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+Project Gutenberg's Koenig Ottokars Glueck und Ende, by Franz Grillparzer
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
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+Title: Koenig Ottokars Glueck und Ende
+ Trauerspiel in fuenf Aufzuegen
+
+Author: Franz Grillparzer
+
+Release Date: October, 2005 [EBook #9046]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on September 1, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KOENIG OTTOKARS GLUECK UND ENDE ***
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
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+This Etext is in German.
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+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
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+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
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+KÖNIG OTTOKARS GLÜCK UND ENDE
+
+von FRANZ GRILLPARZER
+
+Trauerspiel in fünf Aufzügen
+
+
+Personen:
+
+Primislaus Ottokar, König von Böhmen
+Margarethe von Österreich, Witwe Heinrichs von Hohenstaufen, seine Gemahlin
+Benesch von Diedicz, Milota und Zawisch, die Rosenberge
+Berta, Beneschs Tochter
+Braun von Olmütz, des Königs Kanzler
+Bela, König von Ungarn
+Kunigunde von Massovien, seine Enkelin
+Rudolf von Habsburg
+Albrecht und Rudolf, seine Söhne
+Friedrich Zollern, Burggraf von Nürnberg
+Heinrich von Lichtenstein und Berthold Schenk von Emerberg,
+Österreichische Ritter
+Der alte Merenberg, Friedrich Pettauer und Seyfried Merenberg,
+steirische Ritter
+Herbott von Füllenstein
+Ortolf von Windischgrätz
+Ottokar von Hornek
+Merenbergs Frau
+Paltram Vatzo, Bürgermeister von Wien
+Der Bürgermeister von Prag
+Ein kaiserlicher Herold
+Der Küster von Götzendorf
+Der Kanzler des Erzbischofs von Mainz
+Elisabeth, Margarethens Kammerfrau
+Ein Kammerfräulein Kunigundens
+Abgeordnete der deutschen Wahlversammlung
+
+Böhmische, österreichische, steirische, kärntnerische Landesherren und
+Kriegsleute.
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+Im Schlosse zu Prag. Vorzimmer der Königin. Rechts und links Seitentüren,
+deren erstere zu den innern Gemächern führt. Vor derselben, Wache haltend,
+Seyfried von Merenberg, auf seine Partisane gestützt.
+
+Frau Elisabeth mit einer andern Kammerfrau tritt aus dem Zimmer der
+Königin.
+
+
+Elisabeth.
+Lauf, Barbara! lauf schnell nach Meister Niklas!
+Die Königin scheint wohl, doch trau ich nicht.
+
+(Ein Diener ist gekommen.)
+
+Elisabeth.
+Hast du den Balsam? Gut, gib her, mein Freund!
+O unglücksel'ger Tag! O arme Frau!
+
+(Der alte Merenberg kommt.)
+
+Merenberg.
+Wie geht's der Königin?
+
+Elisabeth.
+Verwunderlich!
+Doch tut sie sich Gewalt, das sieht man wohl.
+
+Merenberg.
+Wer ist bei ihr?
+
+Elisabeth.
+Der Graf von Habsburg, Herr!
+O daß ich das erleben müssen!
+(Ab ins Zimmer der Königin.)
+
+Merenberg.
+Sohn!
+
+Seyfried (der gedankenvoll, auf seine Hallbarte gestützt, dagestanden hat).
+Ihr, Vater?
+
+Merenberg.
+Hast du schon gehört?
+
+Seyfried.
+Ja wohl!
+
+Merenberg.
+Und sagst dazu?
+
+Seyfried.
+Ich glaub's nicht, Vater!
+
+Merenberg.
+Wie?
+
+Seyfried.
+Nein, Vater! Und bin so ergrimmt darob,
+Daß ich den Lügnern mit der Hallbart hier
+Den Kopf einschlagen möchte, allgesamt.
+
+Merenberg (zurücktretend).
+O weh, mein Sohn! schlag deinen Vater nicht!
+Denn ich glaub's auch.
+
+Seyfried.
+Ihr auch?
+
+Merenberg.
+Ich weiß, mein Sohn!
+
+Seyfried.
+Wie? so ein Herr, ein Ritter, so ein König,
+Und täte schlimm an seinem eignen Wort,
+Die Frau verlassend, die ihm angetraut?
+Hab ich nicht knabenweis bei ihm gedient,
+Und war er mir ein Muster, Vorbild nicht
+Von jedem hohen Tun?
+
+Merenberg.
+'s wird keiner bös,
+Der nicht, bevor er's ward, erst gut gewesen!
+
+Seyfried.
+Und was ich Löblichs tat und Gutes dachte,
+An ihn hielt ich's und an sein adlig Walten,
+Gar tief beschämt ob des zu großen Abstands.
+Er hat die letzte Zeit mich schwer gekränkt,
+Ich durft' nicht mit ihm in die Ungarschlacht!
+Denn seht, er denkt wohl, daß ein alt Gefühl
+Für Berta noch von Rosenberg--Ihr wißt ja!--
+O hätt' ich das aus seinem Leben fort,
+Den einz'gen Fleck, im andern steht er rein!--
+Doch glaubt! sie haben ihn dazu verleitet,
+Die Rosenberg! Der Vater--pfui des Kupplers!
+
+Merenberg.
+Denk was du willst, nur eines halt für wahr:
+Die Königin muß fort, und sie und ihre Diener,
+Das Ärgste haben sie, das Äußerste zu scheun.
+
+Ich geh noch heute heim nach Merenberg,
+Auf meiner Väter Schloß, auch du mußt fort!
+
+Seyfried.
+Wie, Vater?
+
+Merenberg.
+Du! dies törichte Vertrauen
+Soll dich nicht selber an das Messer liefern.
+Du folgst mir nach, zum Schein; allein in Bruck
+Harrt dein ein treuer Knecht mit frischen Pferden,
+Und während man dich bei dem Vater glaubt,
+Eilst du nach Deutschland auf verborgnen Pfaden.
+Die Königin will sich ans Reich nicht wenden
+Mit ihrer Not; ich aber will's, hilft Gott!
+Ich will nicht sehn die Tochter meines Herrn
+Von Haus und Land vertrieben, ohne Schutz.
+Du gehst nach Frankfurt, und dies Schreiben gibst du
+(Er öffnet das Koller, in dem der Brief steckt)
+Dem Erzbischof von Mainz. Allein man kömmt,
+Wir sind bewacht, (indem er sich von ihm entfernt) Verschwiegenheit und Eile!
+Ein Tag zuviel ist dreißig Jahr zuwenig!
+
+(Benesch von Diedicz und Milota kommen.)
+
+Benesch.
+War nicht Herr Zawisch hier?
+
+Seyfried (indem er sich abwendet).
+Ich sah ihn nicht!
+
+Benesch.
+Er ritt doch nur ins Schloß!
+
+Milota.
+Sei ruhig, Bruder!
+
+Benesch.
+Was ruhig? Sieh, ich bin's! Der König wagt's nicht!
+Heiß ich nicht Rosenberg? Ist unser Haus
+Im ganzen Lande nicht das mächtigste?
+Und er sollt's wagen? Solchen Schimpf? Ha, Possen!
+Doch soll's heraus, wer das Gerücht ersann;
+Ich will ihn treffen, so--und so--und so!
+Bis in das vierte Glied!
+
+(Berta von Diedicz kommt.)
+
+Benesch.
+Ha, Närrin, du?
+Was willst du hier? Geh fort, auf dein Gemach!
+
+Berta.
+Ich kann nicht bleiben, rastlos treibt's mich um.
+Sie eilen durch das Schloß und flüstern sich
+Entsetzliches mit scheuen Blicken zu.
+Sagt, Vater, ist es wahr?
+
+Benesch.
+Das fragst du mich?
+Geh fort! von hier!
+
+Berta.
+O Gott! wo find ich Menschen?
+(Indem sie auf Seyfried losgeht, zurückfahrend.)
+Ihr, Merenberg? Euch sollt' ich eher meiden,
+Vor allen Euch; und doch, Ihr seid ein Mensch!
+Ich hab Euch schwer beleidigt, Merenberg,
+Doch rächt Euch jetzt nicht, jetzt nicht! Seht mich knien.
+(Sie kniet.)
+Sagt, ist es wahr?
+
+Seyfried.
+Was, Berta?
+
+Berta.
+Ist es wahr?
+Des Königs Eh' getrennt!
+
+Seyfried.
+Der Vater sagt's.
+
+Berta.
+Die andern sagen's auch!--und er vermählt--
+Zu späte Scham, ist jetzo Zeit zu schämen?
+Vermählt von neuem sich mit--
+
+Seyfried (mitleidig).
+Nicht mit Berta
+Von Rosenberg!
+
+(Sie drückt mit einem Ausruf ihr Gesicht an den Boden.)
+
+Benesch (zu Seyfried).
+Wer sagt's Euch?--Her zu mir!
+
+Milota (auf sie zugehend).
+Kommt, Nichte, kommt! Hier ist kein Platz für Euch!
+
+Berta.
+O Seyfried, schütze mich!
+
+Seyfried.
+Mit Gunst, Herr Milota!
+Wenn Ihr es wagt, die Hand an sie zu legen,
+So stoß ich Euch die Partisan in Leib.
+(Die Hallbarte gesenkt.)
+
+Benesch.
+Und wenn ich selbst--!
+
+Seyfried.
+Mir gleich!
+
+Benesch.
+Verweigerst du dem Vater
+Sein Kind?
+
+Seyfried.
+O hättet Ihr sie doch verweigert,
+Sie läge jetzt nicht stöhnend vor uns da,
+Daß mir das Herz im Innern um sich wendet!
+
+Benesch.
+Wir hätten sie wohl dir vermählen sollen?
+
+Seyfried.
+'s war besser, Herr, als jetzo solche Schmach!
+
+Benesch.
+Mein Kind!
+
+Seyfried.
+Zurück! Mir hat sie sich vertraut,
+Und ich weiß Anvertrautes zu bewahren!
+
+Benesch.
+So soll mein Schwert!
+
+Seyfried.
+Laßt sein! Du aber fürcht dich nicht!
+
+(Zawisch tritt ein und bleibt beim Eingange laut lachend stehen.)
+
+Zawisch.
+Ha, ha, ha, ha!
+
+Benesch (der sich rasch umgewendet hat, da er Zawisch erblickt).
+Bist du's? Dich sendet Gott!
+
+Zawisch.
+Was kämpft ihr denn, ihr hochgesinnten Jäger,
+So wutentzündet um des Bären Fell?
+Herr Petz trabt wohlgemut durch Berg und Tal
+Und weist euch seinerzeit wohl noch die Pranken.
+Schön Mühmchen, grüß Euch Gott! (Zu Seyfried.) Und Ihr, Herr Weidmann!
+Hebt Eure Feder und seht nicht so kraus;
+Ich bin kein Wild für Euch!
+
+Benesch.
+Nun sag, erzähle!
+
+Milota.
+Ja, Neffe, sprich!
+
+Zawisch.
+Erzähle! Sprich! Ei, was denn?
+
+Benesch.
+Der König--
+
+Zawisch.
+Hat die Ungarn derb geschlagen,
+Bei Kroissenbrunn; (gegen Milota) Ihr, Ohm, wart ja dabei!
+
+Benesch.
+Wer fragt um das?
+
+Zawisch.
+Der Friede ist gemacht:
+Auf Österreich--
+
+Benesch.
+Nicht doch!
+
+Zawisch.
+Auf Steiermark--
+
+Benesch.
+Willst du mein spotten?
+
+Zawisch.
+Nu, was wollt ihr denn?
+
+Benesch.
+Des Königs Ehe--
+
+Zawisch.
+Ei, die ist getrennt!
+
+Benesch.
+Die Handfest ausgefertigt?
+
+Zawisch.
+Und besiegelt.
+Die Königin geht heute noch nach Wien.
+Von da--
+
+Benesch.
+Und spricht man nicht?--Verdammt!--Mit wem--
+(Gegen Berta hin.)
+Regst du dich noch?--Mit wem der König?--
+
+Zawisch.
+Ah!
+Mit wem er sich zum zweitenmal vermählt?
+Ei, mit wem anders denn, als dort mit jener,
+Mit Eurer Tochter? Ihr habt's schlau gekartet!
+Erst führtet Ihr das Mädchen still ihm vor,
+Geschmückt! man konnte kaum was Schöners sehn!
+Dann halft der Armen Mangel Ihr an Witz
+Mit Euerm eignen nach. Was sie da Reden führte!
+Die Königin von Saba kann nicht besser!
+Zuletzt--nu, was weiß ich, was alles noch!
+Kurz, er ist ganz berückt, und gebt nur acht,
+Er kommt zur Stund' und freit um ihre Hand.
+
+Berta (aufspringend).
+Zu ihr, zu ihr! zu ihren Füßen sterben!
+(Ab in der Königin Gemach.)
+
+Zawisch.
+Ha, ha, ha, ha!
+
+Merenberg.
+Herr Zawisch!
+
+Zawisch.
+Lustig! lustig!
+Wir wollen auf des Königs Hochzeit tanzen!
+(Zu Seyfried.)
+Ihr habt ja auch vordem um sie gefreit?
+Weiß Gott! ich glaub, einmal zu Nacht, bei Wein,
+Gefiel mir selbst ihr rot und weiß Gesicht!
+Nu, gebt mir Eure Hand, Herr Bundesbruder!
+(Seyfried wendet sich ab.)
+
+Milota.
+Wozu das tolle Wesen? Grad und kurz:
+Mit wem vermählt der König sich?
+
+Zawisch.
+So kurz
+Als Eure Frage soll die Antwort sein!
+Mit Kunigunde von Massovien,
+Des Ungarkönigs Nichte.
+
+Benesch.
+Gift und Pest!
+
+Zawisch.
+Ihr wolltet selbst des Königs Eh' getrennt,
+Habt jahrelang euch weidlich drum bemüht;
+Sie ist getrennt--und er freit Belas Nichte.
+
+Benesch (mit der Hand vor der Stirn).
+Verraten, hintergangen! Schändlich, schändlich!
+
+Zawisch.
+Pocht nicht so hart an der Gedanken Tor,
+Wenn's früher schloß, macht jetzo doch nicht auf!
+
+Benesch.
+Jetzt spottest du, und hast es selbst gebilligt!
+
+Zawisch.
+Gebilligt, ich? den Unsinn, die Verrücktheit!
+
+Benesch.
+Ja, du, und du!
+
+Milota.
+Weil du Gewißheit vorgabst!--
+
+Benesch.
+Bringt mir sie her, das Mädchen bringt mir her!
+Sie soll nicht leben! Sie und ich! Oh!--Oh!
+
+Seyfried (herüberrufend).
+Schmäht Ihr das Mädchen? Schmähet auf Euch selbst!
+Wer hieß Euch glauben, daß für Eure Tochter
+Des Königs, ihres eignen Königs Hand--
+
+Zawisch.
+Das ließ' sich allenfalls noch glauben, Herr!
+Ein Merenberg wär' toll, dächt' er an so was;
+Doch wir, die aus der Weltstadt Roma stammen,
+Von den Patriziern, die den Erdkreis beugten,
+Und, als Ursini, noch dem Throne stehn zunächst,
+Auf dem Sankt Peters Macht ob Herrschern herrschet;
+Wir mögen wohl nach Fürstenkronen trachten,
+Und eine Rosenberg mag kühn und frei
+Dem Besten sich vermählen dieser Erde:
+Auch--ha, ha, ha, ha, ha!
+
+Milota (der sich gesetzt hat).
+Verdammt sein Lachen!
+
+Zawisch.
+Die Tochter rast, der Vater rauft sein Haar,
+Und wir beweisen unsern alten Adel!
+Und wär' er älter als der Engel Fall,
+Der König winkt, und knall! liegt er am Boden.
+
+Benesch.
+Doch eh' ich falle, Rache! (Milota anfassend.) Rache, Bruder!
+
+Milota (der aufsteht).
+Ich sann soeben und gedenk zu handeln!
+
+Zawisch.
+Regst du dich auch, vierschröt'ger Milota?
+Ei ja, da muß der König nun wohl zittern!
+
+Benesch.
+Wenn du--wenn du dich unsrer Sach' entziehst,
+Bist du kein Rosenberg; ein Schurk'! Nicht wahr?
+
+Milota.
+So ist's!
+
+Zawisch.
+Ei ja! Wie führen wir's denn aus?
+Beim nächsten Kirchgang drück dich an den König
+Und tritt ihm auf den Fuß. Das schmerzt verzweifelt,
+Und so bist du gerächt!
+
+Benesch.
+Er spottet unser?
+Mein Kopf! Mein Kopf!--Er ist kein Rosenberg!
+
+Milota.
+Komm, Bruder, laß uns gehn! Wer lachen kann
+Bei seines Hauses Schmach, verdient--
+
+Zawisch.
+Halt, Freund!
+Wer seid ihr denn, ihr beide, daß ihr schmäht?
+Die ihr auf offner Straße Rachepläne
+Zu tauben Wänden schreit und--offnen Ohren!
+Verschwört euch auf dem Markt und treibt im Zimmer Aufruhr!
+Herr Merenberg, nicht wahr, das nenn' ich Leute?
+Der Rausch des Zorns ist wie ein andrer Rausch:
+Das beste Mittel ist die frische Luft.
+Drum fort ins Freie, meine werten Herrn!
+Brennt unser Haus und können wir nicht löschen,
+So laßt uns wenigstens die Hände wärmen.
+Der König ist mein Herr, und damit holla!
+
+Milota (ihm näher tretend).
+Fast glaub ich, Freund, du denkst mehr als du sprichst.
+Sag, wofür hältst du uns?
+
+Zawisch (laut).
+Für wackre Leute:
+Was man verschweigt, erratet ihr auch nicht;
+Errietet ihr's, ihr könntet's nicht verschweigen!
+Es öffnet sich die Tür der Königin,
+Sie kommt, mit ihr der Großalmosenier,
+Der Graf von Habsburg. Laßt uns gehn,
+Wir wollen sie nicht in der Hora stören.
+(Ziehn sich zurück.)
+
+(Die Königin tritt aus ihrem Zimmer mit Rudolf von Habsburg. Hinter ihr
+zwei Diener, die Bertan ohnmächtig in einem Lehnstuhl heraustragen.
+Daneben Frau Elisabeth, die sie unterstützt.)
+
+Margarethe (im Auftreten gegen die zurückweichenden Rosenberge).
+Da gehn sie hin; wie dunkle Wetterwolken,
+Die, wenn sie sich entleert, nach Aufgang ziehn.
+(Gegen Berta gewendet.)
+Bringt sie in ihr Gemach und sorgt für sie,
+Nach wenig Augenblicken komm ich selbst.
+
+Rudolf.
+Beinah zu viele Sorgfalt, gnäd'ge Frau!
+(Berta, von Verwandten umgeben, wird fortgebracht; auch beide Merenberge
+entfernen sich.)
+
+Margarethe.
+Sie selbst ist kaum so schlimm, nur schwachen Geistes,
+Und töricht eitel, das hat sie verführt.
+Doch ihre Vettern, ihre Anverwandten,
+Der starre Milota, der Geifrer Benesch,
+Und Zawisch, jener Schlimmste wohl von allen,
+Mit Reichtum, Macht und Hoffnung auf den Thron--
+Ja, so weit ging der Übermüt'gen Stolz--
+Verlockten sie das leichtbetörte Kind.
+Seit lange sah ich sie, die bösen Engel
+Des Königs, meines Herrn, verstohlen reißen
+An den nur allzuschwachen Banden, die
+Kaum Ottokarn noch fesselten an mich.
+Ich hörte, wie sie seinen Wunsch nach Erben,
+Nach angebornen Folgern seines Throns,
+Mit heuchlerischem Mitleid listig nährten.--
+Ein Wunsch, gar wohl verzeihlich einem König!
+Doch was soll Erbrecht, das aus Unrecht stammt?
+Sie waren es, die dieser Ehe Trennung
+Mit unermüdlicher Geschäftigkeit
+Und ohne Auftrag fast des Königs trieben;
+Denn eine ihres Hauses hofften sie
+Zu setzen auf der Böhmen Herrscherthron:
+Die Arme, die jetzt mit dem Wahnsinn ringt!
+Wie oft war sie an Festen mir genüber,
+Mit Schmuck bedeckt, des Hofes Schwall um sie;
+Indes ich einsam saß mit meinem Gram.
+Der König Augen nur für ihren Reiz
+Und Ohr für ihren Wunsch, des Mundes Dräun
+Zur Schmeichelei herabgestimmt für sie.
+Sie aber froh und stolz und überselig,
+Wohl gar verächtlich blickend hin auf mich.
+Da fühlt' ich Mitleid mit dem armen Opfer
+Und nahm mir vor, am Tage ihres Falls
+Ihr mild zu sein und hilfreich ihrem Unglück.
+O Ottokar, wie viel nimmst du auf dich!
+
+Rudolf.
+Vergeßt nicht ob der Unbild an der Fremden
+Der eignen, größern Unbild, gnäd'ge Frau!
+
+Margarethe.
+O glaubt nicht, daß den König ich entschuldige!
+Fern sei von mir, daß ich je Böses lobe!
+Er handelt unrecht, unerlaubt an mir,
+Und sagen will ich's ihm, tret ich vor ihn.
+Bin ich nicht jung; ich hab es nie verhehlt!
+Hat Gram der Züge Reiz mir ausgelöscht;
+Er sah mich ja, bevor er um mich warb!
+Vermißt er Munterkeit an mir und Scherz;
+Wer hieß den Muntern denn zur Freite gehn
+Bei der unsel'gen Königin der Tränen,
+Zum Grab gebeugt durch all der Ihren Tod?
+Seitdem mit diesen Augen ich gesehn,
+Im grausen Kerker von Apulien,
+Den röm'schen König Heinrich, meinen Gatten,
+Des harten Friedrich allzu weichen Sohn,
+Von nahverwandten Händen liegen tot,
+Und tot die beiden hoffnungsvollen Kleinen,
+Die ihm mein Schoß, seitdem verschlossen, trug;
+War Lust ein Fremdling dieser öden Brust,
+Und Lächeln floh entsetzt von meinen Lippen,
+Die Gram und Schmerz mit seinem Siegel schloß.
+
+Was gibt man an als unsrer Trennung Grund?
+Den ersten weiß ich: ich bin kinderlos
+Und ohne Hoffnung, je ein Kind zu säugen;
+Weil ich nicht will, weit mehr noch als nicht kann!
+Das wußte Ottokar, als er mich freite,
+Ich sagt' ihm's, und er nahm es für genehm;
+Denn auf mein reiches Erb' von Österreich
+War da sein Sinn gestellt und seines Vaters,
+Des ländersücht'gen König Wenzeslav.
+Was will der König also? Kinder, Erben?
+Ein Bettlerkind säß' besser auf dem Thron,
+Als Königssöhne, die das Unrecht zeugte!
+
+Was gibt man weiter an, als fernern Grund?
+
+Rudolf.
+Verwandt seid Ihr in unerlaubtem Grad.
+
+Margarethe.
+Man hat in meiner Jugend mir erzählt
+Von einem Bela wohl und einem Geysa,
+Die Brüder waren, Töchter hatten und
+Nach Österreich und Böhmen sie vermählten
+In Väter Väterszeit. Der König spottet!
+Es sind die Fürstenhäuser alle sich verwandt,
+Und solchen Grads Erlassung fällt nicht schwer.
+Auch hat man anfangs dessen nicht erwähnt!
+
+Rudolf.
+Erinnrung kam mit der gelegnen Zeit!
+
+Margarethe.
+Glaubt nicht, daß mich bekümmert, fortzugehn,
+Daß es mir leid tut um des Hofes Ehren!
+O könnt' ich jetzt, in diesem Augenblick,
+Weit hinter mir der Krone Glanz und Pracht,
+Nach Haimburg hin, in meiner Väter Schloß,
+Allwo ich saß nach meines Gatten Tod
+Und sein und meiner Kinder Fall beweinte!
+Der König sende heute noch mich fort,
+Ich will ihm danken, wie ich nie gedankt!
+Doch soll er mir die Ehe nicht betasten,
+Beflecken nicht das Band, das uns vereint,
+Und so der jüngstverfloßnen Jahre Lauf
+Zum Greuel machen und zum Ärgernis!
+
+Ich habe diese Krone nicht gesucht!
+Auf Haimburg saß ich, meines Grams gedenkend,
+Beinah dem allgemeinen Elend taub:
+Denn Brand und Raub verwüstete mein Land;
+Der Ungar hier, der Baier dort, der Böhme,
+Sie hausten mit dem Schwert in Österreich,
+Verderbend meiner Väter schönes Erbe.
+Da tagten sie, die Herrn, zu Triebensee,
+Wie sie dem Wesen einen Vogt gewännen,
+Und Boten sandten sie ins Meißnerland,
+Von dorther einen Fürsten sich zu holen,
+Konstanzias, der Babenbergrin, Sohn.
+Die Boten aber fing der König auf,
+Der damals herrscht' in Böhmen, Wenzeslav,
+Der Listige; und ließ nicht eher ab
+Mit Bitten, Drohn, Versprechen und Geschenken,
+Bis seinem Sohn, bis diesem Ottokar
+Der Herren Wahl, des Landes Herrschaft wurde.
+Der wollte, jener nicht; und neuer Krieg
+Durchflammte glühnder meines Landes Fluren.
+Da traten zu mir hin, auf Haimburgs Schloß,
+Die Landesherrn und klagten ihre Not.
+Ein Mittel als das einz'ge nannten sie:
+Des Stärksten Recht durch meines zu verstärken,
+Durch Ottokars Vermählung und die meine
+Mit Böhmen zu vereinen Österreich.
+Ich sagte: Nein! gedenkend meines Gatten,
+Der meine Treue mit sich nahm ins Grab.
+Da führten sie mich auf des Schlosses Söller
+Und zeigten mir das glutversengte Land,
+Die Felder nackt, die Hütten leer, die Menschen tot.
+Von Weibern, Kindern, Blutenden, Verletzten
+Sah ich mit Schaudern, heulend, mich umgeben,
+Zu mir um Rettung flehend, die's vermochte.
+Da wollt' ich alles und versprach es ihnen!
+Sie aber brachten Ottokarn zu mir,
+Mir ihn bezeichnend als den künft'gen Gatten.
+Mit schwarzem Aug' aus schwarzen Brauen blickend,
+Stand er in scheuer Ferne sinnend da--
+Und maß, der Jüngling, mich, die Alternde.
+Allein des Landes Not bei mir gedenkend,
+Trat ich zu ihm und sprach ihn freundlich an;
+Und so ward ich sein Weib. Ich hab ihn nie geliebt;
+Ich dachte nie, ob ich ihn lieben könnte:
+Doch sorgt' ich still für ihn, und wie ich sorgte,
+Fand ein Gefühl sich mir im Innern ein,
+Das allen Schmerz der Liebe kennt, wenn auch
+Nichts von der Liebe Glück. So war's mit uns.
+Nun urteilt, ob Entfernung mich erschreckt.
+Ja, ich will gehn, doch bleibt die Ehe fest,
+Nichts ward verletzt, was ihren Bruch begehrte.
+
+Rudolf.
+Von einem spricht man noch: daß Ihr zu Trier,
+Nach Eures Gatten, König Heinrichs Tod,
+Nicht mehr Euch zu vermählen feierlich gelobt.
+Doch ist's Erdichtung wohl!
+
+Margarethe.
+Nein, das ist wahr!
+Es war kein feierlich Gelübd', kein solches,
+Das andre Bande kirchlich brechen könnte;
+Doch hab ich es gelobt--und hätt' es halten sollen!
+
+Zu Trier lag ich im Gebet vor Gott,
+Und ew'ge Treu und ew'gen Witwenstand
+Gelobt' ich meinem Gatten, König Heinrich.
+Nicht Manneshände sollten je berühren
+Den kleinsten Finger mir, des Kleides Saum,
+Und selbst ein Weib nicht meine Lippen küssen,
+Die einst an Heinrichs teurem Mund geruht.
+Ja, ich gelobt's, und alles Unheil rief ich,
+Wenn ich's je bräche, nieder auf mein Haupt.
+Das Unheil, merk ich, tut, was seines Amtes.
+Nochmal, es war kein feierlich Gelübd'!
+Ich tat's nur mir und meines Heinrich Schatten!
+Doch war's Gelübd', ich hätt' es halten sollen!
+
+Rudolf.
+Was, gnäd'ge Frau, soll ich dem König melden?
+
+Margarethe.
+Wie rasch wir sind, an andern das zu tadeln,
+Was selber wir, wenn minder gleich, verübt!
+Sagt König Ottokar, Herr Graf von Habsburg:
+Das Ganze legt' ich ihm auf sein Gewissen,
+Was er entscheide, das sei mir genehm.
+
+Rudolf.
+Ihr willigt ein?
+
+Margarethe.
+Ich widerspreche nicht.
+
+Rudolf.
+Doch man verlangt zugleich, daß ab Ihr tretet,
+Das Land von Österreich und das von Steier,
+Der Babenberger Gut.
+
+Margarethe.
+Ich hab's getan.
+
+Rudolf.
+Doch war es Schenkung um der Ehe wegen,
+Der Ehe Trennung hebt die Schenkung auf.
+
+Margarethe.
+Ich will sie wiederholen.
+
+Rudolf.
+Auch bedenkt,
+Daß jene Lande Reicheslehen sind,
+Dem Reich erledigt und nicht Euch gehörig.
+
+Margarethe.
+So weit mein Recht geht, geb ich es dahin.
+Sagt das dem König, und zugleich:
+Er soll vor Unrecht sorglich sich bewahren;
+Denn auch das kleine rächt sich. So lebt wohl!
+
+(Trompeten und Lärm auf der Straße.)
+
+Der alte Merenberg (tritt ein).
+Der König kommt.
+
+Margarethe.
+Gerechter Gott!--Ich will
+Zu stärken mich versuchen durch Gebet.
+(Sie entläßt die beiden durch eine Handbewegung und geht in ihr Gemach.
+Die andern auf der entgegengesetzten Seite ab.)
+
+
+
+-------------------------------------------------------------------------
+
+Thronsaal mit gotischen Bogen und Säulen. Der Thron an der zweiten
+Kulisse rechts. Im Vorgrunde zu beiden Seiten ein reichbedeckter Tisch
+mit einem Armstuhl.
+
+Kriegerische Musik, Trompetensignale und Volkszuruf von außen. Böhmische
+Große und Krieger treten, vom Hintergrunde her, auf und stellen sich
+teils neben den Thron, teils gegenüber in Reihen. Links im Vorgrunde
+eine Deputation der Stadt Prag mit dem Bürgermeister an der Spitze. Die
+Mitte des Hintergrundes nimmt eine tartarische Gesandtschaft ein,
+Der Kanzler (tritt auf).
+Der König kommt!
+
+Alle.
+Hoch lebe Ottokar!
+
+Ottokar (tritt ganz gerüstet, jedoch ohne Helm, vom Hintergrunde her
+rasch auf).
+Habt Dank, ihr Herrn!
+(Er bleibt vor den tartarischen Gesandten stehen, die auf die Kniee
+niedergefallen sind.)
+Wer sind die Leute da?
+
+Kanzler.
+Gesandte, Herr, des Khanes der Tartaren;
+Sie bringen Gruß und bieten Freundschaftsbund.
+
+Ottokar.
+Heißt sie nur aufstehn!--Hört ihr? Auf vom Boden!
+Ein sonderbares Volk und sonderbar bewaffnet!
+Weist her den Säbel! (Er wiegt ihn in der Hand.) Viel zu krumm gebogen!
+(Er tut einen Hieb in die Luft.)
+Das nimmt dem Hieb die Kraft. Das müßt ihr ändern!
+Ein krummes Schwert mag angehn; doch der Kraftpunkt
+Soll mehr nach oben. Einer meiner Reiter
+Jagt euer zehn mit seinem breiten Schwert!
+(Er gibt den Säbel zurück.)
+Und sonst die Rüstung! Wozu soll der Haarschopf
+Da oben auf dem Scheitel? Für den Feind wohl?
+Der faßt sich seinen Mann, zieht ihn vom Pferde
+Und würgt ihn wie er mag. Wär' ich ihr König,
+In einer Nacht ließ ich sie alle scheren!
+Sie sollen gehn und morgen wiederkommen!
+
+(Die Tartaren ab.)
+
+Ottokar (im Vortreten).
+Nun, haben wir's euch recht gemacht, ihr Herrn?
+Vor Ungarn mögt ihr künftig ruhig schlafen;
+Wir haben sie gejagt.--Was gibt es sonst?
+
+(Die Deputation der Stadt Prag ist vorgetreten.)
+
+Ottokar.
+Wer seid ihr!
+
+Bürgermeister.
+Rat und Bürgermeister, Herr,
+Von Eurer vielgetreuen Pragerstadt.
+
+Ottokar.
+Was wollt ihr?--Ah!--Nur immer zu, ihr Herrn!
+Ich bin ermüdet, nehmt mir meine Waffen!
+
+(Er wirft sich in einen Lehnstuhl links im Vorgrunde. Zwei Diener sind
+beschäftigt, ihn zu entwaffnen.)
+
+Bürgermeister.
+Großmächtigster! Unüberwindlichster!
+Es drang zu uns die Fama deines Siegs,
+Und--
+
+Ottokar.
+Füllenstein!
+
+Füllenstein.
+Hier bin ich, gnäd'ger Herr!
+(Tritt vor.)
+
+Ottokar.
+Wie hieß der Platz, wo wir die Ungarn jagten?
+
+Füllenstein.
+Bei Kroissenbrunn.
+
+Ottokar.
+Hans Narr, da war das Lager!
+Glaubst du, ich weiß den Ort nicht, wo ich stand?
+Ich mein den Platz des letzten Reiterangriffs,
+Der ganz entschied.
+
+Füllenstein.
+Man nennt den Ort Marchegg,
+Weil in die Ecke dort die March sich wendet.
+
+Ottokar.
+Marchegg, so soll man mir die Stadt auch nennen,
+Die ich dort baun will zu des Siegs Gedächtnis!
+Marchegg soll sein der Markstein meines Glücks,
+Von dort aus weiter; denn wer hielte mich?
+Und wer dort geht, noch in den fernsten Tagen,
+Der soll von Ottokar und seinem Streiten sagen!
+(Er ist aufgestanden, zu den Dienern.)
+Was zögert ihr?--Ja so, du willst das Bein?
+(Er setzt sich wieder.)
+Herr Bürgermeister, zieht dort an der Schiene!
+So geht's nicht! Fort! Wer wird so lange zögern?
+(Er reißt selbst gewaltsam die Schiene ab und wirft sie mitten in den Saal.)
+Just in der Ecke dort der March, am Hügel jenseits,
+Saß König Bela hoch auf seinem Stuhl,
+Und Heinrich Preußel stand dabei, ich sah's wohl,
+Der legt' ihm, wie der Knab' im Puppenspiel,
+Die Gegend aus und was sich drin begab
+Und wer die Kämpfer waren und so weiter.
+Zum Anfang ging's noch gut, doch als der Habsburg
+Auf eins hervorbrach mit den schweren Reitern
+Und alles floh, was ungrisch fluchen kann,
+Und in die March, daß ihre Zottelbärte
+Wie Schilfgras aus gedämmtem Wasser ragten--
+Wo ist der Habsburg? Hei! beim reichen Gott,
+Er hielt sich wohl! Sonst ein gar stiller Mann,
+Doch wenn er angreift, wie der böse Teufel.
+Wo ist Graf Habsburg?
+
+Diener.
+Sollen wir ihn rufen?
+
+Ottokar.
+Laßt nur!--Als das der Ungarkönig sah,
+Da braucht' er keines Dolmetsch weiter mehr.
+Mit beiden Händen fuhr er sich ins Haar
+Und zog sich feindlich. Ei, dacht' ich mir, Herr,
+Spart Euch die Müh', wir können das viel besser.
+Doch ist er Freund uns jetzt und Bundsgenoß,
+Da muß man Gutes nur und Liebes sprechen!
+Nun, seid ihr endlich fertig? (Er steht auf.) Hut und Mantel!
+Und wie steht's hier bei Euch, Herr Bürgermeister?
+Habt Ihr indes geträumt?--Der Hut da drückt.
+(Da der Diener zögert.)
+Zum Teufel, einen andern Hut!--Wie also?
+Die Mauer auf dem Wischehrad ist fertig?
+
+Bürgermeister.
+Ja, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Die Moldaubrücke auch?
+
+Bürgermeister.
+Nur gestern ward der letzte Stein gefügt.
+
+Ottokar.
+Ja, weil ihr wußtet, daß ich heute kam!
+Den Deutschen, die ich sandte, Sachsen, Baiern,
+Ward schon die untre Vorstadt eingeräumt?
+
+Bürgermeister.
+Verzeihet--
+
+Ottokar.
+Ist's geschehn?
+
+Bürgermeister.
+Eu'r Hoheit--
+
+Ottokar.
+Ja?
+
+Bürgermeister.
+Noch nicht.
+
+Ottokar.
+Warum nicht? Gottes Feu'r! Warum nicht?
+
+Bürgermeister.
+Wir wollten noch einmal Eu'r Hoheit angehn,
+Eh' wir vertrieben so viel treue Böhmen--
+
+Ottokar.
+Vertrieben! Was vertrieben! Wollt' ich das?
+Sie sollten nach Chrudim, dort waren Äcker
+Und Baugrund ihnen dreifach angewiesen,
+Und dreifach alle Kosten der Versetzung.
+Doch aus der Vorstadt sollen sie heraus.
+Sie sollen, müssen! Müssen, Gottes Donner!
+Ich weiß wohl, was ihr mögt, ihr alten Böhmen:
+Gekauert sitzen in verjährtem Wust,
+Wo kaum das Licht durch blinde Scheiben dringt;
+Verzehren, was der vor'ge Tag gebracht,
+Und ernten, was der nächste soll verzehren,
+Am Sonntag Schmaus, am Kirmes plumpen Tanz,
+Für alles andre taub und blind;
+So möchtet ihr: ich aber mag nicht so!
+Wie den Ertrinkenden man faßt am Haar,
+Will ich euch fassen, wo's am meisten schmerzt;
+Den Deutschen will ich setzen euch in Pelz,
+Der soll euch kneipen, bis euch Schmerz und Ärger
+Aus eurer Dumpfheit wecken und ihr ausschlagt
+Wie ein gesporntes Pferd. Ihr denkt der Zeit,
+Da eure Fürsten saßen an dem Herd
+Und einen Kessel führten in dem schnöden Wappen;
+Ich bin kein solcher, straf mich Gott!
+(Man hat ihm den Mantel umgegeben.) Seht her!
+Der Mantel ward in Augsburg eingekauft.
+Das Gold, der Samt, die Stickerei, das Ganze,
+Könnt ihr das machen hier in eurem Land?
+Ihr sollt! bei Gott, ihr sollt! Ich will euch's lehnen--
+Mit Köln und Wien, mit Lunden und Paris
+Soll euer Prag hier stehn in einer Reihe!
+Die Länder, die euch herrisch sonst gehöhnt,
+Ich habe sie bezwungen mit dem Schwert:
+Der Ungar flieht, der Baierfürst hält Ruh',
+Und Österreich, die wackre Steiermark
+Und Portenau und Krain und Deutschlands Eger,
+Ich habe sie vereinigt meinem Reich.
+In alle Fernen trug ich Böhmens Namen,
+Aus allen Fernen tönt zurück sein Ruhm.
+Wie meine Väter konnt' ich ruhig schlafen,
+Euch lassen schlafen, so wie eure Väter;
+Für wen hab ich's getan? Für euch!
+Doch sollt ihr nach, des geb ich euch mein Wort!
+Hin auf des Berges Mitte stellt' ich euch,
+Und nun klimmt weiter oder brecht den Hals!
+(indem er sich abwendet.)
+Daß mir die Deutschen in die Vorstadt kommen.
+
+(Kanzler tritt ein und nähert sich dem Könige.)
+
+Ottokar.
+Was ist?
+
+Kanzler.
+Die Königin, wie Ihr befahlt.
+
+Ottokar (wieder zu den Bürgern gewendet).
+Auch das noch, das noch, seht, um euretwillen!
+Was einem jeden Mann das Teuerste,
+Die Ruh' im eignen Haus, hab ich gestört,
+Um eure Ruh', um eurer Kinder Ruhe.
+Damit nach meinem Tod mein Reich nicht erblos,
+Mein Werk das Spiel nicht werde innern Zwists,
+Hab ich von Margarethen mich getrennt,
+Die keines Erbens Hoffnung mehr gewährt,
+Und neuer Bande Wechsel mich gefügt.
+(Zur ganzen Versammlung sich gewendet.)
+Ja, ja, ihr Herrn, damit ihr's alle wißt:
+Zur Festigung des nur geschloßnen Friedens
+Hat König Bela mir die Hand geboten
+Von Kunigunden, seinem Enkelkind,
+Des Herzogs von Massovien einz'gen Tochter.
+Da nun seit lang die Bischöfe des Reichs
+Mich warnten meiner Eh' mit Margarethen;
+Wie denn auch manches sonst dagegen spricht:
+Denn erstens ist sie alt und unfruchtbar,
+Kein Erbe läßt sich mehr von ihr erwarten;
+Dann ist sie mir verwandt in--was weiß ich,
+In welchem und wievieltem Grad, und endlich--
+Allein wozu noch lange eins und zwei;
+Denn erstens, zweitens, drittens: bleibt's dabei!
+Die Königin wird kommen, Handfest unterzeichnen,
+Die Schenkung wiederholen ihrer Lande,
+Und des zu Zeugen seid ihr hier versammelt.
+(Er besteigt den Thron.)
+
+Der Kanzler (der seine Papiere auf demselben Tische ausgebreitet hat,
+an dem vorher der König saß, tritt nun, mit einer Urkunde in der Hand,
+in die Mitte des Saales).
+Nun Ruh' in Ehrfurcht ist des Königs Wille!
+
+(Margarethe, in einen nachschleppenden Mantel gekleidet, die Krone auf
+dem Haupte, tritt, von Habsburg und Merenberg begleitet, von Frauen
+gefolgt, ganz im Vorgrunde links auf.)
+
+Kanzler.
+Erlauchte Frau und Königin Margrethe,
+Von Östreich Herzogin und Steiermark,
+Des weiland röm'schen Königs Heinrich Witwe,
+Derzeit vermählt mit Böhmens hohem Herrn.
+Wer führt das Wort in Eurer Gnaden Sache?
+
+Margarethe.
+Ich selbst! (Ablehnend zu Merenberg, der vorgetreten ist.)
+Laßt nur, Herr Merenberg!--Ich selbst!
+Allein will ich des Zornes Makel tragen
+Und reden, so wie leiden, ich allein!
+
+Kanzler.
+Ist Euch bekannt--?
+
+Margarethe.
+Ich weiß!
+
+Kanzler.
+Nun denn, mit Gott!
+Es hat ein heil'ger Send, zu Wien versammelt,
+Im Vorsitz Guido, Kardinal-Legats,
+Des Titels von Sankt Laurenz in Lucina,
+Zu Recht gesprochen ob dem Eheband,
+Das Euch verbunden unserm gnäd'gen Herrn;
+Und in Betracht, daß Ihr im vierten Grad,
+Durch Bela, Ungarns König, und durch Geysa,
+Als leiblich naher Brüder Kindeskinder,
+Gedachten unserm gnäd'gen Herrn verwandt;
+In weiterm Anbetracht, wie vorgekommen,
+Daß Ihr nach Eures ersten Herren Tod,
+Des hochbelobten röm'schen Königs Heinrich,
+Euch nicht mehr zu vermählen ein Gelübd'
+Zu Trier getan, im Katharinenstift--
+
+Margarethe.
+Es war kein feierlich Gelübd'!
+
+Ottokar.
+Hier steht's!
+Fahrt fort!
+
+Kanzler.
+Als hat--
+
+(Trompeten von außen.)
+
+Ottokar.
+Was ist?
+
+Ein Diener.
+Die Stände, Herr,
+Von Österreich sind in die Burg gezogen,
+Den Fürstenhut des Landes bringen sie.
+
+Ottokar.
+Hierher! Sie kommen als gelegne Zeugen!
+
+(Die Stände von Östreich, den Herzogshut auf einem Kissen vor sich
+hertragend, treten ein.)
+
+Heinrich von Lichtenstein (als Wortführer).
+Es hat dein tapfres Schwert, erhabner Fürst,
+Entschieden in dem Streit mit Ungarns König,
+Wer Herr soll sein in unserm schönen Land.
+Geendet ist der blutig schwere Zwist,
+Und leichten Herzens wiederholen wir
+Die Huld'gung, die erst jetzt in voller Kraft.
+(Zu Margarethen gewendet.)
+Vor allem aber dir, erlauchte Frau,
+Dem edlen Sproß des alten Heldenstammes,
+Der ruhmvoll lang ob Österreich gebot--
+
+Ottokar.
+Laßt das nur sein und stellt euch ruhig hin!
+Statt neuer Huld'gung denkt auf alte Treu'
+Und haltet's einmal, statt es zweimal zu versprechen!
+(Zum Kanzler.)
+Fahrt fort!
+
+Kanzler.
+Als haben sie zu Recht erkannt,
+Daß solches Bündnis länger nicht bestehe,
+Erklären es für null und aufgehoben.
+Die Schenkung, die Ihr früher habt gemacht
+An Euern Herrn mit Eures Stammes Erbe,
+Sie bleibt in Kraft, und Ihr seid aufgefodert,
+Sie noch einmal, der Form nach, zu bestät'gen.
+Euch angewiesen wird, als Leibgeding,
+Die Stadt von Krems, das Polan rings um Horn
+Und Grevenberg von unsers Herren Gnade.
+
+Margarethe.
+Habt Ihr geendet?
+
+Kanzler.
+Ja, erlauchte Frau!
+
+Margarethe.
+Ich könnte manches noch entgegensetzen!
+
+Ottokar.
+Wozu? Es bleibt der Spruch in Kraft.
+
+Margarethe.
+Doch unterwerf ich mich!
+
+Ottokar (vom Throne steigend).
+Nun gut, was mehr?
+
+Margarethe.
+Und geh von hinnen, wie man es begehrt--
+
+Ottokar (auf sie zugehend).
+Mich freut, daß ich Euch klug und billig finde;
+So hab ich Margarethen stets gekannt
+Und stets geachtet Euch als eine solche.
+Es ist ja nicht der Jugend wilder Kitzel,
+Der gärend feur'ge Drang nach Neuerung,
+Was mich Euch meiden heißt; es ist mein Land,
+Das in mir Ehen schließt und Ehen scheidet.
+So hoch ein Mensch mag seine Größe setzen,
+So hoch hat Ottokar gesetzt die seine.
+In Böhmen herrsch ich, bin in Mähren mächtig;
+Zu Östreich hab ich Steier mir erkämpft,
+Mein Oheim siecht, der Kärnten nach mir läßt.
+(Vertraulich und leiser.)
+Im nahen Ungarn hab ich meine Hand,
+Die Großen sehn auf mich, die Mißvergnügten;
+Es will mir Schlesien wohl, und Polen schwankt,
+Wie sturmgepeitscht ein Schiff, in meinen Hafen.
+(Wieder lauter.)
+Vom Belt bis fern zum Adriat'schen Golf,
+Vom Inn bis zu der Weichsel kaltem Strand
+Ist niemand, der nicht Ottokarn gehorcht;
+Es hat die Welt seit Karol Magnus' Zeiten
+Kein Reich noch wie das meinige gesehn.
+Ja, Karol Magnus' Krone selbst,
+Sie dünkt mich nicht für dieses Haupt zu hoch.
+Nur eines fehlte noch; nur eins und--alles:
+Der Erbe, der's empfängt aus meiner Hand.
+Den Giebel setz ich auf an meinem Bau;
+Margrethe, weiß ich, wird mir's nicht mißgönnen.
+
+Margarethe.
+Ich gönn Euch alles, gönn Euch mehr als mir!
+Auch ist's mein Vorteil nicht, es ist der Eure,
+Was mich noch einmal warnend sprechen heißt.
+Geliebt es Euch, so folgt mir nebenan--
+
+Ottokar.
+Sprecht immer hier; nur unter Königen
+Ist Ottokar der König, nicht allein.
+Die hier gehorchen--
+
+Margarethe (schnell).
+Doch wie lange, Herr?
+Das ist's, woran ich warnend mahnen wollte!
+(Näher zu ihm tretend.)
+Die Länder all, das Erbe meines Hauses,
+Sie wurden Euch durch Margarethens Hand.
+Weiß Gott, ich scheide gern! Doch wie ich scheide,
+Schwingt wieder Aufruhr zischend seine Fackel,
+Und gegen Euch--
+
+Ottokar.
+Seid Ihr 'ne Bäckersfrau,
+Die ihren Altknecht freit auf ihr Gewerb',
+Und fürchtet Ihr, sie kommen, von der Stadt,
+Und nehmen mir's, sobald die Herrin fort?
+(Halb gegen die Stände gewendet.)
+Ich halte sie, seht Ihr? mit dieser Hand--
+Sie sollen sich nur regen, wenn sie's wagen!
+
+Margarethe.
+Umringt seid Ihr mit Argen und Verrätern!
+
+Ottokar.
+Lehrt Ihr den Ottokar die Seinen kennen?
+Ich gehe meinen Gang, was hindert, fällt.
+
+Margarethe.
+Ihr steht am Abgrund, glaubt mir, Ottokar!
+
+(Wiederholte Trompetenstöße.)
+
+Diener (kommt).
+Die Landesherrn von Steiermark sind unten
+Und bitten, daß du gnädiglich sie hörst.
+
+Ottokar.
+Laßt sie herein!--Ihr seht wohl, Margarethe,
+Die Unglücksprophezeiung trifft nicht ein!
+
+(Die Stände von Steiermark treten ein, den Herzogshut vor sich her auf
+einem Kissen.)
+
+Der Wortführer (indem er vor Margarethen das Knie beugt).
+Erlauchte Frau!
+
+Margarethe (ablehnend).
+Nicht mir!
+
+Ottokar.
+Zu mir, mit Gunst!
+Der König ist, der Königinnen macht!
+Schweigt immerhin, ich weiß schon, was ihr wollt.
+Ich hab eu'r Land den Ungarn abgestritten
+Und werd es wahren gegen jedermann;
+Auch gegen euch, wenn's irgend etwa not.
+Stellt euch nur hin und wartet ruhig ab.
+Im übrigen betrachtet mich genau,
+Damit ein andermal ihr gleich beim Eingang wißt,
+Vor wem ihr habt zu knien.
+
+(Die Steirer stellen sich in eine Linie mit den Östreichern, dem Throne
+gegenüber, die Träger der Kronen voran.)
+
+Ottokar.
+Nun noch zum letzten!
+Habt Ihr die Handfest hier, Herr Kanzellar,
+Die Schenkungsurkund' von der Fürstin Landen?
+
+Kanzler.
+Ich nicht; die gnäd'ge Frau.
+
+Ottokar.
+Habt Ihr sie, Margarethe?
+
+Margarethe.
+Im Schrein verschlossen meiner Hauskapelle
+Liegt sie verwahrt.
+
+Ottokar.
+Nun gut, ich sende drum!
+
+Margarethe.
+Noch hat kein menschlich Aug' des Schreines Inhalt,
+Den Schatz gesehn, den mir sein Schloß bewahrt.
+Bei meines Heinrich teurem Abbild liegt sie,
+Bei meiner beiden Kinder Totenhemd,
+Beim Schreckenspfeil, den an der Leitha Strand
+Man blutig zog aus meines Bruders Herzen.
+Erlaubt Ihr, geh ich selbst!
+
+Ottokar.
+Wie's Euch gefällt.
+
+(Trompeten und Jubelgeschrei von außen.)'
+
+Diener (kommt).
+Ach, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Was ist?
+
+(Die Landesherrn von Kärnten, Ritter und Bauern bunt gemengt, treten auf,
+den Herzogshut vor sich auf dem Kissen.)
+
+Ottokar.
+Wer sind die?
+
+Margarethe.
+Soll ich?
+
+Ottokar.
+Ich bitt Euch drum!--Ihr seht, ich bin beschäftigt!
+Noch mehr der Kronen?
+
+(Margarethe geht ab.)
+
+Diener.
+Gnäd'ger Herr, der König
+Von Ungarn reitet ein--
+
+Ottokar (auf den Kronenträger zugebend).
+Wer seid ihr, Leute?
+
+Wortführer der Kärntner.
+Der Herzog Kärntens, Euer Gnaden Oheim--
+
+Ottokar.
+Ist er gestorben?
+
+Kärntner.
+Ja, erlaubter Herr,
+Und kraft des Erbvertrags mit Euer Gnaden
+Fällt Euch das Land, die Herzogskrone zu.
+
+Ottokar.
+Betrauern mag ihn, wer sein Land nicht erbt!
+Seid mir willkommen, meine wackern Kärntner!
+Fügt eure Krone dort zu jenen beiden
+Und laßt mich freun des königlichen Anblicks.
+
+(Die Kärntner stellen sich in die Reihe der andern Stände).
+
+Ottokar.
+Man lärmt ja noch! Was ist?
+
+Diener.
+Ich sagt' es ja!
+Der König Ungarns, Herr, ist eingeritten.
+Mit ihm Gesandte von dem Reichsvereine,
+Den Doppeladler tragend vor sich her,
+Und alles ruft--
+
+Von außen.
+Heil Ottokar, dem deutschen Kaiser!
+
+Die im Saale.
+Heil Ottokar, dem deutschen Kaiser, Heil!
+
+Ottokar (im Vorgrunde).
+Nun Erde, steh mir fest!
+Du hast noch keinen Größeren getragen!
+(Er eilt in den Hintergrund, dem Ungarkönig entgegen.)
+
+(Indes tritt der alte Merenberg zum Schenk von Emerberg, der ganz im
+Vorgrunde links, der äußerste unter den östreichischen Ständen, steht.)
+
+Merenberg (leise).
+In dieses Tuch gewickelt ist ein Brief,
+Gib ihn an meinen Sohn, er weiß darum.
+Ich geh nach Merenberg. Und heiß ihn eilen!
+(Er läßt das Tuch mit dem Briefe fallen und entfernt sich. Emerberg hebt
+es auf.)
+
+(Der König von Ungarn tritt auf mit Gefolge.)
+
+Ottokar (ihm entgegen).
+Erlauchter Herr, und Vater, will es Gott!
+
+Bela (zurücktretend).
+Bevor ich rede, laßt erst diese sprechen!
+
+(Die Gesandtschaft des Reichstages tritt vor.)
+
+Erster Abgesandter.
+Des Heil'gen Röm'schen Reichs gemeine Fürsten,
+Zu Frankfurt auf der Kaiserwahl versammelt,
+Sie senden uns an dich, o Fürst von Böhmen.
+Die Augen haben sie nach dir gewendet,
+Die einen Kaiser suchen für das Reich.
+Doch ziemt uns nicht, als Herren den zu wählen,
+Der unsre Wahl wohl gar zurückeweist:
+Drum sollen wir dich fragen, hoher Herr,
+Ob, wenn der Wahltag dir die Krone beut,
+Dem Reiche du dich unterziehen werdest?
+Verweigr' es nicht! es geht ein alter Spruch:
+Des Reiches Adler werde Ruh' erst finden
+Im Nest des Löwen; wohl, großmüt'ger Löwe,
+(er ergreift ein Schild mit dem Sinnbilde des Löwen, das an den Stufen des
+Thrones lehnt, und hebt es in die Höhe)
+Nimm auf den Adler, der verloren fleugt,
+Und schirm ihn stark gen alle seine Feinde!
+
+Ottokar.
+Ha, was ist das? Wer hat mir das getan?
+Das ist der weiße Löwe nicht von Böhmen!
+Der Löw' ist rot!
+
+Rudolf von Habsburg (der zur Seite des Thrones rechts im Vorgrunde gestanden
+hat, vortretend).
+'s ist Habsburgs Löwe, Herr!
+Der Schild ist mein! Ich legt' ihn, kommend, ab.
+
+Ein zweiter der Abgesandten.
+Ihr seid der Graf von Habsburg?
+
+Rudolf.
+Ja, der bin ich!
+
+Zweiter Abgesandter.
+In Böhmen hier?
+
+Rudolf.
+Vom Kreuzzug kehr ich heim.
+
+Ottokar.
+Genug!--Ihr harret, mein Herr Abgesandter,
+Bis man Euch wieder ruft! (Zum König Bela gewandt.) Mein edler Fürst!
+Nun ruft die Pflicht mich doppelt her zu Euch!
+
+Bela.
+Zuerst stell ich Euch meine Kinder vor.
+Hier Ladislaus, der Erbe meines Throns,
+Und hier ein anderer.
+
+Ottokar.
+Hat König Bela
+Der Enkelsöhne mehr?
+
+Bela.
+Ihr argwohnt nicht?
+Man weiset dich zurück!
+
+Kunigunde.
+Und doch war ich's,
+Die Euch am meisten wünschte zu gefallen!
+Nehmt Ihr mich unter Eure Krieger auf?
+(Sie wirft den Reitermantel und ungarischen Kalpak weg und steht als
+Weib gekleidet da.)
+
+Zawisch (der auf der linken Seite des Saales, nicht weit von ihr steht,
+laut).
+O schöner Krieger!
+
+Kunigunde (umgewendet).
+Ha, wer spricht?
+
+Ottokar (zornig).
+Wer sprach?
+
+Zawisch (gleichfalls umsehend).
+Von dorther schien's, vom Winkel her zu tönen!
+
+Kunigunde (rasch).
+Ihr wart's--wohl nicht. Ihr würdet nicht so frech,
+Da ich so nahe stand, mir sonst es leugnen!
+
+Mein König, Ihr verzeiht die Überraschung.
+Sie wollten erst mich vor den Toren lassen,
+Doch trieb's mich, hier zu sein, und also kam ich.
+
+Rudolf (der sich wieder in den Vorgrund rechts gestellt hat).
+Der rücksichtslosen, rohen Übereilung!
+
+(Die Königin Margarethe kommt mit Schriften.)
+
+Ottokar (mit einer Bewegung gegen sie hin).
+Jetzt ist nicht Zeit!
+
+Margarethe (sich am Sessel haltend).
+O Gott! Wer bringt mich fort!
+
+Merenberg (vortretend).
+Der Königin zu Hilf'!
+
+Ottokar.
+Wer rief Euch, Herr?
+Wer hieß Euch weichen dort von Eurem Platz?
+Ihr habt Euch einmal unnütz schon gemacht!
+Dorthin!
+
+(Merenberg tritt zurück.)
+
+Margarethe (schwach).
+Nur fort!--Nimmt sich denn niemand an?
+
+Rudolf von Habsburg.
+Hier ist mein Arm, erlauchte Königin!
+Stets war bei Habsburg der Gekränkten Schirm.
+
+Ottokar.
+Und wer hat's Euch geheißen?
+
+Rudolf.
+Kennt ein Heißen,
+Wer kein Verbieten kennt?
+
+Ottokar.
+Ihr seid, vergeßt's nicht,
+In meinem Land!
+
+Rudolf.
+Nicht länger, als ich will!
+Als freier Krieger focht ich Eure Schlachten,
+Um Lohn nicht, und den Dank selbst schenk ich Euch!
+Ich bin nicht Euer Mann.
+
+Ottokar.
+Nicht von der Stelle,
+Bis der entschieden, dem Entscheidung ziemt!
+
+Der zweite der Abgesandten (tritt vor).
+So will denn ich hier diese Fürstin schirmen!
+Der Kanzler ich des Erzbischofs von Mainz,
+Von ihm der Wahlgesandtschaft beigesellt,
+Damit ich höre, wo die andern reden.
+Erkennt Ihr mich, Graf Habsburg?
+
+Rudolf.
+Nein, fürwahr.
+
+Zweiter Abgesandter.
+Gabt Ihr nicht einst im Walde nah bei Basel
+Dem Priester, der das Allerheil'ge trug
+Zu eines Kranken Trost und, aufgehalten
+Vom wüt'gen Strom der Aar, am Ufer irrte,
+Das eigne Pferd, die Flut drauf zu durchsetzen?
+
+Rudolf.
+Und dieser Priester--?
+
+Abgesandter.
+Habt nicht später dann
+Den Erzbischof von Mainz Ihr treu geleitet
+Durch feindlich Land, durch Krieg und Brand und Tod,
+Als er nach Rom zog zu dem Heil'gen Vater?
+Des Bischofs Sekretär, auf sein Geheiß,
+War oft Euch nah und prüft' Euch im Gespräch;
+Vermöchtet Ihr ihn nicht mehr zu erkennen?
+
+Rudolf.
+Seid Ihr's?
+
+Abgesandter (zur Versammlung gewendet).
+Für diese Frau, als Reichesfürstin,
+Begehr ich frei und offenes Geleit.
+Herr Graf von Habsburg, gebt ihr Euren Arm,
+Wir wollen sie zur sichern Ruhstatt führen!
+
+Im Namen denn des Heil'gen Röm'schen Reichs,
+Gebt Raum der Herzogin von Österreich!
+(Führt mit Rudolfen die Königin Margarethe ab.)
+
+Ottokar.
+Bin ich eu'r Kaiser, sollt ihr anders sprechen!
+
+Der erste der Gesandtschaft.
+Geliebt's Euch, Herr, uns Antwort zu erteilen?
+
+Zawisch (sich vordrängend).
+Raubt ihr uns unsern König, unsern Herrn?
+Ist er nicht mächtig? was bedarf er euer?
+Wie Gott im Himmel, herrschet er auf Erden;
+Nur Sorgen und nicht Nutzen schafft das Reich,
+Laßt ihn und bietet Deutschen eure Gaben!
+Ihr gebt nur, weil ihr braucht! Laßt unsern Herrn!
+
+Ottokar.
+Er spricht zum Teil ganz gut, Herr Abgesandter.
+Gar viel ist abzustellen in dem Reich,
+Gar mancher Trotz zu beugen und zu strafen;
+Ich seh wohl, euer Herr war euer Knecht.
+Ich bin ein reicher Fürst von Böhmen, Gott verhüte,
+Daß ich ein armer Kaiser wollte sein.
+Doch mögt Ihr harren, ob es uns gefällt,
+Vielleicht Euch günst'gre Antwort zu erteilen.
+(Zu Kunigunden gewendet.)
+Nun bin ich Euer, ganz mit Seel und Leib.
+
+Zawisch.
+Es lebe Ottokar!
+
+(Unter Trompetengetön.)
+
+Zuruf von allen Seiten.
+Von Böhmen König!
+Herzog von Östreich!--Steier!--Kärnten!--Krain!
+Der Deutschen Kaiser! Lebe Ottokar!
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+Offener Gartensaal, gegen den Hintergrund zu mit einem halbmannshohen
+Marmorgeländer geschlossen. Es wird angenommen, daß hinter demselben der
+Garten terrassenförmig abwärts geht. Im Vorgrunde zu beiden Seiten Türen,
+daneben Bildsäulen. Der Haupteingang ist zwischen den Säulen, links an
+der Balustrade.
+
+
+Zawisch (tritt lachend auf).
+Ich bin verliebt! O weh, mein Herz ist fort!
+Ihr Leute, kommt zu Hilfe! Ha, ha, ha!
+Wie sie mich ansah mit dem schwarzen Blick,
+Die stolze Ungarin! Hilft alles nichts!
+Und schön ist sie, beim wunderbaren Gott!
+Ein adlig, wildes, reuterscheues Füllen,
+Den Zaum anschnaubend, der es bänd'gen soll.
+
+Auch sonst geht alles, wie es Gott gefällt!
+Die Österreicher reißen tüchtig aus,
+Seit Margarethe fort, die Königin;
+Der eine rechts, der andre links, doch alle
+Nach Frankfurt auf die Kaiserwahl. Nu! nu!
+Sie legen dort wohl die Gesuche nieder,
+Daß man doch ja Herrn Ottokar erwähle!
+
+Milota (von innen).
+Nur hier herein indes!
+
+Zawisch.
+Wen bringt man da?
+
+(Gewaffnete bringen Seyfried von Merenberg gefangen. Milota, ganz gerüstet,
+folgt, einen versiegelten Brief in der Hand.)
+
+Milota.
+Der König ist noch beim Turnier?
+
+Zawisch.
+Ja wohl!
+Sich da, Herr Merenberg? und so begleitet!
+
+Milota.
+Sein Vater, der Verräter, sandt' ihn fort
+Mit diesem Schreiben an den Erzbischof
+Von Mainz. Er hatt' ihm Eile wohl geboten--
+
+Seyfried.
+Ob er's gebot!
+
+Milota.
+Allein der junge Herr,
+Da ihn sein Weg am Schloß vorüberführte,
+Wo Bruder Benesch haust mit seiner Tochter,
+Wollt' er noch einmal sehn sein altes Lieb;
+Doch fing man ihn und sendet ihn hierher.
+
+Zawisch.
+So? Bei schön Mühmchen? Ei, bei Fräulein Berta?
+
+Seyfried.
+Im heißen Fieber liege sie und rase,
+Ward mir gesagt. Ich wollte sie nur sehn,
+Nur wissen, ob sie lebt, und so gab ich
+Des Vaters Haupt und mich in ihre Hand.
+Tor, der ich war, verruchter, blinder Tor!
+
+Milota.
+Hier ist der Brief, die Aufschrift an den Mainzer.
+
+Seyfried.
+Herr Zawisch, seht, ich hab Euch nie geliebt!
+Für doppelsinnig hielt ich Euch und falsch,
+Doch sagt mein Vater, Menschen kennt' ich nicht;
+O zeigt mir, Herr, daß ich Euch nicht gekannt!
+Gebt mir den Brief, laßt ihn uns hier vernichten.
+Mit mir könnt Ihr beginnen, was Ihr wollt!
+Ich hab Euch sonst wohl auch schon Liebs getan.
+Als Ihr mit Euren Sippen da und Freunden,
+Wißt Ihr? im Vorgemach der Königin
+Gar sonderbare Reden einst geführt;
+Ich ging nicht hin und sagt's dem König an,
+Wie ich gekonnt, vielleicht wohl gar gesollt!
+Denn damals ehrt' und liebt' ich noch den König,
+Als meiner angebornen Fürstin Gatten
+Und meinen wahren, rechtgesinnten Herrn.
+
+Zawisch.
+Hörst du, Freund Milota?
+
+Milota.
+Wer achtet sein!
+
+Zawisch.
+Der Brief ist richtig! (Er liest.) An den Erzbischof
+Von Mainz. Du bist verloren, guter Freund,
+Wenn dieser Brief dem König kommt zu Hand!
+
+Seyfried.
+Herr, rettet mich!
+
+Zawisch.
+Schon gut! schon gut!
+Die Leute sind vertraut? (Auf die Wache zeigend.)
+
+Milota.
+O ja! Warum?
+
+Zawisch (den Brief in der Hand wägend).
+Der Brief kann viel enthalten--oder wenig.
+Ein Tröpflein Gift vielleicht--
+(Die Hand mit dem Briefe schnell auf den Rücken gelegt.)
+Ein Meer von Argwohn!
+(Zur Wache gekehrt.)
+Geht ihr nach Haus und grüßet Vetter Benesch.
+
+Milota.
+Was tust du?
+
+Zawisch.
+Geht ihr nur! (Gewaffnete ab.) Und du, mein Freund,
+Was gibst du mir, wenn ich dich diesmal rette?
+
+Seyfried.
+Mein Leben--
+
+Zawisch.
+Ei, behalt das nur für dich!
+Kannst du auch springen?
+
+Milota.
+Zawisch!
+
+Zawisch.
+Nun, so komm!
+Hier hast du deinen Brief; so, und nun spring!
+
+(Er hat ihn ans Geländer geführt, Seyfried springt hinab.)
+
+Milota.
+Wahnsinniger!
+
+Zawisch.
+Hei, was der Junge läuft!
+
+Milota.
+Ihm nach!
+
+Zawisch.
+Zurück! Hast du dich mir vertraut?
+Nun, hast du es getan, so traue mir!
+Ich weiß am besten, was sich fügt, was nicht;
+Zu seiner Zeit wird sich's dir offenbaren.
+Und dann--das junge Blut, mein gutes Herz!
+Ha, ha!--Sprich nicht und geh! Es kommen Dinge,
+Bei denen ich nach Zeugen nicht verlange.
+Du gabst dein Wort, daß du mich läßt gewähren,
+Drum geh!
+
+Milota (kehrt am Ausgange um).
+Folgst du auch nicht mehr zum Turnier?
+
+Zawisch.
+Die Waffen hab ich schon von mir gelegt,
+Der Preis ist mein!--Geh jetzt! Der Augenblick
+Pocht wie ein Gläubiger und will, was sein!
+
+(Milota ab.)
+
+Ich sehe sie den Gang herunterkommen,
+Begleitet nur von einer Kämmerin;
+Nun rasch ans Werk!
+(Zu einer Bildsäule der Liebesgöttin gewendet, die im Vorgrunde links
+steht.)
+Du keusche Liebesgöttin,
+Getreue Gattin deines holden Gatten,
+Dich fleh ich an: verleih mir deinen Schutz!
+(Er zieht ein Blatt hervor und steckt es, zur Bildsäule auf einer Stufe
+des Untersatzes emporsteigend, unter den halbgehobenen Fuß der Göttin.)
+Bewahre mir dies Blatt hier und bestell es!
+Man kommt!--Ich muß noch etwas zögern!--Jetzt!
+(Er springt herab und eilt, wie betroffen, fort.)
+
+(Die Königin tritt in demselben Augenblicke mit ihrem Kammerfräulein
+links im Hintergrunde auf.)
+
+Kunigunde.
+War das nicht Rosenberg? der Unverschämte!
+Ruf ihn zurück!
+
+Fräulein (in die Szene rufend).
+Herr Zawisch! Kommt hierher!
+Die Königin befiehlt es! Hier! Ihr sollt!
+
+(Zawisch kommt zurück, verschämt das Barett in der Hand drehend.)
+
+Königin.
+Ich weiß nicht, Herr, bin ich nicht voll bei Sinnen,
+War ich im Fiebertraum, die Tage her;
+Wie, oder seid Ihr ganz so unverschämt,
+So rasend--Nein! Die Sprache hat kein Wort!
+Verrückung möcht' am ersten es bezeichnen--
+So unverschämt-verrückt, als Ihr Euch zeigt?
+Bei meiner Ankunft schriet Ihr gellend auf--
+Ihr wart's! Ich stand drei Schritte fern und weiß es!
+Seitdem verfolgt Ihr rastlos mich mit Blicken,
+Mit Blicken, die ich näher nicht bezeichne,
+Doch regt sich mir der Ingrimm, denk ich dran.
+(Näher zu ihm tretend.)
+
+Nur erst, beim Tanz, als ich die Hand Euch reichte,
+Ja, Frecher, ja! Ihr drücktet mir die Hand!
+Wer bin ich, Herr? und wer seid Ihr?
+
+Zawisch.
+Verzeiht!
+
+Kunigunde.
+Behandelt so hier Lands man Königinnen?
+Wär' ich zu stolz nicht, meines Gatten Zorn
+In meiner eignen Sache aufzurufen,
+Wär's hier in Böhmen wie bei uns daheim,
+Wo auch die Frau ein Recht hat, eine Stimme,
+Und Macht, um zu vollführen, was sie denkt,
+Wo eine Königin nicht bloß des Königs Gattin,
+Wo sie Gebietrin ist; es sollt' Euch reun!
+
+Zawisch.
+Verzeiht!
+
+Königin.
+Und nun: verzeiht! Erst frech und kühn,
+Und nun so knechtisch, daß es an mich ekelt!
+Was stecktet Ihr an jene Säule hin?
+
+Zawisch.
+An jene Säule? Steckt was dort?
+
+Königin.
+Ein Zettel.
+
+Zawisch.
+Ein Zettel, in der Tat!
+
+Königin (zum Kammerfräulein).
+Nimm ihn herab!
+(Es geschieht.) Was steht auf dem Papier?
+
+Zawisch.
+Ich weiß es nicht!
+
+Königin.
+Ihr stecktet's doch hinauf!
+
+Zawisch.
+Ich? Wahrlich nicht!
+
+Königin.
+Nur erst, sowie ich kam.
+
+Zawisch.
+Ich war nicht hier;
+Ich kam von jener Seite.
+
+Königin.
+Nun, beim Himmel!
+Ich bin verrückt, der Kopf dreht sich im Wirbel!
+Sind das hier Bäume? Ist das Luft und Erde?
+Ich sah es ja, ich stand drei Schritte fern,
+Als Ihr den Zettel an die Säule stecktet!
+
+Zawisch.
+Wenn Ihr es sagt, o hocherhabne Frau,
+Dann muß es sein, und wär' es nie gewesen!
+
+Königin.
+Und was enthält der Zettel?
+
+Zawisch.
+Phantasien;
+Die Ausgeburt von dichterischer Glut!
+
+Königin (zum Kammerfräulein).
+Zeig her!
+(Sie entwickelt den Zettel und liest die Aufschrift.)
+»Der Schönsten«--Ha, Verwegener,
+Nimm hin das Zeugnis deiner frechen Torheit
+(sie wirft ihm denZettel vor die Füße)
+Und wagst du's noch einmal, dich mir zu nahn,
+So soll der König deinen Frevel strafen!
+
+Zawisch (hebt den Zettel auf und kniet damit vor dem Kammerfräulein nieder).
+Nun denn, so wißt, daß ich Euch dienend folge,
+Schon lang brennt das Geheimnis meine Brust.
+In diesen Zeilen wagt' ich's zu gestehen,
+Verloren bin ich, Herrin, wenn Ihr zürnt.
+(Er steht auf und geht.)
+
+Königin.
+Ha, lachen muß ich wahrlich des Verrückten!
+
+Kammerfräulein.
+Seht, gnäd'ge Frau, so komm ich, Hand kehr um,
+Zu einem Ritter und zu Minnedienst.
+
+Königin.
+Und glaubst du wirklich, dich hab er gemeint?
+Nach mir blickt er, der übermüt'ge, Freche!
+
+Kammerfräulein.
+Ei, gnäd'ge Frau, was tut's? Der Wahn schon schmeichelt
+Von solcher Werbung und von solchem Ritter.
+
+Königin.
+Von solchem Ritter? Lachen machst du mich!
+
+Kammerfräulein.
+Ja, gnäd'ge Frau, im ganzen Böhmerland
+Ist keiner, der dem Zawisch sich vergleicht
+Von Rosenberg. Den edlen Glanz, die Haltung,
+Des Körpers mannigfache, edle Gaben,
+Ihr saht sie, Königin, so gut als ich:
+Doch auch an Heldenmut, an Tapferkeit
+Steht er vor allen, die sich Ritter nennen.
+In Padua hat er jahrelang studiert,
+Auch macht er Reim' und singt sie zu der Zither.
+
+Königin.
+So schlimmer denn!
+
+Kammerfräulein.
+So schlimmer, gnäd'ge Frau?
+
+Königin.
+Bei uns daheim lohnt man die Zitherspieler
+Mit Geld und mit Verachtung!
+
+Kammerfräulein.
+So bei uns nicht!
+Manch Edler eifert mit den Troubadours,
+Und dieser Zawisch hat sich manches Herz
+Ersungen bei den Klängen seiner Zither.
+(Den Zettel entfaltend.)
+Ihr sollt gleich sehn!
+
+Königin (hat sich gesetzt).
+Er soll mir's wahrlich büßen!
+
+Kammerfräulein (liest).
+»Der Schönsten «--Nun, ich nehm es dankbar hin!
+»O Hand von Schnee«--
+
+Königin.
+O Hand von Schnee, was heißt das?
+
+Kammerfräulein.
+Weiß wie Schnee.
+
+Königin (den Handschuh abziehend und ihre Hand betrachtend).
+Ich denk, er hat die Hand noch nie gesehn,
+Den Handschuh höchstens!
+
+Kammerfräulein (lesend).
+»O Hand von Schnee,
+Und doch so heiß;«
+(Die Königin stampft mit dem Fuße.)
+
+Kammerfräulein.
+Beliebt Euch, gnäd'ge Frau?
+
+Königin.
+Lies weiter nur!
+Ich wollte sagen: tu, was dir gefällt!
+
+Kammerfräulein.
+»O Hand von Schnee,
+Und doch so heiß;
+O Blick, so feurig,
+Und dennoch Eis!«
+
+Königin.
+Ich wollt' er wäre Glut und träfe dich!
+Ich wollt' ihn martern, bis ich voll gerächt.
+
+Kammerfräulein.
+»Der Mund, so süße,
+Spricht herber Art;
+Die Brust, ob wogend,
+Nicht minder hart.«
+
+Königin.
+Schweig still!
+
+Kammerfräulein.
+»O Blick, erwarme,
+O Brust, erweich!
+O Hand--«
+
+Königin.
+Ich sage dir, du sollst verstummen!
+
+Kammerfräulein.
+So laßt Ihr mich nicht meines Sieges freun?
+
+Königin.
+Ich glaube bald, die Törin nimmt's auf sich!
+(Sie steht auf.)
+O wär' ich wieder fort aus diesem Land,
+In Ungarn bei den Meinigen daheim!
+Da galt ich noch! Frei streift' ich in die Ferne,
+Dorthin, dahin, wohin der Wunsch mich rief.
+Mein alter Vater war mir gern zu Dienst,
+Zu Dienst die Fürsten, seine Sippen alle,
+Und was nur Mann hieß in dem weiten Reich.
+Und Leben war und Feuer, Glut und Mut!
+Da riefen sie zum fernen Prag mich hin:
+Ein König, sagten sie, regiere dort,
+Vermählt in seiner Kraft der ältern Frau,
+Den's dürste nach der feurigen Genossin,
+Nach gleichem Mut in gleichgeschwellter Brust.
+Ich komm und finde--einen Greis. Ja, Greis!
+Denn spielt ihm nicht schon graulich Bart und Haar?
+Sie sagen: von des Krieges Arbeit. Gleichviel!
+Und ist er denn nicht mürrisch wie ein Greis?
+Rechthabrisch, ungestüm? Beim reichen Gott,
+Zum Schweigen und Gehorchen kam ich nicht!
+Die andern aber schmeicheln, betteln, kriechen,
+Sind trägen Bluts und weißen, kalten Herzens.
+Nur dieser Rosenberg: bei uns in Ungarn
+Trüg' er sein Haupt keck unter Gottes Himmel,
+Wie jener kühne Führer der Kumanen,
+Dem er auch ähnlich sonst an Haupt und Brust,
+Dem besten unter Ungarns starken Mannen!
+Doch jener war ein freudig kühner Held,
+Gerad in seinem Wollen, seinem Handeln;
+Indes der Böhme feig und niedrig kriecht,
+Und seinen Wert und all sein Selbst besudelt.
+(Trompeten von außen.)
+Was ist?
+
+Kammerfräulein.
+Geendet ist wohl das Turnier,
+Und man erteilt den Siegenden die Preise.
+Euch, Königin, gebühret das Geschäft.
+
+Königin.
+Man wird uns rufen.--Gib doch das Geschreibe,
+Man merkt beim ersten Lesen kaum den Sinn.
+(Sie nimmt den Zettel.)
+
+Kammerfräulein.
+Ach, gnäd'ge Frau, des Königs Hoheit naht,
+Der ganze Zug; sie kommen vom Turnier.
+
+(Ottokar kommt mit Milota und Füllenstein. Hinter ihm Herren und Damen
+vom Turnier.)
+
+Ottokar (zu denen, die ihm folgen).
+Wenn er darauf besteht, so bringt ihn her!
+(Im Vortreten zu Kunigunden.)
+Es will der Sieger des Turnieres nur
+Aus deiner Hand den Preis empfangen!
+Nu, Kunthe, nu, wie geht's?
+(Er will sie am Kinne fassen, sie tritt zurück.)
+
+Kunigunde.
+Ganz gut.
+
+Ottokar.
+Potz Blitz!
+Wohl übel gar gelaunt?--He Milota!
+(Er tritt mit Milota auf die andere Seite des Vorgrundes.)
+Der junge Merenberg entsprang?
+
+Milota.
+Ja, Herr.
+
+Ottokar.
+Verwünscht! Doch woher weiß man's von dem Brief?
+
+Milota.
+Nach junger Leute Art hat er sich dessen
+Gerühmt, man hat den Brief sogar gesehn.
+
+Ottokar.
+Die Aufschrift an den Erzbischof von Mainz?
+
+Milota.
+Derselbe, ja.
+
+Ottokar.
+Auch Wolkersdorf ist fort?
+
+Milota.
+Und Hartneid Wildon. Alle Österreicher,
+Seitdem die Königin Margrethe fern,
+Sind übeln Sinns und schleichen fort vom Hof.
+
+Ottokar.
+Hätt' ich den Brief, so kennt' ich die Verräter
+Und meine Ferse setzt' ich auf die Brut:
+Nun aber wird ein jeder mir verdächtig,
+Und alle muß ich hüten, alle, alle!
+Pfui, Argwohn, Spürhund von des Teufels Meute!
+Lockst du auch Könige zu deiner Jagd?
+
+(Man hat indes Zawisch von Rosenberg, als Sieger im Turnier, hereingebracht,
+er steht vor dem Könige.)
+
+Ottokar.
+Was ist?--Ja, du bist Sieger im Turnier?
+Ich habe stets als wacker dich gekannt;
+Geh hin zur Königin und nimm den Preis!
+He, Füllenstein!
+
+Füllenstein.
+Mein gnädiger Gebieter!
+
+Ottokar.
+Du nimmst Gewappnete, und alle Pforten
+Besetzest du, die aus dem Schlosse führen.
+Wenn nach dem Fest die Gäste heimwärts ziehn,
+Verhaftest du, die ich bezeichnen werde,
+Und hältst als Geisel sie in enger Haft.
+Den dort, dem trau ich nicht.--Auch Lichtenstein,
+Der glatte Ulrich--
+
+Füllenstein.
+Herr, doch Heinrich auch?
+
+Ottokar.
+Was schreist du so! Komm hier und höre schweigend.
+
+(Er zieht sich mit Füllenstein etwas mehr gegen den Hintergrund und spricht
+leise. Sooft er dem, was jener erwidert, zuhört, wendet er die Augen nach
+der andern Seite, wo Zawisch und seine Gemahlin sprechen.)
+(Zawisch hat sich vor die Königin hingestellt, die sitzt und in Gedanken
+vor sich hinstarrt.)
+
+Kammerfräulein (die Königin aufmerksam machend).
+Erlauchte Frau!
+
+Kunigunde (da sie Zawisch vor sich stehen sieht).
+Verwegner, wie, auch hier?
+(Sie springt auf.)
+
+Kammerfräulein (auf die reichgestickte Schärpe zeigend, die ein Page auf
+einem Samtkissen trägt).
+Der Dank!
+(Die Königin nimmt die Schärpe, der Page legt das Kissen bei ihren Füßen
+nieder.)
+
+Zawisch (zum Kammerfräulein).
+Ei, Fräulein, gebt mir doch den Zettel,
+Den ich vor kurzem nur Euch überreicht.
+Er kam nicht in die rechte Hand!
+
+Kammerfräulein.
+Mein Herr!
+
+Zawisch.
+Gebt ihn! (Er hält die Hand bin.)
+
+Kammerfräulein.
+Verzeiht!
+
+Zawisch (immer die Hand hinhaltend).
+Er soll für jemand anders!
+
+Kammerfräulein.
+Ich--hab ihn nicht mehr!
+
+Zawisch.
+Wie? Ihr habt ihn nicht mehr?
+Dann wahrlich ist er in der rechten Hand!
+(Er wirft sich vor der Königin auf das Kissen nieder. Feurig.)
+O Königin, habt tausend, tausend Dank--
+(Langsam.)
+Im voraus für den Preis, den Ihr mir reichet.
+
+Ottokar (sein Gespräch unterbrechend).
+Warum gebt Ihr den Preis nicht, Kunigunde?
+
+Königin (beleidigt).
+Ich wollte früher schon, eh' Ihr befahlt!
+(Mit der Schärpe nahend.)
+Herr Ritter!
+
+Zawisch.
+Wie beglückt Ihr mich, Gebietrin!
+In Demut beugt sich Euch mein dienstbar Haupt!
+(Leise.)
+»O Hand von Schnee
+Und doch so heiß!«
+
+Königin (leise).
+Wenn Ihr nicht schweigt!
+
+Zawisch (laut).
+Mit diesem teuren Pfand
+Statt Harnisch angetan, statt aller Waffen,
+Will fahrend ich die weite Welt durchziehn
+Und Euren Ruhm und meines Königs Ruhm
+Verkünden und verfechten überall,
+Für ihn und Euch mein Leben!
+(Da die Königin sich mit der Schärpe zu ihm neigt, leise und schnell.)
+Alte Männer
+Sollten alte Weiber freien! Jugend
+Gehört für Jugend!
+(Die Königin wirft die Schärpe auf den Boden.)
+
+Ottokar (herüberrufend).
+Nun, noch nicht zu Ende?
+
+Zawisch (leise).
+Dies Haupt dem Henker, wenn Ihr so es wollt!
+
+Ottokar.
+Was ist?
+
+Zawisch.
+Die Schärpe fiel.
+
+Königin (zum Kammerfräulein).
+Reich mir die Schärpe!
+Die höchste Langmut findet doch ihr Ziel,
+Verwegenheit mag es denn gleichfalls finden!
+Hier nehmt die Schärpe und gehabt Euch wohl!
+(Sie hängt ihm die Schärpe um. Wie sie sich über ihn beugt, faßt Zawisch
+ie Schleife an ihrem Ärmel, die Schleife fällt. Zawisch bückt sich rasch
+und hebt sie auf.)
+
+Kunigunde.
+Ha, mein Gemahl!
+(Ottokar wendet sich nach ihr.)
+
+Zawisch (der aufgestanden ist und sich gegen die Mitte zurückzieht).
+Die Königin, mein König!
+
+Ottokar.
+Was ist? Was willst du, Kunigunde?
+
+(Pause, während welcher die Königin Zawisch ansieht, der ruhig vor sich
+hinblickend dasteht. Sie blickt noch einmal hin, dann:)
+
+Kunigunde.
+Geht Ihr noch heut nach Ribnik auf die Jagd?
+
+Ottokar.
+Wie kommt Ihr auf die Frage? Heute, ja!
+Auch bist du ganz verstört. Was war denn hier?
+Das Dankerteilen macht dir so viel Müh',
+Daß ich in Zukunft dir's ersparen werde!
+(Er wendet sich von ihr.)
+
+Kunigunde (zum Kammerfräulein leise).
+Die Schleife soll er geben; geh und sag ihm's!
+
+(Ottokar ist in Mitte des Saales getreten; die Versammelten bilden einen
+Halbzirkel, dessen linkes Ende die Königin, das rechte Zawisch bildet, der,
+dem Kammerfräulein ausweichend, bis in den Vorgrund kommt.)
+
+Ottokar.
+Ihr Herrn, wer ist von euch, der einer Sorge,
+Und einer drückenden, mich ledig macht?
+Der alte Merenberg im Lande Steier,
+An mir ist zum Verräter er geworden,
+An mir und seinem Land, von dem ich Herr.
+Mit Briefen an den Erzbischof von Mainz
+Hat er den Sohn nach Frankfurt hingesandt;
+Wahrscheinlich unsre Wahl zu hintertreiben,
+Der man dort pflegt, zum Kaiserthron der Deutschen,
+Und Unruh' anzustiften, Meuterei.
+Der Sohn ist zwar entwischt, allein der Vater,
+Er soll der Strafe nimmermehr entgehn,
+Noch der Enthüllung seiner Spießgesellen.
+Der Frevler hat sich auf sein Schloß gezogen,
+Das wohl bewahrt ist gegen jeden Angriff;
+Wer mir ihn bringt, wer mir ihn lebend bringt,
+Was er ob Hochverrat verwirkt, die Lehen,
+Sein ganzes Gut, sei des Ergreifers Lohn!
+Ortolf von Windischgrätz, du scheinst bereit?
+
+Füllenstein.
+So laßt den zweiten mich sein, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Von meinen Leuten geb ich euch die besten;
+Den hier--und den--
+(Im Hintergrunde einzelne Wappner bezeichnend.)
+
+Kammerfräulein (die von hinten herumgegangen ist, zu Zawisch tretend).
+Die gnäd'ge Fürstin zürnt.
+Ihr sollt die Schleife geben, läßt sie sagen.
+
+Zawisch.
+Die Schleife? Nun und nimmermehr, mein Kind!
+Ich habe sie erobert, und mein Leben,
+Den Kopf hier laß ich, doch die Schleife nicht!
+(Er zieht die Schleife hervor.)
+Sieh her, wie schön! Rot, wie ihr holder Mund,
+Und weiß, wie ihres Nackens reines Silber.
+Nein, die behalt ich, und auf meinem Sarge
+Soll neben Schild und Helm sie prangend ruhn.
+Setzt' ich mein Blut nicht ein, um sie zu haben?
+Du blutigrote Schleife, du bleibst mein!
+(Er hält sie vor sich hin in die Luft.)
+
+Königin (auf der andern Seite des Theaters).
+Wahnsinnig ist er! Himmel, wenn der König--
+
+Kammerfräulein (zu Zawisch).
+Die Königin macht Zeichen, steckt sie ein!
+Der König naht.
+
+Ottokar (zurückkommend).
+Was habt Ihr, Rosenberg?
+
+Zawisch (hat die Schleife in den Busen gesteckt).
+Nichts, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Wie? Nichts?
+
+Zawisch.
+Herr, es gibt Dinge,
+Die man mit Recht dem König selbst verbirgt!
+
+Ottokar.
+Ein Liebespfand?
+
+Zawisch.
+Ein Pfand, Herr, das man liebt.
+
+Ottokar (nach einer Pause der Beobachtung).
+Wer hat die Königin heut angekleidet?
+
+Kammerfräulein.
+Ich, gnäd'ger Herr.
+
+Ottokar.
+Seid Ihr so sorglos, Dirne,
+Daß einen Arm Ihr nur mit Schleifen ziert,
+Indes der andre leer?
+
+Kammerfräulein.
+Gewiß--verloren!
+
+Zawisch (zum Suchen gebückt).
+Man muß sie suchen.
+
+Ottokar.
+Laßt das nur, Herr Zawisch!
+Wenn die Versammlung fort ist, macht sich's leichter;
+Allein bis abends hoff ich sie zu sehn!
+Dem aber, der sie fand, gebt diesen Ring
+(Er zieht ihn vom Finger und gibt ihn Rosenberg.)
+Im Namen meiner Gattin, seiner Frau:
+Denn Königinnen schenken Diamanten,
+Doch Busenschleifen nicht.--Euch, Königin,
+Bitt ich, in Zukunft Euren Anzug mehr
+Und--meiner Würde mehr in acht zu nehmen!
+(Zu Zawisch.)
+Vergeßt es nicht und richtet's aus dem Finder!
+
+Kunigunde.
+In meinem Namen, Ritter, aber sagt ihm:
+Er möge das behalten, was er fand;
+Denn was ich schenke, Schleife, Diamant,
+Indem ich's schenke, ändert's die Natur
+Und ist nur noch der Königin Geschenk.
+Auch mög' er sehen, daß ich Herrin bin,
+Zu schenken, was ich will; und wenn es mehr
+Als Schleife wäre, mehr als Diamant!
+(Sie geht ab.)
+
+Der König (geht einigemal auf und nieder, dann bleibt er vor Rosenberg
+stehen).
+Was war hier, Rosenberg?
+
+Zawisch (auf ein Knie niedergelassen).
+Zürnt mir mein König?
+
+Ottokar (ihn betrachtend).
+Du solltest töricht gnug sein, meinen Zorn,
+Den Zorn des Ottokar auf dich zu rufen
+Um einer Laune, eines leeren Nichts?
+Wer bist du denn, daß du es wagen solltest?
+Ich hauche--und wo war dann Rosenberg?
+Ich aber kenne dich als klug!--Steh auf!
+
+Zawisch.
+Nicht wenn Ihr zürnt!
+
+Ottokar.
+Ich sage dir: steh auf!
+(Zawisch steht auf.)
+
+Ottokar.
+Ihr aber geht zu meiner Frau und sagt ihr:
+Nicht stören möge sie der Gäste Frohsinn
+Durch längeres Entbehren unsrer Wirtin!
+(Diener ab.)
+
+Ottokar.
+Ihr, Ortolf, also richtet mir ins Werk,
+Was Ihr verspracht; den Lohn verbürg ich Euch.
+Ich will sie lehren, an das Reich sich wenden!
+(Auf die Brust schlagend.)
+Hier ist das Reich!
+
+Diener (kommt zurück).
+Die Königin ist unpaß.
+
+Ottokar.
+Ei, derlei Krankheit ist nicht schwer zu heilen!
+Geh noch einmal und bitte sie zu kommen.
+(Diener geht.)
+Und nun, ihr Herrn, hinauf zum Rittersaal!
+Und laßt den Tanz, laßt sich das Fest erneun,
+Bis an den Morgen rege sich die Lust!
+(Zu Füllenstein.)
+Vergiß nicht, was ich dir gebot!
+
+Füllenstein.
+Sorgt nicht!
+
+(Diener zurück.)
+
+Ottokar.
+Nun, kommt die Königin?
+
+Diener.
+Sie will nicht, Herr!
+
+Ottokar.
+Sie will nicht? will nicht, wenn ich es gebiete?
+Sag ihr!--Doch laß! Sie wird sich selbst besinnen:
+Mit Weiberlaunen hat man billig Nachsicht!
+Nur fort, ihr Herrn!
+
+Der Erste der Reichstaggesandten (die sich unter der Menge befinden).
+Mein gnäd'ger Herr und König!
+
+Ottokar.
+Wie, mein Herr Abgesandter, Ihr noch hier?
+
+Abgesandter.
+Noch immer harrend einer gnäd'gen Antwort
+Für meine Kommittenten, für die Wahlherrn
+Des Heil'gen Röm'schen Reichs.
+
+Ottokar.
+Mein Herr Gesandter,
+Die Antwort ist denn auch nicht gar so leicht!
+Ich bin ein König über viele Länder,
+Zu viel beinah für eines Menschen Kraft.
+Nun soll ich mit der Sorge mich belasten
+Für noch ein Land, und für ein Land, das selber
+Mitsorgen will und sitzen mit im Rat.
+Ich bin gewohnt, wenn ich mal sage: Ja;
+So gilt's den Kopf, wenn jemand spräche: Nein!
+Und was könnt ihr denn eurem Fürsten bieten?
+Die Zölle sind versetzt und die Gefälle;
+Was nur des Kaisers war, es haben
+Im langen Zwischenreich sich die und der
+Mit räuberischen Händen drein geteilt.
+Soll ich das Mark von meinem reichen Erbland
+Nun setzen auf so trügerisches Spiel?
+Euch Herrn gefiele wohl, mit meiner Habe
+Zu helfen eurer dringend bittern Not;
+Doch will ich lieber hier in Böhmen sitzen
+Und eines armen deutschen Kaisers lachen,
+Als selbst ein armer deutscher Kaiser sein.
+Indes verschmäh ich nicht, die höchste Macht
+Vielleicht zu krönen mit der höchsten Würde,
+Auf Karl des Großen Thron, ein zweiter Karl,
+Zu sitzen in des Reiches Vollgewalt:
+Doch soll man mir die Kron' erst selber bringen
+Und legen auf dem Kissen dort vor mir,
+Bevor ich mich entscheide, was geschieht.
+
+Ich habe meinen Kanzler hingesandt,
+Herrn Braun von Olmütz, auf den Tag nach Frankfurt,
+Und seht, er schreibt mir,
+(er zieht den Brief hervor) daß die Wahl des nächsten
+Wird vor sich gehn. Dem Pfalzgraf bei dem Rhein
+Trug man den Ausspruch auf im Kompromiß.
+Er ist zwar nicht mein Freund; er und der Mainzer,
+Sie schmieden Ränke, wie mein Kanzler schreibt;
+Allein die deutschen Fürsten wagen's nicht,
+Dem Stirnenrunzeln Ottokars zu stehn.
+Die Kron' ist mein! das heißt: wenn ich sie mag.
+Doch laßt sie hier erst sein, dann will ich sprechen.
+
+Diener (kommt).
+Der Kanzler, Euer Hoheit, Braun von Olmütz.
+
+Ottokar.
+Seht Ihr? er kömmt zurück.
+
+Diener.
+Mit ihm ein Ritter
+In lichter Rüstung, Fürsten gleich geziert,
+Und zwei Herolde in des Reiches Farben,
+Den Adler vor der Brust, die laut Trompeten.
+(Trompeten von innen.)
+
+Zawisch.
+Erlaube, königlicher Herr und Kaiser,
+Daß wir die ersten deiner neuen Diener--
+(Die ganze Versammlung macht eine Bewegung nach vorn.)
+
+Ottokar.
+Zurück! Wollt ihr dem Reichstagsboten zeigen,
+Daß unverhoffte Freud' er überbringt?
+Auch wißt ihr nicht, ob ich die Wahl genehm'ge!
+(Zu den Gesandten, die sich zurückgezogen haben.)
+Wo geht ihr hin? Ich hab euch nicht entlassen!
+Nichts ist geschehn, was Störung bringen kann.
+Der Mainzer also, sagt ihm's, mag sich hüten!
+Denn komm ich an den Rhein, und das soll bald,
+Zum Dank für all die frechen Winkelzüge
+Treib ich ihn aus von seinem Bischofsitz.
+
+(Der Kanzler ist indessen eingetreten. Alle umringen ihn mit fragenden
+Gebärden; er bleibt im Hintergrunde, die Hände ringend.)
+
+Ottokar (im Vorgrunde fortfahrend).
+Der Pfalzgraf auch bei Rhein steht mir nicht an,
+Ich werde seine Kur dem Baier geben.
+Noch allerlei will ich in eurem Land,
+Und alle, die mir dieses Schreiben nennt--
+
+Zawisch (im Hintergrunde losbrechend, doch halblaut).
+Die Wahl des Reichs fiel nicht auf Ottokar?
+
+(Der Kanzler schüttelt mit gefalteten Händen das Haupt.)
+
+Zawisch.
+Auf wen denn sonst?
+
+Kanzler.
+Auf Rudolf, Graf von Habsburg.
+
+(Unterdessen hat Ottokar den Gesandten den Brief gewiesen, mit dem Finger
+einzelne Stellen bezeichnend.)
+
+Ottokar.
+Die müssen fort--seht, der!--
+(Bei der ersten Rede des Kanzlers horcht er, in derselben Stellung
+bleibend, nach hinten hin in höchster Spannung. Als jener den Namen
+Habsburg nennt, fährt Ottokar zusammen; die Hand, mit der er auf den
+Brief zeigt, beginnt zu zittern; er stottert noch einige Worte.)
+und der--muß fort!
+(Die Hand mit dem Briefe sinkt hinab; mit gebrochenen Knieen steht er
+noch eine Sekunde, starr vor sich hin sehend, dann rafft er sich empor
+und geht starken Schrittes in sein Zimmer.)
+
+Zawisch.
+Herr Kanzler, sagt, ist es denn wirklich wahr?
+
+Kanzler.
+Nur allzuwahr; der Habsburg Deutschlands Kaiser.
+
+Zawisch.
+Allein wie kam's?
+
+Kanzler.
+Es ging noch alles gut,
+Die meisten Fürsten stimmten für den Herrn;
+Da kommt mit einemmal der Kanzellar
+Des Erzbischofs von Mainz--der hier gewesen--
+Mit ihm ein Wolkersdorf aus Österreich
+Und Hartneid Wildon aus dem Lande Stei'r,
+Die klagten--still! Der König kömmt zurück!
+
+Ottokar (kommt aus seinem Gemach).
+Sagt meiner Frau, sie soll bereit sich halten,
+Ich will noch heut vor Abend auf die Jagd.
+(Er geht mit starken Schritten auf und nieder.)
+
+Kanzler (nach einer Pause).
+Ach gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Was ist? (Zusammenfahrend.) Ihr?--Wart Ihr hier?
+Vor kurzem hier?
+
+Kanzler.
+Ach ja!
+
+Ottokar.
+Und habt gesprochen?
+
+Kanzler.
+Ja, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Verdammt!
+(Wirft ihm den Handschuh ins Gesicht; dann ihn an der Hand in den
+Vorgrund führend.)
+Was schwatztet Ihr
+Von Reichstag und von Wahl?
+
+Kanzler.
+Hier hört es selbst!
+
+(Der Burggraf von Nürnberg, mit zwei Herolden voraus und mehreren
+Begleitern hinter sich, tritt ein.)
+(Der König geht ihm mit starken Schritten bis in die Mitte des Saales
+entgegen.)
+
+Ottokar.
+Wer seid Ihr, Herr?
+
+Burggraf. Friedrich von Zollern bin ich,
+Burggraf von Nürnberg, abgesandt vom Reich.
+
+Ottokar.
+Glück zu!
+(Er kehrt ihm den Rücken und geht wieder in den Vorgrund.)
+
+Burggraf.
+Rudolf, von Gottes Gnaden Kaiser--
+
+Ottokar.
+Ich glaube, Herr, das Reich will meiner spotten?
+Hier stehn noch die Gesandten, die die Krone
+Mir anzubieten kamen, und ihr wählt,
+Eh' ich entschieden, einen andern?
+
+Burggraf. Herr,
+Der Kanzellar des Erzbischofs von Mainz,
+Er hat gemeldet, wie mit schnöden Worten
+Von Euch gewiesen Ihr so Kron' als Reich.
+
+Ottokar.
+Ha, frecher Treubruch deutscher Reichsbarone!
+
+Burggraf.
+Beschuldigt Ihr des Treubruchs Deutschlands Fürsten?
+So wißt denn, was die Wahl von Euch gewandt!
+Wir suchten einen Herrn, gerecht und gnädig,
+Als einem solchen bot man Euch den Thron.
+Da kam der Ruf, da kamen selber Zeugen,
+Die laut es riefen in der Fürsten Ohr,
+Wie Ihr getan an Königin Margrethen,
+Die Eure Gattin war, die Ihr verstießt;
+Wie Ihr die Rechte schmälert jener Lande,
+Die rechtlos vorenthalten Ihr dem Reich;
+Wie Eure Ungnad' schon ein Halsverbrechen,
+Und Strafe trifft, wo noch kein Urteil traf.
+Das sind wir nicht gewohnt in Schwaben und beim Rhein,
+Wir müssen einen gnäd'gen Fürsten haben,
+Vor allem aber soll er sein gerecht.
+Dies überlegend, schritten sie zur Wahl--
+
+Heinrich von Lichtenstein (hinter der Szene).
+Verräterei!
+
+Ottokar.
+Wer ruft?
+
+Gemurmel (unter den Anwesenden).
+Der Lichtenstein?
+
+Heinrich von Lichtenstein (tritt auf).
+Wer Österreicher ist, der sei gewarnt!
+Am Ausgang stehn des Schlosses Häscherrotten,
+Die fangen jeden, der nicht böhmisch ist.
+
+Füllenstein (kommt hinter ihm mit gezogenem Schwert).
+Gebt Euch gefangen!
+
+Ottokar (vortretend).
+Eure Wehre, Heinrich!
+Ihr, Ulrich Lichtenstein, Graf Bernhard Pfannberg,
+Chol Seldenhoven, Wulfing Stubenberg,
+Ihr gebt die Schwerter und euch selbst in Haft!
+
+Lichtenstein.
+Was taten wir?
+
+Ottokar.
+Damit ihr, Freund, nichts tut,
+Send ich euch in die Haft. Damit ihr nicht
+Euch flüchtet zu der neuen Majestät,
+Wie Wolkersdorf und Wildon, die Verräter,
+Und Merenberg--(Mit dem Fuße stampfend.) Wer schafft mir Merenberg?
+Sobald er hier aus seinem Felsennest,
+Soll euch der Richter gegenüberstellen,
+Und wohl dann dem, der sich nicht schuldig fühlt!
+(Zu Zollern gewendet.)
+Und nun nur weiter fort in unsrer Sache!
+(Die Geisel werden fortgeführt.)
+
+Burggraf.
+Der Auftritt hier erspart mir die Erklärung,
+Warum die Fürsten, Herr, nicht Euch gewählt.
+Und nun zu meiner Botschaft, Böhmens König!
+Rudolf, von Gottes Gnaden römisch-deutscher Kaiser,
+Entbietet dich auf einen Tag nach Nürnberg,
+Daß du dort wartest deines Schenkenamts,
+Wie's dir als Kurfürst ziemt des deutschen Reichs,
+Sonst auch nach Recht die Lehen dort empfangest
+Von Böhmen und von Mähren, die dir zustehn.
+
+Ottokar.
+Wie das? Nicht mehr? Und Österreich und Steier?
+
+Burggraf.
+Und Österreich und Steier, Krain und Kärnten,
+Nebst Eger, Portenau, der wind'schen Mark,
+Stellst du zurück zu Handen unsers Kaisers,
+Als böslich vorenthalten von dem Reich.
+
+Ottokar.
+Ha, ha, ha, ha! 'ne lust'ge Mär fürwahr!
+Und sonst begehrt der neue Kaiser nichts?
+
+Burggraf.
+Nur was des Reichs!
+
+Ottokar.
+Herr, es ist aber mein!
+Den Ungarn hab ich Steier abgewonnen
+Mit meinem Blut, mit meiner Böhmen Blut.
+Vererbt ward Kärnten mir von meinem Ohm
+Durch gleicher Erbverträge Wechseltausch,
+Und Östreich brachte mir zur Morgengabe
+Die Königin Margrethe, meine Gattin.
+
+Burggraf.
+Wo ist Margrethe nun?
+
+Ottokar.
+Wenn auch getrennt,
+Bestätigt hat sie ihrer Lande Schenkung,
+Und mein ist alles, was sonst ihre war.
+
+Burggraf.
+Die Lande Österreich und Steier fallen,
+Vermög' dem Majestätsbrief Kaiser Friedrichs,
+Wohl an des letzten Lehnbesitzers Töchter,
+An seine Schwestern nicht, und Margarethe
+Ist nur des letzten Babenbergers Schwester,
+Des Herzogs Friedrich, der den Mannstamm schloß.
+Des Reiches Lehn vererben nicht,
+Durch keine Heirat mag man sie erwerben:
+Und so gib wieder, was dem Reich gehört.
+
+Ottokar.
+Ich glaube gern, daß es ihm wohlgefiele,
+Dem neuen Herrn, wenn ich die reichen Lande
+Ihm sendete nach Schwaben, seinen Säckel
+Zu bessern und die dürftig leere Hand;
+Allein nicht so! Ich bin nun alt genug,
+Um auf Verlust mich zu verstehn und auf Gewinn.
+Geht nur zurück und sagt dem deutschen Reich--
+Denn einen deutschen Kaiser kenn ich nicht--
+Manch Geier soll noch Aases werden satt,
+Bis sie gewinnen, was des Böhmen ist!
+Er ladet mich zu sich? nun wohl, ich komme!
+Doch will ich Gäste führen mit zum Tanz,
+Daß von der Füße Stampfen weit umhin
+Die Erde soll erzittern bis zum Rhein.
+Gehabt Euch wohl und sagt das Euerm Herrn!
+
+Zawisch.
+Wir aber wollen zu den Waffen greifen.
+Mit Gut und Blut für unsern großen König!
+(Er geht, mehrere wollen folgen.)
+
+Ottokar.
+Halt da! Warum nicht gar! Für wen? und gegen wen?
+Im Lande soll man handeln und verkehren,
+Als wär' der tiefste Fried'. Wenn's an der Zeit,
+Will ich schon des Besuches Gäste wählen.
+
+Und nun mit mir! Der neue Bettelkönig,
+Nicht einem Reh soll er das Leben retten!
+Auf Ribnik ist für morgen große Jagd;
+Ihr alle seid geladen! Lust und Freude!
+Bringt Lichter, es wird dunkel. Fackeln her
+Und so mit mir! Auf Weidwerk! In den Wald!
+(Ab, die übrigen folgen ihm tumultuarisch nach.)
+
+(Es wird dunkler. Kurze Pause, dann hört man in der Ferne auf einer
+Zither spielen.)
+
+Kammerfräulein (tritt aus der Türe der Königin).
+So, sie sind fort! Wer spielt da auf der Zither?
+
+Kunigunde (kommt).
+Was ist? Wer spielt?
+
+Kammerfräulein (an der Balustrade).
+Ich weiß nicht, gnäd'ge Frau.
+Horch! Worte? »Hand wie Schnee, und doch so heiß«
+Es ist Herr Zawisch Rosenberg. Er singt.
+Soll ich ihn gehen heißen?
+
+Königin (hat sich gesetzt).
+Laß ihn nur,
+Es hört sich gut zu in der Abendkühle.
+(Sie stützt ihr Haupt gedankenvoll in die Hand.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+Gemach in Merenbergs Schlosse.
+
+
+Der alte Merenberg (steht am offenen Fenster, die Mütze zwischen den
+gefalteten Händen).
+Die Sonne steigt empor. Hab Dank, o Gott,
+Des Greisen Dank, für diesen neuen Tag!
+Und für den Tag, den du geschenkt dem Lande,
+Da du hervorriefst aus des Dunkels Schoß
+Mildglänzend Habsburgs leuchtendes Gestirn,
+Das wieder grün macht die zerstampften Auen
+Und wieder lau die frostdurchschnittne Luft.
+O gib, daß wir, der Deutschen Äußerste,
+Teilnehmen an dem Heil, das dort entstand;
+Daß alle, die wir Österreicher sind,
+Entnommen aus des Fremden harter Zucht,
+Wie Brüder kehren in der Eltern Haus,
+Von eines Vaters Auge fromm bewacht.
+Amen, so soll's geschehn!--Wer klopft?
+
+Frau (von außen).
+Ich, Alter!
+
+Merenberg.
+Ei, nur herein!
+
+Frau (tritt ein mit einer Schüssel und Wein).
+Ich bringe dir das Frühstück.
+
+Merenberg.
+Setz immer hin! Wer spricht im Schloßhof unten?
+
+Frau.
+Zwei Reiter, die nach dir verlangten.
+
+Merenberg.
+Nun?
+Warum bringt man sie nicht?
+
+Frau.
+Ich dachte--
+
+Merenberg.
+Was denn?
+Bin ich in Fehde denn mit meinen Nachbarn?
+Liebt man den Merenberg nicht rings im Land,
+Daß vor zwei Reitern ich mich scheuen sollte?
+Wer weiß, was Wicht'ges sie zu melden kommen?
+Vielleicht von meinem Sohn! Führ sie herauf!
+(Frau ab.)
+Das hieße sich noch gar verdächtig machen,
+Verschlöss' ich mich vor Botschaft und Besuch.
+Ob freilich zwar der böse Zeitenlauf
+Zur Vorsicht rät und leicht wohl gar zu Mißtraun;
+Doch sind mir zwanzig Knechte ja im Schloß!
+
+(Herbott von Füllenstein und Ortolf von Windischgrätz treten, von Merenbergs
+Frau geführt, ein. Beide ganz gerüstet und mit geschlossenem Visier.)
+
+Merenberg.
+Ei, Gott zum Gruß, ihr Herrn! Frau, bring noch Wein!
+(Frau ab.)
+Was führt euch her zu mir? Zwar, eh' ihr sprecht,
+Setzt euch an Tisch und nehmt mit mir vorlieb;
+So ist es Sitt' in unserm Steierland.
+(Sie setzen sich.)
+Beliebt's euch nicht, den Helm vom Haupt zu nehmen?
+(Beide schütteln verneinend die Häupter.)
+Verbietet's ein Gelübd'?--Doch wie ihr wollt!
+Ihr zieht dem Heer des Königes wohl zu?--
+Des Königs Ottokar?--Er lagert an der Donau
+Seitwärts Korneuburg, weit bis Tulln hinab
+Am linken Ufer, war , mir angesagt.
+Und Kaiser Rudolf--nu, den Habsburg mein ich--
+Am rechten Ufer hält er Wien belagert.
+Den Fluß zu übersetzen scheuen beide.
+Allein ihr sprecht nicht, und ihr eßt auch nicht!
+
+Beide (aufstehend).
+Wir essen mit Verrätern nicht!
+
+Merenberg (springt auf).
+Daß Gott!
+
+Füllenstein (der das Schwert zieht und sich vor die Türe stellt, das
+Visier öffnend).
+Erkennst du mich?
+
+Merenberg.
+Herbott von Füllenstein,
+(Der andre hat auch das Visier aufgeschlagen.)
+Ortolf von Windischgrätz!--Was tut ihr, Herren?
+(Ortolf von Windischgrätz ist ans Fenster getreten und stößt ins Horn.)
+
+Füllenstein.
+Im Namen unsers Königs Ottokar
+Nehm ich dich in Verhaft als Hochverräter.
+
+Merenberg.
+Warum?
+
+Füllenstein.
+Hast du nicht deinen Sohn gesandt
+Mit Klagen an die Fürsten und das Reich?
+
+Merenberg.
+Der Unvorsichtige!--Mit Klagen nicht,
+Mit Bitten nur für Königin Margrethe
+Und ihres angestammten Rechtes Schutz.
+
+Füllenstein.
+Dient nicht dein Sohn jetzt in des Kaisers Heer?
+
+Merenberg.
+Ich bin verloren!
+
+Füllenstein.
+Ja, das bist du! Folge!
+
+Merenberg.
+Wohin?
+
+Füllenstein.
+Dahin, wo man dich pressen wird,
+Bis deiner Ränke letzter dir entgeht.
+
+Von außen.
+Macht auf! macht auf!
+
+Füllenstein.
+Ortolf, bewach die Tür!
+
+Außen.
+Um Gottes willen, öffnet!
+
+Ortolf.
+'s ist dein Knecht,
+Der Duxer, Füllenstein!
+
+Füllenstein.
+Was will denn der?
+
+(Windischgrätz öffnet die Türe, Knecht tritt ein.)
+
+Knecht.
+Herr, Kaiserliche streifen in der Nähe!
+
+Füllenstein.
+Verdammt!
+
+Knecht.
+Sie haben, heißt es, Gräz genommen,
+Des Königs Hauptmann; Milota, gefangen,
+Und wenden alles Land dem Kaiser zu.
+
+Füllenstein.
+Wie mag das sein?
+
+Knecht.
+Ja, Meinhard Graf von Götz
+Soll beigetreten sein der Deutschen Sache,
+Und der haust also übel hier im Land.
+
+Merenberg.
+Nun, Gott sei Dank!
+
+Füllenstein.
+Euch soll's nicht helfen, Herr!
+Nur fort mit ihm! Ihr wendet eure Schwerter
+Auf seine Brust, und wagen's die im Schloßhof
+Sich nur zu regen, stoßt ihr stracks ihn nieder!
+Die Pfade kenn ich hier herum, ich leit euch!
+
+Merenberg (der abgeführt wird).
+Mein Sohn ist frei, die Königin geborgen;
+Was liegt an mir? Da wird der Himmel sorgen!
+(Alle ab.)
+
+
+
+--------------------------------------------------------------------
+
+Böhmisches Lager am linken Donauufer. Zelt des Königs. Ein Tisch mit
+einem Aufriß der Gegend im Vorgrunde.
+Ottokar tritt auf, der Kanzler und mehrere hinter ihm.
+
+Ottokar (im Auftreten zu seinen Begleitern).
+Ist er geflohn, so laßt den Schurken hängen!
+Man hängt ja täglich Diebe. Gottes Donner!
+Ein Feiger dünkt mich schlechter als ein Dieb!
+(Er kommt in den Vorgrund, der Kanzler folgt ihm.)
+Verfolgt Ihr mich denn übrall hin, Herr Kanzler?
+
+Kanzler.
+Ja, überall, mein König und mein Herr,
+Bis Ihr mich anhört und mir Antwort gönnt.
+Herr, es steht schlimm!
+
+Ottokar (auf und nieder gehend).
+Es steht sehr gut!
+
+Kanzler.
+O Gott!
+Die Krankheit herrscht, der Mangel herrscht im Lager.
+
+Ottokar.
+Die Krankheit: Furcht, und Mangel wohl an Mut,
+Doch nur bei wenigen, so will ich hoffen,
+Und von den wenigen hängt einer drauß'!
+Hat man jetzt Zeit, um krank zu sein? Und Hunger?
+Ich hungre nur nach einem: nach dem Sieg!
+
+Kanzler.
+Aus Böhmen seit fünf Tagen keine Nachricht,
+Und man besorgt--
+
+Ottokar.
+Wahrscheinlich bin ich dort
+So schlecht bedient als hier!
+
+Kanzler.
+Hier seid Ihr gut,
+(auf seine Brust schlagend)
+Hier mindstens seid Ihr gut bedient, mein König!
+
+Ottokar.
+Mag sein! mag sein!
+
+Kanzler.
+Von Östreich die, von Steier,
+Allnächtlich fliehn sie haufenweis zum Feind.
+
+Ottokar (stehenbleibend).
+Ich will sie treffen!--All dies weite Land,
+Zur menschenleeren Wüste will ich's machen,
+Daß drin die Füchse hausen und die Wölfe,
+Und nach Jahrhunderten der müß'ge Wandrer
+Sich streiten soll, wo Neuburg stand und Wien.
+
+Kanzler.
+Am linken Ufer schon, auf unsrer Seite,
+Will Feinde man sogar gesehen haben.
+
+Ottokar.
+Beinahe glaub ich, daß es mancher wollte;
+Doch ist's nicht wahr!
+
+Kanzler.
+Allein die Wachen sahn's.
+
+Ottokar.
+Schickt einen Mutigen, der sieht wohl nichts!
+
+Kanzler.
+Bei Wolkersdorf--
+
+Ottokar.
+Ich sag Euch: Nein! Ich weiß!
+Die Mährer sind's, wenn sich dort Haufen zeigen!
+(Er steht am Tisch bei der Karte.)
+So war's im Plan! Die Mährer dort von oben,
+Im Rücken Milota aus Steiermark,
+Und wir, wie Schleien durch die Donau und
+Wie Löwen jenseits raus; und dann: (Mit der Hand auf den Tisch
+schlagend.) Schlag tot!
+Ich habe sie!
+(Er geht wieder auf und nieder.)
+
+Kanzler.
+Du allgerechter Gott!
+Ich sinne nach, wie wir uns retten möchten,
+Und Ihr sprecht nur von Sieg!--Aus Steiermark
+Hört ab und zu man wunderbare Dinge.
+
+Ottokar.
+Ei, wundert Euch soviel Ihr wollt, Herr Kanzler!
+Dort ist der Milota; ein tücht'ger Mann!
+Kein Kopf, doch eine Faust von Stein und Stahl.
+Der schlägt Euch zwanzigmal auf einen Fleck
+Und frägt nicht, wie's getan.
+
+Kanzler.
+Nun denn, so sei's!
+Ich habe mich verwahrt! Als ich Euch sagte:
+Herr, traut dem Baier nicht! Ihr trautet doch:
+Und nun ließ er den Kaiser durch sein Land.
+
+Ottokar.
+Furcht hat 'ne feine Nase für die Furcht;
+Den Baier habt Ihr trefflich ausgewittert!
+
+Kanzler.
+Der Grafenbund in Schwaben ist zerstreut.
+
+Ottokar.
+Der hielt wohl niemals allzufest beisammen!
+
+Kanzler.
+Mit einem Wort. Der Kaiser Rudolf, Herr--
+
+Ottokar.
+Was Kaiser!
+
+Kanzler.
+Nu, der Habsburg also denn!
+Er ist der Mann nicht, den wir sonst ihn glaubten.
+
+Ottokar.
+Mir sollte leid tun, wenn er schlimmer wäre!
+Ein Krieger und ein Mann vielleicht; kein König.
+
+Kanzler.
+So dachte mancher, der ihn wählen half;
+Doch hat sich's anders, unverhofft bewährt.
+In Aachen schon, als man die Lehen gab
+Und sich kein Szepter fand--man wollt' ihn stören!--
+Da trat er hin und nahm vom Hochaltar
+Ein Kruzifix--
+
+Ottokar.
+Und gab die Lehn damit?
+Wer geben will, der findet leicht ein Werkzeug;
+Zum Nehmen rüst' er kräftiger sich aus!
+
+Kanzler.
+Die Ruh' ist hergestellt im weiten Deutschland,
+Die Räuber sind bestraft, die Fehden ruhn.
+Durch kluge Heirat und durch kräft'ges Wort
+Die Fürsten einig und ihm eng verbunden;
+Der Papst für ihn. Im Land nur eine Stimme,
+Ihn preisend, benedeiend als den Retter.
+Als auf der Donau nur allsamt dem Heer
+Nach Wien er niederfuhr mit lautem Schall,
+Da tönte Glockenklang von beiden Ufern,
+Von beiden Ufern tönte Jubelruf
+Der Menge, die dort kam und staunt' und kniete,
+Wie sie den Kaiser sahn im grauen Röcklein
+Am Vorderteil des Schiffes stehn allein
+Und freundlich grüßend mit des Hauptes Neigen.
+Herr, nennt ihn Kaiser, denn fürwahr er ist's!
+
+Ottokar.
+Sprichst du so warm für ihn?
+
+Kanzler.
+Für Euch wohl wärmer.
+Hab ich ihm denn geschworen, so wie Euch?
+Doch, daß zwei Herrn, so hoch, so würdevoll,
+Sich gegenüberstehn, da's nur ein Wort,
+Ein Wort nur brauchte, um sie auszusöhnen--
+Ja, Herr, es ist gesagt! Es sei gesagt!
+Und mögt Ihr zürnen, melden muß ich's Euch:
+Der Kaiser hat gesendet einen Herold
+Und lädt Euch ein zu gütlichem Gespräch.
+
+Ottokar.
+Schweig still!
+
+Kanzler.
+Die Insel Kaumberg ward ersehn;
+Von beiden Teilen werde sie besetzt.
+Nicht Ihr zu ihm, nicht er zu Euch,
+Auf gleichgeteilten Boden sollt Ihr kommen
+Und dort verhandeln, was uns allen nützt.
+
+Ottokar.
+Bei meinem Zorn--!
+
+Kanzler.
+Herr, selbst bei Eurem Zorn!
+Nicht schweig ich da, wo reden meine Pflicht!
+
+(Zawisch von Rosenberg kommt.)
+
+Ottokar.
+Du kommst zurecht; beschwicht'ge diesen Raben!
+
+Zawisch.
+Was will er denn?
+
+Ottokar.
+Er spricht mir von Vergleich.
+
+Zawisch.
+Wie? Von Vergleich? der kindisch schwache Greis!
+Nur eben hat sich eine Schar Kumanen
+Durch eine Furt dem Lager angenaht;
+Allein ich ging hinaus mit meinen Böhmen,
+Und, wie sie flohn, den Rückweg fand wohl keiner!
+
+Ottokar (zum Kanzler).
+Seht Ihr?
+
+Kanzler.
+Ein einzler Fall entscheidet nicht!
+
+Zawisch.
+Doch viele Fälle fällen doch zuletzt!
+Die Axt ist an der Wurzel, losgeschlagen!
+(Zum Kanzler.)
+Habt Ihr ein Heer wie unsers je gesehn?
+Voll Kraft und Mut und Zuversicht und Stolz
+Auf sich und auf den Führer, der es leitet.
+
+Kanzler.
+Ihr wißt wohl, Zawisch, daß es anders ist.
+
+Zawisch (fortfahrend).
+Und Ihr könnt von Vergleich und Frieden sprechen?
+Sind ihrer viel; wir sind wohl gleicher Zahl!
+Sind tapfer sie; wer nimmt es auf mit uns?
+Führt sie ein Kaiser; hier steht Deutschlands Kaiser!
+Noch diese Schlacht, und, Kanzler, glaubt, er ist's.
+
+Kanzler.
+O Rosenberg, Ihr spielt ein falsches Spiel!
+Ich glaub, Ihr seid nicht wahrhaft, Rosenberg!
+Ein altes Unrecht, Eurem Haus getan
+Von unserm sonst gerechten, gnäd'gen Herrn,
+Ich fürcht, es wurzelt tief in Eurem Herzen
+Und läßt Euch also sprechen, wie Ihr sprecht.
+Glaubt mir, mein gnäd'ger Herr, ich mein es redlich.
+
+Zawisch.
+Die Feinde sind im Nachteil, das ist klar!
+
+Ottokar.
+Das ist nicht klar. Die Waage steht für sie.
+Der einz'ge Vorteil--doch der soll entscheiden!--
+Ist, daß Euch Ottokar, und jene Habsburg führt.
+(Er tritt an den Tisch und, mit der rechten Hand daraufgestemmt,
+betrachtet er die vor sich liegende Karte.)
+
+Zawisch.
+Der Sieg ist unser, glaubt mir das, Herr Kanzler!
+
+Kanzler.
+Und wenn auch! was ist noch damit gewonnen?
+Ihr schlagt den Kaiser heut, und übers Jahr
+Kommt er herab mit einem neuen Heer.
+Die Lande sind nun einmal mißvergnügt,
+Bereit zu Aufstand und zu Meuterei,
+Sie rufen Euch die Deutschen, eh' Ihr's denkt.
+Und stirbt auch Rudolf, fällt er in der Schlacht;
+Ein andrer Kaiser fodert Euch dasselbe,
+Und ewig währt der Unfried' mit dem Reich.
+
+Zawisch.
+Was mehr?
+
+Zawisch.
+Was mehr?
+
+Kanzler.
+Was mehr?--Und rechnet Ihr für nichts
+Das Unheil und die Greuel in dem Land?
+Die Saat zerstampft, die Wohnungen verbrannt,
+Die Menschen hingeschlachtet wie--daß Gott!
+Schämt Euch, Herr Rosenberg, daß Ihr so sprecht!
+Hat darum unser König Gold und Gut
+Daran gesetzt, sein Böhmen aufzubringen?
+Es geht der Pflug, der Weber sitzt am Werk,
+Der Spinner dreht, der Berg gibt seinen Schatz;
+Und soll er nun mit eigner Fürstenhand
+Das all zerstören, was er selbst gebaut?
+Ei geht, Ihr wißt nicht, was Ihr sprecht, Herr Zawisch!
+Der König kennt das besser, als Ihr glaubt!
+
+Ottokar (vor sich hin).
+Im Grunde waren sie's, die mir den Antrag taten!
+
+Kanzler.
+Wohl waren sie's!
+
+Ottokar (wieder auf und nieder gehend).
+Ist Schmach dabei, trifft sie's!
+
+Kanzler (mit dankend gefalteten Händen).
+Er überlegt!
+
+Ottokar.
+Die Schwäche macht versöhnlich!
+Herr Kanzler, um das Kaisertum der Welt
+Hätt' ich ihm nicht das erste Wort gegönnt!
+
+Kanzler.
+Die Ehre bleibt; verdoppelt wird der Ruhm.
+
+Ottokar.
+Dem Feind verzeihen; gut! Doch nach der Strafe!
+Die Schwäche macht versöhnlich!
+
+Kanzler.
+Gnäd'ger Herr--!
+
+Ottokar.
+Und wahrlich, Zawisch, sehen möcht' ich ihn!
+Wie er sich nimmt, dem Ottokar genüber,
+Der arme Habsburg in dem Kaiserkleid?
+Was er entgegnet, wenn im selben Ton,
+Mit dem ich ihm bei Kroissenbrunn befahl:
+»Herr Graf, greift an« ich Östreich nun und Steier
+Und all die Lehen von dem Reich begehre?
+Das hieße siegen, ohne Heer, allein!
+
+Zawisch.
+Dagegen aber, wenn er schlau und listig--
+
+Ottokar.
+Topp, Kanzler, Euren Vorschlag nehm ich an!
+
+Kanzler.
+O tausend Dank!
+
+Ottokar.
+Ei, dankt nicht allzufrüh!
+Nicht ganz in Eurem Sinn ist's, daß ich gehe!
+Wenn er so dasteht und nach Worten sucht
+Und ich ihm sage: Euren Kaisermantel
+Begehr ich nicht, Ihr mögt ihn ruhig tragen!
+Doch an mein Land sollt Ihr mir, Herr, nicht rühren;
+Und so gehabt Euch wohl und zieht in Frieden!
+Aufs höchste gibt man ihm ein Fleckchen Grund,
+Daß er daheim sich brüsten mag und sagen:
+Das haben wir erobert für das Reich!
+Die Freude gönn ich ihm. Glück auf, Herr Kanzler,
+Wir ziehen aus auf Frieden und Vergleich;
+Da seid Ihr Führer, wir gehorchen Euch!
+Und was sich regt im Lager, groß und klein--
+(gegen den Eingang gewendet, einige treten herein)
+Das sei bereit und rüste sich in Pracht.
+Von Gold und Silber laßt die Rüstung starren;
+Und weh dem Edelknecht, des Wams und Mantel
+Nicht hundertmal den deutschen Kaiser aussticht.
+(Ab, die andern folgen ihm.)
+
+
+
+-----------------------------------------------------------------------
+
+Insel Kaumberg in der Donau. Lager der Kaiserlichen. Im Hintergrunde,
+auf einigen Stufen erhöht, ein kostbares Zelt, mit dem Reichsadler
+geschmückt.
+
+Ein Hauptmann tritt auf; hinter ihm mehrere Wappner, die mit gekreuzten
+Hallbarten das nachdringende Volk abzuhalten bemüht sind.
+
+Hauptmann.
+Laßt sie nur ein, der Kaiser hat's befohlen!
+
+(Volk strömt herein.)
+
+Erster Bürger (der sich mit seinem Nachbar durch die Menge in den
+Vorgrund gearbeitet hat).
+Hier ist ein guter Platz, hier laßt uns bleiben!
+
+Zweiter Bürger.
+Wenn er nur vorkommt, daß wir ihn auch sehn.
+
+Frau (zu ihrem Kinde).
+Halt dich zu mir und nimm da deine Blumen!
+
+Schweizersoldat.
+Wo ist der Rudi? Herr, ich bin sein Landsmann
+Und hab was anzubringen bei dem Kaiser!
+
+Hauptmann.
+Geduldet euch! Doch seht, man öffnet schon.
+
+(Das Zelt öffnet sich. Kaiser Rudolf sitzt im ledernen Unterkleide an
+einem Feldtische. Er hat einen Helm vor sich, an dem er mit einem Hammer
+die Beulen ausklopft. Vollendend und zufrieden seine Arbeit beschauend.)
+
+Rudolf.
+Nun hält das lange wieder, ab und zu.
+(Er sieht sich um.)
+Schon Leute da?--He, Georg, hilf einmal!
+(Ein Diener hilft ihm, er zieht den Rock an.)
+
+Erster Bürger (im Vorgrunde).
+Gevatter Grobschmied, saht Ihr wohl? Der Kaiser,
+Den Hammer in der Hand! Vivat Rudolphus!
+
+Zweiter Bürger.
+Sei still, sei still! Er tritt schon auf uns zu!
+(Der Kaiser kommt die Stufen herab.)
+
+Seyfried von Merenberg (tut einen Fußfall).
+Erlauchter Herr!
+
+Rudolf.
+Ei, Merenberg? Nicht wahr?
+Seid ruhig, Euer Vater wird befreit,
+Des geb ich Euch mein Wort. Im weiten Reich
+Hat Gottes Hilfe hergestellt die Ruh',
+So wird's auch hier in Eurem Osterland.
+Der Fürst von Böhmen kommt heut zum Gespräch;
+Vor allem will ich Eurer da gedenken!
+(Merenberg tritt zurück.)
+(Ein Kind mit einem Blumenstrauß läuft auf den Kaiser zu.)
+
+Rudolf.
+Wem ist das Kind? Wie heißt du?
+
+Eine Frau.
+Katharina,
+Kathrina Fröhlich, Bürgerskind aus Wien.
+
+Rudolf.
+Fall nicht, Kathrina! Ei, was ist sie hübsch!
+Wie fromm sie aus den braunen Augen blickt,
+Und schelmisch doch. Zierst du dich auch schon, Kröte?
+Was wollt Ihr, gute Frau?
+
+Frau.
+Ach Gott, Eu'r Hoheit!
+Die Böhmen haben unser Haus verbrannt,
+Mein Mann liegt krank vor Kummer und Verdruß.
+
+Rudolf (zu einem seiner Begleiter).
+Schreibt Euch den Namen auf und sehet zu!
+(Zur Frau.)
+Worin zu helfen ist, da wird man helfen!
+
+Schweizersoldat (tritt vor, hinter ihm noch drei oder vier andere).
+Mit Gunst und Urlaub, gnädiger Herr Landsmann!
+
+Rudolf.
+Ei, Walter Stüssi aus Luzern? Was willst du?
+(Zum Kinde.)
+Geh nur zu deiner Mutter, Katharina,
+Dem Vater wird geholfen, sag ihr das!
+(Das Kind läuft zur Mutter.)
+
+Schweizer.
+Ich und die andern da vom Lande Schweiz,
+Wir kommen her, ob Ihr die Gutheit hättet
+Und gäbt uns etwas Geld!
+
+Rudolf.
+Ja Geld, mein Freund,
+Geld ist ein gutes Ding, wenn man nur hat.
+
+Schweizer.
+So habt Ihr keins? Ja so!--Und führt doch Krieg?
+
+Rudolf.
+Sieh Freund, du weißt wohl noch von Hause her,
+Gar manchmal hat ein Landwirt auf gespeichert
+An Frucht und Futter für den Winter gnug,
+Bis voll zur Frühlingszeit. Allein der Frühling
+Anstatt im Märzen kommt er erst im Mai,
+Und Schnee liegt dort, wo sonst wohl Saaten standen;
+Wenn da der Vorrat aufgeht, schmähst du ihn
+Als einen schlechten Wirt?
+
+Schweizer.
+Behüte Gott!
+Das hat wohl mancher schon an sich erfahren!--
+Und Ihr?--Ja so! (Zu seinen Landsleuten.) Seht nur, er ist der Landwirt,
+Und dau'rt der Winter--heißt: der Krieg--so lang,
+Und ist die Brotfrucht aufgezehrt:--das Geld.
+Nu Herr, wir warten schon noch etwas zu:
+Indessen holt man aus des Landmanns Kasten.
+
+Rudolf.
+Wenn ihr nicht bleiben wollt, so geht.
+Doch wer sich nicht begnügt mit Lagerzehrung,
+Und mir die Hand legt an des Landmanns Gut,
+Der hängt, und wär's der Beste!
+
+Schweizer.
+Nu, 'ne Frage
+Ist wohl erlaubt. Es ist nur, daß man's, weiß.
+Wir wollen zusehn noch ein Tage vier,
+Vielleicht wird's besser bis dahin.
+
+Rudolf.
+Das tut!
+Und grüßt mir Rat und Bürger von Luzern.
+(Der Kaiser wendet sich zu gehen.)
+
+Ottokar von Hornek (im Vorgrunde tritt aus der Menge).
+Erlauchter Herr und Kaiser, hört auch mich!
+
+Rudolf.
+Wer seid Ihr?
+
+Hornek.
+Ottokar von Hornek, Dienstmann
+Des edlen Ritters Ott von Lichtenstein,
+Den König Ottokar, samt andern Landherrn,
+Ohn Recht und Urteil hält in enger Haft.
+O nehmt Euch sein, nehmt Euch des Landes an!
+Er ist ein guter Herr, es ist ein gutes Land,
+Wohl wert, daß sich ein Fürst sein unterwinde!
+Wo habt Ihr dessengleichen schon gesehn?
+Schaut rings umher, wohin der Blick sich wendet,
+Lacht's wie dem Bräutigam die Braut entgegen!
+Mit hellem Wiesengrün und Saatengold,
+Von Lein und Safran gelb und blau gestickt,
+Von Blumen süß durchwürzt und edlem Kraut,
+Schweift es in breitgestreckten Tälern hin--
+Ein voller Blumenstrauß soweit es reicht,
+Vom Silberband der Donau rings umwunden!--
+Hebt sich's empor zu Hügeln voller Wein,
+Wo auf und auf die goldne Traube hängt
+Und schwellend reift in Gottes Sonnenglanze;
+Der dunkle Wald voll Jagdlust krönt das Ganze.
+Und Gottes lauer Hauch schwebt drüber hin
+Und wärmt und reift und macht die Pulse schlagen,
+Wie nie ein Puls auf kalten Steppen schlägt.
+Drum ist der Österreicher froh und frank,
+Trägt seinen Fehl, trägt offen seine Freuden,
+Beneidet nicht, läßt lieber sich beneiden!
+Und was er tut, ist frohen Muts getan.
+'s ist möglich, daß in Sachsen und beim Rhein
+Es Leute gibt, die mehr in Büchern lasen;
+Allein, was not tut und was Gott gefällt,
+Der klare Blick, der offne, richt'ge Sinn,
+Da tritt der Österreicher hin vor jeden,
+Denkt sich sein Teil und läßt die andern reden!
+
+O gutes Land! o Vaterland! Inmitten
+Dem Kind Italien und dem Manne Deutschland,
+Liegst du, der wangenrote Jüngling, da:
+Erhalte Gott dir deinen Jugendsinn
+Und mache gut, was andere verdarben!
+
+Rudolf.
+Ein wackrer Mann!
+
+Erster Bürger.
+Ja Herr, und ein Gelehrter!
+Er schreibt 'ne Reimchronik, und Ihr, Herr Kaiser,
+Kommt auch drin vor!
+
+Rudolf.
+Im Guten, will ich hoffen!
+Dein Herr, vertrau! er soll die Freiheit haben.
+Und du--Zum Angedenken dieser Stunde, nimm
+Die Kette da und schmücke dich damit!
+Dem Wissen sei sein Lohn und dem Vollbringen!
+(Er nimmt eine Kette vom Hals und hängt sie Horneken um, der niedergekniet
+ist. Zu einem der Nebenstehenden.)
+
+Euch, Ritter, scheint die Gunst wohl allzuhoch?
+Wenn diesen Mann ich mit dem Schwert berühre,
+So steht er auf als Ritter, wie so mancher;
+Doch manchen wüßt' ich nicht, womit berühren,
+Sollt' er ein Reimwerk schreiben, so wie der.
+Doch davon nichts in deine Chronik, Freund!
+Das hieße sonst in dir mich selber loben!
+
+Hauptmann (kommt).
+Der König naht von Böhmen, gnäd'ger Herr!
+
+Rudolf.
+Nun, großer Gott, du hast mich hergeführt;
+Vollende nun, was ich mit dir begonnen!
+
+(Man hat rechts im Vorgrunde einen Feldstuhl gesetzt. Der Kaiser setzt
+sich, sein Gefolge steht um ihn.)
+
+(König Ottokar kommt in glänzender Rüstung, darüber einen bis auf die
+Fersen gebenden reichgestickten Mantel; statt des Helmes die Krone auf
+dem Haupt. Hinter ihm der Kanzler und Gefolge.)
+
+Ottokar (vom Hintergrunde her auftretend).
+Ich suche nun schon lange rechts und links;
+Wo habt ihr euren Kaiser, edle Herrn?
+Ihr da, Herr Merenberg? Trifft man Euch hier?
+Ich denk Euch schon noch anderswo zu treffen!
+Nun, wo ist Rudolf? Ah! (Er erblickt ihn und geht auf ihn zu.) Gott grüß
+Euch, Habsburg!
+
+Rudolf (der aufsteht, zu denen, die um ihn stehen).
+Warum steht ihr entblößten Hauptes da?
+Kommt Ottokar zu Habsburg, Mensch zum Menschen,
+So mag auch Hinz und Kunz sein Haupt bedecken,
+Ist er doch ihresgleichen: Mensch.--Bedeckt euch!
+Doch kommt der Lehensmann zum Lehensherrn,
+Der Böhmen pflicht'ger Fürst zu Deutschlands Kaiser,
+(Unter sie tretend.)
+Dann weh dem, der die Ehrfurcht mir verletzt!
+(Mit starken Schritten auf ihn losgehend.)
+Wie geht's Euch, Ottokar? was führt Euch her?
+
+Ottokar (der betroffen einen Schritt zurückgetreten ist).
+Zur--Unterredung hat man mich geladen!
+
+Rudolf.
+Ja so, Ihr kommt zu reden in Geschäften?
+Ich dacht', es wär' ein freundlicher Besuch!
+Zur Sache denn! Wie kömmt's, mein Fürst von Böhmen,
+Daß Ihr erst jetzt auf meinen Ruf erscheint?
+Ich ließ Euch laden schon zu dreien Malen,
+Nach Nürnberg, dann nach Würzburg und nach Augsburg,
+Daß Ihr die Lehen nähmt von Eurem Land;
+Allein Ihr kamt nicht. Nur das letztemal
+Erschien statt Euch der würd'ge Herr von Seckau,
+Doch der nicht allzu würdig sich benahm.
+
+Ottokar.
+Die Lehn von Böhmen gab mir König Richard.
+
+Rudolf.
+Ja, der von Kornwall. Ei, es gab 'ne Zeit,
+Wo man in Deutschland für sein bares Geld
+Noch mehr erhalten konnt' als Lehn und Land!
+Doch damit ist's vorbei! Ich hab's geschworen,
+Geschworen meinem großen, gnäd'gen Gott,
+Daß Recht soll herrschen und Gerechtigkeit
+Im deutschen Land; und so soll's sein und bleiben!
+Ihr habt Euch schlecht benommen, Herr von Böhmen,
+Als Reichsfürst gegen Kaiser und das Reich!
+Dem Erzbischof von Salzburg seid Ihr feindlich
+Mit Raub und Mord gefallen in sein Land,
+Und Eure Völker haben drin gehaust,
+Daß Heiden sich der Greuel scheuen würden.
+
+Ottokar.
+Die Fehde ward ihm ehrlich angesagt.
+
+Rudolf.
+Hier aber gilt's nicht Fehde; Ruhe, Herr!
+Die Lande Österreich und Steiermark,
+Mit Kärnten und mit Krain, der Wind'schen Mark,
+Als ungerecht dem Reiche vorenthalten,
+Gebt wieder Ihr zurück in meine Hand!
+Ist hier nicht Feder und Papier? wir wollen
+Die Handfest gleich in Ordnung bringen lassen!
+
+Ottokar.
+Ha, beim allmächt'gen Gott! wer bin ich denn?
+Ist das nicht Ottokar? nicht das sein Schwert?
+Daß man in solchem Ton zu sprechen wagt!
+
+Wie aber dann, Herr, wenn, statt aller Antwort,
+Der Donau breiten Pfad zurück ich messe
+Und weiter frag an meines Heeres Spitze?
+
+Rudolf.
+Noch vor zwölf Monden kamt Ihr mir zurecht,
+Wenn Ihr der Waffen blut'gen Ausspruch wähltet!
+Ihr seid ein kriegserfahrner Fürst, wer zweifelt?
+Und Euer Heer, es ist gewohnt zu siegen;
+Von Gold und Silber starret Euer Schatz:
+Mir fehlt's an manchem, fehlt's an vielem wohl!
+Und doch, Herr, seht! bin ich so festen Muts,
+Wenn diese mich verließen alle hier,
+Der letzte Knecht aus meinem Lager wiche;
+Die Krone auf dem Haupt, den Szepter in der Hand
+Ging ich allein in Euer trotzend Lager
+Und rief Euch zu: Herr, gebet, was des Reichs!
+Ich bin nicht der, den Ihr voreinst gekannt!
+Nicht Habsburg bin ich, selber Rudolf nicht;
+In diesen Adern rollet Deutschlands Blut.
+Und Deutschlands Pulsschlag klopft in diesem Herzen.
+Was sterblich war, ich hab es ausgezogen
+Und bin der Kaiser nur, der niemals stirbt.
+Als mich die Stimme der Erhöhung traf,
+Als mir, dem nie von solchem Glück geträumt,
+Der Herr der Welten auf mein niedrig Haupt
+Mit eins gesetzt die Krone seines Reichs,
+Als mir das Salböl von der Stirne troff,
+Da ward ich tief des Wunders mir bewußt
+Und hab gelernt, auf Wunder zu vertraun!
+Kein Fürst des Reichs, der mächt'ger nicht als ich;
+Und jetzt gehorchen mir des Reiches Fürsten!
+Die Friedensstörer wichen meiner Stimme;
+Ich konnt' es nicht, doch Gott erschreckte sie!
+Fünf Schilling leichtes Geld in meinem Säckel,
+Setzt' ich in Ulm zur Heerfahrt mich ins Schiff;
+Der Baierherzog trotzte, er erlag;
+Mit wenig Kriegern kam ich her ins Land,
+Das Land, es sandte selbst mir seine Krieger!
+Aus Euren Reihen traten sie zu mir,
+Und Österreich bezwingt mir Österreich.
+Geschworen hab ich: Ruh' und Recht zu schirmen:
+Beim allessehenden, dreiein'gen Gott!
+Nicht so viel, sieh! Nicht eines Haares Breite
+Sollst du von dem behalten, was nicht dein!
+Und so tret ich im Angesicht des Himmels
+Vor dich hin, rufend: gib, was du vom Reich!
+
+Ottokar.
+Die Lande hier sind mein!
+
+Rudolf.
+Sie waren's nie!
+
+Ottokar.
+Mein Weib Margrethe brachte sie mir zu!
+
+Rudolf.
+Wo ist Margrethe nun?
+
+Ottokar.
+Wo immer, gleichviel!
+Sie gab mir dies ihr Land!
+
+Rudolf.
+Soll ich sie selber
+Als Richtrin stellen zwischen uns?--Sie ist im Lager!
+
+Ottokar.
+Im Lager, hier?
+
+Rudolf (mit geändertem Tone).
+Die Ihr so schwer beleidigt,
+An Rechten und an Freuden hart beraubt,
+Heut morgens kam sie, milden Sinnes bittend
+Um Schonung für den Mann, der ihrer nie geschont!
+
+Ottokar.
+Die Mühe konnte sich die Frau ersparen!
+Wo Ottokar, da braucht's der Bitten nicht!
+
+Rudolf (stark).
+Wohl braucht's der Bitten, mein Herr Fürst von Böhmen,
+Denn sprech ich nur ein Wort, seid Ihr verloren!
+
+Ottokar.
+Verloren?
+
+Rudolf.
+Ja! von Böhmen abgeschnitten.
+
+Ottokar.
+Indes Ihr Wien belagert, mach ich's frei!
+
+Rudolf.
+Herr, Wien ist über!
+
+Ottokar.
+Nein!
+
+Rudolf (hinter sich gewendet).
+Herr Paltram Vatzo!
+Wo ist er? Er begehrte mich zu sprechen;
+Der Bürgermeister samt dem Rat von Wien.
+
+(Paltram Vatzo, Bürgermeister von Wien, mit einigen Ratsgliedern kommt,
+die Schlüssel der Stadt auf einem Kissen tragend.)
+
+Paltram.
+In Unterwürfigkeit, mein Herr und Kaiser,
+Bring ich die Schlüssel Euch der Stadt von Wien,
+Euch bittend, daß Ihr mir nicht zürnt darob,
+Weil ich, dem König treu, dem ich geschworen,
+Die Stadt gehalten bis auf diesen Tag;
+Sie auch, verzeiht! vielleicht noch länger hielt,
+Wenn nicht das Volk die Übergab' erzwungen,
+Der langen Sperrung müd und der Entbehrung.
+(Er legt knieend die Schlüssel zu des Kaisers Füßen.)
+Mein Amt, ich leg es mit den Schlüsseln ab,
+Doch sollt als treuen Bürger Ihr mich finden.
+(Aufstehend.)
+Des Landes Herr ist Paltram Vatzos Herr,
+Zugleich mit meinem Land ergeb ich mich!
+(Er tritt zurück.)
+
+Ottokar.
+Verdammt! O Wiener! Leichtbeweglich Volk!
+Hast du für deinen leckern Gaum gezittert?
+Doch soll's dich reun! Die Zufuhr sperr ich dir
+Aus Klosterneuburg, meiner starken Feste!
+
+Rudolf.
+Auch Klosterneuburg ist in meiner Hand,
+Und nichts mehr dein am rechten Donauufer!
+Herr Friedrich Pettau, kommt!
+
+(Friedrich Pettauer tritt vor mit niedergeschlagenen Augen.)
+
+Ottokar.
+Ha, schändlicher Verräter!
+So gabst du meine Burg?
+
+Pettauer.
+Nicht ich, o Herr!
+Ein rascher Überfall, spät gestern abends--
+
+Ottokar.
+Genug! Ich weiß, daß ich verraten bin!
+Doch triumphiere nicht! Doch spott ich dein!
+Aus Steiermark naht mir ein stattlich Heer
+Mit Milota, dem treuerprobten Führer;
+Im Rücken faßt er deine Mietlingsschar,
+Indes, wie Donnerwolken, Ottokar
+Von vornehmer die schwachen Halme knickt,
+Und kein Entrinnen bleibt als in die Donau!
+
+Rudolf.
+O sprich nicht weiter, allzu rascher Fürst!
+
+Ottokar.
+Erkennst du nun, wie weit du noch vom Ziel?
+
+Rudolf.
+Auf Milota bau deine Hoffnung nicht!
+
+Ottokar.
+Mein Grund steht fest; an dir ist's wohl, zu zittern!
+In Waffen sehn wir uns. Leb wohl!
+
+Rudolf.
+Du gehst?
+Du gibst die Lande nicht?
+
+Ottokar (zum Abgehen gewendet).
+Ob ich sie geb!
+
+Rudolf.
+Nun wohl, so sprich denn selbst mit Milota,
+Ob du mit Grund ihm so viel magst vertraun?
+
+(Milota tritt auf in Ketten.)
+
+Rudolf.
+So brachten mir die Herren ihn von Steier,
+In Ketten, weil er grimmig sie gedrückt.
+Nehmt ihm die Fesseln ab!--Hier ist das Banner
+Von Steiermark, und hier ist Östreichs Banner,
+(Landesherrn von Östreich und Steiermark treten auf des Kaisers Seite vor,
+mit Banner und Farben ihres Landes.)
+Sie gaben selbst sich in des Reiches Schutz.
+
+Steht nicht so traurig da, mein Fürst von Böhmen!
+Schaut um Euch her! Die Wolken sind entflohn,
+Und klar seht Ihr nun alles, wie es ist.
+Wenn Österreich verloren--
+
+Ottokar.
+Ha, noch nicht!
+
+Rudolf.
+Täuscht Euch nicht selbst! Ihr fühlt's in Eurem Innern,
+Daß es verloren ist; und zwar auf immer!
+
+Ihr wart ein mächt'ger Fürst, ein großer König,
+Eh' die Gelegenheit des Mehrbesitzes
+In Euch entzündet auch den Wunsch dazu;
+Ihr werdet's bleiben, mächtig, reich und groß,
+Wenn auch verloren, was nicht halten konnte.
+Denn Gott verhüte, daß ich einen Finger
+Ausstreckte nach dem Gut, das Euch gehört.
+Auch könnt' ich's nicht! Euch bleibt ein mächtig Heer,
+Zu aller Art des Streites wohlgerüstet,
+Und zweifelhaft ist aller Schlachten Glück.
+Allein, tut's nicht! Verkennt nicht Gottes Hand,
+Die Euch gewiesen, was sein heil'ger Wille.
+
+Mich hat, wie Euch, der eitle Drang der Ehre
+Mit sich geführt in meiner ersten Zeit.
+An Fremden und Verwandten, Freund und Feind
+Übt' ich der raschen Tatkraft jungen Arm,
+Als wär' die Welt ein weiter Schauplatz nur
+Für Rudolf und sein Schwert. In Bann gefallen,
+Zog ich mit Euch in Preußens Heidenkrieg,
+Focht ich die Ungarschlacht an Eurer Seite,
+Doch murrt' ich innerlich ob jener Schranken,
+Die Reich und Kirche allzu ängstlich setzten
+Dem raschen Mut, der größern Spielraums wert.
+Da nahm mich Gott mit seiner starken Hand
+Und setzte mich auf jene Thronesstufen,
+Die aufgerichtet stehn ob einer Welt.
+Und gleich dem Waller, der den Berg erklommen
+Und nun hinabsieht in die weite Gegend
+Und auf die Mauern, die ihn sonst gedrückt;
+So fiel's wie Schuppen ab von meinen Augen
+Und all mein Ehrgeiz war mit eins geheilt.
+Die Welt ist da, damit wir alle leben,
+Und groß ist nur der ein' allein'ge Gott!
+Der Jugendtraum der Erde ist geträumt,
+Und mit den Riesen, mit den Drachen ist
+Der Helden, der Gewalt'gen Zeit dahin.
+Nicht Völker stürzen sich wie Berglawinen
+Auf Völker mehr, die Gärung scheidet sich,
+Und nach den Zeichen sollt' es fast mich dünken
+Wir stehn am Eingang einer neuen Zeit.
+Der Bauer folgt in Frieden seinem Pflug,
+Es rührt sich in der Stadt der fleiß'ge Bürger,
+Gewerb' und Innung hebt das Haupt empor,
+In Schwaben, in der Schweiz denkt man auf Bünde,
+Und raschen Schiffes strebt die muntre Hansa
+Nach Nord und Ost um Handel und Gewinn.
+Ihr habt der Euren Vorteil stets gewollt;
+Gönnt ihnen Ruh', Ihr könnt nichts Beßres geben!
+
+O Ottokar, es war 'ne schöne Zeit,
+Als wir, aus Preußen rückgekommen, saßen
+Im Söller Eures Schlosses am Hradschin,
+Von künft'gen Tagen, künft'gen Taten sprachen!
+Bei uns saß damals Königin Margrethe--
+Wollt Ihr sie sehn? Margrethen sehen?
+
+Ottokar.
+Herr!
+
+Rudolf.
+Daß Ihr den Friedensengel von Euch stießt,
+Der sanft versöhnend ob Euch wartete,
+Die rasche Glut mit Segenswort besprach
+Und treulich, eine liebe Schwester, sorgte!
+Mit ihr habt Ihr das Glück von Euch verbannt.--
+Ihr seid in Eurem Haus nicht glücklich, Ottokar!--
+Wollt Ihr Margrethen sehn? sie ist im Lager!
+
+Ottokar.
+Nein, Herr! Allein die Lehen will ich nehmen.
+
+Rudolf.
+Von Böhmen und von Mähren?
+
+Ottokar.
+Ja, Herr Kaiser!
+
+Rudolf.
+Dem Reich erstatten--?
+
+Ottokar.
+Östreich, Steiermark,
+Was ich vom Reich; was sich von mir getrennt.
+Ich habe viel für sie getan! Der Undank,
+Der Menschen Schlechtheit ekelt tief mich an.
+
+Rudolf.
+So kommt ins Zelt!
+
+Ottokar.
+Warum nicht hier?
+
+Rudolf.
+Es werden
+Des Reiches Lehen knieend nur genommen!
+
+Ottokar.
+Ich knien?
+
+Rudolf.
+Das Zelt verbirgt uns jedem Auge.
+Dort sollt Ihr knien vor Gott und vor dem Reich,
+Vor keinem, der ein Sterblicher, wie wir.
+
+Ottokar.
+Wohlan!
+
+Rudolf.
+Ihr wollt? Gesegnet sei die Stunde!
+Geht Ihr voran, ich folg Euch freudig nach.
+Wir beide feiern einen großen Sieg!
+
+(Sie gehen ins Zelt, die Vorhänge fallen zu.)
+
+Milota (der zu den Seinigen hinübergeht).
+Nun, Gott sei Dank! Das macht mich wieder frei!
+Der letzten Zeit will ich mein Tage denken.
+
+(Zawisch von Rosenberg kommt.)
+
+Zawisch.
+Wo ist der König?
+
+Milota.
+In des Kaisers Zelt;
+Er nimmt die Lehn!
+
+Zawisch.
+Ho, ho! und so verborgen?
+Das müssen alle sehn, die treuen Herzens sind.
+
+(Er haut mit dem Schwert die Zeltschnüre ab; die Vorhänge fallen, und
+man sieht Ottokarn vor Rudolf knien, der ihn eben mit dem Schwert mit
+Böhmen belehnt hat.)
+
+Zawisch.
+Der König kniet!
+
+Die Böhmen (unter sich).
+Der König kniet!
+
+Ottokar.
+Ha, Schmach!
+(Er springt auf und eilt in den Vorgrund.)
+(Der Kaiser, der ihm folgt, mit der Fahne von Mähren in der Hand.)
+
+Rudolf.
+Wollt Ihr die Lehn nicht auch auf Mähren nehmen?
+(Ottokar läßt sich auf ein Knie nieder.)
+
+Rudolf (indem er ihm die Fahne von Mähren gibt).
+So leih ich Euch die Markgrafschaft von Mähren
+Und nehm Euch in des Reiches Eid und Pflicht
+Im Namen Gottes und durch meine Macht.
+
+Steht auf, Herr König, und mit diesem Kuß
+Begrüß ich Euch als Lehnsmann und als Bruder.
+
+Ihr aber, die ihr Östreich angehört
+Und Lehen tragt von seines Landes Fürsten,
+Kommt mit nach Wien, um dort den Eid der Treue,
+Den Lehenseid in unsre Hand zu leisten!
+Ihr folgt uns doch, geehrter Herr und König?
+(Ottokar neigt sich.)
+Nun, ich erwart Euch, wenn's Euch wohlgefällt.
+Ihr schwingt die Fahnen, laßt den Jubel tönen,
+Dem blutlos-schönen Sieg der holden Eintracht!
+(Ab mit den Seinigen.)
+
+(Ottokar steht noch immer mit gesenktem Haupte da.)
+(Merenberg, der zurückgeblieben ist, tritt nach einigem Zögern ihn an mit
+bittenden Gebärden.)
+
+Merenberg.
+Erlauchter Herr, ich wollt' Euch bitten!
+
+Ottokar (fährt empor und sieht ihn mit einem grimmigen Blicke an; dann
+zerreißt er mit einer Hand die Spange des Mantels, daß er fällt; mit der
+andern reißt er von hinten die Krone vom Haupte und stürzt fort, ausrufend:)
+Fort!
+
+(Indem alle ihm folgen, fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+Vor der Burg zu Prag; ein großes Tor mit Fallgattern in der Mitte des
+Hintergrundes führt hinein. Daneben ein kleines Ausfallpförtchen, zu dem
+einige Stufen hinanführen, das aber verschlossen ist. Rechts im
+Mittelgrunde des Pförtners Wohnung mit einem steinernen Tische und
+einer Bank. Davor ein Beet mit Blumen.
+
+Milota und Füllenstein von verschiedenen Seiten.
+
+
+Milota.
+Traft Ihr den König?
+
+Füllenstein.
+Nein.
+
+Milota.
+Ich fand ihn auch nicht.
+
+Füllenstein.
+In Znaim verlor er sich von dem Gefolge,
+Ein einz'ger Knecht, den man vermißt, mit ihm,
+Und irrt seitdem im Land herum von Mähren.
+In Kraliz sah man ihn, in Hradisch, Lukow;
+Zuletzt in Kostelez, hartbei an Stip,
+Da, wo die kleine Wunderquelle fließt,
+Zu der die Pilger weitumher sich wenden.
+Ein ärmlich Badhaus steht dort in der Tiefe,
+Von Menschen abgesondert und Verkehr,
+Da hielt er vierzehn Tage sich verborgen;
+Ein Ort zum Sterben mehr, als um zu leben!
+Und wie die Pilger pflegen dort herum,
+Die, eines Wunsches, der sie drückt, gedenkend,
+Ein Kreuz von Reisig in den Brunnen werfen
+Und aus dem Sinken oder Schwimmen prophezein,
+So tat er tagelang und schien betrübt.
+Zuletzt erfuhr's der Magistrat von Hradisch
+Und ging hinaus, den König einzuholen;
+Doch der war nicht mehr da und schon im Weiten.
+
+Milota.
+Und wo er jetzt ist, habt Ihr nicht erfahren?
+
+Füllenstein.
+Man will ihn auf dem Weg gesehen haben
+Nach Prag.
+
+Milota.
+Hieher?--ich hoff, er wird jetzt ruhn!
+Die stolzen Flügel sind in was gepflückt;
+Das Land, das ewig ihn nach außen lockte,
+Er hat's zurückgegeben feierlich.
+Will er nach Väterweise herrschen hier,
+Die Deutschen heißen gehn aus seinem Reich
+Und unterm Beistand böhmischer Wladiken
+Bedenken seines Volkes wahres Glück:
+Vielleicht, daß ich vergesse, was er tat
+An mir und meinem Haus.--Geht Ihr zum Kanzler?
+So meldet ihm, ein kaiserlicher Herold,
+Vollziehung fodernd des geschloßnen Friedens,
+Vor allem die Befreiung jener Geisel,
+Die noch aus Österreich und Steiermark
+Gefangen liegen rings im Land umher,
+Ist eingeritten in das Tor von Prag.
+Er möge schleunig tun, was man begehrt,
+Bevor der König kommt und manches hindert.
+
+Füllenstein.
+Doch wenn der König--
+
+Milota.
+Tut, was ich Euch sage!
+
+(Füllenstein ab.)
+
+Milota.
+Wär' nicht das ganze Land mit ihm beschimpft,
+Ich wollte lachen, wie erst Zawisch lachte.
+Schnell alles angeordnet, eh' er kommt,
+Dann hat er zu bestät'gen und--zu schlafen!
+(Er geht ins Schloß.)
+
+(Kurze Pause, dann kommt ein Knappe des Königs, ringsumherspähend, er
+ruft in die Szene.)
+
+Knappe.
+So, jetzt ist niemand hier, mein gnäd'ger Herr!
+
+(Ottokar kommt, in einen dunkeln Mantel eingehüllt, ein schwarzes Barett
+mit schwarzen Federn tief in die Augen gedrückt.)
+
+Diener.
+Den Kanzler soll ich holen? Gnäd'ger Herr,
+Beliebt Euch lieber nicht ins Schloß zu treten?
+(Ottokar schüttelt das Haupt.)
+
+Diener.
+Zwei Tage habt ihr nicht gegessen, nicht
+Geschlafen; denkt an Euer teures Leben!
+(Der König lacht höhnisch auf.)
+
+Diener.
+Laßt Euch erbitten, geht ins Schloß, mein König!
+(Ottokar stampft ungeduldig mit dem Fuße.)
+
+Diener.
+Ich gehe denn! doch laßt Euch nieder, Herr!
+(Geht ab ins Schloß.)
+
+Ottokar.
+Ich sollte dich betreten, Schloß der Väter?
+Die Schwelle dir entweihn mit meinem Fuß?
+Als ich im Sieg, im jubelnden Triumph
+Zu dir heranzog durch die lauten Gassen,
+Erstrittne Fahnen dir entgegenhielt;
+Da machtest du mir deine Pforten auf
+Und meine Väter sahn von deinen Zinnen.
+Für Helden ward gewölbt dein hoher Bau,
+Und kein Entehrter hat ihn noch betreten!
+
+Hier will ich sitzen, als mein eigner Pförtner,
+Und Schande wehren ab von meinem Haus.
+(Er setzt sich auf die Stufen am Ausfallstor und verhüllt sein Haupt.)
+
+(Der Bürgermeister von Prag und einige Bürger kommen.)
+
+Bürgermeister.
+Ei, laßt mich, ich muß eilen in den Rat.
+Ein Herold von des Kaisers Majestät
+Ist angelangt, da darf man sich nicht säumen,
+Denn Böhmen ist nun wieder an dem Reich.
+Der König hat es feierlich gelobt,
+Den Eid der Treue knieend übernommen.
+
+Bürger.
+Wie, knieend?
+
+Bürgermeister.
+Wohl! im kaiserlichen Lager!
+Er lag auf seinen Knien, der Kaiser saß,
+Das ganze Heer hat's staunend angesehen.
+Was regt sich dort?
+
+Bürger.
+Ein Mann sitzt auf den Stufen.
+
+Bürgermeister.
+Ja, Hochmut kommt zu Fall; ich sagt' es oft!
+Seht doch mal hin, wer dort am Tore sitzt!
+Verdächtig Volk streift jetzo durch das Land,
+Die abgedankten Söldner sind zu scheuen.
+
+Bürger (kommt zurück).
+Ach, Herr!
+
+Bürgermeister.
+Du zitterst ja!
+
+Bürger.
+Es ist der König!
+
+Bürgermeister.
+Der Mann dort auf den Stufen? bist du töricht?
+
+Bürger.
+Er sah mir ins Gesicht. Schaut nur!
+
+Bürgermeister.
+Er ist's!
+Wenn er vernommen, was wir hier gesprochen!
+Soll ich ihm einen Fußfall tun?--Das Beste,
+Wir ziehen uns zurück. Er scheint zu sinnen.
+(Sie ziehen sich rechts gegen den Vorgrund.)
+
+(Benesch von Diedicz und seine Tochter treten rechts im Hintergrunde auf.)
+
+Benesch (am Stabe, führt Bertan).
+Ei, sieh nur, wie die liebe Sonne scheint!
+Du mußt einmal ins Freie! Berta komm!
+Die dumpfe Stubenluft ist ungesund.
+Und tu mir's auch zulieb, und sprich einmal!
+Sprich, Berta, sprich! und wär's ein einzig Wort!
+Als: ja und nein. Tu's deinem alten Vater!
+Sieh, auf Johanni wird's--ich weiß nicht recht
+Wie lang, seit du so vor dich siehst und schweigst.
+Das ist recht kläglich! Willst nicht reden, Berta?
+Ich hörte lieber dich im Fieber rasen,
+Als jetzt den langen Tag kein einzig Wort.
+Ei, was vergangen ist, das ist vergangen!
+Wir denken nicht mehr dran, und so ist's gut.
+
+Bürgermeister.
+Still!
+
+Benesch.
+Nun, sie schweigt ja leider ohnehin!
+Herr, Tag für Tag, und öffnet nicht den Mund!
+
+Bürgermeister (leise).
+Dort sitzt der König!
+
+Benesch.
+Wo?
+
+Bürgermeister.
+Dort auf den Stufen!
+
+Benesch.
+Ei, Berta, sieh, dort sitzt der böse König,
+Der dir so weh getan, du armes Kind!
+Ei, sprich einmal und schmäl ihn tüchtig aus.
+Sag: arger Mann, ich freu mich deines Leids,
+Du hast's um mich verdient und meinen Vater.
+
+(Berta hebt eine Handvoll Erde auf und wirft damit, wie Kinder pflegen,
+gerade vor sich hin, ohne zu treffen.)
+
+Benesch.
+Ja, wirf ihn nur! o daß es Dolche wären!
+Wirf, Berta, wirf! den argen, bösen Mann.
+Doch Gott hat unsre Rach' auf sich genommen:
+Gekniet hat er vor seinem ärgsten Feind,
+Vor einem Mann, den er sonst wohl verachtet,
+Im Angesicht des Heers hat er gekniet.
+Ei, rüttle dich, ich fürchte mich nicht mehr!
+Ist doch ein Höherer, der dich bezwingt.
+Mach erst, daß mir mein Kind da wieder spricht,
+Dann laß mich töten, mich bekümmert's wenig.
+
+(Die Königin kommt mit Zawisch und Dienern.)
+
+Kunigunde.
+Wer ließ den Aberwitz da vor die Tür?
+Hab ich Euch nicht gesagt, Ihr sollt sie hüten?
+
+Benesch (der fortgeführt wird).
+Nu, Berta, komm! er hat doch auch sein Teil. (Ab.)
+
+Kunigunde.
+Ihr auch fort, alles fort, was Augen hat!
+(Alle geben, bis auf sie und Zawisch.)
+
+Kunigunde.
+Wir sind allein! allein mit unsrer Schande!
+Wollt Ihr Euch nicht erheben, großer König,
+Und große Worte geben, wie ihr pflagt?
+
+Sieh hin, da sitzt der Stolze, Übermächt'ge,
+Dem sonst die Welt zu klein für seine Größe;
+Da sitzt er wie ein Bettler vor der Tür
+Und holt ein »helf euch Gott!« sich und Verachtung.
+Der Mann, der Kronen trug, als wären's Kränze,
+Und, wenn die eine welk ward, neue flocht
+Aus frischgeschnittnen Blumen fremder Gärten.
+Das Leben Tausender in seiner Hand,
+Es hinsetzt', wie zum fröhlich leichten Brettspiel,
+Auf das von Blut und Staub geteilte Feld
+Und ausrief: Schach! als wenn es Steine wären,
+Vom Künstler plump geformt aus totem Stoff,
+Und Roß und Reiter zubenannt zum Scherz.
+Der selbst mit der Natur im Streite lag,
+Und wenn er morgens ausritt auf die Jagd
+Und sah den Himmel überdeckt mit Wolken,
+So sprach er: Wart! rief nach dem Meister Maurer,
+Und hieß ihn, mit dem neuen Kirchenbau
+In Güldenkron nicht allzusehr zu eilen.
+Da sitzt er und starrt leblos auf den Grund,
+Den er zuvor gestampft mit stolzen Füßen!
+
+Zawisch.
+Ei, gnäd'ge Frau, das Glück ist eben rund!
+
+Kunigunde.
+Was andre bindet, das war ihm ein Spiel!
+Sein Weib Margrethe stieß er fort von sich:--
+Weiß Gott, sie war für ihn, die Alternde,
+Die Königin des Jammers stand ihm wohl!--
+Und fern aus Ungarn holt' er ein Gemahl.
+Was kümmert's ihn, ob sie vielleicht schon längst
+Nach einem andern hingewandt den Blick?
+Ob grade damals ein Geringerer,
+Und doch viel Größrer warb um ihre Hand?--
+Ein unbezwungner Führer der Kumanen
+Wiegt einen dienstbarn Böhmenkönig auf!--
+Was kümmert's ihn! er will ein Weib und Erben,
+Mag brechen, was da bricht; und damit gut!
+Ein kräftig freies Wesen kam ich her,
+Gar würdig wohl des Jünglings zum Gemahl,
+Und fand--ei nun, den König Ottokar!
+Nicht ganz so kläglich, als er jetzt dort brütet,
+Doch nicht viel besser, weiß der große Gott!
+Von Rat und Meinung hielt er mich entfernt,
+Wie eine Magd viel mehr als eine Fürstin.
+Er nur allein, er wollte Herrscher sein.
+
+Zawisch.
+Ei, gnäd'ge Fürstin, herrschen ist gar süß;
+So süß fast als--gehorchen, und man teilt's nicht!
+
+Kunigunde.
+Er hat geherrscht; fürwahr, er hat geherrscht!
+Wie eine Seifenblase ist's zerronnen!
+
+Und reden konnt' er, groß und fürstlich reden!
+Was nicht gewesen noch und niemals wurde,
+In seinem Munde war's! Als der von Nürnberg
+Vom Kaiser ihm die erste Botschaft brachte,
+Wie er da sprach, wie er sich fürstlich nahm!
+Nicht eine Stadt, kein Haus, nicht eine Scholle
+Gab er dahin von Östreichs weitem Grund;
+Und wenn's die Ärzte hundertmal geschworen,
+Des Kaisers hohes Leben hinge dran,
+Kein Blättchen Safran, den sie dort gewinnen!
+Auf unsern Steppen ist ein Tier, heißt Maultier,
+Wenn das den Wolf von weiten kommen sieht,
+So röhrt es laut, schlägt aus nach allen Seiten,
+Die Erde wirft's in weiten Wirbeln auf;
+Doch naht der Wolf, da bleibt es zitternd stehn
+Und läßt sich ohne Widerstand erwürgen.
+So fast hat dieser König auch getan!
+Mit großen Worten zog er aus ins Feld,
+Die halbe Welt in seinem Heer versammelt.
+Von Polen, Valben, Tartarn, Deutschen, Böhmen
+Vermischten sich die Stimmen in dem Lager,
+Und Östreich war zu klein für ihre Zahl.
+Doch als des Streites ernste Stunde kam,
+Da fehlte Herz für so viel rüst'ge Arme;
+In seines Feindes Lager--Rosenberg!
+
+Zawisch.
+Erlauchte Frau!
+
+Kunigunde.
+Habt Ihr schon je gekniet?
+Vor Frauen nicht--vor Männern schon gekniet?
+Um Sold, um Lohn, aus Furcht, vor Euresgleichen?
+
+Zawisch.
+Ich nicht.
+
+Kunigunde.
+Und würdet's nie?
+
+Zawisch.
+In meinem Leben!
+
+Kunigunde.
+Er aber hat's getan! vor seinem Feinde,
+Vor jenem Mann gekniet, den er verachtet,
+Der einst ihm dienstlich war, und wenn er sprach:
+Komm her! so kam er, und sprach er: geh hin!
+So ging er und beeilte sich gar sehr!
+
+Zawisch.
+Erlauchte Königin, es war nur Scherz!
+Scherz unter guten Freunden. Seht, der Kaiser,
+Er wollte seine Macht den Leuten zeigen,
+Da bat er unsern König, und der tat's.
+
+Kunigunde.
+Ich aber will nicht heißen: Knechtes-Frau;
+Nicht eines schnöden Dienstmanns Bette teilen;
+Will nicht, wenn mich der Kaiser heischt nach Wien,
+Die Schleppe tragen seiner Gräfin Hausfrau;
+Will nicht vor Rudolf knien, wie er getan.
+(Der König springt auf.)
+
+Kunigunde.
+O springt nur auf; ich fürcht Euch wahrlich nicht!
+Soll ich die einz'ge sein von Mann und Frau,
+Die noch vor Ottokar, dem König, zittert?
+Gebt mir Geleit, ich will nach Ungarn heim,
+Dort wahrt man eines Königs Ehre besser.
+Ihr, Rosenberg, den Arm! und nichts mehr weiter
+Von jener Schmach, die Ihr mit angesehn!
+
+Zawisch (indem er sie abführt).
+Es war nur Scherz! Wir fanden's alle lustig,
+Nicht bloß der Kaiser; freilich der am meisten.
+Und gut sah es sich an, man muß gestehn!
+(Sie gehen ab.)
+
+Ottokar.
+Zawisch!
+
+Zawisch (zurückkommend).
+Was wollt Ihr, Herr?
+
+Ottokar.
+Dein Schwert!
+
+Zawisch (indem er es gibt).
+Hier ist es!
+
+Ottokar (zum Stoß ausholend).
+Verräter!
+
+Königin (ruft inner dem Schloßtore).
+Rosenberg!
+
+Ottokar.
+Hier nimm dein Schwert und geh!
+
+Zawisch.
+Ei, schönen Dank! hier ist nicht gut zu weilen.
+(Ab, der Königin nach.)
+
+Ottokar (nachdem er eine Weile starr auf den Boden gesehen hat).
+Ist das mein Schatten?--Nun, zwei Könige!
+(Trompeten von innen.)
+Man kommt, man naht! Wohin verberg ich mich?
+(Er hüllt sich in seinen Mantel und zieht sich zurück.)
+
+(Ein kaiserlicher Herold kommt mit zwei Trompetern. Hinter ihm die
+befreiten östreichischen Geisel, worunter der alte Merenberg. Volk
+dringt nach. Der Kanzler im Wortwechsel mit dem Herold.)
+
+Kanzler.
+Ich protestier im Namen meines Königs!
+
+Herold (die Urkunde in der Hand).
+Artikel drei des fei'rlichen Vertrags
+Besagt: Die Geisel werden freigegeben,
+Und so, in Vollmacht kaiserlicher Hoheit,
+Sprech ich die Freiheit dieser Männer an
+Aus Östreich und aus Steier, Untertanen
+Des Kaisers und des Reichs zu dieser Frist.
+Zugleich begehr ich gänzliche Vollziehung
+Des Friedens, der bis jetzt nur halb erfüllt.
+Noch immer lieget böhmische Besatzung
+Im Lande hie und dort von Österreich;
+Auch Heinrich Kuenring, eurer Sache treu,
+Haust übel in dem Land jenseits der Donau,
+Still unterstützt vom nachbarlichen Mähren.
+Es soll nicht sein, befiehlt mein Herr und Kaiser!
+Es abzustellen komm ich her nach Prag.
+
+Kanzler.
+Man wird dem König es erst melden müssen.
+
+Herold.
+Wozu? Ist nicht der Kaiser Lehensherr?
+Derlei ist im Vasalleneid bedungen.
+
+Kanzler.
+Der Kaiser, seinerseits, hat auch noch nicht
+In allem dem Vertrag genug getan!
+In Mähren stehn noch kaiserliche Völker.
+
+Herold.
+Sie werden abziehn, wenn ihr euch gefügt.
+
+Kanzler.
+Warum soll Böhmen denn zuerst erfüllen?
+
+Herold.
+Beglückt, wer hat, das ist ein alt Gesetz.
+
+Kanzler.
+So nennt Ihr das Gesetz? Das ist Gewalt.
+
+Herold.
+Nennt's, wie Ihr wollt, nur handelt, wie Ihr müßt.
+
+Kanzler.
+Ich kann Euch nichts versagen, nichts gewähren.
+Der König, sagt man, ist in Prag, er selbst
+Kann nur ob Eurer Forderung entscheiden.
+
+Herold.
+So führt mich denn zu ihm!
+
+Kanzler.
+Auch das nicht jetzt!
+Er ist in Prag, doch Näh'res weiß man nicht.
+
+Herold.
+Nun wohl, so stoßt denn ihr in die Trompeten,
+Daß sich der Hall verbreite durch die Stadt
+Und König Ottokarn verkündet werde,
+Daß Boten da von seinem Lehensherrn.
+
+(Ottokar tritt aus dem Volke, er hat den Mantel weggeworfen.)
+
+Ottokar.
+Hier ist der König! Was verlangt Ihr?
+
+Herold.
+Herr,
+Man weigert mir die Freiheit dieser Männer!
+
+Ottokar.
+Wer weigert?
+
+Herold (auf den Kanzler zeigend).
+Hier!
+
+Kanzler.
+Nur, Herr, bis du genehmigt.
+
+Ottokar.
+Sie bürgten mir für ihres Landes Schuld;
+Der Schuldbrief ist erlassen, nehmt das Pfand!
+Zwar dort seh ich ein Angesicht, das fast
+Mich reuen machen könnte solch ein Wort.
+Verbirg dich, Merenberg! Du bist kein Geisel,
+Ein überwiesener Verräter bist du,
+Der erste, der voranging mit Verbrechen.
+Verbirg dich! denn im Innern kocht es auf
+Und lechzt zu kühlen sich in deinem Blut!
+
+(Merenberg zieht sich hinter zwei andere Geisel zurück.)
+
+Ottokar.
+Was sonst?
+
+Herold.
+Die Räumung Östreichs wird begehrt.
+
+Ottokar.
+Es ist geräumt!
+
+Herold.
+Nicht ganz.
+
+Ottokar.
+Es soll geschehn!
+Bedungen ward's im Frieden, und so sei's.
+
+Herold (ausrufend).
+Wer sonst noch Fordrung hat an Böhmens Krone,
+Ein vorenthaltnes Recht, erwiesner Schade;
+Wer Lehn zu nehmen hat vom deutschen Reich,
+Ich lad ihn auf das Rathaus, wo der Pfalzgraf
+Zu Recht wird sitzen und die Lehn erteilen.
+Vivat Rudolphus, römisch-deutscher Kaiser!
+
+(Herold ab, Das Volk tumultuarisch ihm nach. Nur der Kanzler bleibt.)
+
+Ottokar.
+Sie folgen alle? Lassen mich allein?
+(Zum Kanzler.)
+Bist du mein ganzer Hof?--Ha, Ottokar!
+Verachtet von dem Letzten meiner Diener,
+Verhöhnt von meinem Weib, mit Recht verhöhnt,
+Wie Wild gehetzt, von Haus und Bett vertrieben!
+Ich kann's nicht tragen, kann nicht leben so!
+Hinausgestrichen aus der Fürsten Zahl,
+Ein Dienstmann dessen, der mir sonst ein Spott;
+Und ungestraft, mein lachend, ziehn die Frechen,
+Die mich verraten, fort aus meiner Haft.
+Horch!
+
+(Man hört in der Entfernung den Herold seinen Ausruf wiederholen.)
+
+Ottokar.
+Vivat Rudolphus? In der Hölle leb' er!
+Ruf mir den Herold!
+
+Kanzler.
+Ach, mein gnäd'ger König!
+
+Ottokar.
+Ruf mir den Herold oder zittre, Knecht! (Kanzler ab.)
+War's besser nicht, zu fallen in der Schlacht,
+Der letzte meiner Krieger neben mir?
+Sie haben mich verraten, überrascht.
+Ein dunkler Nebel schwindet von der Stirn;
+Ich hab geträumt: wie kühle Morgenluft
+Kommt mir Erinnerung und läßt mich wachen.
+
+Mit einem Heer zog ich an Donaustrand
+Und schlug ein Lager, so weit reicht die Denkkraft;
+Von da an Nacht! Was weiter dann geschehn,
+Wie sie mich lockten in des Kaisers Zelt,
+Wie dort--Ha, Tod und Teufel! Töten will ich
+Den letzten, der's mit angesehn!
+Mich selber, wenn ich nicht verlöschen kann
+Das Angedenken jener blutigen Schmach!
+
+(Der Herold mit den Geiseln kommt zurück.)
+
+Herold.
+Ihr ließt mich wieder rufen, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Fürs erste merket, daß in niemands Namen,
+Als in dem meinigen man Ausruf tut
+In meiner Pragerstadt!
+
+Herold.
+Allein--
+
+Ottokar.
+Genug!
+Dann laßt die Geisel sich in Reihe stellen,
+Man muß erst untersuchen, ob kein andrer,
+Der Haft Entsprungner sich mit ihnen rettet.
+
+Herold.
+Dagegen bürgt des Reiches Würde zwar;
+Doch stellt euch in die Reihe, wenn's beliebt.
+
+Ottokar (die Reihe hinauf gehend).
+Du magst nur gehn, und du!--Bist du so schmuck,
+Herr Ulrich Lichtenstein? Du freust dich wohl,
+Weil du nun ledig? Nu, ich gönn es dir.
+Du hast mich nicht geliebt; je, ich dich auch nicht!
+Das macht uns wett. Zieh immer hin!
+Doch da ist einer, den ich sprechen muß.
+Gott grüß dich, Merenberg, du Schurk' und du Verräter!
+
+Kanzler.
+Wenn er nur schweigt, nur nimmer widerspricht!
+
+Ottokar.
+Wie geht's denn deinem Sohn im Dienst des Kaisers?
+Ein wackrer Junge, der schlägt nicht von Art!
+Du hast ihn noch zur rechten Zeit gerettet,
+Da es mit Ottokar schon abwärts ging.
+Als ich das letztemal ihn sah, versprach ich
+Ihm Kunde bald von mir und auch von dir;
+Wie wär's, wenn ich ihm jetzt ein Briefchen schriebe:
+Der alte Schurk', dein Vater, lebt nicht mehr!
+(Zum Herold.)
+Das ist kein Geisel, ist ein Hochverräter
+Und kann mit jenen andern dort nicht gehn!
+
+Herold.
+Gerade den befahl mein Herr, der Kaiser--
+
+Ottokar.
+Gerade den befiehlt sein Herr, der König--
+(Zu Merenberg.)
+Du warst der erste, du hast angefangen,
+Das Beispiel du gegeben von Verrat.
+Nach Frankfurt schriebst du Klagen und Beschwerden,
+Da wählten sie den Habsburg, meinen Feind!
+
+Merenberg.
+Beschwerden nicht!
+
+Ottokar.
+Nu, Lob doch auch nicht, Bruder!
+Als erst dein Sohn in meines Gegners Heer,
+Da folgten ihm von Österreich die andern
+Und haben an der Donau mich verraten,
+Mich preisgegeben, ihren rechten Herrn!
+Weißt du, wo deinen Sohn ich sah zuletzt?
+Es war bei Tulln, im kaiserlichen Lager,
+Wo König Ottokar--Tod und Verdammnis!--
+Vor seinem Feind--in Knechtesart--im Staub--
+Lösch aus, Erinnerung, in meinem Haupt,
+Senk, Wahnsinn, dich herab auf meine Stirn
+Und hüll in deine Wogen, was geschehn!
+Wo König Ottokar--warum nicht sagen,
+Was alle Welt gesehn?--vor seinem Feind gekniet!
+Und dieses Mannes Sohn, er stand dabei
+Und lachte!--Darum mußt du sterben, Mann!
+Die andern mögen gehn, der eine bleibt!
+
+Merenberg.
+Gerechter Gott!
+
+Herold.
+Bedenket, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Bedenket lieber Ihr, vorlauter Herr!
+Daß, wenn Ihr nicht in diesem Augenblick--
+Doch zieht in Frieden und laßt mich gewähren;
+Noch bin ich Herr in diesem meinem Land.
+
+Merenberg.
+Die Steiermark gehorcht nunmehr dem Reich!
+
+Ottokar (zum Herold).
+Er war mein Untertan, als er an mir gefrevelt,
+Als meinen Untertan bestraf ich ihn!
+Werft ihn in tiefsten Turm, und wer mir meldet:
+Der Merenberg ist tot, der sei willkommen!
+
+Herold.
+Der Kaiser aber--
+
+Ottokar.
+Herr, sagt Eurem Kaiser:
+Er soll in Deutschland herrschen nach Gelust!
+Was ich versprach, ich hab es ihm gehalten,
+Obgleich verraten, überlistet, hintergangen,
+Ich hab's gehalten, weil ich es versprach.--
+Doch sagt ihm: hier im Busen poch' ein Mahner,
+Der immer zuruft: Nimm, was man dir stahl!
+Des Königs Ehre rett'! Die Ehre eines Königs
+Steht nicht um tausend Menschenleben feil.
+Man hat dich an der Donau überlistet,
+Versuch, ob in Gewalt er auch obsiegt!
+Das sagt ihm, Herr! und weiter sagt ihm noch:
+Der Friede ist erfüllt, er hat das Land,
+Die Geisel send ich ihm, er ist befriedigt;
+Doch mög' er hüten sich, in Böhmen mir
+Ein Wort zu reden, das mir nicht gefällt,
+Sich einzumengen hier in mein Geschäft,
+Sonst wollt' ich ihm--allein sagt ihm doch lieber:
+Er mög' es tun, er möge Trutz mir bieten,
+Mit einem Heer mir fallen in das Land,
+Daß ich den Haß, den heißen Grimm mag kühlen
+Im Blut, das seinem Herzen fließt zunächst.
+Lügt mir zulieb, ich hätt' auf ihn geschmäht,
+Genannt ihn einen eingedrungnen Herrscher,
+Der mir gestohlen, was mein eigen war;
+Gelacht des Herolds, den er mir gesandt,
+Den Mann, den er beschützt, zum Tod verdammt--
+
+Herold.
+Das könnt Ihr nicht!
+
+Ottokar.
+Ich kann es, denn es ist.
+
+Herold.
+Kraft dieses Briefs--
+
+Ottokar.
+Verdammt sei dieser Brief!
+Willst du mit Briefen mich und Worten meistern?
+Noch hab ich Schwerter, noch ist mir ein Heer,
+Das unbesiegt, du siegtest nur mit Ränken,
+Und reißen will ich diese Ränke, wie ich
+Den Brief zerreiße, den du dir erschlichst.
+(Er hat dem Herold den Brief entrissen.)
+Sieh her!
+(Im Begriff, die Urkunde zu zerreißen, hält er plötzlich inne.)
+
+Kanzler.
+O Gott, was sinnt er? Teurer, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Ruft mir mein Weib, die Königin!
+(Diener ab.)
+Vor aller Welt ward Ottokar beschimpft,
+Vor aller Welt muß er auch rein sich waschen!
+Sie hat den gift'gen Stachel mir gesenkt
+In meine Brust; sie mag zugegen sein,
+Wenn ich ihn ausziehe oder im Bemühn
+Ihn drücke in das Innerste des Lebens!
+
+(Die Königin kommt.)
+
+Kunigunde.
+Was ist?
+
+Ottokar.
+Ihr habt mich, kurz erst, hart gescholten,
+Daß ich, um Blut zu schonen, nachgegeben
+Und eingeräumt dem Kaiser Gut und Land.
+
+Kunigunde.
+Ich schelt' Euch noch!
+
+Ottokar.
+Seht hier in meiner Hand
+Den Brief, der an den Kaiser mich gebunden.
+Zerreiß ich ihn, ist auch das Band zerrissen,
+Das jetzt mich hält; frei bin ich wie zuvor.
+Zerreiß ich ihn?
+
+Kunigunde.
+Kein Mut'ger zweifelt da!
+
+Ottokar.
+Doch hört! Aufs neue rast der Teufel Krieg;
+Aufs neue dampft das Land in Rauch und Blut.
+Und eines Morgens, leicht kann es geschehn,
+Bringt man Euch auf der Bahre den Gemahl.
+
+Kunigunde.
+An Eurem Sarge will ich lieber stehn,
+Als mit Euch liegen, zugedeckt von Schande!
+
+Ottokar.
+So stark? Ein Tröpflein Milde täte wohl!
+
+Kunigunde.
+Solang Ihr Euch nicht von der Schmach gereinigt,
+Betretet nicht als Gatte mein Gemach.
+(Zum Abgehen gewendet.)
+
+Ottokar.
+Bleibt noch! Seht her! der Brief, er ist zerrissen!
+(Er zerreißt den Brief.)
+Die Ehre ganz, und auf der Zukunft Tor!
+Was draus erfolgt, wir wollen's beide tragen!
+Gott gönn Euch was von dem, was hier erwacht,
+(Auf seine Brust zeigend.)
+Und gebe mir die Kraft, die Ihr bewiesen!
+
+Kunigunde.
+Nun erst willkomm ich Euch!
+
+Ottokar.
+So nicht! so nicht!
+Ich sehe Blut an deinen weißen Fingern,
+Zukünft'ges Blut! Ich sag: berühr mich nicht.
+Gott hat das Weib aus weichem Ton gemacht
+Und: Milde zugenannt; was bist denn du?
+Wird mein Gedächtnis wach erst und erzählt,
+Wie du den König, da er kam, empfingst,
+Den Gatten, da er rückgekehrt nach Haus--
+Geh fort! Ich fühle, daß sich mir die Sehkraft schwächt,
+Das ist ein Zeichen, daß es Zeit zu gehn.
+Geh fort! Fort, sag ich! Fort! (Die Königin geht ab.) Es ist vorüber!
+
+Ottokar (zum Kanzler, den er angefaßt hatte).
+Schein ich dir hart? Sie war mir auch nicht gütig!
+Das geht so her und hin; Gott zieht die Rechnung!
+Euch, Herold, halt ich nun nicht länger mehr!
+Sagt Eurem Herrn, was Ihr mit angesehn!
+(Gegen Merenberg.)
+Mit dem in Turm! Was schützte vor Verrat,
+Als die Bestrafung früherer Verräter?
+Wer bauen will, der reutet seinen Grund,
+Drum fort, du böses Schlingkraut, gift'ge Ranke!
+
+Merenberg.
+Zu rascher König, mich schilt nicht Verräter!
+Die sind's, die deinem Throne stehn zunächst,
+Die Rosenberg, die--
+
+Ottokar.
+Kannst du auch verleumden?
+
+Merenberg.
+Ach, der mich hält und mich zum Kerker führt,
+Er ist des Kerkers würdiger als ich!
+
+Ottokar.
+Kein Böhme hat noch seinen Herrn verraten!
+Jetzt bin ich deines Frevels erst gewiß!
+In Turm den Lästerer!
+
+Merenberg (der abgeführt wird).
+Zu spät wirst du bereun!
+
+Ottokar.
+In Turm!
+
+Milota.
+Und schweigt er nicht, stopft ihm den Mund!
+
+(Merenberg wird abgeführt; Herold folgt.)
+
+Ottokar (unter die Seinen tretend).
+Kein Böhme hat noch seinen Herrn verraten;
+Was auch der Lästrer spricht, ich bin gewiß!
+Nun im Begriff, zu gehn in einen Krieg
+Für unsers Landes Ruhm und seine Macht,
+Vertrau ich euch, wie ich mir selbst vertraue.
+Wer mißgesinnt ist, wer mein Tun nicht billigt,
+Der schließe frei sich aus von unserm Zug,
+Kein Nachteil soll ihn treffen oder Vorwurf.
+Wer aber gern mir folgt und denkt wie ich,
+Den drück ich an mein Herz und nenn ihn Bruder!
+Den Eid, den ich am Krönungstage schwur,
+Bei meines Vaters Sarg, ich wiederhol ihn:
+Treu bis zum Tod! Tut ihr dasselbe!
+Die Welt ist voll von Bösen und von Argen;
+Erneut den Schwur auf eures Königs Schwert.
+
+(Er hat von einem der Umstehenden das Schwert genommen, die Vordersten
+knieen nieder.)
+
+Kniet nicht! Steht auf! Ich kann nicht knieen sehn!--
+Und schwört auch nicht!--Denn man kann knien und schwören
+Und doch das Wort nicht halten, das man gab.
+Ich will euch so vertrauen, ohne Schwur!--
+
+Und nun ans Werk! Du gehst zu Herzog Heinrich
+Nach Breslau! ihn und Prinik, den von Glogau,
+Du ladest sie zur Heerfahrt hier nach Prag.
+Du gehst nach Deutschland, und aus Meißen, Sachsen,
+Von Magdeburg, dem Markgraf mit dem Pfeil,
+Sprichst du den Beistand an, den sie mir gönnen.
+(Zum Kanzler.)
+Ihr schreibt mir an die andern Herrn und Fürsten!
+Wir wollen eine Schar zusammenlegen,
+Daß sich der Kaiser drob verwundern soll!
+Ich bin noch Ottokar, man soll schon sehn!
+Ihr alle leiht mir euren kräft'gen Arm!
+Was ihr verlort an Gütern und an Schlössern,
+Was ich euch abnahm und zur Krone schlug,
+Ich geb es wieder, geb euch mehr dazu.
+Den Rosenbergen sei ihr Frauenberg,
+Auch Aussig, Falkenstein. Dir, Neuhaus, Lar;
+Nehmt Laun, Ihr Zierotin; Dub, Kruschina!
+Nehmt Eure Güter wieder und seid fröhlich!
+Wir wollen eins sein, redlich halten aus.
+Dir, Milota, vertrau ich Mähren an,
+Du bist ein wackrer Krieger, du bewahrst mir's.
+
+(Zawisch von Rosenberg kommt.)
+
+Ottokar.
+Sieh da, Herr Rosenberg! Ei, Gott zum Gruß!
+Ich denk, Ihr folgt uns doch wohl auch ins Feld?
+Ihr seid der Ersten einer meines Reichs,
+Auf den ich vor gar vielen andern zähle.
+
+Zawisch.
+Was meine Brüder tun, das tu ich auch!
+Der allgemeinen Not werd ich mich nicht entziehn.
+(Er geht.)
+
+Ottokar (der ihm nachgesehen hat, mit Gebärde)
+Der hat's hier hinterm Ohr, dem trau ich nicht!
+Du, Milota, du bist mein Mann!
+Ich glaube wohl, daß du auch hassen kannst,
+Betrügen nicht! Dir will ich mich vertraun!
+Herr Kanzler, seid Ihr fertig?
+
+Kanzler (der sich zum Schreiben gesetzt hat).
+Ja, mein König!
+
+Ottokar.
+Wir haben viel durch Raschheit eingebüßt,
+Wir müssen uns durch Vorsicht wieder helfen.
+Nicht wahr, so ist's dir recht, mein alter Kauz?
+
+Kanzler.
+O König, scheltet mich, wie sonst, mit Raschheit,
+Mir tät' es wohler, als die Milde jetzt.
+
+Ottokar.
+Schreib an den Hauptmann du der Stadt von Znaim,
+Er soll mit tausend Mann--doch nein, zu viel!
+Die Feste bleibt indessen mir entblößt.
+Nein, mit fünfhundert Mann soll er die Grenze
+Allein fünfhundert sind zu wenig. (Auf Milota.) Nicht wahr?
+Schreib lieber, daß von Iglau--Wieder nichts!
+Mein Kopf ist wüst; zwei Nächte nicht geruht,
+Gegessen auch nicht.--Leih mir deine Bank,
+Ich will versuchen hier zu ruhn.
+
+Kanzler.
+Mein König,
+Gefällt's Euch nicht, ins Schloß--?
+
+Ottokar.
+Nein, nein, nein, nein!
+Doch holt mir meine Frau; sie ging im Zorn.
+Sie soll zu mir sich setzen, soll mir sprechen,
+Bis sich der Schlaf auf meine Wimpern senkt.
+Mein Freund, tu mir die Lieb' und geh nach ihr!
+
+(Diener ab.)
+
+Ottokar.
+Wie wohl es tut, die Glieder auszustrecken,
+Ist einer müd! Seht mal nach Merenberg;
+Der alte Mann mag hart im Kerker ruhn!
+Ist er ein Schurk' auch, soll man ihn nicht quälen
+Und soll ihm geben ritterliche Haft.
+
+(Füllenstein ab.)
+(Diener kommt.)
+
+Ottokar.
+Nun, kommt die Königin?
+
+Diener.
+Sie kommt nicht, Herr!
+
+Ottokar.
+So laßt sie gehn! Komm du her, alter Kanzler,
+Und leih zum Ausruhn heut mir deinen Schoß.
+Hab ich geruht--dann sollt ihr sehn--
+Ob ich der alte Ottokar noch bin. (Er schläft.)
+
+(Füllenstein kommt zurück.)
+
+Kanzler.
+Der König schläft!
+
+Füllenstein.
+Nu, Merenberg bald auch!
+Als er nicht schwieg und alle Welt verklagte,
+Stieß ihn ein Szupan hart den Turm hinab;
+Er wird's nicht überleben, glaubt man fast!
+
+Ottokar (sich emporrichtend).
+He, Merenberg, bist du's?
+
+Kanzler.
+Er ist nicht hier!
+
+Ottokar.
+Mir war, als stünd' er da!--Nu, schlafen! schlafen!
+(Er sinkt wieder zurück und schläft.)
+
+(Der Kanzler legt, Schweigen gebietend, den Finger auf den Mund.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+Kirchhof von Götzendorf. Drei Vierteile des Mittelgrundes durch das
+hereinragende Haus des Küsters geschlossen, mit einem Glockenturm daran.
+Vorposten des böhmischen Heers. Ein Wachfeuer, Krieger herumgelagert.
+Ottokar sitzt hinter demselben auf einer Erhöhung, das Kinn auf beide
+Hände und diese auf den Knopf seines Schwertes gestützt. Rechts im
+Vorgrunde Milota und Füllenstein am Boden liegend. Vor Tagesanbruch.
+Dunkel.
+
+Ein Bote tritt rechts im Vorgrunde auf.
+
+
+Bote.
+Ist hier der König?
+
+Milota.
+Ja, was gibt's?
+
+Bote (halblaut).
+Kumanen
+Und Ungarn von des Kaisers Heere streifen
+Die March hinauf im Rücken unsrer Stellung;
+Bei Drösing hat man ihrer schon gesehn.
+Soll ich's dem König melden?
+
+Milota.
+Laßt nur sein!
+Der König ist schon übellaunig sonst;
+Auch stehn die Russen dort und meine Leute,
+Die werden sie den Rückweg suchen lehren.
+
+Bote.
+Nun, wenn Ihr meint--
+
+Milota.
+Geht nur, gleich komm ich selbst.
+(Bote ab.)
+
+Füllenstein (halblaut).
+Das ew'ge Zaudern, ewige Bedenken!
+Und immer rückwärts! Ei, verdamm es Gott!
+Der König hat sein Wesen ausgezogen.
+Schon früher ging nicht alles, wie es sollte,
+Die Flucht der Königin gab ihm den Rest.
+Und wär's nicht, daß mich freut das Kriegeshandwerk,
+Ich wäre längst gewichen von dem Heer.
+Erst stürmt er vierzehn Tage Drosendorf
+Und läßt dem Kaiser Zeit, die Macht zu sammeln;
+Und als man endlich denkt: jetzt schlägt er los,
+Als wir gerüstet stehn und fertig vor Marchegg,
+Da heißt's: zurück! und Weiden, Weikendorf
+Und Anger, Stillfried, alle Stellungen
+Am Hasenberg, am Weidenbach und an der Sulz
+Läßt er dem Feind, beinah ohn' einen Schwertschlag.
+
+Milota.
+Bald muß es sich entscheiden; sei getrost!
+
+Füllenstein.
+Er nennt das Vorsicht; Zagheit nenn ich's eher!
+Sonst war das anders, ei, da galt noch Fechten.
+Jetzt sind wir Memmen!
+
+Milota.
+Schweig! Der König regt sich!
+
+Füllenstein.
+Zeit wär' es!
+
+Ottokar (am Feuer).
+Gestern war ein schlimmer Tag!
+Der Feind gewinnet Boden. Doch was tut's?
+Ich habe Drosendorf; der Rücken ist gesichert.
+
+Füllenstein (laut).
+Beinah der Rücken sichrer als die Brust!
+
+Ottokar.
+Dir tu ich nicht zu Danke, Füllenstein!
+
+Füllenstein.
+Nein, Herr, ich kann's nicht leugnen. Sonst war's anders.
+
+Ottokar.
+Du hättest bei Marchegg schon losgeschlagen?
+
+Füllenstein.
+So tat ich, Herr, und Ihr, Ihr tatet's auch
+Noch vor zwei Jahren. In der Ungerschlacht,
+Am selben Ort, habt Ihr nicht lang gezweifelt.
+Ei, Schwert heraus und in den Feind! Da ging's.
+
+Ottokar.
+Es ging, weil es der Zufall günstig meinte.
+Ei, damals war ich ein verwegner Tor,
+Wie du noch jetzt bist. Reife bringt die Zeit.
+
+Füllenstein.
+Herr, als noch bei Marchegg der Kaiser stand,
+Da zählt' er tausend Streiter, und nicht mehr.
+Jetzt ist er an die dreißigtausend stark.
+
+Ottokar.
+Allwissend ist nur Gott!--Was ist die Uhr?
+
+Diener.
+Drei Uhr nach Mitternacht.
+
+Ottokar.
+Die Schlacht ist unvermeidlich!
+Wir sind am Feind. Der heut'ge Tag entscheidet.
+Wie heißt der Ort hier?
+
+Diener.
+Götzendorf, mein König.
+
+Ottokar.
+Der Bach?
+
+Diener.
+Die Sulz.
+
+Ottokar.
+Ich dacht', ich wär' in Stillfried.
+
+Diener.
+Wir ritten gestern durch in dunkler Nacht.
+Jetzt liegt der Kaiser drinnen.
+
+Ottokar.
+Nun, Gott walt's!
+
+Diener.
+Ihr solltet dort ins Haus gehn, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Und daß mir niemand angreift, bis ich's sage!
+Ich hab ihn hergelockt in diese Berge
+Mit vorgespiegelter, verstellter Flucht.
+Dringt er nun vor: die Mitte weicht zurück,
+Die Flügel schließen sich--dann gute Nacht, Herr Kaiser!
+Ich hab ihn, wie die Maus im Loch! Ha, ha!
+(Er bricht in ein heiseres Lachen aus, das sich in ein Husten verliert.
+Er reibt die Hände.)
+'s ist kalt! Hat niemand einen Mantel?
+Vor Sonnenaufgang weht die Luft am schärfsten.
+(Man gibt ihm einen Mantel.)
+Ist das 'ne Sommernacht? Noch stehn die Stoppeln
+Und schon so kalt! Sonst war der Sommer warm,
+Der Winter Frost; jetzt tauschen sie das Amt.
+Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen!
+Hat man nicht Nachricht, wo die Königin
+Sich hingewandt?
+
+Diener.
+Man weiß es nicht, mein König!
+
+Ottokar.
+Und Zawisch ist bei ihr?
+
+Diener.
+Ja, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Ich denke sie zu seiner Zeit zu treffen!
+Will's noch nicht tagen?
+
+Diener.
+Überhin der March
+Beginnt's zu graun; der Tag bricht an.
+
+Ottokar (ist aufgesprungen).
+Ich grüße dich, verhängnisvolle Sonne!
+Eh' du zu Rüste gehst, hat sich's entschieden,
+Ob Fried' in Waffen, ob im Grabe Frieden.
+(Er wirft den Mantel weg.)
+Löscht aus die Feuer, laßt die Hörner tönen!
+Bereitet Euch zum Kampf, es gilt das Letzte!
+
+Bote (kommt).
+Herr, Drösing brennt!
+
+Ottokar.
+Im Rücken meines Heers?
+Dort stehen Eure Leute, Milota!
+
+Milota.
+Versprengte Haufen von Kumanen, Herr!
+Auch glaub ich's nicht!
+
+Ottokar.
+Ist hier herum kein Hügel?
+Daß man des Feuers Richtung könnte sehn.
+
+Diener.
+Der Glockenturm.
+
+Ottokar.
+Steig einer schnell hinauf.
+(Es pochen einige ans Tor.)
+
+Ottokar.
+Wie kommen Ungarn mir nach Drösing? Gottes Feuer!
+Wer des die Schuld trägt, hängt!--Wird's bald?
+
+Diener.
+Herr König,
+Man weigert uns den Eintritt.
+
+Ottokar.
+Weigert? Wer?
+
+Diener.
+Sind Damen drin im Haus.
+
+Ottokar.
+Was, Damen! Possen!
+
+Küster (der aus dem Hause getreten ist).
+Herr, das Gefolg der Königin von Böhmen.
+
+Ottokar (ihn anfassend).
+Der Königin von Böhmen?--Das Gefolg'?
+Wohl auch sie selbst?--Ha, Schurk'!--und Zawisch auch?
+Es soll mir wohltun, meinen Zorn zu kühlen!
+
+Küster.
+Bedenk Eu'r Hoheit!
+
+Ottokar.
+Fort!
+
+Küster.
+Ach, Herr!
+
+Ottokar.
+Hinein!
+(Er dringt ins Haus, der Küster ihm nach.)
+
+Milota.
+Wenn er den Zawisch trifft, ist er verloren!
+Ich muß ihn retten, gält's das Äußerste!
+Zieht euch zurück, und ruf ich aus dem Fenster,
+So dringt ins Haus und tut, was ich euch sage;
+Der König ist sein selbst nicht Herr im Zorn
+(Er geht ins Haus, die andern ziehen sich zurück.)
+
+
+
+-----------------------------------------------------------------------
+
+Kurzes Zimmer, durch einen gotischen Bogen geschlossen, von dem ein
+dunkler Vorhang bis zur Erde herabhängt.
+
+Ottokar, dem Frau Elisabeth in den Weg tritt, stürzt herein.
+
+Ottokar.
+Fort, Kupplerin! Wo hast du deine Kunden?
+
+Elisabeth.
+Ach, gnäd'ger Herr, gönnt ihr doch jetzt die Ruh'!
+
+Ottokar.
+Der Vorhang dort, er deckt wohl das Geheimnis?
+Lieb Täubchen, komm! Auf, Decke! Vorhang auf!
+(Er reißt den Vorhang auf und prallt zurück.)
+(Auf einer schwarzbedeckten Erhöhung, von Lichtern umstellt, liegt
+Königin Margarethe tot im Sarge. Das Wappen von Östreich zu ihren Füßen.)
+
+Ottokar (im Vorgrunde, dumpf).
+Das ist die Königin von Böhmen nicht!
+
+Elisabeth.
+Sie war's!
+
+Ottokar.
+Margrethe ist's von Österreich,
+Mein Weib einst; doch verwandt im vierten Grad,
+Und drum geschieden nach der Kirche Recht.
+--Gott geb' ihr ew'ge Ruh'!
+
+Elisabeth.
+Ach, Amen, Amen!
+
+Ottokar.
+Wann starb sie?
+
+Elisabeth.
+Gestern morgens, gnäd'ger Herr!
+
+Ottokar.
+Wie kommt sie hieher?
+
+Elisabeth.
+Aus dem Sitz von Krems
+Vertrieben von den Streifern Eures Heers,
+Hat nach Marchegg zum Kaiser sie gewollt,
+Da übereilte sie der Tod.
+
+Ottokar.
+Warum zum Kaiser?
+
+Elisabeth.
+Herr, sie sagt' es nicht;
+Doch, denk ich, war es, Frieden zu vermitteln.
+
+Ottokar.
+Sie war Vermittlerin! Und woran starb sie?
+
+Elisabeth.
+Man pflegt's zu nennen: am gebrochnen Herzen;
+Denn weinend Tag und Nacht--
+
+Ottokar.
+Genug! Genug!
+Wo aber wollt ihr hin?
+
+Elisabeth.
+Wir wollen warten,
+Bis sich der Krieg so oder so entschieden--
+
+Ottokar.
+So oder so!
+
+Elisabeth.
+Und dann nach Lilienfeld,
+Sie zu begraben in der Ahnen Gruft,
+Wo Herzog Leupold ruht, der Sel'gen Vater,
+Und, der der Babenberger Mannstamm schloß,
+Ihr Bruder Friedrich, den sie Streitbar nennen.
+
+Ottokar.
+Das tu!--Und diesen Ring....
+
+Milota (kommt).
+Der Feind rückt an!
+
+Ottokar.
+Ich komme gleich. Geht nur! (Milota ab.)
+
+Ottokar.
+Und diesen Ring
+Leg du von mir der Sel'gen in das Grab.
+
+Elisabeth.
+Ach Herr!
+
+Ottokar.
+Und wenn der Krieg sich hat entschieden,
+Und ich es überleb, so komm nach Prag,
+Daß ich die Treu' dir lohn an deiner Frau.
+Jetzt muß ich fort!
+(Er geht auf die Türe zu.)
+
+Elisabeth (die sie ihm öffnet).
+Gott segn' Euch!
+
+Ottokar (bleibt an der Türe stehen).
+Margarethe,
+So bist du tot und hast mir nicht verziehn?
+(Er kommt zurück.)
+Bist hingegangen, treue, fromme Seele,
+Mit dem Gefühl des Unrechts in der Brust,
+Und stehst wohl jetzt vor Gottes Richterstuhl
+Und klagst mich an, rufst Rache wider mich!
+O tu's nicht, Margaretha, tu es nicht!
+Du bist gerächt. Um was ich dich und alles gab,
+Gefallen ist's von mir, wie Laub im Herbst.
+Was ich gesammelt, ist im Wind zerstoben,
+Der Segen fort, der fruchtend kommt von oben,
+Und einsam steh ich da, von Leid gebeugt,
+Und niemand tröstet mich und hört mich!
+(Er tritt näher.)
+Sie haben schlimm an mir getan, Margrethe!
+Der Undank hob sein Haupt auf gegen mich.
+Die mir die Nächsten, haben mich verraten,
+Die ich gehoben, haben mich gestürzt.
+Das Weib, um das ich hingab deinen Wert,
+Sie hat das Herz im Busen mir zerspalten,
+Die Ehre mein verkauft an meinen Knecht;
+Und als ich blutend heimkam aus der Schlacht,
+Goß sie mir Gift, statt Balsam, in die Wunden.
+Mit Hohn und Spott hat sie mich aufgestachelt,
+Daß blind ich rannte in das Todesnetz,
+Das nun zusammenschlägt ob meinem Scheitel.
+(Er kniet am Sarge.)
+Du hast mich oft getröstet; tröste nun!
+Streck aus die kalte Hand und segne mich.
+Denn eines fühl ich wohl: es kommt zu sterben;
+Der heut'ge Tag kann Ottokar verderben,
+Drum segne mich, wie du gesegnet bist!
+(Er legt sein Haupt auf die Kissen.)
+
+Elisabeth.
+Er betet, glaub ich. Nun, du guter Gott,
+Verzeih ihm auch! Und ach, der großen Freude
+Für die hochsel'ge Frau! Sagt' ich's nicht immer?
+Er kehrt zurück. Nun seid ihr doch beisammen,
+Siehst du? (Gegen Himmel blickend.)
+
+Von außen.
+Ist hier der König?
+
+Elisabeth (zur Tür hinaussprechend).
+Ei, er will allein sein!
+Sie sollen ihn nicht stören!
+(Sie läßt die Vorhänge herab.)
+Streit und Hader,
+Dazu find't so ein Herr wohl immer Zeit.
+Die Zeit zum Beten aber kommt nicht immer.
+Schon wieder Lärm, ei, daß euch Gott, ihr Heiden!
+(Neuer Lärm von außen. Sie geht, mit dem Finger auf dem Mund
+Stillschweigen gebietend, leise zur Türe hinaus.)
+
+
+
+--------------------------------------------------------------
+
+Platz vor dem Hause, wie zu Anfang des Aufzuges.
+
+Milota führt einen Knappen vor. Die andern im Hintergrunde. In
+Zwischenräumen Trompeten und Lärm von außen.
+
+Milota.
+Wie? Zawisch Rosenberg, er sendet dich?
+
+Knecht.
+Ja, Herr!
+
+Milota.
+Er ist im kaiserlichen Lager?
+
+Knecht.
+Wohl.
+
+Milota.
+Wo ist sein Brief?
+
+Knecht.
+Ich habe keinen Brief.
+Er hieß mich nur--es klingt fast lächerlich--
+Er hieß mich an das Liedchen Euch erinnern:
+»Der Winter kehrt zurück, die Rosen welken.«
+
+Milota.
+Was will er damit?--Rosen--Rosenberg!
+Sag ihm, die Rosen mögen immer blühn,
+Der Schnee zergeht; der Winter kehrt nicht wieder!
+(Knecht ab.)
+
+Füllenstein (kommt).
+Wo ist der König?
+
+Milota.
+Oben.
+
+Füllenstein.
+Teufel auch!
+Es geht schon hitzig her!
+
+Ein Ritter (tritt eilig auf).
+Ist hier der König?
+Die Vorhut wird zurückgedrängt. Schickt Hilfe!
+
+Milota.
+Er säumt noch immer!
+
+Füllenstein.
+Siehe da, er kommt!
+
+(Ottokar kommt mit dem Küster aus dem Hause. Frau Elisabeth folgt.)
+
+Ottokar (zum Küster).
+Man wird Eu'r Haus verschonen, wie nur möglich.
+Gehabt Euch wohl und schließt mich ins Gebet.
+Herbott, wie steht's?
+
+Füllenstein.
+Sie sind schon handgemein.
+
+Ottokar.
+Gebt mir den Helm!
+
+Füllenstein.
+Der Gaul von einem Dienstmann
+Des Erzbischofs von Salzburg wurde scheu
+Und riß ihn fort, die andern sprengten nach.
+
+Ottokar (hat den Helm auf und zieht das Schwert).
+Nun denn, mit Gott!
+
+Küster.
+Er segn' Euch, gnäd'ger Herr!
+
+Elisabeth.
+Zu tausendmal! Und führ Euch glücklich heim!
+
+Ottokar.
+Wir wollen hoffen! (Trompeten von außen.) Nun, wir kommen schon!,
+Wo sind die Pferde?
+
+Füllenstein.
+Dort am Gittertor!
+
+Ottokar (gehend).
+Voran!
+
+Elisabeth.
+Gott segn' Eu'r Hoheit. (Zugleich mit dem Küster.) Glück und Heil!
+(Alle ab.)
+
+
+
+-------------------------------------------------------------------
+
+Freie Gegend an der March. Es ist heller Tag.
+
+Kaiser Rudolf mit seinen Söhnen, in Begleitung österreichischer und
+anderer Ritter mit Fahnen, tritt auf.
+
+Rudolf.
+Die Sonne steigt aus Nebeln herrlich auf;
+Es wird ein schöner Tag! Mein Sohn, du trittst
+Zum erstenmal auf österreich'schen Boden,
+Sieh um dich her, du stehst in deinem Land!
+Das Feld, das rings sich breitet, heißet Marchfeld,
+Ein Schlachtfeld, wie sich leicht kein zweites findet,
+Doch auch ein Erntefeld, Gott sei gedankt!
+Und dafür soll es immerdar dir gelten!
+Dort fließt die March; dort, wo noch Nebel ringt,
+Liegt Wien, die Stadt, die Donau blinkt daneben,
+Von vielen Inseln mannigfach geteilt.
+Dort wirst du wohnen, gibt uns Gott den Sieg.
+Doch gilt's zu kämpfen erst, das sollst du auch.
+Die Rennfahn' geb ich dir, die sollst du führen,
+Mir vor sie tragen glorreich durch die Schlacht.
+(Er gibt ihm die Fahne.--Zu seinem jüngeren Sohne.)
+Dein junger Arm führt noch zu schwach den Stahl,
+Du bleibst bei mir, in deines Vaters Hut.
+
+Ihr, Markgraf Hochberg, führt des Reiches Adler;
+Und wie der Adler lebend Wild nur beutet,
+Trefft den, der kämpft, und schonet des, der flieht.
+(Er gibt ihn.)
+Dir, Konrad Haslau, ob schon altergrau,
+Vertrau ich Östreichs flatterndes Panier,
+Das du in zwanzig Schlachten rühmlich trugst.
+Ihr bleibt ihm nah, Herr Heinrich Lichtenstein,
+Und wahrt des Manns und dessen, was er trägt.
+Ha, wohl verwahrt! Sucht' ich nach einem Schützer
+Für dies mein Haupt, ich wüßte keinen bessern
+Als einen Lichtenstein! Wohlan, ihr Herrn,
+Nehmt das Panier und tragt es allen vor;
+Den edlen weißen Strich von Österreich;
+Und wie er glänzend geht durchs rote Feld,
+So will ich sehen Östreichs weiße Zeichen
+Die Gasse ziehn durch blutgefärbte Leichen.
+
+Nun vor, mit Gott! Und: Christus sei der Schlachtruf.
+So wie er starb für uns am blut'gen Holz,
+So wollen wir auch sterben für das Recht,
+Ob auch das Unrecht Güter böt' und Leben.
+Ehrwürd'ger Herr von Basel, geht voran,
+Stimmt uns das Schlachtlied an: Maria, reine Maid!
+
+Diener (kommt).
+Die Königin von Böhmen, gnäd'ger Herr!
+
+Rudolf.
+Wie kommt sie her zu mir?
+
+(Kunigunde und Zawisch auftretend, hinter ihnen wird Berta geführt, mit
+Begleitern, die zurückbleiben.)
+
+Kunigunde.
+Hier bin ich selbst!
+Um Schutz zu flehn, komm ich in Euer Lager.
+
+Rudolf.
+Schutz, edle Frau, bei Eures Gatten Feind?
+
+Kunigunde.
+Weil mir der Feinde grimmigster mein Gatte!
+Er rast, zumeist gen die, so ihm am nächsten,
+Und fliehend nur erhielt ich fast mein Leben.
+
+Rudolf.
+Gar viel Vertraun schenkt Ihr mir, Königin!
+Denn Frauen kenn ich, sonst wohl hohen Muts,
+Die aber lieber tot von Gatten-Hand,
+Als daß sie flöhn zu denen, die ihn töten.
+Doch mögt Ihr immer dort in meinen Zelten
+Des Ausgangs harren, der Euch wohl versöhnt.
+(Zu einem Begleiter.)
+Bringt die erlauchte Frau in Sicherheit!
+
+Kunigunde.
+Ich dank Eu'r Hoheit--Zawisch, kommt mit mir. (Ab.)
+
+Rudolf.
+Ihr, Herr, steht nicht bei Eures Königs Fahnen?
+
+Zawisch.
+Der König hat mich hoch und schwer beleidigt.
+
+Rudolf.
+Beleidigt, Herr? und des gedenkt Ihr jetzt?
+Wo er vielleicht dem Tod entgegengeht?
+Dankt Gott, Herr, daß Ihr nicht mein Untertan,
+Ich wollt' Euch das Kapitel sonst erklären!
+Folgt Eurer Königin, die Euch statt eines Königs.
+(Zawisch ab.)
+
+Rudolf.
+Noch eins, eh' wir zur Schlacht! Ich hab erfahren,
+Daß unter denen, die ich gestern abends
+Zu Rittern schlug, und die ob einer Unbild
+Dem Böhmenkönig abhold, oder sonst,
+Vor allen aus den österreich'schen Landen,
+Ein Bund besteht, ihn in der Schlacht zu suchen,
+Und daß ihn jener töte, der ihn fand:
+Den Bund vernicht ich hier, als euer Kaiser,
+Und jedem untersag ich, Hand zu legen
+An König Ottokar zu dieser Frist;
+Den einz'gen Fall der Notwehr ausgenommen.
+(Zu Seyfried Merenberg, der neben ihm steht.)
+Habt Ihr verstanden, Herr? Und so mit Gott!
+
+Es stürzt einer herein.
+Die Böhmen nahn!
+
+Rudolf.
+Die Österreicher sind schon da!
+Wir werden uns doch wohl nicht fürchten sollen?
+Ein einzler Haufe; schließt euch an, ihr Herrn!
+
+(Herbott von Füllenstein mit einem Haufen.)
+
+Füllenstein (hereinstürzend).
+Wo ist der Kaiser? Nur den Kaiser such ich!
+
+Rudolf.
+Hier ist er, Freund!
+
+Füllenstein.
+Bald heißt es wohl: er war.
+
+Rudolf.
+Das frägt sich noch. Ei, laßt ihn nur, ihr Herrn,
+Das Fechten möcht ich doch nicht ganz verlernen!
+Komm an, mein Freund!
+
+Füllenstein.
+Ihr folgt, und schlagt sie tot!
+(Gefecht. Alle ab.)
+
+
+
+-----------------------------------------------------------------------
+Ein anderer Teil des Schlachtfeldes. Links im Vorgrunde das Ende eines
+Hügels auf die Bühne hereinlaufend, daneben steht ein Baum.
+
+Ottokar kommt, auf einen Knecht gestützt; zwei andere und Milota folgen.
+
+Ottokar.
+Herr Milota, Eu'r Haufe greift nicht an!
+Wo bleiben Eure Mährer, Tod und Teufel?
+Ich fürcht, Ihr seid ein Schurk', Herr Milota!
+Und seid Ihr es, Herr, weil ich Euch vertraut,
+Seid Ihr es zehn- und hundertfach!
+
+Sie haben mir das Pferd erstochen unterm Leib;
+Das Bein schmerzt noch vom unversehrten Sturz.
+Geh hin und such ein Pferd; ich weile hier!
+(Einer ab.)
+Ihr, Milota, jagt hin zu Euren Mährern!
+Doch nein! Bleibt da! Geh du und sag der Nachhut--
+Sie sollen auf den Feind, sonst will ich, Pest! auf sie!
+(Der zweite ab.)
+Seht mir ins Antlitz, Milota! Daß Gott!
+Ihr schaut mit Grimm. Ich hoff, das gilt dem Feind;
+Denn gält' es mir, auf Eurem Todbett, Herr,
+Würd' Euch ein Milota genüber stehn
+Und also schaun in Euer brechend Aug'.
+
+Steigt dort auf jenen Hügel, Herr, und forscht
+Nach Füllenstein und wie das Treffen geht.
+(Milota ab.)
+Du leite mich zu jenem Baume hin,
+Daß ich mich halte, bis ein Pferd zur Hand,
+Und sieh dich um und sag's, wenn Feinde nahn.
+(Er steht am Baume und hält sich mit der Hand an einem niedrigen,
+dürren Zweige.)
+Die Böhmen fechten matt, wie man wohl ficht
+Für einen Ungeliebten, notgedrungen.
+Die Östreichsmänner und die Steirer aber,
+Die sonst nur träg mir ihren Dienst erwiesen,
+In Todesengel scheinen sie verwandelt,
+Und jeder ist ein Held nun wider mich.
+Der Zahltag ist erschienen, und sie zahlen!
+
+Ich hab nicht gut in deiner Welt gehaust,
+Du großer Gott! Wie Sturm und Ungewitter
+Bin ich gezogen über deine Fluren.
+Du aber bist's allein, der stürmen kann,
+Denn du allein kannst heilen, großer Gott.
+Und hab ich auch das Schlimme nicht gewollt,
+Wer war ich, Wurm? daß ich mich unterwand,
+Den Herrn der Welten frevelnd nachzuspielen,
+Durchs Böse suchend einen Weg zum Guten!
+
+Den Menschen, den du hingesetzt zur Lust,
+Ein Zweck, ein Selbst, im Weltall eine Welt--
+Gebaut hast du ihn als ein Wunderwerk,
+Mit hoher Stirn und aufgerichtem Nacken,
+Gekleidet in der Schönheit Feierkleid,
+Und wunderbar mit Wundern ihn umringt.
+Er hört und sieht und fühlt und freut sich.
+Die Speise nimmt er auf in seinen Leib,
+Da treten wirkende Gewalten auf
+Und weben fort und fort mit Fasern und Gefäß
+Und zimmern ihm sein Haus; kein Königsschloß
+Mag sich vergleichen mit dem Menschenleib!
+Ich aber hab sie hin zu Tausenden geworfen,
+Um einer Torheit, eines Einfalls willen,
+Wie man den Kehricht schüttet vor die Tür.
+Und keiner war von den Gebliebnen allen,
+Den seine Mutter nicht, als sie mit Schmerz geboren,
+Mit Lust gedrückt an ihre Nährerbrust,
+Der Vater nicht als seinen Stolz gesegnet
+Und aufgezogen, jahrelang gehütet.
+Wenn er am Finger sich verletzt die Haut,
+Da liefen sie herbei und banden's ein
+Und sahen zu, bis endlich es geheilt.
+Und 's war ein Finger nur, die Haut am Finger!
+Ich aber hab sie schockweis hingeschleudert
+Und starrem Eisen einen Weg gebahnt
+In ihren warmen Leib.--Hast du beschlossen,
+Zu gehen ins Gericht mit Ottokar,
+So triff mich, aber schone meines Volks!
+
+Geblendet war ich, so hab ich gefehlt,
+Mit Willen hab ich Unrecht nicht getan!
+Doch einmal, ja!--und noch einmal: O Gott,
+Ich hab mit Willen Unrecht auch getan!
+
+Es ist nicht Todesfurcht, was so mich reden läßt.
+Der du die Herzen aller kennst,
+Du weißt, ob dieses Herz die Furcht bewegt?
+Doch wenn dich eines Mannes Reu' erfreut,
+Den nicht die Strafe, den sein Unrecht schreckt;
+So sieh mich hier vor deinem Antlitz knien,
+(Er kniet.)
+Und hör mich beten wie ich jetzo bete:
+Geh als ein Gott der Gnade zu Gericht!
+(Er senkt sein Haupt.)
+
+(Seyfried von Merenberg tritt, ganz gerüstet, im Hintergrunde auf.)
+
+Seyfried.
+Ottokar!
+
+Ottokar.
+Wer ruft?
+
+Seyfried (hinten stehenbleibend).
+Wo hast du meinen Vater?
+
+Ottokar (steht auf).
+Wer bist du?--Merenberg!
+
+Seyfried.
+Wo hast du meinen Vater?
+
+Ottokar (dumpf vor sich hin).
+Als Gott den Kain fragte, sagte der:
+Mir hast du ihn zu hüten nicht gegeben!
+
+Seyfried.
+Ich gab ihn dir, ja wohl, mein eigner Unsinn!
+Und jetzt steh ich vor dir, in Stahl gekleidet,
+Und fordr' ihn wieder: gib mir meinen Vater!
+
+Ottokar.
+Du weißt wohl, wo er ist.
+
+Seyfried.
+Wohl weiß ich's: tot!
+
+Ottokar.
+Er büßte, wie Verräter!
+
+Seyfried.
+Er, Verräter!
+Er war dir nur zu treu, dir, mir, der ganzen Welt.
+Um meinen Dienst beim Kaiser wußt' er nicht.
+Der Brief, den er mir gab, enthielt nur Bitten
+Für dein verstoßnes Weib.
+
+Ottokar.
+So hat ihn Gott!
+
+Seyfried.
+Er hat ihn, ja! Empfiehl ihm deine Seele!
+(Stürzt mit dem Schwerte auf ihn los.)
+
+(Emerberg tritt auf.)
+
+Emerberg.
+Seyfried, was tust du?
+
+Seyfried.
+Sieh, er mahnt mit Recht!
+Der Kaiser hat verboten, dich zu töten
+Mit Waffen; doch ich will, ein Basilisk,
+Versuchen, mit den Augen dich zu töten.
+Sieh her nach mir und höre: Merenberg!
+Der Hölle Ruf dereinstens: Merenberg!
+
+Ottokar.
+Gebt Raum, ich muß zu meinem Heer!
+
+Seyfried.
+Du bleibst!
+Du warst mir Lehrer, warst mir Muster, Beispiel,
+Ich habe dich geehrt, wie niemand sonst;
+Der Erde Ruhm ging mir in dir zu Grabe.
+Der Erde Glück in meines Vaters Haupt.
+Gib das Vertrauen mir auf Menschen wieder,
+Den Vater wieder, den ich selbst geliefert,
+Ich selbst in deine Hand. Vorschneller Würger,
+Sieh mir ins Antlitz; es ist Merenbergs.
+Komm, töt ihn noch einmal in seinen Zügen!
+
+Ottokar.
+Schließ deinen Helm, dann sei des Kampfs gewährt.
+
+Seyfried.
+Nicht also! Nein! Ficht, König, mit den Toten!
+Hei, tapfrer Ottokar, mit eins so feig?
+
+(Ottokars Knecht kommt zurück.)
+
+Knecht.
+Herr Milota, zu Hilfe! Feinde! Feinde!
+
+Seyfried (zu Emerberg).
+Halt den zurück! Er muß sich mein erwehren!
+Daß ich dem Kaiser sagen möge: Herr,
+Ich schlug ihn nicht, er selber fiel mich an;
+Den Fall der Notwehr habt Ihr ausgenommen!
+(Emerberg ficht mit demKnecht.)
+
+Knecht.
+Herr Milota!
+
+Emerberg.
+Entweich!
+
+Knecht.
+Ach Gott! ach Gott!
+(Er fällt getroffen zu des Königs Füßen.)
+
+Ottokar (sein Schwert aufnehmend).
+So sei's!
+(Milota kommt.)
+He, Milota, hilf deinem König!
+
+Seyfried.
+Freund oder Feind?
+
+Milota.
+Nicht euer Feind, ihr Herrn!
+Geht hier der Weg nach Mähren?
+
+Ottokar.
+Milota!
+
+Milota.
+Mein Bruder, Benesch Diedicz, läßt Euch grüßen,
+Er ist gestorben als ein Sinnberaubter,
+Und Muhme Berta rast an seinem Sarg.
+Gebt Raum, ihr Herrn! Glück auf! ich stör euch nicht.
+(Geht in seinen Mantel gehüllt vorüber und ab.)
+
+Ottokar.
+Verläßt du mich, und kann ich dich nicht schelten?
+Und doch war ich dein Herr, drum Schurke du auf ewig!
+
+Seyfried.
+Gib dich!
+
+Ottokar.
+Vermeinst du Ottokarn zu fangen?
+Es gilt zu fechten! (Er tritt hart auf den verletzten Fuß.)Trage, Fuß!
+Jetzt ist nicht Zeit zu schmerzen! Ihr, gebt Raum!
+
+Emerberg.
+Du bist verloren, sieh, die Deinen fliehn!
+(Fliehende Böhmen bedecken den Hintergrund.)
+
+Ottokar.
+Du lügst, kein Böhme flieht! Zu ihnen! Fort!
+
+Beide (mit vorgehaltenen Schwertern).
+Du bleibst!
+
+(Heinrich von Lichtenstein tritt mit einer Schar verfolgend im Mittelgrunde
+auf und eilt nach hinten, das Banner von Östreich in der Hand.)
+
+Lichtenstein.
+Die Feinde fliehn! Hoch Österreich!
+
+Ottokar.
+Steht, Memmen, steht!--Und ihr gebt Raum.
+
+Seyfried.
+Im Grabe.
+Sonst nicht!
+
+Ottokar (einen Hieb führend).
+Hier Böhmen!
+
+Seyfried (ebenso).
+Und hier Österreich!
+
+Ottokar (mit einem neuen Hiebe).
+Hier Ottokar!
+
+Seyfried.
+Hier Merenberg und Gott!
+(Er haut ihn nieder.)
+
+(Ottokar stürzt nieder, rafft sich schnell wieder auf, taumelt einige
+Schritte und fällt dann tot neben der Hügelerhöhung hin.)
+
+Emerberg.
+Was tatst du? Das Gebot verletzt des Kaisers!
+(Merenberg steht, die Hände hinabgesunken, unbeweglich da.)
+
+Heinrich von Lichtenstein (kommt zurück).
+Sieg, Sieg! Die Feinde fliehn! Hoch, Österreich!
+
+(Rudolf tritt auf mit Gefolge.)
+
+Rudolf.
+Halt ein mit Töten! Schont der Überwundnen!
+Was ist hier? Was hat dich zu Eis verwandelt?
+Ha, Ottokar, am Boden, blutend, tot!
+Du hast's getan! Flieh, wie der erste Mörder,
+Und laß dich nimmer sehn vor meinem Blick!
+(Merenberg entflieht.)
+Die Böhmen sollen ruhig heimwärts ziehn,
+Für den sie stritten, ruft es aus!, ist tot.
+
+Frau Elisabeth (hinter der Szene).
+Gewalt, Gewalt!
+
+Rudolf.
+Wer ruft?
+
+Elisabeth (kommt und wirft sich dem Kaiser zu Füßen).
+Ach, gnäd'ger Kaiser!
+Sie plündern drin im Haus, sie zünden an
+Und gönnen selbst den Toten nicht die Ruh'!
+Ach, schützt uns, Herr!
+
+Rudolf.
+Man soll zu Hilfe sehn! Wer bist du?
+
+Elisabeth.
+Ach, der Königin Margrethe
+Von Österreich getreue Kämmerin,
+Und die dort tragen meiner Frauen Leiche.
+
+(Vier Männer, von schwarzgekleideten Frauen begleitet, tragen den Sarg
+herein.)
+
+Rudolf.
+Sieh dort die Leiche deines Herrn!
+
+Elisabeth.
+Ach Gott!
+So starb er! Grade da er sanft geworden!
+Du armer Herr! Setzt hin dort unsre Leiche,
+So liegen sie im Tode doch vereint.
+(Der Sarg wird auf eine Erhöhung zu Ottokars Häupten gesetzt.)
+
+(Kunigunde kommt, hinter ihr Zawisch und Berta.)
+
+Kunigunde.
+Der König ist gefangen, wird gesagt.
+
+Rudolf.
+Hier, Weib, hier liegt dein Mann!
+
+(Kunigunde sinkt mit einem Ausruf bebend in die Kniee. Zawisch steht
+mit gesenktem Haupte.)
+
+Rudolf (fortfahrend).
+Zu seines Weibes Füßen,
+Denn daß sie's blieb, hat sie im Tod erprobt.
+
+Berta (ist hinter dem Sarge auf die Erhöhung getreten und lehnt mit
+dem Ellenbogen darauf, jetzt pocht sie an den Sarg und sagt:)
+Mach auf, Margrethe, sieh, dein Mann ist da!
+
+(Mit mehreren Gefangenen ist der Kanzler hereingebracht worden,
+er stürzt hin.)
+
+Kanzler.
+O Herr! Du mein verirrter, wackrer Herr!
+(Er nimmt Ottokars Haupt in seinen Schoß.)
+
+Rudolf.
+So liegst du nackt und schmucklos, großer König,
+Das Haupt gelegt in deines Dieners Schoß,
+Und ist von deinem Prunk und Reichtum allen
+Nicht eine arme Decke dir geblieben,
+Als Leichentuch zu hüllen deinen Leib.
+Den Kaisermantel, dem du nachgestrebt,
+Ich nehm ihn ab und breit ihn über dich,
+(er tut es)
+Daß als ein Kaiser du begraben werdest,
+Der du gestorben wie ein Bettler bist.
+
+Bringt ihn nach Laa und stellt ihn fürstlich aus,
+Bis man ihn holt zur Ruhstatt seiner Ahnen.
+(Er entblößt das Haupt und betet still, die andern tun dasselbe.
+Kunigunde verhüllt sich, Zawisch blickt starr vor sich. Pause.)
+
+Berta (noch immer auf den Sargdeckel gelehnt).
+Und vergib uns, als auch wir vergeben!
+Und führ uns nicht in Versuchung!
+
+Rudolf.
+Nicht führ' uns in Versuchung, großer Gott!
+
+Und nun, mein Sohn, im Angesicht der Leiche,
+Vor diesem Toten, der ein König war,
+Belehn ich dich mit Östreichs weitem Erbe.
+(Auf seinen Wink knieen seine beiden Söhne nieder. Er spricht immer
+vorzugsweise zu dem ältern.)
+Sei groß und stark, vermehre dein Geschlecht,
+Daß es sich breite in der Erde Fernen
+Und Habsburgs Name glänze bei den Sternen!
+Du steh in allem deinem Bruder bei!
+Doch solltet ihr je übermütig werden,
+Mit Stolz erheben euren Herrscherblick,
+So denkt an den Gewaltigen zurück,
+Der jetzt nur fiel in Gottes strenge Hände,
+An Ottokar, sein Glück und an sein Ende!
+
+Steh auf! und du! Und niemals kniee wieder,
+Ich grüße dich als dieses Landes Herrn.
+Und ihr auch grüßt ihn, laßt es laut erschallen,
+Daß weit es sich verbreite, donnergleich:
+Dem ersten Habsburg Heil in Österreich!
+
+Alle.
+Heil! Heil!--Hoch Österreich!--Habsburg für immer!
+
+(Indem alle unter Trompeten und Jubelgeschrei niederknieen, um die
+Huldigung zu leisten, fällt der Vorhang.)
+
+Ende.
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes König Ottokars Glück und Ende,
+von Franz Grillparzer.
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Koenig Ottokars Glueck und Ende
+by Franz Grillparzer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK KOENIG OTTOKARS GLUECK UND ENDE ***
+
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+Produced by Mike Pullen and Delphine Lettau.
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+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
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+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
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+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
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+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
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+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
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+Please feel free to ask to check the status of your state.
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+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
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+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
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+requirements for other states are met, additions to this list will be
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+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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