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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/9049-8.txt b/9049-8.txt new file mode 100644 index 0000000..55c354f --- /dev/null +++ b/9049-8.txt @@ -0,0 +1,4621 @@ +The Project Gutenberg EBook of Libussa, by Franz Grillparzer + +Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the +copyright laws for your country before downloading or redistributing +this or any other Project Gutenberg eBook. + +This header should be the first thing seen when viewing this Project +Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the +header without written permission. + +Please read the "legal small print," and other information about the +eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is +important information about your specific rights and restrictions in +how the file may be used. You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Libussa + Trauerspiel in fuenf Aufzuegen + +Author: Franz Grillparzer + +Release Date: October, 2005 [EBook #9049] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on September 1, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: ISO Latin-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LIBUSSA *** + + + + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + + + + +This Etext is in German. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +LIBUSSA + +von FRANZ GRILLPARZER + +Trauerspiel in fünf Aufzügen + + +Personen: + +Kascha, Tetka und Libussa, Schwestern +Primislaus +Domeslav, Lapak und Biwoy, Wladiken +Wlasta, Dobromila, Swartka, Slawa und Dobra, Dienerinnen der Schwestern +Ein Weib mit einem Kinde +Landleute +Gewaffnete +Diener + + + + +Erster Aufzug + +Offner Platz im Walde. Rechts im Vorgrunde eine Hütte. Daneben brennt +ein Feuer. + + +Primislaus (an der Tür der Hütte horchend). +Bist du schon fertig? + +Libussa (von innen). +Nein. + +Primislaus (nach vorn kommend). +Ihr Götter! +Ist es denn wahr? und ist es wirklich so? +Daß ich im Walde ging, längshin am Gießbach, +Und nun ein Schrei in meine Ohren fällt, +Und eines Weibes leuchtende Gewande, +Vom Strudel fortgerafft, die Nacht durchblinken. +Ich eile hin und fasse sie, und trage +Die süße Beute, laue Tropfen regnend, +Hierher; und sie erholt sich, und ich löse +Die goldnen Schuhe selbst ihr von den Füßen, +Und breit ins Gras den schwergesognen Schleier, +Und meine Hütt' empfängt den teuern Gast. +Glückselige, ihr meiner Schwester Kleider, +Die sie getragen und mir sterbend ließ, +Ihr werdet dieser Hohen Leib umhüllen, +Und näher sie mir zaubern, die so fern. + +Libussa (in ländlicher Tracht aus der Hütte tretend). +Hier bin ich, und verwandelt wie du siehst. +Des Bauern Kleider hüllen minder warm nicht +Als eines Fürsten Rock; insoweit, merk ich, +Sind sie sich gleich. + +Primislaus. Du Hohe, Herrliche! +Wie zierst du diese ländlich niedre Tracht! +Das Bild der Schwester, die mir kaum entschwand, +Es tritt in dir neu atmend mir entgegen, +Dasselbe Bild, doch lieblicher, gewiß. + +Libussa. Auch für die Kleider Dank! du mein Erretter! +Wenn Rettung ja wo die Gefahr nicht groß. +Ich half mir selbst, glaub nur! erschienst du nicht. +Doch nun erfülle ganz dein schönes Wort +Und bring mich zu den Meinen wie du wolltest. + +Primislaus. Dein edler Leib, bedarf er nicht der Ruh? + +Libussa. Ich hab geruht, nun ruft mich ein Geschäft. + +Primislaus. Bei dem ein Helfer dich nicht fördert? + +Libussa. Nein. + +Primislaus. Du hast den Ort bezeichnet, der dein Ziel. +Geleiten sollt' ich zu drei Eichen dich, +Die auf dem Hügel stehn am Weg nach Budesch. +Ist dort dein Haus? + +Libussa. Dort nicht. + +Primislaus. Vielleicht von da aus +Erkennst du selbst den Weg? + +Libussa. So ist's. + +Primislaus. Und ich +Soll dort dem Ungefähr dich übergeben, +Das niemals wohl uns mehr zusammenführt? + +Libussa. Der Menschen Wege kreuzen sich gar vielfach +Und leicht begegnet sich Getrennter Pfad. + +Primislaus. Du bist kein Weib um das man werben könnte? + +Libussa. Du hast's erraten. + +Primislaus. Und, verbeut's dein Stand, +Sind's andre Gründe, die's verbieten? + +Libussa. Beides. +Nun noch einmal: gedenke deines Worts +Und führe mich aus dieses Waldes Schlünden +Zum Ziele meines Weges, das du kennst. + +Primislaus. Wohl, du gebeutst und ich muß dir gehorchen. +Dort angebunden steht mein wackres Roß, +Gefällt's dir, so besteig es, und ich leite +Am Zügel es den Trennungs-Eichen zu. +Den Trennungs-Eichen! Wohl für immer. Sei's denn! +Dein Schmuck liegt hier im Grase rings verstreut. +Der Schleier da, die goldnen Schuhe hier, +Des Gürtels reiche Ketten aufgesprengt +Und in zwei Stücken ein so schönes Ganze. +Ich samml' es dir und trag es dienend nach, +Bis an dem Ort der Trennung du's erhältst. +Und kehr ich wieder in die heim'sche Hütte +Ist deines Daseins jede Spur verweht, +Das Gras selbst wo du tratest, es ersteht, +Und wie ein Träumender nach seines Traums Entschwinden, +Frag ich mich selbst: wie war's? und weiß mich nicht zu finden. +Komm denn! + +Libussa. Noch eins vorerst, das ich vergaß. +(Sie geht in die Hütte.) + +Primislaus. Ich will ein Zeichen nehmen meiner Tat, +Daran ich sie, sie mich dereinst erkennt, +Denn sie verhehlt, ich seh's, mit Fleiß ihr edles Selbst. +Des Gürtels goldnen Ketten eingefügt +Seh ich ein Kleinod, wohl nicht reich zumeist, +Allein beprägt mit Bildern und mit Sprüchen; +Das lös ich los und wahre mir's als Pfand, +Das Namen mir enthüllt und Stamm und Haus und Stand. +(Er steckt das Kleinod in den Busen und sammelt Libussens übriges Geräte.) + +(Libussa kommt zurück, ein Körbchen mit Kräutern tragend.) + +Libussa. Sieh mich zurück! + +Primislaus. Und mich bereit. + +Libussa. Wohlan! +Wo ist dein Pferd? + +Primislaus. Sieh, dort! + +Libussa. So komm! + +Primislaus. Mit Gott! + +(Sie gehen. Primislaus Libussas Gewande tragend.--Pause. Dann kommt +Wlasta mit einem Jagdspieße bewaffnet, von der linken Seite.) + +Wlasta. Und nirgends Menschen?--Doch! Hier eine Hütte. +(An die Türe schlagend.) +Ihr drin im Hause!--Keine Antwort? +(Nachdem sie die Türe geöffnet.) + Leer! +Und wieder keine Spur und keine Kunde. + +(Dobromila tritt im Hintergrunde auf.) + +Wlasta. Wer schreitet dort? + +Dobromila. Hallo! Libussas Mägde! + +Wlasta. Libussas Mägde hier! + +Dobromila. Bist du's, o Wlasta? + +Wlasta. Ich bin's. Suchst du die Fürstin? + +Dobromila. Wohl, Libussa. + +Wlasta. Und keine Spur? + +Dobromila. Noch keine. Einsam ging sie, +Nach Kräutern suchend für den kranken Vater, +Von Psary aus, dem Schloß, gen Budesch zu, +Und ward nicht mehr gesehn. + +Wlasta. Wie lebt der Fürst? + +Dobromila. Er lebt wie einer, der zu leben aufhört, +Ich fürchte bald, er stirbt. + +Wlasta. Ei, seine Töchter, +Gar hoch erfahren in geheimer Kunst, +Sie hindern wohl sein Ende. + +Dobromila. Ach, die Kunst, +Sie endet auch, oft eh' man noch am Ende. +Komm, laß uns jetzt nach Budesch, und im Gehn +Erheben wir die Stimme Zeichen gebend, +Vielleicht vernimmt's die Fürstin und erscheint. + +Wlasta. Hier läuft ein Pfad. Du rechts, ich links ins Dickicht +Und ausgeruft: Libussas Mägde, ho! + +Dobromila (schon außer der Szene). + Libussa! + +(Beide ab.) + + + +---------------- + +Schloß der Schwestern auf Budesch. + +Innerer Hof. Links ein Teil der Wohngebäude mit einer Pforte. Der +Hintergrund durch eine wallartige Terrasse geschlossen mit einem großen +Eingangstor. Oben sitzt Swartka. Links nach vorn Dobra an einem Tische, +auf dem ein aufgeschlagenes großes Buch liegt. Ein großer eherner +Leuchter mit brennendem Licht steht neben ihr. + +Dobra. Was ist die Zeit? + +Swartka. Längst Mitternacht vorüber. +Die Sterne gehen scharenweis zur Ruh +Und ein Gebilde schwindet nach dem andern. +Den Reihen führt der flammende Arktur, +Die Krone sinkt am Himmel und der Adler +Lenkt nach den Bergen seinen müden Flug. + +Dobra (in dem Buche nachsehend). +O weh, o weh! + +Swartka. Was klagst, was jammerst du? + +Dobra. Wenn Mars und Jupiter sich so begegnen +Ist das die Stunde, die dem Leben droht. +Weh, Herzog Krokus, wenn du ja noch lebst. +Welch Sternbild glänzt zuhöchst? + +Swartka. Ob meiner Scheitel +Spannt seine Flügel aus der helle Schwan, +Ein Erbe recht der Sterne, welche gingen, +Und wie geschlagne Saiten zitternd klingen +Kommt an mein Aug' der Leier Strahl heran. + +Dobra. O mög' es gute Vorbedeutung sein +Für meiner Frauen Zukunft. Doch davon +Schweigt dieses Buch. + +Swartka. Fuchs, Fisch und Eidechs drängen +Die niedre Form dem edlen Vogel nach, +Die kluge Schlange droht mit fahlem Blinken, +Und auf dem Pfad der königlichen Sterne +Folgt namenloses Volk zu weiter Ferne. + +Dobra. Laß nun genug sein, Swartka! Komm herab! +Es wachen Kascha noch und Tetka oben +In ihrer Kammer. Laß zu ihnen uns, +Sie werden ihrer Diener Eifer loben. + +Swartka. Ich komme. Harre noch! +(Sie steigt herab.) + +(Es wird ans Tor geschlagen.) + +Von außen. Macht auf! Macht auf! + +Dobra. Wer lärmt? + +Von außen. Macht auf um aller Götter willen! + +Dobra. Geh Swartka hin und öffne nur das Tor! +Der Lärm tut's an Gewicht dem Anlaß wohl zuvor. + +(Durchs geöffnete Tor dringen Domaslav, Biwoy, Lapak herein. +Volk hinter ihnen.) + +Domaslav. Wo sind die Fürstinnen? bring mich vor sie! + +Dobra. Sie wachen noch, doch zeigen sie sich nie. + +Lapak. Auch nicht dem Bringer wichtig schwerer Kunde? + +Dobra. Das Wicht'ge wiegt nicht gleich in dein', in ihrem Munde. + +Domaslav. Doch frommt es uns, es frommt dem ganzen Land. + +Dobra. Ob's ihnen selber frommt, blieb dir wohl unbekannt. + +Biwoy. So hebt die Stimme, schlaget an die Schilde, +Sie müssen uns vernehmen, sei's mit Zwang. + +Dobra. Am Tor der Einsicht tobt und lärmt der Wilde, +Hört er am liebsten doch der eignen Worte Klang. + +Lapak. So wisse denn: der Fürst, der uns gebot, +Der Böhmen Herr und deiner Frauen Vater, +Fürst Krokus lebt nicht mehr. + +Dobra. Ihr Götter! tot? + +Lapak. Des Landes Hort, sein Schirmer und Berater +Starb diese Nacht. + +Dobra. So ist sie wahr gewesen +Die Kunde, die mein Aug' in Sternenschrift gelesen? +Fürst Krokus tot! + +Biwoy. Du siehst, der Grund genügt, +Daß man den Schlummer stört, in dem ein Weib sich wiegt. + +Dobra. Sie schlummern nicht, doch wenn in Schlaf versenket, +Ihr Träumen acht ich mehr als was ihr andern denket. + +Biwoy. Nun wohl, so rüttl' ich selber an der Tür, +Wenn sie zu uns nicht, wohl, komm ich zu ihr. + +(Er geht auf die Türe zu. Diese öffnet sich und Tetka und Kascha treten +heraus. Erstere eine offene Rolle in der Hand, die zweite das Haupt +nachdenklich gesenkt. Alle weichen ehrerbietig zurück.) + +Kascha. Ich sage dir: es war um Mitternacht +Da ging er heim und segnete das Leben; +Hätt' ich der Zeichen Widerstreit bedacht, +Vielleicht war's Zeit ihm Fristung noch zu geben. + +Tetka. Libussa war bei ihm. + +Kascha. Fast glaub ich: Nein. +Ihr Platz ist dunkel in den sonn'gen Kreisen. + +Tetka. Wo blieb sie sonst? + +Kascha. Bald wird mir's klarer sein. +Die nächste Stunde muß ihr Handeln weisen. +Gab sie ihm jenen Trank, den du wohl kennst, +Gepreßt von Kräutern, die die Wälder bieten, +Vielleicht starb er noch nicht. + +Tetka. Daß es nicht möglich ist, +Die Krankheit aufzuhalten, ja den Tod +Durch Vorsatz und Entschluß! Kann einer sterben +Weil er nicht leben will; warum nicht leben +Weil er dem Tod sich weigert? Könnte Schwäche +So viel, und Stärke nichts? Stand ich am Bette +Des Vaters, und erinnerte ihn dran +Wie vielen fromme, daß er länger lebe, +Er sah dem Tod ins Aug' und starb noch nicht. + +Kascha. Wie gerne bot sich heilend meine Kunst. + +Tetka. Ich ehre deine Kunst, weil du sie denkest, +Doch hilft sie dem nur der wie du gedacht. +Wenn du den Kranken mit dem Besten tränkest, +Er stirbt, hält er für Gift was du gebracht. +Als Krücke mag es sein daß sie noch leiste +Für schwache Seelen, die am Willen krank, +In Wahrheit hilft doch nur der Geist dem Geiste, +Er ist der Arzt, das Bette und der Trank. +Wenn ich mich über unsern Vater neigte +Und ihm die Sprüche alter Weisheit las, +Der Seinen Not, der Feinde Scheelsucht zeigte, +Er faßte neuen Mut und er genas. + +Kascha. Nun aber ist er tot, wir sind verwaist. + +Tetka. Bist du verwaist? ich nicht. Ich seh ihn noch, +Nicht wie zuletzt in seiner Schwachheit Banden. +Ehrwürd'ger Greis, war Greis er immer doch, +Mir ist er als ein Jüngling auferstanden. + +Lapak (näher tretend). +Erhabne Fürstinnen! + +Kascha. Was ist? + +Tetka. Was sucht, was wollt ihr? + +Domaslav. Die Nachricht euch zu bringen sind wir da-- + +Kascha. Wir haben es gewußt, bevor es noch geschah. + +Tetka. Als ihr noch hofftet, zagtet, dies und das gemeint, +Da war es uns bekannt, da haben wir's beweint. + +Lapak. Wenn nun der Tod den besten Fürsten schlug-- + +Kascha. Zu gut für euch, für uns nicht gut genug. +Denn sorgt' er nicht um euch, und dacht' er an die Seinen, +Ihr lebtet wüst wie vor, wir brauchten nicht zu weinen. + +Tetka. Weil euer Trutz vergällt ihm jeden Tag, +Gab er dem Kummer sich und welkte hin, erlag. + +Domaslav. Wenn's nun auch so, und wenn die Sorg' um uns +Beschwert sein Leben, gar es ihm geraubt, +Laßt das uns nicht entgelten, hohe Frauen, +Belohnt, mit dem wir nahn, das kindliche Vertrauen, +Vollendet was begann des Vaters hohes Haupt. + +Lapak. Die Krone die er trug, dies Land, sein Reich +Verschmäht sie nicht und nehmt, wählt eine unter euch. + +Domaslav. Ihr stammet, wissen wir, von höhern Mächten, +Wir sind ein dunkles Volk, unkundig in den Rechten; +Der Stab, der in Fürst Krokus Händen lag, +Wer, als sein eignes Blut, zu halten ihn vermag? + +Alle (auf die Knie sinkend). +Nehmt unsre Krone! Wählet! Kascha, du! + +Kascha. + Unter Sternen schweif ich, + In der Tiefe walt ich; + Was Natur vermag und kann + Ist mir willig untertan. + Das Leblose lebt, + Des Lebend'gen Dasein ist Tod. + Ich mag nicht herrschen über Leichen, + Geht zu andern mit euern Reichen, + Was ist mir gemein mit euch? + +Lapak. So nimm denn Tetka du dich unser an! + +Tetka. + Was sein soll ist nur Eins, + Was sein kann ist ein Vieles, + Ich aber will sein einig und Eins. + Nutzen und Vorteil zählen, + Aus Wahrheit und Lüge wählen, + Recht erdenken das kein Recht, + Dafür sucht einen Sündenknecht. + Mein sonnig Reich strahlt hellres Licht, + Von mir! Ich mag eure Krone nicht! + +Lapak. So laßt ihr uns denn hilflos und verwaist! +Wo ist Libussa eure jüngste Schwester? + +Tetka. Sie ist nicht heim. Allein, wenn auch zu Hause, +Sie folgt euch nicht. + +Domaslav. Laßt uns es doch versuchen. + +Tetka. Ich sag euch, sie verweigert's. + +Lapak. Gut. Doch hören, +Anhören soll sie uns. Erlaubt zu harren. + +Kascha. Seht ihr so gern noch einmal euch verschmäht, +So wartet bis sie naht. Geht dort hinein! +Ihr aber gebt was sie am meisten lockt,' +Gebt ihnen Speis' und Trank, und damit gut. + +Domaslav. Wir nehmen unsern Urlaub, hohe Frauen. + +Kascha. Gehabt euch wohl! Und, wenn nicht eure Fürstin, +Bin ich euch Freundin doch. + +(Die Abgeordneten werden durch eine Pforte links abgeführt.) + + Nun aber ihr! +Stellt euch ringsum, senkt eure düstern Schleier, +Und feiert still und trauernd das Gedächtnis +Des edlen Manns, der unsern Kreis verließ. + Nacht um uns und Dunkel, + Damit in uns es Licht! + +(Alle verhüllen sich, die Szene verwandelt sich.) + + + +---------------- + +Kurze Waldgegend. Es ist noch dunkel. + +Primislaus tritt auf, ein weißes Roß am Zügel führend, auf dem +Libussa sitzt. + +Primislaus. Hier ist der Ort, den du mir hast bezeichnet. +Der Weg nach Budesch dies, dies die drei Eichen, +Gelöst hab ich mein Wort. + +Libussa. Sei drum bedankt. + +Primislaus. Nun soll ich von dir scheiden, dich verlassen, +Dich nie mehr wiedersehn vielleicht? + +Libussa. Vielleicht. + +Primislaus. Du bist kein Weib um das man werben könnte? + +Libussa. Ich hab es schon verneint. + +Primislaus. Träf' ich dich wieder, +Je wieder, glaub, ich würde dich erkennen, +Wär's unter Tausenden. Doch du auch mich? +Im Dunkel fand ich dich, im Dunkel scheid ich. +Gib mir ein Zeichen dran du mich erkennst +Wenn ich dich wiederseh. + +Libussa. Es ist nicht nötig. + +Primislaus. Doch wenn rückkehrend ich in meine Hütte +Ein Kleinod fände das dir angehört? + +Libussa. Bring es hierher, ich werde darnach senden +Und lös es gern um Gold und jeden Preis. + +Primislaus. Für mich ist Gold kein Preis. So laß uns scheiden! +Dein Schleier und die schimmernden Gewande, +In denen ich den Fluten dich entriß, +Hier eingebunden trägt's des Pferdes Rücken. +Nur eine Kette noch, es war dein Gürtel, +Der unter meiner Retterhand zerstückt, +Doch fügt' ich neu die goldnen Hakenglieder, +Neig mir dein Haupt und trag den neuen Schmuck. + +(Libussa senkt ihr Haupt, er hängt ihr die Kette um den Hals.) + +So zier ich dich du Schöne, Hehre, Hohe; +Für wen? ich weiß nicht; ist's doch nicht für mich. +Und so leb wohl! + +Libussa. Auch du! + +Primislaus. Nur noch drei Schritte. +Dort teilt, von selber kennbar, sich der Weg +Und leicht gelangst du wieder zu den Deinen, +Wenn du den Waldpfad rechts nur sorglich meidest, +Die du, ein Märchen, kamst, und eine Wahrheit scheidest. +(Das Pferd leitend.) +Vertrau dem Pferd, es trägt dich gut und sicher. + +(Beide ab.) + + + +---------------- + +Vorhof auf dem Schloß der Schwestern. + +Kascha, Tetka und ihre Jungfrauen in derselben Stellung wie am Schluß +der vorletzten Szene. + +Kascha. Das Totenopfer ist nach Recht vollbracht, +Nun laßt uns sorgen für die Lebenden. + +(Alle erheben sich.) + +Libussa ist nicht hier. Auch war sie, scheint es, +Bei unsers Vaters Tode nicht. + +Swartka. So ist's. + +Kascha (zu Tetka). +Was sagt der Geist in dir? + +Tetka. Er schweigt. Nur dunkel +Ertönt es wie von Not und Fährlichkeit. + +Kascha (die starr auf den Boden gesehen hat.). +Sie ist in jener Lagen einer, spricht's mir, +Aus denen Glück und Unglück gleich entsteht, +Am Scheideweg von Seligkeit und Jammer. +Horch! Spricht ein Mann? + +Tetka. Wo? + +Kascha. Nein, Libussa spricht. +Allein sie ist begleitet. + +Tetka. Wie auch immer! +Sie sei gefunden und ihr Heil bewahrt. +Die Diener sendet aus, die Männer alle +Mit Leuchten, Fackeln in den dunkeln Wald. +Ihr andern aber steigt dort auf die Zinnen! +Die Opferpauke tön', ein fernes Zeichen, +Dem Ohr der Irrenden bekannter Schall. +Und alle ruft: Libussa. Auf! + +Die Mädchen (zum Teile den Wall hinaneilend). + Libussa! + +(Der Ton eines fernen Horns wird gehört. Alle stehen unbeweglich.) + +Dobra. Das sind sie; ja, Libussens Mägde. Wlasta +Und Dobromila auf der Herrin Spur. + +Tetka (heftig). +Libussa, hier! + +(Der Ton des Horns etwas näher.) + + Sie ist's. Tut auf die Pforten +Und eilt entgegen ihr mit Licht und Beistand. + +(Man öffnet. Einige gehen hinaus, andere bleiben in der Brüstung des +Tors stehen, darunter Swartka.) + +Swartka. Sie kommt, und hoch zu Roß. Und Wlasta, Dobromila +Begleiten sie und blasen in ihr Horn. + +(Libussa wird in der Torbrüstung sichtbar. Sie hat einen weißen Mantel +übergeworfen und ein Federbarett auf dem Kopfe. Wlasta und Dobromila +gewaffnet hinter ihr.) + +Libussa. Führt nur das Pferd zurück zu den drei Eichen, +Und trefft ihr einen Mann, stellt's ihm zurück. + +(Eine Jungfrau geht.) + +Wart ihr besorgt? + +Tetka. Wie sehr! + +Kascha. Ich nicht, ich wußte +Du kamst. + +Libussa. Doch lag einmal die Sorge nah. +Im Wald verirrt, nicht Wegesspur, noch Führer, +Ein Gießbach wollte sich das Ansehn geben +Als sei er fürchterlich. Da kam mir Hilfe. +(Vor Tetka tretend und ihr ins Auge blickend.) +Doch unser Vater, gelt! + +Tetka. Ja wohl. + +Libussa (an ihrem Halse). + O meine Schwester! +Und ich war fern! + +Tetka. Wie kam's? + +Libussa (sich aufrichtend). + In all der Zeit +Als ich an seinem Bette saß und wachte, +Da schwebte vor den Augen des Gemüts, +Hatt' ich's gehört nun, oder wußt' ich's sonst, +Das Bild mir einer Blume, weiß und klein, +Mit siebenspalt'gem Kelch und schmalen Blättern; +Die gib dem Vater, sprach's, und er genest. +In feuchten Gründen, schien es, wachse sie, +Das Tal von Budesch mußt' ich immer denken. +Da nahm ich Korb und Griffel und ging hin. +Ich suchte und er starb. Solang ich lebe +Will büßen ich die unfreiwill'ge Schuld, +Und dies mein Aug', es sei vom heut'gen Tag +Geweiht den Tränen um den Edlen, Guten. + +Tetka (sie umarmend). +Ja wohl Libussa, Trauer sei und Klage +Geschäft uns und Erholung allen Drei'n. + +Kascha. Sag Zwei'n. + +Libussa (gereizt). +Warum? Wen schließest du nur aus? + +Kascha. Die, welcher obliegt mehr als ihn beklagen: +Zu folgen ihm in seiner harten Pflicht. +Des Czechenvolkes Erste sind im Schloß; +Sie fordern von Fürst Krokus Töchtern eine +Als Herzogin für das verwaiste Land. + +Libussa. Nehmt ihr's, ich nicht! + +Kascha. So sprachen wir schon beide. +Doch sähe gern der Vater unvollendet +Was er für dieses dunkle Volk getan? +Und heißt es sein Gedächtnis hoch nicht ehren, +Fortsetzen, wenn auch schwach, was er begann? + +Libussa. Doch welche nimmt's? + +Kascha. Laßt denn das Los entscheiden. + +Libussa. Wie nur? + +Kascha. So hört was ich mir ausgedacht. +Uns jeder gab der Vater, der nun tot, +Am Jahrestag von unsrer Mutter Scheiden +Ein kostbar Kleinod mit der Eltern Bild +In halberhobner Arbeit dargestellt, +Als Gürtel eingefaßt in goldne Spangen. +Und da die Zierde gleich, so sagt der Name +Der Eignerin mit Sorgfalt eingeprägt: +Libussens bin ich, Tetkas oder Kaschas. +Die Gürtel nun, des Vaters letzte Gabe +Und geistiges Vermächtnis noch dazu-- +Sprach er doch ja: so oft ihr sie vereint, +Will ich im Geist bei euch sein und mit Rat-- +Laßt legen uns in diese Opferschale. +Tetka, die Ernste, trete dann hinzu +Und deren Namen, blind sie greifend, faßt, +Die ist befreit, und also auch die Zweite. +Der Dritten Gürtel wird zum Diadem +Sie folgt, ob ungern, in die Fürstenwohnung. +Seid ihr's zufrieden? + +Libussa (Barett und Mantel abgebend und in Bauerntracht dastehend). + Wohl. + +Tetka. Libussa, du? +Wie sonderbar gekleidet. + +Libussa (sich betrachtend). + Sonderbar? +Vergaß ich's doch beinah! Je, gute Tetka, +Der Zufall kommt und meldet sich nicht an, +Auftauchend ist er da; und wohl uns, wenn beim Scheiden +Er äußerlich verändert nur uns läßt. +Das Kleid ist warm, und also lieb ich es. + +Tetka. Doch wir--? + +Libussa (das Geschmeide vom Halse nehmend). + Hier ist mein Gürtel. + +Tetka (ihren Gürtel ablösend). + Hier der meine. + +Kascha (Libussens Geschmeide nehmend). +Am Hals? + +Libussa. Und doch er selbst, wie ich dieselbe. + +Kascha. Das ist dein Gürtel nicht. + +Libussa. Wie wäre das? + +Kascha. Die Ketten wohl; allein der Mutter Bildnis, +Das Mittelkleinod fehlt mit deinem Namen, +O Unbesonnene! + +Libussa. Was schmähst du mich? + +(Die abgesendeten Jungfrauen kommen zurück.) + +Dobromila. Wir waren, hohe Frau, bei den drei Eichen, +Wie du befahlst, und suchten jenen Mann. +Doch kam er nicht und war nicht aufzufinden. + +Libussa. Nun, es ist gut. (Vor sich hin.) Das hat mir der getan! + +(Die Jungfrauen ziehen sich zurück.) + +Kascha. Die Nacht im Wald, in Bauerntracht gehüllt, +Verloren deines Vaters Angedenken. + +Libussa. Mein Vater lebt, ein Lebender, in mir, +So lang ich atme lebt auch sein Gedächtnis. + +Kascha. Die Liebe knüpft sich gern an feste Zeichen, +Der Leichtsinn liebt was schwankend so wie er. + +Libussa. Mit einem Wort löst' ich die Rätsel leicht, +Doch würdet ihr's entstellen und verkehren. +Drum halt nur was du weißt, mein sichres Herz! + +Kascha (Libussas Geschmeide hinwerfend). +Der Kreis getrennt. Du kannst mit uns nicht losen. + +Libussa (auf deren Wink eine Jungfrau das Geschmeide aufhebt). +Nicht losen? Und wer weiß, ob ich's auch will? +Ein Schritt aus dem Gewohnten, merk ich wohl, +Er zieht unhaltsam hin auf neue Bahnen, +Nur vorwärts führt das Leben, rückwärts nie. +Ich soll nicht losen? Und ich will es nicht. +Wo sind die Männer aus der Czechen Rat? +Den Vater will ich ehren durch die Tat, +Mögt ihr das Los mit dumpfen Brüten fragen: +Ich will sein Amt und seine Krone tragen. + +Tetka. Libussa, oh! + +Kascha. Hör erst auf mich, Libussa! +Wenn ich gekränkt dich mit zu raschem Wort-- + +Libussa. Du kränktest mich nicht mehr, ich seh's, als dich. +Doch was ich sprach, es bleibt. Mein Wort ein Fels. +Und mag ich's nur gestehn! Denk ich von heut +Mich wieder hier in eurer stillen Wohnung +Beschäftigt mit--weiß ich doch kaum womit-- +Mit Mitteln zu den Mitteln eines Zwecks, +Mit Mond und Sternen, Kräutern, Lettern, Zahlen, +Dünkt's allermeist einförmig mir und kahl. +Dies Kleid es reibt die Haut mit dichtern Fäden +Und weckt die Wärme bis zur tiefsten Brust +Mit Menschen Mensch sein dünkt von heut mir Lust, +Des Mitgefühles Pulse fühl ich schlagen, +Drum will ich dieser Menschen Krone tragen. + +Heraus Wladiken! Czechenvolk heraus! + +Die Jungfrauen (rufen). +Libussa Herzogin! Der Böhmen Fürstin! + +(Domaslav, Biwoy, Lapak und die übrigen Abgeordneten aus der Pforte links.) + +Domaslav. Täuscht unser Ohr und hörten wir genau? +Erkürt der Böhmen Fürstin, unsre Frau? +Und welche will--? + +Libussa. Hier ist von Wollen nicht, +Von Müssen ist die Rede und von Pflicht. +Und da nun eine muß aus unsrer Zahl, +So will ich und begebe mich der Wahl. + +Lapak. Libussa, du? + +Libussa. Die Jüngste aus dem Kreise +Und minder gut vielleicht als sie und minder weise, +Auf ihnen würde Hohes gut beruhn; +Doch handelt sich's um irdisch niedres Tun, +Wo zu viel Einsicht schädlich dem Vollbringen, +Fernsichtigkeit geht fehl in nahen Dingen. +Wenn nun des Vaters Geist auf mir beruht, +So fügt sich's wie es kann und, hoff ich, gut. +Seid ihr's zufrieden? + +Die Abgeordneten (kniend). +Hoch Libussa, hoch! +Der Böhmen Herzogin, der Czechen Fürstin! + +Libussa. Steht auf! sind's diese nicht und dieser Ort +Was euch zu Boden zieht. Doch hört mein Wort. +Es hielt euch fest des Vaters strenge Rechte +Und beugt' euch in heilsam weises Joch. +Ich bin ein Weib und, ob ich es vermochte, +So widert mir die starre Härte doch. +Wollt ihr nun mein als einer Frau gedenken, +Lenksam dem Zaum, so daß kein Stachel not, +Will freudig ich die Ruhmesbahn euch lenken, +Ein überhörtes wär' mein letzt' Gebot. +So wie ich ungern nun von hinnen scheide, +Lenkt' ich zurück dann meinen müden Lauf +Und träte bittend zwischen diese beide; +Ihr nähmet, Schwestern, mich doch wieder auf? + +Kascha. Wenn du's noch kannst, von Irdischem umnachtet. + +Tetka. Wer handelt geht oft fehl. + +Libussa. Auch wer betrachtet! + +Domaslav. Nicht fruchtlos sollst du, zweimal nicht uns mahnen, +Nimm unsern Schwur darauf und unsrer Untertanen. + +Libussa. Dies letzte Wort, es sei von euch verbannt, +In Zukunft herrscht nur eines hier im Land: +Das kindliche Vertraun. Und nennt ihr's Macht, +Nennt ihr ein Opfer das sich selbst gebracht, +Die Willkür, die sich allzu frei geschienen +Und, eigner Herrschaft bang, beschloß zu dienen. +Wollt ihr als Brüder leben, eines Sinns, +So nennt mich eure Fürstin und ich bin's; +Doch sollt' ich zwein ein zweifach Recht erdenken, +Wollt' eher ich an euch euch selbst als Sklaven schenken. +Seid ihr's zufrieden so? + +Alle. Wir wollen! + +Libussa. Nun so kommt. +Allein vergäßt ihr was uns allen frommt, +(auf ihre Schwestern zeigend) +Da diese hier den Rücktritt mir versagen, +So ging' ich hin es meinem Vater klagen. + +Lebt, Schwestern, wohl! Auf Wiedersehn, und bald! +Ihr andern folgt und jubelt durch den Wald. +Ihr Mädchen mir voraus, und stoßt ins Horn, +Bis jetzt mir nächst, steht billig ihr nun vorn. +Und so, gehobnen Haupts, mit furchtlos offnen Blicken, +Entgegen kühn den kommenden Geschicken. + +Die Männer. Libussa hoch! der Böhmen Herzogin! + +(Man hat Libussa wieder den Mantel und das Federbarett gegeben; sie geht, +die Mädchen vor ihr her, die Männer schließen. Alle mit Fackeln und Jubel +durch das mittlere Tor ab.) + +Kascha. Hast du gehört? + +Tetka. Ja wohl. + +Kascha. Nun? + +Tetka. Ich bedaure sie, +Sie wird's bereun, und früher als sie denkt. + +Kascha. Die Roheit kann des Höhern nicht entbehren, +Doch hat sie's angefaßt, will sie's in sich verkehren, +Wer nicht wie Menschen sein will, schwach und klein, +Der halte sich von Menschennähe rein. +Komm mit! + +Tetka. Wohin? + +Kascha. An unser täglich Werk. +Ihr aber reinigt mir so Hof als Hallen, +Was hier geschehn, es sei in Traum zerfallen. + +(Die Schwestern mit Begleitung ab.) + +Dobra. Nun wir denn auch ans Werk und gib mir Kunde +Ob gutes Zeichen eintritt diese Stunde. +Welch Sternbild herrscht? + +Swartka (auf der Höhe der Mauer). +Die Jungfrau blinkt, doch nein, +Ich irrte mich, es ist des Löwen Macht, +Der auf sein Böhmen schaut. + +Dobra (gen Himmel blickend). +Hältst du auch sichre Wacht? + +Swartka (mit halbem Leibe über die Brustwehr gelehnt und laut ausrufend). +Der Osten graut, dem Tage weicht die Nacht! + + + + +Zweiter Aufzug + +Ebene an den Ufern der Moldau. Rechts ein Teil von Libussas Wohnung. +Auf derselben Seite nach vorn ein kleines Gebüsch, vor dem ein Weib mit +einem etwa vierjährigen Kinde sitzt. Links gegenüber ein Tisch mit +plaudernden und zechenden Gesellen. Zwei darunter spielen eine Art rohes +Brettspiel. Im Hintergrunde wird zu einer Zither getanzt. + + +Das Weib (ihren Knaben emporhebend). +Nun, Tomyn, spring! + +Einer der Spielenden. Ei ja, der schwarze Stein, +Er stand erst hier. + +Zweiter. Dir fällt wohl gar noch ein, +Daß ich betrüg im Spiel? + +Erster. Wer denkt an das; +Sei mir nicht bös und zieh! + +(Sie spielen weiter.) + +Ein Alter. Ja, laßt euch sagen: +Fürst Krokus war ein Held in seinen Tagen. +Der schlug, wenn's etwa galt, auch einmal los +Und ließ den Mann am Herde nicht vertöffeln, +Da saßen wir die Hände nicht im Schoß +Und suppten Frieden aus mit breiten Löffeln. + +Ein Jüngerer. Je nun, der Löffel hat noch keinen Mund zerrissen, +Des Krieges Messer schneid't mitunter harte Bissen. +Der Großen breiter Schlund mag derlei noch vertragen, +Den Kleinen stumpft die Zähn' er und verdirbt den Magen. +Ich lobe mir den Frieden. + +Alter. Je, was denkst du? +Versteh mich recht. +(Den Becher hebend.) +Libussa hoch! + +Alle am Tische (ebenso). +Libussa! + +(Ein Gewaffneter und Wlasta mit Brustharnisch und Helm an seiner Seite +haben, wie beaufsichtigend, die Menge durchschritten.) + +Gewaffneter (zum Tische tretend). +Ist's hier so laut? + +Alter. Wir sprachen von Libussen, +Und wenn auch laut, wer spricht da laut genug? + +Wlasta. Doch horcht! Der Arbeit Ablösstunde schlug. + +(Man hört Gesang von Männerstimmen. Mehrere Feldarbeiter kommen, sich +paarweise umschlingend, die Jacken über die Schultern gehängt. Sie singen:) + + Ruh' nach der Arbeit + Wird wohler tun, + Denn wer nicht müde + Kann auch nicht ruhn. + +Einer von denen am Tische. Willkommen! Schon zurück? + +Einer der Gekommenen. Was denkst du, Lieber? +Der Teil des Tags, der uns traf, ist vorüber, +Nun kommt's an euch. + +Der Erste (aufstehend). +Wir sind auch schon bereit. +Zur Arbeit, ho! + +(Mehrere am Tische stehen auf und nehmen die abgelegten Jacken auf.) + +Kamt ihr im Pflügen weit? + +Der Andere. Zum Rain. + +Der Erste. Macht's heiß, + +Der Andere. Je nu, es sengt die Matten +(Den Schweiß mit dem Ärmel von der Stirne wischend.) +Doch der die Sonne gibt, der gibt zuletzt auch Schatten. + +Der Erste. Macht's euch bequem. +(Zu den andern vom Tische Aufgestandenen.) +Ihr kommt! + +Einer von ihnen (zum Schenken). +Noch einen Trunk! + +Schenke. Was meinst du auch? Ich denk du hast genung, +Sonst gibt es eitel Zank, wie jüngst beim Frühlingsfeste. +Die Fürstin liebt das nicht. Halt's wie die andern Gäste! + +Der Vorige. So wart ich bis zum Quell. + +Schenke. Tu das, es kühlt den Brand +Und heiter bleibt der Kopf und rührig Fuß und Hand. + +Wlasta (die gewaffnet ab und zu gegangen ist, ohne Strenge). +Zur Arbeit! + +Der letzt Zurückgebliebene. Wohl! Das ist ja was ich meine. + +(Er und die übrigen Aufgestandenen nach der rechten Seite ab. Die neu +Gekommenen setzen sich.) + +Der Erste von ihnen (zum Alten). +Wir pflügten heut dein Feld. + +Alter. Ging's gut? + +Der Pflüger. Ei, gar viel Steine, +Doch hielten wir darum nur doppelt fest. + +Alter. Habt Dank! + +Erster Spieler (einen Zug machend). +Verloren! + +Zweiter (nachdem er das Spiel übersehen, dem andern Geld hinschiebend). +Nun, hier ist der Rest. + +Erster. Du hörst wohl gar schon auf? + +Zweiter (auf eine Figur des Brettspieles zeigend). +Fraß alles doch der Reiter. + +Erster (einen Teil des Geldes zurückschiebend). +Nimm von dem meinen da und spielen wir nur weiter. + +Wlasta (hinzutretend). +Spielt ihr um Geld? + +Erster Spieler. Es gilt kein großes Glück, +Wir zahlen nur zum Scherz und geben's dann zurück. + +Wlasta. Ihr tut ganz recht, wollt ihr die Fürstin euch gewogen. + +Erster Spieler. Wer will das nicht? +(Noch eine Handvoll Geld dem andern hinlegend.) +Da nimm! und ausgezogen! + +(Sie spielen weiter.) + +Das Weib im Vordergrunde (das sich unterdessen mit dem Kinde beschäftigt +hat, zu demselben). +Wenn nun die Fürstin kommt, küß ihr den Saum. + +(Von den Tanzenden im Hintergrunde löst sich ein Paar los, das jetzt, +gegen die Mitte zu, hervor tanzt.) + +Einer der Sitzenden. Seht wie der Janek springt, der nimmt sich Raum +Tanzt er mit Ilsen doch. + +(Mehrere stehen auf, dem Tanze zuzusehen.) + +Ein Alter (von der linken Seite kommend). +Laßt ab, ihr beiden! +Wie oft ward's euch gesagt: ich will's nicht leiden. + +Einer der Zusehenden. Ei, Alter, trenn es nicht das hübsche Paar! + +Der Alte. Zuletzt nennt ihr noch Weib und Mann sie gar. + +Der Vorige. Warum auch nicht? + +Der Alte. Warum? Ich will's euch sagen-- +Mein Mädel da ist reich und er hat kaum zu nagen. + +Der Vorige. So lebt ihr Alten stets denn in vergangner Zeit? +Was gestern fest und wahr ist's darum nicht auch heut. +Der Reichtum letzter Zeit kam etwas stark zu Falle, +Sonst hatten die und der, nun aber haben alle. +Was kaufst du um dein Geld da wo nichts käuflich ist, +Das Land ein breiter Tisch, an dem, wer hungert, ißt. +Deshalb des Burschen Not, der Tochter dich erbarme, +Er hat was ewig reich: ein Herz und rüst'ge Arme. + +Das Mädchen. Mein Vater! + +Der Alte (zum Gehen gewendet). +Ei, ja doch! + +Der vorher gesprochen. Geht, folgt ihm auf dem Fuß! +Zuletzt sagt er doch ja, und wär's aus Überdruß. + +(Musik von der linken Seite.) + +Schon wieder Sang und Klang? Das hat nicht Langeweile! + +Weiber und Kinder (hüpfend und in die Hände schlagend). +Ei schön! Die Knappenschaft des Bergwerks aus der Eule! + +(Bergknappen mit Musik von der linken Seite. In der Mitte auf den +Schultern von vier Männern eine Tragbahre mit glänzenden Stufen, +Erzstücken und Gefäßen voll edlen Metallen.--Die Anwesenden drängen +sich betrachtend und bewundernd nach dem Hintergrunde.--Lapak von der +linken Seite kommend und Domaslav mit Biwoy rechts auftretend, begegnen +sich.) + +Lapak. Seid mir gegrüßt! + +Domaslav. Und du! + +Lapak (auf das Volk weisend). +Das freut sich. + +Domaslav. In der Tat. + +Lapak. Man ist redet glücklich hier. + +Domaslav. Und jedermann ist satt. + +Lapak. So Herr als Knecht. + +Domaslav. Der Knecht nun wohl am meisten. + +Lapak. Das möcht' ich mir zu sagen nicht erdreisten. +Wir sind doch Herrn. + +Domaslav. Und satt so gut als die. +(Auf die Menge weisend.) +Zwar satt sein ist nicht viel. + +Lapak. Zu viel macht doch nur Müh. +Libussa-- + +Domaslav. Ah, sie ist der Frauen Zierde! + +Lapak. Gerecht. + +Domaslav. Und weise. + +Lapak. Mild. + +Domaslav. Und doch voll Würde. +Nur-- + +Lapak. Meinst du? + +Domaslav. Ich?--Sie ist wie du gesagt. + +Lapak. Und wer im ganzen Land zu widersprechen wagt? +Zwar wenn-- + +Domaslav. Erkläre dich! + +Lapak. Was ist da zu erklären? +Das Land ist segensvoll, und mög' es ewig währen! + +Domaslav. Die Dauer freilich-- + +Lapak. Wohl. Das Schöne währt nur kurz. +Und wer die Höhe wählt-- + +Domaslav. Der wagt zugleich den Sturz. + +Lapak. Die Dauer, ja; und, wag ich's anzudeuten--? +Siehst du dort Wlasta durch die Männer schreiten? +Da Tadeln nun ein Menschenfehler doch-- +Die Weiber, dächt' ich, stellt sie allzuhoch. +Zwar wird sie wissen wohl-- + +Domaslav.--In ihrer Weisheit Fülle-- + +Lapak. Warum sie also tut. + +Domaslav. Gewiß! Und dann--Doch stille! + +Lapak. Was ist? + +Domaslav. Mir schien als käme wer.--Dann noch zumeist, +Die Niedern find ich werden allzudreist. + +Lapak. Man sieht die Achtung doch nicht gerne sich versagen. + +Domaslav. Und braucht man nun sein Recht-- + +Lapak. So eilt das gleich zu klagen. + +Domaslav. Ja dies, und daß die Weiber sie so hoch gestellt, +Sonst ist ihr Reich-- + +Beide. Das beste in der Welt. + +Domaslav. Und, Biwoy, du schweigst still? + +Biwoy. Was bleibt mir über? +Hör ich die Klugen sprechen als im Fieber. +Verkehrt ist all dies Wesen, eitler Tand, +Und los aus seinen Fugen unser Land. +Weiber führen Waffen und raten und richten, +Der Bauer ein Herr, der Herr mitnichten. +Und all dies Tändeln mit sanft und mild +Gibt höchstens 'ne Sangweis', ein feines Bild; +Doch wie's entstand unter einer Stirn, +Hat's nirgends Raum als im Menschenhirn. +Und fiel' ein Feind in unsre Gauen, +Wir würden des allen die Früchte schauen. + +Lapak. Wie kurz und rasch. + +Domaslav. Fürwahr, er übertreibt. +Zwar etwas ist daran-- + +Lapak. Das etwa übrigbleibt. + +Domaslav. Daß ich's denn grad heraus nach meiner Einsicht deute, +Dem Ganzen fehlt ein Mann, ein Mann an ihrer Seite. + +Lapak. Vielleicht. Zu all den Gaben, die der Fürstin Zier, +Ein ruhig sichres Aug'-- + +Domaslav. Gleich, weiser Lapak, dir. + +Lapak. Weis' ist Libussa selbst. Sag: Domaslav der reiche. + +Domaslav. Der reiche Domaslav? Sind wir nicht längst denn gleiche? +Der starke Biwoy wär' dem Land ein starker Schild. + +Biwoy. Mag sein. Doch frägt darnach das zarte Frauenbild? + +Domaslav. Wozu noch mehr? Laßt uns zum Werk vereinen! +Wir werben ohne Neid. Sie wähle von uns einen. +Und wer das Los erhält, gedenke dankbarlich +Des Brüderpaars, und stell' als Nächste sie nach sich. + +Lapak. Wenn nur-- + +Wlasta (rufend). +Die Fürstin naht. + +(Der Tanz hört auf.) + +Laßt euch nicht stören! +Sie wird in eurer Lust den schönsten Willkomm hören. + +(Libussa kommt von der rechten Seite von mehreren begleitet. Sie bleibt +betrachtend stehen. Die Tanzenden machen noch einige Schritte, dann hören +sie zugleich mit der Musik auf, wobei einige Weiber Blumensträuße zu +Libussens Füßen legen.) + +Libussa. Habt Dank ihr Leute! Für die Blumen auch, +Mich freut es wenn ihr sie, die Frommen, liebt, +Und ihnen gleich auch bleibt an stillem Blühn. +Was euch die Gärtnerin mit nächster Sorge, +Verteilend hilfreich Naß und Wärm' und Schatten, +Kann nützlich sein, das ist euch ja gewiß. +Die Freude, hoff ich, stört nicht das Geschäft? + +Wlasta. Die Pflüger, kaum gewechselt, sind im Feld. + +Libussa. Mir schmerzt die Stirn; das zielt auf feuchte Zeit. +Sie sollen eilen, daß sie heut vollenden. +Doch wird der Sommer heiß. Das Jahr ist gut. +Wer sind die Leute dort? + +Wlasta. Die Knappenschaft +Des Bergwerks aus der Eule. Reiche Beute +Dir bietend sind sie da. Willst du sie sprechen? + +Libussa. Nicht jetzt. Mich ekelt an der anspruchsvolle Tand. +(Einen der Blumensträuße in der Hand haltend.) +Die Butterblumen hier sind helles Gold +Und reines Silber nickt in diesen Glöckchen. +Hat jemand Lust an ihrem toten Hort +Zu Schmuck und zu Gerät, sei's ihm gegönnt. + +Ah, Brom! Wie lebst du und wie lebt dein Weib? +Seid ihr versöhnt und streitet ihr nicht mehr? +Demnächst komm ich zu dir mich des zu überzeugen. +Nicht immer von Gehorsam sprich zu ihr, +Sie wird dir um so williger gehorchen. +Das heißt: wenn du im Recht; denn hast du unrecht, +So seh ich nicht warum sie weichen sollte. +Ich blicke rings um mich und finde nirgends +Den Stempel der Mißbill'gung, den Natur +Der offnen Stirn des Weibes aufgedrückt. +Sieh, deine Fürstin ist ein Weib, und braucht sie Rat, +Geht sie zu ihren Schwestern, und hier Wlasta, +Sie wacht in Waffen und gebeut statt mir. +Fühlt sich dein Knecht als Mensch dem Herren ähnlich, +Warum soll sich dein Weib denn minder fühlen? +Kein Sklave sei im Haus und keine Sklavin: +Am wenigsten die Mutter deines Sohns. + +(Zu dem Weibe mit dem Kinde.) +Ah, Gute! und dein Kind! Ist's nun gesund? +Und machten jene Kräuter es genesen? +Doch eine Narbe noch, hier nächst der Stirn! +Nimm Pfeilwurz, wie es auf den Wiesen wächst +Und drück ihms an die Stirne wiederholt +Und sag dazu: in Gottesnamen.--Gut! + +Auch gibt's hier eine Hochzeit sagt man mir. +(Das Tänzerpaar von vorher und der Vater treten näher.) +Ei, alter Risbak, fühlst du dich erweicht +Und nennst sie Mann und Weib das hübsche Paar? +Du tust sehr wohl, sie sind einander wert. +Denn was du immer sprachst von arm und reich +Da ist nicht Sinn dabei. Wohl denn, Glück auf! +Kehrt nur zu Spiel und Tanz, und froh zur Arbeit. + +(Das Volk zieht sich zurück. Sie kommt gegen den Vorgrund.) + +Sieh da ihr Herrn, so vornehm abgesondert? +Wie unzufrieden oder doch erstaunt? + +Domaslav. Vielleicht erstaunt; daß du, den Göttern ähnlich, +Die Gaben spendest, die du selbst nicht teilst. + +Libussa. Leih deinen scharfen Sinn mir weiser Lapak, +Daß ich verstehe was dort jener meint. + +Domaslav. So stiftest du nicht Ehen, hohe Fürstin, +Und bist der Ehe doch, der Liebe feind. + +Libussa. Du hältst mich wohl für rasend, guter Mann? +Wie sollt' ich hassen was so menschlich ist? +Allein zu Lieb' und Ehe braucht es zwei; +Und, sag ich's nur, mein Vater, euer Fürst, +War mir des Mannes ein so würdig Bild, +Daß ich vergebens seinesgleichen suche. +(Sich von ihnen entfernend.) +Zwar einmal schien's, doch es verschwand auch schnell. + +Lapak. Du willst Geprüfte, doch du willst nicht prüfen. + +Libussa (vor sich hin). +Stellt er sich denn der Prüfung? wollt' ich auch. + +Domaslav. Was man entfernt wünscht, hüllt man gern in Dunkel. + +Libussa. Nun weiser Lapak denn und starker Biwoy +Und mächt'ger Domaslav, die ihr euch teilt +In das was ich im Mann vereint mir denke, +Hört denn ein Rätsel, und als halbe Lösung +Füg ich ein Zeichen bei nach Seherart. +War doch die Kette stets der Ehe Bild. +(Sie nimmt ihren Halsschmuck und legt ihn auf ein Kissen, das ein +Page hält.) + +Wer mir die Kette teilt, +Allein sie teilt mit keinem dieser Erde, +Vielmehr sie teilt, auf daß sie ganz erst werde; +Hinzufügt was, indem man es verlor, +Das Kleinod teurer machte denn zuvor: +Er mag sich stellen zu Libussas Wahl, +Vielleicht wird er, doch nie ein andrer ihr Gemahl. + +Domaslav. Wer mir die Kette teilt. + +Biwoy. Und wieder doch nicht teilt. + +Domaslav. Hinzufügt was-- + +Libussa. Müht euch nicht ab! +Der weise Lapak, sah ich, schrieb sich's auf. +Verbirg es nicht und teil es diesen mit, +Er soll für alle. Nun mit Gott! ihr Herrn. +Sucht auf die Lösung; aber hört zugleich: +Bis ihr's gefunden meidet meine Nähe.-- +Libussa ist kein Ziel, das gar so nah. +(Zum Pagen.) +Geh nur voran! Ihr folgt! Glück auf den Weg! + +Biwoy (im Abgehen leise). +Sie narrt uns, sagt' ich euch. + +Lapak (ebenso). +Wart ab das Ende. + +(Die drei samt dem Pagen ab nach der linken Seite.) + +Libussa. Wer einsam wirkt spricht in ein leeres All, +Was Antwort schien ist eigner Widerhall. + +Ha Wlasta komm! Ist irgendein Geschäft, +Ein Mühen, eine Sorge, eine Qual, +Daß ich bevölkre meines Innern Wüste? + +(Die im Hintergrunde Stehenden drängen sich nach der linken Seite.) + +Was dort? + +Wlasta. Zwei Männer streiten wie du siehst. +Sie fassen sich am Bart. + +Libussa (in die Szene blickend). +Schlägst du den Bruder? +Gebt mir ein Schwert, er soll des Todes sterben! +Und doch, schelt ich den Zorn und fühl ihn selbst? +Trennt sie! + +(Einige gehen nach der linken Seite.) + +Und ist das Tier erst Mensch geworden, +Bringt sie, auf daß ich schlichte ihren Streit. +Ei Streit und Streit! +(Die Hand auf die Brust gelegt.) +Ist's hier denn etwa Friede? + +(Ab nach der rechten Seite. Die übrigen zerstreuen sich.) + + + +---------------- + +Verwandlung + +Kurze Gegend mit Felsen und Bäumen. + +Die drei Wladiken kommen, vor ihnen der Knabe mit dem Kissen. + + +Domaslav. Setz nur das Kissen ab, dort leg es hin, +Indes wir uns beraten was zu tun. + +(Der Knabe setzt das Kissen auf ein niedres Felsstück links im Vorgrunde +und geht.--Domaslav dem Knaben nachblickend.) + +Mir dünkt ich sehe Spott in seinen Augen. + +Biwoy (der sich rechts im Vorgrunde zur Erde niedergeworfen hat, mit +seinem Schwerte spielend). +Hat er nicht recht und sind wir nicht genarrt? + +Lapak (im Hintergrunde, die Hände auf dem Rücken, auf und ab gehend). +Das frägt sich noch! + +Biwoy. Ei ja, dann klügle du! + +Domaslav (der links im Vorgrunde auf das Felsenstück gestützt, unverwandt +die Kette betrachtet) +Wer mir die Kette teilt-- + +Biwoy. Allein--Wie heißt's? + +Lapak (unwillig hervorsprechend). +Allein sie teilt mit keinem dieser Erde. +(Er geht wieder auf und nieder.) + +Biwoy. Sie teilt, allein mit niemand. Guter Schwank! +(Aufstehend.) +Ich hab es satt. Ich sag euch, es ist Unsinn. +Der Widerspruch, ja die Unmöglichkeit +Geknüpft in Reimwerk um uns zu verspotten, +Und uns zu bannen fern von ihrem Hof, +Weil sie uns scheut und unsre Nähe fürchtet. +Wenn nicht der Sinn von Rätsel und von Kette +In jener Knechtschaft liegt, die uns ihr Vater +Vor Jahren auferlegt, und die sein Sprößling +Mit zarten Händen gern verdoppeln möchte. + +Drum ist mein Rat: Geh' jeder auf sein Schloß; +Du Lapak, du bist weise, Domaslav +Bist reich, hast Diener, Schreiber, die dir helfen +Um auszuklügeln was vielleicht der Sinn. +Ich bin ein Mann des Schwerts. Gebt mir das Kleinod, +Ich will es hüten, daß, gelingt die Lösung, +Nicht einer ernte wo gesät für drei, +Und sich allein das Ziel der Werbung eigne. + +Domaslav. Das darf nicht sein! + +Biwoy (die Hand am Schwert). +Es darf nicht? + +Lapak. Nein und nein! + +Biwoy. So laßt das Los denn zwischen uns entscheiden. +Wir werden doch nicht wie die Blinden wandeln +Uns wechselseits umklammernd mit den Händen? +Geführt von jenem Gold als unserm Auge +Und jenem Knaben--Ruft den Knaben her! +Er soll entscheiden, werfen uns das Los. + +Domaslav. Damit er rückgekehrt, am Hof Libussas +Uns ihren Weibern schildre zum Gespött? + +Biwoy. Da hast du recht! + +Lapak. Dort geht ein Wandersmann, +Des Weges scheint's hierher. Er kennt uns nicht; +Sei unser Los sein unbestochnes Wort. + +(Da Biwoy sich nach der bezeichneten Seite wendet.) + +Tritt du nicht vor! Des Menschen Sinn ist rasch, +Zuerst gesehn ist ihm zuerst gekannt. +Er soll uns gleich, mit einem Male schaun. + +(Sie ziehen sich zurück.) +(Primislaus tritt im Vorgrunde von der linken Seite auf.) + +Primislaus. Sowie der Wolf rings um die Herde kreist, +Halb Hunger und halb Furcht, schleich ich im stillen +Her um das Haus, das jene Hohe birgt. +Und in der Brust trag ich das reiche Bild, +Das sie mir gab, vielmehr: das ich mir nahm, +So daß, wenn's hier zur linken Seite pocht, +Ich unterscheide kaum, ob es mein Herz, +Ob es ihr Kleinod was so mächtig stürmt; +Und beide drängen hin zu ihrer Herrin. +Doch nah ich ihr, rückstattend meinen Raub, +Lohnt sie mit Gold die Tat, die mich beglückt, +Und bleib ich fern, so deckt ein schnell Vergessen +Was sie kaum weiß mehr und nur hier noch lebt. +Ich sah dort einen Knaben ihres Hauses, +Gekleidet in die Farben seines Diensts, +Vielleicht kann ich ein Wort versteckter Mahnung, +Rückrufender Erinnrung ihm vertraun, +Daß sie gedenkt des Vorfalls jener Nacht. + +(Indem er sich nach rückwärts wendet, treten die drei Wladiken vor.) + +Lapak. Erschrick nicht, fremder Mann! + +Primislaus. Erschrak ich denn? + +Domaslav. Du kennst nicht uns, wir dich nicht. + +Primislaus. Also scheint's. + +Lapak. Zum Schiedsmann bist du demnach wie erlesen. + +Primislaus. Was ist zu scheiden und was ist getrennt? + +Lapak. Etwa die Kette hier. + +Primislaus (für sich). +Libussas Kette. + +Domaslav. Sie gab uns eine hohe Frau. + +Primislaus. Libussa! + +Lapak. So weißt du--? + +Primislaus.--Nichts, als nur, daß es die ihre. + +Domaslav. So sag denn kurz, wie kurz ist unsre Frage: +Wes von uns dreien soll das Kleinod sein? + +Primislaus. Ich bin kein Mann des Zufalls und des Glücks, +Zumal wo's Richterspruch gilt und Entscheidung. +Wollt ihr den nähern Sinn mir nicht vertraun, +So bleibt mit Gott, ich ziehe meines Wegs. + +Lapak. Soll ich? + +Biwoy. Tu's immerhin, der Mann scheint klug, +Vielleicht verhilft er etwa uns zur Lösung. + +Domaslav. Nun also denn: Wir drei, die du hier siehst, +Sind mächtige Wladiken dieses Landes, +Als mächtig eben, stark und reich, berufen +Zu werben um der Fürstin hohe Hand. +Als heute nun wir solcher Absicht nahten, +Gab uns die Fürstin dieses Halsgeschmeid +Und sprach dazu--Wie heißt's? + +Primislaus. Laßt mich es hören. + +Lapak (lesend). +Wer mir die Kette teilt-- + +Biwoy. Doch teilt mit keinem. +Es klingt wie Wahnsinn. + +Primislaus. Jedes Wort, ich bitte. + +Lapak (lesend). +Wer mir die Kette teilt, +Allein sie teilt mit keinem dieser Erde-- + +(Während die Wladiken neben Lapak stehen und in die Schrift blicken, hat +Primislaus die Kette ergriffen, die hakenförmigen Glieder getrennt und +rasch wieder zusammengefügt.--Lapak fortfahrend.) + +Vielmehr sie teilt auf daß sie ganz erst werde; + +Domaslav (lesend). +Hinzufügt was, indem man es verlor, +Das Kleinod teurer machte denn zuvor-- + +(Bei diesen Worten fährt Primislaus schnell nach der linken Seite der +Brust, wo er das Kleinod verborgen.) + +Biwoy (ebenfalls lesend). +Er mag sich stellen zu Libussas Wahl; +Vielleicht wird er, doch nie ein andrer ihr Gemahl. + +Primislaus. Ich will zu ihr! + +Domaslav. Was ficht Euch an? Ihr geht? + +Primislaus. Das Rätsel ist gelöst. + +Lapak. Wie nur? + +Primislaus.--Es schien so, +Doch decket neue Nacht das kaum Erhellte. + +Sie sprach's zu euch als Werbern ihrer Hand? + +Domaslav. So war's. + +Primislaus (von ihnen wegtretend). +Und überließ dem Zufall denn +Ob sie des Rätsels Lösung dennoch fänden? +Und der es fand, er war ja ihr Gemahl! + +Fahr hin, mein Glück, dein Flug war allzurasch! +Doch blieb ein Stachel, scheint's, in ihrer Brust. +Laß mich's versuchen denn: ich drück ihn fester, +Ob ihn die Zeit vertieft, ob sie ihn heilt. +(Laut.) +Nun denn: ob des das Kleinod oder jenes +Ist nicht die Frage, scheint's, zu dieser Zeit, +Nicht einen wollte sie vorerst bezeichnen, +Ihr alle sollt zur Werbung euch berecht'gen, +Den einen wird bestimmen ihre Wahl +Weshalb, da sie zu »teilen« euch gebot +Und »mitzuteilen« doch so streng verpönte, +Sie in Gesamtbesitz euch wünscht zugleich: +Gemeinsam haben heißt als Freunde teilen +Gebt acht, ob ich die Wahrheit näher treffe. +Fürst Krokus gab der Töchter Dreizahl, jeder, +Der Mutter Bild umringt von edlen Steinen +In Gürtelspangen künstlich eingefügt; +Die Spangen sie sind hier, das Bildnis fehlt. +Wie sie's verlor, die Fürstin, wer kann's wissen? +Doch daß es fehlt, und damals schon gefehlt, +Als jene Fraun um Böhmens Krone losten, +Sagt das Gerücht in jedes Mannes Mund; +Wie auch, daß durch den Abgang jenes Bildes +Bezeichnet ward als Herzogin Libussa, +Und in der Tat »durch das was man verlor, +Das Kleinod reicher wurde als zuvor« +Denn es trug ein der Böhmen Herzogskrone. + +Domaslav. Mir deucht, der Mann hat recht. + +Lapak. Mir scheint's nicht minder. + +Biwoy. So hätten wir das Rätsel denn! + +Primislaus. Das Wort, +Allein die Sache nicht. Sie will das Bildnis. +»Hinzufügt was, indem man es verlor« +Und wie es weiter heißt. Sie will die Sache. + +Biwoy. Allein wie finden wir die Sache nun? + +Primislaus. Ein Mittel wär' vielleicht. Was gebt ihr dem, +Der euch das Bildnis schafft nach dem ihr strebt? + +Lapak (leise zu ihm). +Ein Kornmaß Silber, bringt er's heimlich mir. + +Domaslav (ebenso). +Mein Schloß in Kresnagrund, wird's mir zuteil. + +Biwoy (laut). +Werd' ich der Böhmen Herzog, all mein Eigen. + +Primislaus. Das ist versprochen viel, gegeben wenig. +Erkenntlichkeit ist ein gar schwankend Ding. +Wer zielt, drückt das Geschoß an Brust und Wange, +Doch wenn er traf, wirft er's verächtlich hin. +Die Kette hier ist Gold, und Gold genug +Hat Böhmens Fürstin, habt ihr Herren auch; +Mir wär's ein reicher Schatz. Gebt mir die Kette, +So schaff ich euch das Bild. + +Lapak. Nicht so, nicht also. + +Biwoy. Wir wollen beides, Bild und Kette. + +Domaslav. Ja. + +Primislaus. Wer auf den Markt geht, der steckt Geld zu sich. +Für nichts ist nichts. Und somit Gott befohlen! + +Domaslav. So habt Ihr selbst das Bild? +(Leise zu den übrigen.) +Wir sind zu drei'n, +Vielleicht daß mit Gewalt-- + +Primislaus. Wer's nun besitzt! +Der Ort der es verbirgt ist mir bekannt, +Und wer mich schädigt bringt sich um den Schatz. +(Die Hand an ein dolchartiges Messer in seinem Gürtel gelegt.) +Nebstdem daß ich nicht wehrlos, wie ihr seht. + +Domaslav. Es sei darum! Doch was soll dir die Kette? + +Primislaus. Vielleicht als Zeichen dessen was geschah, +Als Bürgschaft auch vielleicht für euern Dank; +Denn--wiederum vielleicht--geb ich sie später +Für einen Lohn der höher als sie selbst. + +Biwoy. Der Handel ist geschlossen. Nun das Bild! + +Primislaus (mit Erwartung erregenden Gebärden gegen die auf dem Kissen +liegende Kette gewendet). +Wohl denn, ihr Herrn, betrachtet mir das Kissen. +Die Klugheit gilt gar oft als Zauberkraft, +Und ist's auch oft.--Ihr seht--O weh, es fiel! +(Während die Augen der Wladiken auf das Kissen gerichtet sind, hat er +das Bild aus der Brust gezogen und in die linke Hand genommen. Jetzt +stößt er, die Kette mit der rechten Hand fassend, das Kissen von dem +Felsstück herab, so daß es nach rückwärts fällt, und gleichzeitig läßt +er das Bild in derselben Richtung fallen.) +Und hier das Bild. + +Domaslav. Es ist's. + +Lapak. Ich sah's zuerst. + +Domaslav. Ich hab's zuerst ergriffen. + +Biwoy. Nun, und ich? +Man wird mir meinen Teil doch nicht bestreiten? + +Domaslav. Doch ob's das rechte nun? + +Biwoy. Ja wohl, laßt sehn! + +(Sie stehen seitwärts gewendet, das Bild betrachtend, das sie sich +wechselweise aus der Hand nehmen.) + +Primislaus (die Kette in den Busen steckend). +Ich nehme meinen Lohn, der mir ein Zeichen +So gut wie jenes andre. Und Libussa +Sie wird erinnert. Hoffnung bleibt wie vor. +(Er entfernt sich nach der linken Seite.) + +Domaslav (das Bild in der Hand haltend). +Hier steht es: Krokus hier. + +Lapak. Und hier Libussa. + +(Sie wenden sich um.) + +Wo aber blieb der Mann? + +Domaslav. Und wo die Kette? +(Ans Schwert greifend.) +Verräterei! + +Biwoy. Verräter? Und warum? +Der Handel ward geschlossen: ihm die Kette +Und uns das Bild. Er ist in seinem Recht. +Wir haben was wir suchten. Laßt uns heim; +Libussa muß nun wählen unter uns, +Die sie verbannt, vielleicht für immer glaubte. +Und sucht sie Ausflucht etwa weiter noch, +Bleibt uns das Schwert. + +Lapak. Und was selbst Schwache schützt: +Vereinigung. + +Biwoy. Recht gut, fühlt ihr euch schwach, +Ich nicht.--Du Knabe dort, komm nur herbei + +(der Knabe kommt vom Hintergrunde links) + +Nimm jenes Kissen auf. Und lach nicht wieder, +Wie du vorerst getan. +(Das Bild auf das Kissen legend.) +Hier ist das Rätsel, +Das auch die Lösung ist. Nun lachen wir. +Es soll sich manches ändern hier im Land +Und auch in euerm Haus, geliebt's den Göttern. +Der Fürstin Weisheit ehr ich; doch ein Mann, +Es hat doch andern Schick! + +Die beiden. Ja wohl! + +Biwoy (sich mit einem verächtlichen Blick von ihnen wendend und dem +Knaben folgend). +Nur vorwärts! + +(Die beiden andern, hinter ihm hergehend, reichen sich die Hände, indem +sie ihr Mißtrauen gegen ihn und ihr Einverständnis durch Gebärden ausdrücken.) + + +---------------- + +Verwandlung + +Platz vor Libussas Schlosse wie zu Anfang des Aufzuges. + +Libussa kommt mit Gefolge. Auf der entgegengesetzten Seite, links im +Hintergrunde, haben sich mehrere Männer aufgestellt. + + +Libussa. Setzt mir den Stuhl heraus; ich will ins Freie. +Vielmehr nur: sattelt mir das weiße Roß, +Dasselbe das mich einst nach Budesch trug, +In jener Nacht, als bei des Vaters Scheiden +Ich Herrin, Sklavin ward von diesem Land. +Wer sind die Leute dort? + +Wlasta. Die Streitenden +Von heute morgen. + +Libussa. Und sie streiten noch? +Und einen Markstein gilt's, den man verrückt? + +Einer der Streitenden. Hier dieser hat's getan! + +Libussa. Sahst du's? + +Derselbe. Ich sah es nicht. + +Libussa. Und sahen's andre? + +Der nämliche. Nein. + +Libussa. Und zeihst den Bruder +Des Frevels doch? Vergleicht euch! + +Der Zweite. Wohl, ich will. + +Der Erste. Ich nicht. + +Libussa. Und wenn ich dreifach Land dir gebe +Für das was du verlierst? + +Der Erste. Ich will mein Recht. + +Libussa. Von allen Worten, die die Sprache nennet, +Ist keins mir so verhaßt als das von Recht. +Ist es dein Recht wenn Frucht dein Acker trägt? +Wenn du nicht hinfällst tot zu dieser Frist, +Ist es dein Recht auf Leben und auf Atem? +Ich sehe üb'rall Gnade, Wohltat nur +In allem was das All für alle füllt, +Und diese Würmer sprechen mir von Recht? +Daß du dem Dürft'gen hilfst, den Bruder liebst, +Das ist dein Recht, vielmehr ist deine Pflicht, +Und Recht ist nur der ausgeschmückte Name +Für alles Unrecht das die Erde hegt. +Ich les in euren Blicken wer hier trügt, +Doch sag ich's euch, so fordert ihr Beweis. +Sind Recht doch und Beweis die beiden Krücken, +An denen alles hinkt was krumm und schief. +Vergleicht euch! sonst zieh ich das Streitgut ein +Und lasse Disteln säen drauf und Dornen +Mit einer Überschrift: Hier wohnt das Recht. + +Erster Streitender. Doch du erlaubst, o Fürstin, daß den Anspruch +Wir Männern unsersgleichen legen vor. + +Libussa (sich wegwendend). +Wenn Gleiches sie begehren sind sie gleich, +Doch Gleiches leisten, stört mit eins die Gleichheit. + +(Die drei Wladiken kommen mit dem Knaben der das Kissen trägt.) + +Noch mehr der Toren! Wollt ihr auch ein Recht? + +Domaslav. Ja Fürstin, ja; und zwar auf deine Hand. + +Libussa. Nicht mehr als das? Fürwahr ihr seid bescheiden. + +Lapak. Gelöst ist die Bedingung, die du setztest. + +Domaslav. Wir haben was du fordertest. Hier ist's. +(Auf das Kissen zeigend.) + +Libussa. So habt ihr ihn getötet? + +Biwoy. Wen? + +Libussa. Den Mann +Der es besaß. + +Biwoy. Er lebt. + +Libussa. Und gab's? + +Domaslav. Für Gold. + +Libussa. So ist er auch denn wie die andern alle: +Ein Sklav' des Nutzens; nur der Neigung Herr, +Um etwa mit Gewinn sie zu verhandeln, +Fahr hin o Hoffnung! erste, letzte du. + +Der erste der Streitenden (zu den Wladiken herüberrufend). +Nehmt euch, ihr Herrn, der Unterdrückten an! + +Libussa (zu ihm). +Geduld mein Freund! Ich werde, will dich richten, +Verhärtet wie ich bin, paßt mir das Amt. +(Zu den Wladiken). +Er nahm das Gold freiwillig? + +Biwoy. Ja, die Kette. + +Libussa. Dieselbe die ich gab? Sie fehlt. + +Biwoy. Er hat sie. + +Libussa. Und ihr, ihr überließt--? + +Biwoy. Es war der Preis, +Den er, trotz höherm, einzig nur verlangte. + +Libussa. Habt Dank!--Der Mann ist klug. Wohl edel auch. +Befreit mich von der Werbung dieser Toren, +Erinnert mich an meinen Dank, und hat +Was ihn als Gegenstand des Danks bezeichnet. +Wo ist der Mann? Bringt her ihn! + +Lapak. Er ist fern. +Den Schiedspruch kaum getan, war er verschwunden. + +Libussa. Wohl also stolz auch. Gut, ich liebe Stolz, +Zumal wenn er in eigner Höhe sucht +Den Maßstab, nicht in fremder Niedrigkeit. +Verschmäht er meinen Dank? Ich will ihn sehn. + +Lapak. Doch erst entscheide, Fürstin, unsern Anspruch. + +Libussa. Wozu entscheiden was entschieden schon? +Halb habt ihr nur erfüllt des Spruches Sinn. +Verboten ward zu teilen, ihr teilt mit +An einen Fremden was euch ward zu hüten. +Hinzuzufügen galt's was man verlor, +Ihr aber, statt des Ganzen, bringt den Teil. +Halb habt ihr nur erfüllt, drum halb der Lohn. +Werbt wie bisher und bleibt an meinem Hof. + +Domaslav. Wir sind betrogen. + +Biwoy. Sagt' ich's nicht? + +Der erste der Streitenden (der indessen mit seinem Gegner gehadert). +Mein Recht! +Ich will mein Recht. O wäre hier ein Mann, +Der ernst entschiede wo es geht um Ernstes. + +Mehrere (mit Domaslav und Biwoy). +Ja wohl: ein Mann, ein Mann! + +Libussa. Da lärmen sie, +Und haben, fühl ich, recht. Es fehlt ein solcher. +Ich kann nicht hart sein weil ich selbst mich achte. +Den Zügel führ ich wohl mit weicher Hand, +Doch hier bedarf's des Sporns, der scharfen Gerte. + +Wohlan ihr Herrn, ich geb euch einen Mann. +(Da die drei Wladiken näher treten.) +Glaubt ihr von euch die Rede? Dermal nicht. +(Wieder vor sich hin sprechend.) +Du dünkst dich klüger als Libussa ist? +Ich will dir zeigen, daß du dich betrogen. + +Dem Fischer gleich wirfst du die Angel aus, +Willst ferne stehn, belauernd deinen Köder. +Libussa ist kein Fischlein das man fängt. +Gewaltig wie der fürstliche Delphin +Reiß ich die Angel dir zusamt der Leine +Aus schwacher Hand und schleudre dich ins Meer, +Da zeig denn ob du schwimmen kannst, mein Fischer. +(Zu dem Volke.) +Da gilt es denn den Mann euch zu bezeichnen, +Der schlichten soll und richten hier im Land, +Und nahe stehn, wohl etwa nächst der Fürstin. + +Ich habe lang zu euch Vernunft gesprochen, +Doch ihr bliebt taub; vielleicht horcht ihr dem Unsinn, +Ob scheinbar oder wirklich gilt hier gleich. + +Seht hier das Roß, denselben weißen Zelter, +Der mich nach Budesch trug an jenem Tag, +Da ich nach Kräutern suchend fand die Krone. + +Führt ihn hinaus am Zaum zu den drei Eichen, +Wo sich die Wege teilen in den Wald, +Dort laßt den Zügel ihm und folgt ihm nach, +Und wo es hingeht, suchend seinen Stall +Und früherer Gewohnheit alte Stätte, +Dort tretet ein. Ihr findet einen Mann +In Pflügerart, der--da es dann wohl Mittag-- +An einem Tisch von Eisen tafelnd sitzt +Und einsam bricht sein Brot. Den bringt zu mir. +Das ist der Mann, den ihr und ich gesucht. +Was jetzo leicht und los das macht er fest, +Und eisern wird er sein so wie sein Tisch +Um euch zu bändigen, die ihr von Eisen. +Die Luft wird er besteuern, die ihr atmet, +Mit seinem Zoll belasten euer Brot, +Der gibt euch Recht, das Recht zugleich und Unrecht +Und statt Vernunft gibt er euch ein Gesetz, +Und wachsen wird's wie alles mehrt die Zeit, +Bis ihr für euch nicht mehr, für andre seid. +Wenn ihr dann klagt, trifft selber euch die Klage, +Und ihr denkt etwa mein und an Libussens Tage. + +(Indem sie mit einem leichten Schlage das Pferd zum Gehen ermuntert und +die übrigen zu beiden Seiten Raum machen, fällt der Vorhang.) + + + + +Dritter Aufzug + +Gehöft vor Primislaus' Hütte wie zu Anfang des ersten Aufzuges. Ein +umgewendeter Pflug rechts im Vorgrunde. + + +Primislaus (rechts in die Szene sprechend). +Bringt nur die Stiere zum ersehnten Stall! +Der Pflug bleibt hier. Ich will darauf mich setzen. +Der Tag war heiß, die Arbeit ist getan. +(Er setzt sich, die Stirn in die Hand stützend.) +Nun wackrer Pflügersmann, es steht dir wohl +Aus deinem schlichten Tun den Blick zu heben +Nach dieses Lebens Höhn, vom Tal zum Gipfel. +Zwar heißt's, es war in längstentschwundner Zeit +Im Lande weit begütert unser Stamm +Und licht und hehr in seinen ersten Wurzeln. +Allein was soll das mir? Ist heut doch heut, +Und Gestern aus demselben Stoff wie Morgen. + +Nebstdem, daß wär' ich einer der Wladiken, +Ich mich nicht stellte zu so hoher Werbung. +Denn wie im Bienenstock die Königin +Nicht nur die höchste, einzig ist, allein, +Von niedern Drohnen nur zur Lust umflattert, +Indes die Arbeitsbienen Honig baun, +So ist der auf dem Throne sitzt, nur sich, +Sich selber gleich und niemandes Genoß. +Der Fürst verklärt die Gattin die er wählt, +Die Königin erniedrigt den als Mann, +Den wählend sie als Untertan erhöht, +Denn es sei nicht der Mann des Weibes Mann, +Das Weib des Mannes Weib, so steht's zu Recht. +Drum wie die Frau ist aller Wesen Krone, +Also der Mann das Haupt, das sich die Krone aufsetzt, +Und selbst der Knecht ist Herr in seinem Haus. +(Er ist aufgestanden.) +So sprichst du, prahlst, und trägst im Busen doch +Was dich an jene Hoffnung jetzt noch kettet. + +Man sage nicht das Schwerste sei die Tat, +Da hilft der Mut, der Augenblick, die Regung; +Das Schwerste dieser Welt ist der Entschluß. +Mit eins die tausend Fäden zu zerreißen +An denen Zufall und Gewohnheit führt, +Und aus dem Kreise dunkler Fügung tretend +Sein eigner Schöpfer zeichnen sich sein Los, +Das ist's wogegen alles sich empört +Was in dem Menschen eignet dieser Erde +Und aus Vergangnem eine Zukunft baut. +Daß sie mein denkt, daß wach in ihrer Seele +Mein Bild--nicht einmal das: ein Traum, ein Nichts, +Das tausend Formen so wie meine kleiden, +Das nicht einmal ein Name ihr bezeichnet, +Kein Gleichnis, denn sie sah mich damals kaum +Als uns die Nacht im Wald zusammenführte, +Das weckt in mir ein gleichverworrnes Nichts, +Das doch mein Glück ist, meines Lebens Säule, +Und das zerstören ich nicht mag, nicht kann. + +Wär' sie ein Hirtenmädchen, nicht Libussa, +Und ich der Pflüger der ich wirklich bin, +Ich träte vor sie hin und sagte: Mädchen, +Ich bin derselbe dem du einst begegnet. +Sieh hier das Zeichen. Wird's nun licht in dir, +Wie längst in dieser Brust, so nimm und gib! +(Die Hand hinhaltend.) +Dann könnte sie nicht sprechen: Guter Mann, +Stellt dort euch zu den Dienern meines Hauses, +Des, wes ihr mich erinnert, denk ich kaum. + +Ei wackrer Mann, setz dich nur wieder hin, +Nimm Käs' und Brot aus deiner Pflügertasche +Und halte Mahl am ungefügen Tisch. +Ist's eignes Brot doch, das erhält und stärkt, +Das Brot der Gnade nur beengt und lastet. +(Er hat sich wieder gesetzt und den Inhalt seiner Tasche auf die +Pflugschar ausgelegt.) + +Sie hat mein Roß, das etwa so viel gilt +Als diese goldnen Spangen die ich trage, +Und so sind sie mein Eigentum zu Recht. + +Ich wollte, sie bestieg' einmal den Zelter +Und in Gedanken ihm die Zügel lassend, +Trüg' sie das Tier hieher. +Doch welch Geräusch? +Täuscht mich mein Aug? Das ist mein Roß; doch leer +Und ohne Reiter, rings von Volk umgeben. +Bin ich im Land der Märchen und der Wunder? +Doch folgen die Wladiken, seh ich nun, +Die sich erdachten etwa solchen Fund +Um zu ergänzen was nur halb in ihrer +Und halb in meiner Hand. Kommt immer, kommt! +Ich fühle mich als Herr in meinem Haus, +Und so brech ich mein Brot. Ist doch der Pflüger, +Indem er alle nährt, den Höchsten gleich: +Wie Wasser und wie Luft, die niemand kauft, +Doch mit dem Leben zahlt, entbehrt er ihrer. + +(Die drei Wladiken kommen, von Volk begleitet, von der linken Seite.) + +Biwoy. Hier blieb der Zelter stehn, hier ist der Ort. + +Domaslav. Und hier der Mann, der, wie Libussa sprach, +An einem Tisch von Eisen sitzt, sein Brot +Auf einer Pflugschar mit den Händen teilend. + +Biwoy. Derselbe ist's, es ist der nämliche, +Der unsern Streit geschlichtet. + +Lapak. Mir wird's hell. + +Primislaus (aufstehend). +Glück auf ihr Herrn! Was führt euch her zu mir? + +(Man hat das Pferd gebracht. Primislaus hinzutretend und es streichelnd.) + +Ha Prischenk, du mein Roß, du wieder heim? + +Lapak. Sein Roß? + +Primislaus. Noch einmal denn: was führt euch her? + +Domaslav. Der Fürstin Wort. + +Primislaus. Libussas? + +Lapak. Sie befahl +An ihren Hofhalt dich mit uns zu führen. + +Primislaus. Galt mir auch, euch zu folgen, der Befehl? + +Lapak. Das nicht. + +Primislaus. Doch, wenn ich's nun verweigerte, +Kommt ihr mit Macht, mich nöt'genfalls zu zwingen. +Seid unbesorgt, ich folg euch ohne Zwang. +Was aber war der hohen Ladung Grund? + +Domaslav. Wir wissen's nicht. + +Lapak. Vielleicht doch ward ihr kund, +Daß du ein schlauer Richter bist zu eignem Nutzen, +Und wünscht als Richter dich zu nutz dem Volk. +Zum mindsten lag ein Fall vor, der verwirrte. + +Primislaus. Ich richte niemand als mich selber etwa, +Und täusche nicht, als wer sich selbst getäuscht. + +Domaslav. Besteig das Roß denn und folg uns nach Hof. + +Primislaus. Dies Tier, das meine Fürstin hat getragen, +Besteige niemand, der nicht eignen Rechts, +Nebstdem daß es das ihre, und ich wünsche, +Daß es das ihre bleibe, nach wie vor. +Dann, sollt' ich mit der Arbeit Staub beladen +Mich nahn dem Ort, wo Arbeit nur ein Gast, +Nicht der Bewohner ist? Ich geh ins Haus +Und schmücke mich wie sich der Landmann schmückt. +Auch, da man Höhern naht mit Ehrengaben, +Bring ich von Früchten und von Blumen ihr, +Wie sie der Armut eignen, ein Geschenk. +So lang, ihr Herrn, zerstreut euch im Gehöft. +Man reicht euch Met und Milch und nährend Brot, +Auf daß gestärkt wir gehn, wo Stärke not. + +(Er entläßt sie mit einer Handbewegung und geht in die Hütte.) + +Lapak. Hast du gehört? + +Domaslav. Wie stolz. + +Biwoy. Nun um so besser. +Stolz gegen Stolz, wie Kiesel gegen Stahl, +Erzeugt, was beiden feind, den Feuerstrahl. + +(Alle nach der linken Seite ab.) + + +---------------- + +Verwandlung + +Tiefes Theater. Im Hintergrunde auf einem Felsen das Schloß der Schwestern. + +Wlasta und Swartka vom Hintergrunde nach vorn kommend. + + +Wlasta. So weigern mir die Schwestern, deine Fraun, +Den Eintritt denn? + +Swartka. Sie sind nicht gern gestört. + +Wlasta. Und wissen sie: ich komme von Libussen. + +Swartka. Sie wissen es. + +Wlasta. Und doch--? + +Swartka. Und doch.--Verzieh! +Sie steigen nieder von dem jähen Abhang, +Den Weg vom Schloß ins Freie.--Tritt zurück! +Wenn sie vorübergehen, sprich sie an. + +(Kascha und Tetka sind von der Höhe herabgekommen.) + +Kascha. Ich sage dir: die Wasserwaage zittert, +Der Boden hebt, die Zeit gebiert ein Neues. + +Wlasta. Erlauchte Frau. + +Kascha. Ah, Wlasta, sei gegrüßt! +Willkommen hier im Freien, denn im Schloß +War's nicht gegönnt. + +Wlasta. Und wer verbot's? + +Tetka. Wir selber. +Wer aufmerkt, der gebeut selbst und gehorcht. + +Wlasta. Die Fürstin, meine Frau-- + +Kascha. Wir wissen es. +Libussa will zurück in ihrer Schwestern Mitte, +Empört von ihres Volkes wildem Trotz. +Sag ihr, das kann nicht sein. + +Wlasta. Du meinst wie ich. + +Kascha. Vielleicht nicht ganz. Allein,--und sag ihr das-- +Wer gehen will auf höh'rer Mächte Spuren +Muß einig sein in sich, der Geist ist eins. +Wem's nicht gelungen all die bunten Kräfte +Im Mittelpunkt zu sammeln seines Wesens, +So daß der Leib zum Geist wird, und der Geist +Ein Leib erscheint, sich gliedernd in Gestalt, +Wem ird'sche Sorgen, Wünsche und das schlimmste +Von allem was da stört,--Erinnerung, +Das weitverbreitete Gemüt zerstreun, +Für den gibt's fürder keine Einsamkeit, +In der der Mensch allein ist mit sich selbst. +Die Spuren ihres Wirkens, ihres Amts, +Sie folgen künftig ihr wohin sie geht. +Wozu noch kommt, daß in der letzten Zeit +Die Neigung, scheint's, die Neigung zu dem Mann, +In ihrem edlen Innern Platz gegriffen; +Zum mindsten war das Kleinod das du brachtest, +Als Zeichen deiner Sendung, nicht mehr strahlend, +Gewesen war's in einer fremden Hand. +Sie kann nicht mehr zu uns zurück, denn störend +Und selbst gestört, zerstörte sie den Kreis. + +(Sie tun ein paar Schritte. Wlasta tritt ihnen in den Weg.) + +Wlasta. Doch gebt ihr Rat der Fürstin, wie sie bändigt +Die Meinungen des Volks, mit sich im Kampf. + +Kascha. Kennt einen Weisern sie im Volk als sich, +So steige sie vom Stuhl und gönn' ihn jenem. +Doch ist die Weisre sie, wie sie's denn ist, +So gehe sie den ungehemmten Gang, +Nicht schauend rechts und links was steht und fällt. +Der Fragen viel erspart die feste Antwort. +Ich sehe rings in weiter Schöpfung Kreisen +Und finde übrall weise Nötigung. +Der Tag erscheint, die Nacht, der Mond, die Sonne, +Der Regen tränkt dein Feld, der Hagel trifft's, +Du kannst es nützen, kannst dich freuen, klagen, +Es ändern nicht. Was will das Menschenkind +Daß es die Dinge richtet die da sind. + +Tetka. Das Denken selbst, das frei sich dünkt vor allen, +Ist eigner Nötigung zu Dienst verfallen. +Hat sich der Grund gestellt, so folgt die Folge, +Und zwei zu zwei ist minder nicht noch mehr +Als vier, ob fünf dir auch willkommner wär'. +Wer seine Schranken kennt der ist der Freie, +Wer frei sich wähnt ist seines Wahnes Knecht. + +Kascha. Hoffst du durch Überzeugen dich geschützt? +Es billigt jeder das nur was ihm nützt. +Ein einz'ges ist was Meinungen verbindet: +Die Ehrfurcht, die nicht auf Erweis sich gründet. +Der Sohn gehorcht, gab sich der Vater kund, +Den Ausspruch heiligt ihm der heil'ge Mund. +Daß einer herrsche ist des Himmels Ruf, +Weil zum Gehorchen er die Menschen schuf. +Wir selbst, als Schwestern deiner Fürstin gleich, +Gehorchen ihr, weil ihrer ward das Reich. +Und fällt's zu widerstreben jemand ein, +Mag er versuchen erst kein Mensch zu sein. + +(Indem die Fürstinnen ihren Weg fortsetzen, und Wlasta, wie zu neuen +Vorstellungen ihnen zur Seite folgt, gehen alle nach links ab.) + +---------------- + +Saal in Libussas Schlosse. Zur rechten Seite ein Thron auf Stufen. + +Dobromila (kommt von der rechten Seite, zurücksprechend). +Der Erker hier reicht weiter in das Feld! +(Sie tritt an ein Fenster das sie öffnet.) + +Libussa (von derselben Seite kommend). +Und siehst du hier auch nichts? + +Dobromila. Wie vor noch immer, +Ringsum von den Wladiken keine Spur. + +Libussa. Ich sagte dir du sollst nach Wlasta sehn, +Die ich gesandt zu meinem Schwesterpaar, +Und die, halb Mann sie selbst, nach Männerart +Die Zeit mit Vielgeschäftigkeit zersplittert. +Sagt einer Frau: Tu das! sie richtet's aus; +Der Mann will immer mehr als man geheißen. +Liebt sie zu sprechen, lüstet's ihn zu hören, +Und was er seine Wißbegierde nennt, +Ist Neugier nur in anderer Gestalt. +Wenn nicht zu träg, er spräche mehr als sie. + +Ich will zu meinen Schwestern auf Hradschin! +Zur Gnade leben trotzigen Vasallen, +Die alles was Gewicht weil es Gehalt, +Erst auf der Waage eignen Zweifels wägen, +Der nur bezweifelt was ihm nicht genehm. +Das soll nicht sein mit Krokus' Fürstentochter. +Sie mögen sich bestreiten, sich bekriegen, +Vielleicht wird sie die Not, doch nie das Wort besiegen. + +Fast reut es mich, daß ich die Toren sandte +Nach jenem andern Toren, wie es scheint, +Der trotzig so wie sie und stolz dazu, +Dort zögert wo die Eile noch zu langsam. +Wenn ich gewürdigt ihn noch sein zu denken, +Wenn unter dieser Stirn, in dieser Brust +Die Spuren noch lebendig jenes Eindrucks +Den gebend ich empfing, was hält ihn ab +Hervorzutreten aus der Dunkelheit +Des Ohres und der Nacht ans Licht des Auges, +Den Dank zu holen, ob auch nicht den Lohn? + +Und unter solchen wär' mein Los zu weilen? +Wohl etwa gar, wie die Wladiken meinen, +Mein Selbst geknüpft an einen ihrer Schar? +Die Glieder dieses Leibes, die mein eigen, +Zu Lehen tragen von der Niedrigkeit? +Der Hand Berührung und des Atems Nähe +Erdulden, wie die Pflicht folgt einem Recht? +Mich schaudert. All mein Wesen wird zum: Nein. + +Es soll sich Wlasta einem Mann vermählen +Und ihre Kinder folgen mir im Reich. + +Dobromila. Ich sehe Staub. + +Libussa. Nun Staub ist eben nichts. + +Dobromila. Allmählig doch entwickeln sich Gestalten. +Ha, die Wladiken sind's. + +Libussa. Und Wlasta nicht? + +Dobromila. Der Zug umgibt dein zügelfreies Roß. + +Libussa. Das keinen Reiter trägt? + +Dobromila. Ich sehe keinen. +Vor allen her nur geht ein einzelner, +Geschmückt mit Blumen wie-- + +Libussa. Ein Opfer etwa? +Ich will des Schrittes Unlust ihm ersparen, +Und schien die Frau ihm nicht des Kommens wert, +Soll ihm die Fürstin wert der Achtung scheinen. +(In die Hände klatschend.) +Herbei ihr Diener, Mägde dieses Hauses, +Umgeht die euch gebeut in voller Schar +Auf daß, wer Hohes sonst nicht kann erkennen, +Zum mindsten mit dem Aug es nehme wahr. + +(Von der rechten Seite ist Libussens Gefolge eingetreten und hat sich +in Reihen gestellt. Sie selbst besteigt den Thron.--Primislaus kommt +von der linken Seite. Hinter ihm die Wladiken und Volk. Er trägt einen +Kranz von Ähren und Kornblumen auf dem Kopfe, in der rechten Hand eine +Sichel, mit dem linken Arme hält er einen Korb mit Blumen und Früchten.) + +Primislaus. Auf dein Geheiß erschein ich, hohe Fürstin, +Mit Landmanns Gaben und in Landmanns Schmuck +Und dir zu Füßen leg ich meine Habe. +Den Kranz von Ähren, die der Fluren Krone +Und minder nicht von Gold als Fürstenschmuck, +Ich neig ihn vor der Fürstin Diadem. +Die Sichel, die mein Schwert, der Waffen beste, +Denn sie bekämpft der Menschen ärgsten Feind, +Des Name schon ein Schreckensbild: die Not, +Ich strecke sie, von höhrer Macht besiegt. +Und dies mein Schild, bemalt nicht nur mit Zeichen, +Geschmückt mit Inhalt und mit Wirklichkeit, +Das Wappen meines Standes, meines Tuns, +Ich biet es dir als ärmliches Geschenk, +Wie es dem Höhern wohl der Niedre beut, +Der sich als niedrig weiß, obgleich nicht fühlt. +Und so aus meinem Haus, das meine Burg, +Komm ich zu Hof und, neigend dir mein Knie, +Frag ich, o Fürstin: was ist dein Gebot. (Er kniet.) + +Libussa. Es scheint du sprichst als Gleicher zu der Gleichen. + +Primislaus. Dir neigt sich nicht mein Knie nur, auch mein Sinn. + +Libussa. Doch wenn sich beide nicht aus Willkür beugten, +Erreichten sie wohl etwa doch mein Maß? +Steh auf! + +Primislaus. Wenn meine Gaben du erst nahmst, +Der Geber sieht in ihnen sich verschmäht. + +Libussa. So nehmt sie denn! Ich liebe diese Blumen, +Weil sie als Meinung gelten ohne Wert. + +(Man hat den Korb zu ihren Füßen gesetzt.) + +Du nennst sie deinen Schild. Ein einfach Wappen! +Doch wär' ein Wahlspruch etwa beigefügt, +Was gilt's? er wäre stolz, so wie sie einfach. + +Primislaus (der aufgestanden ist). +Ein Wahlspruch auch fehlt meinem Schilde nicht, +Demütig aber ist er wie die Zeichen. +Du liebst in Rätseln auszusprechen dich +Und knüpfst daran die höchsten deiner Gaben. +Dich selbst. Erlaube, daß ich ähnlich spreche. +(Den Korb aufnehmend und ihr darreichend.) + +Unter Blumen liegt das Rätsel +Und die Lösung unter Früchten. +Wer in Fesseln legte trägt sie, +Der sie trägt ist ohne Kette. + +Libussa (die Blumen betrachtend). +Das ist nun wohl des Ostens Blumensprache, +Die träumend redet mit geschloßnem Mund, +Und diese Rosen, Nelken, saft'gen Früchte +Sind wohl geordnet zu geheimen Sinn. +Bei beßrer Muße findet sich die Deutung. +(Den Korb abgebend.) +Doch Rätsel geben ziemt nur der Gewalt, +Die Rätsel lösen eignet dem Gehorsam. +Drum offen, da geheim nur was vertraut: +Sahst du mich irgend schon? + +Primislaus. Wer sah dich nicht +Als dich das Land mit seiner Krone schmückte? + +Libussa. Und sprach ich je zu dir? + +Primislaus. Zu mir, wie allen, +Die als dein Wort verehren dein Gesetz. + +Libussa. Der Zelter den ich sandte, ohne Leitung, +Er blieb in deines Hauses Räumen stehn. +War er je dein? + +Primislaus. Und wär' er's ja gewesen, +Wenn ich ihn gab, war er nicht mehr mein eigen. +Ein Mann geht zögernd vorwärts, rückwärts nie. + +Libussa. Ein Mann, ein Mann! Ich seh es endlich kommen. +Die Schwestern mein sie lesen in den Sternen, +Und Wlasta führt die Waffen wie ein Krieger, +Ich selber ordne schlichtend dieses Land; +Doch sind wir Weiber nur, armsel'ge Weiber: +Indes sie streiten, zanken, weinerhitzt, +Das Wahre übersehn in hast'ger Torheit +Und nur nach fernen Nebeln geizt ihr Blick, +Sind aber Männer, Männer, Herrn des All! +Und einen Mann begehrt ja dieses Volk; +Das Volk, nicht ich; das Land, nicht seine Fürstin. +Du giltst für klug, und Klugheit ist ja doch +Ein Notbehelf für Weisheit wo sie fehlt. +Sie wollen einen Richter, der entscheide, +Nicht was da gut und billig, fromm und weise, +Nein, nur was recht, wieviel ein jeder nehmen, +Wieviel verweigern kann, ohn' eben Dieb +Und Schelm zu heißen, ob er's etwa wäre. +Dazu bist du der Mann, wie's mindstens scheint. +Allein der Richter sei vor allem frei +Von fremdem Gut, soll er das fremde schützen. +Drum sag nur an: ist nichts in deinen Händen +Was mir gehört und du mir vorenthältst? + +Primislaus. Dein bin ich selbst und all was ich besitze, +Was ich besaß ist nicht in meiner Hand. + +Libussa. Mir widert dieser Reden Doppelsinn, +Die nichts als Stolz, als schlechtverhüllter Hochmut. +Drum frag ich offen dich zum letztenmal-- + +Doch regt sich auch der Stolz in dieser Brust +Ausweichen den zu sehn den ich begrüßt, +Den zu bemerken nur ich mich gewürdigt. + +So höre du auch eine Gleichnisrede, +Sie soll mir zeigen ob du weise bist. +(Vom Throne herabsteigend.) + +Ein König hatte sich verirrt beim Jagen +Und fand bei einem Landmann Dach und Schutz. +Des andern Tags, zur Hofburg heimgekehrt, +Vermißt er--einen Ring, ihm wert, ja heilig, +Den er bei Nacht, man weiß nicht wie, verlor. +Da läßt verkünden er auf allen Straßen, +Daß, wer das Kleinod, seines Vaters Erbteil, +Ihm wiederbringt, belohnt mit reichen Gaben +Ihm nächst soll stehen, hoch in seiner Gunst. +Was hättest du getan, warst du der Landmann? + +Primislaus. Vielleicht fühlt' ich mich durch die Tat belohnt, +Und jener Ring, als Ausdruck des Bewußtseins, +War teurer mir als selbst der höchste Lohn. + +Libussa. So tat er auch, der Tor. Er gab ihn nicht. +Doch bald darauf brach aus in jener Gegend +Ein Aufstand, den veranlaßt--was weiß ich?-- +Vielleicht des Königs Güte, wie so oft. +Doch jener Fürst, der nicht nur milder Vater, +Auch strenger Richter, sammelt rasch ein Heer, +Zieht gegen die Empörer und besiegt sie. +Ein Teil fällt durch das Schwert, der Überrest, +Er harrt gefangen eines gleichen Schicksals +Durch Henkershand. Da läßt der Fürst verkünden: +Der allgemeinen Strafe sei entnommen +Der einzige, der das vermißte Kleinod +Ihm wiederbringt; als Lohn für jenen Dienst, +Den er, ob Pflicht, doch seinem Herrn erwiesen. + +Primislaus (lebhaft). +Nun weiß ich die Geschichte, hohe Frau! + +Libussa. Was also tat der Mann, wenn's dir bekannt? + +Primislaus. Er warf den Ring am Weg in einen Busch. +Unschuldig, sprach er, soll mich Unschuld schützen, +Wenn schuldig, sei die Strafe mir der Schuld. +Auf alle gleich der Fürst den Zorn entlade, +Dem Zufall dank ich nichts, noch eines Menschen Gnade. + +Libussa. Weißt du was nun geschah? + +Primislaus. Ich weiß es nicht. + +Libussa. Der Fürst gab alle gleich dem Schwerte hin. +Verloren war der Ring, doch auch der Mann. + +Ich habe mich getäuscht, du bist nicht klug, +Du kannst nicht Richter sein in diesem Land. + +Es sinkt der Tag. Gönnt ihm für heut die Herberg. +Zeigt ihm das Schloß mit allen seinen Schätzen, +Damit er sehe was ein Herr und Fürst. +Am nächsten Morgen mag er heimwärts reisen +Und tafeln an dem selbstgewählten Tisch, +Vom selben Stoff, wie seine Worte weisen: +Der Kopf, das Herz, so wie sein Tisch, von Eisen. + +(Indem sie mit einer geringschätzigen Handbewegung sich abwendet und +Primislaus tiefverneigt dasteht, fällt der Vorhang.) + + + + +Vierter Aufzug + +Auf den Wällen von Libussas Burg. Im Hintergrunde durch ein zinnenartiges +Steingeländer geschlossen. Rechts und links halbrunde Türme mit Eingängen. +Dobromila sitzt im Hintergrunde am Geländer und liest. Wlasta und Primislaus +treten aus dem Turme links. + + +Wlasta. Komm hier heraus! Dort rechts ist deine Wohnung. +Hast du betrachtet dir das Schloß genau, +Und sahst du je im Leben solche Pracht? + +Primislaus. Ich nicht. + +Wlasta. Ward manch ein Wunsch dabei nicht rege? + +Primislaus. Wer wünschte sich auch Flügel wie der Adler +Und Flossen wie der Fisch? Sie mögen's haben. +Das höchste, wie beschränkt auch, ist der Mensch, +Im König selbst der Mensch zuletzt das beste. +Auch, sah ich eure Betten gar so weich, +Dacht' ich: ihr Schlaf ist schlecht wohl, weil so wählich. +Und die Geräte in den Küchenräumen, +Verfälschend das Bedürfnis mit der Kunst, +Zu sagen schienen sie: Hier fehlt der Hunger, +Der beste Koch und auch der beste Gast. +In meiner Hütte ißt und schläft sich's wohl; +Der Überfluß ist schlechtverhüllter Mangel. + +Wlasta. Da dich die Kunst so widersetzlich findet, +Wird Feld und Flur vielleicht dich mehr erfreun. +Komm hier und sieh hinaus in die Gefilde, +Die endlos sich dem Horizonte nahn. +Das alles, Berg und Tal und weite Flächen, +Das alles ist Libussas, meiner Frau. + +Primislaus. Und sie die Seele denn so vieler Glieder? +Ich möchte nicht mein Selbst so weit zerstreun, +Aus Furcht nichts zu behalten für mich selbst. +(Kopf und Hände bezeichnend.) +Hier ist mein Rat und hier sind meine Diener, +Die Füße meine Boten, und das Herz +Es ist mein Reich, weit bis zum Sitz der Götter, +Und eine Spanne groß nur in der Brust, +Daß Raum für mich und alle meine Brüder. +Wär' ich ein Fürst, erschräk' ich vor mir selbst, +So wie ein Bild erschreckt das gar zu ähnlich. +(Dobromila bemerkend.) +Doch halt! wir stören hier. + +Dobromila. Ich war vertieft, +Da merkt' ich nicht was rings um uns geschah. + +Primislaus. Dein Buch ist weise wohl? + +Dobromila. Komm selbst und lies! + +Primislaus. Ich kann nicht lesen, Frau! + +Dobromila. Nicht lesen, wie? + +Primislaus. In Büchern nicht, allein in Mienen wohl. +Da les ich denn: du willst mich, Frau, beschämen. + +Dobromila. Vielleicht nur wundr' ich mich, daß du von Ländern +Und Fürsten sprichst, und weißt noch nicht was nötig: +Den Gang der Zeit von Anfang, die Geschichte. + +Primislaus. Was heut, war gestern morgen,--und wird morgen +Ein gestern sein. Wer klar das Heut erfaßt, +Erkennt die Gestern alle und die Morgen. + +Dobromila. Was aber war das erste in der Welt? + +Primislaus. Das Letzte, Frau! Im Anfang liegt das Ende. + +Dobromila. Die Sterne kennst du nicht? + +Primislaus. Ich sehe sie, +Und sehen sie nicht mich, bin durch mein Sehen +Ich besser denn als sie. + +Dobromila. Was ist das Schwerste? + +Primislaus. Gerechtigkeit. + +Dobromila. Du irrst mein rascher Freund! +Das allerschwerste ist: den Feind zu lieben. + +Primislaus. Halb ist das leicht, und ganz vielleicht unmöglich. +Allein bei allen Kämpfen dieses Lebens +Den Anspruch bändigen der eignen Brust, +Nicht mild, nicht gütig, selbst großmütig nicht, +Gerecht sein gegen sich und gegen andre, +Das ist das Schwerste auf der weiten Erde, +Und wer es ist, sei König dieser Welt. + +Doch laß die toten Lehren deiner Blätter! +Die Wahrheit lebt und wandelt wie du selbst, +Dein Buch ist nur ein Sarg für ihre Leiche. +(Zu Wlasta hinzutretend, die von zwei hingelehnten Schwertern eines +ergriffen hat und es prüfend beugt.) +Was schaffst du hier? + +Wlasta. Du siehst, ich prüfe Waffen. + +Primislaus. Was soll dem Weib das Schwert? + +Wlasta. Hier ist ein zweites, +Versuchen wir, gefällt's dir, einen Gang? + +Primislaus. Ich kann nicht lesen und ich kann nicht fechten. +Was soll das Spiel? Der Ernst erst macht die Waffe. +Allein bewehre drei und vier und fünf +Mit solchem Tand, und laß sie nachts versuchen +Zu dringen in die Hütte, meine Burg, +Bewehrt mit meines Vaters breiter Axt, +Tret ich entgegen ihnen, und der Mut +Mag dann entscheiden wer ein beßrer Krieger. + +Ich bin ermüdet, zeige mir die Stätte +Wo man zu Nacht die Herberg mir bestellt. + +Wlasta (auf den Turm rechts zeigend). +Sieh, dort! + +Slawa (hinter der Szene). +Ihr sollt nicht, sag ich euch! + +Primislaus. Was nur des Neuen? + +Slawa (aus dem Turme links kommend). +O schützet mich! + +Primislaus. Du bist das erste Weib +An diesem Wunderort, das Schutz begehrt, +Die andern sind vielmehr geneigt zu meistern. + +Slawa. Ja Schutz vor dir und deinesgleichen, Mann. + +Primislaus. Vor mir? + +Slawa. So denn vor deinesgleichen. +Sie bilden sich nun ein mich schön zu finden, +Obgleich ich es nicht bin, ja sein nicht mag. +Da folgt mir denn der überläst'ge Schwarm +Und tritt entgegen mir auf allen Pfaden. +Der eine faßt die Hand mir mit der seinen, +Der andre dreht die Augen quer im Kopf +Wie ein Verscheidender, schon halb Verstorbner, +Der dritte kniet und schwört beim hohen Himmel, +Ich sei das Kleinod dieser weiten Welt, +Von meinem Blick erwart' er Tod und Leben. +Wie jämmerlich ist aber das Geschlecht, +Das alles was den Menschen ehrt und adelt +Blöd übersieht und nur nach äußern Gaben, +Nach Weiß und Rot, nach Haar und Zahn und Fuß, +Den Abgott wählt, das Letzte sich des Strebens. + +Primislaus. Mein Kind, was dich die Männer heißt verachten, +Birgt etwa wohl Verachtung für dich selbst. +Wer nach dem Äußern seine Wahl bestimmt, +Bezweifelt, fürcht ich, sehr den Wert des Innern. +Man sucht den Diamant läg' er im Staube, +Geschliffnem Glas gibt erst der Glanz den Wert, +Ist all sein Wesen Glänzen doch und Scheinen. +Dein Weg führt dich zurecht, hier bist du sicher. +Mir ist das Weib ein Ernst, wie all mein Zielen, +Ich will mit ihr,--sie soll mit mir nicht spielen. + +Sagt das der Fürstin als den letzten Gruß +Am Morgen, wenn ich fern schon meiner Wege. +(Er geht in den Turm rechts.) + +Wlasta. Ich folg ihm nach, so lautet der Befehl. +(Sie geht in denselben Turm.) + +(Libussa kommt aus dem Turme links.) + +Libussa. Wie ist's mit jenem Mann? + +Dobromila. Er ist von Stahl. + +Libussa. Es brach wohl auch ein Schwert schon im Gefecht. +Was spröde ist zerbrechlich. +(Zu Dobromila.) + Folg du ihnen. +Der Abend dämmert schon, es ziemt sich nicht, +Daß er und sie allein in solcher Stunde. + +(Da Dobromila geben will.) + +Vielmehr gebt einen Schleier mir. Ich selbst +Will Zeuge sein wie weit sein Starrsinn geht. + +Gehorchen soll er und dann mag er ziehn. +Ich fühl' es fast wie Haß im Busen quellen. +(Ab in den Turm links.) + + + +---------------- + +Gemach im Innern des Turmes. Links im Vorgrunde ein Teppich-behangener +Tisch. + +Primislaus und Wlasta treten ein. + +Wlasta. Hier denn ist dein Gemach. + +Primislaus. Ich danke dir. +Und da ich morgen mit dem Frühsten scheide, +So nimm schon heut ein doppelt Lebewohl. + +Wlasta. So willst du fort? + +Primislaus. Mein Haus ist unbestellt, +Auch gab mir meinen Abschied schon die Fürstin. + +Wlasta. Und hast du ihr, Libussen, nichts zu sagen? + +Primislaus. Was nur? + +Wlasta. Sie glaubt in dir denselben zu erkennen, +Der einst im Walde hilfreich ihr genaht. +Auch haben die Wladiken ausgesagt, +Daß du es warst, der Kleinod gegen Kette +Mit schlauer List umwechselnd ausgetauscht. + +Primislaus. Wenn ihr es wißt, warum nur fragt ihr noch? + +Wlasta. Vielleicht fühlt sich der Fürstin Stolz beleidigt, +Daß du mit einem Recht auf ihren Dank, +Aufgibst dein Recht, und ihren Dank verschmähst. + +Primislaus. Stolz gegen Stolz, wenn's wirklich also wäre. + +Wlasta. Allein der Stolz des Pflügers und der Fürstin! +Zudem ist jenes Kleinod hoch ihr wert, +Als ihres Vaters deutungsvolle Gabe. +Durch Zufall nur geriet's in deine Hand +Und blieb ein Eigen meiner hohen Herrin. +Drum gib was eines andern, nicht das deine. + +Primislaus. Ich gab es schon. + +Wlasta. Wann aber, wo und wie? + +Primislaus. Ich sagt' es auch, ob etwas rätselhaft, +Schon als ich kam, doch ihr verstandet's nicht. + +Wlasta. Hier aber will man Rätsel nicht, Gehorsam. + +Primislaus. Auch weiß ich, daß den werbenden Wladiken +Sie auferlegt, ihr ganz und ungeteilt +Das Kleinod auszuliefern, das sie hochhält. +Vielleicht, wär' erst die eine Hälfte da, +Fügt' ich die zweite bei, besäß' ich sie. + +Wlasta. Erfüllst du deinen Teil, tatst du genug. + +Primislaus. Ich bin hier in dem Wunderschloß der Weiber, +Und alle weibliche Vollkommenheit +Hat man mir vorgeführt mit etwas Prangen; +Nur mit den Fehlern, scheint mir, des Geschlechts +Hielt man zurück, bedächtlicher als billig. +Da ist nun Neugier, die man Schuld euch gibt. +Wie wär' es, holde Wlasta, wenn nur Neugier +Dir diese Fragen in den Mund gelegt? +Sprichst du zu mir im Auftrag deiner Frau? + +Wlasta. In ihrem Auftrag nicht. + +Primislaus. Nun also denn! +Das Recht auf Antwort nur gibt Recht zur Frage. + +Wlasta. Doch weiß wovon ich spreche meine Frau. + +Primislaus. Das soll ich glauben eben weil du's sagst? + +Wlasta. Als Zeichen denn, daß nicht die Neugier bloß, +Daß mich ein höhrer Wink dazu berechtigt, +Sieh hier das Kleinod, dessen eine Hälfte +Du vorenthältst, und das man ganz begehrt. +(Das Mittelkleinod des Gürtels aus dem Busen ziehend.) + +Primislaus. Das schöne Bild! Die glänzend reichen Steine! +Derlei sah ich in meinem Leben nicht. + +Wlasta. Verstell dich nicht, es war in deiner Hand. + +Primislaus. Wie käme derlei in die Hand des Pflügers? +O gib es mir, o laß es mich betrachten! + +Wlasta. Halt ab die Hand! +(Das Kleinod auf den Tisch ihr zur Seite hinlegend.) + Hier leg ich es denn hin. +Du aber nun erfülle was dir Pflicht. +Die Fürstin will nicht länger, kann's nicht dulden, +Daß was ihr wert und teuer, heilig selbst, +In niedrer Hand, als offenkundig Zeugnis +Von einer halb vertraulichen Begegnung, +Zum Anspruch stempelnd was ein Zufall war. +Du sollst, du mußt, die Fürstin will es so. + +(Dobromila kommt, hinter ihr Libussa, eine Fackel tragend, vom Kopf bis +zu den Füßen mit einem dichten Schleier bedeckt.) + +Dobromila. Wollt ihr nicht Licht? Der Abend dämmert schon. +Ich laß euch hier der Dienrin helle Fackel. +Du aber Wlasta fördre dein Geschäft. + +(Sie geht. Libussa bleibt, die Fackel emporhaltend, im Mittelgrunde gegen +die linke Seite.) + +Wlasta (da sie Libussa erblickt, vor sich hin). +Sie ist es selbst! + +Primislaus. Scheint Wlasta doch beklommen! +Wär' sie's? O still mein ahnungsvolles Herz! + +Wlasta (zu Primislaus). +Was not tut ward gesagt. Gehorche nun! + +Primislaus. Ihr setzt so schnell voraus, was erst bewiesen, +Ein Unrecht bildete das auch ein Recht. +Nimm an: ich war es selbst, der einst bei Nacht +Begegnet eurer Fürstin tief im Walde, +Nimm an: daß aller Unterscheidung bar, +Sie mir erschien als Königin der Weiber, +Nicht als das Weib das selber Königin. +Der Glieder holder Reiz, der Stirne Thron, +Das Aug' das herrscht, die Lippen die befehlen, +Selbst wenn sie schweigen, ja im Schweigen mehr; +Sie riefen in die Seele mir ein Bild, +Das mich umschwebt seit meinen frühsten Tagen, +Und all mein Wesen es rief aus: sie ist's! +Ich wußte nichts von ihrem Rang und Stand +Und nichts verbot zu hoffen und zu werben. +Sie schied, es kam der Tag. Des Kleinods Pracht, +Das in der Hand statt ihrer mir geblieben, +Bezeichnete sie wohl als hoher Abkunft; +Doch ist auch Primislav nicht niedern Stamms, +Ein Enkelsohn von Helden, ob nur Pflüger. +Erst als die Sage von Libussas Unfall +Das Land durchzog, da war es plötzlich hell, +Und ich nur noch ein hoffnungsloser Tor. +Doch aus den Trümmern meines äußern Glücks +Erbaute sich im Innern mir ein neues. +Wie Trauerfaltern kreisen um das Licht, +Umflogen meine Wünsche nun das Kleinod, +Was früher Zeichen, ward jetzt Gegenstand. +Ich trug's mit mir auf meiner warmen Brust, +Ich drückt' es an das Herz, an meinen Mund, +Das Eigentum verwechselnd mit dem Eigner-- + +Heiß deine Freundin still die Fackel tragen, +Wir sind im Dunkeln wenn verlöscht das Licht. + +Wlasta. Laß die Erzählung denn und komm zur Sache! + +Primislaus. Ein Traum ist ja Erzählung und sonst nichts. +Zerstört war nun, für immer schien's, mein Hoffen. +Da taucht's auf einmal wieder blinkend auf. +Zu meiner Hütte kamen die Wladiken +Geführt von meinem Gaul, der führerlos, +Den Weg gefunden zu der frühern Heimat. +Da sprach es still in mir: Sie denkt noch dein, +Entschwunden ist ihr ganz nicht die Erinnrung +An jene Nacht, die holde Wunderzeit. +Nicht daß ich glaubte, meine Niedrigkeit +Erhöhe je mich zu der Hoheit Höhe +Nicht daß ich glaubte, die Bedingung, +Die sie gesetzt den werbenden Wladiken, +Sie würde je zum Anspruch für mich selbst; +Allein den Schatten eines flücht'gen Eindrucks, +Den müßigen Gedanken: wenn's nicht so, +Wenn's anders wäre in der Welt der Dinge, +Wenn dieser Umstand fort und jener da, +Wenn niedrig wäre hoch und wenig viel, +Dann möcht' es sein, dann könnt' es wohl geschehn! +So viel, ein Nichts, ein schwebendes Atom, +Dacht' ich mir wach in eurer Fürstin Seele. + +Die Freundin dort wird ungeduldig, scheint's. +Wir müssen eilen, denn sie will von dannen. + +Mit solcher Hoffnung kam ich schwindelnd her, +Das Herz trat mir in Ohr und Aug' und Lippe, +Doch kalter Spott und rücksichtsloser Hohn +Kam mir entgegen auf des Hauses Schwelle. + +Wlasta. Du dachtest dir das Weib und fandst die Fürstin. + +Primislaus. Es ist die Herrschaft ein gewaltig Ding, +Der Mann geht auf in ihr mit seinem Wesen, +Allein das Weib, es ist so hold gefügt, +Daß jede Zutat mindert ihren Wert. +Und wie die Schönheit, noch so reich geschmückt, +Mit Purpur angetan und fremder Seide +Durch jede Hülle die du ihr entziehst, +Nur schöner wird und wirklicher sie selbst, +Bis in dem letzten Weiß der Traulichkeit, +Erbebend im Bewußtsein eigner Schätze, +Sie feiert ihren siegendsten Triumph. +So ist das Weib, der Schönheit holde Tochter, +Das Mittelding von Macht und Schutzbedürfnis, +Das Höchste was sie sein kann nur als Weib, +In ihrer Schwäche siegender Gewalt. +Was sie nicht fordert das wird ihr gegeben +Und was sie gibt ist himmlisches Geschenk, +Denn auch der Himmel fordert nur durch Geben. +Doch mengt der Stolz sich in die holde Mischung, +Ein scharfer Tropfen in die reine Milch, +Dann lösen sich die Teile; stark und schwach +Und süß und bitter treten auseinander, +Der Schätzung unterwerfend und Vergleichung +Was unschätzbar und unvergleichlich ist. + +Selbst Wlasta du, als du noch Waffen bogst, +Mit rauher Stimme fordertest zum Kampf +Warst du nicht du, zum wenigsten kein Weib; +Doch seit die Freundin dort ins Zimmer trat, +Hat holde Scheu begeistert all dein Wesen, +Die Hand, die ich erfasse, zittert fast; +Du bist nicht stolz, wie jene Freundin scheint, +Die mit unwill'gem Fuße tritt den Boden; +So bist du schön, dein Auge, nicht mehr starr, +Es haftet milden Glanzes an dem Boden +Die Wange färbt ein mädchenhaft Erröten. + +O weh! dein Haar ging los aus seinen Banden, +Als strebt' es, schamhaft selber, zu verhüllen +Den holden Wandel aus dem frühern Trotz. +Ich streich es dir zurück. Nun wieder rein, +Erkenn ich dich im Spiegel deiner Seele, +Und wäre nicht mein Herz auf andern Pfaden, +Ich sagte: Wlasta, kannst du fühlen weich? +Begreifst du daß ein Innres schmelzen muß +Um eins zu sein mit einem andern Innern? +Hoffst du, entfernt von diesem stolzen Schloß, +Zu finden wieder Demut, Milde, Schwäche? +Ist eine Hütte dir ein Königsbau, +Bewohnen Herrscher sie im eignen Hause? +Sag ja, sag ja! und stelle dich mir höher +Als deine Fürstin steht, trotz Glanz und Pracht. + +(Sich niederbeugend um ihr in die Augen zu sehen. Libussa hat einige +Schritte nach vorn gemacht, wie um zu sprechen, jetzt wirft sie die +Fackel weg und geht.) + +Die Fackel fiel. Laß mich! + +Wlasta (die die Fackel aufgehoben hat). +Die Fürstin zürnt. + +Primislaus. Wie weiß die Fürstin was wir hier beginnen? +Du schuldest Antwort mir auf meine Frage. +Ich laß dich nicht, du mußt mir Rede stehn! +Ich lösche dir die Fackel, dann im stillen +Vertraust du das Geheimnis meinem Ohr. +(Indem er wiederholt nach der Fackel greift und dadurch die Widerstrebende +nach rückwärts drängt.) + +Wlasta. Verwegener und Spötter auch, zurück! +Ich fühle mich gelähmt zum Widerstand, +Denn Übermut und Dreistigkeit vernichtet. + +(Er hat ihr die Fackel entrissen und am Boden ausgelöscht.) + +Wir sind im Dunkeln. + +Von außen. Wlasta! + +Wlasta. Sieh mich hier! +(Durch die Türe ab.) + +Primislaus (das auf dem Tische liegende Kleinod ergreifend und in den +Busen steckend). +Ich hab's, ich hab's! Wohl mir, die List gelang! +Dort seh ich einen Ausgang. Fort ins Freie! + +(Indem er einer im Hintergrunde befindlichen Türe zueilt, erscheint +Libussa mit zurückgeschlagenem Schleier in der Türe links und winkt +mit gehobenem Arme. Eine Falltüre im Boden bewegt sich.) + +Der Boden weicht, ich sinke! +(Nach vorn gewendet.) +Ha, Libussa! +(Er versinkt.) + +(Libussa zieht sich durch die Türe zurück.) + + +---------------- + +Verwandlung + +Der Thronsaal wie im dritten Aufzuge, im Mittelgrunde durch einen Vorhang +abgeschlossen. Es ist dunkel. + + +Primislaus' Stimme (hinter dem Vorhange). +Beschützen mich die Götter! Fort die Hände! + +(Er kommt hinter dem Vorhange hervor, gefolgt von mehreren schwarz +gerüsteten Männern.) + +Primislaus. Laßt ab!--Der Boden schwankt, die Sinne schwindeln. +Aus steiler Höhe rasch herabgeglitten, +Schlägt noch die Erde Wellen unter mir +Und die Bewegung setzt sich fort ins Innre. +Ich könnte sagen, tun, was fremd mir selbst. + +Nun ist es wieder gut. Nun kommt nur an! +Was wollt ihr und was fordert man von mir? + +Ihr schweigt? Sind eure blanken Schwerter Worte? +Und heischt mein Leben eure milde Frau? +O Güte, Güte, himmelsgleiche Güte +Wie preist dich hochentzückt ein ganzes Land! +Ich aber nenn es Willkür, Weiberlaune, +Die nur geleitet durch ein blind Gefühl +Hier ausgießt ihres Füllhorns Überfluß +Weil der Empfänger nah, weil er genehm, +Weil ihm ein dunkles Etwas Gunst verleiht, +Dort wieder nimmt, weil doch parteiisch Geben +Ein Geben und ein Nehmen ist zugleich. +Es ist die Welt kein traumgeschaffner Garten +Wo Duft und Farbenglanz den Platz bestimmt, +Die Rose Königin und Raute, Lattich +Das Unkraut, das man austilgt mit dem Fuß. +Ein Ungefähr verlieh mir Wert und Huld, +Doch beides nimmt ein launisch Zürnen wieder. +Und wenn Freigebigkeit aus Himmelshöhn +Hernieder stiege zu der armen Erde, +Sie müßte stehen menschlichem Ermessen +Und Antwort geben, wenn gefragt: warum? +Ich will gewogen sein mit gleicher Waage, +Wie hoch mein Anspruch und wie tief mein Fehl. +Der Willkür fügt kein Freier sich, kein Mann. + +Ich sehe Ketten dort in euern Händen +Hier sind die meinen, legt mir Fesseln an! +In Turmesnacht, von Lebenden geschieden +Will ich das Loblied singen eurer Frau, +Mich selber richten, daß ich ihr vertraut. + +Dir scheinen Ketten zu gelinde Strafe, +Ich seh's, du zückst das Schwert auf meine Brust. +Wohl weiß ich was ihr wollt, was ihr begehrt; +Ich aber sagte: nein, und sag es noch. +War's auch ein Spiel nur, ein verwegner Scherz, +Den Übermut zu bändigen durch List, +Den Anspruch mir zu wahren, der mein Recht, +Auf eurer Fürstin Dank und Anerkennung. +Hab ich's verweigert, so verweigr' ich's noch, +Mein Leben setz ich ein für meinen Willen. +Stoß, Mörder, zu! ich bin in eurer Macht, +Der Götter Schutz vertrau ich meine Seele. + +(Er sinkt auf ein Knie und verhüllt die Augen mit der Hand.--Libussa +ist von der linken Seite eingetreten. Auf ihren Wink haben sich die +Gewaffneten hinter den Vorhang zurückgezogen. Sie klatscht in die Hände +und von den Seitenwänden schieben sich Armleuchter mit brennenden Kerzen +vor. Es ist licht.--Primislaus emporblickend.) + +War das das Zeichen blutigen Vollzugs? + +Du selber bist's? So traf mich schon der Stoß +Und wall ich jenseits in den sel'gen Fluren, +Wo uns der Wunsch erfüllt entgegenkommt? +Wo dieser Erde Druck und bittres Leiden +Als Kranz sich windet um der Sel'gen Haupt? +Du bist es nicht, du bist dein eigner Schatten, +Sei mir, dem gleichen Schatten, denn gegrüßt. + +Libussa. Du lebst, doch leb auch ich. Ich bin Libussa +Und rühme mich Gerechten als gerecht. +Du hast mich schwer beschuldigt und ich komme +Dir Rede stehen, zu verteid'gen mich. + +Primislaus. Verteid'gen dich? Bist du denn nicht die Hohe, +Die Himmlische, den hohen Göttern ähnlich? +So wie die Sonne, wenn sie Wolken zog +Und Blitz auf Blitz den Horizont durchschneidet, +In Finsternis sich hüllt die bange Welt; +Kaum daß durch eine Spalte des Gewölks +Sie vortritt in der ewig gleichen Schöne, +Das All die holde Dienstbarkeit erkennt, +Vergessen fast im Segen der Gewohnheit-- +Bist du am offenbarsten wenn verhüllt +Und trägst die Krone wenn du sie verleugnest. + +Libussa. Nun sprichst du so, nachdem du lang verweigert. + +Primislaus. Dem kränkenden Befehl. + +Libussa. Nun denn: ich bitte. + +Primislaus. Hört ihr's ihr Mauern? Hörst du's laue Luft, +Die Wärme nimmt von ihrer Glieder Wärme? +Wir waren, o verzeih, setz ich dich gleich, +Wir waren wie die Kinder wenn sie schmollen, +Wegweisend was der Wunsch zumeist begehrt. + +Nun fort auch jeder Anspruch, jedes Recht, +All was nicht Demut ist und Unterwerfung. +Womit ich binden wollte deine Huld, +Nimm es zugleich mit dem Gebundnen hin. +(Er hat das Kleinod aus der Brust gezogen und bietet es dar.) +O wären diese Hände Purpurkissen, +Um würdig dir zu bieten was das Deine. + +Libussa. Die Hälfte deines Anspruchs wahrst du doch. +Es fehlt ein Teil, der voll erst macht das Ganze. +Ich muß dich klug, muß dich verständig nennen, +Doch minder edel deucht mich was du tatst. +Sprich, ist es zart, wie's gegen Frauen ziemt, +Vorzuenthalten was ihr Wunsch begehrt, +Und sich durch List zu sichern was nur Gunst, +Nicht Recht noch Schlauheit eignet zum Besitz? + +Primislaus. Ich gab es ja, gab's schon bei meinem Eintritt. + +Wir sind am selben Ort der mich empfing. +Hier stehn die Blumen, meiner Armut Gabe, +Die man als wertlos nicht vom Ort verrückt. +So kommt denn ihr, gebt Zeugnis meinen Worten! +(Er hat den Korb aufgenommen.) +Den Sinnspruch hast du dennoch nicht erraten! + Unter Blumen liegt das Rätsel + Und die Lösung unter Früchten. + (Er stürzt den Korb zu ihren + Füßen auf den Boden. + Die Kette liegt obenauf.) + Wer in Ketten legte, hat sie, +(zurücktretend) + Der sie trägt, ist ohne Kette. +Und nun erlaube, daß gleich einer Magd +Ich wieder füge was der Zufall trennte. +(Er setzt sich auf die unterste Stufe des Thrones, indem er die Kette +trennend, das Mittelkleinod einfügt.) + Wer mir die Kette teilt, + Allein sie teilt mit keinem dieser Erde, + Vielmehr sie teilt, auf daß sie ganz erst werde; +(mit erhobener Stimme) + Hinzufügt was, indem man es verlor, + Das Kleinod teurer machte denn zuvor. + O wüßtest du was mir bei diesem Wort + Für Hoffnungen durch meine Seele stürmten! + Ich war ein Tor!--Dein Auftrag nun erfüllt, + Leg ich mein Werk zu deinen Füßen nieder + Und kann nun scheiden ohne Schuld und Fehl. +(Er legt das Geschmeide auf die Blumen am Boden.) + +Libussa. Noch einmal nenn ich klug dich und auch edel. +Bleib hier! Es will das Volk bestimmte Sprüche. +Was mir der Geist, in Ahnungen verhüllt +Und in Erinnrung an des Vaters Weisheit' +Mit unbewiesner Sicherheit verkündet, +Sie wollen's prüfen, wollen es begreifen +Und ihres eignen Richters Richter sein. +Sei du der Übertrager meiner Worte, +Kleid ihnen ein wie's ihrer Fassung ziemt, +Was ich errate mehr, als faßlich denke, +Und erst als heilsam sich als wahr bewährt. + +Primislaus. Du bist umworben von des Landes Höchsten, +Bald steht ein Gatte, Fürstin, neben dir. +Mein Leben und mein Blut sind dir erbötig; +Doch dien ich keinem Mann. + +Libussa. So glaubst du wirklich, +Die Toren träfe jemals meine Wahl? + +Primislaus. Doch wenn das Land nun unterstützt die Werbung? + +Libussa. So wirb auch du, ob hoffnungslos wie sie. + +Primislaus. Sie sind, noch einmal, dieses Landes Beste. +Ich bin der Letzten einer, ohne Schutz. + +Libussa. Du bist so machtlos nicht als du wohl glaubst. +Weißt du?--Und eben deshalb kam ich her, +Trotz jenes Scherzes, erst im Turm, mit Wlasta. +Ich weiß es war nur Scherz, doch war er frech +Und er verdiente wohl ein längres Zürnen. +Doch kam ich her ob wirklicher Gefahr. +Weißt du? Das Volk steht draußen vor den Toren, +Sie glauben dich in Haft, bedroht dein Leben +Und fordern dich zurück mit Wut und Trotz. + +Primislaus. Ist hier kein Schwert? Wo sind die Waffenmänner, +Die kurz vorher sich feindlich mir genaht? +Ich will hinaus! ich will den Aufruhr lehren, +Daß rohe Macht nur Macht ist im Gehorsam +Und Niedres sich vor Höherm willig beugt. + +Libussa. Da wäre ja der Schützer den ich brauche! +Du bist ein Mann, dir folgen sie wohl willig, +Sehn sie in dir das Bild doch des Geschlechts. +Hartnäckigkeit hat dich als Mann bewiesen. + +Primislaus. Wenn du Beharrlichkeit statt dessen sagst, +Hast du genannt vielleicht den einz'gen Vorzug +In dem die Frau nachsieht dem festen Mann. + +Libussa. Weshalb euch denn die Herrschaft auch gebührt? +Doch wär' ich nun beharrlich so wie du, +Und legte von mir dieses Landes Krone, +Und ließe die Beharrlichen beharren +In ihres Trotzes ungezähmter Gier? + +Primislaus. O tu's, Libussa, tu's! Sei wieder jene +Als die du mir im Walde dort erschienst; +Der Rasenplatz dein Reich, und deine Krone +Du selbst, mit dir als Edelstein geschmückt. +Hüll wieder dich in meiner Schwester Kleider, +Dieselben die ich oft ans Herz gedrückt, +Als freilich eines andern Körpers Hülle, +Der minder schön, doch nahe mir wie du. +Siehst du? wie hart ihr seid und karg und selbstisch? +Ich gab dir alles was mein Eigentum, +Mein treues Roß, der Schwester heil'ges Erbe +(Das Geschmeide mit dem Fuße berührend.) +Und ihr, ihr marktet um den blanken Tand, +Der kaum ein Tausendteil von deinen Schätzen. + +Libussa. Es ist des Vaters teures Angedenken. + +Primislaus. Ich hasse deine Eltern, deine Schwestern, +Die Wurzel und den Stamm--bis auf die Blüte. + +Libussa. Wohl gar auch mich? + +Primislaus. Auch dich, sagt' ich beinah. +Weil ohne Worte du versprichst, und sprechend +Der Sprache deiner Anmut widersprichst. + +Und dennoch warst du mein, in meiner Macht, +Als Zeuge nur die Luft und jene Bäume. +Die Tat war ehrfurchtsvoll, doch die Gedanken +Sie haben räuberisch an dir gesündigt. +Als ich aufs Pferd dich hob, bei jedem Straucheln +Dir Hilfe bot, da fühlt' ich deine Nähe. +Den unberührten Leib hab ich berührt, +Ich weiß wie warm die Pulse deines Lebens, +Und wer dich freit, wer dich von dannen führt, +Ich werd' ihm sagen: du bist nur der Zweite, +Den Vorschmack deines Glücks hab ich gefühlt. + +Libussa. Ich werde zürnen wenn du achtlos sprichst. + +Primislaus. Du zürnst ja schon und hast gezürnt, und Strenge +Ist all dein Wesen, bis auf jenen Tag. +Da warst du mild und lebst mir so im Herzen. + +Als nun der Augenblick der Trennung kam, +Da sprach ich bang zu dir: Neig mir dein Haupt! +Und hing um deinen edlen Hals die Kette +Von der ich mir den besten Teil geraubt, +Das Kleinod das der Jungfrau Schmuck und Zier, +Das Sinnbild erster, ahnender Begegnung. +Jetzt ist es keine Kette mehr, die bindet, +Ein Gürtel, den nur Weiberhand berührt +Und anlegt um der Herrin schlanke Hüften. +Bis jener kommt, der bindet ihn und löst +Und dem ich weiche, wie einst aus dem Leben. + +Libussa. Bleib hier! Ob stolz, sollst du mir dienstbar sein. +Leg an den Gürtel, hier an seinem Platz, +Und weh dem, der ihn noch nach dir berührt! +(Mit erhobener Stimme.) +Ihr aber, die gewärtig meines Winks, +Herbei! Und seht was ihr begehrt erfüllt. + +(Mägde, Wladiken und Landleute treten ein. Libussa zu den Dienerinnen.) + +Ihr aber helft ihm, er ist ungeschickt. + +Primislaus. Ich zittre ja. + +Libussa. Nun denn zum letztenmal. + +(Die Dienerinnen legen ihr den Gürtel vollends an.) + +Ihr andern, die besorgt um euern Freund, +Er ist hier sicher. Er ist mein Gemahl. +Dient ihm wie mir, wenn nicht noch mehr als mir, +Denn ich ich dien ihm selbst als meinem Herrn. +Ich neige mich, folgt eurer Fürstin Beispiel, + +(Indem sie Primislaus' Hand ergreift und halb das Knie beugt, das Volk +aber kniet, fällt der Vorhang.) + + + + +Fünfter Aufzug + +Ländliches Gemach von querliegenden Baumstämmen gefügt. Im Hintergrunde +zwei Mägde Libussas, die ein breites Tuch ausgespannt vor sich hinhalten, +indes eine andre am Boden kniend mit einem Griffel eine bezweckte Form +daran abzumessen scheint. Im Vorgrunde rechts ein Stuhl mit einem +darangelehnten Spinnrocken. Dobromila, als eben von der Arbeit +aufgestanden, steht daneben und sieht den im Hintergrunde Beschäftigten +zu. Zu beiden Seiten Türen. + + +Wlasta (zur Türe links eintretend). +Ist eure Fürstin wach? + +Dobromila. Ah, Wlasta, du? + +Wlasta. Und ist sie hergestellt von ihrem Siechtum? + +Dobromila. Der Anlaß war so schön, und der Erfolg +Beglückt so überhoch, daß etwas Schwäche, +Schon als Erinnrung selber ein Genuß. + +Wlasta. Ihr habt euch hier recht ländlich eingerichtet. + +Dobromila. Der Fürst durchzieht das Land, und seine Gattin +Folgt ihm auf jedem Schritt, so daß zur Zeit +Hier diese Hütte unser Königsschloß. + +Wlasta. Und seid beschäftigt auch. O Dobromila! +Du legtest kaum die Spindel aus der Hand. +Ihr seid herabgekommen gute Mädchen! + +Dobromila. Wir sind vergnügt. + +Wlasta. Ich aber bin es nicht. +Mir widert der Befehl aus niederm Mund. +Drum ging ich zu den Schwestern deiner Frau +Auf Wischehrad. Zwar wohnt dort Langeweile, +Doch dient man gern wenn Hoheit heischt den Dienst. +Kann ich Libussa sprechen? + +Dobromila. Schau, sie selbst! + +(Libussa kommt aus der Seitentüre rechts.) + +Libussa. Ah, Wlasta, du bei uns! Was führt dich her? + +Wlasta. Libussa, hohe Frau! + +Libussa. Dein Aug' ist feucht +Was nur erpreßt der Starken diese Tränen? + +Wlasta (zeigt mit Gebärde auf die umgebenden Gegenstände). + +Libussa. Ja so, du weinst um uns? Wir sind dir dankbar, +Man sagt kein irdisch Glück sei ungetrübt. +Nimmst du die Trübsal nun, statt uns, auf dich, +So freun wir uns um desto ungetrübter. + +Wlasta. Der Abstand martert mich von einst auf jetzt. + +Libussa. Ist dieser Abstand doch des Menschen Leben! +Von Kind zu Jungfrau, bis zuletzt das: jung, +Erst nur ein Wort, sich ablöst von der Frau: +Der einz'ge Name treu uns bis zum Tode. + +Wlasta. Du weichst mir aus; ein Zeichen daß du's fühlst. +Mein Jammer ist, daß ich die Hohe, Hehre +Muß unterwürfig sehn dem Sohn des Staubs. + +Libussa. Du sprichst von Primislaus? O gutes Mädchen, +Wär' irgend Schmerz in meinem vollen Glück, +So wär' es, daß mein Gatte jeden Strahl +Der Hoheit rücklenkt auf mein eignes Haupt; +Daß wie ein Träger anvertrauter Macht, +Wie ein Verweser nur von fremdem Gut, +Er nie sich fühlt als Herr und als berechtigt. + +Wlasta. Doch scheint mir was geschieht ist meist sein Wille. + +Libussa. Es ist so, ja. Doch weißt du auch warum? +Er hat fast immer recht. Wir haben, Mädchen, +Die Macht geübt zu eigenem Genuß. +Wir pflückten ab die Blumen alles Guten, +Er geht vom Stamm herab bis zu der Wurzel, +Und schon des Samenkornes hat er acht. +Wir fühlten in dem fremden Glück das eigne, +Er liebt im fremden fast das fremde nur, +Das Edle selbst, das wohltut höherm Sinn, +Weist er zurück und duldet das Gemeine +Wenn allgemein der Nutzen und die Frucht. +Drum wo uns Widersetzlichkeit gedroht, +Dort findet er Gehorsam. Jeder hilft +Teilnehmend am Vollbringen, am Vollbrachten. +Es ist so schön für andere zu leben! +Lebt er für sie, warum nicht ich für ihn? + +Wlasta. Doch deine Schwestern sind nicht gleichen Sinns, +Sie fühlen noch die angestammte Hoheit +Und es belästigt sie die neue Zeit. +Im Walde, wo ihr Schloß, ertönt die Axt, +Der tausendjähr'gen Eichen Stämme fallen +Zu niedrigem Gebrauch. Der Felsen Innres +Durchwühlt der Eigennutz und sprengt die Fugen, +Dem Licht verflossen seit dem Schöpfungstag, +Um Steine sich zu brechen fürs Gehöft, +Für seiner Herde schmutzige Umfriedung. +Sie aber, deine Schwestern, wollen einsam +Und ungestört vom lauten Pöbelschwarm +Dem geist'gen Anschaun leben, der Betrachtung. + +Libussa. Ich sag es meinem Gatten, kehrt er wieder, +Wenn irgend möglich, stellt er's hilfreich ab. + +Wlasta. Wenn möglich nur? Was wär' der Macht unmöglich? + +Libussa. Das Unvernünft'ge, Kind, und was nicht billig. + +Wlasta. Bezweifelst du ihr Recht und ihre Hoheit? + +Libussa. Ich zweifle nicht und liebe nicht zu zweifeln. +All was sich selbst gemacht im Lauf der Dinge +Dünkt als natürlich mir zugleich im Recht. +Mein Gatte aber prüft und untersucht +Und jeder Anspruch muß ihm Rede stehn +Als allen nützlich in der Hand des einen. +Allein mich deucht er selber kehrt zurück; +Vereinen wir denn beide unsre Bitten. + +(Primislaus kommt.) + +Primislaus. Libussa, hohe Frau! + +Libussa. Nimm als Entgegnung: +Mein hoher Gatte; somit Herr der Frau. + +Primislaus. Wir haben uns geplagt den langen Morgen, +Der Tag ist heiß, fast fühl ich mich ermüdet. + +Libussa. So sitz! + +Primislaus. Hier ist kein zweiter Stuhl für dich. + +Libussa. Wohlan denn: so befehl ich dir zu sitzen, +Und du befiehl, daß ich hier steh bei dir. +Nimm dieses Tuch, ich trockne dir den Schweiß. + +Primislaus (der sich gesetzt hat und die Stirne trocknet). +Wir waren früh am Werk und gingen rastlos, +Ich und die Ältesten, rings durch die Gegend. +Und sahen uns den Ort und seine Lage. +Weißt du denn auch? wir bauen eine Stadt. +Wenn du's genehmigst nämlich und es billigst. + +Libussa. Sag mir vorerst: was nennt ihr eine Stadt? + +Primislaus. Wir schließen einen Ort mit Mauern ein +Und sammeln die Bewohner rings der Gegend, +Daß hilfreich sie und wechselseitig fördernd +Wie Glieder wirken eines einz'gen Leibs. + +Libussa. Und fürchtest du denn nicht, daß deine Mauern, +Den Menschen trennend vom lebendigen Anhauch +Der sprossenden Natur, ihn minder fühlend +Und minder einig machen mit dem Geist des All? + +Primislaus. Gemeinschaft mit den wandellosen Dingen +Sie ladet ein zum Fühlen und Genießen, +Man geht nicht rückwärts lebt man mit dem All; +Doch vorwärts schreiten, denken, schaffen, wirken +Gewinnt nach innen Raum, wenn eng der äußre. + +Libussa. Doch sind die Menschen strenggeschiedne Wesen, +Ein jeder ist ein andrer und er selbst; +Die enge Nähe, störende Gemeinschaft +Schleift ab das Siegel jeder eignen Geltung, +Statt Menschen hast du viele die sich gleich. + +Primislaus. Was jeder abgibt geben auch die andern +Und so empfängt der eine tausendfach. +Es ist der Staat die Ehe zwischen Bürgern, +Der Gatte opfert gern den eignen Willen, +Was ihn beschränkt ist ja ein zweites Selbst. + +Libussa (die Hand auf seine Schulter legend). +Wohl, ich verstehe das mein Primislaus, +Und also bau nur immer deine Stadt. +Allein warum denn hier, an dieser Stelle, +Wo manchen sie belästigt und beirrt? + +Primislaus (aufstehend). +Siehst du, die Moldau, dieses Landes Ader, +Die blutverbreitend durch den Körper strömt, +Hier hat versammelt sie all ihre Quellen +Und breitet sich in weiten Ufern aus. +Noch weiter unten fließt sie in die Alb, +Mit der vereint sie durch die Berge bricht, +Die scheiden unser Land vom deutschen Land +Und strömt mit ihr, so sagt man, bis ins Meer. +Steht unsre Stadt nun hier, so baun wir Schiffe +Und laden auf des Landes Überfluß +An Frucht, an Korn, an Silber und an Gold. + +Libussa. So achtest du das Gold? + +Primislaus. Ich nicht, doch andre, +Und andern eben bieten wir es dar. +So schafft uns Tausch was hier noch etwa fehlt. + +Libussa. Genügsamkeit ist doch ein großes Gut! + +Primislaus. Befriedigt ist das Tier nur und der Weise, +Den Menschen, die gleich mir und gleich den meisten +Ward das Bedürfnis als ein Reiz und Stachel +Von ew'gen Mächten in die Brust gelegt, +Bedürfnis das sich sehnt nach der Befried'gung +Und dort auch noch zu neuen Wünschen keimt. +Hat auch das Land was ihm zur Not genug; +An unsern Grenzen wohnen andre Völker, +Die streben vor und mehren ihre Macht. +Das Viel und Wenig liegt in der Vergleichung +Und in der Truhe mindert sich der Schatz. +Wer Hundert hat und sich damit begnügt, +Er hat's nicht mehr, zählt jeder Nachbar Tausend. + +Nebstdem ist dieses Werk nicht mehr mein eignes. +Des Landes Älteste die mich begleitet +Als wir umschritten rings den weiten Raum, +Sie haben sich, einstimmend meinen Gründen, +Gesamt erklärt für diesen selben Ort. + +Libussa. So hältst du sie für weiser denn als dich? + +Primislaus. Ich weiß nicht. Etwa nein. Allein, Libussa, +Wenn wir das Ganze besser überschaun, +Verstehn die einzelnen was einzeln besser +Und ihren Rat nicht acht ich ihn gering. +Dann, glaubst du nicht, daß wenn sie eingewilligt, +Mit Doppelkraft sie an die Arbeit gehn? +Nicht nur den eignen Nutzen liebt der Mensch, +Die eigne Meinung hat ihm gleichen Wert, +Er hilft dir gern, sieht er im Werk das seine. + +Ja selbst der Himmel, scheint's, stimmt mit uns ein. +Wir gingen lang, ich und die Ältesten, +Die zögernd folgten, Zweifel in den Blicken, +Ihr ganzes Wesen ein vernehmlich: Nein, +Da schallt mit eins der Wald von Axtesschlägen +Und einen Mann gewahren wir, der rüstig +Sich einen Eichbaum fällt mit voller Kraft. +Wir fragen ihn wozu das Werkstück solle? +Da sagt er: Prah! was in des Volkes Munde +So viel als Schwelle heißt, des Hauses Eingang. +Daß uns nun beim Beginn des neuen Werks +Die Schwelle gottgesandt entgegenkomme, +Das fiel die Männer, wie von oben, an. +Hier soll sie stehn, so riefen sie, die Stadt, +Und Praga soll sie heißen, als die Schwelle, +Der Eingang zu des Landes Glück und Ruhm. + +Libussa. Die Schwelle, das ist gut. + +Primislaus. Nicht wahr, Libussa? +Ich seh es glühen hoch in deinem Auge, +Wir stehn auf deines Geistes Machtgebiet. +Man schelte mir die Vorbedeutung nicht! +Wenn irgendein Gedanke, tatenschwanger +Und einer Zukunft wert, entsteht im Menschen, +Dann sammeln sich nicht nur die eignen Kräfte, +Daß Geist und Leib vereint im selben Punkt, +Auch die Natur, die roh gedankenlose, +Sie fühlt den Anhauch eines geist'gen Wehns +Und eilt als Mittel sich dem Werk zu fügen, +Anteil zu nehmen an der edlen Tat. +Was weit entfernt und scheinbar widersprechend +Es nähert sich, gibt auf den Widerstand, +Das Unerklärte schimmert von Bedeutung, +Und eine Seele wird ihm der Gedanke, +Um den sich schart was feindlich sonst und starr. +Da mag denn auch, vorahnend was geschieht, +Wie einer schweigend nickt wenn man ihn frägt, +Die Körperwelt durch Bild und Vorbedeutung +Andeuten was erlaubt und ihr genehm. + +Libussa. Ich sehe dich bekehrt zu meiner Meinung. + +Primislaus. Ich bin es, ja, und war es immerdar. +Schlecht ist der Ackersmann, der seine Frucht +Von Pflug und Karst, von seinem Mühn erwartet +Und Licht und Sonne, was von oben kommt, +Nicht als die Krone achtet seines Tuns. +Es wirkt der Mensch, der Himmel aber segnet. + +Und also vorbereitet, wirst du uns +Versagen nicht die Huld um die wir flehn. + +Libussa. Was ist es Primislaus was ihr begehrt? + +Primislaus. Ich wünsche dieses Werk als Götterwille, +Als einen Wink von oben angesehn. +Wir haben einen Altar aufgerichtet +Und Opfer sollen weihen unsern Platz. +Wär's dir genehm, nach deinem höhern Wissen, +Der Feier vorzustehn in Priesterart? +Vielleicht, daß die Betrachtung ferner Zukunft +Ein Wort dir eingibt, das den Mut befeuert +Und des Gelingens Hoffnung uns belebt. + +Libussa. Es schweigt der Geist seit lang in meiner Brust. +Ich bin nicht wie die Schwestern, deren Ausspruch +Aus strengbewiesnen, sichern Quellen rinnt; +Nur manchmal, wenn ich meines Vaters dachte +Und meiner edlen Mutter, die, ein Rätsel, +Wie höhern Ursprungs, unter uns geweilt, +Da kam mich an ein unerklärtes Schauen, +Ich fühlte: also muß es, werd' es sein, +Und siehe da! es war; ich weiß nicht wie. +Doch scheint's, nicht nur des Körpers rauhe Gaben, +Die edeln auch des Geistes brauchen Übung, +Sonst schlummern sie auf weichen Kissen ein. +Seitdem ich angewohnt, mich deiner Weisheit, +Mich deinem tiefen Sinne zu vertraun, +Entsteht kein Bild mir mehr in meinem Innern, +Des Schauens edle Gabe scheint verwirkt. + +Primislaus. Die Götter geben nicht auf daß sie nehmen +Und was du warst das bleibst du ewiglich. + +Libussa. Auch bin ich schwach von meinem letzten Siechtum. +Müßt' ich mich zwingen, steigern mit Gewalt, +Der Leib ertrüg' es nicht, glaub, ich erläge. +Obwohl's mich lockte, noch einmal, zum letzten, +Hinanzuklimmen auf des Schauens Höhn, +In Bild zu kleiden--schwerer Ahnung Träume +Und zu verkörpern was noch wesenlos. +Doch glaub ich, Primislaus, mehr als die Seh'rin +Liebst du dein Weib. Ich will sie dir erhalten. + +Primislaus. Du lehnst es ab, braucht's da noch weitern Grund? +Und unsers Werkes Absicht auch mißfällt dir. +Du bist die Frau in diesem weiten Land +Und ich der erste deiner Untertanen. +(Zu einem Begleiter.) +Bestellt die Feier ab und sagt den Männern +Das Weitere erfahren sie demnächst. +(Der Angesprochene geht.--Primislaus zu Wlasta.) +Und nun zu dir! + +(Libussa hat Dobromila einen Wink gegeben und entfernt sich während des +folgenden, nur von dieser gefolgt, unbemerkt durch die Seitentüre rechts.) + + Ich kenne deine Sendung. +Ich weiß, daß deine Frauen, nur sich selbst +Und ihres Ursprungs dunklen Quell betrachtend, +In unfruchtbares Sinnen tief versenkt, +Mit Feindesaugen all mein Tun betrachten. +Daß die Vermengung mit dem Menschenschicksal, +Daß alles was gemeinsam sie verletzt +Mich aber widert's an, als schlauer Hirte +Zu weiden einer Herde gleich das Volk, +Nur hoch, weil andre niedrig und beschränkt. +Belästigt sie die laute Menschenmenge, +Wir haben andre Schlösser noch im Land, +Dort mögen sie mit ihrer Jungfraun Schar +In unnahbarer Abgetrenntheit weilen, +Und das Gewohnte, weil es doch bequem, +Starr wie sie selbst, für ew'ge Zeit bewahren. +Wir wollen weiter, weiter in der Bahn, +Ich und mein Volk, als Bürger und als Menschen. + +So sagt' ich dir, wenn nicht Libussa selber +Mit ihren Schwestern diesmal einig dächte. +Sie billigt's nicht, damit zerrinnt mein Vorsatz, +Und deine Frauen mögen ruhig hausen +Von mir und von der Wohlfahrt ungestört. + +Wlasta. Die Kunde wird die Schwestern hoch erfreun, +Zumal als Zeichen, daß Libussa frei +Und Herrin noch von ihrem Tun und Wollen. + +Primislaus. Wer zweifelt dran? Ist nicht das Land, +Bin ich nicht selbst ihr dienend zu Gebot? + +Wlasta. Sie liebt und fügt sich, nennst du das wohl frei? + +Primislaus. Wer frei sich fügt den nenn ich nicht gezwungen. + +Wlasta. Wer seinem innern Wesen widerspricht +Der ist gezwungen, ob durch sich, durch andre. +Glaubst du, Libussa sei Libussa noch +Als Ordnerin des Hauses, als die Herrin +Von Mägden die die laute Spindel drehn? +Hat darum Krokus unser hoher Herr +Sich einer göttergleichen Frau vermählt, +Daß seine Töchter mit gemeiner Sorge, +Mit engem Treiben um ein Nichts bemüht? +Sie fühlt es nicht, allein ihr Wesen fühlt's. +Wo ist der Blitz des Augs, das adlergleich +Die Zukunft maß wie eine Gegenwart? +Wo ist die Kraft, die hebend ihre Brust, +Zu sich erhob was nah und was entfernt? +Sie sehnt sich nach den Schwestern, glaube mir, +Dort ist ihr Platz, hier ist nur ihre Stätte. + +Primislaus. Und doch flieht sie der Schwestern Gegenwart. + +Wlasta. Weil sie sich scheut vor ihren eignen Wünschen. +Schon einmal sandte sie mich auf ihr Schloß +Und bat um Rückkehr in den Kreis der Ihren. + +Primislaus. War später das als unsrer Ehe Bund? + +Wlasta. Es war vorher. + +Primislaus. Du sprichst dir selbst die Antwort. +Umgeben ist sie hier mit aller Ehrfurcht, +Vor ihrem Willen beugt sich jedermann. +Selbst unsre Stadt, die wir schon Praga nannten, +Wir gaben sie mit schwerem Herzen auf, +Weil ihr die Absicht nicht, das Werk, gefiel. +Sie ist Gebieterin. + +Wlasta. Hier meine Antwort. + +(Libussa kommt schwarz gekleidet, von zwei Dienerinnen gefolgt, aus +der Seitentüre.) + +Primislaus. Libussa, du, in Trauerart gekleidet? +Wahrhaftig, du bist bleich. + +Libussa. Wohl nur der Abstich +Der dunkeln Kleider, dir seit lang entwohnt. +So ging ich einst an meines Vaters Seite, +So ging die Mutter, gehen meine Schwestern, +Und soll ich sammeln mich wie sonst im Geist, +Muß ich mich auch umgeben so wie sonst. +Die Gabe, wenn sie frisch, braucht keine Hilfe, +Doch wird sie schwach, so ist ihr selbst das Äußre +Ein Notbehelf, ein Anker der sie hält. +Und nun laß uns hinaus nur zu den Männern. + +Primislaus. Was willst du? + +Libussa. Euren Platz, die Stätte weihn. + +Primislaus. Wir haben's abbestellt und aufgegeben. + +Libussa. Um meinetwillen soll kein Reifbedachtes +Und vielen Nützliches zugrunde gehn. +Die Sorge für das Volk ist meine Pflicht, +Da schweigen billig kindische Bedenken. + +Primislaus. Ich duld es nimmermehr. + +Libussa (mit dem Fuße auftretend). + Ich aber will es.-- +Verzeih mein Primislaus! Der alte Geist +Er kam zurück mit diesen dunkeln Kleidern. +Du mußt dich fügen, wie du dich gefügt +Als wir noch kämpften--zwar ich ward besiegt. +(Zu Dobromila.) +Der Gürtel drückt, bind ihn mir loser. + +Dobromila. Herrin, +Er liegt schon locker jetzt. + +Libussa (zu Primislaus). +Kennst du den Gürtel? + +Primislaus. Leg ihn von dir wenn er die Brust beengt. + +Libussa. Er folgt mir bis ins Grab. Und dann, mein Gatte, +Er bringt mir das Gedächtnis meines Vaters +Und meiner Schwestern vor den dunkeln Sinn. +Da wachen Bilder auf und gehn und kommen, +Ich seh in ihrem Geist was trüb in mir. +Nur jetzt!--Doch sind sie traurig. Fort mit ihnen! + +Wlasta. Und glaubst du dich berechtigt ihn zu tragen? + +Libussa. Mein Vater gab ihn mir, so wie den Schwestern. + +Wlasta. Er gab ihn euch als Jungfraun, Unvermählten, +Als unberührt von dieser Erde Harm, +Als Zeichen eines höhern Stamms und Ursprungs. +Du hast vermengt dich mit dem Irdischen, +Bist ausgetreten aus dem Kreis der Deinen. +Die Steigerung, die heilige Begeistrung, +Dir sonst natürlich, ist nur noch ertrotzt, +Erzwungen. Wag's nicht, du erträgst es nicht. + +Libussa. Ich will nicht nutzlos sein im Kreis der Dinge. +Kann ich nicht wirken in der Zeit, die neu, +So will ich segnen--euch, das Volk und mich. +Darum ans Werk! Bringt dunkles Harz +Und Bilsenkraut, Stechapfelsamen +Und werft es in die Glut. Wir wollen's schlürfen, +Mit Rauch umnebeln unsern matten Sinn, +Daß er im Schlafe wacht und schläft im Wachen. +(Da Primislaus sich ihr nähert.) +Ich will's, ich will's! Schon hab ich euch's gesagt. +Und endlich freut's dich doch, dient deiner Absicht. +Hinaus, hinaus! +(An der Türe stehenbleibend.) + Und kehren wir zurück, +So bin ich wieder dein gehorsam Weib. (Ab.) + +Primislaus. Ich duld es nicht! +(Er eilt ihr nach.) + +Wlasta. Du wirst, du mußt dich fügen, +Der Wurf geworfen, fällt das Los--und trifft. +(Sie folgt.) + + +---------------- + +Freier Platz mit Bäumen umgeben. Im Mittelgrunde, gegen die rechte +Seite zu, ein Hügel mit einem Opferaltare auf dem ein Feuer brennt; +daneben ein goldener Stuhl. Volk füllt den Hintergrund, darunter die +Wladiken. + +Lapak (nach vorn kommend). +Das Fest ist abgestellt. + +Domaslav. Um so viel besser! +(Halblaut.) +Was ist auch diese schlauentworfne Stadt +Als Schwächung unsers Ansehns, unsrer Macht? +Wenn erst das Volk in großer Zahl vereint, +Ist von uns jeder minder als er war, +Der Mächt'ge kaum gewachsen so viel Kleinen. + +Biwoy. Es bleibt der Mann ein Mann, das Schwert ein Schwert. + +Lapak. Laßt uns nach Haus. + +Domaslav. Doch seht, dort kommt die Fürstin. +So will man doch-- + +Lapak (sich zurückziehend). + Erwarten wir's in Demut. + +(Libussa mit starken Schritten voraus. Hinter ihr Primislaus, Wlasta +und Gefolge.) + +Libussa. Hier ist der Ort und dort ist meine Stelle. +(Gegen den Altar gewendet.) + +Primislaus. Noch einmal bitt ich dich: Laß ab Libussa! + +Libussa. Du hast den Geist in mir heraufbeschworen, +Wie schwach er ist, doch drängt er jetzt als Geist. +(Zu den Dienerinnen.) +Legt Kräuter in die Flamme, die ich gab +Und Wlasta kennt; wir wollen rasch vollenden. + +Primislaus. Laß uns den Bau beginnen, wenn du's billigst, +Die Weihe sparen wir für spätre Zeit. + +Libussa. Den Göttern ist der Anfang und das Ende, +Was ohne sie beginnt, vergeht beim Anfang. + +Du Primislaus leb wohl! heißt das: auf kurz, +Bis wir uns wiedersehn auf lange--lange. +(Sie hat den Hügel bestiegen.) +Der Rauch steigt nicht empor, ein böses Zeichen, +Indes in mir die sonst'ge Flamme Rauch. +(Sie setzt sich.) +Der Geist erloschen und der Körper schwach. +(Ihr Haupt sinkt auf die Brust.) + +Domaslav (zu Biwoy halblaut). +Mir deucht sie schläft. + +Primislaus. Libussa. + +Wlasta. Laß sie, laß! +Wenn du sie störst, gefährdest du ihr Leben. + +Libussa. Gehütet hab ich euch dem Hirten gleich, +Der seine Lämmer treibt auf frische Weide. +Ihr aber wollt nicht mehr gehütet sein, +Wollt selbst euch hüten, Hirt zugleich und Herde. +So will's vielleicht der Gang der raschen Welt, +Das Kind wird Mann, der Mann ein Greis--und stirbt. +(Sich zurücklehnend.) +Im Geiste seh ich einen schönen Garten +Und drin zwei Menschen beiderlei Geschlechts +Und einen Göttlichen, das Bild der Güte, +Der ihnen freigibt jede Frucht und jeden Baum, +Bis nur auf einen, dessen Frucht Erkennen. + +Ihr habt gegessen von dem Wissens-Baum +Und wollt euch fort mit seiner Frucht ernähren. +Glück auf den Weg! ich geb euch auf von heut. +Und eine Stadt gedenkt ihr hier zu baun; +Hervorzugehn aus euern frommen Hütten, +Wo jeder war als Mensch, als Sohn und Gatte, +Ein Wesen das er selbst und sich genug. +Nicht Ganze mehr, nur Teile wollt ihr sein +Von einem Ganzen, das sich nennt die Stadt, +Der Staat, der jedes einzelne in sich verbringt, +Statt Gut und Böse, Nutzen wägt und Vorteil +Und euern Wert abschätzt nach seinem Preis. +Aus eurem Land, das euch und sich genug, +Beglückt mit allem was das Leben braucht, +Von Bergen eingeschlossen die sein Schutz, +So daß wenn rings so Land als Meer verginge, +Es für sich selbst bestünde, eine Welt, +Wollt ihr heraus mit habbegier'gem Trachten +Und heimisch sein im Fremden, fremd zu Haus. + +Seht an den Bach, so schön in seinen Ufern, +Wie alles blüht und lacht, wie froh er murmelt; +Doch strebt er weiter, weiter bis zum Strom, +Ergießt sein Wasser in die fremden Wellen, +Dann wird er breit und tief und rasch und mächtig, +Doch Diener eines andern, nicht er selbst, +Nicht mehr der Bach mit seinen klaren Wellen. + +Es lösen sich der Wesen alte Bande, +Zum Ungemeßnen wird was hold begrenzt, +Ja selbst die Götter dehnen sich und wachsen +Und mischen sich in einen Riesengott; +Und allgemeine Liebe wird er heißen. +Doch teilst du deine Liebe in das All, +Bleibt wenig für den einzelnen, den nächsten, +Und ganz dir in der Brust nur noch der Haß. +Die Liebe liebt den nahen Gegenstand, +Und alle lieben ist nicht mehr Gefühl, +Was du Empfindung wähnst ist nur Gedanke, +Und der Gedanke schrumpft dir ein zum Wort, +Und um des Wortes willen wirst du hassen, +Verfolgen, töten--Blut umgibt mich, Blut, +Durch dich vergossen fremdes und von Fremden deines-- +Die Meinung wird dann wüten und der Streit, +Der endlos, weil die Meinung nur du selbst +Und du der Sieger bist und der Besiegte. +Löst endlich sich die Zwietracht auf in Nichts, +Bleibt dir die Welt behaftet mit der Willkür. +Da du so lange dich in Gott gedacht, +Denkst du zuletzt den Gott nur noch in dir. +Der eigne Nutzen wird dir zum Altar +Und Eigenliebe deines Wesens Ausdruck. +Dann wirst du weiterschreiten fort und fort, +Wirst Wege dir erfinden, neue Mittel +Für deinen Götzendienst, dem gier'gen Bauch +Und der Bequemlichkeit zur eklen Nahrung. +Durch unbekannte Meere wirst du schiffen, +Ausbeuten was die Welt an Nutzen trägt, +Und allverschlingend sein vom All verschlungen. + +Nicht mehr mit blut'gen Waffen wird man kämpfen, +Der Trug, die Hinterlist ersetzt das Schwert. +Das Edle schwindet von der weiten Erde, +Das Hohe sieht vom Niedern sich verdrängt. +Und Freiheit wird sich nennen die Gemeinheit, +Als Gleichheit brüsten sich der dunkle Neid. +Gilt jeder nur als Mensch, Mensch sind sie alle, +Krieg jedem Vorzug heißt das Losungswort. +Dann schließen sich des Himmels goldne Pforten, +Begeisterung und Glauben und Vertraun +Und was herabträuft von den sel'gen Göttern +Nimmt nicht den Weg mehr zu der flachen Welt. +Im Leeren regt vergebens sich die Kraft +Und wo kein Gegenstand da ist kein Wirken. +Laßt mich herab! ich will nicht weiter forschen, +Die Sinne schwindeln und der Geist vergeht. + +Primislaus. Libussa komm zu uns! Ich seh's, du leidest, +Und unser Werk--wir geben's auf von heut. + +Libussa. Baut eure Stadt, denn sie wird blühn und grünen. +Wie eine Fahne einigen das Volk. +Und tüchtig wird das Volk sein, treu und bieder, +Geduldig harrend bis die Zeit an ihm. +Denn alle Völker dieser weiten Erde, +Sie treten auf den Schauplatz nach und nach: +Die an dem Po und bei den Alpen wohnen, +Dann zu den Pyrenäen kehrt die Macht. +Die aus der Seine trinken und der Rhone, +Schauspieler stets, sie spielen drauf den Herrn. +Der Brite spannt das Netz von seiner Insel +Und treibt die Fische in sein goldnes Garn. +Ja selbst die Menschen jenseits eurer Berge, +Das blaugeaugte Volk voll roher Kraft, +Das nur im Fortschritt kaum bewahrt die Stärke, +Blind wenn es handelt, ratlos wenn es denkt, +Auch sie bestrahlt der Weltensonne Schimmer +Und Erbe aller Frühern glänzt ihr Stern. +Dann kommt's an euch, an euch und eure Brüder, +Der letzte Aufschwung ist's der matten Welt. +Die lang gedient sie werden endlich herrschen, +Zwar breit und weit, allein nicht hoch noch tief; +Die Kraft, entfernt von ihrem ersten Ursprung, +Wird schwächer, ist nur noch erborgte Kraft. +Doch werdet herrschen ihr und euern Namen +Als Siegel drücken auf der künft'gen Zeit. +Doch bis dahin ist's lang. Was soll ich hier? +Ihr habt gelernt Begeisterung entbehren, +Ihr fragt den Geist und gebt die Antwort selbst. +Ich sehe meinen Vater, meine Mutter, +Sie ziehen fort und lassen mich allein. +Auch diese Flamme, seht nur, sie erlischt, +Und statt der Glut umnebeln mich die Dämpfe, +Sonst ungewohnt und nun belastend mich. + +(Da die oben stehende Dienerin die Flamme anfachen will.) + +Laß nur! Die Flamme lischt, ich fühl es wohl. + +Primislaus. Laßt mit Gewalt sie uns vom Altar reißen, +Ihr teures Dasein, fürcht ich, ist bedroht. + +Libussa (aufstehend). +Hört ihr? Das sind der Schwestern Wanderschritte. +Ihr habt vom Wischehrad sie ausgetrieben, +Sie ziehen fort und lassen mich allein. +Was soll ich noch, die Eltern-, Schwestern-lose? +Euch selber bin ich nur die Märchen-Kund'ge, +Auf die ihr hört so weit es euch gefällt, +Und handelt wie's euch eingibt eigne Lust. +Ich aber rede Wahrheit, Wahrheit, nur verhüllt +In Gleichnis und in selbstgeschaffnes Bild. + +Da kommen sie die Schwestern, die Vertriebnen, +Sie fliehn vor euch wie ihr vor ihnen floht. + +(Kascha und Tetka, von ihren Jungfrauen paarweise begleitet, kommen +über eine Anhöhe im Hintergrunde.) + +Libussa. So zieht ihr fort? + +Kascha. Nimm unsern Gruß zum Abschied. + +Libussa. Wo aber hin? + +Tetka. Ins Elend, in die Welt. + +Primislaus. Sucht aus den Schlössern dieses weiten Landes +In Berg und Tal euch aus den künft'gen Sitz. + +Kascha. Wir haben nichts mit dir. +(Zu Libussa.) + Gehst du nicht mit? + +Libussa. Ich kann nicht, seht ihr wohl. + +Kascha. Wir warnten dich. +Warum hast du an Menschen dich geknüpft? + +Libussa. Ich liebe sie, und all mein Sein und Wesen +Ist nur in ihrer Nähe was es ist. + +Tetka. Sie aber töten dich. + +Libussa. Vielleicht.--Und doch: +Der Mensch ist gut.--O bleibt noch, bleibt! Ich fühle +Wie eure Gegenwart den mächt'gen Geist, +Der halb erloschen, neu zu Flammen facht. +Der Mensch ist gut, er hat nur viel zu schaffen, +Und wie er einzeln dies und das besorgt, +Entgeht ihm der Zusammenhang des Ganzen. +Des Herzens Stimme schweigt, in dem Getöse +Des lauten Tags unhörbar übertaubt, +Und was er als den Leitstern sich des Lebens +Nach oben klügelnd schafft, ist nur Verzerrung, +Schon als verstärkt, damit es nur vernehmlich. +So wird er schaffen, wirken, fort und fort. +Doch an die Grenzen seiner Macht gelangt, +Von allem Meister was dem Dasein not, +Dann wie ein reicher Mann, der ohne Erben +Und sich im weiten Hause fühlt allein, +Wird er die Leere fühlen seines Innern. +Beschwichtigt das Getöse lauter Arbeit, +Vernimmt er neu die Stimmen seiner Brust: +Die Liebe, die nicht das Bedürfnis liebt, +Die selbst Bedürfnis ist, holdsel'ge Liebe; +Im Drang der Kraft Bewußtsein eigner Ohnmacht; +Begeisterung, schon durch sich selbst verbürgt, +Die wahr ist, weil es wahr ist daß ich fühle. +Dann kommt die Zeit, die jetzt vorübergeht, +Die Zeit der Seher wieder und Begabten. +Das Wissen und der Nutzen scheiden sich +Und nehmen das Gefühl zu sich als Drittes; +Und haben sich die Himmel dann verschlossen, +Die Erde steigt empor an ihren Platz, +Die Götter wohnen wieder in der Brust, +Und Demut heißt ihr Oberer und Einer. +Bis dahin möcht' ich leben, gute Schwestern, +Jahrhunderte verschlafen bis dahin. +Doch soll's nicht sein, die Nacht liegt schwer am Boden +Und bis zum Morgen ist noch lange Zeit. +Die Kraft versiegt, mein Auge schwimmt im Dunkel. +Fort alles was um mich noch Gegenwart, +Die Luft der Zukunft soll mich frei umspielen. +Fort dunkler Schleier und du teures Kleinod, +Du drückst die Brust, belastet zentnerschwer. +(Schleier und Gürtel von sich und den Hügel herabwerfend.) +Nun ist mir leicht. Ich sehe grüne Felder +Und weite Wiesen, himmlisch blaue Luft. +Die Erde schwankt, der Boden steigt empor, +Doch immer weiter, größer wird der Abstand. +Ein dunkler Schmerz er kriecht an meine Brust, +Ich sehe nicht mehr die mir angehören. +(In den Stuhl zurücksinkend.) +O Primislaus war das dein letzter Kuß? + +Primislaus. Libussa, meine Gattin, all mein Glück! + +Kascha. Es stand dir nah, du stießest es zurück. +Geliehen war sie euch und nicht geschenkt, +Vertraun gehorcht, der Eigenwille denkt. +Wir nehmen sie mit uns auf unsrer Fahrt, +Bis ihr des Segens würd'ger als ihr wart. +(Indem sie ihren Gürtel ablöst und zu dem auf dem Boden liegenden +Libussas hinwirft.) +Aus diesem Gold laßt eine Krone schmieden. +(Mit Handbewegung nach dem Hügel und gegen den Boden.) +Das Hohe schied, sein Zeichen sei hienieden. + +(Während sie im Begriffe ist den Hügel zu besteigen und ihre Jungfrauen +paarweise dieselbe Richtung nehmen, wobei Tetka ihren Gürtel gleichfalls +ablöst und hinwirft, fällt der Vorhang.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Libussa, von Franz Grillparzer. + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Libussa, by Franz Grillparzer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LIBUSSA *** + +This file should be named 9049-8.txt or 9049-8.zip + +Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau. + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. 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