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+The Project Gutenberg EBook of Der Streit Ueber Die Tragoedie, by Theodor Lipps
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+Title: Der Streit Ueber Die Tragoedie
+
+Author: Theodor Lipps
+
+Release Date: June, 2005 [EBook #8375]
+[This file was first posted on July 4, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER STREIT UEBER DIE TRAGOEDIE ***
+
+
+
+
+E-text prepared by Carlo Traverso, Thomas Berger, and the Online Distributed
+Proofreading Team
+
+
+
+DER STREIT ÜBER DIE TRAGÖDIE
+
+von
+
+THEODOR LIPPS
+
+Professor der Philosophie in Breslau.
+
+
+
+
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+
+
+Inhalt.
+
+Einleitung.
+Die "Resignation" des tragischen Helden.
+Die "poetische Gerechtigkeit".
+Schuld und "Strafe".
+Die "sittliche Weltordnung".
+Das Ende der "poetischen Gerechtigkeit".
+Die "vorübergehende Schmerzempfindung".
+Das Mitleid.
+Genaueres über die Bedeutung des Leidens.
+Die Bestrafung der Bösen und die Macht des Guten.
+Zwei Gattungen der Tragödie.
+Tragödie und ernstes Schauspiel.
+Die poetische Motivierung.
+Der Untergang des Helden.
+Schluß.
+
+
+
+
+
+EINLEITUNG.
+
+So wenig wie die künstlerische Thätigkeit, ebenso wenig ist auch unser
+Kunstgenuß bedingt durch die verständesmäßige Einsicht in die Gründe,
+auf denen die Wirkung des Kunstwerkes beruht. Und es ist gut, daß es
+sich so verhält. Wäre es anders, aller Kunstgenuß geriete ins Schwanken.
+Vor allem dürfte kein tragisches Kunstwerk auf eine sichere und bei
+allen gleichartige Wirkung rechnen. So groß ist die Unsicherheit und
+Gegensätzlichkeit der Anschauungen über den "Grund unseres Vergnügens
+an tragischen Gegenständen."
+
+Die verstandesmäßige Einsicht bedingt nicht den Kunstgenuß. Aber die
+_vermeintliche_ Einsicht, die _falsche Theorie_ vermag ihn empfindlich zu
+_schädigen_. Nicht bei solchen, die die Theorie haben, aber klug genug
+sind, von ihr angesichts des Kunstwerkes keinen Gebrauch zu machen; die
+sich zu Hause an ihrer Theorie der Tragödie, im Theater an der Tragödie
+erfreuen. Sie schaffen sich nur einen doppelten Genuß. Für sie ist die
+Theorie ein Luxus, den man ihnen wohl gönnen mag. Wohl aber muß die
+falsche Theorie Schaden stiften bei denjenigen, die damit praktisch Ernst
+machen. Sie suchen, durch die Theorie verleitet, im Kunstwerk, was die
+Theorie vorschreibt, und finden natürlich, was sie suchen. Und sie
+übersehen mit ihrem durch die Theorie mißleiteten Blick, was das
+Kunstwerk bieten will und bietet.
+
+Vielleicht beruht die falsche Theorie immerhin auf ästhetischem Boden;
+sie ist hervorgegangen aus oberflächlicher und einseitiger Betrachtung
+des Kunstwerkes. Dies ist der bei weitem günstigere Fall. Schlimmer ist
+es, wenn eine der Kunst fremde Theorie, eine Welt- oder Lebensauffassung,
+wie sie der "Philosoph" aus der Betrachtung der Wirklichkeit gewonnen
+oder in seinen Mußestunden erträumt hat, dem Kunstwerk untergeschoben,
+und dies zum Mittel gemacht wird, jene Welt- oder Lebensauffassung zu
+verkündigen oder zu bestätigen.
+
+
+
+
+DIE "RESIGNATION" DES TRAGISCHEN HELDEN.
+
+Es giebt eine Weltanschauung, die, ausgehend von der Betrachtung des
+Leides in der Welt, zur Überzeugung gelangt, daß es besser wäre, die
+Welt wäre nicht. Das Leid in der Welt fordere eine _Erlösung_. Diese
+sei gegeben in der Abkehr vom Leben, der Preisgabe des Daseins, der
+"Weltüberwindung" in diesem Sinne. Im Aufhören des Daseins, im Nichtsein
+also, sei die Disharmonie der Welt in "Harmonie" aufgelöst; hier sei
+"Ruhe, Versöhnung, Frieden".
+
+Lassen wir dahingestellt, wie der Verkündiger dieser "pessimistischen"
+Weltanschauung seine Lehre zu beweisen gedenkt. Nur dies interessiert uns
+hier einigermaßen, wie er die sonderbare Vorstellung rechtfertigen will,
+daß das Individuum nach Preisgabe seines Daseins, daß also das nicht mehr
+existierende Individuum, doch noch von eben dieser Nichtexistenz etwas
+_habe_; daß es, obgleich nicht mehr empfindend, doch sein Nichtsein als
+Harmonie, Versöhnung, Ruhe, kurz irgendwie befriedigend empfinde. Denn
+die Befriedigung, die ich nicht empfinde, ist ja doch für mich keine
+Befriedigung, so sehr sie es für einen anderen sein mag; Erlösung,
+Versöhnung, Harmonie, das alles sind Worte, die auf das nicht mehr
+existierende also auch nicht mehr empfindende Individuum angewandt völlig
+ihren Sinn verlieren. Was, frage ich, veranlaßt den Vertreter jener
+Theorie trotzdem mit diesen Worten zu spielen, statt überall das so klare
+und viel einfachere Wort "Nichts" an die Stelle zu setzen.
+
+Das Spiel ist ja allzuleicht zu durchschauen. Ruhe ist ein doppelsinniges
+Wort. Ruhe ist Abwesenheit der Bewegung, Mangel des Lebens, also Tod,
+Starrheit, gleichförmiges Einerlei. Solcher Ruhe "erfreut" sich der Stein
+gegenüber der Pflanze, die durch Entziehung der Wärme erstarrte Natur
+gegenüber der lebendigen. Ein ander Mal ist "Ruhe" gleichbedeutend mit
+"_Ausruhen_". Solches Ausruhen ist nicht Mangel des Lebens, sondern
+ungestörter Ablauf desselben; nicht aufgehobene Bewegung, sondern
+ungetrübtes Gleichmaß vorhandener Bewegung. Jene Ruhe hat nichts
+Erfreuliches; mit Bewegung und Leben ist ja auch das Fühlen aufgehoben.
+Diese schließt eine eigene und beglückende Art des Lebens- und
+Selbstgefühls in sich. Nur wenn man mit logischer Taschenspielerkunst
+jenem negativen Begriff der Ruhe diesen positiven Begriff unterschiebt,
+kann man auch jenen mit scheinbarem positivem Inhalte erfüllen.
+
+Noch schlimmer steht es mit den anderen, an Stelle des "Nichts" gesetzten
+Begriffen. Aufgehobene Disharmonie ist nicht ohne weiteres Harmonie, sie
+ist an sich bloß nicht vorhandene Disharmonie, Leere, ein Nichts an
+Stelle der Disharmonie. Nicht, wo nichts mehr erklingt, sondern wo Klänge
+ungestört zusammenklingen, ist Harmonie. Und solche Harmonie muß da sein,
+wo Disharmonie in Harmonie "_aufgelöst_" werden soll. Ohne die
+nachfolgende Harmonie ist die "Auflösung" ein leeres Wort, eine
+sonderbare Erschleichung.--Und nicht anders ist es mit dem "Frieden", der
+"Versöhnung". Ich frage, ist es recht, solchen Begriffsbetrug zu üben?
+Oder wie glaubt man dergleichen logischen Leichtsinn verantworten zu
+können?
+
+Jener "Weltanschauung" aber soll nun auch die Tragödie zur Bestätigung
+dienen. Wir erfahren: in der Tragödie vollziehe der Held die Abwendung
+vom Dasein und Leben; daraus gewinne der Zuschauer den Trost, daß auch
+ihm ein Gleiches zu thun offen stehe. Die Tragödie erschließe so dem
+Geiste "seine wahre Heimat und die Aussicht auf den stillen Hafen hinter
+der sturmbewegten See des Lebens."
+
+Hier haben wir zunächst neue Worte an Stelle des "Nichts". Schade, daß
+sie, so poetisch auch immer, und so wohlgeeignet die Leere des Nichts
+gefällig zu verschleiern, doch auch nicht das Nichts in ein Etwas, wohl
+gar in ein beglückendes Etwas zu verwandeln vermögen. Man könnte meinen,
+trotz der schönen Worte bleibe der Gedanke an jene Leere vielmehr der
+erschrecklichsten einer, und jene "trostreiche" Aussicht sei alles eher
+als trostreich.
+
+Doch streiten wir darüber nicht.--Der _Zuschauer_ soll jenen trostreichen
+Gedanken haben. Gemeint kann aber doch wohl nur der Zuschauer sein, der
+an die pessimistische Lehre glaubt, und auch der nur unter der
+Voraussetzung, daß er im Trauerspiel, das ja von allerlei redet, nur
+nicht von ihm und seinen persönlichen und realen Interessen, noch die
+Zeit findet, zu diesen Interessen abzuschweifen. Oder wo pflegen
+Tragödien von Zuschauern und ihren Wünschen und Aussichten zu handeln?
+Welche Tragödie fällt so aus der Rolle?
+
+Ich fürchte nicht, daß man den Sinn und die Bedeutung dieser Frage
+verkenne. Die Fabel mag ausdrücklich enden mit dem "Fabula docet", der
+Nutzanwendung, die sich an den Leser oder Hörer wendet; das Gleichnis mag
+sagen: "Gehe hin und thue desgleichen". Und wenn sie es nicht
+ausdrücklich thun, so sollen wir doch die Lehre oder Nutzanwendung aus
+ihnen ziehen. Beide sind eben Belehrungen in künstlerischer Form, nicht
+reine Kunstwerke. Dagegen will das reine Kunstwerk nicht belehren, am
+wenigsten über unsere "Aussichten". Oder was würde man sagen, wenn jemand
+aus dem Lustspiel, in dem der Held durchs große Loos aus materieller Not
+befreit wird, den tröstlichen Gedanken zöge, daß auch ihm dergleichen
+begegnen könne. Was würde man sagen, wenn er uns gar erklärte, dieser
+tröstliche Gedanke sei eben der Grund und eigentliche Inhalt seines
+Kunstgenusses? Nun, genau dasselbe muß man von demjenigen sagen, der den
+Genuß am tragischen Kunstwerk auf irgend welche trostreiche Aussicht
+gründet, die er für sich daraus zieht.
+
+Das darstellende Kunstwerk will wirken durch das, was es darstellt, durch
+die Gestalten, die es uns vorführt, und das, was diese Gestalten
+innerhalb des Kunstwerkes,--nicht irgend jemand sonst, am wenigsten wir
+selbst, _außerhalb_ desselben,--sind und denken, thun und erleiden. In
+die Gestalten, in ihr Denken, Thun und Leiden sollen wir uns in unserer
+Phantasie hineinversetzen und unser reales Ich mit seinen Wünschen und
+Aussichten, und damit zugleich die ganze sonstige Welt der Wirklichkeit
+nicht hineinmengen, sondern vergessen. Die Welt des darstellenden
+Kunstwerkes ist nicht eine wirkliche, sondern eben eine dargestellte;
+eine Welt der bloßen Vorstellung, der Phantasie, des Scheins. Sie ist
+jedesmal eine Welt für sich, von der Welt, in der wir existieren, durch
+eine absolute Kluft getrennt. Diese Welt und sie allein geht uns an, wenn
+wir uns dem Kunstwerk hingeben; aus ihr allein können wir schöpfen, was
+wir aus dem Kunstwerke schöpfen wollen.
+
+Es besteht aber gerade das Besondere des darstellenden Kunstwerkes,
+dasjenige, was es vor dem Schönen der Wirklichkeit jederzeit voraus hat,
+darin, daß es eine solche Welt für sich bildet, aller wirklichen Welt
+transcendent, völlig losgelöst von unseren Wirklichkeitsinteressen; es
+ist das Auszeichnende des Genusses am darstellenden Kunstwerke, daß das
+Schöne in ihm zur Geltung kommt und wirkt, wie es an sich ist, genossen
+wird in dem Werte, den es an sich hat, nur verflochten in die
+Beziehungen, in die es im Kunstwerke verflochten erscheint.
+
+Dagegen hebt jede Einmischung eines Gedankens, der sich auf das bezieht,
+was außerhalb des Kunstwerkes liegt, jede Herzubringung eines Interesses
+außer dem Interesse am Kunstwerk selbst und seinem Inhalte das
+eigentliche Wesen des Kunstwerkes auf. Die Vermengung ist nicht klüger
+als die von Traum und Wirklichkeit, der Versuch vor allem, "trostreiche"
+Gedanken für die Wirklichkeit aus dem Kunstwerke zu ziehen, nicht
+geistreicher als der Versuch, das Kapital, das man im Traume gewonnen, im
+wachen Leben auf Zinsen zu legen.
+
+Doch weiter. Aus gewissen _Bedingungen_ folgt jedesmal in der Tragödie
+das Preisgeben des Daseins seitens des Helden. Er wendet sich vom
+Leben--wenn er es thut--nicht auf Grund einer philosophischen Reflexion
+über die Vortrefflichkeit der Nichtexistenz, sondern weil ein großes
+Leid, ein unlösbarer Konflikt über ihn hereingebrochen ist. Warum dies?
+
+Man sagt uns, der Held müsse durch die Unlösbarkeit des Konfliktes erst
+dazu gebracht werden, die Welt zu überwinden, die instinktive Todesfurcht
+abzuschütteln, das Nichtsein begehrenswert zu finden. Wie ihm das Leiden,
+so solle uns der Anblick des Leidens die Vortrefflichkeit des Nichtseins
+im Vergleich zu den Leiden des Daseins zum Bewußtsein bringen. Auch sei
+die Preisgabe des Lebens für den Helden erst auf Grund der Unlösbarkeit
+des Konfliktes _verzeihlich_. Denn von Hause aus habe der Einzelne die
+Pflicht sich dem Leben und seinen Aufgaben zu erhalten, obgleich diese
+Aufgaben zuletzt auf nichts anderes hinauslaufen, als darauf, auch die
+übrige Welt zur Abkehr vom Leben reif zu machen.
+
+Aber ist damit nicht die ganze "tröstliche Aussicht" wiederum illusorisch
+gemacht? Angenommen der Held entschlösse sich zur Preisgabe des Daseins
+_ohne_ besondere Veranlassung, etwa unter Recitation einiger
+"Lichtstrahlen" aus pessimistischen Werken. Dann könnten wir vielleicht
+aus seinem Verhalten die tröstliche Zuversicht gewinnen, daß auch uns,
+denen einstweilen die besondere Veranlassung fehlt, ein gleiches
+Verhalten möglich sei. Wie aber, wenn das Gegenteil dieser Annahme
+stattfindet?
+
+Daß die Veranlassung zur Preisgabe des Daseins beim Helden der Tragödie
+eine besondere, daß die Bedingungen seines Unterganges außerordentliche
+zu sein pflegen, das tut ja doch wohl keine Frage. Man hat sogar diese
+Besonderheit oder Außerordentlichkeit über Gebühr gesteigert. Der
+tragische Konflikt, sagte man, setze jederzeit eine "Überhebung" seitens
+des Helden voraus. Dies bezweifle ich. Ich wüßte wenigstens nicht, worin
+die Überhebung einer EMILIA GALOTTI bestehen sollte. Aber lassen wir
+diesen Punkt hier noch unentschieden. Uns genügt, daß unter Voraussetzung
+gewisser, nicht alltäglicher Bedingungen, und nur unter Voraussetzung
+derselben, der tragische Held sich vom Leben abzuwenden pflegt.
+
+Diese Bedingungen müssen gewiß, so wenig alltäglich immer, mögliche und
+naturgemäße, sie müssen "_normale_" Bedingungen sein. Ob sie dagegen
+irgend einmal wirklich waren, oder größere oder geringere Aussicht haben,
+wirklich zu werden, hat wiederum mit dem Kunstwerke nichts zu thun.
+Angenommen aber, wir können es nun einmal nicht lassen, in die
+Phantasiewelt des Kunstwerkes die wirkliche Welt hineinzumengen,
+insbesondere Nutzanwendungen auf uns selbst zu machen. Dann ist zum
+mindesten gefordert, daß die Nutzanwendung dem entspreche, woraus sie
+gezogen ist. Nun liegt im Gedanken, daß wir können, was der Held kann,
+ein Vergleich des Helden mit uns. Dieser Vergleich hat, wie bei
+Vergleichen üblich, auch seine Kehrseite. Der unlösbare Konflikt besteht
+jetzt für uns nicht. Wir müssen auch die Möglichkeit, bzw. die größere
+oder geringere Wahrscheinlichkeit zugeben, daß die Bedingungen, die ihn
+notwendig herbeiführen, für uns nicht eintreten werden. Natürlich muß
+dieser Gedanke unsere "tröstliche Zuversicht" stören. Die Möglichkeit
+oder Wahrscheinlichkeit, daß wir nie in eine Lage kommen werden, in der
+die Abwendung vom Leben auch für uns unvermeidlich und darum verzeihlich
+wäre, die uns zugleich von der "instinktiven Todesfurcht" befreite, so
+daß wir das Nichtsein dem Dasein auch praktisch vorziehen könnten, diese
+Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit muß uns sogar mit umso größerem
+Schmerz und Neid erfüllen, je tröstlicher jene "tröstliche Aussicht" für
+uns sein würde.
+
+Daran ändert auch die Behauptung nichts, daß in jedem Menschen Konflikte
+"ruhen", die ihrer Natur nach unversöhnlich sind, und daß es nur der
+Zufälligkeit der Verhältnisse zu danken sei, wenn sie nicht zum Ausbruch
+kommen. Denn die ruhenden, nicht aufgebrochenen Konflikte, das sind eben
+doch Konflikte, die thatsächlich nicht bestehen. Vielleicht brechen sie
+einmal aus. Aber die Unsicherheit, ob sie ausbrechen werden, ob wir also
+Aussicht haben, es dem Helden einmal nachmachen zu können oder nicht, das
+Hangen und Bangen zwischen dieser Aussicht und der gänzlichen
+Aussichtslosigkeit muß uns in einen Zustand marternder Unruhe versetzen,
+der erst recht das Gegenteil ist von der erhebenden Wirkung des
+tragischen Kunstwerks.
+
+Lassen wir auch diesen Punkt. Wenn wenigstens die Voraussetzung dieser
+wunderbaren Theorie zuträfe; wenn wenigstens der Held der Tragödie
+wirklich überall resigniert vom Leben sich abkehrte. Thatsächlich ist ja
+auch dies nicht der Fall. Oder wo ist in ANTIGONEs herzzerreißender
+Klage, daß sie das Leben verlassen müsse, diese Abkehr? Wo ist die
+Resignation, das Abschütteln der Todesfurcht, das Wegwerfen des Daseins
+als eitel und wertlos? Was kann es auch nur für einen Sinn haben, von ihr
+zu behaupten, daß sie das Nichtsein den Leiden des Daseins vorziehe, da
+ja bei ihr vielmehr das ganze Leiden in der bitteren Notwendigkeit des
+Sterbens _besteht_?--Wo finden wir die Resignation selbst bei einem
+MACBETH oder RICHARD III.?
+
+Freilich, daß solche Ausnahmen sich finden, daß nicht in allen Tragödien
+der Held zur Resignation gelange, dies wird ausdrücklich zugestanden. Die
+Resignation, sagt man uns, bleibe eben in solchen Fällen der Reflexion
+des Zuschauers überlassen. Aber damit ist doch wohl zugleich ausdrücklich
+zugestanden, daß die tröstliche Aussicht, in welcher der eigentliche Sinn
+der Tragödie bestehen sollte, ganz außerhalb des Kunstwerkes steht, und
+lediglich dem Zuschauer zur Last fällt, der den Dichter ergänzt oder
+korrigiert, wie es ihm eben beliebt. Giebt die thatsächliche Resignation
+des Helden uns das Bewußtsein, daß wir unter gleichen Umständen derselben
+Resignation fähig sein würden, dann muß ebenso sicher der Mangel der
+Resignation, der ja auch im Kunstwerk wohl motiviert ist, die Überzeugung
+in uns wecken, daß wir unter gleichen Umständen ebenso unresigniert sein
+würden. Gewinnen wir trotzdem auch im letzteren Falle die Zuversicht
+unserer eigenen Resignationsfähigkeit, so gelangen wir dazu auf unsere
+eigenen Kosten und dem Kunstwerk zum Trotz. Wir können dann ebensowohl
+aus jeder beliebigen Komödie die gleiche Zuversicht schöpfen. Das
+Kunstwerk ist schließlich gänzlich gleichgiltig geworden. "Reflexionen"
+können wir ja jederzeit anstellen, welche wir wollen.
+
+Fassen wir alles zusammen, so leuchtet ein, worin für die Theorie in
+Wahrheit der Genuß des tragischen Kunstwerkes besteht. Man geht ins
+Theater, um sich seiner glücklich gewonnenen Weltanschauung zu freuen.
+Stimmt damit das aufgeführte Stück überein oder läßt es sich so umdeuten,
+daß es damit übereinzustimmen scheint, dann freut man sich auch an dieser
+wirklichen oder vermeintlichen _Übereinstimmung_. Will das Stück sich
+durchaus nicht der Weltanschauung fügen, nun, dann läßt man das Kunstwerk
+Kunstwerk sein und begnügt sich mit der Freude an seiner eigenen
+Weisheit.
+
+Das tragische Kunstwerk ist eben, so wenig wie irgendwelches Kunstwerk,
+dazu da Weltanschauungen zu predigen oder zu bestätigen, pessimistische
+so wenig wie optimistische. "Aber der Dichter muß doch irgend eine
+Weltanschauung haben, und die muß in seinem Werke zu Tage treten. Und nur
+der wird das Kunstwerk recht verstehen, der sich auf den Boden dieser
+Weltanschauung stellt."--Ich frage: Warum dies alles? Mag der Dichter als
+Mensch, sozusagen für seinen Privatgebrauch eine Weltanschauung haben.
+Als Dichter bedarf er keiner solchen, es sei denn, daß es ihm darauf
+ankommt in seinen Gestalten einen Kampf der Weltanschauungen zur
+Darstellung zu bringen. Im übrigen wird er sogar gut thun, seine
+Weltanschauung möglichst für sich zu behalten. Was er in jedem Falle
+braucht, ist Kenntnis der Welt und des in ihr Möglichen; Verständnis für
+das, was in der Welt ist und auf das menschliche Gemüt zu wirken vermag;
+Beherrschung der Sprache, in der die Erscheinungen in der Welt ihren Sinn
+und Inhalt zu offenbaren pflegen. Will man dies Weltanschauung nennen, so
+ist es doch nicht Weltanschauung in dem hier vorausgesetzten
+philosophischen Sinne des Wortes.
+
+So haben denn auch große Dichter keine oder eine sehr schwankende
+"Weltanschauung" gehabt, und hatten sie eine, so hüteten sie sich das
+Kunstwerk zur Darlegung und Anpreisung dieser Weltanschauung zu
+mißbrauchen.
+
+Nur in einem Sinne, außer dem eben zugestandenen, muß der Dichter und
+jeder Künstler als solcher Weltanschauung haben und geben, wenn nämlich
+unter "Welt" die Welt des Kunstwerkes verstanden wird. Diese Welt ist
+seine Welt und diese Welt allerdings muß ihm, indem er sie schafft,
+Gegenstand einer klaren, einheitlichen und von innerer Wahrheit erfüllten
+Anschauung sein. Eben diese "Weltanschauung" soll dann gewiß auch der
+Betrachter gewinnen.
+
+
+
+
+DIE "POETISCHE GERECHTIGKEIT".
+
+Ich sagte schon, daß das tragische Kunstwerk, wie keine pessimistische,
+so auch keine _optimistische_ Weltanschauung predige. Es hat mit beiden
+gleich viel oder gleich wenig zu thun. Es giebt aber eine Theorie der
+Tragödie, die optimistisch genannt werden kann, auch wohl sich selbst so
+nennt und die das tragische Kunstwerk, wenngleich in anderer Weise, darum
+doch nicht minder verfälscht als die besprochene pessimistische. Die
+gemeinte Theorie fordert, daß das Übel, das dem Helden widerfährt,
+insbesondere sein schließlicher Untergang, als "Strafe" des Bösen, als
+"Sühne" für eine "Verschuldung" erscheine. Sie kennt eine überall in der
+Tragödie waltende "poetische Gerechtigkeit". Daß es eine solche
+Gerechtigkeit in der Welt gebe, daß alle Schuld sich auf Erden räche,
+dies soll der erhebende Gedanke sein, den das Trauerspiel vergegenwärtige
+und in dessen Vergegenwärtigung sein eigentlicher Sinn bestehe.
+
+Wir fragen zunächst: _Besteht_ denn, wirklich jene Gerechtigkeit in der
+Welt, rächt sich wirklich alle Schuld auf Erden? Soviel wir wissen,
+nicht. Schuldige und Unschuldige gehen unter: Unschuldige und Schuldige
+bleiben erhalten und freuen sich ihres Daseins. Die Besten empfinden mit
+tiefem, vielleicht vernichtendem Schmerze, was die Bösen, die
+Oberflächlichen, die sittlich Stumpfen gleichgiltig oder mit lächelndem
+Achselzucken ansehen. Darnach ist es ein unwahrer Gedanke, den die
+Tragödie vergegenwärtigt oder es ist unwahr, daß ihn die Tragödie
+vergegenwärtigt.
+
+Die Tragödie vergegenwärtigt den Gedanken nicht. Die Tragödie
+vergegenwärtigt überhaupt keine allgemeine Gedanken. Sie vergegenwärtigt
+nur sich selbst. MACBETHs, RICHARDs III. Schuld rächt sich; vielleicht,
+obgleich wir dies einstweilen bezweifeln, auch die der ANTIGONE,
+CORDELIA, OPHELIA. Aber diese Gestalten gehören, soviel ich sehe, nicht
+der "Erde" an, sondern der Tragödie; nicht auf Erden, sondern in der Welt
+der Phantasie, in der wir leben, wenn wir die Gestalten sehen, rächt sich
+ihre Schuld. Und daß sie sich rächt, das ist kein Gedanke, sondern eine
+Thatsache, die wir vor unseren Augen erleben. Nicht dazu ist die Tragödie
+da, damit wir Gedanken vollziehen, sondern damit wir etwas erleben und
+davon ergriffen sind.
+
+Doch damit ist die Theorie nicht beseitigt. Den "Gedanken" sind wir los
+und damit die "Weltanschauung", die in dem Glauben an jenen Gedanken
+besteht, und damit ist viel gewonnen. Aber das Erlebnis, der einzelne
+Fall der poetischen Gerechtigkeit, den uns die Tragödie vorführt, bleibt
+bestehen oder scheint bestehen zu bleiben. Und damit bliebe für uns das
+Wesentliche. Mag der "Gedanke" oder die "Weltanschauung" wahr sein oder
+falsch, uns genügte der einzelne Fall, wie er auf der Bühne uns
+entgegentritt. In der Welt der Wirklichkeit braucht ein solcher Fall nur
+_möglich_ zu sein. Ist er zugleich auf der Bühne wirklich und beruht
+darauf die Wirkung der Tragödie, so hört unser weiterer Widerspruch gegen
+die Theorie auf.
+
+Aber hier drängt sich sofort ein anderer naheliegender Einwand auf. Es
+giebt außer der Tragödie andere tragische Kunstwerke. Man sollte meinen,
+was den Sinn der Tragödie ausmache, müsse in irgend einer Weise auch in
+sonstigen tragischen Kunstwerken vergegenwärtigt sein. Wiefern aber
+leidet der LAOKOON des plastischen Bildwerks zur Strafe für eine Schuld?
+Wo ist da die poetische, oder wie es hier wohl heißen müßte, "plastische"
+Gerechtigkeit? Ich sehe das Leiden deutlich genug, aber woran sehe ich,
+daß ihm eine Schuld voranging? Der LAOKOON des _Dichters_ mag für eine
+Schuld leiden, obgleich ich nicht weiß, worin sie bestehen sollte. Aber
+der LAOKOON des Dichters ist nun einmal nicht der plastische.
+
+Dieser Thatbestand für sich allein hätte genügen müssen, die Schuld- und
+Straftheorie, oder die Theorie der "poetischen Gerechtigkeit" zu Falle zu
+bringen. Doch so eingewurzelte Theorien sind nicht so leicht zu fällen.
+Vielleicht hilft man sich mit der Bemerkung, die gemeinsame Bezeichnung
+plastischer und dramatischer Kunstwerke als tragischer sei völlig
+zufällig, beweise darum in der That nichts für irgendwelche
+Übereinstimmung in den Gründen ihrer Wirkung.
+
+So fassen wir lieber die Tragödie direkt ins Auge. Der tragische Held
+soll leiden zur Strafe für eine Schuld. Diese Behauptung nötigt die
+Vertreter unserer Theorie, überall an den tragischen Helden eine "Schuld"
+aufzusuchen. Es gelingt ihnen denn auch überall etwas zu finden, dem sie
+diesen Namen glauben geben zu dürfen. ANTIGONE erhebt sich gegen den
+Träger der socialen Ordnung; DESDEMONA versündigt sich gegen die
+väterliche Autorität, sie macht keinen Versuch, BRABANTIO durch Bitten
+und Thränen zur Einwilligung zu bewegen; und nun gar der Leichtsinn, das
+Taschentuch zu verlieren!--EMILIA GALOTTI hat keine tatsächliche, aber
+eine "Gedankenschuld" auf sich geladen.--So sehen wir, kein Unschuldiger,
+nur Schuldige werden vom tragischen Geschick ereilt.
+
+Man wird nicht umhin können, den Scharfsinn zu bewundern, der zu solchen
+Schuldbeweisen aufgeboten worden ist. Im übrigen gewähren sie ein wenig
+erfreuliches Schauspiel. Als ob es nicht genug wäre, daß der Dichter
+seine Helden leiden läßt, werden sie nun auch noch von den Ästhetikern
+mißhandelt. Man zwingt sie erbarmungslos auf die Anklagebank, um alles an
+ihnen hervorzukehren, das Innerlichste und Äußerlichste, das was sie
+gethan und das was sie, zwar nicht gegen ihre eigene, aber gegen des
+Ästhetikers bessere Einsicht unterlassen haben, Fehler, von denen Dichter
+und Kunstwerk wissen, und solche, von denen beide nichts wissen. Nachdem
+so das Verborgenste ans Licht gezogen ist, "plädiert" man für und wider.
+Wo der eine eine kleine Schuld findet, wittert der andere eine große; wo
+der eine milde gestimmt ist, redet sich ein anderer in Entrüstung hinein.
+Alle aber stimmen sie schließlich in das Schuldig ein: "Was brauchen wir
+weiter Zeugnis? Weg mit ihnen."
+
+Was aber will man denn eigentlich mit dem allem? Darum handelt es sich ja
+doch nicht, ob die tragische Persönlichkeit überhaupt "unschuldig" ist,
+so unschuldig, daß auch derjenige, der seiner Theorie zuliebe einen Tadel
+an ihr finden muß und will, keinen zu finden vermag. Wir sind allzumal
+Sünder, und die etwa ausgenommen sind, die neugeborenen Kinder oder die
+Heiligen des Himmels, wird man gewiß auch in Zukunft nicht zu Helden von
+Tragödien machen. Nur das kann doch die Frage sein, ob der Held eine
+Schuld auf sich geladen hat, für die das Leiden, das ihn trifft, als
+gerechte _Strafe_ erscheint, eine Schuld, die nur mit _Vernichtung
+gesühnt_ werden kann. Und dies wiederum nicht nach einem Maßstabe, den
+wir speciell für die Tragödie zurecht schneiden mögen, sondern nach
+demjenigen, den unser natürliches sittliches Gefühl uns an die Hand
+giebt.
+
+Reden wir ganz speziell. Hat ein Weib, das ganz erfüllt von reinster
+Bruderliebe, die heiligste Verpflichtung, die ihr diese Bruderliebe
+auferlegt, festhält, trotz der Drohungen eines Tyrannen, angesichts der
+Notwendigkeit elend dahinzusterben, kurz, hat ein Weib, das ebenso
+handelt wie ANTIGONE, und aus ebensolcher Gesinnung, durch dies Handeln
+und durch diese Gesinnung den Tod verdient, nicht irgend einen, sondern
+den grausamen und schmachvollen, wie ihn ANTIGONE erleidet? Ist sie durch
+unser natürliches Gefühl gerichtet, als eine, die nicht verdient,
+weiterzuleben? Haben wir, wenn sie ihrem schrecklichen Schicksal
+verfällt, das Bewußtsein, ihr sei recht geschehen und weiter nichts, und
+ist es dieses Bewußtsein, ist es dies befriedigte "Gerechtigkeitsgefühl",
+aus dem wir den erhabenen Genuß schöpfen, den uns die Tragödie gewährt?
+
+Man rede nicht von einem höheren sittlichen Standpunkte gegenüber dem
+Kunstwerk. Reiner allerdings ist der Standpunkt, wir stehen nirgends auf
+einem reineren sittlichen Standpunkt als gegenüber dem tragischen
+Kunstwerk. Aber er ist reiner, nicht weil er dem natürlichen Gefühl Hohn
+spricht, sondern sofern er eben dies Gefühl unbeeinflußt durch
+Rücksichten, wie sie der Zusammenhang der Wirklichkeit mit sich bringt,
+zur Geltung kommen läßt.
+
+
+
+
+SCHULD UND "STRAFE".
+
+Doch urteilen wir nicht zu schnell. Sehen wir der Theorie etwas näher ins
+Gesicht. Worin denn soll jener "höhere" Standpunkt bestehen? Ist er ein
+höherer, weil er ein strengerer ist, der mißt nicht nach menschlichem
+Maßstabe, sondern nach dem Maßstabe sittlicher Vollkommenheit? Von
+sittlicher Vollkommenheit allerdings bleibt ja alle menschliche Tugend
+weit entfernt. Vielleicht sieht ein vollkommenes Wesen, sieht die
+Gottheit die besten der Menschen so weit von sich entfernt, daß das Gute,
+das an ihnen ist, ihr unendlich klein erscheint. Besteht es darum für sie
+gar nicht mehr? Darf sie es völlig für nichts achten?
+
+Doch was reden wir? Sind denn wir die Gottheit? Können wir denn einen
+anderen Maßstab haben als den menschlichen? Ist der Dichter nicht Mensch
+und wendet sich an Menschen?
+
+Lassen wir uns aber jenen höheren Standpunkt einen Augenblick gefallen.
+Die besten der tragischen Helden seien trotz ihres guten Wollens so
+nichtswürdig, als es von jenem höheren Standpunkt irgend scheinen mag.
+Müssen sie darum vernichtet werden? Gewiß wird einem absolut vollkommenen
+Willen jede Unvollkommenheit, jeder Mangel, jedes Böse widerstreben. Er
+wird demgemäß das Böse überall aufzuheben und zu vernichten streben. Aber
+heißt dies, er wird die _Menschen_ vernichten? Sind denn die Menschen die
+Unvollkommenheit, der Mangel, das Böse? Sind sie das Nichtseinsollende,
+weil das Nichtseinsollende ihnen anhaftet? So gewiß nur das, was am
+Menschen böse ist, oder der Mensch, sofern er böse ist, dem vollkommenen
+Willen widerspricht, so gewiß kann die Gegenwirkung dieses Willens nur
+gegen dies Böse gerichtet sein, nicht gegen das Ganze des Menschen. Der
+vollkommene Wille kann nicht seinen Zorn von dem Bösen auf das ganze
+Wesen übertragen und so mit dem Bösen auch das, sei es noch so geringe
+Gute, oder den Keim des Guten, der im Menschen wohnt, zugleich vernichten
+wollen. Dies Gute muß er lieben und zu erhalten streben, so gewiß er das
+Böse haßt und aufzuheben strebt. Mögen wir vermöge eines natürlichen
+Irrtums unseres Empfindens Menschen hassen, statt das Böse in ihnen zu
+hassen, dem vollkommenen sittlichen Willen liegt solcher Irrtum fern.
+
+Welche Bedeutung dürfen wir dann noch der Strafe beimessen?--Strafe ist
+nicht _unmittelbar_ Aufhebung oder Verneinung _des Bösen_. Sie ist
+Verhängung eines Übels über die _Person_, störender oder vernichtender
+Eingriff in den Bestand der Persönlichkeit, der diese oder jene Seite der
+Persönlichkeit treffen kann. Dies hindert doch nicht, daß ihr ganzes
+_sittliches Wesen_ einzig in jener Reaktion des sittlichen Willens,--wenn
+ein sittlich vollkommener Wille als der Strafende gedacht wird, in der
+Reaktion dieses sittlich vollkommenen Willens--gegen _das Böse_ bestehen
+kann. Das Böse aber ist einzig im Innern der Persönlichkeit als deren
+böser Wille. Darnach hat die Strafe ihre sittliche Bedeutung, nicht
+sofern sie in die Persönlichkeit überhaupt störend und vernichtend
+eingreift, sondern lediglich sofern dadurch der böse Wille getroffen,
+gebrochen, vernichtet wird. Die Strafe verfehlt ihren sittlichen Zweck,
+sie ist nicht Strafe, so sehr sie es nach der Absicht des Strafenden sein
+mag, wenn nicht in dem Gestraften das Bewußtsein entsteht, daß er
+gestraft und mit Recht gestraft sei, wenn ihm nicht in der Strafe die
+Nichtigkeit seines bösen Wollens und die sittliche Übermacht _des_
+Willens, der die Strafe verhängt, zum Bewußtsein kommt. Sie verdient
+ihren Namen nur soweit dies der Fall ist.
+
+Wie nun, so frage ich, steht es hiermit bei ANTIGONE, EMILIA GALOTTI,
+MARIA STUART und so vielen anderen? Erkennen sie die "Strafe", die ihnen
+angeblich zu teil wird, als solche an? Beugen sie sich, wenn auch
+widerstrebend, vor der sittlichen Übermacht dessen, der sie straft? Ist
+ihnen überhaupt die Macht, der sie unterliegen, eine sittliche?--Das
+Gegenteil ist der Fall. Also ist ihre "Strafe" thatsächlich keine Strafe.
+Die Wirkung in ihrem Innern, die allein der strafende sittliche
+Wille--wenn ihnen ein solcher gegenübersteht--wollen kann, bleibt
+unerreicht.--Damit haben auch wir die sittliche Befriedigung, die uns die
+Strafe gewähren soll, nicht gewonnen. Denn auch unser sittliches
+Bewußtsein, wenn es nicht vielmehr sittliche Verblendung ist, kann nur
+durch das Böse am Menschen verletzt, also auch nur dadurch befriedigt
+oder wiederhergestellt werden, daß dies Böse, daß das böse Wollen des
+Menschen durch die Strafe getroffen, und wenn es möglich ist, aufgehoben
+wird.
+
+Doch es scheint, wir haben hier noch eine Möglichkeit außer Acht
+gelassen. Noch in anderer, als der eben bezeichneten Weise kann die
+"Strafe" sittliche Bedeutung haben: Sie wendet sich nicht gegen das böse
+Wollen in dem "Gestraften", sondern gegen das Böse oder Nichtseinsollende
+in der sonstigen Welt. Sie schreckt ab oder sie ermöglicht die
+Verwirklichung eines höheren, über die einzelne Persönlichkeit
+hinausgehenden sittlichen Zwecks.
+
+Zunächst nun verdient auch diese "Strafe" den Namen Strafe nicht
+mehr.--Sollte die Schuld- und Straftheorie dennoch diesen Strafbegriff im
+Auge haben? Wer sind dann die Abgeschreckten? Wir, die Zuschauer? Werden
+wir bei manchen tragischen Helden nicht vielmehr wünschen, es ihnen an
+sittlicher Stärke und edler Leidenschaft gleichthun zu können? Oder wenn
+wir von dem abgeschreckt werden, was an ihrem Thun unvollkommen ist,
+werden wir dann nicht auch vor dem, was daran edel ist, zurückschrecken
+müssen, da doch ihr Thun als Ganzes die "Strafe" zur Folge hat?--Und
+welches sind die "höheren sittlichen Zwecke", deren Verwirklichung durch
+die Bestrafung der Helden ermöglicht wird?
+
+Vergessen wir aber bei solchen Fragen eines nicht. Von der erhebenden
+Wirkung der _Tragödie_ ist hier die Rede. Soweit die Strafe als Mittel
+der Abschreckung oder der Verwirklichung höherer sittlicher Zwecke an
+dieser Wirkung teil haben soll, muß beides, die Abschreckung und die
+Verwirklichung höherer Zwecke, in der _Tragödie_ uns entgegentreten. Wo
+aber findet dergleichen statt? RICHARDs III. Fall führt eine glücklichere
+Zeit herbei. Aber gerade diese Wendung der Dinge gehört nicht mehr zur
+Tragödie als solcher. Und wie steht es in der Hinsicht mit den oben
+erwähnten Tragödien?
+
+So kann uns jener "höhere", weil "strengere" moralische Standpunkt von
+unserem Widerspruche gegen die Schuldtheorie oder die Theorie der
+poetischen Gerechtigkeit nicht bekehren.
+
+
+
+
+DIE "SITTLICHE WELTORDNUNG".
+
+Es giebt aber einen anderen, nicht nur strengeren, sondern umfassenderen
+oder weitsichtigeren und _darum_ "höheren" Standpunkt, der jene Theorie
+zu rechtfertigen scheinen könnte. Suchen wir uns auch diesen Standpunkt
+verständlich zu machen.
+
+Von Natur, so etwa könnte der Vertreter dieses Standpunktes sich
+vernehmen lassen, sind wir geneigt, unser sittliches Urteil zunächst auf
+das Einzelne und das Individuum zu beziehen. Indem wir uns als
+Persönlichkeit fühlen und uns das Recht unserer Persönlichkeit
+zuschreiben, können wir nicht umhin, auch anderen das Recht ihrer
+Persönlichkeit zuzuerkennen. Das Individuum, meinen wir, dürfe sich als
+solches bethätigen und sein Wollen, sofern es ein an sich gutes sei,
+behaupten, auch gegen die Schranken, die ihm die objektive Welt
+entgegenstellt, und in leidenschaftlichem Kampfe gegen dieselben. Nicht
+ihm, sondern der unvollkommenen Wirklichkeit falle die Schuld zu, wenn
+das Individuum mit seinem guten Wollen in diesem Kampfe untergehe.
+
+Aber dieser Standpunkt, so meint man, bestehe nicht vor einer höheren
+Einsicht. Über dem Einzelnen stehe das Allgemeine, über dem Individuum
+der Zusammenhang der Welt, über dem individuellen Wollen die objektive
+Ordnung der Dinge. Nicht im Individuum, sondern im Ganzen, der Welt und
+ihren Ordnungen verwirkliche sich der "Weltgeist", die "Idee", das
+"Absolute". Und nur die Idee oder das Absolute habe ein absolutes Recht.
+Wer sich in "einseitigem" Wollen, in einseitiger Betonung seiner
+Persönlichkeit gegen die Ordnung der Dinge auflehne, lehne sich gegen die
+Idee auf und verfalle in Schuld. Und diese Schuld müsse sich rächen. Die
+Idee negire, die Wirklichkeit verschlinge den Schuldigen, und von
+Rechtswegen. Wir mögen seine Vernichtung menschlich beklagen, aber mit
+der Klage verbinde sich das erhabene und erhebende Bewußtsein von der
+siegenden Allgewalt der Idee. In diesem Bewußtsein, dem ehrfurchtsvollen
+Schauer vor der Idee, bestehe der Genuß der Tragödie.
+
+Viel Wahres ohne Zweifel liegt in solchen Worten oder kann in ihnen
+liegen. Viel Unwahrheit aber, viel Mißverständnis kann sich dahinter
+verbergen. Und mit je größerem Pathos die Worte auftreten, um so größer
+ist die Gefahr des Mißverstandes.--Andererseits fragt es sich, wie viel
+von der Wahrheit, die in ihnen liegt, auf die Tragödie Anwendung findet.
+
+Was meint man denn mit jener "objektiven Ordnung" der Dinge, deren
+Verletzung Sünde sei? Ist es die Ordnung der Dinge, so wie sie ist, der
+thatsächliche Bestand der Welt? Diese Ordnung der Dinge bekämpft und
+verletzt jedes menschliche Wollen und Handeln, nicht nur das des
+tragischen Helden. Jedes Wollen geht auf Veränderung des Weltbestandes.
+Was wirklich ist, das brauchen wir nicht erst zu wollen und wollend
+herbeizuführen. Die _Gesetze_ der Wirklichkeit freilich, die hebt unser
+Wollen nicht auf; die aber tastet auch das Wollen des tragischen Helden
+nicht an.--Wäre die objektive Ordnung so gemeint, und die Verletzung
+dieser objektiven Ordnung Sünde, so wäre jedes Wollen sündhaft und
+strafwürdig. Das Dasein des Individuums wäre das Nichtseinsollende. Die
+"absolute" Moral schlüge in die Moral der Selbstvernichtung um.
+
+Indessen dies ist nicht die Meinung der Theorie, oder braucht sie nicht
+zu sein. Nicht jedes Wollen soll sich versündigen, wohl aber dasjenige,
+das seine "natürlichen und sittlichen Schranken" überschreitet. Aber was
+heißt dies? Ich kann zunächst die "_natürlichen_" Schranken meines
+Wollens in verschiedenem Sinne überschreiten. Ich will oder unterfange
+mich zu thun, was ich nicht hinausführen kann. Wenn ich aber im Voraus
+nicht weiß, oder nicht wissen kann, welche Umstände mein Wollen
+durchkreuzen werden, wenn der Zufall meine Absichten scheitern
+läßt?--Dann ist es lobenswert, daß ich gewollt habe, wenn und in dem
+Maße, als Ziel und Motiv meines Wollens löblich waren. Oder ich vertraute
+auf meine Kraft; auch solches Selbstvertrauen ist gut. Ja selbst, wenn
+mich der heftige Drang eines nicht unedlen Wollens der besseren
+Verstandeseinsicht zum Trotz an die Möglichkeit der Erreichung des Zieles
+glauben und in diesem Glauben handeln läßt, so hat dies größeren inneren
+Wert, als wenn es der kühlen Einsicht so leicht gelungen wäre mich zur
+Aufgabe meines Wollens zu bringen. Der Leichtsinn freilich, der die Augen
+schließt, wo die bessere Einsicht sich aufdrängt, der Übermut, das
+hartnackige Festhalten des sichtlich Unmöglichen, sie verdienen Tadel.
+Aber immer bleibt auch hier das gute Wollen gut. Und nicht "streng", aber
+bei aller Strenge doch gerecht, sondern ungerecht wäre die Strafe, die
+nur jenes Tadelnswerte ansähe und den guten Kern des Wollens, das
+Treibende der guten Gesinnung für nichts achtete.
+
+Doch in dem Falle, von dem wir ausgingen, und vielen anderen, handelt es
+sich ja um kein Wollen, das in diesem Sinne seine natürlichen Schranken
+überschritte. ANTIGONE will nicht, was nicht in ihrer Macht läge. Sie
+will an ihrem Bruder die letzte Liebespflicht üben und sie übt sie. Nicht
+minder vollbringen MARIA STUART und EMILIA GALOTTI, was sie wollen.
+
+Nur in einem völlig anderen Sinne _stoßen_ überhaupt die genannten,
+ebensogut wie alle tragischen Helden, mit Schranken ihres Wollens
+_zusammen_. Indem sie ihr Wollen verwirklichen, kommen sie in Konflikt
+mit der Macht des Schicksals und der Macht der Menschen, die für sie das
+Schicksal bedeuten. Sie beugen sich nicht vor solcher Macht; darum gehen
+sie unter. Daß sie sich nicht beugen, darin besteht ihr "Überschreiten
+der natürlichen Schranken"; sie sind "unmäßig" oder "übermäßig" in ihrem
+Wollen, wenn in der Geneigtheit, vor der Macht sich zu beugen, das "Maß"
+besteht. ANTIGONE bleibt bei ihrer Liebe dem Tyrannen KREON zum Trotz;
+darum muß sie sterben. MARIA STUART, deren Frauenwürde mit Füßen getreten
+wird, richtet sich stolz auf gegen ihre Feindin und entscheidet damit ihr
+Schicksal. Und auch EMILIA GALOTTI brauchte nicht zu sterben, wenn sie
+nicht ihre Unschuld gegen den Prinzen, in dem sich die Macht der
+Verführung mit der äußeren Macht vereinigt, aufrechterhalten wollte. Ist
+solche "Unmäßigkeit" des Wollens Sünde, dann allerdings sind alle die
+Genannten schuldig.--In der That ist es vielfach nichts anderes, als
+diese "Unmäßigkeit", die man den tragischen Helden zur Last zu legen
+weiß. Die "absolute" Moral, sie schlägt hier schließlich um in die
+bekannte Moral FALSTAFFs, nur daß FALSTAFF an der Stelle des Wortes
+Unmäßigkeit oder Übermaß, das weniger philosophisch klingende Wort
+"Vorsicht" gebraucht, und daß bei ihm die Vorsicht nur der bessere Teil
+der Tapferkeit, nicht wie hier, der bessere Teil aller Tugend überhaupt
+ist.
+
+Es ist eben die ganze Theorie der Versündigung durch Verletzung
+natürlicher Schranken ein Widerspruch in sich selbst. Nicht was ist, ist
+heilig, sondern was ist, wie es sein soll. Dies ist keine Wahrheit, die
+man zu beweisen brauchte, sondern eine Tautologie. Nicht durch Verletzung
+dessen, was ist, nur durch Verletzung dessen, was sein soll, kann ich
+mich versündigen.
+
+Es giebt aber freilich eine Stufenordnung dessen, was sein soll; ein
+System einander unter- und übergeordneter sittlicher Zwecke. Ein Inhalt
+meines Wollens mag an sich gut sein, aber er widerstreitet einem höheren
+sittlichen Zweck; dann ist mein Wollen doch böse. Jene Stufenordnung
+sittlicher Zwecke, jene Ordnung des Seinsollenden, das ist die
+_sittliche_ Weltordnung. Ihr entspricht die natürliche Ordnung der Dinge,
+oder sie entspricht ihr nicht. Soweit sie ihr entspricht, ist in der
+natürlichen Ordnung der Dinge die "Idee" verwirklicht. Oder was sollte
+die Idee anders sein, als der Inbegriff oder die Einheit des
+Seinsollenden. Die Verletzung dieser sittlichen Weltordnung, oder der
+natürlichen, soweit sie mit der sittlichen sich deckt, die nur ist
+Auflehnung gegen die Idee und ist Sünde.
+
+Erst von hier aus kann die Frage gestellt werden, in wiefern doch am
+Ende auch das beste Wollen der tragischen Helden Verschuldung in sich
+schließen könne. Zugegeben, daß ANTIGONEs Wollen auf Edles gerichtet war.
+Aber hätte sie nicht durch die Rücksicht, zwar nicht auf KREONs Macht,
+aber doch auf das Wohl oder die Würde des Staates, dessen Herrscher er
+ist, sich abhalten lassen müssen, die Pflicht zu üben, die ihr die Liebe
+and das Gebot der Götter auferlegten? Hat nicht vielleicht MARIA STUART
+durch ihre Art der ELISABETH entgegenzutreten an der Zukunft ihres
+Volkes, an der Weltgeschichte, der Entwickelung der Menschheit oder
+dergl. sich versündigt? Und EMILIA GALOTTI und DESDEMONA? Ließe sich
+nicht auch bei ihnen ein frevelhafter Eingriff in die sittliche
+Weltordnung auffinden?--obgleich wir einstweilen nicht wissen, wo er
+gefunden werden sollte.
+
+Hier gilt zunächst ein Einwand: es giebt keine Pflicht, die über die
+Pflicht der Aufrechterhaltung der eigenen sittlichen Persönlichkeit
+ginge, keinen sittlichen Zweck, dem die eigene sittliche Würde geopfert
+werden müßte, keine Forderung: Wirf dich selbst weg, damit für die Welt
+Gutes daraus entstehe.
+
+Aber dies ist uns hier nicht das Wesentlichste.--Wo ist denn in
+SOPHOKLES' ANTIGONE der Staat, das Staatswohl, die Staatswürde? Wo
+pflegen denn in Tragödien überhaupt die Welt, die Weltgeschichte, die
+Menschheit aufzutreten? Die Frage klingt trivial. So trivial sie klingt,
+so entscheidend ist sie.
+
+Wir kommen damit von neuem auf den eigentlichen Grundirrtum aller
+Weltanschauungstheorien. Das Kunstwerk, so sahen wir, repräsentiert eine
+Welt für sich und nichts geht uns bei seiner Betrachtung an und kann für
+seine Beurteilung in Betracht kommen, was nicht eben dieser Welt
+angehört. Dabei muß es bleiben, mag nun das Nichtdazugehörige Staat,
+Volk, Welt, Weltgeschichte, Weltordnung oder sonstwie heißen.
+
+Ich suche diese Wahrheit, weil sie von so großer Wichtigkeit ist, hier
+noch an einem Beispiel aus einem anderen Kunstgebiet zu illustrieren. Was
+würde man sagen, wenn jemand bei der Betrachtung einer Bauernscene von
+ADRIAN VAN OSTADE Reflexionen darüber anstellte, ob die Bauern auf dem
+Bilde nicht besser thäten zu arbeiten und für ihr und ihrer Familie
+gedeihliches Fortkommen zu sorgen, als so den Tag zu verlungern; ob sie
+durch ihre Trägheit nicht Pflichten verletzen gegen ihre Dorfgemeinde,
+gegen den Staat, schließlich gegen die Menschheit?--
+
+Ich denke die Antwort wäre einfach genug. Man würde--entweder dem
+Lästigen den Rücken kehren, oder ihn folgendermaßen zu belehren suchen.
+Die Bauern auf diesem Bilde, so würde man sagen, sind, wie du siehst,
+nicht wirkliche, sondern gemalte, nicht der Welt der Wirklichkeit,
+sondern der Welt des Bildes angehörige Bauern, und als solche können
+sie keine Verpflichtungen verletzen, als solche, die ihnen im Bilde
+entgegentreten und da von ihnen verletzt werden. So ist beispielsweise
+keine Gefahr, daß sie durch ihr Gebahren irgend eine, irgendwo in der
+wirklichen Welt vorhandene Dorfgemeinde schädigen. Sie können dies so
+wenig, als diese Dorfgemeinde sie in ihrer Trägheit und ihrem Behagen
+zu stören vermöchte. Das eine wie das andere könnte nur geschehen, wenn
+auch die Dorfgemeinde auf dem Bilde gegenwärtig wäre, also Bauern und
+Dorfgemeinde derselben Welt künstlerischer Darstellung angehörten, und
+wenn zugleich der Konflikt zwischen beiden mitgemalt wäre, oder aus der
+Darstellung ohne freie Zuthat des Beschauers einleuchtete.
+
+Die Erde, so könnte der Belehrende verdeutlichend fortfahren, ist, wie du
+weißt, vom Monde sehr weit entfernt, so weit, daß von uns Erdbewohnern
+eine Berücksichtigung der Zwecke der etwaigen Mondbewohner mit Fug und
+Recht nicht verlangt werden kann.
+
+Sehr viel größer aber noch ist die Entfernung zwischen der Welt dieses
+Bildes und der Welt der Wirklichkeit, oder unserer die Wirklichkeit
+betreffenden Gedanken. Sie ist genau so groß, wie überhaupt die
+Entfernung zwischen der Welt der Objekte, die nur in der Phantasie und
+für sie existieren, von der Welt der Wirklichkeit zu sein pflegt, nämlich
+unendlich groß. Es besteht eine absolute Kluft zwischen beiden Welten,
+die jeden Weg zwischen ihnen und jede Wechselwirkung völlig ausschließt.
+Diese Kluft ist, obgleich sie ohnehin einleuchtet, doch zum Überfluß
+versinnlicht durch den Rahmen des Bildes. In den Rahmen ist das Bild
+eingeschlossen, er schließt die Welt des Bildes ab. Damit ist uns gesagt,
+bis wohin bei Betrachtung des Bildes unsere Gedanken reichen sollen.
+
+Was dann das Bild wolle?--Es will behagliches, sorgloses, humorvolles
+Dasein vor Augen stellen. Glück in der Beschränkung, auch wohl in der
+Beschränktheit. Den Wert, den dieses Glück an sich, so wie wir es da
+sehen, besitzt, nicht im Zusammenhang der Welt und Weltordnung, von dem
+nun einmal hier keine Rede ist, sondern abgesehen davon, diesen Wert will
+uns das Bild eindringlich machen und genießen lassen. Eben dazu ist es
+da, diese Heraushebung und Isolierung zum Zweck des reinen durch keine
+Weltrücksichten gestörten Genusses macht es zum Kunstwerk.--
+
+Ganz ebenso nun, wie mit diesem Bilde, verhält es sich auch mit der
+Tragödie. So wie jene OSTADEschen Bauern keine Pflichten verletzen
+können, außer solchen, die ihnen im Bilde entgegentreten und da von
+ihnen verletzt werden, so können sich die Personen einer Tragödie an
+keinem Staat oder Volk, keiner Welt, Weltgeschichte oder Weltordnung
+versündigen, außer soweit der Dichter dergleichen in der Tragödie,
+in den Personen, ihren Worten und Handlungen sich verkörpern oder zur
+Darstellung gelangen läßt, und sie versündigen sich dagegen immer genau
+soweit, als sie eben in der Tragödie, der sie nun einmal ausschließlich
+angehören, sich dagegen versündigen. Niemand fürchtet, wenn der Held auf
+der Bühne Drohungen ausstößt, für die Sicherheit des Theaterpublikums und
+bietet zu seinem Schutze die städtische Polizei auf. Hier ist man sich
+der absoluten Trennung zwischen der Welt des Kunstwerkes und der
+sonstigen Welt wohl bewußt. Man weiß, jene Welt reicht bis zur Umrahmung
+der Bühne und nicht weiter. So sollte man auch nicht dem Helden Konflikte
+aufbürden mit Momenten der sittlichen Weltordnung, die mit dem Kunstwerk
+genau so viel zu thun haben, wie das Theaterpublikum und die städtische
+Polizei.
+
+Jetzt sehen wir ein, wie es sich mit dem "höheren" Standpunkt in Wahrheit
+verhält. Nicht im Leben ist unser sittliches Urteil eingeschränkt, dem
+Kunstwerk gegenüber aber weltumfassend, sondern völlig umgekehrt. Im
+Leben mögen und sollen wir jede Handlung hineinstellen in einen
+umfassenderen Zusammenhang; wir sollen sie schließlich betrachten unter
+dem Gesichtspunkte der ganzen Welt und ihrer sittlichen Ordnung. Im
+Kunstwerk dagegen ist sie hineingestellt und soll darum von uns
+hineingestellt werden in den Zusammenhang einer begrenzten Welt und ihrer
+sittlichen Beziehungen. Dies eben ist der Unterschied zwischen der
+praktisch sittlichen und der ästhetischen, darum nicht minder sittlichen
+Betrachtungsweise. Keine der Betrachtungsweisen ist ohne weiteres die
+"höhere". Sie sind zunächst nur verschiedene Betrachtungsweisen. Von der
+Einsicht in ihre Verschiedenheit hängt in jedem Falle das Verständnis des
+Kunstwerks in erster Linie ab.
+
+Darnach lautet auch der Tragödie gegenüber jedesmal die Frage: Wie weit
+reicht die in ihr dargestellte Welt? Wo und wie weit insbesondere sind in
+den Personen der Tragödie Dinge, wie Staat und Volk, Welt, Weltgeschichte
+und sittliche Weltordnung verkörpert? Wie verhält sich in der Tragödie
+der Held zu ihnen und wie verhalten sie sich zum Helden? Daß ANTIGONE,
+weit entfernt, sich gestraft zu fühlen, bis zum Tode das menschliche und
+göttliche Recht ihrer Liebe behauptet, wurde schon betont. Ihre Liebe und
+der Götter Gebot, das ist zunächst _ihre_ sittliche Weltordnung. Sie
+verletzt das Gebot des Herrschers. Aber auch den Staat und sein
+sittliches Recht? Wo ist der Staat? Wo in der Tragödie erscheint KREONs
+Gebot als Ausfluss seines sittlichen Rechtes? KREON selbst erkennt, daß
+er unrecht gehandelt hat. Er klagt sich deswegen an. Er beruft sich nicht
+auf das Recht des Staates, das er anerkennen müsse und das auch ANTIGONE
+hätte anerkennen müssen. Er beruft sich auf keine sittliche Weltordnung,
+die ihn zu seiner Handlungsweise nötige. Nicht als Vertreter des Rechtes
+oder der sittlichen Weltordnung hat er gehandelt, sondern als Frevler an
+Recht und Sittlichkeit. Auch für ihn vertritt ANTIGONE die sittliche
+Weltordnung. Also thut sie es thatsächlich, d. h. nach Meinung der
+Tragödie und des Dichters; sie thut es auch für uns, wenn wir das
+Kunstwerk nehmen, wie es ist.
+
+Oder soll ANTIGONE am Schlusse der Tragödie als Närrin erscheinen, die an
+ihr heiliges Recht glaubt, wo sie gefrevelt hat, und ebenso KREON als
+Narr, der verzweifelt, wo er Grund hätte, erhabene Genugthuung zu
+verspüren, daß er gewürdigt sei, die sittliche Weltordnung wieder ins
+Gleiche zu bringen, so wie wir der Theorie zufolge Genugthuung verspüren
+sollen, wenn wir diese "poetische Gerechtigkeit" auf der Bühne sich
+vollziehen sehen. Ist SOPHOKLES' ANTIGONE als Posse gemeint? Will sie mit
+uns, die wir doch nicht umhin können, in ANTIGONEs Klage und KREONs
+Selbstanklage des Dichters Meinung und den Sinn des Kunstwerkes zu
+erkennen, ihr Spiel treiben?
+
+Die gleiche Frage ließe sich sonst stellen. Auch OTHELLO, EMILIA GALOTTI,
+MARIA STUART sind Possen, der Mohr, der Prinz von Guastalla, ELISABETH,
+sie sind Narren, überall treibt der Dichter, ohne es zu sagen, sein Spiel
+mit uns, wenn die Selbstanklage der genannten Personen Selbstbetrug sein,
+wenn ein OTHELLO gar aus sittlichem Irrtum sich selbst töten soll.
+
+Die Genannten sind keine Narren; der Dichter treibt nicht sein Spiel mit
+uns. Nur die Theorie der poetischen Gerechtigkeit macht sie zu Narren.
+Nur sie treibt ihr Spiel mit uns. Die "poetische Gerechtigkeit", sie ist
+in der That das Widerspiel aller Gerechtigkeit. Gott sei Dank, so müssen
+wir mit LESSING sagen, daß es noch eine andere Gerechtigkeit giebt, als
+die poetische.
+
+
+
+
+DAS ENDE DER "POETISCHEN GERECHTIGKEIT".
+
+Aber _soll_ nicht etwa die poetische Gerechtigkeit etwas ganz anderes
+sein als die sonstige Gerechtigkeit? Gewiß, hören wir sagen, ist sie
+etwas anderes. Was sie auszeichnet, ist, daß sie nicht bloße _äußere_
+Gerechtigkeit ist, sich nicht lediglich in der äußeren Strafe
+vorverwirklicht. "Wie gelinde ist die Strafe der DESDEMONA, der CORDELIA
+für geringe Schuld; wie furchtbar die MACBETHs."--Und inwiefern
+dies?--"Die Schuld der Naiven kommt kaum zu ihrem Bewußtsein, Der
+Zuschauer muß das Gewissen für sie haben; so für LEAR, ROMEO und JULIA,
+OTHELLO, DESDEMONA, CORDELIA, OPHELIA."--
+
+In der That eine sonderbare Art, die poetische Gerechtigkeit zu
+rechtfertigen. Oder heißt es nicht zum Unrecht den Hohn hinzufügen, wenn
+ich einen Menschen erst äußerlich über Gebühr "strafe" und dann damit
+tröste, daß ich ihm sage, er habe ja sein gutes Gewissen. Wird er nicht
+eben, weil er ein gutes Gewissen hat, ein Recht haben, die Strafe nicht
+als solche anzuerkennen, sondern als unverdientes Geschick abzuweisen?
+
+Freilich, in den eben angeführten Worten ist vorausgesetzt, der Held
+befinde sich mit dem Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit im Wahn. Was von
+diesem Gedanken zu halten sei, haben wir schon gesehen. Nicht nur die
+gestrafte Person müßte sich in jedem der angeführten Fälle in
+Selbsttäuschung befinden, sondern mit ihr zugleich das ganze Kunstwerk,
+dem sie angehört, und der Dichter, der dasselbe geschaffen hat. Der
+Zuschauer, der das Gewissen für den Helden hätte, hätte es zugleich für
+den Dichter und sein Werk. Er verbesserte, d. h. verfälschte die Tragödie
+nach seiner Idee von poetischer Gerechtigkeit.--Wir sehen hier die
+Gerechtigkeitstheorie genau auf dem Punkte angelangt, auf dem sich die
+pessimistische Theorie der Resignation befand, wenn sie die Resignation,
+weil nun einmal das Kunstwerk nichts davon wußte, der Reflexion des
+Zuschauers überließ.
+
+Wenn wir aber davon absehen, was wäre das für eine "sittliche"
+Weltordnung, die die Strafe des Helden dadurch milderte, daß sie ihn in
+sittlicher Selbstverblendung ließe.--Wie sinkt die Theorie der poetischen
+Gerechtigkeit tiefer und tiefer mit jedem Versuche, sich zu retten.
+
+Es ist aber von hier nur ein Schritt zur völligen Selbstaufhebung der
+Theorie. Der Schritt ist gethan, sobald auf die innere Strafe, überhaupt
+auf das, was im Bewußtsein der "Gestraften" vorgeht, das Hauptgewicht
+oder alles Gewicht gelegt wird; wenn wir hören, die poetische
+Gerechtigkeit walte gar "nicht im Physischen, sondern im Psychischen".
+
+Ist es denn aber nicht so, so kann man fragen, daß die größere Strafe die
+innere Strafe, die Strafe des bösen Gewissens ist, daß andererseits die
+Tugend in sich selbst den Grund höchster Befriedigung, höchsten Glückes
+trägt? Darauf antworte ich, daß ganz gewiß in der _Tragödie_ die innere
+Strafe nicht nur die größere, sondern daß sie diejenige ist, auf die es
+bei der Bestrafung des Bösen einzig _ankommt_; und daß ohne Zweifel die
+Guten, die vom Schicksal verfolgt werden, nur im Bewußtsein ihres guten
+Wollens ihren "Lohn" finden können. Aber was will das hier? Glaubt man
+die Theorie der poetischen Gerechtigkeit dadurch vor dem Bankrott
+bewahren zu können, daß man in dieser Zuteilung innerer Strafe und
+inneren Lohnes, die ja ganz gewiß immer nach "Verdienst" erfolgen wird,
+die poetische Gerechtigkeit findet?
+
+Man hat in der That den Versuch gemacht,--ohne zu sehen, daß man damit
+der poetischen Gerechtigkeit einen völlig neuen Sinn gab und den Boden
+der Gerechtigkeits- oder Straftheorie ganz und gar verließ. Die Frage, um
+die es sich bei dem Streit um die poetische Gerechtigkeit handelt, ist ja
+doch einzig die und kann einzig die sein, warum der Held in der Tragödie
+vom _Unglück_ verfolgt werde, unter den Schlägen des _Schicksals_ leide
+und schließlich _physisch_ untergehe. Darüber und nur darüber ist Streit,
+ob dies Leiden und dieser Untergang überall als Strafe für eine
+entsprechende Schuld zu fassen sei oder nicht.
+
+Dagegen befinden wir uns auf völlig anderem Boden, sobald es als
+poetische Gerechtigkeit gepriesen wird, daß nicht nur die Bösen in der
+Marter des bösen Gewissens ihre innere Strafe, sondern auch die Guten,
+bei allen Schlägen das Schicksals, im Bewußtsein des Guten ihren inneren
+Lohn empfangen. Ja es ist damit die poetische Gerechtigkeit im
+eigentlichen und ursprünglichen Sinne des Wortes aufs entschiedenste
+_geleugnet_. Ist das Bewußtsein des Guten gerechter Lohn, also
+berechtigt, dann hat es ganz gewiß keinen Sinn mehr, das Leiden, das die
+Träger dieses Bewußtseins trifft, als verdiente Strafe zu fassen. Ist es
+aber nicht verdiente Strafe, so ist es unverdientes Geschick, also ein
+Geschehen, in dem sich gar keine Gerechtigkeit, mithin auch keine
+poetische Gerechtigkeit verwirklicht. Die Theorie ist damit in ihr
+Gegenteil umgeschlagen. Natürlich streiten wir gegen diese in ihr
+Gegenteil umgeschlagene Theorie nicht mehr.
+
+Wir streiten ebenso wenig gegen diejenige Theorie der poetischen
+Gerechtigkeit, die unter poetischer Gerechtigkeit _von vornherein_,
+freilich wiederum ohne davon ein Bewußtsein zu haben, etwas versteht, das
+mit Gerechtigkeit irgend welcher Art, darum auch mit poetischer, gar
+nichts zu thun hat. Nur gegen den unberechtigten Wortgebrauch und die
+daraus notwendig entstehende Verwirrung kämpfen wir auch in diesem Falle.
+
+Es giebt eine für das poetische Kunstwerk überhaupt, vor allem aber für
+die Tragödie giltige Forderung der poetischen _Begründung_ oder
+_Motivierung_. Das Schicksal des Helden muß sich, wie aus den Umständen
+und dem Charakter derjenigen, die ihm das Schicksal bereiten, so auch aus
+seinem eigenen Charakter und Handeln auf begreifliche Weise ergeben. Sein
+Leiden und Untergang muß zufolge der Art, wie er auftritt und sich
+geberdet, möglich erscheinen, nicht in dem bloß logischen Sinne, daß wir
+die Unmöglichkeit nicht behaupten können, sondern in dem ästhetischen
+Sinne, daß uns nach gewohnter Vorstellungsweise einleuchtet, _wie_ es bei
+solchem Verhalten, zugleich unter Voraussetzung solcher Umstände und
+eines solchen Charakters der Gegner, so habe kommen _können_ und am Ende
+kommen _müssen_.
+
+Diese Forderung nun und nichts anderes meinen einige, wenn sie die
+Forderung der poetischen Gerechtigkeit stellen, nur daß sie sich über
+ihre eigene Meinung täuschen. Sie verwechseln die sachliche oder
+psychologische mit der moralischen Begründung und schieben jener diese,
+ohne es zu wissen, unter. Auch der Held, nicht die Umstände und Gegner
+allein, ist an seinem Schicksal "Schuld", so nämlich wie der Regen
+"Schuld" ist am Wachstum der Pflanzen, oder die Dürre "Schuld" ist an
+ihrem Verwelken, d. h. er ist _Mitursache_ desselben. Aus diesem
+Schuldsein macht man ein Schuldigsein. Der Held der gewiß jederzeit an
+seinem Tod mit "Schuld" ist, wird "des Todes schuldig". Damit ist die
+Theorie der poetischen Gerechtigkeit geboren. Sie beruht schließlich auf
+einem Wortspiel.
+
+Hiermit nehmen wir Abschied von der Theorie der poetischen Gerechtigkeit
+und zugleich überhaupt von den Theorien der Tragödie, die in dem
+Kunstwerk statt des Kunstwerkes ihre Weltanschauung suchen und finden.
+Der Vollständigkeit halber wäre auch noch diejenige Theorie zu erwähnen
+gewesen, die den Helden und den Zuschauer mit dem ausgleichenden,
+_besseren_ bzw. für den Bösen schlimmeren Jenseits tröstet. Aber dagegen
+ist nichts Neues zu sagen. Wir wissen, daß die Tragödie abschließt, wo
+sie abschließt. Läßt sie der Dichter, wie im "Faust", im Jenseits
+abschließen, dann und nur dann kann sie auch für uns im Jenseits
+abschließen. Dann aber braucht man uns nicht mehr mit der _Aussicht_ auf
+das Jenseits zu trösten.
+
+
+
+
+DIE "VORÜBERGEHENDE SCHMERZEMPFINDUNG".
+
+So gewiß nun die vorher fertigen Weltanschauungen die ärgsten Feinde des
+Verständnisses der Tragödie sind, so wenig ist damit gesagt, daß man
+nicht auch durch sonstige fertige Theorien dies Verständnis hinreichend
+schädigen könne. Vor allem fertige psychologische Theorien sind dafür
+wohl geeignet. Ich will es nicht unterlassen ein Beispiel einer solchen
+Theorie hier besonders namhaft zu machen.
+
+Der Gedankengang der Theorie ist folgender. Sie setzt als zugestanden
+voraus, daß die Freude am Tragischen auf dem gemeinsamen Boden der Freude
+am Schmerz beruhe. Von da aus sucht sie nach einem allgemeinen
+Zusammenhang zwischen Freude und Schmerz. Sie findet einen solchen in der
+Thatsache, daß Aufhören des Schmerzes positives Wonnegefühl sei. Daraus
+ergiebt sich der Schluß, daß vorübergehende Schmerzempfindung Mittel sei
+zur Erzeugung der Wohlempfindung.
+
+In verschiedener Art nun kann aus vorübergehendem Schmerz Wohlempfindung
+entstehen. Auf einer ersten Stufe bin ich selbst Träger des Schmerzes.
+Mein eigener Schmerz vergeht, und dies erweckt mir Freude.
+
+Auf einer zweiten Stufe erfährt ein anderer einen körperlichen Schmerz.
+Dieser Schmerz kann für mich Grund der Wohlempfindung werden nur, wenn
+ich ihn mitempfinde, wenn auch mein eigener Körper von dem Schmerz
+"durchschauert" wird. "Daher kommt es, daß der Indianer, der sein Opfer
+martert, erst dann in Jubel ausbricht, wenn das Opfer zu wimmern und zu
+schreien anfängt."
+
+Es ist die Grausamkeitswollust, die hier erklärt werden soll. Aber es ist
+leicht zu sehen, wie schon hier die Theorie zur Erklärung dessen, was sie
+erklären will, unvermögend ist. Die vermeintliche Erklärung aus der
+Theorie ist in Wirklichkeit eine Aufhebung der Theorie. Der Indianer
+freut sich, wenn das Opfer wimmert und schreit. Das Wimmern und Schreien
+ist aber gewiß nicht Zeichen des aufhörenden, sondern des jetzt erst
+recht fühlbar werdenden Schmerzes. Es soll ja bewirken, daß nun auch der
+Körper des Marternden vom Schmerz "durchschauert" wird. Wie ist dies
+möglich, wenn nicht der Marternde daraus den höchsten Grad des Schmerzes
+herausliest.--Und _indem_ der Marternde vom Schmerz durchschauert wird,
+indem er also den Schmerz nachempfindet, jubelt er. Sonach ist das
+_Dasein_ des Schmerzes, beim Marternden sowohl wie beim Opfer, nicht das
+Entschwinden desselben, Grund des Jubels. Das Entschwinden aber müßte ihn
+erzeugen, wenn die Theorie hier am Platze sein sollte.
+
+Offenbar erklärt sich der in Rede stehende Thatbestand auf ganz andere
+Weise. Es hat keinen Sinn zu sagen, der Marternde juble, weil er vom
+Schmerz des Opfers durchschauert wird. Die Mitempfindung des Schmerzes
+ist nun einmal nicht Freude, sondern selbst Schmerzempfindung. Und auch
+der Schmerz des Opfers selbst, und abgesehen von dieser Mitempfindung,
+kann nicht Gegenstand, sondern nur mittelbarer Grund der Empfindung der
+Freude sein. Er ist es, sofern dem Marternden in der Wahrnehmung
+desselben seine _Fähigkeit_ Schmerz _zuzufügen_, seine _Überlegenheit_
+über das Opfer zum unmittelbaren Bewußtsein kommt. Physischer Schmerz ist
+dasjenige, wogegen sich jedes lebende Wesen zunächst und am
+allersichersten sträubt. Indem ich solchen Schmerz zufüge, erweise ich
+mich somit in besonderer Weise dem fremden Wesen übermächtig oder als
+Herr über dasselbe. Ich gewinne damit ein Kraft- und Selbstgefühl eigener
+Art. Vollständig aber kann dies erst zur Geltung kommen, wenn ich auch
+den _moralischen_ Widerstand des Opfers gebrochen, auch den Stolz oder
+Trotz niedergezwungen habe, der es hindert, seinen Schmerz zu _äußern_.
+Und davon giebt mir das "Wimmern und Schreien" Zeugnis.--Dies ist der
+Grund, warum der Indianer erst jubelt, wenn das Opfer wimmert und
+schreit. In dem jedem Menschen natürlichen und wohlberechtigten Streben
+nach Erhöhung des Gefühls eigenen Könnens und eigener Macht liegt der
+einzige positive Grund der Grausamkeitswollust. Wie überall, so ist auch
+hier, das was der verwerflichen Handlung Positives zu Grunde liegt, an
+sich nicht verwerflich; das was sie verwerflich oder moralisch häßlich
+macht, ein lediglich Negatives. Es ist in unserem Falle der Mangel der
+Achtung vor der fremden Persönlichkeit und ihrem unverletzten Bestande,
+der _Mangel_ also an wirksamer schmerzlicher _Mitempfindung_, wenn sie
+verletzt wird.
+
+Darnach erscheint schließlich der Grund der Grausamkeitswollust als
+gerade der entgegengesetzte von demjenigen, den die Theorie angiebt. Der
+Indianer jubelt und kann jubeln nur darum, weil er _nicht_ in dem Maße,
+wie er es sein könnte und sollte, von dem Schmerz seines Opfers
+"durchschauert" wird, weil ebendeswegen der Genuß des erhöhten Macht-
+oder Selbstgefühls unvermindert oder relativ unvermindert in ihm zur
+Geltung kommen kann. Nur wenn man unter dem Durchschauertwerden etwas
+völlig anderes versteht, als die Mitempfindung des Schmerzes, nämlich
+eben die fühllose oder über das Mitgefühl siegende Genugthuung über die
+eigene Überlegenheit, nur dann kann auch das _Durchschauertwerden_ als
+Grund des Jubels bezeichnet werden.
+
+Auf einer dritten Stufe der Freude am Schmerz, so erfahren wir weiter,
+trete an die Stelle des Schmerz empfindenden Körpers das Bild desselben.
+Hier sei die Freude am Schmerz bereits eine aesthetische. Als Beispiele
+von Gegenständen solcher Freude werden die "Passions- und
+Marterdarstellungen des 14. und 15. Jahrhunderts" angeführt. Sie werden,
+so meint unser Aesthetiker, von diesem Standpunkt aus Gegenstand einer
+milderen Beurteilung.
+
+Auch hier muß ich bekennen durchaus nicht zu verstehen, wie die Freude am
+Schmerz als eine Art des Wonnegefühls bezeichnet werden könne, das mit
+dem Aufhören des Schmerzes sich verbinde. Jene bildlichen Darstellungen
+_verewigen_ ja eben für unsere Betrachtung den Schmerz. Oder ist die
+Meinung, der Betrachter der Darstellungen erlebe es, daß in ihm eine
+schmerzliche Mitempfindung erst erweckt werde, dann schwinde? Gewiß müßte
+dies der Fall sein, wenn in _ihm_ das mit dem Aufhören des Schmerzes
+verbundene Wonnegefühl entstehen sollte. Wie aber sollte dies geschehen.
+Ohne Zweifel schwindet unser Gefühl des Schmerzes, oder wohl auch des
+Widerwillens, wenn wir uns vom Anblick der Marterdarstellungen wegwenden
+und sie vergessen; und wir mögen dann ein sehr angenehmes Gefühl der
+Erleichterung und Befreiung haben. Aber dies Gefühl ist doch nicht Genuß
+an den _Darstellungen_.
+
+In der That hat auch unsere Freude an jenen Passions- und
+Marterdarstellungen, soweit sie vorhanden ist, einen ganz anderen Grund.
+Sie ist Eines mit der Freude am Außerordentlichen, in besonderer Weise
+die Phantasie Packenden und Erregenden, von der gleich die Rede sein
+wird. Oder aber sie ist wirklicher tragischer Genuß, d. h. eine Art des
+Genusses, die von der hier in Rede stehenden Theorie in keiner Weise
+getroffen wird.
+
+Der Theorie zufolge aber soll eben dieser eigentlich tragische Genuß
+erreicht werden auf der vierten Stufe unserer "Freude am Schmerz." Das
+Besondere dieser Stufe ist, daß wir den _seelischen_ Schmerz
+nachempfinden, den wir in einem Anderen vorstellen. Dieser seelische
+Schmerz, so wird uns gesagt, ergreife uns am tiefsten, wenn wir für die
+Persönlichkeit Sympathie empfinden. Die Wirkung werde die höchste sein,
+wenn das Leiden die Folge von Situationen and Handlungen sei, die wir
+auch um ihrer selbst willen als berechtigt anerkennen. "Das Mitleid würde
+in diesem Falle sich jedoch zu wahrhaftem Entsetzen steigern müssen, und
+die beabsichtigte Wirkung, die Befreiung von dem Schmerzgefühl, in uns
+durch ein zurückbleibendes Gefühl der Bitterkeit beeinträchtigt werden,
+wenn nicht das vorgestellte Leiden dadurch begründet wäre, daß auch die
+Ursache, welche das Leiden zur Folge hat, an sich gleichfalls berechtigt
+ist. Hierdurch erscheint das Leiden als ein zwar schmerzliches, aber
+notwendiges, in seinen Gründen tiefer liegendes".
+
+Ich frage wiederum: Wo ist das Moment, auf das für die Theorie alles
+ankommt, das Verschwinden des Schmerzes? Wieso "befreit" die Tragödie vom
+Schmerz? Der Held stirbt ja freilich schließlich und damit endet sein
+Leid. Aber auch unser Mitleid? Ist denn nicht auch der Tod selbst,
+umsomehr, je wertvoller das Dasein ist, das er endet, Gegenstand unseres
+berechtigten Schmerzes? Wie werden wir von diesem Schmerz befreit? Soviel
+ich sehe, einzig durch das Fallen des Vorhangs und die Rückkehr ins
+Leben. Vorausgesetzt ist auch dabei noch, daß das Ende des Stücks uns das
+Stück völlig vergessen läßt. Indem wir von der Tragödie erlöst sind, die
+uns den Schmerz bereitete, sind wir von dem Schmerz befreit. Der Zweck
+der Tragödie besteht dann darin, daß sie zu Ende geht und vergessen wird.
+Der hat von der Tragödie den vollkommensten Genuß, der beim Herausgehen
+aus dem Theater aus vollster Seele rufen kann: Gott sei Dank, daß das
+überstanden ist.
+
+Natürlich ist dies nicht die Meinung der Theorie. Es ist nur ihre
+notwendige Konsequenz. Daß die Meinung eine völlig andere ist, zeigen die
+angeführten näheren Bestimmungen, die vom Standpunkte der Theorie keinen
+rechten Sinn geben. Der tragische Held soll mit den Handlungen, durch die
+er sein Leiden herbeiführt, im Rechte sein, damit unsere schmerzliche
+Mitempfindung sich steigere. Andererseits sollen auch diejenigen, die ihm
+feindlich entgegenstehen, im Rechte sein, damit kein Gefühl der
+Bitterkeit in uns zurückbleibe. Aber warum soll das Gefühl der Bitterkeit
+in uns _zurückbleiben_, und nicht vielmehr, ebensowohl wie die
+schmerzliche Mitempfindung weichen und dem Wohlgefühl der Befreiung
+platzmachen? Wäre dies letztere der Fall, so würde das Gefühl der
+Bitterkeit ja als eine wertvolle Beigabe zum Genuß der Tragödie angesehen
+werden müssen. Die Theorie läßt aber nicht einsehen, wiefern beide
+Gefühle hinsichtlich ihres Gehens oder Bleibens sich verschieden
+verhalten sollten.
+
+In der That verhalten sie sich nicht verschieden. D. h. die schmerzliche
+Mitempfindung schwindet nicht, so wenig als die Bitterkeit schwinden
+würde. Die Tragödie will uns von jener Mitempfindung so wenig befreien,
+daß vielmehr die Dauer derselben Bedingung ihrer Wirkung ist. Nicht das
+Aufhören des Leidens, sondern das vorhandene und von uns mitempfundene
+Leiden ist in der Tragödie, wie bei jeder Tragik, der Grund unseres
+Genusses. Unser Schmerz ist nicht Vorläufer dieses Genusses sondern sein
+notwendiger Hintergrund.--Wir fragen jetzt: Wie ist dies möglich? Wie
+kann das Schmerzliche, Schreckliche, Furchtbare erfreuen?
+
+
+
+
+DAS MITLEID.
+
+Auf diese Frage kann zunächst eine Antwort gegeben werden, die nur eine
+nebensächliche Wahrheit in sich schließt, aber uns doch endlich auf
+festen Boden gelangen läßt. Man kennt die Freude, die vor allem Kinder
+und Ungebildete am Gruseligen und Gespensterhaften, die Freude, die
+rohere Naturen am Gräßlichen und Entsetzlichen haben. Diese Freude haben
+wir kein Recht, so ohne weiteres zu verurteilen. Das Positive an ihr,
+die Freude an dem, was aus der Alltäglichkeit des Lebens deutlich
+heraustritt, nach irgend einer Richtung die Grenzen des Gewöhnlichen
+überschreitet, und eben damit unsere Vorstellungsfähigkeit in besonderem
+Maße faßt und in Anspruch nimmt, diese Freude ist uns allen natürlich,
+und sie ist eben damit wohl berechtigt. Ihr Wert erhöht sich, wenn sie
+zur Freude wird an dem, was ein gesteigertes Maß von Wollen und Können
+verrät, was neue und ungeahnte Kräfte und Wirkungen, sei es Kräfte in
+der Natur oder im Menschen, uns vor Augen stellt.
+
+Eben diese Freude nun findet auch in der Tragik ihre Stelle. Die Kraft
+und das gewaltige Maß sittlicher Leidenschaft in ANTIGONE gefällt; und
+auch RICHARDs III. frevelhafter Trotz besitzt, soweit darin
+außerordentliche Kraft menschlichen Wollens und Könnens, ungeheure
+Energie der Bethätigung einer Persönlichkeit zu Tage tritt, Wert,
+ästhetischen und, wenn man das Wort sittlich nicht ungebührlich enge
+nimmt, sittlichen Wert. Was ihn uns verabscheuungswert macht, ist nicht
+diese Kraft, sondern daß sie nicht eingedämmt und in Dienst genommen ist
+von Regungen und Leidenschaften höherer, menschlicherer Art. Damit ist
+doch die Schönheit und Erhabenheit nicht aufgehoben, die dieser Kraft als
+solcher eignet.
+
+Indessen die Frage ist, warum läßt das Kunstwerk, das doch nur die
+Schönheit zum Zweck hat, das Erhabene in RICHARD III. derart ins Böse
+verkehrt erscheinen? Warum läßt sie den Träger der reinen sittlichen
+Erhabenheit in ANTIGONE dem Leiden und Untergang verfallen? Was will das
+Verabscheuungswerte und Schmerzliche, das doch als solches das Gegenteil
+des Schönen ist, im Kunstwerke?--Da es nicht Zweck sein kann, so muß es
+Mittel sein.
+
+Gehen wir von jetzt an Schritt für Schritt.--Ein Gegenstand, der uns lieb
+war, sei beschädigt, zerstört, vernichtet; ein prächtiger Baum sei vom
+Sturme geknickt, eine Gegend, die uns ans Herz gewachsen war, durch den
+Krieg zertreten. Dann empfinden wir den Wert des Gegenstandes deutlicher.
+Die Pracht des Baumes, das was uns die Gegend lieb und wert machte, kommt
+uns zu klarerem Bewußtsein; das Bild wird erhabener oder lieblicher in
+unseren Augen, als es zuvor war. So wird unser Verlust Gewinn, nicht
+thatsächlich, aber für unser Empfinden. Es mischt sich in unserem Gefühl
+des Bedauerns oder der Wehmut mit dem Schmerz um die Zerstörung ein
+erhöhtes Bewußtsein des Wertes, ein erhöhter und, eben durch den Schmerz,
+vertiefter Genuß. Die Wehmut wird zur süßen Wehmut, je mehr der Schmerz
+sich mildert, und doch das Bild des Gegenstandes klar vor unseren Augen
+bleibt.
+
+Doch damit sind wir noch nicht eigentlich bei der Sache. Leblose
+Gegenstände leiden nicht; sie wissen nichts von dem Geschick, das in ihr
+Dasein eingriff, sie empfinden keinen Schmerz. Nur das Lebendige leidet,
+Leben hat man gesagt _sei_ Leiden. Ganz sicher gilt das Umgekehrte:
+Leiden ist Leben. Das Glied meines Körpers, das keinen Schmerz mehr
+empfindet, erweist sich damit als abgestorben. Umgekehrt ist
+Schmerzempfindung Zeichen des Lebens. Die Zufügung des Schmerzes ist
+Schädigung, Vergewaltigung, kurz Negation des Lebens; die Empfindung
+desselben aber ist Reaktion des Lebendigen gegen die Schädigung und
+Vergewaltigung, also Lebensbethätigung, Lebensoffenbarung.--In der Kraft
+und Eigenart dieser Reaktion zeigt sich die Kraft und Art des
+geschädigten Lebens. Je intensiver, mannigfaltiger und feiner diese
+Reaktion, also die Schmerzempfindung bei einem Wesen ist, ein umso
+energischeres, reicheres und zarteres Leben offenbart sich darin.
+
+Aber der Schmerz verrät nicht nur das Dasein und die Art des Lebens;
+vielmehr, wie nach Obigem die Zerstörung eines leblosen Objektes uns
+seinen Wert besser empfinden läßt, so bringt auch die Schädigung des
+Lebens, die uns im Schmerze sich kund giebt, den Wert dieses Lebens zu
+deutlicherem Bewußtsein. Wir wissen nun erst, was uns das Leben und der
+Träger des Lebens bedeutet. Auch hier gewinnt das Bild an Erhabenheit und
+Liebenswürdigkeit. Es gewinnt nur hier um so viel mehr, je mehr von Hause
+aus der Wert des Lebendigen den des Leblosen überragt.
+
+Lebendiges und Lebloses wurden hier als sich ausschließende Gegensätze
+gefaßt. Diesen Gegensatz müssen wir nachträglich in gewisser Weise wieder
+zurücknehmen. Es bleibt dabei, daß Lebloses nicht leidet. Aber was leblos
+ist, kann unsere Phantasie mit Leben erfüllen. Dann wird es auch in
+gewisser Art leidensfähig. Die Schädigung seines Bestandes erscheint uns
+gleichfalls als eine Lebensschädigung, also als ein Leiden. So ist der
+Baum leblos und bleibt es; aber wir leihen ihm von unserem Leben; wir
+vermenschlichen ihn. Was ihn betrifft, erscheint damit als
+menschenähnliches Erleben und Leiden. Seine Verletzung oder Zerstörung
+wird für uns Gegenstand nicht des gleichen, aber eines ähnlich gearteten
+Interesses, wie der störende oder zerstörende Eingriff in menschliches
+Dasein. Auch sein Schicksal, so können wir, dem Folgenden vorgreifend
+sagen, mutet uns "tragisch" an.
+
+Das Gefühl nun, in dem sich mit dem Weh, das die Wahrnehmung des
+Schmerzes bereitet, das erhöhte Bewußtsein des Wertes verbindet, den das
+geschädigte Leben besitzt, dies Gefühl können wir als _Mitleid_
+bezeichnen. Dabei müssen wir aber uns bewußt bleiben, daß es unendlich
+viele Arten, ich könnte besser sagen, unendlich viele Klangfarben des
+Mitleids giebt. Das schmelzende, weiche, weichliche Mitleid mag man
+mißachten. Es giebt aber daneben ein ernstes, erhabenes, kraftvoll
+erregendes Mitleid. So verschieden die Gegenstände des Mitleides, so
+verschieden ist das mit jenem Namen bezeichnete Gefühl.
+
+Daran mag es zum Teil liegen, daß wenig menschliche Gefühle so
+mißverstanden worden sind, wie das Mitleid. Diejenige Erklärung, die den
+Ruhm größter Oberflächlichkeit für sich in Anspruch nehmen darf, macht
+aus dem Mitleid ein Leid, das in dem Beschauer durch eine Art Resonanz
+entstehe, verbunden mit dem angenehmen Bewußtsein, daß es ihm, dem
+Beschauer, _besser ergehe_. Dann allerdings wäre das Mitleid grober
+Egoismus. In Wahrheit ist es davon das gerade Gegenteil. Wir haben nicht
+Mitleid mit dem Nichtswürdigen, von dem wir meinen, daß ihm gerade recht
+geschehe. Um so sicherer mit demjenigen, den wir eines besseren Loses
+wert halten. Wir haben es überall in dem Maße, als uns der Leidende,
+indem wir ihn leiden sehen, und sein Leid mitempfinden, zugleich
+Wertschätzung, Achtung, Liebe abzunötigen vermag. Also liegt im Mitleid
+Bewußtsein des Wertes, Achtung, Liebe, nicht Bewußtsein eines
+materiellen, sondern eines Persönlichkeitswertes. Und es liegt darin
+erhöhtes Bewußtsein dieses Wertes, erhöht eben durch die Wahrnehmung des
+Leidens, das der Persönlichkeit widerfährt. Wertbewußtsein aber ist
+Genuß; Bewußtsein persönlichen Wertes Genuß der höchsten Art.
+
+Dieses Mitleid meint LESSING, wenn er das Mitleid eine süße Qual nennt,
+und als Zweck des Trauerspieles bezeichnet. "Furcht und Mitleid" sagt
+sein Gewährsmann ARISTOTELES. Er meint die Furcht, daß auch uns, die
+Zuschauer, ähnliches Leid treffen könne. Diese Furcht läßt LESSING in
+seiner eigenen Betrachtung beiseite, und mit Recht. Denn, wie wir wissen,
+nicht was uns betreffen kann, sondern was die Gestalten der Dichtung
+betrifft, geht uns an, wenn wir in der Welt der Dichtung leben. Nicht
+unsere Reflexionen über das, was außerhalb des Kunstwerkes liegt, können
+die Wirkung des Kunstwerkes begründen, sondern nur das Kunstwerk selbst.
+
+In der That nun ist das Mitleid die Empfindung, die angesichts _jedes_
+tragischen Objektes sich in uns einstellt. Es fragt sich nur, ob das
+Mitleid zur Bezeichnung jeder, auch der höchsten Art tragischer
+Empfindung _genügen_ kann. Es fragt sich in jedem Falle, welcher Art das
+Mitleid sein wird.--Am besten ist es, wir lassen einstweilen den Namen
+dahingestellt. An dem Streit um Namen ist uns ja jedenfalls nichts
+gelegen.
+
+
+
+
+GENAUERES ÜBER DIE BEDEUTUNG DES LEIDENS.
+
+Bei aller Tragik vermittelt das Leiden den Genuß. Nach dem vorhin
+Gesagten muß es dabei überall zunächst darauf ankommen, _was für ein
+Individuum_ es ist, das leidet; andrerseits, _wie tief_ es leidet. Je
+edler das Individuum ist, um so Edleres kann in ihm durch das Leiden
+offenbar werden, und in seinem Werte uns zum Bewußtsein kommen. Je tiefer
+das Leiden geht, um so eindringlicher wird uns jenes Edle zum Bewußtsein
+gebracht. Was wollte uns das Leiden all der liebenswerten Gestalten, der
+ANTIGONE, GRETCHEN, OPHELIA, DESDEMONA bedeuten, wenn nicht das Bild
+ihrer Persönlichkeit, das uns durch das Leiden geoffenbart und zugleich
+menschlich näher gerückt und heller erleuchtet wird, eben dies
+liebenswerte wäre. Und was wären sie uns trotz ihrer Liebenswürdigkeit,
+wenn uns nicht das Leiden vergegenwärtigte, was für Persönlichkeilen es
+sind, in deren Dasein das Geschick so grausam eingreift, welches ganz
+anderen Geschickes wert. Eine gemeine Natur, die um ihr Leben klagte, wie
+ANTIGONE, oder um einen Tag, eine Stunde, einen Augenblick ihres Lebens
+bettelte, wie DESDEMONA, rührte uns nicht, wie ANTIGONE und DESDEMONA uns
+rühren. Das Letztere erweckte eher widrige Empfindungen. Und weder
+ANTIGONEs noch DESDEMONAs Untergang würde uns zu so menschlich warmem
+Anteil zwingen, wenn sie statt klagend und damit die Tiefe ihres Leidens
+an den Tag legend, mit kühler Resignation dem Tode die Hand reichten.--So
+wenig macht hier die Resignation und das resignierte Wegwerfen des Lebens
+den eigentlichen Sinn der Tragik, daß solcher Heroismus vielmehr die
+ganze Tiefe der Tragik zerstören müßte.
+
+Im Gesagten liegt ein weiteres Moment im Grunde schon eingeschlossen. Was
+für ein Individuum es ist, das leidet und wie tief es leidet,--damit
+hängt unmittelbar zusammen die Art, _wie_ das Individuum leidet, wie es
+das Leiden erträgt, oder sich dagegen verhält. Es offenbart sich ja vor
+allem in dieser Art sich zum Leiden zu verhalten das Wesen der
+Persönlichkeit; es offenbart sich darin zugleich die Tiefe des Leidens.
+Auch der LAOKOON der plastischen Gruppe nimmt das Leiden nicht mit
+Resignation auf sich, sondern kämpft dagegen an. Wie aber kommt gerade in
+diesem Kampfe gegen das Leiden die Kraft und Tüchtigkeit der
+Persönlichkeit zur Geltung. Auch hier wird uns zugleich der Wert der
+Persönlichkeit und ihres Lebens dadurch eindringlicher, daß es ein
+_Leiden_, daß es die drohende _Vernichtung_ ist, gegen welche die
+Persönlichkeit so mächtig sich bäumt, und daß sie trotz alles Kampfes
+_untergehen_ muß. Es fügt hier, wie in allen Fällen, das Bewußtsein des
+Leidens und Untergangs zur Freude an der Persönlichkeit, wie wir sie auch
+sonst verspüren könnten, etwas von der tieferen und wärmeren Empfindung
+der Liebe und Ehrfurcht.
+
+So untragisch das Wegwerfen des Lebens bei ANTIGONE und DESDEMONA und
+nicht minder beim LAOKOON wäre, so tragisch ist es in anderen Fällen.
+ROMEO muß das Leben wegwerfen, so gewiß ANTIGONE es nicht darf. Wir
+kommen damit auf einen weiteren Punkt. Nicht nur, wer leidet, wie tief
+das Leiden geht and wie ihm der Leidende begegnet, bestimmt die Höhe und
+die Art des tragischen Genusses. Auch das ist von Bedeutung, _wovon_ oder
+_worunter_ der Held leidet, was der _Gegenstand_ seines Leidens ist. Das
+Leiden meinten wir, lasse die Persönlichkeit offenbar werden. Das thut
+auch die Freude, der Jubel, das Lachen. "Sage mir, worüber Du lachst, und
+ich will Dir sagen, wer Du bist." Doch mehr als dies alles that es der
+Schmerz. Nichts läßt so sehr ins Innerste der Persönlichkeit, in den
+eigentlichen Kern ihres Wesens blicken, als die Schmerzempfindung; so wie
+wir in die Pflanze einschneiden, vielleicht sie zerstören müssen, um ihr
+innerstes Leben zu sehen. Eben dabei aber ist es wesentlich, _was_ die
+Empfindung des Schmerzes erweckt.
+
+Dies braucht nicht überall dasselbe zu sein. Es kann je nach
+Persönlichkeit und Schicksal der verschiedensten Art sein. Es ist bei
+ANTIGONE und ROMEO gegensätzlicher Art. Trotzdem ist es bei beiden
+positiver Faktor für unseren tragischen Genuß.
+
+Wer sähe nicht mit liebendem oder ehrfürchtigem Anteil auf die
+Persönlichkeit, in der ein menschlich wertvolles Streben, eine edle
+Leidenschaft solche Macht gewonnen hat, daß die Persönlichkeit, um das
+Ziel ihres Strebens betrogen, des Gegenstandes der Leidenschaft beraubt,
+den Tod als Erlösung begrüßt? Nicht weil die Weggabe des Lebens an sich
+irgend etwas Erhebendes hätte. Wer um nichts, getrieben durch den Schmerz
+um eine wertlose Sache, sein Leben wegwürfe, erschiene uns nicht groß und
+erhaben, sondern jämmerlich. Sondern, weil sich in der Unmöglichkeit
+weiter zu leben die Tiefe eines edeln Schmerzes, und durch ihn hindurch
+die Größe einer edeln Leidenschaft kundgiebt.
+
+Solcher Art ist der Schmerz ROMEOs. Dagegen ist, wie schon oben gesagt,
+für ANTIGONE eben die Aussicht auf den Tod der Gegenstand des Schmerzes.
+Sie hat ja ihr Ziel, die Erfüllung der Liebespflicht an ihrem Bruder,
+erreicht. So andersgeartet aber dieser Schmerz ist, so gewiß hat doch
+auch er sein menschlich Berechtigtes und menschlich Anmutendes. Es ist
+etwas Schönes, ja Entzückendes um ein Menschenkind, das jung und hoffend
+am Leben hängt, an das es glaubt und zu glauben sein gutes Recht hat.
+Wenn nicht für eine gewisse Art "philosophischer" Reflexion, so doch für
+das natürliche Gefühl, das ohne Einmischung solcher Reflexionen, von
+denen nun einmal eine ANTIGONE nichts weiß, sich dem Eindruck des
+Kunstwerkes hingiebt.
+
+Darauf allein aber kommt es an. Vielleicht meint jemand, der klüger ist
+als ANTIGONE, auch sie würde, wenn sie weiter lebte, Enttäuschungen
+erfahren, die ihr das Leben nicht mehr so lebenswert erscheinen ließen.
+Dieser Einwand wäre in aller seiner Klugheit so thöricht, wie der andere,
+daß es doch für einen Menschen in der Lage ROMEOs auch solche
+Verpflichtungen gebe, die ihn hindern müßten das Leben preiszugeben. Wer
+so redete, mischte wiederum das Wirkliche und in der wirklichen Welt
+Mögliche oder Geforderte ins Kunstwerk und zeigte, daß ihm vom Sinne des
+Kunstwerkes auch noch nicht das Abc aufgegangen ist. In der Tragödie lebt
+nun einmal ANTIGONE nicht weiter; und von jenen Verpflichtungen ROMEOs
+ist in SHAKESPEAREs Stück keine Rede. Die Frage ist einzig: Ist ANTIGONEs
+Hängen am Leben aus ihrer Persönlichkeit, ROMEOs Preisgabe des Lebens aus
+der Stärke seiner Liebe begreiflich, und verspüren wir eine erhebende
+Wirkung von jener Persönlichkeit und dieser edlen Leidenschaft, wenn wir
+das eine und das andere, genau so wie es uns entgegentritt, und ohne alle
+Nebengedanken auf uns wirken lassen. Bejahen wir diese Frage, dann ist
+vielleicht weder ANTIGONE noch ROMEO in irgend welcher pessimistischen
+oder optimistischen Moralvorlesung als Musterbeispiel brauchbar. Ihr Wert
+im Kunstwerk wird doch dadurch um nichts verringert.
+
+Indessen, so sehr wir berechtigt sind, was ANTIGONE leidet, und was den
+Gegenstand des Schmerzes bei ROMEO bildet, nebeneinander und unter einen
+Gesichtspunkt zu stellen, so wenig hat doch jenes und dieses Leiden
+dieselbe Bedeutung für die Tragödie. Daß ANTIGONE dem Tode entgegengeht,
+so wie sie es thut, macht sie zur tragischen Gestalt, darum noch nicht
+zur tragischen Heldin. Soll sie dies sein, so muß bei ihr noch ein Moment
+hinzukommen, das bei ROMEO in dem Gesagten bereits enthalten liegt.
+
+Welches Moment dies ist, das kommt ans am leichtesten zum Bewußtsein,
+wenn wir uns wiederum des Laokoonbildwerkes erinnern. Bisher konnten wir
+den LAOKOON in allem mit den tragischen Helden vergleichen und in eine
+Linie stellen. Auch der zuletzt hervorgehobene Faktor ist für ihn, wie
+für die Helden dei Tragödie bedeutsam. Auch bei ihm ist der _Gegenstand_
+des Leidens nicht unwesentlich. Es ist weder gleichgültig noch
+tadelnswert, sondern schön, daß er am _Leben_ hängt und für sein _Leben_
+kämpft, an dem zu hängen und für das zu kämpfen er ein Recht hat. Aber
+die Laokoongruppe ist kein Drama, LAOKOON nicht Held einer Tragödie.
+
+Gewiß könnte er es werden. Nicht der Bildner, aber der Dichter kann ihn
+dazu machen. Er stelle in LAOKOON einen Menschen dar, der ganz erfüllt
+von dem Gedanken sein bedrohtes Vaterland zu retten, trotz des
+Widerspruchs der Seinen, und im Kampfe mit der Ungunst des Geschickes an
+seinem edlen Streben festhält und schließlich um dieses edlen Strebens
+willen untergeht; und ich wüßte nicht, was ihm zum tragischen Helden
+fehlen sollte.
+
+Damit ist jenes Moment bezeichnet. Die Tragödie ist Drama. Und das Drama
+hat zum wesentlichen Merkmal das Wollen und Handeln. Ein Wollen und
+Handeln muß im tragischen Helden sich verwirklichen. Nicht ein beliebiges
+Wollen und Handeln, sondern ein bedeutsames, die ganze Persönlichkeit des
+Helden erfüllendes. Dasselbe muß einen solchen Inhalt haben, daß wir
+einsehen, wie es die ganze Persönlichkeit erfüllen könne. Es muß die
+Persönlichkeit erfüllen können auch insofern, als es aus ihrer innersten
+Natur sich ergiebt. Eben dieses Wollen und Handeln muß in der Tragödie
+zum Leiden hinführen. Es muß dasjenige sein, "_wofür_" oder "_um dessen
+willen_" der Held leidet. Den LAOKOON des plastischen Kunstwerkes aber
+sehen wir nur leiden, ohne daß uns zugleich ein bedeutsames Wollen und
+Handeln als Grund dieses Leidens vergegenwärtigt würde.
+
+Hiermit scheidet sich die Tragik der Tragödie von der sonstigen, nicht
+oder nicht im engeren und eigentlichen Sinne dramatischen Tragik. Was sie
+scheidet, ist das "Wofür", der "Grund" des Leidens in diesem besonderen,
+eben näher bezeichneten Sinne des Wortes. Man mag den LAOKOON des
+Bildwerkes dramatisch, dramatisch bewegt oder dramatisch lebendig nennen;
+aber die Tragik ist nicht dramatisch, d. h. nicht dramatisch _begründet_.
+
+Wie aber bei allen bisher bezeichneten und für die tragische Wirkung in
+Anspruch genommenen Momenten alles darauf ankam, daß in ihnen ein
+Wertvolles der Persönlichkeit offenbar werde und in seinem Wert
+einleuchte, so auch hier. Auch das "Wofür" des Leidens soll uns die
+Persönlichkeit wertvoll machen und dadurch den tragischen. Genuß, der
+eben jederzeit Genuß eines Wertvollen in der Persönlichkeit ist,
+bedingen.
+
+Das "Wofür" meinten wir, sei ein bedeutsames Wollen und Handeln. Es ist
+in den hier zunächst vorausgesetzten Fällen ein _gutes_ Wollen und
+Handeln. Insoweit leuchtet ohne weiteres ein, wie es uns die
+Persönlichkeit wertvoll machen könne. "Gut" ist ja gar nicht das einzelne
+auf den Vollzug einer Handlung gerichtete Wollen als solches, erst recht
+nicht das Handeln an und für sich, sondern beides ist gut, sofern ihm ein
+gutes Motiv, ein Gutes der Gesinnung, des Charakters, kurz der
+Persönlichkeit zu Grunde liegt.
+
+Bei ANTIGONE nun ist die That, "für" welche sie leidet, die Bestattung
+des Bruders, was sie dazu treibt, die Bruderliebe. Daß diese Liebe und
+das Bewußtsein der Pflicht, die sie auferlegt, Stand hält angesichts des
+Todes, das zeigt uns die Stärke der Liebe, und damit das erhabene Wesen
+der ANTIGONE in seiner vollen Herrlichkeit.--Es braucht wohl nicht mehr
+gesagt zu werden, daß die Macht der Bruderliebe in ANTIGONE um so größer
+erscheinen muß--nicht je bereiter sie ist, das Leben als eitel und
+wertlos wegzuwerfen, sondern je mehr sie am Leben _hängt_, und ihrer
+Natur nach am Leben zu hängen berechtigt ist.
+
+Danach fällt in ANTIGONE dasjenige, was, oder worunter sie leidet--die
+Aussicht auf den Tod--und das, _wofür_ sie leidet, auseinander. Dagegen
+ist bei ROMEO beides zugleich und in Einem gegeben. Er leidet für seine
+Liebe; der Verlust des Gegenstandes seiner Liebe ist zugleich das, was er
+erleidet. Damit haben wir zwei verschiedene Arten des Trauerspiels
+gewonnen. Wir können sie auch so bezeichnen, daß wir sagen: in der einen
+folge das Leiden aus der Verwirklichung eines wertvollen und erhabenen
+Wollens, in der andern bestehe es in der Vereitelung eines solchen
+Wollens. Diesem Unterschiede entspricht ein Unterschied in der
+ästhetischen Bedeutung des Leidens. Bei ANTIGONE _behauptet_ sich das
+Schöne und Gute trotz des Leidens und im Leiden; bei ROMEO _erweist_ es
+sich erst im Leiden.
+
+
+
+
+DIE BESTRAFUNG DER BÖSEN UND DIE MACHT DES GUTEN.
+
+Dieser Unterschied zwischen Arten des Trauerspiels tritt aber zurück
+gegenüber einem anderen, tiefer greifenden. Wie fügt sich MACBETH unseren
+Bestimmungen ein?
+
+Auch MACBETH leidet "für" etwas. Aber nicht für ein gutes Wollen, sondern
+für ungeheure Frevel. Offenbar hat hier das "für" einen anderen Sinn, als
+oben. Ich könnte es verdeutlichen, indem ich sagte, MACBETH leide "zur
+Strafe für" seine Frevel, oder leide für die "Schuld", die er durch seine
+Frevel auf sich geladen habe. Damit scheint die Schuld- und Straftheorie
+oder Theorie der "poetischen Gerechtigkeit" wenigstens teilweise wieder
+in ihr Recht eingesetzt.
+
+Aber es fragt sich, was wir unter Strafe verstehen. Wir sahen oben, was
+allein der Strafe sittliche, also ästhetische Bedeutung verleiht. Nämlich
+die Reaktion des sittlichen Willens--nicht gegen den Bösen; eine solche
+wäre widersinnig und damit das Gegenteil der Reaktion eines _sittlichen_
+Willens,--sondern gegen _das_ Böse. Der böse Wille, so sagten wir, muß
+getroffen, gebrochen überwunden werden; oder die Strafe ist nicht Strafe,
+sondern nutzlose und eben damit unser Gefühl beleidigende Schädigung.
+
+Dies bestätigt uns die Erfahrung. Wenn wir es außerhalb der Bühne
+erleben, daß den Verbrecher die Strafe ereilt, so halten wir dies
+freilich für recht und in der Ordnung. Aber eine erhebende Wirkung
+verspüren wir von dieser bloßen äußeren Thatsache der Bestrafung nicht,
+die Strafe mag noch so wohlverdient sein. Sie wird besonders wohlverdient
+erscheinen müssen, wenn der Verbrecher noch angesichts und während des
+Vollzugs der Strafe verstockt bleibt. Aber gerade dann sind wir von jeder
+erhebenden Wirkung am weitesten entfernt.
+
+Vollends gilt dies, wenn die Strafe in Verhängung des Todes besteht.
+Solche Strafe wird ja von nicht wenigen überhaupt als unrecht,
+unsittlich, empörend abgewiesen. Ihnen stehen andere entgegen, denen sie
+zur Aufrechterhaltung der Rechtsordnung notwendig und darum gut
+erscheint. Lassen wir hier dahingestellt, ob mit dieser
+"Aufrechterhaltung der Rechtsordnung" überall ein klarer und
+widerspruchslos denkbarer Begriff sich verbindet. Welchen Begriff wir
+allein damit verbinden können, haben wir oben angedeutet, und wir werden,
+was die Tragödie betrifft, darauf zurückkommen. Einstweilen genügt uns
+daß in jedem Falle niemand zum Anblick des Vollzugs der Todesstrafe sich
+drängt, weil er einen sittlich erhebenden Genuß, weil er sittliche
+Genugthuung davon erwartet. Und auf der Bühne sollten wir solchen Genuß,
+solche sittliche Genugthuung daraus schöpfen!
+
+Wohl aber übt es eine erhebende und sittlich befreiende Wirkung, wenn wir
+sehen, wie MACBETHs Trotz getroffen, sein Glaube alles Sittliche
+verhöhnen zu können für ihn selbst zu Schanden geworden ist, wie er also
+nicht nur gestraft ist, sondern sich innerlich gestraft weiß. Damit
+erfüllt eben die Strafe die Forderung, die wir ehemals an sie stellten,
+wenn sie ihren Namen verdienen solle. Die Strafe, die MACBETH erfährt,
+ist, was die "Strafe" der ANTIGONE sein müßte, aber, wie wir sahen, ganz
+und gar nicht ist.
+
+Wir müssen aber, was wir hier unter Strafe verstehen, oder in wiefern wir
+der Strafe eine sittlich erhebende Wirkung beimessen können, noch genauer
+bestimmen. Wir müssen vor allem uns darüber klar sein, daß auch bei der
+inneren Wirkung der Strafe nicht das Gebrochensein, das Zuschandenwerden,
+das darin sich verwirklichende Leiden als solches den Grund der
+sittlichen Erhebung ausmacht. Das wäre ein Rückfall in den
+zurückgewiesenen Fehler.
+
+_Kein_ Leiden, wie es auch heißen mag, kann durch sein bloßes Dasein
+erfreuen. Der Grund des Genusses kann in keiner Weise in einem lediglich
+Negativen, er kann auch nicht in der inneren Negation bestehen. Sondern
+das macht hier wie überall den Genuß am Leiden, daß in dem Leiden ein
+positiv Wertvolles der Persönlichkeit zu Tage kommt. Dies positiv
+Wertvolle ist aber hier die Stimme des Gewissens und der Wahrheit. Sie
+erwacht in der bösen Persönlichkeit und schafft ihr durch ihr Erwachen
+und Sichregen das innere Leiden. Das Leiden erhebt und erzeugt
+Genugthuung, sofern in ihm die innere Macht des Guten aber das Böse in
+der Persönlichkeit sich kundgiebt.
+
+Hiergegen bleibt noch ein Einwand zurückzuweisen. Kein Leiden, sagten
+wir, schaffe durch sein bloßes Dasein Genuß. Aber giebt es nicht
+Schadenfreude, angenehmes Gefühl der befriedigten Rache? Solche Gefühle
+mag man sonst nicht hochstellen. Sie könnten darum doch durch den
+besonderen Charakter, den sie der Tragödie gegenüber annehmen, zum Genuß
+der Tragödie beitragen.
+
+In der That giebt es dergleichen. Wir können sogar von einer doppelten
+Schadenfreude reden, einer egoistischen und einer nichtegoistischen oder
+sittlichen.
+
+Wir empfinden zwar nicht Freude an dem Schaden, dem äußeren oder inneren
+Leiden jedes Beliebigen, wohl aber können wir Freude haben an dem Schaden
+desjenigen, der uns geschädigt, sich uns überlegen gezeigt, oder in
+irgend einer Weise sich uns gegenüber wirklich oder vermeintlich
+überhoben hat, ja der auch nur durch das, was er ist, oder hat, uns einen
+eigenen Mangel fühlbar macht. Dies ist die egoistische Schadenfreude.
+Dagegen ist es nicht egoistische Schadenfreude, aber doch auch
+"Schadenfreude", wenn ich mich freue über den Schaden desjenigen, der
+Unrecht gethan hat, gleichgiltig an wem es begangen wurde.
+
+Es kommt aber hier alles auf das psychologische Verständnis dessen an,
+was wir Schadenfreude nennen. Und dazu gehört vor allem, daß wir uns des
+positiven Kerns der Schadenfreude bewußt sind. Dieser ist bei der
+egoistischen Schadenfreude Genuß des befreiten und gehobenen
+_Selbstgefühls_. Darum eben heißt sie egoistisch. Die Schädigung, die ich
+von der fremden Persönlichkeit erfahren habe, ihre Überhebnug oder
+Überlegenheit, das Bewußtsein des eigenen Mangels, das alles bedeutet für
+mich Niederdrückung, Hemmung, Störung meines Selbstgefühls. Von dem Druck
+oder der Störung fühle ich mich befreit durch den der fremden
+Persönlichkeit zugefügten Schaden.
+
+Aber wie ist dies möglich? Der mir zugefügte Schaden wird ja nicht
+aufgehoben durch den Schaden, den mein Schädiger erleidet. Es wird damit
+nur der Schaden in der Welt verdoppelt. Auch sonst wird mir kein
+faktischer Gewinn, der mein Selbstgefühl heben könnte, zu Teil. Mein
+Mangel wird nicht geringer.--Umso sicherer habe ich einen ideellen
+Gewinn. Aber auch ihn ziehe ich nicht aus dem Schaden, den die fremde
+Persönlichkeit erfährt, sondern aus dem mit dem Bewußtsein desselben
+verbundenen Gedanken der Hemmung oder Verminderung des fremden
+Selbstgefühls. Daher ich die Schadenfreude erst empfinde, wenn ich
+annehmen kann, die fremde Persönlichkeit habe den Schaden nicht nur
+erfahren, sondern fühle ihn auch und fühle sich dadurch in ihrem
+Selbstgefühl getroffen. Die fremde Persönlichkeit kann sich, so meine
+ich, nachdem sie den Schaden erfahren hat, nicht mehr so, wie sie es
+that, gegen mich überheben oder sich mir überlegen glauben; ich brauche
+mich nicht mehr, wie vorher, durch den Gedanken ihrer Überhöhung oder
+das Nachempfinden ihres Überlegenheitsbewußtseins in mir gedrückt zu
+fühlen.--Damit ist zugleich gesagt, daß auch dann, wenn ich von der
+fremden Persönlichkeit _thatsächlichen_ Schaden erfahren habe, das
+Bestreben ihr wieder zu schaden in dem Gedanken, daß sie sich gegen
+mich überhebe oder mir überlegen fühle, seinen eigentlichen Grund hat,
+daß also auch bei solcher _realen_ Schädigung die darin liegende
+_Überhebung_ das mir eigentlich Unerträgliche ist.
+
+Doch auch damit ist die Schadenfreude nicht erklärt. Daß ich nicht mehr
+den drückenden Gedanken der fremden Überhebung in mir vollziehe, das
+schafft mir nicht die in der Schadenfreude liegende positive und
+eigenartige Lust. Jener drückende Gedanke schwindet ja immer auch dann,
+wenn ich ihn für einen Augenblick oder längere Zeit hindurch vergesse.
+Und doch ergiebt sich daraus kein der Schadenfreude vergleichbares
+Gefühl. Vielmehr muß noch Eines hinzukommen; und das ist der Gedanke,
+daß die fremde Persönlichkeit, indem sie sich in ihrem eigenen Selbst
+vermindert weiß, nicht umhin kann, nunmehr mich, oder wenn sie von mir
+nichts weiß, Meinesgleichen als sich gleich, und zu gleichem
+Selbstbewußtsein berechtigt _anzuerkennen_. Und wiederum ist dabei nicht
+das Entscheidende, daß überhaupt mein Selbst und Selbstbewußtsein
+anerkannt wird;--denn solche Anerkennung finde ich ja sonst in allen
+möglichen Individuen, die sich nicht gegen mich überheben oder gar mir
+positiven Respekt bekunden. Vielmehr kommt alles darauf an, daß eben
+_die_ Persönlichkeit, die sich gegen mich überhob oder mir überlegen war,
+ihrer Überhebung oder ihrem Überlegenheitsbewußtsein zum _Trotz_ zur
+Anerkennung sich gezwungen sieht. Dadurch gewinnt die Anerkennung ein
+Gewicht und für mich einen Wert, den sonstige Anerkennung für mich nicht
+besitzt. Es schafft mir Genugthuung, mich in eine Art von Respekt gesetzt
+zu sehen, da und gerade da, wo kein solcher Respekt und keine Neigung
+dazu vorhanden war. Und in dieser Genugthuung erst besteht die
+Schadenfreude.--Weil sie darin besteht, darum ist meine Schadenfreude
+umso vollkommener, je überlegener mir derjenige zu sein oder sich zu
+fühlen schien, an dessen Schaden ich mich freue, und je vollkommener die
+bewußte Demütigung ist, die ich bei ihm, nachdem er den Schaden erfahren
+hat, meine annehmen zu dürfen.--Man sieht, es verhält sich mit dieser
+egoistischen Schadenfreude völlig analog wie mit der Grausamkeitswollust,
+von der oben die Rede war. Die Grausamkeitswollust ist eben am Ende nur
+eine andere Art der Schadenfreude.
+
+Es braucht nun aber nicht mehr gesagt zu werden, daß solche egoistische
+Schadenfreude ebenso gut wie die Grausamkeitswollust dem Kunstwerke
+gegenüber ausgeschlossen ist. Der Held der Tragödie insbesondere schädigt
+uns nicht, er weiß nichts von Überlegenheit und Überhebung uns gegenüber,
+es hat keinen Sinn sich mit ihm vergleichen oder messen zu wollen und
+über das für die eigene Person ungünstige Ergebnis der Vergleichung und
+Messung ihm zu grollen. Vor allem dem bewahrt uns die absolute Kluft
+zwischen der Welt des Kunstwerkes und uns.
+
+Obgleich dies alles nicht gesagt zu werden braucht, so ist es doch für
+das Verständnis des Kunstwerkes grundwesentlich es zu wissen. Wir
+betonten schon, daß das sittliche Urteil gegenüber dem Kunstwerke reiner
+sei als unser sonstiges sittliches Urteil, und daß es dies darum sei,
+weil es von Rücksichten auf das, was außerhalb der Welt des Kunstwerkes
+liege, frei bleibe. Hier nun sehen wir an einem Punkte deutlich, wiefern
+diese Behauptung zutrifft. Was ist es denn, das im Leben vor allem unser
+sittliches Urteil trübt? Gewiß die Beziehung auf uns und unser
+Selbstgefühl. Statt eine Person und ihr Handeln nach ihrem eigenen Werte
+und nur danach zu beurteilen, sind wir geneigt sie vielmehr zu beurteilen
+nach dem realen oder ideellen Gewinn oder Verlust, der uns oder unserem
+Selbstgefühl aus ihrem Dasein oder Handeln erwächst oder erwachsen
+könnte. Daß davon nicht nur gegenüber der Tragödie, sondern gegenüber
+jedem darstellenden Kunstwerk--trotz aller Theorien, die das Gegenteil
+behaupten und so den Sinn des Kunstwerkes in Widersinn verkehren--keine
+Rede ist und keine Rede sein kann, dies ist es zunächst, was dem
+Kunstwerk und damit auch der Tragödie einen besonderen, durch nichts in
+der Welt zu ersetzenden sittlichen Wert verleiht.
+
+Je weniger nun aber die egoistische Schadenfreude beim Genuß der Tragödie
+mitsprechen kann, umsomehr scheint die andere, die von uns oben
+zugestandene nichtegoistische Schadenfreude dabei beteiligt zu sein. Dies
+leugne ich denn auch nicht. Sie ist nicht nur dabei beteiligt, sondern
+sie macht das Wesen des Genusses aus. Die unegoistische oder sittliche
+Schadenfreude ist eben gar nichts, eine leere Illusion, oder sie ist jene
+Freude an der inneren Macht des Guten, auf die wir den tragischen Genuß
+zurückgeführt haben.
+
+Was bei der egoistischen Schadenfreude unser Selbstgefühl, das ist bei
+der nichtegoistischen oder sittlichen unser sittliches Gefühl. Wie dort
+durch die Überhebung gegen unsere Person unser Selbstgefühl, so wird hier
+durch die Überhebung gegen die Forderungen unseres sittlichen Bewußtseins
+unser sittliches Gefühl bedrückt, gehemmt, verletzt. Wir verspüren hier
+wie dort Genugthuung, nicht weil durch das Leiden die Überhöhung
+aufgehoben, sondern weil sie in _Anerkennung_ dessen verwandelt ist,
+wogegen die Persönlichkeit sich erhob. Endlich ist auch hier wesentlich,
+daß eben _derjenige_ zur Anerkennung der sittlichen Forderungen sich
+gezwungen sieht, der mit aller Gewalt sich dagegen _sträubte_ und
+vielleicht bis zuletzt sich dagegen sträubt. Je mehr er sich sträubt,
+umsomehr kommt die innere Macht des Guten in jenem Zwang der Anerkennung
+zu Tage.--So hat die Berufung auf die Thatsache der Schadenfreude nur
+unsere schon ausgesprochene Anschauung bestätigt.
+
+Welche Bedeutung können nun noch bei Tragödien von der Art des "MACBETH"
+jene uns bekannten Wendungen haben, daß in der Tragödie die sittliche
+Weltordnung wiederhergestellt erscheine, daß die Idee triumphiere oder
+das Recht gesühnt werde? Die Antwort liegt in dem bisher Gesagten. Die
+"sittliche Weltordnung" wird wiederhergestellt, nicht in dieser
+Allgemeinheit, sondern sofern das Gute im Helden Macht gewinnt. Seine
+Überhebung über die sittlichen Forderungen, das war die Verkehrung der
+sittlichen Weltordnung, nämlich der sittlichen Ordnung in der Welt der
+Tragödie. Daß er sich beugt und wenn auch noch so unwillig beugen muß,
+daß ist ihre Wiederherstellung.--Die "Idee" triumphiert, aber nicht als
+dies Abstraktum, sondern als die Stimme des Gewissens und der Wahrheit im
+Helden.--Damit ist dann auch schon dem "Rechte" sein Recht geworden. Das
+Recht wird gesühnt, d. h. das Rechtsbewußtsein im Helden, das durch die
+böse Leidenschaft niedergehalten war, kommt zur Geltung; und eben damit
+findet _unser_ Rechtsbewußtsein, das er verneint hatte, seine
+Anerkennung. Jede sonstige Sühnung des Rechtes ist eine inhaltleere
+Phrase.
+
+Man hat auch wohl gesagt, die sittliche Weltordnung, die Idee, das Recht
+sei der eigentliche Held der Tragödie, nicht die einzelne Persönlichkeit.
+Von diesem Satze kann der erste Teil zugestanden werden, wenn man den
+zweiten preisgiebt. Die sittliche Weltordnung, die Idee, das Recht ist
+der Held eben in der einzelnen Persönlichkeit und genau so weit, als es
+die einzelne Persönlichkeit ist.
+
+Wir sind in diesen Erörterungen davon ausgegangen, daß ein MACBETH "für"
+ungeheure Frevel leide; den Sinn dieses "für" suchte ich deutlich zu
+machen. Es leuchtet jetzt auch ein, wie mit diesem Moment die anderen
+oben unterschiedenen und als wesentlich für den tragischen Genuß
+bezeichneten Momente aufs engste zusammenhängen. Was ist der Gegenstand
+des Leidens für MACBETH? "Worunter" leidet er? Äußerlich betrachtet unter
+dem Scheitern seiner Pläne, tiefer gefaßt unter der Anklage seines
+Gewissens, der Notwendigkeit, die sittliche Weltordnung anzuerkennen.
+
+Die innere Macht des Guten, die sich damit an ihm erweist, muß aber umso
+größer erscheinen, je gewaltiger in ihm die Macht der bösen Leidenschaft
+ist, je heftiger er darum gegen das Gute ankämpft. Insofern kommt es auch
+hier darauf an, "was für eine Persönlichkeit" es ist, die leidet, und
+"wie" sie leidet oder zu dem sich verhält, was ihr das Leiden schafft.
+Nicht die Schwächlinge im Bösen, nicht diejenigen, die noch von ihrem
+bösen Wollen ablassen und, ohne darüber zu Grunde zu gehen, zum Pfade der
+Tugend zurückkehren können, am wenigsten die weichlich Bereuenden sind
+die tragisch wirksamsten Gestalten, soweit die tragische Wirkung durch
+die Wahrnehmung der inneren Macht des Guten über das Böse bedingt ist,
+sondern die _Helden_ der bösen Leidenschaft, diejenigen, die alles an
+ihre Leidenschaft setzen, und schließlich _knirschend_ die sittliche
+Weltordnung anerkennen, aber doch eben sie anerkennen. Nur wo das Böse
+ein gewaltiges ist, bedarf es einer gewaltigen sittlichen Macht, um es zu
+brechen, erst wenn es den ganzen Menschen beherrscht, so daß er ohne die
+Verwirklichung des bösen Wollens nicht leben kann, zeigt sich die
+sittliche Macht, die trotzdem sich Anerkennung verschafft, in ihrer
+_vollen_ Größe. Dann wird aber das böse Wollen sich zu behaupten suchen
+müssen bis zum Ende. Der Held wird kämpfen und kämpfend _untergehen_.--Es
+ist wiederum eine wichtige Einsicht, die hier sich ergiebt. Sie ergiebt
+sich aber aus der richtigen Fassung des Sinnes der Tragödie mit
+Notwendigkeit.
+
+Endlich ist nicht minder deutlich, daß die Wirkung einer Tragödie von der
+hier in Rede stehenden Art sich steigert mit der "Tiefe" des Leidens. In
+ihr zeigt sich ja wiederum die Stärke dessen, wogegen der Held--zuletzt
+vergeblich--ankämpft.
+
+
+
+
+ZWEI GATTUNGEN DER TRAGÖDIE.
+
+Wie verhalten sich jetzt die Tragödien nach Art des "MACBETH" zu
+"ANTIGONE" und "ROMEO"? Zunächst ist das Grundthema bei ihnen allen eines
+und dasselbe. Es ist die Macht, nämlich die _innere_ Macht des Guten.
+Zugleich sehen wir den Unterschied. In ANTIGONE, sagten wir, _bewährt_
+sich die Macht des Guten angesichts des Leidens; in ROMEO _erweist_ sie
+sich im Leiden. In MACBETH endlich kommt sie erst im Leiden zur
+_Wirksamkeit_.
+
+Wiederum, sind jene beiden darin eins, daß es in der einen, wie in der
+anderen das _Übel_ ist, gegen das das Gute in der Persönlichkeit sich
+behauptet, oder in dem es sich erweist. Dagegen bethätigt sich in MACBETH
+die Macht des Guten gegenüber dem _Bösen_. Wir könnten danach überhaupt
+Tragödien des Übels und Tragödien des Bösen unterscheiden und die beiden
+als die zwei Hauptgattungen der Tragödie einander gegenüber stellen. Wir
+setzen indessen lieber statt dieser beiden Namen die Namen
+_Schicksalstragödie_ und _Charaktertragödie_. Nicht weil bei der
+"Tragödie des Übels" der Charakter, bei der "Tragödie des Bösen" das
+Schicksal keine Bedeutung hätte, sondern weil das Übel, mit dem dort das
+Gute der Persönlichkeit in Konflikt gerät, für die Persönlichkeit
+Schicksal ist, das Böse, gegen das hier das Gute der Persönlichkeit Macht
+gewinnt, der Persönlichkeit selbst und ihrem Charakter angehört.
+
+Aber diese Unterscheidung kann nicht als eine reinliche Scheidung der
+vorhandenen Tragödien gemeint sein. So zutreffend sie ist, so wenig kann
+sie die Forderung in sich schließen, daß Tragödien jederzeit entweder
+nur der einen oder nur der anderen Gattung angehören. Vielmehr hindert
+nichts, daß eine und dieselbe Tragödie beide Gattungen, zugleich
+vergegenwärtige. Die Gleichheit des Grundthemas verbürgt die Möglichkeit
+der Vereinigung. Daß die Tragödie es mit Menschen zu thun hat, in denen
+Gutes und Böses sich zu mischen pflegt, daß die Größe einer edlen
+Leidenschaft mit bösem Wollen sich verbinden, ja zu ihm hinführen kann,
+dies läßt sogar von vornherein erwarten, daß die meisten Tragödien sich
+als Vereinigungen der beiden Gattungen darstellen werden.
+
+Darum bleibt doch der Unterscheidung ihr guter Sinn. Es genügt dafür, daß
+wir solche Tragödien, die mehr der einen Gattung angehören, solchen
+gegenüberstellen können, die mehr der anderen angehören, daß wir in jedem
+Falle unterscheiden können, in _wiefern_ eine Tragödie der einen oder der
+anderen Gattung sich zuordne. Daß wir damit zu einer reinlichen
+Klassifikation der vorhandenen Tragödien nicht gelangen, darüber kann uns
+der Umstand trösten, daß Tragödien auch nicht dazu da sind, um von uns
+klassifiziert zu werden, daß sogar das Verständnis, auf das es beim
+Kunstwerk ankommt, durch das Bestreben der Klassifikation eher verdunkelt
+zu werden pflegt. Es wird erhellt durch die Erkenntnis und deutliche
+Unterscheidung der Gründe, auf denen die Wirkung der Kunstwerke beruht.
+Eine solche Unterscheidung der Gründe der Wirkung ist es darum, woran uns
+schließlich allein gelegen ist. Mögen diese Gründe noch so sehr Hand in
+Hand gehen, so bleiben sie doch verschieden.
+
+So gehen, wenn wir ein Beispiel wollen, die eben unterschiedenen "Gründe"
+der tragischen Wirkung Hand in Hand, Schicksalstragödie und
+Charaktertragödie sind vereinigt in GRETCHEN. GRETCHENs Liebe und daß sie
+der Macht der Verführung Raum gegeben hat, beides in Einem führt sie ins
+Leiden. Sie leidet "für" ihre Liebe und für ihre "Schuld". Und indem sie
+beides thut, indem die Stimme des Guten erwacht, die in ihr eine Zeitlang
+zurückgedrängt war, und zugleich das "Liebe und Gute", das von vornherein
+in ihr war und auch der Verirrung zu Grunde lag, jetzt erst recht
+eindringlich wird, erweist sich in ihr das Gute in doppelter Art. "Sie
+ist gerichtet", so meint MEPHISTO im Hinblick auf ihre Schuld und im
+Einklang mit den Ästhetikern der "poetischen Gerechtigkeit". "Sie ist
+gerettet," so verkündigt die Stimme von oben, für die auch in dem
+"Gericht" das Sittliche der Persönlichkeit sich geoffenbart hat.
+
+An die Vereinigung von Schicksalstragik und Charaktertragik in einer
+Person, nämlich der Person des Helden, war hier zunächst gedacht. Die
+Möglichkeit der Vereinigung gewinnt einen weiteren Umfang, wenn wir die
+Tragödie als Ganzes ins Auge fassen und bedenken, daß in einer und
+derselben Tragödie Vertretern der einen Art der Tragik Vertreter der
+anderen Art gegenübertreten können. Ist die Tragik des Helden
+Schicksalstragik und ist es das böse Wollen einer Persönlichkeit, wodurch
+ihm das Schicksal bereitet wird, so wird diese Persönlichkeit garnicht
+umhin können, zum Träger einer Art von Charaktertragik zu werden. Sie
+wird es um so sicherer sein müssen, je mehr sie neben dem Helden
+hervortritt. Nicht der Held macht ja die Tragödie; nicht ausschließlich,
+sondern nur in erster Linie verkörpert sich in ihm ihr Sinn. Der versteht
+das Kunstwerk schlecht, der immer nur vom Helden zu reden weiß und nicht
+zugleich das Ganze als Ganzes faßt, als eine Einheit, in der nichts
+überflüssig ist oder sein darf, nichts dem einen beherrschenden Gedanken
+völlig fremd gegenüberstehen oder gar ihn verneinen darf.
+
+So gehört zur Tragödie "ANTIGONE" KREON ebensowohl wie ANTIGONE, zur
+Tragödie "MARIA STUART" ELISABETH ebensowohl wie MARIA STUART. Die innere
+Macht des Guten, die in ANTIGONE sich behauptet, eben die muß in KREON
+erwachen und ihm ein inneres Leiden schaffen, oder der Sinn des Ganzen,
+der dort bejaht ist, ist hier verneint. Und wir fassen den Sinn der
+Tragödie, der eben in der Thatsache jener inneren Macht besteht, nur
+halb, wenn wir nur auf ANTIGONEs und nicht zugleich auf KREONs Leiden,
+und was darin zu Tage kommt, achten. Ähnlich verhält es sich mit MARIA
+STUART und ELISABETH und in vielen anderen Fällen.
+
+
+
+
+TRAGÖDIE UND ERNSTES SCHAUSPIEL.
+
+Die _innere_ Macht des Guten, so betonten wir, macht das Thema des
+Trauerspiels. Damit ist doch keineswegs ausgeschlossen, daß neben der
+inneren die äußere Macht des Guten in einem Trauerspiel uns
+entgegentritt. Es _muß_ sogar so sein, wenn das Schicksal, das den Bösen
+niederwirft und das Gute in ihm zum Siege bringt, in Gestalt einer das
+Gute wollenden Persönlichkeit auf die Bühne tritt. Freilich nähert sich
+das Trauerspiel in dem Maße, als diese Macht hervortritt und
+_selbständige_ Bedeutung gewinnt, dem ernsten Schauspiele, in dem eben
+diese Macht des Guten das eigentliche Thema bildet. So tritt in "RICHARD
+III." neben dem Helden sein Gegner RICHMOND mehr und mehr in den
+Vordergrund, um schließlich der eigentliche Held des Dramas zu werden.
+RICHARD wird Mittel zum Zweck, Hindernis, das dazu da ist, von RICHMOND
+überwunden zu werden und ihn zu verherrlichen, zugleich Folie, von der
+sich die Lichtgestalt RICHMONDs glänzender abhebt.
+
+Man wird diese Teilung des Interesses bedauern müssen, sie zugleich aber
+unter den obwaltenden Umständen begreifen. RICHARD klagt sich an, er
+erkennt eine über ihm stehende sittliche Macht an. Aber genügt die Art,
+wie er es thut, um uns soweit mit ihm auszusöhnen, daß sein Ende für uns
+Gegenstand eines, wenn auch ernsten, so doch ungetrübten, von Bitterkeit
+oder Abscheu freien Genusses ist? Würde selbst ein vollkommeneres inneres
+Gebrochensein, ein tiefergehendes seelisches Leiden, den Eindruck von so
+viel Verworfenheit bis zu dem Grade zurückzudrängen vermögen, daß die
+Genugthuung über den Sieg, den das Gute auch noch in einer _solchen_
+Persönlichkeit davonzutragen vermag, in uns die herrschende Empfindung
+würde? Ist das _zermalmende_ Bewußtsein der begangenen Frevel, wie wir es
+von RICHARD III. fordern müßten, bei seinem Charakter überhaupt
+_möglich_? Würden wir, nach dem, was wir gesehen und gehört haben, daran
+glauben können?--Verneint man diese Fragen, dann muß RICHARD III.
+schließlich zurücktreten, und die andere Art der Versöhnung, die im
+äußeren Sieg des Guten, dem Sieg _über_ RICHARD besteht, Ersatz und
+Ergänzung bieten. Dann hätte aber freilich RICHARD III. von vornherein in
+höherem Grade zurücktreten und nicht als eigentlicher Held des Dramas
+erscheinen müssen. Die Frage lautet eben schließlich: Ist nicht, wie ganz
+gewiß in anderen Tragödien, so auch schon in RICHARD III. das Maß des
+sittlich Häßlichen überschritten, das dem Helden der Tragödie, in der ja
+wie in jedem Kunstwerk das Häßliche nur Mittel zum Zweck ist, zugestanden
+werden darf?
+
+Von einer doppelten Art der Versöhnung war hier die Rede. Die eine
+besteht nur in uns, als unsere Versöhntheit mit dem Ausgang, insbesondere
+mit dem Helden und seinem Geschick. Sie ist in diesem Sinne "subjektive"
+und _nur_ subjektive Versöhnung. Das, womit wir versöhnt oder ausgesöhnt
+werden müssen, ist das Übel oder das Böse, das Schicksal oder die
+Persönlichkeit, oder das eine und das andere zugleich. Was uns damit
+versöhnt oder aussöhnt, ist das sittlich Wertvolle in der Persönlichkeit,
+das in dem Konflikt des Helden mit dem Schicksal oder mit sich selbst zu
+Tage tritt. Diese Versöhnung und nur diese ist tragische Versöhnung.
+
+Ihr steht entgegen die objektive, die in dem Kunstwerk selbst sich
+vollziehende und von uns angeschaute Versöhnung, der versöhnliche
+Ausgang, die glückliche Lösung. Diese Versöhnung bildet Ziel und Sinn des
+ernsten Schauspiels. Auch hier kann, wie der Konflikt, so die Versöhnung
+doppelter Art sein. Der Held, der Träger des Guten, besiegt das ihm
+entgegenstehende Schicksal bezw. die Bösen, die für ihn das feindliche
+Schicksal repräsentieren. Das Übel wendet sich für ihn zum Guten.--Oder
+er überwindet die ihm und seinem Glück entgegenstehende Bosheit oder
+Schwäche der eigenen Natur. So hat selbst IPHIGENIE einen Feind im
+eigenen Herzen, nämlich die Lüge, zu überwinden. Der Held überwindet das
+Böse, das heißt hier nicht wie bei der Tragödie, sein besseres Ich
+erwacht und kommt zur Geltung _gegenüber_ der bösen Leidenschaft und in
+dem Konflikt und inneren Leiden, das ihm aus der Verwirklichung seines
+leidenschaftlichen Wollens erwächst; sondern: es vernichtet das Böse, es
+wird Herr darüber. Das Gute im Helden wird zum guten Wollen und zur guten
+That; der Gegensatz des Bösen und Guten _entscheidet_ sich; nicht das
+Böse, sondern das Gute wird schließlich _verwirklicht_: das Böse wandelt
+sich in das Gute. Dieser Sieg des Guten dient dann wiederum dazu, das
+böse Schicksal, nämlich dasjenige, das aus dem bösen Wollen erwuchs oder
+zu erwachsen drohte, zum Guten zu wenden. So ist überall der versöhnliche
+Ausgang das Ziel. Dem Guten wird, weil es da ist, oder sich sieghaft
+durcharbeitet, sein verdienter Lohn. Erst, indem wir diese objektive
+Versöhnung miterleben, entsteht hier das Gefühl der Versöhnung oder
+unsere Versöhntheit.
+
+Dieser Gegensatz zwischen der nur subjektiven Versöhnung der Tragödie und
+der zugleich objektiven des ernsten Schauspiels läßt sich noch in anderer
+Weise bezeichnen. Dort ist das Gute, ich meine das persönlich oder
+sittlich Gute, an sich der Gegenstand des Genusses, hier das Gute mit
+Rücksicht auf die Verwirklichung seiner Zwecke; dort handelt es sich um
+das _Dasein_ des Guten, hier um seine Bethätigung, seine Leistungen,
+seinen _Erfolg_. Man hat gefragt, was in der Tragödie wichtiger sei, der
+Charakter oder die Handlung. In dieser Unbestimmtheit muß die Frage
+abgewiesen werden. In jedem Drama muß der Charakter in Handlungen und
+Erlebnissen sich bethätigen und überall müssen die Handlungen und
+Erlebnisse aus einem entsprechenden Charakter begreiflich werden.
+Insofern sind beide gleich wichtig. Beides ist gar nicht von einander zu
+trennen. Wohl aber hat die obige Frage ihr gutes Recht, wenn sie zu
+wissen verlangt, worauf die Tragödie eigentlich abziele. Die Tragödie, so
+müssen wir sagen, zielt durchaus auf den Charakter ab, sie weist uns von
+den Handlungen und Erlebnissen auf den Charakter, der darin sich
+kundgiebt, während das ernste Schauspiel vielmehr uns vom Charakter auf
+die Handlungen und Erlebnisse hinweist, die daraus fließen. Dort haben
+die Handlungen und Erlebnisse Bedeutung, sofern sie uns ein Wertvolles im
+Charakter enthüllen, hier soll vielmehr der Charakter die Handlungen und
+Erlebnisse uns wertvoll und erfreulich machen.
+
+Indem man diesen Gegensatz zwischen Tragödie und ernstem Schauspiel
+übersah und die dem ernsten Schauspiel angehörige objektive Versöhnung,
+die objektive "Lösung des Konflikts" auch von der Tragödie forderte,
+mußte man zu den oben zurückgewiesenen, die Tragödie verfälschenden
+Theorien gelangen. Man suchte die Lösung im Jenseits, sei es dem alles
+Unrecht ausgleichenden, besseren Jenseits, sei es dem Jenseits, das mit
+dem "Frieden" des Nichts gleichbedeutend ist, in jedem Falle also in
+etwas, von dem der Ästhetiker allerlei wissen mag, das Kunstwerk aber
+nichts weiß. Oder man suchte im Leiden und Untergang selbst die äußere
+Lösung und ließ zu dem Zweck die Armen schuldig werden, die der Dichter
+unschuldig hatte leiden lassen.
+
+Allen solchen Klügeleien gegenüber müssen wir festhalten, daß in der
+Tragödie der Konflikt thatsächlich _ungelöst_ bleibt. Weder ist das
+Leiden selbst die Lösung noch folgt ihm die Lösung. Die Tragödie verträgt
+keine äußere Lösung, weil in ihr die ganze Bedeutung des Konfliktes
+darauf beruht, durch sein _Vorhandensein_ und das daraus entspringende
+Leiden unmittelbar ein sittlich Schönes zu vergegenwärtigen. Daß die
+Tragödie nichts weiß von glücklichem Ausgang, daß ihr der äußere Erfolg
+des Handelns so garnichts bedeutet, die Begriffe der "Belohnung" des
+Guten und der "Bestrafung" des Bösen im äußerlichen Sinne ihrer Natur so
+völlig fremd sind, vielmehr statt dessen alles in ihr abzielt auf die
+Vergegenwärtigung des Guten im Menschen, der inneren Macht dieses Guten
+und des Wertes, den es _an und für sich hat_--, dieser höchste sittliche
+Standpunkt ist es, der erst die Tragödie als solche konstituiert, der ihr
+zugleich ihre besondere sittliche und damit ästhetische Bedeutung giebt.
+
+
+
+
+DIE POETISCHE MOTIVIERUNG.
+
+Es giebt nichts Schöneres und Erhabeneres auf der Welt, als das Schöne
+und Gute, was im Menschen ist. Darum gewährt die Tragödie den erhabensten
+Genuß. Immerhin ist dieser Genuß an das schmerzliche Mitfühlen des Leides
+gebunden. Hier erwächst der Tragödie die Aufgabe, Sorge zu tragen, daß
+der Schmerz nur dient, den Genuß zu vermitteln und ihm den erhaben
+ernsten Charakter zu geben, den Charakter der Liebe und Ehrfurcht, den er
+zu tragen bestimmt ist; daß kein Gefühl des Schmerzes, der Unlust, der
+Verletztheit übrig bleibt, das nicht in jenen Genuß sich auflöste. Die
+subjektive Versöhnung, die einzige, die für die Tragödie gefordert ist,
+muß eine _vollständige_ sein.
+
+Daraus ergeben sich verschiedene Forderungen. Schon oben meinten wir, die
+Tragödie, als _dramatisches_ Kunstwerk, erheische, daß das "Wollen und
+Handeln des Helden zum Leiden _hinführe_. Jemehr dies der Fall ist,
+jemehr der Held zu seinem Leiden positive Veranlassung giebt, so daß wir
+es mit einer gewissen Notwendigkeit "so kommen sehen", desto eher fügen
+wir uns darein, desto leichter können wir uns im tragischen Genusse mit
+ihm versöhnt fühlen.
+
+Hierauf reduziert sich das Recht der früher erwähnten Forderung, daß das
+Leiden des Helden auf einer Überhebung desselben beruhen müsse. In der
+That wird das Verhalten des Helden in vielen Fällen mit diesem Namen
+bezeichnet werden können. In keinem Falle wird sich ja sein Wollen und
+Handeln in den Schranken des Alltagsmenschen halten, für den die Mäßigung
+die höchste Tugend ist. Daß es auch _Ästhetiker_ giebt, die die
+"Mäßigung" so hoch stellen, und von diesem sittlichen Standpunkte aus
+sich in eine sittliche Entrüstung gegen die reinsten tragischen Gestalten
+hineinreden, das beweist nur, welche begriffsverwirrende Macht die einmal
+feststehende Theorie besitzt.
+
+Daß andererseits der böse Charakter des Helden ein gewisses Maß der
+_Bosheit_ nicht überschreiten dürfe, dies zu bemerken hat uns schon oben
+"RICHARD III" Gelegenheit gegeben. Im übrigen ist die Bemerkung so alt,
+wie die Ästhetik der Tragödie. Nicht der eingefleischte Teufel, nur das
+menschlich verständliche Böse, das Böse, das aus relativ berechtigter
+Wurzel stammt und zugleich der Größe nicht entbehrt, macht den inneren
+Sieg des Guten begreiflich und unsere Aussöhnung mit dem Bilde des Helden
+möglich. Will man ein Beispiel, wie der Dichter es anfängt bei aller
+Macht des Bösen uns doch an die Möglichkeit, daß das Gute zum Siege
+komme, glauben zu lassen, so sehe man, wie MACBETH zum Bösen getrieben
+wird, nicht durch ursprüngliche Niedertracht, sondern durch gewaltigen
+Ehrgeiz, wie dieser Ehrgeiz künstlich geschürt wird durch die eigentliche
+Teufelin, die Lady MACBETH, wie MACBETH, einmal auf der Bahn des Bösen,
+nicht mehr anders _kann_, als weiter stürmen. Dies alles läßt ihn gewiß
+nicht schuldiger und die Strafe gerechter erscheinen, wohl aber wird uns,
+wenn wir auf dies alles achten, sein böses Thun durchaus menschlich
+verständlich und ebendamit das Erwachen der Stimme des Guten begreiflich.
+Zugleich dient es, uns die schließliche Aussöhnung mit ihm zu
+ermöglichen.
+
+So gewiß nun aber das Wollen und Handeln des Helden zum Leiden hinführen
+muß, so widersinnig wäre die Forderung, daß es für sich allein dazu
+hinführen solle.
+
+Man hat gesagt, in der Tragödie müsse nicht nur der Untergang des Helden
+aus dem Konflikt, sondern auch der Konflikt aus dem Charakter des Helden
+mit Notwendigkeit folgen. Das ist schlecht ausgedrückt oder leere
+Schwärmerei. Nichts, was irgend ein Mensch thut, folgt lediglich aus
+seinem Charakter; für nichts ist er allein die zureichende Ursache. Alles
+folgt nur aus ihm und den hinzukommenden äußeren _Umständen_. Bei EMILIA
+GALOTTI wäre zu Konflikt und Untergang kein Anlaß, wenn sie nicht dem
+Prinzen begegnete, bei ANTIGONE nicht, wenn nicht KREON ein Tyrann wäre,
+und so in allen möglichen Fällen. Aus verschiedenen Bedingungen ergeben
+sich verschiedene Folgen. So ist es vollends ein nichtiges Reden, wenn
+behauptet wird, das Leiden des tragischen Helden sei prädestiniert in dem
+Sinne, daß der Held so handeln müßte, wie er handelt "und wenn er auch
+die ganze kausale Verkettung mit Gewißheit überblickte, durch die ihn
+diese That zum Untergange führt". Oder was soll es für einen Sinn haben,
+daß OTHELLO DESDEMONA ermorden müßte, auch wenn er den Thatbestand
+kennte, aus dem sich die Grundlosigkeit seiner Eifersucht ergiebt?
+
+Aber den _Zufall_ meint man doch aus der Tragödie ausschließen zu müssen.
+Hier kommt alles auf den Sinn des Wortes an. Meint man den Zufall, der im
+Gegensatze steht zum ursächlichen Zusammenhang der Dinge? Dieser Zufall
+besteht nirgends. Kein Wunder, wenn er auch in der Tragödie nicht
+besteht. Oder meint man den Zufall als Gegensatz dessen, was ich _will_
+und durch mein Wollen zuwege bringe? Diesen Zufall giebt es überall und
+vor allem in der Tragödie. Es ist in diesem Sinne Zufall für ANTIGONE,
+daß KREON ist, wie er ist; für RICHARD, daß es Personen giebt, gegen die
+er sich so verhalten kann, wie er es thut. Oder haben ANTIGONE und
+RICHARD auch dies "verschuldet"?
+
+Nur freilich der in der Tragödie waltende Zufall, oder wenn man lieber
+will, das, alles Handeln und Leiden der Personen und vor allem des Helden
+mitbedingende Schicksal muß uns verständlich sein. Nicht nur so, daß wir
+daran glauben können. Ohne dies wäre alle Wirkung in Frage gestellt.
+Sondern in dem Sinne, daß es sich einfügt in einen uns vertrauten
+Zusammenhang der Dinge. Wir müssen auch, soweit das Schicksal das Leiden
+bedingt, in gewisser Weise "es mit Notwendigkeit so kommen sehen". Damit
+verliert das Schicksal das Schreckliche oder Entsetzliche, das dem wider
+alles natürliche Erwarten hereinbrechenden Schicksal eignete und den
+tragischen Genuß bedrohte.
+
+In diesem Punkte verfehlt es die speciell sogenannte
+"Schicksalstragödie". Ihr besonderer Name rechtfertigt sich gewiß nicht
+dadurch, daß in ihr das Schicksal "blinder" wäre als sonst. Blind, und
+eben darum den Gesetzen des Zufalls oder der Wahrscheinlichkeit
+gehorchend ist das Schicksal sonst, im Leben und in der Tragödie. In der
+"Schicksalstragödie" dagegen ist es vielmehr sehend, ein boshaftes Wesen,
+das mit kindischem Eigensinn sich an Äußerlichkeiten heftet, Menschen
+vernichtet, weil es sich dies nun einmal in den Kopf gesetzt hat, oder
+weil ein Wahnwitziger einen thörichten Fluch ausgesprochen hat. In dies
+menschlich boshafte, kindisch und toll gewordene Schicksal, finden wir
+uns nicht, wie in die durch Erfahrung uns vertraut gewordene blinde
+Naturnotwendigkeit. Eben darum ist es so entsetzlich und so untragisch.
+
+Darin liegt zugleich, daß auch das Schicksal des Helden, soweit es im
+_bösen Wollen Anderer_ besteht--ebenso wie nach Obigem das böse Wollen
+des _Helden selbst_--uns menschlich verständlich sein und ein gewisses
+relatives Recht in sich tragen müsse. Dies um so sicherer, je weniger
+relatives Unrecht auf der Gegenseite zu finden ist. So erscheint KREONs
+Wüten gegen ANTIGONE von seinem Standpunkte aus in gewisser Art
+berechtigt und dadurch von seiner Seite her das Beleidigende des über
+ANTIGONE verhängten Leidens gemildert. Das Leiden der ANTIGONE selbst
+freilich wird damit nicht geringer. Aber darum handelt es sich auch hier
+nicht. Alle die hier gestellten Forderungen zielen nicht darauf ab, daß
+das Leiden gemindert, sondern daß unser Schmerz über das Leiden
+versöhnbarer gemacht werde.
+
+Versöhnbarer,--das heißt nach oben Gesagtem: fähiger, in den Genuß, den
+die Tragödie gewähren will, sich aufzulösen, nicht um zu verschwinden,
+sondern um darin fortzuleben als das Moment des Ernstes und heiligen
+Schauers, das diesem Genusse vor anderen eignet.--Dürfen wir, so kann
+jetzt gefragt werden, diesen Genuß noch mit dem Namen nennen, den wir der
+tragischen Empfindung auf ihrer ersten Stufe zugestehen mußten? Ist der
+tragische Genuß, wie wir ihn jetzt kennen gelernt haben, noch bloßes
+Mitleid? Man kann gewiß den Sinn des Wortes Mitleid so umfassend nehmen.
+Sicher ist, daß wir uns von dem, was wir damals zunächst so nannten, weit
+entfernt haben. Mitleid war uns das schmerzlich freudige Bewußtsein vom
+Werte eines Lebendigen, das leidet, abgesehen noch von dem specifischen,
+im höchsten Maße sittlichen Werte, den ein Leidender und sein Leiden
+gewinnt, indem sich in ihm in bestimmter Art das Gute als innerlich
+siegende Macht erweist. Jetzt sehen wir eben in diesem Werte den
+besonderen Gegenstand des Genusses. Damit erhebt sich der Genuß an der
+Tragödie über das Gefühl des Mitleids gegenüber einem beliebigen
+tragischen Objekt so hoch, als sich dieser specifische Wertinhalt erhebt
+über das bloße Dasein eines Lebendigen. Es ist beide Male Empfindung von
+derselben Art; nur hier, bei der Tragödie, wie es in der Natur des Dramas
+liegt, in Fluß gebracht, potenziert und in einem Punkte von höchster
+Bedeutung zusammengefaßt.
+
+
+
+
+DER UNTERGANG DES HELDEN.
+
+Indessen wir sind mit dem Bilde des Genusses, den die Tragödie gewähren
+will, noch nicht völlig zum Abschluß gelangt. Wir haben schließlich noch
+im Ganzen die Frage zu stellen, auf die wir gelegentlich und im Einzelnen
+schon eine Antwort gaben. Wozu der Tod des tragischen Helden?
+
+Warum muß ANTIGONE sterben? Weil sie nur angesichts des Todes die volle
+Macht ihrer Bruderliebe an den Tag legen kann, und die Drohung KREONs
+nicht etwa nachträglich als Scherz sich erweisen darf. Warum ROMEO? Weil
+nur der _tödliche_ Schmerz die Macht seiner Leidenschaft voll offenbaren
+kann. Warum endlich RICHARD III.? Daß sein Untergang notwendig ist, wenn
+der Triumph RICHMONDs ein vollkommener, die Herrschaft besserer Zeiten,
+die mit ihm anbricht, unzweifelhaft sein soll, kommt für die Tragik in
+RICHARD nicht in Betracht. Wohl aber dies, daß auch er, so wie er einmal
+ist, und nach solchen Zunichtewerden seines ganzen Wollens nicht weiter
+leben kann. Darum stirbt er zwar keineswegs resigniert, aber er stürzt
+sich in den Kampf, um zu siegen _oder_ unterzugehen.
+
+Soweit erscheint der Tod in verschiedenen Tragödien verschieden
+begründet. Es lassen sich aber zugleich die verschiedenen Gründe in einen
+zusammenfassen. Der tragische Konflikt ist unlösbar und wir haben
+gesehen, warum er es sein muß. Ebendarum, muß er _abgeschnitten_ werden.
+Die Endlosigkeit des Konfliktes und Leidens würde wiederum die
+Versöhnung, nämlich die Versöhnung unseres Gefühles mit sich selbst,
+aufheben. Das endlose Leiden wäre nicht tragisch, sondern entsetzlich.
+Aus diesem Grunde ist der Tod notwendig, nicht für den Helden, sondern
+für uns, nicht objektiv, sondern für unser Empfinden.
+
+Zugleich ist durch den Tod alles unnötige und dem Kunstwerk
+widersprechende Fragen abgeschnitten: Was würde aus RICHARD, wenn er
+weiter lebte? Was _wird_ aus ihm oder ANTIGONE in irgend welchem
+Jenseits?--Im Kunstwerk ist es zu Ende; und wir haben nicht das Kunstwerk
+auf unsere Kosten weiterzudichten. Nicht vorwärts soll unser Blick gehen,
+über das Kunstwerk hinaus, in das Gebiet unserer Reflexionen, sondern
+haften soll er und nach rückwärts gehen.
+
+Das kann er aber jetzt in _besonderer_ Weise. Der Tod ist das Ende des
+Leidens, auch in dem Sinne, daß mit ihm erst die Wirkung des Leidens auf
+_uns_ sich abschließt und vollendet. Der Freund, der leidet, erscheint
+uns liebens- und achtungswerter. Er erscheint uns in dem _ganzen_ Wert,
+den er für uns hatte, wenn er uns entrissen ist. So auch tritt uns die
+ganze Erhabenheit und Schönheit der ANTIGONE ins Bewußtsein, wenn sie
+dahingegangen ist. Wir wissen, was sie war, wenn sie nicht mehr ist. Und
+ebenso wird bei RICHARD III., was an ihm Wertvolles war und in seinem
+Leiden zu Tage getreten ist, erst mit seinem Tod uns völlig gegenwärtig.
+Der Tod wirkt verklärend, nicht objektiv, sondern in unseren Augen, nicht
+den Helden, sondern sein Bild verklärend.
+
+Und er wirkt zugleich andererseits mildernd, reinigend. Solange ANTIGONE
+lebte, war sie verflochten in den Streit der Leidenschaften; und in ihm
+mochte sie gelegentlich herb und verletzend erscheinen. Solche Gedanken
+treten zurück angesichts des Todes. So lange RICHARD III. lebte, haftete
+unser Blick an dem Schrecklichen, was sein Wollen und Thun als solches
+für uns hatte und haben mußte. Dies einzelne Wollen und Thun
+verschwindet, wie alles Einzelne, angesichts des Todes. Der Tod öffnet
+die Augen für das Ganze der Persönlichkeit, für das, was sie im Ganzen w
+a r. Und da sehen wir auch das Gute und berechtigt Menschliche, was
+selbst dem verletzenden oder schrecklichen einzelnen Wollen und Thun zu
+Grunde lag. Es ist wiederum keine objektiv, sondern eine subjektiv
+reinigende, ich meine eine unsere Betrachtung, unser Bild des Helden
+reinigende Wirkung, von der ich hier spreche.
+
+
+
+
+SCHLUSS.
+
+In dieser reinigenden und jener verklärenden Wirkung des Todes vollendet
+sich endlich der Sinn und Zweck der Tragödie. Nach dem Gesagten ist der
+Tod, der physische Untergang, nichts weniger, als dasjenige, was den
+eigentlichen Sinn der Tragödie macht; sosehr auch die Meinung in Geltung
+sein mag. Er ist vielmehr ein durchaus sekundäres, dienendes, immerhin um
+des Zweckes willen notwendiges Moment. Dieser Zweck der Tragödie ist
+aber, um nun unser Ergebnis noch einmal in Eines zusammenzufassen, kein
+anderer als der, _uns die Macht des Guten in einer Persönlichkeit
+genießen zu lassen, wie sie im Leiden zu Tage tritt und gegen Übel und
+Böses sich bethätigt, uns von dem Werte dieses Guten den denkbar tiefsten
+und reinsten Eindruck zu geben, einen Eindruck, der nicht, wie so oft im
+Leben, getrübt ist durch den Gedanken an uns selbst, an äußeren Erfolg,
+an Lohn und Strafe, der im Gegensatz zu allem Haften am Einzelnen und an
+der Oberfläche des Geschehens und Thuns dem Ganzen der Persönlichkeit und
+ihrem innersten Wesen gerecht wird. Die Tragödie fordert dafür nichts,
+als daß wir uns ihr ganz hingeben und nichts Fremdes einmischen, daß wir
+vor allem nicht in unseren Reflexionen und Theorien statt im Kunstwerk
+unsere Befriedigung suchen.
+
+
+
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DER STREIT UEBER DIE TRAGOEDIE ***
+
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
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+of the official release dates, leaving time for better editing.
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+and editing by those who wish to do so.
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+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
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+91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
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+
+Information about Project Gutenberg (one page)
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+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
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+We need your donations more than ever!
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+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
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+donations from donors in these states who approach us with an offer to
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+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
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