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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-15 05:30:36 -0700 |
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You can also find out about how to make a +donation to Project Gutenberg, and how to get involved. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!***** + + +Title: Das goldene Vliess + +Author: Franz Grillparzer + +Release Date: April, 2005 [EBook #7946] +[Yes, we are more than one year ahead of schedule] +[This file was first posted on June 3, 2003] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character set encoding: iso-8859-1 + +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GOLDENE VLIESS *** + + + + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + + + + +This Etext is in German. + +This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. +That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/. + +Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" +zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse +http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar. + + + + +Das goldene Vließ + +Franz Grillparzer + + +Inhalt: + Der Gastfreund + Die Argonauten + Medea + + + + + + +Der Gastfreund + +Franz Grillparzer + +Trauerspiel in einem Aufzug + + +Personen: + +Aietes, König von Kolchis +Medea, seine Tochter +Gora, Medeens Amme +Peritta, eine ihrer Jungfrauen +Phryxus +Jungfrauen Medeens +Griechen in Phryxus' Gefolge +Kolcher + + + + +Kolchis. (Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen, im Hintergrunde das +Meer. Am Gestade desselben ein Altar, von unbehauenen Steinen +zusammengefügt, auf dem die kolossale Bildsäule eines nackten, +bärtigen Mannes steht, der in seiner Rechten eine Keule, um die +Schultern ein Widderfell trägt. Links an den Szenen des +Mittelgrundes der Eingang eines Hauses mit Stufen und rohen Säulen. +Tagesanbruch.) +Medea, Gora, Peritta, Gefolge von Jungfrauen. +(Beim Aufziehen des Vorhanges steht Medea im Vorgrunde mit dem +Bogen in der Hand in der Stellung einer, die eben den Pfeil +abgeschossen. An den Stufen des Altars liegt ein, von einem Pfeile +durchbohrtes Reh.) + +Jungfrauen (die entfernt gestanden, zum Altare hineilend). +Das Opfer blutet! + +Medea (in ihrer vorigen Stellung). +Traf's? + +Eine der Jungfrauen. +--Gerad' ins Herz! + +Medea (indem sie den Bogen abgibt). +Das deutet Gutes; laßt uns eilen denn! +Geh' eine hin und spreche das Gebet. + +Gora (zum Altar tretend). +Darimba, mächtige Göttin +Menschenerhalterin, Menschentöterin +Die den Wein du gibst und des Halmes Frucht +Gibst des Weidwerks herzerfreuende Spende +Und des Todfeinds Blut: +Darimba, reine, magdliche +Tochter des Himmels, +Höre mich! + +Chor. +Darimba, mächtige Göttin, +Darimba! Darimba! + +Gora. +Sieh ein Reh hab' ich dir getötet +Den Pfeil schnellend vom starken Bogen +Dein ist's! Laß dir gefallen sein Blut! +Segne das Feld und den beutereichen Wald +Gib, daß wir recht tun und siegen in der Schlacht +Gib, daß wir lieben den Wohlwollenden +Und hassen den, der uns haßt. +Mach' uns stark und reich, Darimba, +Mächtige Göttin! + +Chor. +Darimba, Darimba! + +Gora. +Das Opfer am Altar zuckt und endet, +So mögen deine Feinde enden, Darimba! +Deine Feinde und die unsern! +Es ist Medea, Aietes' Tochter, +Des Herrschers von Kolchis fürstliches Kind +Die empor in deine Wohnungen ruft +Höre mich, höre mich +Und erfülle was ich bat! + +Chor (mit Zimbeln und Handpauken zusammen schlagend). +Darimba, Darimba! +Mächtige Göttin! +Eriho! Jehu! + +Medea. +Und somit genug! Das Opfer ist gebracht, +Vollendet das zögernde Geschäft. +Nun Pfeil und Bogen her, die Hunde vor, +Daß von des Jagdlärms hallendem Getos +Der grüne Wald ertöne nah und fern! +Die Sonne steigt. Hinaus! hinaus! +Und die am schnellsten rennt und die am leichtsten springt +Sei Königin des Tags.-- +Du hier Peritta? Sagt' ich dir nicht, +Daß du mich meiden sollst und gehn? So geh! + +Peritta (knieend). +Medea! + +Medea. +Kniee nicht! Du sollst nicht knien! +Hörst du? In deine Seele schäm' ich mich. +So feig, so zahm!--Mich schmerzt nicht dein Verlust, +Mich schmerzt, daß ich dich jetzt verachten muß +Und hab' dich einst geliebt! + +Peritta. +O wüßtest du! + +Medea. +Was denn?--Stahlst du dich neulich von der Jagd +Und gingst zum Hirten ins Tergener Tal? +Tatst du's? Sprich nein! Du Falsche, Undankbare! +Versprachst du nicht du wolltest mein sein, mein +Und keines Manns? Sag' an, versprachst du's? + +Peritta. +Als ich's gelobte wußt' ich damals-- + +Medea. +Schweig! +Was braucht's zu wissen, als daß du's versprachst. +Ich bin Aietes' königliches Kind +Und was ich tu' ist recht weil ich's getan. +Und doch, du Falsche! hätt' ich dir versprochen +Die Hand hier abzuhaun von meinem Arm +Ich tät's; fürwahr ich tät's, weil ich's versprach. + +Peritta. +Es riß mich hin, ich war besinnungslos, +Und nicht mit meinem Willen, nein-- + +Medea. +Ei hört! +Sie wollte nicht und tat's!--Geh du sprichst Unsinn. +Wie konnt' es denn geschehn +Wenn du nicht (wolltest). Was ich tu' das will ich +Und was ich will--je nu das tu' ich manchmal (nicht). +Geh hin in deines Hirten dumpfe Hütte +Dort kaure dich in Rauch und schmutz'gen Qualm +Und baue Kohl auf einer Spanne Grund. +Mein Garten ist die ungemeßne Erde +Des Himmels blaue Säulen sind mein Haus +Da will ich stehn des Berges freien Lüften +Entgegen tragend eine freie Brust +Und auf dich niedersehn und dich verachten. +Hallo! in Wald! Ihr Mädchen in den Wald! +(Indem sie abgeben will kömmt von der andern Seite ein) Kolcher. + +Kolcher. +Du Königstochter, höre! + +Medea. +Was? Wer ruft? + +Kolcher. +Ein Schiff mit Fremden angelangt zur Stund'! + +Medea. +Dem Vater sag' es an. Was kümmert's mich! + +Kolcher. +Wo weilt er? + +Medea. +Drin im Haus! + +Kolcher. +Ich eile! + +Medea. +Tu's! + +(Der Bote ab ins Haus.) + +Medea. +Daß diese Fremden uns die Jagdlust stören! +Ihr Schiff, es ankert wohl in jener Bucht, +Die sonst zum Sammelplatz uns dient der Jagd. +Allein was tut's! Bringt lange Speere her +Und nahet ein Kühner, zahl' er's mit Blut! +Nur Speere her! doch leise, leise, hört! +Denn säh's der Vater wehren möcht' er es. +Kommt!--Dort das Mal von Steinen aufgehäuft +Seht ihr's dort oben? Wer erreicht's zuerst? +Stellt euch!--Nichts da! Nicht vorgetreten! Weg! +Wer siegt hat auf der Jagd den ersten Schuß: +So, stellt euch und wenn ich das Zeichen gebe +Dann wie der Pfeil vom Bogen fort! Gebt Acht! +Acht!--Jetzt!-- +Aietes (ist unterdessen aus dem Hause getreten, mit ihm der) Bote, +(der gleich abgeht.) + +Aietes. +Medea! + +Medea (sich umwendend aber ohne ihren Platz zu verändern). +Vater! + +Aietes. +Du, wohin? + +Medea. +In Wald! + +Aietes. +Bleib jetzt! + +Medea. +Warum? + +Aietes. +Ich will's. Du sollst. + +Medea. +So fürchtest du, daß jene Fremden-- + +Aietes. +Weißt du also?-- + +(Näher tretend, mit gedämpfter Stimme.) + +Angekommen Männer +Aus fernem Land +Bringen Gold, bringen Schätze, +Reiche Beute. + +Medea. +Wem? + +Aietes. +Uns, wenn wir wollen. + +Medea. +Uns? + +Aietes. +'s sind Fremde, sind Feinde, +Kommen zu verwüsten unser Land. + +Medea. +So geh hin und töte sie! + +Aietes. +Zahlreich sind sie und stark bewehrt +Reich an List die fremden Männer, +Leicht töten sie (uns.) + +Medea. +So laß sie ziehn! + +Aietes. +Nimmermehr. +Sie sollen mir-- + +Medea. +Tu was du willst +Mich aber laß zur Jagd! + +Aietes. +Bleib, sag' ich, bleibe + +Medea. +Was soll ich? + +Aietes. +Helfen! Raten! + +Medea. +Ich? + +Aietes. +Du bist klug, du bist stark. +Dich hat die Mutter gelehrt +Aus Kräutern, aus Steinen +Tränke bereiten, +Die den Willen binden +Und fesseln die Kraft. +Du rufst Geister +Und besprichst den Mond +Hilf mir, mein gutes Kind! + +Medea. +Bin ich dein gutes Kind! +Sonst achtest du meiner wenig. +Wenn ich will, willst du (nicht) +Und schiltst mich und schlägst nach mir; +Aber wenn du mein bedarfst +Lockst du mich mit Schmeichelworten +Und nennst mich Medea, dein liebes Kind. + +Aietes. +Vergiß Medea was sonst geschehn. +Bist doch auch nicht immer wie du solltest. +Jetzt steh mir bei und hilf mir. + +Medea. +Wozu? + +Aietes. +So höre denn mein gutes Mädchen!-- +Das Gold der Fremden all und ihre Schätze-- +Gelt lächelst? + +Medea. +Ich? + +Aietes. +Ei ja, das viele Gold +Die bunten Steine und die reichen Kleider +Wie sollen die mein Mädchen zieren! + +Medea. +Ei immerhin! + +Aietes. +Du schlaue Bübin, sieh, +Ich weiß dir lacht das Herz nach all der Zier! + +Medea. +Kommt nur zur Sache, Vater! + +Aietes. +Ich-- +Heiß dort die Mädchen gehn! + +Medea. +Warum? + +Aietes. +Ich will's! + +Medea. +Sie sollen ja mit mir zur Jagd. + +Aietes. +Heut keine Jagd' + +Medea. +Nicht? + +Aietes. +Nein sag' ich und nein! und nein! + +Medea. +Erst lobst du mich und-- + +Aietes. +Nun, sei gut, mein Kind! +Komm hierher! Weiter! hierher, so! +Du bist ein kluges Mädchen, dir kann ich trauen. +Ich-- + +Medea. +Nun! + +Aietes. +Was siehst du mir so starr ins Antlitz? + +Medea. +Ich höre Vater! + +Aietes. +O ich kenne dich! +Willst du den Vater meistern, Ungeratne? +I ch entscheide was gut, was nicht. +Du (gehorchst). Aus meinen Augen Verhaßte! + + +(Medea geht.) + + +Bleib!--Wenn du wolltest, begreifen wolltest-- +Ich weiß du kannst, allein du willst es nicht! +--So sei's denn, bleib aus deines Vaters Rat +Und diene, weil du dienen willst. + +(Man hört in der Ferne kriegerische Musik.) + +Aietes. +Was ist das? Weh sie kommen uns zuvor! +Siehst du Törin? +Die du schonen wolltest, sie töten uns! +In vollem Zug hierher die fremden Männer! +Weh uns! Waffen! Waffen! + +(Der Bote kommt wieder.) + +Bote. +Der Führer, Herr, der fremden Männer!-- + +Aietes. +Was will er? Meine Krone, mein Leben? +Noch hab' ich Mut, noch hab' ich Kraft +Noch wallt Blut in meinen Adern +Zu tauschen Tod um Tod! + +Bote. +Er bittet um Gehör. + +Aietes. +Bittet? + +Bote. +Freundlich sich mit dir zu besprechen +Zu stiften friedlichen Vergleich. + +Aietes. +Bittet? und hat die Macht in Händen, +Findet uns unbewehrt, er in Waffen, +Und bittet, der Tor! + +Bote. +In dein Haus will er treten, +Sitzen an deinem Tische, +Essen von deinem Brot +Und dir vertrauen +Was ihn hierher geführt. + +Aietes. +Er komme, er komme. +Hält er Friede nur zwei Stunden, +Später fürcht' ich ihn nicht mehr. +Sag' ihm, daß er nahe, +Aber ohne Schild ohne Speer, +Nur das Schwert an der Seite, +Er und seine Gesellen. +Dann aber geh und biet auf die Getreuen +Rings herum im ganzen Lande +Heiß sie sich stellen gewappnet, bewehrt +Mit Schild und Panzer mit Lanz' und Schwert +Und sich verbergen im nahen Gehölz +Bis ich winke, bis ich rufe.--Geh! + +(Bote ab.) + +Ich will dein lachen du schwacher Tor! +Du aber Medea, sei mir gewärtig! +Einen Trank, ich weiß es, bereitest du +Der mit sanfter, schmeichelnder Betäubung +Die Sinn' entbindet ihres Diener-Amts +Und ihren Herrn zum Sklaven macht des Schlafs. +Geh hin und hole mir von jenem Trank! + +Medea. +Wozu? + +Aietes. +Geh, sag' ich, hin und hol' ihn mir! +Dann komm zurück. Ich will sie zähmen diese Stolzen! + +(Medea ab.) + +Aietes + +(gegen den Altar im Hintergrunde gewandt).) +Peronto, meiner Väter Gott! +Laß gelingen, was ich sinne +Und teilen will ich, treu und redlich +Was wir gewinnen von unsern Feinden. +(Kriegerische Musik.) Bewaffnete Griechen (ziehen auf, mit grünen +Zweigen in der Hand. Der letzte geht) Phryxus, (in der linken Hand +gleichfalls einen grünen Zweig, in der Rechten ein goldenes +Widderfell, in Gestalt eines Panieres auf der Lanze tragend.) +Bewaffnete Kolcher (treten von der andern Seite ein. Die Musik +schweigt.) +(Indem Phryxus an dem im Hintergrunde befindlichen Altar und der +darauf stehenden Bildsäule vorbeigeht, bleibt er, wie von Erstaunen +gefesselt stehn, dann spricht er:) + +Phryxus. +Kann ich den Augen traun?--Er ist's, er ist's! +Sei mir gegrüßt, du freundliche Gestalt, +Die mich durch Wogensturm und Unglücksnacht +Hierher geführt an diese ferne Küste, +Wo Sicherheit und einfach stille Ruh +Mit Kindesblicken mir entgegen lächeln. +Dies Zeichen, das du mir als Pfand der Rettung +In jener unheilvollen Stunde gabst +Und das, wie der Polarstern vor mir leuchtend, +Mich in den Hafen eingeführt des Glücks, +Ich pflanz' es dankbar auf vor deinem Altar +Und beuge betend dir ein frommes Knie, +Der du ein Gott mir warest in der Tat +Wenn gleich dem Namen nach, mir Fremden, nicht! + +(Er knieet.) + +Aietes (im Vorgrunde). +Was ist das? +Er beugt sein Knie dem Gott meiner Väter! +Denk' der Opfer, die ich dir gebracht, +Hör' ihn nicht Peronto, +Höre den Fremden nicht! + +Phryxus (aufstehend). +Erfüllet ist des Dankens süße Pflicht. +Nun führt zu eurem König mich! Wo weilt er? + + +(Die Kolcher weichen schweigend und scheu zu beiden Seiten aus dem +Wege.) + + + +Phryxus (erblickt den König, auf ihn zugehend). +In dir grüß' ich den Herrn wohl dieses Landes? + +Aietes. +Ich bin der Kolcher Fürst! + +Phryxus. +Sei mir gegrüßt! +Es führte Göttermacht mich in dein Reich, +So ehr' in mir den Gott, der mich beschützt. +Der Mann, der dort auf jenem Altar thront, +ist er das Bildnis eines der da lebte? +Wie, oder ehrt ihr ihn als einen Himmlischen? + +Aietes. +Es ist Peronto, der Kolcher Gott. + +Phryxus. +Peronto! Rauher Laut dem Ohr des Fremden, +Wohltönend aber dem Geretteten. +Verehrst du jenen dort als deinen Schützer +So liegt ein Bruder jetzt in deinem Arm, +Denn (Brüder) sind ja Eines Vaters Söhne. + +Aietes (der Umarmung ausweichend). +Schützer er dir? + +Phryxus. +Ja, du sollst noch hören. +Doch laß mich bringen erst mein Weihgeschenk. + +(Er geht zum Altar und stößt vor demselben sein Panier in den Boden.) + +Medea (kommt mit einem Becher.) + +Medea (laut). +Hier Vater ist der Trank! + +Aietes (sie gewaltsam auf die Seite ziehend, leise). +Schweig Törichte! +Siehst du denn nicht? + +Medea. +Was? + +Aietes. +Den Becher gib der Sklavin +Und schweig! + +Medea. +Wer ist der Mann? + +Aietes. +Der Fremden Führer, schweig! + +Phryxus (vom Altare zurückkommend). +Jetzt tret' ich leicht erst in dein gastlich Haus! +Doch wer ist dieses blühend holde Wesen, +Das, wie der goldne Saum der Wetterwolke +Sich schmiegt an deine krieg'rische Gestalt? +Die roten Lippen und der Wange Licht +Sie scheinen Huld und Liebe zu verheißen, +Streng widersprochen von dem finstern Aug, +Das blitzend wie ein drohender Komet +Hervorstrahlt aus der Locken schwarzem Dunkel. +Halb Charis steht sie da und halb Mänade, +Entflammt von ihres Gottes heil'ger Glut. +Wer bist du, holdes Mädchen? + +Aietes. +Sprich Medea! + +Medea (trocken). +Medea bin ich, dieses Königs Kind! + +Phryxus. +Fürwahr ein Kind und eine Königin! +Ich nehm' dich an als gute Vorbedeutung +Für eine Zukunft, die uns noch verhüllt. +O lächle Mädchenbild auf meinen Eintritt! +Vielleicht, wer weiß, ob nicht dein Vater, +Von dem ich Zuflucht nur und Schutz verlangt, +Mir einst noch mehr gibt, mehr noch, o Medea! + +Aietes. +Was also, Fremdling, ist dein Begehr? + +Phryxus. +So höre denn was mich hierher geführt, +Was ich verloren, Herr, und was ich suche. +Geboren bin ich in dem schönen Hellas, +Von Griechen, ich ein Grieche, reinen Bluts. +Es lebet niemand, der sich höhrer Abkunft, +Sich edlern Stammes rühmen kann als ich, +Denn Hellas' Götter nenn' ich meine Väter +Und meines Hauses Ahn regiert die Welt. + +Medea (sich abwendend). +Ich gehe Vater um-- + +Aietes. +Bleib hier und schweig! + +Phryxus. +Von Göttern also zieh' ich mein Geschlecht! +Allein mein Vater, alten Ruhms vergessend +Und jung-erzeugter Kinder Recht und Glück, +Erkor zur zweiten Eh' ein niedrig Weib, +Das, neidisch auf des ersten Bettes Sprossen +Und üb'rall Vorwurf sehend, weil sie selbst +Sich Vorwurf zu (verdienen) war bewußt, +Den Zorn des Vaters reizte gegen mich. +Die Zwietracht wuchs und Häscher sandt' er aus +Den Sohn zu fahn, vielleicht zu töten ihn. +Da ging ich aus der Väter Haus und floh +In fremden Land zu suchen heimisch Glück. +Umirrend kam ich in die Delpherstadt +Und trat, beim Gotte Rat und Hilfe suchend +In Phöbos' reiches, weitberühmtes Haus. +Da stand ich in des Tempels weiten Hallen, +Mit Bildern rings umstellt und Opfergaben, +Erglühend in der Abendsonne Strahl. +Vom Schauen matt und von des Weges Last +Schloß sich mein Aug und meine Glieder sanken; +Dem Zug erliegend schlummerte ich ein. +Da fand ich mich im Traum im selben Tempel +In dem ich schlief, doch wachend und allein +Und betend zu dem Gott um Rat. Urplötzlich +Umflammt mich heller Glanz und einen Mann +In nackter Kraft, die Keule in der Rechten, +Mit langem Bart und Haar, ein Widderfell +Um seine mächt'gen Schultern, stand vor mir +Und lächelte mit milder Huld mich an. +("Nimm Sieg und Rache hin!") sprach er, und löste +Das reiche Vließ von seinen Schultern ab +Und reichte mir's; da, schütternd, wacht' ich auf. +Und siehe! von dem Morgenstrahl beleuchtet +Stand eine Blende schimmernd vor mir da +Und drin aus Marmor künstlich ausgehaun +Derselbe Mann, der eben mir erschienen +Mit Haar und Bart und Fell, wie ich's gesehn. + +Aietes (auf die Bildsäule im Hintergrunde zeigend). +Der dort? + +Phryxus. +Ihm glich er wie ich mir. +So stand er da in Götterkraft und Würde, +Vergleichbar dem Herakles, doch nicht er. +Und an dem Fußgestell des Bildes war +Der Name (Kolchis) golden eingegraben. +Ich aber deutete des Gottes Rat; +Und nehmend was er rätselhaft mir bot +Löst' ich, ich war allein, den goldnen Schmuck +Vom Hals des Bildes, und in Eile fort. +Des Vaters Häscher fand ich vor den Toren +Sie wichen scheu des Gottes Goldpanier +Die Priester neigten sich, das Volk lag auf den Knieen +Und vor mir her es auf der Lanze tragend +Kam ich durch tausend Feinde bis ans Meer. +Ein schifft' ich mich und hoch als goldne Wimpel +Flog mir das Vließ am sturmumtobten Mast +Und wie die Wogen schäumten, Donner brüllten +Und Meer und Wind und Hölle sich verschworen +Mich zu versenken in das nasse Grab +Versehrt ward mir kein Haar und unverletzt +Kam ich hierher an diese Rettungsküste +Die vor mir noch kein griech'scher Fuß betrat. +Und jetzo geht an dich mein bittend Flehn +Nimm auf mich und die Meinen in dein Land, +Wo nicht so fass' ich selber Sitz und Stätte +Vertrauend auf der Götter Beistand, die +Mir (Sieg und Rache) durch dies Pfand verliehn! +- Du schweigst? + +Aietes. +Was willst du, daß ich sage? + +Phryxus. +Gewährst du mir ein Dach, ein gastlich Haus? + +Aietes. +Tritt ein, wenn dir's gutdünkt, Vorrat ist +Von Speis' und Trank genug. Dort nimm und iß! + +Phryxus. +So rauh übst du des Wirtes gastlich Amt? + +Aietes. +Wie du dich gibst so nehm' ich dich. +Wer in des Krieges Kleidung Gabe heischt +Erwarte nicht sie aus des Friedens Hand. + +Phryxus. +Den Schild hab' ich, die Lanze abgelegt. + +Aietes. +Das Schwert ist, denkst du gegen uns genug? +Doch halt' es wie du willst. + +(Leise zu Medea.) + +Begehr' sein Schwert! + +Phryxus. +Noch eins! An reichem Schmuck und köstlichen Gefäßen +Bring' ich so manches, was ich sichern möchte. +Du nimmst es doch in deines Hauses Hut? + +Aietes. +Tu, wie du willst! + +(Zu Medea.) + +Sein Schwert sag' ich begehr'! + +Phryxus. +Nun denn, Gefährten, was wir hergebracht +Gerettet aus des Glückes grausem Schiffbruch, +Bringt es hierher in dieser Mauern Umfang +Als Grundstein eines neuen, festern Glücks. + +Aietes (zu Medea). +Des Fremden Schwert! + +Medea. +Wozu? + +Aietes. +Sein Schwert sag' ich! + +Medea (zu Phryxus). +Gib mir dein Schwert! + +Phryxus. +Was sagst du holdes Kind? + +Aietes. +Fremd ist dem Mädchen eurer Waffen Anblick +Bei uns geht nicht der Friedliche bewehrt. +Auch ist's euch lästig. + +Phryxus (zu Medeen). +Sorgest du um mich? + +(Medea wendet sich ab.) + +Sei mir nicht bös! Ich weigr' es dir ja nicht! + +(Er gibt ihr das Schwert.) + +Den Himmlischen vertrau' ich mich und dir! +Wo du bist da ist Frieden. Hier mein Schwert! +Und jetzo in dein Haus, mein edler Wirt! + +Aietes. +Geht nur, ich folg' euch bald! + +Phryxus. +Und du Medea? +Laß mich auch dich am frohen Tische sehn! +Kommt Freunde teilt die Lust wie ehmals die Gefahr! + +(Ab mit seinen Gefährten.) + +(Medea setzt sich auf eine Felsenbank im Vorgrunde und beschäftigt +sich mit ihrem Bogen, den sie von der Erde aufgehoben hat. Aietes +steht auf der andern Seite des Vorgrundes und verfolgt mit den +Augen die Diener des Phryxus, die Gold und reiche Gefäße ins Haus +tragen.--Lange Pause.) + +Aietes. +Medea! + +Medea. +Vater! + +Aietes. +Was denkst du? + +Medea. +Ich? Nichts! + +Aietes. +Vom Fremden mein' ich, + +Medea. +Er spricht und spricht; +Mir widert's! + +Aietes (rasch auf sie zugehend). +Nicht wahr? Spricht und gleißt +Und ist ein Bösewicht, +Ein Gottverächter, ein Tempelräuber! +Ich töt' ihn! + +Medea. +Vater! + +Aietes. +Ich tu's! +Soll er davon tragen all den Reichtum +Den er geraubt, dem Himmel geraubt? +Erzählt' er nicht selbst, wie er im Tempel +Das Vließ gelöst von der Schulter des Gottes, +Des Donnerers, Perontos, +Der Kolchis beschützt. +Ich will dir ihn schlachten Peronto! +Rache sei dir, Rache! + +Medea. +Töten willst du, den Fremden, den Gast? + +Aietes. +Gast? +Hab' ich ihn geladen in mein Haus? +Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereicht +Und geheißen sitzen auf meinem Stuhl? +Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten, +Er nahm sich's, büß' er's der Tor! + +Medea. +Vater! Peronto rächet den Mord! + +Aietes. +Peronto (gebeut) ihn. +Hat der Freche nicht an ihm gefrevelt? +Sein Bild beraubt in der Delpherstadt? +Führt der Erzürnte ihn nicht selbst her +Daß ich ihn strafe, daß ich räche +Des Gottes Schmach und meine? +Das Vließ dort am glänzenden Speer, +Des Gottes Kleid, der Kolcher Heiligtum +Soll's ein Fremder, ein Frevler entweihn? +Mein ist's, mein! Mir sendet's der Gott +Und (Sieg und Rache) geknüpft an dies Pfand +Den Unsern werd' es zu Teil! +Tragt nur zu des kostbaren Guts! +Ihr führet die Ernte mir ein! +Sprich nicht und komm! daß er uns nicht vermißt +Gefahrlos sei die Rach' und ganz! +Komm, sag' ich, komm! + +(Beide ab ins Haus.) + +(Ein Kolchischer Hauptmann mit Bewaffneten tritt auf.) + +Hauptmann. +Hierher beschied man uns. Was sollen wir? + +Ein Kolcher + +(aus dem Hause).) +Heda! + +Hauptmann. +Hier sind wir! + +Kolcher. +Leise! + +Hauptmann. +Sprich! Was soll's? + +Kolcher. +Verteilt euch rechts und links und wenn ein Fremder-- +Doch still jetzt! Einer naht!--Kommt! hört das Weitre! + +(Alle ab.) + +Phryxus (mit ängstlichen Schritten aus dem Hause). +Ihr Götter! Was ist das? Ich ahne Schreckliches. +Es murmeln die Barbaren unter sich +Und schaun mit höhn'schen Lächeln hin auf uns. +Man geht, man kommt, man winkt, man lauert. +Und die Gefährten, einer nach dem andern +Sinkt hin in dumpfen Schlaf; ob Müdigkeit, +Ob irgend ein verruchter Schlummertrank +Sie einlullt weiß ich nicht. Gerechte Götter! +Habt ihr mich hergeführt, mich zu verderben? +Nur eines bleibt mir noch: Flucht auf mein Schiff. +Dort samml' ich die Zurückgebliebenen, +Und dann zur Rettung her, zur Hilfe--Horch! + +(Schwertgeklirr und dumpfe Stimmen im Hause.) + +Man ficht!--Man tötet!--Weh mir, weh!--zu spät! +Nun bleibt nur Flucht. Schnell eh die Mörder nahn! + +(Er will gehn.) + +Krieger (mit gefällten Spießen treten ihm entgegen). +Zurück! + +Phryxus. +Ich bin verraten!--Hier! + +(Von allen Seiten treten Bewaffnete mit gesenkten Speeren ihm +entgegen.) + +Gewaffnete. +Zurück! + +Phryxus. +Umsonst! Es ist vorbei!--Ich folg' euch Freunde! + +(An den Altar hineilend.) + +Nun denn, du Hoher, der mich hergeführt, +Bist du ein Gott, so schirme deinen Schützling! +Aietes (mit bloßem Schwert aus dem Hause.) Medea (hinter ihm.) +Gefolge. + +Aietes. +Wo ist er? + +Medea. +Vater, höre! + +Aietes. +Wo, der Fremdling? +Dort am Altar. Was suchst du dort? + +Phryxus. +Schutz such' ich! + +Aietes. +Gegen wen? Komm mit ins Haus! + +Phryxus. +Hier steh' ich und umklammre diesen Altar, +Den Göttern trau' ich; o daß ich es dir! + +Medea. +O Vater höre mich! + +Phryxus. +Du auch hier Schlange? +Warst du so schön und locktest du so lieblich +Mich zu verderben hier im Todesnetz? +Mein Herz schlug dir vertrauensvoll entgegen, +Mein Schwert, den letzten Schutz gab ich in deine Hand +Und du verrätst mich? + +Medea. +Nicht verriet ich dich! +Gabst du dein Schwert mir, nimm ein andres hier +Und wehre dich des Lebens. + +(Sie hat einem der Umstehenden das Schwert entrissen und reicht es +ihm.) + +Aietes (ihr das Schwert entreißend). +Törichte! +Vom Altar fort! + +Phryxus. +Ich bleibe! + +Aietes. +Reißt ihn weg! + +Phryxus (da einige auf ihn losgehen). +Nun denn, so muß ich sterben?--Ha, es sei! +Doch ungerochen, klaglos fall' ich nicht. + +(Er reißt das Panier mit dem goldenen Vließ aus der Erde und tritt +damit in den Vorgrund.) + +Du unbekannte Macht, die her mich führend, +Dies Pfand der Rettung huldvoll einst mir gab +Und (Sieg und Rache) mir dabei verhieß; +Zu dir ruf' ich empor nun! Höre mich! +Hab' ich den (Sieg) durch eigne Schuld verwirkt, +Das Haupt darbietend dem Verräternetz +Und blind dem Schicksal trauend statt mir selber +So laß doch (Rache) wenigstens ergehn +Und halte deines Wortes zweite Hälfte! + +Aietes. +Was zauderst du? + +Phryxus. +Aietes! + +Aietes. +Nun was noch? + +Phryxus. +Ich bin dein Gast und du verrätst mich? + +Aietes. +Mein Gast? Mein Feind. +Was suchtest du, Fremder, in meinem Land? Tempelräuber! +Hab' ich dir Gastrecht gelobt? dich geladen in mein Haus? +Nichts versprach ich, Törichter! +Verderbt durch eigne Schuld! + +Phryxus. +Damit beschönst du deine Freveltat? +O triumphiere nicht! Tritt her zu mir! + +Aietes. +Was soll's? + +Phryxus. +Sieh dieses Banner hier, mein letztes Gut +Die Schätze alle hast du mir geraubt +Dies eine fehlt noch. + +Aietes (darnach greifend). +Fehlt? Wie lange noch? + +Phryxus. +Zurück! Betracht's, es ist mein letztes Gut +Und von ihm scheidend scheid' ich von dem Leben. +Begehrst du's? + +Aietes. +Ja! + +Phryxus. +Begehrst du's? + +Aietes + +(die Hand ausstreckend).) +Gib mir es! + +Phryxus. +Nimm's hin des Gastes Gut du edler Wirt +Sieh ich vertrau' dir's an, bewahre mir's + +(Mit erhöhter Stimme.) + +Und gibst du's nicht zurücke, unbeschädigt +Nicht mir dem Unbeschädigten zurück +So treffe dich der Götter Donnerfluch +Der über dem rollt, der die Treue bricht. +Nun ist mir leicht! Nun Rache, Rache, Rache! +Er hat mein Gut. Verwahre mir's getreu! + +Aietes. +Nimm es zurück! + +Phryxus. +Nein! Nicht um deine Krone! +Du hast mein Gut, dir hab' ich's anvertraut +Bewahre treu das anvertraute Gut! + +Aietes (ihm das Vließ aufdrängend). +Nimm es zurück! + +Phryxus (ihm ausweichend). +Du hast mein Gut, verwahr' es treu! +Sonst Rache, Rache, Rache! + +Aietes (ihn über die Bühne verfolgend und ihm das Banner aufdringend). +Nimm es, sag' ich! + +Phryxus (ausweichend). + +Ich nehm' es nicht. Verwahre mir's getreu! + +(Zur Bildsäule des Gottes empor.) + +Siehst du? er hat's, ihm hab' ich's anvertraut +Und gibt er's nicht zurück, treff' ihn dein Zorn! + +Aietes. +Nimm es zurück! + +Phryxus (am Altar). +Nein, nein! + +Aietes. +Nimm's! + +Phryxus. +Du verwahrst's! + +Aietes. +Nimms! + +Phryxus. +Nein! + +Aietes. +Nun so nimm dies! + +(Er stößt ihm das Schwert in die Brust.) + +Medea. +Halt Vater halt! + +Phryxus (niedersinkend). +Es ist zu spät! + +Medea. +Was tatst du? + +Phryxus (zur Bildsäule empor). +Siehst du's, siehst du's! +Den Gastfreund tötet er und hat sein Gut! +Der du des Gastfreunds heilig Haupt beschützest +O räche mich! Fluch dem treulosen Mann! +Ihm muß kein Freund sein und kein Kind, kein Bruder +Kein frohes Mahl--kein Labetrunk-- +Was er am liebsten liebt--verderb' ihn!-- +Und dieses Vließ, das jetzt in seiner Hand +Soll niederschaun auf seiner Kinder Tod!-- +Er hat den Mann erschlagen, der sein Gast-- +Und vorenthält--das anvertraute Gut-- +Rache!--Rache!-- + +(Stirbt. Lange Pause.) + +Medea. +Vater! + +Aietes (zusammenschreckend). +Was? + +Medea. +Was hast du getan! + +Aietes (dem Toten das Vließ aufdringen wollend). +Nimm es zurück! + +Medea. +Er nimmt's nicht mehr. Er ist tot! + +Aietes. +Tot!-- + +Medea. +Vater! Was hast du getan! Den Gastfreund erschlagen +Weh dir! Weh uns allen!--Hah!-- +Aufsteigt's aus den Nebeln der Unterwelt +Drei Häupter, blut'ge Häupter +Schlangen die Haare, +Flammen die Blicke +Die hohnlachenden Blicke! +Höher! höher!--Empor steigen sie! +Entfleischte Arme, Fackeln in Händen +Fackeln!--Dolche! +Horch! Sie öffnen die welken Lippen +Sie murren, sie singen +Heischern Gesangs: +Wir hüten den Eid +Wir vollstrecken den Fluch! +Fluch dem, der den Gastfreund schlug! +Fluch ihm, tausendfachen Fluch! +Sie kommen, sie nahen +Sie umschlingen mich, +Mich, dich, uns alle! +Weh über dich! + +Aietes. +Medea! + +Medea. +Über dich, über uns! +Weh, weh! + +(Sie entflieht.) + +Aietes (ihr die Arme nachstreckend). +Medea! Medea! (Ende.) + + + + + + +Die Argonauten + +Franz Grillparzer + +Trauerspiel in vier Aufzügen + + +Personen: + +Aietes, König von Kolchis +Medea und Absyrtus, seine Kinder +Gora, Medeens Amme +Peritta, eine ihrer Gespielen +Jason +Milo, sein Freund +Medeens Jungfrauen +Argonauten +Kolcher + + + + +Erster Aufzug + +(Kolchis.--Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen. Im Hintergrunde ein +halbverfallener Turm, aus dessen obersten Stockwerke ein schwaches +Licht flimmert. Weiter zurück die Aussicht aufs Meer. Finstere +Nacht.) + +Absyrtus (hinter der Szene). +Dorther schimmert das Licht!--Komm hierher Vater!-- +Ich bahne dir den Weg!--Noch diesen Stein!-- +So!-- + +(Auftretend und mit dem Schwert nach allen Seiten ins Gebüsch +hauend.) + +Aus dem Wege unnützes Pack! +Vater, mein Schwert macht klare Bahn! +Aietes (tritt auf, den Helm auf dem Kopfe, ganz in einen dunkeln +Mantel gehüllt.) + +Absyrtus. +Wir sind an Ort und Stelle, Vater. +Dort der Turm, wo die Schwester haust. +Siehst das Licht aus ihrer Zelle? +Da weilt sie und sinnt Zaubersprüche +Und braut Tränke den langen Tag, +Des Nachts aber geht sie gespenstisch hervor +Und wandelt umher und klagt und weint. + +(Aietes macht eine unwillige Bewegung.) + +Absyrtus. +Ja Vater und weint, so erzählt der Hirt +Vom Tal da unten, und ringt die Hände +Daß es, spricht er, kläglich sei anzusehn! +Was mag sie wohl treiben und sinnen, Vater? + +(Aietes geht gedankenvoll auf und nieder.) + +Absyrtus. +Du antwortest nicht?--Was hast du Vater? +Trüb und düster ist dein Gemüt. +Du hast doch nicht Furcht vor den Fremden, Vater? + +Aietes. +Furcht Bube? + +Absyrtus. +Nu, (Sorge) denn, Vater! +Aber habe nicht Furcht noch Sorge! +Sind uns nicht Waffen und Kraft und Arme? +Ist nicht ein Häuflein nur der Fremden? +Wären ihrer doch zehnmal mehr! +Laß sie nur kommen, wir wollen sie jagen +Eilends heim in ihr dunkles Land +Wo keine Wälder sind und keine Berge, +Wo kein Mond strahlt, keine (Sonne) leuchtet +Die täglich, hat sie sich müde gewandelt, +Zur Ruhe geht in unserem Meer. +Laß sie nur kommen, ich will sie empfangen, +Du hast nicht umsonst mich wehrhaft gemacht, +Nicht umsonst mir gegeben dies blitzende Schwert, +Und den Speer und den Helm mit dem wogenden Busch, +Waffen d u , und Mut die (Götter)! +Laß die Schwester mit ihren Künsten, +Schwert gegen Schwert, so binden wir an! + +Aietes. +Armer Wurm! + +Absyrtus. +Ich bin dein Sohn! +Damals als du den Phryxus schlugst-- + +Aietes. +Schweig! + +Absyrtus. +Das ist ja eben warum sie kommen +Her nach Kolchis, die fremden Männer +Zu rächen, wähnen sie, seinen Tod +Und zu stehlen unser Gut, das strahlende Vließ. + +Aietes. +Schweig Bube! + +Absyrtus. +Was bangst du Vater? +Fest verwahrt in der Höhle Hut +Liegt es das köstliche, goldene Gut. + +Aietes + +(den Mantel vom Gesicht reißend und ans Schwert greifend). +Soll ich dich töten, schwatzender Tor? + +Absyrtus. +Was ist dir? + +Aietes. +Schweig!--Dort sieh zum Busch! + +Absyrtus. +Warum? + +Aietes. +Mir deucht es raschelt dort +Und regt sich.--Man behorcht uns. + +Absyrtus + +(zum Gebüsch hingehend und an die Bäume schlagend). +He da!--Steht Rede!--Es regt sich Niemand! + +(Aietes wirft sich auf ein Felsenstück im Vorgrunde.) + +Absyrtus (zurückkommend). +Es ist nichts, Vater! Niemand lauscht. + +Aietes + +(aufspringend und ihn hart anfassend). +Ich sage dir, wenn du dein Leben liebst +Sprich nicht davon! + +Absyrtus. +Wovon? + +Aietes. +Ich sage dir, begrab's in deiner Brust +Es ist kein Knabenspielzeug, Knab'! Doch alles still hier! +Niemand empfängt mich; +Recht wie es ziemt der Widerspenst'gen Sitz. + +Absyrtus. +Hoch oben am Turme flackert ein Licht. +Dort sitzt sie wohl und sinnt und tichtet. + +Aietes. +Ruf ihr! Sie soll heraus! + +Absyrtus. +Gut Vater! + + +(Er geht dem Turme zu). +Komm herab du Wandlerin der Nacht +Du Spät-Wachende bei der einsamen Lampe! +Absyrtus ruft, deines Vaters Sohn! + +(Pause.) + +Sie kommt nicht, Vater! + +Aietes. +Sie soll! Ruf lauter! + +Absyrtus + +(ans Tor schlagend). +Holla ho! Hier der König! Heraus ihr! + +Medeas Stimme (im Turm). +Weh! + +Absyrtus. +Vater! + +Aietes. +Was? + +Absyrtus (zurückkommend). +Hast du gehört? +Weh rief's im Turm! War's die Schwester die rief? + +Aietes. +Wer sonst! Geh, deine Torheit steckt an. +Ich will rufen und sie soll gehorchen! + +(Zum Turme gehend.) + +Medea! + +Medea (im Turm). +Wer ruft? + +Aietes. +Dein Vater ruft und dein König! +Komm herab! + +Medea. +Was soll ich? + +Aietes. +Komm herab, sag' ich! + +Medea. +O laß mich! + +Aietes. +Zögre nicht! Du reizest meinen Zorn! +Im Augenblicke komm! + +Medea. +Ich komme! + +(Aietes verhüllt sich und wirft sich wieder auf den Felsensitz.) + +Absyrtus. +Wie kläglich, Vater, ist der Schwester Stimme. +Was mag ihr fehlen? Sie dauert mich!-- +Dich wohl auch, weil du so schmerzlich schweigst, +Das arme Mädchen!-- + +(Ihn anfassend.) + +Schläfst du, Vater? + +Aietes (aufspringend). +Törichte Kinder sind der Väter Fluch! +Du und sie, i h r tötet mich, +Nicht meine Feinde! + +Absyrtus. +Still! Horch!--Der Riegel klirrt!--Sie kommt!--Hier ist sie! +Medea (in dunkelroter Kleidung, am Saume mit goldenen Zeichen +gestickt, einen schwarzen, nachschleppenden Schleier der an einem, +gleichfalls mit Zeichen gestickten Stirnbande befestigt ist, auf +dem Kopfe, tritt, eine Fackel in der Hand, aus dem Turme.) + +Medea. +Was willst du, Herr? + +Absyrtus. +Ist das die Schwester, Vater? +Wie anders doch als sonst, und ach, wie bleich! + +Aietes (zu Absyrtus). +Schweig jetzt! + +(Zu Medeen.) + +Tritt näher!--näher!-- +Doch erst Lösch' deine Fackel, sie blendet mir das Aug! + +Medea + +(die Fackel am Boden ausdrückend). +Das Licht ist verlöscht, es ist Nacht, o Herr! + +Aietes. +Jetzt komm!--Doch erst sag' an wer dir erlaubt, +Zu fliehn, des väterlichen Hauses Hut +Und hier, in der Gesellschaft nur der Wildnis +Und deines wilden Sinns, Gehorsam weigernd, +Zu trotzen meinem Worte, meinem Wink? + +Medea. +Du fragst? + +Aietes. +Ich frage! + +Medea. +Reden soll ich? + +Aietes. +Sprich! + +Medea. +So höre wenn du kannst und zürne wenn du darfst. +O könnt' ich schweigen, ewig schweigen! +Verhaßt ist mir dein Haus +Mit Schauder erfüllt mich deine Nähe. +Als du den Fremden erschlugst, +Den Götterbeschützten, den Gastfreund +Und raubtest sein Gut, +Da trugst du einen Funken in dein Haus, +Der glimmt und glimmt und nicht verlöschen wird, +Gössest du auch darüber aus +Was an Wasser die heil'ge Quelle hat, +Der Ströme und Flüsse unnennbare Zahl +Und das ohne Grenzen gewaltige Meer. +Ein törichter Schütze ist der Mord, +Schießt seinen Pfeil ab ins dunkle Dickicht, +Gewinnsüchtig, beutegierig, +Und was er für ein Wild gehalten, +Für frohen Jagdgewinn, +Es war sein Kind, sein eigen Blut, +Was in den Blättern rauschte, Beeren suchend. +Unglücksel'ger was hast du getan? +Feuer geht aus von dir +Und ergreift die Stützen deines Hauses +Das krachend einbricht +Und uns begräbt.-- + +Aietes. +Unglücksbotin was weißt du? + +Medea. +In der Schreckensstunde +Als sie geschehn war die Tat, +Da ward mein Aug geöffnet +Und ich sah sie, sah die Unnennbaren +Geister der Rache. +Spinnenähnlich, +Gräßlich, scheußlich, +Krochen sie her in abscheulicher Unform +Und zogen Fäden, blinkende Fäden, +Einfach, doppelt, tausendfach, +Rings um ihr verfallen Gebiet. +Du wähnst dich frei und du bist gefangen, +Kein Mensch, kein Gott löset die Bande +Mit denen die Untat sich selber umstrickt. +Weh dir, weh uns allen! + +Aietes. +Verkaufst du mir Träume für Wirklichkeit? +Deines Gleichen magst du erschrecken, +Törin! Nicht mich! +Hast du die Zeichen, die Sterne gefragt? + +Medea. +Glaubst du ich könnt's, ich vermöcht' es? +Hundertmal hab' ich aufgeblickt +Zu den glänzenden Zeichen +Am Firmament der Nacht. +Und alle hundertmale +Sanken meine Blicke +Von Schreck getroffen, unbelehrt. +Es schien der Himmel mir ein aufgerolltes Buch +Und (Mord) darauf geschrieben, tausendfach, +Und (Rache) mit demantnen Lettern +Auf seinen schwarzen Grund. +O frage nicht die Sterne dort am Himmel, +Die Zeichen nicht der schweigenden Natur, +Des Gottes Stimme nicht im Tempel: +Betracht' im Bach die irren Wandelsterne, +Die scheu dir blinken aus den düstern Brau'n +Die Zeichen die die Tat dir selber aufgedrückt, +Des Gottes Stimme in dem eignen Busen, +Sie werden dir Orakel geben, +Viel sicherer als meine arme Kunst, +Aus dem was ist und war, auf das was werden wird. + +Absyrtus. +Der Vater schweigt. Du bist so seltsam Schwester +Sonst warst du rasch und heiter, frohen Muts; +Mich dünkt du bist dreifach gealtert +In der Zeit als ich dich nicht gesehn! + +Medea. +Es hat der Gram sein Alter, wie die Jahre +Und wer der Zeit (vorauseilt), guter Bruder, +Kommt früh ans Ziel. + +Absyrtus. +Du weißt wohl also schon +Von jenen Fremden die-- + +Medea. +Von Fremden--? + +Aietes. +Halt! +Ich gebot dir zu schweigen! Schweig denn, Schwätzer! +Medea, laß uns klug sprechen und besonnen, +Das Gegenwärt'ge aus der Gegenwart +Und nicht aus dem betrachten was Vergangen. +Wiss' es denn. Fremde sind angekommen, Hellenen, +Sie begehren zu rächen Phryxus' Blut, +Verlangen die Schätze des Erschlagnen +Und des Gottes Banner, das goldene Vließ. + +Medea + +(aufschreiend). +Es ist geschehn! Der Streich gefallen! Weh! + +(Will in den Turm zurück.) + +Aietes (sie zurückhaltend). +Medea, Halt!--Bleib, Unsinnige! + +Medea. +Gekommen die Rächer, die Vergelter! + +Aietes. +Willst du mich verlassen, da ich dein bedarf? +Willst du sehen des Vaters Blut? +Medea ich beschwöre dich +Sprich! Rate! Rette! Hilf! +Gib mich nicht Preis meinen Feinden! +Argonauten nennen sie sich +Weil Argo sie trägt, das schnelle Schiff. +Was das Hellenenland an Helden nährt, +An Tapfern vermag, sie haben's versammelt +Zum Todesstreich auf deines Vaters Haupt. +Hilf Medea! Hilf meine Tochter! + +Medea. +I ch soll helfen, hilf du selbst! +Gib heraus was du nahmst, Versöhnung bietend! + +Aietes. +Verteilt sind die Schätze den Helfern der Tat; +Werden sie wiedergeben das Empfangne? +Besitzen sie's noch? die törichten Schwelger, +Die leicht vertan das leicht erworbne. +Soll ich herausgeben das glänzende Vließ, +Des Gottes Banner, Perontos Gut? +Nimmermehr! Nimmermehr! Und tät' ich's +Würden sie drum schonen mein und eurer? +Um desto sichrer würgten sie uns, +Rächend des Freundes Tod, +Geschützt durch das heilige Pfand des Gottes. +Deine Kunst befrage, gib andern Rat! + +Medea. +Rat dir geben, ich selber ratlos! + +Aietes. +Nun wohl, so verharre, du Ungeratne! +Opfre dem Tod deines Vaters Haupt. +Komm mein Sohn, wir wollen hinaus, +Den Streichen bieten das nackte Haupt, +Und fallen unter der Fremden Schwertern. +Komm mein Sohn, mein einzig Kind! + +Medea. +Halt Vater! + +Aietes. +Du willst also? + +Medea. +Hör' erst! +Ich will's versuchen, die Götter zu fragen, +Was sie gebieten was sie gestatten. +Und nicken sie zu, so steh' ich dir bei, +Helfe dir bekämpfen den Feind, +Helfe dir schmieden den Todespfeil +Den du abdrücken willst ins dunkle Gebüsch, +Nicht wissend, armer Schütze, wen du triffst. +Es sei! Du gebeutst, ich gehorche! + +Aietes. +Medea, mein Kind, mein liebes Kind! + +Medea. +Frohlocke nicht zu früh, noch fehlt das Ende. +Ich bin bereit; allein versprich mir erst, +Daß, wenn die Tat gelang, dein Land befreit, +Zu hoffen wag' ich's kaum, allein wenn doch,-- +Du mich zurückziehn läßt, in diese Wildnis +Und nimmer mehr mich störst, nicht du, nicht andre. + +Aietes. +Warum? + +Medea. +Versprich's! + +Aietes. +Es sei! + +Medea. +Wohlan denn Herr, +Tritt ein bei deiner Magd, ich folge dir! + +Aietes. +Ins Haus? + +Medea. +Drin wird's vollbracht. + +Aietes (zu Absyrtus). +So komm denn Sohn! + +(Beide ab in den Turm.) + +Medea. +Da gehn sie hin, hin die Verblendeten!-- +Ein töricht Wesen dünkt mich der Mensch; +Treibt dahin auf den Wogen der Zeit +Endlos geschleudert auf und nieder, +Und wie er ein Fleckchen Grün erspäht +Gebildet von Schlamm und stockendem Moor +Und der Verwesung grünlichem Moder, +Ruft er: (Land)! und rudert drauf hin +Und besteigt's--und sinkt--und sinkt-- +Und wird nicht mehr gesehn! +Armer Vater, armer Mann! +Es steigen auf vor meinen Blicken +Düstrer Ahnungen Schauergestalten, +Aber verhüllt und abgewandt +Ich kann nicht erkennen ihr Antlitz! +Zeigt euch mir (ganz), oder verschwindet +Und laßt mir Ruh, träumende Ruh! +Armer Vater! Armer Mann!-- + Aber der Wille kann viel--und ich will. +Will ihn erretten, will ihn befrein +Oder untergehn mit ihm! +Dunkle Kunst, die mich die Mutter gelehrt +Die den Stamm du treibst in des Lebens Lüfte +Und die Wurzeln geheimnisvoll +Hinabsenkst zu den Klüften der Unterwelt, +Sei mir gewärtig!--Medea (will)! +Ans Werk denn! + +(Zu einigen Jungfrauen die am Eingange des Turmes erscheinen.) + +Und ihr des Dienstes Beflißne +Bereitet die Höhle, bereitet den Altar! +Medea will zu den Geistern rufen, +Zu den düstern Geistern der schaurigen Nacht +Um Rat, um Hilfe, um Stärke, um Macht! + +(Ab in den Turm.) + +(Pause. Dann tritt) Jason (rasch auf.) + +Jason. +Hier hört' ich Stimmen!--Hier muß--Niemand hier? + +Milo (hinter der Szene). +Holla! + +Jason. +Hierher! + +Milo (eben so). +Jason! + +Jason. +Hier Milo, hier! + +Milo (der keuchend auftritt). +Mein Freund, such' dir 'nen anderen Begleiter! +Dein Kopf und deine Beine sind zu rasch, +Sie laufen, statt zu gehn. Ein großer Übelstand! +Von Beinen mag's noch sein, da hilft das Alter, +Allein ein Kopf der läuft!--Glück auf die Reise! +Such' einen andern sag' ich, ich bin's satt! + +(Setzt sich.) + +Jason. +Wir haben, was wir suchten!--Hier ist Licht! + +Milo. +Ja Lichts genug um uns da zu beleuchten +Und zu entdecken und zu schlachten, wenn's beliebt. + +Jason. +Ei, Milo Furcht? + +Milo + +(rasch aufstehend). +Furcht?--Lieber Freund, ich bitte +Wäg' deine Worte eh du sprichst! + +(Jason faßt entschuldigend seine Hand.) + +Milo. +Schon gut! +Wir laufen, nu, die Worte laufen mit! +Doch ernst. Was suchst du hier? + +Jason. +Kannst du noch fragen? +Die Freunde, sie, die mir hierher gefolgt, +Ihr Heil vertrauend meines Glückes Stern +Und Jasons Sache machend zu der ihren, +Sie schmachten, kaum dem schwarzen Schiff entstiegen, +Hier ohne Nahrung ohne Labetrunk +In dieser Küste unwirtbaren Klippen, +Kein Führer ist, der Wegeskunde gäbe +Kein Landmann bietend seines Speichers Vorrat +Und von der Herde triftgenährter Zucht. +Soll ich die Hände legen da in Schoß +Und müßig zusehn wie die Freunde schmachten? +Beim Himmel! Ihnen soll ein Führer werden +Und Trank und Speise, sollt' ich auf sie wiegen +Mit meinem Blut! + +Milo. +Das treue, wackre Herz! +O daß du nicht des Freundes Rat gefolgt +Und weggeblieben bist von dieser Küste! + +Jason. +Warum denn auch? Was sollt' ich wohl daheim? +Der Vater tot, mein Oheim auf dem Thron +Scheelsüchtig mich, den künft'gen Feind, betrachtend. +Mich litt es länger nicht, ich mußte fort. +Hätt' er nicht selbst, der Falsche, mir geboten +Hierher zu ziehn in dieses Inselland +Das goldne Götterkleinod abzuholen +Von dem man spricht, so weit die Erde reicht +Und das dem Göttersohne Phryxus einst, +Ihn selber tötend, raubten die Barbaren, +Ich wäre selbst gegangen, freien Willens, +Dem eckelhaften Treiben zu entfliehn. +Ruhmvoller Tod für ruhmentblößtes Leben +Mag's tadeln wer da will, mich lockt der Tausch! +Daß dich, o Freund, ich mitzog und die andern, +Das ist wohl schlimm, allein ihr wolltet's so! + +Milo. +Ja freilich wollt' ich so und will noch immer +Denn sieh, ich glaub', du hast mir's angetan, +So lieb' ich dich und all dein Tun und Treiben. + +Jason. +Mein guter Milo! + +Milo. +Nein! 's ist unrecht sag' ich, +Ich sollt' der Klügre sein, ich bin der Ältre. +Hättst du mich hingeführt, wohin auch immer, +Nur nicht in dieses gottverlaßne Land. +Kommt irgend sonst ein Mann in Fährlichkeit, +Nu Schwert heraus und Mut voran. Doch hier +In dieses Landes feuchter Nebelluft +Legt Rost sich, wie ans Schwert, so an den Mut. +Hört man in einem fort die Wellen brausen, +Die Fichten rauschen und die Winde tosen, +Sieht kaum die Sonne durch der dichten Nebel +Und rauhen Wipfel schaurigen Versteck, +Kein Mensch rings, keine Hütte, keine Spur, +Da wird das Herz so weit, so hohl, so nüchtern +Und man erschrickt wohl endlich vor sich selbst. +Ich, der als Knabe voll Verwundrung horchte, +Wenn man erzählte, 's gäb' ein Ding +Die (Furcht) genannt, hier seh' ich fast Gespenster +Und jeder dürre Stamm scheint mir ein Riese +Und jedes Licht ein Feuermann. 's ist seltsam. +Was unbedenklich sonst, erscheint hier schreckhaft +Und was sonst greulich wieder hier gemein. +Nur kürzlich sah ich einen Bär im Walde, +So groß vielleicht als keinen ich gesehn +Und doch kams fast mir vor, ich sollt' ihn streicheln, +Wie einen Schoßhund streicheln mit der Hand, +So klein, so unbedeutend schien das Tier +Im Abstich seiner schaurigen Umgebung. +Du hörst nicht? + +Jason (der indes den Turm betrachtet hat). +Ja ich will hinein! + +Milo. +Wohin? + +Jason. +Dort in den Turm. + +Milo. +Mensch, bist du rasend? + +(Ihn anfassend). Höre! + +Jason (sich losmachend und das Schwert ziehend). +Ich will, wer hält mich? Hier mein Schwert! Es schützt mich +Vor Feinden wie vor überläst'gen Freunden. +Die erste Spur von Menschen find' ich hier +Ich will hinein. Mit vorgehaltnen Eisen +Zwing' einen ich von des Gebäuds Bewohnern, +Zu folgen mir, zu führen unsre Schar +Auf sichern Pfad aus dieses Waldes Umfang, +Wo Hunger sie und Feindeshinterhalt +Weit sichrer trifft als mich hier die Gefahr. +Sprich nicht! Ich bin entschlossen. Geh zurück +Ermutige die Schar. Bald bring' ich Rettung! + +Milo. +Bedenk'! + +Jason. +Es ist bedacht! Wer kann hier weilen +Im kleinen Hause, wüst und abgeschieden? +Ein Haushalt von Barbaren und was mehr? +Ich denk' du kennst mich! Hier ist nicht Gefahr +Als im Verweilen.--Keine Worte weiter! + +Milo. +Doch wie gelangst du hin? + +Jason. +Siehst du dort drüben +Gähnt weit ein Spalt im alternden Gemäuer. +Das Meer leiht seinen Rücken bis da hin +Und leicht erreich' ich's schwimmend. + +Milo. +Höre doch! + +Jason. +Leb' wohl! + +Milo. +Laß mich statt dir! + +Jason. +Auf Wiedersehn! + +(Springt von einer Klippe ins Meer) + +Milo. +Er wagt es doch!--Dort schwimmt er!--Tut es (doch), +Und läßt mich schmälen hier nach Herzenslust! +Ein wackres Herz, doch jung, gewaltig jung! +Hier will ich stehn und seiner Rückkehr harren: +Und geht's auch schief, wir hauen uns heraus. + +(Er lehnt sich an einen Baum.) + +(Ein düsteres Gewölbe im Innern des Turms. Links im Hintergrunde +die Bildsäule eines Gottes auf hohem Fußgestell, im Vorgrunde +rechts eine Felsenbank.) +(Jungfrauen mit Fackeln bringen einen kleinen Altar und Opfergefäße +und stellen alles ordnend umher.) + +(Eine Jungfrau tritt ein und spricht an der Türe:) + +Jungfrau. +Genug! Es naht Medea! Stört sie nicht! + +(Alle ab mit den Lichtern.) + +Jason (tritt durch einen Seiteneingang links auf mit bloßem +Schwerte.) + +Jason. +Ein finsteres Gewölb'.--Ich bin im Innern! +Mehr Menschen faßt das Haus, scheint's, als ich glaubte, +Doch immerhin! wird nur mein Ziel erreicht. +Behutsam späh ich, bis ein Einzelner +Mir aufstößt, dann das Schwert ihm auf die Brust +Und mit mir soll er, will er nicht den Tod. + +(Er späht mit vorgehaltenem Schwerte umher.) + +Ist da kein Ausgang?--Halt!--Ein Block von Stein +Das Fußgestell wohl eines Götterbildes. +Ehrt man hier Götter und verhöhnt das Recht? +Doch horch!--ein Fußtritt!--Bleiche Helle gleitet +Fortschreitend an des Ganges engen Bogen. +Man kommt!--Wohin--?--Verbirg mich dunkler Gott! + +(Er versteckt sich hinter die Bildsäule.) + +Medea (kommt, einen schwarzen Stab in der Rechten, eine Lampe in +der Linken.) + +Medea. +Es ist so schwül hier, so dumpf! +Feuchter Qualm drückt die Flamme der Lampe, +Sie brennt ohne zu leuchten. + +(Sie setzt die Lampe hin.) +--Horch!--Es ist mein eignes Herz, +Das gegen die Brust pocht mit starken Schlägen! +Wie schwach, wie töricht!--Auf Medea! +Es gilt des Vaters Sache, der Götter! +Sollen die Fremden siegen, Kolchis untergehn? +Nimmermehr! Nimmermehr! +Ans Werk denn! +Seid mir gewärtig Götter, höret mich, +Und gebt Antwort meiner Frage! + +(Mit dem Stabe Zeichen in die Luft machend.) + +Die ihr einhergeht im Gewande der Nacht +Und auf des Sturmes Fittigen wandelt +Furchtbare Fürsten der Tiefe, +Denen der Entschluß gefällt +Und die beflügelte Tat, +Die ihr bei Leichen weilt +Und euch labt am Blut der Erschlagnen, +Die ihr das Herz kennt und lenkt den Willen, +Die ihr zählt die Halme der Gegenwart +Sorglich bewahrt des Vergangenen Ähren +Und durchblickt der Zukunft sprossende Saat, +Euch ruf' ich an! +Gebt mir Kunde, sichere Kunde +Von dem was uns droht, von dem was uns lacht! +Bei der Macht, die mir ward, +Bei dem Dienst, den ich tat, +Bei dem Wort, das ihr kennt +Ruf' ich euch, +Erscheinet, erscheint! + +(Pause.) + +Was ist das?--Alles schweigt! +Sie zeigen sich nicht? +Zürnt ihr mir, oder betrat ein Fuß, +Eines Frevlers Fuß +Die heilige Stätte? +Angst befällt mich, Schauer faßt mich! + +(Mit steigender Stimme.) + +Allgewaltige! Lauscht meinem Rufen, +Hört Medeens Stimme! +Eure Freundin ist's die ruft. +Ich fleh' ich verlang' es +Erscheinet, erscheint! +Jason (springt hinter der Bildsäule hervor.) + +Medea (zurückfahrend). +Ha! + +Jason. +Verfluchte Zauberin, du bist am Ende, +Erschienen ist, der dich vernichten wird. + +(Indem er mit vorgehaltenem Schwerte hervorspringt verwundet er +Medeen am Arme.) + +Medea (den verwundeten rechten Arm mit der linken Hand fassend). +Weh mir! + +(Stürzt auf den Felsensitz hin, wo sie schwer atmend leise ächzt.) + +Jason. +Du fliehst? Mein Arm wird dich ereilen! + +(Im Dunkeln herum blickend.) + +Wo ist sie hin! + +(Er nimmt die Lampe und leuchtet vor sich hin.) + +Dort!--Du entgehst mir nicht! + +(Hinzutretend.) + +Verruchte! + +Medea (stöhnend). +Ah! + +Jason. +Stöhnst du? Ja zittre nur! +Mein Schwert soll deine dunkeln Netze lösen! + +(Sie mit der Lampe beleuchtend). +Doch seh' ich recht? Bist du die Zauberin, +Die dort erst heischre Flüche murmelte? +Ein weiblich Wesen liegt zu meinen Füßen, +Verteidigt durch der Anmut Freiheitsbrief, +Nichts zauberhaft an ihr, als ihre Schönheit. +(Bist) du's?--Doch ja! Der weiße Arm, er blutet, +Verletzt von meinem mitleidslosen Schwert! +Was hast du angerichtet? Weißt du wohl, +Ich hätt' dich töten können, holdes Bild, +Beim ersten Anfall in der dunkeln Nacht? +Und Schade wär's, fürwahr, um so viel Reiz! +Wer bist du, doppeldeutiges Geschöpf? +Scheinst du so schön und bist so arg, zugleich +So liebenswürdig und so hassenswert, +Was konnte dich bewegen, diesen Mund, +Der, eine Rose, wie die Rose auch +Nur hauchen sollte süßer Worte Duft, +Mit schwarzer Sprüche Greuel zu entweihn? +Als die Natur dich dachte, schrieb sie: (Milde) +Mit holden Lettern auf das erste Blatt +Wer malte Zauberformeln auf die andern? +O geh! ich hasse deine Schönheit, weil sie +Mich hindert deine Tücke recht zu hassen! +Du atmest schwer. Schmerzt dich dein Arm? Ja, siehst du +Das sind die Früchte deines argen Treibens! +Es blutet! Laß doch sehn! + +(Nimmt ihre Hand.) + +Du zitterst, Mädchen, +Die Pulse klopfen, jede Fiber zuckt. +Vielleicht bist du so arg nicht, als du scheinst, +Nur angesteckt von dieses Landes Wildheit, +Und Reue wohnt in dir und fromme Scheu. +Heb auf das Aug und blicke mir ins Antlitz, +Daß ich die dunkeln Rätsel deines Handelns +Erläutert seh' in deinem klaren Blick.-- +Du schweigst!--O wärst du stumm, und jene Laute, +Die mir ertönten, fluchenswerten Inhalts, +Gesprochen hätte sie ein andrer Mund, +Der minder lieblich, Mädchen, als der deine. +Du seufzest!--Sprich!--Laß deine Worte tönen; +Vertrau' den Lüften sie, als Boten, an, +Sonst holt mein Mund sie ab von deinen Lippen. + +(Er beugt sich gegen sie.) +(Man hört Waffengeklirr und Stimmen in der Ferne.) + +Horch!--Stimmen! + +(Er läßt sie los.) + +Näher! + +(Medea steht auf.) + +Deine Freunde kommen +Und ich muß fort. Des freuest du dich wohl? +Allein ich seh' dich wieder, glaube mir! +Ich muß dich sprechen hören, gütig sprechen, +Und kostet' es mein Leben!--Doch man naht. +Glaub' nicht, daß ich Gefahr und Waffen scheue, +Doch auch ein Tapfrer weicht der Überzahl, +Und meiner harren Freunde.--Leb' denn wohl. +(Er geht dem Seiteneingange zu, durch den er gekommen ist. Aus +diesem, so wie aus dem Haupteingange stürzen) Bewaffnete (herein, +mit ihnen) Absyrtus. + +Absyrtus. +Zurück! + +Jason. +So gilt's zu fechten!--Gebet Raum! + +Absyrtus. +Dein Schwert! + +Jason. +Dir in die Brust, nicht in die Hand! + +Absyrtus. +Fangt ihn! + +Jason (sich in Stellung werfend). +Kommt an! Ihr alle schreckt mich nicht! + +Absyrtus. +Laß uns versuchen denn! + +(Stürzt auf Jason los.) + +Medea (macht eine abhaltende Bewegung gegen ihn). + +Absyrtus (zurücktretend). +Was hältst du mich Schwester? + +Jason. +Du sorgst um mich? Hab' Dank, du holdes Wesen, +Nicht für die Hilfe, ich bedarf sie nicht, +Für diese Sorge Dank. Leb' wohl, o Mädchen, + +(Sie bei der Hand fassend und rasch küssend.) + +Und dieser Kuß sei dir ein sichres Pfand, +Daß wir uns wiedersehn!--Gebt Raum! + +(Er schlägt sich durch.) + +Absyrtus. +Auf ihn! + +(Jason durch die Seitentüre fechtend ab.) + +Absyrtus. +Ihm nach! Er soll uns nicht entrinnen! + +(Eilt Jason nach mit den Bewaffneten.) + +Medea (die unbeweglich mit gesenktem Haupt gestanden, hebt jetzt +Kopf und Augen empor). +Götter! + +(Ihre Jungfrauen stehen um sie.) + +(Der Vorhang fällt.) + + + + +Zweiter Aufzug + +(Halle wie am Ende des vorigen Aufzuges. Es ist Tag.) +Gora, Peritta. Jungfrauen. + +Gora. +Ich sage dir, sprich lieber Medeen nicht. +Ob der Ereignung zürnt sie der heutigen Nacht +Und sie spricht sich nicht gut, wenn sie zürnt; das weißt du! +Auch gebot sie dir, ihr Antlitz zu fliehn. + +Peritta. +Was soll ich tun? Wer hilft, wenn sie nicht? +Gefangen der Gatte, die Hütte verbrannt. +Alles geraubt von den fremden Männern +Wem klag' ich mein Leid, wer rettet, wenn sie nicht? + +Gora. +Tu wie du willst, ich hab' dich gewarnt, +Auch ist's recht und billig nur, daß sie dich hört, +Aber der Mensch tut nicht immer was recht. + +Peritta. +Ach, ich Unselige! + +Gora. +Klage nicht! Was hilft's +Überleg' und handle, das tut dir Not! +Doch wo weilt Medea? komm in ihr Gemach. +(Eine) Jungfrau (stürzt atemlos herein.) + +Jungfrau. +O Übermaß des Unglücks! + +Gora (an der Türe umkehrend). +Wohl nur der Torheit, will ich hoffen! +Was neues gibt's? + +Jungfrau. +Der Fürstin Lieblingspferd.-- + +Gora. +Das herrliche Tigerroß-- + +Jungfrau. +Es ist entflohn! + +Gora. +So? + +Jungfrau. +In der Verwirrung der heutigen Nacht +Da die Pforte offen, wir alle voll Angst, +Entkam es dem Stall und ward nimmer gesehn! +Weh mir! + +Gora. +Ja wohl! + +Jungfrau. +Wie entflieh' ich der Fürstin Zorn? +Wird sie's ertragen--? + +Gora. +Das (wie) ist ihre Sache +Doch tragen muß sie's, da es (ist). +Nur rat' ich dir geh fürs erste ihr aus dem Auge! +Doch horch! Sie naht schon! Peritta tritt zu mir. +Medea (kommt in Gedanken versunken aus der Türe rechts.) + +Gora (nach einer Pause). +Medea-- + +Jungfrau (ihr zuvorkommend und zu Medeens Füßen stürzend). +O Königin verzeih! + +Medea (den Kopf emporhebend). +Was ist? + +Jungfrau. +Vernichte mich nicht in deinem Zorn! +Dein Leibroß--Dein Liebling!--Es ist entflohn. + +(Pause während welcher sie Medeen voll Erwartung ins Gesicht sieht). + +Nicht meine Schuld war's fürwahr. Der Schrecken heut Nacht +Das Getümmel, der Lärm--Da geschah's-- +Du sprichst nicht?--Zürne Fürstin-- + +Medea. +Es ist gut! + +(Jungfrau steht auf.) + +Gora (sie bei Seite ziehend). +Was sprach sie? + +Jungfrau (freudig). +Es sei gut. + +Gora. +Das ist (nicht) gut! +Trägt sie so leicht, was sie sonst schwer ertrug, +Das begünstigt unsre Sache, Peritta! +Fast ist mir's unlieb, daß sie so mild gestimmt +Ich hatte mich drauf gefreut, wie sie sich sträuben würde +Und endlich überwinden müßte zu tun was sie soll. +Nu komm denn, komm, für dich ist's besser so. +Medea hier ist noch jemand den du kennst! + +Medea. +Wer? + +Gora. +Kennst deine Gespielin, Peritta, nicht? +Zürnst du ihr gleich-- + +Medea. +Peritta bist du's; +Sei mir gegrüßt, sei herzlich mir gegrüßt! + +(Sie mit dem Arm umschlingend und sich auf sie stützend.) + +Wir haben frohe Tage zusammen gelebt. +Seit dem ist viel übles geschehn. +Viel übles seit der Zeit, Peritta! +Hast du deine Herde verlassen und dein Haus +Und kommst wieder zu mir, Peritta? +Sei mir willkommen, du bist sanft und gut, +Du sollst mir die Nächste sein im Kreis meiner Frauen! + +Peritta. +Kein Haus hab' ich mehr und keine Herde +Alles verloren, mein Gatte gefangen, +Dahin meine Ruhe, mein Segen, mein Glück. + +Medea. +So ist er dahin, ist tot! +Du dauerst mich armes, armes Kind! +War so jung, so kräftig, so glänzend, so schön, +Und ist tot und kalt! Du dauerst mich +Ich könnte weinen, so rührst du mich. + +(Legt ihre Stirne auf Perittas Schulter.) + +Peritta. +Nicht tot, nur gefangen ist mein Gatte +Drum kam ich zu flehn, daß du bittest den Vater +Ihn zu lösen, zu retten, zu befrein-- + Medea hörst du?-- + +(Zu Gora.) + +Sie spricht nicht! Was sinnt sie? + +Gora. +Mich überrascht sie nicht minder als dich +Das ist sonst nicht Medeens Sitte. + +Peritta. +Was ist das? Trau' ich meinen Sinnen? +Feucht fühl' ich dein Antlitz auf meiner Schulter! +Medea Tränen?--O du Milde, du Gute! + +(Küßt Medeens herabhängende Hand.) + +(Medea reißt sich empor, faßt rasch mit der rechten Hand die +geküßte Linke und sieht Peritten starr ins Gesicht. Dann entfernt +sie sich rasch von ihr, sie immer starr betrachtend und nähert sich +der Amme.) + +Medea. +Gora! + +Gora. +Frau? + +Medea. +Heiß sie gehn! + +Gora. +So willst du-- + +Medea. +Heiß sie gehn! + +Gora + +(winkt Peritten mit der Hand Entfernung zu). +(Peritta hält flehend ihr die Hände entgegen.) +(Gora winkt ihr beruhigend zu, sich zu entfernen.) +(Peritta von zwei Mädchen geführt, ab.) + +Medea (unterdessen). +Ah!--es ist heiß hier.--Schwüle Luft. + +(Reißt gewaltsam den Gürtel entzwei und wirft ihn weg.) + +Gora. +Sie ist fort!. + +Medea (zusammenfahrend). +Fort? + +Gora. +Peritta ist fort. + +Medea. +Gora! + +Gora. +Gebieterin! + +Medea (halblaut, sie bei Seite führend). +Warst du zugegen heut Nacht? + +Gora. +Wo? + +Medea (Sieht ihr fremd ins Gesicht.) + +Gora. +Ah hier? Freilich! + +Medea (mit freudeglänzenden Blicken). +Ich sage dir es war ein Gott! + +Gora. +Ein Gott? + +Medea. +Ich habe lange darüber nachgedacht, +Nachgedacht und geträumt die lange Nacht, +Aber 's war ein Himmlischer, des bin ich gewiß. +Als er mit einemmal dastand, zürnenden Muts, +Hochaufleuchtend, einen Blitz in der Hand +Und zwei andre im flammenden Blick, +Da fühlt' ich's am Sinken des Muts, an meiner Vernichtung, +Daß ihn kein sterbliches Weib gebar. + +Gora. +Wie? so-- + +Medea. +Du hast mir wohl selbst erzählet, +Oft, daß Menschen, die nah dem Sterben, +(Heimdar) sich zeige, der furchtbare Gott, +Der die Toten führt in die schaurige Tiefe. +Sieh, der war es glaub' ich, o Gora! +(Heimdar) war es, der Todesgott. +Bezeichnet hat er sein dunkles Opfer, +Bezeichnet mich mit dem ladenden Kuß +Und Medea wird sterben, hinuntergehn +Zu den Schatten der schweigenden Tiefe. +Glaub' mir, ich fühle das, gute Gora, +An diesem Bangen, an diesem Verwelken der Sinne, +An dieser Grabessehnsucht fühl' ich es, +Daß mir nicht fern das Ende der Tage! + +Gora. +Was hat deinen Sinn so sehr umwölkt, +Daß du trüb schaust, was klar und deutlich? +Ein Mensch war's, ein Übermüt'ger, ein Frecher +Der hier eindrang + +Medea (zurückfahrend). +Ha! + +Gora. +Der die Nacht benützend-- + +Medea. +Schweig! + +Gora. +Deine Angst + +Medea. +Verruchte schweig. + +Gora. +Schweigen kann ich wenn du's gebietest, +Einst mein Pflegling, jetzt meine Frau. +Aber drum ist's nicht anders als ich sagte. + +Medea. +Sieh wie du albern bist und töricht! +Wie käm' ein Fremder in diese Mauern? +Wie hätt' ein Sterblicher sich erfrecht, +Zu drängen sich vor Medeas Antlitz, +Sie zu sprechen, ihr zu drohn, mit seinen Lippen-- +Geh Unselige, geh +Daß ich dich nicht töte, +Nicht räche deine Torheit +An deinem Leben. +Ein Sterblicher? Scham und Schmach! +Entferne dich, Verräterin! +Geh! sonst trifft dich mein Zorn. + +Gora. +Ich rede was ist und nicht was du willst. +Gehn soll ich? ich gehe. + +Medea. +Gora, bleib! +Hast du kein freundlichs Wort, du Gute? +Fühlst du denn nicht, so ist's so muß es sein, +(Heimdar) war es, der stille Gott, +Und nun kein Wort mehr, kein Wort, o Gora! + +(Wirft sich ihr an den Hals und verschließt mit ihrem Munde Goras +Lippen.) + +(Nach einer Pause.) + + +Medea. +Horch! + +Gora. +Tritte nahen! + +Medea. +Man kommt! Fort! + +Gora. +Bleib! Dein Bruder ist's und dein Vater! Sieh! +Aietes und Absyrtus (stürzen herein.) + +Aietes. +Entkommen ist er, des trägst du die Schuld! + +(Zu Medeen.) + +Warum hemmtest den Streich des Bruders, +Da er ihn töten wollte, den Frevler? + +Absyrtus. +Vater, scheltet sie nicht darum +War doch angstvoll und bang ihre Seele! +Denkt! ein Fremder, allein, bei Nacht, +Eingedrungen in ihre Kammer; +Sollte sie da nicht zagen, Vater? +Und nicht weiß die Furcht was sie tut. +Doch der Grieche-- + +Medea. +Grieche? + +Aietes. +Wer sonst? +Einer der Fremden war's, der Hellenen, +Die gekommen an Kolchis' Küste, +Argonauten, auf Argo dem Schiff, +Zu verwüsten unsere Täler +Und zu rauben unser Gut. + +Medea + +(Goras Hand fassend). +Gora! + +Gora. +Siehst du? es ist so, wie ich sagte. + +Absyrtus. +Übermütig sind sie und stark +Ja, bei Peronto! Stark und kühn! +Setzt' ich nicht nach ihm, ich und die Meinen +Hart ihn drängend, nach auf den Fersen? +Aber er führte in Kreisen sein Schwert +Keiner von uns kam ihm nah zu Leibe. +Jetzt zum Strom gekommen, warf er +Raschen Sprungs sich hinein. +Dumpf ertönte die Gegend dem Sturze, +Hoch auf spritzten die schäumenden Wasser +Und er verschwand in umhüllende Nacht. + +Aietes. +Ist er entkommen dieses Mal +Fürder soll es ihm nicht gelingen! +Die kühnen Fremdlinge stolz und trotzig +Haben Zweisprach begehrt mit mir. +Zugesagt hab' ich's, den Groll verbergend +Den tödlichen Haß in der tiefen Brust +Aber gelingt mir, was ich sinne, +Und bist du mir gewärtig mit deiner Kunst, +So soll sie der frevelnde Mut gereuen, +So endet der Streit noch eh er begann. +Auf Medea, komm! Mach' dich fertig +Gut zu machen, was du gefehlet +Und zu rächen die eigene Schmach +(Deine) Sache ist's nun geworden +Haben sie doch an dir auch gefrevelt, +Gefrevelt durch jenes Kühnen Tat, +Denn wahr ist's doch, was Absyrtus mir sagte, +Daß er's gewagt mit entehrendem Kuß-- + +Medea. +Vater schweig, ich bitte dich-- + +Aietes. +Ist's wahr? + +Medea. +Frage mich nicht was wahr, was nicht! +Laß dir's sagen die Röte meiner Wangen +Laß dir's sagen--Was soll ich? Gebeut! +Willst du vernichten die Schar der Frevler? +Sage nur wie, ich bin bereit! + +Aietes. +So recht Medea, so mag ich's gern +So erkenn' ich in dir mein Kind +Zeig' daß dir fremd war des Frechen Erkühnen +Laß sie nicht glauben, du habest gewußt +Selber gewußt um die frevelnde Tat! + +Medea. +Gewußt? Wer glaubt das, Vater und von wem? + +Aietes. +Wer? der's sah, der's hörte, Kind! +Wer Zeuge war wie Aletes' fürstliche Tochter +Den Kuß duldete von des Frevlers Lippe. + +Medea. +Vater! + +Aietes. +Was ist? + +Medea. +Du tötest mich! + +Aietes. +(Ich) glaub's (nicht), Medea! + +Medea. +Wirklich nicht? +Laß uns gehn! + +Aietes. +Wohin? + +Medea. +Wohin du willst +Zu vernichten, zu töten, zu sterben! + +Aietes. +Du versprichst mir also? + +Medea. +Ich hab' es gesagt! +Aber laß uns gehn! + +Aietes. +Hör' erst! + +Medea. +Nicht hier! +Hohnzulachen scheint mir des Gottes Bild +Des Gewölbes Steine formen sich mir +Zu lachenden Mäulern und grinsenden Larven. +Hinweg von dem Orte meiner Schmach! +Nimmer betret' ich ihn. Vater komm! +Was du willst, wie du willst, doch fort von hier! + +Aietes. +So höre! + +Medea. +Fort! + +Aietes. +Medea! + +Medea. +Fort! + +(Eilt ab.) + +Aietes. +Medea! + +(Mit Absyrtus ihr nach.) + +(Freier Platz mit Bäumen. Links im Hintergrunde des Königs Zelt.) +Acht Abgeordnete der Argonauten (treten auf von einem) Kolchischen +Hauptmanne (geleitet.) + +Hauptmann. +Hier sollt ihr weilen ist des Königs Befehl +Bald naht er selbst. + +Erster Argonaut. +Befehl? Nichtswürdiger Barbar, +Für dich mag's sein, doch uns Befehl? +Wir harren deines Königs weil wir wollen, +Doch eil' er sich, sonst suchen wir ihn auf! + +Zweiter Argonaut. +Laß ihn! Die Knechtesrede ziemt dem Knecht! + +(Kolcher ab.) + +So sind wir hier; erreicht des Strebens Ziel! +Nach mancher Fährlichkeit zu Land und See +Umfängt uns Kolchis' düstre Märchenwelt, +Von der man spricht so weit die Sonne leuchtet. +Was keinem möglich deuchte ist geschehn; +Durchsegelt ist ein unbekanntes Meer, +Das zürnend Untergang dem ersten Schiffer drohte, +Zu neuen Völkern und zu neuen Ländern +Tat sich der Weg, und was oft schwerer noch, +Tat auch der Rückweg sich uns günstig auf: +Wir sind in Kolchis, unsrer Reise Ziel. +So weit hat gnädig uns ein Gott geführt; +Doch jetzo fürcht' ich wendet er sich ab! +Wir stehn in Feindes Land, von Tod umgeben +Fremd, ohne Rat und Führer--Jason fehlt. +Er, der zum Zug geworben, ihn geführt, +Er, dessen eigne Sache wir verfechten, +Mit Milo hat er sich vom Zug entfernt, +Heut Nacht entfernt und ward nicht mehr gesehn. +Ob er im Wald verirrt, verlassen schmachtet, +Ob er ins Netz gefallen der Barbaren, +Ob ihn aus Hinterhalt der Tod ereilt +Ich weiß es nicht, doch jedes steht zu fürchten. +So aufgelöst, vereinzelt, ohne Band, +Ist jeder nun sein eigner Rat und Führer +Drum frag' ich euch, die Ersten unsrer Schar: +Was ist zu tun? + +(Alle schweigen mit gesenkten Häuptern.) + +Ihr schweigt. Jetzt gilt's Entschluß! +Geladen von dem König dieses Landes +Zur Zweisprach, zum Versuch der Gütlichkeit, +Schien's uns gefährlich, ob des Führers Abgang +Den Aufruf abzulehnen, der geschehn, +Und zu enthüllen unsre Not und Schwäche. +Wir gingen, wir sind hier!--Was nun zu tun? +Wer Rat weiß, spreche nun! + +Dritter Argonaut. +Du bist der Ältste +Sprich du! + +Zweiter Argonaut. +Der Ältste ist der Erste nicht +Wo's Kraft gilt und Entschluß. Fragt einen andern! + +Erster Argonaut. +Laßt uns die Schwerter nehmen in die Hand +Den König töten und sein treulos Volk +Dann fort, doch erst die Beut' ins Schiff gebracht! + +Zweiter Argonaut. +Nicht auch das Land und heimgebracht zur Schau? +Dein Rat ist unreif Freund wie deine Jahre. +Gebt andern! + +Dritter Argonaut. +Rate du, wir folgen dir! + +Zweiter Argonaut. +Mein Rat ist Rückkehr! Murrt ihr? Nun wohlan +Sprech' einer Besseres, ich stimme bei! +Ihr schweigt gesamt und Niemand tritt hervor. +So hört, und stört nicht oder überzeugt mich! +Nicht eignes Streben hat uns hergeführt +Was kümmert Kolchis uns mit seinen Wundern? +Dem Mut, dem Glücke Jasons folgten wir +Den Arm ihm leihend zum gebotnen Werk; +Er tat des Oheims Willen, wir den seinen. +Wer ist, der treten mag an Jasons Stelle, +Hat ihn der Tod, wie möglich, hingerafft? +Wem liegt daran das Wundervließ zu rauben +Das Tod umringt und dräuende Gefahr? +Habt ihr gehört? im Schlund der Höhle liegt's, +Bewacht von eines Drachen gift'gen Zähnen, +Vom Graun verteidigt schwarzer Zauberei, +Beschützt von allem was verrucht und greulich; +Wer wagt's von euch, wer hebt den goldnen Schatz? +Wie Keiner? Nun, so woll' auch keiner (scheinen) +Was keiner Kraft und Willen hat zu (sein). +Hier leg' ich von mir Schild und Speer +Und geh' zum König als ein Mann des Friedens. +Drei Tage gönn' er uns zu harren Zeit, +Und kehrt dann Jason nicht, so ziehn wir heim. +Wer mit mir gleichdenkt, tue so wie ich. +Ein Held ist wer das Leben Großem opfert +Wer's für ein Nichts vergeudet ist ein Tor! + +(Die meisten stoßen ihre Speere in den Boden.) + +Nun kommt zu Kolchis' König. Gerne tauscht er +Die eigne Sicherheit wohl aus für unsre! + +Erster Argonaut. +Halt noch. Dort nahn zwei Griechen! Milo ist's +Der fort mit Jason ging und-- + +(schreiend) + +Jason selber! +Jason! + +Mehrere. +Jason! + +Alle (tumultuarisch). +Jason! + +Milo + +(hinter der) Szene). +Hier Gefährten! +Hier Jason, Argonauten! + +Erster Argonaut (zum zweiten). +Was sagst du nun? + +Zweiter Argonaut. +Daß Jason da ist, sag' ich Freund wie du. +Statt meines Rates gibt er euch die Tat. +Nur da er fort war hatt' ich eine Meinung! +Milo (tritt auf), Jason (an der Hand führend.) + +Milo. +Hier habt ihr ihn! Hier ist er ganz und gar! +Nun seht euch satt an ihm und schreit und jubelt! + +(Die Argonauten drängen sich um Jason, fassen seine Hände und +drücken ihre Freude aus.) + +Vermischte Stimmen. +Willkommen--Jason!--Freund!--Willkommen Bruder! + +Jason. +Habt ihr um mich gebangt? Hier bin ich wieder! + +(Indem er den Andrängenden die Hände reicht.) + +Milo (den nächststehenden umarmend). +Freund siehst du, er ist da? Gesund und rüstig! +Und's ging ihm nah ans Leben, ei beim Himmel! +Ein Haar! und ihr saht Jason nimmer mehr! +Er wagte sich, allein--ich durft' nicht mit-- +Um euretwillen Freunde wagt' er sich, +Im dichten Wald, allein, in einen Turm, +Der voll Barbaren steckte bis zum Giebel. +Da hieß es fechten. + +Jason. +Ja fürwahr es galt! +Verloren war ich, wenn ein Mädchen nicht-- + +Milo. +Ein Mädchen? Ein Barbarenmädchen? + +Jason. +Ja! + +Milo. +Sieh davon sagtest du mir früher nichts! +Und war sie schön? + +Jason. +So schön so reizend so-- +Doch eine arge, böse Zauberin.-- +Ihr dank' ich dies mein Leben! + +Milo. +Wackres Mädchen! + +Jason. +Ich schlug mich durch und--doch genug, ich lebe +Und bin bei euch!--Doch was führt euch hierher? + +Zweiter Argonaut. +Zur Zweisprach ließ uns laden Kolchis' König +Vernehmen will er unsre Forderung +Und dann entscheiden. + +Jason. +Hier? + +Zweiter Argonaut. +Hier ist sein Sitz! + +Jason. +Ich will ihn sprechen. Fügt er sich in Frieden +Gut denn! wenn nicht, dann mag das Schwert entscheiden. + +(Auf die seitwärts gestellten Speere zeigend.) + +Doch diese Waffen!--Seid ihr hier so sicher +Daß ihr des Schutzes selber euch beraubt? + +(Sie nehmen beschämt die weggelegten Speere wieder auf.) + +Ihr schweigt und schlagt beschämt die Augen nieder? +Habt ihr?-- + +(Zu Milo.) + +Oh sieh, sie meiden meinen Blick! +Unglückliche! es war doch nicht die Furcht-- +Die (Furcht) Hellenen, die den Speer euch nahm? +Es war's nicht--? + +(Zu Milo.) + +Ach es war's! Die Unglücksel'gen +Sie wagen's nicht der Lüge mich zu zeihn. +Was hat euch denn verblendet arme Brüder?-- +Es war die (Furcht)!-- + +(Zu einem der sprechen will.) + +Ich bitte dich, sprich nicht +Ich kann mir denken was du fühlst. Sprich nicht! +Mach' nicht, daß ich mich schäme vor mir selbst! +Denn, o nicht ohne Tränen könnt' ich schauen +In ein von Scham gerötet Männerantlitz. +Ich will's vergessen wenn ich kann. + +(Ein Kolcher tritt auf.) + +Kolcher. +Der König naht! + +Jason. +So laßt uns stark sein und entschlossen, Freunde +Nicht ahne der Barbar, was hier geschehn! +Aietes (tritt auf mit) Gefolge. + +Aietes. +Wer ist der das Wort führt für die Fremden! + +Jason (vortretend). +Ich! + +Aietes. +Beginn! + +Jason. +Hochmütiger Barbar, du wagst--? + +Aietes. +Was willst du? + +Jason. +Achtung! + +Aietes. +Achtung? + +Jason. +Meiner Macht, +Wenn meinem Namen nicht! + +Aietes. +Wohlan, so sprich! + +Jason. +Thessaliens Beherrscher, Pelias, +Mein Oheim und mein Herr, schickt mich zu dir, +Mich, Jason, dieser Männer Kriegeshaupt, +Zu dir zu reden, wie ich jetzo rede! +Gekommen ist die Kunde übers Meer, +Daß Phryxus, ein Hellene, hohen Stammes, +Den Tod gefunden hier in deinem Reich! + +Aietes. +Ich schlug ihn nicht. + +Jason. +Warum verteidigst du dich, +Eh ich dich noch beschuldigt? Hör' mich erst. +Mit Schätzen und mit Gute reich beladen +War Phryxus' Schiff. Das blieb in deiner Hand +Als er verblich geheimnisvollen Todes! +Sein Haus ist aber nahverwandt dem meinen, +Drum in dem Namen meines Ohms und Herrn +Fordr' ich, daß du erstattest, was sein eigen, +Und was nun mein und meines Fürstenhauses. + +Aietes. +Nichts weiß ich von Schätzen. + +Jason. +Laß mich enden. +Das Köstlichste von Phryxus' Gütern aber +Es war ein köstliches, geheimnisvolles Vließ, +Des er entkleidete in Delphis hoher Stadt +Das Bildnis eines unbekannten Gottes +Das dort seit grauen Jahren aufgestellt, +Man sagt, von den Urvätern unsers Landes, +Die fernher kommend, und von Oben stammend, +Das Land betraten und der Menschheit Samen +Weitbreitend in die leere Wildnis streuten, +Und Hellas' Väter wurden, unsre Ahnen +Von ihnen sagt man stamme jenes Zeichen, +Ein teures Pfand für Hellas' Heil und Glück. +Vor allem nun dies Vließ fordr' ich von dir, +Daß es ein Kleinod bleibe der Hellenen +Und nicht in trotziger Barbaren Hand +Zum Siegeszeichen diene wider sie. +Sag' was beschließest du? + +Aietes. +Ich hab's nicht! + +Jason. +Nicht? +Das goldne Vließ? + +Aietes. +Ich hab's nicht, sag' ich dir! + +Jason. +Ist dies dein letztes Wort? + +Aietes. +Mein letztes! + +Jason. +Wohlan! + +(Wendet sich zu gehn.) + +Aietes. +Wo willst du hin? + +Jason. +Fort, zu den Meinen, +Sie zu den Waffen rufen, um zu sehen, +Ob du der Macht unnahbar wie dem Recht. + +Aietes. +Ich lache deiner Drohungen! + +Jason. +Wie lange? + +Aietes. +Tollkühner! Mit einem Häufchen Abenteurer +Willst du trotzen dem König von Kolchis? + +Jason. +Ich will's versuchen! + +(Will gehen.) + +Aietes. +Halt! Du rasest glaub' ich. +Ist wirklich der Götter Huld geknüpft an jenes Zeichen +Und ist dem Sieg und Rache, der's besitzt, +Wie kannst du hoffen zu bestehen gegen mich, +In dessen Hand-- + +Jason. +Ha, so besitzest du's? + +Aietes. +Wenn's wäre, mein' ich, wie du glaubst. + +Jason. +Ich weiß genug! +Schwachsinniger Barbar, und darauf stützest +Du deiner Weigrung unhaltbaren Trotz? +Du glaubst zu siegen, weil in deiner Hand-- +Nicht gut nicht schlimm ist, was die Götter geben +Und der Empfänger erst macht das Geschenk. +So wie das Brot, das uns die Erde spendet, +Den Starken stärkt, des Kranken Siechtum mehrt, +So sind der Götter hohe Gaben alle, +Dem Guten gut, dem Argen zum Verderben. +In meiner Hand führt jenes Vließ zum Siege +In deiner sichert's dir den Untergang. +Sprich selbst, wirst du es wagen zu berühren +Besprützt wie's ist mit deines Gastfreunds Blut,-- + +Aietes. +Schweig! + +Jason. +Sag' gibst du's heraus?--ja oder nein! + +Aietes. +So höre mich! + +Jason. +Ja oder nein! + +Aietes. +Du rascher! +Warum uns zanken ohne Not +Laß uns friedlich überlegen +Und dann entscheiden was zu geschehn! + +Jason. +Du gibst es denn heraus? + +Aietes. +Was?--Ei laß das! +Wir wollen uns erst kennen und verstehn. +Dem Freunde gibt man, nicht dem Fremden! +Tritt ein bei mir und ruhe von der Fahrt. + +Jason. +Ich trau' dir nicht! + +Aietes. +Warum nicht? +Ist auch rauh meine Sprache, fürchte nichts. +Laß dir's wohl sein in meinem Lande. +Liebst du den Becher? Wir haben Tranks die Fülle. +Jagd? Wildreich sind unsre Forste. +Magst du dich freun in der Weiber Umarmung? +Kolchis hat-- + +(Näher zu ihm tretend.) + +Liebst du die Weiber? + +Jason. +(Eure) Weiber? und doch-- + +Aietes. +Liebst du die Weiber? + +Jason. +Kennst einen Turm du dort im nahen Walde, +Der--doch wo bin ich! Komm zur Sache König! +Gibst du das Vließ? + +Aietes + +(zu einem Kolcher). +Ruf Medeen und bring' Wein! + +Jason. +Noch einmal, gibst du mir das Vließ? + +Aietes. +Sei ruhig! +Erst gezecht dann zum Rat, so halten wir's. + +Jason. +Ich will von deinen Gaben nichts. + +Aietes. +Du sollst! +Ungespeist geht keiner aus Aietes' Hause! +Sieh man kommt, laß dir's gefallen, Fremdling! +Medea (kömmt verschleiert einen Becher in der Hand, mit ihr) Diener +(die Pokale tragen.) + +Aietes. +Hier trink, mein edler Gast! + +(Zu Medeen.) + +Ist er bereitet? + +Medea. +O frage nicht! + +Aietes. +So geh und biet ihn an! +Erlabe dich mein Gast! + +Jason. +Ich trinke nicht! + +(Medea fährt beim Klang von Jasons Stimme zusammen. Sie blickt +empor, erkennt ihn und tritt einige Schritte zurück.) + +Aietes (zu Jason). +Warum nicht? + +(Zu Medeen.) + +Hin zu ihm. Tritt näher sag' ich! + +Jason. +Was seh' ich?--Diese Kleider!--Mädchen bleib! +Dein Kleid erneuert mir ein holdes Bild +Das ich nur erst--Gib deinen Becher mir, +Ich wag's auf deine Außenseite! Gib! + +(Er nimmt den Becher aus ihrer Hand.) + +Ich leer' ihn auf dein Wohl! + +Medea. +Halt ein! + +Jason. +Was ist? + +Medea. +Du trinkst Verderben! + +Jason. +Wie? + +Aietes. +Medea! + +Jason + +(indem er den Becher wegwirft). +König +Das deine Freundschaft? Rache dir Barbar! +Doch du, wer bist du? die so sonderbar +Mit Grausamkeit vereinet Mitleids Milde? +Laß mich dich schaun! + +(Er reißt ihr den Schleier ab.) + +Sie ist's! Es ist dieselbe! + +Aietes. +Medea fort! + +Jason. +Medea heißest du? +So sprich Medea denn! + +Medea. +Was willst du? + +Jason. +Wie? +So mild dein Tun und rauh dein Wort, Medea? +Nur zweimal sah ich dich und beidemal +Verdank' ich dir mein Leben. Habe Dank! +Es scheint die Götter haben uns ersehn +Uns Freund zu sein, nicht Feinde, o Medea! +Noch einmal diesen Blick, o sieh nicht weg! +Schau' mir ins Aug, ich mein' es rein und gut. + +(Erfaßt ihre Hand und wendet sie gegen sich.) + +Laß mich in deinem Blick die Kunde lesen + +(Medea entreißt ihm die Hand.) + +Jason. +Halt ein! + +Medea (sich emporrichtend). +Verwegner wagst du's?--Weh! + +(Sie begegnet seinem Blicke, fährt zusammen und entflieht.) + +Jason. +Medea! + +(Medea ab.) +(Er eilt ihr nach.) + +Aietes. +Zurück! + +Jason. +Du selbst zurück, Barbar!--Medea! +(Indem er ins Zelt dringen will und Aietes sich ihm abwehrend in +den Weg stellt, fällt der Vorhang.) + + + + +Dritter Aufzug + +(Das Innere von des Königs Zelte. Der hintere Vorhang desselben +ist so, daß man durch denselben, ohne die draußen befindlichen +Personen genau unterscheiden zu können, doch die Umrisse derselben +erkennen kann.) +Medea, Gora, Jungfrauen (im Zelte.) Jason, Aietes (und) Alle +Personen des letzten Aktschlusses (außer demselben.) +(Medea steht links im Vorgrunde aufgerichtet, die linke Hand auf +einen Tisch gestützt, die Augen unbeweglich vor sich gerichtet in +der Stellung einer die hört was außen vorgeht. Gora sie +beobachtend auf der andern Seite des Tisches. Jungfrauen teils +knieend, teils stehend um sie gruppiert. Einige) Krieger (im +Hintergrunde des Zeltes an den Seiten aufgestellt.) + +Jason (von außen). +Ich will hinein! + +Aietes (außen). +Zurück! + +Jason. +Denkst du's zu wehren? +Vom Schwert die Hand! die Hand vom Schwerte sag' ich, +Das meine zuckt, ich kann nicht drohen sehn! +Ich will hinein! Gib Raum! + +Aietes. +Zurück Verwegner! + +Gora (zu Medeen). +Er rast der Freche! + +Jason (außen). +Hörst du mich Medea? +Gib mir ein Zeichen wenn du hörst! + +Gora. +Vernahmst du? + +Jason. +Dringt bis zu dir mein Ruf, so gib ein Zeichen. +Erwählte! + +(Medea, die bis jetzt unbeweglich gestanden fährt zusammen und legt +die Hand auf die tiefatmende Brust.) + +Jason. +Sieh, mein Arm ist offen. Komm! + +(Jasons Stimme kommt immer näher.) + +Ich hab' dein Herz erkannt! Erkenn' das meine +Medea komm! + +Aietes. +Zurück! + +Gora. +Er dringt herein! + +(Medea reißt sich aus den Armen ihrer Jungfrauen los und flieht auf +die andere Seite des Vorgrunds.) + +Jason. +Ich rufe dir! Ich liebe dich, Medea. + +Gora (Medeen folgend). +Hast du gehört? + +Medea (verhüllt die Augen mit der Hand). + +Gora (dringend). +Unglückliche das also war's? +Daher die Bewegung, daher deine Angst +O Schmach und Schande, wär' es wirklich? + +Medea (aufgerichtet, sie mit Hoheit anblickend). +Was? + +Jason (indem er die Vorhänge des Zeltes aufreißt). +Ich muß sie sehn!--Da ist sie!--Komm Medea! + +Gora. +Er naht! Entflieh! + +Medea (zu den Soldaten im Zelte). +Steht ihr so müßig +Braucht die Waffen, helft eurem Herrn! + +Aietes (der indes mit Jason am Eingange gerungen hat). +Mit meinem Tod erst dringst du hinein! + +(Die Soldaten im Zelte stürzen auf die Streitenden los. Jason wird +weggedrängt. Die Vorhänge fallen wieder zu.) + +Jason (draußen). +Medea!--Wohl so mag das Schwert entscheiden! + +Absyrtus' Stimme. +Schwerter bloß! Hier ist das Meine! + +(Waffengeklirr von außen.) + +Gora. +Sie fechten! Götter stärkt der Unsern Arm! + +(Medea steht wieder bewegungslos da.) + +Milos Stimme (von außen). +Jason zurück! Wir werden übermannt +Zwölf unsre Schar und hunderte der Feinde! +Barbaren brecht ihr den geschwornen Stillstand? + +Jason. +Laß sie nur kommen, ich empfange sie! + +Aietes. +Haut sie nieder, weichen sie nicht! + +(Das Waffengeklirr entfernt sich.) + +Gora. +Die Fremden werden zurückgedrängt, die Unsern siegen! +Medea fasse dich. Dein Vater naht. +Aietes und Absyrtus kommen. + +Aietes. +Wo ist sie?--Hier! Verräterin +Wagst du's zu stehn deines Vaters Blick? + +Medea (ihm entgegen). +Nicht zu Worten ist's jetzt Zeit, zu Taten! + +Aietes. +Das sagst du mir nach dem was geschehn, +Jetzt, da das Schwert noch bloß in meiner Hand? + +Medea. +Nichts weiter von Vergleich, von Unterredung +Von gütlichen Vertrags fruchtlosem Versuch. +Bewaffne die Krieger, versammle die Deinen +Und jetzt auf sie hin, hin auf die Fremden +Eh sie's vermuten, eh sie sich fassen. +Hinaus mit ihnen, hinaus aus deinem Land +Rettend entführe sie ihr schnelles Schiff +Oder der Tod ihnen allen--allen! + +Aietes. +Wähnst du mich zu täuschen, Betrügerin? +Wenn du sie hassest, was warfst du den Becher, +Der mir sie liefern sollte, Jason liefern sollte, +Jason--sich mir ins Antlitz. Du wendest dich ab? + +Medea. +Was liegt dir an meiner Beschämung, +Rat bedarfst du, ich g e b e dir Rat. +Noch einmal also, verjag' sie die Fremden +Stoß sie hinaus aus den Marken des Reichs +Der grauende Morgen, der kommende Tag +Sehe sie nicht mehr in Kolchis' Umfang. + +Aietes. +Du machst mich irre an dir, Medea. + +Medea. +War ich es lange nicht, lange nicht selbst? + +Aietes. +So wünschest du daß ich vertreibe die Fremden? + +Medea. +Flehend, knieend bitt' ich dich drum. + +Aietes. +Alle? + +Medea. +Alle! + +Aietes. +Alle? + +Medea. +Frage mich nicht! + +Aietes. +Nun wohlan denn ich waffne die Freunde! +Du gehst mit! + +Medea. +Ich? + +Aietes. +Seltsame, du! +Sieh ich weiß, nicht den Pfeil nur vom Bogen, +Schleuderst den Speer auch, die mächtige Lanze, +Schwingest das Schwert in kräftiger Hand. +Komm mit, wir verjagen die Feinde! + +Medea. +Nimmermehr! + +Aietes. +Nicht? + +Medea. +Mich sende zurück +In das Innre des Landes Vater, +Tief, wo nur Wälder und dunkles Geklüft, +Wo kein Aug hindringt, kein Ohr, keine Stimme, +Wo nur die Einsamkeit und ich. +Dort will ich für dich zu den Göttern rufen +Um Beistand für dich, um Kraft, um Sieg. +Beten Vater, doch kämpfen nicht. +Wenn die Feinde verjagt, wenn kein Frevler mehr hier, +Dann komm' ich zurück und bleibe bei dir +Und pflege dein Alter sorglich und treu +Bis der Tod herankommt, der freundliche Gott +Und leise beschwichtigend, den Finger am Mund, +Auf seinem Kissen von Staub und Moos +Die Gedanken schlafen heißt und ruhn die Wünsche. + +Aietes. +Du willst nicht mit und ich soll dir glauben? +Ungeratene zittre!--Jason? + +Medea. +Was fragst du mich wenn du's weißt. +Oder willst du's hören aus meinem Mund +Was ich bis jetzt mir selber verbarg, +Ich mir verbarg? die Götter mir bargen. +Laß dich nicht stören die flammende Glut, +Die mir, ich fühl' es die Wangen bedeckt, +Du willst es hören und ich sag' es dir. +Ich kann nicht im Trüben ahnen und zagen +Klar muß es sein um Medea, klar! +Man sagt--und ich fühle es ist so!-- +Es gibt ein Etwas in des Menschen Wesen, +Das, unabhängig von des Eigners Willen, +Anzieht und abstößt mit blinder Gewalt; +Wie vom Blitz zum Metall, vom Magnet zum Eisen, +Besteht ein Zug, ein geheimnisvoller Zug +Vom Menschen zum Menschen, von Brust zu Brust. +Da ist nicht Reiz, nicht Anmut, nicht Tugend nicht Recht +Was knüpft und losknüpft die zaub'rischen Fäden, +Unsichtbar geht der Neigung Zauberbrücke +So viel sie betraten hat keiner sie gesehn! +Gefallen muß dir was dir gefällt +So weit ist's Zwang, rohe Naturkraft: +Doch steht's nicht bei dir die Neigung zu (rufen) +Der Neigung zu (folgen) steht bei dir, +Da beginnt des Wollens sonniges Reich +Und ich will nicht + +(Mit aufgehobener Hand.) + +Medea will (nicht)! +Als ich ihn sah, zum erstenmale sah, +Da fühlt' ich stocken das Blut in meinen Adern, +Aus seinem Aug, seiner Hand, seinen Lippen +Gingen sprühende Funken über mich aus +Und flammend loderte auf mein Innres. +Doch verhehlt' ich's mir selbst. Erst als er's aussprach, +Aussprach in der Wut seines tollen Beginnens, +Daß er liebe-- +Schöner Name +Für eine fluchenswerte Sache!-- +Da ward mir's klar und (darnach) will ich handeln. +Aber verlange nicht, daß ich ihm begegne, +Laß mich ihn fliehn--Schwach ist der Mensch +Auch der stärkste, schwach! +Wenn ich ihn sehe drehn sich die Sinne +Dumpfes Bangen überschleicht Haupt und Busen +Und ich bin nicht mehr, die ich bin. +Vertreib ihn, verjag' ihn, töt' ihn, +Ja, weicht er nicht, töt' ihn Vater +Den Toten will ich (schaun), wenn auch mit Tränen schaun +Den Lebenden nicht. + +Aietes. +Medea! + +Medea. +Was beschließest du? + +Aietes (indem er ihre Hand nimmt). +Du bist ein wackres Mädchen! + +Absyrtus (ihre andre Hand nehmend). +Arme Schwester! + +Medea. +Was beschließest du? + +Aietes. +Wohl, du sollst zurück. + +Medea. +Dank! tausend Dank! Und nun ans Werk mein Vater! + +Aietes. +Absyrtus wähl' aus den Tapfern des Heers +Und geleite die Schwester nach der Felsenkluft-- +Weißt du?--wo wir's aufbewahrten--das goldne Vließ! + +Medea. +Dorthin? Nein! + +Aietes. +Warum nicht? + +Medea. +Nimmermehr! +Dorthin, an den Ort unsers Frevels? +Rache strahlet das schimmernde Vließ. +So oft ich's versuch' in die Zukunft zu schauen +Flammt's vor mir wie ein blut'ger Komet, +Droht mir Unheil, findet's mich dort! + +Aietes. +Törin! Kein sichrerer Ort im ganzen Lande +Auch bedarf ich dein, zu hüten den Schatz +Mit deinen Künsten, deinen Sprüchen, +Dorthin oder mit mir! + +Medea. +Es sei, ich gehorche! +Aber einen Weg sende mich, wo kein Feind uns trifft. + +Aietes. +Zwei Wege sind. Einer nah am Lager des Feindes +Der andre rauh und beschwerlich, wenig betreten, +Über die Brücke führt er am Strom, den nimm Absyrtus! +Nun geht!--Hier der Schlüssel zum Falltor +Das zur Kluft führt! Nimm ihn, Medea. + +Medea. +Ich? Dem Bruder gib ihn! + +Aietes. +Dir! + +Medea. +Vater! + +Aietes. +Nimm ihn, sag' ich und reize mich nicht +Deiner törichten Grillen bin ich satt. + +Medea. +Nun wohl ich nehme! + +Aietes. +Lebe wohl! + +Medea. +Vater! + +Aietes. +Was? + +(Medea wirft sich lautschluchzend in seine Arme.) + +Aietes (weicher). +Törichtes Mädchen! + +(Er küßt sie.) + +Leb' wohl mein Kind. + +Medea. +Vater auf Wieder- Wiedersehn +Auf baldiges, frohes Wiedersehn! + +Aietes. +Nun ja, auf frohes Wiedersehn. + +(Sie mit der Hand von sich entfernend.) + +Nun geh! + +Medea (die Augen mit der Hand verhüllend). +Leb' wohl! + +(Ab mit Absyrtus.) + + + + +(Aietes bleibt nach dem Abgehen der Medea einige Augenblicke mit +gesenktem Haupt hinbrütend stehen. Plötzlich rafft er sich auf +blickt einige Male rasch um sich her und geht schnell ab.) + +(Eine waldichte Gegend an der Straße, die zum Lager der Argonauten +führt.) +Jason, Milo und Andre Argonauten kommen. + + +Milo. +Hier laßt uns halten Freunde. Die Barbaren +Verfolgen uns nicht mehr. Der Ort hier scheint bequem +Zum Angriff so, wie zur Verteidigung. +Auch ist's der einz'ge Weg, der, seit der Sturm +Die Brücken abgerissen heute Nacht, +Vom Sitze führt des Königs nach dem Innern +Und lagern wir uns hier, so schneiden wir +Ihm jeden Hilfszug ab, den er erwartet. +Geh' einer hin zur Schar der Rückgebliebnen +Und leite sie hierher. Wir warten ihrer. + +(Erster Argonaut ab.) +(Zu Jason der mit gekreuzten Armen auf und nieder geht.) + +Was überdenkst du Freund? + +Jason. +Gar mancherlei! + +Milo. +Gesteh' ich's dir? Du hast mich überrascht +Du zeigtest eine Falte deines Innern heut +Die neu mir ist. + +Jason. +Hätt' ich doch bald gesagt: +Mir auch! + +Milo. +So liebst du sie denn wirklich? + +Jason. +Lieben? + +Milo. +Du sagtest heut es mind'stens laut genug! + +Jason. +Der Augenblick entriß mir's--und gesteh! +Sie rettete mir zweimal nun das Leben. + +Milo. +Wie? zweimal? + +Jason. +Erst im Turm!-- + +Milo. +Das also war's +Was dir den Turm so teuer machte? + +Jason. +Das war's. + +Milo. +Ja so. + +Jason. +Nun denk' dir; so vollgült'gen Anspruch +Auf meinen Dank und--Milo sie ist schön-- + +Milo. +Ja, doch eine Barbarin-- + +Jason. +Sie ist gut-- + +Milo. +Und eine Zauberin dazu. + +Jason. +Ja wohl! + +Milo. +Ein furchtbar Weib mit ihren dunkeln Augen! + +Jason. +Ein herrlich Weib mit ihren dunkeln Augen! + +Milo. +Und was gedenkst du nun zu tun? + +Jason. +Zu tun? +Das Vließ zu holen, so mein Wort zu lösen, +Das andre aber heimzustellen jenen +Die oben walten über dir und mir. + +Milo. +So mag ich's gern! Beim Zeus so denkst du recht! +(Ein) Argonaut (kommt). + +Argonaut. +Links her vom Fluß sieht man sich Staub erheben, +Ein Häuflein Feinde naht heran. + +Jason. +Wie viele? + +Argonaut. +An vierzig oder fünfzig, kaum wohl mehr. + +Jason. +Laßt uns zurückziehn und am Weg verbergen, +Denn sähn sie uns, sie kämen nicht heran. +Verschwunden ist die Hoffnung zum Vergleich +So mögen denn die Schwerter blutig walten +Und die dort nahn, den Reihen führen an. +Zieht euch zurück, und haltet bis ich's sage. + +Milo. +Nur leis und sacht, daß sie uns nicht erspähn. + +(Ziehen sich alle zurück und ab.) + +(Absyrtus und Kolchische Krieger treten auf, Medea verschleiert +in ihrer Mitte.) + +Absyrtus. +Die Waffen haltet bereit zum Schlagen, +Leicht könnten wir treffen 'ne Feindesschar, +Der Weg hier führt vorbei an ihrem Lager. + +Medea + +(den Schleier zurückschlagend und vortretend). +Am Feindeslager? Warum diesen Weg? +Warum nicht den andern, mein Bruder? + +Absyrtus. +Der Sturm hat die Brücken abgerissen heut Nacht; +Jetzt erst erfuhr ich's. Aber sorge nicht! +Ich verteidige dich mit meinem Blut. +Wärst du nicht hier, ich forderte sie heraus. + +Medea. +Um aller Götter willen-- + +Absyrtus. +Ich sagte: wärst du nicht hier; +Aber nun, da du hier bist, tu' ich's nicht. +Nicht um den höchsten Preis, nicht um Kampf und Sieg, +Setzt' ich dich in Gefahr, meine Schwester! + +Medea. +So laß uns eilig vorüberziehn. + +Absyrtus. +Kommt denn! + +Jason + +(hinter der Szene). +Jetzt ist es Zeit! Greift an, ihr Freunde! + +(Hervorspringend.) + +Halt! + +Medea (aufschreiend). +Er! + +(Zu Absyrtus.) + +Laß uns fliehen, Bruder! + +Absyrtus. +Fliehen? Fechten! + +Jason (zu den andringenden Argonauten). +Wenn sie sich widersetzen, haut sie nieder! + +(Zu den Kolchern.) + +Zu Boden die Waffen! + +Absyrtus. +Du selber zu Boden! +Schließt euch Gefährten! Haltet sie aus! + +Medea. +Bruder! Hältst du so dein Versprechen? + +Absyrtus. +Versprach ich zu fliehn so verzeihn mir die Götter, +Nicht daß ich's breche, daß ich's gab das Wort! + +(Zu den Seinen). + +Weicht nicht! Der Vater ist nah, er sendet uns Hilfe! + +Jason (Medeen erblickend). +Bist du's Medea? Unverhofftes Glück! +Komm hierher! + +Medea (zu den Kolchern). +Schützet mich! + +Jason (die sich ihm entgegenstellenden Kolcher angreifend). +Ihr! aus dem Wege! +Eu'r Eisen hält nicht ab, zieht an den Blitzstrahl. + +(Die Kolcher werden zurückgedrängt, die Griechen verfolgen sie.) + +Jason. +Die Deinen fliehn. Du bist in meiner Macht! + +Medea. +Du lügst! In der Götter Macht, in meiner. +Verläßt mich alles, ich selber nicht! + +(Sie entreißt einem fliehenden Kolcher die Waffen und dringt mit +vorgehaltenem Schild und gesenktem Speer auf Jason ein.) + + +Stirb oder töte! + +Jason (indem er schonend zurückweicht). +Medea was tust du? + +Medea (näher dringend). +Töte oder stirb! + +Jason (mit einem Schwertstreich ihre Lanze zertrümmernd). +Genug des Spiels! + +(Das Schwert in die linke Hand nehmend, in welcher er den Schild +hält.) + +Was nun? + +Medea. +Treulose Götter! + +(Die abgebrochene Lanze samt dem Schild hinwerfend und einen Dolch +ziehend.) + +Noch sind mir Waffen! + +Jason (indem er Schild und Schwert von sich wirft und vor sie hintritt). +Töte mich wenn du kannst. + +Medea (mit abgewandten Gesicht, den Dolch in der Hand). +Kraft! + +Jason (weich). +Töte mich Medea, wenn du kannst! + +Medea (steht erstarrt). + +Jason. +Siehst du, du kannst's nicht, du vermagst es nicht! +Und nun zu mir! Genug des Widerstrebens! +Und weigerst du's? Versuch' es wenn du kannst. + +(Sie rasch anfassend und auf seinem Arm in die Höhe haltend.) + +So fass' ich dich, so halt' ich dich empor +Und trage dich durch unsrer Völker Streit, +Durch Haß und Tod, durch Kampfes blut'ge Wogen. +Wer wagt's zu wehren? Wer entreißt dich mir? + +Medea. +Laß mich! + +Jason. +Nicht eher bis du gütig sprichst, +Nicht eher bis ein Wort, ein Wink, ein Laut +Verrät daß du mir weichst, daß du dich gibst. + +(Zu ihr empor blickend und heftig schüttelnd.) + +Medea, dieses Zeichen! + +Medea + +(leise). +Jason! laß mich! + +Jason. +"Jason!"--Da sprachst du meinen Namen aus, +Zum ersten Male aus! O holder Klang! +"Jason!" wie ist der Name doch so schön +Seit du ihn sprachst mit deinen süßen Lippen. +Hab' Dank Medea, hab' den besten Dank! + +(Er hat sie auf den Boden niedergelassen.) + +Medea, Jason; Jason und Medea +O schöner Einklang! Dünket dir's nicht auch? +Du zitterst! Setz' dich hier! Erhole dich! + + +(Er führt Medeen zu einer Rasenbank. Sie folgt ihm und sitzt mit +vorhängendem Leibe, die Augen vor sich starr auf dem Boden, die +Hände, in denen noch der Dolch, gefaltet im Schoße.) + +Jason (steht vor ihr). +Noch immer stumm, noch immer trüb und düster? +O zage nicht; du bist in Freundes Hand. +Zwar geb' ich leicht dem Vater dich nicht wieder, +Ein teures Unterpfand ist mir sein Kind; +Doch soll dir's drum bei mir nicht schlimm ergehn, +Nicht schlimmer wenigstens als mir bei dir. +Wenn ich so vor dir steh' und dich betrachte, +Beschleicht mich ein fast wunderbar Gefühl. +Als hätt' des Lebens Grenz' ich überschritten +Und stünd' auf einem unbekannten Stern, +Wo anders die Gesetze alles Seins und Handelns, +Wo ohne Ursach' was geschieht und ohne Folge, +Da seiend weil es ist. +Dahergekommen durch ein wildes Meer, +Aus Ländern, so entfernt, so abgelegen, +Daß (Wünsche) kaum vorher die Reise wagten, +Auf Kampf und Streit gestellt, lang' ich hier an, +Und sehe dich und bin mit dir bekannt. +Wie eine Heimat fast dünkt mir dies fremde Land, +Und, abenteuerlich ich selbst, schau' ich +Verwundrungslos, als könnt' es so nur sein, +Die Abenteuer dieses Wunderbodens. +Und wieder, ist das Fremde mir bekannt, +So wird dafür mir, was bekannt, ein Fremdes. +Ich selber bin mir (Gegenstand) geworden, +Ein andrer denkt in mir, ein andrer handelt. +Oft sinn' ich meinen eignen Worten nach, +Wie eines Dritten, was damit gemeint, +Und kommt's zur Tat, denk' ich wohl bei mir selber, +Mich soll's doch wundern, was er tun wird und was nicht. +Ein einz'ges ist mir licht und das bist du, +Ja du Medea, scheint's auch noch so fremd. +Ich ein Hellene, du Barbarenbluts, +Ich frei und offen, du voll Zaubertrug, +Ich Kolchis' Feind, du seines Königs Kind +Und doch Medea, ach und dennoch, dennoch! +Es ist ein schöner Glaub' in meinem Land, +Die Götter hätten doppelt einst geschaffen +Ein jeglich Wesen und sodann geteilt; +Da suche jede Hälfte nun die andre +Durch Meer und Land und wenn sie sich gefunden, +Vereinen sie die Seelen, mischen sie +Und sind nun eins!--Fühlst du ein halbes Herz +Ist's schmerzlich dir gespalten in der Brust, +So komm--doch nein da sitzt sie trüb und düster, +Ein rauhes Nein auf meine milde Deutung, +Den Dolch noch immer in geschloßner Hand. +O fort! + +(Ihre Hand fassend und den Dolch entwendend.) + +Laßt los ihr Finger! Bunte Kränze, +Geschmeid und Blumen ziemt euch zu berühren, +Nicht diesen Stahl, gemacht für Männerhand. + +Medea (aufspringend). +Fort! + +Jason (sie zurückhaltend). +Bleib! + +Medea. +Von hier! + +Jason. +Bleib da, ich bitte dich! +Ich sage dir: bleib da! Hörst du, du sollst! +Du sollst, beim Himmel, gält' es auch dein Leben! +Wagt es das Weib, dem Mann zu bieten Trotz? +Bleib! + +(Er faßt ihre Arme mit beiden Händen.) + +Medea. +Laß! + +Jason. +Wenn du gehorchst, sonst nimmermehr! + +(Er ringt mit der Widerstrebenden.) + +Mich lüstet deines Starrsinns Maß zu kennen! + +Medea (in die Kniee sinkend). +Weh mir! + +Jason. +Siehst du? du hast es selbst gewollt. +Erkenne deinen Meister, deinen Herrn! + +(Medea liegt auf einem Kniee am Boden, auf das andre stützt sie den +Arm, das Gesicht mit der Hand bedeckend.) + + + +Jason (hinzutretend). +Steh auf!--Du bist doch nicht verletzt?--Steh auf! +Hier sitz und ruh', (vermagst) du es zu ruhn! + +(Er hebt sie vom Boden auf, sie sitzt auf der Rasenbank.) + +Jason. +Umsonst versend' ich alle meine Pfeile +Rückprallend treffen sie die eigne Brust. +Wie hass' ich dieses Land, sein rauher Hauch +Vertrocknete die schönste Himmelsblume, +Die je im Garten blühte der Natur. +Wärst du in Griechenland, da wo das Leben +Im hellen Sonnenglanze heiter spielt, +Wo jedes Auge lächelt wie der Himmel, +Wo jedes Wort ein Freundesgruß, der Blick +Ein wahrer Bote wahren Fühlens ist, +Kein Haß als gegen Trug und Arglist, kein-- +Und doch, was sprech ich? Sieh, ich weiß es wohl +Du bist nicht was du scheinen willst, Medea, +Umsonst verbirgst du dich, ich kenne dich! +Ein wahres, warmes Herz trägst du im Busen, +Die Wolken hier, sie decken eine Sonne. +Als du mich rettetest, als dich mein Kuß-- +Erschrickst du?--Sich mich an!--Als dich mein Kuß!-- +Ja deine Lippen hat mein Mund berührt, +Eh ich dich kannt', eh ich dich fast gesehn +Nahm ich mir schon der Liebe höchste Gabe; +Da fühlt' ich (Leben) mir entgegen wallen +Und du gibst trügerisch dich nun für (Stein)! +Ein wahres, warmes Herz schlägt dir im Busen +Du (liebst) Medea! + +(Medea will aufspringen.) + +Jason (sie niederziehend). +Bleib!--du liebst Medea! +Ich seh's am Sturmeswogen deiner Brust +Ich seh's an deiner Wangen Flammenglut +Ich fühl's an deines Atems heißem Wehn, +An diesem Beben fühl' ich es--du liebst, +Liebst (mich)! (Mich) wie ich (dich)!--ja wie ich (dich)! + +(Er kniet vor ihr.) + +Schlag deine Augen auf und leugne wenn du's kannst! +Blick' mich an und sag' nein!--du liebst Medea! + +(Erfaßt ihre beiden Hände und wendet die sich Sträubende gegen sich, +ihr fest ins Gesicht blickend.) + +Jason. +Du weinst! Umsonst, ich kenne Mitleid nicht +Mir Aug ins Aug, und sage: nein!--du liebst! +Ich liebe dich, du mich! Sprich's aus Medea! + +(Er hat sie ganz gegen sich gewendet. Ihr Auge trifft das seinige. +Sie schaut ihm mit einem tiefen Blick ins Auge.) + +Jason. +Dein Auge hat's gesagt, nun auch der Mund! +Sprich's aus Medea, sprich es aus: ich liebe! +Fällt dir's so schwer ich will dich's lehren, Kind. +Sprich's nach: ich liebe dich! + +(Er zieht sie an sich; sie verbirgt dem Zuge folgend das Gesicht in +seinen Haaren.) + +--Und noch kein Wort! +Kein Wort, obschon ich sehe, wie der Sturm +An deines Innern festen Säulen rüttelt. +Und doch kein Wort! + +(Aufspringend.) + +So hab' es Störrische! +Geh! Du bist frei, ich halte dich nicht mehr! +Kehr' wieder zu den Deinigen zurück, +Zu ihren Menschenopfern, Todesmahlen, +In deine Wildnis, Wilde kehr' zurück, +Geh! Du bist frei; ich halte dich nicht mehr! + +Aietes (von innen). +Hierher, Kolcher, hierher! + +Jason. +Dein Vater naht. +Sei froh, ich weigre dich ihm nicht. +Argonauten (kommen weichend. +Hinter ihnen) Aietes, Absyrtus (und) Kolcher(, die sie verfolgen.) + +Aietes (auftretend). +Braucht eure Waffen, wackre Genossen! +Wo ist mein Kind? + +Absyrtus. +Dort Vater sitzt sie. + +Aietes (zu Jason). +Verruchter Räuber, mein Kind gib mir zurück! + +Jason. +Wenn du mich bittest, nicht wenn du mir drohst. +Dort ist dein Kind. Nimm sie und führ' sie heim. +Nicht weil Du willst, weil sie will und weil ich will. + +(Zu Medeen hintretend und sie anfassend.) + +Steh auf Medea! Komm! Hier ist dein Vater! +Du sehntest dich nach ihm; hier ist er nun. +Verhüten es die Götter, daß ich hier +Zurück dich hielte wider deinen Willen. +Was zitterst du? du hast es selbst gewollt. + +(Er führt die Wankende zu ihrem Vater und gibt sie ihm in die Arme.) + +Hier Vater ist dein Kind. + +Aietes (Medeen empfangend, die das Gesicht auf seiner Schulter verbirgt). +Medea! + +Absyrtus. +Schwester! + +Jason. +Nun König, rüste dich zum Todeskampf! +Die Bande, die mich hielten sind gesprengt, +Zerronnen ist der schmeichelhafte Wahn, +Der mir der Tatkraft Sehnen abgespannt. +Mit ihr, die jetzo ruht in deinem Arm, +Legt' ich den Frieden ab und atme Krieg. +Auf, rüste dich, es gilt dein Heil und Leben! + +(Zu Medeen.) + +Du aber, die hier stumm und bebend liegt, +Das Angesicht so feindlich abgewandt, +Leb' wohl! Wir scheiden jetzt auf immerdar. +Es war ein Augenblick, wo ich gewähnt, +Du könntest fühlen, könntest mehr als hassen, +Wo ich geglaubt, die Götter hätten uns +Gewiesen an einander, dich und mich. +Das ist nunmehr vorbei. So fahre hin! +Du hast das Leben zweimal mir gerettet, +Das dank' ich dir und werd' es nie vergessen. +In ferner Heimat und nach langen Jahren +Will ich's erzählen in dem Kreis der Freunde. +Und frägt man mich und forscht: wem gilt die Träne, +Die fremd dir da im Männerauge funkelt? +Dann sprech' ich wohl in schmerzlicher Erinnrung: +Medea hieß sie; schön war sie und herrlich, +Allein ihr Busen barg kein Herz. + +Aietes. +Medea +Was ist? Feucht liegt dein Gesicht auf meiner Schulter. +Weinst du? + +Jason. +Du weinst? Laß mich die Tränen sehn, +O laß mich's glauben, daß du weinen kannst. +Blick' noch einmal nach mir, es ist das letztemal; +Ich will den Blick mittragen in die Ferne. +Denk' doch, es ist zum letzten- letztenmal. + +(Er faßt ihre herabhängende Hand.) + +Aietes. +Wagst du's, zu berühren ihre Hand? + +Jason (indem er ihre Hand fahren läßt). +Sie will nicht. Nun wohlan, so sei es denn! +Du siehst mich nimmermehr auf dieser Erde. +Leb' wohl Medea, leb' auf ewig wohl! + +(Er geht rasch.) + +Medea (das Gesicht hinwendend und den Arm ihm nachstreckend). +Jason! + +Jason (umkehrend). +Das war's! Medea! Komm zu mir! + +(Auf sie zueilend und ihre Hand fassend.) + +Zu mir! + +Aietes (sie an der andern Hand haltend). +Verwegner, fort! + +Jason (Aietes' Hand wegschleudernd und Medeen an sich reißend). +Wagst du's Barbar! +Sie ist mein Weib! + +Aietes. +Sein Weib?--Du schweigst Verworfne? + +Jason (Medeen auf die andere Seite führend). +Hierher Medea, fort von diesen Wilden. +Von nun an bist du mein und keines Andern! + +Aietes. +Medea, du weigerst dich nicht? du folgst ihm? +Stößt ihm nicht den Stahl in die frevelnde Brust? +Verruchte, war's vielleicht dein eignes Werk? + +(Auf Jason eindringend.) + +Meine Tochter gib mir, mein verlocktes Kind! + +Medea (sich zwischen beide werfend). +Vater, töt' ihn nicht! Ich lieb' ihn! + +Jason. +Er konnte dir's entreißen und ich nicht! + +Aietes. +Schamlose! Du selbst gestehst's? Gestehst deine Schande? +O, daß ich nicht merkte die plumpe List, +Daß ich selbst sie sandte in seinen Arm, +Vertrauend der Väter Blut in ihren Adern! + +Jason. +Darfst du sie schmähen? + +Medea. +Höre mich Vater! +Es ist geschehn was ich fürchtete. Es ist. +Aber laß uns klar sein, Vater, klar! +In schwarzen Wirbeln dreht sich's um mich +Aber ich will hindurch, empor aus Dunkel und Nacht. +Noch läßt sich's wenden, ab sich wenden. Höre mich! + +Aietes. +Was soll ich hören? Ich habe gesehn! + +Medea. +Vater! Vernicht' uns nicht alle. +Löse den Zauber, beschwichtige den Sturm! +Heiß ihn dableiben, den Führer der Fremden, +Nimm ihn auf, nimm ihn an! +An deiner Seite herrsch' er in Kolchis, +Dir befreundet, dein Sohn! + +Aietes. +Mein Sohn? Mein Feind. +Tod ihm, und dir, wenn du nicht folgst! +Willst du mit mir? Sprich! Willst du oder nicht? + +Medea. +Höre mich. + +Aietes. +Willst du, oder nicht? + +Absyrtus. +Gönn' ihr zu sprechen, Vater! + +Aietes. +Ja oder nein? +Laß mich Sohn!--Willst du?--Sie kommt nicht.--Schlange! + +(Er holt mit dem Schwert aus.) + +Jason (sich vor sie hinstellend). +Du sollst sie nicht verletzen! + +Absyrtus (zugleich dem Vater in den Arm fallend). +Vater, was tust du? + +Aietes. +Du hast recht. Nicht sterben soll sie, leben; +Leben in Schmach und Schande; verstoßen, verflucht, +Ohne Vater, ohne Heimat, ohne Götter! + +Medea. +Vater! + +Aietes. +Du hast mich betrogen, verraten. +Bleib! Nicht mehr betreten sollst du mein Haus. +Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis, +Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein. +Folg' ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat, +Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach; +Leb' im fremden Land, eine Fremde, +Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht; +Er selbst, für den du hingibst Vater und Vaterland +Wird dich verachten, wird dich verspotten, +Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begier; +Dann wirst du stehn und die Hände ringen, +Sie hinüberbreiten nach dem Vaterland, +Getrennt durch weite, brandende Meere, +Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch! + +Medea (knieend). +Vater! + +Aietes. +Zurück! Ich kenne dich nicht! +Komm, mein Sohn! Ihr Anblick verpestet, +Ihre Stimme ist Todeslaut meinem Ohr. +Umklammre nicht meine Kniee, Verruchte! +Sieh ihn dort, ihn, den du gewählt; +Ihm übergeb' ich dich; +Er wird mich rächen, er wird dich strafen, +Er selber, früher als du denkst. + +Medea. +Vater! + +Aietes + +(indem er die Knieende von sich stößt, daß sie halbliegend +zurücksinkt). +Weg deine Hand, ich kenne dich nicht! +Fort mein Sohn, mein einziges Kind! +Fort mein Sohn aus ihrer Nähe! + +(Ab mit Absyrtus und Kolchern.) + +Jason. +Flieh nur Barbar, der Rach' entgehst du nicht! + +(Zu den Argonauten.) + +Nun Freunde gilt's; die Waffen haltet fertig +Zum letzten Streich, der Sieg bringt oder Tod. + +(Auf Medeen zeigend.) + +Sie kennt das Vließ, den Ort, der es verbirgt, +Mit ihr vollbringen wir's und dann zu Schiff. + +(Zu Medeen hintretend, die noch auf eine Hand gestützt, die andre +über die Stirne gelegt am Boden liegt.) + +Steh auf Medea, er ist fort.--Steh auf! + +(Er hebt sie auf.) + +Hier bist du sicher. + +Medea (die sich in seinen Armen aufgerichtet hat, aber mit einem Kniee +noch am Boden liegt). +Jason, sprach er wahr? + +Jason (sie ganz aufhebend). +Denk' nicht daran! + +Medea (scheu an ihn geschmiegt). +O Jason, sprach er wahr? + +Jason. +Vergiß was du gehört, was du gesehn, +Was du gewesen bist auf diese Stunde. +Aietes' Kind ist Jasons Weib geworden, +An dieser Brust hängt deine Pflicht, dein Recht. +Und wie ich diesen Schleier von dir reiße, +Durchwoben mit der Unterird'schen Zeichen, +So reiß' ich dich von all den Banden los, +Die dich geknüpft an dieses Landes Frevel. +Hier Griechen eine Griechin! Grüßet sie! + +(Er reißt ihr den Schleier ab.) + +Medea (darnach fassend). +Der Götter Schmuck! + +Jason. +Der Unterird'schen! Fort! +Frei wallt das Haar nun um die offne Stirn; +So frei und offen bist du Jasons Braut. Nun nur noch eins und dann +zu Schiff und fort. +Das Vließ, du kennst's, zeig' an mir, wo es liegt! + +Medea. +Ha schweig! + +Jason. +Warum? + +Medea. +Sprich nicht davon! + +Jason. +Mein Wort hab' ich gegeben, es zu holen +Und ohne Siegespreis kehrt Jason nicht zurück. + +Medea. +Ich sage dir, sprich nicht davon! +Ein erzürnter Gott hat es gesendet, +Unheil bringt es, (hat) es gebracht! +Ich bin dein Weib! Du hast mir's entrissen, +Aus der Brust gerissen das zagende Wort, +Ich bin dein, führe mich wohin du willst +Aber kein Wort mehr von jenem Vließ! +In vorahnender Träume dämmerndem Licht +Haben mir's die Götter gezeigt +Gebreitet über Leichen, +Besprützt mit Blut, +Meinem Blut! +Sprich nicht davon! + +Jason. +Ich aber muß, nicht sprechen nur davon, +Ich muß es holen, folge was da wolle. +Drum laß die Furcht und führ' mich hin zur Stelle +Daß ich vollende, was mir auferlegt. + +Medea. +Ich? Nimmermehr! + +Jason. +Du willst nicht? + +Medea. +Nein! + +Jason. +Und weigerst du mir Beistand, hol' ich's selbst. + +Medea. +So geh! + +Jason (sich zum Fortgehen wendend.) +Ich gehe. + +Medea (dumpf). +Geh--in deinen Tod! + +Jason. +Kommt Freunde, laßt den Ort uns selbst erkunden! + +(Er geht.) + +Medea. +Jason! + +Jason (wendet sich um). +Was ist? + +Medea. +Du gehst in deinen Tod! + +Jason. +Kam ich hierher und fürchtete den Tod? + +Medea (auf ihn zueilend und seine Hand fassend). +Ich sage dir, du stirbst. + +(Halblaut.) + +In der Höhle liegt's verwahrt, +Verteidigt von allen Greueln +Der List und der Gewalt. +Labyrinthische Gänge, +Sinnverwirrend, +Abgründe, trügerisch bedeckt, +Dolche unterm Fußtritt, +Tod im Einhauch, +Mord in tausendfacher Gestalt, +Und das Vließ, am Baum hängt's, +Giftbestrichen, +Von der Schlange gehütet, +Die nicht schläft, +Die nicht schont, +Unnahbar. + +Jason. +Ich hab' mein Wort gegeben und ich lös' es. + +Medea. +Du gehst? + +Jason. +Ich geh'! + +Medea + +(sich ihm in den Weg werfend). +Und wenn ich hin mich werfe +Flehend deine Kniee umfass' und rufe: +Bleib! bleib! + +Jason. +Nichts hält mich ab! + +Medea. +O Vater, Vater! +Wo bist du? Nimm mich mit! + +Jason. +Was klagst du? +Wohl eher wär' das Recht zu klagen mir. +Ich tue was ich muß, du hast zu wählen. +Du weigerst dich und so geh' ich allein. + +(Er geht.) + +Medea. +Du gehst? + +Jason. +Ich geh'! + +Medea. +Trotz allem was ich bat, +Doch gehst du? + +Jason. +Ja! + +Medea (aufspringend). +So komm! + +Jason. +Wohin? + +Medea. +Zum Vließ, +Zum Tod!--Du sollst (allein) nicht sterben, +Ein Haus, Ein Leib und Ein Verderben! + +Jason (sich ihr nähernd). +Medea! + +Medea (ausweichend). +Die Liebkosung laß +Ich habe sie erkannt!--O Vater! Vater! +So komm, laß uns holen was du suchst; +Reichtum, Ehre, +Fluch, Tod! +In der Höhle liegt's verwahrt +Weh dir, wenn sich's offenbart! +Komm! + +Jason (ihre Hand fassend). +Was quält dich? + +Medea (indem sie ihre Hand aufschreiend wegzieht). +Ah!--Phryxus!--Jason! + +Jason. +Um aller Götter willen! + +Medea. +Komm! Komm! + +(Huscht fort mit weit aufgerissenen Augen vor sich hinstarrend. +Die andern folgen.) + +(Der Vorhang fällt.) + + + + +Vierter Aufzug + +(Das Innere einer Höhle. Kurzes Theater. Im Vorgrunde rechts das +Ende einer von oben herabführenden Treppe. In der Felsenwand des +Hintergrunds ein großes, verschlossenes Tor.) + + +Medea (steigt, in der einen Hand einen Becher in der andern eine Fackel +die Treppe herab). +Komm nur herab! Wir sind am Ziel! + +Jason (oben, noch hinter der Szene). +Hierher das Licht! + +Medea (die Stiege hinaufleuchtend). +Was ist? + +Jason (mit gezogenem Schwerte auftretend und die Stiege eilig +herabsteigend). +Es strich an mir vorbei! Halt! Dort! + +Medea. +Was? + +Jason. +An der Pforte steht's den Eingang wehrend. + +Medea (hinleuchtend). +Sieh, es ist nichts und niemand wehrt dir Eingang, +Wenn du nicht selbst. + +(Sie setzt den Becher weg und steckt die Fackel in einen Ring am +Treppengeländer.) + +Jason. +Du bist so ruhig. + +Medea. +Und du bist's nicht! + +Jason. +Als es noch nicht begonnen +Als ich's nur wollte, bebtest du, und nun-- + +Medea. +Mir graut, daß du es willst, nicht daß du's tust. +Bei dir ist's umgekehrt. + +Jason. +Mein Aug ist feig, +Mein Herz ist mutig.--Rasch ans Werk!--Medea! + +Medea. +Was starrst du ängstlich? + +Jason. +Bleicher Schatten, weiche! +Laß frei die Pforte, du hältst mich nicht ab. + +(Auf die Pforte zugehend.) + +Ich geh' trotz dir, durch dich zum Ziel--nun ist er fort! +Wie öffnet man das Tor? + +Medea. +Ein Schwerthieb an die Platte +Dort in der Mitte öffnet es. + +Jason. +Gut denn! +Du wartest meiner hier. + +Medea. +Jason! + +Jason. +Was noch? + +Medea (weich und schmeichelnd). +Geh nicht! + +Jason. +Du reizest mich! + +Medea. +Geh nicht o Jason! + +Jason. +Hartnäckige kann nichts dich denn bewegen, +Zu opfern meinem Entschluß deinen Wahn? + +Medea. +Man ehrt den Wahn auch dessen, den man liebt. + +Jason. +Genug nunmehr, ich will! + +Medea. +Du willst? + +Jason. +Ich will. + +Medea. +Und nichts vermag dagegen all mein Flehn? + +Jason. +Und nichts vermag dagegen all dein Flehn. + +Medea. +Und auch mein Tod nichts? + +(Sie entreißt ihm durch eine rasche Bewegung das Schwert.) + +Sieh! dein eignes Schwert +Gekehrt ist's gegen meine Brust. Ein Schritt noch weiter +Und vor dir liegt Medea kalt und tot. + +Jason. +Mein Schwert! + +Medea. +Zurück! Du ziehst's aus meiner Brust! +Kehrst du zurück? + +Jason. +Nein! + +Medea. +Und wenn ich mich töte? + +Jason. +Beweinen kann ich dich, rückkehren nicht. +Mein Höchstes für mein Wort und wär's dein Leben! + +(Auf sie zugehend.) + +Gib Raum, Weib, und mein Schwert! + +Medea (indem sie ihm das Schwert gibt). +So nimm es hin +Aus meiner Hand, du süßer Bräutigam! +Und töte dich und mich!--Ich halte dich nicht mehr! + +Jason (auf die Pforte zugehend). +Wohlan! + +Medea. +Halt! Eins noch! Willst du jetzt schon sterben? +Das Vließ, am heiligen Baum +Ein Drache hütet's, grimm, +Unverwundbar seine Schuppenhaut, +Alldurchdringend sein Eisenzahn, +Du besiegst ihn nicht. + +Jason. +Ich ihn, oder er mich. + +Medea. +Grausamer, Unmenschlicher! +Oder er dich! und du gehst? + +Jason. +Wozu die Worte? + +Medea. +Halt! +Den Becher hier nimm! +Vom Honig des Berges +Dem Tau der Nacht, +Und der Milch der Wölfin +Brauset drin gegoren ein Trank. +Setz' ihn hin wenn du eintrittst, +In der Ferne stehend. +Und der Drache wird kommen, +Nahrung suchend, +Zu schlürfen den Trank. +Dann tritt hin zum Baume +Und nimm das Vließ--Nein, nimm's nicht, +Nimm's nicht und bleib! + +Jason. +Törin! Her den Trank! Gib! + +(Er nimmt ihr den Becher aus der Hand.) + +Medea (um seinen Hals fallend). +Jason!--So küss' ich dich und so, und so, und so! +Geh in dein Grab und laß auch Raum für mich! +Bleib! + +Jason. +Laß mich Weib! Mir schallt ein höhrer Ruf! + +(Gegen die Pforte zugehend.) + +Und bärgest du des Tartarus Entsetzen, +Ich steh' dir! + +(Er haut mit dem Schwerte gegen die Pforte.) + +Tut euch auf, ihr Pforten!--Ah! + +(Die Pforten springen auf und zeigen eine innere schmälere Höhle, +seltsam beleuchtet. Im Hintergrunde ein Baum. An ihm hängt +hellglänzend das goldene Vließ. Um Baum und Vließ windet sich eine +ungeheure Schlange, die beim Aufspringen der Pforte ihr in dem +Laube verborgenes Haupt hervorstreckt und züngelnd vor sich hin +blickt.) + +(Jason fährt aufschreiend zurück und kommt wieder in den Vorgrund.) + + + +Medea (wild lachend). +Bebst du? Schauert dir das Gebein? +Hast's ja gewollt, warum gehst du nicht? +Starker, Kühner, Gewaltiger! +Nur gegen mich hast du Mut? +Bebst vor der Schlange? Schlange! +Die mich umwunden, die mich umstrickt, +Die mich verderbt, die mich getötet! +Blick' hin, blick's an das Scheusal +Und geh und stirb! + +Jason. +Haltet aus meine Sinne, haltet aus! +Was bebst du Herz? Was ist's mehr als sterben? + +Medea. +Sterben? Sterben? Es gilt den Tod! +Geh hin mein süßer Bräutigam, +Wie züngelt deine Braut! + +Jason. +Von mir weg, Weib, in deiner Raserei! +Mein Geist geht unter in des deinen Wogen! + +(Gegen das Tor zu.) + +Blick' nur nach mir; du findest deinen Mann! +Und wärst du zehnmal scheußlicher, hier bin ich! + +(Er geht drauf los.) + +Medea. +Jason! + +Jason. +Hinein! + +Medea. +Jason! + +Jason. +Hinein! + +(Er geht hinein, die Pforten fallen hinter ihm zu.) + +Medea (schreiend an die nunmehr geschlossene Pforte hinstürzend). +Er geht! Er stirbt. + +Jason (von innen). +Wer schloß die Pforte zu? + +Medea. +Ich nicht! + +Jason. +Mach' auf! + +Medea. +Ich kann nicht.--Um aller Götter willen! +Setz' hin die Schale, zaudre nicht! +Du bist verloren wenn du zauderst. +--Jason!--Hörst du mich?--Setz' hin die Schale!-- +Er hört mich nicht!--Er ist am Werk! +Am Werk!--Hilfe, Ihr dort oben! +Schaut herab auf uns, ihr Götter! +Doch nein, nein, schaut nicht herab +Auf die schuldige Tochter, +Der Schuldigen Gemahl; +Ich schenk' euch die Hilfe, ihr mir die Rache! +Kein Götteraug seh' es, +Dunkel hülle die Nacht +Unser Tun und uns! +Jason lebst du?--Antwort gib! +Gib Antwort!--Alles stumm +Alles tot!--Ha?--Er ist tot! +Er spricht nicht, ist tot.--tot. + +(Sie sinkt an der Türe nieder.) + +Liegst du mein Bräutigam? Laß Raum, +Raum für die Braut! + +Jason (inwendig, schreckhaft). +Ah! + +Medea (aufspringend). +Das war seiner Stimme Klang! Er lebt! +Ist in Gefahr! Zu ihm! Auf, Pforte, auf! +Wähnst du zu widerstehn? Ich spotte dein! +Auf! + +(Sie reißt mit einem Zuge gewaltsam beide Torflügel auf.) + +Jason (stürzt wankend heraus, das Vließ als Banner auf einer Lanze +tragend.) + +Medea. +Lebst du? + +Jason. +Leben?--Leben?--Ja!--Zu! zu da! + +(Er schließt ängstlich die Pforte zu.) + +Medea. +Und hast das Vließ? + +Jason (es weit von sich weghaltend). +Berühr's nicht! Feuer! Feuer! + +(Seine Rechte mit ausgestreckten Fingern hinhaltend.) + +Sieh hier die Hand--wie ich's berührt--verbrannt! + +Medea (seine Hand nehmend). +Das ist ja Blut! + +Jason. +Blut? + +Medea. +Auch am Haupte Blut. +Hast dich verletzt? + +Jason. +Weiß ich's?--Nun komm! Nun komm! + +Medea. +Hast du's vollführt, wie ich's gesagt? + +Jason. +Ja wohl. +Die Schale stellt' ich hin, mich selber seitwärts +Und harrte schnaufend. Rufen hört' ich, doch +Nicht zu erwidern wagt' ich vor dem Tier. +Das hob sich blinkend auf und, und schon wähnt' ich +Auf mich hin schieb' es rauschend seine Ringe; +Allein der Trank war's, den das Untier suchte, +Und weit gestreckt in durstig langen Zügen +Sog, meiner nicht mehr achtend, es den Trank. +Bald, trunken oder tot lag's unbeweglich. +Ich rasch hervor vom marternden Versteck, +Zum Baum hin und das Vließ--hier ist's--Nun fort! + +Medea. +So komm, und schnell! + +Jason. +Als ich's vom Baume holte, +Da rauscht' es auf, wie seufzend, durch die Blätter +Und hinter mir riefs: Wehe! +Ha?--Wer ruft? + +Medea. +Du selbst! + +Jason. +Ich? + +Medea. +Komm! + +Jason. +Wohin? + +Medea. +Fort! + +Jason. +Fort, ja fort! +Geh du voran, ich folge mit dem Vließ +Geh nur! Geh, zaudre nicht! Voraus! Voran! + +(Beide ab, die Treppe hinauf.) + +(Freier Platz vor der Höhle. Im Hintergrunde die Aussicht aufs +Meer, die auf der rechten Seite durch einen am Ufer liegenden Hügel +verdeckt wird, hinter dem, nur mit den Masten und dem Vorderteile +sichtbar, das Schiff der Argonauten liegt.) +Milo, Argonauten, (teils mit Arbeiten des Einschiffens beschäftigt, +teils als Wachen und ruhend gruppiert.) + +Milo. +Das Schiff ist hergezogen. Gut. Doch hört! +Nicht Anker ausgeworfen! Hört ihr? (Nicht)! +Der Augenblick kann uns die Abfahrt bringen +Und ob's zum lichten Zeit dann, weiß ich nicht. + +(Auf und ab gehend.) + +Er kommt noch immer nicht. Daß er ihr traute! +Ich hab' ihn wohl gewarnt. Doch hört er Warnung? +Sonst ja, daheim, da horcht' er meiner Rede +Und tat auch was ihm riet mein treuer Mund +So folgsam, so ein Kind, und doch ein Mann. +Doch hier ist er verwandelt ganz und gar +Verwandelt gleich--uns allen, sagt' ich schier, +Vom gift'gen Anhauch dieses Zauberbodens. +O dieses Weib! Mir graut denk' ich an sie. +Wie sie so dastand mit den dunkeln Brauen +Gleich Wetterwolken an der finstern Stirn, +Das Augenlid gesenkt, im düstern Sinnen: +Nun hob sich's und wie Wetterleuchten fuhr +Der Blick hervor und faßt' und schlug und traf.-- +Ihn traf er!--Nu die Götter mögen's wenden. Was bringen dort die +Beiden. Griechen sind's. +Ein Weib! Gebunden! Memmen ihr!--Holla! + +Zwei Griechen (treten auf,) +Gora (mit gebundenen Händen in ihrer Mitte.) + +Milo. +Was ist? Was bindet ihr das Weib!--Gleich löst sie! + +Soldat. +Das Weib da kam an unsre Vorwacht, Herr +Und fragte nach--nu nach der Kolcherin +Die heut wir fingen. + +Gora. +Kolcherin? +Ha Sklav', Medea ist's, +Des Kolcherfürsten Tochter. +Wo habt ihr sie? + +Soldat. +Wir wollten sie nicht lassen, daß sie nicht +Dem Feinde Kundschaft gäb' von unsrer Lagrung +Allein sie wehrt' es und fast männlich, Herr. +Da banden wir sie, weil sie sich nicht fügte, +Und bringen sie euch her! + +Milo. +Löst ihre Bande! + +(Es geschieht.) + +Gora. +Wo ist Medea? Wo ist mein Kind? + +Milo. +Dein Kind? + +Gora. +Ich hab' sie gesäugt gepflegt. +Als eine Mutter mein Kind. Wo habt ihr sie? +Sie sagen: freien Willens sei sie geblieben +Bei euch in eures Lagers Umfang; +Aber 's ist Lüge, ich kenne Medea +Ich kenne mein Kind. +Gefangen haltet ihr sie zurück. +Gebt sie heraus! Wo ist sie? + +Milo. +Ganz gut kommst als Genossin du für sie +Leicht fände sie sich einsam unter Menschen. +Bringt sie ins Schiff! + +Gora. +So weilt sie dort? + +Milo. +Geh nur! +Zu bald wirst du sie noch erblicken!--Geh! + +Gora (die abgeführt wird). +Ins Meer, nicht in das Schiff, wenn ihr mich täuscht. + +(Ab.) + +Milo + +(ihr nachschauend). +Ha! bringen wir die wilden Tiere alle +Nach Griechenland, ich sorge, man erdrückt uns, +Die Seltenheit zu sehn!--Und Er kommt nicht! + +(Man hört dumpfe Schläge unter der Erde.) + +Was ist das?--Horch!--Speit auch der Boden Wunder? +Versucht's der Feind?-- + +(Gegen die Krieger, das Schwert ziehend.) + +Holla! zur Hand! + +(Die Krieger greifen nach ihren Waffen.) + +Milo. +Die Erde hebt sich!--Was geschieht noch alles? +(Eine Falltüre öffnet sich am Boden.) Medea (steigt herauf.) + +Medea. +Hier ist der Tag. + +(Nachdem sie ganz heroben ist.) + +Und hier die Deinen. +Ich hielt was ich versprach. +Jason (mit dem Vließ-Banner steigt auch herauf. +Medea läßt die Falltüre nieder.) + +Milo + +(auf ihn zueilend und seine Hand nehmend). +Du bist es Jason! +Du! + +Jason (der mit gebeugtem Kopf dagestanden, emporblickend). +Jason!--Wo?--Ja so! Ja, ja! + +(Ihm die linke Hand reichend. In der rechten hält er das Banner.) + +Freund Milo! + +Milo (im Vortreten). +Und mit dem Vließ? + +Jason (schreckhaft sich umsehend). +Ha!--Mit dem Vließ!-- + +(Es hinhaltend.) + +Hier ist's! + +(Sich noch einmal umsehend.) + +Ein widerlicher Mantel dort, der graue +Und drein gehüllt der Mann bis an die Zähne. + +(Auf ihn zugehend.) + +Borg' mir den Mantel, Freund! + +(Der Soldat gibt den Mantel.) + +Ich kenne dich +Du bist Archytas aus Korinth. Ja, ja +Ein lust'ger Kauz, ein (Geist) mit Fleisch und Blut! + +(Ihn an der Schulter anfassend.) + +Mit Fleisch und Blut! + +(Widerlich lachend.) + +Ha! ha!--Ich dank' dir Freund! + +Milo. +Wie sonderbar-- + +Jason + +(den Mantel um das Vließ hüllend). +Wir wollen das verhüllen, +So--und hier aufbewahren bis wir's brauchen. + +(Er legt das Vließ hinter ein Felsenstück, auf das sich Medea +sinnend gesetzt hat.) + +Was sinnest du Medea, sinnest jetzt? +Laß uns die Überlegung aufbewahren +Als Zeitvertreib auf langer Überfahrt. +Komm her mein Weib, mir angetraut +Bei Schlangenzischen unterm Todestor. + +Milo (sich zu Medea wendend). +Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl. +Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennend +Ward eingebracht-- + +Medea. +Gora.--Zu ihr! + +Jason (rauh). +Bleib da! + +(Medea erschrocken die Hände auf Brust und Stirn legend, bleibt +stehen.) + +Jason (milder). +Ich bitte dich bleib da! + +(Indem er sie zurückführt.) + +Geh nicht Medea! + +(Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.) + +Entwöhne dich vom Umgang jener Wilden +Dafür an unseren gewöhne dich! +Wir sind jetzt Eins, wir müssen einig denken. + +Milo. +Kommt jetzt zu Schiff! + +Jason. +Ja, ja! Komm mit Medea! +Wie lau die Feinde sind! Ich hätte Lust +Zu fechten, fechten. Doch sie schlafen scheint es! + +Absyrtus + +(hinter der Szene). +Hierher! + +Milo. +Sie schlafen nicht. + +Jason. +So besser! Schließt euch! +Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurück. +Wir wollen unser Angedenken ihnen +Zum Abschied noch erneun auf immerdar. + +(Er rafft das verhüllte Vließ auf.) + +Medea, in den Kreis und zittre nicht! +Absyrtus (tritt mit) Kolchern (auf.) + +Absyrtus. +Hier ist sie! Komm zu mir! Medea! Schwester! + +Medea (die bei seinem Eintritt ihm unwillkürlich einige +Schritte entgegen gegangen ist, jetzt stehen bleibend). +Wohl deine Schwester, doch Medea nicht! + +Jason. +Was weilst du dort? Tritt wieder her zu uns! + +Absyrtus (mitleidig zu ihr tretend). +So wär' es wahr denn, was sie alle sagen +Und ich nicht glauben konnte bis auf jetzt. +Du wolltest ziehen mit den fremden Männern? +Verlassen unsre Heimat, unsern Herd +Den Vater und mich Medea +Mich, der dich so liebt, du arme Schwester! + +Medea (an seinen Hals stürzend). +O Bruder! Bruder! + +(Mit tränenerstickter Stimme.) + +O mein Bruder! + +Absyrtus. +Nein es ist nicht wahr!--Du weinst! +Ich muß auch weinen. Doch was tut's? +Ich schäme mich der Tränen nicht Genossen +Im K a m p f will ich zeigen, was ich wert. +Weine nicht Schwester, komm mit mir! + +Medea (an seinem Halse, kaum vernehmlich). +O könnt' ich gehn mit dir! + +Jason (hinzutretend). +Du willst mit ihm? + +Medea (furchtsam). +Ich? + +Jason. +Du sagtest's! + +Medea. +Sagt' ich etwas Bruder? +Nein, ich sagte nichts! + +Absyrtus. +Wohl sagtest du's, und komm, o komm, +Ich führe dich zum Vater, er verzeiht! +Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht; +Gewiß verzeiht er, noch ist nichts geschehn, +Die Fremden, sie fanden's noch nicht das Vließ. + +Medea (sich entsetzt aus seinen Armen losreißend). +Nicht? + +(Schaudernd.) + +Sie haben's! + +Jason (indem er die Hülle von dem Vließ reißt und es +hochgeschwungen vorzeigt). +Hier! + +Absyrtus. +Das Vließ! + +(Zu Medeen.) + +So hast du uns denn doch verraten +Geh hin in Unheil denn und in Verderben! + +(Zu Jason.) + +Behalt sie, doch das Vließ gib mir heraus! + +Jason. +Du schwärmst mein junger Fant! Mach' dich von hinnen, +Und sag' dem Vater was du hier gesehn. +Nehm' ich die Tochter, schenk' ich ihm den Sohn! + +Absyrtus. +Das Vließ! + +Jason. +Ich will dein Blut nicht. Schweig und geh! +Mit Drachen ist mein Arm gewohnt zu kämpfen, +Mit Toren nicht wie Du: Geh sag' ich geh! + +Absyrtus (eindringend). +Das Vließ. + +Jason (ausweichend). +Mir zu begegnen ist gefährlich, +Denn ich bin grimmig wie der grimme Leu. + +Absyrtus. +Das Vließ! + +Jason. +So hab's! + +(Er haut, über die linke Schulter ausholend mit einem grimmigen +Seitenhieb auf Absyrtus, daß Helm, Schild und Schwert ihm rasselnd +entfallen, er selbst aber, obschon unverwundet, taumelnd +niederstürzt.) + +Medea + +(bei dem Fallenden auf die Kniee stürzend und sein Haupt in ihrem +Schoß verbergend). +Halt ein! + +Jason. +Ich töt' ihn nicht! +Allein gehorchen muß er, (muß--gehorchen)! + +Medea (Absyrtus aufrichtend). +Steh auf! + +(Er ist aufgestanden und lehnt sich betäubt an ihre Brust.) + +Medea. +Bist du verletzt? + +Absyrtus (matt). +Es schmerzt!--Die Stirn! + +Medea (ihre Lippen auf seine Stirne pressend). +Mein Bruder! + +Milo + +(der früher spähend abgegangen ist, kommt jetzt eilig zurück). +Auf! Die Feinde nahen! Auf! +In großer Zahl, der König an der Spitze! + +Medea (ihren Bruder fester an sich drückend). +Mein Vater! + +Absyrtus (matt). +Unser Vater! + +Jason (zu den Beiden). +Ihr, zurück! + +Milo (auf Absyrtus zeigend). +Der Sohn sei Geisel gegen seinen Vater +Bringt ihn dort auf die Höh' zum Schiff hinauf! + +Absyrtus (matt die ihn Anfassenden abwehren wollend). +Berührt ihr mich? + +Medea. +O laß uns gehn, mein Bruder! + +(Sie werden auf die Höhe gebracht.) + +Jason. +Hinan, ins Schiff und spannt die Segel auf. +Aietes (kommt mit bewaffneten) Kolchern. + +Aietes (hereinstürzend). +Haltet ein! Meine Kinder! Mein Sohn! + +Absyrtus (oben am Hügel sich loszumachen strebend). +Mein Vater! + +Jason (den Hügel hinauf rufend). +Haltet ihn! + +(Zu Aietes.) + +Er bleibt bei mir, +Folgt mir zu Schiff, als Geisel wider dich. +Wenn nur ein Kahn, ein Nachen uns verfolgt +So stürzt dein Sohn hinab ins Wellengrab! +Erst wenn erreicht ist Kolchis' letzte Spitze, +Setz' ich ihn aus und send' ihn her zu dir. +Barbar, du lehrtest mich, dich zu bekämpfen! + +Aietes. +Sohn, stehst du in den Armen der Verworfnen? + +Absyrtus (fruchtlos sich loszuwinden strebend). +Laß mich! + +Medea. +Mein Bruder!--Vater! + +Jason. +Haltet ihn! + +Aietes. +Komm, Sohn! + +Jason. +Umsonst! + +Aietes. +So komm' ich, Sohn, zu dir! +Mir nach ihr Kolcher, folget eurem König! + +Jason. +Zurück! + +Aietes (vordrängend). +Glaubst du, du schreckest mich? + +Jason. +Zurück! +Du rettest nicht den Sohn, als wenn du weichst. +Kein Haar wird ihm gekrümmt, ich schwör' es dir! +Bringt ihn an Bord! + +Absyrtus (ringend). +Mich? Nimmermehr! + +Aietes. +Mein Sohn! + +Absyrtus. +Fall sie an, befrei' den Sohn, o Vater! + +Aietes. +Kann ich's? sie töten dich, wenn ich's tue! + +Absyrtus. +Lieber frei sterben, als leben gefangen +Fall' ich auch, wenn nur sie fallen mit! + +Jason. +An Bord mit ihm! + +Aietes. +Sohn komm! + +Absyrtus (der sich losgerissen hat). +Ich komme Vater! +Frei bis zum Tod! Im Tode räche mich! + +(Er springt von der Klippe ins Meer.) + +Medea. +Mein Bruder! Nimm mich mit! + +(Sie wird zurückgehalten und sinkt nieder.) + +Aietes. +Mein Sohn! + +Jason. +Er stirbt! +Die hohen Götter ruf' ich an zu Zeugen +Daß d u ihn hast getötet und nicht ich! + +Aietes. +Mein Sohn!--Nun Rache! Rache! + +(Auf Jason eindringend.) + +Stirb! + +Jason. +Laß mich! +Soll ich dich töten? + +Aietes. +Mörder stirb! + +Jason. +Ich Mörder? +Mörder du selber! + +(Das Vließ einem Nebenstehenden entreißend, dem er es früher zu +halten gegeben.) + +Kennst du dies? + +Aietes (schreiend zurücktaumelnd). +Das Vließ! + +Jason + +(es ihm vorhaltend). +Kennst du's? +Und kennst du auch das Blut, das daran klebt? +'s ist Phryxus' Blut!--Dort deines Sohnes Blut! +Du Phryxus' Mörder, Mörder deines Sohns! + +Aietes. +Verschling mich Erde! Gräber tut euch auf. + +(Stürzt zur Erde.) + +Jason. +Zu spät, sie decken deinen Frevel nicht. +Als Werkzeug einer höheren Gewalt +Steh' ich vor dir. Nicht zittre für dein Leben, +Ich will nicht deinen Tod; ja stirb erst spät, +Damit noch fernen Enkeln kund es werde, +Daß sich der Frevel rächt auf dieser Erde. +Nun rasch zu Schiff, die Segel spannet auf +Zurück ins Vaterland! + +Aietes (an der Erde). +Weh mir weh +Legt mich ins Grab zu meinem Sohn! +(Indem die Kolcher sich um den König gruppieren und Jason mit den +Argonauten das Schiff besteigt fällt der Vorhang.) + + + + + + +Medea + +Franz Grillparzer + +Trauerspiel in fünf Aufzügen + + +Personen: + +Kreon, König von Korinth +Kreusa, seine Tochter +Jason +Medea +Gora, Medeens Amme +Ein Herold der Amphiktyonen +Ein Landmann +Diener und Dienerinnen +Medeens Kinder + + + + +Erster Aufzug + +(Vor den Mauern von Korinth. Links im Mittelgrunde ein Zelt +aufgeschlagen. Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einer +Landspitze ein Teil der Stadt hinzieht. Früher Morgen noch vor +Tages Anbruch. Dunkel.) + +(Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der +Schaufel grabend und Erde auswerfend. Medea auf der andern Seite, +vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste, in welche +sie mancherlei Gerät während des Folgenden hineinlegt.) + +Medea. +Bist du zu Ende? + +Sklave. +Gleich, Gebieterin! + +(Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.) + +Medea. +Zuerst den Schleier und den Stab der Göttin; +Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier. +Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei +Und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes, +Es muß geschehn am offnen Strahl des Lichts. +Dann dies Gefäß: geheime Flammen birgt's, +Die den verzehren, der's unkundig öffnet; +Dies andere, gefüllt mit gähem Tod; +Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nähe! +Noch manches Kraut, manch dunkel-kräft'ger Stein, +Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch. + +(Aufstehend.) + +So. Ruhet hier verträglich und auf immer! +Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste. + +(Der Sklave, der unterdes aus der Grube heraufgestiegen ist und +sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschäftigung abwartend, +gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer +Lanze befestigten, Verhülltem, das an einem Baume hinter Medeen +lehnt; die Hülle fällt auseinander, das Banner mit dem Vliese +leuchtet strahlend hervor.) + +Sklave (das Banner anfassend). +Ist's dieses hier? + +Medea. +Halt ein! Enthüll es nicht!-- +Laß dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk! +Du Zeuge von der Meinen Untergang, +Besprützt mit meines Vaters, Bruders Blut, +Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld. + +(Sie tritt mit dem Fuße auf den Schaft, daß er entzweibricht.) + +So brech ich dich und senke dich hinab +In Schoß der Nacht, dem dräuend du entstiegen. + +(Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gerät in die Kiste +und schließt den Deckel.) + +Gora (vortretend). +Was tust du hier? + +Medea (umblickend). +Du siehst's. + +Gora. +Vergraben willst du +Die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab +Und noch dir geben kann? + +Medea. +Der Schutz mir gab? +Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab, +Vergrab ich sie. Ich bin geschützt genug. + +Gora. +Durch deines Gatten Liebe? + +Medea (zum Sklaven). +Bist du fertig? + +Sklave. +Gebiet'rin ja! + +Medea. +So komm! + +(Sie faßt die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern, +und so tragen beide sie zur Grube.) + +Gora (von ferne stehend). +O der Beschäftigung +Für eines Fürsten fürstlich hohe Tochter! + +Medea. +Scheint's dir für mich zu hart, was hilfst du nicht? + +Gora. +Jasons Magd bin ich, nicht die deine; +Seit wann dient eine Sklavin der andern? + +Medea (zum Sklaven). +Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu! + +(Der Sklave läßt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit der +Schaufel Erde darüber. Medea kniet dabei.) + +Gora (im Vorgrunde stehend). +O laßt mich sterben, Götter meines Landes, +Damit ich nicht mehr sehn muß was ich sehe! +Doch vorher schleudert euren Rachestrahl +Auf den Verräter, der uns dies getan! +Laßt mich ihn sterben sehn, dann tötet mich! + +Medea. +Es ist getan. Nun stampf den Boden fest +Und geh! Ich weiß, du wahrest mein Geheimnis, +Du bist ein Kolcher und ich kenne dich. + +(Der Sklave geht.) + +Gora (mit grimmigen Hohn nachrufend). +Verrat's nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!-- +Hast du vollendet? + +Medea (zu ihr tretend). +Ja.--Nun bin ich ruhig. + +Gora. +Und auch das Vlies vergrubst du? + +Medea. +Auch das Vlies. + +Gora. +So ließt ihr es in Jolkos nicht zurück +Bei deines Gatten Ohm? + +Medea. +Du sahst es hier. + +Gora. +Es blieb dir also und du vergrubst es +Und so ist's abgetan und aus! +Weggehaucht die Vergangenheit, +Alles Gegenwart, ohne Zukunft. +Kein Kolchis gab's und keine Götter sind, +Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht: +Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen! +So denk denn auch, du seist nicht elend, denk +Dein Gatte, der Verräter, liebte dich; +Vielleicht geschieht es! + +Medea (heftig). +Gora! + +Gora. +Was? +Meinst du ich schwiege? +Die Schuldige mag schweigen und nicht ich! +Hast du mich hergelockt aus meiner Heimat +In deines trotz'gen Buhlen Sklaverei, +Wo ich, in Fesseln meine freien Arme, +Die langen Nächte kummervoll verseufze, +Und jeden Morgen zu der neuen Sonne +Mein graues Haar verfluch und meines Alters Tage, +Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung, +An allem Mangel leidend als an Schmerz, +So mußt du mich auch hören, wenn ich rede. + +Medea. +So sprich! + +Gora. +Was ich vorhergesagt, es ist geschehen! +Kaum ist's ein Mond, daß euch das Meer von sich stieß, +Unwillig, den Verführer, die Verführte, +Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu. +Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke, +Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mächte, +Wo du dich zeigst weicht alles scheu zurück +Und flucht dir. Mög' der Fluch sie selber treffen! +Auch den Gemahl, der Kolcherfürstin Gatten, +Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen. +Der Oheim schloß die Tür ihm seines Hauses, +Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt, +Als jener Oheim starb, man weiß nicht wie, +Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Stätte: +Was denkst du nun zu tun? + +Medea. +Ich bin sein Weib! + +Gora. +Und denkest nun zu tun? + +Medea. +Zu folgen ihm +In Not und Tod. + +Gora. +In Not und Tod, ja wohl! +Aietes' Tochter in ein Bettlerhaus! + +Medea. +Laß uns die Götter bitten um ein einfach Herz, +Gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los! + +Gora (grimmig lachend). +Haha! Und dein Gemahl? + +Medea. +Es tagt. Komm fort! + +Gora. +Weichst du mir aus? Ha, du entgehst mir nicht! +Der einz'ge lichte Punkt in meinem Jammer +Ist, daß ich seh, an unserm Beispiel seh, +Daß Götter sind und daß Vergeltung ist. +Bewein dein Unglück und ich will dich trösten, +Allein verkennen sollst du's frevelnd nicht +Und leugnen die Gerechtigkeit da droben, +Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz. +Auch muß ein Übel klar sein, will man's heilen! +Dein Gatte, sprich! ist er derselbe noch? + +Medea. +Was sonst? + +Gora. +O spiel mit Worten nicht! +Ist er derselbe, der dich stürmend freite, +Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter, +Derselbe, der auf langer Überfahrt, +Den Widerstand besiegte der Betrübten, +Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend, +Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut? +Ist er derselbe noch? Ha bebst du? Bebe! +Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, haßt dich, +Wie du die Deinen, so verrät er dich! +Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat, +Die Tat begräbst du nicht! + +Medea. +Schweig! + +Gora. +Nein! + +Medea (sie hart am Arm anfassend). +Schweig, sag ich!-- +Was rasest du in deiner tollen Wut? +Laß uns erwarten was da kommt, nicht rufen. +So wär' denn immer da, was einmal dagewesen +Und alles Gegenwart?--Der Augenblick, +Wenn er die Wiege einer Zukunft ist +Warum nicht auch das Grab einer Vergangenheit? +Geschehen ist, was nie geschehen sollte, +Und ich bewein's und bittrer als du denkst, +Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten? +Klar sei der Mensch und einig mit der Welt! +In andre Länder, unter andre Völker +Hat uns ein Gott geführt in seinem Zorn, +Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht, +Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Haß; +So laß uns denn auch ändern Sitt' und Rede +Und dürfen wir nicht sein mehr was wir wollen, +So laß uns, was wir können mind'stens sein. +Was mich geknüpft an meiner Väter Heimat +Ich hab es in die Erde hier versenkt; +Die Macht, die meine Mutter mir vererbte, +Die Wissenschaft geheimnisvoller Kräfte, +Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wieder +Und schwach, ein schutzlos, hilfbedürftig Weib +Werf ich mich in des Gatten offne Arme; +Er hat die Kolcherin gescheut, die Gattin +Wird er empfangen, wie's dem Gatten ziemt. +Der Tag bricht an--mit ihm ein neues Leben! +Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben! +Du aber milde, mütterliche Erde +Verwahre treu das anvertraute Gut. + +(Sie gehen auf das Zelt zu; es öffnet sich und Jason tritt heraus +mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.) + +Jason. +Sprachst du den König selbst? + +Landmann. +Jawohl, o Herr! + +Jason. +Was sagtest du? + +Landmann. +Es harre jemand außen, +Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar, +Doch der nicht eher trete bei ihm ein, +Umringt von Feinden, von Verrat umstellt, +Bis er ihm Fried' gelobt und Sicherheit. + +Jason. +Und seine Antwort? + +Landmann. +Er wird kommen, Herr! +Ein Fest Poseidons feiern sie hier außen, +Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend, +Der König folgt dem Zug mit seiner Tochter, +Da, im Vorübergehen, spricht er dich. + +Jason. +So, es ist gut! Hab Dank! + +Medea (hinzutretend). +Sei mir gegrüßt! + +Jason. +Du auch. + +(Zum Sklaven.) + +Ihr aber geht, du und die andern, +Und brechet grüne Zweige von den Bäumen, +Wie's Brauch hier Landes bei den Flehenden. +Und haltet ruhig euch und, still. Hörst du? +Genug! + +(Der Landmann und der Sklave gehen.) + +Medea. +Du bist beschäftigt? + +Jason. +Ja. + +Medea. +Du gönnst +Dir keine Ruh'! + +Jason. +Ein Flüchtiger und Ruh'? +Weil er nicht Ruh' hat ist er eben flüchtig. + +Medea. +Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinaus +Und walltest einsam durch die Finsternis. + +Jason. +Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug'. + +Medea. +Auch sandtest Boten du zum König hin; +Nimmt er uns auf? + +Jason. +Erwartend weil ich hier. + +Medea. +Er ist dir freund. + +Jason. +Er war's. + +Medea. +Willfahren wird er. + +Jason. +Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus.-- +Du weißt ja doch, daß alle Welt uns flieht +Daß selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod, +Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwürgte, +Daß mir das Volk ihn Schuld gibt, deinem Gatten, +Dem Heimgekehrtem aus dem Zauberlande? +Weißt du es nicht? + +Medea. +Ich weiß. + +Jason. +Wohl Grunds genug, +Zu wandeln und zu wachen in der Nacht!-- +Doch was trieb dich schon vor der Sonn' empor? +Was suchst du in der Finsternis?--Ei ja! +Riefst alte Freund' aus Kolchis? + +Medea. +Nein. + +Jason. +Gewiß nicht? + +Medea. +Ich sagte: nein. + +Jason. +Ich aber sage dir, +Du tust sehr wohl wenn du es unterläßt! +Brau nicht aus Kräutern Säfte, Schlummertrank, +Sprich nicht zum Mond, stör nicht die Toten, +Man haßt das hier und ich--ich haß es auch! +In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland, +Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen! Allein ich weiß, du tust's +von nun nicht mehr, +Du hast's versprochen und du hältst es auch. +Der rote Schleier da auf deinem Haupt, +Er rief vergangne Bilder mir zurück. +Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes? +Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis' Grund, +Sei eine Griechin du in Griechenland. +Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen? +Von selbst erinnert es sich schon genug! + +(Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.) + +Gora (halbleise). +Verachtest du dein Land um seinetwillen? + +Jason (erblickt Gora). +Du auch hier?--Dich haß ich vor allen, Weib! +Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn, +Steigt Kolchis' Küste dämmernd vor mir auf. +Was drängst du dich in meines Weibes Nähe? +Geh fort! + +Gora (murrend). +Warum? + +Jason. +Geh fort! + +Medea. +Ich bitt dich, geh! + +Gora (dumpf). +Hast mich gekauft? daß du mir sprichst als Herr? + +Jason. +Die Hand zuckt nach dem Schwert. Geh weil's noch Zeit ist; +Mich hat's schon oft gelüstet, zu versuchen, +Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint. + +(Medea führt die Widerstrebende begütigend fort.) + +Jason (der sich auf einen Rasensitz niedergeworfen hat, +auf die Brust schlagend). +Zerspreng dein Haus, und mach dir brechend Luft! Da liegen sie, +die Türme von Korinth, +Am Meeresufer üppig hingelagert, +Die Wiege meiner goldnen Jugendzeit! +Dieselben, von derselben Sonn' erleuchtet, +Nur ich ein andrer, ich in mir verwandelt. +Ihr Götter! warum war so schön mein Morgen, +Wenn ihr den Abend mir so schwarz bestimmt. +O wär' es Nacht! + +(Medea hat die Kinder aus dem Zelte geholt und führt sie an der +Hand vor Jason.) + +Medea. +Hier sind zwei Kinder, +Die ihren Vater grüßen. + +(Zu dem Knaben.) + +Gib die Hand! +Hörst du? Die Hand! + +(Die Kinder stehen scheu seitwärts.) + +Jason (die Hand schmerzlich nach der Gruppe hinbreitend). +Das also wär' das Ende? +Von trotz'gen Wilden Vater und Gemahl! + +Medea + +(zu dem Kinde). +Geh hin! + +Knabe. +Bist du ein Grieche, Vater? + +Jason. +Und warum? + +Knabe. +Es schilt dich Gora einen Griechen! + +Jason. +Schilt? + +Knabe. +Es sind betrügerische Leut' und feig. + +Jason (zu Medea). +Hörst du? + +Medea. +Es macht sie Gora wild. Verzeih ihm! + +(Sie kniet bei den Kindern nieder und spricht ihnen wechselweise +ins Ohr.) + +Jason. +Gut! Gut! + +(Er ist aufgestanden.) + +Da kniet sie, die Unselige +Und trägt an ihrer Last und an der meinen. + +(Auf und ab gehend.) + + +Die Kinder; laß sie jetzt und komm zu mir! + +Medea. +Geht nur und seid verträglich. Hört ihr? + +(Die Kinder gehen.) + +Jason. +Halt mich für hart und grausam nicht, Medea! +Glaub mir, ich fühl dein Leid so tief als meines. +Getreulich wälzest du den schweren Stein, +Der rück sich rollend immer wiederkehrt +Und jeden Pfad versperrt und jeden Ausweg. +Hast (du's) getan? hab' (ich's)?--Es ist (geschehn). + +(Eine ihrer Hände fassend und mit der andern über ihre Stirne +streichend.) + +Du liebst mich. Ich verkenn es nicht Medea; +Nach deiner Art zwar--dennoch liebst du mich, +Nicht bloß der Blick, mir sagt's so manche Tat. + +(Medea lehnt ihre Stirn an seine Schulter.) + +Ich weiß, dein Haupt ist schwer von manchem Leid +Und Mitleid regt sich treulich hier im Busen. +Drum laß uns reif und sorglich überlegen +Wie wir entfernen, was so nah uns droht. +Die Stadt hier ist Korinth. In frührer Zeit, +Als ich, ein halb gereifter Jüngling noch, +Vor meines Oheims wildem Grimme floh, +Nahm mich der König dieses Landes auf, +Ein Gastfreund noch von meinen Vätern her +Und wahrte mein, wie eines teuern Sohns. +In seinem Hause lebt' ich sicher manches Jahr. +Nun auch-- + +Medea. +Du schweigst? + +Jason. +Nun auch, da mich die Welt, +Verstößt, verläßt, in blindem Grimm verfolgt, +Nun auch hoff ich von diesem König Schutz: +Nur eines fürcht ich und nicht ohne Grund. + +Medea. +Was ist's? + +Jason. +Mich nimmt er auf, ich weiß es wohl, +Und auch die Kinder, denn sie sind die Meinen, +Nur dich-- + +Medea. +Nimmt er die Kinder, weil sie dein, +Behält er als die Deine wohl auch mich. + +Jason. +Hast du vergessen, wie's daheim erging, +In meiner Väter Land, bei meinem Ohm, +Als ich zuerst von Kolchis dich gebracht? +Vergessen jenen Hohn, mit dem der Grieche +Herab auf die Barbarin sieht, auf--dich? +Nicht jedem ist wie mir bekannt dein Wesen, +Nicht jedem bist du Weib und Mutter seiner Kinder, +Nicht jeder war in Kolchis, so wie ich. + +Medea. +Der Schluß der herben Rede, welcher ist's? + +Jason. +Es ist des Menschen höchstes Unglück dies: +Daß er bei allem was ihn trifft im Leben +Sich still und ruhig hält, (bis) es (geschehn) +Und (wenn's) geschehen, nicht. Das laß uns meiden. +Ich geh zum König, wahre meines Rechts +Und rein'ge vom Verdacht mich, der uns trifft; +Du aber mit den Kindern bleib indes +Fern von der Stadt verborgen, bis-- + +Medea. +Bis wann? + +Jason. +Bis--Was verhüllst du dich? + +Medea. +Ich weiß genug. + +Jason. +Wie deutest du so falsch, was ich gesagt! + +Medea. +Beweise mir, daß ich es falsch gedeutet. +Der König naht--sprich, wie dein Herz dir's heißt. + +Jason. +So stehen wir dem Sturm, bis er uns bricht. + +(Gora tritt mit den Kindern aus dem Zelte. Medea stellt sich +zwischen die Knaben und bleibt anfangs beobachtend in der Ferne.) +(Der König tritt auf mit seiner Tochter, von Knaben und Mädchen +begleitet, die Opfergerät tragen.) + +König. +Wo ist der Fremde?--Ahnend sagt mein Herz +Er ist es, der Verbannte, der Vertriebne-- +Der Schuldige vielleicht.--Wo ist der Fremde? + +Jason. +Hier bin ich, und gebeugt tret ich vor dich; +Kein Fremder zwar, doch nur zu sehr entfremdet. +Ein Hilfesuchender, ein Flehender. +Von Haus und Herd vertrieben, ausgestoßen +Fleh ich zum Gastfreund um ein schützend Dach. + +Kreusa. +Fürwahr er ist's! Sieh Vater es ist Jason! + +(Einen Schritt ihm entgegen.) + +Jason (ihre Hand fassend). +Ich bin es, so wie du es bist, Kreusa, +Dieselbe noch, in heitrer Milde strahlend. +O führe mich zu deinem Vater hin, +Der ernst dort steht, den Blick mir zugewandt +Und zögert mit dem Gegengruß, ich weiß nicht +Ob Jason zürnend oder seiner Schuld. + +Kreusa (Jason an der Hand, ihrem Vater entgegentretend). +Sieh Vater, es ist Jason! + +König. +Sei gegrüßt! + +Jason. +Dein Ernst zeigt mir den Platz, der mir geziemt. +Hin werf ich mich vor dir und faß dein Knie, +Und nach dem Kinne streck ich meinen Arm; +Gewähre was ich bat, gib Schutz und Zuflucht! + +König. +Steh auf! + +Jason. +Nicht eher bis-- + +König. +Ich sage dir, steh auf! + +(Jason steht auf.) + +König. +So kehrtest du vom Argonautenzug? + +Jason. +Kaum ist's ein Mond daß mich das Land empfing. + +König. +Den Preis des Zugs, du brachtest ihn mit dir? + +Jason. +Er ward dem Oheim, der die Tat gebot. + +König. +Und warum fliehst du deiner Väter Stadt? + +Jason. +Sie trieb mich aus; verbannt bin ich und schutzlos. + +König. +Des Bannes Ursach' aber, welche war's? + +Jason. +Verruchten Treibens klagte man mich an! + +König. +Mit Recht, mit Unrecht? dies sag mir vor allem! + +Jason. +Mit Unrecht, bei den Göttern schwör ich es! + +König (ihn rasch bei der Hand fassend und vorführend). +Dein Oheim starb? + +Jason. +Er starb. + +König. +Und wie? + +Jason. +Nicht durch mich! +So wahr ich leb und atme, nicht durch mich! + +König. +Doch sagt's der Ruf und streut's durchs ganze Land. + +Jason. +So lügt der Ruf, das ganze Land mit ihm. + +König. +Der einzelne will Glauben gegen alle? + +Jason. +Der eine den du kennst, gen alle die dir fremd. + +König. +Wie aber fiel der König? + +Jason. +Seine Kinder, +Sein eigen Blut hob gegen ihn die Hand. + +König. +Entsetzlich. Sprichst du wahr? + +Jason. +Die Götter wissen's! + +König. +Kreusa naht, sprich nicht davon vor ihr, +Gern spar ich ihr den Schmerz ob solchem Greuel. + +(Laut.) + +Ich weiß genug für jetzt, das andre später: +Solang ich kann, glaub ich an deinen Wert. + +Kreusa (hinzutretend). +Hast, Vater, ihn gefragt? Nicht wahr? Es ist nicht? + +König. +Tritt nur zu ihm, du kannst es ohne Scheu. + +Kreusa. +Du hast gezweifelt, weißt du? Niemals ich, +In meiner Brust, im eignen Herzen fühlt' ich's, +Es sei nicht wahr, was sie von ihm erzählten: +Er war ja gut; wie tat er denn so schlimm? +O wüßtest du, wie alle von dir sprachen. +So arg, so schlimm. Ich hab geweint, daß Menschen +So böse, so verleumd'risch können sein. +Du warst kaum fort, da scholl's im ganzen Lande +Von gräßlich wilden Taten, die geschehn, +In Kolchis ließen sie dich Greuel üben, +Zuletzt verbanden sie als Gattin dir +Ein gräßlich Weib, giftmischend, vatermörd'risch. +Wie hieß sie?--Ein Barbarenname war's-- + +Medea (mit ihren Kindern vortretend). +Medea! +Ich bin's! + +König. +Ist sie's? + +Jason (dumpf). +Sie ist's. + +Kreusa (an den Vater gedrängt). +Entsetzen! + +Medea (zu Kreusen). +Du irrst; den Vater hab ich nicht getötet; +Mein Bruder fiel, doch frag ihn, ob durch mich? + +(Auf Jason deutend.) + +Auf Tränke, Heil bereitend oder Tod +Versteh ich mich und weiß noch manches andre, +Allein ein Ungeheuer bin ich nicht +Und keine Mörderin. + +Kreusa. +O gräßlich! Gräßlich! + +König. +Und sie dein Weib? + +Jason. +Mein Weib. + +König. +Die Kleinen dort-- + +Jason. +Sind meine Kinder. + +König. +Unglückseliger! + +Jason. +Ich bin's.--Ihr Kinder kommt mit euren Zweigen, +Reicht sie dem König dar und fleht um Schutz! + +(Sie an der Hand hinführend.) + +Hier sind sie, Herr, du wirst sie nicht verstoßen! + +Knabe (den Zweig hinhaltend). +Da nimm! + +König (die Hände auf ihre Häupter legend). +Du arme, kleine, nestentnommne Brut! + +Kreusa (zu den Kindern niederkniend). +Kommt her zu mir, ihr heimatlosen Waisen, +Wie frühe ruht das Unglück schon auf euch; +So früh und ach, so unverschuldet auch. +Du siehst wie sie--du hast des Vaters Züge. + +(Sie küßt das Kleinere.) + +Bleibt hier, ich will euch Mutter, Schwester sein! + +Medea. +Was nennst du sie verwaist und klagst darob? +Hier steht ihr Vater, der sie Seine nennt +Und keiner andern Mutter braucht's, solange +Medea lebt. + +(Zu den Kindern.) + +Hierher zu mir! Hierher! + +Kreusa (zu ihrem Vater emporblickend). +Laß ich sie hin? + +König. +Sie ist die Mutter. + +Kreusa (zu den Kindern). +Geht zur Mutter! + +Medea. +Was zögert ihr? + +Kreusa (zu den Kindern die sie um den Hals gefaßt) (haben). +Die Mutter ruft. Geht hin! + +(Die Kinder gehen.) + +Jason. +Und was entscheidest du? + +König. +Ich hab's gesagt. + +Jason. +Gewährst du Schutz mir? + +König. +Ja. + +Jason. +Mir und den Meinen? + +König. +Ich habe (dir) ihn zugesagt.--So folge! +Zuerst zum Opfer und sodann ins Haus. + +Jason (zum Fortgehen gewendet, zu Kreusen). +Gönnst du mir deine Hand wie sonst, Kreusa? + +Kreusa. +Kannst du sie doch nicht fassen so wie sonst. + +Medea. +Sie gehn und lassen mich allein. Ihr Kinder +Kommt her zu mir, umschlingt mich! Fester! Fester! + +Kreusa (umkehrend, vor sich hin sprechend). +Noch eine fehlt. Warum folgt sie uns nicht? + +(Zurückkommend, aber in einiger Entfernung von Medeen stehend.) + +Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus? + +Medea. +Die Ungeladnen weist man vor die Tür. + +Kreusa. +Allein mein Vater bot dir Herd und Dach. + +Medea. +Ganz anders klang, was ich von euch vernahm. + +Kreusa (nähertretend). +Beleidigt hab ich dich. Ich weiß. Verzeih! + +Medea (sich rasch gegen sie kehrend). +O holder Klang!--Wer sprach das milde Wort? +Sie haben mich beleidigt oft und tief, +Doch keiner fragte noch, ob's weh getan? +Hab Dank! und wenn du einst in Jammer bist, wie ich, +Gönn' dir ein Frommer, wie du's mir gegönnt, +Ein sanftes Wort und einen milden Blick. + +(Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurück.) + +O weich nicht aus! Die Hand verpestet nicht. +Ein Königskind, wie du, bin ich geboren, +Wie du ging einst ich auf der ebnen Bahn +Das Rechte blind erfassend mit dem Griff. +Ein Königskind wie du, bin ich geboren, +Wie du vor mir stehst, schön und hell und glänzend, +So stand auch ich einst neben meinem Vater, +Sein Abgott und der Abgott meines Volks. +O Kolchis! o du meiner Väter Land! +Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell! + +Kreusa (ihre Hand lassend). +Du Arme! + +Medea. +Du blickst fromm und mild und gut +Und bist's auch wohl; doch hüte, hüte dich! +Der Weg ist glatt, (ein) Tritt genügt zum Fall! +Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten, +Dich haltend an des Ufers Blütenzweigen, +Von Silberwellen hin und her geschaukelt, +So hältst du dich für eine Schifferin? +Dort weiter draußen braust das Meer +Und wagst du dich vom sichern Ufer ab, +Reißt dich der Strom in seine grauen Weiten. +Du blickst mich an? Du schauderst jetzt vor mir. +Es war 'ne Zeit, da hätt' ich selbst geschaudert, +Hätt' ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir! + +(Sie verbirgt ihr Gesicht an Kreusens Halse.) + +Kreusa. +Sie ist nicht wild. Sieh Vater her, sie weint. + +Medea. +Weil eine Fremd' ich bin, aus fernem Land +Und unbekannt mit dieses Bodens Bräuchen, +Verachten sie mich, sehn auf mich herab, +Und eine scheue Wilde bin ich ihnen, +Die Unterste, die Letzte aller Menschen, +Die ich die Erste war in meiner Heimat. +Ich will ja gerne tun was ihr mir sagt, +Nur sagt mir was ich tun soll, statt zu zürnen. +Du bist, ich seh's, von sittig mildem Wesen, +So sicher deiner selbst und eins mit dir; +Mir hat ein Gott das schöne Gut versagt. +Doch lernen will ich, lernen, froh und gern. +Du weißt was ihm gefällt, was ihn erfreut, +O lehre mich, wie Jason ich gefalle +Ich will dir dankbar sein.-- + +Kreusa. +O sieh nur, Vater! + +König. +Nimm sie mit dir! + +Kreusa. +Willst du mit mir, Medea? + +Medea. +Ich gehe gern, wohin du mich geleitest, +Nimm dich der Armen, der Verlaßnen an, +Und schütze mich vor jenes Mannes Blick! + +(Zum König.) + +Sieh nur nach mir, du schreckst mich dennoch nicht, +Obgleich, ich seh's, du sinnest was nicht gut. +Dein Kind ist besser, als sein Vater! + +Kreusa. +Komm! +Er will dir wohl!--Und ihr kommt auch, ihr Kleinen! + +(Führt Medeen und die Kinder fort.) + +König. +Hast du gehört? + +Jason. +Ich hab. + +König. +Und sie dein Weib? +Schon früher gab uns Kunde das Gerücht, +Doch glaubt' ich's nicht und nun, da ich's gesehn, +Glaub ich's fast minder noch!--Dein Weib! + +Jason. +Du siehst den Gipfel nur, die Stufen nicht, +Und nur von diesen läßt sich jener richten. +Ich zog dahin in frischer Jugendkraft, +Durch fremde Meere zu der kühnsten Tat, +Die noch geschehn, seit Menschen sind und denken. +Das Leben war, die Welt war aufgegeben +Und nichts war da, als jenes helle Vlies, +Das durch die Nacht, ein Stern im Sturme schien. +Der Rückkehr dachte niemand und als wär' +Der Augenblick, in dem der Preis gewonnen, +Der letzte unsers Lebens, strebten wir. +So zogen wir, ringfertige Gesellen, +Im Übermut des Wagens und der Tat, +Durch See und Land, durch Sturm und Nacht und Klippen, +Den Tod vor uns, und hinter uns den Tod. +Was gräßlich sonst, schien leicht und fromm und mild, +Denn die Natur war ärger als der Ärgste; +Im Streit mit ihr und mit des Wegs Barbaren +Umzog sich hart des Mild'sten weiches Herz; +Der Maßstab aller Dinge war verloren, +Nur an sich selbst maß jeder was er sah. +Was allen uns unmöglich schien, geschah: +Wir sahen Kolchis' wundervolles Land, +O hättest du's gesehn in seinen Nebeln! +Der Tag ist Nacht dort und die Nacht Entsetzen, +Die Menschen aber finstrer als die Nacht. +Da fand ich sie, die dir so greulich dünkt; +Ich sage dir, sie glich dem Sonnenstrahl, +Der durch den Spalt in einen Kerker fällt. +Ist sie hier dunkel, dort erschien sie licht +Im Abstich ihrer nächtlichen Umgebung. + +König. +Nie recht ist Unrecht, Schlimmes nirgends gut. + +Jason. +Der Obern einer wandt' ihr Herz mir zu; +Sie stand mir bei in mancher Fährlichkeit. +Ich sah die Neigung sich in ihr empören, +Doch störrisch legt' sie ihr den Zügel an, +Und nur ihr Tun, ihr Wort verriet mir nichts. +Da faßt' auch mich der Wahnsinn wirbelnd an, +Daß sie's verschwieg, das eben reizte mich, +Auf Kampf gestellt rang ich mit ihr und wie +Ein Abenteuer trieb ich meine Liebe. +Sie fiel mir zu. Ihr Vater fluchte ihr. +Nun war sie mein--hätt' ich's auch nicht gewollt. +Durch sie ward mir das rätselvolle Vlies, +Sie führte mich in jene Schauerhöhle, +Wo ich's gewann, dem Drachen abgewann. +Sooft ich ihr seitdem ins Auge blicke, +Schaut mir die Schlange blinkend draus entgegen, +Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib. +Wir fuhren ab. Ihr Bruder fiel. + +König (rasch). +Durch sie? + +Jason. +Er fiel der Götter Hand.--Ihr alter Vater, +Ihr fluchend, mir und unsern künft'gen Tagen, grub +Mit blut'gen Nägeln sich sein eignes Grab +Und starb, so heißt es, gen sich selber wütend. + +König. +Mit bösen Zeichen fing die Eh' dir an. + +Jason. +Mit schlimmern setzte sie sich weiter fort. + +König. +Wie war's mit deinem Ohm? erzähl mir dies. + +Jason. +Vier Jahr' verschob die Rückkehr uns ein Gott, +Durch Meer und Land uns in der Irre treibend. +In Schiffes Enge, stündlich ihr genüber, +Brach sich der Stachel ab des ersten Schauders; +Geschehn war, was geschehn--Sie ward mein Weib. + +König. +Und nun daheim, in Jolkos bei dem Oheim? + +Jason. +Verwischt war von der Zeit der Greuel Bild, +Und, halb Barbar, zur Seite der Barbarin, +Zog stolz ich ein in meiner Väter Stadt. +Im Angedenken noch des Volkes Jubel +Bei meiner Abfahrt, hofft' ich freudiger +Noch den Empfang, da ich als Sieger kehrte. +Doch still war's in den Gassen, als ich kam, +Und scheu wich der Begegnende mir aus. +Was dort geschehn in jenem dunkeln Land, +Vermehrt mit Greueln, hatt' es das Gerücht +Gesät in unsrer Bürger furchtsam Ohr; +Man floh mich und verachtete mein Weib-- +(Mein) war sie, (mich) verschmähte man in ihr. +Mein Oheim aber nährte schlau die Stimmung +Und als ich forderte das Erbe meiner Väter, +Das er mir nahm und tückisch vorenthielt, +Da hieß er mich mein Weib von mir zu senden, +Die ihm zum Greuel sei mit ihrem dunkeln Streben, +Wo nicht, sein Land, der Väter Land zu meiden. + +König. +Du aber? + +Jason. +Ich? Sie war mein Weib; +Sie hatte meinem Schutz sich anvertraut +Und der sie forderte, es war mein Feind. +Hätt' er auch Billiges begehrt, beim Himmel, +Er hätt' es nicht erlangt: so minder dies. +Ich schlug es ab. + +König. +Und er? + +Jason. +Er sprach den Bann. +Desselben Tags noch sollt' ich Jolkos meiden. +Ich aber wollte nicht und blieb. +Da wird der König plötzlich krank. Gemurmel +Läuft durch die Stadt, gar Seltsames verkündend. +Wie vor dem Hausaltar er sitze, wo +Das Wundervlies man weihend aufgehängt, +Mit unverwandtem Aug' es starr betrachtend. +Oft schrie er auf: sein Bruder schau' ihn an, +Mein Vater, den er tückisch einst getötet +Beim Wortstreit ob des Argonautenzugs, +Er schau' ihn an aus jenes Goldes Flimmer, +Das er mich holen hieß, der falsche Mann +Aus fernem Land, auf daß ich drob verderbe. +Als nun die Not des Königs Haus bedrängte, +Da traten seine Töchter vor mich hin, +Um Heilung flehend von Medeens Kunst. +Ich aber sagte. Nein! Sollt' ich den Mann erretten, +Der mein Verderben sann und all der Meinen? +Da gingen sie, die Mädchen, weinend hin, +Ich aber schloß mich ein, nichts weiter achtend. +Und ob sie wiederholt gleich flehend kamen +Ich blieb bei meinem Sinn und meinem: Nein! +Als ich darauf nun lag zu Nacht und schlief, +Hör ich Geschrei an meines Hauses Pforten, +Akastos ist's, des bösen Oheims Sohn. +Der stürmt mein Tor mit lauten Pöbelhaufen +Und nennt mich Mörder, Mörder seines Vaters, +Der erst gestorben, in derselben Nacht. +Auf stand ich und zu reden sucht' ich, doch +Umsonst, das Volksgebrüll verschlang mein Wort. +Und schon begann mit Steinen man den Krieg. +Da nahm ich dies mein Schwert und schlug mich durch. +Seitdem irr ich durch Hellas' weite Städte, +Der Menschen Greuel, meine eigne Qual, +Und, nimmst du mich nicht auf, ein Ganzverlorner! + +König. +Ich hab dir's zugesagt und halt es auch. +Doch sie-- + +Jason. +Eh' du vollendest höre mich! +Du nimmst uns beide, oder keinen, Herr! +Mein Leben wär' erneut, wüßt' ich sie fort, +Doch muß ich schützen, was sich mir vertraut. + +König. +Die Künste, die sie weiß, sie schrecken mich, +Die Macht zu schaden zeugt gar leicht den Willen, +Auch ist ihr Schuld nicht fremd und arge Tat. + +Jason. +Wenn sie nicht ruhig ist, so treib sie aus, +Verjag sie, töte sie, und mich--uns alle. +Doch bis dahin gönn ihr noch den Versuch, +Ob sie's vermag zu weilen unter Menschen. +Beim Zeus, der Fremden Schützer, bitt ich es, +Und bei dem Gastrecht fordr' ich's, das die Väter +In längstentschwundner Zeit uns aufgerichtet, +In Jolkos und Korinthos, solcher Schickungen +Mit klugem Sinn in vorhinein gedenkend. +Gewähre mir's, damit nicht einst den Deinen +In gleichem Unheil, gleiche Weigrung werde. + +König. +Den Göttern weich ich, gegen meinen Sinn. +Sie bleibe. Doch verrät mir nur ein Zug +Die Rückkehr ihres alten, wilden Sinns, +So treib ich sie aus meiner Stadt hinaus +Und liefere sie denen, die sie suchen. Hier aber, wo ich dich +zuerst gesehn, +Erhebe sich ein heiliger Altar. +Der Fremden Schützer, Zeus, sei er geweiht +Und Pelias', deines Oheims blut'gen Manen. +Dort wollen wir vereint die Götter bitten, +Daß sie den Eintritt segnen in mein Haus, +Und gnädig wenden, was uns Übles droht. Und nun komm mit in meine +Königsburg. + +(zu seinen Begleitern, die sich jetzt nähern.) + +Ihr aber richtet aus, was ich befahl. + +(Indem sie sich zum Abgehen wenden, fällt der Vorhang) + + + + +Zweiter Aufzug + +(Halle in Kreons Königsburg) zu (Korinth.) +(Kreusa sitzend, Medea auf einem niederern Schemmel vor ihr, eine +Leier in ihrem Arm; sie ist griechisch gekleidet.) + +Kreusa. +Hier diese Saite nimm, die zweite, diese! + +Medea. +So also? + +Kreusa. +Nein. Die Finger mehr gelöst. + +Medea. +Es geht nicht. + +Kreusa. +Wohl. Wenn du's nur ernstlich nimmst. + +Medea. +Ich nehm es ernstlich; doch es geht nicht. + +(Sie legt die Leier weg und steht auf.) + +Nur an den Wurfspieß ist die Hand gewöhnt +Und an des Weidwerks ernstlich rauh Geschäft. + +(Ihre rechte Hand dicht vor die Augen haltend.) + + +Daß ich sie strafen könnte diese Finger, strafen! + +Kreusa. +Wie du nun bist! Da hatt' ich mich gefreut +Daß du ihn überraschen solltest, Jason, +Mit deinem Lied. + +Medea. +Ja so, ja du hast recht. +Darauf vergaß ich. Laß noch mal versuchen! +Es wird ihn freuen, meinst du, wirklich freuen? + +Kreusa. +Gewiß. Er sang das Liedchen schon als Knabe, +Als er bei uns, in unserm Hause lebte. +Sooft ich's hörte, sprang ich fröhlich auf, +Denn immer war's das Zeichen seiner Heimkehr. + +Medea. +Das Liedchen aber? + +Kreusa. +Wohl so hör mir zu +Es ist nur kurz und eben nicht sehr schön +Allein er wußt' es gar so hübsch zu singen, +So übermütig, trotzend, spöttisch fast. O ihr Götter, +Ihr hohen Götter! +Salbt mein Haupt +Wölbt meine Brust, +Daß den Männern +Ich obsiege +Und den zierlichen +Mädchen auch. + +Medea. +Ja, ja, sie haben's ihm gegeben! + +Kreusa. +Was? + +Medea. +Des kurzen Liedchens Inhalt. + +Kreusa. +Welchen Inhalt? + +Medea. +Daß den Männern er obsiege +Und den zierlichen Mädchen auch. + +Kreusa. +Daran hatt' ich nun eben nie gedacht. +Ich sang's nur nach, wie ich's ihn singen hörte. + +Medea. +So stand er da an Kolchis' fremder Küste; +Die Männer stürzten nieder seinem Blick, +Und mit demselben Blick warf er den Brand +In der Unsel'gen Busen, die ihn floh, +Bis, lang verhehlt, die Flamme stieg empor +Und Ruh' und Glück und Frieden prasselnd sanken +Von Rauchesqualm und Feuersglut umhüllt. +So stand er da in Kraft und Schönheit prangend, +Ein Held, ein Gott und lockte, lockte, lockte, +Bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet, +Dann warf er's hin und niemand hob es auf. + +Kreusa. +Bist du sein Weib und sprichst so schlimm von ihm? + +Medea. +Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz. +Nur (er) ist da, (er) in der weiten Welt +Und alles andre nichts als Stoff zu Taten. +Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns, +Spielt er mit seinem und der andern Glück. +Lockt's ihn nach Ruhm so schlägt er einen tot, +Will er ein Weib, so holt er eine sich, +Was auch darüber bricht, was kümmert's ihn! +Er tut nur Recht, doch recht ist was er will. +Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz +Und denk ich an die Dinge, die geschehn, +Ich könnt' ihn sterben sehn und lachen drob. + +Kreusa. +Leb wohl! + +Medea. +Du gehst? + +Kreusa. +Soll ich dich länger hören? +Ihr Götter! Spricht die Gattin so vom Gatten? + +Medea. +Nach dem er ist: der Meine tat darnach! + +Kreusa. +Beim hohen Himmel, hätt' ich einen Gatten, +So arg, so schlimm, als Deiner nimmer ist, +Und Kinder, sein Geschenk und Ebenbild, +Ich wollt' sie lieben, töteten sie mich. + +Medea. +Das sagt sich gut, allein es übt sich schwer. + +Kreusa. +Es wär' wohl minder süß, übt' es sich leichter. +Doch tue was dir gutdünkt, ich will gehn. +Zuerst lockst du mit holdem Wort mich an +Und fragst nach Mitteln mich, ihm zu gefallen +Und nun brichst du in Haß und Schmähung aus. +Viel Übles hab an Menschen ich bemerkt, +Das Schlimmste aber ist ein unversöhnlich Herz. +Leb wohl und lerne besser sein. + +Medea. +Du zürnst? + +Kreusa. +Beinahe. + +Medea. +O gib nicht auch (du) mich auf, +Verlaß mich nicht sei du mein Schirm und Schutz! + +Kreusa. +Nun bist du mild und erst warst du voll Haß. + +Medea. +Der Haß gilt mir und Jason gilt die Liebe. + +Kreusa. +So liebst du deinen Gatten? + +Medea. +Wär' ich hier sonst? + +Kreusa. +Ich sinne nach und doch versteh ich's nicht. +Doch: liebst du ihn, bin ich dir wieder gut, +Und sage dir wohl sichre Mittel an, +Die Launen, die er hat, ich weiß es wohl, +Wie Wolken zu zerstreun. Laß uns nur machen. +Ich sah es, er war morgens trüb und düster, +Doch sing ihm erst dein Lied und du wirst sehn +Wie schnell er fröhlich wird. Hier ist die Leier. +Nicht eher laß ich ab, bis du es weißt. + +(Sie sitzt.) + +Was kommst du nicht? Was stehst und zögerst du? + +Medea. +Ich seh dich an und seh dich wieder an +Und kann an deinem Anblick kaum mich sätt'gen. +Du Gute, Milde, schön an Leib und Seele, +Das Herz wie deine Kleider hell und rein. +Gleich einer weißen Taube schwebest du, +Die Flügel breitend, über dieses Leben +Und netzest keine Feder an dem Schlamm, +In dem wir ab uns kämpfend mühsam weben. +Senk einen Strahl von deiner Himmelsklarheit +In diese wunde, schmerzzerrißne Brust. +Was Gram und Haß und Unglück hingeschrieben +O lösch es aus mit deiner frommen Hand +Und setze deine reinen Züge hin. +Die Stärke, die mein Stolz von Jugend war, +Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesen +O lehre mich, was stark die Schwäche macht. + +(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Füßen.) + +Zu deinen Füßen will ich her mich flüchten +Und will dir klagen, was sie mir getan; +Will lernen, was ich lassen soll und tun. +Wie eine Magd will ich dir dienend folgen, +Will weben an dem Webstuhl, früh zur Hand, +Und alles Werk, das man bei uns verachtet, +Den Sklaven überläßt und dem Gesind', +Hier aber übt die Frau und Herrin selbst, +Vergessend, daß mein Vater Kolchis' König, +Vergessend, daß mir Götter sind als Ahnen, +Vergessend was geschehn und was noch droht-- + +(Aufstehend und sich entfernend.) + +Doch das vergißt sich nicht. + +Kreusa (ihr folgend). +Was ficht dich an? +Was Schlimmes auch in frührer Zeit geschehn, +Der Mensch vergißt, ach und die Götter auch. + +Medea + +(an ihrem Halse). +Meinst du? O daß ich's glauben könnte, glauben! + +(Jason kommt.) + +Kreusa (sich gegen ihn wendend). +Hier dein Gemahl. Sieh Jason, wir sind Freunde! + +Jason. +So, so. + +Medea. +Sei mir gegrüßt.--Sie ist so gut, +Sie will Medeas Freundin sein und Lehrerin. + +Jason. +Viel Glück zu dem Versuch! + +Kreusa. +Was bist du ernst? +Wir wollen hier recht frohe Tage leben. +Ich, meine Sorge zwischen meinem Vater +Und euch verteilend; du und sie, Medea-- + +Jason. +Medea! + +Medea. +Was gebeutst du, mein Gemahl? + +Jason. +Sahst du die Kinder schon? + +Medea. +Ach, ja nur erst. +Sie sind recht munter. + +Jason. +Sieh doch noch einmal! + +Medea. +Nur kaum erst war ich dort. + +Jason. +Sieh (doch), sieh (doch!) + +Medea. +Wenn du es willst. + +Jason. +Ich wünsch es. + +Medea. +Wohl, ich gehe. + +(Ab.) + +Kreusa. +Was sendest du sie fort? Sie sind ja wohl. + +Jason. +Ah! So, nun ist mir leicht, nun kann ich atmen! +Ihr Anblick schnürt das Innre mir zusammen +Und die verhehlte Qual erwürgt mich fast. + +Kreusa. +Was hör ich? O ihr allgerechten Götter! +So spricht nun er und so sprach vorher sie. +Wer sagte mir denn, Gatten liebten sich? + +Jason. +Ja wohl, wenn nach genutzter Jugendzeit +Der Jüngling auf ein Mädchen wirft den Blick +Und sie zur Göttin macht von seinen Wünschen. +Er späht nach ihrem Aug', ob es ihn trifft +Und trifft's ihn, ist er froh in seinem Sinn. +Zum Vater geht er und zur Mutter hin +Und wirbt um sie und jene sagen's zu. +Da ist ein Fest und die Verwandten kommen +Die ganze Stadt nimmt an dem Jubel Teil. +Mit Kränzen reich geschmückt und lichten Blumen +Führt er die Braut zu Tempel und Altar. +Errötend und in holdem Schauer bebend +Vor dem was sie doch wünscht, tritt sie einher; +Der Vater aber legt die Hände auf +Und segnet sie und ihr entfernt Geschlecht. +Die so zur Freite gehn, die lieben sich. +Mir war es auch bestimmt, doch kam es nicht. +Was hab ich denn getan, gerechte Götter, +Daß ihr mir nahmt, was ihr dem Ärmsten gebt +Ein Schmerzasyl an seinem eignen Herd +Und zur Vertrauten, die ihm angetraut. + +Kreusa. +So hast du nicht gefreit wie andre freien, +Der Vater hob die Hand nicht segnend auf? + +Jason. +Er hob sie auf, doch mit dem Schwert bewaffnet +Und statt des Segens gab er uns den Fluch. +Allein ich hab ihm's tüchtig rückgegeben; +Sein Sohn ist tot, er selber stumm und tot-- +Sein Fluch nur lebt--zum mind'sten scheint es so. + +Kreusa. +Wie können wen'ge Jahre doch verwandeln! +Wie warst du mild und wie bist nun so rauh. +Ich selber bin dieselbe die ich war, +Was damals ich gewollt, will ich noch jetzt, +Was da mir gut erschien, erscheint mir's noch, +Was tadelnswert muß ich noch jetzo tadeln. +Mit dir scheint's anders. + +Jason. +Ja, auch das, auch das! +Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück, +Daß selten drin der Mensch sich rein bewahrt. +Hier gilt's zu lenken, dort zu biegen, beugen, +Hier rückt das Recht ein Haar und dort ein Gran, +Und an dem Ziel der Bahn steht man ein andrer, +Als der man war, da man den Lauf begann. +Und dem Verlust der Achtung dieser Welt +Fehlt noch der einz'ge Trost, die eigne Achtung. +Ich habe nichts getan was schlimm an sich, +Doch viel gewollt, gemocht, gewünscht, getrachtet; +Still zugesehen, wenn es andre taten; +Hier Übles nicht gewollt, doch zugegriffen +Und nicht bedacht daß Übel sich erzeuge. +Und jetzt steh ich vom Unheilsmeer umbrandet +Und kann nicht sagen: ich hab's nicht getan! +O Jugend, warum währst du ewig nicht! +Beglückend Wähnen, seliges Vergessen, +Der Augenblick des Strebens Wieg' und Grab. +Wie plätschert' ich im Strom der Abenteuer, +Die Wogen teilend mit der starken Brust. +Doch kommt das Mannesalter ernst geschritten, +Da flieht der Schein: die nackte Wirklichkeit +Schleicht still heran und brütet über Sorgen. +Die Gegenwart ist dann kein Fruchtbaum mehr, +In dessen Schatten man genießend ruht, +Sie ist ein unangreifbar Samenkorn, +Das man vergräbt, daß eine Zukunft sprosse. +Was wirst du tun? wo wirst du sein und wohnen? +Was wird aus dir? Und was aus Weib und Kind? +Das fällt uns an und quält uns ab und ab. + +(Er setzt sich.) + +Kreusa. +Was sorgst du denn? es ist für dich gesorgt. + +Jason. +Gesorgt? O ja, wie man dem Bettler wohl +Den Napf mit Abhub an die Schwelle reicht. +Bin ich der Jason und brauch andrer Sorge? +Muß unter fremden Tisch die Füße setzen +Mit meinen Kindern betteln gehn zu fremden Mitleid? +Mein Vater war ein Fürst, ich bin es auch +Und wer ist, der dem Jason sich vergleicht? +Und doch-- + +(Er ist aufgestanden.) + +Ich kam den lauten Markt entlang +Und durch die weiten Gassen eurer Stadt +Weißt du noch, wie durch sie ich prangend schritt +Als ich, vor jenem Argonautenzug, +Hierherkam, von euch Abschied noch zu nehmen? +Da wallten sie in dichtgedrängten Wogen +Von Menschen, Wagen, Pferden, bunt gemengt. +Die Dächer trugen Schauende, die Türme, +Und wie um Schätze stritt man sich den Raum. +Die Luft ertönte von der Zimbel Lärm +Und von dem Lärm der heilzuschreinden Menge. +Dicht drängt' sie sich rings um die edle Schar, +Die reich geschmückt, in Panzers hellem Leuchten, +Der mindeste ein König und ein Held, +Den edlen Führer ehrfurchtsvoll umgaben-- +Und ich war's der sie führte, ich ihr Hort, +Ich, den das Volk in lautem Jubel grüßte-- +Jetzt als ich durch dieselben Straßen ging, +Traf mich kein Aug', kein Gruß, kein Wort. +Nur als ich stand, und rings her um mich sah, +Meint' einer, es sei schlechte Sitte, so +In Weges Mitte stehn und andre stören. + +Kreusa. +Du wirst dich wieder heben, wenn du willst. + +Jason. +Mit mir ist's aus! ich hebe mich nicht mehr. + +Kreusa. +Ich weiß ein Mittel wie dir's wohl gelingt. + +Jason. +Das Mittel wüßt' ich wohl, doch schaffst du mir's? +Mach daß ich nie der Väter Land verlassen, +Daß ich bei euch hier in Korinthos blieb, +Daß ich das Vlies, ich Kolchis nie gesehen, +Ich nie gesehen sie, die nun mein Weib. +Mach, daß sie heimkehrt in ihr fluchbeladnes Land +Und die Erinnrung mitnimmt, daß sie dagewesen, +Dann will ich wieder Mensch mit Menschen sein. + +Kreusa. +Das wär's allein? Ich weiß ein andres Mittel: +Ein einfach Herz und einen stillen Sinn. + +Jason. +Ja, wer von dir das lernen könnte, Gute! + +Kreusa. +Die Götter geben's jedem, der nur will. +Auch dir war's einst und kann es wieder werden. + +Jason. +Denkst du noch manchmal unsrer Jugendzeit? + +Kreusa. +Gar oft und gern erinnr' ich mich an sie. + +Jason. +Wie wir ein Herz und eine Seele waren. + +Kreusa. +Ich machte milder dich und du mich kühn. +Weißt du, wie ich den Helm aufs Haupt mir setzte? + +Jason. +Er war zu weit, du hieltst ihn, sanft geduckt, +Mit kleinen Händen ob den goldnen Locken. +Kreusa, es war eine schöne Zeit! + +Kreusa. +Und wie mein Vater sich darüber freute, +Er nannt' uns öfter scherzend Bräutigam und Braut. + +Jason. +Es kam nicht so. + +Kreusa. +Wie manches anders kommt, +Als man's gedacht. Allein was tut's? +Wir wollen drum nicht minder fröhlich sein! + +(Medea kommt zurück.) + +Medea. +Die Kleinen sind besorgt. + +Jason. +Nun, es ist gut. + +(Fortfahrend.) + +Die schönen Orte unsrer Jugendlust, +An die Erinnrung knüpft mit leisen Fäden, +Ich hab sie durchgegangen, da ich kam, +Und Brust und Lippen kühlend eingetaucht +Im frischen Born der hellen Kinderzeit. +Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte, +Das rasche Roß dem Ziel entgegentrieb, +Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang, +Indes du standst und sahst, erschrakst und zürntest, +Um meinetwillen jedem Gegner feind. +Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten, +Hier nur allein einander uns vergessend, +Und unsre Lippen zu den Göttern sandten +Aus zweier Brust ein einzig, einig Herz. + +Kreusa. +So weißt du denn das alles noch so gut? + +Jason. +Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen + +Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat). +Jason, ich weiß ein Lied! + +Jason. +Und dann der Turm! +Weißt du den Turm dort an der Meeresküste +Wo du mit deinem Vater standst und weintest, +Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug. +Ich hatte da kein Aug' für deine Tränen +Denn nur nach Taten dürstete mein Herz. +Ein Windstoß löste deinen Schleier los +Und warf ihn in die See, ich sprang darnach +Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis. + +Kreusa. +Hast du ihn noch? + +Jason. +Denk nur, so manches Jahr +Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich. +Der Wind hat ihn verweht. + +Medea. +Ich weiß ein Lied. + +Jason. +Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder. + +Kreusa. +Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrüßt! + +Medea. +Jason, ich weiß ein Lied. + +Kreusa. +Sie weiß ein Lied, +Das du einst sangst, hör zu, sie soll dir's singen. + +Jason. +Ja so! Wo war ich denn? Das klebt mir an +Aus meiner Jugendzeit und spottet meiner, +Daß gern ich manchmal träumen mag und schwatzen +Von Dingen die nicht sind und die nicht werden. +Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt +So lebt der Mann mit der Vergangenheit. +Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben. +Da war ich jetzt ein tatenkräft'ger Held +Und hatt' ein liebes Weib und Gold und Gut +Und einen Ort wo meine Kinder schlafen. +Was also willst du denn? + +(Zu Medea.) + +Kreusa. +Ein Lied dir singen, +Das du in deiner Jugend sangst bei uns. + +Jason. +Und das singst du? + +Medea. +So gut ich kann. + +Jason. +Ja wohl! +Willst du mit einem armen Jugendlied +Mir meine Jugend geben und ihr Glück? +Laß das. Wir wollen aneinander halten +Weil's einmal denn so kam und wie sich's gibt. +Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen! + +Kreusa. +Laß sie's doch singen. Sie hat sich geplagt +Bis sie's gewußt und nun-- + +Jason. +So singe, sing! + +Kreusa. +Die zweite Saite, weißt du noch? + +Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend). +Vergessen. + +Jason. +Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht! +An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt, +Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf. +Und das klang anders als dein reines Lied. + +Kreusa (einflüsternd). +O ihr Götter +Ihr hohen Götter-- + +Medea (nachsagend). +O ihr Götter-- +Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Götter! + +(Die Leier entfällt ihr, sie schlägt beide Hände vor die weinenden +Augen.) + +Kreusa. +Sie weint. Wie kannst du doch so hart sein und so wild. + +Jason (sie zurückhaltend). +Laß sie! Kind, du verstehst uns beide nicht! +Es ist der Götter Hand, was sie nun fühlt, +Auch hier gräbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen. +Greif du nicht in der Götter Richteramt! +Hättst du sie dort gesehn im Drachenhorst, +Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bäumte, +Voll Gift der Zunge Doppelpfeile schoß, +Und Haß und Tod aus Flammenaugen blinkte, +Dein Busen wär' gestählt gen ihre Tränen. +Nimm du die Leier und sing mir das Lied +Und bann den Dämon, der mich würgend quält. +Du kannst's vielleicht, doch jene nicht. + +Kreusa. +Recht gern. + +(Sie will die Leier aufheben.) + +Medea + +(ihren Arm ober der Hand fassend und sie abhaltend). +Halt ein! + +(Sie hebt mit der andern Hand die Leier auf.) + +Kreusa. +Recht gern, spielst du es selber. + +Medea. +Nein! + +Jason. +Gibst du sie nicht denn? + +Medea. +Nein. + +Jason. +Auch mir nicht? + +Medea. +Nein! + +Jason + +(hinzutretend und nach der Leier greifend). +Ich aber nehme sie. + +Medea (ohne sich vom Platz zu bewegen, die Leier zurückziehend). +Umsonst! + +Jason (ihre zurückziehenden Hände mit den seinigen verfolgend). +Gib! + +Medea + +(die Leier im Zurückziehen zusammendrückend, daß sie krachend +zerbricht). +Hier! +Entzwei! + +(Die zerbrochene Leier vor Kreusa hinwerfend.) + +Entzwei die schöne Leier! + +Kreusa (entsetzt zurückfahrend). +Tot! + +Medea (rasch umblickend). +Wer?--(Ich) lebe! (lebe)! + +(Sie steht da hoch emporgehoben vor sich hinstarrend.) + +(Von außen ein Trompetenstoß.) + +Jason. +Ha, was ist das?--Was stehst du siegend da? +Dich reut noch, glaub ich, dieser Augenblick. + +(Noch ein Trompetenstoß.) +(Der König kommt rasch zur Türe herein.) + +Jason (ihm entgegen). +Was kündigt an der kriegerische Schall? + +König. +Unglücklicher, du fragst? + +Jason. +Ich frage, Herr! + +König. +Der Streich, den ich gefürchtet ist gefallen, +Ein Herold steht vor meines Hauses Pforten, +Gesandt vom Stuhl der Amphiktyonen. +Er frägt nach dir, und hier nach deinem Weib, +Den Bann ausrufend in des Himmels Lüfte! + +Jason. +Auch das noch! + +König. +Also ist's. Doch still, er naht! + +(Die Pforten öffnen sich. Ein Herold tritt herein; hinter ihm zwei +Hornbläser, weiter zurück mehreres Gefolge.) + +Herold. +Die Götter und ihr Schutz in dieses Haus! + +König (feierlich). +Wer bist du und was suchst du hier bei mir? + +Herold. +Ein Gottesherold bin ich, abgesandt +Vom Altgericht der Amphiktyonen, +Das spricht in Delphis hochgefreiter Stadt; +Mit Bann verfolg ich und mit Rachespruch +Die schuldigen Verwandten König Pelias', +Der einst auf Jolkos saß, nun aber tot ist. + +König. +Suchst du die Schuld'gen, suche sie nicht hier, +In seinem Haus, bei seinen Kindern such sie! + +Herold. +Ich fand sie hier und so sprech ich sie an: +Fluch Jason dir! Fluch dir und deinem Weib! +Verruchter Künste bist du angeklagt, +Der Schuld an deines Oheims dunkeln Tod. + +Jason. +Du lügst, nicht weiß ich um des Königs Sterben. + +Herold. +Frag diese dort, die weiß es besser wohl. + +Jason. +Tat sie's? + +Herold. +Nicht mit der Hand, durch Künste, die ihr kennt, +Die ihr herüberbrachtet aus dem fremden Lande. +Denn als der König krank--vielleicht schon da ein Opfer, +So seltsam waren seiner Krankheit Zeichen-- +Da traten seine Töchter zu Medeen hin, +Um Heilung flehend von der Heilerfahrnen. +Sie aber sagt' es zu und ging mit ihnen. + +Jason. +Halt! sie ging nicht! Ich wehrt' es, und sie blieb. + +Herold. +Das erstemal. Doch als die Mädchen drauf, +Dir unbewußt, zum zweitenmal ihr nahten, +Da ging sie mit, allein das goldne Vlies, +Das ihr ein Greu'l sei, ein verderblich Zeichen, +Als Preis der sichern Rettung sich bedingend. +Die Mädchen aber sagen's ihr voll Freude zu. +Und sie tritt ein beim König, wo er schlief. +Geheimnisvolle Worte sprach sie aus +Und immer tiefer sinkt der König in den Schlaf. +Das böse Blut zu bannen, heißt dem Herrn sie +Die Adern öffnen und auch das geschieht; +Er atmet leichter als man ihn verband +Und froh sind schon die Töchter der Genesung. +Da ging Medea fort, von dannen wie sie sagte, +Und auch die Töchter gehn, da jener schlief. +Mit eins ertönt Geschrei aus seiner Kammer, +Die Mädchen eilen hin und--gräßlich! greulich! +Der Alte lag am Boden, wild verzerrt, +Gesprungen die Verbande seiner Adern, +In schwarzen Güssen strömend hin sein Blut. +Am Altar lag er, wo das Vlies gehangen, +Und das war fort. Die aber ward gesehen, +Den goldnen Schmuck um ihre Schultern tragend, +Zur selben Stunde schreitend durch die Nacht. + +Medea (dumpf vor sich hin). +Es war mein Lohn. +Mich schaudert, denk ich an des alten Mannes Wut! + +Herold. +Damit nun solcher Greu'l nicht länger währe +Und unser Land mit seinem Hauch vergifte, +So sprech ich aus hiemit den großen Bann +Ob Jason dem Thessalier, Aesons Sohn, +Genoß einer Verruchten, selbst verrucht +Und treib ihn aus, kraft meines heil'gen Amts, +Aus, von der Griechen gottbetretnen Erde, +Und weis ihn in das Irrsal, in die Flucht, +Mit ihm sein Weib und seines Bettes Sprossen. +Kein Teil sei ihm am vaterländ'schen Boden, +An vaterländ'schen Göttern ihm kein Teil, +Kein Teil an Schutz und Recht des Griechenlandes. + +(Nach den Himmelsgegenden.) + +Verbannt Jason und Medea! +Medea und Jason verbannt! +Verbannt! +Jason und Medea! Wer aber ihn beherbergt, ihn beschützt, +Von hier nach dreien Tagen und drei Nächten, +Dem künd ich Tod, wenn es ein Einzelmann, +Und Krieg, wenn's eine Stadt, wenn es ein König! +So fügt's der Spruch der Amphiktyonen +Und so verkünd ich es zu Recht, +Damit ein jeder wisse sich zu wahren. Die Götter und ihr Schutz in +dieses Haus! + +(Er wendet sich zum Abgehen.) + +Jason. +Was steht ihr da, ihr Mauern? stürzet ein, +Erspart die Müh' dem König, mich zu töten! + +König. +Halt ein, o Herold, und vernimm noch dies! + +(Zu Jason gewendet.) + +Glaubst du, mich reute schon was ich gelobt? +Hielt' ich für schuldig dich, und wärst du auch mein Sohn, +Ich gäbe hin dich jenen, die dich suchen; +Doch du bist's nicht und so beschütz ich dich, +Bleib hier. Wer aber wagt es Kreons Freund, +Für dessen Unschuld er sein Wort verpfändet,-- +Wer wagt es meinen Eidam anzutasten? +Ja Herold, meinen Eidam, meiner Tochter Gatten! +Was einst beschlossen ward in frühern Tagen, +In Tagen seines Glücks, ich führ es aus +Jetzt da des Unglücks Wogen ihn umbranden. +Sie sei dein Weib, du bleibst bei deinem Vater. +Also vertret ich's vor den Amphiktyonen; +Und wer beschuldigt noch wen Kreon freisprach, +Freisprach durch seiner eignen Tochter Hand? Das sag du jenen, die +dich hergesandt +Und in der Götter Schutz sei nun entlassen. + +(Der Herold geht.) + +Doch diese, die die Wildnis ausgespieen, +Zu deinem, aller Frommen Untergang, +Sie, die die Greu'l verübt, der man dich zeiht, +Sie bann ich aus des Landes Grenzen fort +Und Tod ihr, trifft der Morgen sie noch hier. +Zieh hin aus meiner Väter frommen Stadt +Und reinige die Luft, die du verpestest! + +Medea. +Das also wär's? Mir gält' es, mir allein? +Ich aber sag euch, ich hab's nicht getan! + +König. +Genug hast du verübt, seit er dich sah. +Hinweg aus meinem Haus, aus meiner Stadt. + +Medea (zu Jason). +Und muß ich fort, nun wohl, so folge mir! +Gemeinsam wie die Schuld, sei auch die Strafe! +Weißt noch den alten Spruch? Allein soll keines sterben, +Ein Haus, ein Leib und ein Verderben! +Im Angesicht des Todes schwuren wir's; +Jetzt halt es, komm! + +Jason. +Berührst du mich? +Laß ab von mir, du meiner Tage Fluch! +Die mir geraubt mein Leben und mein Glück, +Die ich verabscheut, wie ich dich gesehn, +Nur töricht Liebe nannte meines Wesens Ringen! +Heb dich hinweg, zur Wildnis, deiner Wiege, +Zum blut'gen Volk, dem du gehörst und gleichst. +Doch vorher gib mir wieder was du nahmst +Gib Jason mir zurücke, Frevlerin! + +Medea. +Zurück willst du den Jason?--Hier!--Hier nimm ihn! +Allein wer gibt Medeen mir, wer mich? +Hab ich dich aufgesucht in deiner Heimat? +Hab ich von deinem Vater dich gelockt? +Hab ich dir Liebe auf-, ja aufgedrungen? +Hab ich aus deinem Lande dich gerissen, +Dich preisgegeben Fremder Hohn und Spott? +Dich aufgereizt zu Freveln und Verbrechen? +Du nennst mich Frevlerin?--Weh mir! ich bin's! +Doch wie hab ich gefrevelt und für wen? +Laß diese mich mit gift'gem Haß verfolgen, +Vertreiben, töten, diese tun's mit Recht, +Denn ich bin ein entsetzlich, greulich Wesen, +Mir selbst ein Abgrund und ein Schreckensbild, +Die ganze Welt verwünsche mich, nur (du) nicht! +Du nicht, der Greuel Stifter, einz'ger Anlaß, du! +Weißt du noch, wie ich deine Knie umfaßte, +Als du das blut'ge Vlies mir stehlen hießest: +Ich mich zu töten eher mich vermaß +Und du mit kaltem Hohne herrschtest: Nimm's! +Weißt du, wie ich den Bruder hielt im Arm, +Der todesmatt von deinem grimmen Streich, +Bis er sich losriß von der Schwester Brust +Und deinem Trotz entrinnend Tod in Wellen suchte? +Weißt du?--Komm her zu mir!--Weich mir nicht aus! +Verbirg nicht hinter jene dich vor mir! + +Jason + +(vortretend). +Ich hasse, doch ich scheu dich nicht! + +Medea. +So komm! + +(Halblaut.) + +Weißt du?--Sieh mich nicht so verachtend an!-- +Wie du den Tag vor deines Oheims Tod, +Da eben seine Töchter von mir gingen, +Die ratlos ich auf dein Geheiß entließ, +Wie du zu mir in meine Kammer tratst +Und mit den Augen so in meine schauend,-- +Als säh' ein Vorsatz, scheu in dir verborgen, +Nach seinesgleichen aus in meiner Brust-- +Wie du da sagtest: Daß zu mir sie kämen +Um Heilung für des argen Vaters Krankheit, +Ich wollt' ihm einen Labetrank bereiten, +Der (ihn) auf immer heilen sollt' und (mich)! +Weißt du? Sieh mir ins Antlitz wenn du's wagst! + +Jason. +Entsetzliche! Was rasest du gen mich? +Machst mir zu Wesen meiner Träume Schatten, +Hältst mir mein Ich vor in des deinen Spiegel +Und rufst meine Gedanken wider mich? +Nichts weiß ich, nichts von deinem Tun und Treiben, +Verhaßt war mir von Anfang her dein Wesen, +Verflucht hab ich den Tag, da ich dich sah, +Und Mitleid nur hielt mich an deiner Seite. +Nun aber sag ich mich auf ewig von dir los +Und fluche dir, wie alle Welt dir flucht. + +Medea. +Nicht so, mein Gatte, mein Gemahl! + +Jason. +Weg da! + +Medea. +Als mir's mein greiser Vater drohte, +Versprachst du, nie mich zu verlassen. Halt's! + +Jason. +Selbst hast du das Versprechen dir verwirkt, +Ich gebe hin dich deines Vaters Fluch! + +Medea. +Verhaßter komm! Komm mein Gemahl! + +Jason. +Zurück! + +Medea. +In meinen Arm, so hast du's ja gewollt! + +Jason. +Zurück! Sieh hier mein Schwert! Ich töte dich +Wenn du nicht weichst! + +Medea (immer näher tretend). +Stoß zu! Stoß zu! + +Kreusa (zu Jason). +Halt ein! +Laß sie in Frieden ziehn! Verletz sie nicht! + +Medea. +Du auch hier? weiße, silberhelle Schlange? +O zische nicht mehr, züngle nicht so lieblich! +Du hast ja, was du wolltest, den Gemahl! +War's darum, daß du dich so schmeichelnd wandst +Und deine Ringe schlangst um meinen Hals? +O hätt' ich einen Dolch, ich wollte dich +Und deinen Vater, den gerechten König! +Darum sangst du so holde Weisen? +Darum gabst du mir Saitenspiel und Kleid? + +(Ihren Mantel abreißend.) + +Hinweg! Fort mit den Gaben der Verruchten! + +(Zu Jason.) + +Sieh! Wie ich diesen Mantel durch hier reiße +Und einen Teil an meinen Busen drücke, +Den andern hin dir werfe vor die Füße, +Also zerreiß ich meine Liebe, unsern Bund. +Was draus erfolgt, das werf ich dir zu, dir, +Dem Frevler an des Unglücks heil'gem Haupt. +Gebt meine Kinder mir und laßt mich gehn! + +König. +Die Kinder bleiben hier. + +Medea. +Nicht bei der Mutter? + +König. +Nicht bei der Frevlerin! + +Medea (zu Jason). +So sagst auch du? + +Jason. +Auch ich. + +Medea (gegen die Türe). +So hört ihr Kinder mich! + +König. +Zurück! + +Medea. +Allein gehn heißt ihr mich? Wohlan es sei! +Doch sag ich euch: bevor der Abend graut +Gebt ihr die Kinder mir. Für jetzt genug! +Du aber, die hier gleisend steht, und heuchelnd +In falscher Reinheit niedersieht auf mich, +Ich sage dir, du wirst die weißen Hände ringen, +Medeens Los beneiden gegen deins. + +Jason. +Wagst du's? + +König. +Hinweg. + +Medea. +Ich geh doch komm ich wieder +Und hole das was mir, und bring was euch gebührt. + +König. +Was soll sie drohen uns ins Angesicht? +Wenn Worte nicht + +(zu den Trabanten) + +laßt eure Lanzen sprechen! + +Medea. +Zurück! Wer wagt's Medeen anzurühren! +Merk auf die Stunde meines Scheidens, König +Du sahst noch keine schlimmre, glaube mir! +Gebt Raum! Ich geh! Die Rache nehm ich mit! + +(Ab.) + +König. +Die Strafe wenigstens, sie folget dir! + +(Zu Kreusen.) + + +Du zittre nicht, wir schützen dich vor ihr! + +Kreusa. +Ich sinne nur, ob recht ist, was wir tun; +Denn tun wir recht, wer könnte dann uns schaden? + +(Der Vorhang fällt.) + + + + +Dritter Aufzug + +(Vorhof von Kreons Burg. Im Hintergrunde der Eingang von der +Wohnung des Königs; rechts an den Seitenwänden ein Säulengang zu +Medeens Aufenthalt führend.) +(Medea im Vorgrunde stehend, Gora weiter zurück mit einem Diener +des Königs sprechend.) + +Gora. +Sag du dem Könige: +Medea nehme Botschaft von Sklaven nicht, +Hab' er Werbung an sie, +Komm' er selbst, +Vielleicht hört sie ihn. + +(Der Diener ab.) + +Gora (vortretend). +Sie meinen, du würdest gehn, +Den Haß bezähmend und die Rache. +Die Törichten! +Oder wirst du es? Wirst du's? +Fast glaub ich, du tust's, +Denn nicht Medea bist du mehr, +Des Kolcherkönigs königlicher Sproß, +Der erfahrnen Mutter, erfahrnere Tochter; +Hättest du sonst geduldet, getragen +So lange, bis jetzt? + +Medea. +Hört ihr's Götter? Geduldet! getragen! So lange! bis jetzt! + +Gora. +Ich riet dir zu weichen, +Da du noch weilen wolltest, +Verblendet, umgarnt; +Als noch nicht gefallen der Streich, +Den ich vorhersah, warnend dir zeigte: +Aber nun sag ich: bleib! +Sie sollen nicht lachen der Kolcherin, +Nicht spotten des Bluts meiner Könige, +Herausgeben die Kleinen, +Die Schößlinge der gefällten Königseiche; +Oder sterben, fallen, +In Grauen, in Nacht!--Wo hast du dein Gerät? +Oder was beschließest du? + +Medea. +Erst meine Kinder will ich haben,-- +Das andre findet sich. + +Gora. +So gehst du denn? + +Medea. +Ich weiß es nicht. + +Gora. +Lachen werden sie dein! + +Medea. +Lachen? Nein! + +Gora. +Was also sinnest du? + +Medea. +Ich gebe mir Müh', nichts zu wollen, zu denken. +ob dem schweigenden Abgrund +Brüte die Nacht. + +Gora. +Und wenn du flöhest, wohin? + +Medea (schmerzlich). +Wohin? Wohin? + +Gora. +Hier Lands ist nicht Raum für uns, +Die Griechen, sie hassen, sie töten dich. + +Medea. +Töten? Sie mich? Ich will sie töten, ich! + +Gora. +Auch daheim in Kolchis wartet Gefahr. + +Medea. +O Kolchis! Kolchis! O Vaterland! + +Gora. +Du hast wohl gehört, dir ward wohl Kunde, +Daß dein Vater gestorben, bald darnach, +Als du Kolchis verließest, dein Bruder fiel? +(Gestorben?) es klang anders, deucht' mir, +Daß er den Schmerz anfassend wie ein Schwert, +Gen sich selber wütend, den Tod sich gab. + +Medea. +Was trittst du in Bund mit meinen Feinden +Und tötest mich? + +Gora. +Nun siehst du wohl. +Ich hab dir's gesagt, dich gewarnt. +Flieh die Fremden, sagt' ich dir +Vor allen aber ihn, der sie führt, +Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter. + +Medea. +Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter!-- +Sagtest du so? + +Gora. +Wohl sagt' ich's. + +Medea. +Und ich glaubte dir nicht? + +Gora. +Glaubtest mir nicht und gingst ins Todesnetz +Das nun zusammenschlägt über dir. + +Medea. +Glattzüngiger Heuchler! Das ist das Wort. +Hättest du so gesagt, ich hätt's erkannt; +Aber du nanntest ihn: Feind und verhaßt und abscheulich, +Er aber war schön und freundlich und ich haßt' ihn (nicht)! + +Gora. +So liebst du ihn? + +Medea. +Ich? Ihn? +Ich haß ihn, verabscheu ihn, +Wie die Falschheit, den Verrat, +Wie das Entsetzlichste, wie mich! + +Gora. +So straf ihn, triff ihn, +Räche den Vater, den Bruder, +Unser Vaterland, unsre Götter, +Unsre Schmach, mich, dich! + +Medea. +Erst meine Kinder will ich haben, +Das andre deckt die Nacht.-- +Was glaubst du? wenn er daherzög' +In feierlichem Brautgeleit +Mit ihr, die ich hasse, +Und vom Giebel des Hauses entgegen +Flög' ihm Medea zerschmettert, zerschellt. + +Gora. +Der schönen Rache! + +Medea. +Oder an Brautgemachs Schwelle +Läge sie tot in ihrem Blut, +Bei ihr die Kinder, Jasons Kinder, tot. + +Gora. +Dich selber trifft deine Rache, nicht ihn. + +Medea. +Ich wollt' er liebte mich, +Daß ich mich töten könnte, ihm zur Qual!-- +Oder (sie?) Die Falsche! Die Reine! + +Gora. +Näher triffst du schon! + +Medea. +Still! still! +Hinab, wo du herkamst, Gedanke, +Hinab in Schweigen, hinunter in Nacht! + +(Sie verhüllt sich.) + +Gora. +Die andern alle, die mit ihm zogen +Den frevelnden Argonautenzug, +Alle haben sie, rächend, strafend, +Die vergeltenden Götter erreicht, +Alle fielen in Tod und Schmach; +Er nur fehlt noch--und wie lang? +Täglich hör ich, emsig horchend +Hoch mich erlabend, wie sie fallen, +Fallen der Griechen strahlende Söhne, +Die aus Kolchis, vom Raube gekehrt. +Den Orpheus erschlugen thrakische Weiber; +Hylas versank im Wellengrab; +Theseus, Pirithous stiegen hinab +In des Aides finstere Wohnung, +Der Schatten gewaltigem Herrn zu rauben +Die strahlende Gattin, Persephoneia, +Doch der fing sie und hält sie gefangen +In ehernen Ketten, in ewiger Nacht. + +Medea (rasch den Mantel vom Gesicht ziehend). +Weil sie kamen das Weib zu rauben? +Gut! Gut!--So tat auch er, tat mehr noch! + +Gora. +Dem Herakles, der sein Weib verließ, +Von anderer Liebe gelockt, +Sandte sie rächend ein leinen Gewand; +Als er das antat, sank er dahin +In Qual und Angst und Todesschmerz, +Denn sie hatt' es heimlich bestrichen +Mit argem Gift und schnellem Tod. +Hin sank er und des Öta waldiger Rücken, +Sah ihn vergehn, in Flammen vergehn. + +Medea. +Und sie selbst webt' es, das Gewand? +Das tödliche? + +Gora. +Sie selbst! + +Medea. +Sie selbst! + +Gora. +Des Meleager rauhe Gewalt, +Des kaledonischen Eberbezwingers, +Tötet' Althea, die Mutter das Kind. + +Medea. +Verließ sie der Gemahl? + +Gora. +Er erschlug ihren Bruder. + +Medea. +Der Gatte? + +Gora. +Der Sohn! + +Medea. +Und als sie's getan, starb sie? + +Gora. +Sie lebt. + +Medea. +Tat es und (lebt)! Entsetzlich!-- +So viel weiß ich und so viel ist mir klar: +Unrecht erduld ich nicht ungestraft. +Aber (was) geschieht, weiß ich nicht, will's nicht wissen! +Verdient hat er alles, das Ärgste verdient, +Aber--schwach ist der Mensch; +Billig gönnt man zur Reue Zeit! + +Gora. +Reue?--Frag ihn selbst ob's ihn reut; +Denn dort naht er mit eilendem Schritt. + +Medea. +Mit ihm der König, mein arger Feind +Der ihn verlockt, der ihn verführt. +Ihm entweich ich, nicht zähmt' ich den Haß! + +(Geht rasch dem Hause zu.) + +Aber will (er), will Jason mich sprechen, +So heiß ihn treten zu mir ins Gemach, +Dort will ich reden zu ihm, nicht hier, +An der Seite des Manns, der mein Feind. +Sie nahen. Fort! + +(Ab ins Haus.) + +Gora. +Da geht sie hin! +Ich aber soll reden mit dem Mann +Der mein Kind verderbt, der gemacht, +Daß ich mein Haupt legen muß auf fremde Erde, +Des bittern Kummers Tränen verbergen muß, +Daß nicht drüber lacht fremder Männer Mund. + +(Der König und Jason kommen.) + +König. +Was flieht uns deine Frau? Das nützt ihr nichts. + +Gora. +So floh sie denn? Sie ging. Weil sie dich haßt. + +König. +Ruf sie heraus! + +Gora. +Sie kommt nicht. + +König. +Doch sie soll! + +Gora. +Geh selbst hinein und sag ihr's, wenn du's wagst. + +König. +Wo bin ich denn und (wer)? daß dieses Weib +In ihrer Wildheit mir zu trotzen wagt? +Die Magd fürwahr das Bild der Frau, und beide +Das Bild des dunkeln Landes, das sie zeugte. +Noch einmal: ruf sie her! + +Gora (auf Jason zeigend). +(Den) will sie sprechen +Und hat er Mut dazu, tret' er ins Haus. + +Jason. +Verwegne geh! mein Haß von Anfang her! +Und sag ihr, daß sie komme, die dir gleicht. + +Gora. +O gliche sie mir doch! ihr trotztet nicht! +Doch sie wird's noch erkennen und dann weh euch! + +Jason. +Ich will sie sprechen! + +Gora. +Geh hinein. + +Jason. +Das nicht! +Sie soll heraus! und du geh hin und sag ihr's! + +Gora. +Nun wohl ich geh, euch länger nicht zu sehn, +Und sag ihr's an, doch kommt sie nicht, das weiß ich, +Zu sehr fühlt sie die Kränkung und sich selbst. + +(Ab ins Haus.) + +König. +Nicht einen Tag duld ich sie in Korinth. +(Die) sprach nur aus, was jene finster brütet; +Allzu gefährlich dünkt mir solche Nähe! +Auch deine Zweifel, hoff ich, sind besiegt. + +Jason. +Verfahre, Herr, in deinem Richteramt! +Sie kann nicht länger stehen neben mir, +So gehe sie; noch mild ist diese Strafe. +Denn wahrlich, minder schuldig doch als sie, +Trifft mich ein härtres Los, ein schwerers. +Sie zieht hinaus in angeborne Wildnis, +Und wie ein Füllen, dem das Joch entnommen +Strebt sie hinfort in ungezähmten Trotz: +Ich aber muß hier still und ruhig weilen, +Belastet mit der Menschen Hohn und Spott, +Dumpf wiederkäuend die verfloßne Zeit. + +König. +Du wirst dich wieder heben, glaube mir's. +Dem Bogen gleich, der raschen Schwunges losschnellt +Und fliegend zu dem Ziele schickt den Pfeil, +Sobald entfernt was seinen Rücken beugte, +Wirst du erstarken, ist nur sie erst fern. + +Jason. +Ich fühle nichts in mir, das solcher Hoffnung Bürgschaft. +Verloren ist mein Name und mein Ruf, +Ich bin nur Jasons Schatten, nicht er selbst. + +König. +Die Welt, mein Sohn, ist billiger, als du. +Des reifen Mannes Fehltritt ist Verbrechen, +Des Jünglings Fehltritt ein verfehlter Tritt, +Den man zurückzieht und ihn besser macht. +Was du in Kolchis tatst, ein rascher Knabe, +Vergessen ist's, zeigst du dich nun als Mann. + +Jason. +Könnt' ich dir glauben, selig wär' ich dann! + +König. +Laß sie erst fort sein und du sollst es sehn. +Hin vor's Gericht der Amphiktyonen +Tret ich für dich, verfechte deine Sache +Und zeige, daß nur sie es war, Medea, +Die das verübt, was man an dir verfolgt; +Daß sie die Dunkle, sie die Frevlerin. +Gelöset wird der Bannspruch, und wenn nicht, +Dann stehst du auf in deiner vollen Kraft, +Schwingst hoch das goldne Banner in die Luft, +Das du geholt vom Äußersten der Länder, +Und stromweis' wird die Jugend Griechenlands +Um dich sich scharen gegen jedermann, +Um den Gereinigten, den Neuerhobnen, +Den starken Hort, des Vlieses mächt'gen Held. +Du hast es doch? + +Jason. +Das Vlies? + +König. +Jawohl! + +Jason. +Ich nicht! + +König. +Doch nahm's Medea mit aus Pelias' Haus. + +Jason. +So hat denn sie's! + +König. +Sie muß es geben, (muß). +Dir ist's der künft'gen Größe Unterpfand. +Du sollst mir groß noch werden, groß und stark, +Du meines alten Freundes einz'ger Sohn! +Es hat der König Kreon Macht und Gut, +Und gern teilt er's mit seinem Tochtermann. + +Jason. +Auch meiner Väter Erbe fordr' ich dann, +Vom Sohn des Oheims, der mir's vorenthielt. +Ich bin nicht arm, wird alles mir zurück. + +König. +Sie kommt, die uns noch stört, bald ist's getan. + +(Medea kommt mit Gora aus dem Hause.) + +Medea. +Was willst du mir? + +König. +Die Diener, die ich sandte, +Du schicktest sie mit harten Worten fort +Und von mir selbst verlangtest du zu hören +Was ich geboten und was dir zu tun. + +Medea. +So sag's. + +König. +Nichts Fremdes, Neues künd ich dir. +Ich wiederhole nur den schon gesprochnen Bann +Und füge zu, daß du (noch heute gehst.) + +Medea. +Und warum heute noch? + +König. +Die Drohungen, +Die du gesprochen gegen meine Tochter-- +Denn die gen mich veracht ich allzusehr,-- +Der wilde Sinn, den du nur erst gezeigt +Sie nennen mir gefährlich deine Nähe +Und darum sollst du heute mir noch gehn. + +Medea. +Gib mir die Kinder und ich tu's vielleicht. + +König. +Du tust's (gewiß).--Die Kinder aber bleiben! + +Medea. +Wie, meine Kinder? Doch, wem sag ich das? +Mit (dem) da laß mich sprechen, mit dem Gatten! + +König (zu Jason). +Tu's nicht! + +Medea (zu Jason). +Ich bitte dicht + +Jason. +Wohlan, es seit +Damit du siehst, daß ich dein Wort nicht scheue. +Laß uns, o König, hören will ich sie. + +König. +Ich tu es ungern; schlau ist sie und listig. + +(Er geht.) + +Medea. +So, er ist fort. Kein Fremder stört uns mehr, +Kein Dritter drängt sich zwischen Mann und Weib; +Wir können reden, wie das Herz gebeut. +Und nun sag an mir, was du denkst? + +Jason. +Du weißt's. + +Medea. +Ich weiß wohl was du willst, nicht was du meinst. + +Jason. +Das erstere genügt, denn es entscheidet. + +Medea. +So soll ich gehen? + +Jason. +Gehn! + +Medea. +Noch heute? + +Jason. +Heute! + +Medea. +Das sagst du und stehst ruhig mir genüber +Und Scham senkt nicht dein Aug' und rötet nicht die Stirn? + +Jason. +Erröten müßt' ich, wenn ich anders spräche. + +Medea. +Das ist recht gut und sprich nur immer so, +Wenn du vor andern dich entschuld'gen willst, +Doch mir genüber laß den eiteln Schein! + +Jason. +Die Scheu vor Greueln nennst du eiteln Schein? +Verdammt hat dich die Welt, verdammt die Götter, +Und so geb ich dich ihrem Urteil hin. +Denn wahrlich unverdient trifft es dich nicht! + +Medea. +Wer ist der Fromme denn, mit dem ich spreche? +Ist das nicht Jason? und der wär' so mild? +Du Milder, kamst du nicht nach Kolchis hin +Und warbst mit Blut um seines Königs Kind? +Du Milder! schlugst du meinen Bruder nicht? +Fiel nicht mein Vater dir, du Frommer, Milder? +Verlässest du das Weib nicht, das du stahlst +Du Milder, du Entsetzlicher, Verruchter! + +Jason. +Du schmähest. Das zu hören ziemt mir nicht. +Du weißt nun was zu tun, und so leb wohl! + +Medea. +Noch weiß ich's nicht, drum bleibe, bis ich's weiß. +Bleib! Ruhig will ich sein. Ruhig wie du. +Verbannung wird mir also? und was dir? +Mich dünkt auch dich traf ja des Herolds Spruch? + +Jason. +Sobald bekannt, daß ich am Frevel rein +Am Tod des Oheims, löst der Bann sich auf. + +Medea. +Und du lebst froh und ruhig fürder dann? + +Jason. +Ich lebe still, wie's Unglücksel'gen ziemt. + +Medea. +Und ich? + +Jason. +Du trägst das Los das du dir selbst bereitet. + +Medea. +Das ich bereitet! Du wärst also rein? + +Jason. +Ich bin's! + +Medea. +Und um den Tod des Oheims hast +Du nicht gebetet? + +Jason. +Ihn befördert nicht! + +Medea. +Mich nicht versucht, ob ich's nicht üben wollte? + +Jason. +Der erste Zorn spricht manches sprudelnd aus +Was reifer überdacht er nimmer übt. + +Medea. +Einst klagtest du dich selber dessen an +Nun ist gefunden, der die Schuld dir trägt. + +Jason. +Nicht der Gedanke wird bestraft, die Tat! + +Medea + +(rasch). +Ich aber tat es nicht! + +Jason. +Wer sonst? + +Medea. +Ich nicht! +Hör mein Gemahl und dann erst richte mich. +Als ich an die Pfoste trat, +Das Vlies zu holen, +Der König auf seinem Lager; +Da hör ich schreien; hingewendet +Seh ich den Mann vom Lager springen +Heulend, bäumend sich umwindend. +Kommst du Bruder, schreit er, +Rache zu nehmen, Rache an mir! +Noch einmal sollst du sterben, noch einmal! +Und springt hin und faßt nach mir, +In deren Hand das Vlies. +Ich erbebte und schrie auf +Zu den Göttern, die ich kenne. +Das Vlies hielt ich mir vor als Schild. +Da zuckt Wahnsinns Grinsen durch seine Züge, +Heulend faßt er die Bande seiner Adern, +Sie brechen, in Güssen strömt hin sein Blut +Und als ich um mich schaue, entsetzt, erstarrt, +Liegt der König zu meinen Füßen +Im eignen Blut gebadet, +Kalt und tot. + +Jason. +Das sagst du mir, Zaub'rische! Gräßliche? +Hebe dich weg von mir! Fort! +Mir graut vor dir! Daß ich dich je gesehn! + +Medea. +Du hast es ja gewußt. Das erstemal +Als du mich sahst, sahst mich in meinem Dienst. +Und doch verlangtest, strebtest du nach mir. + +Jason. +Ein Jüngling war ich, ein verwegner Tor +Der Mann verwirft was Knaben wohlgefällt. + +Medea. +O schilt das goldne Jugendalter nicht! +Der Kopf ist rasch, allein das Herz ist gut! +O wärst du, der du warst, mir wäre besser! +Nur einen Schritt komm in die schöne Zeit, +Da wir in unsrer Jugend frischem Grünen +Uns fanden an des Phasis Blumenstrand. +Wie war dein Herz so offen und so klar +Das meine trüber und in sich verschloßner +Doch du drangst durch mit deinem milden Licht +Und hell erglänzte meiner Sinne Dunkel. +Da ward ich dein, da wardst du mein. O Jason! +So ist dir ganz dahin, die schöne Zeit, +So hat die Sorge dir für Haus und Herd +Für Ruf und Ruhm dir ganz getötet +Die schönen Blüten von dem Jugendbaum? +O sieh, in Schmerz und Jammer, wie ich bin, +Denk ich noch oft der schönen Frühlingszeit +Und warme Lüfte wehn mir draus herüber. +War dir Medea damals lieb und wert +Wie ward sie dir denn gräßlich und abscheulich? +Du kanntest mich und suchtest dennoch mich, +Du nahmst mich wie ich war, behalt mich, wie ich bin! + +Jason. +Der Dinge denkst du nicht, die seither sind geschehn! + +Medea. +Entsetzlich sind sie, ja ich geb es zu, +Am Vater hab ich schlimm, am Bruder schlimm getan! +Und ich verdamme selber mich darob +Man strafe mich, ich will ja gerne büßen, +Doch du sollst mich nicht strafen, Jason, du nicht! +Denn was ich tat, zu Liebe tat ich's dir. +Komm, laß uns fliehn, vereint, mitsammen fliehn! +Es nehm' uns auf ein fernes Land! + +Jason. +Und welches? +Wohin? + +Medea. +Wohin? + +Jason. +Du rasest und du schiltst mich, +Daß ich mit dir nicht rase. Es ist aus. +Die Götter haben unsern Bund verflucht, +Als einen der mit Greueltat begann +Und in Verbrechen wuchs und Nahrung suchte. +Laß sein, daß du den König nicht getötet; +Wer war dabei, wer sah's, wer glaubt dir? + +Medea. +Du! + +Jason. +Und wenn auch ich, was kann ich? was vermag ich? +Drum laß uns weichen dem Geschick, nicht trotzen! +Die Strafe nehme jedes büßend hin, +Du, da du fliehst, wo du nicht bleiben kannst, +Ich, da ich bleibe, wo ich fliehen möchte. + +Medea. +Den schwerem Teil hast du dir nicht erwählt! + +Jason. +So wär' es leicht, zu leben als ein Fremdling +In fremden Haus, von fremden Mitleids Gaben? + +Medea. +Dünkt's dir so schwer, was wählst du nicht die Flucht? + +Jason. +Wohin und wie? + +Medea. +Einst warst du minder sorglich, +Als du nach Kolchis kamst, die Vaterstadt verlassend, +Und eitelm Ruhme nach durch ferne Länder zogst. + +Jason. +Ich bin nicht der ich war, die Kraft ist mir gebrochen, +Und in der Brust erstorben mir der Mut. +Das dank ich dir. Erinnrung des Vergangnen +Liegt mir wie Blei auf meiner bangen Seele +Das Aug' kann ich nicht heben und das Herz. +Auch ist der Knabe Mann seit dem geworden, +Und nicht mehr kindisch mit den Blüten spielend, +Greift er nach Frucht, nach Wirklichkeit, Bestand. +Die Kinder sind mir und kein Ort für sie, +Besitztum muß ich meinen Enkeln werben. +Soll Jasons Stamm, wie trocknes Heidekraut, +Am Wege stehn, vom Wanderer getreten? +Hast du mich je geliebt, war ich dir wert, +So zeig es, da du mich mir selber gibst +Und mir ein Grab gönnst in der heim'schen Erde! + +Medea. +Und auf der heimischen Erd' ein neues Ehebett? +Nicht so? + +Jason. +Was soll das! + +Medea. +Hab ich's nicht gehört +Wie er Verwandt dich hieß und Sohn und Eidam? +Kreusa locket dich, und darum bleibst du? +Nicht also? Hab ich dich? + +Jason. +Du hattest nie mich, +Und hast auch jetzt mich nicht. + +Medea. +(So) willst du büßen? +Und darum soll Medea fort von dir? +Stand ich denn nicht dabei, dabei in Tränen, +Wie du mit ihr vergangne Zeit durchgingst +Bei jedem Schritte stillstandst, süß verweilend, +Zum Echo schwandest der Erinnerung? +Ich aber geh nicht, (nicht!) + +Jason. +So ungerecht, +So hart und wild wie immer! + +Medea. +Ungerecht? +So wünschest du sie nicht zum Weib? Sag: Nein! + +Jason. +Den Ort such ich, mein Haupt zur Ruh' zu legen; +Was sonst kommt weiß ich nicht! + +Medea. +Ich aber weiß es, +Und denk es noch zu wehren, hilft ein Gott. + +Jason. +Du kannst nicht ruhig sprechen, leb denn wohl. + +(Er geht.) + +Medea. +Jason! + +Jason (umkehrend). +Was ist? + +Medea. +Es ist das letztemal +Das letztemal vielleicht, daß wir uns sprechen! + +Jason. +So laß uns scheiden ohne Haß und Groll. + +Medea. +Du hast zu Liebe mich verlockt und fliehst mich? + +Jason. +Ich muß. + +Medea. +Du hast den Vater mir geraubt +Und raubst mir den Gemahl? + +Jason. +Gezwungen nur. + +Medea. +Mein Bruder fiel durch dich, du nahmst mir ihn, +Und fliehst mich? + +Jason. +Wie er fiel, gleich unverschuldet. + +Medea. +Mein Vaterland verließ ich, dir zu folgen. + +Jason. +Dem eignen Willen folgtest du, nicht mir. +Hätt's dich gereut, gern ließ ich dich zurück! + +Medea. +Die Welt verflucht um deinetwillen mich, +Ich selber hasse mich um deinetwillen, +Und du verläßt mich? + +Jason. +Ich verlaß dich nicht, +Ein höhrer Spruch treibt mich von dir hinweg. +Hast du dein Glück verloren, wo ist meins? +Nimm als Ersatz mein Elend für das deine! + +Medea. +Jason! + +(Sie fällt auf die Knie.) + +Jason. +Was ist? Was willst du weiter? + +Medea (aufstehend). +Nichts! +Es ist vorbei!--Verzeihet meine Väter, +Verzeiht mir Kolchis' stolze Götter +Daß ich mich selbst erniedriget und euch. +Das Letzte galt's. Nun habt ihr mich! + +(Jason wendet sich zu gehen.) + +Medea. +Jason! + +Jason. +Glaub nicht mich zu erweichen! + +Medea. +Glaub nicht ich wollt' es. Gib mir meine Kinder! + +Jason. +Die Kinder? Nimmermehr! + +Medea. +Es sind die Meinen! + +Jason. +Des Vaters Namen fügt man ihnen bei +Und Jasons Name soll nicht Wilde schmücken. +Hier in der Sitte Kreis erzieh ich sie. + +Medea. +Gehöhnt von Stiefgeschwistern? Sie sind mein! + +Jason. +Mach nicht, daß sich mein Mitleid kehr' in Haß! +Sei ruhig, das nur mildert dein Geschick. + +Medea. +Wohl denn, so will ich mich auf Bitten legen!-- +Mein Gatte!--Nein, das bist du ja nicht mehr-- +Geliebter!--Nein, das bist du nie gewesen-- +Mann!--wärst du Mann und brächst dein heilig Wort-- +Jason!--pfui! das ist ein Verrätername-- +Wie nenn ich dich? Verruchter!--Milder! Guter! +Gib meine Kinder mir und laß mich gehn! + +Jason. +Ich kann nicht, sagt' ich dir, ich kann es nicht. + +Medea. +So hart? Der Gattin nimmst du ihren Gatten, +Und weigerst nun der Mutter auch ihr Kind! + +Jason. +Nun wohl, daß du als billig mich erkennst, +Der Knaben einer ziehe denn mit dir! + +Medea. +Nur einer? Einer? + +Jason. +Fordre nicht zuviel! +Das wen'ge fast verletzt schon meine Pflicht. + +Medea. +Und welcher? + +Jason. +Ihnen selbst, den Kindern sei die Wahl. +Und welcher will, den nimmst du mit dir fort + +Medea. +O tausend Dank, du Gütiger, du Milder! +Der lügt fürwahr, der dich Verräter nennt. + +(König kommt.) + +Jason. +O König komm! + +König. +So ist es abgetan? + +Jason. +Sie geht. Der Kinder eines geb ich ihr. + +(Zu einem, der mit dem Könige kam.) + +Du eile, bring die Kleinen zu uns her! + +König. +Was tust du? Beide bleiben sie zurück! + +Medea. +Was mir so wenig scheint, dünkt dir zuviel? +Die Götter fürchte, allzu strenger Mann! + +König. +Die Götter auch sind streng der Freveltat. + +Medea. +Doch sehn sie auch was uns zur Tat gebracht. + +König. +Des Herzens böses Trachten treibt zum Bösen. + +Medea. +Was sonst zum Übeln treibt, zählst du für nichts? + +König. +Ich richte selbst mich streng, drum kann ich's andre. + +Medea. +Indem du Frevel strafst verübst du sie. + +Jason. +Sie soll nicht sagen, daß ich allzuhart, +Drum hab ich eins der Kinder ihr gewährt, +In Leid und Not der Mutter lieber Trost. + +(Kreusa kommt mit den Kindern.) + +Kreusa. +Die Kinder fordert man, ward mir gesagt +Was will man denn, und was soll denn geschehn? +O sieh, sie lieben mich, nur erst gekommen, +Als ob wir jahrelang uns sähn und kennten. +Mein mildes Wort, den Armen ungewohnt, +Gewann mir sie, wie mich ihr Unglück ihnen. + +König. +Der Kinder eines soll der Mutter folgen. + +Kreusa. +Verlassen uns? + +König. +So ist's, so will's der Vater! + +(Zu Medeen, die in sich versunken dagestanden ist.) + +Die Kinder, sie sind hier, nun laß sie wählen! + +Medea. +Die Kinder! Meine Kinder! Ja, sie sind's! +Das einz'ge was mir bleibt auf dieser Erde. +Ihr Götter, was ich schlimmes erst gedacht, +Vergeßt es und laßt sie mir beide, beide! +Dann will ich gehn und eure Güte preisen, +Verzeihen ihm und--nein (ihr) nicht!--(Ihm) auch nicht! +Hierher ihr Kinder, hier!--Was steht ihr dort +Geschmiegt an meiner Feindin falsche Brust? +O wüßtet ihr was sie mir angetan, +Bewaffnen würdet ihr die kleinen Hände, +Zu Krallen krümmen eure schwachen Finger, +Den Leib zerfleischen, den ihr jetzt berührt. +Verlockst du meine Kinder? Laß sie los! + +Kreusa. +Unselig Weib, ich halte sie ja nicht. + +Medea. +Nicht mit der Hand, doch hältst du, wie den Vater, +Sie mit dem heuchlerischen, falschen Blick. +Lachst du? Du sollst noch weinen, sag ich dir! + +Kreusa. +O strafen mich die Götter, lacht' ich jetzt! + +König. +Brich nicht in Zorn und Schmähung aus, o Weib +Tu ruhig was dir zukommt, oder geh! + +Medea. +Du mahnest recht, o mein gerechter König +Nur nicht so gütig, scheint es, als gerecht. +Wie oder auch? Nun ja, wohl beides gleich! +Ihr Kinder seht, man schickt die Mutter fort, +Weit über Meer und Land, wer weiß wohin? +Die güt'gen Menschen, euer Vater aber +Und der gerechte, gute König da, +Sie haben ihr erlaubt, von ihren Kindern, +Der Mutter von den Kindern eines, eins-- +Ihr hohen Götter hört ihr's? (Eines) nur!-- +Mit sich zu nehmen auf die lange Fahrt. +Wer nun von beiden mich am meisten liebt, +Der komm' zu mir, denn beide dürft ihr nicht. +Der andre muß zurück beim Vater bleiben +Und bei des falschen Mannes falscher Tochter!-- +Hört ihr?--Was zögert ihr? + +König. +Sie wollen nicht! + +Medea. +Das lügst du, falscher, ungerechter König! +Sie wollen, doch dein Kind hat sie verlockt! +Hört ihr mich nicht?--Verruchte! Gräßliche! +Der Mutter Fluch, des Vaters Ebenbild! + +Jason. +Sie wollen nicht! + +Medea. +Laß jene sich entfernen! +Die Kinder lieben mich, bin ich nicht Mutter? +Doch sie winkt ihnen zu und lockt sie ab. + +Kreusa. +Ich trete weg, ist gleich dein Argwohn falsch. + +Medea. +Nun kommt zu mir!--Zu mir!--Natterbrut! + +(Sie geht einige Schritte auf sie zu; die Kinder fliehen zu Kreusen.) + +Medea. +Sie fliehn mich! Fliehn! + +König. +Du siehst Medea nun, +Die Kinder wollen nicht, und also geh! + +Medea. +Sie wollen nicht? Die Kinder die Mutter nicht? +Es ist nicht wahr, unmöglich!-- +Ason, mein Ältester, mein Liebling! +Sieh deine Mutter ruft dir, komm zu ihr! +Ich will nicht mehr rauh sein und hart +Du sollst mein Kostbarstes sein, mein einzigs Gut +Höre die Mutter! Komm!-- +Er wendet sich ab! Er kommt nicht! +Undankbarer! Ebenbild des Vaters! +Ihm ähnlich in den falschen Zügen +Und mir verhaßt wie er! +Bleib zurück, ich kenne dich nicht!-- +Aber du Absyrtus, Schmerzenssohn, +Mit dem Antlitz des beweinten Bruders, +Mild und sanft wie er, +Sieh deine Mutter liegt hier knieend +Und fleht zu dir. +Laß sie nicht bitten umsonst! +Komm zu mir, mein Absyrtus +Komm zur Mutter!-- +Er zögert!--Auch du nicht?-- +Wer gibt mir einen Dolch? +Ein Dolch für mich und sie! + +(Sie springt auf.) + +Jason. +Dir selber dank es, daß dein wildes Wesen +Die Kleinen abgewandt, zur Milde hin. +Der Kinder Ausspruch war der Götter Spruch! +Und so geh hin, nie aber bleiben da. + +Medea. +Ihr Kinder hört mich! + +Jason. +Sieh! sie hören nicht! + +Medea. +Kinder! + +König (zu Kreusen). +Führ sie ins Haus zurück +Nicht (hassen) sollen sie, die sie gebar. + +(Kreusa mit den Kindern zum Abgang gewendet.) + +Medea. +Sie fliehn, (meine) Kinder fliehn vor mir! + +König (zu Jason). +Komm! Das Notwendige beklagt man fruchtlos! + +(Sie gehen.) + +Medea. +Meine Kinder! Kinder! + +Gora (die hereingekommen ist). +Bezwinge dich +Gönne nicht deinen Feinden ihres Sieges Anblick! + +Medea (die sich zur Erde wirft). +Ich bin besiegt, vernichtet, zertreten +Sie fliehn mich, fliehn! +Meine Kinder fliehn! + +Gora (über sie gebeugt). +Stirb nicht! + +Medea. +Laß mich sterben! +Meine Kinder! + +(Der Vorhang fällt.) + + + + +Vierter Aufzug + +(Vorhof vor Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge. Abenddämmerung.) +(Medea liegt hingestreckt auf die Stufen, die zu ihrer Wohnung +führen. Gora steht vor ihr.) + +Gora. +Steh auf Medea und sprich! +Was liegst du da, starrst schweigend vor dich hin? +Steh auf und sprich! +Rate unserm Jammer! + +Medea. +Kinder! Kinder! + +Gora. +Fort sollen wir, eh' dunkelt die Nacht, +Und schon senkt sich der Abend. +Auf! Rüste dich zur Flucht! +Sie kommen, sie töten uns! + +Medea. +O meine Kinder! + +Gora. +Steh auf, Unglückselige +Und töte mich nicht mit deinem Jammer! +Hätt'st mir gefolgt, mich gehört, +Wären wir daheim in Kolchis, +Die Deinen lebten, alles wär' gut. +Steh auf! Was hilft Weinen? Steh auf! + +Medea (sich halb aufrichtend und nur mit den Knien auf den Stufen +liegend). +So kniet' ich, so lag ich, +So streckt' ich die Hände aus, +Aus nach den Kindern und bat +Und flehte: Eines nur, +Ein einziges von meinen Kindern-- +Gestorben wär' ich, mußt' ich das zweite missen!-- +Aber auch das eine nicht!--Keines kam. +Flüchtend bargen sie sich im Schoß der Feindin + +(aufspringend) + +(Er aber lachte drob und sie!) + +Gora. +O des Jammers! Des Wehs! + +Medea. +Nennt ihr das Vergeltung, Götter? +Liebend folgt' ich, das Weib dem Mann; +Starb mein Vater, hab (ich) ihn getötet? +Fiel mein Bruder, fiel er durch (mich)? +Beklagt hab ich sie, in Qualen beklagt. +Glühende Tränen goß ich aus +Zum Trankopfer auf ihr fernes Grab. +Wo kein Maß ist, ist keine Vergeltung. + +Gora. +Wie du die Deinen, verlassen sie dich! + +Medea. +So will ich sie treffen, wie die Götter mich! +Ungestraft sei kein Frevel auf der Erde, +Mir laßt die Rache, Götter! ich führe sie aus! + +Gora. +Denk auf dein Heil, auf andres nicht! + +Medea. +Und was hat dich denn so weich gemacht? +Schnaubtest erst Grimm, und nun so zagend? + +Gora. +Laß mich! Als ich die Kinder fliehn sah +Den Arm der Mutter, der Pflegerin, +Da erkannt' ich die Hand der Götter, +Da brach mir das Herz, +Da sank mir der Mut. +Hab sie gewartet, gepflegt, +Sie meine Freude, mein Glück. +Die einz'gen reinen Kolcher sie, +An die ich wenden konnte +Die Liebe für mein fernes Vaterland. +Du warst mir längst entfremdet, längst; +In ihnen sah ich Kolchis wieder, +Den Vater dein und deinen Bruder, +Mein Königshaus und (dich,) +Wie du (warst), nicht wie du (bist.) +Hab sie gehütet, gepflegt, +Wie den Apfel meines Auges +Und nun-- + +Medea. +Lohnen sie dir, wie der Undank lohnt! + +Gora. +Schilt nicht die Kinder, sie sind gut! + +Medea. +Gut? Und flohen die Mutter? +Gut? Sie sind Jasons Kinder! +Ihm gleich an Gestalt, an Sinn, +Ihm gleich in meinem Haß. +Hätt' ich sie hier, ihr Dasein in meiner Hand, +In dieser meiner ausgestreckten Hand, +Und ein Druck vermochte zu vernichten +All was sie sind und waren, was sie werden sein,-- +Sieh her!--Jetzt wären sie nicht mehr! + +Gora. +Oh, weh der Mutter, die die Kinder haßt! + +Medea. +Und was ist's auch mehr? was mehr? +Bleiben sie hier beim Vater zurück, +Beim treulosen, schändlichen Vater, +Welches ist ihr Los? +Stiefgeschwister kommen, +Höhnen sie, spotten ihrer +Und ihrer Mutter, +Der Wilden aus Kolchis. +Sie aber, entweder dienen als Sklaven, +Oder der Ingrimm, am Herzen nagend, +Macht sie arg, sich selbst ein Greuel: +Denn wenn das Unglück dem Verbrechen folgt, +Folgt öfter das Verbrechen noch dem Unglück. +Was ist's denn auch zu leben? +Ich wollt', mein Vater hätte mich getötet, +Da ich noch klein war, +Noch nichts, wie jetzt, geduldet, +Noch nichts gedacht--wie jetzt. + +Gora. +Was schauderst du? was überdenkst du? + +Medea. +Daß ich fort muß, ist gewiß +Minder aber noch, was sonst geschieht. +Denk ich des Unrechts, das ich erlitt, +Des Frevels, den man an mir verübt, +So entglüht in Rache mein Herz +Und das Entsetzlichste ist mir das Nächste.-- +Die Kinder liebt er, sieht er doch sein Ich, +Seinen Abgott, sein eignes Selbst +Zurückgespiegelt in ihren Zügen. +Er soll sie nicht haben, soll nicht! +(Ich) aber will sie nicht, die Verhaßten! + +Gora. +Komm mit hinein, was weilst du hier? + +Medea. +Dann leer das ganze Haus und ausgestorben, +Verwüstung brütend in den öden Mauern, +Nichts lebend als Erinnerung und Schmerz. + +Gora. +Bald nahen sie, die uns vertreiben. Komm! + +Medea. +Die Argonauten, sagtest du, +Sie fanden alle ein unselig Grab, +Die Strafe des Verrats, der Freveltat? + +Gora. +So ist's und Jason findet es wohl auch. + +Medea. +Er wird's, ich sage dir, er wird's! +Den Hylas schlang das Wassergrab hinab, +Den Theseus fing der Schatten düstrer König +Und wie hieß sie, das Griechenweib, +Die eignes Blut am eignen Blut gerächt? +Wie hieß sie? Sag. + +Gora. +Ich weiß nicht, was du meinst. + +Medea. +Althea hieß sie. + +Gora. +Die den Sohn erschlug? + +Medea. +Dieselbe, ja! Wie kam's, erzähl mir das. + +Gora. +Den Bruder schlug er ihr beim Jagen tot. + +Medea. +Den Bruder nur, den Vater nicht dazu, +Sie nicht verlassen, nicht verstoßen, nicht gehöhnt +Und dennoch traf sie ihn zum Tod +Den grimmen Meleager ihren Sohn. +Althea hieß sie,--war ein Griechenweib!-- +Und als er tot? + +Gora. +Hier endet die Geschichte. + +Medea. +Sie endet! Du hast recht der Tod beendet. + +Gora. +Was nützen Worte? + +Medea. +Zweifelst an der Tat? +Sieh! bei den hohen Göttern! hätt' er +Die Kinder (beide) mir gegeben--Nein! +Könnt' ich sie (nehmen), gäb' er sie mir auch, +Könnt' ich sie lieben wie ich jetzt sie hasse, +Wär' etwas in der weiten Welt geblieben, +Das er mir nicht vergiftet, nicht zerstört: +Vielleicht, daß ich jetzt ginge, meine Rache +Den Göttern lassend; aber so nicht, nun nicht! +Man hat mich bös genannt, ich war es nicht: +Allein ich fühle, daß man's werden kann. +Entsetzliches gestaltet sich in mir, +Ich schaudre--doch ich freu mich auch darob. +Wenn's nun vollendet ist, getan-- + +(ängstlich) + +Gora! + +Gora. +Was ist? + +Medea. +Komm her! + +Gora. +Warum? + +Medea. +Zu mir! +Da lagen sie die beiden--und die Braut-- +Blutend, tot.--Er daneben rauft sein Haar. +Entsetzlich, gräßlich! + +Gora. +Um der Götter willen! + +Medea. +Ha, ha! Erschrickst wohl gar? +Nur lose Worte sind es, die ich gebe, +Dem alten Wollen fehlt die alte Kraft. +Ja, wär' ich noch Medea, doch ich bin's nicht mehr! +O Jason! Warum tatest du mir das? +Ich nahm dich auf, ich schützte, liebte dich, +Was ich besaß, ich gab es für dich hin, +Warum verlässest und verstößt du mich? +Was treibst du mir die guten Geister aus +Und führest Rachgedanken in mein Herz? +Mir Rachgedanken, ohne Kraft zur Rache! +Die Macht, die mir von meiner Mutter ward, +Der ernsten Kolcherfürstin Hekate, +Die mir zum Dienste dunkle Götter band, +Versenkt hab ich sie, dir zulieb' versenkt, +Im finstern Schoß der mütterlichen Erde. +Der schwarze Stab, der blutigrote Schleier, +Sie sind dahin und hilflos steh ich da, +Den Feinden, statt ein Schrecken, ein Gespött! + +Gora. +So sprich davon nicht, wenn du's nicht vermagst! + +Medea. +Ich weiß wohl, wo es liegt. +Da draußen an dem Strand der Meeresflut, +Dort hab ich's eingesargt und eingegraben, +Zwei Handvoll Erde weg--und es ist mein! +Allein im tiefsten Innern schaudr' ich auf +Denk ich daran und an das blut'ge Vlies. +Mir dünkt des Vaters und des Bruders Geist +Sie brüten drob und lassen es nicht los. +Weißt noch, wie er am Boden lag +Der greise Vater, weinend ob dem Sohn +Und fluchend seiner Tochter? Jason aber +Schwang hoch das Vlies in gräßlichem Triumph. +Da schwor ich Rache, Rache dem Verräter, +Der erst die Meinen tötete, nun mich. +Hätt' ich mein Blutgerät, ich führt' es aus +Allein nicht wag ich es zu holen; +Denn säh' ich in des goldnen Zeichens Glut +Des Vaters Züge mir entgegenstarren, +Von Sinnen käm' ich, glaube mir! + +Gora. +Was also tust du? + +Medea. +Laß sie kommen! +Laß sie mich töten, es ist aus! +Von hier nicht geh ich, aber sterben will ich, +Vielleicht stirbt er mir nach, von Reu' erwürgt. + +Gora. +Der König naht, trag Sorge doch für dich! + +Medea. +Erarmt bin ich an Macht, was kann ich tun? +Will er zertreten mich? er trete nur! + +(Der König kommt.) + +König. +Der Abend dämmert, deine Frist ist um! + +Medea. +Ich weiß. + +König. +Bist du bereit zu gehn? + +Medea. +Du spottest! +Wenn (nicht) bereit, müßt' ich drum minder gehn? + +König. +Mich freut, daß ich dich so besonnen finde. +Du machst dir die Erinnrung minder herb +Und sicherst deinen Kindern großes Gut: +Sie dürfen nennen, welche sie gebar. + +Medea. +Sie dürfen? Wenn sie wollen, meinst du doch? + +König. +Daß sie es wollen, sei die Sorge mein. +Erziehen will ich sie zu künft'gen Helden, +Und einst, wer weiß? führt ihre Ritterfahrt +Sie hin nach Kolchis und die Mutter drücken sie, +Gealtert, wie an Jahren, so an Sinn, +Mit Kindesliebe an die Kindesbrust. + +Medea. +Weh mir! + +König. +Was ist dir? + +Medea. +Ach, ein Rückfall nur +Und ein Vergessen dessen was geschah. +War dies zu sagen deines Kommens Grund +Wie, oder willst du andres noch von mir? + +König. +Noch eins vergaß ich und das sag ich nun. +Von Schätzen nahm dein Gatte manches mit +Aus Jolkos fliehend nach des Oheims Tod. + +Medea. +Im Hause liegt's verwahrt, geh hin und nimm's! + +König. +Wohl ist das goldne Kleinod auch dabei, +Das Vlies, der Preis des Argonautenzugs? +Was wendest du dich ab und gehst? Gib Antwort! +Ist es darunter? + +Medea. +Nein. + +König. +Wo ist es also? + +Medea. +Ich weiß es nicht. + +König. +Du nahmst es aber fort +Aus Pelias' Haus; der Herold sagte so. + +Medea. +Hat er's gesagt, so ist's auch wahr. + +König. +Wo ist es? + +Medea. +Ich weiß es nicht. + +König. +Glaub nicht uns zu betrügen! + +Medea. +Wenn du mir's gibst, mein Leben zahl ich drum; +Hätt' ich's, du stündest drohend nicht vor mir! + +König. +Nahmst du's von Jolkos nicht mit dir? + +Medea. +Ich nahm's. + +König. +Und nun? + +Medea. +Hab ich's nicht mehr. + +König. +Wer sonst? + +Medea. +Die Erde. + +König. +Versteh ich dich? das also wär' es, das? + +(Zu seinen Begleitern.) + +Bringt her was ich gebot. Ihr wißt es ja! + +(Sie gehen ab.) + +Denkst du zu täuschen uns mit Doppelsinn? +Die Erde hat es; nun versteh ich dich. +Schau nicht hinweg! nach mir sieh her und höre! +Am Strand des Meers, wo ihr heut nacht gelagert, +Als einen Altar man auf mein Geheiß +Dem Schatten Pelias' erbauen wollte, +Fand man--erbleichst du?--frisch im Grund vergraben-- +Ein Kistchen, schwarz, mit seltsam fremden Zeichen. + +(Die Kiste wird gebracht.) + +Sieh zu, ob's dir gehört? + +Medea (drauf losstürzend). +Ja! Mir gehört es!--Mein! + +König. +Ist drin das Vlies? + +Medea. +Es ist. + +König. +So gib's! + +Medea. +Ich geb es! + +König. +Fast reut das Mitleid mich, das ich dir schenkte, +Da hinterlistig du uns täuschen wolltest. + +Medea. +Sei sicher, du erhältst, was dir gebührt. +Medea bin ich wieder, Dank euch Götter! + +König. +Schließ auf und gib! + +Medea. +Jetzt nicht. + +König. +Wann sonst? + +Medea. +Gar bald; +Zu bald! + +König. +So send es zu Kreusen hin. + +Medea. +Hin zu Kreusen! Zu Kreusa?--Ja! + +König. +Enthält die Kiste andres noch? + +Medea. +Gar manches! + +König. +Dein Eigentum? + +Medea. +Doch schenk ich auch davon! + +König. +Dein Gut verlang ich nicht; behalt was dein! + +Medea. +Nicht doch! ein klein Geschenk erlaubst du mir! +Die Tochter dein war mir so mild und hold, +Sie wird die Mutter meiner Kinder sein, +Gern möcht' ich ihre Liebe mir gewinnen! +Das Vlies lockt (euch), vielleicht gefällt ihr Schmuck. + +König. +Tu wie du willst, allein bedenk dich selbst. +Kreusa ist dir hold gesinnt, das glaube. +Nur erst bat sie, die Kinder dir zu senden, +Daß du sie sähest noch bevor du gehst +Und Abschied nähmest für die lange Fahrt. +Ich schlug es ab, weil ich dich tobend glaubte, +Doch da du ruhig bist, sei dir's gewährt. + +Medea. +O tausend Dank, du güt'ger, frommer Fürst! + +König. +Bleib hier, die Kinder send ich dir heraus! + +(König ab.) + +Medea. +Er geht! Er geht dahin in sein Verderben! +Verruchte, bebtet ihr denn schaudernd nicht +Als ihr das Letzte nahmt der frech Beraubten? +Doch Dank euch! Dank! Ihr gabt mir auch mich selbst. +Schließ auf die Kiste! + +Gora. +Ich vermag es nicht. + +Medea. +Vergaß ich doch, womit ich sie verschloß! +Den Schlüssel halten Freunde, die ich kenne. + +(Gegen die Kiste gewendet.) + +Untres herauf +Obres hinab +Öffne dich bergendes +Hüllendes Grab! + +(Die Kiste springt auf.) + +Der Deckel springt. Noch bin ich machtlos nicht! +Da liegt's! Der Stab! Der Schleier! Mein! Ah, mein! + +(Es herausnehmend.) + +Ich fasse dich, Vermächtnis meiner Mutter, +Und Kraft durchströmt mein Herz und meinen Arm! +Ich werfe dich ums Haupt, geliebter Schleier! + +(Sich einhüllend.) + +Wie warm, wie weich! wie neu belebend! +Nun kommt, nun kommt, ihr Feindesscharen alle +Vereint gen mich! Vereint in eurem Falle! + +Gora. +Da unten blinkt es noch! + +Medea. +Laß blinken, blinken! +Bald lischt der Glanz in Blut! +Hier sind sie, die Geschenke, die ich bringe. +Du aber sei die Botin meiner Huld! + +Gora. +Ich? + +Medea. +Du. Du geh zur Königstochter hin +Sprich sie mit holden Schmeichelworten an +Bring ihr Medeens Gruß und was ich sende. + +(Die Sachen aus der Kiste nehmend.) + +Erst dies Gefäß; es birgt gar teure Salben, +Erglänzen wird die Braut, eröffnet sie's! +Allein sei sorgsam, schüttl' es nicht! + +Gora. +Weh mir! + +(Sie hat das Gefäß mit der Linken schief gefaßt. Da sie mit der +Rechten unterstützend den Deckel faßt, wird dieser etwas gehoben +und eine helle Flamme schlägt heraus.) + +Medea. +Sagt' ich dir nicht, du sollst nicht schütteln! Kehr in +dein Haus +Züngelnde Schlange +Bleibst nicht lange +Harre noch aus. Nun halt es und mit Vorsicht sag ich dir! + +Gora. +Mir ahnet Entsetzliches! + +Medea. +Fängst an zu merken? Ei was bist du klug! + +Gora. +Und ich soll's tragen? + +Medea. +Ja! Gehorche Sklavin! +Wagst du zu widerreden? Schweig! Du sollst. Du mußt. +Hier auf die Schale weit gewölbt von Gold, +Setz ich das zierlich reiche Prachtgefäß. +Und drüber deck ich, was so sehr sie lockt, +Das Vlies-- + +(Indem sie es darüber wirft.) + +Geh hin und tu was deines Amts! +Darüber aber schlinge sich dies Tuch, +Mit reichem Saum, ein Mantel, königlich, +Geheimnisvoll umhüllend das Geheime. Nun geh und tu wie ich es dir +befahl, +Bring das Geschenk, das Feind dem Feinde sendet. + +(Eine Sklavin kommt mit den Kindern.) + +Sklavin. +Die Kinder schickt mein königlicher Herr, +Nach einer Stunde hol ich sie zurück. + +Medea. +Sie kehren früh genug zum Hochzeitschmaus! +Geleite diese hier zu deiner Fürstin, +Mit Botschaft geht sie, mit Geschenk von mir. Du aber denke was +ich dir befahl! +Sprich nicht! Ich will's!--Geleite sie zur Herrin. + +(Gora und die Sklavin ab.) + +Medea. +Begonnen ist's, doch noch vollendet nicht. +Leicht ist mir, seit mir deutlich, was ich will. + +(Die Kinder, Hand in Hand, wollen der Sklavin folgen.) + +Medea. +Wohin? + +Knabe. +Ins Haus! + +Medea. +Was sucht ihr drin im Haus? + +Knabe. +Der Vater hieß uns folgen jener dort. + +Medea. +Die Mutter aber heißt euch bleiben. Bleibt! +Wenn ich bedenk, daß es mein eigen Blut, +Das Kind, das ich im eignen Schoß getragen, +Das ich genährt an dieser meiner Brust, +Daß es mein Selbst, das sich gen mich empört, +So zieht der Grimm mir schneidend durch das Innre, +Und Blutgedanken bäumen sich empor.--Was hat denn eure Mutter euch +getan, +Daß ihr sie flieht, euch Fremden wendet zu? + +Knabe. +Du willst uns wieder führen auf dein Schiff +Wo's schwindlicht ist und schwül. Wir bleiben da. +Gelt Bruder? + +Kleine. +Ja. + +Medea. +Auch du Absyrtus, du? +Allein es ist so besser, besser--ganz! +Kommt her zu mir! + +Knabe. +Ich fürchte mich. + +Medea. +Komm her! + +Knabe. +Tust du mir nichts? + +Medea. +Glaubst? hättest du's verdient? + +Knabe. +Einst warfst mich auf den Boden, weil dem Vater +Ich ähnlich bin, allein er liebt mich drum. +Ich bleib bei ihm und bei der guten Frau! + +Medea. +Du sollst zu ihr, zu deiner guten Frau!-- +Wie er ihm ähnlich sieht, ihm, dem Verräter +Wie er ihm ähnlich spricht. Geduld! Geduld! + +Kleinere. +Mich schläfert. + +Ältere. +Laß uns schlafen gehn 's ist spät. + +Medea. +Ihr werdet schlafen noch euch zu Genügen. +Geht hin dort an die Stufen, lagert euch, +Indes ich mich berate mit mir selbst.--- + Wie er den Bruder sorgsam hingeleitet, +Das Oberkleid sich abzieht und dem Kleinen +Es warm umhüllend um die Schulter legt, +Und nun, die kleinen Arme dicht verschlungen, +Sich hinlegt neben ihm.--Schlimm war er nie!--- + O Kinder! Kinder! + +Knabe (sich emporrichtend). +Willst du etwas? + +Medea. +Schlaf nur! +Was gäb' ich, könnt' ich schlafen so wie du. + +(Der Knabe legt sich hin und schläft. Medea setzt sich gegenüber +auf eine Ruhebank. Es ist nach und nach finster geworden.) + +Die Nacht bricht ein, die Sterne steigen auf, +Mit mildem, sanftem Licht herunterscheinend; +Dieselben heute, die sie gestern waren +Als wäre alles heut, wie's gestern war; +Indes dazwischen doch so weite Kluft +Als zwischen Glück befestigt und Verderben: +So wandellos, sich gleich, ist die Natur +So wandelbar der Mensch und sein Geschick. Wenn ich das Märchen +meines Lebens mir erzähle, +Dünkt mir, ein andrer spräch', ich hörte zu, +Ihn unterbrechend: Freund, das kann nicht sein! +Dieselbe, der du Mordgedanken leihst, +Läßt du sie wandeln in dem Land der Väter, +Von ebendieser Sterne Schein beleuchtet, +So rein, so mild, so aller Schuld entblößt +Als nur ein Kind am Busen seiner Mutter? +Wo geht sie hin? Sie sucht des Armen Hütte, +Dem ihres Vaters Jagd die Saat zerstampft +Und bringt ihm Gold und tröstet den Betrübten. +Was sucht sie Waldespfade? Ei sie eilt +Dem Bruder nach, der ihrer harrt im Forst, +Und nun, gefunden, wie zwei Zwillingssterne +Durchziehn sie strahlend die gewohnte Bahn. +Ein andrer naht, die Stirn mit Gold gekrönt; +Es ist ihr Vater, ist des Landes König. +Er legt die Hand ihr auf, ihr und dem Bruder +Und segnet sie, nennt sie sein Heil und Glück. +Willkommen holde, freundliche Gestalten +Sucht ihr mich heim in meiner Einsamkeit? +Kommt näher laßt mich euch ins Antlitz sehn! +Du guter Bruder, lächelst du mir zu? +Wie bist du schön, du meiner Seele Glück. +Dein Vater zwar ist ernst, doch liebt er mich +Liebt seine gute Tochter! Gut? Ha gut! + +(Aufspringend.) + +'s ist Lüge! Sie wird dich verraten Greis! +(Hat) dich verraten, dich und sich. +Du aber fluchtest ihr. +Ausgestoßen sollst du sein, +Wie das Tier der Wildnis, sagtest du, +Kein Freund sei dir, keine Stätte +Wo du hinlegest dein Haupt. +Er aber, um den du mich verrätst, +Er selber wird mein Rächer sein, +Wird dich verlassen, verstoßen +Töten dich. +Und sieh! Dein Wort ist erfüllt: +Ausgestoßen steh ich da, +Gemieden wie das Tier der Wildnis, +Verlassen von ihm, um den ich dich verließ, +Ohne Ruhstatt, leider (nicht) tot, +Mordgedanken im düstern Sinn. +Freust du dich der Rache? +Nahst du mir?--Kinder! Kinder! + +(Hineilend und sie rüttelnd.) + +Kinder hört ihr nicht? Steht auf. + +Knabe + +(aufwachend). +Was willst du? + +Medea + +(zu ihnen hingeschmiegt). +Schlingt die Arme um mich her! + +Knabe. +Ich schlief so sanft! + +Medea. +Wie könnt ihr schlafen? schlafen? +Glaubt ihr weil eure Mutter wacht bei euch? +In schlimmern Feindes Hand wart ihr noch nie! +Wie könnt ihr schlafen hier in meiner Nähe? +Geht da hinein, da drinnen mögt ihr ruhn! + +(Die Kinder gehen in den Säulengang.) + +So, sie sind fort! Nun ist mir wieder wohl!--Und weil sie fort; +was ist wohl besser drum? +Muß ich drum minder fliehn, noch heute fliehn? +Sie hier zurück bei meinen Feinden lassend? +Ist minder drum ihr Vater ein Verräter? +Hält minder Hochzeit drum die neue Braut? Morgen wenn die Sonne +aufgeht, +Steh ich schon allein, +Die Welt eine leere Wüste, +Ohne Kinder, ohne Gemahl +Auf blutig geritzten Füßen +Wandernd ins Elend.--Wohin? +Sie aber freuen sich hier und lachen mein! +Meine Kinder am Halse der Fremden +Mir entfremdet, auf ewig fern. +Duldest du das? +Ist's nicht schon zu spät? +Zu spät zum Verzeihn? +Hat sie nicht schon, Kreusa, das Kleid, +Und den Becher, den flammenden Becher? +--Horch!--Noch nicht!--Aber bald wird's erschallen +Von Jammergeschrei in der Königsburg. +Sie kommen, sie töten mich! +Schonen auch der Kleinen nicht. +Horch! jetzt rief's!--Helle zuckt empor! +Es ist geschehn! +Kein Rücktritt mehr! +Ganz sei es vollbracht! Fort! + +(Gora stürzt aus dem Palaste.) + +Gora. +O Greu'l! Entsetzen! + +Medea + +(ihr entgegen). +Ist's geschehen? + +Gora. +Weh! Kreusa tot! Flammend der Palast. + +Medea. +Bist du dahin, weiße Braut? +Verlockst du mir noch meine Kinder? +Lockst du sie? lockst du sie? +Willst du sie haben auch dort? +Nicht dir, den Göttern send ich sie! + +Gora. +Was hast du getan? Man kommt! + +Medea. +Kommt man? Zu spät! + +(Sie eilt in den Säulengang.) + +Gora. +Weh mir! Noch in meines Alters Tagen +Mußt' ich unbewußt dienen, so schwarzem Werk! +Rache riet ich selbst; doch solche Rache! +Aber wo sind die Kinder? hier ließ ich sie! +Medea, wo bist du? Deine Kinder, wo? + +(Eilt in den Säulengang.) + +(Der Palast im Hintergrunde fängt an sich von einer innen +aufsteigenden Flamme zu erleuchten.) + +Jasons Stimme. +Kreusa! Kreusa! + +König (von innen). +Meine Tochter! + +Gora (stürzt außer sich aus dem Säulengange heraus und fällt in der +Mitte des Theaters auf die Knie, sich das Gesicht mit den Händen +verhüllend). +Was hab ich gesehn?--Entsetzen! + +(Medea tritt aus dem Säulengange, in der Linken einen Dolch, mit +der rechten, hocherhobenen Hand Stillschweigen gebietend.) + +(Der Vorhang fällt.) + + + + +Fünfter Aufzug + +(Vorhof von Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge. Die Wohnung des +Königs im Hintergrunde ausgebrannt und noch rauchend. Mannigfach +beschäftigtes Volk füllt den Schauplatz. Morgendämmerung.) +(Der König schleppt Gora aus dem Palaste. Mehrere Dienerinnen +Kreusas hinter ihm her.) + +König. +Heraus mit dir! Du warst's, die meiner Tochter +Das Blutgeschenk gebracht, das sie verdarb! +O Tochter! O Kreusa, du mein Kind! + +(Gegen die Dienerinnen.) + +Die war's? + +Gora. +Ich war's. Unbewußt +Trug ich den Tod in dein Haus. + +König. +Unbewußt? +O glaube nicht, der Strafe zu entgehn! + +Gora. +Meinst du, mich schrecket deine Strafe? +Ich hab gesehn mit diesen meinen Augen +Die Kinder liegen tot in ihrem Blut, +Erwürgt von der, die sie gebar, +Von der, die ich erzog, Medea, +Seitdem dünkt Scherz mir jeder andre Greu'l! + +König. +Kreusa! Oh, mein Kind! Du Reine! Treue!-- +Erbebte dir die Hand nicht, Ungeheuer? +Als du den Tod hintrugst in ihre Nähe. + +Gora. +Um deine Tochter klag ich nicht. Ihr ward ihr Recht! +Was griff sie nach des Unglücks letzter Habe? +Ich klag um meine Kinder, meine Lieben, +Die ich gesehn, von Mutterhänden tot. +Ich wollt', ihr läget allesamt im Grab +Mit dem Verräter, der sich Jason nennt, +Ich aber wär' in Kolchis mit der Tochter +Und ihren Kindern; hätt' euch nie gesehn, +Nie eure Stadt, die Unheil trifft mit Recht. + +König. +Du legst den Trotz wohl ab, wenn ich dich treffe! +Allein ist's auch gewiß, daß tot mein Kind? +So viele sagen's; keine hat's gesehn! +Kann man dem Feuer nicht entrinnen? +Wächst Flamme denn so schnell? Nur langsam, +Nur zögernd kriecht sie an den Sparren fort. +Wer weiß das nicht? Und dennoch wär' sie tot? +Stand erst so blühend, lebend vor mir da, +Und wär' nun tot? Ich kann's, ich darf's nicht glauben! +Die Augen wend ich unwillkürlich hin +Und immer glaub ich, jetzt und jetzt und jetzt +Muß sie sich zeigen, weiß in ihrer Schönheit +Herniedergleitend durch die schwarzen Trümmer. +Wer war dabei? Wer sah es?--Du?--So sprich! +Dreh nicht die Augen so im Kopf herum! +Mit Worten töte mich!--Ist sie dahin? + +Magd. +Dahin! + +König. +Du sahst's? + +Magd. +Ich sah's. Sah wie die Flamme, +Hervor sich wälzend aus dem Goldgefäß, +Nach ihr-- + +König. +Genug!--Sie sah's!--Sie ist nicht mehr! +Kreusa! O mein Kind! O meine Tochter!-- +Einst--noch als Kind--verbrannte sie die Hand +Am Opferherd und qualvoll schrie sie auf. +Hin stürz ich, fasse sie in meinen Arm +Die heißen Finger mit den Lippen hauchend. +Da lächelt sie, trotz ihren bittern Tränen +Und leise schluchzend spricht sie: 's ist nicht viel +Was tut der Schmerz? Nur brennen, (brennen) nicht! +Und nun-- + +(Zu Gora.) + +Wenn ich das Schwert hier zwanzigmal +Dir stoß in deinen Leib--was ist's dagegen? +Und wenn ich sie, die Gräßliche!--Wo ist sie, +Die mir mein Kind geraubt? +ich schüttle dir +Die Antwort mit der Seel' aus deinem Mund +Wenn du mir nicht gestehst: wo ist sie hin? + +Gora. +Ich weiß es nicht und mag es auch nicht wissen! +Geh' unbegleitet sie in ihr Verderben. +Was weilt ihr? Tötet mich! Ich mag nicht leben! + +König. +Das findet sich; doch eher noch gestehst du! + +Jason + +(hinter der Szene). +Wo ist sie? Gebt sie mir heraus! Medea + +(mit dem bloßen Schwerte in der Hand auftretend) + +Man sagt mir, sie ward eingeholt! Wo ist sie? +Du hier? Und wo ist deine Herrin? + +Gora. +Fort! + +Jason. +Hat sie die Kinder? + +Gora. +Nein! + +Jason. +So sind sie?-- + +Gora. +Tot! +Ja tot! du heuchelnder Verräter!--Tot! +Sie wollte sie vor deinem Anschaun retten, +Und da dir nichts zu heilig auf der Erde +Hat sie hinabgeflüchtet sie ins Grab. +Steh nur und starre nur den Boden an! +Du rufst es nicht herauf das liebe Paar. +Sie sind dahin und dessen freu ich mich! +Nein dessen nicht!--Doch daß du drob verzweifelst +Des freu ich mich!--Du heuchelnder Verräter, +Hast du sie nicht dahin gebracht? Und du, +Du falscher König, mit der Gleisnermiene?-- +Habt ihr es nicht umstellt mit Jägernetzen +Des schändlichen Verrats, das edle Wild, +Bis ohne Ausweg, in Verzweiflungswut +Es, überspringend euer Garn, die Krone, +Des hohen Hauptes königlichen Schmuck +Mißbraucht zum Werkzeug ungewohnten Mords. +Ringt nur die Hände, ringt sie ob euch selbst! + +(Zum König.) + +Dein Kind, was sucht' es einer andern Bett? + +(Zu Jason.) + +Was stahlst du sie, hast du sie nicht geliebt? +Und liebtest du sie, was verstößt du sie? +Laßt andre, (mich) laßt ihre Tat verdammen +Euch beiden widerfuhr nur euer Recht. +Ihr spottet nun nicht mehr der Kolcherin.-- +Ich mag nicht länger leben auf der Erde +Zwei Kinder tot, das dritte hassenswert. +Führt mich nur fort und, wollt ihr, tötet mich. +Auf etwas (Jenseits) hoff ich nun gewiß, +Hab ich gesehn doch, daß Vergeltung ist. + +(Sie geht ab von einigen begleitet.) + +(Pause.) + +König. +Tat ich ihr Unrecht--bei den hohen Göttern +Ich hab es nicht gewollt!--Nun hin zu jenen Trümmern, +Daß wir die Reste suchen meines Kindes +Und sie bestatten in der Erde Schoß. + +(Zu Jason.) + +Du aber geh, wohin dein Fuß dich trägt. +Befleckter Nähe, merk ich, ist gefährlich. +Hätt' ich dich nie gesehn, dich nie genommen +Mit Freundestreue in mein gastlich Haus. +Du hast die Tochter mir genommen! Geh +Daß du nicht auch der Klage Trost mir nimmst! + +Jason. +Du stößt mich fort? + +König. +Ich weise dich von mir. + +Jason. +Was soll ich tun? + +König. +Das wird ein Gott dir sagen! + +Jason. +Wer leitet meinen Tritt? Wer unterstützt mich? +Mein Haupt ist wund, verletzt von Brandes Fall! +Wie, alles schweigt? Kein Führer, kein Geleitet? +Folgt niemand mir, dem einst so viele folgten? +Geht, Schatten meiner Kinder denn voran +Und leitet mich zum Grab, das meiner harrt. + +(Er geht.) + +König. +Nun auf, ans Werk! Dann Trauer ewiglich! + +(Nach der andern Seite ab.) + +(Wilde, einsame Gegend von Wald und Felsen umschlossen, mit einer +Hütte. Der Landmann auftretend.) + +Landmann. +Wie schön der Morgen aufsteigt. Güt'ge Götter! +Nach all den Stürmen dieser finstern Nacht +Hebt eure Sonne sich in neuer Schönheit. + +(Er geht in die Hütte.) + +(Jason kommt wankend, auf sein Schwert gestützt.) + +Jason. +Ich kann nicht weiter! Weh! Mein Haupt--es brennt-- +Es glüht das Blut--am Gaumen klebt die Zunge! +Ist niemand da? Soll ich allein verschmachten? +Hier ist die Hütte, die mir Obdach bot +Als ich, ein reicher Mann, ein reicher Vater +Hierherkam, neuerwachter Hoffnung voll! + +(Anpochend.) + +Nur einen Trunk! Nur einen Ort zum Sterben! + +(Der Landmann kommt heraus.) + +Landmann. +Wer pocht?--Wer bist du Armer? todesmatt? + +Jason. +Nur Wasser! Einen Trunk!--Ich bin der Jason! +Des Wunder-Vlieses Held! Ein Fürst! Ein König! +Der Argonauten Führer Jason, ich! + +Landmann. +Bist du der Jason? so heb dich von hinnen. +Beflecke nicht mein Haus, da du's betrittst. +Hast meines Königs Tochter du getötet +Nicht fordre Schutz vor seines Volkes Tür. + +(Er geht hinein, die Türe schließend.) + +Jason. +Er geht und läßt mich liegen hier am Weg! +Im Staub, getreten von des Wandrers Füßen! +Dich ruf ich: Tod, führ mich zu meinen Kindern! + +(Er sinkt nieder.) + +(Medea tritt hinter einem Felsenstück hervor und steht mit einemmal +vor ihm, das Vlies wie einen Mantel um ihre Schultern tragend.) + +Medea. +Jason! + +Jason + +(halb emporgerichtet). +Wer ruft?--Ha! seh ich recht? Bist du's? +Entsetzliche! Du trittst noch vor mich hin? +Mein Schwert! Mein Schwert! + +(Er will aufspringen, sinkt aber wieder zurück.) + +O weh mir! Meine Glieder +Versagen mir den Dienst!--Gebrochen!--Hin! + +Medea. +Laß ab! Du triffst mich nicht! Ich bin ein Opfer +Für eines andern Hand als für die deine! + +Jason. +Wo hast du meine Kinder? + +Medea. +Meine sind's! + +Jason. +Wo hast du sie? + +Medea. +Sie sind an einem Ort +Wo ihnen besser ist, als mir und dir. + +Jason. +Tot sind sie, tot! + +Medea. +Dir scheint der Tod das Schlimmste; +Ich kenn ein noch viel Ärgres: elend sein. +Hätt'st du das Leben höher nicht geachtet +Als es zu achten ist, uns wär' nun anders. +Drum tragen wir! Den Kindern ist's erspart! + +Jason. +Das sagst du und stehst ruhig? + +Medea. +Ruhig? Ruhig? +Wär' dir mein Busen nicht auch jetzt verschlossen, +Wie er dir's immer war, du sähst den Schmerz +Der endlos wallend wie ein brandend Meer +Die einzeln Trümmer meines Leids verschlingt +Und sie, verhüllt im Greuel der Verwüstung, +Mit sich wälzt in das Unermeßliche. +Nicht traur' ich, daß die Kinder nicht mehr sind +Ich traure, daß sie (waren) und daß (wir) sind. + +Jason. +O weh mir, weh! + +Medea. +Du trage, was dich trifft, +Denn wahrlich, unverdient trifft es dich nicht! +Wie du vor mir liegst auf der nackten Erde, +So lag ich auch in Kolchis einst vor dir, +Und bat um Schonung, doch du schontest nicht! +Mit blindem Frevel griffst du nach den Losen, +Ob ich dir zurief gleich: du greifst den Tod. +So habe denn was trotzend du gewollt: +Den Tod. Ich aber scheide jetzt von dir; +Auf immerdar. Es ist das letztemal +In alle Ewigkeit das letztemal +Daß ich zu dir nun rede mein Gemahl. +Leb wohl. Nach all den Freuden frührer Tage, +In all den Schmerzen, die uns jetzt umnachten, +Zu all dem Jammer, der noch künftig droht +Sag ich dir Lebewohl, mein Gatte. +Ein kummervolles Dasein bricht dir an, +Doch was auch kommen mag: Halt aus! +Und sei im Tragen stärker als im Handeln. +Willst du im Schmerz vergehn, so denk an mich +Und tröste dich an meinem größern Jammer, +Die ich getan, wo du nur unterlassen. +Ich geh hinweg, den ungeheuern Schmerz +Fort mit mir tragend in die weite Welt. +Ein Dolchstoß wäre Labsal, doch nicht so! +Medea soll nicht durch Medeen sterben, +Mein frühres Leben, eines bessern Richters +Macht es mich würdig, als Medea ist. +Nach Delphi geh ich. An des Gottes Altar +Von wo das Vlies einst Phryxus weggenommen +Häng ich, dem dunkeln Gott das Seine gebend, +Es auf, das selbst die Flamme nicht verletzt +Und das hervorging ganz und unversehrt +Aus der Korintherfürstin blut'gem Brande; +Dort stell ich mich den Priestern dar, sie fragend, +Ob sie mein Haupt zum Opfer nehmen an, +Ob sie mich senden in die ferne Wüste +In längerm Leben findend längre Qual. +Erkennst das Zeichen du, um das du rangst? +Das dir ein Ruhm war und ein Glück dir schien? +Was ist der Erde Glück?--Ein Schatten! +Was ist der Erde Ruhm?--Ein Traum! +Du Armer! der von Schatten du geträumt! +Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht. +Ich scheide nun, leb wohl, mein Gatte! +Die wir zum Unglück uns gefunden, +Im Unglück scheiden wir. Leb wohl! + +Jason. +Verwaist! Allein! O meine Kinder! + +Medea. +Trage! + +Jason. +Verloren! + +Medea. +Dulde! + +Jason. +Könnt' ich sterben! + +Medea. +Büße! +Ich geh und niemals sieht dein Aug' mich wieder! + +(Indem sie sich zum Fortgehen wendet fällt der Vorhang.) + + +Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das goldene Vließ, von +Franz Grillparzer. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Das goldene Vliess, by Franz Grillparzer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GOLDENE VLIESS *** + +This file should be named 7946-8.txt or 7946-8.zip + +Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen + +Project Gutenberg eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US +unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our eBooks one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to tell us about any error or corrections, +even years after the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our Web sites at: +https://gutenberg.org or +http://promo.net/pg + +These Web sites include award-winning information about Project +Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new +eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!). + + +Those of you who want to download any eBook before announcement +can get to them as follows, and just download by date. This is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our +projected audience is one hundred million readers. If the value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text +files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+ +We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002 +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +will reach over half a trillion eBooks given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks! +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +Here is the briefest record of our progress (* means estimated): + +eBooks Year Month + + 1 1971 July + 10 1991 January + 100 1994 January + 1000 1997 August + 1500 1998 October + 2000 1999 December + 2500 2000 December + 3000 2001 November + 4000 2001 October/November + 6000 2002 December* + 9000 2003 November* +10000 2004 January* + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of February, 2002, contributions are being solicited from people +and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut, +Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts, +Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New +Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio, +Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South +Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West +Virginia, Wisconsin, and Wyoming. + +We have filed in all 50 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, additions to this list +will be made and fund raising will begin in the additional states. +Please feel free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork to legally +request donations in all 50 states. 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