisette falsch gehört oder uns +hintergangen hat. Zwar weiß ich nicht, wem ich diese Veränderung +zuschreiben soll--(Nachsinnend.) + +Valer. Warum auf einmal so in Gedanken? Die Ursache, die ihn bewogen +hat, mag sein, welche es will; ich weiß doch gewiß, daß es eine Fügung +des Himmels ist. + +Juliane. Des Himmels oder Lisettens. Auf einmal fällt mir ein, was +Sie mir von einem Briefe gesagt haben. Sollte wohl Lisettens allzu +große Dienstfertigkeit-- + +Valer. Welche Einbildung, liebste Juliane! Sie weiß es ja, daß Ihre +Tugend in diesen kleinen Betrug nicht willigen wollen. + +Juliane. Gleichwohl, je mehr ich nachdenke-- + +Valer. Wenn es nun auch wäre, wollten Sie denn deswegen-- + +Juliane. Wann es nun auch wäre? wie? + + + + +Zehnter Auftritt + +Lisette. Valer. Juliane. + + +Juliane. Du kömmst als gerufen, Lisette. + +Lisette. Nun, gehen meine Sachen nicht vortrefflich? Wollen Sie es +nicht unten mit anhören, wie sich Damis und Chrysander zanken? "Du +sollst sie nicht bekommen; ich muß sie bekommen: ich bin Vater; Sie +haben mir sie versprochen: ich habe mich anders besonnen; ich aber +nicht: so muß es noch geschehen; das ist unmöglich: unmöglich oder +nicht; kurz, ich geh nicht ab, ich will es Ihnen aus Büchern beweisen, +daß Sie mir Wort halten müssen: du kannst mit deinen Büchern an den +Galgen gehen."--Was wiederhole ich viel ihre närrische Reden? Der +Vater hat recht; er handelt klug: er würde aber gewiß nicht so klug +handeln, wenn ich nicht vorher so klug gewesen wäre. + +Juliane. Wie verstehst du das, Lisette? + +Lisette. Ich lobe mich nicht gerne selbst. Kurz, meine liebe Mamsell, +Ihr Schutzengel, der bin ich! + +Juliane. Der bist du? und wie denn? + +Lisette. Dadurch, daß ich einen Betrüger mit seiner Münze bezahlt +habe. Der alte häßliche-- + +Juliane. Und also hast du Chrysandern betrogen? + +Lisette. Ei, sagen Sie doch das nicht; einen Betrüger betrügt man +nicht, sondern den hintergeht man nur. Hintergangen hab ich ihn. + +Valer. Und wie? + +Lisette. Schlecht genug, daß Sie es schon wieder vergessen haben. +Ich sollte meinen, erkenntlich zu sein, brauche man ein besser +Gedächtnis. + +Juliane. Du hast ihm also wohl gar den falschen Brief untergeschoben? + +Lisette. Behüte Gott! ich habe ihn bloß durch einen erdichteten Brief +auf andere Gedanken zu bringen gesucht; und das ist mir gelungen. + +Juliane. Das hast du getan? Und ich sollte mein Glück einer +Betrügerin zu danken haben? Es mag mir gehen, wie es will; Chrysander +soll es den Augenblick erfahren-- + +Lisette. Was soll denn das heißen? Ist das mein Dank? + +Valer. Besinnen Sie sich, Juliane; verziehen Sie! + +Juliane. Unmöglich, Valer; lassen Sie mich. (Juliane geht ab.) + + + + +Eilfter Auftritt + +Valer. Lisette. + + +Valer. Himmel, nun ist alles wieder aus! + +Lisette. So mag sie es haben! Gift und Galle möchte ich speien, so +toll bin ich! Für meinen guten Willen mich eine Betrügerin zu heißen? +Ich hoffte, sie würde mir vor Freuden um den Hals fallen.--Wie wird +der Alte auf mich losziehen! Er jagt mich und Sie zum Hause heraus. +Was wollen Sie nun anfangen? + +Valer. Ja, was soll ich nun anfangen, Lisette? + +Lisette. Ich glaube, Sie antworten mir mit meiner eignen Frage? Das +ist bequem. Mein guter Rat hat ein Ende. Ich will mich bald wieder +in so etwas mengen! + +Valer. Zu was für einer ungelegnen Zeit kamst du aber auch, Lisette? +Ich hatte dir es gesagt, daß Juliane in diesen Streich nicht willigen +wollte. Hättest du nicht noch einige Zeit schweigen können? + +Lisette. Konnte ich denn vermuten, daß sie so übertrieben eigensinnig +sein würde? Sie können sich leicht einbilden, wie es mit unsereiner +ist: ich hätte nicht wieviel nehmen und es gegen sie länger verbergen +wollen, wem sie ihr Glück zu danken habe. Die Freude ist schwatzhaft, +und--Ach, ich möchte gleich-- + + + + +Zwölfter Auftritt + +Anton. Valer. Lisette. + + +Anton (mit Briefen in der Hand). Ha! ha! haltet ihr wieder Konferenz! +Wenn es mein Herr wüßte, daß in seiner eignen Stube die schlimmsten +Anschläge wider ihn geschmiedet werden, er würde dich, Lisette--Aber, +wie steht ihr denn da beisammen? Herr Valer scheint betrübt: du bist +erhitzt, erhitzt wie ein Zinshahn. Habt ihr euch geschlagen, oder +habt ihr euch sonst eine Motion gemacht? Ei, ei, Lisette! +höre--(sachte zu Lisetten) du hast dich doch der Ausstattung wegen mit +ihm nicht überworfen? Hat er sein Wort etwa zurückgezogen? Das wäre +ein verfluchter Streich. (Laut.) Nein, nein, Herr Valer, was man +verspricht, das muß man halten. Sie hat Ihnen redlich gedienet und +ich auch. Zum Henker! glauben Sie denn, daß es einmal einer ehrlichen +Seele keine Gewissensbisse verursachen muß, wenn sie ihre Herrschaft +für null und nichts betrogen hat? Ich lasse mich nicht vexieren; und +meine Forderung wenigstens--Hol' mich dieser und jener! ich nehm einen +Advokaten an, einen rechten Bullenbeißer von einem Advokaten, der +Ihnen gewiß so viel soll zu schaffen machen-- + +Lisette. Ach Narre, schweig! + +Valer. Was will er denn? Mit wem sprichst du denn? + +Anton. Potz Stern! mit unserm Schuldmanne sprech ich. Das können Sie +ja wohl am Tone hören. + +Valer. Wer ist denn dein Schuldmann? + +Anton. Kommt es nun da heraus, daß Sie die Schuld leugnen wollen? +Hören Sie: mein Advokat bringt Sie zum Schwur-- + +Valer. Lisette, weißt denn du, was er will? + +Lisette. Der Schwärmer! ich brauchte ihn vorhin zu Überbringung des +Briefes und versprach ihm, wenn die Sache gut ausfallen sollte, eine +Belohnung von Ihnen. + +Valer. Weiter ist es nichts? + +Anton. Ich dächte doch, das wäre genug. Und wie hält es denn mit +Lisettens Ausstattung? Ich muß mich um ihr Vermögen so gut als um das +meinige bekümmern, weil es doch meine werden soll. + +Valer. Seid unbesorgt; wenn ich mein Glück mache, so will ich das +eurige gewiß nicht vergessen. + +Anton. Gesetzt aber, Sie machten es nicht? Und was versprochen ist, +ist doch versprochen. + +Valer. Auch alsdenn will ich euern Eifer nicht unbelohnt lassen. + +Anton. Ach, das sind Komplimente, Komplimente! + +Lisette. So hör einmal auf! + +Anton. Bist du nicht eine Närrin; ich rede ja für dich mit. + +Lisette. Es ist aber ganz unnötig. + +Anton. Unnötig? habt ihr euch denn nicht gezankt? + +Lisette. Warum nicht gar? + +Anton. Hat er sein Versprechen nicht zurückgezogen? + +Lisette. Nein doch. + +Anton. O so verzeihen Sie mir, Herr Valer. Die Galle kann einem +ehrlichen Manne leicht überlaufen. Ich bin ein wenig hitzig, zumal in +Geldsachen. Fürchten Sie sich für den Advokaten nur nicht-- + +Valer. Und ich kann in einer so marternden Ungewißheit hier noch +verziehen? Ich muß sie sprechen; vielleicht hat sie es noch nicht +getan-- + +Lisette. Hat sie es aber getan, so kommen Sie dem Alten ja nicht zu +nahe! + +Valer. Ich habe von dem ganzen Handel nichts gewußt. + +Lisette. Desto schlimmer alsdenn für mich. Gehen Sie nur. + + + + +Dreizehnter Auftritt + +Anton. Lisette. + + +Anton. Desto schlimmer für dich? Was ist denn desto schlimmer für +dich? Warum soll er denn dem Alten nicht zu nahe kommen? Was habt +ihr denn wieder! + +Lisette. Je, der verfluchte Brief! + +Anton. Was für ein Brief? + +Lisette. Den ich dir vorhin gab. + +Anton. Was ist denn mit dem? + +Lisette. Es ist alles umsonst; meine Mühe ist vergebens. + +Anton. Wie denn so? So wahr ich lebe, ich habe ihn richtig bestellt. +Mache keine Possen und schiebe die Schuld etwa auf mich! + +Lisette. Richtig übergeben ist er wohl; er tat auch schon seine +Wirkung. Aber Juliane hat uns selbst einen Strich durch die Rechnung +gemacht. Sie will es durchaus entdecken, daß es ein falscher Brief +gewesen sei, und hat es vielleicht auch schon getan. + +Anton. Was zum Henker, sie selbst? Da werden wir ankommen! Siehst +du; nun ist der Sperling und die Taube weg. Und was das schlimmste ist: +da ich die Taube habe fangen wollen, so bin ich darüber mit der Nase +ins Weiche gefallen. Oder deutlicher und ohne Gleichnis mit dir zu +reden: die versprochene Belohnung bei dem Alten hab ich verloren, die +eingebildete bei Valeren entgeht mir auch, und aller Profit, den ich +dabei machen werde, ist, nebst einem gnädigen Rippenstoße, ein Pack +dich zum Teufel!--Will Sie mich alsdenn noch, Jungfer Lisette?--Oh, +Sie muß mich. Ich will Sie die Leute lehren unglücklich machen-- + +Lisette. Es wird mir gewiß besser gehen? Wir wandern miteinander, +und wenn wir nur einmal ein Paar sind, so magst du sehen, wie du mich +ernährest. + +Anton. Ich dich ernähren? bei der teuren Zeit? Wenn ich noch könnte +mit dir herumziehen, wie der mit dem großen Tiere, das ein Horn auf +der Nase hat. + +Lisette. Sorge nicht, in ein Tier mit einem Horne will ich dich bald +verwandeln. Es wird alsdenn doch wohl einerlei sein, ob du mit mir +oder ich mit dir herumziehe. + +Anton. Nu wahrhaftig, mit dir weiß man doch noch, woran man ist. +--Aber, damit wir nicht eins ins andre reden, wo ist denn nun mein +Herr? Da sind endlich seine verdammten Briefe! + +Lisette. Siehst du ihn? + +Anton. Nein; aber wo mir recht ist, jetzt hör ich ihn. + +Lisette. Laß ihn nur kommen; toll will ich ihn noch machen, zu guter +Letzt. + + + + +Vierzehnter Auftritt + + +Anton. Lisette. Damis (kömmt ganz tiefsinnig; Lisette schleicht +hinter ihm her und macht seine Grimassen nach). + +Anton. Halt! ich will ihn noch ein wenig zappeln lassen und ihm die +Briefe nicht gleich geben. (Steckt sie ein.) Wie so tiefsinnig, Herr +Damis? was steckt Ihnen wieder im Kopfe? + +Damis. Halt dein Maul! + +Anton. Kurz geantwortet! Aber soll sich denn ein Bedienter nicht um +seinen Herrn bekümmern? Es wäre doch ganz billig, wann ich auch wüßte, +worauf Sie dächten. Eine blinde Henne findet auch manchmal ein +Körnchen, und vielleicht könnte ich Ihnen-- + +Damis. Schweig! + +Anton. Die Antwort war noch kürzer. Wenn sie stufenweise so abnimmt, +so will ich einmal sehen, was übrigbleiben wird.--Was zählen Sie denn +an den Fingern? Was hat Ihnen denn der arme Nagel getan, daß Sie ihn +so zerreißen? (Er wird Lisetten gewahr.)--Und, zum Henker, was ist +denn das für ein Affe? Kömmst du von Sinnen? + +Lisette. Halt dein Maul! + +Anton. Um des Himmels willen geh! Wann mein Herr aus seinem Schlafe +erwacht und dich sieht-- + +Lisette. Schweig! + +Anton. Willst du mich oder meinen Herrn zum besten haben? So sehen +Sie doch einmal hinter sich, Herr Damis! + +Damis (geht einigemal tiefsinnig auf und nieder; Lisette in gleichen +Stellungen hinter ihm her; und wann er sich umwendet, schleicht sie +sich hurtig herum, daß er sie nicht gewahr wird). Meiner +Hochzeitfackel Brand Sei von mir jetzt selbst gesungen! + + +Anton. Ho! ho! Sie machen Verse? Komm, Lisette, nun müssen wir ihn +allein lassen. Bei solcher Gelegenheit hat er mich selbst schon, mehr +als einmal, aus der Stube gestoßen. Komm nur; er ruft uns gewiß +selbst wieder, sobald er fertig ist, und vielleicht das ganze Haus +dazu. + +Lisette (indem sich Damis umwendet, bleibt sie starr vor ihm stehen +und nimmt seinen Ton an). Meiner Hochzeitfackel Brand Sei von mir +jetzt selbst gesungen! + + +(Damis tut, als ob er sie nicht gewahr würde, und stößt auf sie.) + +Damis. Was ist das? + +Lisette. Was ist das? + +(Beide, als ob sie zu sich selbst kämen.) + +Damis. Unwissender, niederträchtiger Kerl! habe ich dir nicht oft +genug gesagt, keine Seele in meine Stube zu lassen als aufs höchste +meinen Vater? Was will denn die hier? + +Lisette. Unwissender, niederträchtiger Kerl! hast du mir es nicht oft +genug gesagt, daß ich mich aus der Stube fortmachen soll? Kannst du +dir denn aber nicht einbilden, daß die, welche im Kabinette hat sein +dürfen, auch Erlaubnis haben werde, in der Stube zu sein? Unwissender, +niederträchtiger Kerl! + +Anton. Wem soll ich nun antworten? + +Damis. Gleich stoße sie zur Stube hinaus! + +Anton. Stoßen? mit Gewalt? + +Damis. Wenn sie nicht in gutem gehen will-- + +Anton. Lisette, geh immer in gutem-- + +Lisette. Sobald es mir gelegen sein wird. + +Damis. Stoß sie heraus, sag ich! + +Anton. Komm, Lisette, gib mir die Hand; ich will dich ganz ehrbar +herausführen. + +Lisette. Grobian, wer wird denn ein Frauenzimmer mit der bloßen Hand +führen wollen? + +Anton. O ich weiß auch zu leben!--In Ermanglung eines Handschuhs +also--(er nimmt den Zipfel von der Weste)--werde ich die Ehre haben-- + +Damis. Ich seh wohl, ich soll mich selbst über sie machen--(Geht auf +sie los.) + +Lisette. Ha! ha! ha! so weit wollte ich Sie nur gern bringen. Adieu! + + + + +Funfzehnter Auftritt + +Anton. Damis. + + +Damis. Nun sind alle Gedanken wieder fort! Das Feuer ist verraucht; +die Einbildungskraft ist zerstreut. Der Gott, der uns begeistern muß, +hat mich verlassen--Verdammte Kreatur! was für Verdruß hat sie mir +heute nicht schon gemacht! wie spöttisch ist sie mit mir umgegangen! +Himmel! in meiner Tiefsinnigkeit mir alles so lächerlich nachzuäffen. + +Anton. Sie sahen es ja aber nicht. + +Damis. Ich sah es nicht? + +Anton. Ja? ist's möglich? und Sie stellten sich nur so? + +Damis. Schweig, Idiote!--Ich will sehen, ob ich mich wieder in die +Entzückung setzen kann-- + +Anton. Tun Sie das lieber nicht; die Verse können unmöglich geraten, +wobei man so finster aussieht.--Darf man aber nicht wissen, was es +werden wird? ein Abendlied oder ein Morgenlied? + +Damis. Dummkopf! + +Anton. Ein Bußlied? + +Damis. Einfaltspinsel! + +Anton. Ein Tischlied? auch nicht?--Ein Sterbelied werden Sie doch +nicht machen? So wahr ich ehrlich bin, wenn ich auch noch so ein +großer Poet wäre, das bliebe von mir ungemacht. Sterben ist der +abgeschmackteste Streich, den man sich selbst spielt. Er verdient +nicht einen Vers, geschweige ein Lied. + +Damis. Ich muß Mitleiden mit deiner Unwissenheit haben. Du kennst +keine andre Arten von Gedichten, als die du im Gesangbuche gefunden +hast. + +Anton. Es wird gewiß noch andre geben? So lassen Sie doch hören, was +Sie machen. + +Damis. Ich mache--ein Epithalamium-- + +Anton. Ein Epithalamium? Potz Stern, das ist ein schwer Ding! Damit +können Sie wirklich zurechte kommen? Da gehört Kunst dazu--Aber, Herr +Damis, im Vertrauen, was ist denn das ein Epith--pitha--thlamium? + +Damis. Wie kannst du es denn schwer nennen, wenn du noch nicht weißt, +was es ist? + +Anton. Ei nun, das Wort ist ja schon schwer genug. Sagen Sie mir nur +ein wenig mit einem andern Namen, was es ist. + +Damis. Ein Epithalamium ist ein Thalassio. + +Anton. So, so! nun versteh ich's; ein Epithalamium ist ein--wie hieß +es?-- + +Damis. Thalassio. + +Anton. Ein Thalassio; und das können Sie machen? Wenigstens werden +Sie viel Zeit dazu brauchen--Aber, hören Sie doch, wenn mich nun +jemand fragt, was ein Thalassio ist, was muß ich ihm wohl antworten? + +Damis. Auch das weißt du nicht, was ein Thalassio ist? + +Anton. Ich für mein Teil weiß es wohl. Ein Thalassio ist ein--wie +hieß das vorige Wort? + +Damis. Epithalamium. + +Anton. Ist ein Epithalamium. Und ein Epithalamium ist ein Thalassio. +Nicht wahr, ich habe es gut behalten? Aber das möchte nur andern +Leuten nicht deutlich sein, welche beide Worte nicht verstehen. + +Damis. Je nun, so sage ihnen, Thalassio sei ein Hymenaeus. + +Anton. Zum Henker! das heißt Leute vexieren. Ein Epithalamium ist +ein Thalassio, und ein Thalassio ist ein Hymenaeus. Und so umgekehrt, +ein Hym--Hym--Die Namen mag sonst einer merken! + +Damis. Recht! recht! ich sehe doch, daß du anfängst einen Begriff von +Sachen zu bekommen. + +Anton. Ich einen Begriff hiervon? so wahr ich ehrlich bin! Sie irren +sich. Der Kobold müßte mir's eingeblasen haben, wenn ich wüßte, was +die kauderwelschen Worte heißen sollen. Sagen Sie mir doch ihren +deutschen Namen; oder haben sie keinen? + +Damis. Sie haben zwar einen, allein er ist lange nicht von der +Annehmlichkeit und dem Nachdrucke der griechischen oder lateinischen. +Sage einmal selbst, ob ein Hochzeitgedichte nicht viel kahler klingt +als ein Epithalamium, ein Hymenaeus, ein Thalassio. + +Anton. Mir nicht; wahrhaftig mir nicht! denn jenes versteh ich und +dieses nicht. Ein Hochzeitgedichte haben Sie also machen wollen? +Warum sagten Sie das nicht gleich?--Oh! in Hochzeitgedichten habe ich. +eine Belesenheit, die erstaunend ist. Ich muß Ihnen nur sagen, wie +ich dazu gekommen bin. Mein weiland seliger Vater hatte einen +Vetter--und gewissermaßen war es also auch mein Vetter-- + +Damis. Was wird das für ein Gewäsche werden? + +Anton. Sie wollen es nicht abwarten? Gut! Der Schade ist Ihre. +--Weiter also: Verse auf eine Hochzeit wollten Sie machen? aber auf +was denn für eine? + +Damis. Welche Frage! auf meine eigne. + +Anton. Sie heiraten also Julianen noch? Der Alte will es ja nicht?-- + +Damis. Ah der! + +Anton. Es ist schon wahr; was hat sich ein Sohn um den Vater zu +bekümmern? Aber sagen Sie mir doch: schickt es sich denn, daß man auf +seine eigne Hochzeit Verse macht? + +Damis. Gewöhnlich ist es freilich nicht; aber desto besser! Geister +wie ich lieben das Besondre. + +Anton (beiseite). St! jetzt will ich ihm einen Streich spielen! +--(Laut.) Hören Sie nur, Herr Damis, ich werde es selbst gern sehen, +wenn Sie Julianen heiraten. + +Damis. Wieso? + +Anton. Ich weiß nicht, ob ich mich unterstehen darf, es Ihnen zu +sagen. Ich habe--ich habe selbst-- + +Damis. Nur heraus mit der Sprache! + +Anton. Ich habe selbst versucht, Verse auf Ihre Hochzeit zu machen, +und deswegen wollte ich nun nicht gern, daß meine Mühe verloren wäre. + +Damis. Das wird etwas Schönes sein! + +Anton. Freilich! denn das ist mein Fehler; ich mache entweder etwas +Rechtes oder gar nichts. + +Damis. Gib doch her! vielleicht kann ich deine Reime verbessern, daß +sie alsdenn mir und dir Ehre machen. + +Anton. Hören Sie nur, ich will sie Ihnen vorlesen. (Er sucht einen +Zettel aus der Tasche.) Ganz bin ich noch nicht fertig, muß ich Ihnen +sagen. Der Anfang aber, aus dem auch allenfalls das Ende werden kann, +klingt so--Rücken Sie mir doch das Licht ein wenig näher!--Du, o edle +Fertigkeit, Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel-- + +Damis. Halt! du bist ein elender Stümper! Ha! ha! ha! Das du o +steht ganz vergebens. Edle Fertigkeit sagt nichts weniger, und Du, o +edle Fertigkeit nichts mehr. Deleatur ergo du o! Damit aber nicht +zwei Silben fehlen, so verstärke das Beiwort edel, nach Art der +Griechen, und sage überedel. Ich weiß zwar wohl, überedel ist ein +neues Wort; aber ich weiß auch, daß neue Wörter dasjenige sind, was +die Poesie am meisten von der Prose unterscheiden muß. Solche +Vorteilchen merke dir! Du mußt dich durchaus bestreben, etwas +Unerhörtes, etwas Ungesagtes zu sagen. Verstehst du mich, dummer +Teufel? + +Anton. Ich will es hoffen. + +Damis. Also heißt dein erster Vers + +überedle Fertigkeit + + +usw. Nun lies weiter! + +Anton. Zu den vorgesetzten Zwecken Tücht'ge Mittel zu entdecken Und +sich dann zur rechten Zeit Ihrer Kräfte zu bedienen, Wirst, so lange, +bis die Welt In ihr erstes Cha- Cha- Chaos fällt, Wie die Pappelbäume +grünen. + + +Aber, Herr Damis, können Sie mir nicht sagen, was ich hier muß gedacht +haben? Verflucht! das ist schön; ich verstehe mich selbst nicht mehr. +Das erste Cha--Chaos;--ich dächte, ich hätte das Wort noch nie in +meinen Mund genommen, so fürchterlich klingt es mir. + +Damis. Zeige doch-- + +Anton. Warten Sie, warten Sie! ich will es Ihnen noch einmal vorlesen. + +Damis. Nein, nein; weise mir nur den Zettel her. + +Anton. Sie können es unmöglich lesen. Ich habe gar zu schlecht +geschrieben; kein Buchstabe steht gerade; sie hocken einer auf den +andern, als ob sie Junge hecken wollten. + +Damis. O so gib her! + +Anton (gibt ihm den Zettel mit Zittern). Zum Henker, es ist seine +eigne Hand! + +Damis (betrachtet ihn einige Zeit). Was soll das heißen? (Steht +zornig auf.) Verfluchter Verräter, wo hast du dieses Blatt her? + +Anton. Nicht so zornig; nicht so zornig! + +Damis. Wo hast du es her? + +Anton. Wollen Sie mich denn erwürgen? + +Damis. Wo hast du das Blatt her, frag ich? + +Anton. Lassen Sie nur erst nach. + +Damis. Gesteh! + +Anton. Aus--aus Ihrer--Westentasche. + +Damis. Ungelehrte Bestie! ist das deine Treue? Das ist ein Diebstahl; +ein Plagium. + +Anton. Zum Henker! des Quarks wegen mich zu einem Diebe zu machen? + +Damis. Des Quarks wegen? was? den Anfang eines philosophischen +Lehrgedichts einen Quark zu nennen? + +Anton. Sie sagten ja selbst, es tauge nichts. + +Damis. Ja, insofern es ein Hochzeitkarmen vorstellen sollte und du +der Verfasser davon wärest. Gleich schaffe die andern Manuskripte, +die du mir sonst entwandt hast, auch herbei! Soll ich meine Arbeit in +fremden Händen sehen? Soll ich zugeben, daß sich eine häßliche Dohle +mit meinen prächtigen Pfauenfedern ausschmücke? Mach bald! oder ich +werde andre Maßregeln ergreifen. + +Anton. Was wollen Sie denn? Ich habe nicht einen Buchstaben mehr von +Ihnen. + +Damis. Gleich wende alle Taschen um! + +Anton. Warum auch nicht? Wenn ich sie umwende, so fällt ja alles +heraus, was ich darin habe. + +Damis. Mach und erzürne mich nicht! + +Anton. Ich will ein Schelm sein, wenn Sie nur ein Stäubchen Papier +bei mir finden. Damit Sie aber doch Ihren Willen haben;--hier ist die +eine; da ist die andre--Was sehen Sie?--Da ist die dritte; die ist +auch leer.--Nun kommt die vierte--(Indem er sie umwendet, fallen die +Briefe heraus.)--Zum Henker, die verfluchten Briefe! die hatte ich +ganz vergessen--(Er will sie geschwind wieder aufheben.) + +Damis. Gib her, gib her! was fiel da heraus? Ganz gewiß wird es +wieder etwas von mir sein. + +Anton. So wahr ich lebe, es ist nichts von Ihnen. An Sie könnte es +eher noch etwas sein. + +Damis. Halte mich nicht auf; ich habe mehr zu tun. + +Anton. Halten Sie mich nur nicht auf. Sie wissen ja, daß ich nun +bald wieder auf die Post gehen muß. Ich weiß, es sind Briefe da. + +Damis. Nun so geh, so geh! Aber durchaus zeige mir erst, was du so +eilfertig aufhobst. Ich muß es sehen. + +Anton. Zum Henker! wenn das ist, so brauche ich nicht auf die Post zu +gehen. + +Damis. Wieso? + +Anton. Nu, nu! da haben Sie es. Ich will hurtig gehen. (Er gibt ihm +den Brief und will fortlaufen.) + +Damis (indem er ihn besieht). Je, Anton, Anton! das ist ja eben der +Brief aus Berlin, welchen ich erwarte. Ich kenn ihn an der Aufschrift. + +Anton. Es kann wohl sein, daß er es ist. Aber, Herr Damis, werden +Sie nur--nur nicht ungehalten. Ich hatte es, bei meiner armen Seele! +ganz vergessen-- + +Damis. Was hast du denn vergessen? + +Anton. Daß ich den Brief, beinahe schon eine halbe Stunde, in der +Tasche trage. Mit dem verdammten Plaudern!-- + +Damis. Weil er nun da ist, so will ich dir den dummen Streich +verzeihen.--Aber, allerliebster Anton, was müssen hierin für +unvergleichliche, für unschätzbare Nachrichten stehen! Wie wird sich +mein Vater freuen! Was für Ehre, was für Lobsprüche!--O Anton!--ich +will dir ihn gleich vorlesen--(Bricht ihn hastig auf.) + +Anton. Nur sachte, sonst zerreißen Sie ihn gar. Nun da! sagte ich's +nicht? + +Damis. Es schadet nichts; er wird doch noch zu lesen sein.--Vor allen +Dingen muß ich dir sagen, was er betrifft. Du weißt, oder vielmehr du +weißt nicht, daß die Preußische Akademie auf die beste Untersuchung +der Lehre von den Monaden einen Preis gesetzt hat. Es kam mir noch +ganz spät ein, unsern Philosophen diesen Preis vor dem Maule +wegzufangen. Ich machte mich also geschwind darüber und schrieb eine +Abhandlung, die noch gleich zur rechten Zeit muß gekommen sein.--Eine +Abhandlung, Anton--ich weiß selbst nicht, wo ich sie hergenommen habe, +so gelehrt ist sie. Nun hat die Akademie vor acht Tagen ihr Urteil +über die eingeschickten Schriften bekanntgemacht, welches notwendig zu +meiner Ehre muß ausgefallen sein. Ich, ich muß den Preis haben und +kein andrer. Ich habe es einem von meinen Freunden daselbst heilig +eingebunden, mir sogleich Nachricht davon zu geben. Hier ist sie; nun +höre zu. + +"Mein Herr, + +"Wie nahe können Sie einem Freunde das Antworten legen! Sie drohen mir +mit dem Verluste Ihrer Liebe, wenn Sie nicht von mir die erste +Nachricht erhielten, ob Sie oder ein anderer den akademischen Preis +davongetragen hätten. Ich muß Ihnen also in aller Eil' melden, daß +Sie ihn nicht--(stotternd) bekommen haben und auch--(immer +furchtsamer) nicht haben--bekommen können.--" + +Was? ich nicht? und wer denn? und warum denn nicht?-- + +"Erlauben Sie mir aber, daß ich als ein Freund mit Ihnen reden darf." + +So rede, Verräter! + +"Ich habe Ihnen unmöglich den schlimmen Dienst erweisen können, Ihre +Abhandlung zu übergeben.--" + +Du hast sie also nicht übergeben, Treuloser? Himmel, was für ein +Donnerschlag!--So soll mich deine Nachlässigkeit, unwürdiger Freund, +um die verdienteste Belohnung bringen?--Wie wird er sich entschuldigen, +der Nichtswürdige? + +"Wenn ich es frei gestehen soll, so scheinen Sie etwas ganz anders +getan zu haben, als die Akademie verlangt hat. Sie wollte nicht +untersucht wissen, was das Wort Monas grammatikalisch bedeute? wer es +zuerst gebraucht habe? was es bei dem Xenokrates anzeige? ob die +Monaden des Pythagoras die Atomi des Moschus gewesen? usw. Was ist +ihr an diesen kritischen Kleinigkeiten gelegen, und besonders alsdann, +wann die Hauptsache dabei aus den Augen gesetzt wird? Wie leicht +hätte man Ihren Namen mutmaßen können, und Sie würden vielleicht +Spöttereien sein ausgesetzt worden, dergleichen ich nur vor wenig +Tagen in einer gelehrten Zeitung über Sie gefunden habe.--" + +Was lese ich? kann ich meinen Augen trauen? Ah, verfluchtes Papier! +verfluchte Hand, die dich schrieb! (Wirft den Brief auf die Erde und +tritt mit den Füßen darauf.) + +Anton. Der arme Brief! man muß ihn doch vollends auslesen! (Hebt ihn +auf.) Das Beste kömmt vielleicht noch, Herr Damis. Wo blieben Sie? +Da, da! hören Sie nur! + +"... gelehrten Zeitung gefunden habe.--Man nennt Sie ein junges +Gelehrtchen, welches überall gern glänzen möchte und dessen +Schreibesucht--" + +Damis (reißt ihm den Brief aus der Hand). Verdammter Korrespondent! +--Das ist der Lohn, den dein Brief verdient! (Er zerreißt ihn.) Du +zerreißest mein Herz, und ich zerreiße deine unverschämte Neuigkeiten. +Wollte Gott, daß ich ein gleiches mit deinem Eingeweide tun könnte! +Aber--(zu Anton) du nichtswürdige, unwissende Bestie! An alledem bist +du schuld! + +Anton. Ich, Herr Damis? + +Damis. Ja du! wie lange hast du nicht den Brief in der Tasche +behalten? + +Anton. Herr, meine Tasche kann weder schreiben noch lesen: wenn Sie +etwa denken, daß ihn die anders gemacht hat-- + +Damis. Schweig! Und solche Beschimpfungen kann ich überleben?--O ihr +dummen Deutschen! ja freilich, solche Werke, als die meinigen sind, +gehörig zu schätzen, dazu werden andre Genies erfordert! Ihr werdet +ewig in eurer barbarischen Finsternis bleiben und ein Spott eurer +witzigen Nachbarn sein!--Ich aber will mich an euch rächen und von nun +an aufhören, ein Deutscher zu heißen. Ich will mein undankbares +Vaterland verlassen. Vater, Anverwandte und Freunde, alle, alle +verdienen es nicht, daß ich sie länger kenne, weil sie Deutsche sind; +weil sie aus dem Volke sind, das ihre größten Geister mit Gewalt von +sich ausstößt. Ich weiß gewiß, Frankreich und Engeland werden meine +Verdienste erkennen-- + +Anton. Herr Damis, Herr Damis, Sie fangen an zu rasen. Ich bin nicht +sicher bei Ihnen; ich werde jemand rufen müssen. + +Damis. Sie werden es schon empfinden, die dummen Deutschen, was sie +an mir verloren haben! Morgen will ich Anstalt machen, dieses +unselige Land zu verlassen-- + + + + +Sechzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. Anton. + + +Anton. Gott sei Dank, daß jemand kömmt! + +Chrysander. Das verzweifelte Mädel, die Lisette! Und (zu Anton) du, +du Spitzbube! du sollst dein Briefträgerlohn auch bekommen, Mich so zu +hintergehen? schon gut!--Mein Sohn, ich habe mich besonnen; du hast +recht; ich kann dir Julianen nun nicht wieder nehmen. Du sollst sie +behalten. + +Damis. Schon wieder Juliane? Jetzt, da ich ganz andre Dinge zu +beschließen habe--Hören Sie nur auf damit; ich mag sie nicht. + +Chrysander. Es würde unrecht sein, wenn ich dir länger widerstehen +wollte. Ich lasse jedem seine Freiheit; und ich sehe wohl, Juliane +gefällt dir-- + +Damis. Mir? eine dumme Deutsche? + +Chrysander. Sie ist ein hübsches, tugendhaftes, aufrichtiges Mädchen; +sie wird dir tausend Vergnügen machen. + +Damis. Sie mögen sie loben oder schelten; mir gilt alles gleich. Ich +weiß mich nach Ihrem Willen zu richten, und dieser ist, nicht an sie +zu gedenken. + +Chrysander. Nein, nein; du sollst dich über meine Härte nicht +beklagen dürfen. + +Damis. Und Sie sich noch weniger über meinen Ungehorsam. + +Chrysander. Ich will dir zeigen, daß du einen gütigen Vater hast, der +sich mehr nach deinem als nach seinem eignen Willen richtet. + +Damis. Und ich will Ihnen zeigen, daß Sie einen Sohn haben, der Ihnen +in allen die schuldige Untertänigkeit leistet. + +Chrysander. Ja, ja; nimm Julianen! Ich gebe dir meinen Segen. + +Damis. Nein, nein; ich werde Sie nicht so erzürnen-- + +Chrysander. Aber was soll denn das Widersprechen? Dadurch erzürnst +du mich! + +Damis. Ich will doch nicht glauben, daß Sie sich im Ernste schon zum +drittenmal anders besonnen haben? + +Chrysander. Und warum das nicht? + +Damis. Oh, dem sei nun, wie ihm wolle! Ich habe mich gleichfalls +geändert und fest entschlossen, ganz und gar nicht zu heiraten. Ich +muß auf Reisen gehen, und ich werde mich, je eher, je lieber, +davonmachen. + +Chrysander. Was? du willst ohne meine Erlaubnis in die Welt laufen? + +Anton. Das geht lustig! Der dritte Mann fehlt noch, und den will ich +gleich holen. Damis will Julianen nicht, vielleicht fischt sie Valer. +(Gehet ab.) + + + + +Siebzehnter Auftritt + +Chrysander. Damis. + + +Damis. Ja, ja; in zweimal vierundzwanzig Stunden muß ich schon +unterwegens sein. + +Chrysander. Aber was ist dir denn in den Kopf gekommen? + +Damis. Ich bin es längst überdrüssig gewesen, länger in Deutschland +zu bleiben; in diesem nordischen Sitze der Grobheit und Dummheit; wo +es alle Elemente verwehren, klug zu sein; wo kaum alle hundert Jahr +ein Geist meinesgleichen geboren wird-- + +Chrysander. Hast du vergessen, daß Deutschland dein Vaterland ist? + +Damis. Was Vaterland! + +Chrysander. Du Bösewicht, sprich doch lieber gar: was Vater! Aber +ich will dir es zeigen: du mußt Julianen nehmen; du hast ihr dein Wort +gegeben und sie dir das ihrige. + +Damis. Sie hat das ihrige zurückgenommen wie ich jetzt das meinige; +also-- + +Chrysander. Also!--also!--Kurz von der Sache zu reden, glaubst du, +daß ich vermögend bin, dich zu enterben, wann du mir nicht folgest? + +Damis. Tun Sie, was Sie wollen. Nur, wann ich bitten darf, lassen +Sie mich jetzt allein. Ich muß vor meiner Abreise noch zwei Schriften +zustande bringen, die ich meinen Landsleuten, aus Barmherzigkeit, noch +zurücklassen will. Ich bitte nochmals, lassen Sie mich-- + +Chrysander. Willst du mich nicht lieber gar zur Tür hinausstoßen? + + + + +Achtzehnter Auftritt + +Valer. Anton. Chrysander. Damis. + + +Valer. Wie, Damis? ist es wahr, daß Sie wieder zu sich selbst +gekommen sind?--daß Sie von Julianen abstehen? + +Chrysander. Ach, Herr Valer, Sie könnten mir nicht ungelegener kommen. +Bestärken Sie ihn fein in seinem Trotze. So? Sie verdienten es +wohl, daß ich mich nach Ihrem Wunsche bequemte? Mich auf eine so +gottlose Art hintergehen zu wollen?--Mein Sohn, widersprich mir nicht +länger, oder-- + +Damis. Ihre Drohungen sind umsonst. Ich muß mich fremden Ländern +zeigen, die sowohl ein Recht auf mich haben als das Vaterland. Und +Sie verlangen doch nicht, daß ich eine Frau mit herumführen soll? + +Valer. Damis hat recht, daß er auf das Reisen dringt. Nichts kann +ihm, in seinen Umständen, nützlicher sein. Lassen Sie ihm seinen +Willen, und mir lassen Sie Julianen, die Sie mir so heilig versprochen +haben. + +Chrysander. Was versprochen? Betrügern braucht man sein Wort nicht +zu halten. + +Valer. Ich habe es Ihnen schon beschworen, daß einzig und allein +Lisette diesen Betrug hat spielen wollen, ohne die wir von dem +Dokumente gar nichts wissen würden.--Wie glücklich, wann es nie zum +Vorschein gekommen wäre! Es ist das grausamste Glück, das Julianen +hat treffen können. Wie gern würde sie es aufopfern, wenn sie dadurch +die Freiheit über ihr Herz erhalten könnte. + +Chrysander. Aufopfern? Herr Valer, bedenken Sie, was das sagen will. +Wir Handelsleute fassen einander gern bei dem Worte. + +Valer. Oh, tun Sie es auch hier! Mit Freuden tritt Ihnen Juliane das +Dokument ab. Fangen Sie den Prozeß an, wenn Sie wollen; der Vorteil +davon soll ganz Ihnen gehören. Juliane hält dieses für das kleinste +Zeichen ihrer Dankbarkeit. Sie glaubt Ihnen noch weit mehr schuldig +zu sein.-- + +Chrysander. Nu, nu, sie ist mir immer ganz erkenntlich +vorgekommen--Aber was würden Sie denn, Valer, als ihr künft'ger Mann, +zu dieser Dankbarkeit sagen? + +Valer. Denken Sie besser von mir. Ich habe Julianen geliebt, da sie +zu nichts Hoffnung hatte. Ich liebe sie auch noch, ohne die geringste +eigennützige Absicht. Und ich bitte Sie: was schenkt man denn einem +ehrlichen Manne, wenn man ihm einen schweren Prozeß schenkt? + +Chrysander. Valer, ist das Ihr Ernst? + +Valer. Fordern Sie noch mehr als das Dokument; mein halbes Vermögen +ist Ihre. + +Chrysander. Da sei Gott vor, daß ich von Ihrem Vermögen einen Heller +haben wollte! Sie müssen mich nicht für so eigennützig ansehen.--Wir +sind gute Freunde, und es bleibt bei dem alten: Juliane ist Ihre! Und +wenn das Dokument meine soll, so ist sie um so viel mehr Ihre. + +Valer. Kommen Sie, Herr Chrysander, bekräftigen Sie ihr dieses selbst! +Wie angenehm wird es ihr sein, uns beide vergnügt machen zu können. + +Chrysander. Wenn das ist, Damis; so kannst du meinetwegen noch heute +die Nacht fortreisen. Ich will Gott danken, wenn ich dich Narren +wieder aus dem Hause los bin. + +Damis. Gehen Sie doch nur, und lassen Sie mich allein. + +Valer. Damis, und endlich muß ich Ihnen doch noch mein Glück +verdanken? Ich tue es mit der aufrichtigsten Zärtlichkeit, ob ich +schon weiß, daß ich die Ursache Ihrer Veränderung nicht bin. + +Damis. Aber die wahre Ursache?--(Zu Anton.) Verfluchter Kerl, hast du +dein Maul nicht halten können?--Gehen Sie nur, Valer-- + +(Indem Chrysander und Valer abgeben wollen, hält Anton Valeren zurück.) + +Anton (sachte). Nicht so geschwind! Wie steht es mit Lisettens +Ausstattung, Herr Valer? und mit-- + +Valer. Seid ohne Sorgen; ich werde mehr halten, als ich versprochen +habe. + +Anton. Juchhe! nun war die Taube gefangen. + + + + +Letzter Auftritt + +Damis (an seinem Tische). Anton. + + +Anton. Noch ein Wort, Herr Damis, habe ich mit Ihnen zu reden. + +Damis. Und?-- + +Anton. Sie wollen auf Reisen gehen?-- + +Damis. Zur Sache! es ist schon mehr als ein Wort. + +Anton. Je nun! meinen Abschied. + +Damis. Deinen Abschied? Du denkst vielleicht, daß ich dich +ungelehrten Esel mitnehmen würde? + +Anton. Nicht? und ich habe also meinen Abschied? Gott sei Dank! +empfangen Sie nun auch den Ihrigen, welcher in einer kleinen Lehre +bestehen soll. Ich habe Ihre Torheiten nun länger als drei Jahr +angesehen und selber alber genug dabei getan, weil ich weiß, daß ein +Bedienter, wenn sein Herr auch noch so närrisch ist-- + +Damis. Unverschämter Idiote, wirst du mir aus den Augen gehen? + +Anton. Je nun! wem nicht zu raten steht, dem steht auch nicht zu +helfen. Bleiben Sie zeitlebens der gelehrte Herr Damis! (Gehet ab.) + +Damis. Geh, sag ich, oder!-- + +(Er wirft ihm sein Buch nach, und das Theater fällt zu.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der junge Gelehrte, von Gotthold +Ephraim Lessing. + + + + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER JUNGE GELEHRTE *** + +This file should be named 8jngg10.txt or 8jngg10.zip +Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8jngg11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8jngg10a.txt + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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