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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:30:36 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Das goldene Vliess, by Franz Grillparzer
+#4 in our series by Franz Grillparzer
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+**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**
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+
+*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****
+
+
+Title: Das goldene Vliess
+
+Author: Franz Grillparzer
+
+Release Date: April, 2005 [EBook #7946]
+[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
+[This file was first posted on June 3, 2003]
+
+Edition: 10
+
+Language: German
+
+Character set encoding: iso-8859-1
+
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GOLDENE VLIESS ***
+
+
+
+
+Produced by Delphine Lettau and Mike Pullen
+
+
+
+
+This Etext is in German.
+
+This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE.
+That project is reachable at the web site http://gutenberg.spiegel.de/.
+
+Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE"
+zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse
+http://gutenberg.spiegel.de/ erreichbar.
+
+
+
+
+Das goldene Vließ
+
+Franz Grillparzer
+
+
+Inhalt:
+ Der Gastfreund
+ Die Argonauten
+ Medea
+
+
+
+
+
+
+Der Gastfreund
+
+Franz Grillparzer
+
+Trauerspiel in einem Aufzug
+
+
+Personen:
+
+Aietes, König von Kolchis
+Medea, seine Tochter
+Gora, Medeens Amme
+Peritta, eine ihrer Jungfrauen
+Phryxus
+Jungfrauen Medeens
+Griechen in Phryxus' Gefolge
+Kolcher
+
+
+
+
+Kolchis. (Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen, im Hintergrunde das
+Meer. Am Gestade desselben ein Altar, von unbehauenen Steinen
+zusammengefügt, auf dem die kolossale Bildsäule eines nackten,
+bärtigen Mannes steht, der in seiner Rechten eine Keule, um die
+Schultern ein Widderfell trägt. Links an den Szenen des
+Mittelgrundes der Eingang eines Hauses mit Stufen und rohen Säulen.
+Tagesanbruch.)
+Medea, Gora, Peritta, Gefolge von Jungfrauen.
+(Beim Aufziehen des Vorhanges steht Medea im Vorgrunde mit dem
+Bogen in der Hand in der Stellung einer, die eben den Pfeil
+abgeschossen. An den Stufen des Altars liegt ein, von einem Pfeile
+durchbohrtes Reh.)
+
+Jungfrauen (die entfernt gestanden, zum Altare hineilend).
+Das Opfer blutet!
+
+Medea (in ihrer vorigen Stellung).
+Traf's?
+
+Eine der Jungfrauen.
+--Gerad' ins Herz!
+
+Medea (indem sie den Bogen abgibt).
+Das deutet Gutes; laßt uns eilen denn!
+Geh' eine hin und spreche das Gebet.
+
+Gora (zum Altar tretend).
+Darimba, mächtige Göttin
+Menschenerhalterin, Menschentöterin
+Die den Wein du gibst und des Halmes Frucht
+Gibst des Weidwerks herzerfreuende Spende
+Und des Todfeinds Blut:
+Darimba, reine, magdliche
+Tochter des Himmels,
+Höre mich!
+
+Chor.
+Darimba, mächtige Göttin,
+Darimba! Darimba!
+
+Gora.
+Sieh ein Reh hab' ich dir getötet
+Den Pfeil schnellend vom starken Bogen
+Dein ist's! Laß dir gefallen sein Blut!
+Segne das Feld und den beutereichen Wald
+Gib, daß wir recht tun und siegen in der Schlacht
+Gib, daß wir lieben den Wohlwollenden
+Und hassen den, der uns haßt.
+Mach' uns stark und reich, Darimba,
+Mächtige Göttin!
+
+Chor.
+Darimba, Darimba!
+
+Gora.
+Das Opfer am Altar zuckt und endet,
+So mögen deine Feinde enden, Darimba!
+Deine Feinde und die unsern!
+Es ist Medea, Aietes' Tochter,
+Des Herrschers von Kolchis fürstliches Kind
+Die empor in deine Wohnungen ruft
+Höre mich, höre mich
+Und erfülle was ich bat!
+
+Chor (mit Zimbeln und Handpauken zusammen schlagend).
+Darimba, Darimba!
+Mächtige Göttin!
+Eriho! Jehu!
+
+Medea.
+Und somit genug! Das Opfer ist gebracht,
+Vollendet das zögernde Geschäft.
+Nun Pfeil und Bogen her, die Hunde vor,
+Daß von des Jagdlärms hallendem Getos
+Der grüne Wald ertöne nah und fern!
+Die Sonne steigt. Hinaus! hinaus!
+Und die am schnellsten rennt und die am leichtsten springt
+Sei Königin des Tags.--
+Du hier Peritta? Sagt' ich dir nicht,
+Daß du mich meiden sollst und gehn? So geh!
+
+Peritta (knieend).
+Medea!
+
+Medea.
+Kniee nicht! Du sollst nicht knien!
+Hörst du? In deine Seele schäm' ich mich.
+So feig, so zahm!--Mich schmerzt nicht dein Verlust,
+Mich schmerzt, daß ich dich jetzt verachten muß
+Und hab' dich einst geliebt!
+
+Peritta.
+O wüßtest du!
+
+Medea.
+Was denn?--Stahlst du dich neulich von der Jagd
+Und gingst zum Hirten ins Tergener Tal?
+Tatst du's? Sprich nein! Du Falsche, Undankbare!
+Versprachst du nicht du wolltest mein sein, mein
+Und keines Manns? Sag' an, versprachst du's?
+
+Peritta.
+Als ich's gelobte wußt' ich damals--
+
+Medea.
+Schweig!
+Was braucht's zu wissen, als daß du's versprachst.
+Ich bin Aietes' königliches Kind
+Und was ich tu' ist recht weil ich's getan.
+Und doch, du Falsche! hätt' ich dir versprochen
+Die Hand hier abzuhaun von meinem Arm
+Ich tät's; fürwahr ich tät's, weil ich's versprach.
+
+Peritta.
+Es riß mich hin, ich war besinnungslos,
+Und nicht mit meinem Willen, nein--
+
+Medea.
+Ei hört!
+Sie wollte nicht und tat's!--Geh du sprichst Unsinn.
+Wie konnt' es denn geschehn
+Wenn du nicht (wolltest). Was ich tu' das will ich
+Und was ich will--je nu das tu' ich manchmal (nicht).
+Geh hin in deines Hirten dumpfe Hütte
+Dort kaure dich in Rauch und schmutz'gen Qualm
+Und baue Kohl auf einer Spanne Grund.
+Mein Garten ist die ungemeßne Erde
+Des Himmels blaue Säulen sind mein Haus
+Da will ich stehn des Berges freien Lüften
+Entgegen tragend eine freie Brust
+Und auf dich niedersehn und dich verachten.
+Hallo! in Wald! Ihr Mädchen in den Wald!
+(Indem sie abgeben will kömmt von der andern Seite ein) Kolcher.
+
+Kolcher.
+Du Königstochter, höre!
+
+Medea.
+Was? Wer ruft?
+
+Kolcher.
+Ein Schiff mit Fremden angelangt zur Stund'!
+
+Medea.
+Dem Vater sag' es an. Was kümmert's mich!
+
+Kolcher.
+Wo weilt er?
+
+Medea.
+Drin im Haus!
+
+Kolcher.
+Ich eile!
+
+Medea.
+Tu's!
+
+(Der Bote ab ins Haus.)
+
+Medea.
+Daß diese Fremden uns die Jagdlust stören!
+Ihr Schiff, es ankert wohl in jener Bucht,
+Die sonst zum Sammelplatz uns dient der Jagd.
+Allein was tut's! Bringt lange Speere her
+Und nahet ein Kühner, zahl' er's mit Blut!
+Nur Speere her! doch leise, leise, hört!
+Denn säh's der Vater wehren möcht' er es.
+Kommt!--Dort das Mal von Steinen aufgehäuft
+Seht ihr's dort oben? Wer erreicht's zuerst?
+Stellt euch!--Nichts da! Nicht vorgetreten! Weg!
+Wer siegt hat auf der Jagd den ersten Schuß:
+So, stellt euch und wenn ich das Zeichen gebe
+Dann wie der Pfeil vom Bogen fort! Gebt Acht!
+Acht!--Jetzt!--
+Aietes (ist unterdessen aus dem Hause getreten, mit ihm der) Bote,
+(der gleich abgeht.)
+
+Aietes.
+Medea!
+
+Medea (sich umwendend aber ohne ihren Platz zu verändern).
+Vater!
+
+Aietes.
+Du, wohin?
+
+Medea.
+In Wald!
+
+Aietes.
+Bleib jetzt!
+
+Medea.
+Warum?
+
+Aietes.
+Ich will's. Du sollst.
+
+Medea.
+So fürchtest du, daß jene Fremden--
+
+Aietes.
+Weißt du also?--
+
+(Näher tretend, mit gedämpfter Stimme.)
+
+Angekommen Männer
+Aus fernem Land
+Bringen Gold, bringen Schätze,
+Reiche Beute.
+
+Medea.
+Wem?
+
+Aietes.
+Uns, wenn wir wollen.
+
+Medea.
+Uns?
+
+Aietes.
+'s sind Fremde, sind Feinde,
+Kommen zu verwüsten unser Land.
+
+Medea.
+So geh hin und töte sie!
+
+Aietes.
+Zahlreich sind sie und stark bewehrt
+Reich an List die fremden Männer,
+Leicht töten sie (uns.)
+
+Medea.
+So laß sie ziehn!
+
+Aietes.
+Nimmermehr.
+Sie sollen mir--
+
+Medea.
+Tu was du willst
+Mich aber laß zur Jagd!
+
+Aietes.
+Bleib, sag' ich, bleibe
+
+Medea.
+Was soll ich?
+
+Aietes.
+Helfen! Raten!
+
+Medea.
+Ich?
+
+Aietes.
+Du bist klug, du bist stark.
+Dich hat die Mutter gelehrt
+Aus Kräutern, aus Steinen
+Tränke bereiten,
+Die den Willen binden
+Und fesseln die Kraft.
+Du rufst Geister
+Und besprichst den Mond
+Hilf mir, mein gutes Kind!
+
+Medea.
+Bin ich dein gutes Kind!
+Sonst achtest du meiner wenig.
+Wenn ich will, willst du (nicht)
+Und schiltst mich und schlägst nach mir;
+Aber wenn du mein bedarfst
+Lockst du mich mit Schmeichelworten
+Und nennst mich Medea, dein liebes Kind.
+
+Aietes.
+Vergiß Medea was sonst geschehn.
+Bist doch auch nicht immer wie du solltest.
+Jetzt steh mir bei und hilf mir.
+
+Medea.
+Wozu?
+
+Aietes.
+So höre denn mein gutes Mädchen!--
+Das Gold der Fremden all und ihre Schätze--
+Gelt lächelst?
+
+Medea.
+Ich?
+
+Aietes.
+Ei ja, das viele Gold
+Die bunten Steine und die reichen Kleider
+Wie sollen die mein Mädchen zieren!
+
+Medea.
+Ei immerhin!
+
+Aietes.
+Du schlaue Bübin, sieh,
+Ich weiß dir lacht das Herz nach all der Zier!
+
+Medea.
+Kommt nur zur Sache, Vater!
+
+Aietes.
+Ich--
+Heiß dort die Mädchen gehn!
+
+Medea.
+Warum?
+
+Aietes.
+Ich will's!
+
+Medea.
+Sie sollen ja mit mir zur Jagd.
+
+Aietes.
+Heut keine Jagd'
+
+Medea.
+Nicht?
+
+Aietes.
+Nein sag' ich und nein! und nein!
+
+Medea.
+Erst lobst du mich und--
+
+Aietes.
+Nun, sei gut, mein Kind!
+Komm hierher! Weiter! hierher, so!
+Du bist ein kluges Mädchen, dir kann ich trauen.
+Ich--
+
+Medea.
+Nun!
+
+Aietes.
+Was siehst du mir so starr ins Antlitz?
+
+Medea.
+Ich höre Vater!
+
+Aietes.
+O ich kenne dich!
+Willst du den Vater meistern, Ungeratne?
+I ch entscheide was gut, was nicht.
+Du (gehorchst). Aus meinen Augen Verhaßte!
+
+
+(Medea geht.)
+
+
+Bleib!--Wenn du wolltest, begreifen wolltest--
+Ich weiß du kannst, allein du willst es nicht!
+--So sei's denn, bleib aus deines Vaters Rat
+Und diene, weil du dienen willst.
+
+(Man hört in der Ferne kriegerische Musik.)
+
+Aietes.
+Was ist das? Weh sie kommen uns zuvor!
+Siehst du Törin?
+Die du schonen wolltest, sie töten uns!
+In vollem Zug hierher die fremden Männer!
+Weh uns! Waffen! Waffen!
+
+(Der Bote kommt wieder.)
+
+Bote.
+Der Führer, Herr, der fremden Männer!--
+
+Aietes.
+Was will er? Meine Krone, mein Leben?
+Noch hab' ich Mut, noch hab' ich Kraft
+Noch wallt Blut in meinen Adern
+Zu tauschen Tod um Tod!
+
+Bote.
+Er bittet um Gehör.
+
+Aietes.
+Bittet?
+
+Bote.
+Freundlich sich mit dir zu besprechen
+Zu stiften friedlichen Vergleich.
+
+Aietes.
+Bittet? und hat die Macht in Händen,
+Findet uns unbewehrt, er in Waffen,
+Und bittet, der Tor!
+
+Bote.
+In dein Haus will er treten,
+Sitzen an deinem Tische,
+Essen von deinem Brot
+Und dir vertrauen
+Was ihn hierher geführt.
+
+Aietes.
+Er komme, er komme.
+Hält er Friede nur zwei Stunden,
+Später fürcht' ich ihn nicht mehr.
+Sag' ihm, daß er nahe,
+Aber ohne Schild ohne Speer,
+Nur das Schwert an der Seite,
+Er und seine Gesellen.
+Dann aber geh und biet auf die Getreuen
+Rings herum im ganzen Lande
+Heiß sie sich stellen gewappnet, bewehrt
+Mit Schild und Panzer mit Lanz' und Schwert
+Und sich verbergen im nahen Gehölz
+Bis ich winke, bis ich rufe.--Geh!
+
+(Bote ab.)
+
+Ich will dein lachen du schwacher Tor!
+Du aber Medea, sei mir gewärtig!
+Einen Trank, ich weiß es, bereitest du
+Der mit sanfter, schmeichelnder Betäubung
+Die Sinn' entbindet ihres Diener-Amts
+Und ihren Herrn zum Sklaven macht des Schlafs.
+Geh hin und hole mir von jenem Trank!
+
+Medea.
+Wozu?
+
+Aietes.
+Geh, sag' ich, hin und hol' ihn mir!
+Dann komm zurück. Ich will sie zähmen diese Stolzen!
+
+(Medea ab.)
+
+Aietes
+
+(gegen den Altar im Hintergrunde gewandt).)
+Peronto, meiner Väter Gott!
+Laß gelingen, was ich sinne
+Und teilen will ich, treu und redlich
+Was wir gewinnen von unsern Feinden.
+(Kriegerische Musik.) Bewaffnete Griechen (ziehen auf, mit grünen
+Zweigen in der Hand. Der letzte geht) Phryxus, (in der linken Hand
+gleichfalls einen grünen Zweig, in der Rechten ein goldenes
+Widderfell, in Gestalt eines Panieres auf der Lanze tragend.)
+Bewaffnete Kolcher (treten von der andern Seite ein. Die Musik
+schweigt.)
+(Indem Phryxus an dem im Hintergrunde befindlichen Altar und der
+darauf stehenden Bildsäule vorbeigeht, bleibt er, wie von Erstaunen
+gefesselt stehn, dann spricht er:)
+
+Phryxus.
+Kann ich den Augen traun?--Er ist's, er ist's!
+Sei mir gegrüßt, du freundliche Gestalt,
+Die mich durch Wogensturm und Unglücksnacht
+Hierher geführt an diese ferne Küste,
+Wo Sicherheit und einfach stille Ruh
+Mit Kindesblicken mir entgegen lächeln.
+Dies Zeichen, das du mir als Pfand der Rettung
+In jener unheilvollen Stunde gabst
+Und das, wie der Polarstern vor mir leuchtend,
+Mich in den Hafen eingeführt des Glücks,
+Ich pflanz' es dankbar auf vor deinem Altar
+Und beuge betend dir ein frommes Knie,
+Der du ein Gott mir warest in der Tat
+Wenn gleich dem Namen nach, mir Fremden, nicht!
+
+(Er knieet.)
+
+Aietes (im Vorgrunde).
+Was ist das?
+Er beugt sein Knie dem Gott meiner Väter!
+Denk' der Opfer, die ich dir gebracht,
+Hör' ihn nicht Peronto,
+Höre den Fremden nicht!
+
+Phryxus (aufstehend).
+Erfüllet ist des Dankens süße Pflicht.
+Nun führt zu eurem König mich! Wo weilt er?
+
+
+(Die Kolcher weichen schweigend und scheu zu beiden Seiten aus dem
+Wege.)
+
+
+
+Phryxus (erblickt den König, auf ihn zugehend).
+In dir grüß' ich den Herrn wohl dieses Landes?
+
+Aietes.
+Ich bin der Kolcher Fürst!
+
+Phryxus.
+Sei mir gegrüßt!
+Es führte Göttermacht mich in dein Reich,
+So ehr' in mir den Gott, der mich beschützt.
+Der Mann, der dort auf jenem Altar thront,
+ist er das Bildnis eines der da lebte?
+Wie, oder ehrt ihr ihn als einen Himmlischen?
+
+Aietes.
+Es ist Peronto, der Kolcher Gott.
+
+Phryxus.
+Peronto! Rauher Laut dem Ohr des Fremden,
+Wohltönend aber dem Geretteten.
+Verehrst du jenen dort als deinen Schützer
+So liegt ein Bruder jetzt in deinem Arm,
+Denn (Brüder) sind ja Eines Vaters Söhne.
+
+Aietes (der Umarmung ausweichend).
+Schützer er dir?
+
+Phryxus.
+Ja, du sollst noch hören.
+Doch laß mich bringen erst mein Weihgeschenk.
+
+(Er geht zum Altar und stößt vor demselben sein Panier in den Boden.)
+
+Medea (kommt mit einem Becher.)
+
+Medea (laut).
+Hier Vater ist der Trank!
+
+Aietes (sie gewaltsam auf die Seite ziehend, leise).
+Schweig Törichte!
+Siehst du denn nicht?
+
+Medea.
+Was?
+
+Aietes.
+Den Becher gib der Sklavin
+Und schweig!
+
+Medea.
+Wer ist der Mann?
+
+Aietes.
+Der Fremden Führer, schweig!
+
+Phryxus (vom Altare zurückkommend).
+Jetzt tret' ich leicht erst in dein gastlich Haus!
+Doch wer ist dieses blühend holde Wesen,
+Das, wie der goldne Saum der Wetterwolke
+Sich schmiegt an deine krieg'rische Gestalt?
+Die roten Lippen und der Wange Licht
+Sie scheinen Huld und Liebe zu verheißen,
+Streng widersprochen von dem finstern Aug,
+Das blitzend wie ein drohender Komet
+Hervorstrahlt aus der Locken schwarzem Dunkel.
+Halb Charis steht sie da und halb Mänade,
+Entflammt von ihres Gottes heil'ger Glut.
+Wer bist du, holdes Mädchen?
+
+Aietes.
+Sprich Medea!
+
+Medea (trocken).
+Medea bin ich, dieses Königs Kind!
+
+Phryxus.
+Fürwahr ein Kind und eine Königin!
+Ich nehm' dich an als gute Vorbedeutung
+Für eine Zukunft, die uns noch verhüllt.
+O lächle Mädchenbild auf meinen Eintritt!
+Vielleicht, wer weiß, ob nicht dein Vater,
+Von dem ich Zuflucht nur und Schutz verlangt,
+Mir einst noch mehr gibt, mehr noch, o Medea!
+
+Aietes.
+Was also, Fremdling, ist dein Begehr?
+
+Phryxus.
+So höre denn was mich hierher geführt,
+Was ich verloren, Herr, und was ich suche.
+Geboren bin ich in dem schönen Hellas,
+Von Griechen, ich ein Grieche, reinen Bluts.
+Es lebet niemand, der sich höhrer Abkunft,
+Sich edlern Stammes rühmen kann als ich,
+Denn Hellas' Götter nenn' ich meine Väter
+Und meines Hauses Ahn regiert die Welt.
+
+Medea (sich abwendend).
+Ich gehe Vater um--
+
+Aietes.
+Bleib hier und schweig!
+
+Phryxus.
+Von Göttern also zieh' ich mein Geschlecht!
+Allein mein Vater, alten Ruhms vergessend
+Und jung-erzeugter Kinder Recht und Glück,
+Erkor zur zweiten Eh' ein niedrig Weib,
+Das, neidisch auf des ersten Bettes Sprossen
+Und üb'rall Vorwurf sehend, weil sie selbst
+Sich Vorwurf zu (verdienen) war bewußt,
+Den Zorn des Vaters reizte gegen mich.
+Die Zwietracht wuchs und Häscher sandt' er aus
+Den Sohn zu fahn, vielleicht zu töten ihn.
+Da ging ich aus der Väter Haus und floh
+In fremden Land zu suchen heimisch Glück.
+Umirrend kam ich in die Delpherstadt
+Und trat, beim Gotte Rat und Hilfe suchend
+In Phöbos' reiches, weitberühmtes Haus.
+Da stand ich in des Tempels weiten Hallen,
+Mit Bildern rings umstellt und Opfergaben,
+Erglühend in der Abendsonne Strahl.
+Vom Schauen matt und von des Weges Last
+Schloß sich mein Aug und meine Glieder sanken;
+Dem Zug erliegend schlummerte ich ein.
+Da fand ich mich im Traum im selben Tempel
+In dem ich schlief, doch wachend und allein
+Und betend zu dem Gott um Rat. Urplötzlich
+Umflammt mich heller Glanz und einen Mann
+In nackter Kraft, die Keule in der Rechten,
+Mit langem Bart und Haar, ein Widderfell
+Um seine mächt'gen Schultern, stand vor mir
+Und lächelte mit milder Huld mich an.
+("Nimm Sieg und Rache hin!") sprach er, und löste
+Das reiche Vließ von seinen Schultern ab
+Und reichte mir's; da, schütternd, wacht' ich auf.
+Und siehe! von dem Morgenstrahl beleuchtet
+Stand eine Blende schimmernd vor mir da
+Und drin aus Marmor künstlich ausgehaun
+Derselbe Mann, der eben mir erschienen
+Mit Haar und Bart und Fell, wie ich's gesehn.
+
+Aietes (auf die Bildsäule im Hintergrunde zeigend).
+Der dort?
+
+Phryxus.
+Ihm glich er wie ich mir.
+So stand er da in Götterkraft und Würde,
+Vergleichbar dem Herakles, doch nicht er.
+Und an dem Fußgestell des Bildes war
+Der Name (Kolchis) golden eingegraben.
+Ich aber deutete des Gottes Rat;
+Und nehmend was er rätselhaft mir bot
+Löst' ich, ich war allein, den goldnen Schmuck
+Vom Hals des Bildes, und in Eile fort.
+Des Vaters Häscher fand ich vor den Toren
+Sie wichen scheu des Gottes Goldpanier
+Die Priester neigten sich, das Volk lag auf den Knieen
+Und vor mir her es auf der Lanze tragend
+Kam ich durch tausend Feinde bis ans Meer.
+Ein schifft' ich mich und hoch als goldne Wimpel
+Flog mir das Vließ am sturmumtobten Mast
+Und wie die Wogen schäumten, Donner brüllten
+Und Meer und Wind und Hölle sich verschworen
+Mich zu versenken in das nasse Grab
+Versehrt ward mir kein Haar und unverletzt
+Kam ich hierher an diese Rettungsküste
+Die vor mir noch kein griech'scher Fuß betrat.
+Und jetzo geht an dich mein bittend Flehn
+Nimm auf mich und die Meinen in dein Land,
+Wo nicht so fass' ich selber Sitz und Stätte
+Vertrauend auf der Götter Beistand, die
+Mir (Sieg und Rache) durch dies Pfand verliehn!
+- Du schweigst?
+
+Aietes.
+Was willst du, daß ich sage?
+
+Phryxus.
+Gewährst du mir ein Dach, ein gastlich Haus?
+
+Aietes.
+Tritt ein, wenn dir's gutdünkt, Vorrat ist
+Von Speis' und Trank genug. Dort nimm und iß!
+
+Phryxus.
+So rauh übst du des Wirtes gastlich Amt?
+
+Aietes.
+Wie du dich gibst so nehm' ich dich.
+Wer in des Krieges Kleidung Gabe heischt
+Erwarte nicht sie aus des Friedens Hand.
+
+Phryxus.
+Den Schild hab' ich, die Lanze abgelegt.
+
+Aietes.
+Das Schwert ist, denkst du gegen uns genug?
+Doch halt' es wie du willst.
+
+(Leise zu Medea.)
+
+Begehr' sein Schwert!
+
+Phryxus.
+Noch eins! An reichem Schmuck und köstlichen Gefäßen
+Bring' ich so manches, was ich sichern möchte.
+Du nimmst es doch in deines Hauses Hut?
+
+Aietes.
+Tu, wie du willst!
+
+(Zu Medea.)
+
+Sein Schwert sag' ich begehr'!
+
+Phryxus.
+Nun denn, Gefährten, was wir hergebracht
+Gerettet aus des Glückes grausem Schiffbruch,
+Bringt es hierher in dieser Mauern Umfang
+Als Grundstein eines neuen, festern Glücks.
+
+Aietes (zu Medea).
+Des Fremden Schwert!
+
+Medea.
+Wozu?
+
+Aietes.
+Sein Schwert sag' ich!
+
+Medea (zu Phryxus).
+Gib mir dein Schwert!
+
+Phryxus.
+Was sagst du holdes Kind?
+
+Aietes.
+Fremd ist dem Mädchen eurer Waffen Anblick
+Bei uns geht nicht der Friedliche bewehrt.
+Auch ist's euch lästig.
+
+Phryxus (zu Medeen).
+Sorgest du um mich?
+
+(Medea wendet sich ab.)
+
+Sei mir nicht bös! Ich weigr' es dir ja nicht!
+
+(Er gibt ihr das Schwert.)
+
+Den Himmlischen vertrau' ich mich und dir!
+Wo du bist da ist Frieden. Hier mein Schwert!
+Und jetzo in dein Haus, mein edler Wirt!
+
+Aietes.
+Geht nur, ich folg' euch bald!
+
+Phryxus.
+Und du Medea?
+Laß mich auch dich am frohen Tische sehn!
+Kommt Freunde teilt die Lust wie ehmals die Gefahr!
+
+(Ab mit seinen Gefährten.)
+
+(Medea setzt sich auf eine Felsenbank im Vorgrunde und beschäftigt
+sich mit ihrem Bogen, den sie von der Erde aufgehoben hat. Aietes
+steht auf der andern Seite des Vorgrundes und verfolgt mit den
+Augen die Diener des Phryxus, die Gold und reiche Gefäße ins Haus
+tragen.--Lange Pause.)
+
+Aietes.
+Medea!
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes.
+Was denkst du?
+
+Medea.
+Ich? Nichts!
+
+Aietes.
+Vom Fremden mein' ich,
+
+Medea.
+Er spricht und spricht;
+Mir widert's!
+
+Aietes (rasch auf sie zugehend).
+Nicht wahr? Spricht und gleißt
+Und ist ein Bösewicht,
+Ein Gottverächter, ein Tempelräuber!
+Ich töt' ihn!
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes.
+Ich tu's!
+Soll er davon tragen all den Reichtum
+Den er geraubt, dem Himmel geraubt?
+Erzählt' er nicht selbst, wie er im Tempel
+Das Vließ gelöst von der Schulter des Gottes,
+Des Donnerers, Perontos,
+Der Kolchis beschützt.
+Ich will dir ihn schlachten Peronto!
+Rache sei dir, Rache!
+
+Medea.
+Töten willst du, den Fremden, den Gast?
+
+Aietes.
+Gast?
+Hab' ich ihn geladen in mein Haus?
+Ihm beim Eintritt Brot und Salz gereicht
+Und geheißen sitzen auf meinem Stuhl?
+Ich hab' ihm nicht Gastrecht geboten,
+Er nahm sich's, büß' er's der Tor!
+
+Medea.
+Vater! Peronto rächet den Mord!
+
+Aietes.
+Peronto (gebeut) ihn.
+Hat der Freche nicht an ihm gefrevelt?
+Sein Bild beraubt in der Delpherstadt?
+Führt der Erzürnte ihn nicht selbst her
+Daß ich ihn strafe, daß ich räche
+Des Gottes Schmach und meine?
+Das Vließ dort am glänzenden Speer,
+Des Gottes Kleid, der Kolcher Heiligtum
+Soll's ein Fremder, ein Frevler entweihn?
+Mein ist's, mein! Mir sendet's der Gott
+Und (Sieg und Rache) geknüpft an dies Pfand
+Den Unsern werd' es zu Teil!
+Tragt nur zu des kostbaren Guts!
+Ihr führet die Ernte mir ein!
+Sprich nicht und komm! daß er uns nicht vermißt
+Gefahrlos sei die Rach' und ganz!
+Komm, sag' ich, komm!
+
+(Beide ab ins Haus.)
+
+(Ein Kolchischer Hauptmann mit Bewaffneten tritt auf.)
+
+Hauptmann.
+Hierher beschied man uns. Was sollen wir?
+
+Ein Kolcher
+
+(aus dem Hause).)
+Heda!
+
+Hauptmann.
+Hier sind wir!
+
+Kolcher.
+Leise!
+
+Hauptmann.
+Sprich! Was soll's?
+
+Kolcher.
+Verteilt euch rechts und links und wenn ein Fremder--
+Doch still jetzt! Einer naht!--Kommt! hört das Weitre!
+
+(Alle ab.)
+
+Phryxus (mit ängstlichen Schritten aus dem Hause).
+Ihr Götter! Was ist das? Ich ahne Schreckliches.
+Es murmeln die Barbaren unter sich
+Und schaun mit höhn'schen Lächeln hin auf uns.
+Man geht, man kommt, man winkt, man lauert.
+Und die Gefährten, einer nach dem andern
+Sinkt hin in dumpfen Schlaf; ob Müdigkeit,
+Ob irgend ein verruchter Schlummertrank
+Sie einlullt weiß ich nicht. Gerechte Götter!
+Habt ihr mich hergeführt, mich zu verderben?
+Nur eines bleibt mir noch: Flucht auf mein Schiff.
+Dort samml' ich die Zurückgebliebenen,
+Und dann zur Rettung her, zur Hilfe--Horch!
+
+(Schwertgeklirr und dumpfe Stimmen im Hause.)
+
+Man ficht!--Man tötet!--Weh mir, weh!--zu spät!
+Nun bleibt nur Flucht. Schnell eh die Mörder nahn!
+
+(Er will gehn.)
+
+Krieger (mit gefällten Spießen treten ihm entgegen).
+Zurück!
+
+Phryxus.
+Ich bin verraten!--Hier!
+
+(Von allen Seiten treten Bewaffnete mit gesenkten Speeren ihm
+entgegen.)
+
+Gewaffnete.
+Zurück!
+
+Phryxus.
+Umsonst! Es ist vorbei!--Ich folg' euch Freunde!
+
+(An den Altar hineilend.)
+
+Nun denn, du Hoher, der mich hergeführt,
+Bist du ein Gott, so schirme deinen Schützling!
+Aietes (mit bloßem Schwert aus dem Hause.) Medea (hinter ihm.)
+Gefolge.
+
+Aietes.
+Wo ist er?
+
+Medea.
+Vater, höre!
+
+Aietes.
+Wo, der Fremdling?
+Dort am Altar. Was suchst du dort?
+
+Phryxus.
+Schutz such' ich!
+
+Aietes.
+Gegen wen? Komm mit ins Haus!
+
+Phryxus.
+Hier steh' ich und umklammre diesen Altar,
+Den Göttern trau' ich; o daß ich es dir!
+
+Medea.
+O Vater höre mich!
+
+Phryxus.
+Du auch hier Schlange?
+Warst du so schön und locktest du so lieblich
+Mich zu verderben hier im Todesnetz?
+Mein Herz schlug dir vertrauensvoll entgegen,
+Mein Schwert, den letzten Schutz gab ich in deine Hand
+Und du verrätst mich?
+
+Medea.
+Nicht verriet ich dich!
+Gabst du dein Schwert mir, nimm ein andres hier
+Und wehre dich des Lebens.
+
+(Sie hat einem der Umstehenden das Schwert entrissen und reicht es
+ihm.)
+
+Aietes (ihr das Schwert entreißend).
+Törichte!
+Vom Altar fort!
+
+Phryxus.
+Ich bleibe!
+
+Aietes.
+Reißt ihn weg!
+
+Phryxus (da einige auf ihn losgehen).
+Nun denn, so muß ich sterben?--Ha, es sei!
+Doch ungerochen, klaglos fall' ich nicht.
+
+(Er reißt das Panier mit dem goldenen Vließ aus der Erde und tritt
+damit in den Vorgrund.)
+
+Du unbekannte Macht, die her mich führend,
+Dies Pfand der Rettung huldvoll einst mir gab
+Und (Sieg und Rache) mir dabei verhieß;
+Zu dir ruf' ich empor nun! Höre mich!
+Hab' ich den (Sieg) durch eigne Schuld verwirkt,
+Das Haupt darbietend dem Verräternetz
+Und blind dem Schicksal trauend statt mir selber
+So laß doch (Rache) wenigstens ergehn
+Und halte deines Wortes zweite Hälfte!
+
+Aietes.
+Was zauderst du?
+
+Phryxus.
+Aietes!
+
+Aietes.
+Nun was noch?
+
+Phryxus.
+Ich bin dein Gast und du verrätst mich?
+
+Aietes.
+Mein Gast? Mein Feind.
+Was suchtest du, Fremder, in meinem Land? Tempelräuber!
+Hab' ich dir Gastrecht gelobt? dich geladen in mein Haus?
+Nichts versprach ich, Törichter!
+Verderbt durch eigne Schuld!
+
+Phryxus.
+Damit beschönst du deine Freveltat?
+O triumphiere nicht! Tritt her zu mir!
+
+Aietes.
+Was soll's?
+
+Phryxus.
+Sieh dieses Banner hier, mein letztes Gut
+Die Schätze alle hast du mir geraubt
+Dies eine fehlt noch.
+
+Aietes (darnach greifend).
+Fehlt? Wie lange noch?
+
+Phryxus.
+Zurück! Betracht's, es ist mein letztes Gut
+Und von ihm scheidend scheid' ich von dem Leben.
+Begehrst du's?
+
+Aietes.
+Ja!
+
+Phryxus.
+Begehrst du's?
+
+Aietes
+
+(die Hand ausstreckend).)
+Gib mir es!
+
+Phryxus.
+Nimm's hin des Gastes Gut du edler Wirt
+Sieh ich vertrau' dir's an, bewahre mir's
+
+(Mit erhöhter Stimme.)
+
+Und gibst du's nicht zurücke, unbeschädigt
+Nicht mir dem Unbeschädigten zurück
+So treffe dich der Götter Donnerfluch
+Der über dem rollt, der die Treue bricht.
+Nun ist mir leicht! Nun Rache, Rache, Rache!
+Er hat mein Gut. Verwahre mir's getreu!
+
+Aietes.
+Nimm es zurück!
+
+Phryxus.
+Nein! Nicht um deine Krone!
+Du hast mein Gut, dir hab' ich's anvertraut
+Bewahre treu das anvertraute Gut!
+
+Aietes (ihm das Vließ aufdrängend).
+Nimm es zurück!
+
+Phryxus (ihm ausweichend).
+Du hast mein Gut, verwahr' es treu!
+Sonst Rache, Rache, Rache!
+
+Aietes (ihn über die Bühne verfolgend und ihm das Banner aufdringend).
+Nimm es, sag' ich!
+
+Phryxus (ausweichend).
+
+Ich nehm' es nicht. Verwahre mir's getreu!
+
+(Zur Bildsäule des Gottes empor.)
+
+Siehst du? er hat's, ihm hab' ich's anvertraut
+Und gibt er's nicht zurück, treff' ihn dein Zorn!
+
+Aietes.
+Nimm es zurück!
+
+Phryxus (am Altar).
+Nein, nein!
+
+Aietes.
+Nimm's!
+
+Phryxus.
+Du verwahrst's!
+
+Aietes.
+Nimms!
+
+Phryxus.
+Nein!
+
+Aietes.
+Nun so nimm dies!
+
+(Er stößt ihm das Schwert in die Brust.)
+
+Medea.
+Halt Vater halt!
+
+Phryxus (niedersinkend).
+Es ist zu spät!
+
+Medea.
+Was tatst du?
+
+Phryxus (zur Bildsäule empor).
+Siehst du's, siehst du's!
+Den Gastfreund tötet er und hat sein Gut!
+Der du des Gastfreunds heilig Haupt beschützest
+O räche mich! Fluch dem treulosen Mann!
+Ihm muß kein Freund sein und kein Kind, kein Bruder
+Kein frohes Mahl--kein Labetrunk--
+Was er am liebsten liebt--verderb' ihn!--
+Und dieses Vließ, das jetzt in seiner Hand
+Soll niederschaun auf seiner Kinder Tod!--
+Er hat den Mann erschlagen, der sein Gast--
+Und vorenthält--das anvertraute Gut--
+Rache!--Rache!--
+
+(Stirbt. Lange Pause.)
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes (zusammenschreckend).
+Was?
+
+Medea.
+Was hast du getan!
+
+Aietes (dem Toten das Vließ aufdringen wollend).
+Nimm es zurück!
+
+Medea.
+Er nimmt's nicht mehr. Er ist tot!
+
+Aietes.
+Tot!--
+
+Medea.
+Vater! Was hast du getan! Den Gastfreund erschlagen
+Weh dir! Weh uns allen!--Hah!--
+Aufsteigt's aus den Nebeln der Unterwelt
+Drei Häupter, blut'ge Häupter
+Schlangen die Haare,
+Flammen die Blicke
+Die hohnlachenden Blicke!
+Höher! höher!--Empor steigen sie!
+Entfleischte Arme, Fackeln in Händen
+Fackeln!--Dolche!
+Horch! Sie öffnen die welken Lippen
+Sie murren, sie singen
+Heischern Gesangs:
+Wir hüten den Eid
+Wir vollstrecken den Fluch!
+Fluch dem, der den Gastfreund schlug!
+Fluch ihm, tausendfachen Fluch!
+Sie kommen, sie nahen
+Sie umschlingen mich,
+Mich, dich, uns alle!
+Weh über dich!
+
+Aietes.
+Medea!
+
+Medea.
+Über dich, über uns!
+Weh, weh!
+
+(Sie entflieht.)
+
+Aietes (ihr die Arme nachstreckend).
+Medea! Medea! (Ende.)
+
+
+
+
+
+
+Die Argonauten
+
+Franz Grillparzer
+
+Trauerspiel in vier Aufzügen
+
+
+Personen:
+
+Aietes, König von Kolchis
+Medea und Absyrtus, seine Kinder
+Gora, Medeens Amme
+Peritta, eine ihrer Gespielen
+Jason
+Milo, sein Freund
+Medeens Jungfrauen
+Argonauten
+Kolcher
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+(Kolchis.--Wilde Gegend mit Felsen und Bäumen. Im Hintergrunde ein
+halbverfallener Turm, aus dessen obersten Stockwerke ein schwaches
+Licht flimmert. Weiter zurück die Aussicht aufs Meer. Finstere
+Nacht.)
+
+Absyrtus (hinter der Szene).
+Dorther schimmert das Licht!--Komm hierher Vater!--
+Ich bahne dir den Weg!--Noch diesen Stein!--
+So!--
+
+(Auftretend und mit dem Schwert nach allen Seiten ins Gebüsch
+hauend.)
+
+Aus dem Wege unnützes Pack!
+Vater, mein Schwert macht klare Bahn!
+Aietes (tritt auf, den Helm auf dem Kopfe, ganz in einen dunkeln
+Mantel gehüllt.)
+
+Absyrtus.
+Wir sind an Ort und Stelle, Vater.
+Dort der Turm, wo die Schwester haust.
+Siehst das Licht aus ihrer Zelle?
+Da weilt sie und sinnt Zaubersprüche
+Und braut Tränke den langen Tag,
+Des Nachts aber geht sie gespenstisch hervor
+Und wandelt umher und klagt und weint.
+
+(Aietes macht eine unwillige Bewegung.)
+
+Absyrtus.
+Ja Vater und weint, so erzählt der Hirt
+Vom Tal da unten, und ringt die Hände
+Daß es, spricht er, kläglich sei anzusehn!
+Was mag sie wohl treiben und sinnen, Vater?
+
+(Aietes geht gedankenvoll auf und nieder.)
+
+Absyrtus.
+Du antwortest nicht?--Was hast du Vater?
+Trüb und düster ist dein Gemüt.
+Du hast doch nicht Furcht vor den Fremden, Vater?
+
+Aietes.
+Furcht Bube?
+
+Absyrtus.
+Nu, (Sorge) denn, Vater!
+Aber habe nicht Furcht noch Sorge!
+Sind uns nicht Waffen und Kraft und Arme?
+Ist nicht ein Häuflein nur der Fremden?
+Wären ihrer doch zehnmal mehr!
+Laß sie nur kommen, wir wollen sie jagen
+Eilends heim in ihr dunkles Land
+Wo keine Wälder sind und keine Berge,
+Wo kein Mond strahlt, keine (Sonne) leuchtet
+Die täglich, hat sie sich müde gewandelt,
+Zur Ruhe geht in unserem Meer.
+Laß sie nur kommen, ich will sie empfangen,
+Du hast nicht umsonst mich wehrhaft gemacht,
+Nicht umsonst mir gegeben dies blitzende Schwert,
+Und den Speer und den Helm mit dem wogenden Busch,
+Waffen d u , und Mut die (Götter)!
+Laß die Schwester mit ihren Künsten,
+Schwert gegen Schwert, so binden wir an!
+
+Aietes.
+Armer Wurm!
+
+Absyrtus.
+Ich bin dein Sohn!
+Damals als du den Phryxus schlugst--
+
+Aietes.
+Schweig!
+
+Absyrtus.
+Das ist ja eben warum sie kommen
+Her nach Kolchis, die fremden Männer
+Zu rächen, wähnen sie, seinen Tod
+Und zu stehlen unser Gut, das strahlende Vließ.
+
+Aietes.
+Schweig Bube!
+
+Absyrtus.
+Was bangst du Vater?
+Fest verwahrt in der Höhle Hut
+Liegt es das köstliche, goldene Gut.
+
+Aietes
+
+(den Mantel vom Gesicht reißend und ans Schwert greifend).
+Soll ich dich töten, schwatzender Tor?
+
+Absyrtus.
+Was ist dir?
+
+Aietes.
+Schweig!--Dort sieh zum Busch!
+
+Absyrtus.
+Warum?
+
+Aietes.
+Mir deucht es raschelt dort
+Und regt sich.--Man behorcht uns.
+
+Absyrtus
+
+(zum Gebüsch hingehend und an die Bäume schlagend).
+He da!--Steht Rede!--Es regt sich Niemand!
+
+(Aietes wirft sich auf ein Felsenstück im Vorgrunde.)
+
+Absyrtus (zurückkommend).
+Es ist nichts, Vater! Niemand lauscht.
+
+Aietes
+
+(aufspringend und ihn hart anfassend).
+Ich sage dir, wenn du dein Leben liebst
+Sprich nicht davon!
+
+Absyrtus.
+Wovon?
+
+Aietes.
+Ich sage dir, begrab's in deiner Brust
+Es ist kein Knabenspielzeug, Knab'! Doch alles still hier!
+Niemand empfängt mich;
+Recht wie es ziemt der Widerspenst'gen Sitz.
+
+Absyrtus.
+Hoch oben am Turme flackert ein Licht.
+Dort sitzt sie wohl und sinnt und tichtet.
+
+Aietes.
+Ruf ihr! Sie soll heraus!
+
+Absyrtus.
+Gut Vater!
+
+
+(Er geht dem Turme zu).
+Komm herab du Wandlerin der Nacht
+Du Spät-Wachende bei der einsamen Lampe!
+Absyrtus ruft, deines Vaters Sohn!
+
+(Pause.)
+
+Sie kommt nicht, Vater!
+
+Aietes.
+Sie soll! Ruf lauter!
+
+Absyrtus
+
+(ans Tor schlagend).
+Holla ho! Hier der König! Heraus ihr!
+
+Medeas Stimme (im Turm).
+Weh!
+
+Absyrtus.
+Vater!
+
+Aietes.
+Was?
+
+Absyrtus (zurückkommend).
+Hast du gehört?
+Weh rief's im Turm! War's die Schwester die rief?
+
+Aietes.
+Wer sonst! Geh, deine Torheit steckt an.
+Ich will rufen und sie soll gehorchen!
+
+(Zum Turme gehend.)
+
+Medea!
+
+Medea (im Turm).
+Wer ruft?
+
+Aietes.
+Dein Vater ruft und dein König!
+Komm herab!
+
+Medea.
+Was soll ich?
+
+Aietes.
+Komm herab, sag' ich!
+
+Medea.
+O laß mich!
+
+Aietes.
+Zögre nicht! Du reizest meinen Zorn!
+Im Augenblicke komm!
+
+Medea.
+Ich komme!
+
+(Aietes verhüllt sich und wirft sich wieder auf den Felsensitz.)
+
+Absyrtus.
+Wie kläglich, Vater, ist der Schwester Stimme.
+Was mag ihr fehlen? Sie dauert mich!--
+Dich wohl auch, weil du so schmerzlich schweigst,
+Das arme Mädchen!--
+
+(Ihn anfassend.)
+
+Schläfst du, Vater?
+
+Aietes (aufspringend).
+Törichte Kinder sind der Väter Fluch!
+Du und sie, i h r tötet mich,
+Nicht meine Feinde!
+
+Absyrtus.
+Still! Horch!--Der Riegel klirrt!--Sie kommt!--Hier ist sie!
+Medea (in dunkelroter Kleidung, am Saume mit goldenen Zeichen
+gestickt, einen schwarzen, nachschleppenden Schleier der an einem,
+gleichfalls mit Zeichen gestickten Stirnbande befestigt ist, auf
+dem Kopfe, tritt, eine Fackel in der Hand, aus dem Turme.)
+
+Medea.
+Was willst du, Herr?
+
+Absyrtus.
+Ist das die Schwester, Vater?
+Wie anders doch als sonst, und ach, wie bleich!
+
+Aietes (zu Absyrtus).
+Schweig jetzt!
+
+(Zu Medeen.)
+
+Tritt näher!--näher!--
+Doch erst Lösch' deine Fackel, sie blendet mir das Aug!
+
+Medea
+
+(die Fackel am Boden ausdrückend).
+Das Licht ist verlöscht, es ist Nacht, o Herr!
+
+Aietes.
+Jetzt komm!--Doch erst sag' an wer dir erlaubt,
+Zu fliehn, des väterlichen Hauses Hut
+Und hier, in der Gesellschaft nur der Wildnis
+Und deines wilden Sinns, Gehorsam weigernd,
+Zu trotzen meinem Worte, meinem Wink?
+
+Medea.
+Du fragst?
+
+Aietes.
+Ich frage!
+
+Medea.
+Reden soll ich?
+
+Aietes.
+Sprich!
+
+Medea.
+So höre wenn du kannst und zürne wenn du darfst.
+O könnt' ich schweigen, ewig schweigen!
+Verhaßt ist mir dein Haus
+Mit Schauder erfüllt mich deine Nähe.
+Als du den Fremden erschlugst,
+Den Götterbeschützten, den Gastfreund
+Und raubtest sein Gut,
+Da trugst du einen Funken in dein Haus,
+Der glimmt und glimmt und nicht verlöschen wird,
+Gössest du auch darüber aus
+Was an Wasser die heil'ge Quelle hat,
+Der Ströme und Flüsse unnennbare Zahl
+Und das ohne Grenzen gewaltige Meer.
+Ein törichter Schütze ist der Mord,
+Schießt seinen Pfeil ab ins dunkle Dickicht,
+Gewinnsüchtig, beutegierig,
+Und was er für ein Wild gehalten,
+Für frohen Jagdgewinn,
+Es war sein Kind, sein eigen Blut,
+Was in den Blättern rauschte, Beeren suchend.
+Unglücksel'ger was hast du getan?
+Feuer geht aus von dir
+Und ergreift die Stützen deines Hauses
+Das krachend einbricht
+Und uns begräbt.--
+
+Aietes.
+Unglücksbotin was weißt du?
+
+Medea.
+In der Schreckensstunde
+Als sie geschehn war die Tat,
+Da ward mein Aug geöffnet
+Und ich sah sie, sah die Unnennbaren
+Geister der Rache.
+Spinnenähnlich,
+Gräßlich, scheußlich,
+Krochen sie her in abscheulicher Unform
+Und zogen Fäden, blinkende Fäden,
+Einfach, doppelt, tausendfach,
+Rings um ihr verfallen Gebiet.
+Du wähnst dich frei und du bist gefangen,
+Kein Mensch, kein Gott löset die Bande
+Mit denen die Untat sich selber umstrickt.
+Weh dir, weh uns allen!
+
+Aietes.
+Verkaufst du mir Träume für Wirklichkeit?
+Deines Gleichen magst du erschrecken,
+Törin! Nicht mich!
+Hast du die Zeichen, die Sterne gefragt?
+
+Medea.
+Glaubst du ich könnt's, ich vermöcht' es?
+Hundertmal hab' ich aufgeblickt
+Zu den glänzenden Zeichen
+Am Firmament der Nacht.
+Und alle hundertmale
+Sanken meine Blicke
+Von Schreck getroffen, unbelehrt.
+Es schien der Himmel mir ein aufgerolltes Buch
+Und (Mord) darauf geschrieben, tausendfach,
+Und (Rache) mit demantnen Lettern
+Auf seinen schwarzen Grund.
+O frage nicht die Sterne dort am Himmel,
+Die Zeichen nicht der schweigenden Natur,
+Des Gottes Stimme nicht im Tempel:
+Betracht' im Bach die irren Wandelsterne,
+Die scheu dir blinken aus den düstern Brau'n
+Die Zeichen die die Tat dir selber aufgedrückt,
+Des Gottes Stimme in dem eignen Busen,
+Sie werden dir Orakel geben,
+Viel sicherer als meine arme Kunst,
+Aus dem was ist und war, auf das was werden wird.
+
+Absyrtus.
+Der Vater schweigt. Du bist so seltsam Schwester
+Sonst warst du rasch und heiter, frohen Muts;
+Mich dünkt du bist dreifach gealtert
+In der Zeit als ich dich nicht gesehn!
+
+Medea.
+Es hat der Gram sein Alter, wie die Jahre
+Und wer der Zeit (vorauseilt), guter Bruder,
+Kommt früh ans Ziel.
+
+Absyrtus.
+Du weißt wohl also schon
+Von jenen Fremden die--
+
+Medea.
+Von Fremden--?
+
+Aietes.
+Halt!
+Ich gebot dir zu schweigen! Schweig denn, Schwätzer!
+Medea, laß uns klug sprechen und besonnen,
+Das Gegenwärt'ge aus der Gegenwart
+Und nicht aus dem betrachten was Vergangen.
+Wiss' es denn. Fremde sind angekommen, Hellenen,
+Sie begehren zu rächen Phryxus' Blut,
+Verlangen die Schätze des Erschlagnen
+Und des Gottes Banner, das goldene Vließ.
+
+Medea
+
+(aufschreiend).
+Es ist geschehn! Der Streich gefallen! Weh!
+
+(Will in den Turm zurück.)
+
+Aietes (sie zurückhaltend).
+Medea, Halt!--Bleib, Unsinnige!
+
+Medea.
+Gekommen die Rächer, die Vergelter!
+
+Aietes.
+Willst du mich verlassen, da ich dein bedarf?
+Willst du sehen des Vaters Blut?
+Medea ich beschwöre dich
+Sprich! Rate! Rette! Hilf!
+Gib mich nicht Preis meinen Feinden!
+Argonauten nennen sie sich
+Weil Argo sie trägt, das schnelle Schiff.
+Was das Hellenenland an Helden nährt,
+An Tapfern vermag, sie haben's versammelt
+Zum Todesstreich auf deines Vaters Haupt.
+Hilf Medea! Hilf meine Tochter!
+
+Medea.
+I ch soll helfen, hilf du selbst!
+Gib heraus was du nahmst, Versöhnung bietend!
+
+Aietes.
+Verteilt sind die Schätze den Helfern der Tat;
+Werden sie wiedergeben das Empfangne?
+Besitzen sie's noch? die törichten Schwelger,
+Die leicht vertan das leicht erworbne.
+Soll ich herausgeben das glänzende Vließ,
+Des Gottes Banner, Perontos Gut?
+Nimmermehr! Nimmermehr! Und tät' ich's
+Würden sie drum schonen mein und eurer?
+Um desto sichrer würgten sie uns,
+Rächend des Freundes Tod,
+Geschützt durch das heilige Pfand des Gottes.
+Deine Kunst befrage, gib andern Rat!
+
+Medea.
+Rat dir geben, ich selber ratlos!
+
+Aietes.
+Nun wohl, so verharre, du Ungeratne!
+Opfre dem Tod deines Vaters Haupt.
+Komm mein Sohn, wir wollen hinaus,
+Den Streichen bieten das nackte Haupt,
+Und fallen unter der Fremden Schwertern.
+Komm mein Sohn, mein einzig Kind!
+
+Medea.
+Halt Vater!
+
+Aietes.
+Du willst also?
+
+Medea.
+Hör' erst!
+Ich will's versuchen, die Götter zu fragen,
+Was sie gebieten was sie gestatten.
+Und nicken sie zu, so steh' ich dir bei,
+Helfe dir bekämpfen den Feind,
+Helfe dir schmieden den Todespfeil
+Den du abdrücken willst ins dunkle Gebüsch,
+Nicht wissend, armer Schütze, wen du triffst.
+Es sei! Du gebeutst, ich gehorche!
+
+Aietes.
+Medea, mein Kind, mein liebes Kind!
+
+Medea.
+Frohlocke nicht zu früh, noch fehlt das Ende.
+Ich bin bereit; allein versprich mir erst,
+Daß, wenn die Tat gelang, dein Land befreit,
+Zu hoffen wag' ich's kaum, allein wenn doch,--
+Du mich zurückziehn läßt, in diese Wildnis
+Und nimmer mehr mich störst, nicht du, nicht andre.
+
+Aietes.
+Warum?
+
+Medea.
+Versprich's!
+
+Aietes.
+Es sei!
+
+Medea.
+Wohlan denn Herr,
+Tritt ein bei deiner Magd, ich folge dir!
+
+Aietes.
+Ins Haus?
+
+Medea.
+Drin wird's vollbracht.
+
+Aietes (zu Absyrtus).
+So komm denn Sohn!
+
+(Beide ab in den Turm.)
+
+Medea.
+Da gehn sie hin, hin die Verblendeten!--
+Ein töricht Wesen dünkt mich der Mensch;
+Treibt dahin auf den Wogen der Zeit
+Endlos geschleudert auf und nieder,
+Und wie er ein Fleckchen Grün erspäht
+Gebildet von Schlamm und stockendem Moor
+Und der Verwesung grünlichem Moder,
+Ruft er: (Land)! und rudert drauf hin
+Und besteigt's--und sinkt--und sinkt--
+Und wird nicht mehr gesehn!
+Armer Vater, armer Mann!
+Es steigen auf vor meinen Blicken
+Düstrer Ahnungen Schauergestalten,
+Aber verhüllt und abgewandt
+Ich kann nicht erkennen ihr Antlitz!
+Zeigt euch mir (ganz), oder verschwindet
+Und laßt mir Ruh, träumende Ruh!
+Armer Vater! Armer Mann!--
+ Aber der Wille kann viel--und ich will.
+Will ihn erretten, will ihn befrein
+Oder untergehn mit ihm!
+Dunkle Kunst, die mich die Mutter gelehrt
+Die den Stamm du treibst in des Lebens Lüfte
+Und die Wurzeln geheimnisvoll
+Hinabsenkst zu den Klüften der Unterwelt,
+Sei mir gewärtig!--Medea (will)!
+Ans Werk denn!
+
+(Zu einigen Jungfrauen die am Eingange des Turmes erscheinen.)
+
+Und ihr des Dienstes Beflißne
+Bereitet die Höhle, bereitet den Altar!
+Medea will zu den Geistern rufen,
+Zu den düstern Geistern der schaurigen Nacht
+Um Rat, um Hilfe, um Stärke, um Macht!
+
+(Ab in den Turm.)
+
+(Pause. Dann tritt) Jason (rasch auf.)
+
+Jason.
+Hier hört' ich Stimmen!--Hier muß--Niemand hier?
+
+Milo (hinter der Szene).
+Holla!
+
+Jason.
+Hierher!
+
+Milo (eben so).
+Jason!
+
+Jason.
+Hier Milo, hier!
+
+Milo (der keuchend auftritt).
+Mein Freund, such' dir 'nen anderen Begleiter!
+Dein Kopf und deine Beine sind zu rasch,
+Sie laufen, statt zu gehn. Ein großer Übelstand!
+Von Beinen mag's noch sein, da hilft das Alter,
+Allein ein Kopf der läuft!--Glück auf die Reise!
+Such' einen andern sag' ich, ich bin's satt!
+
+(Setzt sich.)
+
+Jason.
+Wir haben, was wir suchten!--Hier ist Licht!
+
+Milo.
+Ja Lichts genug um uns da zu beleuchten
+Und zu entdecken und zu schlachten, wenn's beliebt.
+
+Jason.
+Ei, Milo Furcht?
+
+Milo
+
+(rasch aufstehend).
+Furcht?--Lieber Freund, ich bitte
+Wäg' deine Worte eh du sprichst!
+
+(Jason faßt entschuldigend seine Hand.)
+
+Milo.
+Schon gut!
+Wir laufen, nu, die Worte laufen mit!
+Doch ernst. Was suchst du hier?
+
+Jason.
+Kannst du noch fragen?
+Die Freunde, sie, die mir hierher gefolgt,
+Ihr Heil vertrauend meines Glückes Stern
+Und Jasons Sache machend zu der ihren,
+Sie schmachten, kaum dem schwarzen Schiff entstiegen,
+Hier ohne Nahrung ohne Labetrunk
+In dieser Küste unwirtbaren Klippen,
+Kein Führer ist, der Wegeskunde gäbe
+Kein Landmann bietend seines Speichers Vorrat
+Und von der Herde triftgenährter Zucht.
+Soll ich die Hände legen da in Schoß
+Und müßig zusehn wie die Freunde schmachten?
+Beim Himmel! Ihnen soll ein Führer werden
+Und Trank und Speise, sollt' ich auf sie wiegen
+Mit meinem Blut!
+
+Milo.
+Das treue, wackre Herz!
+O daß du nicht des Freundes Rat gefolgt
+Und weggeblieben bist von dieser Küste!
+
+Jason.
+Warum denn auch? Was sollt' ich wohl daheim?
+Der Vater tot, mein Oheim auf dem Thron
+Scheelsüchtig mich, den künft'gen Feind, betrachtend.
+Mich litt es länger nicht, ich mußte fort.
+Hätt' er nicht selbst, der Falsche, mir geboten
+Hierher zu ziehn in dieses Inselland
+Das goldne Götterkleinod abzuholen
+Von dem man spricht, so weit die Erde reicht
+Und das dem Göttersohne Phryxus einst,
+Ihn selber tötend, raubten die Barbaren,
+Ich wäre selbst gegangen, freien Willens,
+Dem eckelhaften Treiben zu entfliehn.
+Ruhmvoller Tod für ruhmentblößtes Leben
+Mag's tadeln wer da will, mich lockt der Tausch!
+Daß dich, o Freund, ich mitzog und die andern,
+Das ist wohl schlimm, allein ihr wolltet's so!
+
+Milo.
+Ja freilich wollt' ich so und will noch immer
+Denn sieh, ich glaub', du hast mir's angetan,
+So lieb' ich dich und all dein Tun und Treiben.
+
+Jason.
+Mein guter Milo!
+
+Milo.
+Nein! 's ist unrecht sag' ich,
+Ich sollt' der Klügre sein, ich bin der Ältre.
+Hättst du mich hingeführt, wohin auch immer,
+Nur nicht in dieses gottverlaßne Land.
+Kommt irgend sonst ein Mann in Fährlichkeit,
+Nu Schwert heraus und Mut voran. Doch hier
+In dieses Landes feuchter Nebelluft
+Legt Rost sich, wie ans Schwert, so an den Mut.
+Hört man in einem fort die Wellen brausen,
+Die Fichten rauschen und die Winde tosen,
+Sieht kaum die Sonne durch der dichten Nebel
+Und rauhen Wipfel schaurigen Versteck,
+Kein Mensch rings, keine Hütte, keine Spur,
+Da wird das Herz so weit, so hohl, so nüchtern
+Und man erschrickt wohl endlich vor sich selbst.
+Ich, der als Knabe voll Verwundrung horchte,
+Wenn man erzählte, 's gäb' ein Ding
+Die (Furcht) genannt, hier seh' ich fast Gespenster
+Und jeder dürre Stamm scheint mir ein Riese
+Und jedes Licht ein Feuermann. 's ist seltsam.
+Was unbedenklich sonst, erscheint hier schreckhaft
+Und was sonst greulich wieder hier gemein.
+Nur kürzlich sah ich einen Bär im Walde,
+So groß vielleicht als keinen ich gesehn
+Und doch kams fast mir vor, ich sollt' ihn streicheln,
+Wie einen Schoßhund streicheln mit der Hand,
+So klein, so unbedeutend schien das Tier
+Im Abstich seiner schaurigen Umgebung.
+Du hörst nicht?
+
+Jason (der indes den Turm betrachtet hat).
+Ja ich will hinein!
+
+Milo.
+Wohin?
+
+Jason.
+Dort in den Turm.
+
+Milo.
+Mensch, bist du rasend?
+
+(Ihn anfassend). Höre!
+
+Jason (sich losmachend und das Schwert ziehend).
+Ich will, wer hält mich? Hier mein Schwert! Es schützt mich
+Vor Feinden wie vor überläst'gen Freunden.
+Die erste Spur von Menschen find' ich hier
+Ich will hinein. Mit vorgehaltnen Eisen
+Zwing' einen ich von des Gebäuds Bewohnern,
+Zu folgen mir, zu führen unsre Schar
+Auf sichern Pfad aus dieses Waldes Umfang,
+Wo Hunger sie und Feindeshinterhalt
+Weit sichrer trifft als mich hier die Gefahr.
+Sprich nicht! Ich bin entschlossen. Geh zurück
+Ermutige die Schar. Bald bring' ich Rettung!
+
+Milo.
+Bedenk'!
+
+Jason.
+Es ist bedacht! Wer kann hier weilen
+Im kleinen Hause, wüst und abgeschieden?
+Ein Haushalt von Barbaren und was mehr?
+Ich denk' du kennst mich! Hier ist nicht Gefahr
+Als im Verweilen.--Keine Worte weiter!
+
+Milo.
+Doch wie gelangst du hin?
+
+Jason.
+Siehst du dort drüben
+Gähnt weit ein Spalt im alternden Gemäuer.
+Das Meer leiht seinen Rücken bis da hin
+Und leicht erreich' ich's schwimmend.
+
+Milo.
+Höre doch!
+
+Jason.
+Leb' wohl!
+
+Milo.
+Laß mich statt dir!
+
+Jason.
+Auf Wiedersehn!
+
+(Springt von einer Klippe ins Meer)
+
+Milo.
+Er wagt es doch!--Dort schwimmt er!--Tut es (doch),
+Und läßt mich schmälen hier nach Herzenslust!
+Ein wackres Herz, doch jung, gewaltig jung!
+Hier will ich stehn und seiner Rückkehr harren:
+Und geht's auch schief, wir hauen uns heraus.
+
+(Er lehnt sich an einen Baum.)
+
+(Ein düsteres Gewölbe im Innern des Turms. Links im Hintergrunde
+die Bildsäule eines Gottes auf hohem Fußgestell, im Vorgrunde
+rechts eine Felsenbank.)
+(Jungfrauen mit Fackeln bringen einen kleinen Altar und Opfergefäße
+und stellen alles ordnend umher.)
+
+(Eine Jungfrau tritt ein und spricht an der Türe:)
+
+Jungfrau.
+Genug! Es naht Medea! Stört sie nicht!
+
+(Alle ab mit den Lichtern.)
+
+Jason (tritt durch einen Seiteneingang links auf mit bloßem
+Schwerte.)
+
+Jason.
+Ein finsteres Gewölb'.--Ich bin im Innern!
+Mehr Menschen faßt das Haus, scheint's, als ich glaubte,
+Doch immerhin! wird nur mein Ziel erreicht.
+Behutsam späh ich, bis ein Einzelner
+Mir aufstößt, dann das Schwert ihm auf die Brust
+Und mit mir soll er, will er nicht den Tod.
+
+(Er späht mit vorgehaltenem Schwerte umher.)
+
+Ist da kein Ausgang?--Halt!--Ein Block von Stein
+Das Fußgestell wohl eines Götterbildes.
+Ehrt man hier Götter und verhöhnt das Recht?
+Doch horch!--ein Fußtritt!--Bleiche Helle gleitet
+Fortschreitend an des Ganges engen Bogen.
+Man kommt!--Wohin--?--Verbirg mich dunkler Gott!
+
+(Er versteckt sich hinter die Bildsäule.)
+
+Medea (kommt, einen schwarzen Stab in der Rechten, eine Lampe in
+der Linken.)
+
+Medea.
+Es ist so schwül hier, so dumpf!
+Feuchter Qualm drückt die Flamme der Lampe,
+Sie brennt ohne zu leuchten.
+
+(Sie setzt die Lampe hin.)
+--Horch!--Es ist mein eignes Herz,
+Das gegen die Brust pocht mit starken Schlägen!
+Wie schwach, wie töricht!--Auf Medea!
+Es gilt des Vaters Sache, der Götter!
+Sollen die Fremden siegen, Kolchis untergehn?
+Nimmermehr! Nimmermehr!
+Ans Werk denn!
+Seid mir gewärtig Götter, höret mich,
+Und gebt Antwort meiner Frage!
+
+(Mit dem Stabe Zeichen in die Luft machend.)
+
+Die ihr einhergeht im Gewande der Nacht
+Und auf des Sturmes Fittigen wandelt
+Furchtbare Fürsten der Tiefe,
+Denen der Entschluß gefällt
+Und die beflügelte Tat,
+Die ihr bei Leichen weilt
+Und euch labt am Blut der Erschlagnen,
+Die ihr das Herz kennt und lenkt den Willen,
+Die ihr zählt die Halme der Gegenwart
+Sorglich bewahrt des Vergangenen Ähren
+Und durchblickt der Zukunft sprossende Saat,
+Euch ruf' ich an!
+Gebt mir Kunde, sichere Kunde
+Von dem was uns droht, von dem was uns lacht!
+Bei der Macht, die mir ward,
+Bei dem Dienst, den ich tat,
+Bei dem Wort, das ihr kennt
+Ruf' ich euch,
+Erscheinet, erscheint!
+
+(Pause.)
+
+Was ist das?--Alles schweigt!
+Sie zeigen sich nicht?
+Zürnt ihr mir, oder betrat ein Fuß,
+Eines Frevlers Fuß
+Die heilige Stätte?
+Angst befällt mich, Schauer faßt mich!
+
+(Mit steigender Stimme.)
+
+Allgewaltige! Lauscht meinem Rufen,
+Hört Medeens Stimme!
+Eure Freundin ist's die ruft.
+Ich fleh' ich verlang' es
+Erscheinet, erscheint!
+Jason (springt hinter der Bildsäule hervor.)
+
+Medea (zurückfahrend).
+Ha!
+
+Jason.
+Verfluchte Zauberin, du bist am Ende,
+Erschienen ist, der dich vernichten wird.
+
+(Indem er mit vorgehaltenem Schwerte hervorspringt verwundet er
+Medeen am Arme.)
+
+Medea (den verwundeten rechten Arm mit der linken Hand fassend).
+Weh mir!
+
+(Stürzt auf den Felsensitz hin, wo sie schwer atmend leise ächzt.)
+
+Jason.
+Du fliehst? Mein Arm wird dich ereilen!
+
+(Im Dunkeln herum blickend.)
+
+Wo ist sie hin!
+
+(Er nimmt die Lampe und leuchtet vor sich hin.)
+
+Dort!--Du entgehst mir nicht!
+
+(Hinzutretend.)
+
+Verruchte!
+
+Medea (stöhnend).
+Ah!
+
+Jason.
+Stöhnst du? Ja zittre nur!
+Mein Schwert soll deine dunkeln Netze lösen!
+
+(Sie mit der Lampe beleuchtend).
+Doch seh' ich recht? Bist du die Zauberin,
+Die dort erst heischre Flüche murmelte?
+Ein weiblich Wesen liegt zu meinen Füßen,
+Verteidigt durch der Anmut Freiheitsbrief,
+Nichts zauberhaft an ihr, als ihre Schönheit.
+(Bist) du's?--Doch ja! Der weiße Arm, er blutet,
+Verletzt von meinem mitleidslosen Schwert!
+Was hast du angerichtet? Weißt du wohl,
+Ich hätt' dich töten können, holdes Bild,
+Beim ersten Anfall in der dunkeln Nacht?
+Und Schade wär's, fürwahr, um so viel Reiz!
+Wer bist du, doppeldeutiges Geschöpf?
+Scheinst du so schön und bist so arg, zugleich
+So liebenswürdig und so hassenswert,
+Was konnte dich bewegen, diesen Mund,
+Der, eine Rose, wie die Rose auch
+Nur hauchen sollte süßer Worte Duft,
+Mit schwarzer Sprüche Greuel zu entweihn?
+Als die Natur dich dachte, schrieb sie: (Milde)
+Mit holden Lettern auf das erste Blatt
+Wer malte Zauberformeln auf die andern?
+O geh! ich hasse deine Schönheit, weil sie
+Mich hindert deine Tücke recht zu hassen!
+Du atmest schwer. Schmerzt dich dein Arm? Ja, siehst du
+Das sind die Früchte deines argen Treibens!
+Es blutet! Laß doch sehn!
+
+(Nimmt ihre Hand.)
+
+Du zitterst, Mädchen,
+Die Pulse klopfen, jede Fiber zuckt.
+Vielleicht bist du so arg nicht, als du scheinst,
+Nur angesteckt von dieses Landes Wildheit,
+Und Reue wohnt in dir und fromme Scheu.
+Heb auf das Aug und blicke mir ins Antlitz,
+Daß ich die dunkeln Rätsel deines Handelns
+Erläutert seh' in deinem klaren Blick.--
+Du schweigst!--O wärst du stumm, und jene Laute,
+Die mir ertönten, fluchenswerten Inhalts,
+Gesprochen hätte sie ein andrer Mund,
+Der minder lieblich, Mädchen, als der deine.
+Du seufzest!--Sprich!--Laß deine Worte tönen;
+Vertrau' den Lüften sie, als Boten, an,
+Sonst holt mein Mund sie ab von deinen Lippen.
+
+(Er beugt sich gegen sie.)
+(Man hört Waffengeklirr und Stimmen in der Ferne.)
+
+Horch!--Stimmen!
+
+(Er läßt sie los.)
+
+Näher!
+
+(Medea steht auf.)
+
+Deine Freunde kommen
+Und ich muß fort. Des freuest du dich wohl?
+Allein ich seh' dich wieder, glaube mir!
+Ich muß dich sprechen hören, gütig sprechen,
+Und kostet' es mein Leben!--Doch man naht.
+Glaub' nicht, daß ich Gefahr und Waffen scheue,
+Doch auch ein Tapfrer weicht der Überzahl,
+Und meiner harren Freunde.--Leb' denn wohl.
+(Er geht dem Seiteneingange zu, durch den er gekommen ist. Aus
+diesem, so wie aus dem Haupteingange stürzen) Bewaffnete (herein,
+mit ihnen) Absyrtus.
+
+Absyrtus.
+Zurück!
+
+Jason.
+So gilt's zu fechten!--Gebet Raum!
+
+Absyrtus.
+Dein Schwert!
+
+Jason.
+Dir in die Brust, nicht in die Hand!
+
+Absyrtus.
+Fangt ihn!
+
+Jason (sich in Stellung werfend).
+Kommt an! Ihr alle schreckt mich nicht!
+
+Absyrtus.
+Laß uns versuchen denn!
+
+(Stürzt auf Jason los.)
+
+Medea (macht eine abhaltende Bewegung gegen ihn).
+
+Absyrtus (zurücktretend).
+Was hältst du mich Schwester?
+
+Jason.
+Du sorgst um mich? Hab' Dank, du holdes Wesen,
+Nicht für die Hilfe, ich bedarf sie nicht,
+Für diese Sorge Dank. Leb' wohl, o Mädchen,
+
+(Sie bei der Hand fassend und rasch küssend.)
+
+Und dieser Kuß sei dir ein sichres Pfand,
+Daß wir uns wiedersehn!--Gebt Raum!
+
+(Er schlägt sich durch.)
+
+Absyrtus.
+Auf ihn!
+
+(Jason durch die Seitentüre fechtend ab.)
+
+Absyrtus.
+Ihm nach! Er soll uns nicht entrinnen!
+
+(Eilt Jason nach mit den Bewaffneten.)
+
+Medea (die unbeweglich mit gesenktem Haupt gestanden, hebt jetzt
+Kopf und Augen empor).
+Götter!
+
+(Ihre Jungfrauen stehen um sie.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+(Halle wie am Ende des vorigen Aufzuges. Es ist Tag.)
+Gora, Peritta. Jungfrauen.
+
+Gora.
+Ich sage dir, sprich lieber Medeen nicht.
+Ob der Ereignung zürnt sie der heutigen Nacht
+Und sie spricht sich nicht gut, wenn sie zürnt; das weißt du!
+Auch gebot sie dir, ihr Antlitz zu fliehn.
+
+Peritta.
+Was soll ich tun? Wer hilft, wenn sie nicht?
+Gefangen der Gatte, die Hütte verbrannt.
+Alles geraubt von den fremden Männern
+Wem klag' ich mein Leid, wer rettet, wenn sie nicht?
+
+Gora.
+Tu wie du willst, ich hab' dich gewarnt,
+Auch ist's recht und billig nur, daß sie dich hört,
+Aber der Mensch tut nicht immer was recht.
+
+Peritta.
+Ach, ich Unselige!
+
+Gora.
+Klage nicht! Was hilft's
+Überleg' und handle, das tut dir Not!
+Doch wo weilt Medea? komm in ihr Gemach.
+(Eine) Jungfrau (stürzt atemlos herein.)
+
+Jungfrau.
+O Übermaß des Unglücks!
+
+Gora (an der Türe umkehrend).
+Wohl nur der Torheit, will ich hoffen!
+Was neues gibt's?
+
+Jungfrau.
+Der Fürstin Lieblingspferd.--
+
+Gora.
+Das herrliche Tigerroß--
+
+Jungfrau.
+Es ist entflohn!
+
+Gora.
+So?
+
+Jungfrau.
+In der Verwirrung der heutigen Nacht
+Da die Pforte offen, wir alle voll Angst,
+Entkam es dem Stall und ward nimmer gesehn!
+Weh mir!
+
+Gora.
+Ja wohl!
+
+Jungfrau.
+Wie entflieh' ich der Fürstin Zorn?
+Wird sie's ertragen--?
+
+Gora.
+Das (wie) ist ihre Sache
+Doch tragen muß sie's, da es (ist).
+Nur rat' ich dir geh fürs erste ihr aus dem Auge!
+Doch horch! Sie naht schon! Peritta tritt zu mir.
+Medea (kommt in Gedanken versunken aus der Türe rechts.)
+
+Gora (nach einer Pause).
+Medea--
+
+Jungfrau (ihr zuvorkommend und zu Medeens Füßen stürzend).
+O Königin verzeih!
+
+Medea (den Kopf emporhebend).
+Was ist?
+
+Jungfrau.
+Vernichte mich nicht in deinem Zorn!
+Dein Leibroß--Dein Liebling!--Es ist entflohn.
+
+(Pause während welcher sie Medeen voll Erwartung ins Gesicht sieht).
+
+Nicht meine Schuld war's fürwahr. Der Schrecken heut Nacht
+Das Getümmel, der Lärm--Da geschah's--
+Du sprichst nicht?--Zürne Fürstin--
+
+Medea.
+Es ist gut!
+
+(Jungfrau steht auf.)
+
+Gora (sie bei Seite ziehend).
+Was sprach sie?
+
+Jungfrau (freudig).
+Es sei gut.
+
+Gora.
+Das ist (nicht) gut!
+Trägt sie so leicht, was sie sonst schwer ertrug,
+Das begünstigt unsre Sache, Peritta!
+Fast ist mir's unlieb, daß sie so mild gestimmt
+Ich hatte mich drauf gefreut, wie sie sich sträuben würde
+Und endlich überwinden müßte zu tun was sie soll.
+Nu komm denn, komm, für dich ist's besser so.
+Medea hier ist noch jemand den du kennst!
+
+Medea.
+Wer?
+
+Gora.
+Kennst deine Gespielin, Peritta, nicht?
+Zürnst du ihr gleich--
+
+Medea.
+Peritta bist du's;
+Sei mir gegrüßt, sei herzlich mir gegrüßt!
+
+(Sie mit dem Arm umschlingend und sich auf sie stützend.)
+
+Wir haben frohe Tage zusammen gelebt.
+Seit dem ist viel übles geschehn.
+Viel übles seit der Zeit, Peritta!
+Hast du deine Herde verlassen und dein Haus
+Und kommst wieder zu mir, Peritta?
+Sei mir willkommen, du bist sanft und gut,
+Du sollst mir die Nächste sein im Kreis meiner Frauen!
+
+Peritta.
+Kein Haus hab' ich mehr und keine Herde
+Alles verloren, mein Gatte gefangen,
+Dahin meine Ruhe, mein Segen, mein Glück.
+
+Medea.
+So ist er dahin, ist tot!
+Du dauerst mich armes, armes Kind!
+War so jung, so kräftig, so glänzend, so schön,
+Und ist tot und kalt! Du dauerst mich
+Ich könnte weinen, so rührst du mich.
+
+(Legt ihre Stirne auf Perittas Schulter.)
+
+Peritta.
+Nicht tot, nur gefangen ist mein Gatte
+Drum kam ich zu flehn, daß du bittest den Vater
+Ihn zu lösen, zu retten, zu befrein--
+ Medea hörst du?--
+
+(Zu Gora.)
+
+Sie spricht nicht! Was sinnt sie?
+
+Gora.
+Mich überrascht sie nicht minder als dich
+Das ist sonst nicht Medeens Sitte.
+
+Peritta.
+Was ist das? Trau' ich meinen Sinnen?
+Feucht fühl' ich dein Antlitz auf meiner Schulter!
+Medea Tränen?--O du Milde, du Gute!
+
+(Küßt Medeens herabhängende Hand.)
+
+(Medea reißt sich empor, faßt rasch mit der rechten Hand die
+geküßte Linke und sieht Peritten starr ins Gesicht. Dann entfernt
+sie sich rasch von ihr, sie immer starr betrachtend und nähert sich
+der Amme.)
+
+Medea.
+Gora!
+
+Gora.
+Frau?
+
+Medea.
+Heiß sie gehn!
+
+Gora.
+So willst du--
+
+Medea.
+Heiß sie gehn!
+
+Gora
+
+(winkt Peritten mit der Hand Entfernung zu).
+(Peritta hält flehend ihr die Hände entgegen.)
+(Gora winkt ihr beruhigend zu, sich zu entfernen.)
+(Peritta von zwei Mädchen geführt, ab.)
+
+Medea (unterdessen).
+Ah!--es ist heiß hier.--Schwüle Luft.
+
+(Reißt gewaltsam den Gürtel entzwei und wirft ihn weg.)
+
+Gora.
+Sie ist fort!.
+
+Medea (zusammenfahrend).
+Fort?
+
+Gora.
+Peritta ist fort.
+
+Medea.
+Gora!
+
+Gora.
+Gebieterin!
+
+Medea (halblaut, sie bei Seite führend).
+Warst du zugegen heut Nacht?
+
+Gora.
+Wo?
+
+Medea (Sieht ihr fremd ins Gesicht.)
+
+Gora.
+Ah hier? Freilich!
+
+Medea (mit freudeglänzenden Blicken).
+Ich sage dir es war ein Gott!
+
+Gora.
+Ein Gott?
+
+Medea.
+Ich habe lange darüber nachgedacht,
+Nachgedacht und geträumt die lange Nacht,
+Aber 's war ein Himmlischer, des bin ich gewiß.
+Als er mit einemmal dastand, zürnenden Muts,
+Hochaufleuchtend, einen Blitz in der Hand
+Und zwei andre im flammenden Blick,
+Da fühlt' ich's am Sinken des Muts, an meiner Vernichtung,
+Daß ihn kein sterbliches Weib gebar.
+
+Gora.
+Wie? so--
+
+Medea.
+Du hast mir wohl selbst erzählet,
+Oft, daß Menschen, die nah dem Sterben,
+(Heimdar) sich zeige, der furchtbare Gott,
+Der die Toten führt in die schaurige Tiefe.
+Sieh, der war es glaub' ich, o Gora!
+(Heimdar) war es, der Todesgott.
+Bezeichnet hat er sein dunkles Opfer,
+Bezeichnet mich mit dem ladenden Kuß
+Und Medea wird sterben, hinuntergehn
+Zu den Schatten der schweigenden Tiefe.
+Glaub' mir, ich fühle das, gute Gora,
+An diesem Bangen, an diesem Verwelken der Sinne,
+An dieser Grabessehnsucht fühl' ich es,
+Daß mir nicht fern das Ende der Tage!
+
+Gora.
+Was hat deinen Sinn so sehr umwölkt,
+Daß du trüb schaust, was klar und deutlich?
+Ein Mensch war's, ein Übermüt'ger, ein Frecher
+Der hier eindrang
+
+Medea (zurückfahrend).
+Ha!
+
+Gora.
+Der die Nacht benützend--
+
+Medea.
+Schweig!
+
+Gora.
+Deine Angst
+
+Medea.
+Verruchte schweig.
+
+Gora.
+Schweigen kann ich wenn du's gebietest,
+Einst mein Pflegling, jetzt meine Frau.
+Aber drum ist's nicht anders als ich sagte.
+
+Medea.
+Sieh wie du albern bist und töricht!
+Wie käm' ein Fremder in diese Mauern?
+Wie hätt' ein Sterblicher sich erfrecht,
+Zu drängen sich vor Medeas Antlitz,
+Sie zu sprechen, ihr zu drohn, mit seinen Lippen--
+Geh Unselige, geh
+Daß ich dich nicht töte,
+Nicht räche deine Torheit
+An deinem Leben.
+Ein Sterblicher? Scham und Schmach!
+Entferne dich, Verräterin!
+Geh! sonst trifft dich mein Zorn.
+
+Gora.
+Ich rede was ist und nicht was du willst.
+Gehn soll ich? ich gehe.
+
+Medea.
+Gora, bleib!
+Hast du kein freundlichs Wort, du Gute?
+Fühlst du denn nicht, so ist's so muß es sein,
+(Heimdar) war es, der stille Gott,
+Und nun kein Wort mehr, kein Wort, o Gora!
+
+(Wirft sich ihr an den Hals und verschließt mit ihrem Munde Goras
+Lippen.)
+
+(Nach einer Pause.)
+
+
+Medea.
+Horch!
+
+Gora.
+Tritte nahen!
+
+Medea.
+Man kommt! Fort!
+
+Gora.
+Bleib! Dein Bruder ist's und dein Vater! Sieh!
+Aietes und Absyrtus (stürzen herein.)
+
+Aietes.
+Entkommen ist er, des trägst du die Schuld!
+
+(Zu Medeen.)
+
+Warum hemmtest den Streich des Bruders,
+Da er ihn töten wollte, den Frevler?
+
+Absyrtus.
+Vater, scheltet sie nicht darum
+War doch angstvoll und bang ihre Seele!
+Denkt! ein Fremder, allein, bei Nacht,
+Eingedrungen in ihre Kammer;
+Sollte sie da nicht zagen, Vater?
+Und nicht weiß die Furcht was sie tut.
+Doch der Grieche--
+
+Medea.
+Grieche?
+
+Aietes.
+Wer sonst?
+Einer der Fremden war's, der Hellenen,
+Die gekommen an Kolchis' Küste,
+Argonauten, auf Argo dem Schiff,
+Zu verwüsten unsere Täler
+Und zu rauben unser Gut.
+
+Medea
+
+(Goras Hand fassend).
+Gora!
+
+Gora.
+Siehst du? es ist so, wie ich sagte.
+
+Absyrtus.
+Übermütig sind sie und stark
+Ja, bei Peronto! Stark und kühn!
+Setzt' ich nicht nach ihm, ich und die Meinen
+Hart ihn drängend, nach auf den Fersen?
+Aber er führte in Kreisen sein Schwert
+Keiner von uns kam ihm nah zu Leibe.
+Jetzt zum Strom gekommen, warf er
+Raschen Sprungs sich hinein.
+Dumpf ertönte die Gegend dem Sturze,
+Hoch auf spritzten die schäumenden Wasser
+Und er verschwand in umhüllende Nacht.
+
+Aietes.
+Ist er entkommen dieses Mal
+Fürder soll es ihm nicht gelingen!
+Die kühnen Fremdlinge stolz und trotzig
+Haben Zweisprach begehrt mit mir.
+Zugesagt hab' ich's, den Groll verbergend
+Den tödlichen Haß in der tiefen Brust
+Aber gelingt mir, was ich sinne,
+Und bist du mir gewärtig mit deiner Kunst,
+So soll sie der frevelnde Mut gereuen,
+So endet der Streit noch eh er begann.
+Auf Medea, komm! Mach' dich fertig
+Gut zu machen, was du gefehlet
+Und zu rächen die eigene Schmach
+(Deine) Sache ist's nun geworden
+Haben sie doch an dir auch gefrevelt,
+Gefrevelt durch jenes Kühnen Tat,
+Denn wahr ist's doch, was Absyrtus mir sagte,
+Daß er's gewagt mit entehrendem Kuß--
+
+Medea.
+Vater schweig, ich bitte dich--
+
+Aietes.
+Ist's wahr?
+
+Medea.
+Frage mich nicht was wahr, was nicht!
+Laß dir's sagen die Röte meiner Wangen
+Laß dir's sagen--Was soll ich? Gebeut!
+Willst du vernichten die Schar der Frevler?
+Sage nur wie, ich bin bereit!
+
+Aietes.
+So recht Medea, so mag ich's gern
+So erkenn' ich in dir mein Kind
+Zeig' daß dir fremd war des Frechen Erkühnen
+Laß sie nicht glauben, du habest gewußt
+Selber gewußt um die frevelnde Tat!
+
+Medea.
+Gewußt? Wer glaubt das, Vater und von wem?
+
+Aietes.
+Wer? der's sah, der's hörte, Kind!
+Wer Zeuge war wie Aletes' fürstliche Tochter
+Den Kuß duldete von des Frevlers Lippe.
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes.
+Was ist?
+
+Medea.
+Du tötest mich!
+
+Aietes.
+(Ich) glaub's (nicht), Medea!
+
+Medea.
+Wirklich nicht?
+Laß uns gehn!
+
+Aietes.
+Wohin?
+
+Medea.
+Wohin du willst
+Zu vernichten, zu töten, zu sterben!
+
+Aietes.
+Du versprichst mir also?
+
+Medea.
+Ich hab' es gesagt!
+Aber laß uns gehn!
+
+Aietes.
+Hör' erst!
+
+Medea.
+Nicht hier!
+Hohnzulachen scheint mir des Gottes Bild
+Des Gewölbes Steine formen sich mir
+Zu lachenden Mäulern und grinsenden Larven.
+Hinweg von dem Orte meiner Schmach!
+Nimmer betret' ich ihn. Vater komm!
+Was du willst, wie du willst, doch fort von hier!
+
+Aietes.
+So höre!
+
+Medea.
+Fort!
+
+Aietes.
+Medea!
+
+Medea.
+Fort!
+
+(Eilt ab.)
+
+Aietes.
+Medea!
+
+(Mit Absyrtus ihr nach.)
+
+(Freier Platz mit Bäumen. Links im Hintergrunde des Königs Zelt.)
+Acht Abgeordnete der Argonauten (treten auf von einem) Kolchischen
+Hauptmanne (geleitet.)
+
+Hauptmann.
+Hier sollt ihr weilen ist des Königs Befehl
+Bald naht er selbst.
+
+Erster Argonaut.
+Befehl? Nichtswürdiger Barbar,
+Für dich mag's sein, doch uns Befehl?
+Wir harren deines Königs weil wir wollen,
+Doch eil' er sich, sonst suchen wir ihn auf!
+
+Zweiter Argonaut.
+Laß ihn! Die Knechtesrede ziemt dem Knecht!
+
+(Kolcher ab.)
+
+So sind wir hier; erreicht des Strebens Ziel!
+Nach mancher Fährlichkeit zu Land und See
+Umfängt uns Kolchis' düstre Märchenwelt,
+Von der man spricht so weit die Sonne leuchtet.
+Was keinem möglich deuchte ist geschehn;
+Durchsegelt ist ein unbekanntes Meer,
+Das zürnend Untergang dem ersten Schiffer drohte,
+Zu neuen Völkern und zu neuen Ländern
+Tat sich der Weg, und was oft schwerer noch,
+Tat auch der Rückweg sich uns günstig auf:
+Wir sind in Kolchis, unsrer Reise Ziel.
+So weit hat gnädig uns ein Gott geführt;
+Doch jetzo fürcht' ich wendet er sich ab!
+Wir stehn in Feindes Land, von Tod umgeben
+Fremd, ohne Rat und Führer--Jason fehlt.
+Er, der zum Zug geworben, ihn geführt,
+Er, dessen eigne Sache wir verfechten,
+Mit Milo hat er sich vom Zug entfernt,
+Heut Nacht entfernt und ward nicht mehr gesehn.
+Ob er im Wald verirrt, verlassen schmachtet,
+Ob er ins Netz gefallen der Barbaren,
+Ob ihn aus Hinterhalt der Tod ereilt
+Ich weiß es nicht, doch jedes steht zu fürchten.
+So aufgelöst, vereinzelt, ohne Band,
+Ist jeder nun sein eigner Rat und Führer
+Drum frag' ich euch, die Ersten unsrer Schar:
+Was ist zu tun?
+
+(Alle schweigen mit gesenkten Häuptern.)
+
+Ihr schweigt. Jetzt gilt's Entschluß!
+Geladen von dem König dieses Landes
+Zur Zweisprach, zum Versuch der Gütlichkeit,
+Schien's uns gefährlich, ob des Führers Abgang
+Den Aufruf abzulehnen, der geschehn,
+Und zu enthüllen unsre Not und Schwäche.
+Wir gingen, wir sind hier!--Was nun zu tun?
+Wer Rat weiß, spreche nun!
+
+Dritter Argonaut.
+Du bist der Ältste
+Sprich du!
+
+Zweiter Argonaut.
+Der Ältste ist der Erste nicht
+Wo's Kraft gilt und Entschluß. Fragt einen andern!
+
+Erster Argonaut.
+Laßt uns die Schwerter nehmen in die Hand
+Den König töten und sein treulos Volk
+Dann fort, doch erst die Beut' ins Schiff gebracht!
+
+Zweiter Argonaut.
+Nicht auch das Land und heimgebracht zur Schau?
+Dein Rat ist unreif Freund wie deine Jahre.
+Gebt andern!
+
+Dritter Argonaut.
+Rate du, wir folgen dir!
+
+Zweiter Argonaut.
+Mein Rat ist Rückkehr! Murrt ihr? Nun wohlan
+Sprech' einer Besseres, ich stimme bei!
+Ihr schweigt gesamt und Niemand tritt hervor.
+So hört, und stört nicht oder überzeugt mich!
+Nicht eignes Streben hat uns hergeführt
+Was kümmert Kolchis uns mit seinen Wundern?
+Dem Mut, dem Glücke Jasons folgten wir
+Den Arm ihm leihend zum gebotnen Werk;
+Er tat des Oheims Willen, wir den seinen.
+Wer ist, der treten mag an Jasons Stelle,
+Hat ihn der Tod, wie möglich, hingerafft?
+Wem liegt daran das Wundervließ zu rauben
+Das Tod umringt und dräuende Gefahr?
+Habt ihr gehört? im Schlund der Höhle liegt's,
+Bewacht von eines Drachen gift'gen Zähnen,
+Vom Graun verteidigt schwarzer Zauberei,
+Beschützt von allem was verrucht und greulich;
+Wer wagt's von euch, wer hebt den goldnen Schatz?
+Wie Keiner? Nun, so woll' auch keiner (scheinen)
+Was keiner Kraft und Willen hat zu (sein).
+Hier leg' ich von mir Schild und Speer
+Und geh' zum König als ein Mann des Friedens.
+Drei Tage gönn' er uns zu harren Zeit,
+Und kehrt dann Jason nicht, so ziehn wir heim.
+Wer mit mir gleichdenkt, tue so wie ich.
+Ein Held ist wer das Leben Großem opfert
+Wer's für ein Nichts vergeudet ist ein Tor!
+
+(Die meisten stoßen ihre Speere in den Boden.)
+
+Nun kommt zu Kolchis' König. Gerne tauscht er
+Die eigne Sicherheit wohl aus für unsre!
+
+Erster Argonaut.
+Halt noch. Dort nahn zwei Griechen! Milo ist's
+Der fort mit Jason ging und--
+
+(schreiend)
+
+Jason selber!
+Jason!
+
+Mehrere.
+Jason!
+
+Alle (tumultuarisch).
+Jason!
+
+Milo
+
+(hinter der) Szene).
+Hier Gefährten!
+Hier Jason, Argonauten!
+
+Erster Argonaut (zum zweiten).
+Was sagst du nun?
+
+Zweiter Argonaut.
+Daß Jason da ist, sag' ich Freund wie du.
+Statt meines Rates gibt er euch die Tat.
+Nur da er fort war hatt' ich eine Meinung!
+Milo (tritt auf), Jason (an der Hand führend.)
+
+Milo.
+Hier habt ihr ihn! Hier ist er ganz und gar!
+Nun seht euch satt an ihm und schreit und jubelt!
+
+(Die Argonauten drängen sich um Jason, fassen seine Hände und
+drücken ihre Freude aus.)
+
+Vermischte Stimmen.
+Willkommen--Jason!--Freund!--Willkommen Bruder!
+
+Jason.
+Habt ihr um mich gebangt? Hier bin ich wieder!
+
+(Indem er den Andrängenden die Hände reicht.)
+
+Milo (den nächststehenden umarmend).
+Freund siehst du, er ist da? Gesund und rüstig!
+Und's ging ihm nah ans Leben, ei beim Himmel!
+Ein Haar! und ihr saht Jason nimmer mehr!
+Er wagte sich, allein--ich durft' nicht mit--
+Um euretwillen Freunde wagt' er sich,
+Im dichten Wald, allein, in einen Turm,
+Der voll Barbaren steckte bis zum Giebel.
+Da hieß es fechten.
+
+Jason.
+Ja fürwahr es galt!
+Verloren war ich, wenn ein Mädchen nicht--
+
+Milo.
+Ein Mädchen? Ein Barbarenmädchen?
+
+Jason.
+Ja!
+
+Milo.
+Sieh davon sagtest du mir früher nichts!
+Und war sie schön?
+
+Jason.
+So schön so reizend so--
+Doch eine arge, böse Zauberin.--
+Ihr dank' ich dies mein Leben!
+
+Milo.
+Wackres Mädchen!
+
+Jason.
+Ich schlug mich durch und--doch genug, ich lebe
+Und bin bei euch!--Doch was führt euch hierher?
+
+Zweiter Argonaut.
+Zur Zweisprach ließ uns laden Kolchis' König
+Vernehmen will er unsre Forderung
+Und dann entscheiden.
+
+Jason.
+Hier?
+
+Zweiter Argonaut.
+Hier ist sein Sitz!
+
+Jason.
+Ich will ihn sprechen. Fügt er sich in Frieden
+Gut denn! wenn nicht, dann mag das Schwert entscheiden.
+
+(Auf die seitwärts gestellten Speere zeigend.)
+
+Doch diese Waffen!--Seid ihr hier so sicher
+Daß ihr des Schutzes selber euch beraubt?
+
+(Sie nehmen beschämt die weggelegten Speere wieder auf.)
+
+Ihr schweigt und schlagt beschämt die Augen nieder?
+Habt ihr?--
+
+(Zu Milo.)
+
+Oh sieh, sie meiden meinen Blick!
+Unglückliche! es war doch nicht die Furcht--
+Die (Furcht) Hellenen, die den Speer euch nahm?
+Es war's nicht--?
+
+(Zu Milo.)
+
+Ach es war's! Die Unglücksel'gen
+Sie wagen's nicht der Lüge mich zu zeihn.
+Was hat euch denn verblendet arme Brüder?--
+Es war die (Furcht)!--
+
+(Zu einem der sprechen will.)
+
+Ich bitte dich, sprich nicht
+Ich kann mir denken was du fühlst. Sprich nicht!
+Mach' nicht, daß ich mich schäme vor mir selbst!
+Denn, o nicht ohne Tränen könnt' ich schauen
+In ein von Scham gerötet Männerantlitz.
+Ich will's vergessen wenn ich kann.
+
+(Ein Kolcher tritt auf.)
+
+Kolcher.
+Der König naht!
+
+Jason.
+So laßt uns stark sein und entschlossen, Freunde
+Nicht ahne der Barbar, was hier geschehn!
+Aietes (tritt auf mit) Gefolge.
+
+Aietes.
+Wer ist der das Wort führt für die Fremden!
+
+Jason (vortretend).
+Ich!
+
+Aietes.
+Beginn!
+
+Jason.
+Hochmütiger Barbar, du wagst--?
+
+Aietes.
+Was willst du?
+
+Jason.
+Achtung!
+
+Aietes.
+Achtung?
+
+Jason.
+Meiner Macht,
+Wenn meinem Namen nicht!
+
+Aietes.
+Wohlan, so sprich!
+
+Jason.
+Thessaliens Beherrscher, Pelias,
+Mein Oheim und mein Herr, schickt mich zu dir,
+Mich, Jason, dieser Männer Kriegeshaupt,
+Zu dir zu reden, wie ich jetzo rede!
+Gekommen ist die Kunde übers Meer,
+Daß Phryxus, ein Hellene, hohen Stammes,
+Den Tod gefunden hier in deinem Reich!
+
+Aietes.
+Ich schlug ihn nicht.
+
+Jason.
+Warum verteidigst du dich,
+Eh ich dich noch beschuldigt? Hör' mich erst.
+Mit Schätzen und mit Gute reich beladen
+War Phryxus' Schiff. Das blieb in deiner Hand
+Als er verblich geheimnisvollen Todes!
+Sein Haus ist aber nahverwandt dem meinen,
+Drum in dem Namen meines Ohms und Herrn
+Fordr' ich, daß du erstattest, was sein eigen,
+Und was nun mein und meines Fürstenhauses.
+
+Aietes.
+Nichts weiß ich von Schätzen.
+
+Jason.
+Laß mich enden.
+Das Köstlichste von Phryxus' Gütern aber
+Es war ein köstliches, geheimnisvolles Vließ,
+Des er entkleidete in Delphis hoher Stadt
+Das Bildnis eines unbekannten Gottes
+Das dort seit grauen Jahren aufgestellt,
+Man sagt, von den Urvätern unsers Landes,
+Die fernher kommend, und von Oben stammend,
+Das Land betraten und der Menschheit Samen
+Weitbreitend in die leere Wildnis streuten,
+Und Hellas' Väter wurden, unsre Ahnen
+Von ihnen sagt man stamme jenes Zeichen,
+Ein teures Pfand für Hellas' Heil und Glück.
+Vor allem nun dies Vließ fordr' ich von dir,
+Daß es ein Kleinod bleibe der Hellenen
+Und nicht in trotziger Barbaren Hand
+Zum Siegeszeichen diene wider sie.
+Sag' was beschließest du?
+
+Aietes.
+Ich hab's nicht!
+
+Jason.
+Nicht?
+Das goldne Vließ?
+
+Aietes.
+Ich hab's nicht, sag' ich dir!
+
+Jason.
+Ist dies dein letztes Wort?
+
+Aietes.
+Mein letztes!
+
+Jason.
+Wohlan!
+
+(Wendet sich zu gehn.)
+
+Aietes.
+Wo willst du hin?
+
+Jason.
+Fort, zu den Meinen,
+Sie zu den Waffen rufen, um zu sehen,
+Ob du der Macht unnahbar wie dem Recht.
+
+Aietes.
+Ich lache deiner Drohungen!
+
+Jason.
+Wie lange?
+
+Aietes.
+Tollkühner! Mit einem Häufchen Abenteurer
+Willst du trotzen dem König von Kolchis?
+
+Jason.
+Ich will's versuchen!
+
+(Will gehen.)
+
+Aietes.
+Halt! Du rasest glaub' ich.
+Ist wirklich der Götter Huld geknüpft an jenes Zeichen
+Und ist dem Sieg und Rache, der's besitzt,
+Wie kannst du hoffen zu bestehen gegen mich,
+In dessen Hand--
+
+Jason.
+Ha, so besitzest du's?
+
+Aietes.
+Wenn's wäre, mein' ich, wie du glaubst.
+
+Jason.
+Ich weiß genug!
+Schwachsinniger Barbar, und darauf stützest
+Du deiner Weigrung unhaltbaren Trotz?
+Du glaubst zu siegen, weil in deiner Hand--
+Nicht gut nicht schlimm ist, was die Götter geben
+Und der Empfänger erst macht das Geschenk.
+So wie das Brot, das uns die Erde spendet,
+Den Starken stärkt, des Kranken Siechtum mehrt,
+So sind der Götter hohe Gaben alle,
+Dem Guten gut, dem Argen zum Verderben.
+In meiner Hand führt jenes Vließ zum Siege
+In deiner sichert's dir den Untergang.
+Sprich selbst, wirst du es wagen zu berühren
+Besprützt wie's ist mit deines Gastfreunds Blut,--
+
+Aietes.
+Schweig!
+
+Jason.
+Sag' gibst du's heraus?--ja oder nein!
+
+Aietes.
+So höre mich!
+
+Jason.
+Ja oder nein!
+
+Aietes.
+Du rascher!
+Warum uns zanken ohne Not
+Laß uns friedlich überlegen
+Und dann entscheiden was zu geschehn!
+
+Jason.
+Du gibst es denn heraus?
+
+Aietes.
+Was?--Ei laß das!
+Wir wollen uns erst kennen und verstehn.
+Dem Freunde gibt man, nicht dem Fremden!
+Tritt ein bei mir und ruhe von der Fahrt.
+
+Jason.
+Ich trau' dir nicht!
+
+Aietes.
+Warum nicht?
+Ist auch rauh meine Sprache, fürchte nichts.
+Laß dir's wohl sein in meinem Lande.
+Liebst du den Becher? Wir haben Tranks die Fülle.
+Jagd? Wildreich sind unsre Forste.
+Magst du dich freun in der Weiber Umarmung?
+Kolchis hat--
+
+(Näher zu ihm tretend.)
+
+Liebst du die Weiber?
+
+Jason.
+(Eure) Weiber? und doch--
+
+Aietes.
+Liebst du die Weiber?
+
+Jason.
+Kennst einen Turm du dort im nahen Walde,
+Der--doch wo bin ich! Komm zur Sache König!
+Gibst du das Vließ?
+
+Aietes
+
+(zu einem Kolcher).
+Ruf Medeen und bring' Wein!
+
+Jason.
+Noch einmal, gibst du mir das Vließ?
+
+Aietes.
+Sei ruhig!
+Erst gezecht dann zum Rat, so halten wir's.
+
+Jason.
+Ich will von deinen Gaben nichts.
+
+Aietes.
+Du sollst!
+Ungespeist geht keiner aus Aietes' Hause!
+Sieh man kommt, laß dir's gefallen, Fremdling!
+Medea (kömmt verschleiert einen Becher in der Hand, mit ihr) Diener
+(die Pokale tragen.)
+
+Aietes.
+Hier trink, mein edler Gast!
+
+(Zu Medeen.)
+
+Ist er bereitet?
+
+Medea.
+O frage nicht!
+
+Aietes.
+So geh und biet ihn an!
+Erlabe dich mein Gast!
+
+Jason.
+Ich trinke nicht!
+
+(Medea fährt beim Klang von Jasons Stimme zusammen. Sie blickt
+empor, erkennt ihn und tritt einige Schritte zurück.)
+
+Aietes (zu Jason).
+Warum nicht?
+
+(Zu Medeen.)
+
+Hin zu ihm. Tritt näher sag' ich!
+
+Jason.
+Was seh' ich?--Diese Kleider!--Mädchen bleib!
+Dein Kleid erneuert mir ein holdes Bild
+Das ich nur erst--Gib deinen Becher mir,
+Ich wag's auf deine Außenseite! Gib!
+
+(Er nimmt den Becher aus ihrer Hand.)
+
+Ich leer' ihn auf dein Wohl!
+
+Medea.
+Halt ein!
+
+Jason.
+Was ist?
+
+Medea.
+Du trinkst Verderben!
+
+Jason.
+Wie?
+
+Aietes.
+Medea!
+
+Jason
+
+(indem er den Becher wegwirft).
+König
+Das deine Freundschaft? Rache dir Barbar!
+Doch du, wer bist du? die so sonderbar
+Mit Grausamkeit vereinet Mitleids Milde?
+Laß mich dich schaun!
+
+(Er reißt ihr den Schleier ab.)
+
+Sie ist's! Es ist dieselbe!
+
+Aietes.
+Medea fort!
+
+Jason.
+Medea heißest du?
+So sprich Medea denn!
+
+Medea.
+Was willst du?
+
+Jason.
+Wie?
+So mild dein Tun und rauh dein Wort, Medea?
+Nur zweimal sah ich dich und beidemal
+Verdank' ich dir mein Leben. Habe Dank!
+Es scheint die Götter haben uns ersehn
+Uns Freund zu sein, nicht Feinde, o Medea!
+Noch einmal diesen Blick, o sieh nicht weg!
+Schau' mir ins Aug, ich mein' es rein und gut.
+
+(Erfaßt ihre Hand und wendet sie gegen sich.)
+
+Laß mich in deinem Blick die Kunde lesen
+
+(Medea entreißt ihm die Hand.)
+
+Jason.
+Halt ein!
+
+Medea (sich emporrichtend).
+Verwegner wagst du's?--Weh!
+
+(Sie begegnet seinem Blicke, fährt zusammen und entflieht.)
+
+Jason.
+Medea!
+
+(Medea ab.)
+(Er eilt ihr nach.)
+
+Aietes.
+Zurück!
+
+Jason.
+Du selbst zurück, Barbar!--Medea!
+(Indem er ins Zelt dringen will und Aietes sich ihm abwehrend in
+den Weg stellt, fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+(Das Innere von des Königs Zelte. Der hintere Vorhang desselben
+ist so, daß man durch denselben, ohne die draußen befindlichen
+Personen genau unterscheiden zu können, doch die Umrisse derselben
+erkennen kann.)
+Medea, Gora, Jungfrauen (im Zelte.) Jason, Aietes (und) Alle
+Personen des letzten Aktschlusses (außer demselben.)
+(Medea steht links im Vorgrunde aufgerichtet, die linke Hand auf
+einen Tisch gestützt, die Augen unbeweglich vor sich gerichtet in
+der Stellung einer die hört was außen vorgeht. Gora sie
+beobachtend auf der andern Seite des Tisches. Jungfrauen teils
+knieend, teils stehend um sie gruppiert. Einige) Krieger (im
+Hintergrunde des Zeltes an den Seiten aufgestellt.)
+
+Jason (von außen).
+Ich will hinein!
+
+Aietes (außen).
+Zurück!
+
+Jason.
+Denkst du's zu wehren?
+Vom Schwert die Hand! die Hand vom Schwerte sag' ich,
+Das meine zuckt, ich kann nicht drohen sehn!
+Ich will hinein! Gib Raum!
+
+Aietes.
+Zurück Verwegner!
+
+Gora (zu Medeen).
+Er rast der Freche!
+
+Jason (außen).
+Hörst du mich Medea?
+Gib mir ein Zeichen wenn du hörst!
+
+Gora.
+Vernahmst du?
+
+Jason.
+Dringt bis zu dir mein Ruf, so gib ein Zeichen.
+Erwählte!
+
+(Medea, die bis jetzt unbeweglich gestanden fährt zusammen und legt
+die Hand auf die tiefatmende Brust.)
+
+Jason.
+Sieh, mein Arm ist offen. Komm!
+
+(Jasons Stimme kommt immer näher.)
+
+Ich hab' dein Herz erkannt! Erkenn' das meine
+Medea komm!
+
+Aietes.
+Zurück!
+
+Gora.
+Er dringt herein!
+
+(Medea reißt sich aus den Armen ihrer Jungfrauen los und flieht auf
+die andere Seite des Vorgrunds.)
+
+Jason.
+Ich rufe dir! Ich liebe dich, Medea.
+
+Gora (Medeen folgend).
+Hast du gehört?
+
+Medea (verhüllt die Augen mit der Hand).
+
+Gora (dringend).
+Unglückliche das also war's?
+Daher die Bewegung, daher deine Angst
+O Schmach und Schande, wär' es wirklich?
+
+Medea (aufgerichtet, sie mit Hoheit anblickend).
+Was?
+
+Jason (indem er die Vorhänge des Zeltes aufreißt).
+Ich muß sie sehn!--Da ist sie!--Komm Medea!
+
+Gora.
+Er naht! Entflieh!
+
+Medea (zu den Soldaten im Zelte).
+Steht ihr so müßig
+Braucht die Waffen, helft eurem Herrn!
+
+Aietes (der indes mit Jason am Eingange gerungen hat).
+Mit meinem Tod erst dringst du hinein!
+
+(Die Soldaten im Zelte stürzen auf die Streitenden los. Jason wird
+weggedrängt. Die Vorhänge fallen wieder zu.)
+
+Jason (draußen).
+Medea!--Wohl so mag das Schwert entscheiden!
+
+Absyrtus' Stimme.
+Schwerter bloß! Hier ist das Meine!
+
+(Waffengeklirr von außen.)
+
+Gora.
+Sie fechten! Götter stärkt der Unsern Arm!
+
+(Medea steht wieder bewegungslos da.)
+
+Milos Stimme (von außen).
+Jason zurück! Wir werden übermannt
+Zwölf unsre Schar und hunderte der Feinde!
+Barbaren brecht ihr den geschwornen Stillstand?
+
+Jason.
+Laß sie nur kommen, ich empfange sie!
+
+Aietes.
+Haut sie nieder, weichen sie nicht!
+
+(Das Waffengeklirr entfernt sich.)
+
+Gora.
+Die Fremden werden zurückgedrängt, die Unsern siegen!
+Medea fasse dich. Dein Vater naht.
+Aietes und Absyrtus kommen.
+
+Aietes.
+Wo ist sie?--Hier! Verräterin
+Wagst du's zu stehn deines Vaters Blick?
+
+Medea (ihm entgegen).
+Nicht zu Worten ist's jetzt Zeit, zu Taten!
+
+Aietes.
+Das sagst du mir nach dem was geschehn,
+Jetzt, da das Schwert noch bloß in meiner Hand?
+
+Medea.
+Nichts weiter von Vergleich, von Unterredung
+Von gütlichen Vertrags fruchtlosem Versuch.
+Bewaffne die Krieger, versammle die Deinen
+Und jetzt auf sie hin, hin auf die Fremden
+Eh sie's vermuten, eh sie sich fassen.
+Hinaus mit ihnen, hinaus aus deinem Land
+Rettend entführe sie ihr schnelles Schiff
+Oder der Tod ihnen allen--allen!
+
+Aietes.
+Wähnst du mich zu täuschen, Betrügerin?
+Wenn du sie hassest, was warfst du den Becher,
+Der mir sie liefern sollte, Jason liefern sollte,
+Jason--sich mir ins Antlitz. Du wendest dich ab?
+
+Medea.
+Was liegt dir an meiner Beschämung,
+Rat bedarfst du, ich g e b e dir Rat.
+Noch einmal also, verjag' sie die Fremden
+Stoß sie hinaus aus den Marken des Reichs
+Der grauende Morgen, der kommende Tag
+Sehe sie nicht mehr in Kolchis' Umfang.
+
+Aietes.
+Du machst mich irre an dir, Medea.
+
+Medea.
+War ich es lange nicht, lange nicht selbst?
+
+Aietes.
+So wünschest du daß ich vertreibe die Fremden?
+
+Medea.
+Flehend, knieend bitt' ich dich drum.
+
+Aietes.
+Alle?
+
+Medea.
+Alle!
+
+Aietes.
+Alle?
+
+Medea.
+Frage mich nicht!
+
+Aietes.
+Nun wohlan denn ich waffne die Freunde!
+Du gehst mit!
+
+Medea.
+Ich?
+
+Aietes.
+Seltsame, du!
+Sieh ich weiß, nicht den Pfeil nur vom Bogen,
+Schleuderst den Speer auch, die mächtige Lanze,
+Schwingest das Schwert in kräftiger Hand.
+Komm mit, wir verjagen die Feinde!
+
+Medea.
+Nimmermehr!
+
+Aietes.
+Nicht?
+
+Medea.
+Mich sende zurück
+In das Innre des Landes Vater,
+Tief, wo nur Wälder und dunkles Geklüft,
+Wo kein Aug hindringt, kein Ohr, keine Stimme,
+Wo nur die Einsamkeit und ich.
+Dort will ich für dich zu den Göttern rufen
+Um Beistand für dich, um Kraft, um Sieg.
+Beten Vater, doch kämpfen nicht.
+Wenn die Feinde verjagt, wenn kein Frevler mehr hier,
+Dann komm' ich zurück und bleibe bei dir
+Und pflege dein Alter sorglich und treu
+Bis der Tod herankommt, der freundliche Gott
+Und leise beschwichtigend, den Finger am Mund,
+Auf seinem Kissen von Staub und Moos
+Die Gedanken schlafen heißt und ruhn die Wünsche.
+
+Aietes.
+Du willst nicht mit und ich soll dir glauben?
+Ungeratene zittre!--Jason?
+
+Medea.
+Was fragst du mich wenn du's weißt.
+Oder willst du's hören aus meinem Mund
+Was ich bis jetzt mir selber verbarg,
+Ich mir verbarg? die Götter mir bargen.
+Laß dich nicht stören die flammende Glut,
+Die mir, ich fühl' es die Wangen bedeckt,
+Du willst es hören und ich sag' es dir.
+Ich kann nicht im Trüben ahnen und zagen
+Klar muß es sein um Medea, klar!
+Man sagt--und ich fühle es ist so!--
+Es gibt ein Etwas in des Menschen Wesen,
+Das, unabhängig von des Eigners Willen,
+Anzieht und abstößt mit blinder Gewalt;
+Wie vom Blitz zum Metall, vom Magnet zum Eisen,
+Besteht ein Zug, ein geheimnisvoller Zug
+Vom Menschen zum Menschen, von Brust zu Brust.
+Da ist nicht Reiz, nicht Anmut, nicht Tugend nicht Recht
+Was knüpft und losknüpft die zaub'rischen Fäden,
+Unsichtbar geht der Neigung Zauberbrücke
+So viel sie betraten hat keiner sie gesehn!
+Gefallen muß dir was dir gefällt
+So weit ist's Zwang, rohe Naturkraft:
+Doch steht's nicht bei dir die Neigung zu (rufen)
+Der Neigung zu (folgen) steht bei dir,
+Da beginnt des Wollens sonniges Reich
+Und ich will nicht
+
+(Mit aufgehobener Hand.)
+
+Medea will (nicht)!
+Als ich ihn sah, zum erstenmale sah,
+Da fühlt' ich stocken das Blut in meinen Adern,
+Aus seinem Aug, seiner Hand, seinen Lippen
+Gingen sprühende Funken über mich aus
+Und flammend loderte auf mein Innres.
+Doch verhehlt' ich's mir selbst. Erst als er's aussprach,
+Aussprach in der Wut seines tollen Beginnens,
+Daß er liebe--
+Schöner Name
+Für eine fluchenswerte Sache!--
+Da ward mir's klar und (darnach) will ich handeln.
+Aber verlange nicht, daß ich ihm begegne,
+Laß mich ihn fliehn--Schwach ist der Mensch
+Auch der stärkste, schwach!
+Wenn ich ihn sehe drehn sich die Sinne
+Dumpfes Bangen überschleicht Haupt und Busen
+Und ich bin nicht mehr, die ich bin.
+Vertreib ihn, verjag' ihn, töt' ihn,
+Ja, weicht er nicht, töt' ihn Vater
+Den Toten will ich (schaun), wenn auch mit Tränen schaun
+Den Lebenden nicht.
+
+Aietes.
+Medea!
+
+Medea.
+Was beschließest du?
+
+Aietes (indem er ihre Hand nimmt).
+Du bist ein wackres Mädchen!
+
+Absyrtus (ihre andre Hand nehmend).
+Arme Schwester!
+
+Medea.
+Was beschließest du?
+
+Aietes.
+Wohl, du sollst zurück.
+
+Medea.
+Dank! tausend Dank! Und nun ans Werk mein Vater!
+
+Aietes.
+Absyrtus wähl' aus den Tapfern des Heers
+Und geleite die Schwester nach der Felsenkluft--
+Weißt du?--wo wir's aufbewahrten--das goldne Vließ!
+
+Medea.
+Dorthin? Nein!
+
+Aietes.
+Warum nicht?
+
+Medea.
+Nimmermehr!
+Dorthin, an den Ort unsers Frevels?
+Rache strahlet das schimmernde Vließ.
+So oft ich's versuch' in die Zukunft zu schauen
+Flammt's vor mir wie ein blut'ger Komet,
+Droht mir Unheil, findet's mich dort!
+
+Aietes.
+Törin! Kein sichrerer Ort im ganzen Lande
+Auch bedarf ich dein, zu hüten den Schatz
+Mit deinen Künsten, deinen Sprüchen,
+Dorthin oder mit mir!
+
+Medea.
+Es sei, ich gehorche!
+Aber einen Weg sende mich, wo kein Feind uns trifft.
+
+Aietes.
+Zwei Wege sind. Einer nah am Lager des Feindes
+Der andre rauh und beschwerlich, wenig betreten,
+Über die Brücke führt er am Strom, den nimm Absyrtus!
+Nun geht!--Hier der Schlüssel zum Falltor
+Das zur Kluft führt! Nimm ihn, Medea.
+
+Medea.
+Ich? Dem Bruder gib ihn!
+
+Aietes.
+Dir!
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes.
+Nimm ihn, sag' ich und reize mich nicht
+Deiner törichten Grillen bin ich satt.
+
+Medea.
+Nun wohl ich nehme!
+
+Aietes.
+Lebe wohl!
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes.
+Was?
+
+(Medea wirft sich lautschluchzend in seine Arme.)
+
+Aietes (weicher).
+Törichtes Mädchen!
+
+(Er küßt sie.)
+
+Leb' wohl mein Kind.
+
+Medea.
+Vater auf Wieder- Wiedersehn
+Auf baldiges, frohes Wiedersehn!
+
+Aietes.
+Nun ja, auf frohes Wiedersehn.
+
+(Sie mit der Hand von sich entfernend.)
+
+Nun geh!
+
+Medea (die Augen mit der Hand verhüllend).
+Leb' wohl!
+
+(Ab mit Absyrtus.)
+
+
+
+
+(Aietes bleibt nach dem Abgehen der Medea einige Augenblicke mit
+gesenktem Haupt hinbrütend stehen. Plötzlich rafft er sich auf
+blickt einige Male rasch um sich her und geht schnell ab.)
+
+(Eine waldichte Gegend an der Straße, die zum Lager der Argonauten
+führt.)
+Jason, Milo und Andre Argonauten kommen.
+
+
+Milo.
+Hier laßt uns halten Freunde. Die Barbaren
+Verfolgen uns nicht mehr. Der Ort hier scheint bequem
+Zum Angriff so, wie zur Verteidigung.
+Auch ist's der einz'ge Weg, der, seit der Sturm
+Die Brücken abgerissen heute Nacht,
+Vom Sitze führt des Königs nach dem Innern
+Und lagern wir uns hier, so schneiden wir
+Ihm jeden Hilfszug ab, den er erwartet.
+Geh' einer hin zur Schar der Rückgebliebnen
+Und leite sie hierher. Wir warten ihrer.
+
+(Erster Argonaut ab.)
+(Zu Jason der mit gekreuzten Armen auf und nieder geht.)
+
+Was überdenkst du Freund?
+
+Jason.
+Gar mancherlei!
+
+Milo.
+Gesteh' ich's dir? Du hast mich überrascht
+Du zeigtest eine Falte deines Innern heut
+Die neu mir ist.
+
+Jason.
+Hätt' ich doch bald gesagt:
+Mir auch!
+
+Milo.
+So liebst du sie denn wirklich?
+
+Jason.
+Lieben?
+
+Milo.
+Du sagtest heut es mind'stens laut genug!
+
+Jason.
+Der Augenblick entriß mir's--und gesteh!
+Sie rettete mir zweimal nun das Leben.
+
+Milo.
+Wie? zweimal?
+
+Jason.
+Erst im Turm!--
+
+Milo.
+Das also war's
+Was dir den Turm so teuer machte?
+
+Jason.
+Das war's.
+
+Milo.
+Ja so.
+
+Jason.
+Nun denk' dir; so vollgült'gen Anspruch
+Auf meinen Dank und--Milo sie ist schön--
+
+Milo.
+Ja, doch eine Barbarin--
+
+Jason.
+Sie ist gut--
+
+Milo.
+Und eine Zauberin dazu.
+
+Jason.
+Ja wohl!
+
+Milo.
+Ein furchtbar Weib mit ihren dunkeln Augen!
+
+Jason.
+Ein herrlich Weib mit ihren dunkeln Augen!
+
+Milo.
+Und was gedenkst du nun zu tun?
+
+Jason.
+Zu tun?
+Das Vließ zu holen, so mein Wort zu lösen,
+Das andre aber heimzustellen jenen
+Die oben walten über dir und mir.
+
+Milo.
+So mag ich's gern! Beim Zeus so denkst du recht!
+(Ein) Argonaut (kommt).
+
+Argonaut.
+Links her vom Fluß sieht man sich Staub erheben,
+Ein Häuflein Feinde naht heran.
+
+Jason.
+Wie viele?
+
+Argonaut.
+An vierzig oder fünfzig, kaum wohl mehr.
+
+Jason.
+Laßt uns zurückziehn und am Weg verbergen,
+Denn sähn sie uns, sie kämen nicht heran.
+Verschwunden ist die Hoffnung zum Vergleich
+So mögen denn die Schwerter blutig walten
+Und die dort nahn, den Reihen führen an.
+Zieht euch zurück, und haltet bis ich's sage.
+
+Milo.
+Nur leis und sacht, daß sie uns nicht erspähn.
+
+(Ziehen sich alle zurück und ab.)
+
+(Absyrtus und Kolchische Krieger treten auf, Medea verschleiert
+in ihrer Mitte.)
+
+Absyrtus.
+Die Waffen haltet bereit zum Schlagen,
+Leicht könnten wir treffen 'ne Feindesschar,
+Der Weg hier führt vorbei an ihrem Lager.
+
+Medea
+
+(den Schleier zurückschlagend und vortretend).
+Am Feindeslager? Warum diesen Weg?
+Warum nicht den andern, mein Bruder?
+
+Absyrtus.
+Der Sturm hat die Brücken abgerissen heut Nacht;
+Jetzt erst erfuhr ich's. Aber sorge nicht!
+Ich verteidige dich mit meinem Blut.
+Wärst du nicht hier, ich forderte sie heraus.
+
+Medea.
+Um aller Götter willen--
+
+Absyrtus.
+Ich sagte: wärst du nicht hier;
+Aber nun, da du hier bist, tu' ich's nicht.
+Nicht um den höchsten Preis, nicht um Kampf und Sieg,
+Setzt' ich dich in Gefahr, meine Schwester!
+
+Medea.
+So laß uns eilig vorüberziehn.
+
+Absyrtus.
+Kommt denn!
+
+Jason
+
+(hinter der Szene).
+Jetzt ist es Zeit! Greift an, ihr Freunde!
+
+(Hervorspringend.)
+
+Halt!
+
+Medea (aufschreiend).
+Er!
+
+(Zu Absyrtus.)
+
+Laß uns fliehen, Bruder!
+
+Absyrtus.
+Fliehen? Fechten!
+
+Jason (zu den andringenden Argonauten).
+Wenn sie sich widersetzen, haut sie nieder!
+
+(Zu den Kolchern.)
+
+Zu Boden die Waffen!
+
+Absyrtus.
+Du selber zu Boden!
+Schließt euch Gefährten! Haltet sie aus!
+
+Medea.
+Bruder! Hältst du so dein Versprechen?
+
+Absyrtus.
+Versprach ich zu fliehn so verzeihn mir die Götter,
+Nicht daß ich's breche, daß ich's gab das Wort!
+
+(Zu den Seinen).
+
+Weicht nicht! Der Vater ist nah, er sendet uns Hilfe!
+
+Jason (Medeen erblickend).
+Bist du's Medea? Unverhofftes Glück!
+Komm hierher!
+
+Medea (zu den Kolchern).
+Schützet mich!
+
+Jason (die sich ihm entgegenstellenden Kolcher angreifend).
+Ihr! aus dem Wege!
+Eu'r Eisen hält nicht ab, zieht an den Blitzstrahl.
+
+(Die Kolcher werden zurückgedrängt, die Griechen verfolgen sie.)
+
+Jason.
+Die Deinen fliehn. Du bist in meiner Macht!
+
+Medea.
+Du lügst! In der Götter Macht, in meiner.
+Verläßt mich alles, ich selber nicht!
+
+(Sie entreißt einem fliehenden Kolcher die Waffen und dringt mit
+vorgehaltenem Schild und gesenktem Speer auf Jason ein.)
+
+
+Stirb oder töte!
+
+Jason (indem er schonend zurückweicht).
+Medea was tust du?
+
+Medea (näher dringend).
+Töte oder stirb!
+
+Jason (mit einem Schwertstreich ihre Lanze zertrümmernd).
+Genug des Spiels!
+
+(Das Schwert in die linke Hand nehmend, in welcher er den Schild
+hält.)
+
+Was nun?
+
+Medea.
+Treulose Götter!
+
+(Die abgebrochene Lanze samt dem Schild hinwerfend und einen Dolch
+ziehend.)
+
+Noch sind mir Waffen!
+
+Jason (indem er Schild und Schwert von sich wirft und vor sie hintritt).
+Töte mich wenn du kannst.
+
+Medea (mit abgewandten Gesicht, den Dolch in der Hand).
+Kraft!
+
+Jason (weich).
+Töte mich Medea, wenn du kannst!
+
+Medea (steht erstarrt).
+
+Jason.
+Siehst du, du kannst's nicht, du vermagst es nicht!
+Und nun zu mir! Genug des Widerstrebens!
+Und weigerst du's? Versuch' es wenn du kannst.
+
+(Sie rasch anfassend und auf seinem Arm in die Höhe haltend.)
+
+So fass' ich dich, so halt' ich dich empor
+Und trage dich durch unsrer Völker Streit,
+Durch Haß und Tod, durch Kampfes blut'ge Wogen.
+Wer wagt's zu wehren? Wer entreißt dich mir?
+
+Medea.
+Laß mich!
+
+Jason.
+Nicht eher bis du gütig sprichst,
+Nicht eher bis ein Wort, ein Wink, ein Laut
+Verrät daß du mir weichst, daß du dich gibst.
+
+(Zu ihr empor blickend und heftig schüttelnd.)
+
+Medea, dieses Zeichen!
+
+Medea
+
+(leise).
+Jason! laß mich!
+
+Jason.
+"Jason!"--Da sprachst du meinen Namen aus,
+Zum ersten Male aus! O holder Klang!
+"Jason!" wie ist der Name doch so schön
+Seit du ihn sprachst mit deinen süßen Lippen.
+Hab' Dank Medea, hab' den besten Dank!
+
+(Er hat sie auf den Boden niedergelassen.)
+
+Medea, Jason; Jason und Medea
+O schöner Einklang! Dünket dir's nicht auch?
+Du zitterst! Setz' dich hier! Erhole dich!
+
+
+(Er führt Medeen zu einer Rasenbank. Sie folgt ihm und sitzt mit
+vorhängendem Leibe, die Augen vor sich starr auf dem Boden, die
+Hände, in denen noch der Dolch, gefaltet im Schoße.)
+
+Jason (steht vor ihr).
+Noch immer stumm, noch immer trüb und düster?
+O zage nicht; du bist in Freundes Hand.
+Zwar geb' ich leicht dem Vater dich nicht wieder,
+Ein teures Unterpfand ist mir sein Kind;
+Doch soll dir's drum bei mir nicht schlimm ergehn,
+Nicht schlimmer wenigstens als mir bei dir.
+Wenn ich so vor dir steh' und dich betrachte,
+Beschleicht mich ein fast wunderbar Gefühl.
+Als hätt' des Lebens Grenz' ich überschritten
+Und stünd' auf einem unbekannten Stern,
+Wo anders die Gesetze alles Seins und Handelns,
+Wo ohne Ursach' was geschieht und ohne Folge,
+Da seiend weil es ist.
+Dahergekommen durch ein wildes Meer,
+Aus Ländern, so entfernt, so abgelegen,
+Daß (Wünsche) kaum vorher die Reise wagten,
+Auf Kampf und Streit gestellt, lang' ich hier an,
+Und sehe dich und bin mit dir bekannt.
+Wie eine Heimat fast dünkt mir dies fremde Land,
+Und, abenteuerlich ich selbst, schau' ich
+Verwundrungslos, als könnt' es so nur sein,
+Die Abenteuer dieses Wunderbodens.
+Und wieder, ist das Fremde mir bekannt,
+So wird dafür mir, was bekannt, ein Fremdes.
+Ich selber bin mir (Gegenstand) geworden,
+Ein andrer denkt in mir, ein andrer handelt.
+Oft sinn' ich meinen eignen Worten nach,
+Wie eines Dritten, was damit gemeint,
+Und kommt's zur Tat, denk' ich wohl bei mir selber,
+Mich soll's doch wundern, was er tun wird und was nicht.
+Ein einz'ges ist mir licht und das bist du,
+Ja du Medea, scheint's auch noch so fremd.
+Ich ein Hellene, du Barbarenbluts,
+Ich frei und offen, du voll Zaubertrug,
+Ich Kolchis' Feind, du seines Königs Kind
+Und doch Medea, ach und dennoch, dennoch!
+Es ist ein schöner Glaub' in meinem Land,
+Die Götter hätten doppelt einst geschaffen
+Ein jeglich Wesen und sodann geteilt;
+Da suche jede Hälfte nun die andre
+Durch Meer und Land und wenn sie sich gefunden,
+Vereinen sie die Seelen, mischen sie
+Und sind nun eins!--Fühlst du ein halbes Herz
+Ist's schmerzlich dir gespalten in der Brust,
+So komm--doch nein da sitzt sie trüb und düster,
+Ein rauhes Nein auf meine milde Deutung,
+Den Dolch noch immer in geschloßner Hand.
+O fort!
+
+(Ihre Hand fassend und den Dolch entwendend.)
+
+Laßt los ihr Finger! Bunte Kränze,
+Geschmeid und Blumen ziemt euch zu berühren,
+Nicht diesen Stahl, gemacht für Männerhand.
+
+Medea (aufspringend).
+Fort!
+
+Jason (sie zurückhaltend).
+Bleib!
+
+Medea.
+Von hier!
+
+Jason.
+Bleib da, ich bitte dich!
+Ich sage dir: bleib da! Hörst du, du sollst!
+Du sollst, beim Himmel, gält' es auch dein Leben!
+Wagt es das Weib, dem Mann zu bieten Trotz?
+Bleib!
+
+(Er faßt ihre Arme mit beiden Händen.)
+
+Medea.
+Laß!
+
+Jason.
+Wenn du gehorchst, sonst nimmermehr!
+
+(Er ringt mit der Widerstrebenden.)
+
+Mich lüstet deines Starrsinns Maß zu kennen!
+
+Medea (in die Kniee sinkend).
+Weh mir!
+
+Jason.
+Siehst du? du hast es selbst gewollt.
+Erkenne deinen Meister, deinen Herrn!
+
+(Medea liegt auf einem Kniee am Boden, auf das andre stützt sie den
+Arm, das Gesicht mit der Hand bedeckend.)
+
+
+
+Jason (hinzutretend).
+Steh auf!--Du bist doch nicht verletzt?--Steh auf!
+Hier sitz und ruh', (vermagst) du es zu ruhn!
+
+(Er hebt sie vom Boden auf, sie sitzt auf der Rasenbank.)
+
+Jason.
+Umsonst versend' ich alle meine Pfeile
+Rückprallend treffen sie die eigne Brust.
+Wie hass' ich dieses Land, sein rauher Hauch
+Vertrocknete die schönste Himmelsblume,
+Die je im Garten blühte der Natur.
+Wärst du in Griechenland, da wo das Leben
+Im hellen Sonnenglanze heiter spielt,
+Wo jedes Auge lächelt wie der Himmel,
+Wo jedes Wort ein Freundesgruß, der Blick
+Ein wahrer Bote wahren Fühlens ist,
+Kein Haß als gegen Trug und Arglist, kein--
+Und doch, was sprech ich? Sieh, ich weiß es wohl
+Du bist nicht was du scheinen willst, Medea,
+Umsonst verbirgst du dich, ich kenne dich!
+Ein wahres, warmes Herz trägst du im Busen,
+Die Wolken hier, sie decken eine Sonne.
+Als du mich rettetest, als dich mein Kuß--
+Erschrickst du?--Sich mich an!--Als dich mein Kuß!--
+Ja deine Lippen hat mein Mund berührt,
+Eh ich dich kannt', eh ich dich fast gesehn
+Nahm ich mir schon der Liebe höchste Gabe;
+Da fühlt' ich (Leben) mir entgegen wallen
+Und du gibst trügerisch dich nun für (Stein)!
+Ein wahres, warmes Herz schlägt dir im Busen
+Du (liebst) Medea!
+
+(Medea will aufspringen.)
+
+Jason (sie niederziehend).
+Bleib!--du liebst Medea!
+Ich seh's am Sturmeswogen deiner Brust
+Ich seh's an deiner Wangen Flammenglut
+Ich fühl's an deines Atems heißem Wehn,
+An diesem Beben fühl' ich es--du liebst,
+Liebst (mich)! (Mich) wie ich (dich)!--ja wie ich (dich)!
+
+(Er kniet vor ihr.)
+
+Schlag deine Augen auf und leugne wenn du's kannst!
+Blick' mich an und sag' nein!--du liebst Medea!
+
+(Erfaßt ihre beiden Hände und wendet die sich Sträubende gegen sich,
+ihr fest ins Gesicht blickend.)
+
+Jason.
+Du weinst! Umsonst, ich kenne Mitleid nicht
+Mir Aug ins Aug, und sage: nein!--du liebst!
+Ich liebe dich, du mich! Sprich's aus Medea!
+
+(Er hat sie ganz gegen sich gewendet. Ihr Auge trifft das seinige.
+Sie schaut ihm mit einem tiefen Blick ins Auge.)
+
+Jason.
+Dein Auge hat's gesagt, nun auch der Mund!
+Sprich's aus Medea, sprich es aus: ich liebe!
+Fällt dir's so schwer ich will dich's lehren, Kind.
+Sprich's nach: ich liebe dich!
+
+(Er zieht sie an sich; sie verbirgt dem Zuge folgend das Gesicht in
+seinen Haaren.)
+
+--Und noch kein Wort!
+Kein Wort, obschon ich sehe, wie der Sturm
+An deines Innern festen Säulen rüttelt.
+Und doch kein Wort!
+
+(Aufspringend.)
+
+So hab' es Störrische!
+Geh! Du bist frei, ich halte dich nicht mehr!
+Kehr' wieder zu den Deinigen zurück,
+Zu ihren Menschenopfern, Todesmahlen,
+In deine Wildnis, Wilde kehr' zurück,
+Geh! Du bist frei; ich halte dich nicht mehr!
+
+Aietes (von innen).
+Hierher, Kolcher, hierher!
+
+Jason.
+Dein Vater naht.
+Sei froh, ich weigre dich ihm nicht.
+Argonauten (kommen weichend.
+Hinter ihnen) Aietes, Absyrtus (und) Kolcher(, die sie verfolgen.)
+
+Aietes (auftretend).
+Braucht eure Waffen, wackre Genossen!
+Wo ist mein Kind?
+
+Absyrtus.
+Dort Vater sitzt sie.
+
+Aietes (zu Jason).
+Verruchter Räuber, mein Kind gib mir zurück!
+
+Jason.
+Wenn du mich bittest, nicht wenn du mir drohst.
+Dort ist dein Kind. Nimm sie und führ' sie heim.
+Nicht weil Du willst, weil sie will und weil ich will.
+
+(Zu Medeen hintretend und sie anfassend.)
+
+Steh auf Medea! Komm! Hier ist dein Vater!
+Du sehntest dich nach ihm; hier ist er nun.
+Verhüten es die Götter, daß ich hier
+Zurück dich hielte wider deinen Willen.
+Was zitterst du? du hast es selbst gewollt.
+
+(Er führt die Wankende zu ihrem Vater und gibt sie ihm in die Arme.)
+
+Hier Vater ist dein Kind.
+
+Aietes (Medeen empfangend, die das Gesicht auf seiner Schulter verbirgt).
+Medea!
+
+Absyrtus.
+Schwester!
+
+Jason.
+Nun König, rüste dich zum Todeskampf!
+Die Bande, die mich hielten sind gesprengt,
+Zerronnen ist der schmeichelhafte Wahn,
+Der mir der Tatkraft Sehnen abgespannt.
+Mit ihr, die jetzo ruht in deinem Arm,
+Legt' ich den Frieden ab und atme Krieg.
+Auf, rüste dich, es gilt dein Heil und Leben!
+
+(Zu Medeen.)
+
+Du aber, die hier stumm und bebend liegt,
+Das Angesicht so feindlich abgewandt,
+Leb' wohl! Wir scheiden jetzt auf immerdar.
+Es war ein Augenblick, wo ich gewähnt,
+Du könntest fühlen, könntest mehr als hassen,
+Wo ich geglaubt, die Götter hätten uns
+Gewiesen an einander, dich und mich.
+Das ist nunmehr vorbei. So fahre hin!
+Du hast das Leben zweimal mir gerettet,
+Das dank' ich dir und werd' es nie vergessen.
+In ferner Heimat und nach langen Jahren
+Will ich's erzählen in dem Kreis der Freunde.
+Und frägt man mich und forscht: wem gilt die Träne,
+Die fremd dir da im Männerauge funkelt?
+Dann sprech' ich wohl in schmerzlicher Erinnrung:
+Medea hieß sie; schön war sie und herrlich,
+Allein ihr Busen barg kein Herz.
+
+Aietes.
+Medea
+Was ist? Feucht liegt dein Gesicht auf meiner Schulter.
+Weinst du?
+
+Jason.
+Du weinst? Laß mich die Tränen sehn,
+O laß mich's glauben, daß du weinen kannst.
+Blick' noch einmal nach mir, es ist das letztemal;
+Ich will den Blick mittragen in die Ferne.
+Denk' doch, es ist zum letzten- letztenmal.
+
+(Er faßt ihre herabhängende Hand.)
+
+Aietes.
+Wagst du's, zu berühren ihre Hand?
+
+Jason (indem er ihre Hand fahren läßt).
+Sie will nicht. Nun wohlan, so sei es denn!
+Du siehst mich nimmermehr auf dieser Erde.
+Leb' wohl Medea, leb' auf ewig wohl!
+
+(Er geht rasch.)
+
+Medea (das Gesicht hinwendend und den Arm ihm nachstreckend).
+Jason!
+
+Jason (umkehrend).
+Das war's! Medea! Komm zu mir!
+
+(Auf sie zueilend und ihre Hand fassend.)
+
+Zu mir!
+
+Aietes (sie an der andern Hand haltend).
+Verwegner, fort!
+
+Jason (Aietes' Hand wegschleudernd und Medeen an sich reißend).
+Wagst du's Barbar!
+Sie ist mein Weib!
+
+Aietes.
+Sein Weib?--Du schweigst Verworfne?
+
+Jason (Medeen auf die andere Seite führend).
+Hierher Medea, fort von diesen Wilden.
+Von nun an bist du mein und keines Andern!
+
+Aietes.
+Medea, du weigerst dich nicht? du folgst ihm?
+Stößt ihm nicht den Stahl in die frevelnde Brust?
+Verruchte, war's vielleicht dein eignes Werk?
+
+(Auf Jason eindringend.)
+
+Meine Tochter gib mir, mein verlocktes Kind!
+
+Medea (sich zwischen beide werfend).
+Vater, töt' ihn nicht! Ich lieb' ihn!
+
+Jason.
+Er konnte dir's entreißen und ich nicht!
+
+Aietes.
+Schamlose! Du selbst gestehst's? Gestehst deine Schande?
+O, daß ich nicht merkte die plumpe List,
+Daß ich selbst sie sandte in seinen Arm,
+Vertrauend der Väter Blut in ihren Adern!
+
+Jason.
+Darfst du sie schmähen?
+
+Medea.
+Höre mich Vater!
+Es ist geschehn was ich fürchtete. Es ist.
+Aber laß uns klar sein, Vater, klar!
+In schwarzen Wirbeln dreht sich's um mich
+Aber ich will hindurch, empor aus Dunkel und Nacht.
+Noch läßt sich's wenden, ab sich wenden. Höre mich!
+
+Aietes.
+Was soll ich hören? Ich habe gesehn!
+
+Medea.
+Vater! Vernicht' uns nicht alle.
+Löse den Zauber, beschwichtige den Sturm!
+Heiß ihn dableiben, den Führer der Fremden,
+Nimm ihn auf, nimm ihn an!
+An deiner Seite herrsch' er in Kolchis,
+Dir befreundet, dein Sohn!
+
+Aietes.
+Mein Sohn? Mein Feind.
+Tod ihm, und dir, wenn du nicht folgst!
+Willst du mit mir? Sprich! Willst du oder nicht?
+
+Medea.
+Höre mich.
+
+Aietes.
+Willst du, oder nicht?
+
+Absyrtus.
+Gönn' ihr zu sprechen, Vater!
+
+Aietes.
+Ja oder nein?
+Laß mich Sohn!--Willst du?--Sie kommt nicht.--Schlange!
+
+(Er holt mit dem Schwert aus.)
+
+Jason (sich vor sie hinstellend).
+Du sollst sie nicht verletzen!
+
+Absyrtus (zugleich dem Vater in den Arm fallend).
+Vater, was tust du?
+
+Aietes.
+Du hast recht. Nicht sterben soll sie, leben;
+Leben in Schmach und Schande; verstoßen, verflucht,
+Ohne Vater, ohne Heimat, ohne Götter!
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes.
+Du hast mich betrogen, verraten.
+Bleib! Nicht mehr betreten sollst du mein Haus.
+Ausgestoßen sollst du sein, wie das Tier der Wildnis,
+Sollst in der Fremde sterben, verlassen, allein.
+Folg' ihm, dem Buhlen, nach in seine Heimat,
+Teile sein Bett, sein Irrsal, seine Schmach;
+Leb' im fremden Land, eine Fremde,
+Verspottet, verachtet, verhöhnt, verlacht;
+Er selbst, für den du hingibst Vater und Vaterland
+Wird dich verachten, wird dich verspotten,
+Wenn erloschen die Lust, wenn gestillt die Begier;
+Dann wirst du stehn und die Hände ringen,
+Sie hinüberbreiten nach dem Vaterland,
+Getrennt durch weite, brandende Meere,
+Deren Wellen dir murmelnd bringen des Vaters Fluch!
+
+Medea (knieend).
+Vater!
+
+Aietes.
+Zurück! Ich kenne dich nicht!
+Komm, mein Sohn! Ihr Anblick verpestet,
+Ihre Stimme ist Todeslaut meinem Ohr.
+Umklammre nicht meine Kniee, Verruchte!
+Sieh ihn dort, ihn, den du gewählt;
+Ihm übergeb' ich dich;
+Er wird mich rächen, er wird dich strafen,
+Er selber, früher als du denkst.
+
+Medea.
+Vater!
+
+Aietes
+
+(indem er die Knieende von sich stößt, daß sie halbliegend
+zurücksinkt).
+Weg deine Hand, ich kenne dich nicht!
+Fort mein Sohn, mein einziges Kind!
+Fort mein Sohn aus ihrer Nähe!
+
+(Ab mit Absyrtus und Kolchern.)
+
+Jason.
+Flieh nur Barbar, der Rach' entgehst du nicht!
+
+(Zu den Argonauten.)
+
+Nun Freunde gilt's; die Waffen haltet fertig
+Zum letzten Streich, der Sieg bringt oder Tod.
+
+(Auf Medeen zeigend.)
+
+Sie kennt das Vließ, den Ort, der es verbirgt,
+Mit ihr vollbringen wir's und dann zu Schiff.
+
+(Zu Medeen hintretend, die noch auf eine Hand gestützt, die andre
+über die Stirne gelegt am Boden liegt.)
+
+Steh auf Medea, er ist fort.--Steh auf!
+
+(Er hebt sie auf.)
+
+Hier bist du sicher.
+
+Medea (die sich in seinen Armen aufgerichtet hat, aber mit einem Kniee
+noch am Boden liegt).
+Jason, sprach er wahr?
+
+Jason (sie ganz aufhebend).
+Denk' nicht daran!
+
+Medea (scheu an ihn geschmiegt).
+O Jason, sprach er wahr?
+
+Jason.
+Vergiß was du gehört, was du gesehn,
+Was du gewesen bist auf diese Stunde.
+Aietes' Kind ist Jasons Weib geworden,
+An dieser Brust hängt deine Pflicht, dein Recht.
+Und wie ich diesen Schleier von dir reiße,
+Durchwoben mit der Unterird'schen Zeichen,
+So reiß' ich dich von all den Banden los,
+Die dich geknüpft an dieses Landes Frevel.
+Hier Griechen eine Griechin! Grüßet sie!
+
+(Er reißt ihr den Schleier ab.)
+
+Medea (darnach fassend).
+Der Götter Schmuck!
+
+Jason.
+Der Unterird'schen! Fort!
+Frei wallt das Haar nun um die offne Stirn;
+So frei und offen bist du Jasons Braut. Nun nur noch eins und dann
+zu Schiff und fort.
+Das Vließ, du kennst's, zeig' an mir, wo es liegt!
+
+Medea.
+Ha schweig!
+
+Jason.
+Warum?
+
+Medea.
+Sprich nicht davon!
+
+Jason.
+Mein Wort hab' ich gegeben, es zu holen
+Und ohne Siegespreis kehrt Jason nicht zurück.
+
+Medea.
+Ich sage dir, sprich nicht davon!
+Ein erzürnter Gott hat es gesendet,
+Unheil bringt es, (hat) es gebracht!
+Ich bin dein Weib! Du hast mir's entrissen,
+Aus der Brust gerissen das zagende Wort,
+Ich bin dein, führe mich wohin du willst
+Aber kein Wort mehr von jenem Vließ!
+In vorahnender Träume dämmerndem Licht
+Haben mir's die Götter gezeigt
+Gebreitet über Leichen,
+Besprützt mit Blut,
+Meinem Blut!
+Sprich nicht davon!
+
+Jason.
+Ich aber muß, nicht sprechen nur davon,
+Ich muß es holen, folge was da wolle.
+Drum laß die Furcht und führ' mich hin zur Stelle
+Daß ich vollende, was mir auferlegt.
+
+Medea.
+Ich? Nimmermehr!
+
+Jason.
+Du willst nicht?
+
+Medea.
+Nein!
+
+Jason.
+Und weigerst du mir Beistand, hol' ich's selbst.
+
+Medea.
+So geh!
+
+Jason (sich zum Fortgehen wendend.)
+Ich gehe.
+
+Medea (dumpf).
+Geh--in deinen Tod!
+
+Jason.
+Kommt Freunde, laßt den Ort uns selbst erkunden!
+
+(Er geht.)
+
+Medea.
+Jason!
+
+Jason (wendet sich um).
+Was ist?
+
+Medea.
+Du gehst in deinen Tod!
+
+Jason.
+Kam ich hierher und fürchtete den Tod?
+
+Medea (auf ihn zueilend und seine Hand fassend).
+Ich sage dir, du stirbst.
+
+(Halblaut.)
+
+In der Höhle liegt's verwahrt,
+Verteidigt von allen Greueln
+Der List und der Gewalt.
+Labyrinthische Gänge,
+Sinnverwirrend,
+Abgründe, trügerisch bedeckt,
+Dolche unterm Fußtritt,
+Tod im Einhauch,
+Mord in tausendfacher Gestalt,
+Und das Vließ, am Baum hängt's,
+Giftbestrichen,
+Von der Schlange gehütet,
+Die nicht schläft,
+Die nicht schont,
+Unnahbar.
+
+Jason.
+Ich hab' mein Wort gegeben und ich lös' es.
+
+Medea.
+Du gehst?
+
+Jason.
+Ich geh'!
+
+Medea
+
+(sich ihm in den Weg werfend).
+Und wenn ich hin mich werfe
+Flehend deine Kniee umfass' und rufe:
+Bleib! bleib!
+
+Jason.
+Nichts hält mich ab!
+
+Medea.
+O Vater, Vater!
+Wo bist du? Nimm mich mit!
+
+Jason.
+Was klagst du?
+Wohl eher wär' das Recht zu klagen mir.
+Ich tue was ich muß, du hast zu wählen.
+Du weigerst dich und so geh' ich allein.
+
+(Er geht.)
+
+Medea.
+Du gehst?
+
+Jason.
+Ich geh'!
+
+Medea.
+Trotz allem was ich bat,
+Doch gehst du?
+
+Jason.
+Ja!
+
+Medea (aufspringend).
+So komm!
+
+Jason.
+Wohin?
+
+Medea.
+Zum Vließ,
+Zum Tod!--Du sollst (allein) nicht sterben,
+Ein Haus, Ein Leib und Ein Verderben!
+
+Jason (sich ihr nähernd).
+Medea!
+
+Medea (ausweichend).
+Die Liebkosung laß
+Ich habe sie erkannt!--O Vater! Vater!
+So komm, laß uns holen was du suchst;
+Reichtum, Ehre,
+Fluch, Tod!
+In der Höhle liegt's verwahrt
+Weh dir, wenn sich's offenbart!
+Komm!
+
+Jason (ihre Hand fassend).
+Was quält dich?
+
+Medea (indem sie ihre Hand aufschreiend wegzieht).
+Ah!--Phryxus!--Jason!
+
+Jason.
+Um aller Götter willen!
+
+Medea.
+Komm! Komm!
+
+(Huscht fort mit weit aufgerissenen Augen vor sich hinstarrend.
+Die andern folgen.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+(Das Innere einer Höhle. Kurzes Theater. Im Vorgrunde rechts das
+Ende einer von oben herabführenden Treppe. In der Felsenwand des
+Hintergrunds ein großes, verschlossenes Tor.)
+
+
+Medea (steigt, in der einen Hand einen Becher in der andern eine Fackel
+die Treppe herab).
+Komm nur herab! Wir sind am Ziel!
+
+Jason (oben, noch hinter der Szene).
+Hierher das Licht!
+
+Medea (die Stiege hinaufleuchtend).
+Was ist?
+
+Jason (mit gezogenem Schwerte auftretend und die Stiege eilig
+herabsteigend).
+Es strich an mir vorbei! Halt! Dort!
+
+Medea.
+Was?
+
+Jason.
+An der Pforte steht's den Eingang wehrend.
+
+Medea (hinleuchtend).
+Sieh, es ist nichts und niemand wehrt dir Eingang,
+Wenn du nicht selbst.
+
+(Sie setzt den Becher weg und steckt die Fackel in einen Ring am
+Treppengeländer.)
+
+Jason.
+Du bist so ruhig.
+
+Medea.
+Und du bist's nicht!
+
+Jason.
+Als es noch nicht begonnen
+Als ich's nur wollte, bebtest du, und nun--
+
+Medea.
+Mir graut, daß du es willst, nicht daß du's tust.
+Bei dir ist's umgekehrt.
+
+Jason.
+Mein Aug ist feig,
+Mein Herz ist mutig.--Rasch ans Werk!--Medea!
+
+Medea.
+Was starrst du ängstlich?
+
+Jason.
+Bleicher Schatten, weiche!
+Laß frei die Pforte, du hältst mich nicht ab.
+
+(Auf die Pforte zugehend.)
+
+Ich geh' trotz dir, durch dich zum Ziel--nun ist er fort!
+Wie öffnet man das Tor?
+
+Medea.
+Ein Schwerthieb an die Platte
+Dort in der Mitte öffnet es.
+
+Jason.
+Gut denn!
+Du wartest meiner hier.
+
+Medea.
+Jason!
+
+Jason.
+Was noch?
+
+Medea (weich und schmeichelnd).
+Geh nicht!
+
+Jason.
+Du reizest mich!
+
+Medea.
+Geh nicht o Jason!
+
+Jason.
+Hartnäckige kann nichts dich denn bewegen,
+Zu opfern meinem Entschluß deinen Wahn?
+
+Medea.
+Man ehrt den Wahn auch dessen, den man liebt.
+
+Jason.
+Genug nunmehr, ich will!
+
+Medea.
+Du willst?
+
+Jason.
+Ich will.
+
+Medea.
+Und nichts vermag dagegen all mein Flehn?
+
+Jason.
+Und nichts vermag dagegen all dein Flehn.
+
+Medea.
+Und auch mein Tod nichts?
+
+(Sie entreißt ihm durch eine rasche Bewegung das Schwert.)
+
+Sieh! dein eignes Schwert
+Gekehrt ist's gegen meine Brust. Ein Schritt noch weiter
+Und vor dir liegt Medea kalt und tot.
+
+Jason.
+Mein Schwert!
+
+Medea.
+Zurück! Du ziehst's aus meiner Brust!
+Kehrst du zurück?
+
+Jason.
+Nein!
+
+Medea.
+Und wenn ich mich töte?
+
+Jason.
+Beweinen kann ich dich, rückkehren nicht.
+Mein Höchstes für mein Wort und wär's dein Leben!
+
+(Auf sie zugehend.)
+
+Gib Raum, Weib, und mein Schwert!
+
+Medea (indem sie ihm das Schwert gibt).
+So nimm es hin
+Aus meiner Hand, du süßer Bräutigam!
+Und töte dich und mich!--Ich halte dich nicht mehr!
+
+Jason (auf die Pforte zugehend).
+Wohlan!
+
+Medea.
+Halt! Eins noch! Willst du jetzt schon sterben?
+Das Vließ, am heiligen Baum
+Ein Drache hütet's, grimm,
+Unverwundbar seine Schuppenhaut,
+Alldurchdringend sein Eisenzahn,
+Du besiegst ihn nicht.
+
+Jason.
+Ich ihn, oder er mich.
+
+Medea.
+Grausamer, Unmenschlicher!
+Oder er dich! und du gehst?
+
+Jason.
+Wozu die Worte?
+
+Medea.
+Halt!
+Den Becher hier nimm!
+Vom Honig des Berges
+Dem Tau der Nacht,
+Und der Milch der Wölfin
+Brauset drin gegoren ein Trank.
+Setz' ihn hin wenn du eintrittst,
+In der Ferne stehend.
+Und der Drache wird kommen,
+Nahrung suchend,
+Zu schlürfen den Trank.
+Dann tritt hin zum Baume
+Und nimm das Vließ--Nein, nimm's nicht,
+Nimm's nicht und bleib!
+
+Jason.
+Törin! Her den Trank! Gib!
+
+(Er nimmt ihr den Becher aus der Hand.)
+
+Medea (um seinen Hals fallend).
+Jason!--So küss' ich dich und so, und so, und so!
+Geh in dein Grab und laß auch Raum für mich!
+Bleib!
+
+Jason.
+Laß mich Weib! Mir schallt ein höhrer Ruf!
+
+(Gegen die Pforte zugehend.)
+
+Und bärgest du des Tartarus Entsetzen,
+Ich steh' dir!
+
+(Er haut mit dem Schwerte gegen die Pforte.)
+
+Tut euch auf, ihr Pforten!--Ah!
+
+(Die Pforten springen auf und zeigen eine innere schmälere Höhle,
+seltsam beleuchtet. Im Hintergrunde ein Baum. An ihm hängt
+hellglänzend das goldene Vließ. Um Baum und Vließ windet sich eine
+ungeheure Schlange, die beim Aufspringen der Pforte ihr in dem
+Laube verborgenes Haupt hervorstreckt und züngelnd vor sich hin
+blickt.)
+
+(Jason fährt aufschreiend zurück und kommt wieder in den Vorgrund.)
+
+
+
+Medea (wild lachend).
+Bebst du? Schauert dir das Gebein?
+Hast's ja gewollt, warum gehst du nicht?
+Starker, Kühner, Gewaltiger!
+Nur gegen mich hast du Mut?
+Bebst vor der Schlange? Schlange!
+Die mich umwunden, die mich umstrickt,
+Die mich verderbt, die mich getötet!
+Blick' hin, blick's an das Scheusal
+Und geh und stirb!
+
+Jason.
+Haltet aus meine Sinne, haltet aus!
+Was bebst du Herz? Was ist's mehr als sterben?
+
+Medea.
+Sterben? Sterben? Es gilt den Tod!
+Geh hin mein süßer Bräutigam,
+Wie züngelt deine Braut!
+
+Jason.
+Von mir weg, Weib, in deiner Raserei!
+Mein Geist geht unter in des deinen Wogen!
+
+(Gegen das Tor zu.)
+
+Blick' nur nach mir; du findest deinen Mann!
+Und wärst du zehnmal scheußlicher, hier bin ich!
+
+(Er geht drauf los.)
+
+Medea.
+Jason!
+
+Jason.
+Hinein!
+
+Medea.
+Jason!
+
+Jason.
+Hinein!
+
+(Er geht hinein, die Pforten fallen hinter ihm zu.)
+
+Medea (schreiend an die nunmehr geschlossene Pforte hinstürzend).
+Er geht! Er stirbt.
+
+Jason (von innen).
+Wer schloß die Pforte zu?
+
+Medea.
+Ich nicht!
+
+Jason.
+Mach' auf!
+
+Medea.
+Ich kann nicht.--Um aller Götter willen!
+Setz' hin die Schale, zaudre nicht!
+Du bist verloren wenn du zauderst.
+--Jason!--Hörst du mich?--Setz' hin die Schale!--
+Er hört mich nicht!--Er ist am Werk!
+Am Werk!--Hilfe, Ihr dort oben!
+Schaut herab auf uns, ihr Götter!
+Doch nein, nein, schaut nicht herab
+Auf die schuldige Tochter,
+Der Schuldigen Gemahl;
+Ich schenk' euch die Hilfe, ihr mir die Rache!
+Kein Götteraug seh' es,
+Dunkel hülle die Nacht
+Unser Tun und uns!
+Jason lebst du?--Antwort gib!
+Gib Antwort!--Alles stumm
+Alles tot!--Ha?--Er ist tot!
+Er spricht nicht, ist tot.--tot.
+
+(Sie sinkt an der Türe nieder.)
+
+Liegst du mein Bräutigam? Laß Raum,
+Raum für die Braut!
+
+Jason (inwendig, schreckhaft).
+Ah!
+
+Medea (aufspringend).
+Das war seiner Stimme Klang! Er lebt!
+Ist in Gefahr! Zu ihm! Auf, Pforte, auf!
+Wähnst du zu widerstehn? Ich spotte dein!
+Auf!
+
+(Sie reißt mit einem Zuge gewaltsam beide Torflügel auf.)
+
+Jason (stürzt wankend heraus, das Vließ als Banner auf einer Lanze
+tragend.)
+
+Medea.
+Lebst du?
+
+Jason.
+Leben?--Leben?--Ja!--Zu! zu da!
+
+(Er schließt ängstlich die Pforte zu.)
+
+Medea.
+Und hast das Vließ?
+
+Jason (es weit von sich weghaltend).
+Berühr's nicht! Feuer! Feuer!
+
+(Seine Rechte mit ausgestreckten Fingern hinhaltend.)
+
+Sieh hier die Hand--wie ich's berührt--verbrannt!
+
+Medea (seine Hand nehmend).
+Das ist ja Blut!
+
+Jason.
+Blut?
+
+Medea.
+Auch am Haupte Blut.
+Hast dich verletzt?
+
+Jason.
+Weiß ich's?--Nun komm! Nun komm!
+
+Medea.
+Hast du's vollführt, wie ich's gesagt?
+
+Jason.
+Ja wohl.
+Die Schale stellt' ich hin, mich selber seitwärts
+Und harrte schnaufend. Rufen hört' ich, doch
+Nicht zu erwidern wagt' ich vor dem Tier.
+Das hob sich blinkend auf und, und schon wähnt' ich
+Auf mich hin schieb' es rauschend seine Ringe;
+Allein der Trank war's, den das Untier suchte,
+Und weit gestreckt in durstig langen Zügen
+Sog, meiner nicht mehr achtend, es den Trank.
+Bald, trunken oder tot lag's unbeweglich.
+Ich rasch hervor vom marternden Versteck,
+Zum Baum hin und das Vließ--hier ist's--Nun fort!
+
+Medea.
+So komm, und schnell!
+
+Jason.
+Als ich's vom Baume holte,
+Da rauscht' es auf, wie seufzend, durch die Blätter
+Und hinter mir riefs: Wehe!
+Ha?--Wer ruft?
+
+Medea.
+Du selbst!
+
+Jason.
+Ich?
+
+Medea.
+Komm!
+
+Jason.
+Wohin?
+
+Medea.
+Fort!
+
+Jason.
+Fort, ja fort!
+Geh du voran, ich folge mit dem Vließ
+Geh nur! Geh, zaudre nicht! Voraus! Voran!
+
+(Beide ab, die Treppe hinauf.)
+
+(Freier Platz vor der Höhle. Im Hintergrunde die Aussicht aufs
+Meer, die auf der rechten Seite durch einen am Ufer liegenden Hügel
+verdeckt wird, hinter dem, nur mit den Masten und dem Vorderteile
+sichtbar, das Schiff der Argonauten liegt.)
+Milo, Argonauten, (teils mit Arbeiten des Einschiffens beschäftigt,
+teils als Wachen und ruhend gruppiert.)
+
+Milo.
+Das Schiff ist hergezogen. Gut. Doch hört!
+Nicht Anker ausgeworfen! Hört ihr? (Nicht)!
+Der Augenblick kann uns die Abfahrt bringen
+Und ob's zum lichten Zeit dann, weiß ich nicht.
+
+(Auf und ab gehend.)
+
+Er kommt noch immer nicht. Daß er ihr traute!
+Ich hab' ihn wohl gewarnt. Doch hört er Warnung?
+Sonst ja, daheim, da horcht' er meiner Rede
+Und tat auch was ihm riet mein treuer Mund
+So folgsam, so ein Kind, und doch ein Mann.
+Doch hier ist er verwandelt ganz und gar
+Verwandelt gleich--uns allen, sagt' ich schier,
+Vom gift'gen Anhauch dieses Zauberbodens.
+O dieses Weib! Mir graut denk' ich an sie.
+Wie sie so dastand mit den dunkeln Brauen
+Gleich Wetterwolken an der finstern Stirn,
+Das Augenlid gesenkt, im düstern Sinnen:
+Nun hob sich's und wie Wetterleuchten fuhr
+Der Blick hervor und faßt' und schlug und traf.--
+Ihn traf er!--Nu die Götter mögen's wenden. Was bringen dort die
+Beiden. Griechen sind's.
+Ein Weib! Gebunden! Memmen ihr!--Holla!
+
+Zwei Griechen (treten auf,)
+Gora (mit gebundenen Händen in ihrer Mitte.)
+
+Milo.
+Was ist? Was bindet ihr das Weib!--Gleich löst sie!
+
+Soldat.
+Das Weib da kam an unsre Vorwacht, Herr
+Und fragte nach--nu nach der Kolcherin
+Die heut wir fingen.
+
+Gora.
+Kolcherin?
+Ha Sklav', Medea ist's,
+Des Kolcherfürsten Tochter.
+Wo habt ihr sie?
+
+Soldat.
+Wir wollten sie nicht lassen, daß sie nicht
+Dem Feinde Kundschaft gäb' von unsrer Lagrung
+Allein sie wehrt' es und fast männlich, Herr.
+Da banden wir sie, weil sie sich nicht fügte,
+Und bringen sie euch her!
+
+Milo.
+Löst ihre Bande!
+
+(Es geschieht.)
+
+Gora.
+Wo ist Medea? Wo ist mein Kind?
+
+Milo.
+Dein Kind?
+
+Gora.
+Ich hab' sie gesäugt gepflegt.
+Als eine Mutter mein Kind. Wo habt ihr sie?
+Sie sagen: freien Willens sei sie geblieben
+Bei euch in eures Lagers Umfang;
+Aber 's ist Lüge, ich kenne Medea
+Ich kenne mein Kind.
+Gefangen haltet ihr sie zurück.
+Gebt sie heraus! Wo ist sie?
+
+Milo.
+Ganz gut kommst als Genossin du für sie
+Leicht fände sie sich einsam unter Menschen.
+Bringt sie ins Schiff!
+
+Gora.
+So weilt sie dort?
+
+Milo.
+Geh nur!
+Zu bald wirst du sie noch erblicken!--Geh!
+
+Gora (die abgeführt wird).
+Ins Meer, nicht in das Schiff, wenn ihr mich täuscht.
+
+(Ab.)
+
+Milo
+
+(ihr nachschauend).
+Ha! bringen wir die wilden Tiere alle
+Nach Griechenland, ich sorge, man erdrückt uns,
+Die Seltenheit zu sehn!--Und Er kommt nicht!
+
+(Man hört dumpfe Schläge unter der Erde.)
+
+Was ist das?--Horch!--Speit auch der Boden Wunder?
+Versucht's der Feind?--
+
+(Gegen die Krieger, das Schwert ziehend.)
+
+Holla! zur Hand!
+
+(Die Krieger greifen nach ihren Waffen.)
+
+Milo.
+Die Erde hebt sich!--Was geschieht noch alles?
+(Eine Falltüre öffnet sich am Boden.) Medea (steigt herauf.)
+
+Medea.
+Hier ist der Tag.
+
+(Nachdem sie ganz heroben ist.)
+
+Und hier die Deinen.
+Ich hielt was ich versprach.
+Jason (mit dem Vließ-Banner steigt auch herauf.
+Medea läßt die Falltüre nieder.)
+
+Milo
+
+(auf ihn zueilend und seine Hand nehmend).
+Du bist es Jason!
+Du!
+
+Jason (der mit gebeugtem Kopf dagestanden, emporblickend).
+Jason!--Wo?--Ja so! Ja, ja!
+
+(Ihm die linke Hand reichend. In der rechten hält er das Banner.)
+
+Freund Milo!
+
+Milo (im Vortreten).
+Und mit dem Vließ?
+
+Jason (schreckhaft sich umsehend).
+Ha!--Mit dem Vließ!--
+
+(Es hinhaltend.)
+
+Hier ist's!
+
+(Sich noch einmal umsehend.)
+
+Ein widerlicher Mantel dort, der graue
+Und drein gehüllt der Mann bis an die Zähne.
+
+(Auf ihn zugehend.)
+
+Borg' mir den Mantel, Freund!
+
+(Der Soldat gibt den Mantel.)
+
+Ich kenne dich
+Du bist Archytas aus Korinth. Ja, ja
+Ein lust'ger Kauz, ein (Geist) mit Fleisch und Blut!
+
+(Ihn an der Schulter anfassend.)
+
+Mit Fleisch und Blut!
+
+(Widerlich lachend.)
+
+Ha! ha!--Ich dank' dir Freund!
+
+Milo.
+Wie sonderbar--
+
+Jason
+
+(den Mantel um das Vließ hüllend).
+Wir wollen das verhüllen,
+So--und hier aufbewahren bis wir's brauchen.
+
+(Er legt das Vließ hinter ein Felsenstück, auf das sich Medea
+sinnend gesetzt hat.)
+
+Was sinnest du Medea, sinnest jetzt?
+Laß uns die Überlegung aufbewahren
+Als Zeitvertreib auf langer Überfahrt.
+Komm her mein Weib, mir angetraut
+Bei Schlangenzischen unterm Todestor.
+
+Milo (sich zu Medea wendend).
+Das Schiff dort birgt, was dir willkommen wohl.
+Ein Weib, Medeens Pflegerin sich nennend
+Ward eingebracht--
+
+Medea.
+Gora.--Zu ihr!
+
+Jason (rauh).
+Bleib da!
+
+(Medea erschrocken die Hände auf Brust und Stirn legend, bleibt
+stehen.)
+
+Jason (milder).
+Ich bitte dich bleib da!
+
+(Indem er sie zurückführt.)
+
+Geh nicht Medea!
+
+(Sie wirft einen scheuen Blick auf ihn.)
+
+Entwöhne dich vom Umgang jener Wilden
+Dafür an unseren gewöhne dich!
+Wir sind jetzt Eins, wir müssen einig denken.
+
+Milo.
+Kommt jetzt zu Schiff!
+
+Jason.
+Ja, ja! Komm mit Medea!
+Wie lau die Feinde sind! Ich hätte Lust
+Zu fechten, fechten. Doch sie schlafen scheint es!
+
+Absyrtus
+
+(hinter der Szene).
+Hierher!
+
+Milo.
+Sie schlafen nicht.
+
+Jason.
+So besser! Schließt euch!
+Zieht gegen unser Fahrzeug euch zurück.
+Wir wollen unser Angedenken ihnen
+Zum Abschied noch erneun auf immerdar.
+
+(Er rafft das verhüllte Vließ auf.)
+
+Medea, in den Kreis und zittre nicht!
+Absyrtus (tritt mit) Kolchern (auf.)
+
+Absyrtus.
+Hier ist sie! Komm zu mir! Medea! Schwester!
+
+Medea (die bei seinem Eintritt ihm unwillkürlich einige
+Schritte entgegen gegangen ist, jetzt stehen bleibend).
+Wohl deine Schwester, doch Medea nicht!
+
+Jason.
+Was weilst du dort? Tritt wieder her zu uns!
+
+Absyrtus (mitleidig zu ihr tretend).
+So wär' es wahr denn, was sie alle sagen
+Und ich nicht glauben konnte bis auf jetzt.
+Du wolltest ziehen mit den fremden Männern?
+Verlassen unsre Heimat, unsern Herd
+Den Vater und mich Medea
+Mich, der dich so liebt, du arme Schwester!
+
+Medea (an seinen Hals stürzend).
+O Bruder! Bruder!
+
+(Mit tränenerstickter Stimme.)
+
+O mein Bruder!
+
+Absyrtus.
+Nein es ist nicht wahr!--Du weinst!
+Ich muß auch weinen. Doch was tut's?
+Ich schäme mich der Tränen nicht Genossen
+Im K a m p f will ich zeigen, was ich wert.
+Weine nicht Schwester, komm mit mir!
+
+Medea (an seinem Halse, kaum vernehmlich).
+O könnt' ich gehn mit dir!
+
+Jason (hinzutretend).
+Du willst mit ihm?
+
+Medea (furchtsam).
+Ich?
+
+Jason.
+Du sagtest's!
+
+Medea.
+Sagt' ich etwas Bruder?
+Nein, ich sagte nichts!
+
+Absyrtus.
+Wohl sagtest du's, und komm, o komm,
+Ich führe dich zum Vater, er verzeiht!
+Schon hat ihn mein Flehen halb erweicht;
+Gewiß verzeiht er, noch ist nichts geschehn,
+Die Fremden, sie fanden's noch nicht das Vließ.
+
+Medea (sich entsetzt aus seinen Armen losreißend).
+Nicht?
+
+(Schaudernd.)
+
+Sie haben's!
+
+Jason (indem er die Hülle von dem Vließ reißt und es
+hochgeschwungen vorzeigt).
+Hier!
+
+Absyrtus.
+Das Vließ!
+
+(Zu Medeen.)
+
+So hast du uns denn doch verraten
+Geh hin in Unheil denn und in Verderben!
+
+(Zu Jason.)
+
+Behalt sie, doch das Vließ gib mir heraus!
+
+Jason.
+Du schwärmst mein junger Fant! Mach' dich von hinnen,
+Und sag' dem Vater was du hier gesehn.
+Nehm' ich die Tochter, schenk' ich ihm den Sohn!
+
+Absyrtus.
+Das Vließ!
+
+Jason.
+Ich will dein Blut nicht. Schweig und geh!
+Mit Drachen ist mein Arm gewohnt zu kämpfen,
+Mit Toren nicht wie Du: Geh sag' ich geh!
+
+Absyrtus (eindringend).
+Das Vließ.
+
+Jason (ausweichend).
+Mir zu begegnen ist gefährlich,
+Denn ich bin grimmig wie der grimme Leu.
+
+Absyrtus.
+Das Vließ!
+
+Jason.
+So hab's!
+
+(Er haut, über die linke Schulter ausholend mit einem grimmigen
+Seitenhieb auf Absyrtus, daß Helm, Schild und Schwert ihm rasselnd
+entfallen, er selbst aber, obschon unverwundet, taumelnd
+niederstürzt.)
+
+Medea
+
+(bei dem Fallenden auf die Kniee stürzend und sein Haupt in ihrem
+Schoß verbergend).
+Halt ein!
+
+Jason.
+Ich töt' ihn nicht!
+Allein gehorchen muß er, (muß--gehorchen)!
+
+Medea (Absyrtus aufrichtend).
+Steh auf!
+
+(Er ist aufgestanden und lehnt sich betäubt an ihre Brust.)
+
+Medea.
+Bist du verletzt?
+
+Absyrtus (matt).
+Es schmerzt!--Die Stirn!
+
+Medea (ihre Lippen auf seine Stirne pressend).
+Mein Bruder!
+
+Milo
+
+(der früher spähend abgegangen ist, kommt jetzt eilig zurück).
+Auf! Die Feinde nahen! Auf!
+In großer Zahl, der König an der Spitze!
+
+Medea (ihren Bruder fester an sich drückend).
+Mein Vater!
+
+Absyrtus (matt).
+Unser Vater!
+
+Jason (zu den Beiden).
+Ihr, zurück!
+
+Milo (auf Absyrtus zeigend).
+Der Sohn sei Geisel gegen seinen Vater
+Bringt ihn dort auf die Höh' zum Schiff hinauf!
+
+Absyrtus (matt die ihn Anfassenden abwehren wollend).
+Berührt ihr mich?
+
+Medea.
+O laß uns gehn, mein Bruder!
+
+(Sie werden auf die Höhe gebracht.)
+
+Jason.
+Hinan, ins Schiff und spannt die Segel auf.
+Aietes (kommt mit bewaffneten) Kolchern.
+
+Aietes (hereinstürzend).
+Haltet ein! Meine Kinder! Mein Sohn!
+
+Absyrtus (oben am Hügel sich loszumachen strebend).
+Mein Vater!
+
+Jason (den Hügel hinauf rufend).
+Haltet ihn!
+
+(Zu Aietes.)
+
+Er bleibt bei mir,
+Folgt mir zu Schiff, als Geisel wider dich.
+Wenn nur ein Kahn, ein Nachen uns verfolgt
+So stürzt dein Sohn hinab ins Wellengrab!
+Erst wenn erreicht ist Kolchis' letzte Spitze,
+Setz' ich ihn aus und send' ihn her zu dir.
+Barbar, du lehrtest mich, dich zu bekämpfen!
+
+Aietes.
+Sohn, stehst du in den Armen der Verworfnen?
+
+Absyrtus (fruchtlos sich loszuwinden strebend).
+Laß mich!
+
+Medea.
+Mein Bruder!--Vater!
+
+Jason.
+Haltet ihn!
+
+Aietes.
+Komm, Sohn!
+
+Jason.
+Umsonst!
+
+Aietes.
+So komm' ich, Sohn, zu dir!
+Mir nach ihr Kolcher, folget eurem König!
+
+Jason.
+Zurück!
+
+Aietes (vordrängend).
+Glaubst du, du schreckest mich?
+
+Jason.
+Zurück!
+Du rettest nicht den Sohn, als wenn du weichst.
+Kein Haar wird ihm gekrümmt, ich schwör' es dir!
+Bringt ihn an Bord!
+
+Absyrtus (ringend).
+Mich? Nimmermehr!
+
+Aietes.
+Mein Sohn!
+
+Absyrtus.
+Fall sie an, befrei' den Sohn, o Vater!
+
+Aietes.
+Kann ich's? sie töten dich, wenn ich's tue!
+
+Absyrtus.
+Lieber frei sterben, als leben gefangen
+Fall' ich auch, wenn nur sie fallen mit!
+
+Jason.
+An Bord mit ihm!
+
+Aietes.
+Sohn komm!
+
+Absyrtus (der sich losgerissen hat).
+Ich komme Vater!
+Frei bis zum Tod! Im Tode räche mich!
+
+(Er springt von der Klippe ins Meer.)
+
+Medea.
+Mein Bruder! Nimm mich mit!
+
+(Sie wird zurückgehalten und sinkt nieder.)
+
+Aietes.
+Mein Sohn!
+
+Jason.
+Er stirbt!
+Die hohen Götter ruf' ich an zu Zeugen
+Daß d u ihn hast getötet und nicht ich!
+
+Aietes.
+Mein Sohn!--Nun Rache! Rache!
+
+(Auf Jason eindringend.)
+
+Stirb!
+
+Jason.
+Laß mich!
+Soll ich dich töten?
+
+Aietes.
+Mörder stirb!
+
+Jason.
+Ich Mörder?
+Mörder du selber!
+
+(Das Vließ einem Nebenstehenden entreißend, dem er es früher zu
+halten gegeben.)
+
+Kennst du dies?
+
+Aietes (schreiend zurücktaumelnd).
+Das Vließ!
+
+Jason
+
+(es ihm vorhaltend).
+Kennst du's?
+Und kennst du auch das Blut, das daran klebt?
+'s ist Phryxus' Blut!--Dort deines Sohnes Blut!
+Du Phryxus' Mörder, Mörder deines Sohns!
+
+Aietes.
+Verschling mich Erde! Gräber tut euch auf.
+
+(Stürzt zur Erde.)
+
+Jason.
+Zu spät, sie decken deinen Frevel nicht.
+Als Werkzeug einer höheren Gewalt
+Steh' ich vor dir. Nicht zittre für dein Leben,
+Ich will nicht deinen Tod; ja stirb erst spät,
+Damit noch fernen Enkeln kund es werde,
+Daß sich der Frevel rächt auf dieser Erde.
+Nun rasch zu Schiff, die Segel spannet auf
+Zurück ins Vaterland!
+
+Aietes (an der Erde).
+Weh mir weh
+Legt mich ins Grab zu meinem Sohn!
+(Indem die Kolcher sich um den König gruppieren und Jason mit den
+Argonauten das Schiff besteigt fällt der Vorhang.)
+
+
+
+
+
+
+Medea
+
+Franz Grillparzer
+
+Trauerspiel in fünf Aufzügen
+
+
+Personen:
+
+Kreon, König von Korinth
+Kreusa, seine Tochter
+Jason
+Medea
+Gora, Medeens Amme
+Ein Herold der Amphiktyonen
+Ein Landmann
+Diener und Dienerinnen
+Medeens Kinder
+
+
+
+
+Erster Aufzug
+
+(Vor den Mauern von Korinth. Links im Mittelgrunde ein Zelt
+aufgeschlagen. Im Hintergrunde das Meer, an dem sich auf einer
+Landspitze ein Teil der Stadt hinzieht. Früher Morgen noch vor
+Tages Anbruch. Dunkel.)
+
+(Ein Sklave steht rechts im Vorgrunde in einer Grube, mit der
+Schaufel grabend und Erde auswerfend. Medea auf der andern Seite,
+vor ihr eine schwarze, seltsam mit Gold verzierte Kiste, in welche
+sie mancherlei Gerät während des Folgenden hineinlegt.)
+
+Medea.
+Bist du zu Ende?
+
+Sklave.
+Gleich, Gebieterin!
+
+(Gora tritt aus dem Zelte und bleibt in der Entfernung stehen.)
+
+Medea.
+Zuerst den Schleier und den Stab der Göttin;
+Ich werd euch nicht mehr brauchen, ruhet hier.
+Die Zeit der Nacht, der Zauber ist vorbei
+Und was geschieht, ob Schlimmes oder Gutes,
+Es muß geschehn am offnen Strahl des Lichts.
+Dann dies Gefäß: geheime Flammen birgt's,
+Die den verzehren, der's unkundig öffnet;
+Dies andere, gefüllt mit gähem Tod;
+Hinweg ihr aus des heitern Lebens Nähe!
+Noch manches Kraut, manch dunkel-kräft'ger Stein,
+Der ihr entsprangt, der Erde geb ich euch.
+
+(Aufstehend.)
+
+So. Ruhet hier verträglich und auf immer!
+Das Letzte fehlt noch und das Wichtigste.
+
+(Der Sklave, der unterdes aus der Grube heraufgestiegen ist und
+sich hinter Medeen, das Ende ihrer Beschäftigung abwartend,
+gestellt hat, greift jetzt, um zu helfen, nach einem, an einer
+Lanze befestigten, Verhülltem, das an einem Baume hinter Medeen
+lehnt; die Hülle fällt auseinander, das Banner mit dem Vliese
+leuchtet strahlend hervor.)
+
+Sklave (das Banner anfassend).
+Ist's dieses hier?
+
+Medea.
+Halt ein! Enthüll es nicht!--
+Laß dich noch einmal schaun, verderblich Gastgeschenk!
+Du Zeuge von der Meinen Untergang,
+Besprützt mit meines Vaters, Bruders Blut,
+Du Denkmal von Medeens Schmach und Schuld.
+
+(Sie tritt mit dem Fuße auf den Schaft, daß er entzweibricht.)
+
+So brech ich dich und senke dich hinab
+In Schoß der Nacht, dem dräuend du entstiegen.
+
+(Sie legt das gebrochene Banner zu dem andern Gerät in die Kiste
+und schließt den Deckel.)
+
+Gora (vortretend).
+Was tust du hier?
+
+Medea (umblickend).
+Du siehst's.
+
+Gora.
+Vergraben willst du
+Die Zeichen eines Dienstes, der Schutz dir gab
+Und noch dir geben kann?
+
+Medea.
+Der Schutz mir gab?
+Weil mehr nicht Schutz er gibt, als er mir gab,
+Vergrab ich sie. Ich bin geschützt genug.
+
+Gora.
+Durch deines Gatten Liebe?
+
+Medea (zum Sklaven).
+Bist du fertig?
+
+Sklave.
+Gebiet'rin ja!
+
+Medea.
+So komm!
+
+(Sie faßt die Kiste bei einer Handhabe, der Sklave bei der andern,
+und so tragen beide sie zur Grube.)
+
+Gora (von ferne stehend).
+O der Beschäftigung
+Für eines Fürsten fürstlich hohe Tochter!
+
+Medea.
+Scheint's dir für mich zu hart, was hilfst du nicht?
+
+Gora.
+Jasons Magd bin ich, nicht die deine;
+Seit wann dient eine Sklavin der andern?
+
+Medea (zum Sklaven).
+Jetzt senk sie ein und wirf die Erde zu!
+
+(Der Sklave läßt die Kiste in die Grube hinab und wirft mit der
+Schaufel Erde darüber. Medea kniet dabei.)
+
+Gora (im Vorgrunde stehend).
+O laßt mich sterben, Götter meines Landes,
+Damit ich nicht mehr sehn muß was ich sehe!
+Doch vorher schleudert euren Rachestrahl
+Auf den Verräter, der uns dies getan!
+Laßt mich ihn sterben sehn, dann tötet mich!
+
+Medea.
+Es ist getan. Nun stampf den Boden fest
+Und geh! Ich weiß, du wahrest mein Geheimnis,
+Du bist ein Kolcher und ich kenne dich.
+
+(Der Sklave geht.)
+
+Gora (mit grimmigen Hohn nachrufend).
+Verrat's nicht eurem Herrn, sonst weh euch beiden!--
+Hast du vollendet?
+
+Medea (zu ihr tretend).
+Ja.--Nun bin ich ruhig.
+
+Gora.
+Und auch das Vlies vergrubst du?
+
+Medea.
+Auch das Vlies.
+
+Gora.
+So ließt ihr es in Jolkos nicht zurück
+Bei deines Gatten Ohm?
+
+Medea.
+Du sahst es hier.
+
+Gora.
+Es blieb dir also und du vergrubst es
+Und so ist's abgetan und aus!
+Weggehaucht die Vergangenheit,
+Alles Gegenwart, ohne Zukunft.
+Kein Kolchis gab's und keine Götter sind,
+Dein Vater lebte nie, dein Bruder starb nicht:
+Weil du's nicht denkest mehr, ist's nie gewesen!
+So denk denn auch, du seist nicht elend, denk
+Dein Gatte, der Verräter, liebte dich;
+Vielleicht geschieht es!
+
+Medea (heftig).
+Gora!
+
+Gora.
+Was?
+Meinst du ich schwiege?
+Die Schuldige mag schweigen und nicht ich!
+Hast du mich hergelockt aus meiner Heimat
+In deines trotz'gen Buhlen Sklaverei,
+Wo ich, in Fesseln meine freien Arme,
+Die langen Nächte kummervoll verseufze,
+Und jeden Morgen zu der neuen Sonne
+Mein graues Haar verfluch und meines Alters Tage,
+Ein Ziel des Spotts, ein Wegwurf der Verachtung,
+An allem Mangel leidend als an Schmerz,
+So mußt du mich auch hören, wenn ich rede.
+
+Medea.
+So sprich!
+
+Gora.
+Was ich vorhergesagt, es ist geschehen!
+Kaum ist's ein Mond, daß euch das Meer von sich stieß,
+Unwillig, den Verführer, die Verführte,
+Und schon flieht euch die Welt, folgt euch der Abscheu.
+Ein Greuel ist die Kolcherin dem Volke,
+Ein Schrecken die Vertraute dunkler Mächte,
+Wo du dich zeigst weicht alles scheu zurück
+Und flucht dir. Mög' der Fluch sie selber treffen!
+Auch den Gemahl, der Kolcherfürstin Gatten,
+Sie hassen ihn um dein-, um seinetwillen.
+Der Oheim schloß die Tür ihm seines Hauses,
+Die eigne Vaterstadt hat ihn verbannt,
+Als jener Oheim starb, man weiß nicht wie,
+Kein Haus ist ihm, kein Ruhplatz, keine Stätte:
+Was denkst du nun zu tun?
+
+Medea.
+Ich bin sein Weib!
+
+Gora.
+Und denkest nun zu tun?
+
+Medea.
+Zu folgen ihm
+In Not und Tod.
+
+Gora.
+In Not und Tod, ja wohl!
+Aietes' Tochter in ein Bettlerhaus!
+
+Medea.
+Laß uns die Götter bitten um ein einfach Herz,
+Gar leicht erträgt sich dann ein einfach Los!
+
+Gora (grimmig lachend).
+Haha! Und dein Gemahl?
+
+Medea.
+Es tagt. Komm fort!
+
+Gora.
+Weichst du mir aus? Ha, du entgehst mir nicht!
+Der einz'ge lichte Punkt in meinem Jammer
+Ist, daß ich seh, an unserm Beispiel seh,
+Daß Götter sind und daß Vergeltung ist.
+Bewein dein Unglück und ich will dich trösten,
+Allein verkennen sollst du's frevelnd nicht
+Und leugnen die Gerechtigkeit da droben,
+Da du die Strafe leugnest, deinen Schmerz.
+Auch muß ein Übel klar sein, will man's heilen!
+Dein Gatte, sprich! ist er derselbe noch?
+
+Medea.
+Was sonst?
+
+Gora.
+O spiel mit Worten nicht!
+Ist er derselbe, der dich stürmend freite,
+Der, dich zu holen, drang durch hundert Schwerter,
+Derselbe, der auf langer Überfahrt,
+Den Widerstand besiegte der Betrübten,
+Die sterben wollte, Nahrung von sich weisend,
+Und sie nur allzuschnell bezwang mit seiner Glut?
+Ist er derselbe noch? Ha bebst du? Bebe!
+Ihm graut vor dir, er scheut dich, flieht dich, haßt dich,
+Wie du die Deinen, so verrät er dich!
+Grab ein, grab ein die Zeichen deiner Tat,
+Die Tat begräbst du nicht!
+
+Medea.
+Schweig!
+
+Gora.
+Nein!
+
+Medea (sie hart am Arm anfassend).
+Schweig, sag ich!--
+Was rasest du in deiner tollen Wut?
+Laß uns erwarten was da kommt, nicht rufen.
+So wär' denn immer da, was einmal dagewesen
+Und alles Gegenwart?--Der Augenblick,
+Wenn er die Wiege einer Zukunft ist
+Warum nicht auch das Grab einer Vergangenheit?
+Geschehen ist, was nie geschehen sollte,
+Und ich bewein's und bittrer als du denkst,
+Doch soll ich drum, ich selbst, mich selbst vernichten?
+Klar sei der Mensch und einig mit der Welt!
+In andre Länder, unter andre Völker
+Hat uns ein Gott geführt in seinem Zorn,
+Was recht uns war daheim, nennt man hier unrecht,
+Und was erlaubt, verfolgt man hier mit Haß;
+So laß uns denn auch ändern Sitt' und Rede
+Und dürfen wir nicht sein mehr was wir wollen,
+So laß uns, was wir können mind'stens sein.
+Was mich geknüpft an meiner Väter Heimat
+Ich hab es in die Erde hier versenkt;
+Die Macht, die meine Mutter mir vererbte,
+Die Wissenschaft geheimnisvoller Kräfte,
+Der Nacht, die sie gebar, gab ich sie wieder
+Und schwach, ein schutzlos, hilfbedürftig Weib
+Werf ich mich in des Gatten offne Arme;
+Er hat die Kolcherin gescheut, die Gattin
+Wird er empfangen, wie's dem Gatten ziemt.
+Der Tag bricht an--mit ihm ein neues Leben!
+Was war, soll nicht mehr sein; was ist, soll bleiben!
+Du aber milde, mütterliche Erde
+Verwahre treu das anvertraute Gut.
+
+(Sie gehen auf das Zelt zu; es öffnet sich und Jason tritt heraus
+mit einem korinthischen Landmann, hinter ihm ein Sklave.)
+
+Jason.
+Sprachst du den König selbst?
+
+Landmann.
+Jawohl, o Herr!
+
+Jason.
+Was sagtest du?
+
+Landmann.
+Es harre jemand außen,
+Ihm wohlbekannt und gastbefreundet zwar,
+Doch der nicht eher trete bei ihm ein,
+Umringt von Feinden, von Verrat umstellt,
+Bis er ihm Fried' gelobt und Sicherheit.
+
+Jason.
+Und seine Antwort?
+
+Landmann.
+Er wird kommen, Herr!
+Ein Fest Poseidons feiern sie hier außen,
+Am offnen Strand des Meeres Opfer bringend,
+Der König folgt dem Zug mit seiner Tochter,
+Da, im Vorübergehen, spricht er dich.
+
+Jason.
+So, es ist gut! Hab Dank!
+
+Medea (hinzutretend).
+Sei mir gegrüßt!
+
+Jason.
+Du auch.
+
+(Zum Sklaven.)
+
+Ihr aber geht, du und die andern,
+Und brechet grüne Zweige von den Bäumen,
+Wie's Brauch hier Landes bei den Flehenden.
+Und haltet ruhig euch und, still. Hörst du?
+Genug!
+
+(Der Landmann und der Sklave gehen.)
+
+Medea.
+Du bist beschäftigt?
+
+Jason.
+Ja.
+
+Medea.
+Du gönnst
+Dir keine Ruh'!
+
+Jason.
+Ein Flüchtiger und Ruh'?
+Weil er nicht Ruh' hat ist er eben flüchtig.
+
+Medea.
+Du schliefst nicht heute nacht, du gingst hinaus
+Und walltest einsam durch die Finsternis.
+
+Jason.
+Ich lieb die Nacht, der Tag verletzt mein Aug'.
+
+Medea.
+Auch sandtest Boten du zum König hin;
+Nimmt er uns auf?
+
+Jason.
+Erwartend weil ich hier.
+
+Medea.
+Er ist dir freund.
+
+Jason.
+Er war's.
+
+Medea.
+Willfahren wird er.
+
+Jason.
+Verpesteter Gemeinschaft weicht man aus.--
+Du weißt ja doch, daß alle Welt uns flieht
+Daß selbst des falschen Pelias, meines Oheims, Tod,
+Des Frevlers, den ein Gott im Grimm erwürgte,
+Daß mir das Volk ihn Schuld gibt, deinem Gatten,
+Dem Heimgekehrtem aus dem Zauberlande?
+Weißt du es nicht?
+
+Medea.
+Ich weiß.
+
+Jason.
+Wohl Grunds genug,
+Zu wandeln und zu wachen in der Nacht!--
+Doch was trieb dich schon vor der Sonn' empor?
+Was suchst du in der Finsternis?--Ei ja!
+Riefst alte Freund' aus Kolchis?
+
+Medea.
+Nein.
+
+Jason.
+Gewiß nicht?
+
+Medea.
+Ich sagte: nein.
+
+Jason.
+Ich aber sage dir,
+Du tust sehr wohl wenn du es unterläßt!
+Brau nicht aus Kräutern Säfte, Schlummertrank,
+Sprich nicht zum Mond, stör nicht die Toten,
+Man haßt das hier und ich--ich haß es auch!
+In Kolchis sind wir nicht, in Griechenland,
+Nicht unter Ungeheuern, unter Menschen! Allein ich weiß, du tust's
+von nun nicht mehr,
+Du hast's versprochen und du hältst es auch.
+Der rote Schleier da auf deinem Haupt,
+Er rief vergangne Bilder mir zurück.
+Warum nimmst du die Tracht nicht unsers Landes?
+Wie ich ein Kolcher war auf Kolchis' Grund,
+Sei eine Griechin du in Griechenland.
+Wozu Erinnrung suchen des Vergangnen?
+Von selbst erinnert es sich schon genug!
+
+(Medea nimmt schweigend den Schleier ab und gibt ihn Goran.)
+
+Gora (halbleise).
+Verachtest du dein Land um seinetwillen?
+
+Jason (erblickt Gora).
+Du auch hier?--Dich haß ich vor allen, Weib!
+Beim Anblick dieses Augs und dieser Stirn,
+Steigt Kolchis' Küste dämmernd vor mir auf.
+Was drängst du dich in meines Weibes Nähe?
+Geh fort!
+
+Gora (murrend).
+Warum?
+
+Jason.
+Geh fort!
+
+Medea.
+Ich bitt dich, geh!
+
+Gora (dumpf).
+Hast mich gekauft? daß du mir sprichst als Herr?
+
+Jason.
+Die Hand zuckt nach dem Schwert. Geh weil's noch Zeit ist;
+Mich hat's schon oft gelüstet, zu versuchen,
+Ob deine Stirn so hart ist, als sie scheint.
+
+(Medea führt die Widerstrebende begütigend fort.)
+
+Jason (der sich auf einen Rasensitz niedergeworfen hat,
+auf die Brust schlagend).
+Zerspreng dein Haus, und mach dir brechend Luft! Da liegen sie,
+die Türme von Korinth,
+Am Meeresufer üppig hingelagert,
+Die Wiege meiner goldnen Jugendzeit!
+Dieselben, von derselben Sonn' erleuchtet,
+Nur ich ein andrer, ich in mir verwandelt.
+Ihr Götter! warum war so schön mein Morgen,
+Wenn ihr den Abend mir so schwarz bestimmt.
+O wär' es Nacht!
+
+(Medea hat die Kinder aus dem Zelte geholt und führt sie an der
+Hand vor Jason.)
+
+Medea.
+Hier sind zwei Kinder,
+Die ihren Vater grüßen.
+
+(Zu dem Knaben.)
+
+Gib die Hand!
+Hörst du? Die Hand!
+
+(Die Kinder stehen scheu seitwärts.)
+
+Jason (die Hand schmerzlich nach der Gruppe hinbreitend).
+Das also wär' das Ende?
+Von trotz'gen Wilden Vater und Gemahl!
+
+Medea
+
+(zu dem Kinde).
+Geh hin!
+
+Knabe.
+Bist du ein Grieche, Vater?
+
+Jason.
+Und warum?
+
+Knabe.
+Es schilt dich Gora einen Griechen!
+
+Jason.
+Schilt?
+
+Knabe.
+Es sind betrügerische Leut' und feig.
+
+Jason (zu Medea).
+Hörst du?
+
+Medea.
+Es macht sie Gora wild. Verzeih ihm!
+
+(Sie kniet bei den Kindern nieder und spricht ihnen wechselweise
+ins Ohr.)
+
+Jason.
+Gut! Gut!
+
+(Er ist aufgestanden.)
+
+Da kniet sie, die Unselige
+Und trägt an ihrer Last und an der meinen.
+
+(Auf und ab gehend.)
+
+
+Die Kinder; laß sie jetzt und komm zu mir!
+
+Medea.
+Geht nur und seid verträglich. Hört ihr?
+
+(Die Kinder gehen.)
+
+Jason.
+Halt mich für hart und grausam nicht, Medea!
+Glaub mir, ich fühl dein Leid so tief als meines.
+Getreulich wälzest du den schweren Stein,
+Der rück sich rollend immer wiederkehrt
+Und jeden Pfad versperrt und jeden Ausweg.
+Hast (du's) getan? hab' (ich's)?--Es ist (geschehn).
+
+(Eine ihrer Hände fassend und mit der andern über ihre Stirne
+streichend.)
+
+Du liebst mich. Ich verkenn es nicht Medea;
+Nach deiner Art zwar--dennoch liebst du mich,
+Nicht bloß der Blick, mir sagt's so manche Tat.
+
+(Medea lehnt ihre Stirn an seine Schulter.)
+
+Ich weiß, dein Haupt ist schwer von manchem Leid
+Und Mitleid regt sich treulich hier im Busen.
+Drum laß uns reif und sorglich überlegen
+Wie wir entfernen, was so nah uns droht.
+Die Stadt hier ist Korinth. In frührer Zeit,
+Als ich, ein halb gereifter Jüngling noch,
+Vor meines Oheims wildem Grimme floh,
+Nahm mich der König dieses Landes auf,
+Ein Gastfreund noch von meinen Vätern her
+Und wahrte mein, wie eines teuern Sohns.
+In seinem Hause lebt' ich sicher manches Jahr.
+Nun auch--
+
+Medea.
+Du schweigst?
+
+Jason.
+Nun auch, da mich die Welt,
+Verstößt, verläßt, in blindem Grimm verfolgt,
+Nun auch hoff ich von diesem König Schutz:
+Nur eines fürcht ich und nicht ohne Grund.
+
+Medea.
+Was ist's?
+
+Jason.
+Mich nimmt er auf, ich weiß es wohl,
+Und auch die Kinder, denn sie sind die Meinen,
+Nur dich--
+
+Medea.
+Nimmt er die Kinder, weil sie dein,
+Behält er als die Deine wohl auch mich.
+
+Jason.
+Hast du vergessen, wie's daheim erging,
+In meiner Väter Land, bei meinem Ohm,
+Als ich zuerst von Kolchis dich gebracht?
+Vergessen jenen Hohn, mit dem der Grieche
+Herab auf die Barbarin sieht, auf--dich?
+Nicht jedem ist wie mir bekannt dein Wesen,
+Nicht jedem bist du Weib und Mutter seiner Kinder,
+Nicht jeder war in Kolchis, so wie ich.
+
+Medea.
+Der Schluß der herben Rede, welcher ist's?
+
+Jason.
+Es ist des Menschen höchstes Unglück dies:
+Daß er bei allem was ihn trifft im Leben
+Sich still und ruhig hält, (bis) es (geschehn)
+Und (wenn's) geschehen, nicht. Das laß uns meiden.
+Ich geh zum König, wahre meines Rechts
+Und rein'ge vom Verdacht mich, der uns trifft;
+Du aber mit den Kindern bleib indes
+Fern von der Stadt verborgen, bis--
+
+Medea.
+Bis wann?
+
+Jason.
+Bis--Was verhüllst du dich?
+
+Medea.
+Ich weiß genug.
+
+Jason.
+Wie deutest du so falsch, was ich gesagt!
+
+Medea.
+Beweise mir, daß ich es falsch gedeutet.
+Der König naht--sprich, wie dein Herz dir's heißt.
+
+Jason.
+So stehen wir dem Sturm, bis er uns bricht.
+
+(Gora tritt mit den Kindern aus dem Zelte. Medea stellt sich
+zwischen die Knaben und bleibt anfangs beobachtend in der Ferne.)
+(Der König tritt auf mit seiner Tochter, von Knaben und Mädchen
+begleitet, die Opfergerät tragen.)
+
+König.
+Wo ist der Fremde?--Ahnend sagt mein Herz
+Er ist es, der Verbannte, der Vertriebne--
+Der Schuldige vielleicht.--Wo ist der Fremde?
+
+Jason.
+Hier bin ich, und gebeugt tret ich vor dich;
+Kein Fremder zwar, doch nur zu sehr entfremdet.
+Ein Hilfesuchender, ein Flehender.
+Von Haus und Herd vertrieben, ausgestoßen
+Fleh ich zum Gastfreund um ein schützend Dach.
+
+Kreusa.
+Fürwahr er ist's! Sieh Vater es ist Jason!
+
+(Einen Schritt ihm entgegen.)
+
+Jason (ihre Hand fassend).
+Ich bin es, so wie du es bist, Kreusa,
+Dieselbe noch, in heitrer Milde strahlend.
+O führe mich zu deinem Vater hin,
+Der ernst dort steht, den Blick mir zugewandt
+Und zögert mit dem Gegengruß, ich weiß nicht
+Ob Jason zürnend oder seiner Schuld.
+
+Kreusa (Jason an der Hand, ihrem Vater entgegentretend).
+Sieh Vater, es ist Jason!
+
+König.
+Sei gegrüßt!
+
+Jason.
+Dein Ernst zeigt mir den Platz, der mir geziemt.
+Hin werf ich mich vor dir und faß dein Knie,
+Und nach dem Kinne streck ich meinen Arm;
+Gewähre was ich bat, gib Schutz und Zuflucht!
+
+König.
+Steh auf!
+
+Jason.
+Nicht eher bis--
+
+König.
+Ich sage dir, steh auf!
+
+(Jason steht auf.)
+
+König.
+So kehrtest du vom Argonautenzug?
+
+Jason.
+Kaum ist's ein Mond daß mich das Land empfing.
+
+König.
+Den Preis des Zugs, du brachtest ihn mit dir?
+
+Jason.
+Er ward dem Oheim, der die Tat gebot.
+
+König.
+Und warum fliehst du deiner Väter Stadt?
+
+Jason.
+Sie trieb mich aus; verbannt bin ich und schutzlos.
+
+König.
+Des Bannes Ursach' aber, welche war's?
+
+Jason.
+Verruchten Treibens klagte man mich an!
+
+König.
+Mit Recht, mit Unrecht? dies sag mir vor allem!
+
+Jason.
+Mit Unrecht, bei den Göttern schwör ich es!
+
+König (ihn rasch bei der Hand fassend und vorführend).
+Dein Oheim starb?
+
+Jason.
+Er starb.
+
+König.
+Und wie?
+
+Jason.
+Nicht durch mich!
+So wahr ich leb und atme, nicht durch mich!
+
+König.
+Doch sagt's der Ruf und streut's durchs ganze Land.
+
+Jason.
+So lügt der Ruf, das ganze Land mit ihm.
+
+König.
+Der einzelne will Glauben gegen alle?
+
+Jason.
+Der eine den du kennst, gen alle die dir fremd.
+
+König.
+Wie aber fiel der König?
+
+Jason.
+Seine Kinder,
+Sein eigen Blut hob gegen ihn die Hand.
+
+König.
+Entsetzlich. Sprichst du wahr?
+
+Jason.
+Die Götter wissen's!
+
+König.
+Kreusa naht, sprich nicht davon vor ihr,
+Gern spar ich ihr den Schmerz ob solchem Greuel.
+
+(Laut.)
+
+Ich weiß genug für jetzt, das andre später:
+Solang ich kann, glaub ich an deinen Wert.
+
+Kreusa (hinzutretend).
+Hast, Vater, ihn gefragt? Nicht wahr? Es ist nicht?
+
+König.
+Tritt nur zu ihm, du kannst es ohne Scheu.
+
+Kreusa.
+Du hast gezweifelt, weißt du? Niemals ich,
+In meiner Brust, im eignen Herzen fühlt' ich's,
+Es sei nicht wahr, was sie von ihm erzählten:
+Er war ja gut; wie tat er denn so schlimm?
+O wüßtest du, wie alle von dir sprachen.
+So arg, so schlimm. Ich hab geweint, daß Menschen
+So böse, so verleumd'risch können sein.
+Du warst kaum fort, da scholl's im ganzen Lande
+Von gräßlich wilden Taten, die geschehn,
+In Kolchis ließen sie dich Greuel üben,
+Zuletzt verbanden sie als Gattin dir
+Ein gräßlich Weib, giftmischend, vatermörd'risch.
+Wie hieß sie?--Ein Barbarenname war's--
+
+Medea (mit ihren Kindern vortretend).
+Medea!
+Ich bin's!
+
+König.
+Ist sie's?
+
+Jason (dumpf).
+Sie ist's.
+
+Kreusa (an den Vater gedrängt).
+Entsetzen!
+
+Medea (zu Kreusen).
+Du irrst; den Vater hab ich nicht getötet;
+Mein Bruder fiel, doch frag ihn, ob durch mich?
+
+(Auf Jason deutend.)
+
+Auf Tränke, Heil bereitend oder Tod
+Versteh ich mich und weiß noch manches andre,
+Allein ein Ungeheuer bin ich nicht
+Und keine Mörderin.
+
+Kreusa.
+O gräßlich! Gräßlich!
+
+König.
+Und sie dein Weib?
+
+Jason.
+Mein Weib.
+
+König.
+Die Kleinen dort--
+
+Jason.
+Sind meine Kinder.
+
+König.
+Unglückseliger!
+
+Jason.
+Ich bin's.--Ihr Kinder kommt mit euren Zweigen,
+Reicht sie dem König dar und fleht um Schutz!
+
+(Sie an der Hand hinführend.)
+
+Hier sind sie, Herr, du wirst sie nicht verstoßen!
+
+Knabe (den Zweig hinhaltend).
+Da nimm!
+
+König (die Hände auf ihre Häupter legend).
+Du arme, kleine, nestentnommne Brut!
+
+Kreusa (zu den Kindern niederkniend).
+Kommt her zu mir, ihr heimatlosen Waisen,
+Wie frühe ruht das Unglück schon auf euch;
+So früh und ach, so unverschuldet auch.
+Du siehst wie sie--du hast des Vaters Züge.
+
+(Sie küßt das Kleinere.)
+
+Bleibt hier, ich will euch Mutter, Schwester sein!
+
+Medea.
+Was nennst du sie verwaist und klagst darob?
+Hier steht ihr Vater, der sie Seine nennt
+Und keiner andern Mutter braucht's, solange
+Medea lebt.
+
+(Zu den Kindern.)
+
+Hierher zu mir! Hierher!
+
+Kreusa (zu ihrem Vater emporblickend).
+Laß ich sie hin?
+
+König.
+Sie ist die Mutter.
+
+Kreusa (zu den Kindern).
+Geht zur Mutter!
+
+Medea.
+Was zögert ihr?
+
+Kreusa (zu den Kindern die sie um den Hals gefaßt) (haben).
+Die Mutter ruft. Geht hin!
+
+(Die Kinder gehen.)
+
+Jason.
+Und was entscheidest du?
+
+König.
+Ich hab's gesagt.
+
+Jason.
+Gewährst du Schutz mir?
+
+König.
+Ja.
+
+Jason.
+Mir und den Meinen?
+
+König.
+Ich habe (dir) ihn zugesagt.--So folge!
+Zuerst zum Opfer und sodann ins Haus.
+
+Jason (zum Fortgehen gewendet, zu Kreusen).
+Gönnst du mir deine Hand wie sonst, Kreusa?
+
+Kreusa.
+Kannst du sie doch nicht fassen so wie sonst.
+
+Medea.
+Sie gehn und lassen mich allein. Ihr Kinder
+Kommt her zu mir, umschlingt mich! Fester! Fester!
+
+Kreusa (umkehrend, vor sich hin sprechend).
+Noch eine fehlt. Warum folgt sie uns nicht?
+
+(Zurückkommend, aber in einiger Entfernung von Medeen stehend.)
+
+Du gehst nicht mit zum Opfer, nicht ins Haus?
+
+Medea.
+Die Ungeladnen weist man vor die Tür.
+
+Kreusa.
+Allein mein Vater bot dir Herd und Dach.
+
+Medea.
+Ganz anders klang, was ich von euch vernahm.
+
+Kreusa (nähertretend).
+Beleidigt hab ich dich. Ich weiß. Verzeih!
+
+Medea (sich rasch gegen sie kehrend).
+O holder Klang!--Wer sprach das milde Wort?
+Sie haben mich beleidigt oft und tief,
+Doch keiner fragte noch, ob's weh getan?
+Hab Dank! und wenn du einst in Jammer bist, wie ich,
+Gönn' dir ein Frommer, wie du's mir gegönnt,
+Ein sanftes Wort und einen milden Blick.
+
+(Sie will ihre Hand fassen, Kreusa weicht scheu zurück.)
+
+O weich nicht aus! Die Hand verpestet nicht.
+Ein Königskind, wie du, bin ich geboren,
+Wie du ging einst ich auf der ebnen Bahn
+Das Rechte blind erfassend mit dem Griff.
+Ein Königskind wie du, bin ich geboren,
+Wie du vor mir stehst, schön und hell und glänzend,
+So stand auch ich einst neben meinem Vater,
+Sein Abgott und der Abgott meines Volks.
+O Kolchis! o du meiner Väter Land!
+Sie nennen dunkel dich, mir scheinst du hell!
+
+Kreusa (ihre Hand lassend).
+Du Arme!
+
+Medea.
+Du blickst fromm und mild und gut
+Und bist's auch wohl; doch hüte, hüte dich!
+Der Weg ist glatt, (ein) Tritt genügt zum Fall!
+Weil du in leichtem Kahn den Strom hinabgeglitten,
+Dich haltend an des Ufers Blütenzweigen,
+Von Silberwellen hin und her geschaukelt,
+So hältst du dich für eine Schifferin?
+Dort weiter draußen braust das Meer
+Und wagst du dich vom sichern Ufer ab,
+Reißt dich der Strom in seine grauen Weiten.
+Du blickst mich an? Du schauderst jetzt vor mir.
+Es war 'ne Zeit, da hätt' ich selbst geschaudert,
+Hätt' ich ein Wesen mir gedacht, gleich mir!
+
+(Sie verbirgt ihr Gesicht an Kreusens Halse.)
+
+Kreusa.
+Sie ist nicht wild. Sieh Vater her, sie weint.
+
+Medea.
+Weil eine Fremd' ich bin, aus fernem Land
+Und unbekannt mit dieses Bodens Bräuchen,
+Verachten sie mich, sehn auf mich herab,
+Und eine scheue Wilde bin ich ihnen,
+Die Unterste, die Letzte aller Menschen,
+Die ich die Erste war in meiner Heimat.
+Ich will ja gerne tun was ihr mir sagt,
+Nur sagt mir was ich tun soll, statt zu zürnen.
+Du bist, ich seh's, von sittig mildem Wesen,
+So sicher deiner selbst und eins mit dir;
+Mir hat ein Gott das schöne Gut versagt.
+Doch lernen will ich, lernen, froh und gern.
+Du weißt was ihm gefällt, was ihn erfreut,
+O lehre mich, wie Jason ich gefalle
+Ich will dir dankbar sein.--
+
+Kreusa.
+O sieh nur, Vater!
+
+König.
+Nimm sie mit dir!
+
+Kreusa.
+Willst du mit mir, Medea?
+
+Medea.
+Ich gehe gern, wohin du mich geleitest,
+Nimm dich der Armen, der Verlaßnen an,
+Und schütze mich vor jenes Mannes Blick!
+
+(Zum König.)
+
+Sieh nur nach mir, du schreckst mich dennoch nicht,
+Obgleich, ich seh's, du sinnest was nicht gut.
+Dein Kind ist besser, als sein Vater!
+
+Kreusa.
+Komm!
+Er will dir wohl!--Und ihr kommt auch, ihr Kleinen!
+
+(Führt Medeen und die Kinder fort.)
+
+König.
+Hast du gehört?
+
+Jason.
+Ich hab.
+
+König.
+Und sie dein Weib?
+Schon früher gab uns Kunde das Gerücht,
+Doch glaubt' ich's nicht und nun, da ich's gesehn,
+Glaub ich's fast minder noch!--Dein Weib!
+
+Jason.
+Du siehst den Gipfel nur, die Stufen nicht,
+Und nur von diesen läßt sich jener richten.
+Ich zog dahin in frischer Jugendkraft,
+Durch fremde Meere zu der kühnsten Tat,
+Die noch geschehn, seit Menschen sind und denken.
+Das Leben war, die Welt war aufgegeben
+Und nichts war da, als jenes helle Vlies,
+Das durch die Nacht, ein Stern im Sturme schien.
+Der Rückkehr dachte niemand und als wär'
+Der Augenblick, in dem der Preis gewonnen,
+Der letzte unsers Lebens, strebten wir.
+So zogen wir, ringfertige Gesellen,
+Im Übermut des Wagens und der Tat,
+Durch See und Land, durch Sturm und Nacht und Klippen,
+Den Tod vor uns, und hinter uns den Tod.
+Was gräßlich sonst, schien leicht und fromm und mild,
+Denn die Natur war ärger als der Ärgste;
+Im Streit mit ihr und mit des Wegs Barbaren
+Umzog sich hart des Mild'sten weiches Herz;
+Der Maßstab aller Dinge war verloren,
+Nur an sich selbst maß jeder was er sah.
+Was allen uns unmöglich schien, geschah:
+Wir sahen Kolchis' wundervolles Land,
+O hättest du's gesehn in seinen Nebeln!
+Der Tag ist Nacht dort und die Nacht Entsetzen,
+Die Menschen aber finstrer als die Nacht.
+Da fand ich sie, die dir so greulich dünkt;
+Ich sage dir, sie glich dem Sonnenstrahl,
+Der durch den Spalt in einen Kerker fällt.
+Ist sie hier dunkel, dort erschien sie licht
+Im Abstich ihrer nächtlichen Umgebung.
+
+König.
+Nie recht ist Unrecht, Schlimmes nirgends gut.
+
+Jason.
+Der Obern einer wandt' ihr Herz mir zu;
+Sie stand mir bei in mancher Fährlichkeit.
+Ich sah die Neigung sich in ihr empören,
+Doch störrisch legt' sie ihr den Zügel an,
+Und nur ihr Tun, ihr Wort verriet mir nichts.
+Da faßt' auch mich der Wahnsinn wirbelnd an,
+Daß sie's verschwieg, das eben reizte mich,
+Auf Kampf gestellt rang ich mit ihr und wie
+Ein Abenteuer trieb ich meine Liebe.
+Sie fiel mir zu. Ihr Vater fluchte ihr.
+Nun war sie mein--hätt' ich's auch nicht gewollt.
+Durch sie ward mir das rätselvolle Vlies,
+Sie führte mich in jene Schauerhöhle,
+Wo ich's gewann, dem Drachen abgewann.
+Sooft ich ihr seitdem ins Auge blicke,
+Schaut mir die Schlange blinkend draus entgegen,
+Und nur mit Schaudern nenn ich sie mein Weib.
+Wir fuhren ab. Ihr Bruder fiel.
+
+König (rasch).
+Durch sie?
+
+Jason.
+Er fiel der Götter Hand.--Ihr alter Vater,
+Ihr fluchend, mir und unsern künft'gen Tagen, grub
+Mit blut'gen Nägeln sich sein eignes Grab
+Und starb, so heißt es, gen sich selber wütend.
+
+König.
+Mit bösen Zeichen fing die Eh' dir an.
+
+Jason.
+Mit schlimmern setzte sie sich weiter fort.
+
+König.
+Wie war's mit deinem Ohm? erzähl mir dies.
+
+Jason.
+Vier Jahr' verschob die Rückkehr uns ein Gott,
+Durch Meer und Land uns in der Irre treibend.
+In Schiffes Enge, stündlich ihr genüber,
+Brach sich der Stachel ab des ersten Schauders;
+Geschehn war, was geschehn--Sie ward mein Weib.
+
+König.
+Und nun daheim, in Jolkos bei dem Oheim?
+
+Jason.
+Verwischt war von der Zeit der Greuel Bild,
+Und, halb Barbar, zur Seite der Barbarin,
+Zog stolz ich ein in meiner Väter Stadt.
+Im Angedenken noch des Volkes Jubel
+Bei meiner Abfahrt, hofft' ich freudiger
+Noch den Empfang, da ich als Sieger kehrte.
+Doch still war's in den Gassen, als ich kam,
+Und scheu wich der Begegnende mir aus.
+Was dort geschehn in jenem dunkeln Land,
+Vermehrt mit Greueln, hatt' es das Gerücht
+Gesät in unsrer Bürger furchtsam Ohr;
+Man floh mich und verachtete mein Weib--
+(Mein) war sie, (mich) verschmähte man in ihr.
+Mein Oheim aber nährte schlau die Stimmung
+Und als ich forderte das Erbe meiner Väter,
+Das er mir nahm und tückisch vorenthielt,
+Da hieß er mich mein Weib von mir zu senden,
+Die ihm zum Greuel sei mit ihrem dunkeln Streben,
+Wo nicht, sein Land, der Väter Land zu meiden.
+
+König.
+Du aber?
+
+Jason.
+Ich? Sie war mein Weib;
+Sie hatte meinem Schutz sich anvertraut
+Und der sie forderte, es war mein Feind.
+Hätt' er auch Billiges begehrt, beim Himmel,
+Er hätt' es nicht erlangt: so minder dies.
+Ich schlug es ab.
+
+König.
+Und er?
+
+Jason.
+Er sprach den Bann.
+Desselben Tags noch sollt' ich Jolkos meiden.
+Ich aber wollte nicht und blieb.
+Da wird der König plötzlich krank. Gemurmel
+Läuft durch die Stadt, gar Seltsames verkündend.
+Wie vor dem Hausaltar er sitze, wo
+Das Wundervlies man weihend aufgehängt,
+Mit unverwandtem Aug' es starr betrachtend.
+Oft schrie er auf: sein Bruder schau' ihn an,
+Mein Vater, den er tückisch einst getötet
+Beim Wortstreit ob des Argonautenzugs,
+Er schau' ihn an aus jenes Goldes Flimmer,
+Das er mich holen hieß, der falsche Mann
+Aus fernem Land, auf daß ich drob verderbe.
+Als nun die Not des Königs Haus bedrängte,
+Da traten seine Töchter vor mich hin,
+Um Heilung flehend von Medeens Kunst.
+Ich aber sagte. Nein! Sollt' ich den Mann erretten,
+Der mein Verderben sann und all der Meinen?
+Da gingen sie, die Mädchen, weinend hin,
+Ich aber schloß mich ein, nichts weiter achtend.
+Und ob sie wiederholt gleich flehend kamen
+Ich blieb bei meinem Sinn und meinem: Nein!
+Als ich darauf nun lag zu Nacht und schlief,
+Hör ich Geschrei an meines Hauses Pforten,
+Akastos ist's, des bösen Oheims Sohn.
+Der stürmt mein Tor mit lauten Pöbelhaufen
+Und nennt mich Mörder, Mörder seines Vaters,
+Der erst gestorben, in derselben Nacht.
+Auf stand ich und zu reden sucht' ich, doch
+Umsonst, das Volksgebrüll verschlang mein Wort.
+Und schon begann mit Steinen man den Krieg.
+Da nahm ich dies mein Schwert und schlug mich durch.
+Seitdem irr ich durch Hellas' weite Städte,
+Der Menschen Greuel, meine eigne Qual,
+Und, nimmst du mich nicht auf, ein Ganzverlorner!
+
+König.
+Ich hab dir's zugesagt und halt es auch.
+Doch sie--
+
+Jason.
+Eh' du vollendest höre mich!
+Du nimmst uns beide, oder keinen, Herr!
+Mein Leben wär' erneut, wüßt' ich sie fort,
+Doch muß ich schützen, was sich mir vertraut.
+
+König.
+Die Künste, die sie weiß, sie schrecken mich,
+Die Macht zu schaden zeugt gar leicht den Willen,
+Auch ist ihr Schuld nicht fremd und arge Tat.
+
+Jason.
+Wenn sie nicht ruhig ist, so treib sie aus,
+Verjag sie, töte sie, und mich--uns alle.
+Doch bis dahin gönn ihr noch den Versuch,
+Ob sie's vermag zu weilen unter Menschen.
+Beim Zeus, der Fremden Schützer, bitt ich es,
+Und bei dem Gastrecht fordr' ich's, das die Väter
+In längstentschwundner Zeit uns aufgerichtet,
+In Jolkos und Korinthos, solcher Schickungen
+Mit klugem Sinn in vorhinein gedenkend.
+Gewähre mir's, damit nicht einst den Deinen
+In gleichem Unheil, gleiche Weigrung werde.
+
+König.
+Den Göttern weich ich, gegen meinen Sinn.
+Sie bleibe. Doch verrät mir nur ein Zug
+Die Rückkehr ihres alten, wilden Sinns,
+So treib ich sie aus meiner Stadt hinaus
+Und liefere sie denen, die sie suchen. Hier aber, wo ich dich
+zuerst gesehn,
+Erhebe sich ein heiliger Altar.
+Der Fremden Schützer, Zeus, sei er geweiht
+Und Pelias', deines Oheims blut'gen Manen.
+Dort wollen wir vereint die Götter bitten,
+Daß sie den Eintritt segnen in mein Haus,
+Und gnädig wenden, was uns Übles droht. Und nun komm mit in meine
+Königsburg.
+
+(zu seinen Begleitern, die sich jetzt nähern.)
+
+Ihr aber richtet aus, was ich befahl.
+
+(Indem sie sich zum Abgehen wenden, fällt der Vorhang)
+
+
+
+
+Zweiter Aufzug
+
+(Halle in Kreons Königsburg) zu (Korinth.)
+(Kreusa sitzend, Medea auf einem niederern Schemmel vor ihr, eine
+Leier in ihrem Arm; sie ist griechisch gekleidet.)
+
+Kreusa.
+Hier diese Saite nimm, die zweite, diese!
+
+Medea.
+So also?
+
+Kreusa.
+Nein. Die Finger mehr gelöst.
+
+Medea.
+Es geht nicht.
+
+Kreusa.
+Wohl. Wenn du's nur ernstlich nimmst.
+
+Medea.
+Ich nehm es ernstlich; doch es geht nicht.
+
+(Sie legt die Leier weg und steht auf.)
+
+Nur an den Wurfspieß ist die Hand gewöhnt
+Und an des Weidwerks ernstlich rauh Geschäft.
+
+(Ihre rechte Hand dicht vor die Augen haltend.)
+
+
+Daß ich sie strafen könnte diese Finger, strafen!
+
+Kreusa.
+Wie du nun bist! Da hatt' ich mich gefreut
+Daß du ihn überraschen solltest, Jason,
+Mit deinem Lied.
+
+Medea.
+Ja so, ja du hast recht.
+Darauf vergaß ich. Laß noch mal versuchen!
+Es wird ihn freuen, meinst du, wirklich freuen?
+
+Kreusa.
+Gewiß. Er sang das Liedchen schon als Knabe,
+Als er bei uns, in unserm Hause lebte.
+Sooft ich's hörte, sprang ich fröhlich auf,
+Denn immer war's das Zeichen seiner Heimkehr.
+
+Medea.
+Das Liedchen aber?
+
+Kreusa.
+Wohl so hör mir zu
+Es ist nur kurz und eben nicht sehr schön
+Allein er wußt' es gar so hübsch zu singen,
+So übermütig, trotzend, spöttisch fast. O ihr Götter,
+Ihr hohen Götter!
+Salbt mein Haupt
+Wölbt meine Brust,
+Daß den Männern
+Ich obsiege
+Und den zierlichen
+Mädchen auch.
+
+Medea.
+Ja, ja, sie haben's ihm gegeben!
+
+Kreusa.
+Was?
+
+Medea.
+Des kurzen Liedchens Inhalt.
+
+Kreusa.
+Welchen Inhalt?
+
+Medea.
+Daß den Männern er obsiege
+Und den zierlichen Mädchen auch.
+
+Kreusa.
+Daran hatt' ich nun eben nie gedacht.
+Ich sang's nur nach, wie ich's ihn singen hörte.
+
+Medea.
+So stand er da an Kolchis' fremder Küste;
+Die Männer stürzten nieder seinem Blick,
+Und mit demselben Blick warf er den Brand
+In der Unsel'gen Busen, die ihn floh,
+Bis, lang verhehlt, die Flamme stieg empor
+Und Ruh' und Glück und Frieden prasselnd sanken
+Von Rauchesqualm und Feuersglut umhüllt.
+So stand er da in Kraft und Schönheit prangend,
+Ein Held, ein Gott und lockte, lockte, lockte,
+Bis es verlockt, sein Opfer, und vernichtet,
+Dann warf er's hin und niemand hob es auf.
+
+Kreusa.
+Bist du sein Weib und sprichst so schlimm von ihm?
+
+Medea.
+Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz.
+Nur (er) ist da, (er) in der weiten Welt
+Und alles andre nichts als Stoff zu Taten.
+Voll Selbstheit, nicht des Nutzens, doch des Sinns,
+Spielt er mit seinem und der andern Glück.
+Lockt's ihn nach Ruhm so schlägt er einen tot,
+Will er ein Weib, so holt er eine sich,
+Was auch darüber bricht, was kümmert's ihn!
+Er tut nur Recht, doch recht ist was er will.
+Du kennst ihn nicht, ich aber kenn ihn ganz
+Und denk ich an die Dinge, die geschehn,
+Ich könnt' ihn sterben sehn und lachen drob.
+
+Kreusa.
+Leb wohl!
+
+Medea.
+Du gehst?
+
+Kreusa.
+Soll ich dich länger hören?
+Ihr Götter! Spricht die Gattin so vom Gatten?
+
+Medea.
+Nach dem er ist: der Meine tat darnach!
+
+Kreusa.
+Beim hohen Himmel, hätt' ich einen Gatten,
+So arg, so schlimm, als Deiner nimmer ist,
+Und Kinder, sein Geschenk und Ebenbild,
+Ich wollt' sie lieben, töteten sie mich.
+
+Medea.
+Das sagt sich gut, allein es übt sich schwer.
+
+Kreusa.
+Es wär' wohl minder süß, übt' es sich leichter.
+Doch tue was dir gutdünkt, ich will gehn.
+Zuerst lockst du mit holdem Wort mich an
+Und fragst nach Mitteln mich, ihm zu gefallen
+Und nun brichst du in Haß und Schmähung aus.
+Viel Übles hab an Menschen ich bemerkt,
+Das Schlimmste aber ist ein unversöhnlich Herz.
+Leb wohl und lerne besser sein.
+
+Medea.
+Du zürnst?
+
+Kreusa.
+Beinahe.
+
+Medea.
+O gib nicht auch (du) mich auf,
+Verlaß mich nicht sei du mein Schirm und Schutz!
+
+Kreusa.
+Nun bist du mild und erst warst du voll Haß.
+
+Medea.
+Der Haß gilt mir und Jason gilt die Liebe.
+
+Kreusa.
+So liebst du deinen Gatten?
+
+Medea.
+Wär' ich hier sonst?
+
+Kreusa.
+Ich sinne nach und doch versteh ich's nicht.
+Doch: liebst du ihn, bin ich dir wieder gut,
+Und sage dir wohl sichre Mittel an,
+Die Launen, die er hat, ich weiß es wohl,
+Wie Wolken zu zerstreun. Laß uns nur machen.
+Ich sah es, er war morgens trüb und düster,
+Doch sing ihm erst dein Lied und du wirst sehn
+Wie schnell er fröhlich wird. Hier ist die Leier.
+Nicht eher laß ich ab, bis du es weißt.
+
+(Sie sitzt.)
+
+Was kommst du nicht? Was stehst und zögerst du?
+
+Medea.
+Ich seh dich an und seh dich wieder an
+Und kann an deinem Anblick kaum mich sätt'gen.
+Du Gute, Milde, schön an Leib und Seele,
+Das Herz wie deine Kleider hell und rein.
+Gleich einer weißen Taube schwebest du,
+Die Flügel breitend, über dieses Leben
+Und netzest keine Feder an dem Schlamm,
+In dem wir ab uns kämpfend mühsam weben.
+Senk einen Strahl von deiner Himmelsklarheit
+In diese wunde, schmerzzerrißne Brust.
+Was Gram und Haß und Unglück hingeschrieben
+O lösch es aus mit deiner frommen Hand
+Und setze deine reinen Züge hin.
+Die Stärke, die mein Stolz von Jugend war,
+Sie hat im Kampfe sich als schwach bewiesen
+O lehre mich, was stark die Schwäche macht.
+
+(Sie setzt sich auf den Schemmel zu Kreusas Füßen.)
+
+Zu deinen Füßen will ich her mich flüchten
+Und will dir klagen, was sie mir getan;
+Will lernen, was ich lassen soll und tun.
+Wie eine Magd will ich dir dienend folgen,
+Will weben an dem Webstuhl, früh zur Hand,
+Und alles Werk, das man bei uns verachtet,
+Den Sklaven überläßt und dem Gesind',
+Hier aber übt die Frau und Herrin selbst,
+Vergessend, daß mein Vater Kolchis' König,
+Vergessend, daß mir Götter sind als Ahnen,
+Vergessend was geschehn und was noch droht--
+
+(Aufstehend und sich entfernend.)
+
+Doch das vergißt sich nicht.
+
+Kreusa (ihr folgend).
+Was ficht dich an?
+Was Schlimmes auch in frührer Zeit geschehn,
+Der Mensch vergißt, ach und die Götter auch.
+
+Medea
+
+(an ihrem Halse).
+Meinst du? O daß ich's glauben könnte, glauben!
+
+(Jason kommt.)
+
+Kreusa (sich gegen ihn wendend).
+Hier dein Gemahl. Sieh Jason, wir sind Freunde!
+
+Jason.
+So, so.
+
+Medea.
+Sei mir gegrüßt.--Sie ist so gut,
+Sie will Medeas Freundin sein und Lehrerin.
+
+Jason.
+Viel Glück zu dem Versuch!
+
+Kreusa.
+Was bist du ernst?
+Wir wollen hier recht frohe Tage leben.
+Ich, meine Sorge zwischen meinem Vater
+Und euch verteilend; du und sie, Medea--
+
+Jason.
+Medea!
+
+Medea.
+Was gebeutst du, mein Gemahl?
+
+Jason.
+Sahst du die Kinder schon?
+
+Medea.
+Ach, ja nur erst.
+Sie sind recht munter.
+
+Jason.
+Sieh doch noch einmal!
+
+Medea.
+Nur kaum erst war ich dort.
+
+Jason.
+Sieh (doch), sieh (doch!)
+
+Medea.
+Wenn du es willst.
+
+Jason.
+Ich wünsch es.
+
+Medea.
+Wohl, ich gehe.
+
+(Ab.)
+
+Kreusa.
+Was sendest du sie fort? Sie sind ja wohl.
+
+Jason.
+Ah! So, nun ist mir leicht, nun kann ich atmen!
+Ihr Anblick schnürt das Innre mir zusammen
+Und die verhehlte Qual erwürgt mich fast.
+
+Kreusa.
+Was hör ich? O ihr allgerechten Götter!
+So spricht nun er und so sprach vorher sie.
+Wer sagte mir denn, Gatten liebten sich?
+
+Jason.
+Ja wohl, wenn nach genutzter Jugendzeit
+Der Jüngling auf ein Mädchen wirft den Blick
+Und sie zur Göttin macht von seinen Wünschen.
+Er späht nach ihrem Aug', ob es ihn trifft
+Und trifft's ihn, ist er froh in seinem Sinn.
+Zum Vater geht er und zur Mutter hin
+Und wirbt um sie und jene sagen's zu.
+Da ist ein Fest und die Verwandten kommen
+Die ganze Stadt nimmt an dem Jubel Teil.
+Mit Kränzen reich geschmückt und lichten Blumen
+Führt er die Braut zu Tempel und Altar.
+Errötend und in holdem Schauer bebend
+Vor dem was sie doch wünscht, tritt sie einher;
+Der Vater aber legt die Hände auf
+Und segnet sie und ihr entfernt Geschlecht.
+Die so zur Freite gehn, die lieben sich.
+Mir war es auch bestimmt, doch kam es nicht.
+Was hab ich denn getan, gerechte Götter,
+Daß ihr mir nahmt, was ihr dem Ärmsten gebt
+Ein Schmerzasyl an seinem eignen Herd
+Und zur Vertrauten, die ihm angetraut.
+
+Kreusa.
+So hast du nicht gefreit wie andre freien,
+Der Vater hob die Hand nicht segnend auf?
+
+Jason.
+Er hob sie auf, doch mit dem Schwert bewaffnet
+Und statt des Segens gab er uns den Fluch.
+Allein ich hab ihm's tüchtig rückgegeben;
+Sein Sohn ist tot, er selber stumm und tot--
+Sein Fluch nur lebt--zum mind'sten scheint es so.
+
+Kreusa.
+Wie können wen'ge Jahre doch verwandeln!
+Wie warst du mild und wie bist nun so rauh.
+Ich selber bin dieselbe die ich war,
+Was damals ich gewollt, will ich noch jetzt,
+Was da mir gut erschien, erscheint mir's noch,
+Was tadelnswert muß ich noch jetzo tadeln.
+Mit dir scheint's anders.
+
+Jason.
+Ja, auch das, auch das!
+Es ist des Unglücks eigentlichstes Unglück,
+Daß selten drin der Mensch sich rein bewahrt.
+Hier gilt's zu lenken, dort zu biegen, beugen,
+Hier rückt das Recht ein Haar und dort ein Gran,
+Und an dem Ziel der Bahn steht man ein andrer,
+Als der man war, da man den Lauf begann.
+Und dem Verlust der Achtung dieser Welt
+Fehlt noch der einz'ge Trost, die eigne Achtung.
+Ich habe nichts getan was schlimm an sich,
+Doch viel gewollt, gemocht, gewünscht, getrachtet;
+Still zugesehen, wenn es andre taten;
+Hier Übles nicht gewollt, doch zugegriffen
+Und nicht bedacht daß Übel sich erzeuge.
+Und jetzt steh ich vom Unheilsmeer umbrandet
+Und kann nicht sagen: ich hab's nicht getan!
+O Jugend, warum währst du ewig nicht!
+Beglückend Wähnen, seliges Vergessen,
+Der Augenblick des Strebens Wieg' und Grab.
+Wie plätschert' ich im Strom der Abenteuer,
+Die Wogen teilend mit der starken Brust.
+Doch kommt das Mannesalter ernst geschritten,
+Da flieht der Schein: die nackte Wirklichkeit
+Schleicht still heran und brütet über Sorgen.
+Die Gegenwart ist dann kein Fruchtbaum mehr,
+In dessen Schatten man genießend ruht,
+Sie ist ein unangreifbar Samenkorn,
+Das man vergräbt, daß eine Zukunft sprosse.
+Was wirst du tun? wo wirst du sein und wohnen?
+Was wird aus dir? Und was aus Weib und Kind?
+Das fällt uns an und quält uns ab und ab.
+
+(Er setzt sich.)
+
+Kreusa.
+Was sorgst du denn? es ist für dich gesorgt.
+
+Jason.
+Gesorgt? O ja, wie man dem Bettler wohl
+Den Napf mit Abhub an die Schwelle reicht.
+Bin ich der Jason und brauch andrer Sorge?
+Muß unter fremden Tisch die Füße setzen
+Mit meinen Kindern betteln gehn zu fremden Mitleid?
+Mein Vater war ein Fürst, ich bin es auch
+Und wer ist, der dem Jason sich vergleicht?
+Und doch--
+
+(Er ist aufgestanden.)
+
+Ich kam den lauten Markt entlang
+Und durch die weiten Gassen eurer Stadt
+Weißt du noch, wie durch sie ich prangend schritt
+Als ich, vor jenem Argonautenzug,
+Hierherkam, von euch Abschied noch zu nehmen?
+Da wallten sie in dichtgedrängten Wogen
+Von Menschen, Wagen, Pferden, bunt gemengt.
+Die Dächer trugen Schauende, die Türme,
+Und wie um Schätze stritt man sich den Raum.
+Die Luft ertönte von der Zimbel Lärm
+Und von dem Lärm der heilzuschreinden Menge.
+Dicht drängt' sie sich rings um die edle Schar,
+Die reich geschmückt, in Panzers hellem Leuchten,
+Der mindeste ein König und ein Held,
+Den edlen Führer ehrfurchtsvoll umgaben--
+Und ich war's der sie führte, ich ihr Hort,
+Ich, den das Volk in lautem Jubel grüßte--
+Jetzt als ich durch dieselben Straßen ging,
+Traf mich kein Aug', kein Gruß, kein Wort.
+Nur als ich stand, und rings her um mich sah,
+Meint' einer, es sei schlechte Sitte, so
+In Weges Mitte stehn und andre stören.
+
+Kreusa.
+Du wirst dich wieder heben, wenn du willst.
+
+Jason.
+Mit mir ist's aus! ich hebe mich nicht mehr.
+
+Kreusa.
+Ich weiß ein Mittel wie dir's wohl gelingt.
+
+Jason.
+Das Mittel wüßt' ich wohl, doch schaffst du mir's?
+Mach daß ich nie der Väter Land verlassen,
+Daß ich bei euch hier in Korinthos blieb,
+Daß ich das Vlies, ich Kolchis nie gesehen,
+Ich nie gesehen sie, die nun mein Weib.
+Mach, daß sie heimkehrt in ihr fluchbeladnes Land
+Und die Erinnrung mitnimmt, daß sie dagewesen,
+Dann will ich wieder Mensch mit Menschen sein.
+
+Kreusa.
+Das wär's allein? Ich weiß ein andres Mittel:
+Ein einfach Herz und einen stillen Sinn.
+
+Jason.
+Ja, wer von dir das lernen könnte, Gute!
+
+Kreusa.
+Die Götter geben's jedem, der nur will.
+Auch dir war's einst und kann es wieder werden.
+
+Jason.
+Denkst du noch manchmal unsrer Jugendzeit?
+
+Kreusa.
+Gar oft und gern erinnr' ich mich an sie.
+
+Jason.
+Wie wir ein Herz und eine Seele waren.
+
+Kreusa.
+Ich machte milder dich und du mich kühn.
+Weißt du, wie ich den Helm aufs Haupt mir setzte?
+
+Jason.
+Er war zu weit, du hieltst ihn, sanft geduckt,
+Mit kleinen Händen ob den goldnen Locken.
+Kreusa, es war eine schöne Zeit!
+
+Kreusa.
+Und wie mein Vater sich darüber freute,
+Er nannt' uns öfter scherzend Bräutigam und Braut.
+
+Jason.
+Es kam nicht so.
+
+Kreusa.
+Wie manches anders kommt,
+Als man's gedacht. Allein was tut's?
+Wir wollen drum nicht minder fröhlich sein!
+
+(Medea kommt zurück.)
+
+Medea.
+Die Kleinen sind besorgt.
+
+Jason.
+Nun, es ist gut.
+
+(Fortfahrend.)
+
+Die schönen Orte unsrer Jugendlust,
+An die Erinnrung knüpft mit leisen Fäden,
+Ich hab sie durchgegangen, da ich kam,
+Und Brust und Lippen kühlend eingetaucht
+Im frischen Born der hellen Kinderzeit.
+Ich war am Markt, wo ich den Wagen lenkte,
+Das rasche Roß dem Ziel entgegentrieb,
+Den Faustschlag wechselnd mit dem Gegner rang,
+Indes du standst und sahst, erschrakst und zürntest,
+Um meinetwillen jedem Gegner feind.
+Ich war im Tempel, wo vereint wir knieten,
+Hier nur allein einander uns vergessend,
+Und unsre Lippen zu den Göttern sandten
+Aus zweier Brust ein einzig, einig Herz.
+
+Kreusa.
+So weißt du denn das alles noch so gut?
+
+Jason.
+Ich sauge Labung draus mit vollen Zügen
+
+Medea (die still hingegangen ist und die weggelegte Leier ergriffen hat).
+Jason, ich weiß ein Lied!
+
+Jason.
+Und dann der Turm!
+Weißt du den Turm dort an der Meeresküste
+Wo du mit deinem Vater standst und weintest,
+Als ich das Schiff bestieg zum weiten Zug.
+Ich hatte da kein Aug' für deine Tränen
+Denn nur nach Taten dürstete mein Herz.
+Ein Windstoß löste deinen Schleier los
+Und warf ihn in die See, ich sprang darnach
+Und trug ihn mit mir fort, dir zum Gedächtnis.
+
+Kreusa.
+Hast du ihn noch?
+
+Jason.
+Denk nur, so manches Jahr
+Verging seit dem und nahm dein Pfand mit sich.
+Der Wind hat ihn verweht.
+
+Medea.
+Ich weiß ein Lied.
+
+Jason.
+Du riefst mir damals zu: Leb wohl, mein Bruder.
+
+Kreusa.
+Und jetzt ruf ich: Mein Bruder, sei gegrüßt!
+
+Medea.
+Jason, ich weiß ein Lied.
+
+Kreusa.
+Sie weiß ein Lied,
+Das du einst sangst, hör zu, sie soll dir's singen.
+
+Jason.
+Ja so! Wo war ich denn? Das klebt mir an
+Aus meiner Jugendzeit und spottet meiner,
+Daß gern ich manchmal träumen mag und schwatzen
+Von Dingen die nicht sind und die nicht werden.
+Denn wie der Jüngling in der Zukunft lebt
+So lebt der Mann mit der Vergangenheit.
+Die Gegenwart weiß keiner recht zu leben.
+Da war ich jetzt ein tatenkräft'ger Held
+Und hatt' ein liebes Weib und Gold und Gut
+Und einen Ort wo meine Kinder schlafen.
+Was also willst du denn?
+
+(Zu Medea.)
+
+Kreusa.
+Ein Lied dir singen,
+Das du in deiner Jugend sangst bei uns.
+
+Jason.
+Und das singst du?
+
+Medea.
+So gut ich kann.
+
+Jason.
+Ja wohl!
+Willst du mit einem armen Jugendlied
+Mir meine Jugend geben und ihr Glück?
+Laß das. Wir wollen aneinander halten
+Weil's einmal denn so kam und wie sich's gibt.
+Doch nichts von Liedern und von derlei Dingen!
+
+Kreusa.
+Laß sie's doch singen. Sie hat sich geplagt
+Bis sie's gewußt und nun--
+
+Jason.
+So singe, sing!
+
+Kreusa.
+Die zweite Saite, weißt du noch?
+
+Medea (mit der Hand schmerzlich aber ihre Stirne streichend).
+Vergessen.
+
+Jason.
+Siehst du, ich sagt' es wohl, es geht nun nicht!
+An andres Spiel ist ihre Hand gewohnt,
+Den Drachen sang sie zaubrisch in den Schlaf.
+Und das klang anders als dein reines Lied.
+
+Kreusa (einflüsternd).
+O ihr Götter
+Ihr hohen Götter--
+
+Medea (nachsagend).
+O ihr Götter--
+Ihr hohen, ihr gerechten, strengen Götter!
+
+(Die Leier entfällt ihr, sie schlägt beide Hände vor die weinenden
+Augen.)
+
+Kreusa.
+Sie weint. Wie kannst du doch so hart sein und so wild.
+
+Jason (sie zurückhaltend).
+Laß sie! Kind, du verstehst uns beide nicht!
+Es ist der Götter Hand, was sie nun fühlt,
+Auch hier gräbt sie, auch hier mit blut'gen Griffen.
+Greif du nicht in der Götter Richteramt!
+Hättst du sie dort gesehn im Drachenhorst,
+Wie sie sich mit dem Wurm zur Wette bäumte,
+Voll Gift der Zunge Doppelpfeile schoß,
+Und Haß und Tod aus Flammenaugen blinkte,
+Dein Busen wär' gestählt gen ihre Tränen.
+Nimm du die Leier und sing mir das Lied
+Und bann den Dämon, der mich würgend quält.
+Du kannst's vielleicht, doch jene nicht.
+
+Kreusa.
+Recht gern.
+
+(Sie will die Leier aufheben.)
+
+Medea
+
+(ihren Arm ober der Hand fassend und sie abhaltend).
+Halt ein!
+
+(Sie hebt mit der andern Hand die Leier auf.)
+
+Kreusa.
+Recht gern, spielst du es selber.
+
+Medea.
+Nein!
+
+Jason.
+Gibst du sie nicht denn?
+
+Medea.
+Nein.
+
+Jason.
+Auch mir nicht?
+
+Medea.
+Nein!
+
+Jason
+
+(hinzutretend und nach der Leier greifend).
+Ich aber nehme sie.
+
+Medea (ohne sich vom Platz zu bewegen, die Leier zurückziehend).
+Umsonst!
+
+Jason (ihre zurückziehenden Hände mit den seinigen verfolgend).
+Gib!
+
+Medea
+
+(die Leier im Zurückziehen zusammendrückend, daß sie krachend
+zerbricht).
+Hier!
+Entzwei!
+
+(Die zerbrochene Leier vor Kreusa hinwerfend.)
+
+Entzwei die schöne Leier!
+
+Kreusa (entsetzt zurückfahrend).
+Tot!
+
+Medea (rasch umblickend).
+Wer?--(Ich) lebe! (lebe)!
+
+(Sie steht da hoch emporgehoben vor sich hinstarrend.)
+
+(Von außen ein Trompetenstoß.)
+
+Jason.
+Ha, was ist das?--Was stehst du siegend da?
+Dich reut noch, glaub ich, dieser Augenblick.
+
+(Noch ein Trompetenstoß.)
+(Der König kommt rasch zur Türe herein.)
+
+Jason (ihm entgegen).
+Was kündigt an der kriegerische Schall?
+
+König.
+Unglücklicher, du fragst?
+
+Jason.
+Ich frage, Herr!
+
+König.
+Der Streich, den ich gefürchtet ist gefallen,
+Ein Herold steht vor meines Hauses Pforten,
+Gesandt vom Stuhl der Amphiktyonen.
+Er frägt nach dir, und hier nach deinem Weib,
+Den Bann ausrufend in des Himmels Lüfte!
+
+Jason.
+Auch das noch!
+
+König.
+Also ist's. Doch still, er naht!
+
+(Die Pforten öffnen sich. Ein Herold tritt herein; hinter ihm zwei
+Hornbläser, weiter zurück mehreres Gefolge.)
+
+Herold.
+Die Götter und ihr Schutz in dieses Haus!
+
+König (feierlich).
+Wer bist du und was suchst du hier bei mir?
+
+Herold.
+Ein Gottesherold bin ich, abgesandt
+Vom Altgericht der Amphiktyonen,
+Das spricht in Delphis hochgefreiter Stadt;
+Mit Bann verfolg ich und mit Rachespruch
+Die schuldigen Verwandten König Pelias',
+Der einst auf Jolkos saß, nun aber tot ist.
+
+König.
+Suchst du die Schuld'gen, suche sie nicht hier,
+In seinem Haus, bei seinen Kindern such sie!
+
+Herold.
+Ich fand sie hier und so sprech ich sie an:
+Fluch Jason dir! Fluch dir und deinem Weib!
+Verruchter Künste bist du angeklagt,
+Der Schuld an deines Oheims dunkeln Tod.
+
+Jason.
+Du lügst, nicht weiß ich um des Königs Sterben.
+
+Herold.
+Frag diese dort, die weiß es besser wohl.
+
+Jason.
+Tat sie's?
+
+Herold.
+Nicht mit der Hand, durch Künste, die ihr kennt,
+Die ihr herüberbrachtet aus dem fremden Lande.
+Denn als der König krank--vielleicht schon da ein Opfer,
+So seltsam waren seiner Krankheit Zeichen--
+Da traten seine Töchter zu Medeen hin,
+Um Heilung flehend von der Heilerfahrnen.
+Sie aber sagt' es zu und ging mit ihnen.
+
+Jason.
+Halt! sie ging nicht! Ich wehrt' es, und sie blieb.
+
+Herold.
+Das erstemal. Doch als die Mädchen drauf,
+Dir unbewußt, zum zweitenmal ihr nahten,
+Da ging sie mit, allein das goldne Vlies,
+Das ihr ein Greu'l sei, ein verderblich Zeichen,
+Als Preis der sichern Rettung sich bedingend.
+Die Mädchen aber sagen's ihr voll Freude zu.
+Und sie tritt ein beim König, wo er schlief.
+Geheimnisvolle Worte sprach sie aus
+Und immer tiefer sinkt der König in den Schlaf.
+Das böse Blut zu bannen, heißt dem Herrn sie
+Die Adern öffnen und auch das geschieht;
+Er atmet leichter als man ihn verband
+Und froh sind schon die Töchter der Genesung.
+Da ging Medea fort, von dannen wie sie sagte,
+Und auch die Töchter gehn, da jener schlief.
+Mit eins ertönt Geschrei aus seiner Kammer,
+Die Mädchen eilen hin und--gräßlich! greulich!
+Der Alte lag am Boden, wild verzerrt,
+Gesprungen die Verbande seiner Adern,
+In schwarzen Güssen strömend hin sein Blut.
+Am Altar lag er, wo das Vlies gehangen,
+Und das war fort. Die aber ward gesehen,
+Den goldnen Schmuck um ihre Schultern tragend,
+Zur selben Stunde schreitend durch die Nacht.
+
+Medea (dumpf vor sich hin).
+Es war mein Lohn.
+Mich schaudert, denk ich an des alten Mannes Wut!
+
+Herold.
+Damit nun solcher Greu'l nicht länger währe
+Und unser Land mit seinem Hauch vergifte,
+So sprech ich aus hiemit den großen Bann
+Ob Jason dem Thessalier, Aesons Sohn,
+Genoß einer Verruchten, selbst verrucht
+Und treib ihn aus, kraft meines heil'gen Amts,
+Aus, von der Griechen gottbetretnen Erde,
+Und weis ihn in das Irrsal, in die Flucht,
+Mit ihm sein Weib und seines Bettes Sprossen.
+Kein Teil sei ihm am vaterländ'schen Boden,
+An vaterländ'schen Göttern ihm kein Teil,
+Kein Teil an Schutz und Recht des Griechenlandes.
+
+(Nach den Himmelsgegenden.)
+
+Verbannt Jason und Medea!
+Medea und Jason verbannt!
+Verbannt!
+Jason und Medea! Wer aber ihn beherbergt, ihn beschützt,
+Von hier nach dreien Tagen und drei Nächten,
+Dem künd ich Tod, wenn es ein Einzelmann,
+Und Krieg, wenn's eine Stadt, wenn es ein König!
+So fügt's der Spruch der Amphiktyonen
+Und so verkünd ich es zu Recht,
+Damit ein jeder wisse sich zu wahren. Die Götter und ihr Schutz in
+dieses Haus!
+
+(Er wendet sich zum Abgehen.)
+
+Jason.
+Was steht ihr da, ihr Mauern? stürzet ein,
+Erspart die Müh' dem König, mich zu töten!
+
+König.
+Halt ein, o Herold, und vernimm noch dies!
+
+(Zu Jason gewendet.)
+
+Glaubst du, mich reute schon was ich gelobt?
+Hielt' ich für schuldig dich, und wärst du auch mein Sohn,
+Ich gäbe hin dich jenen, die dich suchen;
+Doch du bist's nicht und so beschütz ich dich,
+Bleib hier. Wer aber wagt es Kreons Freund,
+Für dessen Unschuld er sein Wort verpfändet,--
+Wer wagt es meinen Eidam anzutasten?
+Ja Herold, meinen Eidam, meiner Tochter Gatten!
+Was einst beschlossen ward in frühern Tagen,
+In Tagen seines Glücks, ich führ es aus
+Jetzt da des Unglücks Wogen ihn umbranden.
+Sie sei dein Weib, du bleibst bei deinem Vater.
+Also vertret ich's vor den Amphiktyonen;
+Und wer beschuldigt noch wen Kreon freisprach,
+Freisprach durch seiner eignen Tochter Hand? Das sag du jenen, die
+dich hergesandt
+Und in der Götter Schutz sei nun entlassen.
+
+(Der Herold geht.)
+
+Doch diese, die die Wildnis ausgespieen,
+Zu deinem, aller Frommen Untergang,
+Sie, die die Greu'l verübt, der man dich zeiht,
+Sie bann ich aus des Landes Grenzen fort
+Und Tod ihr, trifft der Morgen sie noch hier.
+Zieh hin aus meiner Väter frommen Stadt
+Und reinige die Luft, die du verpestest!
+
+Medea.
+Das also wär's? Mir gält' es, mir allein?
+Ich aber sag euch, ich hab's nicht getan!
+
+König.
+Genug hast du verübt, seit er dich sah.
+Hinweg aus meinem Haus, aus meiner Stadt.
+
+Medea (zu Jason).
+Und muß ich fort, nun wohl, so folge mir!
+Gemeinsam wie die Schuld, sei auch die Strafe!
+Weißt noch den alten Spruch? Allein soll keines sterben,
+Ein Haus, ein Leib und ein Verderben!
+Im Angesicht des Todes schwuren wir's;
+Jetzt halt es, komm!
+
+Jason.
+Berührst du mich?
+Laß ab von mir, du meiner Tage Fluch!
+Die mir geraubt mein Leben und mein Glück,
+Die ich verabscheut, wie ich dich gesehn,
+Nur töricht Liebe nannte meines Wesens Ringen!
+Heb dich hinweg, zur Wildnis, deiner Wiege,
+Zum blut'gen Volk, dem du gehörst und gleichst.
+Doch vorher gib mir wieder was du nahmst
+Gib Jason mir zurücke, Frevlerin!
+
+Medea.
+Zurück willst du den Jason?--Hier!--Hier nimm ihn!
+Allein wer gibt Medeen mir, wer mich?
+Hab ich dich aufgesucht in deiner Heimat?
+Hab ich von deinem Vater dich gelockt?
+Hab ich dir Liebe auf-, ja aufgedrungen?
+Hab ich aus deinem Lande dich gerissen,
+Dich preisgegeben Fremder Hohn und Spott?
+Dich aufgereizt zu Freveln und Verbrechen?
+Du nennst mich Frevlerin?--Weh mir! ich bin's!
+Doch wie hab ich gefrevelt und für wen?
+Laß diese mich mit gift'gem Haß verfolgen,
+Vertreiben, töten, diese tun's mit Recht,
+Denn ich bin ein entsetzlich, greulich Wesen,
+Mir selbst ein Abgrund und ein Schreckensbild,
+Die ganze Welt verwünsche mich, nur (du) nicht!
+Du nicht, der Greuel Stifter, einz'ger Anlaß, du!
+Weißt du noch, wie ich deine Knie umfaßte,
+Als du das blut'ge Vlies mir stehlen hießest:
+Ich mich zu töten eher mich vermaß
+Und du mit kaltem Hohne herrschtest: Nimm's!
+Weißt du, wie ich den Bruder hielt im Arm,
+Der todesmatt von deinem grimmen Streich,
+Bis er sich losriß von der Schwester Brust
+Und deinem Trotz entrinnend Tod in Wellen suchte?
+Weißt du?--Komm her zu mir!--Weich mir nicht aus!
+Verbirg nicht hinter jene dich vor mir!
+
+Jason
+
+(vortretend).
+Ich hasse, doch ich scheu dich nicht!
+
+Medea.
+So komm!
+
+(Halblaut.)
+
+Weißt du?--Sieh mich nicht so verachtend an!--
+Wie du den Tag vor deines Oheims Tod,
+Da eben seine Töchter von mir gingen,
+Die ratlos ich auf dein Geheiß entließ,
+Wie du zu mir in meine Kammer tratst
+Und mit den Augen so in meine schauend,--
+Als säh' ein Vorsatz, scheu in dir verborgen,
+Nach seinesgleichen aus in meiner Brust--
+Wie du da sagtest: Daß zu mir sie kämen
+Um Heilung für des argen Vaters Krankheit,
+Ich wollt' ihm einen Labetrank bereiten,
+Der (ihn) auf immer heilen sollt' und (mich)!
+Weißt du? Sieh mir ins Antlitz wenn du's wagst!
+
+Jason.
+Entsetzliche! Was rasest du gen mich?
+Machst mir zu Wesen meiner Träume Schatten,
+Hältst mir mein Ich vor in des deinen Spiegel
+Und rufst meine Gedanken wider mich?
+Nichts weiß ich, nichts von deinem Tun und Treiben,
+Verhaßt war mir von Anfang her dein Wesen,
+Verflucht hab ich den Tag, da ich dich sah,
+Und Mitleid nur hielt mich an deiner Seite.
+Nun aber sag ich mich auf ewig von dir los
+Und fluche dir, wie alle Welt dir flucht.
+
+Medea.
+Nicht so, mein Gatte, mein Gemahl!
+
+Jason.
+Weg da!
+
+Medea.
+Als mir's mein greiser Vater drohte,
+Versprachst du, nie mich zu verlassen. Halt's!
+
+Jason.
+Selbst hast du das Versprechen dir verwirkt,
+Ich gebe hin dich deines Vaters Fluch!
+
+Medea.
+Verhaßter komm! Komm mein Gemahl!
+
+Jason.
+Zurück!
+
+Medea.
+In meinen Arm, so hast du's ja gewollt!
+
+Jason.
+Zurück! Sieh hier mein Schwert! Ich töte dich
+Wenn du nicht weichst!
+
+Medea (immer näher tretend).
+Stoß zu! Stoß zu!
+
+Kreusa (zu Jason).
+Halt ein!
+Laß sie in Frieden ziehn! Verletz sie nicht!
+
+Medea.
+Du auch hier? weiße, silberhelle Schlange?
+O zische nicht mehr, züngle nicht so lieblich!
+Du hast ja, was du wolltest, den Gemahl!
+War's darum, daß du dich so schmeichelnd wandst
+Und deine Ringe schlangst um meinen Hals?
+O hätt' ich einen Dolch, ich wollte dich
+Und deinen Vater, den gerechten König!
+Darum sangst du so holde Weisen?
+Darum gabst du mir Saitenspiel und Kleid?
+
+(Ihren Mantel abreißend.)
+
+Hinweg! Fort mit den Gaben der Verruchten!
+
+(Zu Jason.)
+
+Sieh! Wie ich diesen Mantel durch hier reiße
+Und einen Teil an meinen Busen drücke,
+Den andern hin dir werfe vor die Füße,
+Also zerreiß ich meine Liebe, unsern Bund.
+Was draus erfolgt, das werf ich dir zu, dir,
+Dem Frevler an des Unglücks heil'gem Haupt.
+Gebt meine Kinder mir und laßt mich gehn!
+
+König.
+Die Kinder bleiben hier.
+
+Medea.
+Nicht bei der Mutter?
+
+König.
+Nicht bei der Frevlerin!
+
+Medea (zu Jason).
+So sagst auch du?
+
+Jason.
+Auch ich.
+
+Medea (gegen die Türe).
+So hört ihr Kinder mich!
+
+König.
+Zurück!
+
+Medea.
+Allein gehn heißt ihr mich? Wohlan es sei!
+Doch sag ich euch: bevor der Abend graut
+Gebt ihr die Kinder mir. Für jetzt genug!
+Du aber, die hier gleisend steht, und heuchelnd
+In falscher Reinheit niedersieht auf mich,
+Ich sage dir, du wirst die weißen Hände ringen,
+Medeens Los beneiden gegen deins.
+
+Jason.
+Wagst du's?
+
+König.
+Hinweg.
+
+Medea.
+Ich geh doch komm ich wieder
+Und hole das was mir, und bring was euch gebührt.
+
+König.
+Was soll sie drohen uns ins Angesicht?
+Wenn Worte nicht
+
+(zu den Trabanten)
+
+laßt eure Lanzen sprechen!
+
+Medea.
+Zurück! Wer wagt's Medeen anzurühren!
+Merk auf die Stunde meines Scheidens, König
+Du sahst noch keine schlimmre, glaube mir!
+Gebt Raum! Ich geh! Die Rache nehm ich mit!
+
+(Ab.)
+
+König.
+Die Strafe wenigstens, sie folget dir!
+
+(Zu Kreusen.)
+
+
+Du zittre nicht, wir schützen dich vor ihr!
+
+Kreusa.
+Ich sinne nur, ob recht ist, was wir tun;
+Denn tun wir recht, wer könnte dann uns schaden?
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Dritter Aufzug
+
+(Vorhof von Kreons Burg. Im Hintergrunde der Eingang von der
+Wohnung des Königs; rechts an den Seitenwänden ein Säulengang zu
+Medeens Aufenthalt führend.)
+(Medea im Vorgrunde stehend, Gora weiter zurück mit einem Diener
+des Königs sprechend.)
+
+Gora.
+Sag du dem Könige:
+Medea nehme Botschaft von Sklaven nicht,
+Hab' er Werbung an sie,
+Komm' er selbst,
+Vielleicht hört sie ihn.
+
+(Der Diener ab.)
+
+Gora (vortretend).
+Sie meinen, du würdest gehn,
+Den Haß bezähmend und die Rache.
+Die Törichten!
+Oder wirst du es? Wirst du's?
+Fast glaub ich, du tust's,
+Denn nicht Medea bist du mehr,
+Des Kolcherkönigs königlicher Sproß,
+Der erfahrnen Mutter, erfahrnere Tochter;
+Hättest du sonst geduldet, getragen
+So lange, bis jetzt?
+
+Medea.
+Hört ihr's Götter? Geduldet! getragen! So lange! bis jetzt!
+
+Gora.
+Ich riet dir zu weichen,
+Da du noch weilen wolltest,
+Verblendet, umgarnt;
+Als noch nicht gefallen der Streich,
+Den ich vorhersah, warnend dir zeigte:
+Aber nun sag ich: bleib!
+Sie sollen nicht lachen der Kolcherin,
+Nicht spotten des Bluts meiner Könige,
+Herausgeben die Kleinen,
+Die Schößlinge der gefällten Königseiche;
+Oder sterben, fallen,
+In Grauen, in Nacht!--Wo hast du dein Gerät?
+Oder was beschließest du?
+
+Medea.
+Erst meine Kinder will ich haben,--
+Das andre findet sich.
+
+Gora.
+So gehst du denn?
+
+Medea.
+Ich weiß es nicht.
+
+Gora.
+Lachen werden sie dein!
+
+Medea.
+Lachen? Nein!
+
+Gora.
+Was also sinnest du?
+
+Medea.
+Ich gebe mir Müh', nichts zu wollen, zu denken.
+ob dem schweigenden Abgrund
+Brüte die Nacht.
+
+Gora.
+Und wenn du flöhest, wohin?
+
+Medea (schmerzlich).
+Wohin? Wohin?
+
+Gora.
+Hier Lands ist nicht Raum für uns,
+Die Griechen, sie hassen, sie töten dich.
+
+Medea.
+Töten? Sie mich? Ich will sie töten, ich!
+
+Gora.
+Auch daheim in Kolchis wartet Gefahr.
+
+Medea.
+O Kolchis! Kolchis! O Vaterland!
+
+Gora.
+Du hast wohl gehört, dir ward wohl Kunde,
+Daß dein Vater gestorben, bald darnach,
+Als du Kolchis verließest, dein Bruder fiel?
+(Gestorben?) es klang anders, deucht' mir,
+Daß er den Schmerz anfassend wie ein Schwert,
+Gen sich selber wütend, den Tod sich gab.
+
+Medea.
+Was trittst du in Bund mit meinen Feinden
+Und tötest mich?
+
+Gora.
+Nun siehst du wohl.
+Ich hab dir's gesagt, dich gewarnt.
+Flieh die Fremden, sagt' ich dir
+Vor allen aber ihn, der sie führt,
+Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter.
+
+Medea.
+Den glattzüngigen Heuchler, den Verräter!--
+Sagtest du so?
+
+Gora.
+Wohl sagt' ich's.
+
+Medea.
+Und ich glaubte dir nicht?
+
+Gora.
+Glaubtest mir nicht und gingst ins Todesnetz
+Das nun zusammenschlägt über dir.
+
+Medea.
+Glattzüngiger Heuchler! Das ist das Wort.
+Hättest du so gesagt, ich hätt's erkannt;
+Aber du nanntest ihn: Feind und verhaßt und abscheulich,
+Er aber war schön und freundlich und ich haßt' ihn (nicht)!
+
+Gora.
+So liebst du ihn?
+
+Medea.
+Ich? Ihn?
+Ich haß ihn, verabscheu ihn,
+Wie die Falschheit, den Verrat,
+Wie das Entsetzlichste, wie mich!
+
+Gora.
+So straf ihn, triff ihn,
+Räche den Vater, den Bruder,
+Unser Vaterland, unsre Götter,
+Unsre Schmach, mich, dich!
+
+Medea.
+Erst meine Kinder will ich haben,
+Das andre deckt die Nacht.--
+Was glaubst du? wenn er daherzög'
+In feierlichem Brautgeleit
+Mit ihr, die ich hasse,
+Und vom Giebel des Hauses entgegen
+Flög' ihm Medea zerschmettert, zerschellt.
+
+Gora.
+Der schönen Rache!
+
+Medea.
+Oder an Brautgemachs Schwelle
+Läge sie tot in ihrem Blut,
+Bei ihr die Kinder, Jasons Kinder, tot.
+
+Gora.
+Dich selber trifft deine Rache, nicht ihn.
+
+Medea.
+Ich wollt' er liebte mich,
+Daß ich mich töten könnte, ihm zur Qual!--
+Oder (sie?) Die Falsche! Die Reine!
+
+Gora.
+Näher triffst du schon!
+
+Medea.
+Still! still!
+Hinab, wo du herkamst, Gedanke,
+Hinab in Schweigen, hinunter in Nacht!
+
+(Sie verhüllt sich.)
+
+Gora.
+Die andern alle, die mit ihm zogen
+Den frevelnden Argonautenzug,
+Alle haben sie, rächend, strafend,
+Die vergeltenden Götter erreicht,
+Alle fielen in Tod und Schmach;
+Er nur fehlt noch--und wie lang?
+Täglich hör ich, emsig horchend
+Hoch mich erlabend, wie sie fallen,
+Fallen der Griechen strahlende Söhne,
+Die aus Kolchis, vom Raube gekehrt.
+Den Orpheus erschlugen thrakische Weiber;
+Hylas versank im Wellengrab;
+Theseus, Pirithous stiegen hinab
+In des Aides finstere Wohnung,
+Der Schatten gewaltigem Herrn zu rauben
+Die strahlende Gattin, Persephoneia,
+Doch der fing sie und hält sie gefangen
+In ehernen Ketten, in ewiger Nacht.
+
+Medea (rasch den Mantel vom Gesicht ziehend).
+Weil sie kamen das Weib zu rauben?
+Gut! Gut!--So tat auch er, tat mehr noch!
+
+Gora.
+Dem Herakles, der sein Weib verließ,
+Von anderer Liebe gelockt,
+Sandte sie rächend ein leinen Gewand;
+Als er das antat, sank er dahin
+In Qual und Angst und Todesschmerz,
+Denn sie hatt' es heimlich bestrichen
+Mit argem Gift und schnellem Tod.
+Hin sank er und des Öta waldiger Rücken,
+Sah ihn vergehn, in Flammen vergehn.
+
+Medea.
+Und sie selbst webt' es, das Gewand?
+Das tödliche?
+
+Gora.
+Sie selbst!
+
+Medea.
+Sie selbst!
+
+Gora.
+Des Meleager rauhe Gewalt,
+Des kaledonischen Eberbezwingers,
+Tötet' Althea, die Mutter das Kind.
+
+Medea.
+Verließ sie der Gemahl?
+
+Gora.
+Er erschlug ihren Bruder.
+
+Medea.
+Der Gatte?
+
+Gora.
+Der Sohn!
+
+Medea.
+Und als sie's getan, starb sie?
+
+Gora.
+Sie lebt.
+
+Medea.
+Tat es und (lebt)! Entsetzlich!--
+So viel weiß ich und so viel ist mir klar:
+Unrecht erduld ich nicht ungestraft.
+Aber (was) geschieht, weiß ich nicht, will's nicht wissen!
+Verdient hat er alles, das Ärgste verdient,
+Aber--schwach ist der Mensch;
+Billig gönnt man zur Reue Zeit!
+
+Gora.
+Reue?--Frag ihn selbst ob's ihn reut;
+Denn dort naht er mit eilendem Schritt.
+
+Medea.
+Mit ihm der König, mein arger Feind
+Der ihn verlockt, der ihn verführt.
+Ihm entweich ich, nicht zähmt' ich den Haß!
+
+(Geht rasch dem Hause zu.)
+
+Aber will (er), will Jason mich sprechen,
+So heiß ihn treten zu mir ins Gemach,
+Dort will ich reden zu ihm, nicht hier,
+An der Seite des Manns, der mein Feind.
+Sie nahen. Fort!
+
+(Ab ins Haus.)
+
+Gora.
+Da geht sie hin!
+Ich aber soll reden mit dem Mann
+Der mein Kind verderbt, der gemacht,
+Daß ich mein Haupt legen muß auf fremde Erde,
+Des bittern Kummers Tränen verbergen muß,
+Daß nicht drüber lacht fremder Männer Mund.
+
+(Der König und Jason kommen.)
+
+König.
+Was flieht uns deine Frau? Das nützt ihr nichts.
+
+Gora.
+So floh sie denn? Sie ging. Weil sie dich haßt.
+
+König.
+Ruf sie heraus!
+
+Gora.
+Sie kommt nicht.
+
+König.
+Doch sie soll!
+
+Gora.
+Geh selbst hinein und sag ihr's, wenn du's wagst.
+
+König.
+Wo bin ich denn und (wer)? daß dieses Weib
+In ihrer Wildheit mir zu trotzen wagt?
+Die Magd fürwahr das Bild der Frau, und beide
+Das Bild des dunkeln Landes, das sie zeugte.
+Noch einmal: ruf sie her!
+
+Gora (auf Jason zeigend).
+(Den) will sie sprechen
+Und hat er Mut dazu, tret' er ins Haus.
+
+Jason.
+Verwegne geh! mein Haß von Anfang her!
+Und sag ihr, daß sie komme, die dir gleicht.
+
+Gora.
+O gliche sie mir doch! ihr trotztet nicht!
+Doch sie wird's noch erkennen und dann weh euch!
+
+Jason.
+Ich will sie sprechen!
+
+Gora.
+Geh hinein.
+
+Jason.
+Das nicht!
+Sie soll heraus! und du geh hin und sag ihr's!
+
+Gora.
+Nun wohl ich geh, euch länger nicht zu sehn,
+Und sag ihr's an, doch kommt sie nicht, das weiß ich,
+Zu sehr fühlt sie die Kränkung und sich selbst.
+
+(Ab ins Haus.)
+
+König.
+Nicht einen Tag duld ich sie in Korinth.
+(Die) sprach nur aus, was jene finster brütet;
+Allzu gefährlich dünkt mir solche Nähe!
+Auch deine Zweifel, hoff ich, sind besiegt.
+
+Jason.
+Verfahre, Herr, in deinem Richteramt!
+Sie kann nicht länger stehen neben mir,
+So gehe sie; noch mild ist diese Strafe.
+Denn wahrlich, minder schuldig doch als sie,
+Trifft mich ein härtres Los, ein schwerers.
+Sie zieht hinaus in angeborne Wildnis,
+Und wie ein Füllen, dem das Joch entnommen
+Strebt sie hinfort in ungezähmten Trotz:
+Ich aber muß hier still und ruhig weilen,
+Belastet mit der Menschen Hohn und Spott,
+Dumpf wiederkäuend die verfloßne Zeit.
+
+König.
+Du wirst dich wieder heben, glaube mir's.
+Dem Bogen gleich, der raschen Schwunges losschnellt
+Und fliegend zu dem Ziele schickt den Pfeil,
+Sobald entfernt was seinen Rücken beugte,
+Wirst du erstarken, ist nur sie erst fern.
+
+Jason.
+Ich fühle nichts in mir, das solcher Hoffnung Bürgschaft.
+Verloren ist mein Name und mein Ruf,
+Ich bin nur Jasons Schatten, nicht er selbst.
+
+König.
+Die Welt, mein Sohn, ist billiger, als du.
+Des reifen Mannes Fehltritt ist Verbrechen,
+Des Jünglings Fehltritt ein verfehlter Tritt,
+Den man zurückzieht und ihn besser macht.
+Was du in Kolchis tatst, ein rascher Knabe,
+Vergessen ist's, zeigst du dich nun als Mann.
+
+Jason.
+Könnt' ich dir glauben, selig wär' ich dann!
+
+König.
+Laß sie erst fort sein und du sollst es sehn.
+Hin vor's Gericht der Amphiktyonen
+Tret ich für dich, verfechte deine Sache
+Und zeige, daß nur sie es war, Medea,
+Die das verübt, was man an dir verfolgt;
+Daß sie die Dunkle, sie die Frevlerin.
+Gelöset wird der Bannspruch, und wenn nicht,
+Dann stehst du auf in deiner vollen Kraft,
+Schwingst hoch das goldne Banner in die Luft,
+Das du geholt vom Äußersten der Länder,
+Und stromweis' wird die Jugend Griechenlands
+Um dich sich scharen gegen jedermann,
+Um den Gereinigten, den Neuerhobnen,
+Den starken Hort, des Vlieses mächt'gen Held.
+Du hast es doch?
+
+Jason.
+Das Vlies?
+
+König.
+Jawohl!
+
+Jason.
+Ich nicht!
+
+König.
+Doch nahm's Medea mit aus Pelias' Haus.
+
+Jason.
+So hat denn sie's!
+
+König.
+Sie muß es geben, (muß).
+Dir ist's der künft'gen Größe Unterpfand.
+Du sollst mir groß noch werden, groß und stark,
+Du meines alten Freundes einz'ger Sohn!
+Es hat der König Kreon Macht und Gut,
+Und gern teilt er's mit seinem Tochtermann.
+
+Jason.
+Auch meiner Väter Erbe fordr' ich dann,
+Vom Sohn des Oheims, der mir's vorenthielt.
+Ich bin nicht arm, wird alles mir zurück.
+
+König.
+Sie kommt, die uns noch stört, bald ist's getan.
+
+(Medea kommt mit Gora aus dem Hause.)
+
+Medea.
+Was willst du mir?
+
+König.
+Die Diener, die ich sandte,
+Du schicktest sie mit harten Worten fort
+Und von mir selbst verlangtest du zu hören
+Was ich geboten und was dir zu tun.
+
+Medea.
+So sag's.
+
+König.
+Nichts Fremdes, Neues künd ich dir.
+Ich wiederhole nur den schon gesprochnen Bann
+Und füge zu, daß du (noch heute gehst.)
+
+Medea.
+Und warum heute noch?
+
+König.
+Die Drohungen,
+Die du gesprochen gegen meine Tochter--
+Denn die gen mich veracht ich allzusehr,--
+Der wilde Sinn, den du nur erst gezeigt
+Sie nennen mir gefährlich deine Nähe
+Und darum sollst du heute mir noch gehn.
+
+Medea.
+Gib mir die Kinder und ich tu's vielleicht.
+
+König.
+Du tust's (gewiß).--Die Kinder aber bleiben!
+
+Medea.
+Wie, meine Kinder? Doch, wem sag ich das?
+Mit (dem) da laß mich sprechen, mit dem Gatten!
+
+König (zu Jason).
+Tu's nicht!
+
+Medea (zu Jason).
+Ich bitte dicht
+
+Jason.
+Wohlan, es seit
+Damit du siehst, daß ich dein Wort nicht scheue.
+Laß uns, o König, hören will ich sie.
+
+König.
+Ich tu es ungern; schlau ist sie und listig.
+
+(Er geht.)
+
+Medea.
+So, er ist fort. Kein Fremder stört uns mehr,
+Kein Dritter drängt sich zwischen Mann und Weib;
+Wir können reden, wie das Herz gebeut.
+Und nun sag an mir, was du denkst?
+
+Jason.
+Du weißt's.
+
+Medea.
+Ich weiß wohl was du willst, nicht was du meinst.
+
+Jason.
+Das erstere genügt, denn es entscheidet.
+
+Medea.
+So soll ich gehen?
+
+Jason.
+Gehn!
+
+Medea.
+Noch heute?
+
+Jason.
+Heute!
+
+Medea.
+Das sagst du und stehst ruhig mir genüber
+Und Scham senkt nicht dein Aug' und rötet nicht die Stirn?
+
+Jason.
+Erröten müßt' ich, wenn ich anders spräche.
+
+Medea.
+Das ist recht gut und sprich nur immer so,
+Wenn du vor andern dich entschuld'gen willst,
+Doch mir genüber laß den eiteln Schein!
+
+Jason.
+Die Scheu vor Greueln nennst du eiteln Schein?
+Verdammt hat dich die Welt, verdammt die Götter,
+Und so geb ich dich ihrem Urteil hin.
+Denn wahrlich unverdient trifft es dich nicht!
+
+Medea.
+Wer ist der Fromme denn, mit dem ich spreche?
+Ist das nicht Jason? und der wär' so mild?
+Du Milder, kamst du nicht nach Kolchis hin
+Und warbst mit Blut um seines Königs Kind?
+Du Milder! schlugst du meinen Bruder nicht?
+Fiel nicht mein Vater dir, du Frommer, Milder?
+Verlässest du das Weib nicht, das du stahlst
+Du Milder, du Entsetzlicher, Verruchter!
+
+Jason.
+Du schmähest. Das zu hören ziemt mir nicht.
+Du weißt nun was zu tun, und so leb wohl!
+
+Medea.
+Noch weiß ich's nicht, drum bleibe, bis ich's weiß.
+Bleib! Ruhig will ich sein. Ruhig wie du.
+Verbannung wird mir also? und was dir?
+Mich dünkt auch dich traf ja des Herolds Spruch?
+
+Jason.
+Sobald bekannt, daß ich am Frevel rein
+Am Tod des Oheims, löst der Bann sich auf.
+
+Medea.
+Und du lebst froh und ruhig fürder dann?
+
+Jason.
+Ich lebe still, wie's Unglücksel'gen ziemt.
+
+Medea.
+Und ich?
+
+Jason.
+Du trägst das Los das du dir selbst bereitet.
+
+Medea.
+Das ich bereitet! Du wärst also rein?
+
+Jason.
+Ich bin's!
+
+Medea.
+Und um den Tod des Oheims hast
+Du nicht gebetet?
+
+Jason.
+Ihn befördert nicht!
+
+Medea.
+Mich nicht versucht, ob ich's nicht üben wollte?
+
+Jason.
+Der erste Zorn spricht manches sprudelnd aus
+Was reifer überdacht er nimmer übt.
+
+Medea.
+Einst klagtest du dich selber dessen an
+Nun ist gefunden, der die Schuld dir trägt.
+
+Jason.
+Nicht der Gedanke wird bestraft, die Tat!
+
+Medea
+
+(rasch).
+Ich aber tat es nicht!
+
+Jason.
+Wer sonst?
+
+Medea.
+Ich nicht!
+Hör mein Gemahl und dann erst richte mich.
+Als ich an die Pfoste trat,
+Das Vlies zu holen,
+Der König auf seinem Lager;
+Da hör ich schreien; hingewendet
+Seh ich den Mann vom Lager springen
+Heulend, bäumend sich umwindend.
+Kommst du Bruder, schreit er,
+Rache zu nehmen, Rache an mir!
+Noch einmal sollst du sterben, noch einmal!
+Und springt hin und faßt nach mir,
+In deren Hand das Vlies.
+Ich erbebte und schrie auf
+Zu den Göttern, die ich kenne.
+Das Vlies hielt ich mir vor als Schild.
+Da zuckt Wahnsinns Grinsen durch seine Züge,
+Heulend faßt er die Bande seiner Adern,
+Sie brechen, in Güssen strömt hin sein Blut
+Und als ich um mich schaue, entsetzt, erstarrt,
+Liegt der König zu meinen Füßen
+Im eignen Blut gebadet,
+Kalt und tot.
+
+Jason.
+Das sagst du mir, Zaub'rische! Gräßliche?
+Hebe dich weg von mir! Fort!
+Mir graut vor dir! Daß ich dich je gesehn!
+
+Medea.
+Du hast es ja gewußt. Das erstemal
+Als du mich sahst, sahst mich in meinem Dienst.
+Und doch verlangtest, strebtest du nach mir.
+
+Jason.
+Ein Jüngling war ich, ein verwegner Tor
+Der Mann verwirft was Knaben wohlgefällt.
+
+Medea.
+O schilt das goldne Jugendalter nicht!
+Der Kopf ist rasch, allein das Herz ist gut!
+O wärst du, der du warst, mir wäre besser!
+Nur einen Schritt komm in die schöne Zeit,
+Da wir in unsrer Jugend frischem Grünen
+Uns fanden an des Phasis Blumenstrand.
+Wie war dein Herz so offen und so klar
+Das meine trüber und in sich verschloßner
+Doch du drangst durch mit deinem milden Licht
+Und hell erglänzte meiner Sinne Dunkel.
+Da ward ich dein, da wardst du mein. O Jason!
+So ist dir ganz dahin, die schöne Zeit,
+So hat die Sorge dir für Haus und Herd
+Für Ruf und Ruhm dir ganz getötet
+Die schönen Blüten von dem Jugendbaum?
+O sieh, in Schmerz und Jammer, wie ich bin,
+Denk ich noch oft der schönen Frühlingszeit
+Und warme Lüfte wehn mir draus herüber.
+War dir Medea damals lieb und wert
+Wie ward sie dir denn gräßlich und abscheulich?
+Du kanntest mich und suchtest dennoch mich,
+Du nahmst mich wie ich war, behalt mich, wie ich bin!
+
+Jason.
+Der Dinge denkst du nicht, die seither sind geschehn!
+
+Medea.
+Entsetzlich sind sie, ja ich geb es zu,
+Am Vater hab ich schlimm, am Bruder schlimm getan!
+Und ich verdamme selber mich darob
+Man strafe mich, ich will ja gerne büßen,
+Doch du sollst mich nicht strafen, Jason, du nicht!
+Denn was ich tat, zu Liebe tat ich's dir.
+Komm, laß uns fliehn, vereint, mitsammen fliehn!
+Es nehm' uns auf ein fernes Land!
+
+Jason.
+Und welches?
+Wohin?
+
+Medea.
+Wohin?
+
+Jason.
+Du rasest und du schiltst mich,
+Daß ich mit dir nicht rase. Es ist aus.
+Die Götter haben unsern Bund verflucht,
+Als einen der mit Greueltat begann
+Und in Verbrechen wuchs und Nahrung suchte.
+Laß sein, daß du den König nicht getötet;
+Wer war dabei, wer sah's, wer glaubt dir?
+
+Medea.
+Du!
+
+Jason.
+Und wenn auch ich, was kann ich? was vermag ich?
+Drum laß uns weichen dem Geschick, nicht trotzen!
+Die Strafe nehme jedes büßend hin,
+Du, da du fliehst, wo du nicht bleiben kannst,
+Ich, da ich bleibe, wo ich fliehen möchte.
+
+Medea.
+Den schwerem Teil hast du dir nicht erwählt!
+
+Jason.
+So wär' es leicht, zu leben als ein Fremdling
+In fremden Haus, von fremden Mitleids Gaben?
+
+Medea.
+Dünkt's dir so schwer, was wählst du nicht die Flucht?
+
+Jason.
+Wohin und wie?
+
+Medea.
+Einst warst du minder sorglich,
+Als du nach Kolchis kamst, die Vaterstadt verlassend,
+Und eitelm Ruhme nach durch ferne Länder zogst.
+
+Jason.
+Ich bin nicht der ich war, die Kraft ist mir gebrochen,
+Und in der Brust erstorben mir der Mut.
+Das dank ich dir. Erinnrung des Vergangnen
+Liegt mir wie Blei auf meiner bangen Seele
+Das Aug' kann ich nicht heben und das Herz.
+Auch ist der Knabe Mann seit dem geworden,
+Und nicht mehr kindisch mit den Blüten spielend,
+Greift er nach Frucht, nach Wirklichkeit, Bestand.
+Die Kinder sind mir und kein Ort für sie,
+Besitztum muß ich meinen Enkeln werben.
+Soll Jasons Stamm, wie trocknes Heidekraut,
+Am Wege stehn, vom Wanderer getreten?
+Hast du mich je geliebt, war ich dir wert,
+So zeig es, da du mich mir selber gibst
+Und mir ein Grab gönnst in der heim'schen Erde!
+
+Medea.
+Und auf der heimischen Erd' ein neues Ehebett?
+Nicht so?
+
+Jason.
+Was soll das!
+
+Medea.
+Hab ich's nicht gehört
+Wie er Verwandt dich hieß und Sohn und Eidam?
+Kreusa locket dich, und darum bleibst du?
+Nicht also? Hab ich dich?
+
+Jason.
+Du hattest nie mich,
+Und hast auch jetzt mich nicht.
+
+Medea.
+(So) willst du büßen?
+Und darum soll Medea fort von dir?
+Stand ich denn nicht dabei, dabei in Tränen,
+Wie du mit ihr vergangne Zeit durchgingst
+Bei jedem Schritte stillstandst, süß verweilend,
+Zum Echo schwandest der Erinnerung?
+Ich aber geh nicht, (nicht!)
+
+Jason.
+So ungerecht,
+So hart und wild wie immer!
+
+Medea.
+Ungerecht?
+So wünschest du sie nicht zum Weib? Sag: Nein!
+
+Jason.
+Den Ort such ich, mein Haupt zur Ruh' zu legen;
+Was sonst kommt weiß ich nicht!
+
+Medea.
+Ich aber weiß es,
+Und denk es noch zu wehren, hilft ein Gott.
+
+Jason.
+Du kannst nicht ruhig sprechen, leb denn wohl.
+
+(Er geht.)
+
+Medea.
+Jason!
+
+Jason (umkehrend).
+Was ist?
+
+Medea.
+Es ist das letztemal
+Das letztemal vielleicht, daß wir uns sprechen!
+
+Jason.
+So laß uns scheiden ohne Haß und Groll.
+
+Medea.
+Du hast zu Liebe mich verlockt und fliehst mich?
+
+Jason.
+Ich muß.
+
+Medea.
+Du hast den Vater mir geraubt
+Und raubst mir den Gemahl?
+
+Jason.
+Gezwungen nur.
+
+Medea.
+Mein Bruder fiel durch dich, du nahmst mir ihn,
+Und fliehst mich?
+
+Jason.
+Wie er fiel, gleich unverschuldet.
+
+Medea.
+Mein Vaterland verließ ich, dir zu folgen.
+
+Jason.
+Dem eignen Willen folgtest du, nicht mir.
+Hätt's dich gereut, gern ließ ich dich zurück!
+
+Medea.
+Die Welt verflucht um deinetwillen mich,
+Ich selber hasse mich um deinetwillen,
+Und du verläßt mich?
+
+Jason.
+Ich verlaß dich nicht,
+Ein höhrer Spruch treibt mich von dir hinweg.
+Hast du dein Glück verloren, wo ist meins?
+Nimm als Ersatz mein Elend für das deine!
+
+Medea.
+Jason!
+
+(Sie fällt auf die Knie.)
+
+Jason.
+Was ist? Was willst du weiter?
+
+Medea (aufstehend).
+Nichts!
+Es ist vorbei!--Verzeihet meine Väter,
+Verzeiht mir Kolchis' stolze Götter
+Daß ich mich selbst erniedriget und euch.
+Das Letzte galt's. Nun habt ihr mich!
+
+(Jason wendet sich zu gehen.)
+
+Medea.
+Jason!
+
+Jason.
+Glaub nicht mich zu erweichen!
+
+Medea.
+Glaub nicht ich wollt' es. Gib mir meine Kinder!
+
+Jason.
+Die Kinder? Nimmermehr!
+
+Medea.
+Es sind die Meinen!
+
+Jason.
+Des Vaters Namen fügt man ihnen bei
+Und Jasons Name soll nicht Wilde schmücken.
+Hier in der Sitte Kreis erzieh ich sie.
+
+Medea.
+Gehöhnt von Stiefgeschwistern? Sie sind mein!
+
+Jason.
+Mach nicht, daß sich mein Mitleid kehr' in Haß!
+Sei ruhig, das nur mildert dein Geschick.
+
+Medea.
+Wohl denn, so will ich mich auf Bitten legen!--
+Mein Gatte!--Nein, das bist du ja nicht mehr--
+Geliebter!--Nein, das bist du nie gewesen--
+Mann!--wärst du Mann und brächst dein heilig Wort--
+Jason!--pfui! das ist ein Verrätername--
+Wie nenn ich dich? Verruchter!--Milder! Guter!
+Gib meine Kinder mir und laß mich gehn!
+
+Jason.
+Ich kann nicht, sagt' ich dir, ich kann es nicht.
+
+Medea.
+So hart? Der Gattin nimmst du ihren Gatten,
+Und weigerst nun der Mutter auch ihr Kind!
+
+Jason.
+Nun wohl, daß du als billig mich erkennst,
+Der Knaben einer ziehe denn mit dir!
+
+Medea.
+Nur einer? Einer?
+
+Jason.
+Fordre nicht zuviel!
+Das wen'ge fast verletzt schon meine Pflicht.
+
+Medea.
+Und welcher?
+
+Jason.
+Ihnen selbst, den Kindern sei die Wahl.
+Und welcher will, den nimmst du mit dir fort
+
+Medea.
+O tausend Dank, du Gütiger, du Milder!
+Der lügt fürwahr, der dich Verräter nennt.
+
+(König kommt.)
+
+Jason.
+O König komm!
+
+König.
+So ist es abgetan?
+
+Jason.
+Sie geht. Der Kinder eines geb ich ihr.
+
+(Zu einem, der mit dem Könige kam.)
+
+Du eile, bring die Kleinen zu uns her!
+
+König.
+Was tust du? Beide bleiben sie zurück!
+
+Medea.
+Was mir so wenig scheint, dünkt dir zuviel?
+Die Götter fürchte, allzu strenger Mann!
+
+König.
+Die Götter auch sind streng der Freveltat.
+
+Medea.
+Doch sehn sie auch was uns zur Tat gebracht.
+
+König.
+Des Herzens böses Trachten treibt zum Bösen.
+
+Medea.
+Was sonst zum Übeln treibt, zählst du für nichts?
+
+König.
+Ich richte selbst mich streng, drum kann ich's andre.
+
+Medea.
+Indem du Frevel strafst verübst du sie.
+
+Jason.
+Sie soll nicht sagen, daß ich allzuhart,
+Drum hab ich eins der Kinder ihr gewährt,
+In Leid und Not der Mutter lieber Trost.
+
+(Kreusa kommt mit den Kindern.)
+
+Kreusa.
+Die Kinder fordert man, ward mir gesagt
+Was will man denn, und was soll denn geschehn?
+O sieh, sie lieben mich, nur erst gekommen,
+Als ob wir jahrelang uns sähn und kennten.
+Mein mildes Wort, den Armen ungewohnt,
+Gewann mir sie, wie mich ihr Unglück ihnen.
+
+König.
+Der Kinder eines soll der Mutter folgen.
+
+Kreusa.
+Verlassen uns?
+
+König.
+So ist's, so will's der Vater!
+
+(Zu Medeen, die in sich versunken dagestanden ist.)
+
+Die Kinder, sie sind hier, nun laß sie wählen!
+
+Medea.
+Die Kinder! Meine Kinder! Ja, sie sind's!
+Das einz'ge was mir bleibt auf dieser Erde.
+Ihr Götter, was ich schlimmes erst gedacht,
+Vergeßt es und laßt sie mir beide, beide!
+Dann will ich gehn und eure Güte preisen,
+Verzeihen ihm und--nein (ihr) nicht!--(Ihm) auch nicht!
+Hierher ihr Kinder, hier!--Was steht ihr dort
+Geschmiegt an meiner Feindin falsche Brust?
+O wüßtet ihr was sie mir angetan,
+Bewaffnen würdet ihr die kleinen Hände,
+Zu Krallen krümmen eure schwachen Finger,
+Den Leib zerfleischen, den ihr jetzt berührt.
+Verlockst du meine Kinder? Laß sie los!
+
+Kreusa.
+Unselig Weib, ich halte sie ja nicht.
+
+Medea.
+Nicht mit der Hand, doch hältst du, wie den Vater,
+Sie mit dem heuchlerischen, falschen Blick.
+Lachst du? Du sollst noch weinen, sag ich dir!
+
+Kreusa.
+O strafen mich die Götter, lacht' ich jetzt!
+
+König.
+Brich nicht in Zorn und Schmähung aus, o Weib
+Tu ruhig was dir zukommt, oder geh!
+
+Medea.
+Du mahnest recht, o mein gerechter König
+Nur nicht so gütig, scheint es, als gerecht.
+Wie oder auch? Nun ja, wohl beides gleich!
+Ihr Kinder seht, man schickt die Mutter fort,
+Weit über Meer und Land, wer weiß wohin?
+Die güt'gen Menschen, euer Vater aber
+Und der gerechte, gute König da,
+Sie haben ihr erlaubt, von ihren Kindern,
+Der Mutter von den Kindern eines, eins--
+Ihr hohen Götter hört ihr's? (Eines) nur!--
+Mit sich zu nehmen auf die lange Fahrt.
+Wer nun von beiden mich am meisten liebt,
+Der komm' zu mir, denn beide dürft ihr nicht.
+Der andre muß zurück beim Vater bleiben
+Und bei des falschen Mannes falscher Tochter!--
+Hört ihr?--Was zögert ihr?
+
+König.
+Sie wollen nicht!
+
+Medea.
+Das lügst du, falscher, ungerechter König!
+Sie wollen, doch dein Kind hat sie verlockt!
+Hört ihr mich nicht?--Verruchte! Gräßliche!
+Der Mutter Fluch, des Vaters Ebenbild!
+
+Jason.
+Sie wollen nicht!
+
+Medea.
+Laß jene sich entfernen!
+Die Kinder lieben mich, bin ich nicht Mutter?
+Doch sie winkt ihnen zu und lockt sie ab.
+
+Kreusa.
+Ich trete weg, ist gleich dein Argwohn falsch.
+
+Medea.
+Nun kommt zu mir!--Zu mir!--Natterbrut!
+
+(Sie geht einige Schritte auf sie zu; die Kinder fliehen zu Kreusen.)
+
+Medea.
+Sie fliehn mich! Fliehn!
+
+König.
+Du siehst Medea nun,
+Die Kinder wollen nicht, und also geh!
+
+Medea.
+Sie wollen nicht? Die Kinder die Mutter nicht?
+Es ist nicht wahr, unmöglich!--
+Ason, mein Ältester, mein Liebling!
+Sieh deine Mutter ruft dir, komm zu ihr!
+Ich will nicht mehr rauh sein und hart
+Du sollst mein Kostbarstes sein, mein einzigs Gut
+Höre die Mutter! Komm!--
+Er wendet sich ab! Er kommt nicht!
+Undankbarer! Ebenbild des Vaters!
+Ihm ähnlich in den falschen Zügen
+Und mir verhaßt wie er!
+Bleib zurück, ich kenne dich nicht!--
+Aber du Absyrtus, Schmerzenssohn,
+Mit dem Antlitz des beweinten Bruders,
+Mild und sanft wie er,
+Sieh deine Mutter liegt hier knieend
+Und fleht zu dir.
+Laß sie nicht bitten umsonst!
+Komm zu mir, mein Absyrtus
+Komm zur Mutter!--
+Er zögert!--Auch du nicht?--
+Wer gibt mir einen Dolch?
+Ein Dolch für mich und sie!
+
+(Sie springt auf.)
+
+Jason.
+Dir selber dank es, daß dein wildes Wesen
+Die Kleinen abgewandt, zur Milde hin.
+Der Kinder Ausspruch war der Götter Spruch!
+Und so geh hin, nie aber bleiben da.
+
+Medea.
+Ihr Kinder hört mich!
+
+Jason.
+Sieh! sie hören nicht!
+
+Medea.
+Kinder!
+
+König (zu Kreusen).
+Führ sie ins Haus zurück
+Nicht (hassen) sollen sie, die sie gebar.
+
+(Kreusa mit den Kindern zum Abgang gewendet.)
+
+Medea.
+Sie fliehn, (meine) Kinder fliehn vor mir!
+
+König (zu Jason).
+Komm! Das Notwendige beklagt man fruchtlos!
+
+(Sie gehen.)
+
+Medea.
+Meine Kinder! Kinder!
+
+Gora (die hereingekommen ist).
+Bezwinge dich
+Gönne nicht deinen Feinden ihres Sieges Anblick!
+
+Medea (die sich zur Erde wirft).
+Ich bin besiegt, vernichtet, zertreten
+Sie fliehn mich, fliehn!
+Meine Kinder fliehn!
+
+Gora (über sie gebeugt).
+Stirb nicht!
+
+Medea.
+Laß mich sterben!
+Meine Kinder!
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Vierter Aufzug
+
+(Vorhof vor Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge. Abenddämmerung.)
+(Medea liegt hingestreckt auf die Stufen, die zu ihrer Wohnung
+führen. Gora steht vor ihr.)
+
+Gora.
+Steh auf Medea und sprich!
+Was liegst du da, starrst schweigend vor dich hin?
+Steh auf und sprich!
+Rate unserm Jammer!
+
+Medea.
+Kinder! Kinder!
+
+Gora.
+Fort sollen wir, eh' dunkelt die Nacht,
+Und schon senkt sich der Abend.
+Auf! Rüste dich zur Flucht!
+Sie kommen, sie töten uns!
+
+Medea.
+O meine Kinder!
+
+Gora.
+Steh auf, Unglückselige
+Und töte mich nicht mit deinem Jammer!
+Hätt'st mir gefolgt, mich gehört,
+Wären wir daheim in Kolchis,
+Die Deinen lebten, alles wär' gut.
+Steh auf! Was hilft Weinen? Steh auf!
+
+Medea (sich halb aufrichtend und nur mit den Knien auf den Stufen
+liegend).
+So kniet' ich, so lag ich,
+So streckt' ich die Hände aus,
+Aus nach den Kindern und bat
+Und flehte: Eines nur,
+Ein einziges von meinen Kindern--
+Gestorben wär' ich, mußt' ich das zweite missen!--
+Aber auch das eine nicht!--Keines kam.
+Flüchtend bargen sie sich im Schoß der Feindin
+
+(aufspringend)
+
+(Er aber lachte drob und sie!)
+
+Gora.
+O des Jammers! Des Wehs!
+
+Medea.
+Nennt ihr das Vergeltung, Götter?
+Liebend folgt' ich, das Weib dem Mann;
+Starb mein Vater, hab (ich) ihn getötet?
+Fiel mein Bruder, fiel er durch (mich)?
+Beklagt hab ich sie, in Qualen beklagt.
+Glühende Tränen goß ich aus
+Zum Trankopfer auf ihr fernes Grab.
+Wo kein Maß ist, ist keine Vergeltung.
+
+Gora.
+Wie du die Deinen, verlassen sie dich!
+
+Medea.
+So will ich sie treffen, wie die Götter mich!
+Ungestraft sei kein Frevel auf der Erde,
+Mir laßt die Rache, Götter! ich führe sie aus!
+
+Gora.
+Denk auf dein Heil, auf andres nicht!
+
+Medea.
+Und was hat dich denn so weich gemacht?
+Schnaubtest erst Grimm, und nun so zagend?
+
+Gora.
+Laß mich! Als ich die Kinder fliehn sah
+Den Arm der Mutter, der Pflegerin,
+Da erkannt' ich die Hand der Götter,
+Da brach mir das Herz,
+Da sank mir der Mut.
+Hab sie gewartet, gepflegt,
+Sie meine Freude, mein Glück.
+Die einz'gen reinen Kolcher sie,
+An die ich wenden konnte
+Die Liebe für mein fernes Vaterland.
+Du warst mir längst entfremdet, längst;
+In ihnen sah ich Kolchis wieder,
+Den Vater dein und deinen Bruder,
+Mein Königshaus und (dich,)
+Wie du (warst), nicht wie du (bist.)
+Hab sie gehütet, gepflegt,
+Wie den Apfel meines Auges
+Und nun--
+
+Medea.
+Lohnen sie dir, wie der Undank lohnt!
+
+Gora.
+Schilt nicht die Kinder, sie sind gut!
+
+Medea.
+Gut? Und flohen die Mutter?
+Gut? Sie sind Jasons Kinder!
+Ihm gleich an Gestalt, an Sinn,
+Ihm gleich in meinem Haß.
+Hätt' ich sie hier, ihr Dasein in meiner Hand,
+In dieser meiner ausgestreckten Hand,
+Und ein Druck vermochte zu vernichten
+All was sie sind und waren, was sie werden sein,--
+Sieh her!--Jetzt wären sie nicht mehr!
+
+Gora.
+Oh, weh der Mutter, die die Kinder haßt!
+
+Medea.
+Und was ist's auch mehr? was mehr?
+Bleiben sie hier beim Vater zurück,
+Beim treulosen, schändlichen Vater,
+Welches ist ihr Los?
+Stiefgeschwister kommen,
+Höhnen sie, spotten ihrer
+Und ihrer Mutter,
+Der Wilden aus Kolchis.
+Sie aber, entweder dienen als Sklaven,
+Oder der Ingrimm, am Herzen nagend,
+Macht sie arg, sich selbst ein Greuel:
+Denn wenn das Unglück dem Verbrechen folgt,
+Folgt öfter das Verbrechen noch dem Unglück.
+Was ist's denn auch zu leben?
+Ich wollt', mein Vater hätte mich getötet,
+Da ich noch klein war,
+Noch nichts, wie jetzt, geduldet,
+Noch nichts gedacht--wie jetzt.
+
+Gora.
+Was schauderst du? was überdenkst du?
+
+Medea.
+Daß ich fort muß, ist gewiß
+Minder aber noch, was sonst geschieht.
+Denk ich des Unrechts, das ich erlitt,
+Des Frevels, den man an mir verübt,
+So entglüht in Rache mein Herz
+Und das Entsetzlichste ist mir das Nächste.--
+Die Kinder liebt er, sieht er doch sein Ich,
+Seinen Abgott, sein eignes Selbst
+Zurückgespiegelt in ihren Zügen.
+Er soll sie nicht haben, soll nicht!
+(Ich) aber will sie nicht, die Verhaßten!
+
+Gora.
+Komm mit hinein, was weilst du hier?
+
+Medea.
+Dann leer das ganze Haus und ausgestorben,
+Verwüstung brütend in den öden Mauern,
+Nichts lebend als Erinnerung und Schmerz.
+
+Gora.
+Bald nahen sie, die uns vertreiben. Komm!
+
+Medea.
+Die Argonauten, sagtest du,
+Sie fanden alle ein unselig Grab,
+Die Strafe des Verrats, der Freveltat?
+
+Gora.
+So ist's und Jason findet es wohl auch.
+
+Medea.
+Er wird's, ich sage dir, er wird's!
+Den Hylas schlang das Wassergrab hinab,
+Den Theseus fing der Schatten düstrer König
+Und wie hieß sie, das Griechenweib,
+Die eignes Blut am eignen Blut gerächt?
+Wie hieß sie? Sag.
+
+Gora.
+Ich weiß nicht, was du meinst.
+
+Medea.
+Althea hieß sie.
+
+Gora.
+Die den Sohn erschlug?
+
+Medea.
+Dieselbe, ja! Wie kam's, erzähl mir das.
+
+Gora.
+Den Bruder schlug er ihr beim Jagen tot.
+
+Medea.
+Den Bruder nur, den Vater nicht dazu,
+Sie nicht verlassen, nicht verstoßen, nicht gehöhnt
+Und dennoch traf sie ihn zum Tod
+Den grimmen Meleager ihren Sohn.
+Althea hieß sie,--war ein Griechenweib!--
+Und als er tot?
+
+Gora.
+Hier endet die Geschichte.
+
+Medea.
+Sie endet! Du hast recht der Tod beendet.
+
+Gora.
+Was nützen Worte?
+
+Medea.
+Zweifelst an der Tat?
+Sieh! bei den hohen Göttern! hätt' er
+Die Kinder (beide) mir gegeben--Nein!
+Könnt' ich sie (nehmen), gäb' er sie mir auch,
+Könnt' ich sie lieben wie ich jetzt sie hasse,
+Wär' etwas in der weiten Welt geblieben,
+Das er mir nicht vergiftet, nicht zerstört:
+Vielleicht, daß ich jetzt ginge, meine Rache
+Den Göttern lassend; aber so nicht, nun nicht!
+Man hat mich bös genannt, ich war es nicht:
+Allein ich fühle, daß man's werden kann.
+Entsetzliches gestaltet sich in mir,
+Ich schaudre--doch ich freu mich auch darob.
+Wenn's nun vollendet ist, getan--
+
+(ängstlich)
+
+Gora!
+
+Gora.
+Was ist?
+
+Medea.
+Komm her!
+
+Gora.
+Warum?
+
+Medea.
+Zu mir!
+Da lagen sie die beiden--und die Braut--
+Blutend, tot.--Er daneben rauft sein Haar.
+Entsetzlich, gräßlich!
+
+Gora.
+Um der Götter willen!
+
+Medea.
+Ha, ha! Erschrickst wohl gar?
+Nur lose Worte sind es, die ich gebe,
+Dem alten Wollen fehlt die alte Kraft.
+Ja, wär' ich noch Medea, doch ich bin's nicht mehr!
+O Jason! Warum tatest du mir das?
+Ich nahm dich auf, ich schützte, liebte dich,
+Was ich besaß, ich gab es für dich hin,
+Warum verlässest und verstößt du mich?
+Was treibst du mir die guten Geister aus
+Und führest Rachgedanken in mein Herz?
+Mir Rachgedanken, ohne Kraft zur Rache!
+Die Macht, die mir von meiner Mutter ward,
+Der ernsten Kolcherfürstin Hekate,
+Die mir zum Dienste dunkle Götter band,
+Versenkt hab ich sie, dir zulieb' versenkt,
+Im finstern Schoß der mütterlichen Erde.
+Der schwarze Stab, der blutigrote Schleier,
+Sie sind dahin und hilflos steh ich da,
+Den Feinden, statt ein Schrecken, ein Gespött!
+
+Gora.
+So sprich davon nicht, wenn du's nicht vermagst!
+
+Medea.
+Ich weiß wohl, wo es liegt.
+Da draußen an dem Strand der Meeresflut,
+Dort hab ich's eingesargt und eingegraben,
+Zwei Handvoll Erde weg--und es ist mein!
+Allein im tiefsten Innern schaudr' ich auf
+Denk ich daran und an das blut'ge Vlies.
+Mir dünkt des Vaters und des Bruders Geist
+Sie brüten drob und lassen es nicht los.
+Weißt noch, wie er am Boden lag
+Der greise Vater, weinend ob dem Sohn
+Und fluchend seiner Tochter? Jason aber
+Schwang hoch das Vlies in gräßlichem Triumph.
+Da schwor ich Rache, Rache dem Verräter,
+Der erst die Meinen tötete, nun mich.
+Hätt' ich mein Blutgerät, ich führt' es aus
+Allein nicht wag ich es zu holen;
+Denn säh' ich in des goldnen Zeichens Glut
+Des Vaters Züge mir entgegenstarren,
+Von Sinnen käm' ich, glaube mir!
+
+Gora.
+Was also tust du?
+
+Medea.
+Laß sie kommen!
+Laß sie mich töten, es ist aus!
+Von hier nicht geh ich, aber sterben will ich,
+Vielleicht stirbt er mir nach, von Reu' erwürgt.
+
+Gora.
+Der König naht, trag Sorge doch für dich!
+
+Medea.
+Erarmt bin ich an Macht, was kann ich tun?
+Will er zertreten mich? er trete nur!
+
+(Der König kommt.)
+
+König.
+Der Abend dämmert, deine Frist ist um!
+
+Medea.
+Ich weiß.
+
+König.
+Bist du bereit zu gehn?
+
+Medea.
+Du spottest!
+Wenn (nicht) bereit, müßt' ich drum minder gehn?
+
+König.
+Mich freut, daß ich dich so besonnen finde.
+Du machst dir die Erinnrung minder herb
+Und sicherst deinen Kindern großes Gut:
+Sie dürfen nennen, welche sie gebar.
+
+Medea.
+Sie dürfen? Wenn sie wollen, meinst du doch?
+
+König.
+Daß sie es wollen, sei die Sorge mein.
+Erziehen will ich sie zu künft'gen Helden,
+Und einst, wer weiß? führt ihre Ritterfahrt
+Sie hin nach Kolchis und die Mutter drücken sie,
+Gealtert, wie an Jahren, so an Sinn,
+Mit Kindesliebe an die Kindesbrust.
+
+Medea.
+Weh mir!
+
+König.
+Was ist dir?
+
+Medea.
+Ach, ein Rückfall nur
+Und ein Vergessen dessen was geschah.
+War dies zu sagen deines Kommens Grund
+Wie, oder willst du andres noch von mir?
+
+König.
+Noch eins vergaß ich und das sag ich nun.
+Von Schätzen nahm dein Gatte manches mit
+Aus Jolkos fliehend nach des Oheims Tod.
+
+Medea.
+Im Hause liegt's verwahrt, geh hin und nimm's!
+
+König.
+Wohl ist das goldne Kleinod auch dabei,
+Das Vlies, der Preis des Argonautenzugs?
+Was wendest du dich ab und gehst? Gib Antwort!
+Ist es darunter?
+
+Medea.
+Nein.
+
+König.
+Wo ist es also?
+
+Medea.
+Ich weiß es nicht.
+
+König.
+Du nahmst es aber fort
+Aus Pelias' Haus; der Herold sagte so.
+
+Medea.
+Hat er's gesagt, so ist's auch wahr.
+
+König.
+Wo ist es?
+
+Medea.
+Ich weiß es nicht.
+
+König.
+Glaub nicht uns zu betrügen!
+
+Medea.
+Wenn du mir's gibst, mein Leben zahl ich drum;
+Hätt' ich's, du stündest drohend nicht vor mir!
+
+König.
+Nahmst du's von Jolkos nicht mit dir?
+
+Medea.
+Ich nahm's.
+
+König.
+Und nun?
+
+Medea.
+Hab ich's nicht mehr.
+
+König.
+Wer sonst?
+
+Medea.
+Die Erde.
+
+König.
+Versteh ich dich? das also wär' es, das?
+
+(Zu seinen Begleitern.)
+
+Bringt her was ich gebot. Ihr wißt es ja!
+
+(Sie gehen ab.)
+
+Denkst du zu täuschen uns mit Doppelsinn?
+Die Erde hat es; nun versteh ich dich.
+Schau nicht hinweg! nach mir sieh her und höre!
+Am Strand des Meers, wo ihr heut nacht gelagert,
+Als einen Altar man auf mein Geheiß
+Dem Schatten Pelias' erbauen wollte,
+Fand man--erbleichst du?--frisch im Grund vergraben--
+Ein Kistchen, schwarz, mit seltsam fremden Zeichen.
+
+(Die Kiste wird gebracht.)
+
+Sieh zu, ob's dir gehört?
+
+Medea (drauf losstürzend).
+Ja! Mir gehört es!--Mein!
+
+König.
+Ist drin das Vlies?
+
+Medea.
+Es ist.
+
+König.
+So gib's!
+
+Medea.
+Ich geb es!
+
+König.
+Fast reut das Mitleid mich, das ich dir schenkte,
+Da hinterlistig du uns täuschen wolltest.
+
+Medea.
+Sei sicher, du erhältst, was dir gebührt.
+Medea bin ich wieder, Dank euch Götter!
+
+König.
+Schließ auf und gib!
+
+Medea.
+Jetzt nicht.
+
+König.
+Wann sonst?
+
+Medea.
+Gar bald;
+Zu bald!
+
+König.
+So send es zu Kreusen hin.
+
+Medea.
+Hin zu Kreusen! Zu Kreusa?--Ja!
+
+König.
+Enthält die Kiste andres noch?
+
+Medea.
+Gar manches!
+
+König.
+Dein Eigentum?
+
+Medea.
+Doch schenk ich auch davon!
+
+König.
+Dein Gut verlang ich nicht; behalt was dein!
+
+Medea.
+Nicht doch! ein klein Geschenk erlaubst du mir!
+Die Tochter dein war mir so mild und hold,
+Sie wird die Mutter meiner Kinder sein,
+Gern möcht' ich ihre Liebe mir gewinnen!
+Das Vlies lockt (euch), vielleicht gefällt ihr Schmuck.
+
+König.
+Tu wie du willst, allein bedenk dich selbst.
+Kreusa ist dir hold gesinnt, das glaube.
+Nur erst bat sie, die Kinder dir zu senden,
+Daß du sie sähest noch bevor du gehst
+Und Abschied nähmest für die lange Fahrt.
+Ich schlug es ab, weil ich dich tobend glaubte,
+Doch da du ruhig bist, sei dir's gewährt.
+
+Medea.
+O tausend Dank, du güt'ger, frommer Fürst!
+
+König.
+Bleib hier, die Kinder send ich dir heraus!
+
+(König ab.)
+
+Medea.
+Er geht! Er geht dahin in sein Verderben!
+Verruchte, bebtet ihr denn schaudernd nicht
+Als ihr das Letzte nahmt der frech Beraubten?
+Doch Dank euch! Dank! Ihr gabt mir auch mich selbst.
+Schließ auf die Kiste!
+
+Gora.
+Ich vermag es nicht.
+
+Medea.
+Vergaß ich doch, womit ich sie verschloß!
+Den Schlüssel halten Freunde, die ich kenne.
+
+(Gegen die Kiste gewendet.)
+
+Untres herauf
+Obres hinab
+Öffne dich bergendes
+Hüllendes Grab!
+
+(Die Kiste springt auf.)
+
+Der Deckel springt. Noch bin ich machtlos nicht!
+Da liegt's! Der Stab! Der Schleier! Mein! Ah, mein!
+
+(Es herausnehmend.)
+
+Ich fasse dich, Vermächtnis meiner Mutter,
+Und Kraft durchströmt mein Herz und meinen Arm!
+Ich werfe dich ums Haupt, geliebter Schleier!
+
+(Sich einhüllend.)
+
+Wie warm, wie weich! wie neu belebend!
+Nun kommt, nun kommt, ihr Feindesscharen alle
+Vereint gen mich! Vereint in eurem Falle!
+
+Gora.
+Da unten blinkt es noch!
+
+Medea.
+Laß blinken, blinken!
+Bald lischt der Glanz in Blut!
+Hier sind sie, die Geschenke, die ich bringe.
+Du aber sei die Botin meiner Huld!
+
+Gora.
+Ich?
+
+Medea.
+Du. Du geh zur Königstochter hin
+Sprich sie mit holden Schmeichelworten an
+Bring ihr Medeens Gruß und was ich sende.
+
+(Die Sachen aus der Kiste nehmend.)
+
+Erst dies Gefäß; es birgt gar teure Salben,
+Erglänzen wird die Braut, eröffnet sie's!
+Allein sei sorgsam, schüttl' es nicht!
+
+Gora.
+Weh mir!
+
+(Sie hat das Gefäß mit der Linken schief gefaßt. Da sie mit der
+Rechten unterstützend den Deckel faßt, wird dieser etwas gehoben
+und eine helle Flamme schlägt heraus.)
+
+Medea.
+Sagt' ich dir nicht, du sollst nicht schütteln! Kehr in
+dein Haus
+Züngelnde Schlange
+Bleibst nicht lange
+Harre noch aus. Nun halt es und mit Vorsicht sag ich dir!
+
+Gora.
+Mir ahnet Entsetzliches!
+
+Medea.
+Fängst an zu merken? Ei was bist du klug!
+
+Gora.
+Und ich soll's tragen?
+
+Medea.
+Ja! Gehorche Sklavin!
+Wagst du zu widerreden? Schweig! Du sollst. Du mußt.
+Hier auf die Schale weit gewölbt von Gold,
+Setz ich das zierlich reiche Prachtgefäß.
+Und drüber deck ich, was so sehr sie lockt,
+Das Vlies--
+
+(Indem sie es darüber wirft.)
+
+Geh hin und tu was deines Amts!
+Darüber aber schlinge sich dies Tuch,
+Mit reichem Saum, ein Mantel, königlich,
+Geheimnisvoll umhüllend das Geheime. Nun geh und tu wie ich es dir
+befahl,
+Bring das Geschenk, das Feind dem Feinde sendet.
+
+(Eine Sklavin kommt mit den Kindern.)
+
+Sklavin.
+Die Kinder schickt mein königlicher Herr,
+Nach einer Stunde hol ich sie zurück.
+
+Medea.
+Sie kehren früh genug zum Hochzeitschmaus!
+Geleite diese hier zu deiner Fürstin,
+Mit Botschaft geht sie, mit Geschenk von mir. Du aber denke was
+ich dir befahl!
+Sprich nicht! Ich will's!--Geleite sie zur Herrin.
+
+(Gora und die Sklavin ab.)
+
+Medea.
+Begonnen ist's, doch noch vollendet nicht.
+Leicht ist mir, seit mir deutlich, was ich will.
+
+(Die Kinder, Hand in Hand, wollen der Sklavin folgen.)
+
+Medea.
+Wohin?
+
+Knabe.
+Ins Haus!
+
+Medea.
+Was sucht ihr drin im Haus?
+
+Knabe.
+Der Vater hieß uns folgen jener dort.
+
+Medea.
+Die Mutter aber heißt euch bleiben. Bleibt!
+Wenn ich bedenk, daß es mein eigen Blut,
+Das Kind, das ich im eignen Schoß getragen,
+Das ich genährt an dieser meiner Brust,
+Daß es mein Selbst, das sich gen mich empört,
+So zieht der Grimm mir schneidend durch das Innre,
+Und Blutgedanken bäumen sich empor.--Was hat denn eure Mutter euch
+getan,
+Daß ihr sie flieht, euch Fremden wendet zu?
+
+Knabe.
+Du willst uns wieder führen auf dein Schiff
+Wo's schwindlicht ist und schwül. Wir bleiben da.
+Gelt Bruder?
+
+Kleine.
+Ja.
+
+Medea.
+Auch du Absyrtus, du?
+Allein es ist so besser, besser--ganz!
+Kommt her zu mir!
+
+Knabe.
+Ich fürchte mich.
+
+Medea.
+Komm her!
+
+Knabe.
+Tust du mir nichts?
+
+Medea.
+Glaubst? hättest du's verdient?
+
+Knabe.
+Einst warfst mich auf den Boden, weil dem Vater
+Ich ähnlich bin, allein er liebt mich drum.
+Ich bleib bei ihm und bei der guten Frau!
+
+Medea.
+Du sollst zu ihr, zu deiner guten Frau!--
+Wie er ihm ähnlich sieht, ihm, dem Verräter
+Wie er ihm ähnlich spricht. Geduld! Geduld!
+
+Kleinere.
+Mich schläfert.
+
+Ältere.
+Laß uns schlafen gehn 's ist spät.
+
+Medea.
+Ihr werdet schlafen noch euch zu Genügen.
+Geht hin dort an die Stufen, lagert euch,
+Indes ich mich berate mit mir selbst.---
+ Wie er den Bruder sorgsam hingeleitet,
+Das Oberkleid sich abzieht und dem Kleinen
+Es warm umhüllend um die Schulter legt,
+Und nun, die kleinen Arme dicht verschlungen,
+Sich hinlegt neben ihm.--Schlimm war er nie!---
+ O Kinder! Kinder!
+
+Knabe (sich emporrichtend).
+Willst du etwas?
+
+Medea.
+Schlaf nur!
+Was gäb' ich, könnt' ich schlafen so wie du.
+
+(Der Knabe legt sich hin und schläft. Medea setzt sich gegenüber
+auf eine Ruhebank. Es ist nach und nach finster geworden.)
+
+Die Nacht bricht ein, die Sterne steigen auf,
+Mit mildem, sanftem Licht herunterscheinend;
+Dieselben heute, die sie gestern waren
+Als wäre alles heut, wie's gestern war;
+Indes dazwischen doch so weite Kluft
+Als zwischen Glück befestigt und Verderben:
+So wandellos, sich gleich, ist die Natur
+So wandelbar der Mensch und sein Geschick. Wenn ich das Märchen
+meines Lebens mir erzähle,
+Dünkt mir, ein andrer spräch', ich hörte zu,
+Ihn unterbrechend: Freund, das kann nicht sein!
+Dieselbe, der du Mordgedanken leihst,
+Läßt du sie wandeln in dem Land der Väter,
+Von ebendieser Sterne Schein beleuchtet,
+So rein, so mild, so aller Schuld entblößt
+Als nur ein Kind am Busen seiner Mutter?
+Wo geht sie hin? Sie sucht des Armen Hütte,
+Dem ihres Vaters Jagd die Saat zerstampft
+Und bringt ihm Gold und tröstet den Betrübten.
+Was sucht sie Waldespfade? Ei sie eilt
+Dem Bruder nach, der ihrer harrt im Forst,
+Und nun, gefunden, wie zwei Zwillingssterne
+Durchziehn sie strahlend die gewohnte Bahn.
+Ein andrer naht, die Stirn mit Gold gekrönt;
+Es ist ihr Vater, ist des Landes König.
+Er legt die Hand ihr auf, ihr und dem Bruder
+Und segnet sie, nennt sie sein Heil und Glück.
+Willkommen holde, freundliche Gestalten
+Sucht ihr mich heim in meiner Einsamkeit?
+Kommt näher laßt mich euch ins Antlitz sehn!
+Du guter Bruder, lächelst du mir zu?
+Wie bist du schön, du meiner Seele Glück.
+Dein Vater zwar ist ernst, doch liebt er mich
+Liebt seine gute Tochter! Gut? Ha gut!
+
+(Aufspringend.)
+
+'s ist Lüge! Sie wird dich verraten Greis!
+(Hat) dich verraten, dich und sich.
+Du aber fluchtest ihr.
+Ausgestoßen sollst du sein,
+Wie das Tier der Wildnis, sagtest du,
+Kein Freund sei dir, keine Stätte
+Wo du hinlegest dein Haupt.
+Er aber, um den du mich verrätst,
+Er selber wird mein Rächer sein,
+Wird dich verlassen, verstoßen
+Töten dich.
+Und sieh! Dein Wort ist erfüllt:
+Ausgestoßen steh ich da,
+Gemieden wie das Tier der Wildnis,
+Verlassen von ihm, um den ich dich verließ,
+Ohne Ruhstatt, leider (nicht) tot,
+Mordgedanken im düstern Sinn.
+Freust du dich der Rache?
+Nahst du mir?--Kinder! Kinder!
+
+(Hineilend und sie rüttelnd.)
+
+Kinder hört ihr nicht? Steht auf.
+
+Knabe
+
+(aufwachend).
+Was willst du?
+
+Medea
+
+(zu ihnen hingeschmiegt).
+Schlingt die Arme um mich her!
+
+Knabe.
+Ich schlief so sanft!
+
+Medea.
+Wie könnt ihr schlafen? schlafen?
+Glaubt ihr weil eure Mutter wacht bei euch?
+In schlimmern Feindes Hand wart ihr noch nie!
+Wie könnt ihr schlafen hier in meiner Nähe?
+Geht da hinein, da drinnen mögt ihr ruhn!
+
+(Die Kinder gehen in den Säulengang.)
+
+So, sie sind fort! Nun ist mir wieder wohl!--Und weil sie fort;
+was ist wohl besser drum?
+Muß ich drum minder fliehn, noch heute fliehn?
+Sie hier zurück bei meinen Feinden lassend?
+Ist minder drum ihr Vater ein Verräter?
+Hält minder Hochzeit drum die neue Braut? Morgen wenn die Sonne
+aufgeht,
+Steh ich schon allein,
+Die Welt eine leere Wüste,
+Ohne Kinder, ohne Gemahl
+Auf blutig geritzten Füßen
+Wandernd ins Elend.--Wohin?
+Sie aber freuen sich hier und lachen mein!
+Meine Kinder am Halse der Fremden
+Mir entfremdet, auf ewig fern.
+Duldest du das?
+Ist's nicht schon zu spät?
+Zu spät zum Verzeihn?
+Hat sie nicht schon, Kreusa, das Kleid,
+Und den Becher, den flammenden Becher?
+--Horch!--Noch nicht!--Aber bald wird's erschallen
+Von Jammergeschrei in der Königsburg.
+Sie kommen, sie töten mich!
+Schonen auch der Kleinen nicht.
+Horch! jetzt rief's!--Helle zuckt empor!
+Es ist geschehn!
+Kein Rücktritt mehr!
+Ganz sei es vollbracht! Fort!
+
+(Gora stürzt aus dem Palaste.)
+
+Gora.
+O Greu'l! Entsetzen!
+
+Medea
+
+(ihr entgegen).
+Ist's geschehen?
+
+Gora.
+Weh! Kreusa tot! Flammend der Palast.
+
+Medea.
+Bist du dahin, weiße Braut?
+Verlockst du mir noch meine Kinder?
+Lockst du sie? lockst du sie?
+Willst du sie haben auch dort?
+Nicht dir, den Göttern send ich sie!
+
+Gora.
+Was hast du getan? Man kommt!
+
+Medea.
+Kommt man? Zu spät!
+
+(Sie eilt in den Säulengang.)
+
+Gora.
+Weh mir! Noch in meines Alters Tagen
+Mußt' ich unbewußt dienen, so schwarzem Werk!
+Rache riet ich selbst; doch solche Rache!
+Aber wo sind die Kinder? hier ließ ich sie!
+Medea, wo bist du? Deine Kinder, wo?
+
+(Eilt in den Säulengang.)
+
+(Der Palast im Hintergrunde fängt an sich von einer innen
+aufsteigenden Flamme zu erleuchten.)
+
+Jasons Stimme.
+Kreusa! Kreusa!
+
+König (von innen).
+Meine Tochter!
+
+Gora (stürzt außer sich aus dem Säulengange heraus und fällt in der
+Mitte des Theaters auf die Knie, sich das Gesicht mit den Händen
+verhüllend).
+Was hab ich gesehn?--Entsetzen!
+
+(Medea tritt aus dem Säulengange, in der Linken einen Dolch, mit
+der rechten, hocherhobenen Hand Stillschweigen gebietend.)
+
+(Der Vorhang fällt.)
+
+
+
+
+Fünfter Aufzug
+
+(Vorhof von Kreons Burg wie im vorigen Aufzuge. Die Wohnung des
+Königs im Hintergrunde ausgebrannt und noch rauchend. Mannigfach
+beschäftigtes Volk füllt den Schauplatz. Morgendämmerung.)
+(Der König schleppt Gora aus dem Palaste. Mehrere Dienerinnen
+Kreusas hinter ihm her.)
+
+König.
+Heraus mit dir! Du warst's, die meiner Tochter
+Das Blutgeschenk gebracht, das sie verdarb!
+O Tochter! O Kreusa, du mein Kind!
+
+(Gegen die Dienerinnen.)
+
+Die war's?
+
+Gora.
+Ich war's. Unbewußt
+Trug ich den Tod in dein Haus.
+
+König.
+Unbewußt?
+O glaube nicht, der Strafe zu entgehn!
+
+Gora.
+Meinst du, mich schrecket deine Strafe?
+Ich hab gesehn mit diesen meinen Augen
+Die Kinder liegen tot in ihrem Blut,
+Erwürgt von der, die sie gebar,
+Von der, die ich erzog, Medea,
+Seitdem dünkt Scherz mir jeder andre Greu'l!
+
+König.
+Kreusa! Oh, mein Kind! Du Reine! Treue!--
+Erbebte dir die Hand nicht, Ungeheuer?
+Als du den Tod hintrugst in ihre Nähe.
+
+Gora.
+Um deine Tochter klag ich nicht. Ihr ward ihr Recht!
+Was griff sie nach des Unglücks letzter Habe?
+Ich klag um meine Kinder, meine Lieben,
+Die ich gesehn, von Mutterhänden tot.
+Ich wollt', ihr läget allesamt im Grab
+Mit dem Verräter, der sich Jason nennt,
+Ich aber wär' in Kolchis mit der Tochter
+Und ihren Kindern; hätt' euch nie gesehn,
+Nie eure Stadt, die Unheil trifft mit Recht.
+
+König.
+Du legst den Trotz wohl ab, wenn ich dich treffe!
+Allein ist's auch gewiß, daß tot mein Kind?
+So viele sagen's; keine hat's gesehn!
+Kann man dem Feuer nicht entrinnen?
+Wächst Flamme denn so schnell? Nur langsam,
+Nur zögernd kriecht sie an den Sparren fort.
+Wer weiß das nicht? Und dennoch wär' sie tot?
+Stand erst so blühend, lebend vor mir da,
+Und wär' nun tot? Ich kann's, ich darf's nicht glauben!
+Die Augen wend ich unwillkürlich hin
+Und immer glaub ich, jetzt und jetzt und jetzt
+Muß sie sich zeigen, weiß in ihrer Schönheit
+Herniedergleitend durch die schwarzen Trümmer.
+Wer war dabei? Wer sah es?--Du?--So sprich!
+Dreh nicht die Augen so im Kopf herum!
+Mit Worten töte mich!--Ist sie dahin?
+
+Magd.
+Dahin!
+
+König.
+Du sahst's?
+
+Magd.
+Ich sah's. Sah wie die Flamme,
+Hervor sich wälzend aus dem Goldgefäß,
+Nach ihr--
+
+König.
+Genug!--Sie sah's!--Sie ist nicht mehr!
+Kreusa! O mein Kind! O meine Tochter!--
+Einst--noch als Kind--verbrannte sie die Hand
+Am Opferherd und qualvoll schrie sie auf.
+Hin stürz ich, fasse sie in meinen Arm
+Die heißen Finger mit den Lippen hauchend.
+Da lächelt sie, trotz ihren bittern Tränen
+Und leise schluchzend spricht sie: 's ist nicht viel
+Was tut der Schmerz? Nur brennen, (brennen) nicht!
+Und nun--
+
+(Zu Gora.)
+
+Wenn ich das Schwert hier zwanzigmal
+Dir stoß in deinen Leib--was ist's dagegen?
+Und wenn ich sie, die Gräßliche!--Wo ist sie,
+Die mir mein Kind geraubt?
+ich schüttle dir
+Die Antwort mit der Seel' aus deinem Mund
+Wenn du mir nicht gestehst: wo ist sie hin?
+
+Gora.
+Ich weiß es nicht und mag es auch nicht wissen!
+Geh' unbegleitet sie in ihr Verderben.
+Was weilt ihr? Tötet mich! Ich mag nicht leben!
+
+König.
+Das findet sich; doch eher noch gestehst du!
+
+Jason
+
+(hinter der Szene).
+Wo ist sie? Gebt sie mir heraus! Medea
+
+(mit dem bloßen Schwerte in der Hand auftretend)
+
+Man sagt mir, sie ward eingeholt! Wo ist sie?
+Du hier? Und wo ist deine Herrin?
+
+Gora.
+Fort!
+
+Jason.
+Hat sie die Kinder?
+
+Gora.
+Nein!
+
+Jason.
+So sind sie?--
+
+Gora.
+Tot!
+Ja tot! du heuchelnder Verräter!--Tot!
+Sie wollte sie vor deinem Anschaun retten,
+Und da dir nichts zu heilig auf der Erde
+Hat sie hinabgeflüchtet sie ins Grab.
+Steh nur und starre nur den Boden an!
+Du rufst es nicht herauf das liebe Paar.
+Sie sind dahin und dessen freu ich mich!
+Nein dessen nicht!--Doch daß du drob verzweifelst
+Des freu ich mich!--Du heuchelnder Verräter,
+Hast du sie nicht dahin gebracht? Und du,
+Du falscher König, mit der Gleisnermiene?--
+Habt ihr es nicht umstellt mit Jägernetzen
+Des schändlichen Verrats, das edle Wild,
+Bis ohne Ausweg, in Verzweiflungswut
+Es, überspringend euer Garn, die Krone,
+Des hohen Hauptes königlichen Schmuck
+Mißbraucht zum Werkzeug ungewohnten Mords.
+Ringt nur die Hände, ringt sie ob euch selbst!
+
+(Zum König.)
+
+Dein Kind, was sucht' es einer andern Bett?
+
+(Zu Jason.)
+
+Was stahlst du sie, hast du sie nicht geliebt?
+Und liebtest du sie, was verstößt du sie?
+Laßt andre, (mich) laßt ihre Tat verdammen
+Euch beiden widerfuhr nur euer Recht.
+Ihr spottet nun nicht mehr der Kolcherin.--
+Ich mag nicht länger leben auf der Erde
+Zwei Kinder tot, das dritte hassenswert.
+Führt mich nur fort und, wollt ihr, tötet mich.
+Auf etwas (Jenseits) hoff ich nun gewiß,
+Hab ich gesehn doch, daß Vergeltung ist.
+
+(Sie geht ab von einigen begleitet.)
+
+(Pause.)
+
+König.
+Tat ich ihr Unrecht--bei den hohen Göttern
+Ich hab es nicht gewollt!--Nun hin zu jenen Trümmern,
+Daß wir die Reste suchen meines Kindes
+Und sie bestatten in der Erde Schoß.
+
+(Zu Jason.)
+
+Du aber geh, wohin dein Fuß dich trägt.
+Befleckter Nähe, merk ich, ist gefährlich.
+Hätt' ich dich nie gesehn, dich nie genommen
+Mit Freundestreue in mein gastlich Haus.
+Du hast die Tochter mir genommen! Geh
+Daß du nicht auch der Klage Trost mir nimmst!
+
+Jason.
+Du stößt mich fort?
+
+König.
+Ich weise dich von mir.
+
+Jason.
+Was soll ich tun?
+
+König.
+Das wird ein Gott dir sagen!
+
+Jason.
+Wer leitet meinen Tritt? Wer unterstützt mich?
+Mein Haupt ist wund, verletzt von Brandes Fall!
+Wie, alles schweigt? Kein Führer, kein Geleitet?
+Folgt niemand mir, dem einst so viele folgten?
+Geht, Schatten meiner Kinder denn voran
+Und leitet mich zum Grab, das meiner harrt.
+
+(Er geht.)
+
+König.
+Nun auf, ans Werk! Dann Trauer ewiglich!
+
+(Nach der andern Seite ab.)
+
+(Wilde, einsame Gegend von Wald und Felsen umschlossen, mit einer
+Hütte. Der Landmann auftretend.)
+
+Landmann.
+Wie schön der Morgen aufsteigt. Güt'ge Götter!
+Nach all den Stürmen dieser finstern Nacht
+Hebt eure Sonne sich in neuer Schönheit.
+
+(Er geht in die Hütte.)
+
+(Jason kommt wankend, auf sein Schwert gestützt.)
+
+Jason.
+Ich kann nicht weiter! Weh! Mein Haupt--es brennt--
+Es glüht das Blut--am Gaumen klebt die Zunge!
+Ist niemand da? Soll ich allein verschmachten?
+Hier ist die Hütte, die mir Obdach bot
+Als ich, ein reicher Mann, ein reicher Vater
+Hierherkam, neuerwachter Hoffnung voll!
+
+(Anpochend.)
+
+Nur einen Trunk! Nur einen Ort zum Sterben!
+
+(Der Landmann kommt heraus.)
+
+Landmann.
+Wer pocht?--Wer bist du Armer? todesmatt?
+
+Jason.
+Nur Wasser! Einen Trunk!--Ich bin der Jason!
+Des Wunder-Vlieses Held! Ein Fürst! Ein König!
+Der Argonauten Führer Jason, ich!
+
+Landmann.
+Bist du der Jason? so heb dich von hinnen.
+Beflecke nicht mein Haus, da du's betrittst.
+Hast meines Königs Tochter du getötet
+Nicht fordre Schutz vor seines Volkes Tür.
+
+(Er geht hinein, die Türe schließend.)
+
+Jason.
+Er geht und läßt mich liegen hier am Weg!
+Im Staub, getreten von des Wandrers Füßen!
+Dich ruf ich: Tod, führ mich zu meinen Kindern!
+
+(Er sinkt nieder.)
+
+(Medea tritt hinter einem Felsenstück hervor und steht mit einemmal
+vor ihm, das Vlies wie einen Mantel um ihre Schultern tragend.)
+
+Medea.
+Jason!
+
+Jason
+
+(halb emporgerichtet).
+Wer ruft?--Ha! seh ich recht? Bist du's?
+Entsetzliche! Du trittst noch vor mich hin?
+Mein Schwert! Mein Schwert!
+
+(Er will aufspringen, sinkt aber wieder zurück.)
+
+O weh mir! Meine Glieder
+Versagen mir den Dienst!--Gebrochen!--Hin!
+
+Medea.
+Laß ab! Du triffst mich nicht! Ich bin ein Opfer
+Für eines andern Hand als für die deine!
+
+Jason.
+Wo hast du meine Kinder?
+
+Medea.
+Meine sind's!
+
+Jason.
+Wo hast du sie?
+
+Medea.
+Sie sind an einem Ort
+Wo ihnen besser ist, als mir und dir.
+
+Jason.
+Tot sind sie, tot!
+
+Medea.
+Dir scheint der Tod das Schlimmste;
+Ich kenn ein noch viel Ärgres: elend sein.
+Hätt'st du das Leben höher nicht geachtet
+Als es zu achten ist, uns wär' nun anders.
+Drum tragen wir! Den Kindern ist's erspart!
+
+Jason.
+Das sagst du und stehst ruhig?
+
+Medea.
+Ruhig? Ruhig?
+Wär' dir mein Busen nicht auch jetzt verschlossen,
+Wie er dir's immer war, du sähst den Schmerz
+Der endlos wallend wie ein brandend Meer
+Die einzeln Trümmer meines Leids verschlingt
+Und sie, verhüllt im Greuel der Verwüstung,
+Mit sich wälzt in das Unermeßliche.
+Nicht traur' ich, daß die Kinder nicht mehr sind
+Ich traure, daß sie (waren) und daß (wir) sind.
+
+Jason.
+O weh mir, weh!
+
+Medea.
+Du trage, was dich trifft,
+Denn wahrlich, unverdient trifft es dich nicht!
+Wie du vor mir liegst auf der nackten Erde,
+So lag ich auch in Kolchis einst vor dir,
+Und bat um Schonung, doch du schontest nicht!
+Mit blindem Frevel griffst du nach den Losen,
+Ob ich dir zurief gleich: du greifst den Tod.
+So habe denn was trotzend du gewollt:
+Den Tod. Ich aber scheide jetzt von dir;
+Auf immerdar. Es ist das letztemal
+In alle Ewigkeit das letztemal
+Daß ich zu dir nun rede mein Gemahl.
+Leb wohl. Nach all den Freuden frührer Tage,
+In all den Schmerzen, die uns jetzt umnachten,
+Zu all dem Jammer, der noch künftig droht
+Sag ich dir Lebewohl, mein Gatte.
+Ein kummervolles Dasein bricht dir an,
+Doch was auch kommen mag: Halt aus!
+Und sei im Tragen stärker als im Handeln.
+Willst du im Schmerz vergehn, so denk an mich
+Und tröste dich an meinem größern Jammer,
+Die ich getan, wo du nur unterlassen.
+Ich geh hinweg, den ungeheuern Schmerz
+Fort mit mir tragend in die weite Welt.
+Ein Dolchstoß wäre Labsal, doch nicht so!
+Medea soll nicht durch Medeen sterben,
+Mein frühres Leben, eines bessern Richters
+Macht es mich würdig, als Medea ist.
+Nach Delphi geh ich. An des Gottes Altar
+Von wo das Vlies einst Phryxus weggenommen
+Häng ich, dem dunkeln Gott das Seine gebend,
+Es auf, das selbst die Flamme nicht verletzt
+Und das hervorging ganz und unversehrt
+Aus der Korintherfürstin blut'gem Brande;
+Dort stell ich mich den Priestern dar, sie fragend,
+Ob sie mein Haupt zum Opfer nehmen an,
+Ob sie mich senden in die ferne Wüste
+In längerm Leben findend längre Qual.
+Erkennst das Zeichen du, um das du rangst?
+Das dir ein Ruhm war und ein Glück dir schien?
+Was ist der Erde Glück?--Ein Schatten!
+Was ist der Erde Ruhm?--Ein Traum!
+Du Armer! der von Schatten du geträumt!
+Der Traum ist aus, allein die Nacht noch nicht.
+Ich scheide nun, leb wohl, mein Gatte!
+Die wir zum Unglück uns gefunden,
+Im Unglück scheiden wir. Leb wohl!
+
+Jason.
+Verwaist! Allein! O meine Kinder!
+
+Medea.
+Trage!
+
+Jason.
+Verloren!
+
+Medea.
+Dulde!
+
+Jason.
+Könnt' ich sterben!
+
+Medea.
+Büße!
+Ich geh und niemals sieht dein Aug' mich wieder!
+
+(Indem sie sich zum Fortgehen wendet fällt der Vorhang.)
+
+
+Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Das goldene Vließ, von
+Franz Grillparzer.
+
+
+
+
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+
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GOLDENE VLIESS ***
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+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
+unless a copyright notice is included. Thus, we usually do not
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+We are now trying to release all our eBooks one year in advance
+of the official release dates, leaving time for better editing.
+Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
+even years after the official publication date.
+
+Please note neither this listing nor its contents are final til
+midnight of the last day of the month of any such announcement.
+The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
+Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A
+preliminary version may often be posted for suggestion, comment
+and editing by those who wish to do so.
+
+Most people start at our Web sites at:
+https://gutenberg.org or
+http://promo.net/pg
+
+These Web sites include award-winning information about Project
+Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
+eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).
+
+
+Those of you who want to download any eBook before announcement
+can get to them as follows, and just download by date. This is
+also a good way to get them instantly upon announcement, as the
+indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
+announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.
+
+http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 or
+ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03
+
+Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90
+
+Just search by the first five letters of the filename you want,
+as it appears in our Newsletters.
+
+
+Information about Project Gutenberg (one page)
+
+We produce about two million dollars for each hour we work. The
+time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
+to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
+searched and analyzed, the copyright letters written, etc. Our
+projected audience is one hundred million readers. If the value
+per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
+million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
+files per month: 1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
+We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
+If they reach just 1-2% of the world's population then the total
+will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.
+
+The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
+This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
+which is only about 4% of the present number of computer users.
+
+Here is the briefest record of our progress (* means estimated):
+
+eBooks Year Month
+
+ 1 1971 July
+ 10 1991 January
+ 100 1994 January
+ 1000 1997 August
+ 1500 1998 October
+ 2000 1999 December
+ 2500 2000 December
+ 3000 2001 November
+ 4000 2001 October/November
+ 6000 2002 December*
+ 9000 2003 November*
+10000 2004 January*
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
+to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.
+
+We need your donations more than ever!
+
+As of February, 2002, contributions are being solicited from people
+and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
+Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
+Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
+Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
+Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
+Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
+Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
+Virginia, Wisconsin, and Wyoming.
+
+We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
+that have responded.
+
+As the requirements for other states are met, additions to this list
+will be made and fund raising will begin in the additional states.
+Please feel free to ask to check the status of your state.
+
+In answer to various questions we have received on this:
+
+We are constantly working on finishing the paperwork to legally
+request donations in all 50 states. If your state is not listed and
+you would like to know if we have added it since the list you have,
+just ask.
+
+While we cannot solicit donations from people in states where we are
+not yet registered, we know of no prohibition against accepting
+donations from donors in these states who approach us with an offer to
+donate.
+
+International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
+how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
+deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
+ways.
+
+Donations by check or money order may be sent to:
+
+Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+PMB 113
+1739 University Ave.
+Oxford, MS 38655-4109
+
+Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
+method other than by check or money order.
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
+the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
+[Employee Identification Number] 64-622154. Donations are
+tax-deductible to the maximum extent permitted by law. As fund-raising
+requirements for other states are met, additions to this list will be
+made and fund-raising will begin in the additional states.
+
+We need your donations more than ever!
+
+You can get up to date donation information online at:
+
+https://www.gutenberg.org/donation.html
+
+
+***
+
+If you can't reach Project Gutenberg,
+you can always email directly to:
+
+Michael S. Hart <hart@pobox.com>
+
+Prof. Hart will answer or forward your message.
+
+We would prefer to send you information by email.
+
+
+**The Legal Small Print**
+
+
+(Three Pages)
+
+***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
+Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
+They tell us you might sue us if there is something wrong with
+your copy of this eBook, even if you got it for free from
+someone other than us, and even if what's wrong is not our
+fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
+disclaims most of our liability to you. It also tells you how
+you may distribute copies of this eBook if you want to.
+
+*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
+By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
+eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
+this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
+a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
+sending a request within 30 days of receiving it to the person
+you got it from. If you received this eBook on a physical
+medium (such as a disk), you must return it with your request.
+
+ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
+This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
+is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
+through the Project Gutenberg Association (the "Project").
+Among other things, this means that no one owns a United States copyright
+on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
+distribute it in the United States without permission and
+without paying copyright royalties. Special rules, set forth
+below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
+under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.
+
+Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
+any commercial products without permission.
+
+To create these eBooks, the Project expends considerable
+efforts to identify, transcribe and proofread public domain
+works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
+medium they may be on may contain "Defects". Among other
+things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other
+intellectual property infringement, a defective or damaged
+disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
+codes that damage or cannot be read by your equipment.
+
+LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
+But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
+[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
+receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
+all liability to you for damages, costs and expenses, including
+legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
+UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
+INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
+OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
+POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.
+
+If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
+receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
+you paid for it by sending an explanatory note within that
+time to the person you received it from. If you received it
+on a physical medium, you must return it with your note, and
+such person may choose to alternatively give you a replacement
+copy. If you received it electronically, such person may
+choose to alternatively give you a second opportunity to
+receive it electronically.
+
+THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
+TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
+LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
+PARTICULAR PURPOSE.
+
+Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
+the exclusion or limitation of consequential damages, so the
+above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
+may have other legal rights.
+
+INDEMNITY
+You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
+and its trustees and agents, and any volunteers associated
+with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
+texts harmless, from all liability, cost and expense, including
+legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
+following that you do or cause: [1] distribution of this eBook,
+[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
+or [3] any Defect.
+
+DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
+You may distribute copies of this eBook electronically, or by
+disk, book or any other medium if you either delete this
+"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
+or:
+
+[1] Only give exact copies of it. Among other things, this
+ requires that you do not remove, alter or modify the
+ eBook or this "small print!" statement. You may however,
+ if you wish, distribute this eBook in machine readable
+ binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
+ including any form resulting from conversion by word
+ processing or hypertext software, but only so long as
+ *EITHER*:
+
+ [*] The eBook, when displayed, is clearly readable, and
+ does *not* contain characters other than those
+ intended by the author of the work, although tilde
+ (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
+ be used to convey punctuation intended by the
+ author, and additional characters may be used to
+ indicate hypertext links; OR
+
+ [*] The eBook may be readily converted by the reader at
+ no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
+ form by the program that displays the eBook (as is
+ the case, for instance, with most word processors);
+ OR
+
+ [*] You provide, or agree to also provide on request at
+ no additional cost, fee or expense, a copy of the
+ eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
+ or other equivalent proprietary form).
+
+[2] Honor the eBook refund and replacement provisions of this
+ "Small Print!" statement.
+
+[3] Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
+ gross profits you derive calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. If you
+ don't derive profits, no royalty is due. Royalties are
+ payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
+ the 60 days following each date you prepare (or were
+ legally required to prepare) your annual (or equivalent
+ periodic) tax return. Please contact us beforehand to
+ let us know your plans and to work out the details.
+
+WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
+Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
+public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form.
+
+The Project gratefully accepts contributions of money, time,
+public domain materials, or royalty free copyright licenses.
+Money should be paid to the:
+"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+If you are interested in contributing scanning equipment or
+software or other items, please contact Michael Hart at:
+hart@pobox.com
+
+[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
+when distributed free of all fees. Copyright (C) 2001, 2002 by
+Michael S. Hart. Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
+used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
+they hardware or software or any other related product without
+express permission.]
+
+*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*
+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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