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+*.txt text
+*.md text
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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77872 ***
+
+ ####################################################################
+
+ Anmerkungen zur Transkription
+
+ Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1834 so weit
+ wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler
+ wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr
+ verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
+
+ In manchen Fällen, meist bei fremdsprachlichen Ausdrücken, wird das
+ Plural-s mit einem Apostroph abgetrennt, z.B. ‚Tschako’s‘. Da der
+ Sinn des Texts dadurch nicht verändert wird, wurde diese Schreibweise
+ beibehalten. Ferner werden Apostrophe in Wörtern wie ‚haus’ten‘
+ oder ‚erlös’t‘ eingesetzt, die offenbar von den alten Wortformen
+ ‚hauseten‘ und ‚erlöset‘ herrühren. Auch diese Formen wurden nicht
+ modernisiert.
+
+ Überträge (hier ‚Transport‘ genannt) in mehrseitigen Tabellen wurden
+ entfernt.
+
+ Die Bildunterschrift der letzten Illustration (‚Karte von Mexiko‘)
+ wurde vom Bearbeiter eingefügt. Im Original findet sich eine
+ ausführliche Legende, aber kein Titel.
+
+ Fußnoten wurden am Ende eines Abschnittes, also vor Einschüben und
+ dem zweiten Hauptkapitel, positioniert.
+
+ Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
+ Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden
+ Symbole gekennzeichnet:
+
+ kursiv: _Unterstriche_
+ gesperrt: +Pluszeichen+
+ Antiqua: ~Tilden~
+
+ ####################################################################
+
+
+
+
+[Illustration]
+
+
+
+
+ Mexico
+
+ in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833
+
+ und
+
+ die Reise hin und zurück
+
+ aus vertraulichen Briefen
+
+ mit einem Anhange über die neuesten Ereignisse daselbst
+
+ aus officieller Quelle
+ nebst
+
+ mercantilischen und statistischen Notizen
+
+ von
+
+ +C. C. Becher+,
+
+ damaligem Sub-Director der Rheinisch-Westindischen Compagnie,
+ Ritter des rothen Adler-Ordens vierter Classe.
+
+ Mit einer Karte und lithographirten Ansicht der Hochebene von Mexico.
+
+ ~... and with your gracious patience
+ I will a round unvarnished tale deliver.~
+
+ ~Othello, _Shakespeare_.~
+
+ Hamburg,
+ in Commission bei Perthes & Besser.
+ 1834.
+
+
+
+
+ An des Königlich preußischen wirklichen Geheimen Raths und
+ Ober-Präsidenten von Westfalen
+
+
+Freiherrn von Vincke Excellenz.
+
+ Ew. Excellenz
+
+haben mich während der dreizehn Jahre, während welcher ich meinen
+Wirkungskreis hauptsächlich in Preußen hatte, mit so viel Güte
+überhäuft, mit so viel Freundschaft geehrt, daß die dankbarste
+Erinnerung an diese, -- meine oft mühsame und vielbewegte Laufbahn
+erheiternden Verhältnisse, -- in meiner Seele nie erlöschen wird.
+
+Von dem Wunsche beseelt, dies Anerkenntniß und den Ausdruck eines
+unbegränzten Dankgefühls gegen +Ew. Excellenz öffentlich+ aussprechen
+zu können, durfte ich die gegenwärtige, vielleicht nie wiederkehrende
+Gelegenheit nicht versäumen, welche mir dafür
+
+ “die Zueignung dieses Büchleins”
+
+darbietet, und von der ich mir schmeichle, daß sie +Ew. Excellenz+ mit
+Ihrem gewohnten Wohlwollen und mit Nachsicht aufnehmen werden.
+
+Wem könnte ich auch wohl diesen “chronologischen Bericht” einer langen,
+beschwerlichen, in meine Lebens-Verhältnisse nur zu ernst eingreifenden
+Reise, besser zueignen, als Ew. Excellenz, welcher die Motive, ich darf
+sagen die +reinen Motive+ derselben, mehr als jedem Andern bekannt
+sind? -- als Ew. Excellenz, welche sie billigten als ich sie unternahm,
+der ich, während und nach derselben, über alles Bericht erstattete, und
+die es nun mit mir beklagen, daß der dabei beabsichtigte Zweck -- ohne
+mein Verschulden -- nicht erreicht ward.
+
+Wessen Name wäre aber auch wohl in anderer Hinsicht geeigneter,
+einer +Darstellung der jetzigen Lage und Verhältnisse Mexico’s+,
+gleichsam als Aegide, vorgedruckt zu werden, als der +Ew. Excellenz+,
+die sich stets so lebhaft für den Verkehr des Vaterlandes mit
+jenem entfernten aber wichtigen Staatenbunde interessirt, und so
+wesentlich dazu beigetragen hat, daß die +politischen+ Verhältnisse
+Preußens zu demselben sich schon früh +so+ gestalteten, daß sie den
++mercantilischen den+ Schutz gewähren konnten, welcher sich dort
+bereits bei mehr als einer Gelegenheit, als höchst nützlich, ja
++nothwendig+, bewährt hat.
+
+Möge Ew. Excellenz denn die Freude werden, des Vaterlandes
+vortheilhaften Verkehr mit den vereinigten Staaten von Mexico, sich
+mehr und mehr ausdehnen, mögen Sie überhaupt die unausbleibliche
+Frucht Ihrer reichen Aussaat im Felde der vaterländischen Industrie,
++das stete Wachsen des National-Wohlstandes+, in vollem Maaße blühen
+sehen, und möge es mir erlaubt seyn zu hoffen, daß alsdann auch mein
+zwar unbedeutendes aber redliches Streben nach gleichem Ziele, in Ihrer
+freundlichen Erinnerung fortlebe.
+
+ Mit Gesinnungen der innigsten Verehrung
+
+ Ew. Excellenz
+
+ ganz gehorsamster Diener und dankbarer Freund
+
+ +C. C. Becher+.
+
+
+
+
+Vorwort.
+
+
+Es war zwar anfänglich meine Absicht nicht, etwas über eine Reise
+drucken zu lassen, deren Erfolg den Erwartungen, die ich davon hegte
+als ich sie unternahm, so wenig entsprochen hat; ich ward aber von so
+vielen Seiten dazu aufgefordert, daß ich mich am Ende doch entschlossen
+habe, aus den Briefen, die ich während der Reise an meine Familie und
+Freunde geschrieben, ein Bild von dem Treiben und Seyn in dem so viel
+besprochenen +heutigen Mexico+, während einer ereignißvollen Periode,
+zu entwerfen, und es nun wage, dieses Bild, nebst einigen wenigen
+Worten über Hayti und Nordamerika, dem Publicum vorzulegen.
+
+Wenn ich mich damit meinen zahlreichen entfernteren Freunden, mit denen
+ich nicht in ununterbrochenem Briefwechsel stehe, und die mithin in den
+letzten Jahren weniger von mir erfahren haben, auf eine freundliche
+Weise ins Gedächtniß zurückrufe und ihnen eine angenehme Stunde mache,
+so wird mir ein schöner Lohn für die geringe Arbeit zu Theil.
+
+So oft und viel auch schon über das +jetzige Mexico+ und die Reisen
+dahin und zurück im +Einzelnen+ geschrieben worden seyn mag, so
+ist doch, so viel ich weiß, noch nirgends +in Deutschland+ etwas
++Zusammenhängendes+ darüber bekannt gemacht worden.
+
+Dies geschieht nun hier im +ersten Abschnitt+, und wenn auch darin,
+der +Sache nach+, für +Manchen+ nichts +neues+ zum Vorschein kommt,
+so mag es doch in der Art der Darstellung hier und da der Fall seyn,
+denn jeder hat bekanntlich seine eigenthümliche Auffassung von den
+Dingen, die er sieht, und giebt sie auf seine Art und Weise wieder. Die
+Darstellung meiner Ansichten soll übrigens auf kein anderes Verdienst
+Anspruch machen, als darauf, daß sie hier grade so wieder gegeben sind,
+wie sie der Eindruck an Ort und Stelle hervorgebracht hat.
+
+Die in dem Anhange geschilderten neuesten Ereignisse in der Republik
+Mexico, sind mir aus amtlicher Quelle mitgetheilt worden, und liefern
+den erfreulichen Beweis, daß ich mich nicht irrte, als ich, in meinen
+Briefen von jenseits, dem Lande, aus der Staatsumwälzung von 1832 u.
+33, große Vortheile und Fortschritte auf dem Wege der Civilisation
+prophezeite.
+
+Der +zweite Abschnitt+ enthält fragmentarische Notizen, sowohl
+mercantilische wie statistische und administrative, worunter manches
+noch nicht allgemein Bekannte gefunden werden dürfte.
+
++Das Ganze+ aber möge dazu beitragen das Interesse der Leser an den
+vereinigten Staaten von Mexico zu erhöhen, und dadurch Deutschlands
+Verbindungen und Verkehr mit einem Lande mehr und mehr zu beleben und
+auszudehnen, dessen Wichtigkeit für ganz Europa eine jährlich wachsende
+ist, und noch auf lange Zeit seyn wird, weil Mexico unermeßliche
+Resourcen, vortreffliche Climate und Raum für das Zehnfache seiner
+jetzigen Bevölkerung besitzt.
+
+Im Juni 1834.
+
+ +C. C. Becher.+
+
+
+
+
+Inhalts-Verzeichniss.
+
+
+ I. Abtheilung.
+
+ Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.
+
+ Pag.
+
+ 1. Brief. Köln, am 9. October 1831 1
+
+ 2. „ Paris, am 23. October 2
+
+ 3. „ Bordeaux, am 2. November 4
+
+ 4. „ Am Bord des Schiffes, den 10. November 5
+
+ 5. „ do. do. den 17. November 7
+
+ 6. „ do. do. den 24. November 8
+
+ 7. „ do. do. den 2. December, (unter der
+ tropischen Linie.) 9
+
+ 8. „ do. do. den 10. December 10
+
+ 9. „ do. do. den 14. December, (Angesichts
+ Haity.) 12
+
+ Zwei Stunden auf Haity, am 15. December 13
+
+ 10. „ Am Bord, vom 19. bis 29. December 25
+
+ 11. „ do. am 31. December, (im Hafen von Vera-Cruz) 30
+
+ 12. „ Vera-Cruz, am 3. Januar 1832 34
+
+ 13. „ Vera-Cruz, am 9. Januar. Anfang der Revolution 38
+
+ 14. „ Jalapa, am 12. Januar. Reiseart und Ortsbeschreibung 42
+
+ 15. „ Puebla, am 15. Januar. Reise und Beschreibung 49
+
+ 16. „ Mexico, am 21. Januar. Hinreise und Ankunft 57
+
+ 17. „ Mexico, am 23. Januar. Beschreibung; Nationalpallast;
+ Wohnung 61
+
+ 18. „ Mexico, am 29. Januar. Politik; Alameda; Theater;
+ Stiergefecht 66
+
+ 19. „ Mexico, am 21. Februar. Sturz mit dem Pferde;
+ Pferderennen; Politik 71
+
+ 20. „ Mexico, am 21. März. Kriegsvorfälle; General
+ Moctezuma 75
+
+ 21. „ Mexico, am 11. April. Der Paseo; Fahrt nach
+ Chapultepec und Tacubaya; Spielwuth; Aquaduct 79
+
+ 22. „ Mexico, am 24. April. Heiße Bäder; Eingeborene
+ am See Tescuco; Osterfest; Bustamante 83
+
+ 23. „ Mexico, am 31. Mai, nebst ~P.S.~ Abdankung der
+ Minister 89
+
+ +Beilage+: Ausflucht nach dem Eisenwerke +Sitio+;
+ Beschreibung desselben und Rückfahrt;
+ schwimmende Gärten 91
+
+ 24. Brief. Mexico, am 17. Juni. Pfingstfest in St. Augustin;
+ Spielsucht; Hahnengefecht; Optische Täuschung;
+ ~bal paré~ 101
+
+ 25. „ Jalapa, am 25. Juni. Reizende Gegend; Waffenstillstand 106
+
+ 26. „ Jalapa, am 9. Juli. Politik; Conferenz in Puente;
+ Meierei; Spinnen-Staaten-Bund; Kathedrale; Theater 110
+
+ 27. „ Jalapa, am 24. Juli. Wiederanfang des Kriegs; Mord eines
+ Europäers in Vera-Cruz 113
+
+ 28. „ Mexico, am 13. August. Indianer; heidnischer Götzendienst
+ bei katholischen Processionen; Feuerwerke; Diebereien;
+ Geburtstag des Königs von Preußen 116
+
+ 29. „ Mexico, am 30. August. Merkwürdiger Vorfall im heißen Bade;
+ Politik; Einladung Pedrazas; Bustamante übernimmt das
+ Commando; Musquiz tritt an seine Stelle 121
+
+ 30. „ Mexico, am 17. September. Fest der Unabhängigkeit;
+ Universitätsgebäude; Antiquitäten; (Karl Uhde) 124
+
+ +Beilage+: aus der neuern Geschichte Mexico’s, Bravo,
+ Vittoria, Señora Rayon 129
+
+ 31. Brief. Mexico, am 30. September. Sieg bei Gallinero; Versuch
+ der Gefangenen, sich zu befreien; Tod des Engländers
+ Short; Einkleidung einer Nonne; Struensee
+ (Trauerspiel.) 136
+
+ 32. „ Mexico, am 4. October. Tour auf’s Land; Pulquebereitung;
+ Olivenbau; Einfluß europäischer Sitten; Butter; Bier;
+ Wein 139
+
+ 33. „ Mexico, am 12. October. Kriegsereignisse; Santa Anna
+ schlägt Facio, nimmt Puebla, unterhandelt mit der
+ Regierung; Alaman verläßt Mexico 144
+
+ 34. „ Mexico, am 5. November. Fernere Kriegsereignisse; Mexico
+ belagert; Folgen davon; Bustamante rückt heran;.Theurung;
+ Briefwechsel; ~P. S.~ vom 8. November; Aufhebung der
+ Belagerung 147
+
+ 35. „ Mexico, am 9. December. Stillstand in den Operationen;
+ Rückzug nach Puebla; Extrasteuern; Schlacht bei Puebla;
+ Vereinigung Santa Anna’s und Bustamante’s, zu Gunsten
+ Pedraza’s; Unterhandlung mit dem Congresse 152
+
+ 36. „ Mexico, am 28. December. Protest des Congresses;
+ Garnison entscheidet für Pedraza; Ende der Noth;
+ Pulvermühle in Santa Fé; Clima; Steinernes Schiff in
+ Gouadeloupe; Sulzers Tod 157
+
+ 37. „ Mexico, am 9. Januar 1833. Einzug der vereinten
+ mexicanischen Armee; Hoffnungen der Fremden und des
+ Landes; Pedraza; Zavala; Roccafuerte; Toleranz 162
+
+ 38. „ Mexico, am 7. Februar. Tour in den deutschen
+ Minendistrict; Schleidens Lage und Tod in Anganguco;
+ der Bergbau daselbst, und Rückweg nach Mexico 168
+
+ 39. „ Mexico, am 13. Februar. Pedraza; Mädchenschule;
+ Vorbereitung zur Abreise 179
+
+ 40. „ Vera-Cruz, am 3. März 182
+
+ 41. „ New-York, am 1. bis 9. April. Reise dahin; Clima; Hafen;
+ Zunahme des Verkehrs; Einwanderung; Bauart; Lebensweise;
+ Damen; Theater; Blutaristokratie 184
+
+ 42. „ Am Bord ~the Sully~, am 30. April. Golphstrom; Hayfische 195
+
+ 43. „ Paris, am 10. Mai. Havre; Auswanderung nach Amerika etc. 199
+
+ +Anhang+: Kurze Darstellung der politischen und administrativen
+ Maßregeln in Mexico, seit der Präsidentschaft Santa
+ Anna’s, so wie der gegenwärtigen Lage des Landes 203
+
+
+ II. Abtheilung.
+
+ mercantilische und statistische Notizen.
+
+ 1. Handel mit Mexico, Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen 217
+
+ 2. Ausfuhr. Staat von Oaxaca; Cochenille 221
+ Ausfuhrtabellen von 1758 bis 1832 227
+ Calculation des Werths in Bordeaux 229
+
+ 3. „ aus Mexico im Allgemeinen 230
+ Taback und Kaffee 232
+ Preis des Kaffees bei freier Arbeit 233
+
+ 4. Münzsorten 235
+
+ 5. Maaß und Gewicht 236
+
+ 6. Der mexikanische Tarif 238
+
+ 7. Bergbau und Silbergewinnung 240
+ Deutsch-Amerikanischer Bergwerks-Verein 242
+ Ertrag und Ausfuhr im Allgemeinen 245
+ Münze in Mexico 246
+
+ 8. ~Banco de Avio~ (Industrie-Belebungs-Bank) 247
+
+ 9. Eisenschmelzerei auf dem Sitio 254
+
+ 10. Bevölkerung von Mexico 255
+
+ 11. Der Staat von Vera-Cruz 262
+
+ 12. Finanz-Departement 264
+
+
+
+
+ Erste Abtheilung.
+
+ Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.
+
+
+ An * * *
+
+ Köln, am 9. October 1831.
+
+Du siehst aus der Ueberschrift, daß der Rubicon überschritten ist.
+Ich bin +diesseits+ des Rheins und kann jetzt nur noch +vorwärts+.
+Stufenweise sollst Du stets etwas von mir hören, so wie ich in gleicher
+Weise Nachrichten von dir erwarte.
+
+So eben tritt Herr de B. zu mir ins Zimmer, um mir einen Besuch
+zu machen und zu sagen, daß er mit seiner kleinen Frau (der
+liebenswürdigen Mexikanerin -- der ersten die wohl je den Rhein
+befahren -- und die wir, wie Du weißt, vor einigen Monaten zwischen
+Mainz und hier auf dem Dampfboot trafen) auf der Rückkehr nach Mexico
+begriffen sei, und sich in Falmouth einschiffen wolle. --
+
+Wie doch in unserer Zeit Alles mit Riesenschritten voranschreitet!
+Mexico, das noch vor 12 Jahren jeder andern Nation als der spanischen
+fast gänzlich verschlossene Land, steht jetzt mit der ganzen Welt in
+Verbindung und schließt davon nur (bis zu dereinstiger Anerkennung
+seiner Unabhängigkeit) das ehemalige Mutterland, Alt-Spanien selbst,
+aus. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Nordamerika
+haben eine regelmäßige monatliche Packetfahrt (England von Falmouth,
+Frankreich von Bordeaux und Nordamerika von New-York aus) nach
+Vera-Cruz in Gang gesetzt, und Deutschland unterhält einen sehr
+lebhaften Verkehr mit den mexicanischen Häfen, von Hamburg und Bremen
+aus. --
+
+Es fehlt also jetzt nicht mehr an passenden Reisegelegenheiten nach
+Mexico; ich aber habe, wie Du weißt, den Weg über Frankreich gewählt,
+und reise morgen mit dem Frühesten über Aachen gen Bordeaux. -- S...,
+der gleichzeitig mit mir von E... abgereist ist, geht über England, wir
+werden nun sehen, wer von uns zuerst das Ziel erreicht.
+
+
+ Paris, 23. October 1831.
+
+Meine Reise vom Rhein hierher war eine ganz angenehme, und die
+Behandlung an der belgischen und französischen Douane der Art, daß
+sie mir meine gute Laune nicht verdarb. -- Paris selbst fand ich denn
+noch immer das alte +Sodom+ und +Gomorrha+; und stets noch dasselbe
+ungeheure Getriebe in den Straßen und an öffentlichen Orten! Doch ist
+die Stadt in manchen Theilen und auf den Boulevards, seit ich zuletzt
+hier war, sehr verschönert worden. -- Es giebt übrigens auch fast keine
+große Stadt in Europa, wo nicht seit dem allgemeinen Frieden theils
+das Innere, theils die Umgebung erheitert und verschönert worden wäre!
+Der beste Beweis, daß den Völkern ein +friedlicher+ Zustand der Dinge
+mehr zusagt und besser bekommt, als selbst der erfolgreichste +Krieg+,
+-- und dennoch (wer sollte es glauben?) giebt es hier noch eine Menge
+Unsinniger, die diesen herbei wünschen! -- Ich aber sage: der Himmel
+erhalte uns den +Frieden+!
+
+Durch die dir bekannte Gefälligkeit unseres Freundes R. war ich im
+Stande manches schneller abzumachen, als ich ohne ihn gekonnt; dennoch
+habe ich, da es mir auch hier an Geschäften nicht fehlte, gar vieles
+ungesehen lassen müssen. Nach der Oper bin ich indessen doch einmal
+gekommen, und sah dort zufällig ein seltenes Schauspiel, die beiden
++Ex-Souveräne+ nämlich, den Dei von Algier und Don Pedro von Brasilien,
+in anstoßenden Logen! Letzterer ist ein hübscher, stattlicher Mann,
+mit offener, intelligenter Physiognomie; er erschien in modischer
+Civil-Kleidung, und sein ganzes Wesen bildete einen schneidenden
+Contrast mit den maurischen Zügen des alten graubärtigen Deis, dessen
+mit Brillen bewaffnete Augen mit sultanischem Wohlgefallen auf den
+Pariser Opern-Tänzerinnen zu ruhen schienen. -- Des Deis Bruder,
+gleich ihm in türkischer Tracht und Turban, aber während der ganzen
+Vorstellung hinter ihm +stehend+, ist ein schöner, noch junger Mann.
+-- Der dritte Exsouverain der neuesten Zeit, Carl X., war an +diesem+
+Abend nicht in der Oper! --
+
+Von unserm würdigen Gesandten, Herrn v. Werther, bin ich sehr gut
+aufgenommen worden, und auch in merkantilischer Hinsicht habe ich
+Ursache, mit meinem Pariser Aufenthalt zufrieden zu seyn; besonders
+erfreut aber hat mich die Stunde, welche Herr v. Humboldt mir zu
+widmen die Güte hatte, und in welcher ich, wie bei ihm stets der Fall,
+sehr viel Interessantes vernommen habe. -- Mit unermüdeter, fast
+beispielloser Geistesthätigkeit hat er in diesem Augenblick, trotz
+seiner diplomatischen Verrichtungen, wieder Mehreres herausgegeben,
+sowohl über seine Reise nach Asien, als auch über die merkantilische
+Statistik von Cuba; von letzterem Werk hat er mir ein Exemplar verehrt,
+was mich auf der Reise belehrend unterhalten wird. -- Auch hat er mich
+mit Empfehlungs-Schreiben für Mexico versehen, und unter besseren
+Auspicien, als denen +seines Namens+, kann ich in jenem Lande nicht
+auftreten!
+
+Ich reise nun heute Abend noch, in Gesellschaft des General-Lieutenants
+v. P., nach Bordeaux, und schreibe dir von dort aus wieder. -- Lebe
+wohl!
+
+
+ Bordeaux, am 2. November 1831.
+
+Auch bis hier war meine Reise eine glückliche und angenehme. Der Weg
+von Paris hierher ist weit schöner, als jener von Belgiens Gränze
+nach der Hauptstadt, und man muß sich auf letztern nicht beschränken,
+wenn man ~la belle France~ sehen will. Die Ufer der Loire gewähren,
+namentlich bei Blois und Tours, einen sehr reizenden Anblick; ersteres
+erinnerte mich lebhaft an einige Punkte unseres schönen Neckars, in der
+Nähe von Heidelberg. -- Die Stadt Poitiers, auf einer gleichsam einzeln
+empor ragenden, steilen Anhöhe erbaut, hat eine höchst romantische,
+jedoch kalte Lage. -- Der Anblick von Bordeaux aber, bei der Einfahrt
+über die Garonne, ist wahrhaft prachtvoll zu nennen. Stadt, Hafen und
+Quai haben etwas sehr Imposantes, und die erst seit kurzem vollendete,
+steinerne Brücke über die Garonne, durch ihre Länge und Bauart in den
+ersten Rang ähnlicher Werke gehörend, ist ein wahres Meisterstück der
+Wasserbaukunst. In hohem Grade reizend ist die Ansicht, welche man von
+dem Quai aus nach dem jenseitigen Ufer hat, besonders bei dem noch
+immer, jedoch auch hier für diese Jahrszeit ausnahmsweise, schönen,
+heiteren und milden Wetter.
+
+Meine Freunde hier, die mich mit der zuvorkommendsten Güte empfangen
+haben, bedauerten, daß ich nicht in Zeiten für das zuletzt von hier
+nach Mexico gesegelte Packetboot gekommen, weil es das schönste und
+bequemste sei, was in dieser Fahrt ist; ich bin jedoch mit dem, worauf
+ich mich einschiffen werde und welches ich so eben gesehen habe,
+vollkommen zufrieden. Es heißt l’Esteva, und wird von Capitain Beck,
+einem, wie es heißt, sehr geschickten Seemann, befehligt.
+
+Da ich mich in den letzten Tagen nicht ganz wohl befand, so habe ich
+mir einen gewandten, schon öfter zur See gereisten Bedienten engagirt,
+und fahre nun morgen den Fluß hinunter, von wo aus wir mit dem ersten
+guten Winde unter Segel gehen werden.
+
+Mit dem Lootsen, der an der Mündung des Flusses das Schiff verläßt,
+sage ich Dir dann noch ein letztes Lebewohl von Europa aus! -- Bis
+dahin Adieu!
+
+
+ Am Bord des Esteva, den 10. Novbr. 1831,
+ in der Gironde.
+
+Als ich Dir zuletzt von Bordeaux aus schrieb, glaubte ich nicht Dir
++heute+ noch von diesseits des Meeres schreiben zu können! Indessen
+-- der Mensch denkt’s, und Gott lenkt’s! Kaum waren wir nämlich in
+Paulliac, einem kleinen Fischerort 6 Lieues abwärts von Bordeaux,
+angelangt, als der gänzlich contrair gewordene Wind uns nöthigte, vor
+Anker zu gehen, und ich mußte mich nun leider, -- nachdem ich meinen
+Aufenthalt in Paris mehr als mir lieb war verkürzt hatte, um ja nicht
+zu spät für’s Packet nach Bordeaux zu kommen, und diesen letztern Ort
+verließ, ehe ich noch wieder ganz hergestellt war, -- acht Tage in
+einem unbedeutenden Fischernest langweilen! Indessen, so wie alles sein
+Ende erreicht, so gestatteten uns denn auch endlich Wind und Wetter
+gestern Abend an Bord zu gehen, und machen jetzt so gute Miene, daß
+wir Hoffnung hegen dürfen, eine schnelle Fahrt aus dem biscayischen
+Meerbusen zu haben, was in dieser Jahreszeit häufig der beschwerlichste
+und gefahrvollste Theil der Reise ist. Das, einige Wochen vor uns
+gesegelte, schöne Packetboot, von dem ich Dir in meinem letzten sagte,
+hat dies erfahren; es mußte, wie wir noch vor unserer Abreise von
+Paulliac vernahmen, durch heftige Stürme und bedeutende Beschädigung
+gezwungen, in den Hafen von +Brest+ einlaufen, um zu repariren, und
+da dies viel Zeit erfordern wird, so sind die meisten der 72!!!
+Passagiere, die sich am Bord befanden, nach Bordeaux zurückgekehrt,
+um andere Reise-Gelegenheit zu suchen! -- Welch ein Glück also, daß
+ich nicht der 73ste Passagier geworden bin; -- und doch beklagte ich
+dies noch vor kurzem und meine Bordeauxer Freunde mit mir! So weiß der
+kurzsichtige Mensch nie was ihn frommt! -- Ich fühle mich nun am Bord
+unseres Schiffchens in recht behaglicher Stimmung und bin bereits ganz
+einheimisch geworden. Meine Cajüte ist klein, aber bequem, und geräumig
+genug, um darin lesen und schreiben zu können.
+
+Die Cajüten auf diesem Schiffe sind nicht, wie in der Regel üblich, im
+untern Raum, sondern auf dem Verdeck angebracht, was, da hierdurch ein
+freier Luftzug bewirkt wird, für Reisen nach heißen Zonen sehr passend
+ist; für jene nach nördlichen Ländern dürften jedoch die Cajüten
+unter Deck vorzuziehen seyn. Wir sind in Allem neunzehn Passagiere,
+worunter mehrere Damen; eine Wittwe mit zwei liebenswürdigen schon
+erwachsenen Töchtern, welche versuchen will, die ihr in Europa untreu
+gewordene Göttinn Fortuna in Mexico wieder zu erhaschen; sodann eine
+verheirathete Dame, eine Genferin, die mit ihren beiden, allerliebsten
+kleinen Mädchen von 11 und 13 Jahren zu ihrem bereits in Mexico
+etablirten Gatten reist. -- Unser Capitain ist ein noch junger,
+einnehmender und gebildeter Mann; es bedarf mithin zu einer angenehmen
+Reise nur eines günstigen Windes, und dieser scheint sich, wie schon
+gesagt, einstellen zu wollen. -- Haben wir nun eine schnelle Fahrt nach
+Westindien, so darfst Du schon in ein paar Monaten Nachrichten von mir
+erwarten, indem es mir wohl gelingen wird, dort auf einer der Inseln
+Briefe nach Europa zur Post zu geben; bis dahin mußt Du Dich aber
+gedulden, und mit mir hoffen, daß wir gegenseitig nicht allzulange ohne
+Kunde von einander bleiben.
+
+Diese Zeilen sind denn wirklich die letzten, die ich Dir aus diesem
+Welttheil schreibe; ich gebe sie dem Lootsen mit, der uns in einer
+halben Stunde verläßt!
+
+Lebe wohl, recht wohl; ich umarme Dich und die Kinder.
+
+
+ Am Bord des Esteva, den 17. Novbr. 1831.
+
+Wir sind auf der Höhe der Azoren und mithin über die Gränzen Europas
+hinaus. -- Der Unterschied der Temperatur ist auch schon merklich
+fühlbar, aber höchst angenehm; denn ohne daß wir von Hitze litten,
+haben wir z. B. grade heute am 17. Novbr. die Luftwärme eines schönen,
+nicht zu heißen Sommertages am Rhein, und gerne tränken wir daher den
+Caffee im Garten, wenn nur einer zur Hand wäre! Das könnte nun zwar
+morgen oder übermorgen der Fall werden, wo wir Madeira zu erreichen
+hoffen, und ich habe daher auch wohl schon gewünscht, daß wir an etwas
+Mangel leiden möchten, was uns nöthigte, auf jener paradiesischen Insel
+zu landen; aber wir sind leider (?) zu gut mit Allem versehen, um
+deshalb irgendwo einlaufen zu müssen. Wir werden mithin Madeira blos
+vorbeisegeln, und höchstens die Umrisse der blauen Berge am Horizont
+bewundern können, mit dem Lande aber warten müssen, bis wir nach
+Westindien kommen.
+
+Es ist übrigens doch eine ziemlich ennüyante Parthie um eine längere
+Seereise, besonders für einen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten,
+Geschäftsmann! -- Sind auch die Reisen zu Lande häufig ermüdender und
+beschwerlicher, als die zur See, so kömmt man dagegen auf erstern doch
+auch hin und wieder an Punkte, wo man sich geistig und körperlich
+erfrischen und erholen kann; aber auf dem Meer gleicht ein Tag dem
+andern, man ißt und trinkt und schläft und staunt Himmel und Wasser an.
+Nur Sturm und schlechtes Wetter bringen eine Abwechselung hervor; doch
+eine solche wünscht man sich eben nicht.
+
+
+ Am 24. November.
+
+Es gibt doch in der That nichts Unsichereres und Trügerischeres als
+Wasser, Wind und Wetter! -- So glaubten wir z. B. mit Zuversicht,
+ehegestern, im 31sten Grad der Breite, die für die Fahrt nach
+Westindien so günstigen Passatwinde zu erhaschen, als uns auf einmal
+ein Sturm aus Südwesten zu fassen kriegte, das Schiff aus seinem
+Cours heraus nach der afrikanischen Küste trieb, und uns namentlich
+gestern Nacht mit vielem Unheil bedrohte; “denn die Elemente hassen
+das Gebild von Menschenhand.” -- Es war ein erhabenes, aber auch
+zugleich furchtbares Schauspiel, dieser 24stündige Riesenkampf mit den
+empörten Elementen, gegen welche die Kraft des Menschen nichts, seine
+Gewandtheit dagegen oft alles vermag! Diese sollte denn auch diesmal
+siegen, und wir blieben Gottlob unversehrt.
+
+Unbeschreiblich groß und schön war der Anblick der sich auf allen
+Seiten um uns her aufthürmenden, tobenden Wassermassen; aber so, und
+von diesem Standpunkt aus, wünsche ich Aehnliches doch nicht wieder zu
+sehen! Heute hat sich nun alles wieder zum Guten gewendet, das Wetter
+ist schön und der Wind passabel günstig; nur sind wir leider weit
+südlicher gekommen, als wir sollten, und müssen jetzt viel verlornen
+Weg nachholen.
+
+Wenn ich Dir übrigens eben von der +afrikanischen+ Küste sprach, so
+mußt Du nicht glauben, daß wir dort von übergroßer Hitze gelitten
+hätten; im Gegentheil, Luft und Winde waren kalt, und man konnte und
+kann noch Ueberrock und Mantel vertragen.
+
+
+ Am 2. December.
+
+Gestern passirten wir die tropische Linie des Krebses, und es ist doch
+nun endlich so heiß geworden, daß ich zu der Sommerkleidung meine
+Zuflucht nehmen mußte. Unter dem Aequator mag freilich die Hitze noch
+größer seyn, als hier unter dem Wendekreis. Bei dem Durchgang des einen
+sowohl wie des andern ist es übrigens, wie Du wissen wirst, allgemeine
+Sitte der Matrosen, jeden Reisenden, der die Fahrt zum erstenmale
+macht, einer sogenannten Taufe zu unterwerfen. Diese Ceremonie, welche
+zur großen Belustigung des jüngeren Theils der Passagiere heute
+stattfand, will ich Dir nunmehr, wenn auch nur um +der Kleinen+ willen,
+wenigstens in großen Zügen beschreiben; es wird sie jedenfalls amüsiren.
+
+Als wir nämlich gestern bei Tische saßen, und eben die tropische Linie
+durch waren, hörten wir aus den obersten Segeln den Himmelsfürsten
++Tropique+ mit lauter und rauher Stimme uns begrüßen, und gleich
+darauf kam ein mit der Peitsche knallender Courier, auf einem recht
+scheußlichen Seepferd (ein Matrose auf dem Rücken eines andern) in die
+Cajüte geritten, und brachte von dem besagten Prinzen Tropique ein
+Schreiben an den Capitain, worin er ihn in seiner Zone willkommen hieß,
+und guten Wind versprach, wenn er ihm die noch nicht hier gewesenen
+Passagiere morgen zur Taufe ausliefern wolle. Auf das Versprechen, dies
+zu thun, kam nun heute der uralte Himmelsfürst mit seiner jungen Frau,
+in Begleitung von Neptun und mehreren Dämonen der Unter- und Oberwelt,
+unter lautem Getöse angezogen, um bei der Taufe zu präsidiren.
+
+Das Personal dieser grotesken Maskerade und der Gens-d’armerie, welche
+bekanntlich bei keinem französischen Spektakelstück fehlen darf, nebst
+dem Seepferd und Priester und Meßner, wurden natürlich durch theils
+verkleidete, theils entkleidete Matrosen dargestellt, welche letztere
+sich mit Theer bestrichen und mit Federn und Werg beklebt hatten, um
+ihren über- und unterirdischen Rollen gebührend zu entsprechen.
+
+Die Feier der Taufe selbst ward nun in einer aus Flaggen und Segeltuch
+zierlich errichteten Capelle, durch Priester und Meßner, auf eine
+bizarre, mitunter ganz belustigende Weise, an allen Passagieren
+vorgenommen, von denen sich keine besser dabei benahmen, als die schon
+erwähnten, niedlichen Genfer Mädchen von 11 und 13 Jahren.
+
+Die meiste Belustigung erregte einer der Dämonen, (ein nackter mit
+Theer beschmierter und in bunte Federn gerollter Matrose) der beständig
+um die Capelle herum sprang und hineinzudringen suchte, um die Taufe zu
+stören, dabei aber von dem Wache stehenden Neptun mit dem Dreizack oft
+sehr derbe und fühlbar zurückgejagt ward.
+
+Nach beendigter Tauf-Ceremonie trat der, bei 28° Hitze über die große
++Kälte+ hienieden klagende Fürst Tropique, mit Taufgeschenken gehörig
+versehen, die Rückreise nach den höheren Regionen an. Die Capelle ward
+von den Matrosen demolirt, und der Spaß, welcher das Monotone einer
+Seefahrt, während eines halben Tages ganz angenehm unterbrach, hatte
+ein Ende.
+
+
+ Am 10. December.
+
+Wir begegnen jetzt täglich schwimmenden Massen von Seegras, die schon
+dem +Columbus+ eine willkommene Andeutung der Nähe des Landes waren,
+und hoffen, in wenigen Tagen +Hayti+ zu erspähen. -- Herzlich will ich
+mich des erquickenden Anblicks erfreuen, denn man wird es nachgerade
+müde, nichts als Himmel und Wasser zu sehen. Wenn mich indessen auch
+die Langeweile dann und wann etwas plagt, so befinde ich mich doch in
+jeder andern Hinsicht ganz wohl, und damit Du siehst, daß mir am Bord
+des Esteva an materiellen Bedürfnissen nichts abgeht, will ich Dir eine
+Beschreibung unserer Tages-Eintheilung geben, um so mehr als es ohnehin
+unverzeihlich seyn würde, einer braven Hausfrau gar nichts von Küche
+und Keller zu erzählen, die doch im Leben (zu Land wie zu Wasser) eine
+so wesentliche Rolle spielen. So höre denn. Bei der hier stattfindenden
+Tag-und Nacht-Gleiche, (Abends um 6 wird’s dunkel, Morgens um 6 geht
+die Sonne auf) bekommt man gegen 7 Uhr Morgens, nach Verlangen:
+Thee, Caffee oder Chocolade, -- versteht sich alles ohne Milch. Um 9
+Uhr wird ein Gabelfrühstück aufgetragen, bestehend aus einer Tasse
+Bouillon, Eierkuchen, Coteletten, Schinken u. dergl., nebst Erdäpfeln
+und sonst einem Gemüse, wobei denn jeder so viel Wein, oder Wein und
+Wasser trinkt, als ihm beliebt. Um 1 Uhr wird dem etwa Hungrigen ein
+Imbiß, nebst einem Glas Bouteillenbier, gereicht; um 4 Uhr speist man
+zu Mittag und es werden dabei folgende Gerichte aufgetragen: gute
+Bouillon mit Reis oder Nudeln, Rind- oder Kalbfleisch, auch wohl
+Hammelbraten; sodann, und zwar täglich, gekochte oder gebratene Hühner,
+zur Abwechslung auch Enten oder Kalkuten; Gemüse jeder Art, und zweimal
+in der Woche Torten und kleine Pasteten; schließlich Butter und Käse,
+etwas Dessert, Caffee und Liqueur; und dabei rother Wein nach Lust und
+Belieben. -- Zum Beschluß des Tages endlich wird jedem, der es wünscht,
+am Abend ein Glas Wein, Wasser und Zucker, Himbeersaft oder dergl.
+gereicht, und Du wirst somit gestehen, daß man sich am Bord des Esteva
+wenigstens über die Kost nicht zu beklagen hat, und daß sie jener auf
+den englischen Packetbooten, die Du ja aus früherer Erfahrung kennst,
+vorzuziehen ist; was +Dir+ insbesondere aber noch mehr als Vorzug
+erscheinen würde, ist der Umstand, daß man aus den französischen
+Packeten nur Holz und keine Steinkohlen brennt, deren Geruch und
+Dampf die Neigung zur Seekrankheit so leicht erregt, und Dir oft so
+unangenehm war.
+
+
+ Am 14. December.
+
+Endlich! und zwar in genauer Uebereinstimmung mit der Berechnung
+unseres sachkundigen Capitains, sahen wir gestern Mittag Punkt 1 Uhr
+das Cap Samana auf +Hayti+. Wir genossen bis spät in die schöne,
+warme, mondhelle Nacht das herrlichste Schauspiel, indem wir uns den
+malerisch schönen Ufern dieser prachtvollen Insel immer mehr näherten,
+deren gebirgiger Umriß sich am reinen Firmament in erhabener und
+mannichfaltiger Gestaltung erhob.
+
+Heute war ich mit Sonnenaufgang wieder auf dem Verdeck, um mich
+auf’s Neue an dem schönen, so lang entbehrten Anblick des Landes zu
+laben; wir sind nunmehr dem Ufer so nahe, daß wir Alles deutlich
+unterscheiden, und unsere Augen weiden können an den üppig bewachsenen
+Bergen, den schönen grünen Hügeln und den am Fuß derselben gelegenen,
+freundlichen Dörfern und Pflanzungen. -- Einzelne Berggruppen
+erinnerten mich lebhaft an unser schönes Siebengebirge bei Bonn, nur
+mit dem Unterschied, daß die hiesigen Gruppen nun schon 30 deutsche
+Meilen lang anhalten und noch nicht zu Ende sind.
+
+Diese Augenweide, der balsamische Landgeruch, den uns ein leichter
+Zephyr von der so nahen Küste herüber weht, und die über alle
+Beschreibung schönen, nur unter einem tropischen Himmel zu erlebenden,
+warmen, mondhellen Nächte, haben einen Eindruck auf mich gemacht,
+der sich wohl nur mit dem Leben verwischen wird. Wahrlich, hier wird
+es einem nicht schwer, das Entzücken zu begreifen, welches Columbus
+empfinden mußte, als er sein gefahrvolles und rastloses Streben durch
+die Entdeckung dieser schönen Insel belohnt sah. Es war aber gerade
+in derselben Bucht, in welcher ich morgen den Fuß ans Land zu setzen
+hoffe, wo Columbus zuerst auf Hayti landete. Diese Bucht, die er den
+Hafen von +St. Nicolas+ nannte, gehört zu den wenigen Orten, welche
+bis auf diesen Tag den Namen tragen, den er ihnen bei der Entdeckung
+beilegte. -- Wir aber sollen daselbst Frankreichs Correspondenz mit
+Westindien abliefern, und da mir der Capitain erlaubt hat, mit den
+Depeschen ans Land zu gehen, so benutze ich diese Gelegenheit, um Dir
+das bisher für Dich Niedergeschriebene via Nordamerika zuzusenden, und
+Dir Nachrichten von mir zu geben, welche Du auf diese Weise um einige
+Monate früher erhältst, als wenn ich damit bis zu unserer Ankunft in
+Vera-Cruz warten wollte! Wir haben noch einen weiten Weg dahin, und
+wer weiß, was uns auf demselben noch bevorsteht! Ich falte daher alles
+Fertige zusammen, und gebe es morgen in St. Nicolas zur Post.
+
+Leb wohl, tausendmal wohl!
+
+
+
+
+Zwei Stunden auf Hayti.
+
+
+Am 15. December 1831, Morgens 9 Uhr, erreichten wir den Hafen der Insel
+Hayti, ~St. Nicholas au mole~ genannt. Der Lieutenant und ich gingen
+ans Land, um Briefe und Depeschen für Portauprince dort abzugeben;
+und so war ich denn endlich auf der Insel, mit welcher ich früher in
+so enger Verbindung gestanden, und konnte Manches von dem in der Nähe
+sehen, was mir freilich schon oft von Augenzeugen geschildert worden
+war. Die Scene war originell in hohem Grade; ich will versuchen ein
+Bild davon zu entwerfen.
+
+Als wir mit dem Boot in die Bucht ruderten, gewahrten wir auf beiden
+Seiten Batterien, welche den Eingang vertheidigen, und bei Ansicht
+der französischen Flagge, die wir führten, die haytische, blau und
+roth in parallelen Streifen, aufzogen. Wir wollten in der Nähe des
+Regierungs-Gebäudes landen, wurden aber von zwei Soldaten und einem
+Offizier, die man uns entgegen sandte, bedeutet, daß wir tiefer in
+den Hafen fahren und an der Douane landen müßten. Der Anblick von
+schwarzen Männern, in europäischer Uniform von Tuch, blau und roth mit
+weißen ledernen Bandeliers, schlechten Flinten und Säbeln, Tschako’s,
+Pantalons ~ad libitum~ und nackten Füßen, erschien mir, ich gestehe es,
+eigen und komisch genug. Zur Ehre des haytischen Militairs sei jedoch
+hier gesagt, daß der Offizier nicht barfuß ging, sondern Schuhe an den
+Füßen und einen großen dreieckigen Sturmhut mit Cokarde auf dem Kopfe
+trug.
+
+Der erhaltenen Weisung gemäß, stiegen wir bei der Douane ans Land; auch
+hier waren die Menschen, welche wir zu Gesicht bekamen, schwarz und mit
+stark afrikanischen Zügen bezeichnet; sie haben nämlich platte, breite
+Nasen, hohe Backenknochen und dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne der
+jüngeren Personen sind weiß, ohne blendend weiß zu seyn, und mehr stark
+als schön.
+
+Der Director an der Douane war ein junger, sowohl von Wuchs wie von
+Gesichtszügen schöner Mann, und würde gewiß bei unsern Damen, trotz
+seiner schwarzen Farbe, Glück gemacht haben. Er sprach ein angenehmes
+und richtiges Französisch und schien unterrichtet; meine Fragen in
+Betreff der Bevölkerung des Städtchens, das er mit Wohlgefälligkeit
+eine +Stadt+ nannte, beantwortete er mir ausweichend; wahrscheinlich um
+nicht in Widerspruch mit seiner Benennung des Orts zu gerathen.
+
+Der Postsecretair, dem wir unsere Briefe und Depeschen gegen eine
+Bescheinigung zu übergeben hatten, war ein Mulatte und sprach und
+schrieb gut französisch; der Obrist, der auf geschehene Meldung uns
+auf der Hauptwache besuchte, war ein Neger, zwar wie es schien, noch
+jung, aber ohne körperliche Energie; er klagte über zu große Hitze
+(es war der 15. Decbr.) und ich konnte ihm nur Recht geben, denn ich
+litt selbst davon. Dies gab Gelegenheit von der natürlich noch weit
+größeren Hitze des Sommers und ihren Wirkungen zu sprechen; der Obrist
+schilderte sie als extrem und versicherte, daß nicht allein an der
+Küste, sondern auch im Innern des Landes, die Sommerhitze hinraffende
+Climafieber erzeuge, und daß alsdann die Eingebornen, eben so wenig wie
+Ausländer, sich ungestraft der Sonne zu sehr aussetzen dürften; jetzt,
+wo die Sonnenstrahlen die Insel nur in schiefer Richtung berührten,
+ginge es noch an, aber im Sommer, wo sie senkrecht fielen, sei die
+Hitze oft unerträglich.
+
+Das Französische des Herrn Obristen war nicht das reinste, und er
+schien sich besser auf sein Creolisch, (ein corruptes Französisch,
+welches sich auf den Inseln nach und nach zu einem förmlichen Patois
+gebildet hat, und von den Einwohnern allgemein gesprochen wird,)
+zu verstehen. Von den europäischen Angelegenheiten war er nicht
+ununterrichtet, bedauerte die Polen, ~qui avaient si bien assisté la
+France autrefois~, und fällte ein richtiges Urtheil über die belgischen
+Angelegenheiten: ~ce pays n’ayant maintenant plus la même importance
+qu’auparavant~ u. s. w. -- Im Ganzen genommen machte jedoch die
+Unterhaltung mit dem Obristen nicht den angenehmen Eindruck auf mich,
+wie jene mit dem Director der Douane.
+
+Der General, der Anfangs auch auf die Hauptsache zu uns kommen wollte,
+ließ der großen Hitze wegen absagen, was ich bedauerte, da ich ihn
+gern gesprochen hätte; wären wir, des für die Hauptreise günstigen
+Windes wegen, nicht so sehr eilig gewesen, so würde ich dem General
+meine Aufwartung gemacht haben. Bei Gelegenheit der Meldung vom General
+ermangelte der Herr Obrist nicht seine Autorität dadurch kund zu thun,
+daß er der Ordonnanz in meiner Gegenwart einen derben Verweis, wegen
+des Tragens eines Kopftuchs unter dem Tschako, ertheilte.
+
+Da wir etwas Erfrischung für das Schiff mitzunehmen beabsichtigten, so
+frugen wir den Obrist, ob und wo diese wohl in der Stadt zu haben wäre,
+worauf er uns erwiderte, daß wenn man uns früher heransegeln gesehen
+hätte, ohne Zweifel und wie üblich, alle Arten von Erfrischungen aus
+der Nachbarschaft vom Lande herbeigebracht worden wären; so aber sei
+es zweifelhaft, ob wir fänden, was wir suchten; er wolle jedoch den
+Capitain mit uns schicken, um uns die Wohnung des Schlächters u. s. w.
+zu zeigen! Dieß gibt den Maßstab des Verhältnisses zwischen Militair
+und Bürgern auf Hayti! Der Capitain übernahm den Auftrag sehr gern; wir
+fanden bei dem Schlächter, dem einzigen des Orts, frisches Rindfleisch,
+und kauften dessen ein gutes Viertheil.
+
+Die recht hübsche, junge und muntere Frau des Schlächters hatte ein
+drei Wochen altes Kind im Schooße liegen, welches, mit Ausnahme des
+Kopfes, mir viel kleiner schien, als Kinder gleichen Alters bei uns;
+ich hatte nachher Gelegenheit diese Bemerkungen an mehreren neugebornen
+Kindern, die man den Kommenden und Gehenden in den überall offenen
+Wohnungen nirgends verbirgt, zu machen; wenn sodann diese Kinder
+heranwachsen, so haben sie bis zum 14ten oder 15ten Jahre einen sehr
+dicken, hervorstehenden Leib und sehr dünne Beine, auf welchen sie
+indessen ganz lustig einherhüpfen, und weder ihren nackten Körper
+durch Bekleidung oder Kopfbedeckung gegen die Sonne, noch ihre bloßen
+Füße gegen den brennenden Boden zu schützen versuchen.
+
+Es schien dem oberwähnten Herrn Obristen zu gefallen, daß ich einen
+solchen kleinen, nackten Homunculus zu mir rief, auf den Schooß nahm,
+ihn um seinen Namen befragte und liebkos’te; es ging mir aber ganz
+von Herzen, denn das schwarze Kind lächelte mich so freundlich an mit
+seinen milchweißen Augen und elfenbeinernen Zähnen, daß ich mich sehr
+zu ihm hingezogen fühlte.
+
+Ich sah nachher noch viele, recht hübsche Kinder, beiderlei
+Geschlechts, worunter mir besonders ein Knabe von etwa 13 Jahren, für
+dieses Alter recht groß und stark, durch sein intelligentes, offenes
+Gesicht, gefiel. Er war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, bereits
+in einer Erziehungsanstalt in Portauprince gewesen, und sollte zur
+Vollendung seiner Studien wieder dahin zurück. Wäre ich auf der
+Rückreise nach Europa gewesen, ich hätte darauf angetragen, ihn mir
+dahin mitzugeben, und der Vater würde wahrscheinlich darauf eingegangen
+seyn, denn er legte großen Werth auf die Erziehung seiner Kinder. Daß
+dieser Jüngling und seine sechs Geschwister, bis auf die jüngsten von
+wenigen Jahren, die bloß ein schneeweißes Hemd übergeworfen hatten,
+sehr ordentlich gekleidet gingen, versteht sich von selbst.
+
+Der Vater, der wie alle Einwohner, die es vermögen, eine Boutique
+hielt, ein noch junger Mann, erzählte mit Wohlgefallen, daß er sieben
+Kinder habe, die denn auch alle um uns herumstanden, aber seine Frau,
+die vor uns saß, zeigte auf ihren hochschwangern Leib und fügte hinzu:
+~et voici le huitième~. Da Mann und Frau nicht von einer Gesichtsfarbe
+waren, er schwarz und sie dunkelbraun, so fand ein großer Unterschied
+unter den Kindern statt; sie waren theils mulatten-, theils negerartig.
+
+Man kann überhaupt keine mannichfaltigere Abstufung der Gesichtsfarben
+sehen, als auf Hayti. Mulatten, die fast weiß sind, braun und
+olivenfarb in allen Nüancen, und ganz schwarz. Diese letztere Hautfarbe
+gefällt mir nach der weißen am besten, und erscheint dem Auge am
+reinlichsten. Nicht minder als die Hautfarbe, weichen die Gesichtszüge
+von einander ab, und man erkennt deutlich die große Verschiedenheit
+der afrikanischen Völkerschaften, welche die frühere Sclaveneinfuhr
+auf diese Insel verpflanzt hat. Der Schnurrbart, den die Militärs, wie
+es scheint, gern tragen, steht einigen schwarzen Gesichtern gar nicht
+übel, andern desto schlechter. Den älteren Leuten ergrauen wie bei
+uns Haupt- und Barthaare, was gegen die schwarze Hautfarbe unangenehm
+absticht.
+
+Unter den Weibern sah ich mehrere hübsche Figuren. Alle +jüngeren+
+haben einen vollen Busen; bei den +älteren+ ist das Gegentheil der
+Fall, und diese scheinen überhaupt sehr häßlich zu werden. Die
+Haltung des Körpers bei den jüngeren Weibern ist sehr gerade, und
+hat in dieser Hinsicht einige Grazie; desto mehr fehlt ihnen diese
+im Anzug, den sie trotz ihrer Putzsucht äußerst nachlässig um den
+Körper hängen haben, so daß die Schultern entblößt sind, ungefähr
+wie heutigen Tages bei unsern jungen Schönen auf den Bällen, beides
+wohl Folge der allzu großen Hitze, zu welcher sich, freilich nur auf
+Hayti, die einfachere Bekleidung unserer Mutter Eva (versteht sich nach
+der Apfel-Katastrophe) weit besser passen würde, als die ~robes~ von
+englischen, gedruckten Callicos oder weißen Musselinen! Die Kopftücher,
+die hier ~à la française~ getragen werden, kleiden gut und geben den
+Weibern ein reinliches Ansehen. Ueberhaupt scheint Reinlichkeit, des
+Körpers sowohl wie der Häuser u. s. w. in hohem Grade bei diesen
+Leutchen zu herrschen, und ich könnte im lieben Vaterland gar manchen
+Ort nennen, der sich in dieser Hinsicht mit St. Nicholas auf Hayti
+nicht vergleichen kann.
+
+Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf
+brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr
+zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder
+unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur
+allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau
+gethan haben würde.
+
+Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet;
+auf dem Kopf das bekannte ~mouchoir~, leichte baumwollene Jacke
+und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere
+tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr
+europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig
+abbüßen müssen.
+
+Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der
+Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht
+freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die
+verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u.
+dgl., ferner Fische, Fleisch u. s. w. abforderte, obgleich man sah und
+wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch
+hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu
+Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn;
+wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu
+erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen,
+wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen,
+alle +ihre+ Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die
+Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich ohne
+einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da
+sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen
+Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und
+ausführt.
+
+Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der
+Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u. s. w. St. Nicholas
+hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht
+von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner
+Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach
+Portauprince als Zahlung sendet.
+
+Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse,
+daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer +deutschen+
+Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige
+Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden
+sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement
+vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir
+versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte +Christoph+
+hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch
+vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der
+nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt
+worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer
+Nähe, aus Mangel an Zeit -- nicht besuchen zu können; sie wird von den
+Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung
+bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den
+Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe
+als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo
+möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern.
+
+Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des
+wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen
+verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten
+anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die
+Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt
+dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und
+eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn.
+
+Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden
+Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der
+Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden
+Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens
+großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack
+an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß
+es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an
+gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine
+Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt
+und wahrgenommen wird.
+
+Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art (~Stores~
+genannt) +Alles+, d. h. von einem Glas Schnaps bis zum feinsten
+Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand überraschen, der von
+Colonialverhältnissen schon hat reden hören; als besondere Bemerkung
+gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr dieser ~marchandes~ in
+englischen Baumwollenwaaren stattfindet, und es gewährte mir vielen
+Spaß, in fast jedem Hause meine alten Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß,
+~mouchoirs~ u. s. w. zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine
+Fragen über diesen Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall
+eine entschiedene Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge
+der während des ganzen Continentalkrieges ausschließlichen Zufuhr
+englischer Waaren. Auch trägt man auf Hayti fast nur baumwollene
+Stoffe, weniger Leinen und fast gar keine Seide.
+
+Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der
+ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden
+den Anblick des Binnenlandes verbirgt.
+
+Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde
+daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah
+gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen
+Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des
+Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen
+dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika
+nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme
+(Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen
+Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten
+Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen
+fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert;
+man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen
+gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast
+alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.
+
+Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie
+bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach
+reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil
+sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit
+dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne
+Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen
+überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen Nächten, welche
+in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn
+ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen.
+Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der
+Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen
+und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau
+sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht
+kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers
+gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig
+ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern
+die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin
+geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche
+gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. -- Zu
+verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse
+Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des
+Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß
+sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume
+vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders
+wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr
+Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne
+alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt
+alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße
+zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum
+hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern
+ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art,
+Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete
+Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung
+und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden,
+würde sich sehr irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie
+Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen
+Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den
+Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz
+unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte
+mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht
+vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade,
+welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten
+klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche
+vollkommen bestätigt fand.
+
+Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem
+hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit
+der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war,
+und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten,
+schwarzen Mädchen dafür gab.
+
+Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine
+Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen
+bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme
+Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas
+schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im
+Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein
+Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.
+
+Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde
+durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach
+zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine
+Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach
+Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als +zwei Stunden+!
+
+
+ Am Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.
+
+Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und
+ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas
+lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich
+jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben,
+so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust
+und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten,
+auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden
+Landreise Seiten. -- Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die
+Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang
+auch, und der Mensch -- nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits
+erzählt, und fahre damit fort. --
+
+Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas,
+war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach
+mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu
+erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt
+und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt,
+die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten,
+zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und
+Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.
+
+Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen,
+um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so
+verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie
+gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. -- Diesen letztern kamen
+wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem
+Anblick des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den
+Horizont begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern
+Morgen aus dem Gesichte verloren, und sahen wieder blos den Himmel
+über uns und um uns her die See. -- Wir befinden uns nun in dem
++mexicanischen Meerbusen+ auf der Bank von Campeche, und die vielen
+Seevögel und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge
+von auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch
+kleine Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste
+von Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald
+beendigten Reise.
+
+
+ Am 24. December 1831.
+
+Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen
+Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir
+heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider
+eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege
+von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm
+Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen
+Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen
+muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit
+Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen +diese+ Täuschung
+deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren
+Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht
+kennt.
+
+Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht
+einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem
+größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen
+wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der
+wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden,
+wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes
+unangenehm überrascht; es schien von der Küste von Campeche gekommen
+zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes
+Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs,
+Länge-Berechnung[1] u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens
+in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man
+darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der
+Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei
+Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In
+diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein
+Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber
+hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch
+erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt
+und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal
+gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn
+nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in
+die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet
+hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu
+halten, wo sie ihren Raub hinführen. -- Welch ein reges Leben sich in
+jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken
+Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen
+eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise
+noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele
+streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot
+sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte
+sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück,
+vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den
+wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen
+wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen
+schrecklich für uns hätten werden können. --
+
+Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und
+unerhörte Gräuel verübt. -- Den vereinten Bemühungen der englischen
+und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis
+in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von
+Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man
+sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen,
+wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord
++bewaffneter+ Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte![2]
+
+
+ Am 25. December.
+
+Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste
+Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten,
+nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in
+der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns
+wieder untreu werden zu wollen scheint. --
+
+So eben ruft man +Land!!+ und wir erblicken hoch in den Wolken, den
+Pic des Orizaba! -- Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die
+Meeresfläche emporragende Bergspitze aus sehr weiter Ferne sehen
+kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn
+der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am
+hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel
+mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein
+glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten
+Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden
+Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick!
+Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist
+so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.
+
+
+ Am 29. December.
+
+Die Stille dauerte nicht lange. -- Gegen Abend erhob sich der Wind
+und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen
+konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von
+Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser
+Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das
+Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und
+hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und
+gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten
+Tag.
+
+Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen
+Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der Wind
+günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen +Orizaba+,
+gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder erblickten, und uns an
+dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem prachtvollen Sonnenuntergang
+ergötzen konnten. Es war das großartigste Naturgemälde, welches ich je
+gesehen!
+
+So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte
+ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig;
+denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu
+erreichen.
+
+
+ Am Bord des Esteva, den 31. December 1831,
+ im Hafen von Vera-Cruz.
+
+Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns
+gestern endlich, den +Hafen+ zu erreichen, wenn anders eine offene
+Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher
+sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese
+Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt
+Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu
+mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste
+gekettet, die wir -- leider! -- so bald noch nicht verlassen sollen;
+denn, -- stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, -- +wir
+müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten+!
+
+Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den ihn
+überall verfolgenden Gassenhauer “~Marlborough s’en va-t-en guerre~”
+in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das äußerste Ende
+von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar nach Indien
+flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri die verhaßte
+Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung eine Kugel
+durch den Kopf jagte! -- So soll es mir, wie es scheint, (versteht
+sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit der +Cholera+
+ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser Seuche entflohen,
+hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; an den belgischen und
+französischen Gränzen beschäftigte man sich damit, Cholera-Quarantänen
+einzurichten, die mich jedoch glücklicher Weise noch nicht trafen; in
+Paris rechnete man mir den Monat vor, wo die Cholera eintreten +würde+,
+und in Bordeaux die Zeit, wo sie anlangen +könnte+. Ueberall war die
+Rede von der Cholera und fast nur von ihr! -- Gut, dachte ich, dies
+hat bald ein Ende; Du kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens
++diese+ verhaßte Krankheit nicht kennt, und höchstens vom +gelben
+Fieber+ spricht, welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich
+allenfalls dort holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß,
+als das erste Boot, welches uns hier zur Seite kam, das +Sanitätsboot+
+war, um uns anzukündigen, daß “+da wir aus Europa kämen, allwo die
+Cholera herrsche+,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war
+erst an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und
+unser Schiff das +erste+, auf welches die Maßregel angewandt ward. --
+Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!
+
+Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu
+landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu
+machen? man muß sich ~bon gré mal gré~ darein finden, und wir können
+uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf nur
+wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch Niemand
+zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in einiger
+Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese Weise
+erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach Europa
+darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das bisher
+Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. Man
+will mir heute Abend ein Boot senden, um die Briefe abzuholen, und ich
+werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.
+
+Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm,
+sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl
+und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen
+auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich
+niederzuschreiben.
+
+Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern
+zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt
+sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht
+malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden!
+In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch
+muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. -- Was das Treiben
+auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit eines
+Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich nicht
+zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das Hin- und
+Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der Rhede und dem
+Landungsplatze (~Muelle~) an der Stadt, gewährt einen recht belebten
+und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen Insel Sacrificio[3]
+liegen in diesem Augenblick zwei französische Kriegsschiffe, und
+hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, ein hamburger und
+ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere mexikanische
+Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein britisches
+Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, auf welchem
+S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht angekommen;
+wir haben diesem also den Rang abgelaufen.
+
+Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt
+das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns
+vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison
+theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen
+Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen
+Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die +Mexicaner+
+hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen
+Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am
+Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und
+hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der
+sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine
+Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil
+nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts
+und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch
+nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man
+fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas
+Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern
+Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer
+Gruppen von nackten Menschen gewöhnt!
+
+Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst
+überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du
+diese Mittheilungen recht bald erhieltest. -- Mögen sie Euch Alle so
+wohl treffen, wie ich mich fühle!
+
+Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich
+wieder +ans Land+, und auf festen Grund und Boden!
+
+
+ Stadt Vera-Cruz, am 3. Januar 1832.
+
+Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich
+ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt
+eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn
+nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier
+jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so
+stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte,
+daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich
+mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle
+der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des
+Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen,
+und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der
+eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst
+merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese
+Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht
+alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen
+welche der warme tuchene Mantel (~Capa~) der besseren Classe, oder
+die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (~Zerapa~), deren
+auch der ärmste ~Lépero~ nicht ermangelt, kaum zu schützen vermag. --
+Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als am Lande,
+und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht, welche wir
+auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt ganz geeignet,
+den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu steigern;
+wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern der
+Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine
+gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche
+Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten,
+Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen des Sturmes zu
+überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht.
+
+Wenn aber der Uebergang von Hitze zu Kälte hier schnell ist, so ist
+es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie
+sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne
+wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die
+Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte
+sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug
+die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm
+der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und
+uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. -- Du kannst denken, daß ich das
+Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ.
+Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen
+hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran,
+für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte,
+was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles
+glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen,
+es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain
+Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten
+überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während
+der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für
+uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm
+denselben beim Abschied schriftlich überreichten.
+
+Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf
+das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet,
+nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem
+Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht
+gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an dieser
+Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl
+zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist.
+Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche sich
+im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit einer
+oft übermäßig großen Hitze,[4] das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen
+(~vomito prieto~) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz, in den Monaten Mai
+bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist. Diese, den Eingebornen
+des Hochlandes von Mexico in noch höherem Grade, als den Europäern,
+gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch nicht auf die Stadt
+Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß an der ganzen Küste,
+und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge, namentlich auf dem Wege
+nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über der Meeresfläche gelegenen
+Landgut, Encero, so daß der, auch schon sehr hoch liegende, von schöner
+kräftiger Vegetation umgebene, und von einem nicht unbedeutenden
+Waldstrom bespülte Flecken, ~Puente national~, (halben Weges zwischen
+Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß des Vomitos in den besagten Monaten
+ebenfalls unterworfen ist. Der Ursprung dieser verheerenden Krankheit
+dürfte mithin auch wohl in noch andern Gründen, als der Ausdünstung
+der Sümpfe, welche Vera-Cruz umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse
+indessen diesen Punkt den Naturforschern, und beschränke mich darauf,
+einem Jeden zu rathen, in der ungesunden Jahrszeit, d. h. von Mai bis
+October, sich nicht weiter küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und
+sich nicht sicher zu glauben, wenn etwa, wie jetzt der Fall, während
+einiger Jahre die Krankheit sich nur in sehr geringem Grade zeigt;
+sie pflegt alsdann mit erhöhter Kraft wiederzukehren, und Niemand kann
+voraussagen, +wann+ dies geschehen wird.[5]
+
+Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst
+daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr,
+wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von
+hier keineswegs übereilen.
+
+Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel
+und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht. Die
+Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich und
+im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas angemessen
+eingerichtet. -- Wir wohnen auf dem sogenannten großen Platz (~plaza~),
+und haben das ganz ansehnliche, altertümlich gebaute Stadthaus
+(~Palacio~) gerade vor uns und die Hauptkirche (~Cathedrale~) zur
+Seite, -- welche letztere sich aber weder von außen, noch von innen
+besonders auszeichnet.
+
+Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute
+Zollhaus (~Aduana~) ist einfach aber geräumig, und für die allerdings
+großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet.
+
+Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen,
+Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen wohl versehenen Markt, und
+ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen,
+und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu
+schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe
+-- (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) -- nicht. Das Ganze
+machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf
+mich. -- Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu
+sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von
+den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da
+eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern
+Seite.
+
+Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten.
+Für heute nur noch ein Lebewohl.
+
+
+ Vera-Cruz, den 9. Januar 1832.
+
+Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die
+Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen
+werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen
+scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären
+Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses)
+an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage
+eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen
+werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all
+dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein
+sogenanntes ~pronunciamento~, eine Protestation, der Truppen.
+
+Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat
+nämlich zusammen und erklärte, Namens der Armee, welche sich als
+Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die
+Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten,
+und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten
+Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man zum
+Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, -- wo nicht, das Begehren
+mit gewaffneter Hand durchsetzen.”[6] -- Die Garnison sandte hierauf
+eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem Landgute
+(~hacienda~) wohnenden, General Santa Anna, mit der Bitte, sich an die
+Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ sich willig finden,
+-- (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher mit ihm verabredet
+gewesen) -- und ward nun von einer Abtheilung Dragoner abgeholt, und
+mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und Glockengeläute empfangen. Er
+nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit den Civil-Autoritäten und der
+Garnison, die weitern Operationen noch in derselben Nacht verabredet
+wurden. -- Der Commandant der Festung St. Ulloa ist den Beschlüssen
+der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und hat sich unter die Befehle
+von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig, indem die Stadt von jener
+Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr (so wie Antwerpen von
+seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund geschossen werden kann.
+
+Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen
+Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen
+hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der ~plaza~ versammelt,
+und nach einem etwas schwachen Rufe von: ~viva Santa Anna y mueren
+los ministros!~ -- ging jedermann ruhig nach Hause und, zur gewohnten
+Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu Bette. Auch die
+darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen Gleise, und man
+bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution nur an der
+verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht dies
+ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen
+scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die
+Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa
+Anna an ihn gerichtetes +vermittelndes+ Schreiben, eingetroffen ist.
+-- Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen,
+etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen
+Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge
+nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will
+man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem
+Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite.
+
+Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa
+Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war
+vortrefflich, und das Officier-Corps, -- (ein weit zahlreicheres
+als bei gleicher Truppenzahl in Europa) -- nahm sich in den reichen
+Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung.
+
+Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34
+Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm
+vorgestellt, und unterhielt mich mit ihm ziemlich lange über die
+neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen
+Vorfälle in Europa, -- die belgische und polnische Revolution
+nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern
+beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. -- Santa Anna’s Manieren
+und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen
+schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero,
+der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei
+der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von
+einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der
+gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar
+annahm.
+
+An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine
+kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und
+nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch
+in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros
+(mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts
+aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem
+mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes,
+europäisches Auge, komisch genug aus. +Ich+ fuhr in einer Volanta,
+einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen,
+nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über
+Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo
+zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber
+dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. -- Es stand hier
+früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein
+temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen
+eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu
+Lande allgemein beliebte Hazardspiel, ~Monte~, zu frequentiren, wobei
+denn Einige Silber, noch Mehrere aber Gold, und zwar oft große Summen,
+einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl aus einer
+Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden Guitarren-Musik,
+den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern an Grazie sehr
+nachstehen sollen, -- und ich bemerkte auch in der That sehr wenig von
+dieser Eigenschaft. -- Da es bekanntlich in dieser Zone schon um 6 Uhr
+Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen Parthie sehr früh
+nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu erwähnen, daß wir den
+Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer, bei einer Tasse Thee
+recht angenehm zubrachten.
+
+Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm
+S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise
+war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von
+viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in
+mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und
+nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der
+Hauptstadt +Mexico+ begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier zu
+Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen
+Räubereien zu schützen. ~Tout comme chez nous~, -- könnte hier ein
+Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies
+nicht können!
+
+Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder.
+
+
+ Jalapa, den 12. Januar 1832.
+
+Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz
+hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir
+-- in unserm Theile von Europa wenigstens -- nicht anzuweisen. Da Du es
+aber nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu
+beschreiben. Höre also.
+
+Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in
+folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich, in
+einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (~litera~) liegend,
+in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem Schutzwehr
+gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s, einige
+der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich, der
+Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu dürfen
+baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der sich, nach
+ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet hatte und so mehr
+einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines friedlichen Reisenden
+glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs Maulthiere, welche unser
+Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer des Zuges zu Pferde, die
+Thiere, unter beständigem Peitschenknallen und “~Mula~”-Rufen, bald
+hier bald dort antreibend. In einiger Entfernung bildete Freund S.
+mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal ein zweirädriger, mit zwei
+Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß der Carawane, welche sich
+am Ende doch noch rascher bewegte, als ich erwartet hatte.
+
+Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu
+Pferde, -- die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche
+Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und
+hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in
+dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und
+daher besser unterbleibt. -- Zweitens, mit der Diligence, welche aber,
+obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser
+beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei
+Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen Löcher auf den schlecht,
+oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr
+unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische
+Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme
+Diligence zwischen +Mexico+ und +Jalapa+ in Gang gebracht hat, ihren
+Cours bis +Vera-Cruz+ fortsetzen wolle; bis dies aber geschehen und der
+Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen einer Reise per
+Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. -- Drittens kann man denn auch in
+einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie Du siehst, ich
+gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an den Seiten mit
+Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen, einschläferigen
+Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen und schlafen,
+oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten und vorn
+eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist aber, besonders
+wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott setzen, keineswegs
+angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig hangen, in den oft engen
+und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden. Dessenungeachtet ist diese
+Reiseart die am wenigsten angreifende, und deshalb dem noch nicht
+acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu empfehlen.
+
+Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade
+des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach
+etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach
++Santa-Fé+, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege nach
+Mexico.
+
+Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und
+hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z. B. die Küche) nur mit Rohr
+umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht,
+daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und
+Appetit sogar an dem sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der
+Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein
+frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und
+genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. -- Die übrigens schwache Bevölkerung
+von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher
+Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe
+der Küste, mitunter +Neger+, die aber bekanntlich in der mexicanischen
+Republik +frei+ sind, d. h. +ganz gleiche Rechte+ mit allen übrigen
+Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den Vereinigten
+Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch Vorurtheil,
+zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden.
+
+Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner
+und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche
+Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an
+Federvieh u. s. w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders
+stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der
+südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der
+Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte
+die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und
+wohlgemuth in +Puente+ ankam, wo wir übernachteten.
+
+Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico.
+Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern
+umgeben, und von dem Fluß +Antigua+ bespült, der zwar in dieser
+Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich
+hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz,
+sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne,
+breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische
+Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht
+unbedeutenden, auf einem der benachbarten Berge gelegenen, Veste
+beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden
+Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr
+kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall
+gerathen. +Santa Anna+ hat Besitz von diesem Bergpaß genommen; weiter
+ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht, weshalb
+uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. -- In dem Gasthof
+zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen von
+englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten
+schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S...
+(der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht
+kannte, und z. B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im
+Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.)
+sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der
+verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, ~al modo
+del pais~, auf unsern Matratzen im Freien, d. h. unter dem Corridor des
+Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u. s. w.
+
+Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf
+welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei
+freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer
+Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier
+zu Land so beliebten ~frijoles~, einer Art Bohnen, erfrischten. --
+Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen
++Jalapa+, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich denken kann,
+gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen, Orangenbäumen und
+dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. -- Fiele in Jalapa nicht so
+viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten Wolkenregion, 4300 Fuß über
+der Meeresfläche, und hat daher dessen etwas zu viel) -- so wäre diese
+Gegend ein wahres Paradies, denn es herrscht hier ein ewiger Frühling!
+Das Clima ist weder zu heiß noch zu kalt, und durchaus gesund. Man
+kennt hier das schwarze Erbrechen nicht, weshalb Jalapa denn auch,
+während der an der Küste ungesunden Jahreszeit, der Aufenthaltsort
+der Altspanier war, als diese noch das Monopol des Handels und in
+Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und dort Ankunft und Abgang
+der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten. Jetzt hat sich dies
+alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen Jahreszeiten, und die
+Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer) bleiben auch während
+der Fieberzeit an der Küste. --
+
+Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen
+freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe
+und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in
+die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren
+die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick.
+Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z. B. das
+schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u. s. w. so reizend macht,
+an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. -- Von den Dächern
+des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht
+unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus
+schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von
+dem Reichthum der +vegetabilischen+ Natur. -- Erst wenn dereinst ein
+liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die
+Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und
+menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone
+aufsetzen.
+
+Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem
+eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen im Innern des
+Hofes (~patio~) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die
+Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend.
+In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen
+Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als
+Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen
+Namen leihen muß. -- Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von
+Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der
+mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die
+Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können.
+Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen
+worden.
+
+Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, ~Fonda Francesa~
+benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich bin mit Tisch
+und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor, mit der
+nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen; denn, so
+gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine Geschäfte
+keine Zögerung am Wege. -- Lebewohl!
+
+~P. S.~ Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich doch
+auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner
+Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen
+Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre
+zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche,
+große, schwarze Schleier (~Mantilla~) kleidet die Damen recht anmuthig;
+ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht ab.
+
+
+ Puebla, genannt ~la Puebla de los Angelos~,[7]
+ den 15. Januar 1832.
+
+So wären wir denn nun auch so weit ohne Unfall gekommen, und hätten den
+berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der
+versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange
+deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa
+am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen
+Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York
+erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt
+sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von
+sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und
+fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf
+bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da
+die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr
+schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist,
+und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen,
+jedenfalls nicht ohne Beschwerde. -- Man reiset indessen auf diese
+Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in
+zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier
+darauf verwenden mußte.
+
+Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß.
+Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig
+angelegten Steindamm aus der spanischen Zeit; links ist derselbe
+durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele
+reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene
+Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne
+sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit
+verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken
+besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen,
+die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal
+mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat.
+
+In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in
+der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert
+sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden
+und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die
+Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr
+die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich
+den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz
+gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der
+ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der
+Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser
+Aussage vollkommen.
+
+In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle
+mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele
+Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den
+Landleuten getragen werden.
+
+Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über der
+Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, -- so genannt,
+weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem Auge, nach
+allen Seiten hin, die Form eines großen +Kastens+ darbietet. Dieser
+Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach +Humboldt+ 4089
+Metres hoch.
+
+Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf
+welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere
+derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem
+anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren
+Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz
+sei! -- Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend
+Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade,
+Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine,
+auf viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht
+viel Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst
+~el mal pais~, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche
+an diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was
+sich uns auf diesem Wege nach +Tepeyaqualco+, dem Ziele der Tagereise,
+darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz
+nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß
+Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen
+u. s. w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben
+wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf
+das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei
+der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit
+waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten.
+
+In +Tepeyaqualco+ fanden wir besseres Nachtquartier, als wir erwartet
+hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht nur mittelst
+der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher. Abends erhielten
+wir ein Huhn in Reis gekocht, und Morgens vor der sehr frühen Abfahrt
+eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico, selbst in dem ärmlichsten
+~meson~ (Wirthshaus), stets ziemlich gut zu haben ist. Auch hier, wo
+man z. B. früher, wenn man nicht auf der Erde schlafen wollte, sein
+eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte Freund S..., daß in den letzten
+Jahren ungemeine Fortschritte in allen Reisebequemlichkeiten gemacht
+worden wären, was man denn wohl hauptsächlich den Unternehmern der
+nordamerikanischen Diligence zu verdanken hat, welche dafür sorgen,
+daß überall auf ihren Stationen gute Nachtquartiere in Bereitschaft
+gehalten werden.
+
+Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man
+zuerst nach Ojo de Agua, woselbst -- wie der Name schon andeutet --
+eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier
+blos zum Waschen von Leinenzeug u. s. w. benutzt wird, während in
+bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle
+herum angelegt worden wäre. --
+
+Bald darauf erreichten wir +Nopaluca+, das schönste und größte Dorf,
+das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser und
+eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren
+Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt
+gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das
+Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst
+auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges
+gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen,
+die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken.
+
+Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß
+wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen
+Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege Pinal, glücklich und
+ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der diese
+Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und freut
+sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch, denn der
+besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern Hinterhalt,
+und ist daher sehr anlockend für die ~hombres de bien~, (Biedermänner,
+-- wie man sie scherzweise nennt) welche dieses ehrenhafte Handwerk
+treiben. Wenn diese ~caballeros~ keinen Widerstand finden, sollen sie
+sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft benehmen, mit dem Eigenthum
+sich begnügen und den Personen weiter kein Leides zufügen. Den
+geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre Habe, und bitten um
+Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es jedoch zu einem
++Gefecht+, und die Räuber behalten die Oberhand, so ist natürlich nicht
+allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in Gefahr, und man hat in
+solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt. -- Während des Marsches
+regulairer Truppen sind die Wege am sichersten; das Militair ersetzt
+dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr noth thut.
+
+Der nun folgende Flecken +Amazoque+ ist sehr schön, groß und
+freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von
+ausgedehnten +Maquay+-Pflanzungen, von deren interessanter Behandlung
+bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir Näheres
+sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde; für
+jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für die
+bekannte +Garten-Aloë+ (~Agave americana~) und Pulque ein geistiges
+Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den Einwohnern
+allgemein genossen wird.
+
+In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio,
+der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef
+der Armee, Calderon, stoßen und die Operationen der Belagerung von
+Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst
+machen zu wollen.
+
+Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber
+freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor
+Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen
+Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen
+Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese
+volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein
+bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich an
+freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach dem
+benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen Johannes
+geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von +der+ Seite her, von welcher
+wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade untergehenden Sonne,
+sehr schön ausnahm.
+
+Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik
+fehlenden, ~Garita~, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten
+überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich
+wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der
+~fonda francesa~ ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns mit
+einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und besahen
+uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben entsprach
+dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie die große ~plaza~
+vor der Cathedrale, machten auf uns den gewöhnlichen, befriedigenden
+Eindruck einer +großen+ Stadt, den das Wiederbesehen am heutigen +Tage+
+keinesweges verwischte oder schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön
+zu nennen; die Straßen sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut,
+breit und reich an schönen Häusern. Die auf einem großen Platze
+stehende Cathedrale ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und
+Silberverzierungen wahrhaft überladen, -- nicht so mit Gemälden, deren
+ich meistens nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die
+Kirche soll sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen
+Millionen Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur
+viel Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn
+auch +hier+, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der
+Republik geltend macht.
+
+Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick;
+es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden.
+Dagegen desto mehr die +geistlichen+ Darstellungen auf der Bühne, von
+denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen
+Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren
+keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob
+man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem
+Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche
+Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten
+habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich
+gemacht wird, ist gewiß.
+
+Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A.,
+Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute
+nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der
+ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing
+uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns
+zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und
+den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern
+Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in
++Puebla+ nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die
+früher vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier
+mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf +Santa Anna+
+waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen,
+und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der
+Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und
+präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls
+bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in
+guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als
+die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem
+Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug,
+sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut
+schmecken ließ.
+
+Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger,
+Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und
+Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an
+Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um
+die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt
+sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die
+Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation
+schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit
+anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben.
+
+Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar
+nicht als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja
+sogar als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab
+dazu aufgeregten, Pöbel, den ~lépero’s~, deren Puebla eine große Menge
+besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der
+Republik so wenige +nichtspanische Europäer+ sieht, als hier. -- Man
+versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die zwar gute
+Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen
+sollen.
+
+Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein
+Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General
+Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen
+ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei!
+Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen,
+daß kein wahres Wort daran ist. -- Dies wissen auch noch viele Andere,
+aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der
+Gegenparthei! -- ~Tout comme chez nous!~ --
+
+Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals
+per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen
+täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme
+Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man
+von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens
+um 6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in
+der andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders,
+als den +Fremden+? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man
+indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios!
+
+
+ Mexico, den 21. Januar 1832.
+
+Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten
+aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es
+noch ferner geschehen? -- Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir
+übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und
+Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen
+können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, denn wir
+legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit
+schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken
+San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und
+reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” -- Die
+reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden
+und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern,
+welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen,
+daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn
+uns nicht das schöne warme -- ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch
+nur hier zu finden) enttäuscht hätte.
+
+Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt,
+vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die +drei+
+berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den
++Orizaba+, den +Iztaccihuatl+ und den +Popocatepetl+, am Horizont
+zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen eigenthümlichen, ja
+erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch bald wieder aus dem
+Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene von Mexico, nur noch
+die beiden letztern im Auge.
+
+In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die
+Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf
+seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen
+militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will
+nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen,
+Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! -- Die
+Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird
+dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen? --
+
+Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen
+höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch
+wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch weiter
+nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000 Fuß über
+der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man daselbst in
+einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon oft von
+Räubern angefallen werden soll. --
+
+Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach
+Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen
+Blick in das +Thal von Mexico+ eröffnen, wenn anders einer, zwar
+von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so
+ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich
+faßt, die Benennung “+Thal+” gegeben werden soll. Ich kann nicht sagen,
+daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so entzückt
+gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge zu sehr
+entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu können, als
+die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten Formen nach
+allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne, erblickt. Dieses
+geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem Geschmack schöner
+unten im Thale als oben auf dem Berge aus; -- +eigenthümlich+ jedoch
+von beiden Standpunkten.
+
+In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir
+einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns
+hätte werden können. -- Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil des
+steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten an der
+Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du kannst
+Dir unsern Schrecken denken, -- denn man hat auf einer solchen Reise in
+den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, die sich allenfalls ersetzen
+ließen, sondern -- was wichtiger und nicht zu ersetzen ist -- seine
++Papiere+! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder durch einen
+der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem Wege liegen
+geblieben? -- Glücklicherweise war letzteres der Fall, und nachdem
+wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die ganze Bagage
+auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im Begriff, sich
+mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten ihnen diese
+Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren weiter -- und
+erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, -- aber dennoch
+früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, großen indianischen
+Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit ihre freundlichen Hütten
+umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, zu erfreuen! Bei dem hier
+statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die Einwohner von allen Seiten
+Blumen, Orangen und sonstige Früchte des Südens zum Verkauf an, und
+schienen froh und guter Dinge. --
+
+Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico
+führt, und die beiden Seen, den +salzwasserigten+ zur Rechten, und
+den +süßwasserigten+ zur Linken, von einander trennt, fuhren wir
+beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm
+Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen
+-- so -- gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große
+Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!
+
+Du weißt mich nun hier, -- bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam
+eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl
+zufrieden.
+
+
+ Mexico, den 23. Januar 1832.
+
+Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in
+Europa so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von
+mir hören wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn
+mir die Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die
+langen, mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große
+erschien, so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen
+bestätigt und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als
+großartig nennen; man würde “+schön+” hinzufügen müssen, wenn etwas
+mehr Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und
+Gebäude verwandt würde; -- aber man sieht diesen nur allzusehr den
+Verfall, oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen
+bürgerlicher Unruhen in einem Lande sind. Nur +Friede+ und der Glaube
+-- die Ueberzeugung -- des +ruhigen, gesicherten Besitzthums+ kann
+die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den
+Stempel des Reichthums aufzudrücken! -- Diese Ueberzeugung mangelt
+aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht
+daher in +der+ Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal an
+dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern
+öffentlichen Gebäuden. -- Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt
+und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen
+Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift
+man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit,
+in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben
+durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man
+übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum
+einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge
+weit näher erscheinen, als sie wirklich sind. Die Luft ist hier so
+hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen
+Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen
+kann.
+
+Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf
+gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen
+Zwischenstock (~entresuelo~) so daß sie in der Regel keinesweges von
+niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und selbst
+vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große Palläste,
+die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen verdienen
+besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches zuletzt der
+ephemere Kaiser +Iturbide+ bewohnte, sodann die großartig angelegte,
+noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der National-Pallast
+(ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das Museum oder
+Universitätsgebäude, und -- unter den Klöstern und Kirchen, deren es
+hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne Cathedrale!
+
+Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern, und
+zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den beiden
+übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres in irgend
+einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz, wo bei großen
+Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch geistliche
+Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der That +ungemein+
+groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch eine Reihe von
+Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind, und durch die vor
+einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben eine traurige
+Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück abgewonnen wäre.
+-- Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem nicht so reich
+ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön und viel größer
+als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend, symetrisch und zum
+Theil im gothischen Styl ausgeführt, namentlich die an der linken
+Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der entgegengesetzten
+Seite ist der etwa 10 Fuß im ☐ große Stein mit dem berühmten
+altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber nicht
+entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. -- Die Cathedrale, so wie sie
+ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem erstgenannten
+National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang -- (er nimmt die
+ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock hoch, mit einem
+~entresuelo~, oder einer ~Mansarde~. Das Gebäude imponirt deshalb nicht
+genug, und ich wundere mich in der That, daß die vormaligen Vice-Könige
+Spaniens sich keine prachtvollere Residenzen erbaut haben, da es ihnen
+doch an Vorbildern dazu -- in der Stadt Mexico selbst nicht mangelte
+und noch weniger an dem dazu erforderlichen Gelde. -- Den linken Flügel
+des Pallastes, dessen Salons geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz
+geschmackvoll meublirt sind, bewohnt jetzt der Präsident der Republik.
+
+Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller
+Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser
+Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm
+die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt,
+benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle
+für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in
+den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen
+Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich
+durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. -- Das Local des Senats ist zwar
+etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts
+zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch,
+daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden
+konnten. (Die Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei
+geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch
+gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps
+ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen
+in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei
+gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des
+Congresses, der zur +Rechten+ von dem Präsidenten der Kammer, der zur
++Linken+ von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In den
+gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz
+neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel.
+Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist
+geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in
+welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa
+herausrufen lassen, besprechen können.
+
+Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch
+hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine
+für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß
+über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist,
+auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im
+weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber
+zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon
+machen können. -- Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche
+Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.
+
+Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl
+ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.
+
+Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches wir
+bewohnen, haben einen viereckten Hofraum (~Patio~) in der Mitte, in
+welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. -- Der untere
+Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, Waaren-Magazin
+u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf welchem Mexico
+steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen ist und da, in
+der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die Fußböden der
+Magazine steigt. -- Die Wohnung ist im zweiten Stock. Die Zimmer sind
+luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster reichen bis zum
+steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf einen Balcon nach
+der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft eine Gallerie, die nach
+den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen Cactus-Pflanzen und andern
+Blumen besetzt ist und statt des Gartens dient. Dieser Gebrauch macht
+das Innere des Hauses sehr freundlich, denn die Gewächse blühen das
+ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist z. B. jetzt mit allem versehen,
+was Auge und Nase erquicken kann. -- Das Ameublement richtet sich ja
+überall, und somit auch hier, nach den Umständen des Bewohners. Einige
+Häuser sind sehr elegant meublirt und decorirt; das unsrige ist recht
+gemüthlich und ich vermisse in demselben nichts, als das wohlthätige
+“Schalten und Walten der Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen
+Zimmer, vorne heraus, und empfange die formelleren Besuche in einem
+daran stoßenden Salon, wie z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich
+mein Empfehlungsschreiben von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und
+der darauf hin zuvorkommend genug war, mir den ersten Besuch zu machen.
+
+Oben auf der ~Azotea~ (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser
+haben) hält man sich denn wohl, -- wie z. B. ich -- zum freundlichen
+Andenken an deine Liebhaberei -- Hühner, Kalkuten und Tauben die
+Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der
+eignen Zucht! -- Das werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch
+ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß +hier oben+ auch
+der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch ist
+es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche das
+Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von
++oben herab+ sehr leicht macht, während man von +unten+ her, wo der
+Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte seine
+Wohnung hat, nichts befürchtet.
+
+
+ Mexico, den 29. Januar 1832.
+
+Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste
+gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und
+ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt
+unterrichtet zu halten.
+
+Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner
+Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht
+durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von
+Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt
+die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu
+geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. -- Man will
+sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm
+nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und
+ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt +seine+ Kräfte und
+unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die
+Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen
+habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung,
+mit der man hier davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber
+täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun
+aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man,
+wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten
+Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens
+derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten
+Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell
+alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die
+Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders
+da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat
+Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht
+mehr vertragen. Inzwischen -- die Zeit wird es lehren! -- Hier
+aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und
+fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas
+(Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich
+das Alles ~cum grano salis~ mitmache, kannst Du denken, denn das ist ja
+nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!
+
+Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende
+der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück
+gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann
+wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die
+Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda
+ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren
+versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im
+Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt
+ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub
+muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist
+alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte
+des Gartens ist ein großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen
+angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden
+Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. --
+Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich
+breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck
+umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun
+bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von
+Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion[8] zurück, um
+für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade
+(oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder
+Gesellschaft zu besuchen.
+
+Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht;
+die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit
+vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich
+und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der
+italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt,
+die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt
+werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper
+jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik,
+die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und
+zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der
+hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst
+Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen
+entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen
+berechtigt ist, das ist +das Haus selbst+! Die Logen haben übrigens
+nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn viele Damen
+gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und reich;
+-- Eheherren und Papas wollen behaupten +zu reich+! Hieran sind denn
+aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt zieht man die
+Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur Putzsucht
+heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst gehen und
+stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals aufgeputzt
+gesehen habe!
+
+Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von
+Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht,
+was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher
+schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder;
+jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch
+ausnahmsweise -- aber man sieht es doch noch!
+
+Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen;
+da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut
+angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr
+gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als
+ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl
+der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer
+bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht
+ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden
+Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die
+da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald
+mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik,
+durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund
+that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl
+der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den
+Kampfplatz! Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der
+bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.
+
+Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen
+aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von
+vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier
+ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur
+selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt
+dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze
+Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe
+rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch,
+daß +er+ den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit diesem
+herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es durch
+einen Trompetenstoß von +diesen+ Feinden erlös’t, und einer Anzahl
+Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, durch
+Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei
+Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den
+dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn
+oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig
+abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein
+Ende -- und bringt den Hauptmann, den +Matador+ (Todtschläger) auf den
+Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen
+Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden
+Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf
+ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der
+ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch
+einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß
+mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten,
+bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem
+Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie
+und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit
+frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso
+mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf
+bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den
+Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und
+Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht
+ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden
+Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.
+
+Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich
+für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen
+Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die
+Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem
+Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt
+der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens
+hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!
+
+
+ Mexico, den 21. Februar 1832.
+
+Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber
+Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte
+ich das auch nicht? -- Ich hatte diesmal aber noch eine besondere
+Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten
+Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider
+gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war
+nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte
+(es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht
+werden, die Pferde waren gesattelt und warteten unserer im Hofe, der
+leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen)
+belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas
+kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den
+glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem
+Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere
+auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als
+ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen
+noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte
+schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus
+der Cavallerie ausstreichen lassen. -- Gebrochen scheint nichts zu
+seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz
+steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere
+Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten
+acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen
+zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen,
+da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon
+sagen.
+
+Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein von
+Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang gebracht
+worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide gehalten. Der
+Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen romantisch
+gelegenen, Capelle ~de nuestra Señora de Gouadaloupe~, (wovon ich
+später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas zu erzählen
+haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie abgesteckt, und
+am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für die Zuschauer
+angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte lang, denn man
+behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft wegen) kein Pferd
+einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde aushalten können (?).
+-- Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden Pferde sind alle von
+mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig, aber ohne Schönheit und
+Grazie, und mit den edelgeformten englischen Wettrennern (~racehorses~)
+eben so wenig zu vergleichen, als das Wettrennen selbst mit denen
+in England, wo es Nationalsitte ist und Tausende von Zuschauern
+heranzieht, während sich hier nur eine sehr mäßige Zahl von Menschen zu
+Pferde und zu Wagen versammelt, um das Schauspiel mit anzusehen. Unter
+denen, die da waren, ward jedoch auf gut mexicanisch stark gewettet.
+Leider bildeten sich dabei zwei Partheien, eine englische und eine
+mexicanische, und da die erstere gewann, so machte dies übles Blut bei
+den Eingebornen, was gerade jetzt um so mehr zu bedauern ist, als die
+Politik ohnehin schon von Seiten der theokratisch-altspanisch gesinnten
+Gouvernements-Parthei, eine Spannung gegen die +Fremden+ hervorbringt.
+
+Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß
+die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend
+seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit
+Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den
+Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund
+vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es
+hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der Dinge
+weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. -- Es
+handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um das
+was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch nicht
+blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller Anstrengung
+des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend Mann hat
+zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken! -- Damit nimmt
+man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche Hafen und Festung
+zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500 Mann unter einem
+Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen an Talent überlegen
+ist, und dessen Truppen gut genährt und unter Obdach einquartirt sind,
+während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz belagern will, in einer
+Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits so weit vorgerückten
+Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber preisgegeben ist. --
+Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10. März einen Angriff
+auf Vera-Cruz wagen! -- ich glaube aber an keinen Erfolg und bin
+der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen müssen.
+Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication zwischen
+hier und Vera-Cruz gar sehr, und +Friedrich+ ist daher eigens dahin
+gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über die Maaßregeln
+zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen werden müssen,
+falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln sollten. Er ist
+Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren Männern häufig
+geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa einen Unfall
+gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das Pferd rannte
+nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür, wodurch er sich
+an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch -- Gottlob --
+Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa, die Reise von
+dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn denn das, in
+solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz herstellen
+wird.
+
+Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und
+Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine
+ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl.
+
+~P. S.~ So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit, zu
+meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum
+7. November reichend, aus R.. -- Gottlob, daß ihr alle wohl und so
+vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß
+die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe
+denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet
+übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns
+statt! -- Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen
+Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben
+hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen,
+Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst
+Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt,
+und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber --
+die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar
+gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis jetzt
+beurtheilen kann, würden sie +Dir+, da Du, obgleich ein Kind des
+Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen. Mir ist das
+Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich schon an die
+Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der +Hitze nähert+,
+ohne sie +zu seyn+, der kalten und frostigen Atmosphäre bei uns weit
+vorzuziehen.
+
+
+ Mexico, den 21. März 1832.
+
+Noch immer habe ich Hausarrest und kann noch nicht ohne Krücken
+gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du
+Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut
+fliegen, es nicht auf dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost
+gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer
+stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen
+Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils
+unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich,
+wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du.
+
+Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen,
+denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten,
+worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was
+in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir
+allein +Euren+ Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz ganz
+hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere
+Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges
+Wohlseyn erfahre. -- Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste
+verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt
+in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein
+brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen;
+er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die
+Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im
+Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht,
+beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das
+Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn
+als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen
+Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf
+dessen ganzes Corps, und mußte sich, ~bon gré mal gré~, am 3ten dieses
+bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl noch
+Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward.
+
+Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde -- und Santa Anna
+verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell
+die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um
+4 Uhr an und hielt diesmal keinen +Triumph-Einzug+! -- So groß sind
+aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell
+gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei
+neuen Muth einzuflößen, -- während Calderon, der, wenn er mit Energie
+vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner
+nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte
+Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte,
+vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit
+einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals
+gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren
+gedenkt.
+
+Bei Tolome ward denn auch -- denke Dir! -- ein Landsmann von uns (der
+Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise
+mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair
+ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer
+genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei
+Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den
+Degen nicht mehr halten konnte. -- Calderon ließ ihn vorführen und
+wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich
+in den +häuslichen Bruderzwist der Mexicaner+ nicht mischen sollten!
+Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel, daß er
+gleichfalls +Fremde+ in seiner Armee habe! -- Es dienen deren nämlich
+mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der mexicanischen
+Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein gewisser
+Arago, ein französischer Artillerie- und Ingenieur-Officier, aber
+auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. -- H. ward
+also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot zu
+Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften
+mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. -- Der Vorfall
+ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber
+zu machen? -- Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der
+Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen.
+
+Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der
+Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen
+und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des
+Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, -- das kannst Du
+Dir denken, -- aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite
+Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa
+Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort
+dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich
+ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu
+marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? -- Er kommt
+wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der
+Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte
+Deputation und -- +geht zu der Gegenparthei über+, obgleich ihm der
+Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war!
+
+Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden
+wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico
+verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als
+glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten
+muß und wird. -- Man scheint indessen im Minister-Conseil noch
+keinesweges nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen
+werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß
+der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der
+Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz
+und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges,
+weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht
+unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden
+können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem
+Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen.
+
+Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich
+mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem
+Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt
+schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach
+Europa nicht werde denken können. -- Deine Täuschung hierüber kann
+nicht größer seyn, als die meinige! Aber -- die +Pflicht+ gebeut, und
+da müssen die +Wünsche+ schweigen; -- sie waren sonst heute lebhafter
+als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte +Deinen
+Geburtstag+ still und einsam -- aber in treuer inniger Liebe!
+
+
+ Mexico, den 11. April 1832.
+
+Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann
+und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin auf
+dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist in
+dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der ~beau monde~ von Mexico, sie
+wechselt dreimal im Jahre, im +sogenannten+ Winter (einen eigentlichen
+hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr ist’s der Paseo
+Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo. Die Alameda habe
+ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe ich nur zu sagen,
+daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee ist, welche längs
+des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende Gegend bietet, wie
+überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico, keine Naturschönheiten
+dar, man hat an beiden Seiten flaches Land, ohne Baum- und Buschwerk.
+Der, von langen, breiten Böten oft stark befahrene, Canal auf der
+einen Seite, und die zahlreichen Equipagen, Reiter und Fußgänger auf
+dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch ein heiteres Leben; -- die
+Böte auf dem Canal insbesondere gewähren oft einen recht amüsanten
+Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten, welche Blumen nach der Stadt
+bringen und nun auch ihre Häupter damit bekränzen, einher fahren, oder
+wenn von der niedern Classe der Städter Spazierfahrten auf dem Canal
+veranstaltet werden, bei welchen hier und da, in den Böten, ein junges
+Paar einen National-Tanz nach der Guitarre abhüpft und der Rest darüber
+herzlich lacht. -- Solche Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande
+weit minder lärmend, als bei uns; das liegt im Charakter der Mexicaner,
+der, so weit ich ihn habe kennen lernen, ein +stiller+ und +milder+ ist.
+
+Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der
+Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles
+emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier
+etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu
+unternehmen wage. -- Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe
+nehmen!
+
+Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom
+Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr
+eine deutsche Meile von der Stadt. --Ersteres ist ein nördlich von
+Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln
+in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen
+Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die
+meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch
+immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein
+~soit-disant~ botanischer Garten angelegt, in halb maurischem, halb
+altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und schmalen
+Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u. dgl.
+m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß es
+jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist
+ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer,
+als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und
+namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe;
+eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und
+also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die
+an der Wurzel über der Erde nur +einen+ bilden, der Stamm hat hier 41
+Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine
+andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese
+Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende
+Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde
+und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. -- Von
+hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am
+Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden
+führt. In dem, abermals ~Fonda francesa~ benannten, Wirthshause fanden
+und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher ein wenig
+mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam überschütteten,
+Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack verrieth. Unter
+Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas ganz anderes daraus
+geworden.
+
+An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der
+aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten
+immer, vernachlässigt und im Verfall ist. -- Es ist sonst ein recht
+stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem
+Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico.
+Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß
+hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr
+vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut
+und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden
+stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen
+Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen.
+
+Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon
+mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann.
+Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns
+ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da
+wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter
+vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen,
+eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen;
+wir frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten
+auch wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit
+Realen (dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der
+Gärtner, der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und
+Kindern, (letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf,
+~sans façon~ sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz
+hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als
+er aber, nachdem er den Dollar verloren hatte, eine Unze (Goldstück
+von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück und
+verbaten uns seine Gesellschaft ~in toto~, was er auch weiter nicht
+übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder abtrollte,
+wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der +Fremden+ (dies waren die
+meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit seiner Unze in
+die Schranken zu treten!
+
+Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils
+zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir,
+zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten
+anlangten.
+
+Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und
+wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten
+Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda
+und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. -- Dieser
+Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr
+solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von
+häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d. h. ohne
+Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt,
+woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores
+nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht
+wird.
+
+
+ Mexico, den 24. April 1832.
+
+Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer
+als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun
+heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch
+eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der
+Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das Wasser
+betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle,
+armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich
+abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe
+es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf
+den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade
+verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen,
+auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich
+angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens
+herzlich schlecht, d. h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und
+Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst in
+Stein +ausgemauert+ und die Zellen klosterartig und dunkel! Sicherlich
+haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein ziemlich großes
+Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle. Man nennt es
+Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und liegt hart
+an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach, seicht und
+nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen Fischen,
+von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge Indianer
+ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels haben.
+Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich darf sagen
+das +gräßliche Bild+, welches ich hier sah, gewiß in meinem Leben
+nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig und der Eingang
+groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als 15 Familien, aus
+mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling, bestehend, darin
+gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt, den Bedürfnissen
+derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da brannte ein Feuer,
+an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel bereitet wurden, auf
+welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder mit gierigem
+Heißhunger zu warten schienen. Man konnte deutlich bemerken, daß
+hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber keine Gemeinschaft
+der Güter stattfand. -- Außer den kärglichsten Nahrungsmitteln und
+einigen Fischernetzen war freilich auch nichts vorhanden, was eine
+Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast Alle gingen ganz nackt
+und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung um und an sich, was bei
+der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein europäisches Auge kein
+sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen jedoch, obgleich auf der
+untersten Stufe der menschlichen Bildung, fröhlich und guter Dinge zu
+seyn. -- Meine Erscheinung in der Höhle brachte die ganze Masse in
+Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich etwas zu erbetteln, ich gab
+was ich bei mir hatte, es reichte aber nicht aus und ich hatte viele
+Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom Leibe zu halten und meinen
+Rückzug zu bewerkstelligen!
+
+ * * * * *
+
+So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die
+ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler
+Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich
+sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier
+und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder
+Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier
+des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach
+den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und
+es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten
+Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten
+Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am
+Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz
+vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von
+Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher
+bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren
+Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es
+sich dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an
+diesem Tage +keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. +Limonade+
+u. dgl. verabfolgt werden dürfen+. -- Früher lustwandelten hier auch
+die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich
+der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist,
+oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich
+nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale
+die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit
+dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die
+Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen
+wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der
+Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme +Judas+ muß, in
+unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den
+Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln,
+hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines
+ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein
+Pariser könnte hier auch ausrufen: ~tout comme chez nous!~ was aber
+nicht ~comme chez nous~, doch komisch genug ist, das ist der Spaß, den
+sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden machen, die sie
+auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei und zwei stellen sich
+an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer über, welches sie mit
+solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, daß kein Hund, sei er
+auch noch so schnell und behende, ungeschnellt darüber wegkommt. Die
+Thiere scheinen dies zu ahnen und flüchten unter allgemeinem Geheul in
+die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber ist.
+
+Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so
+wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die
+Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von
+selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener
+starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser
+Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen
+Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich
+je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war
+am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende
+Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz
+erschlagen!
+
+Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast
+befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und
+meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir
+zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn
+die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe
+von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind,
+zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt,
+doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem
+Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich
+er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit
+Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich
+doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem
+Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der
+Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug,
+mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen
+vorzöge, daß er sehr bedaure, daß der würdige preußische Generalkonsul
+(Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere,
+worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.[9]
+Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter
+Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr
+verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte
+erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn
+soll.
+
+Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen
+Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. -- O
+daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich
+mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude
+machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer
+Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf
+der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und
+Henkel hat ein +mexicanischer+ Silberschmidt gemacht. Doch ich muß
+endlich einmal schließen. Lebe wohl.
+
+
+ Mexico, den 31. Mai 1832.
+
+Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen
+Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern
+von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage
+hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und
+daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du
+siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und
+daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine
+Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf
+der entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in ~Tierra caliente~
+(heiße Zone) und ~Tierra templada~ (gemäßigte, aber doch wärmer, als
+das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen
+und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des
+ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch
+und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu
+Gunsten des Letzteren ausfielen!
+
+Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe,
+daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und
+geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern
+von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.
+
+
+ ~P. S.~ vom 4. Juni 1832.
+
+Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße
++Nacht+-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und mich an
+dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. -- Es ist dieselbe
+Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät in der Nacht
+abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser freundlicher
+Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der ~Cactus grandi
+florus~ in seinem Treibhause blühe! -- Du wirst Dich der Zeichnung
+gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende Blume hat aber den
+Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker und wirklich ganz
+köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher Reihe, einen ganz
+offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen Staubfasern, weiß mit
+gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der Cactus-Blüthen beschränkt
+sich aber nicht auf diese schöne nächtliche Blume, sondern bietet am
+Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an welchen die kleinen lieblichen
+Kolibri’s nicht wenig schwelgen. -- Vor einigen Tagen verirrte sich
+einer derselben in mein Zimmer, ich fing ihn ein, um ihn in einen Käfig
+aufzubewahren, aber die flinken, bienenartig umherschwärmenden, kleinen
+Honigsauger ertragen kein Gefängniß, schon am zweiten Tage war das
+Thierchen todt! und es ergeht allen so, die eingefangen werden.
+
+Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der
+ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser
+Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom
+2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten,
+daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich
+diese nunmehr -- bei der Wendung, welche der Gang der politischen
+Ereignisse in diesem Lande genommen hat -- bald zu erhalten hoffen
+darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen
+war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter
+den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er
+Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte,
+unverrichteter Sache wieder abzuziehen. -- Santa Anna folgt ihm auf dem
+Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben
+abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.
+
+Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider
+der Handel auch! -- Lebe wohl.
+
+
+[1] Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der hohen
+See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen
+Berechnungen zur See, die der +Länge+ die unsicherste ist.
+
+[2] Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht, und
+mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir
+verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im
+April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden.
+Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren.
+
+[3] So genannt -- von den Menschenopfern, welche die Mexicaner, vor der
+spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten.
+
+[4] Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der mittlere
+Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico nur 17°
+Reaumur.
+
+[5] Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte Fall
+wirklich eingetreten; -- im J. 1833 nämlich erschien das schwarze
+Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von
+Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte,
+im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen,
+mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben
+büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb
+daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten
+Tag nach der Einschiffung.
+
+[6] Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht werden, sind:
+erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero auf verrätherische
+Weise hätten gefangen nehmen und erschießen lassen; zweitens, daß sie,
+ohne dafür von dem Papst die Anerkennung der Republik zu erlangen,
+Bischöfe von Rom angenommen hätten; drittens, daß sie die Rückkehr
+der, durch ein Gesetz des Congresses, landesverwiesenen Altspanier
+begünstigten, und, vereint mit diesen und der Geistlichkeit, zu Gunsten
+des ehemaligen Mutterlandes intriguirten! -- (~Audiatur et altera
+pars!~)
+
+[7] Also genannt, weil, ~mirabile dictu~, die Engel die Cathedrale
+erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und fügten
+in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem Bau
+der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der
+spanischen Geistlichen, vollendet hatten.
+
+[8] Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang, vom Thurm
+herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder gute
+Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht.
+
+[9] Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom mexicanischen
+Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens nicht zu
+leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen zu
+lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht -- und das mit
+Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche
+Nachbaren. -- Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in
+Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten
+Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten
+Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen
+versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der
+Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden
+gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung
+in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können.
+
+
+
+
+Beilage.
+
+Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des Vulkans Popocatepetl,
+unweit des +Plan de Amilpas+ gelegen.
+
+
+So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so
+mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das +Eisen+, und
+man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von Europa zu
+beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja oft mit 20
+Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen Geologen[10]
+war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur wenige Tagereisen
+von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden wichtigsten
+Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr leicht
+flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen innerer
+Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens noch
+übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche Mexicaner
+von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und ein äußerst
+vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu acquiriren,
+sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef der ~Banco
+de Avio~ (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der Industrie) zu
+vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe von Jahren, zu
+dem in Mexico ganz außerordentlich billigen Zinsfuß von 5 pCt. ~pro
+Anno~, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.
+
+Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines +Hochofens+ zur
+Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die
+glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das
+ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem
+Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir
+beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio
+zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der
+amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren,
+wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein
+ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten
+Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale
+von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke
+vorwärts auf unserem Wege; -- nachdem wir nun dort ein Frühstück
+eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen
+Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl
+über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu
+Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen,
+wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung
+auf dem Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern
+auch Bett und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur
+einigermaßen erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen
+auf diesen beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. +nicht
+ich+, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder
+Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren,
+ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an
+Zucker-Plantagen (~haciendas~) so reichen, Plan de Amilpas, 2000 Fuß
+tiefer gelegen als Mexico. -- Der natürlich stets abwärts gehende Weg
+führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse und
+nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne indianische
+Dörfer.
+
+In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um
+mehr davon zu sehen. -- Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte
+einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern
+Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war,
+so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten,
+alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder,
+im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging.
+Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß
+auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher
+bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen
+Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten
+(~Barancas~), die man auf den freien Feldern gar nicht eher bemerkt,
+bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir erst
+spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort wenig
+Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie die
+Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem
+großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.
+
+Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal
+durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und
+steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen
+Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich
+recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und
+Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, wo
+wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen
+Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich
+aufgenommen und gut bewirthet wurden. -- Wir fanden den Hoch-Ofen schon
+über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern
+Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz
+in der Nähe des Sitio finden. -- Die Wasserleitung führt dem Werke,
+von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers
+zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die
+Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern
+die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen,
+und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager
+so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen
+geschafft werden können. -- Die Unternehmer schmeicheln sich, auf
+diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von
+welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern
+zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und
+werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es
+bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige
+Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine
+Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung
+unverzüglich gemacht werden soll. -- Gelingt er[11] und realisiren
+sich die jetzt von der Sache gehegten Hoffnungen, so ist der Vortheil
+für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller
+Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen,
+der +Oeconomie+ wegen aus +Kupfer+ gießt! -- Ob man es aber alsdann
+auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn +deutschem
+Geiste+ und +deutscher Betriebsamkeit+ und +Ausdauer+ verdankt? --
+Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun einmal hier zu Lande dem
+Ausländer nicht sehr hold.
+
+Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage äußerst
+romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die ganze Gegend
+beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler des Plan de
+Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das große Dorf
+Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und Mechaniker
++Deutsche+ sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt werden. -- Ein
+anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets gefüllt erhält,
+vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem Ursprung +ganz
+deutschen Anlage+. Hoch über derselben in der Nähe der Wasserleitung
+fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, (bekanntlich eine
+harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) dessen sich die
+Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, zu ihren Waffen
+sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit welchen letztern
+sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, bei so unvollkommenen
+Utensilien, unbegreiflich erscheinen. -- Da es auf dem Sitio am Tage
+sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts strömende Felsbach, durch
+die vielen Badestellen, die er bildet, oft eine große Erquickung, die
+ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. -- Die Nächte sind hier
+aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, in einem noch unvollendeten
+Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, so verursachte mir das eine
+tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur so lange, bis wir in ~Tierra
+caliente~ ankamen, wo sie, noch ehe die Sonne in der Mittagsstunde
+alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig weggeschwitzt war. Wir machten
+uns nämlich am frühen Morgen auf den Weg, um eins der entfernteren,
+in ~Tierra caliente~ gelegenen Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen
+dabei durch ein sehr schönes, großes Dorf, von ganz indianischem
+Zuschnitt. Der dortige Geistliche, der uns gastfreundlich aufnahm, war
+ein unterrichteter Mann und hatte eine recht hübsche Bibliothek, die
+er, +so aufgeklärt+, vor dem Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte
+besitzen dürfen! Ich fand darin unter andern auch Humboldts Werke,
+in spanischer Uebersetzung, und als ich ihm meine Freude darüber
+äußerte, daß er unsern großen Landsmann kenne, versicherte er, daß er
+Niemanden höher schätze, und daß +er+ es gewesen sei, der in dem ersten
+constituirenden Congresse darauf angetragen habe, +dem Baron Alexander
+v. Humboldt das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren+, was dann auch
+geschehen sei!
+
+Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche
+Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge,
+und gegen uns freundlich und gefällig waren;[12] die Hitze war sehr
+groß und brachte, wie es schien, alles zur Reife und ins Leben. Der
+unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken,
+sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des Weges
+und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es die
+Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch die
+schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, deren
+schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, sondern auch
+mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer Gesellschaft
+bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des Zerschellens
+dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt würden, ähnlich
+fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, daß er nicht
+ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den +Bouteillen-Vogel+,
+und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, erschien mir der
+Vergleich stets ein sehr passender.
+
+Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns
+sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ.
+Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den
+climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich
+auf jeder Hacienda seyn +muß+) war klein. Wir besahen nunmehr die
+Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß
+überall nur +freie Arbeiter+ zu sehen waren, und daß es mithin sich
+als +unwahr+ ergiebt, wenn die Nordamerikaner der der südlichen
+Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen
+Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, und
+namentlich die Zucker-Fabrication, +könne nicht ohne Sclaven betrieben
+werden+! -- +Mexico+ liefert den praktischen und faktischen Beweis des
+Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, die jährlich ungefähr
+Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie Arbeiter liefert, und
+es sind solcher Anlagen in diesen und anderen Gegenden der Republik
++noch viele+; nicht nur hinlänglich, um dem großen Bedarf an Zucker für
+die eigene Bevölkerung zu genügen, sondern auch von den Häfen San Blas
+und Acapulco aus, nach Chile große Quantitäten davon auszuführen, ohne
+daß von Sclaven-Arbeit die Rede seyn +dürfte+. Denn was auch sonst die
+Fehler der +mexicanischen+ Constitution seyn mögen, in +einem+ Stücke
+ist sie der gepriesenen +nordamerikanischen+ weit überlegen, nämlich
+darin, +daß sie die Menschenrechte ehrt -- und keine Sclaverei duldet+!
+Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die Arbeiter auf jener
+Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als +freie+ Menschen
+abgelöhnt wurden, -- und ich sagte mir: was in diesem Lande möglich
+ist, ist es auch in andern, und es +muß+ daher auch in Westindien und
+in Nordamerika dahin kommen, daß der Sclave zum freien Tagelöhner wird.
+
+Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen,
+üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es
+abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die
+Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer
+das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große
+Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene
+Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. So kommt
+er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht
+Statt. -- Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr
+süß.
+
+Die von der Hacienda nicht weit entfernten +Eisen-Bergwerke+ boten als
+Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen springenden
+Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, daß sie so
+lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. -- Einer der Aufseher,
+ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der Nähe schattiger
+Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei Abtheilungen
+bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, in welcher
+er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine Flinte
+brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als
+Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier
+äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. -- Der Rückweg führte uns wieder
+durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und
+fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen
+dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten,
+besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.
+
+Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon
+den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu
+variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf
+diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche
+Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem
+größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war
+Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb +Markttag+, der, sehr
+stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte
+und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und
+Nürnberger Spiegel, -- kurz +Alles+, selbst das heterogenste, ward zum
+Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der Umgegend,
+meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen und eben
+nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie ich ihn denn
+überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch die ich in
+diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. -- Es mangelt eben hier noch
+nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite Straßen, große
+Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im Allgemeinen
+gewiß sehr zuträglich ist.
+
+Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei
+guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen
+ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale.
+Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr
+von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr
+in Mexico an! -- Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit
+hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln
+bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren
+hübschen Dörfern und den viel besprochenen, +schwimmenden Gärten+
+vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen
+seyn mögen, +jetzt nicht schwimmend+, sondern große, viereckige, den
+Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben und
+durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande
+in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig
+antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche
+in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und
+Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die
+natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl
+die erste Veranlassung zu der allzu feenartig klingenden Benennung von
+“+schwimmenden Gärten+” gegeben haben!
+
+Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und
+ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte
+der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio
+beendigten.
+
+
+ Mexico, den 17. Juni 1832.
+
+“+Pfingsten+, das liebliche Fest war gekommen!”
+
+Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande
+und im Freien begangen. -- Wie es in andern Theilen der Republik
+gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es
+nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach +St. Augustin+,
+einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen
+Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico
+herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht
+sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes
+seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, --
+statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, --
+da zu erbauen, wo jetzt +St. Augustin+ steht. Begreiflicher ist, daß
+in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen,
+und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn
+Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen,
+welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein
+kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit
+vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; -- und dahin
+zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen.
+Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, Tanz am
+Tage im Freien und ~bal paré~ am Abend, alles ist dort zu sehen und
+zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und heiteres zu
+nennen. -- Aber, aber, -- ist nicht der alleinige Magnet, der in diesen
+Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von Mexico
+nach St. Augustin zieht! Es ist die +Spielsucht+, vielleicht mehr als
+alles andere, denn dieser wird nirgends und zu keiner Zeit ein größeres
+Feld gegeben, als gerade hier. -- Die Regierung beobachtet nämlich das
+äußere Decorum hinsichtlich des Spiels, wenigstens in so weit, daß sie
+die Hazardspiele verbietet, und deren Oeffentlichkeit, namentlich in
+der Hauptstadt, nicht duldet. Die nichts desto weniger gekannten und
+stark besuchten Monte-Banken werden in Mexico nur heimlich aufgelegt.
+Zu Pfingsten aber hat St. Augustin ein Privilegium, (gleich wie unsere
+in dieser Hinsicht berüchtigten Bade-Orte den ganzen Sommer über)
+während fünf Tagen öffentlich Bank auflegen zu dürfen, und Du kannst
+denken, daß dies nicht unbenutzt bleibt. In nicht weniger als 20
+verschiedenen Häusern wird zu St. Augustin auf Pfingsten Monte-Bank
+gehalten, in 15 derselben nur mit Gold pointirt, in den übrigen mit
+Gold und Silber.
+
+Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir
+nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement
+alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber
+ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also
+einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold
+allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen
+aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½
+vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von
+den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger
+als je mangelt, gesucht und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler
+davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was
+die +meisten+ derselben wieder mit +zurücknahmen+; denn das wird
+nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie glücklich
+gespielt hätten! +Eine+ Bank ist freilich gesprengt worden und hat
+3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, obgleich Monte
+anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die Bank am
+wenigsten begünstigt! -- Ich versuche es nicht, Dir ein Bild von
+der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward,
+oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des
+Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern
+(auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab!
+-- Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo
+besser. Aber +eine+ Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich Dir
+doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in
+einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann
+stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas
+anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de
+*** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus
+der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort
+abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als
+empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und
+Pointier habe ich in Europa nicht gehört.
+
+Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die Festtage
+hinbrachte! -- Daß diese mit der Messe (~Misa~) und einer Procession
+in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. Hierauf besucht man
+wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen Tag über aufhält, und am
+Abend in noch größerer Menge sich mit Trinken und Spielen erlustigt.
+Die Hahnengefechte, welche bei den Mexicanern im Allgemeinen sehr
+beliebt sind, gehören hier zu den Vormittags-Vergnügungen, und werden
+in einem recht hübschen, runden Local gegeben, woselbst Sitze und
+Logen amphitheatralisch für die Zuschauer angebracht sind, welche aber
+hier nicht so zahlreich, wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den
+Stiergefechten. Der Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in
+eine der Logen, mit einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend
+eine Notiz von ihm genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem
+Publicum zu erwarten, welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des
+unsterblichen Hogarths Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser
+sehen und begreifen, als ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser
+scheinbar unbedeutende Kampf die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften
+aller Umstehenden erregt und fesselt! -- und auch dies ist ja hier
+~tout comme chez nous~! -- Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens
+groß, stark und hochbeinig, und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe
+der scharfen, langen, stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner
+kurzen Proceß.
+
+Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei
+andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die
+größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.
+
+Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern
+Mittagessen an ~Table d’hôte~ (man zahlt für’s Essen und eine Flasche
+französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach dem schönen
+Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel ~beau monde~, mitunter sehr
+reich in französischem Geschmack gekleidete Damen, auf dem schönen
+grünen Rasen, über welchen hin und wieder Matten ausgebreitet waren,
+gelagert hatte, und sich theils an der schönen Natur und einer
+reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten Wetter, ergötzte, theils
+sich, bei guter militärischer Musik, mit Tanzen erlustigte. Auch hier
+erschien Bustamante in dunkelgrüner Husaren-Uniform, aber auch hier
+ging er überall unbemerkt vorüber, und nur selten ward hier und da
+ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir durchaus nicht die öffentliche
+Achtung zu genießen, welche nach meinen Begriffen der ersten
+Magistrats-Person eines Landes gebührt. --
+
+Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht
+früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen
+hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall
+gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem
+Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die
+Andern um für den Ball Toilette zu machen. -- Mittlerweile will ich
+Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine
+optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, -- nämlich nichts
+mehr und nichts weniger als einen +bergauf strömenden Bach+. Diese
+Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine
+Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß
+man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend,
+sich vom Gegentheil zu überzeugen!
+
+Für den ~bal paré~ am Abend ward das Local des Hahnengefechts
+recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes
+Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an
+der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft
+hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein
+recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den
+schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken
+angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der Nähe bewundern
+zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10
+Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten
+Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr
+hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne
+Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war
+geschmackvoll und reich, und der Tanz -- Quadrillen und Ecossaisen --
+ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas
+allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der
+Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und
+nur die Zuschauer waren hier etwas mehr +abwärts+ gemischt, als sie es
+bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.
+
+Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch
+“~on the light fantastic toe~,” und fuhren bei schönem Mondschein
+nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber
+ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.
+
+
+ Jalapa, den 25. Juni 1832.
+
+Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen
+Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! --
+Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen,
+als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den
+Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand
+abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht,
+wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w.
+von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der
+Hierherreise, um nichts unversucht zu lassen, diesem peinigenden
+Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein
+Ende zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe
+bereits einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher
+Erwartung seiner Rückkehr -- mit vielen, vielen Briefschaften --
+auch von Dir. Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte
+über die herrlichen Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute
+in dieser bezaubernden Gegend gemacht habe. War es schon schön, als
+ich im vorigen Januar hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser
+Sommer-Jahrszeit, über alle Beschreibung reizend. Nirgends in der
+Welt habe ich noch den aromatischen Duft der Vegetation so genossen
+wie hier, wo die Natur im höchsten Grade üppig ist und wo sich die
+heiße und die gemäßigte Zone auf eine wunderbar eigenthümliche
+Weise vereinigen! -- Ich war heute in einem großen Garten, wo die
+Zuckerstaude und der Caffeebaum neben dem braunen Kohl blühen, der bei
+uns nur im Winter, und gleichsam unterm Schnee, zur Vollkommenheit
+reift; wo deutscher Thymian[13] neben Artischoken, die Melone neben
+der gemeinen Zwiebel wächst, und der Apfelbaum neben der palmenartigen
+Bannana steht. Ich könnte diese Gegensätze in der Vegetation, wie
+Kürbisse neben den saftigsten Melonen, neun Fuß hoher Mais neben
+üppigem Weizen, die fremdartigsten Cactus-Pflanzen neben der deutschen
+Nelke, Rosenbäume von ungemeiner Größe, Fülle und Verschiedenheit
+u. s. w. noch ins Unendliche fortführen, und sollte besonders die
+schönen Orangenbäume, welche hier wild wachsen, und die wohlduftenden,
+lilienartigen Liquidambar-Stauden nicht unerwähnt lassen; doch mag es
+an dem Gesagten genügen und der Rest Deiner Einbildungskraft überlassen
+bleiben. -- Regnete es in Jalapa nicht fast +täglich+ am Nachmittage
+(es liegt, wie schon gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es
+ein Paradies und man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will
+ich mit Dir, o Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit,
+welche in der Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die
+Kleidungsstücke wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist
+jedoch keineswegs der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche
+Einfluß desselben durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende,
+wohlthätige Wärme neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen
+heitern Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an
+schönen Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich
+die frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. -- Die
+schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten,
+kennt man hier nicht.
+
+
+ Den 26sten.
+
+Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die
+sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich
+habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die
+Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu
+schildern! -- Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! -- Könnte ich meinem
+Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich
+ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! -- aber das kann und darf
+ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das
+Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne
+zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche
+jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden
+wird. -- Santa Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz
+aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten
+in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt
+und dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte,
+gefolgt. -- Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur
+Benützung eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male
+diesseits Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher
+letztere, nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt
+ward, um das Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann
+(mehr waren nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna
+entgegen, dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir,
+mit unsern Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, +eben so
+schwach+ war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander
+und machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende,
+statt dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel,
+ein Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war
+darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich
+von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten
+überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100
+Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten
+und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden
+nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt
+werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna
+übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß
+man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa
+Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse!
+Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen,
+und es sollen sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von
+Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und
+von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den
+Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. -- Man
+hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der
+Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich
+denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem
+Nächsten mehr darüber berichten. -- Adieu.
+
+
+ Jalapa, den 9. Juli 1832.
+
+Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die
+Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich
+ein neues “~pronunciamento~” statt gefunden, welches die Sache mehr als
+je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch nennen sich,
+nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, ja Festungen
+und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten haben, ~par
+excellence~,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten des Präsidenten
++Pedraza+ erklärt; d. h. sie verlangt, daß derselbe, welcher sich
+dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia aufhält, zurückberufen
+und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist seiner Präsidentur, mithin
+bis zum April des nächsten Jahrs, an die Spitze der Regierung gestellt
+werden soll. -- Dies zu fordern ist nunmehr Santa Anna von seinen
+Truppen instruirt falls er es nicht, wie wahrscheinlich, selbst
+veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls zur Conferenz nach Puente
+mit Propositionen, auf welche das Gouvernement nicht eingehen wird,
+ja nicht eingehen +kann+, ohne geradezu abzudanken. Was ist also nun
+leider anders zu erwarten, als fortgesetzte Feindseligkeiten, deren
+Ende, bei der Langsamkeit, womit in diesem Lande alles geschieht,
+und die nichts zur Entscheidung kommen läßt, gar nicht abzusehen ist!
+Nach meiner Meinung ist übrigens in der jetzigen Proposition der
+Vera-Cruzaner Partei das einzige Mittel zu finden, den gordischen
+Knoten zu zerhauen; denn ohne die Dazwischenkunft eines Dritten, wie
+z. B. Pedraza, der ein kluger und gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich
+gar nicht ein, wie der Streit zwischen den, gleich starken oder gleich
+schwachen Chefs, Bustamante und Santa Anna, geschlichtet werden kann!
+
+General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses
+Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach
+Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen
+Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und
+bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik
+für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht
+fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem
+so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren
+kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und
+18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt
+nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler)
+im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als ~chez
+nous~; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in Puente den
+Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem Uebrigen
+schon zufrieden geben.
+
+Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und
+gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man
+die meiste ~beau monde~ antrifft, ist jetzt der neue Weg nach Cordova,
+zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über einen kleinen
+Wasserfall führt! Alles mit Geschmack und kunstgerecht angelegt. Es
+ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen Zeiten,
+hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in der
+Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß
+viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem
+eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an
+eine Meierei (nach dem spanischen ~leche~, Milch, ~lecheria~ genannt),
+wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen kann, was
+ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn sehr zu
+Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den Gebrauch
+der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind hier
+unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf das
+Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint,
+jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß
+kommt!
+
+Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene
+vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen
+“+Spinnen-Staaten-Bund+,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte
+sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15
+Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene
+Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben
+schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es
+oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze
+ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit
+auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen
+in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen
+der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt,
+nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter an
+den vielen Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen eine
+Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier üblich,
+ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch die
+wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden +Armee+ erfreut, und
+an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu Lande kein Mangel
+ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der Cathedrale hören.
+Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich ausgeschmückt,
+hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz Jalapa, an einem
+Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum Chor bergauf
+geht, so daß der am Ende stehende +Hoch+altar diese Benennung im wahren
+Sinne des Worts verdient.
+
+Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt,
+so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik
+schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier
+spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu
+meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes
+Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines
+hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater,
+sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und
+nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.
+
+
+ Jalapa, den 24. Juli 1832.
+
+Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach
+Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider
+abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen.
+Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba
+besetzt, und will von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die
+Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir
+natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt
+zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio,
+der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen,
+fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei
+nehmen den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes
+Haar. Nach ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine
+rasche Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame
+Wälder und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico
+gelandet waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter
+andern auf dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward,
++die noch steht+! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt,
+nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie
+und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber
+keine Schlachten, und der +Anfang+ der Feindseligkeiten ist denn auch
+bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur ein
+Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino,
+ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern
+frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe
+von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich
+ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.
+
+Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete
+Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen
+Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche
+Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den
+Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu
+bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser
+Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden
+zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand
+denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten
+bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur
+Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen
+Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung
+des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe
+nur +vorläufig auf die Wache+ gebracht, um den nächsten Morgen verhört
+zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch den
+Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher
+wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat.
+Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr
+W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé
+gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen
+Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und
+war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse
+hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und
+dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug,
+mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam
+unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun,
+wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb
+ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus
+nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich
+doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und
+schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß
+es auch hier zu Lande eine seltene ist.
+
+Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß
+äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien in demselben begangen
+werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von
+hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und
+der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen
+kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen
+und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.
+
+
+ Mexico, den 13. August 1832.
+
+Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von
+Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch
+nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem
+warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den
+Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist,
+weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches
+sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der
+Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des
+ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner,
+Erwähnung thun; sie +gehen+ nämlich nicht, wie bei uns die Landleute,
+sondern +laufen+ stets in einem kleinen Trabe, der sie ungemein schnell
+vorwärts bringt; der +Mann+ zieht alsdann, halb nackt und barfuß wie
+sie alle sind, mit einem langen Stab oder Sprungstock voran, nun folgt
+das +Weib+, mit einem Paar, auf dem Rücken und nach vorne aufgepackten,
+eben so nackten Kindern, und endlich die schon herangewachsene liebe
+Jugend, so daß stets eine ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann
+in Körben auf dem Rücken, was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen,
+betrinken sich dort für einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren
+dann, so gut es in diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach
+Hause zurück. Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt
+täglich, da der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich
+versorgt wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß,
+daß die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin
+bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen,
+die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von
+Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen,
+werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen
+Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter
+ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen
+Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache
+zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein
+merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit
+hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen
+Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im
+Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von
+katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von
+der heiligen +Mutter Gottes+ an, bis zum ungläubigen +Thomas+ herab,
+in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, mit
+pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, mit
+fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, mit nach
+der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft mit langen
+Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen darbrachten.
+Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese heidnischen Priester
+mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand der ganze Zug
++unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und ging von
+einem christlichen Tempel aus und kehrte dahin zurück+!! Wahrlich,
+ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger wunderte mich
+der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, alljährliche,
+nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer Vermummung,
+an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren alten
+Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein und
+verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung einer
+christlichen Geistlichkeit.
+
+Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und
+zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus
+künstlichen +Feuerwerke+ aus, die bei der großen Hitze einer tropischen
+August-Sonne +am hohen Mittag+ abgebrannt wurden, sich aber, was
+Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr gut ausnahmen.
+Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die Wirkung eines
+Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, dennoch habe ich
+es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier ganz vortrefflich
+auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit Kunst und Präcision.
+Uebung macht eben überall den Meister, und, da kein Kirchenfest ohne
+Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der großen Anzahl von
+Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt allein über
+300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern wäre, so
+ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es scheint
+mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen früher
+so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht haben,
+daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, und
+so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß in
+Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, als in
+allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein solches
+Kirchenfest kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem Abbrennen
+von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis am Abend,
+wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im Innern
+der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen wird.
+Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und daß
+es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider aus
+Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder in
+London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden ist,
+aber +hier+ habe ich bereits eine Menge seidner Tücher eingebüßt, die
+mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade mit unglaublicher
+Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen Montezumas aus
+der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas haben sie mir
+neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; ich sah es,
+als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von einem
+zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den ich
+gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten
+konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin
+visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch
+eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah
+es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen
+ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen
+Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum
+die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß
+ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines
+ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm
+sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr
+erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf
+an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie mit
+Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten
+und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht,
+denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes
+mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht
+gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe,
+denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum
+Verkauf anbot.
+
+ * * * * *
+
+Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines
+anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar
+still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp,
+aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest
+unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis
+von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben
+an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und
+gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12
+Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen,
+glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und +bürgerlichen Freiheit+ erfreuen.
+
+ * * * * *
+
+Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten
+Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das
+braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen,
+denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der
+Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist.
+Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die
+~Paseos~, ~torros~ (Stiergefechte) und Theater werden, nach wie vor,
+besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß und ich
+hätte es, in +der+ Beziehung, mit meiner Reise nicht leicht schlechter
+treffen können.
+
+In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur
+Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich
+schließen. Ich umarme Dich.
+
+
+ Mexico, den 30. August 1832.
+
+Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige
+politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort
+halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist,
+was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern
+Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico
+enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.
+
+Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über
+einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt,
+nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt
+die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und
+erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die
+Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der +heißen+ Bäder,
+jetzt nur noch die +warmen+ gebrauche, deren man hier in der Stadt, in
+zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei dem letzten
+heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens keinen
+kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, 81
+jährigen Freund S. -- Dieser, noch immer kräftige und lebendige, Greis
+bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in demselben,
+trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine Cigarre dabei
+anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich schon heraus, und
+auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. Nach einiger Zeit
+hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein Sprudeln in dem Wasser
+mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und -- denke Dir
+mein Entsetzen -- sah den alten Mann, den Kopf unter dem Wasser und
+nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben drängend. Er
+mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück war mein
+Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den alten
+Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn in’s
+Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht
+sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf
+mich selbst aber in die Kleider und fuhr ~pleine carriere~ nach der
+Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu
+Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten
+noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft
+dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet,
+mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd,
+daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet
+sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der
+zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten,
+mit dem Leben davon kommt? -- Ich möchte wenigstens an mir die Probe
+nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.
+
+Nun aber auch zur Politik! -- Wie ich Dir neulich schon sagte, so
+greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden
+haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte
+Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die
+Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat
+sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma
+und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt,
+daß das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-+Stadt+
+eingeengt sehen wird. Alle ~pronunciamentos~ werden übrigens jetzt
+zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück wünscht.
+Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein Schiff zu
+seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf eines
+einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der
+Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von
+Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem
+Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann
+erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die
+Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie
+die unausbleibliche Folge seyn.
+
+Seit General +Teran+, der geschickteste und zuverlässigste
+Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich
+(aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das
+Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen,
+und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei
+auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich
+entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für
+dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen
+zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward
+ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei
+Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten
+eine Schlacht liefern will.
+
+Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio
+zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange +dieser+ nicht
+besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet werden.
+Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht gelungen
+Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. Dieser
+steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, ohne,
+wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.
+
+In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung
+seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und
+Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte),
+mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des
+Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von
+Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen
+als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger
+Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom
+Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner,
+Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden;
+dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse
+daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese
+versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis
+jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch
+längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als
+das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige
+Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der
+andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam
+mit Füßen tritt.
+
+Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe
+wohl.
+
+
+ Mexico, den 17. September 1832.
+
+Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage
+des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, es ist vielmehr ein
+peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor
+dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben
+wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt
+sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements
+nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen!
+und dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern,
+als der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (~el aniversario
+de la independencia Mexicana!~). Schon am Abend vorher ward, bei
+Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht,
+und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern
+deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher
+bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich
+die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande
+besitzen.[14] Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit
+50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten
+von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde
+geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den
+Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der
+Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit
+Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war
+Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein
+Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach
+dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don
+José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den
+Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.
+
+Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß
+genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet
+und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch
+ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch
+nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden
+wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.
+
+Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in
+dem geräumigen Hofe aufgestellte, in der That +colossale+ Statue
+von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht
+sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und
+gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der
+Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen,
+an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen!
+und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken
+ihren Götzen Menschen opferten.[15] Nun sind wir aber auch mit den
+Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der
+Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu
+Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden
+leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer
+Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt;
+das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt
+habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und
+erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt
+bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht
+abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen,
+um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete
+mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen
+Gelegenheiten üblich ist, auf dem Rücken eines Indianers hin- und
+zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben
+so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper
+und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht
+befriedigte.
+
+Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern
+Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, ~pro beneficio~
+desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte
+Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.
+
+
+[10] Jetzigen Verweser des Königl. preußischen General-Consulats in
+Mexico, Hrn. von Geroldt.
+
+[11] Der Versuch +ist gelungen+, und ich habe noch vor meiner Abreise
+von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den kleinen
+Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste, die man
+wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von Mexico den
+Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta. Anna, von
+der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine Sauvegarde
+nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien zu schützen,
+so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger Präsident, es auch
+ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung selbst Hülfe vom Staat
+gewähren werde.
+
+[12] Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß wenn ich
+von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben will,
+daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d. h. von +Asteken+ u. s. w.
+bewohnt seyen, sondern nur, daß +diese+ die Mehrzahl bilden. In einem
+solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen Städten, wohnen
+stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer Abkunft) entweder rein
+oder mit indischem Blute gemischt, welche theils Gewerbe treiben,
+theils Boutiquen (~tiendas~) halten. Die Magistrats-Personen sind fast
+immer Creolen. Die +Masse+ der Landbewohner sind aber +Indianer+, wie
+man hier die eigentlichen Mexicaner nennt.
+
+[13] Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der Bienenzucht
+willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die man überhaupt
+im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs zu gewinnen,
+welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen einführt.
+
+[14] Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die deutsche
+Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große Mißgriffe in
+der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man unter anderen
+kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes, mit großem
+Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten drei Schneider
+zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu erbauen.
+
+[15] Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein verfertigte
+kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich in ihren
+Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in Mexico noch
+immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt kommenden
+Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute, Herr Carl
+Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat eine so
+große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte Sammlung
+mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht eine
+andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen Rückkehr
+in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und, da er seine
+Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche historische
+Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren noch keine
+besitzen.
+
+Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den +jetzigen+ Einkäufen
+die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu werden, und
+neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen antiquen
+zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit, seitdem
+sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie
+nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu
+holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten.
+
+Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern
+und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich
+zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das,
+der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die
+Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch
+eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren, und
+Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des Volkes
+malerisch und höchst correct ~en miniature~ darzustellen verstehen.
+
+
+
+
+Einiges
+
+aus
+
+der neueren Geschichte von Mexico
+
+bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit
+
+am 16ᵗᵉⁿ September 1832.
+
+
+Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von
+den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin
+Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich
+dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der,
+obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche
+Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes
+schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der
+Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das
+sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen
+Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was
+aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine
+durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine
+Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf
+den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren
+eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen
+Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht
+erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht
+hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für
+die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor der Eroberung durch die
+Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten
+von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch
+die Engländer und Franzosen.
+
+Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem
+berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen
+Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer
+bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken,
+Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung
+und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und
+jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst
+die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen
+eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu
+betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden
+der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue
+Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade
+dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man
+Creolen nannte und nennt) vermehrten.
+
+Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die
+Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende
+Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung
+über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz
+Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets
+vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der
+Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe
+zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun
+aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den
+Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die
+in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die pecuniäre Mithülfe Mexico’s
+in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System
+aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete
+Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter
+erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens
++Hidalgo+, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der +mexicanischen Nation+
+(so nannten sich nun zum ersten Male alle +Eingeborne+ ohne Unterschied
+des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die +Fremden+ (~los
+estrangeros~, mit welchem Namen man von nun an die Alt-Spanier
+bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an den heiligsten Urrechten des
+Menschen und des Bürgers so hartnäckig verweigerten, mit Gewalt und mit
+den Waffen in der Hand zu vertreiben!
+
+Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um
+das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme
+anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber
+sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung
+ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen
+Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß
+ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es
+sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die
+Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von
+Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten
+fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben.
+Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische
+Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe
+als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu
+Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte,
+die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben
+Jahre, bis die Spanier ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico
+sich als völlig befreit betrachten konnte.
+
+Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der
+aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an
+Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte
+aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der
+Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden,
+den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften
+jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr
+Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen
+eines +Bravo+ oder die Geschichte eines +Vittoria+? Beide waren
+Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale,
+wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie,
+dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war
+in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte
+ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater,
+an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und
+von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er
+sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ ihm
+die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit der
+Drohung, daß im Weigerungsfall +diese+ dasselbe Schicksal zu erwarten
+hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller Antwort ließ der
++Spanier+ Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, +erschießen+! Als der
+Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere Stunden lang ein, um seinem
+Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach diesem Tribut kindlicher
+Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen 300 Spanier sofort
++in Freiheit setzen+, damit er der Versuchung, eine blutige Rache zu
+nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! -- Der andere Held jener Zeit,
++Vittoria+, war einer der ersten, welche beim Ausbruch der Revolution
+die Waffen gegen die Spanier ergriffen, und sie hatten keinen bitterern
+Feind, als ihn; er führte im Staat von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen
+Heimath, einen Guerilla-Krieg gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ
+und überall den größten Schaden zufügte. Als nun, während einiger
+Zeit, die Spanier in dieser Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward
+Vittoria von aller Amnestie ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung
+verfolgt, daß er nirgends mehr sicher war, und sich zuletzt in die
+Urwälder des Orizaba-Gebirges flüchten mußte; wo man denn alle Spur
+von ihm verlor, und wo er zwei Jahre lang herumirrte, ohne mit einem
+menschlichen Wesen in Berührung zu kommen!! Er lebte von den Früchten
+des Waldes, und war, nach seiner eigenen Aussage, oft so entkräftet,
+daß er nicht hoffen durfte, sein Leben länger fristen zu können. Eines
+Tages insbesondere glaubte er seinem Ende nahe zu seyn, und legte
+sich hin, um zu sterben; da ereignete sichs, daß einer jener Vögel
+(~Zapalote~), welche sich vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach
+dem Munde hackte; ein Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten
+Kräfte, schnappte nach dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab,
+und sog ihm das Blut aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich
+gestärkt fühlte, seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.
+
+Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von
+indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn
+häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die
+Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes
+fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm
+verloren! Als nun aber, durch den Sieg +Iturbide’s+ über die Reste
+der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich
+einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß
+er ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie
+mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine
+Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte
+er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen
+Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam,
+so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen,
+war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend
+aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen;
+doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon
+wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen
+Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte.
+Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und
+andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder
+sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen
+des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird
+wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche
+nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand,
+glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn
+und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch
+wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern
+harrte auf den Ersehnten, und siehe da, -- es dauerte keinen Tag, so
+erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem
+Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß
+der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen
+Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch
+dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß +er+ es sei,
+überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den
+Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß:
+der todt geglaubte Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden!
+-- +Iturbide+, damals am Ruder, wollte ihn an seinen +Hof+ ziehen,
+aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer wollte
+nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte nicht
+allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein Vaterland
+frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren Kaisers,
+und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da wählte
+die Nation +Vittoria+, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn für seine
+Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn auch wirklich
+keine ausgezeichnete besitzt), zum +Präsidenten der Republik+; +Bravo+
+aber zum +Vice-Präsidenten+. Beide sind später in das Privatleben
+zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer Mitbürger begleitete.
+
+Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger
+unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum
+Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich
+bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit
+gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich
+persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische
+Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern
+Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie
+gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und +nur dann+ solle
+das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige Matrone
+antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “+sie wolle das Leben
+eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern erkaufen+,”
+und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem Schmerz, aber mit
+heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!
+
+
+ Mexico, den 30. September 1832.
+
+Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen Stille
+folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei +Gallinero+,
+in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma auf’s Haupt geschlagen,
+wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben verloren haben sollen!
+Man hat also “das köstliche mexikanische Blut” (~la sangre preciosa
+mejicana~) diesmal nicht geschont! Bustamante rückt nun mit Eilmärschen
+auf St. Luis los und will sich insbesondere des Hafens von Tampico
+zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg hat, wie Du denken kannst, hier
+große Sensation gemacht. Die Gegner der Regierung ließen es nun an
+Gerüchten zum Nachtheil derselben nicht fehlen, und machten sogar
+Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was ihnen jedoch glücklicherweise
+nicht gelang. Unterdessen hatte sich die Volksaufregung schon bis in
+die Gefängnisse verbreitet, und da in dem größten derselben, Accordada
+genannt, unter den vielen Hundert dort Verhafteten sich eine große
+Anzahl +politischer+ Verbrecher befand, so war es sehr begreiflich, daß
+diese einen gewaltsamen Versuch machten, sich zu befreien. Sie wurden
+jedoch, nachdem sie bereits die inneren Wachen überwältigt hatten,
+durch die, aus allen Theilen der Stadt herbeieilenden Truppen, mit
+einem Verlust von 20 Todten und 50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten
+die Gefangenen die Oberhand behalten, so wären große Unordnungen,
+vielleicht Plünderung eines Theils der Stadt, die unausbleibliche
+Folge gewesen; so aber kamen die guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem
+Schreck davon, welchen ihnen der General-Marsch und das Schießen in den
+Straßen verursacht hatte.
+
+Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich
+schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn
+nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der
+Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande
+genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in
+den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre.
+Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später,
+seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die
+Verwendung des englischen ~Chargé d’affaires~ hin, das Gefängniß
+schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte,
+seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines
+Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender
+Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen
+ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter
+widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr
+verheirathet! -- Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und
+ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen
+war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für
+ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten
+Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und
+benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften
+zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl er
+wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun auch
+wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, um seine
+Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß nicht eher
+verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet wurden.
+Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann leider
+mit dem Leben büßen müssen. -- Er ward allgemein bedauert und in der
+Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen Consul
+veranstaltete ~honras~ (kirchliche Todtenfeier) ward von Fremden und
+Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, begangen.
+-- Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, letztere
+wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst durch diese
+traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam genug, wenige
+Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den Triumph seiner
+Verfolgung nicht lange genossen hat! -- Er war übrigens Besitzer der
+reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, von Zeit
+zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe von
+etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder
+verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!
+
+Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen
+sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und
+nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider
+nur arme Erze giebt.
+
+Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene
+Feier der Einkleidung einer Nonne, -- wie ich höre reicher Eltern
+Kind, -- aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß
+es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen,
+die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen
+Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die
+Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines
+Luftballons von der Alameda aus. -- Dieser war ziemlich groß, durch
+mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit
+der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg
+ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine
+ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.
+
+Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit
+zu enden, daß ich dem Schauspiel “~El ministro~” beiwohnte. Das Stück
+spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen
+Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die
+Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und
+ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren
+Genuß +der+ Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich ihn in
+Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch wieder
+einmal der Fall werden. -- Adieu.
+
+
+ Mexico, den 4. October 1832.
+
+Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in
+den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden
+leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch
+wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten
+Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn
+man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man
+sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s,
+in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren
+bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren
+diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom
+Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in
+dem Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, auf
+breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen
+Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens
+doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier
+nicht mangelt, sind genau von derselben Form, nur begreiflichermaßen
+im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt
+und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch
+mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von
+Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen,
+und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist,
+daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen
+eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution
+unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen,
+Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt
+es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der
+Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo
+viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe,
+wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich
+erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir
+in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so
+eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.
+
+Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie
+enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach
+allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll
+dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei
+denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung
+bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr
+langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber
+minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses
+Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis
+zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür
+annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine solche Anpflanzung im
+Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun
+folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten
+und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte
+der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem die
+Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (~el corazon~)
+herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher Andrang von
+Saft, daß während zwei bis drei Monaten +täglich+ beinah drei Maaß
+Honig-Wasser, (~Aguamiel~) wie es die Indianer nennen, gewonnen wird.
+Man saugt es durch ein Horn, einem graden Kuhhorn nicht unähnlich, aus
+der Pflanze heraus, und läßt einen Theil davon, in dazu bestimmten
+Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem so gegohrenen Stoff,
+~madre pulque~ (Mutter-Pulque) genannt, wird dem, sich fortwährend
+andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit beigefügt, wodurch es sofort
+in trinkbaren, an Farbe dünner Milch oder Molken ähnlichen, Pulque
+verwandelt wird. So lange das Getränk frisch ist, mithin da, wo es
+bereitet wird, soll es wohlschmeckend und erfrischend seyn, was um so
+größeren Werth hat, als die Gegenden der großen Maguay-Pflanzungen
+gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. Wenn nun aber der Pulque nach
+den Städten u. s. w. versandt wird, was in Schläuchen von Thierfellen
+auf Esel oder Maulthieren geschieht, so verliert er natürlich seine
+Frische, und nimmt nun den höchst unangenehmen Geruch von faulen
+Eiern an, weshalb ich mich auch nie dazu entschließen konnte, das
+Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr die Eingebornen und mitunter
+sogar Ausländer, die guten Eigenschaften desselben auch rühmen! Jener
+Geruch hält auch die Masse des Volks nicht ab, den Pulque als ihr
+Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm in den zahllosen Pulquerien in
+den Städten und auf dem Lande eben so zuzusprechen, wie man es bei
+uns dem Bier und Branntewein thut. Da Pulque weniger berauschend als
+Branntewein und minder schwer als Bier ist, so halte ich es für gesund,
+und nur schädlich, wenn im Extrem genossen, was aber freilich oft genug
+geschieht.
+
+Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der
+Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu
+Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer
+Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine
+wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt
+sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige
+Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von
+1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich
+stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer
+einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von
+5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung,
+mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken
+zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!
+
+Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und
+den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte
+hervorbringen +kann+, versteht sich von selbst, und wenn bisher
+manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen,
+wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das
+allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den
+Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten,
+um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig
+werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit
+der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu
+gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über
+dieses Land in raschem Gange immer mehr verbreiten. Mitunter äußert
+sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man
+kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit
+der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten,
+braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen,
+in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden!
+Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden
+einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit
+und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in
+früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den
+Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden
+selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf
+europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher,
+von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So
+z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt
+Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin
+senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack
+ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in
+der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art
+von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich
+oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik
+sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen
+einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien
+unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat
+sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz
+vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung
+angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein
+selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende
+Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt
+getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem
+gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich,
+wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute
+aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen;
+wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit
+entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns
+Sache, am wenigsten die unserer +deutschen+ Weinbauern.
+
+Doch für heute genug davon. Lebe wohl!
+
+
+ Mexico, den 12. October 1832.
+
+Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen
+Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte,
+Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin
+vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber
+ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen
+durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner
+Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu
+erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir
+kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als
+durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa
+einzusenden mich veranlaßt finde.
+
+ Hier folgt sie:
+
+Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza
+vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich
+von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über,
+und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten
+Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen,
+theils durch kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge
+überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla.
+Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt
+zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug,
+sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison,
+Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade
+ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst
+verwundet.
+
+Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein,
+über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des
+Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein
+Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt,
+und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit
+so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die
+in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht
+hat.
+
+Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern
+sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu
+suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die
++Dictatur+ zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es annehmen
+werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche Freunde
+von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla gesandt,
+um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem Wege zu
+Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte Santa
+Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male hierher
+marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; so groß
+war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war man darauf
+vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen hier und Puebla,
+um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch einen Widerstand zu
+leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch nicht verteidigt werden,
+weil man dies für eben so unmöglich als unnütz hält. Das ~Ayuntamiento~
+(die Municipalität oder der Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls
+so, und hat heute gegen die Verteidigung der Stadt, +in der Stadt
+selbst+, feierlichen Protest bei der Regierung eingelegt.
+
+Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens
+nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man
+von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine
+Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade
+hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich
+von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das
+Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt
+worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin,
+auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung
+stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und
+sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln
+soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten
+Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher
+Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung
+gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die
+Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und
+glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem
+bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln
+uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott
+gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig
+geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s
+die Stadt verlassen, wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit
+welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in
+ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn
+Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein
+angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch
+liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und
+wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.
+
+Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der +Politik+ zu reden,
+und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt +darüber+, von hier
+aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in diesem Jahre eben so ruhig
+gewesen, wie in dem vorigen, so war der Zweck meiner Reise schnell
+erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei Euch, wo allein -- doch
+ich will nicht klagen und verzagen, ich habe nun einmal eine sehr
+bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und es ist meine Pflicht,
+das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht ja aber in dieser Welt
+Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den Kindern! Lebe wohl.
+
+
+ Mexico, den 5. November 1832.
+
+Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der
+Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet,
+als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu
+kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst
+heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über
+die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit,
+welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der
+Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht
+mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar von den Unterhändlern
+und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und
+der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber
+wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die
+militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem
+Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff
+machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte,
+wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt
+hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre,
+machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das
+Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000
+Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen
+Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man
+sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement
+mit einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen +in die
+Stadt selbst+, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte
+am 17. October die Föderativstadt +in Belagerungs-Zustand+! --
+Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen,
+rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten
+umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht
+aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei
+der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in
+die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren
+der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich
+verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater
+und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen
+untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an
+die Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (~prestamos forzosos~)
+decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz dem Proteste unserer
+respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der
+Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine
+und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser
+barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es
+ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in
+der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und
+Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der
+Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden
+könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so
+nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht
+vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den
+Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge
+noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten
+nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier
+Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer
+fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in
+einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser
+abschneiden +kann+ und wahrscheinlich bald +wird+. Fürchtet sich nun
+das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu machen,
+um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die Stadt
+unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der ersten
+Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen[16] u. dgl. m. Die
+große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und von einem
+Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem Mangel
+preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; der
+Verkehr stockt, es kommen und gehen keine Posten, und wir sind heute,
+am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.
+
+So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten
+Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte
+man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und
+nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück
+haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen;
+man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya,
+2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen
+von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was
+jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen
+von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und
+Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter
+Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von
+den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen
+Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die,
+wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene
+Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene
+Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb
+aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem
+Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt
+mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya”
+zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch
+Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen
+vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos
+scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in
+Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von
+Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits abgeschnitten,
+und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz
+für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher
+Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon
+auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen.
+Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich
+binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn
+so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie
+gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß
+dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte
+denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den
+einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will
+nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber
+dieser Stadt darin, die +Fremden+, welchen bekanntlich die
+Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren
+und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir
+Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich
+gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher
+je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in
+diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten!
+Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den
+Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn
+es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist +vor+ den Thoren, und wir
++dahinter+! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen der englischen
+und französischen Geschäftsträger, die Couriere der europäischen
+Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren zu lassen,
+so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch auch schreiben
+können.
+
+Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und wünsche nur,
+Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.
+
+
+ ~P. S.~ vom 8. November 1832.
+
+Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man
+Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man
+zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser
+Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; -- +die
+Belagerung ist aufgehoben+! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee
+aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante
+entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich
+zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus
+diese Weise die Revolution zu +beendigen+! Gebe denn der Himmel, daß
+es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und die
+Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein
+erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr
+hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die
+alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die
+Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die
+Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können
+nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle
+Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes)
+zu genießen. Lebe wohl.
+
+
+ Mexico, den 9. December 1832.
+
+Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es
+deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war,
+etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt
+der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig Tagen zeigen; ich setze
+mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute
+vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art
+Krieg zu führen kennen.
+
+Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s
+auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt
+herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen,
+und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten,
+dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen
+zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit,
+bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über
+eine der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (~Barancas~)
+streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen.
+Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen,
+und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen
+von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward,
+nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000
+Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im
+Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu
+vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise,
+nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden Corps
+des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen Angriff
+auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu nehmen,
+so hätte man hoffen dürfen, auf +diese Weise+ das Ende des Streits
+herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, und nur die
+Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun zurück in
+eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die beiden
+vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. Bustamante
+befand sich mit seinen Truppen in einer, von Lebensmitteln sehr
+entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus versorgt
+werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins offene
+Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte,
+Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen
+angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten
+(was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen Corps
+nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, so daß er
+gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor den Thoren
+und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden Parteien ein
+heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil Bustamante’s
+ausgefallen seyn. Bestätigt sich das +gestern so+ in Umlauf gekommene
+Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement unterliegen, weiset
+es sich aber aus, wie man +heute+ erzählt, daß Santa Anna den Tag
+verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am Ende; denn so lange
+er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß er Vera-Cruz nicht
+wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir vor 6 Monaten
+waren, und das jetzige Gouvernement muß und +wird+ dann erst an der
+Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller Resourcen und ist
+damit auf die Föderatif-+Stadt+ angewiesen; man hat schon zweimal zu
+gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und besteuert nun Häuser,
+Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde[17] u. dgl. m., alles +monatlich+,
+weil man noch immer, von einem Tage zum andern -- ja bis zu diesem
+Augenblick, den Sieg über Santa Anna, und damit das Ende der Revolution
+erwartet. Man täuscht sich aber, davon bin ich überzeugt, und man
+wird finden, daß die Revolution und die Opposition gegen das jetzige
+Gouvernement im Allgemeinen zu weit verbreitet ist, um ihrer Herr zu
+werden, und zöge sich der Krieg auch noch in die Länge, so reichen
+die oben angedeuteten Mittel und überhaupt die Mittel +der Hauptstadt
+allein+ nicht hin, ihn fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht
+einzigen Wege, dem Lande den Frieden zu geben, von der Vermittlung
+Pedraza’s nemlich, wollen aber das eigensinnige Gouvernement und der
+noch eigensinnigere Congreß durchaus nichts wissen, und die Parteien
+stehen sich jetzt einander so schroff gegenüber, wie nur je. Das
+sogenannte Cabinet ist aber über diesen Punct keinesweges einig, und
+mehrere Minister rathen zur Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht
+allein in Vera-Cruz, wo er bei seiner Landung eine gemäßigte aber
+gediegene Proclamation erließ, sondern seit dem 4. dieses auch in
+Puebla angekommen, und uns mithin sehr nahe ist; doch die friedlich
+Gesinnten wurden überstimmt, und man will durchaus die Waffen
+entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch hier in der Stadt fortwährend
+unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der militairisch-polizeilichen
+Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich sie jetzt minder streng
+beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind so eingeengt, daß nun
+schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige Post aus dem Innern
+weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die europäischen Briefe
+kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von beiden Parteien
+ungehindert durchgelassen werden.
+
+Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle bei
+Puebla, und Gottlob erwünschte! +Die Revolution hat ihr Ende erreicht+
+-- sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht vor den Thoren
+von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, und viel Volk
+blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den Kürzeren, war
+aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so patriotisch, einen
+Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, daß er ihn am Ende
+doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den General Cortasar, zu
+unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, daß beide Armeecorps
+fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico marschiren sollten, um
+dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst gegen den Willen des
+Congresses, als legitimen Präsidenten für die noch nicht abgelaufene
+Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April 1833, einzusetzen;
+übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. Die von beiden
+Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um der Regierung
+und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher Letztere sich
+übrigens jetzt gewiß nicht ohne +Protest+ auflösen wird. Dies hat
+aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird darum nicht weniger
+beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! Da nun Pedraza, was
+selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein rechtlicher und
+unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne Zweifel auch alle
+Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir Kaufleute, während
+des Krieges, +gezwungen waren+, sowohl mit dem Gouvernement wie mit
+Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der größten Wichtigkeit ist,
+muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch wirklich einer besseren Zeit
+in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß ich stets der Meinung war, es
+könne nur auf diesem Wege glücklich enden, nämlich auf dem Wege des
+Dazwischentretens einer dritten Partei, und namentlich der von Pedraza,
+unstreitig der einzig gesetzlichen. Denn Bustamante verdankte seine
+Gewalt dem Aufstande von Jalapa im Jahre 1828, und Santa Anna dem von
+Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, während Pedraza allein s. Z. auf
+gesetzlichem Wege zum Präsidenten gewählt ward. Ich habe mich also, wie
+es sich nunmehr ausweiset, nicht geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem
+Wechsel der Dinge, der Vortheil für uns Fremden und für den ganzen
+Handel und Verkehr augenscheinlich ist, so verblendet der Parteigeist
+doch noch gar viele so sehr, daß sie lieber eine Fortsetzung des
+Kampfes und aller daraus entspringenden, das Land zu Grunde richtenden,
+Verhältnisse, als diesen völligen Sieg des, ihnen verhaßten, Santa
+Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese Ansicht +nie+ getheilt, und freue
+mich des Ausgangs, so wie er ist.
+
+Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du
+wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes
+Sinn noch Gedanken hat.
+
+Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines
+Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.
+
+
+ Mexico, den 28. December 1832.
+
+Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom 9/13 Dieses
+voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche
+Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen,
+und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident
+Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren Tagen
++ohne Regierung+, jedoch darum in keiner Anarchie. Die Sachen gehen
+ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man einige Bewegung
+in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste, daß nun auch
+die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu Gunsten von
+Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht hat. Es ist
+dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der Stadt kaum
+etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs ist nun nach
+Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen, Besitz von der
+Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen Uebereinkunft zu
+ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für meinen Theil freue
+mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des verhaßten Zwangs
+einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß es mich gerade
+besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören, wiewohl
+ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in mir
+erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne
+zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere
+Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen
+waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt,
+die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die
+Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit
+insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen
+wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und
+einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von
+hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen
+B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr
+freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.
+
+Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits
+Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr
+schönen Aussicht in das Thal von Mexico.
+
+Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr
+zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur
+Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird,
+und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei
+voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch
+die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber ist
+von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug,
+einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement
+selbst beschäftigen werde.
+
+Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und
+kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die
+Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen
+Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt
+in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle,
+unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben
+von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde
+aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!
+
+Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am
+entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze,
+die einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus
+~tierra caliente~ nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als
+die jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und
+doch ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter
+(und es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und
+nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern
+nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens
+nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie
+haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal
+Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich
+mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs
+an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist,
+so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man
+vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren
+und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei
+dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch
+sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und
+überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.
+
+Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen,
+und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen
+Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern
+fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, ~cien
+voces~ (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter
+sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt.
+In unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber
+wirft man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das
+Seine! Ihr friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied!
+Das Letztere that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach
+Guadeloupe, der berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen
+unweit von hier, wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit
+aber, wie mit vielen andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der
+Ferne aus, als in der Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für
+geistliche Frauen) sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den
+frommen Nonnen während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und
+sich in aller Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten
+von ihnen erbeten und +erhoben+ hat, so geräth hier doch alles Aeußere,
+namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen
+Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das +steinerne Schiff+ hat bis
+jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es aber
+folgende Bewandniß:
+
+Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix
+zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu
+befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! Der
+Vater richtete nun seine Gebete an die hier waltende Heilige nuestra
+Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine +Fregatte+ zum Geschenk,
+wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt würde. Es
+dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in Vera-Cruz
+glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und ließ der
+Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein Monument
+von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr als in der
+Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich sieht! Die
+Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu haben, sich
+damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer auf dem alten
+Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel schwellt!
+
+Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen,
+daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat
+das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und
+Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig
+und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft
+entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und
+einer der Wenigen, die schon +vor+ Humboldt hier gewesen. Vor 10
+Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der
+rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft
+des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die
+Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen
+Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von
+Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß,
+beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit
+seiner Asche!
+
+
+ Mexico, den 9. Januar 1833.
+
+Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der
+sich schon längst den Namen des +Befreiers+, ~el liberator~ beigelegt
+hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich nach der
+Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem Letzten
+sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich bis zum
+ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der Congreß
+gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen zusammen
+berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. Da nun der
+2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, so beschloß
+man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu verlegen,
+wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, jedoch ohne
+besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr 10,000
+Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein Corps
+von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem genannten
+Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als ein
+grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das die
+Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren die
+Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe
+und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei
+an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand,
+welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die
+Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der
+Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.
+
+Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche
+Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der
++vereinten mexicanischen Armee+ um so mehr, da mittlerweile auch einige
+Corps von Moctezuma dazu gestoßen waren. Am 3. hielten darauf Pedraza
+und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. Alle Truppen
+waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste aufgestellt,
+eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den Helden des
+Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur und den
+Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna (in
+reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz)
+fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog
+es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen
+allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu
+Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe
+Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche
+empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch
+doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste,
+und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die
+ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und
+Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der
+Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten
+eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und
+Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich.
+Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und
+da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier
+ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches
+und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt
+bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der
+alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht
+durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften
+wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich nicht läugnen, daß
+die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch
+die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben
+bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten
+Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege
+Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen
+oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität
+aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden
+verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame
+Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere,
+gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden
+sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr
+persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten
+Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold
+war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht
+spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich,
+von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten
+Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben,
+von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß
+Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich
+selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte.
+Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie
+hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß
+mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht
+tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution
+in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei
+Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von
+Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht,
+so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft bevor; man wird
+Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine
+vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und
+namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn
+jetzt noch für unmöglich hält.
+
+Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen
+Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen)
+bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation
+durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und
+die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren
+gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner
+constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen,
+daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde.
+Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land
+geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge
+davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.
+
+Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die
+Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und
+so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen
+frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher
+aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der
+Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen
+Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der
+verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo
+de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von
+Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder
+eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er
+während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen
+bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen
+seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz
+und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch
+über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches
+sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus,
+kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals
+ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium
+kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im
+liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die
+Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie
+manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht
+in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall
+das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher
+religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst
+unter den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße
+Ideen, die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte +Canning+ zur
+Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf
+Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern
+eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger
+den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als
+der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so
+übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den
+englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer
++eignen Capelle+, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in der
+Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.
+
+Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits
+vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in
+England, bekannt gewordene Roccafuerte, hat in einer geistreichen,
+hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit
+angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er
+doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt,
+die gute Früchte tragen werden.
+
+Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits
+viel toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen
+Bildes, oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl.,
+wird nicht mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer,
+selbst von den Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten”
+wenn dasselbe auf dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die
+Straßen gefahren wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im
+Innern des Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße
+ausweicht. Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug
+thun, da das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille
+Gesang der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie
+lange voraus verkünden! Diese Hostie, hier ~nuestro amo~ (unser Herr)
+genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier
+weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen
+Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen
+gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung,
+welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln
+tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen
+treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann,
+welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem
+Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den
+Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die
+Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins
+fast verklungen ist.
+
+Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben,
+und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig
+vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast
+immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den
+“ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn
+wandelt! Adieu, Adieu.
+
+
+ Mexico, den 7. Februar 1833.
+
+Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch
+einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen
+selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den
+seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.
+
+Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte,
+ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische
+Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein
+ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es
+nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch
+nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in
+so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor
+meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich
+vor ungefähr 14 Tagen, ihn in +Anganguco+, so heißt das Revier wo er
+wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin,
+und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land
+auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.
+
+Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit
+dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man
+mehreren, von Holz erbaueten und mit guten Brettern beschlagenen
+Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter
+andern auch eine große, recht hübsche Herberge (~fonda~) antrifft,
+welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze
+Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei
+ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier,
+als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses
+Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel
+kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von
+Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den,
+das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit
+weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier
+vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste
+Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse
+des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern
+eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen,
+Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern
+frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der
+gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß
+er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so,
+ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.
+
+Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen
+unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von
+Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat.
+Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr
+entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico.
+Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen
+Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten unsere
+Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen
+Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags
+an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s
+zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch
+von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz
+freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens
+viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der
+Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der +beste+ empfohlen
+war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar allerdings eine
+Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur mit hölzernen Läden,
+ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen Fußboden, einen kleinen
+hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen sogenannten Bock, in der
+Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, Bett darauf auszubreiten!
+Das war aber auch alles! Einen +zweiten+ Stuhl, um am Abend mit meinem
+Reisegefährten den, versteht sich, auch mitgebrachten und von unserm
+Bedienten bereiteten Thee in demselben Zimmer zusammen zu trinken,
+konnten wir nur nach vielem Bitten, als eine Gefälligkeit von der
+Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf den “Comfort” dieses Hotels
+schließen! Zu essen bekamen wir daselbst auch nicht das mindeste, man
+verwies uns damit an die Garküchen in der Stadt, unter welchen wir denn
+auch eine erträgliche fanden, und dort ein Mittagsmahl einnahmen, womit
+wir uns in Europa, in einer Stadt gleichen Ranges, wohl schwerlich
+begnügt hätten.
+
+Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen,
+in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne
+und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische
+Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben
+kann, von Ortschaften wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die
+Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten
+wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir
+übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir
+nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde
+und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich
+eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine
+unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen
+kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln
+laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp
+zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf
+gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen
+natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen
+dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten
+Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen
+werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere
+mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und
+Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der
+Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig!
+fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel
+früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag
+hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die
+Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils
+gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht
+verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie
+wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.
+
+Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen
+Winden gepackt werden kann, an jenem Tage aber kein freundlicher
+blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von
+dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden
+ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte.
+Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt,
+sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht
+erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster
+ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem
+Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir
+vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen
+uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe
+bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in
+unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes
+Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern,
+bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger
+behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer
+Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so
+die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines
+der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war
+von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte
+überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem
+Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne
+Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem
+Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der
+isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall
+nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war
+die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der
+zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt
+sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel ward, oder des
+Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube,
+auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite
+bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach
+dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am
+andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor
+die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen
+Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die
+keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier
+zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende
+Fremde, einen kleinen Laden (~tienda~), und treiben etwas Ackerbau
+und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles
+reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu
+Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter
+und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die
+mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft
+ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der
+Kuhreihen, das Heimweh zu geben.
+
+Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und
+Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten
+wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein
+starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen
+Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und
+wo wir an +den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten+,
+gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies
+nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier
+angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich
+in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem
+eingerichtet; er war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten)
+mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die
+Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit
+tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden,
+es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund.
+Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch,
+Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner
+etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco,
+woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein
+sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze
+Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe
+Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind,
+daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal
+wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche
+Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht
+bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in
+Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der
+Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich
+wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten,
+sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und
+asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die
+jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich
+gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser
+Wildpret.
+
+Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem
+von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als
+in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken
+Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends
+fehlenden Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte das
+einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. und
+einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das Local
+schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit weit
+entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, und
++Schleiden+ hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer gebracht,
+indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ und hieher
+zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, daß der
+Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte Aufsicht an
+Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu thun, was seine
+Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja viele Tausende wären
+erspart worden, und der Verein wohl nie in die Verlegenheiten gekommen,
+in denen er sich jetzt befindet, wenn man die Geschäftsverwaltung schon
+vor Jahren nach Anganguco verlegt hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch
+helfen kann, wage ich nicht zu entscheiden; es bleibt darum aber nicht
+minder ein großer Entschluß, nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt
+und feucht ist, daß man das ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben
+muß, wo keine Resource von Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden
+ist, und wo die Umgebungen der Natur eben so wenig Ersatz für all diese
+Entbehrungen darbieten, und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den
+sehr zweifelhaften Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen
+Unternehmens geschöpft werden soll.[18] Ganz nahe hinter dem Wohnhause
+ist eine Silbergrube des Vereins (~Carmen~), welche zwar die reichern
+Erze liefert, aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen
+hat; etwa eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia,
+Purissima u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber
+von diesen ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die
+jetzt eingeführte deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich
+wenigstens nicht zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate
+geführt werden kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst
+beschreibe ich Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und
+zeichnen sich auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in
+diesem Lande angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl.
+aus.
+
+Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf
+welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas
+in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man
+hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von
+den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.
+
+Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen,
+Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen
+Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts,
+aus entfernten Gegenden herangezogen werden müssen. Die Aufseher,
+die Schmelzer und Beamten des Vereins -- sind alles +Deutsche+, von
+denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz
+einheimisch gemacht haben.
+
+Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa eine
+Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, in Wasser
+abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, in Haufen
+abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches das Silber
+alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust eines großen
+Theils (40 à 50 ~pCt.~) des edlen Metalls geschehen kann, so ist diese
+Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) nur bei den reichern
+Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit dem Quecksilber geschieht
+durch das Treten eines Indianers, welcher wochenlang einen solchen
+abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 Stunden hindurch, mit
+seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige Weise durchstampft;
+er setzt dabei die nackten Arme in die nackten Seiten, und macht, mit
+den eben so nackten Beinen und auswärts gekehrten Füßen, die Runde in
+dem breiartigen Erze, mit der Formalität eines Tanzmeisters. Die guten
+schmutzbraunen Leute, welche diese ermüdende Arbeit verrichten, sind
+sehr kräftig und besonders muskulös, auch schienen sie mir munter und
+mit ihrer Beschäftigung zufrieden; eine seltsame Erscheinung dabei ist,
+daß sie nicht die geringste üble Wirkung von der Masse von Quecksilber
+verspüren, mit welcher ihr bloßer Körper doch stets in Berührung kömmt.
+
+Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des
+Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von
+Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten
+(welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen
+Bedeckung einiger wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines
+deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt
+werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten
+Tag die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern
+Weg gewählt, und eine Anhöhe (~Cuesta~) erstiegen, welche so steil
+ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber
+mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte
+uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei
+Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt,
+ist ausnehmend schön und großartig.
+
+In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen,
+und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne
+Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine
+Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns
+bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter
+ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen
+im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun,
+wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in
+der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf
+den Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären
+würde; darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden
+lang in einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten,
+wohin wir unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie
+in meinem Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die
+Stiefel von den Füßen +schneiden+ lassen, alle Kleidungsstücke waren
+triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief
+alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles
+trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank,
+und erwachten den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war
+heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das
+Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus
+den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause,
+eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der
+Tafel, und ließen es uns gut schmecken.
+
+
+ Mexico, den 13. Februar 1833.
+
+Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der
+Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene,
+Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe
+ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der
+Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt
+stattfindenden +Wahlen+ eines neuen Präsidenten und anderer hohen
+Magistratspersonen, obgleich sie +öffentlich in den Straßen, in elegant
+decorirten Buden+ gehalten werden, in denen die Bezirks-Beamten das
+Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, (~universal suffrage~)
+erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; so wenig nimmt das eigentliche
+Volk bis jetzt noch Antheil an der Selbst-Regierung. Ich denke aber,
+daß dies besser werden wird, wenn einmal das Militair mehr in den
+Hintergrund gedrängt ist, worauf die jetzt am Ruder stehende Partei
+hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein kluger Mann, und sieht ein, daß
+republikanische Civil-Institutionen nicht durch militairisches Regiment
+befördert und befestigt werden können. Dies scheint er besonders in den
+vereinigten Staaten von Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht
+zu seyn, einen Theil des dort herrschenden Geistes in sein Vaterland
+zu übertragen, was er denn auch unverhohlen in seinen officiellen
+Antworten an die Diplomaten, die ihm zum Regierungs-Antritt Glück
+wünschten, geäußert hat. Ich habe mich gestern, wo ich das Vergnügen
+hatte, in seiner Gesellschaft zu Mittag zu essen, und neben ihm zu
+sitzen, sehr angenehm, über diesen Gegenstand sowohl, wie über seine
+Reisen in Europa, mit ihm unterhalten, wobei es mich überraschte,
+zu hören, welch einen lebendigen Eindruck er von unsern schönen
+Rheingegenden behalten hat, und wie er sich einzelner Orte und
+Gegenstände, und nicht minder der dort vorherrschenden politischen
+Einrichtungen, erinnerte! Seine junge, liebenswürdige und geistreiche
+Frau war leider nicht mit ihm in Europa gewesen, sie war ihm nur in
+der letzten Zeit nach Nordamerika gefolgt, schien sich aber dort
+recht gut gefallen zu haben, und hat von daher eine Vorliebe für die
+englische Sprache mitgebracht, die der Präsident selbst aber nicht
+mit ihr theilt, er zieht das Französische vor, spricht aber auch
+dies nur unvollkommen. Von den vielen, in diesen Tagen gemachten und
+empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir nichts, sondern verspare es
+auf mündliche Unterhaltung. Einen kann ich aber doch nicht unerwähnt
+lassen, nämlich den bei den Damen D--’s (der Mutter nebst ihren zwei
+liebenswürdigen Töchtern, mit welchen ich von Bordeaux nach Vera-Cruz
+kam, und von da, wie Du Dich erinnern wirst, nach Jalapa reiste).
+Dieser braven Frau ist es hier im Anfang gar übel ergangen; ihr
+Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft zu errichten, schlug
+gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und war hier fremd
+und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, und es war
+schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem Geiste aber
+faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente ihrer
+wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend zu
+machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr
+Schüler zu verschaffen, und es gelang über Erwartung; die Zahl der
+kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht
+im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit
+monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction,
+meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz
+guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in
+ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und
+worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen
+werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen mit
+dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen Welt,
+in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, daß ich
+darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! Wenn mich
+aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt hat, wie ich
+es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles erlebt und
+erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch gestehen, daß
+mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe den eignen Sohn
+im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe viel Merkwürdiges
+und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche interessante
+Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst hier und da
+Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so zuvorkommend
+aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt worden, daß
+eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. Ich habe
+daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern nur +über
+Ereignisse, welche dem Schicksal angehören+!
+
+Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und --
+wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem
+Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde!
+Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in
+meinem Vorsatze, die Rückreise +jetzt+ anzutreten, verharren zu
+machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein
+paar Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf,
+meine Wiederherstellung +hier+ abzuwarten; da sie diese aber selbst
+nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin
+dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden
+Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich
+nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich
+wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur
+in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die
+Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, +ich reise morgen
+ab+!
+
+Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die
+vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von
+Vera-Cruz aus. Lebe wohl.
+
+
+ Vera-Cruz, den 3. März 1833.
+
+Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so
+wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere,
+daß ich wirklich +unterwegs nach Hause bin+.
+
+Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir
+schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall
+(~sin novedad~, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich den
+Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf einigen
+paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles in Duft und
+Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß man 50 bis
+60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines Silbergroschens
+erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem herrlichen Clima
+erzählt!
+
+Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief
+diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera,
+nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt hatte.
+Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, bald kalten
+und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es ein Hafen ist,
+eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz der Hauptstadt
+Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber freilich +nicht+,
+denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch und angreifend. Die
+drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen wenigen Minuten in
+die schneidendste Kälte, und führt einen Staub und Sand mit sich, der
+bis in das Innerste der Gemächer dringt! In den wenigen Tagen meines
+Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel schon mehrmals gehabt, und es
+weht und stürmt in diesem Augenblicke +so+, daß ich fast zweifle, ob
+wir morgen werden an Bord gehen können, was ich doch so sehr wünsche,
+da mich, mehr als ich auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu
+sehen. Diese Eile, nach Europa zurück zu kommen, hält mich ab über
+New-Orleans zu gehen, was ich, besonders um des guten Cecils willen,
+so gerne gethan hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu
+sehen und zu beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend,
+daß ich mich vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika
+fürchte, und deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York
+gehenden Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles
+beim Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß
+während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß
+eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem,
+glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde
+in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben
+so zuvorkommend und gütig wie früher; ich habe hier zum Abschied
+aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse
+es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer
+angenehmen Rückerinnerung.
+
+Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord.
+Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom
+Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen
+Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise
+wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen,
+und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise,
+gegangen ist.
+
+
+ New-York, den 1. bis 9. April 1833.
+
+So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in
+der +nordischen+ Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit
+eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel
+werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach
+Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von
+Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen,
+nicht vor dem 1. Dieses hier an.
+
+Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu
+berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher
+am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch
+während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs
+keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom
+von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr
+verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel
+gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein roher, ungebildeter
+Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so
+gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage
+der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren
+ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse
+Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender
+Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe
+Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs
+dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er
+New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht
+werden.
+
+Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz
+andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen
+hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber
+und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im
+Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem
+trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.
+
+Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele
+zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen
+Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London
+gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von
+der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem
+nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche
+ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes
+nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche
+täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen
+abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der
+vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem
+Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum
+etliche und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals
+schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat
+es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben
+Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden
+wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in
+andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf
+einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die
+neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen
+zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr
+viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind
+bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall
+werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse
+von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt
+werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20
+Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der
+Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann;
+hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7
+Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht
+das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt
+gesehen haben.
+
+Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich
+in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger
+als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon
+der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute
+Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren
+im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen
+bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren
+Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen
+schon von vorn herein ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem
+theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.
+
+Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den
+Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen;
+es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure
+Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre
+schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob
+man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere
+Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate
+Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich
+heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon,
+wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß
+er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch
+ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln
+an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam
+erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und
+gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später
+angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von
+rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß,
+den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön
+gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in
+Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie
+auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen
+Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die,
+früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in
+neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß,
+gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen,
+einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur bewundern kann.
+Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm
+für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der
+frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge,
+auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern
+Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht
+zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist,
+eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten
+wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen
+und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer
+hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen
+landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen,
+dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge
+einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber
+nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge,
+und die rauhe Jahrszeit z. B. +jetzt noch nicht+ vorüber; noch hat
+weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht
+wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der
+Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen)
+Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird
+es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist
+ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die
+gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch
+nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche
+Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige,
+gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt
+habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der
+deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im
+Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine Vergnügungs-Reise nach
+Italien, und von da über +Wien+, durch +Deutschland+, die +Schweiz+
+und +Frankreich+ zu machen; das nenne ich mir doch noch ~a tour of
+pleasure~! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit dem ältesten Sohn
+zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher Mann ist, während
+die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt vermiethet wird, ein
+sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies ist so Landes-Sitte
+hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.
+
+Diese ~boarding-houses~ sind zum Theil sehr elegant meublirt, und
+bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit
+darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar
+manche +Comforts+ der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer solchen
+Anstalt eingekehrt, in ~Mansion-house, Broadstreet~, und kann Dir
+mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 Uhr
+wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses in
+einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast
+und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame
+des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung,
+wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die
+zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel,
+auf +eigene Kosten+ unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, und
+es geht bei der, über 100 Personen starken ~table d’hôte~ wieder eben
+so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses,
+die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen
+Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch
+der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es
+herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist
+gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der Wein wird
+ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine
+der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden
+Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön
+meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (~parlour~)
+zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die
+Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige
+Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei
+dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische
+steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort
+nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken,
+und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich
+um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in
+einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer
+der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier
+nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel
+besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese
+~boarding-houses~, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch soll
+es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer seyn.
+
+Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen
+beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns
+in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch
+in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer
++Auction+! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines
+Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer
+schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und
+Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren,
+und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne
+daß jedoch etwas weggenommen werden dürfte, bis das Ganze, mithin
+das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon
+angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am
+Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen,
+theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig
+hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug
+erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf
+und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und
+daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich
+schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern.
+Die liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen,
+wenn sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich
+zu +freuen+, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens,
+schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches
+sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll
+übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.
+
+Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen,
+Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele
+hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben
+von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog
+Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb
+verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! --
+
+Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner
+Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und
+seine Tochter Fanny, in der Tragödie “~the grecian daughter~” zu sehen,
+und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung belohnt
+worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in England zu
+bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst nach meiner
+Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande ~furore~ gemacht; ich
+war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich augenscheinlich,
+in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons zu treten, das
+will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei denen, welchen
+jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft vorschwebt
+wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu einförmig
+in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. Nichts desto
+weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer, und
+ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch sehr jung, und
+soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr Betragen gegen
+ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.[19]
+
+Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder
+so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen
+ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken
+voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.
+
+Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das
+Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen
+jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits
+einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein
+Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir)
+nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu
+engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in
+Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner
+delectiren soll.
+
+Auch einen +Sonntag+ habe ich in New-York verlebt, kann aber nicht
+sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für Europäer
+so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in mehreren
+Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden ist; nur
++das+ genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage in den Straßen
+zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, vielleicht ist
+es aber auch in andern Städten der Republik ärger damit als hier, wo
+es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und Gebräuche mit denen
+Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die Dauer? -- darüber
+könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; +das+ aber weiß ich
+schon im Voraus, daß mich die hier herrschende +Blut-Aristokratie+,
+diese souveraine Verachtung aller derer, welche aus afrikanischem
+Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; denn obgleich ich
+selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern fließen habe, um
+persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, so empört es mich
+darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von zufällig anderer
+Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, daß selbst weiße
+und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in allen Familien von
+beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und demselben Tische
+essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, ungeachtet die
+Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es bekanntlich im
+Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das also erst in den
+Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich gestattet ist. Man
+versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und wäre er selbst General
+in den Diensten einer freien Nation, es wagen wollte, in New-York
+sich an eine Wirthstafel zu setzen, man es ihm entweder untersagen,
+oder die ganze Gesellschaft das Zimmer verlassen würde! Und dies in
+einem Lande, welches sich rühmt, die Menschenrechte zu ehren, Freiheit
+und Gleichheit zu besitzen und dessen +Constitution+ unter den
+freien Bürgern des Landes keinen Unterschied des Blutes anerkennt!
+Dieses, wie es scheint hier nicht zu vertilgende, Vorurtheil setzt
+den Präsidenten diesen Augenblick in eine nicht geringe Verlegenheit,
+gegenüber der Republik Haity, mit welcher die Vereinigten Staaten
+einige Mißverständnisse auszugleichen haben, zu deren Beseitigung der
+Präsident gerne einen Diplomaten nach Portauprince senden möchte; er
+weiß aber, daß man ihm von dort sogleich eine Gegensendung machen
+und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, der dafür tauglich
+wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in seinen öffentlichen
+Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der bürgerlichen
+Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und Kränkungen
+erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur vermehren
+müßten, und +deshalb unterbleibt die ganze Negotiation+!
+
+Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den
+Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende
+Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird
+sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine
+Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen
+Staaten dieser +aufgeklärten+ Republik die Todesstrafe darauf gesetzt
+haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe dann der
+Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der Asche
+glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. Die jetzt
+hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen -- auf Liberia,
+an der Küste von Afrika, -- so edel der Gedanke und so brav die
+Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das drohende Uebel
+nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo +Millionen+ in
+Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen die Fesseln nur noch
+um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was sonst soll geschehen?
+Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen wird; die allmählige,
+stufenweise, aber gänzliche und +jetzt schon ausgesprochene+ Aufhebung
+aller Sclaverei.[20]
+
+Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen
+Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und
+gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben
+im Hafen u. s. w. -- sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen,
+und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange
+Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen
+geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an
+Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde,
+welches mich nach Frankreich bringen soll. -- Alle Vorbereitungen sind
+bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind
+zu bitten. Lebe wohl.
+
+
+ Am Bord des amerikanischen Packetboots the
+ Sully, Capt. Forbes, am 30. April 1833.
+
+Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen,
+heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der
+Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach
+Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen
+in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten
+gemacht haben werden.
+
+Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt
+worden und legten schon in den ersten zwei Tagen über 500 Meilen
+zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite
+(in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu
+entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging
+sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine
+Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig,
+so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte.
+-- Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer,
+um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu
+nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als
+das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen
+ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze
+von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von
+Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis
+jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt
+wird, -- dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als
+das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber
+nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.
+
+Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten
+hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten
+täglich um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das
+einzige, was ich Dir von +dieser+ Reise erzählen könnte und nicht von
+der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines
+Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man
+sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von
+ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren,
+was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken
+nach sich zieht. Diese Meerungeheuer folgen den Schiffen unter der
+Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches
+ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase
+spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer
+Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch
+bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat
+es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit
+der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten,
+aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines
+Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem
+Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt
+selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren
+Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal,
+wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus
+dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch
+seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit
+Fleisch und Angel im Magen davon.
+
+Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen
+tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn
+aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit
+seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er
+würde sie zertrümmern.
+
+Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den
+Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit
+seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und
+der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere
+Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem
+Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm
+losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem Fleische
+braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos
+unter uns waren, durchaus keinen Beifall.
+
+ * * * * *
+
+Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele
+Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600
+bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der
+Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch
+nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten
+Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem
+schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen
+wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren,
+daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir
+erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders
+der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten
+ihnen eine glückliche Ueberfahrt.
+
+ * * * * *
+
+Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben,
+denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und
+Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt,
+und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben
+geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an Bord
+sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das sogenannte
+~drawing room~, in welchem ein Piano-Forte und eine kleine Bibliothek,
+zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain ist ein wackerer
+und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten Tisch, und daß uns
+Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe sodann an einem
+meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und vielseitig gebildeten
+Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch die Erzählung seiner
+ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen angenehm, ja belehrend
+unterhalten worden, wovon ich Dir einmal mündlich manches mittheilen
+werde.
+
+Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer
+Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese
+Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch
+Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in
+Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser
+befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das
+scheint mein Uebel vermindert zu haben.
+
+Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen
+Wiedersehn.
+
+
+ Paris, am 10. Mai 1833.
+
+Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem
+und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern
+wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork
+abgesegelten, Packet la France! Obgleich es dieselbe Richtung genommen,
+welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise
+mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns
+beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der
+See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur
+dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat,
+wie das Wasser.
+
+Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade ~la fête de Louis
+Philippe~ und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem Pomp.
+Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am Abend
+ward hie und da -- sehr spärlich -- illuminirt! Da das Paß-Bureau
+dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag für die
+Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach
+15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend
+bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in
+Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich,
+und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir
+schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig
+Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs
+mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um
+deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika
+zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in
+den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen;
+Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier
+sahen wir -- auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen -- wenigstens
+Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber,
+Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich
+ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor
+Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen
+Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen
+Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe
+ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil,
+um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen ihre
+afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde beraubt
+sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. Ich habe
+auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes Beispiel davon
+gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, hielt um Mittag
+eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans zurückkehrende
+europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes Kind von etwa
+vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische und da ich, wie
+du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so wollte ich den
+Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr litt es aber
+nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des Zimmers an,
+wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. auf einen
+Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun würden. Meine
+Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst unschicklich
+sei, wurde -- belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl eine andere
+Beachtung verschafft. -- Der Kleine nahm die Speise mit den Händen und
+verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung +noch+ nicht; in Europa wird
+er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei seiner dereinstigen
+Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen müssen. Und daß er
+zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen Zweifel; sein
+Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und jenes lernen
+zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen desto höheren
+Preis -- +verkaufen+ könne!
+
+Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine,
+durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige
+Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct
+von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen
+Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit
+ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit,
+im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich
+eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich
+nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht
+so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung
+war nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt
+fordert mich auf, zu bleiben, und meine Kur +hier+ abzuwarten. Wie
+kann ich mich aber, nach einer so langen Trennung von Euch, +dazu+
+entschließen? -- Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich
+hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich +bloße Schmerzen+ nicht
+davon abhalten, das versichere ich Dir.
+
+Am 13. -- Ich habe sie -- diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun
+morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz
+drücken können!
+
+
+[16] D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese.
+
+[17] Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter Modus in
+den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan haben würde,
+beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den Häfen
+unabhängiger zu machen.
+
+[18] Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu Theil
+geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches er
+zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und Leben!
+Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich die
+traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches er
+sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist.
+Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde
+es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco
+erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät
+war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven
+Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen
+zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der
+nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge
+er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater!
+
+[19] Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung
+gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den
+vereinigten Staaten verheirathet worden.
+
+[20] Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche heilsame
+Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies macht die
+Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur um so
+dringender!
+
+
+
+
++Anhang.+
+
+
+
+
+Kurze Darstellung
+
+der
+
+politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico
+
+seit der Präsidentschaft Santa Anna’s,
+
+so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.
+
+(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)
+
+
+Wie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder
+an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner
+“Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete
+ihm nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er
+suchte daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt,
+momentane Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes
+so weit hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in
+allen zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl
+für den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch
+und insbesondere +die höchsten Magistrats-Personen der Republik+, mit
+gehöriger Freiheit erwählen konnte.
+
+Sobald dies jedoch geschehen und General +Santa Anna+ als +Präsident+,
+Don +Valentin Gomez Farias+ als +Vice-Präsident+ installirt und der
+gesetzgebende Körper der Union neuorganisirt worden war, änderte sich
+der Gang und die Tendenz der Administration von Grund aus.
+
+Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen
+Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur
+militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze
+der gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando
+gelassen hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante
+am meisten ergebenen Generäle, +Arista+ und +Duran+, die wichtigsten
+Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und
+letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der
+Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s
+in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer
+Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund
+und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen
+Ereignissen.
+
+Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei
+zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen
+Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn
+zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so
+sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, -- in +seiner+ Person
+liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, -- ihm wollten sie
+vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von
+Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen
+füllten! -- Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und
+Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn
+er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die
+Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und der
+Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! -- so hieß es am
+Schluß -- diese anarchistische Partei, empfangen Sie die +Dictatur+ aus
+unsern +Händen+, wer wird es alsdann noch wagen, das Haupt zu erheben?’”
+
+Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der
+Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico,
+Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident solchen
+Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur Steuer der
+Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf einzugehen.
+Obgleich -- aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung -- schwankend
+in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das Wohl seines
+Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß die Volkspartei
+zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform überschreiten
+würde; er hatte überdies +religiöse+ Scrupel und hielt es für Sünde,
+die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen beschränkten Ideen
+ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des Gouvernements
+und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere von dem
+Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, sondern
+Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn der
+Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein
+Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit
+fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn
+gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen
+Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt
+seyn.[21]
+
+Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der
+neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen
+gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats
+Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser
+Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren
+Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder
+Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum
++Dictator+. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person
+gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten
+mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch
+er zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit
+Ausnahme einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun
+den eignen General, +den Präsidenten der Republik+, gefangen nahm, um
+ihm die +Dictatur+ gleichsam aufzudringen. -- Aber man hatte sich in
+ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition
+anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern
+des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich
+aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge
+und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.
+
+Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die
+Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse.
+Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa
+Anna für eine mit ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch
+der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch
+nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines
+Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten
+gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den
+Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts
+der Republik! Die Generäle +Vittoria+, +Anaya+, +Mejia+ und +Arago+
+(letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser Zeit der Sache des
+Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) waren der Regierung treu
+geblieben, und der Vice-Präsident bediente sich ihrer mit Kraft und
+Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in der Hauptstadt und Umgegend
+zu unterdrücken. -- Der durch sich selbst befreite Präsident Santa Anna
+kam mittlerweile zurück und sammelte mit der ihm eignen Gewandtheit und
+Energie eine neue Armee, mit der es ihm endlich gelang die Rebellen,
+in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! -- Die Chefs der Insurgenten und
+dieser Contrerevolution wurden des Landes verwiesen; +auch nicht eine
+Hinrichtung fand statt+! Die neue Ordnung der Dinge stand fest.
+
+Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben,
+zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des
+Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz,
+zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung
+der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und
+militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner
+Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und
+der Constitution treu bleiben!
+
+Während nun der +Präsident+ damit beschäftigt war den Feind im offenen
+Felde zu bekämpfen, gingen vom +Congreß+ wichtige Reform-Decrete aus.
+Unter andern Männern von Kraft und Kenntnissen saß in demselben der
+bekannte Don +Lorenzo de Zavala+, der seine Stelle als Civil-Gouverneur
+des Staates Mexico niedergelegt hatte und zum Repräsentanten desselben
+erwählt worden war. -- Unter seiner Mitwirkung beschloß der Congreß:
+
+ 1. Daß die Entrichtung des +Zehnten+ an die Geistlichkeit, dem
+ Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim
+ gestellt seyn solle.
+
+ 2. Daß die +klösterlichen Gelübde+ vor dem Civil-Gesetz als nicht
+ bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen
+ Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins
+ bürgerliche Leben wieder einzutreten.
+
+ 3. Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten +Canonicate+
+ wieder aufgehoben seyn sollten.
+
+Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als +tausend+
+Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, wodurch die Finanz
+der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen völlig unnützen,
+Last entledigte.
+
+Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind
+noch folgende Propositionen Zavala’s:
+
+ ~a~) Umänderung des Zoll-Tarifs, d. h. Verminderung der eingehenden
+ Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um Zweidrittheil
+ der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote.
+
+ ~b~) Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern
+ verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben.
+
+ ~c~) Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der National-Schuld.
+
+Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen,
+als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die +Einführung der
+Religionsfreiheit+ bemerklich macht, und man nicht glaubt, daß
+diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei
+Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!
+
+Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende
+Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten
+sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen
+und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit
+ergehen zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und
+materieller Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie
+sehen ein, daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen
+ist. Man hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch +keine
+Schulen+ waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die
+Staaten von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus.
+-- Im Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und
+viele Schulen des +ersten Unterrichts+ wieder hergestellt, welche die
+frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das
+gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem
+besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa
+einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 +Schulen des ersten
+Unterrichts+, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746
+Kinder lesen und schreiben lernen.
+
+Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat,
+die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren,
+so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der
+ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der
+Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf
+dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und
+Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie;
+Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik;
+Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-,
+Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w.
+
+Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate
+hervorbringen![22]
+
+Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die
+der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte
+in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung
+Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht
+allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere Schuld
+von +fünf Millionen Pesos+ contrahirt und sie auf die Zölle angewiesen,
+welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme des Staates bilden.
+Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen abgeschnitten, und
+sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis Geld vorzuschießen;
+dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von Agioteurs erhalten,
+denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe Million aus die
+Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, besonders während
+sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer bringen und selbst
+bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. Zinsen pr. +Monat+!!
+bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung auf die Zölle, welche sich
+stets binnen mäßiger Frist realisirten und somit den Darleihern
+einen ungeheuren Nutzen abwarfen! -- Ein solches Leih-System von
+Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen Hülfsquellen wie
+Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, als es selbst
+die Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn wenn diese auch
+der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der empfangenen Summe
+kosten,[23] so sind doch, wie man sieht, jene Platz-Anleihen, bei
+unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher und weit schnellerer
+Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen zum gänzlichen Ruin, ja
+zum National-Banquerott führen, wenn das System nicht geändert wird!
+-- Darauf arbeitet denn auch die jetzige Administration hin und hat
+bereits bedeutende Ersparnisse in der Verwaltung eingeführt; auch geht
+sie damit um das Uebel an der Wurzel zu fassen, nämlich die Armee zu
+reduciren! denn so lange nicht die bewaffnete Macht, nach dem Vorbild
+der nordamerikanischen Staaten, auf eine verhältnismäßig kleine Armee
+zurückgeführt wird, ist kein Heil für die Republik zu erwarten.
+
+Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen
+und verbesserten Finanz-Verwaltung hat Zavala der Regierung höchst
+beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen
+werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa
+und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,[24] will er, daß
+man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland
+Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von
+diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf
+längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden,
+die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des
+Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.
+
+Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der
+Schluß ziehen, daß die +vereinigten Staaten von Mexico+, sowohl in
+moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft
+entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte,
+welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet,
+die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen
+früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen,
+mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; -- die
+Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder
+Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der
+jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden,
+welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der
+Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch
+geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im Clerus
+stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende
+Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche
+und Staat anzuerkennen, -- alles dies wird +die vereinigten Staaten
+von Mexico+ dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen
+Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und
+die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die
+Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.
+
+
+[21] Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem
+Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich zu
+überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt das
+Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für nöthig
+hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen, ließ er
+sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine +schwere+ Krankheit nicht
+abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom Krankenlager aus,
++unter den größten Anstrengungen+, eine lange, eindringliche Rede, in
+der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner Vortheil es erheische,
+dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die erforderliche Hülfe
+nicht zu versagen. -- Seine Rede blieb nicht ohne Erfolg; es kam
+wirklich eine Anleihe zu Stande.
+
+[22] Vorausgesetzt, daß die angestellten +Lehrer+ der umfassenden
+Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was +vorerst+ wohl
+schwerlich der Fall seyn dürfte.
+
+[23] +Erstes+ mexicanisches Anlehen in England contrahirt
+zu 5 pCt. ~per annum~ 16,000,000 $ zu 50 pCt. negociirt ergaben
+
+ $ 8,000,000
+ Provision 5 pCt. $ 400,000
+ Dividende des ersten Jahrs „ 800,000
+ Tilgungsfond „ 400,000
+ -----------
+ „ 1,600,000
+ -------------
+ disponible Summe $ 6,400,000
+
+hiervon jährlich zu zahlen 800,000 $, macht 12½ pCt.
+
++Zweites+ mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6 pCt.
+~per annum~ 16,000,000 $ zu 82 pCt. negociirt ergaben
+
+ $ 13,120,000
+
+ Provision 5 pCt. auf den Nominalwerth $ 800,000
+ Dividende des ersten Jahrs „ 960,000
+ Tilgungsfond „ 540,000
+ ---------
+ „ 2,300,000
+ -------------
+ disponible Summe $ 10,820,000
+
+hiervon jährlich zu zahlen 960,000$ macht circa 9 pCt.
+
+[24] Don Lorenz Zavala, Verfasser des ~ensayo historico de las
+revoluciones de Megico. tom. I. Paris~ 1831 und ~tom. II. New-York~
+1832, ist jetzt bevollmächtigter Minister der vereinigten Staaten von
+Mexico am Hofe von Frankreich und mithin zu Paris!
+
+
+
+
+ Zweite Abtheilung.
+
+ Mercantilische und statistische Notizen.
+
+
+
+
+Handel mit Mexico.
+
+Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen.
+
+
++Bordeaux+ hat durch seine geregelte Packetfahrt einen Umfang in dem
+Handel mit Mexico erlangt, den es ohne dieselbe wohl mit Havre hätte
+theilen müssen. Die französische General-Post-Direction hat nämlich mit
+einer Gesellschaft von Schiffs-Rhedern in Bordeaux eine Uebereinkunft
+getroffen, nach welcher diese, gegen eine Vergütung von 10000 Francs
+für die Hin- und Herreise, jeden ersten des Monats ein Schiff mit der
+Correspondez nach und von Mexico abzufertigen und dabei den einen
+Monat die Briefe nach der Insel Martinique, den andern nach Haity (St.
+Domingo) mitzunehmen verpflichtet sind.
+
+Diese regelmäßige monatliche Abfahrt von Packetbooten, welche zugleich
+Kauffahrteischiffe sind, giebt Bordeaux’s Verkehr mit Mexico eine
+Zuverlässigkeit, welche man anderwärts nicht findet, obgleich Havre
+in seinen Bemühungen, Theil an dem mexicanischen Handel zu nehmen,
+nicht ganz zurückbleibt. -- Frankreich und die Schweiz senden daher
+ihre für Mexico bestimmten Fabrikate vorzugsweise über Bordeaux,
+und selbst die preußischen Seidenfabriken am Rhein thun, bei dem
+jetzt freigegebenen Transit durch Frankreich, häufig ein Gleiches.
+Bordeaux hat überdies einen, diesem Hafen bekanntlich eigenthümlich
+angehörigen, nicht unbedeutenden, und sich stets mehrenden Handel in
+Wein mit den mexicanischen Häfen, und ist zugleich der Hauptmarkt für
+die wichtigste +Waaren+-Retour, welche Mexico zu machen hat, nämlich
+für +Cochenille+. Hiervon empfängt Bordeaux jährlich den Werth von
+circa 3 bis 4 Millionen Francs aus dem Hafen von Vera-Cruz, und findet
+seinen Hauptabsatz dafür theils nach St. Petersburg, theils nach der
+Levante.
+
+Seit Spanien seine Colonieen und mithin Cadix sein Monopol des
+Cochenille-Handels verloren hat, theilen sich hauptsächlich Bordeaux
+und London in diesen wichtigen Geschäftszweig. -- Bordeaux aber, wo
+bei der mexicanischen Revolution sich viele Spanier und mehrere reiche
+Mexicaner angesiedelt haben, scheint die, früher in Cadix geheimnißvoll
+betriebene, Umarbeitung der Cochenille besser zu verstehen, als London
+und dadurch wo nicht größere, doch jedenfalls gleich große Geschäfte
+darin zu machen. Auch hierbei zieht Bordeaux Vortheil von seiner
+Packetfahrt mit Vera-Cruz, indem durch +diese+ regelmäßige Sendungen
+von Cochenille und andern Waaren gemacht werden können, während den
+englischen Packeten nicht erlaubt ist, etwas anderes als Comptanten
+an Bord zu nehmen, und man daher häufig genöthigt ist, aus Mangel an
+directer Schiffsgelegenheit, Cochenille und sonstige nach England
+bestimmte +Waaren+ über New-York, oder andere Häfen von Nordamerika zu
+versenden.
+
+Xalapa und Sasseparila hat Bordeaux gleichfalls viel aus Mexico
+bezogen, besonders in der letzten Zeit, wo diese Artikel in Folge der
+Cholera so sehr gestiegen sind. Vanille bildet auch noch einen nicht
+unbedeutenden Einfuhr-Artikel, er ist jedoch, des leichten Verderbens
+wegen, ein sehr mißlicher und giebt nur periodisch einen, dann aber
+freilich oft sehr großen, Gewinn.
+
+Baarsendungen, sowohl in +Piastern+ als auch insbesondere in
++Doublonen+, rendiren in Bordeaux deshalb besser als irgendwo, weil
+sie, des benachbarten Spaniens wegen, in ihrem gemünzten Zustande
+Cours haben und deshalb oft sehr hoch stehen, während sie anderwärts,
+in der Regel, erst umgeschmolzen werden müssen und mithin nur ihren
+Metallwerth aufbringen.
+
+Unter Frankreichs verschiedenen Ausfuhr-Artikeln (unter welchen
+Seiden-Waaren natürlich obenan stehen) verdient +Papier+ noch einer
+besondern Erwähnung. Die unfern Bordeaux gelegenen Papiermühlen
+lieferten Ende 1831 das 500 Bogen starke Ries des sogenannten
+Florete, als der geeignetesten Sorte, zu 6 Fr. 15 Cent., und mithin
+weit wohlfeiler, als es nach allen gemachten Versuchen Deutschland
+herzustellen möglich ist. In Genua, wo die für Mexico passendste
+Qualität verfertigt wird, steht der Preis noch niedriger. Es ist zu
+beklagen, daß Deutschland dergestalt bei einem Geschäftszweige nicht
+concurriren kann, welcher eine so große Rolle im Handel nach Mexico
+spielt. Es werden daselbst jährlich nicht weniger als 500,000 Ries
+Papier eingeführt, oft mehr, und es wird außerdem noch Papier im Lande
+selbst fabricirt. Der Verbrauch dieses Artikels ist in Mexico deshalb
+so groß, weil alle Einwohner (selbst die Damen nicht ausgenommen)
+Papier-Cigarren rauchen, was natürlich einen +täglichen+ Consum von
+Millionen solcher Cigarren zur Folge hat.
+
+Der Versuch, in Bordeaux eine Niederlage von deutschen Leinen für
+die Assortirung der Ladungen nach Mexico und Südamerika zu bilden,
+schlug fehl und mußte fehlschlagen, weil Deutschlands +directer+
+Ausfuhr-Handel nach jenen Landen zu lebhaft und bedeutend ist, um
+einer Vermittlung dabei zu bedürfen; er übersteigt im Werthe den der
+französischen Häfen und die Ausfuhr von Hamburg und Brennen nach
+Mexico allein, beträgt, in Leinen und andern Gegenständen +deutscher+
+Industrie, wohl an acht Millionen Mark Banco im Jahr! Rechnet man
+hinzu, was an +deutschen+ Waaren über Nordamerika, England, ja sogar
+über Chili und Peru nach Mexico geht, so leidet es keinen Zweifel,
+daß das Minimum des jährlichen Consums in der Republik Mexico, an
++deutschen+ Waaren aller Art, auf zehn Millionen Mark Banco (5 Mill.
+preußischer Thaler) veranschlagt werden kann, und wobei die unter dem
+Namen von ~Platilles reales~ bekannten schlesischen Leinen mit 120 bis
+140,000 Stück figuriren.
+
+Nächst dem Leinen sind die Seiden-Waaren aus den Rhein-Provinzen der
+wichtigste deutsche Artikel in dem mexicanischen Markt; auch spielt
+das böhmische Glas bei der Ausfuhr von Hamburg nach Vera-Cruz eine
+große Rolle. -- In den letzten beiden Jahren sind allein von Hamburg
+jährlich 20 bis 22 Schiffe, mit Manufactur-Waaren beladen, +direct+
+nach Vera-Cruz und Tampico abgefertigt worden, und zwar alles deutsche,
+nämlich Hamburger, Bremer, preußische und Altonaer, welche letztere
+allerdings unter dänischer Flagge fahren, aber darum nicht minder
++deutsch+ sind; denn wenn auch +Altona+ unter dänischer Oberherrschaft
+steht, so liegt es doch in Holstein und +Hamburg+ so nahe, daß die
+beiden Häfen gleichsam nur ein und denselben bilden; die Altonaer Börse
+wird aber wirklich an jener von Hamburg abgehalten.
+
+
+
+
+Ausfuhr von Mexico.
+
+
+Staat von Oaxaca.
+
+Cochenille (~Grana~).
+
+Obwohl Cochenille (span. ~Grana~) jetzt auch in Honduras und Guatimala
+in guter Qualität erzeugt und nach Europa ausgeführt wird, so kann
+man doch noch immer Mexico als die Hauptquelle für diesen wichtigen
+Farbestoff betrachten. In Mexico selbst aber wird Cochenille
+ausschließlich in dem Staate von Oaxaca gezogen, und wird daselbst auch
+nie aufhören gezogen zu werden, wie dieses bei sehr niedrigen Preisen
+in Honduras und Guatimala wohl der Fall seyn könnte, wo die Zucht
+derselben bloß speculative Unternehmung von Pflanzern ist, während
+sich in Oaxaca die indianische Bevölkerung ihren Unterhalt dadurch
+verschafft und, bei wenig Auslagen und noch wenigeren Bedürfnissen,
+den Erlös des Products, gleichsam als den Jahres-Verdienst betrachtet,
+wovon sie leben muß. Die Cochenille-Zucht ist nämlich der Art, daß sie
+ganze Familien Indianer, jung und alt, auf eine, ihren beschränkten
+Geistes- und Körperfähigkeiten sehr zusagende, Weise beschäftigt,
+weshalb sie denn auch, so lange der Artikel nur noch zu irgend einem
+Preise Käufer findet, gewiß zu keiner andern Arbeit übergehen werden.
+Die Pflanzer, welche die Cochenille im Tagelohn bearbeiten lassen, und
+deren es in Oaxaca auch giebt, behaupten, bei Preisen unter 9½ und
+10 Realen pr. ℔ nicht bestehen zu können. Die Zucht der Cochenille,
+bis sie als Handelsartikel in den Markt kommt, erfordert ungefähr ein
+ganzes Jahr Zeit.
+
+Das junge Insect wird auf den Pflanzungen in den Gebirgen geboren, da
+die Temperatur und der frühe Regen im Thale der Brut nicht günstig
+sind. Erst im Juli wird es von den Gebirgen gebracht, und in den
+Thal-Pflanzungen auf den Naupal (Cactus) gesetzt, und sowohl gegen
+Regen als gegen Sonnenhitze durch Mattendächer geschützt, welche nur
+eine kurze Zeit am Morgen gelüftet werden. Auf diese Weise wird das
+Insect gehegt, bis es im Monat October und November gebiert, wo alsdann
+dieser Saame, wie man das junge Insect nennt, über die ganze Pflanzung
+verbreitet wird.
+
+Das Product der ersten Aussaat schlägt man auf das Fünffache, das der
+zweiten, von der Jahrszeit mehr begünstigten, auf das +Zehn+- bis
++Eilffache+ an, dergestalt, daß eine +funfzigfache+ Vermehrung des
+Insects in den beiden Jahres-Abtheilungen angenommen werden kann,
+wenn nicht Unglücksfälle, z. B. plötzlich eintretender Frost oder
+Wegschwemmnng durch allzu heftige Regengüsse, was allerdings manchmal
+geschieht, eine Aenderung darin hervorbringen.
+
+Das Insect wirft lebendige Jungen; manche bis zu 200 an der Zahl! wovon
+jedoch viele verloren gehen. Nach der zweiten Aussaat, wo das Wetter
+beständiger und zuverlässiger geworden ist, werden die Pflanzen nur
+mit Busch und Laubwerk bedeckt, obgleich sie dadurch der Beschädigung
+durch Regen mehr ausgesetzt sind; eine Mattenbedeckung für die ganze
+Pflanzung würde aber zu theuer kommen, und eine Auslage von $ 3 für
+jedes Pfund Saamen erfordern.
+
+Das Insect der zweiten Aussaat läßt man nicht zum Gebären kommen;
+man sammelt es schon im Januar und Februar und tödtet es entweder in
+kochendem Wasser oder, nach einer jetzt öfter angewandten, bessern
+Methode, in heißen Oefen, wobei dem Thiere seine Farbe besser erhalten
+wird. Wenn die “+Grana+” alsdann ganz getrocknet ist, wird sie gesiebt
+und von allen fremdartigen Theilen gereinigt, und in +dem+ Zustande zum
+Verkauf ausgeboten, wie wir sie auf den europäischen Märkten sehen. Die
++schwarze+ Cochenille, oder Zaccatilla, ist die Mutter-Grana, nachdem
+sie geboren hat und eines natürlichen Todes gestorben ist. Die beste
+Zeit für den Einkauf in Oaxaca sind die Monate November und December.
+-- Die silbergraue Cochenille ist das Thier, wenn es vor dem Gebären
+auf oben beschriebene Weise getödtet wird.
+
+Die Qualität hängt viel von der Sorgfalt ab, womit man das Insect
+behandelt während es lebt, und von der Art und Weise des Tödtens;
+jedoch haben auch allerhand Verfälschungen, besonders früher als die
+Preise hoch standen, Statt gehabt, und man versucht sie auch jetzt
+noch, obgleich, des niedrigen Preises wegen, minder häufig. Die
+dermalen am meisten übliche Verfälschung besteht aus einer Nachahmung;
+-- theils von dem Staub und Bruch, welcher aus der bessern Qualität
+ausgesiebt worden ist, theils von dem Bodensatz der schon gebrauchten
+Cochenille. Mit einiger Aufmerksamkeit sind aber beide Arten der
+Verfälschung leicht zu entdecken, -- und noch leichter zwei geringere
+Gattungen -- todte Cochenille (~Grana muerta~) und wilde Cochenille
+(~Grana silvestre~) genannt, -- welche sich manchmal mit einschleichen;
+-- erstere hat eine runde Gestalt und gleicht der nachgemachten, zeigt
+jedoch Streifen wie die ächte Cochenille; letztere ist derselben aber
+gar nicht ähnlich und hat durchaus keine gewisse und gleichmäßige
+Form. Wenn, wie manchmal geschieht, die Zaccatilla (die Mutter-Grana
+nach dem Gebären) gleichfalls durch heißes Wasser getödtet wird, so
+bekommt sie ein schlechteres Ansehen, nämlich röthlich-schwarz und
+fuchsig, und wird deshalb wohlfeiler verkauft; da diese Gattung aber
+eben so viel Farbestoff enthalten soll, wie die besser aussehende, so
+verdient sie die Aufmerksamkeit derer, welche für den, die Waare selbst
+verarbeitenden, Fabrikanten in Europa einkaufen, indem dieser alsdann
+dasselbe Quantum Farbe billiger erhält.
+
+Granilla nennt man die ganz kleinen Insecten und den Bruch der bessern
+Cochenille; sie wird für den halben Preis und oft noch billiger
+verkauft, ist aber auch in Europa nicht beliebt.
+
+Die ächte Zacatilla ist leichter als die silbergraue und nimmt bei
+gleichem Gewicht mehr Volumen ein, sie wird daher auch schon deshalb
+für den levantischen Markt, wo Cochenille nicht wie in Europa nach dem
+Gewichte, sondern nach dem Maaße verkauft wird, vorgezogen. Um auch die
+silbergraue möglichst leicht zu machen, wird sie vor dem Einpacken sehr
+gut getrocknet. Staub kann jedoch nicht vermieden werden; denn, wenn
+auch noch so rein gesiebt und noch so fest verpackt worden ist, erzeugt
+er sich dennoch auf der Reise, und zwar am meisten bei den feinsten
+Qualitäten, sowohl bei Zacatilla, wie bei der silbergrauen.
+
+Die Verpackung geschieht zuerst in leinene Säcke, dann in Matten, und
+über diese wird ein Kalbfell festgenäht und geschnürt. Ein solches
+Colli nennt man Serron oder (spanisch) Sebernali, und es enthält in der
+Regel 8 Arroben oder 200 ℔ Cochenille. In Oaxaca wird die Cochenille
+nach dem Pfund verkauft, in dem Seehafen von Vera-Cruz aber, wo
+sich gleichfalls ein Markt für den Artikel gebildet hat, kauft und
+verkauft man sie nach Arroben von 25 ℔ und so wird sie auch ins Ausland
+facturirt. Vera-Cruz ist übrigens der für die Verschiffung dieses
+Productes nach Europa am zweckmäßigsten gelegene Hafen. In Tampico
+kommt es gar nicht vor und nach Acapulco an der Südsee verirren sich
+nur selten einige Serronen. Das größte Quantum Cochenille, was seit
+dem Jahre 1758, also seit mehr als 70 Jahren, ausgeführt worden ist,
+war 1,558,125 ℔, im Jahre 1774! Der Durchschnitt von 1770 bis 1780 kann
+zu 1,000,000 ℔ jährlich angenommen werden. Der Preis variirte aber in
+derselben Epoche sehr, und während derselbe im Jahre 1770 bei einer
+Ausfuhr von 1,000,000 ℔, auf 25 Rl. und im Jahr 1771 sogar auf 32 Rl.
+pr. ℔ gestiegen war, fiel er 1774 bei 1,500,000 ℔ Ausfuhr, auf 17 Rl.,
+und in 1779, bei nur 800,000 ℔ Ausfuhr auf 15 Rl. pr. ℔. Die Ausfuhr
+nahm nunmehr bedeutend ab und fiel im Jahr 1793 bis auf 334,250 ℔. Der
+Durchschnittspreis jenes Jahres war dennoch nur 13½ Realen, und als das
+Jahr darauf die Ausfuhr wieder auf 655,550 ℔ stieg, sank der Preis auf
+10½ Rl. pr. ℔. Auf dieser niedern Stufe sollte aber damals der Artikel
+nicht lange bleiben, und schon in 1800 stand er wieder auf 19 Rl., in
+1803 auf 21 Rl. und in 1809 sogar auf 33 Rl.! Der Preis hielt sich bis
+zur mexicanischen Revolution (1820/21) ungefähr auf jener Höhe, mit der
+alleinigen Ausnahme des Jahrs 1813, wo seltsam genug die Ausfuhr +nur+
+178,875 ℔ betrug (der geringsten seit 1758) und der Preis auf 15 Rl.
+sank; das darauf folgende Jahr war er wieder 25 Rl.
+
+Das seltsamste bei dieser Preis-Fluctuation ist, daß sie während einer
+Zeit Statt fand, wo die Spanier das Monopol dieses Handels hatten, und
+diesen, in Europa damals den edlen Metallen an Stabilität fast gleich
+geachteten, Artikel in Cadiz, dem Stapelplatze desselben, immer auf
+einer bedeutenden Höhe zu erhalten wußten.
+
+Seit der Befreiung des mexicanischen Verkehrs mit Europa war der Gang
+des Handels mit Cochenille der folgende:
+
+ +Ausfuhr+ aus dem Staat von Durchschnitts-
+ +Oaxaca+ fast ausschließlich preis pr. ℔ +Werth+
+ nach Vera-Cruz in Oaxaca
+
+ Pfund Seronen Reales Pesos
+ in 1823 408,150 oder 2041 16½ 841,809. 3
+ „ 1824 377,412 „ 1887 16¾ 790,207.--
+ „ 1825 394,037 „ 1970 19.-- 935,839.--
+ „ 1826 357,612 „ 1788 18.-- 804,628.--
+ „ 1827 610,187 „ 3051 18.-- 1,395,470.--
+ „ 1828 398,187 „ 1991 14. 6 741,714.--
+ „ 1829 498,862 „ 2494 13.-- 810,651.--
+ „ 1830 400,438 „ 2002 12. 6 625,683.--
+ „ 1831 350,000 „ 1750 11.-- 481,250.--
+ „ 1832 635,075 „ 3175 9. 6 754,151.--
+
+Da nun der Werth der Waare durch Einkaufs-Provision, Ausgangszoll
+aus dem Staat von Oaxaca und Fracht nach Vera-Cruz, so wie ferner
+durch Provision und Spesen in dem Hafen bis am Bord, an 2¼ à 2½ Rl.
+pr. ℔ gesteigert wird, so kann der Durchschnittswert der Ausfuhr der
+Cochenille nach Europa, für diese 10 Jahre nach der Eröffnung des
+mexicanischen Handels, auf circa $ 1,000,000 im Jahr angenommen werden,
+das Quantum aber zu 443,000 ℔.
+
+ Der jährliche Durchschnitt von 1760 à 69 war 870,000 ℔
+ „ 1770 à 79 „ 1,000,000 „
+ „ 1780 à 89 „ 680,000 „
+ „ 1790 à 99 „ 468,000 „
+ „ 1800 à 9 „ 360,000 „
+ „ 1810 à 19 „ 342,000 „
+ „ 1821 à 32 „ 443,000 „
+
+Die Production dieses interessanten Artikels hat also durch die
+Revolution nicht nur nicht ab-, sondern im Vergleich mit den
+vorangegangenen zwei Jahrzehnten zugenommen.
+
+
++Cochenille.+
+
+Quantität der Exportation aus dem Staat Oaxaca, Durchschnittspreise pr.
+Jahr und Total-Werth von 1758 bis 1830.
+
+(Aus der Exposicion des Gouvernements des Staats von Oaxaca von 1831.)
+
+ Jahr Pfunde Seronen Preis Total-Werth
+ Rl. $
+ 1758 675,562 3378 16. 6 1,393,346. 5
+ 1759 686,812 3434 16. 6 1,416,549. 6
+ 1760 1,067,625 5338 16.-- 2,135,250.--
+ 1761 788,625 3943 15.-- 1,478,671. 7
+ 1762 832,500 4162 14. 9 1,534,921. 7
+ 1763 599,625 2998 15. 6 1,161,848. 3
+ 1764 898,875 4494 19. 6 2,191,007. 6
+ 1765 1,082,250 5411 18. 6 2,502,703. 1
+ 1766 932,625 4663 19. 6 2,273,273. 3
+ 1767 849,375 4247 19. 6 2,070,351. 4
+ 1768 621,000 3105 22. 6 1,746,562. 4
+ 1769 1,024,312 5122 24. 6 3,136,957.--
+ 1770 1,043,437 5217 25.-- 3,260,742. 2
+ 1771 1,050,187 5251 32.-- 4,200,748.--
+ 1772 839,678 4198 30.-- 3,148,790. 5
+ 1773 782,438 3912 25. 6 2,494,020.--
+ 1774 1,558,125 7791 17. 6 3,408,398. 2
+ 1775 837,000 4185 16.-- 1,674,000.--
+ 1776 808,550 4043 17.-- 1,718,168. 6
+ 1777 1,244,812 6224 15.-- 2,334,023. 4
+ 1778 1,057,800 5289 16.-- 2,115,600.--
+ 1779 842,625 4213 15.-- 1,579,921. 7
+ 1780 1,385,437 6927 17.-- 2,944,054. 6
+ 1781 464,625 2323 17.-- 987,328. 1
+ 1782 1,035,675 5178 17.-- 2,200,809. 3
+ 1783 990,000 4950 18.-- 2,247,750.--
+ 1784 535,900 2679 16.-- 1,071,800.--
+ 1785 537,750 2689 17.-- 1,142,718. 6
+ 1786 610,875 3054 16. 6 1,259,929. 6
+ 1787 451,125 2256 16.-- 902,250.--
+ 1788 317,662 1588 16.-- 635,324.--
+ 1789 478,125 2391 15. 6 926,367. 2
+ 1790 471,150 2356 16.-- 942,300.--
+ 1791 538,650 2693 16. 6 1,109,715. 5
+ 1792 433,125 2166 15.-- 812,109. 3
+ 1793 334,250 1671 13. 6 564,046. 7
+ 1794 655,550 3278 10. 6 860,409. 3
+ 1795 584,125 2921 12.-- 876,187. 4
+ 1796 207,450 1037 17. 6 453,796. 7
+ 1797 493,425 2467 15. 6 956,010. 7
+ 1798 512,325 2562 18.-- 1,152,731. 2
+ 1799 452,675 2263 19. 6 1,103,395. 3
+ 1800 374,400 1872 19.-- 889,200.--
+ 1801 406,012 2030 18.-- 913,528. 1
+ 1802 433,550 2168 19.-- 1,029,681. 2
+ 1803 559,350 2797 21.-- 1,468,293. 6
+ 1804 346,500 1732 28. 6 1,234,406. 2
+ 1805 191,250 956 23.-- 549,843. 6
+ 1806 251,550 1258 27.-- 848,981. 2
+ 1807 341,550 1708 29.-- 1,238,118. 6
+ 1808 358,200 1791 29.-- 1,298,488. 6
+ 1809 343,350 1717 33.-- 1,416,318. 6
+ 1810 545,727 2729 29.-- 1,978,262. 2
+ 1811 478,912 2395 28. 6 1,706,125. 6
+ 1812 199,800 999 20.-- 499,500.--
+ 1813 178,875 894 15.-- 335,390. 5
+ 1814 327,937 1640 25.-- 1,024,804. 6
+ 1815 283,275 1416 24.-- 849,825.--
+ 1816 352,687 1763 32.-- 1,410,748.--
+ 1817 315,000 1575 29.-- 1,141,875.--
+ 1818 250,412 1252 28. 6 892,092. 6
+ 1819 493,200 2466 27. 6 1,695,375. 5
+ 1820 -- -- -- --
+ 1821 311,787 1559 23.-- 896,387. 5
+ 1822 433,063 2165 18. 6 1,001,457.--
+ 1823 408,150 2041 16. 6 841,809. 3
+ 1824 377,412 1887 16. 9 790,207. 3
+ 1825 394,037 1970 19.-- 935,837. 7
+ 1826 357,612 1788 18.-- 804,628. 1
+ 1827 610,187 3051 18.-- 1,395,420. 6
+ 1828 398,187 1991 14. 6 721,714. 7
+ 1829 498,862 2494 13.-- 810,651. 4
+ 1830 400,438 2002 12. 6 625,683. 5
+ 1831 350,000 1750 11.-- 481,250.--
+ 1832 635,075 3175 9. 6 754,151. 4
+
+ ~Ao.~ 1820 fehlt aus Mangel an Daten.
+
+
++Calculation+
+
+des in Bordeaux einstehenden Werths der +Cochenille+, wenn in Oaxaca zu
+10 Rl. pr. ℔ eingekauft.
+
+ 10 Seronen zu 8 Arroben oder 200 ℔ ~netto
+ jede~, sind 2000 ℔ à 10 Rl. $ 2500.--
+ Ausfuhrzoll aus dem Staat von Oaxaca à $ 3. „ 300.--
+ Einschreibe-Gebühren „ 10. 6
+ Wägen und reinigen ~à~ 6 Rl. „ 7. 4
+ Packen in Säcke und Häute ~à~ $ 4 „ 40.--
+ Courtage und Lagermiethe 1 pCt „ 25.--
+ Einkaufs-Provision 5 pCt. „ 125.--
+ -----------
+ $ 3008.--
+
+ Fracht von Oaxaca nach Vera-Cruz ~à~ $ 15
+ pr. Carga (2 Seronen) „ 75.--
+ Verschiffungs-Kosten in Vera-Cruz ~à~ 12 Rl „ 15.--
+ Provision im Hafen 2½ pCt. auf $ 3200 „ 80.--
+ -----------
+ $ 3178.--
+ ===========
+
+ Diese $ 3178 -- 60 Tage Sicht auf Frankreich
+ gezogen zu 5 Fr. macht Fr. 15891.25
+ Fracht von Vera-Cruz nach Bordeaux zu $ 6
+ mit 10 pCt. pr. Serone „ 330.--
+ Assecuranz auf 17000 Fr. zu 2 pCt „ 340.--
+ Kosten im Hafen von Bordeaux „ 90.--
+ -------------
+ Fr. 16651.25
+
+2000 ℔ ~netto~ in Oaxaca ergeben 1800 ½ Kilogr. in Bordeaux; diese
+dividirt in Fr. 16651.25 -- macht 9 Fr. 25 Cent. pr. ½ Kilogr.
+
+
+
+
+Ausfuhr von Mexico im Allgemeinen
+
+und Taback und Kaffee insbesondere.
+
+
+Das Haupt-Tauschmittel Mexico’s in seinem Verkehr mit Europa, Nord- und
+Süd-Amerika ist +Silber+ und etwas +Gold+. -- Man kann die +jährliche+
+Ausfuhr von beiden edlen Metallen aus allen Häfen der Republik in
+gemünztem und ungemünztem Zustande zu circa fünfzehn Mill. Dollars
+annehmen. -- Die Ausfuhr in ungemünztem Zustande, d. h. in Barren (wenn
+erlaubt, was nicht immer der Fall) ist vortheilhafter als in gemünztem,
+ungeachtet die Ausgangs-Rechte aus Barren 7 pCt. sind, während
+gemünztes Silber nur 3½ pCt. und gemünztes Gold nur 2 pCt. zahlt.
+
+ * * * * *
+
+Die nächstwichtige Ausfuhr von Mexico ist sodann Cochenille, deren
+Werth, wie die vorangehende Uebersicht ausweis’t, auf Eine Million
+Dollars im Jahr veranschlagt werden darf.
+
+ * * * * *
+
+Die sonstige +Waaren+-Ausfuhr ist, besonders an der Ostküste, bis
+jetzt noch sehr geringe. Von den Häfen an der Westküste wird nicht
+unbedeutend Zucker nach Chili ausgeführt, und Californien liefert
+ein beträchtliches Quantum von gesalzenen Ochsenhäuten und schönes
+Pelzwerk, wie Bären-, See-Otter- und andere Felle, aber die Häfen
+an der Ostküste haben bis jetzt, Cochenille ausgenommen, keine
+andere Waaren-Ausfuhr als etwas Xalapa, Sassaparilla, Vanille
+und Tabasco-Pfeffer, deren Gesammt-Werth einige hundert tausend
+Dollars im Jahr wohl nicht übersteigen dürfte. Dennoch theile ich
+die Ansicht nicht, daß Mexico zur Ausfuhr tropischer Erzeugnisse
+(Colonial-Producte) sich deshalb nicht eigne, weil z. B. die
+Weg-Verbindungs-Mittel im Lande zu schwierig und der Transport nach der
+Küste mithin zu theuer wäre, sondern bin der Meinung, daß dies nur auf
+einige, von den Häfen sehr entlegene Theile der Republik anwendbar sei,
+und daß die nach dem Meere hin gelegenen Staaten, insbesondere jener
+von Vera-Cruz, bei zunehmender Bevölkerung und dadurch vermehrten Anbau
+des so überaus fruchtbaren Bodens, dereinst eine große Rolle in der
+Ausfuhr von Colonial-Waaren spielen werden; namentlich in +Taback+ und
++Kaffee+.
+
++Taback+, welcher hauptsächlich in der Gegend von Orizaba und Cordova
+gezogen wird, war bisher ein Monopol der Regierung, welche den
+ausschließlichen Aufkauf und Debit des Artikels in der ganzen Republik
+an eine Actien-Gesellschaft verpachtete und bedeutende Revenüen davon
+zog, die freie Entwickelung der Cultur dieser Pflanze aber auch, wie
+natürlich, dadurch hemmte. Die Gesellschaft lös’t sich aber nun auf und
+der Anbau des Tabacks soll freigegeben werden. -- Geschieht dies, so
+wird eine bedeutende Concurrenz eintreten und der Preis des Artikels
+wird hinlänglich fallen, um eine Nutzen gebende Ausfuhr möglich zu
+machen. Die Qualität dieses +Blätter-Tabacks+ ist mitunter sehr schön
+und dem besten Havanna völlig gleichkommend. Die Fracht von Orizaba
+nach dem Hafen von Vera-Cruz ist nur ein Dollar pr. Centner, und
+Ausgangs-Zoll haftet auf keinem der Ackerbau-Producte des Staats.
+
++Kaffee+ wächst meistens in der Nähe von Cordova; die Qualität ist
+gut; die Bohne ist klein, grünlich von Farbe und rein von Geschmack;
+-- auch die kleine runde Mocca-Bohne hat man hierher verpflanzt, doch
+kommt davon wenig an den Markt. -- Obwohl nun an Kaffee nicht mehr
+producirt als im Lande consumirt wird, so sind doch von Zeit zu Zeit
+kleine Partheien davon von Vera-Cruz ausgeführt worden, meistens nach
+New-York, wo man die Qualität liebt. Der Preis war im Jahr 1832 10
+~à~ 11 $ der Centner ab Vera-Cruz, wobei der Pflanzer, wenn er eine
+ergiebige Plantage im Gange hat, wie die nachstehende Aufstellung
+zeigt, sehr schön verdient.
+
+Ich verdanke diese Berechnung einem unserer Landsleute, der vor 6
+Jahren zwischen Jalapa und Cordova, mit anfänglich sehr beschränkten
+Mitteln eine Kaffee-und Zucker-Plantage angelegt hat, und sich jetzt
+außerordentlich gut dabei steht. -- An der Richtigkeit der Preise und
+Werth-Angaben dieser Calculation dürfte also wohl nicht zu zweifeln
+seyn.
+
+
+Berechnung des einstehenden Preises von Kaffee bei freier Arbeit.
+
+ Ausgesuchtes Land für 100,000 Kaffee-Bäume,
+ 500 Tareas ~à~ 900 ☐ Varas jede, würde ungefähr
+ kosten $ 1000.--
+ Kosten der Bearbeitung:
+ 500 Tareas Unterholz zu fällen ~à~ 3 Rl. $ 187. 4
+ „ „ Hochwald „ ~à~ 1 $ „ 500.--
+ „ „ aufzuräumen ~à~ 6 Rl. „ 375.--
+ ---------
+ „ 1062. 4
+
+ Das +erste+ Jahr braucht dieses Land sechs Reinigungen,
+ jede Tarea ~à~ 3 Rl. sind
+ 500 Tareas ~à~ 18 Rl. $ 1125
+ Pflanzen und nachpflanzen „ 100
+ Aufseher ~à~ 4 Rl. pr. Tag „ 200
+ Mais-Saamen „ 50
+ --------
+ Im ersten Jahr wird producirt $ 1475
+ als Mittelschlag, 300 Cargas
+ +Mais+ ~à~ $ 3 $ 900
+ Ab Erndte, Einbringen etc. „ 150
+ ------- „ 750
+ ------- „ 725.--
+ Im +zweiten+ Jahr sind abermals sechs
+ Reinigungen erforderlich, wie oben $ 1125
+ Pflanzen und nachpflanzen „ 100
+ Aufseher ~à~ 4 Rl. täglich „ 200
+ +Frijolen+-Saamen „ 50
+ --------
+ Producirt dieses Jahr: 125 Cargas $ 1475
+ +Frijolen+ ~à~ 8 $ $ 1000
+ Ab Erndte, Einbringen etc. „ 150
+ ------ „ 850
+ -------- „ 625.--
+
+ Das +dritte+ Jahr hat dieselben Ausgaben und
+ Einnahmen wie das zweite, also Ueberschuß der
+ Kosten „ 625.--
+
+ Das +vierte+ Jahr producirt nun schon +Kaffee+ und zwar
+ wenigstens 100,000 ℔, und erfordert folgende Ausgaben:
+
+ Fürs Abpflücken 2 Rl. pr. Arroba (25 ℔)
+ „ Reinigen 1 „ „
+ „ Umwenden 1 „ „
+ ------
+ 4 Rl. pr. Arroba sind für 1000 Ctr. „ 2000.--
+ Die sechs Reinigungen bleiben dieselben wie in
+ den frühern Jahren „ 1125.--
+ Aufseher ~à~ 4 Rl. pr. Tag „ 200.--
+ Eine Kaffee-Reinigungs-Maschine wird nun nothwendig
+ und kostet, von Nordamerika bezogen „ 400.--
+ -----------
+ Total $ 7762. 4
+
+Hierfür besitzt nun der Pflanzer im vierten Jahr 100,000 ℔ Kaffee, und
+will er mit diesen seine Anlage +ganz frei+ machen, so muß er dafür
+in Vera-Cruz, bis wohin ihn der Ctr. 1 $ Fracht und 1 $ Emballage und
+sonstige Spesen kostet, -- 10 $ pr. Ctr. erhalten.
+
+Das +fünfte+ Jahr producirt ihm aber seine Plantage wenigstens das
+Doppelte, sage 2000 Ctr. +Kaffee+.
+
+ Diese kosten ihn fürs Einsammeln u. s. w. nach
+ obigem Ansatz von 4 Rl. pr. Arroba $ 4000.--
+ Die mehrerwähnten jährlichen Reinigungen „ 1125.--
+ Fracht, Emballage und Spesen bis Vera-Cruz wie
+ oben, ~à~ $ 2 pr. Ctr. für 200 Ctr. „ 4000.--
+ -----------
+ $ 9125.--
+
+macht den Ctr. 4½ $ ab Vera-Cruz!
+
+Die darauf folgenden Jahre versprechen alsdann noch vortheilhafter zu
+werden. -- Die Kosten sind hier aufs höchste und die Production aufs
+niedrigste veranschlagt!
+
+
+
+
+Münz-Sorten.
+
+
+Die in Mexico gangbaren Münz-Sorten sind:
+
+~a.~ +Gold in Unzen+, (~onzas~) vom Gewicht von 17 ~dwt.~ und 8 ~gr.~
+1000 Stück wiegen mithin 866 Unzen.
+
+Der Silber-Werth einer Unze ist ~al pari~ 16 Pesos. Da nun ein +Peso+
+einer +Unze+ im Gewicht ganz gleich ist, so constatirt dies das
+relative Verhältniß von Gold zu Silber in Mexico wie 1 zu 16.
+
+Wenn Gold gesucht wird, was in Mexico wie anderwärts häufig der Fall
+ist, so steigen die +Unzen+, und ich habe sie auf 17 $ 2 ~à~ 4 Rl.
+Silber gekannt.
+
+Es werden sodann auch ½, ¼, ⅛ und ¹⁄₁₆ Unzen geprägt; von letzteren
+sind aber nur wenige im Umlauf.
+
+~b.~ +Silber.+ Pesos (Dollars) gleichfalls 17 ~dwt.~ und 8 ~gr.~
+wiegend, oder 1000 Stück auf 866 Unzen Gewicht.
+
+Die Unterabtheilung eines Peso ist 8 Reales. Halbe Pesos giebt es
+nicht, dagegen viele viertel Pesosstücke, Pesados genannt, sodann
+Reales und Medios, oder halbe Reales, so wie Cuardillos oder viertel
+Reales, von letztern aber nur wenige.
+
+~c.~ +Kupfer+ sollte nur als Scheide-Münze im Lande coursiren, ist aber
+in der letzten Zeit während den Geld-Verlegenheiten des Gouvernements
+in so großer Menge geprägt worden, daß es in den Großhandel
+eingedrungen und darin so lästig geworden ist, daß man es oft mit 2
+bis 3 pCt. Verlust los zu werden versucht hat. Kupfer-Geld wird im
+Großhandel nie gezählt, sondern in Säcken von 100 $ Werth, nur dann und
+wann gewogen. Auch die Silber-Zahlungen werden in Säcken von der runden
+Summe von 1000 $ gemacht; diese heißen dann Talegas, doch werden sie in
+der Regel nachgezählt, und nur allenfalls bei ganz großen Verhandlungen
+und bei genauer Bekanntschaft der Partheien, bloß nachgewogen.
+
++Papier-Geld+ existirt bis jetzt noch keins in Mexico; es ist jedoch
+schon mehrmal die Rede von einer National-Bank gewesen, und es dürfte
+wohl ein solches Institut in nicht gar langer Zeit ins Leben treten und
+durch Ausgabe eines gut fundirten Papier-Geldes dazu beitragen, den
+hier so sehr hohen Zinsfuß zu ermäßigen. Jetzt wird oft von den ersten
+und solidesten Häusern Geld zu 2 bis 3 pCt. pr. Monat aufgenommen, und
+das Gouvernement hat, unter Sanction des National-Congresses, Anleihen
+zu dem enormen Zinsfuß von 5 pCt. pr. Monat abgeschlossen.
+
+
+
+
+Maass und Gewicht.
+
+
+Das Gewicht in Mexico ist das Castilianische, den +Quintal+ oder
+Centner zu 100 ℔ oder 4 Arrobas, jede zu 25 ℔, gerechnet.
+
+An der Douane werden 104 ℔ englisch und 45½ Kilogr. französisch Gewicht
+für 100 ℔ mexicanisch angenommen, was jedoch nicht ganz richtig ist,
+indem es heißen müßte, 100 ℔ englisch sind = 96 ℔ mexicanisch u. s. w.
+
++Carga+ ist die von einem Esel (~burro~), Maulthier (~Mula~), oder
+Pferd (~Caballo~) getragene Last, und bezeichnet ein Gewicht, nach dem
+mehreres ge- und verkauft wird, und nach welchem auch insbesondere
+die Frachten bestimmt werden, aber es existirt keine feste Norm
+dafür und wechselt nach Maaßgabe der Thierart, Stärke der Thiere und
+Beschaffenheit der Wege. Man kann das Minimum des Gewichts einer Carga
+auf 300 ℔ und das Maximum auf 400 ℔ anschlagen.
+
+ * * * * *
+
+ Das allgemein eingeführte Längen-Maas ist die castilianische Vara,
+ welche am Zoll im folgenden Verhältniß zu den fremden Messungen
+ angenommen und verrechnet wird:
+
+ 100 englische Yards = 108 Varas
+ 100 französische Aunes = 140 „
+ 100 brabanter Ellen = 81 „
+ 100 jetzige ~aunes des pays bas~ oder
+ französische Metres = 116 „
+ 100 Bremer Legge oder doppelte Ellen = 140 „
+ 100 Wiener Ellen = 92 „
+ 100 Berliner Ellen = 78½ „
+ 100 Breslauer Ellen = 69½ „
+ 100 Hamburger Ellen = 67½ „
+ 100 Leipziger Ellen = 66⅔ „
+
+ * * * * *
+
+Das Maas der Flüssigkeiten wird am mexicanischen Zoll nach dem Gewicht
+berechnet und ist nach diesem besteuert. Der Inhalt von 12 gewöhnlichen
+Flaschen Wein wird dabei auf ¾ Arrobas veranschlagt; das sogenannte
+Baril Branntewein auf 5 Arrobas, das Baril Wein oder Essig auf 5½
+Arrobas, mit einem Nachlaß von 10 pCt. für Leckage.
+
+
+
+
+Der mexicanische Tarif.
+
+
+Der Grundsatz nach welchem die Besteuerung der zur Einfuhr in Mexico
+erlaubten Waaren stattfindet, ist 40 pCt. vom dortigen Werth und es
+heißt deshalb auch in den Bestimmungen des Tarifs, daß alle darin
+nicht benannten Waaren im Hafen geschätzt und hierauf 40 pCt. erlegt
+werden sollen. Der Tarif ist indessen sehr ausführlich, und bezeichnet
+fast alle Einfuhr-Artikel bei Namen, mit genauer Bestimmung des darauf
+fallenden Zolls.
+
+Hieraus entsteht nun eine große Ungleichheit in der Besteurung, viele
+Artikel bezahlen weit weniger als 40 pCt. von ihrem Werthe, andere
+bedeutend mehr.
+
+Der Tarif ist für alle Theile der Republik derselbe, mit Ausnahme
+des Staates von Yucatan und der beiden Californien, welche der
+Eigenthümlichkeit ihrer Lage wegen nur ⅗ der eingehenden Rechte
+entrichten; wenn jedoch von da aus Waaren nach den andern Theilen der
+Republik versandt werden, so müssen die fehlenden ⅖ der vollen Rechte
+schon bei der Verschiffung im Hafen nachbezahlt werden.
+
+Niederlagen für die Wiederausfuhr, oder Rückzölle bei derselben,
+gestattet das mexikanische Zollsystem keine. -- Alle eingeführten
+Waaren müssen den vollen Zoll erlegen, und man bekommt davon bei
+der Wiederausfuhr nichts zurück. Die mexicanischen Häfen erhalten
+mithin auch keine andere Zufuhren, als die für den Consum des Landes
+berechneten.
+
+ +Verboten+ für die Einfuhr sind:
+
+Zucker, Kaffee, Chocolade (Cacao ist erlaubt), Reis, Getreide, Mehl
+(letzteres ist zur Einfuhr nach Yucatan erlaubt), geräuchertes und
+gesalzenes Fleisch, Salz, Taback und Cigarren; Brantewein der nicht ans
+Trauben gewonnen wird, mit Ausnahme von Genever, dessen Einfuhr erlaubt
+ist; verarbeitetes Wachs, Seife und Talg, Blei und Kupfer, Stiefel
+und Schuhe und Sattelwerk, so wie alles was aus Leder gearbeitet ist;
+-- fertige Kleidungsstücke, Nähgarn unter No. 20, wollene Decken;
+ordinaires Tuch, gemeines Theegeschirr, Schnüre und Tressen u. dgl. m.
+
+Diese Verbote rechtfertigt man dadurch, daß die enumerirten Artikel im
+Lande selbst erzeugt und angefertigt würden.
+
+ +Frei von allen Abgaben+ bei der Einfuhr sind:
+
+Gedruckte Bücher, geographische Charten, Maschinen und Instrumente
+für Künste und Wissenschaften, Ackerbau und Bergbau; gedruckte oder
+geschriebene Musik und Schieferschreibtafeln mit hölzernen Rahmen
+für Schulen, Quecksilber, Häuser von Holz, Schiffe und Fahrzeuge zur
+Nationalisirung und Verkauf, ausländische Pflanzen und deren Sämereien,
+ausländische Thiere und endlich englisches Wundpflaster.
+
++Ausfuhr-Verbote+ enthält der mexicanische Tarif, mit Ausnahme
+des Samens oder der Brut der Cochenille, keine, denn das Verbot der
+Ausfuhr der edlen Metalle im ungemünzten Zustande, ist schwankend, und
+wird häufig suspendirt und aufgehoben. Alle Landesproducte gehen ganz
+frei aus und nur die edlen Metalle bezahlen an ausgehenden Rechten das
+Folgende:
+
+ +Gold+, in gemünztem oder verarbeitetem Zustande 2 pCt.
+ +Silber+, in demselben Zustande 3½ „
+ „ in ungemünztem Zustande, d.h. in Barren 7 „
+
+Außerdem werden aber auch noch 2 pCt. Circulations-Rechte bei der
+Versendung von Comptanten aus dem Innern nach der Küste erhoben,
+dergestalt, daß der mexicanische Dollar oder Peso gar viele Abzüge
+erleidet ehe er in Europa zur Realisation kommt, nemlich:
+
+ 1) 1 pCt. mehr oder weniger, Spesen der Conducta bis in den Hafen
+ 2) 2 „ Circulations-Rechte
+ 3) ¾ „ Provision und Spesen im Hafen
+ 4) 3½ „ Ausgangs-Rechte
+ 5) 1¼ „ Seefracht und Spesen bis in die Bank von England
+ 6) 1⅜ „ Assecuranz und Stempel
+ 7) ¾ „ Provision, Courtage und Spesen beim Verkauf
+ -----------
+ 10⅝ pCt.
+
+ Der Brutto-Werth des Dollars in England ist
+ beim Preis von 57 ~d.~ pr. Unze 49¼ ~à~ ⅜ ~d.~
+ Hiervon ab 10⅝ pCt. Kosten 5¼ ~d.~
+ Bringt die Parität des +Wechsel+-Courses mit der
+ +Baarsendung+ von Mexico auf London, auf 44-- ~à~ ⅛ ~d.~
+ und von Vera-Cruz, wo 1, 2, 3 der Spesen
+ wegfallen, auf 45¾ ~à~ ⅞ ~d.~
+
+
+
+
+Berg-Bau und Silber-Gewinnung
+
+in Mexico.
+
+
+Es ist notorisch, daß der Boden Mexico’s unerschöpfliche Massen der
+edlen Metalle, namentlich des +Silbers+, enthält. Minder bekannt
+dürfte seyn, daß eine große Verschiedenheit in dem Gehalt der Erze,
+welche man aus der Erde gräbt, obwaltet, und daß, während man z. B.
+in der Provinz Sonora Gruben hat, in welchen man fast gediegenes
+Silber findet, es in anderen Gegenden Bergwerke giebt, die zwar an
+Erzen sehr ergiebig sind, welche in Europa, wo man durch vollendete
+Schmelzproceduren auch den kleinsten Silber-Gehalt aus dem Erze zu
+ziehen versteht, für reich gelten würden, die aber in Mexico, der
+unvollkommenen Zugutemachungs-Anstalten wegen, völlig werthlos sind
+und mithin unbenutzt bleiben; denn wenn die im Erz enthaltene Mark
+Silber mehr zu extrahiren kostet, als sie in der Münze werth ist,
+so setzt man natürlich eine solche Operation auf die Dauer nicht
+fort, man vernachlässigt mithin alle Werke, deren Erze nicht genug
+reichhaltig sind, die kostspielige Extrahirung durch die Amalgamation
+mit Quecksilber zu ertragen, und selbst dann noch einen Ueberschuß zu
+liefern, wenn durch diese Procedur, wie stets der Fall, 40 bis 50 pCt.
+Silber verloren gegangen sind.
+
+Bittere Erfahrungen sind in dieser und anderer Beziehung von den
+europäischen und nordamerikanischen Minen-Spekulanten gemacht worden,
+man hat theils die Verhältnisse des mexicanischen Bergbaues nicht
+gehörig erkannt, theils Mißgriffe in der Wahl der Bergwerke und
+ihrer Dirigenten gemacht, und ist in keinem einzigen Fall mit der
+nöthigen Oeconomie zu Werke gegangen. Ganz besonders aber hat man es
+darin versehen, daß man sich durch glänzende Namen, früher freilich
+ergiebiger, aber nun ins Stocken gerathener und zum Theil ersoffener
+Gruben, täuschen ließ, und enorme Summen Geldes für die Erlaubniß,
+sie zu bearbeiten, an die Eigner, welche sie bereits als verloren
+betrachteten, bezahlte, statt in andern Revieren jungfräuliche Gruben
+aufzusuchen, die man umsonst hätte haben können. Viele Unternehmungen
+sind daher auch nach vergeblich verausgabten +Millionen+ gänzlich
+aufgegeben, andere von ihrem ursprünglich über die Maaßen ausgedehnten
+Umfange auf einen engen Kreis zurückgeführt worden.
+
+
+Zu diesen letzteren gehört der uns am nächsten stehende
+
+Deutsch-Amerikanische Bergwerks-Verein,
+
+welcher jetzt nur noch die Gruben im Mineral von Anganguco betreibt,
+und alle die kostspieligen, gemeinschaftlichen Unternehmungen mit
+Revilla -- worauf Hunderttausende verwandt worden -- als Verlust
+bringend, aufgegeben hat. Aber auch Anganguco würde, da die
+hauptsächlichsten Gruben, Purissima und Valenciana, nur arme Erze
+liefern, nicht fortgebaut werden können, wenn nicht, durch einen
+äußerst geschickten und wissenschaftlich gebildeten, deutschen
+Schmelzer, einen Herrn Franz Schmitz aus Stift Keppel bei Siegen,
+eine so vervollkommte Schmelzmethode auf den Werken des D. A.
+Bergwerks-Vereins zu Anganguco eingeführt worden wäre, daß jetzt aus
+diesen armen Erzen die Mark Silber zu 3¼ Pesos extrahirt wird, während
+sich früher die Kosten des Schmelzens auf 10 bis 12 Pesos pr. Mark,
+also auf mehr als den Werth des Silbers, beliefen, die Erze somit gar
+nicht benutzt werden konnten. Die Amalgamation kam aber durch den
+enormen Silber-Verlust von 60 pCt. (bei so armen Erzen) noch höher zu
+stehen.
+
+Man kann also gewissermaßen dieser vervollkommten Schmelzmethode des
+besagten Herrn Schmitz die Rettung des Unternehmens zuschreiben,
+wenn, wie zu hoffen steht, diese durch die zweckmäßigen Einrichtungen
+des Herrn Bevollmächtigten Schleiden nunmehr überhaupt bewirkt ist.
+Ohne eine solche, verbesserte und verwohlfeilte Schmelzmethode, würde
+die große Erz-Ergiebigkeit der Grube Purissima dem Verein von keinem
+Werth seyn, und auch dieses letzte Werk desselben hätte aufgegeben
+werden müssen, während nunmehr Aussicht vorhanden ist, daß, bei der
+stattfindenden Vermehrung der Schmelz-Oefen nach der Schmitzschen
+Methode, ein hinlängliches Quantum von Silber +mit Nutzen+ gewonnen
+werden wird, um dem Verein endlich eine nachhaltige Ausbeute zu
+verschaffen.
+
+Die mehrerwähnte vortreffliche Schmelzmethode, welche Herr Schmitz
+im April-Heft 1832 im ~Registro Trimestre~ in Mexico bekannt gemacht
+und genau beschrieben hat, zog denn auch bereits die Aufmerksamkeit
+anderer Bergwerks-Besitzer in Mexico auf sich, und dürfte leicht
+eine bedeutende Revolution in der Silber-Production von Mexico zur
+Folge haben, indem eines Theils der große, Niemanden zu Gute kommende
+Silber-Verlust bei der Amalgamation dadurch vermindert und mithin
+für die Production im Allgemeinen gewonnen werden würde, und andern
+Theils die jetzt gänzlich werthlos erachteten und mithin, weder durch
+Amalgamation, noch auf dem Wege der Schmelzung benutzten Erze mit in
+die Silber-Production hinein gezogen und diese also sehr vermehrt
+werden könnte.
+
+Ein vortheilhafteres, gewinngebenderes Unternehmen als ein
+Schmelz-Etablissement nach der Schmitz’schen Manier, in einem
+Mineral, wo viele arme Erze zu Tage gefördert werden, welche die
+Mexicaner nicht zu Gute zu machen verstehen, dürfte es denn auch
+nicht leicht geben, und es würde den unberechenbaren Vortheil über
+jede Bergwerks-Unternehmung haben, daß dabei von keiner Ungewißheit
++unter+ der Erde, von keinen illusorischen Hoffnungen, von keinem
++Glückauf+! die Rede wäre. Ein solches Schmelz-Geschäft würde ein rein
+mercantilisches Unternehmen seyn; die Erze würden dabei nicht aus dem
+Schooß der Erde geholt, sondern erst wenn sie bereits über derselben
+liegen, gekauft, geschmolzen und mit dem darauf gemachten Gewinn in der
+Münze realisirt werden, und zwar, wo nicht wöchentlich, doch monatlich.
+
+Angenommen, daß die Schmelz-Vorrichtung in einem der zahlreichen, mit
+Kohlen und Wasser hinreichend versehenen, Reviere angelegt würde, in
+welchen von den vielen eingebornen kleinern Bergleuten stets arme Erze,
+von 7 ~à~ 9 Unzen Silber in der Carga von 300 ℔, genug gewonnen werden,
+welche sie jetzt gerne zu 1 Peso die Carga verkaufen, so wäre folgendes
+die Berechnung:
+
+Die Schmelz-Oefen und Vorrichtung für einen Betrieb von +nur+ 150
+Cargas die Woche veranschlagt, erfordert ein Capital von 10 ~à~ 12000
+Pesos.
+
+ Ankauf von 150 Cargas Erze ~à~ $ 1, oder möglicherweise
+ bei vermehrter Nachfrage 1¼ ~à~ 1½ $, sind
+ pr. Woche ~à~ 1½ $ $ 225
+ Das Schmelzen, nach den vorliegenden Erfahrungen,
+ 3¼ $ pr. Carga „ 487½
+ ----------
+ $ 712½
+ Jene 150 Cargas Erze liefern 150 Mark Silber,
+ ~à~ 8¼ $, als Preis in der Münze „ 1237½
+ -------------
+ wöchentlicher Ueberschuß $ 525
+ monatlich zu realisiren mit $ 2100, oder jährlich mit $ 25,200.
+
+Da in den Schmelzkosten von 3¼ $ pr. Carga alle Kosten und Löhne
+mit einbegriffen sind, so wäre von diesem +großen Gewinn+ nur das
+Gehalt des dirigirenden Schmelzers abzuziehen, der jedoch zugleich
+Bevollmächtigter und Betheiligter bei der Sache seyn müßte. Einem
+solchen Unternehmen könnte natürlich eine noch weit größere Ausdehnung
+gegeben werden, und eine hierauf sich bildende Actien-Gesellschaft
+dürfte gewiß seyn, bessere Geschäfte zu machen, als die bisherigen
+Bergwerks-Vereine.
+
++Aehnliches+ besteht übrigens bereits schon in Mexico, unter der dort
+sehr bekannten Benennung von Rescate-Geschäft; die Rescadores kaufen
+in den verschiedenen Revieren den Bergleuten die Erze so wohlfeil ab,
+wie sie können, und machen sie, theils durch Amalgamation, theils
+durch Schmelzung zu Gute, und finden dabei zwar ihre Rechnung, jedoch
+nur spärlich, da sie bei ihrer unvollkommenen Verfahrungsweise nur
+die +reicheren+ und mithin theureren Erze gebrauchen können, und auch
+diesen nicht so viel Silber abgewinnen, als die deutsche Methode aus
+den +armen+ Erzen zieht.
+
+ * * * * *
+
+Trotz aller Unvollkommenheiten des mexicanischen Bergbaus, fördert
+derselbe dennoch alljährlich mehr als 15 Millionen Pesos in Silber und
+Gold zu Tage, und Mexico führt diese auch aus! -- hauptsächlich durch
+die Packetfahrt nach England, wohin in der Regel auch Deutschland
+und Frankreich ihre Retouren in Geld gehen lassen, weil directe
+Verschiffungen +für Comptanten+ nach deutschen und französischen Häfen
+selten sind; nächstdem wird viel Geld nach Nordamerika versandt,
+sowohl von Vera-Cruz nach New-York, wie insbesondere von Tampico
+nach New-Orleans; endlich wird dann auch noch viel Silber, Gold und
+Goldstaub (letzteres aus den reichen Minen von Sonora) über die Häfen
+von St. Blas und Acapulco an der Westküste ausgeführt, dergestalt,
+daß die genannte Summe der Gesammt-Ausfuhr an edlen Metallen aus der
+Republik Mexico nicht zu hoch erscheint; auf die englischen Packete
+allein fallen davon bekanntlich circa 8 ~à~ 10 Millionen Pesos im Jahr.
+
+Von allen Häfen der Republik führt anjetzo Tampico das meiste Silber
+aus. Dorthin dirigiren sich nämlich die reichen Conducten von
+Guanaxuato, Zaccatecas, St. Luis Potosi u. s. w., und es sammelt sich
+häufig mehr Geld im Hafen, als das englische Packet, welches gesetzlich
+auf eine Million Pesos beschränkt ist, auf einmal einnehmen kann.
+
+Vera-Cruz erhält die Comptanten, zur Verschiffung ins Ausland,
+hauptsächlich durch die Conducten von Mexico, Puebla, Oaxaca u. s. w.,
+zusammengenommen aber weniger als Tampico.
+
+Die Gesetze über die Silber- und Gold-Ausfuhr aus Mexico haben oft
+darin geschwankt, daß die Ausfuhr in Barren, d. h. im ungemünzten
+Zustande, bald erlaubt bald verboten war. Geprägte Dollars zahlen 3½
+pCt. Ausgangsrechte; Silberbarren dagegen 7 pCt., und man glaubte
+in diesen additionellen 3½ pCt. eine hinlängliche Entschädigung für
+die Nichtbenutzung der Münz-Anstalten im Lande zu erhalten. Das
+Gouvernement fand aber bald, daß die Münz-Etablissements hierunter
+allzusehr litten, und fast ganz unbeschäftigt blieben; die Ausfuhr von
+Silber, in anderer als gemünzter Gestalt, ward daher wieder verboten.
+Jetzt scheint man aber einen Mittelweg einschlagen und ausnahmsweise
+denen Minen-Districten, welche allzuweit von einem Münz-Etablissement
+entfernt liegen, die Silber-Ausfuhr in Barren gestatten zu wollen.
+
+ * * * * *
+
++Die Münze in der Hauptstadt Mexico+ ist ein schönes, großartiges und
+gut administrirtes, von dem Gouvernement in finanzieller Hinsicht
+gänzlich unabhängiges Etablissement, und diese Unabhängigkeit ist
+unter andern, während der Revolution von 1832, von allen Parteien,
+selbst unter den größten Geld-Verlegenheiten, respectirt worden! Die
+an der Spitze stehenden Männer sind in ihrem Fache wissenschaftlich
+gebildete Leute, und es herrscht in allen Zweigen der Münze die größte
+Ordnung und Pünktlichkeit. Man prägt in derselben nicht allein Gold
+und Silber, sondern auch viele Kupfer-Münzen, letztere fast alle für
+Rechnung der Regierung, die ein Gesetz erlassen hat, daß in allen
+Zahlungen ein Drittheil in Kupfergeld angenommen werden solle, da dies
+nun in Wechsel-Geschäften nicht wohl ausführbar ist, so verliert das
+Kupfergeld im Groß-Handel oft 2 bis 3 pCt.
+
+In Guanaxuato hat, mit Genehmigung des Staats, eine englische
+Gesellschaft ein Münz-Etablissement errichtet, welches gut rendiren
+soll, und dem Minen-Besitzer den Vortheil und die Annehmlichkeit
+bietet, daß ihm gleich bei Einlieferung des Silbers der genaue
+Gegensatz in gemünzten Dollars ausbezahlt wird, während man in der
+Münze zu Mexico, zwei, drei, ja oft vier Wochen warten muß, ehe
+man das gemünzte Geld gegen die eingelieferten Silberbarren wieder
+erhält; sind nun gar die Barren goldhaltig, so dauert es oft Monate,
+ehe die Münze den Gegensatz dafür wieder giebt, da man für diese
+Ausscheidungs-Operation stets erst ein gewisses Quantum abwartet.
+
+Diesem Uebelstande in der Münze ist es wohl zuzuschreiben, daß ein
+Franzose ein Privat-Etablissement für die Gold- und Silber-Scheidung
+durch chemische Procedur errichtet hat, was guten Fortgang haben soll.
+
+
+
+
+Banco de Avio.
+
+(Industrie-Belebungs-Bank.)
+
+
+Mag es immer wahr seyn, daß Mexico in seiner Cultur noch weit zurück
+ist, und in der fortschreitenden Entwickelung seiner Civilisation durch
+die, leider nur allzuhäufigen, innern Unruhen sehr gehemmt wird, so
+kann es doch dem Auge des vorurtheilsfreien Beobachters nicht entgehen,
+daß, seit der Emancipation des Landes vom spanischen Joche, ungeheure
+Fortschritte in der Aufklärung gemacht worden sind, und daß sich
+überall ein Streben kund thut, die Nation auf eine höhere Stufe der
+Ausbildung zu führen. Die mitunter zum Erstaunen ausführlichen Berichte
+der verschiedenen Ministerien des Innern, der Finanz, Justiz u. s. w.,
+welche gesetzlich jedes Jahr den Kammern vorgelegt und dann durch den
+Druck veröffentlicht werden, liefern schöne Beweise von dem bereits
+Geschehenen und von dem guten Willen mehr zu thun! Ich habe jene
+Berichte vom Jahre 1832 vor mir liegen, und finde darin vieles was kein
+europäisches Gouvernement zu adoptiren Anstand nehmen würde. Besonders
+erfreulich sind aber dabei die Unterstützungen, welche, obgleich
+freilich noch nicht in hinlänglichem Maße, den Civil-Institutionen und
+Unternehmungen zugewandt werden; denn wenn auch, wie nicht zu läugnen,
+dabei hier und da Mißgriffe stattfinden, so tragen solche Bestrebungen
+doch stets dazu bei, Licht zu verbreiten, Ideen zu wecken und zu
+berichtigen, kurz das Ganze vorwärts zu bringen.
+
+Hierher gehört besonders die vielbesprochene ~Banco de Avio~
+(Industrie-Belebungs-Bank), eine Schöpfung des Ministers Alaman, welche
+von seinen zahlreichen Widersachern häufig scharf getadelt worden ist,
+die ich aber in ihrer Theorie vollkommen billige und mithin auch den
+gemachten großartigen Versuch in Schutz nehme, ohne darum gerade jede
+einzelne Verhandlung der Bank gutheißen zu wollen.
+
+Die Idee im Allgemeinen spricht mich aber sehr an! Alaman dachte, und
+wie mich dünkt mit Recht, da bereits aus mehreren Punkten der Republik
+ein gewisser Grad von Fabrik-Industrie existire, so würde die Anlage
++von Normal-Anstalten+ dazu beitragen, die Zahl z. B. der Spinnereien
+und Webereien u. s. w. zu vermehren, und Kenntnisse des Auslandes
+heranziehen, welche die Verarbeitung derjenigen rohen Producte,
+die Mexico nicht mit Vortheil ausführen kann, wie z. B. Wolle und
+Baumwolle, im Lande selbst befördern müßten. Er dachte ferner, und wie
+ich glaube, mit gleichem Rechte, daß in einem Lande wie Mexico, wo der
+Zinsfuß so hoch ist, daß selbst das Gouvernement oft 3-4 ja 5 pCt. pr.
++Monat+ bezahlt, Fabrik-Unternehmungen und neue Ackerbau-Anlagen einer
+wohlfeileren Capital-Unterstützung bedürften, und setzte es daher bei
+den Kammern durch, daß von den Zöllen auf Baumwollen-Waaren, ein Theil
+zurückgelegt würde, um daraus für die besagte ~Banco de Avio~, den Fond
+von einer Million Dollars zu bilden, der alsdann, unter der Leitung
+einer besonderen Administration, zu den oben angedeuteten Zwecken
+verwandt werden sollte. Dieser Fond war nun zwar noch nicht completirt,
+die Bank aber doch schon seit 14 Monaten in Wirksamkeit getreten, und
+die Direction, an deren Spitze der Minister Alaman steht, hat in diesem
+Jahre einen Bericht darüber erstattet, von dem ich hier einiges aushebe:
+
+“Die Aufmerksamkeit des Etablissements richtete sich vor allen Dingen
+auf die Schaafzucht, auf die Bienenzucht für die Gewinnung des Wachses,
+und auf die Baumwollenstaude, in der Absicht, diesen wichtigen Zweigen
+im ganzen Lande nach Maaßgabe der verschiedenen climatischen und andern
+Verhältnisse, die möglichste Nachhülfe zu leisten. Die aus allen
+Theilen der Republik eingelaufenen Berichte haben leider ergeben, daß
+der jetzige Stand der Landes-Industrie keinesweges ein günstiger ist.
+Bedeutende Strecken Landes, welche Wasser und Wiesengrund genug haben,
+um große Heerden +Schaafe+ zu unterhalten, liegen brach und bleiben,
+theils aus Mangel an Capitalien zur Anschaffung der Heerden, theils aus
+Trägheit des Volkes, unbenutzt. Die wenige Wolle welche man sammelt,
+wird zu den gröberen Geweben verwandt, weil man die Kunst der Veredlung
+des rohen Materials nicht kennt, das feste und dauerhafte Färben
+nicht versteht und noch keine Begriffe von den Mitteln hat, wodurch
+die fremden Nationen die feinern und bessern Arbeiten dieser Art
+hervorbringen.”
+
+“Die Zucht der +Seidenwürmer+ ist durchaus nicht allgemein; in den
+Staaten von Oaxaca und Jalisco beschäftigen sich zwar einige Personen
+damit zu ihrem Vergnügen, aber nirgends besteht ein förmliches
+Etablissement, welches versuchte, aus diesem Insekt einen einträglichen
+Handelszweig zu bilden, und im Allgemeinen kennt man die rechte
+Methode noch nicht den Wurm zu tödten und die Seide abzuwickeln; an
+vielen Orten ist ein Ueberfluß an Maulbeerbäumen, welche wild wachsen,
+aber niemand hat noch daran gedacht, sie methodisch zu ziehen und zu
+pflegen, und man scheint oft gar nicht zu wissen, daß die Blätter
+dieses Baums die alleinige Nahrung des Seidenwurms sind.”
+
+“Die +Bienenzucht+ beschränkt sich gleichfalls auf wenige Orte und
+Personen, welche in ihren Gärten oder Feldern eine kleine Anzahl
+Bienenschwärme halten, jedoch mehr um des Honigs, als um des Handels
+mit Wachs willen. An mehreren Orten der Sierra-madre aber und in andern
+Gebirgsgegenden, in deren Nähe sich Gesträuche und Blumen befinden,
+giebt es eine solche Menge wilder Bienen, daß sich die dortigen
+Eingebornen keines andern Lichtes bedienen, als was sie aus dem Wachs
+anfertigen, welches sie so, ohne Mühe und Sorgfalt um die Bienen, in
+Felsenklüften und hohlen Bäumen finden. Dies Wachs ist gelb, weil sie
+es nicht zu bleichen verstehen, und der Honig ist dunkel; aber es geht
+doch hieraus zur Genüge hervor, daß die Elemente zur Gewinnung des
+Wachses im eignen Lande vorhanden sind, und daß es mithin zu beklagen
+ist, daß aus bloßem Mangel an Thätigkeit im Volke, jährlich so viel
+Geld dafür aus dem Lande geht. Nach genauen Berechnungen der Einfuhr
+in Vera-Cruz und andern Häfen, und Veranschlagung dessen, was der
+Wahrscheinlichkeit nach eingeschmuggelt wird, darf man den jährlichen
+Consum von Wachs in unserer Republik zu 28,000 Arroben annehmen,
+welches zum Mittel-Preis von 25 Pesos die Arroba geschätzt, die enorme
+Summe von 700,000 $ macht, welche alljährlich dem Auslande für eine
+Sache bezahlt wird, die wir in der Heimath gewinnen können.”[25]
+
+“Der Anbau der +Baumwolle+, dieses köstlichen Productes aller heißen
+Länder, und so besonders passend für die Südküste der Republik, wo vor
+dem Jahre 1810 so viel, und selbst im Jahre 1825 noch 50,000 Arroben
+(1,250,000 ℔) gezogen wurden, ist so in Verfall gerathen, daß das Jahr
+1830 nicht mehr als 5000 Arroben producirte. Hieran ist nun theils
+Mangel an Capital, theils der beklagenswerte Bürgerkrieg in jener
+Gegend, Schuld.”
+
+“Um nun allen diesen, für das öffentliche Wohl so wichtigen
+Industrie-Zweigen aufzuhelfen, fordert die Direction dieser Bank die
+Staaten der Republik auf, Actien-Gesellschaften zu bilden, durch welche
+die Sachkenntniß mehrerer Personen in Ausübung gebracht werden würde,
+und welchen alsdann die ~Banco de Avio~ mit Capital-Zuschuß, so viel es
+ihre Kräfte erlaubten, nachhelfen wollte.”
+
+Der Bericht fährt nun fort, zu sagen, wie sich, in Folge dieses
+Aufrufs, in den verschiedenen Theilen der Republik 14 Gesellschaften
+für die Belebung der Industrie auf Actien gebildet hätten, die
+jedoch noch zu sehr in ihrer Kindheit wären, um Resultate vorlegen
+zu können. Für mehrere derselben wären Maschinen in Nordamerika und
+Europa bestellt worden, wovon einige bereits angekommen, andere
+unterweges wären; auch hätte man Werkmeister und Mechanici vom
+Auslande kommen lassen, um die Kenntnisse der Fabrication von Wollen-
+und Baumwollen-Waaren im Lande zu verbreiten. In der +Seiden-Zucht+
+waren große Fortschritte gemacht, ein Etablissement in Coyoacan
+(Staat von Mexico) hatte Ende 1831 bereits schöne Resultate geliefert
+und ein anderes in Celaya berechtigte zu großen Erwartungen und man
+dachte schon an die Fabrication von seidnen Bändern. Saamen der
+Seidenwürmer war nach allen Richtungen ausgetheilt worden, besonders
+in die Gegenden, wo bereits Ueberfluß an Maulbeerbäumen ist. Für die
+Beförderung der +Bienenzucht+ hatte man auf dem Lande Bienenkörbe
+vertheilt und junge Schwärme anzuschaffen getrachtet, wovon man zwar
+noch keine Resultate nachweisen konnte, aber schöne Hoffnungen daran
+knüpfte. Aus Frankreich hatte man Merino-Schaafe zur Veredlung der Race
+kommen lassen, so wie auch Tibet-Ziegen. In Peru waren Vigoña-Schaafe
+und Lamas bestellt, und man hoffte beide Gattungen in der Republik
+Mexico einheimisch zu machen. Sogar auf die Einfuhr von +Kameelen+ war
+man bedacht, und versprach sich davon die wohlthätigsten Resultate
+für den Waaren-Transport im Lande, falls es, wie man hoffte, gelingen
+sollte, diese nützlichen Thiere in Mexico zu nationalisiren. Nach
+manchen schwierigen und vergeblichen Unterhandlungen war die ~Banco
+de Avio~ mit einem Hause in Marseille übereingekommen, 20 Kameele, 6
+männliche und 14 weibliche, direct von Alexandrien nach Vera-Cruz zu
+senden, und berechnete die Kosten, einschließlich der Fracht, für ein
+Schiff von 200 Tonnen, der nöthigen Fourage u. s. w., auf nicht mehr
+als 7000 $.
+
+Endlich hatte man denn auch noch eine Anzahl Bücher über Gegenstände
+der Fabrication und des Ackerbaues angeschafft, und diese in den
+verschiedenen Staaten, wo sich Anregung für dergleichen Industrie
+zeigte, gratis vertheilt.
+
++So weit+ der amtliche Bericht des Ministers Alaman über diese von
+ihm gegründete Favorit-Anstalt. Seine Feinde werfen ihm vor, daß er
+darin der Zeit vorgegriffen, und Geld für bis jetzt noch unausführbare
+Projecte verschwendet habe, welches zu nützlicheren Zwecken hätte
+verwandt werden können und sollen. Kann seyn, -- aber trotz alle
+dem ist doch nicht zu läugnen, daß der Sache eine großartige und
+patriotische Idee zum Grunde lag, die gewiß alle Anerkennung verdient.
+Es ist daher auch zu bedauern, daß die bürgerlichen Unruhen des Landes
+und der Sturz des Ministeriums, die Entwickelung dieses Instituts
+unterbrochen, ja gleichsam in der Geburt erstickt haben! Ganz
+untergehen wird man es übrigens wohl nicht lassen, indem es bereits
+zu sehr im Lande verzweigt ist und an mehrere Anstalten zu starke
+Forderungen hat, wie z. B. 40,000 $ an die Eisen-Schmelzerei auf dem
+Sitio in der Nähe des Popocatepetl, von welcher ich in meinen Briefen
+geredet habe, und über welche ich hier noch einige Notizen hinzufüge.
+
+
+[25] In dieser Veranschlagung irrt sich Herr Alaman sehr bedeutend,
+denn wenn er auch in der Schätzung der Quantität Recht haben sollte,
+was ich bezweifle, so ist doch der Mittel-Preis viel zu hoch gegriffen,
+und das was das +Ausland+ für das eingeführte Wachs erhält, dürfte,
++nach Abzug der hohen Eingangs-Rechte, Frachten und Spesen+, den
+Durchschnitt von 10 $ die Arroba, gewiß nicht übersteigen.
+
+
+
+
+Die Eisen-Schmelzerei
+
+auf dem Sitio.
+
+(Siehe Anhang zum Briefe vom 31. Mai, ~pag.~ 91.)
+
+
+Die Eisenerz-Gruben liefern wöchentlich bei sehr langsamer Bearbeitung
+300 Ctr. Erz.
+
+Die Schaffungskosten eines Ctr. Erzes und Fuhrlohn bis aufs Werk kommen
+2 Rl.
+
+Ein Ct. Holzkohlen stellt sich auf 6 Rl.
+
+ 26 Arroben Eisenerz }
+ 5 „ Zuschlag } sollen 12 Arroben frisch Eisen in 24
+ 44 „ Kohlen } Stunden liefern.
+
+Das Gebläse ist das bekannte Wasser- oder Trommel-Gebläse. Die Erze
+sind so leicht flüssig und von so verschiedenem Gehalt (von 30 bis 70
+pCt. eisenhaltig), daß die Mischung dergestalt bereitet werden kann,
+daß wenig oder gar kein Zuschlag nöthig ist.
+
+Das ganze Gefälle ist 100 Fuß; das halbe Gefälle reicht aber schon zum
+vollständigen Betrieb hin.
+
+
+
+
+Bevölkerung von Mexico.
+
+
++Die Bevölkerung der vereinigten Staaten von Mexico+ wird sehr
+verschiedentlich angegeben, dürfte sich aber doch wohl im großen
+Ganzen auf +acht Millionen+ Seelen belaufen, was noch immer eine sehr
+dünne Population ist, für einen Flächenraum von circa 10000 ☐ Leguas
+von 20 auf den Grad, die man der Republik in ihrer ganzen Ausdehnung
+beimißt. Nach dem Maaßstabe europäischer Bevölkerung könnte sich die
+mexicanische auf ihrem jetzigen Raume ganz bequem verzehnfachen.
+
+Die außerordentliche Schwierigkeit einer genauen Volkszählung, in einem
+so weitläufigen Gebiete wie dem mexicanischen, leuchtet ein, denn nur
+wenige seiner Staaten sind für einen solchen Zweck so gut organisirt,
+wie z. B. der von Vera-Cruz; unbegreiflich bleibt es jedoch immer, wie
+in ein und demselben Jahre zwei so verschiedene Angaben der Volkszahl
+gemacht werden konnten, wie die, welche der Minister Alaman im Anfange
+des Jahrs 1832 dem Congreß vorlegte, und jene, welche in dem Almanach
+von Galvan fürs Jahr 1833 Ende 1832 erschien.
+
+Nach untenstehender Tabelle schätzt der Minister die Population auf
+6,382,264; Galvan dagegen auf 7,734,292, welche letztere Angabe aber
+der Wahrheit gewiß näher kommt als erstere, indem der Minister selbst
+in seinem amtlichen Bericht eingesteht, daß seine Veranschlagung auf
+alten Daten beruhe, der Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig sei, und die
+Volkszahl als 7 Millionen +übersteigend+ angenommen werden dürfe. Er
+drückt sich dabei wörtlich folgendermaßen aus:
+
+“Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, eine Bevölkerung genau zu
+zählen, welche über ein so ungeheuer weitläufiges Territorium,
+begränzt von Regionen, wo Nomaden-Stämme in fruchtbaren Landstrichen
+und günstigen Climaten umher wandern, zerstreut ist, so wird es nicht
+übertrieben erscheinen, die Volkszahl der Republik, obgleich die
+vorliegende Tabelle nur 6,382,264 ausweise, als Sieben Millionen Seelen
+übersteigend anzunehmen, zumal da die Listen des Census, welche der
+Tabelle zur Basis gedient haben, mitunter 4, 6 ja 8 Jahre alt sind,
+und doch anzunehmen ist, daß trotz aller gelegentlichen Verluste, die
+Bevölkerung binnen einer solchen Zeit gradatim zugenommen hat. Ein
+ausgedehntes Land mit einem fruchtbaren Boden und einem den Menschen
+befreundeten Clima, begünstigt natürlich das Fortschreiten des
+Menschen-Geschlechts, und die Wohlthaten, welche diesem dann zu Theil
+werden, wenn freie Institutionen ihren heilsamen Einfluß über alle
+verbreiten, welche die unschätzbaren Vortheile einer volksthümlichen
+Regierung zu erkennen wissen, sind unberechenbar.”
+
+Im Jahre 1830 hatte die Zunahme der Bevölkerung einen Stoß durch einen
+heftigen Ausbruch der Blattern-Epidemie (~epidemia de viruelas~)
+erlitten; man suchte der Seuche durch Vaccination möglichst entgegen
+zu arbeiten, aber die Materie (~el pus~) fing an zu mangeln und
+unwirksam zu werden; die von England verschriebene, obgleich in
+kristallenen Gefäßen gesandt, wollte nicht anschlagen; die Hoffnung,
+daß man in dem Staat von Chihuahua an den Kühen die ächte Materie
+entdeckt habe, schlug auch fehl, und schon drückte der Minister in
+seinem Jahres-Bericht von 1831 die Furcht aus, zu der umständlichen und
+kostspieligen Maßregel übergehen zu müssen, die Materie zur Impfung
+von den nächsten, aber sehr entlegenen, Puncten in Nordamerika durch
+Kinder, gleichsam von Arm zu Arm zu übertragen und so heranzuziehen.
+Aus dem ministeriellen Bericht von 1832 geht indessen hervor, daß
+man nicht nöthig hatte zu diesem Extrem Zuflucht zu nehmen, und daß
+die Kuhpocken-Impfungs-Materie nunmehr wieder vorhanden war, es wird
+jedoch nicht gesagt wie man sie sich verschafft hat. Der Bericht von
+1832 lobt sodann den Gesundheits-Zustand der Republik, und drückt nur
+Furcht und Sorge aus, daß die Cholera das Land heimsuchen und die
+Bevölkerung decimiren werde, weshalb denn auch Quarantainen und andere
+Vorsichtsmaßregeln in Anwendung kamen, die aber, wie wir jetzt wissen,
+das gefürchtete Uebel nicht abzuhalten vermochten. Die Cholera hat im
+Jahr 1833 große Verwüstungen in Mexico angerichtet; in der Hauptstadt
+allein sind an 16 bis 17000 Menschen, also der zehnte Theil der
+Einwohner, das Opfer derselben geworden.
+
+Alle Volkszählungen in Mexico ergeben übrigens eine Mehrzahl des
+weiblichen Geschlechts über das männliche; in manchen Staaten sogar
+eine bedeutende, wie z. B. in Jalisco eine von 11 pCt., in Puebla von 7
+pCt. u. s. w.
+
+Die in den verschiedenen Theilen der Republik herrschende große
+Verschiedenheit der Bevölkerung, mit Bezug auf den respectiven
+Flächenraum, geht aus der anliegenden Tabelle gleichfalls hervor, und
+es kann daher nicht auffallen, daß während in den ganz dünn bewohnten
+Regionen an Gewerbe und Kunstfleiß noch nicht zu denken ist, in den
+mehr bevölkerten Staaten und den oft sehr volkreichen Städten sich
+dessen in nicht unbedeutendem Maaße findet und auszudehnen verspricht.
+Im Parian zu Mexico und auf den Märkten anderer Städte, wie z. B.
+Puebla u. s. w., sieht man denn auch wirklich viele schön und gut
+gearbeitete Waaren, welche im Lande selbst angefertigt sind; z. B.
+wollene Decken aller Art (~poncho’s Zerapa’s~ u. s. w.) in allen
+Farben; sodann die bekannten bei der Bekleidung einer Mexicanerin,
+gleichviel ob reich oder arm, nie fehlenden langen Umschlagtücher
+von Baumwolle, oder Baumwolle und Seide; Hüte jeder Art mit breiten
+Rändern nach mexicanischer Sitte, nebst deren Zierrath, den silbernen
+oder goldenen Treffen und Tasseln; baumwollene Schnüre und Bänder; die
+oft sehr reichen mit vielem Gold und Silber besetzten Reiter-Mäntel,
+deren sich auch Damen bedienen; Leder-Arbeiten aller Art und namentlich
+mexicanische Pferde-Sättel (unsern Husaren-Sätteln nicht unähnlich),
+mit kostbaren Pelz-Ueberlagen u. dergl. m. Hierzu kommt in Puebla noch
+Glas und Seife, womit viel Handel nach andern Städten getrieben wird.
+
+In Mexico selbst haben sich denn in der neusten Zeit auch mehrere
+Fremde, Deutsche und andere, als Hutmacher, Meubel-Schreiner,
+Kleidermacher u. s. w. niedergelassen und machen zum Theil sehr gute
+Geschäfte.
+
+Mit Colonisations- und Einwanderungs-Plänen zur Vermehrung der
+Bevölkerung hat es den Mexicanern bis jetzt noch nicht glücken
+wollen, und wird ihnen auch nicht glücken, bis sie durch Annahme der
+Religionsfreiheit und liberalerer Grundsätze bei der Ansiedlung von
+Fremden, die Auswanderung aus Europa, die jetzt fast ausschließlich
+nach Nordamerika gerichtet ist, theilweise nach ihrem schönen Lande zu
+ziehen verstehen.[26]
+
+Die Colonisirung einiger Hundert Franzosen am Fluß Cuatzacualcos
+im Staat Vera-Cruz schlug gänzlich fehl, weil die Unternehmer den
+Einwanderern Versprechungen gemacht hatten, die sie nicht erfüllen
+konnten, und weil sie in der Wahl der Subjecte nicht vorsichtig genug
+waren. Sie sind theils nach Frankreich zurückgekehrt, theils haben sie
+sich in andern Theilen der Republik niedergelassen.
+
+ Die Colonisirung von
+
+ +Texas+ oder +Tejas+ (sprich Techas)
+
+hat dagegen zwar, was die Zahl der Ansiedler betritt, einen guten
+Fortgang, aber diese Vermehrung der Population, welche lediglich
+aus den angränzenden Staaten von Nordamerika herströmt, gereicht
+Mexico eher zur Last und zum Nachtheil, als zum Vortheil, denn die
+schwer zu zügelnden Nordamerikaner wollen sich nach den mexicanischen
+Gesetzen nicht fügen, sondern eigne machen und aufstellen, wie es
+wirklich bereits an dem Hauptorte der Ansiedlung, Austen Town (so
+genannt nach dem Namen des ersten Unternehmers), der Fall ist. --
+Bei der außerordentlichen Entfernung von dem Sitze der mexicanischen
+Regierung, wird es dieser schwer fallen, wo nicht unmöglich seyn, ihre
+Autorität geltend zu machen, während andererseits der Andrang der
+nordamerikanischen Einwanderung so wachsen wird, daß vorauszusehen
+ist, es werde sich dort ein eigner Staat bilden, der mehr zur
+nordischen als zur mexicanischen Union gehört.
+
+Beide Theile sehen dies kommen, und man sagt, die vereinigten Staaten
+von Nordamerika hätten denen von Mexico wirklich bereits zehn Millionen
+Pesos, für den Abstand der Provinz Texas, geboten. Die mexicanische
+Regierung scheint es aber nicht zu wagen, eine solche Proposition dem
+National-Congreß vorzulegen, und in der That würde Mexico mit Texas
+einen seiner schönsten und wichtigsten Landestheile verlieren! Das
+Clima daselbst ist vortrefflich und gesund, das Land wird von großen
+und schönen Flüssen, dem Rio Bravo und Colorado, durchschnitten,
+ein Vortheil der dem übrigen Mexico ganz abgeht, und der Boden von
+Texas ist außerordentlich fruchtbar, während es an Ausdehnung nicht
+fehlt; der Flächenraum wird auf 160 Millionen englische Acker Landes
+geschätzt! Großbrittannien und Irland haben deren nur 47 Millionen
+angebaut!
+
+Man urtheile also, welche Anzahl von Ansiedlern dort noch Raum und
+Auswahl des Terrains finden könnte, denn die jetzige Bevölkerung von
++Texas+ ist fast Null!
+
+Dorthin sollten deutsche Auswanderer sich wenden, sie würden besser
+dabei fahren als am Missouri, und ein besseres Clima und fruchtbareren
+Boden daselbst finden.
+
+
+Census der vereinigten Staaten von Mexico.
+
+ Seelen-Zahl
+ Staaten und nach Vorlage nach dem Almanach
+ Territorien Hauptstädte des Ministers von Galvan
+ Alaman in 1832 fürs Jahr 1833
+
+ Föderal-District Mexico 250,000 350,000
+ Staaten:
+ Chiapas San Cristobal 118,775 96,000
+ Chihuahua Chihuahua 112,694 166,000
+ Coahuila u. Tejas Leona Vicario 77,795 127,000
+ Durango Durango 149,121 250,000
+ Guanajuato Sta. Fé de Guanajuato 500,000 643,000
+ Jalisco Guadalaxara 656,830 680,000
+ Mexico Toluca 1,000,000 1,200,000
+ Michoacan Morelia 422,472 285,000
+ Nuevo Leon Monterey 83,093 113,419
+ Oajaca Oajaca 457,504 693,000
+ Puebla La Puebla 584,358 954,000
+ Querétaro Querétaro 114,437 280,000
+ S. Luis Potosi San Luis 298,230 192,000
+ Sinaloa -- 100,000}
+ Sonora -- 100,000} 254,705
+ Tabasgo Villa hermosa 60,000 82,000
+ Tamaulipas Vittoria 80,000 166,824
+ Vera-Cruz Jalapa 242,658 194,000
+ Yucatan Merida 500,000 630,000
+ Zacatecas Zacatecas 276,053 296,066
+ Territorien:
+ Alta California S. Carlos de Monterey 27,000 30,000
+ Baja California Loreto 15,000 6,000
+ Nuevo Mexico Santa Fé 50,000 52,300
+ Colima -- 40,000}
+ Tlascala -- 66,244} ? ?
+ ----------
+ Total der Bevölkerung nach Alaman 6,382,264
+ ---------
+ Total der Bevölkerung nach Galvans Angabe 7,741,314
+
+
+[26] Wie unbedeutend die seitherige Einwanderung von Fremden
+in Mexico gewesen ist, wird folgende Tabelle der Bewegung des Jahres
+1830, in dem Hafen von Vera-Cruz (dem hauptsächlichsten der Republik)
+zur Genüge darthun:
+
+ Nation kamen ein gingen aus
+
+ Nordamerikaner 66 53
+ Engländer 75 30
+ Franzosen 99 65
+ Deutsche 52 20
+ Italiener 13 10
+ Schweizer 7 5
+ Mexikaner und Südamerikaner 79 34
+ Spanier -- 19
+ Ohne besondere Angabe der Nation
+ (also wohl Altspanier) 60 18
+ ------------------
+ 451 254
+
+
+
+
+Der Staat von Vera-Cruz.
+
+
+Dieser Staat ist einer der bestorganisirten in der Republik. Der
+Jahresbericht, den der Gouverneur dieses Staats, Don Sebastian Camacho,
+im Jahre 1832 der in Jalapa versammelten Legislatur abgestattet hat,
+ist eins der ausführlichsten Documente, welche man in der Art sehen
+kann; es füllt über 300 Quart-Seiten und ist dennoch in den meisten
+Dingen unvollkommen und ungenügend, da nicht alle Cantone des Staates
+mit gleicher Pünktlichkeit und Ausführlichkeit berichtet haben. Am
+detaillirtesten sind die Tabellen über die Population, wovon einige die
+Zahl der Kinder, Weiber und Männer, verheiratete und unverheiratete,
+Wittwer und Wittwen, alles klassificirt nach dem Alter von 10 bis 100
+Jahren, so genau und speciell angeben, daß ich nicht glaube, daß wir
+etwas ähnliches in Europa besitzen. Im Auslande kann dies aber nur
+wenig Interesse haben, dort genügt es, zu wissen, welche Bevölkerung
+der ganze Staat und etwa die größeren Städte desselben enthalten, und
+diese ist wie folgt angegeben:
+
+ Die Stadt +Orizaba+ 15,386
+ Der ganze Canton dieses Namens 46,991
+ Die Stadt +Cordova+ 6,098
+ Der ganze Canton dieses Namens 24,521
+ Die Stadt +Vera-Cruz+ 6,828
+ Der ganze Canton dieses Namens 24,556
+ Die Stadt +Jalapa+ 10,628
+ Der ganze Canton dieses Namens 42,704
+ Die Total-Bevölkerung des Staates Vera-Cruz 245,256
+ Im Jahre 1826 war dieselbe 242,658
+ --------
+ mithin eine Vermehrung von 2,598
+
+oder von ungefähr ein vom Hundert, was denn aber auf einen
+fünfjährigen Zeitabschnitt, so gut wie gar keine Zunahme ist.
+
+Die mitunter allerdings ganz interessanten Bemerkungen des
+obenerwähnten Berichts von Don Sebastian Camacho, verlieren, wie
+schon gesagt, ihrer Unvollkommenheit wegen ihr meistes Interesse für
+das Ausland und ich beschränke daher den weitern Auszug davon auf
+die Bemerkungen, welche darin über die Erziehung der Jugend gemacht
+werden. Der Bericht sagt nemlich hierüber, daß man damit umgehe, das
+Lancaster’sche Unterrichtssystem einzuführen, und dafür 30,000 Pesos
+bestimme, und daß mittlerweile, obgleich ohne Uebereinstimmung des
+Systems, Schulen in fast allen Ortschaften des Staates beständen,
+deren Kosten von den Municipalitäten bestritten würden, so wie, daß
+außerdem an verschiedenen Punkten höhere Schulen angelegt seien, deren
+Lehrer den +Staat+ von Vera-Cruz jährlich 5 bis 6000 Pesos kosten!
+Das General-Budget der Föderation wirft sodann für die Errichtung und
+Vervollkommnung von Primair-Schulen in der Republik 80,000 Pesos aus!
+
+Dies beweiset denn doch, daß man den hochwichtigen Gegenstand der
+Volks-Erziehung nicht ganz außer Acht läßt.
+
+
+
+
+Finanz-Departement.
+
+
+Es wird nicht ohne Interesse seyn, das Budget kennen zu lernen, welches
+der Finanz-Minister Mangino dem Congreß in Mexico für das Jahr von Juli
+1832 bis Juli 1833 vorgelegt hat. Es ist aber nur in den Ausgaben klar,
+und drückt sich über die Einnahmen so dunkel aus, daß es unmöglich
+ist, eine Bilanz zu ziehen; die Ausgaben werden auf nicht weniger
+als 22,392,508 Pesos veranschlagt, wobei zu bemerken ist, daß dies
+nur Ausgaben der Föderation sind, die mit den Ausgaben der einzelnen
+Staaten für ihre Congresse und sonstigen Local-Bedürfnisse nichts
+gemein haben.
+
+
+ Jene Ausgaben der Föderation zerfallen in folgende Haupt-Rubriken:
+
+ ~a.~ Departement des Innern und Auswärtigen $ 1,049,438. 4
+ ~b.~ do. der Justiz und geistlichen
+ Angelegenheiten „ 434,756.--
+ ~c.~ do. des Krieges!! „ 16,465,121. 3
+ ~d.~ do. der Marine „ 322,221. 1
+ ~e.~ do. der Finanz und Kosten des
+ General-Congresses „ 4,120,971. 3
+ -----------------
+ $ 22,392,508.--
+
+
+ Als Details die am meisten Aufmerksamkeit erregen, mögen hier stehen:
+
+ ~ad a.~ Gehalt des Ministers (so wie aller
+ Minister) $ 6,000
+ Fernere Gehalte in diesem Bureau „ 24,000
+ Für Papier und Druckkosten „ 29,609
+
+ Außerordentliche Ausgaben „ 20,000
+
+ Für +geheime+ Ausgaben im auswärtigen
+ Departement „ 100,000
+
+ Gesandtschaften und Consulate:
+
+ Zwei Gesandten bei dem großen amerikanischen
+ Congreß, der bekanntlich erst in
+ Panama, dann in Mexico gehalten werden
+ sollte, aber +nie ins Leben getreten
+ ist+ „ 13,200
+
+ ~Chargé d’affaires~ in den vereinigten Staaten
+ von Nordamerika, nebst Secretariat „ 10,200
+
+ Außerordentliche Legation nach Central-Amerika
+ und Columbien, nebst Reisekosten „ 17,800
+
+ Außerordentliche Legation nach den Republiken
+ des südlichen Amerika’s, nebst
+ Reisekosten „ 28,250
+
+
+ Gesandtschaft in England:
+
+ Der Minister $ 12,000, Secretair u. s. w.
+ $ 8200, Total „ 20,200
+
+
+ Gesandtschaft in Frankreich:
+
+ Der Minister $ 10,000, Secretair u. s. w. }
+ $ 5700 } „ 15,700
+
+ Für die Reise dahin und Einrichtung des }
+ Hotels } „ 12,100
+
+ ~Chargé d’affaires~ in Holland nebst }
+ Secretariat } „ 8,300
+
+ ~Chargé d’affaires~ in Preußen, nebst }
+ Secretariat } „ 6,700
+
+ Für die Reise dahin und Einrichtung }
+ des Hotels } „ 5,100
+
+ Consulate in New-Orleans „ 2,600
+
+ „ in Bordeaux „ 2,600
+
+ Consulate in Hamburg, für die Hanse-Städte „ 3,600
+
+ Endlich noch für eine Gesandtschaft nach
+ +Europa+, welche der politischen Constellation
+ nach wahrscheinlich nothwendig
+ und nützlich werden würde, (hierbei hat
+ man ja wohl auf Spanien angespielt) „ 29,750
+
+ Sodann, für Errichtung und Vervollkommnung
+ von Primair-Schulen „ 80,000
+
+ Zur Unterstützung des Theaters „ 20,000
+
+ ~ad b.~ “Geistliche Angelegenheiten,” hiebei genüge
+ die Bemerkung, daß für die Gesandtschaft
+ in +Rom+ $ 15,100, und für außerordentliche
+ und +geheime+ Ausgaben bei
+ +derselben+ $ 30,000! zusammen $ 45,100
+ ausgeworfen sind.
+ ------------
+
+ ~ad c.~ “Kriegs-Departement:”
+
+ 8 Divisions-Generäle im }
+ Dienst à 6000 $ }
+ }
+ 3 Divisions-Generäle nicht }
+ im activen Dienst à 4000 „ }
+ } im Jahr
+ 14 Brigade-Generäle im } $ 135,000
+ Dienst à 4500 „ }
+ }
+ 4 Brigade-Generäle nicht }
+ im activen Dienst à 3000 „ }
+
+ 4 General-Inspectoren der Truppen im }
+ Innern und den beiden Californien zu }
+ 4000 $ } $ 34,000
+ nebst 6 General-Adjutanten zu 3000 $ }
+
+ 12 Bataillone Infanterie der Linie „ 1,791,795
+
+ 12 Regimenter Cavallerie der Linie „ 1,848,419
+
+ 3 Brigaden Artillerie der Linie „ 509,477
+
+ 12 Compagnien Artillerie der Miliz im
+ activen Dienst „ 259,896
+
+ 1 Brigade Mineurs „ 118,360
+
+ Das Ingenieurcorps „ 80,093
+
+ 1 Bataillon Invaliden in Mexico „ 118,634
+
+ Das Sanitätscorps „ 77,929
+
+ Die Hospitäler „ 503,470
+
+ 6 Compagnien permanente Cavallerie in
+ Californien „ 128,440
+
+ 38 Compagnien permanente Cavallerie in
+ verschiedenen Theilen der Republik „ 998,985
+
+ 20 Bataillone active Miliz, unter den
+ Waffen, im Innern der Republik „ 4,239,465
+
+ 13 Bataillone Küsten-Wächter, Miliz „ 1,181,482
+
+ 6 Schwadronen derselben „ 499,083
+
+ Und noch mehrere Cavallerie und Infanterie
+ Miliz-Abtheilungen im Innern „ 1,000,000
+
+ Entschädigung an die Miliz, für die Bekleidung,
+ zu 5 Reales monatlich an die
+ Infanterie und zu 10 Reales monatlich
+ an die Cavallerie „ 460,920
+
+ Für +geheime+ Ausgaben im Kriegs-Departement „ 40,000
+ --------------
+
+ ~ad c.~ “Finanz-Departement:”
+
+ General-Congreß
+
+ Diäten an 76 Deputirte $ 228,000
+
+ Diäten an 40 Senatoren „ 120,000
+
+ Reise-Gelder der Deputaten und Senatoren
+ aus den verschiedenen Staaten,
+ her und zurück „ 150,000
+
+ Secretariat und Kosten „ 76,994
+ -------------
+ Kosten des General-Congresses $ 574,994
+
+ Gehalt des Präsidenten der Republik $ 36,000
+
+ Civil-Pensionen „ 117,925
+
+ Pensionen an Spanier, welche durch das
+ Gesetz von 1827 von ihren Aemtern entsetzt
+ wurden „ 53,295
+
+ Für die Dividenden der auswärtigen Anleihen „ 942,000
+ als den wahrscheinlichen sechsten Theil der
+ Einnahme an den Douanen von Vera-Cruz
+ und Tampico. U. s. w.
+
+Diese ungeheure Gesammt-Ausgabe von $ 22,392,508, schlägt übrigens der
+Minister vor, um 5,312,914 $ auf den Kriegs-Etat, zu vermindern und
+dergestalt auf $ 17,079,594 zurückzuführen, was sie in Einklang mit der
+Einnahme des vorhergegangenen Jahres bringen würde.
+
+Das reine Product aller Zweige der Finanz war nemlich für das Jahr von
+Juli 1830 bis Juli 1831 $ 17,256,882
+
+ Hierin figuriren die Douanen in
+ +allen Häfen+ der Republik mit $ 8,287,082
+
+ Die Douanen des Distrikts der
+ Föderation und Landes-Gränzen mit „ 1,737,484
+
+ (Hierin sind die Zölle und Abgaben
+ nicht begriffen, welche die einzelnen
+ Staaten als Consumozoll
+ erheben, und welche natürlich in
+ die Staaten-Finanz und nicht in
+ die Föderatif-Casse fließen.)
+
+ Die Briefpost-Administration mit „ 230,683
+
+ Die Lotterie mit „ 41,260
+
+ Die Salinen mit „ 66,505
+
+ Verkauf von National-Gütern „ 11,924
+
+ Die Münze in der Föderatifstadt Mexico „ 135,480
+
+ Beiträge der Staaten zur Föderations-Casse „ 1,356,563
+
+ (Der Minister beklagt sich, daß
+ diese Summe nicht größer gewesen,
+ was dem Gesetze nach der
+ Fall hätte seyn müssen.)
+
+ Die 2 pCt. Circulations-Rechte
+ auf Silber und Gold, vom Innern
+ nach der Küste „ 74,913 u. s. w.
+
+Man sieht, daß noch vieles unausgeführt geblieben ist, die Summe von
+$ 17,256,882 auszugleichen, so wie, daß nirgends eine Sicherheit der
+gleichmäßigen Einnahme für das nächste Jahr existirt! Das Budget des
+Herrn Finanz-Ministers ist mithin allerdings ein sehr unzuverlässiges
+und schwankendes, es liefert aber doch dem prüfenden Auge des
+unpartheiischen Beobachters den Beweis, daß in Mexico für einen
+geregelten Staatshaushalt, ohne übertriebenen Militair-Etat, Resourcen
+genug vorhanden sind, nicht allein um das Laufende zu bestreiten,
++sondern+ auch um die National-Schuld gradatim zu tilgen.
+
+[Illustration: Karte von Mexiko]
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77872 ***
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+ Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 | Project Gutenberg
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+</head>
+<body>
+<div style='text-align:center'>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77872 ***</div>
+
+<div class="transnote mbot3">
+
+<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
+
+<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von
+1834 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche
+Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute
+nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original
+unverändert.</p>
+
+<p class="p0">In manchen Fällen, meist bei fremdsprachlichen
+Ausdrücken, wird das Plural-s mit einem Apostroph abgetrennt, z.B.
+‚Tschako’s‘. Da der Sinn des Texts dadurch nicht verändert wird, wurde
+diese Schreibweise beibehalten. Ferner werden Apostrophe in Wörtern
+wie ‚haus’ten‘ oder ‚erlös’t‘ eingesetzt, die offenbar von den alten
+Wortformen ‚hauseten‘ und ‚erlöset‘ herrühren. Auch diese Formen wurden
+nicht modernisiert.</p>
+
+<p class="p0">Überträge (hier ‚Transport‘ genannt) in mehrseitigen
+Tabellen wurden entfernt.</p>
+
+<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in
+<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv wiedergegeben.
+<span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten
+Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em>
+gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl
+serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p>
+
+</div>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="frontispiz">
+ <img class="w100" src="images/frontispiz.jpg" alt="Ritt durch die Hochebene
+ von Mexiko; im Hintergrund eine Berglandschaft">
+ <figcaption class="mbot3"><div class="linkedimage"><a href="images/frontispiz_gross.jpg"
+ id="frontispiz_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<div class="eng break-before">
+
+<h1>Mexico<br>
+<span class="s6"><b>in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833</b></span></h1>
+<p class="center lh2">und<br>
+<span class="s2"><b>die Reise hin und zurück</b></span><br>
+aus vertraulichen Briefen<br>
+<span class="s4">mit einem Anhange über die neuesten Ereignisse daselbst</span><br>
+aus officieller Quelle<br>
+<span class="s4">nebst</span><br>
+<span class="s3"><b>mercantilischen und statistischen Notizen</b></span></p>
+
+<p class="s5 center mtop3 mbot3">von</p>
+
+<p class="s2 center"><span class="mleft0_5">C.</span> <span class="mleft0_5">C.</span>
+<span class="mleft0_5">B</span><span class="mleft0_5">e</span><span class="mleft0_5">c</span><span class="mleft0_5">h</span><span class="mleft0_5">e</span><span class="mleft0_5">r</span>,</p>
+
+<p class="s5 center">damaligem Sub-Director der Rheinisch-Westindischen
+Compagnie,<br>
+Ritter des rothen Adler-Ordens vierter Classe.</p>
+
+<hr class="r10">
+
+<p class="center">Mit einer Karte und lithographirten Ansicht der Hochebene
+von Mexico.</p>
+
+<hr class="r10">
+
+<div class="right">
+ <div class="poetry-right">
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse mright1"><span class="antiqua">... and with your gracious patience&#8194;</span></div>
+ <div class="verse"><span class="antiqua">I will a round unvarnished tale deliver.</span></div>
+ </div>
+ <div class="stanza">
+ <div class="verse"><span class="antiqua">Othello</span>, Shakespeare.&#8194;</div>
+ </div>
+ </div>
+</div>
+
+<hr class="full">
+
+<p class="s4 center mbot3">Hamburg,<br>
+<span class="s5">in Commission bei Perthes &amp; Besser.</span><br>
+<span class="s4"><b>1834.</b></span></p>
+
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_iii">[S. iii]</span></p>
+
+<p class="s4 hang1_5 padtop3">An des Königlich preußischen wirklichen Geheimen Raths und
+Ober-Präsidenten von Westfalen</p>
+
+</div>
+
+<p class="s3 mtop1 mbot1"><b>Freiherrn von Vincke Excellenz.</b></p>
+
+<div class="s4">
+
+<p class="mleft2">Ew. Excellenz</p>
+
+<p>haben mich während der dreizehn Jahre, während welcher ich meinen
+Wirkungskreis hauptsächlich in Preußen hatte, mit so viel Güte
+überhäuft, mit so viel Freundschaft geehrt, daß die dankbarste
+Erinnerung an diese, — meine oft mühsame und vielbewegte Laufbahn
+erheiternden Verhältnisse, — in meiner Seele nie erlöschen wird.</p>
+
+<p>Von dem Wunsche beseelt, dies Anerkenntniß und den Ausdruck eines
+unbegränzten Dankgefühls <span class="pagenum" id="Page_iv">[S. iv]</span>gegen <em class="gesperrt">Ew. Excellenz öffentlich</em>
+aussprechen zu können, durfte ich die gegenwärtige, vielleicht nie
+wiederkehrende Gelegenheit nicht versäumen, welche mir dafür</p>
+
+<p class="center">“die Zueignung dieses Büchleins”</p>
+
+<p class="p0">darbietet, und von der ich mir schmeichle, daß sie <em class="gesperrt">Ew. Excellenz</em>
+mit Ihrem gewohnten Wohlwollen und mit Nachsicht aufnehmen werden.</p>
+
+<p>Wem könnte ich auch wohl diesen “chronologischen Bericht” einer langen,
+beschwerlichen, in meine Lebens-Verhältnisse nur zu ernst eingreifenden
+Reise, besser zueignen, als Ew. Excellenz, welcher die Motive, ich darf
+sagen die <em class="gesperrt">reinen Motive</em> derselben, mehr als jedem Andern bekannt
+sind? — als Ew. Excellenz, welche sie billigten als ich sie unternahm,
+der ich, während und nach derselben, über alles Bericht erstattete, und
+die es nun mit mir beklagen, daß der dabei beabsichtigte Zweck — ohne
+mein Verschulden — nicht erreicht ward.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_v">[S. v]</span></p>
+
+<p>Wessen Name wäre aber auch wohl in anderer Hinsicht geeigneter, einer
+<em class="gesperrt">Darstellung der jetzigen Lage und Verhältnisse Mexico’s</em>,
+gleichsam als Aegide, vorgedruckt zu werden, als der <em class="gesperrt">Ew.
+Excellenz</em>, die sich stets so lebhaft für den Verkehr des
+Vaterlandes mit jenem entfernten aber wichtigen Staatenbunde
+interessirt, und so wesentlich dazu beigetragen hat, daß die
+<em class="gesperrt">politischen</em> Verhältnisse Preußens zu demselben sich schon
+früh <em class="gesperrt">so</em> gestalteten, daß sie den <em class="gesperrt">mercantilischen den</em>
+Schutz gewähren konnten, welcher sich dort bereits bei mehr als einer
+Gelegenheit, als höchst nützlich, ja <em class="gesperrt">nothwendig</em>, bewährt hat.</p>
+
+<p>Möge Ew. Excellenz denn die Freude werden, des Vaterlandes
+vortheilhaften Verkehr mit den vereinigten Staaten von Mexico, sich
+mehr und mehr ausdehnen, mögen Sie überhaupt die unausbleibliche Frucht
+Ihrer reichen Aussaat im Felde der vaterländischen Industrie, <em class="gesperrt">das
+stete Wachsen des National-Wohlstandes</em>, <span class="pagenum" id="Page_vi">[S. vi]</span>in vollem Maaße blühen
+sehen, und möge es mir erlaubt seyn zu hoffen, daß alsdann auch mein
+zwar unbedeutendes aber redliches Streben nach gleichem Ziele, in Ihrer
+freundlichen Erinnerung fortlebe.</p>
+
+<p class="mtop2 right mright2">Mit Gesinnungen der innigsten Verehrung</p>
+
+<p class="right mright3"><span class="mright4">Ew. Excellenz</span></p>
+
+</div>
+
+<p class="right mtop2 padtop3">ganz gehorsamster Diener und dankbarer Freund</p>
+
+<p class="s4 mtop1 right mright3"><em class="gesperrt">C. C. Becher</em>.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_vii">[S. vii]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="initial">E</span>s war zwar anfänglich meine Absicht nicht, etwas über eine Reise
+drucken zu lassen, deren Erfolg den Erwartungen, die ich davon hegte
+als ich sie unternahm, so wenig entsprochen hat; ich ward aber von so
+vielen Seiten dazu aufgefordert, daß ich mich am Ende doch entschlossen
+habe, aus den Briefen, die ich während der Reise an meine Familie und
+Freunde geschrieben, ein Bild von dem Treiben und Seyn in dem so viel
+besprochenen <em class="gesperrt">heutigen Mexico</em>, während einer ereignißvollen
+Periode, zu entwerfen, und es nun wage, dieses Bild, nebst einigen
+wenigen Worten über Hayti und Nordamerika, dem Publicum vorzulegen.</p>
+
+<p>Wenn ich mich damit meinen zahlreichen entfernteren Freunden, mit denen
+ich nicht in ununterbrochenem Briefwechsel stehe, und die mithin in den
+letzten Jahren weniger von mir erfahren haben, auf eine freundliche
+Weise ins Gedächtniß zurückrufe und ihnen eine angenehme Stunde mache,
+so wird mir ein schöner Lohn für die geringe Arbeit zu Theil.</p>
+
+<p>So oft und viel auch schon über das <em class="gesperrt">jetzige Mexico</em> und die
+Reisen dahin und zurück im <em class="gesperrt">Einzelnen</em> geschrieben worden seyn
+mag, so ist doch, so viel ich weiß, noch nirgends <em class="gesperrt">in Deutschland</em>
+etwas <em class="gesperrt">Zusammenhängendes</em> darüber bekannt gemacht worden.</p>
+
+<p>Dies geschieht nun hier im <em class="gesperrt">ersten Abschnitt</em>, und wenn auch
+darin, der <em class="gesperrt">Sache nach</em>, für <em class="gesperrt">Manchen</em> <span class="pagenum" id="Page_viii">[S. viii]</span>nichts <em class="gesperrt">neues</em>
+zum Vorschein kommt, so mag es doch in der Art der Darstellung hier
+und da der Fall seyn, denn jeder hat bekanntlich seine eigenthümliche
+Auffassung von den Dingen, die er sieht, und giebt sie auf seine Art
+und Weise wieder. Die Darstellung meiner Ansichten soll übrigens auf
+kein anderes Verdienst Anspruch machen, als darauf, daß sie hier
+grade so wieder gegeben sind, wie sie der Eindruck an Ort und Stelle
+hervorgebracht hat.</p>
+
+<p>Die in dem Anhange geschilderten neuesten Ereignisse in der Republik
+Mexico, sind mir aus amtlicher Quelle mitgetheilt worden, und liefern
+den erfreulichen Beweis, daß ich mich nicht irrte, als ich, in meinen
+Briefen von jenseits, dem Lande, aus der Staatsumwälzung von 1832 u.
+33, große Vortheile und Fortschritte auf dem Wege der Civilisation
+prophezeite.</p>
+
+<p>Der <em class="gesperrt">zweite Abschnitt</em> enthält fragmentarische Notizen, sowohl
+mercantilische wie statistische und administrative, worunter manches
+noch nicht allgemein Bekannte gefunden werden dürfte.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Das Ganze</em> aber möge dazu beitragen das Interesse der Leser an
+den vereinigten Staaten von Mexico zu erhöhen, und dadurch Deutschlands
+Verbindungen und Verkehr mit einem Lande mehr und mehr zu beleben und
+auszudehnen, dessen Wichtigkeit für ganz Europa eine jährlich wachsende
+ist, und noch auf lange Zeit seyn wird, weil Mexico unermeßliche
+Resourcen, vortreffliche Climate und Raum für das Zehnfache seiner
+jetzigen Bevölkerung besitzt.</p>
+
+<p>Im Juni 1834.</p>
+
+<p class="right mright2"><em class="gesperrt">C. C. Becher.</em></p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_ix">[S. ix]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Inhalts-Verzeichniss">Inhalts-Verzeichniss.</h2>
+
+</div>
+
+<table class="toc">
+ <tr>
+ <td class="s4" colspan="4">
+ <div class="center"><a href="#Erste_Abtheilung"><b>I.</b> <em class="gesperrt">Abtheilung</em>:</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="4">
+ <div class="center"><a href="#Erste_Abtheilung">Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="right"><span class="antiqua">Pag.</span></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Brief.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Köln, am 9. October 1831</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Koeln_9_Oct_1831">1</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Paris, am 23. October</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Paris_23_Oct_1831">2</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Bordeaux, am 2. November</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Bordeaux_23_Oct_1831">4</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Am Bord des Schiffes, den 10. November</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_10_Nov_1831">5</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span>&#8239;<span class="mleft2">&#160; den 17. November</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_17_Nov_1831">7</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span>&#8239;<span class="mleft2">&#160; den 24. November</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_24_Nov">8</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span>&#8239;<span class="mleft2">&#160; den 2. December, (unter der
+ tropischen Linie.)</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_2_Dec">9</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span>&#8239;<span class="mleft2">&#160; den 10. December</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_10_Dec">10</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span>&#8239;<span class="mleft2">&#160; den 14. December, (Angesichts
+ Haity.)</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_14_Dec">12</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zwei Stunden auf Haity, am 15. December</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Zwei_Stunden_auf_Hayti">13</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Am Bord, vom 19. bis 29. December</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_den_19_Dec_1831">25</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">11.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left"> <span class="mleft2">do.</span>&#8239;<span class="mleft1">am 31. December, (im Hafen von Vera-Cruz)</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_den_31_Dec_1831">30</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">12.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vera-Cruz, am 3. Januar 1832</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Stadt_Vera_Cruz_am_3_Jan_1832">34</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">13.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vera-Cruz, am 9. Januar. Anfang der Revolution</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vera_Cruz_den_9_Jan_1832">38</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">14.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Jalapa, am 12. Januar. Reiseart und Ortsbeschreibung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Jalapa_den_12_Jan_1832">42</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">15.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Puebla, am 15. Januar. Reise und Beschreibung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Puebla_den_15_Jan_1832">49</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">16.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 21. Januar. Hinreise und Ankunft</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_21_Jan_1832">57</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">17.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 23. Januar. Beschreibung; Nationalpallast;
+ Wohnung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_23_Jan_1832">61</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">18.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 29. Januar. Politik; Alameda; Theater;
+ Stiergefecht</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_29_Jan_1832">66</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">19.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 21. Februar. Sturz mit dem Pferde;
+ Pferderennen; Politik</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_21_Feb_1832">71</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">20.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 21. März. Kriegsvorfälle; General
+ Moctezuma</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_21_Mar_1832">75</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_x">[S. x]</span>
+ <div class="right">21.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 11. April. Der Paseo; Fahrt nach
+ Chapultepec und Tacubaya; Spielwuth; Aquaduct</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_11_Apr_1832">79</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">22.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 24. April. Heiße Bäder; Eingeborene
+ am See Tescuco; Osterfest; Bustamante</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_24_Apr_1832">83</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">23.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 31. Mai, nebst <span class="antiqua">P.S.</span> Abdankung der
+ Minister</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_31_Mai_1832">89</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="right"><em class="gesperrt">Beilage</em>:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ausflucht nach dem Eisenwerke <em class="gesperrt">Sitio</em>; Beschreibung
+ desselben und Rückfahrt; schwimmende Gärten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Beilage_Sitio">91</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">24.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Brief.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 17. Juni. Pfingstfest in St. Augustin;
+ Spielsucht; Hahnengefecht; Optische Täuschung; <span class="antiqua">bal
+ paré</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_17_Jun_1832">101</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">25.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Jalapa, am 25. Juni. Reizende Gegend; Waffenstillstand</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Jalapa_den_25_Jun_1832">106</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">26.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Jalapa, am 9. Juli. Politik; Conferenz in Puente;
+ Meierei; Spinnen-Staaten-Bund; Kathedrale; Theater</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Jalapa_den_9_Jul_1832">110</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">27.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Jalapa, am 24. Juli. Wiederanfang des Kriegs;
+ Mord eines Europäers in Vera-Cruz</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Jalapa_den_24_Jul_1832">113</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">28.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 13. August. Indianer; heidnischer Götzendienst
+ bei katholischen Processionen; Feuerwerke; Diebereien; Geburtstag
+ des Königs von Preußen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_13_Aug_1832">116</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">29.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 30. August. Merkwürdiger Vorfall im heißen
+ Bade; Politik; Einladung Pedrazas; Bustamante übernimmt das Commando;
+ Musquiz tritt an seine Stelle</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_30_Aug_1832">121</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">30.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 17. September. Fest der Unabhängigkeit;
+ Universitätsgebäude; Antiquitäten; (Karl Uhde)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_17_Sep_1832">124</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="right"><em class="gesperrt">Beilage</em>:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">aus der neuern Geschichte Mexico’s, Bravo,
+ Vittoria, Señora Rayon</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Einiges_aus_der_neueren_Geschichte_von_Mexico">129</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">31.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Brief.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 30. September. Sieg bei Gallinero;
+ Versuch der Gefangenen, sich zu befreien; Tod des Engländers Short;
+ Einkleidung einer Nonne; Struensee (Trauerspiel.) </div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_30_Sep_1832">136</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">32.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 4. October. Tour auf’s Land; Pulquebereitung;
+ Olivenbau; Einfluß europäischer Sitten; Butter; Bier; Wein</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_4_Oct_1832">139</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">33.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 12. October. Kriegsereignisse; Santa
+ Anna schlägt Facio, nimmt Puebla, unterhandelt mit der Regierung;
+ Alaman verläßt Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_12_Oct_1832">144</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_xi">[S. xi]</span>
+ <div class="right">34.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 5. November. Fernere Kriegsereignisse;
+ Mexico belagert; Folgen davon; Bustamante rückt heran;.Theurung;
+ Briefwechsel; <span class="antiqua">P. S.</span> vom 8. November;
+ Aufhebung der Belagerung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_5_Nov_1832">147</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">35.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 9. December. Stillstand in den Operationen;
+ Rückzug nach Puebla; Extrasteuern; Schlacht bei Puebla; Vereinigung
+ Santa Anna’s und Bustamante’s, zu Gunsten Pedraza’s; Unterhandlung
+ mit dem Congresse</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_9_Dec_1832">152</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">36.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 28. December. Protest des Congresses;
+ Garnison entscheidet für Pedraza; Ende der Noth; Pulvermühle in Santa
+ Fé; Clima; Steinernes Schiff in Gouadeloupe; Sulzers Tod</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_28_Dec_1832">157</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">37.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 9. Januar 1833. Einzug der vereinten
+ mexicanischen Armee; Hoffnungen der Fremden und des Landes; Pedraza;
+ Zavala; Roccafuerte; Toleranz</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_9_Jan_1833">162</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">38.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 7. Februar. Tour in den deutschen
+ Minendistrict; Schleidens Lage und Tod in Anganguco;
+ der Bergbau daselbst, und Rückweg nach Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_7_Feb_1833">168</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">39.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico, am 13. Februar. Pedraza; Mädchenschule;
+ Vorbereitung zur Abreise</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Mexico_den_13_Feb_1833">179</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">40.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vera-Cruz, am 3. März</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Vera_Cruz_den_3_Mar_1833">182</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">41.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">New-York, am 1. bis 9. April. Reise dahin; Clima;
+ Hafen; Zunahme des Verkehrs; Einwanderung; Bauart; Lebensweise; Damen;
+ Theater; Blutaristokratie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#New_York_den_1_bis_9_Apr_1833">184</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">42.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Am Bord <span class="antiqua">the Sully</span>, am
+ 30. April. Golphstrom; Hayfische</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Packetboots_Sully">195</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">43.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Paris, am 10. Mai. Havre; Auswanderung nach
+ Amerika etc.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Paris_am_10_Mai_1833">199</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="right"><em class="gesperrt">Anhang</em>:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Kurze Darstellung der politischen und administrativen
+ Maßregeln in Mexico, seit der Präsidentschaft Santa Anna’s, so wie der
+ gegenwärtigen Lage des Landes</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Anhang">203</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s4 padtop1" colspan="4">
+ <div class="center"><a href="#Zweite_Abtheilung"><b>II.</b> <em class="gesperrt">Abtheilung</em>:</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="4">
+ <div class="center"><a href="#Zweite_Abtheilung">mercantilische und statistische Notizen.</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">1.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Handel mit Mexico, Bordeaux, Havre, Hamburg und
+ Bremen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Handel_mit_Mexico">217</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_xii">[S. xii]</span>
+ <div class="right">2.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Ausfuhr.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Staat von Oaxaca; Cochenille</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ausfuhr_von_Mexico">221</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ausfuhrtabellen von 1758 bis 1832</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Cochenille">227</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Calculation des Werths in Bordeaux</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Calculation">229</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">aus Mexico im Allgemeinen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ausfuhr_von_Mexico_im_Allgemeinen">230</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Taback und Kaffee</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Tabak_und_Kaffee">232</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Preis des Kaffees bei freier Arbeit</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Berechnung_des_einstehenden_Preises_von_Kaffee_bei_freier_Arbeit">233</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Münzsorten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Muenz-Sorten">235</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">5.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Maaß und Gewicht</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Maas_und_Gewicht">236</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">6.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der mexikanische Tarif</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_mexicanische_Tarif">238</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">7.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Bergbau und Silbergewinnung</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Berg-Bau_und_Silber-Gewinnung">240</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left mleft1">Deutsch-Amerikanischer Bergwerks-Verein</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Deutsch_Amerikanischer_Bergwerksverein">242</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left mleft1">Ertrag und Ausfuhr im Allgemeinen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Ertrag_und_Ausfuhr_im_Allgemeinen">245</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left mleft1">Münze in Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Muenze_in_Mexico">246</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">8.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left"><span class="antiqua">Banco de Avio</span>
+ (Industrie-Belebungs-Bank)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Banco_de_Avio">247</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">9.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Eisenschmelzerei auf dem Sitio</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Die_Eisen-Schmelzerei">254</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">10.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Bevölkerung von Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Bevoelkerung_von_Mexico">255</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">11.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Der Staat von Vera-Cruz</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Der_Staat_von_Vera-Cruz">262</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">12.</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left">Finanz-Departement</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right"><a href="#Finanz-Departement">264</a></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="chapter">
+
+<h2 class="nobreak" id="Erste_Abtheilung">Erste Abtheilung.<br>
+<span class="s6 nobold">Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.</span></h2>
+
+</div>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_1">[S. 1]</span></p>
+
+<p>An * * *</p>
+
+<p class="s5 right mright2" id="Koeln_9_Oct_1831">Köln, am 9. October 1831.</p>
+
+<p class="p0"><span class="initial">D</span>u siehst aus der Ueberschrift, daß der Rubicon überschritten
+ist. Ich bin <em class="gesperrt">diesseits</em> des Rheins und kann jetzt nur noch
+<em class="gesperrt">vorwärts</em>. Stufenweise sollst Du stets etwas von mir hören, so
+wie ich in gleicher Weise Nachrichten von dir erwarte.</p>
+
+<p>So eben tritt Herr de B. zu mir ins Zimmer, um mir einen Besuch
+zu machen und zu sagen, daß er mit seiner kleinen Frau (der
+liebenswürdigen Mexikanerin — der ersten die wohl je den Rhein
+befahren — und die wir, wie Du weißt, vor einigen Monaten zwischen
+Mainz und hier auf dem Dampfboot trafen) auf der Rückkehr nach Mexico
+begriffen sei, und sich in Falmouth einschiffen wolle.&#8239;—</p>
+
+<p>Wie doch in unserer Zeit Alles mit Riesenschritten voranschreitet!
+Mexico, das noch vor 12 Jahren jeder andern Nation als der spanischen
+fast gänzlich verschlossene Land, steht jetzt mit der ganzen Welt in
+Verbindung und schließt davon nur (bis zu dereinstiger Anerkennung
+seiner Unabhängigkeit) das ehemalige Mutterland, Alt-Spanien selbst,
+aus. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Nordamerika
+haben eine regelmäßige monatliche Packetfahrt (England von Falmouth,
+Frankreich von Bordeaux und Nordamerika von New-York aus) nach
+Vera-Cruz in Gang gesetzt, und Deutschland unterhält einen sehr
+lebhaften Verkehr mit den mexicanischen Häfen, von Hamburg und Bremen
+aus.&#8239;—</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_2">[S. 2]</span></p>
+
+<p>Es fehlt also jetzt nicht mehr an passenden Reisegelegenheiten nach
+Mexico; ich aber habe, wie Du weißt, den Weg über Frankreich gewählt,
+und reise morgen mit dem Frühesten über Aachen gen Bordeaux. — S...,
+der gleichzeitig mit mir von E... abgereist ist, geht über England, wir
+werden nun sehen, wer von uns zuerst das Ziel erreicht.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Paris_23_Oct_1831">Paris, 23. October
+1831.</p>
+
+<p>Meine Reise vom Rhein hierher war eine ganz angenehme, und die
+Behandlung an der belgischen und französischen Douane der Art, daß
+sie mir meine gute Laune nicht verdarb. — Paris selbst fand ich denn
+noch immer das alte <em class="gesperrt">Sodom</em> und <em class="gesperrt">Gomorrha</em>; und stets noch
+dasselbe ungeheure Getriebe in den Straßen und an öffentlichen Orten!
+Doch ist die Stadt in manchen Theilen und auf den Boulevards, seit ich
+zuletzt hier war, sehr verschönert worden. — Es giebt übrigens auch
+fast keine große Stadt in Europa, wo nicht seit dem allgemeinen Frieden
+theils das Innere, theils die Umgebung erheitert und verschönert worden
+wäre! Der beste Beweis, daß den Völkern ein <em class="gesperrt">friedlicher</em> Zustand
+der Dinge mehr zusagt und besser bekommt, als selbst der erfolgreichste
+<em class="gesperrt">Krieg</em>, — und dennoch (wer sollte es glauben?) giebt es hier
+noch eine Menge Unsinniger, die diesen herbei wünschen! — Ich aber
+sage: der Himmel erhalte uns den <em class="gesperrt">Frieden</em>!</p>
+
+<p>Durch die dir bekannte Gefälligkeit unseres Freundes R. war ich
+im Stande manches schneller abzumachen, als ich ohne ihn gekonnt;
+dennoch habe ich, da es mir auch hier an Geschäften nicht fehlte, gar
+vieles ungesehen lassen müssen. Nach der Oper bin ich indessen doch
+einmal gekommen, und sah dort zufällig ein seltenes Schauspiel, die
+beiden <em class="gesperrt">Ex-Souveräne</em> nämlich, den Dei von Algier und Don Pedro
+von Brasilien, <span class="pagenum" id="Page_3">[S. 3]</span>in anstoßenden Logen! Letzterer ist ein hübscher,
+stattlicher Mann, mit offener, intelligenter Physiognomie; er erschien
+in modischer Civil-Kleidung, und sein ganzes Wesen bildete einen
+schneidenden Contrast mit den maurischen Zügen des alten graubärtigen
+Deis, dessen mit Brillen bewaffnete Augen mit sultanischem Wohlgefallen
+auf den Pariser Opern-Tänzerinnen zu ruhen schienen. — Des Deis
+Bruder, gleich ihm in türkischer Tracht und Turban, aber während
+der ganzen Vorstellung hinter ihm <em class="gesperrt">stehend</em>, ist ein schöner,
+noch junger Mann. — Der dritte Exsouverain der neuesten Zeit, Carl
+X., war an <em class="gesperrt">diesem</em> Abend nicht in der Oper!&#8239;—</p>
+
+<p>Von unserm würdigen Gesandten, Herrn v. Werther, bin ich sehr gut
+aufgenommen worden, und auch in merkantilischer Hinsicht habe ich
+Ursache, mit meinem Pariser Aufenthalt zufrieden zu seyn; besonders
+erfreut aber hat mich die Stunde, welche Herr v. Humboldt mir zu
+widmen die Güte hatte, und in welcher ich, wie bei ihm stets der Fall,
+sehr viel Interessantes vernommen habe. — Mit unermüdeter, fast
+beispielloser Geistesthätigkeit hat er in diesem Augenblick, trotz
+seiner diplomatischen Verrichtungen, wieder Mehreres herausgegeben,
+sowohl über seine Reise nach Asien, als auch über die merkantilische
+Statistik von Cuba; von letzterem Werk hat er mir ein Exemplar verehrt,
+was mich auf der Reise belehrend unterhalten wird. — Auch hat er mich
+mit Empfehlungs-Schreiben für Mexico versehen, und unter besseren
+Auspicien, als denen <em class="gesperrt">seines Namens</em>, kann ich in jenem Lande
+nicht auftreten!</p>
+
+<p>Ich reise nun heute Abend noch, in Gesellschaft des General-Lieutenants
+v. P., nach Bordeaux, und schreibe dir von dort aus wieder. — Lebe
+wohl!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_4">[S. 4]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Bordeaux_23_Oct_1831">Bordeaux, am 2.
+November 1831.</p>
+
+<p>Auch bis hier war meine Reise eine glückliche und angenehme. Der Weg
+von Paris hierher ist weit schöner, als jener von Belgiens Gränze nach
+der Hauptstadt, und man muß sich auf letztern nicht beschränken, wenn
+man <span class="antiqua">la belle France</span> sehen will. Die Ufer der Loire gewähren,
+namentlich bei Blois und Tours, einen sehr reizenden Anblick; ersteres
+erinnerte mich lebhaft an einige Punkte unseres schönen Neckars, in der
+Nähe von Heidelberg. — Die Stadt Poitiers, auf einer gleichsam einzeln
+empor ragenden, steilen Anhöhe erbaut, hat eine höchst romantische,
+jedoch kalte Lage. — Der Anblick von Bordeaux aber, bei der Einfahrt
+über die Garonne, ist wahrhaft prachtvoll zu nennen. Stadt, Hafen und
+Quai haben etwas sehr Imposantes, und die erst seit kurzem vollendete,
+steinerne Brücke über die Garonne, durch ihre Länge und Bauart in den
+ersten Rang ähnlicher Werke gehörend, ist ein wahres Meisterstück der
+Wasserbaukunst. In hohem Grade reizend ist die Ansicht, welche man von
+dem Quai aus nach dem jenseitigen Ufer hat, besonders bei dem noch
+immer, jedoch auch hier für diese Jahrszeit ausnahmsweise, schönen,
+heiteren und milden Wetter.</p>
+
+<p>Meine Freunde hier, die mich mit der zuvorkommendsten Güte empfangen
+haben, bedauerten, daß ich nicht in Zeiten für das zuletzt von hier
+nach Mexico gesegelte Packetboot gekommen, weil es das schönste und
+bequemste sei, was in dieser Fahrt ist; ich bin jedoch mit dem, worauf
+ich mich einschiffen werde und welches ich so eben gesehen habe,
+vollkommen zufrieden. Es heißt l’Esteva, und wird von Capitain Beck,
+einem, wie es heißt, sehr geschickten Seemann, befehligt.</p>
+
+<p>Da ich mich in den letzten Tagen nicht ganz wohl befand, so habe ich
+mir einen gewandten, schon öfter zur See gereisten Bedienten engagirt,
+und fahre nun morgen <span class="pagenum" id="Page_5">[S. 5]</span>den Fluß hinunter, von wo aus wir mit dem ersten
+guten Winde unter Segel gehen werden.</p>
+
+<p>Mit dem Lootsen, der an der Mündung des Flusses das Schiff verläßt,
+sage ich Dir dann noch ein letztes Lebewohl von Europa aus! — Bis
+dahin Adieu!</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_10_Nov_1831">Am
+Bord des Esteva, den 10. Novbr. 1831, in der Gironde.</p>
+
+<p>Als ich Dir zuletzt von Bordeaux aus schrieb, glaubte ich nicht Dir
+<em class="gesperrt">heute</em> noch von diesseits des Meeres schreiben zu können!
+Indessen — der Mensch denkt’s, und Gott lenkt’s! Kaum waren wir
+nämlich in Paulliac, einem kleinen Fischerort 6 Lieues abwärts von
+Bordeaux, angelangt, als der gänzlich contrair gewordene Wind uns
+nöthigte, vor Anker zu gehen, und ich mußte mich nun leider, — nachdem
+ich meinen Aufenthalt in Paris mehr als mir lieb war verkürzt hatte,
+um ja nicht zu spät für’s Packet nach Bordeaux zu kommen, und diesen
+letztern Ort verließ, ehe ich noch wieder ganz hergestellt war, — acht
+Tage in einem unbedeutenden Fischernest langweilen! Indessen, so wie
+alles sein Ende erreicht, so gestatteten uns denn auch endlich Wind und
+Wetter gestern Abend an Bord zu gehen, und machen jetzt so gute Miene,
+daß wir Hoffnung hegen dürfen, eine schnelle Fahrt aus dem biscayischen
+Meerbusen zu haben, was in dieser Jahreszeit häufig der beschwerlichste
+und gefahrvollste Theil der Reise ist. Das, einige Wochen vor uns
+gesegelte, schöne Packetboot, von dem ich Dir in meinem letzten sagte,
+hat dies erfahren; es mußte, wie wir noch vor unserer Abreise von
+Paulliac vernahmen, durch heftige Stürme und bedeutende Beschädigung
+gezwungen, in den Hafen von <em class="gesperrt">Brest</em> einlaufen, um zu repariren,
+und da dies viel Zeit erfordern wird, so <span class="pagenum" id="Page_6">[S. 6]</span>sind die meisten der 72!!!
+Passagiere, die sich am Bord befanden, nach Bordeaux zurückgekehrt,
+um andere Reise-Gelegenheit zu suchen! — Welch ein Glück also, daß
+ich nicht der 73ste Passagier geworden bin; — und doch beklagte ich
+dies noch vor kurzem und meine Bordeauxer Freunde mit mir! So weiß der
+kurzsichtige Mensch nie was ihn frommt! — Ich fühle mich nun am Bord
+unseres Schiffchens in recht behaglicher Stimmung und bin bereits ganz
+einheimisch geworden. Meine Cajüte ist klein, aber bequem, und geräumig
+genug, um darin lesen und schreiben zu können.</p>
+
+<p>Die Cajüten auf diesem Schiffe sind nicht, wie in der Regel üblich, im
+untern Raum, sondern auf dem Verdeck angebracht, was, da hierdurch ein
+freier Luftzug bewirkt wird, für Reisen nach heißen Zonen sehr passend
+ist; für jene nach nördlichen Ländern dürften jedoch die Cajüten
+unter Deck vorzuziehen seyn. Wir sind in Allem neunzehn Passagiere,
+worunter mehrere Damen; eine Wittwe mit zwei liebenswürdigen schon
+erwachsenen Töchtern, welche versuchen will, die ihr in Europa untreu
+gewordene Göttinn Fortuna in Mexico wieder zu erhaschen; sodann eine
+verheirathete Dame, eine Genferin, die mit ihren beiden, allerliebsten
+kleinen Mädchen von 11 und 13 Jahren zu ihrem bereits in Mexico
+etablirten Gatten reist. — Unser Capitain ist ein noch junger,
+einnehmender und gebildeter Mann; es bedarf mithin zu einer angenehmen
+Reise nur eines günstigen Windes, und dieser scheint sich, wie schon
+gesagt, einstellen zu wollen. — Haben wir nun eine schnelle Fahrt nach
+Westindien, so darfst Du schon in ein paar Monaten Nachrichten von mir
+erwarten, indem es mir wohl gelingen wird, dort auf einer der Inseln
+Briefe nach Europa zur Post zu geben; bis dahin mußt Du Dich aber
+gedulden, und mit mir hoffen, daß wir gegenseitig nicht allzulange ohne
+Kunde von einander bleiben.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span></p>
+
+<p>Diese Zeilen sind denn wirklich die letzten, die ich Dir aus diesem
+Welttheil schreibe; ich gebe sie dem Lootsen mit, der uns in einer
+halben Stunde verläßt!</p>
+
+<p>Lebe wohl, recht wohl; ich umarme Dich und die Kinder.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_17_Nov_1831">Am
+Bord des Esteva, den 17. Novbr. 1831.</p>
+
+<p>Wir sind auf der Höhe der Azoren und mithin über die Gränzen Europas
+hinaus. — Der Unterschied der Temperatur ist auch schon merklich
+fühlbar, aber höchst angenehm; denn ohne daß wir von Hitze litten,
+haben wir z.&#8239;B. grade heute am 17. Novbr. die Luftwärme eines schönen,
+nicht zu heißen Sommertages am Rhein, und gerne tränken wir daher den
+Caffee im Garten, wenn nur einer zur Hand wäre! Das könnte nun zwar
+morgen oder übermorgen der Fall werden, wo wir Madeira zu erreichen
+hoffen, und ich habe daher auch wohl schon gewünscht, daß wir an etwas
+Mangel leiden möchten, was uns nöthigte, auf jener paradiesischen Insel
+zu landen; aber wir sind leider (?) zu gut mit Allem versehen, um
+deshalb irgendwo einlaufen zu müssen. Wir werden mithin Madeira blos
+vorbeisegeln, und höchstens die Umrisse der blauen Berge am Horizont
+bewundern können, mit dem Lande aber warten müssen, bis wir nach
+Westindien kommen.</p>
+
+<p>Es ist übrigens doch eine ziemlich ennüyante Parthie um eine längere
+Seereise, besonders für einen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten,
+Geschäftsmann! — Sind auch die Reisen zu Lande häufig ermüdender und
+beschwerlicher, als die zur See, so kömmt man dagegen auf erstern doch
+auch hin und wieder an Punkte, wo man sich geistig und körperlich
+erfrischen und erholen kann; aber auf dem Meer gleicht ein Tag dem
+andern, man ißt und trinkt und schläft und staunt Himmel und Wasser an.
+Nur Sturm und schlechtes Wetter <span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span>bringen eine Abwechselung hervor; doch
+eine solche wünscht man sich eben nicht.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_24_Nov">Am 24. November.</p>
+
+<p>Es gibt doch in der That nichts Unsichereres und Trügerischeres als
+Wasser, Wind und Wetter! — So glaubten wir z.&#8239;B. mit Zuversicht,
+ehegestern, im 31sten Grad der Breite, die für die Fahrt nach
+Westindien so günstigen Passatwinde zu erhaschen, als uns auf einmal
+ein Sturm aus Südwesten zu fassen kriegte, das Schiff aus seinem
+Cours heraus nach der afrikanischen Küste trieb, und uns namentlich
+gestern Nacht mit vielem Unheil bedrohte; “denn die Elemente hassen
+das Gebild von Menschenhand.” — Es war ein erhabenes, aber auch
+zugleich furchtbares Schauspiel, dieser 24stündige Riesenkampf mit den
+empörten Elementen, gegen welche die Kraft des Menschen nichts, seine
+Gewandtheit dagegen oft alles vermag! Diese sollte denn auch diesmal
+siegen, und wir blieben Gottlob unversehrt.</p>
+
+<p>Unbeschreiblich groß und schön war der Anblick der sich auf allen
+Seiten um uns her aufthürmenden, tobenden Wassermassen; aber so, und
+von diesem Standpunkt aus, wünsche ich Aehnliches doch nicht wieder zu
+sehen! Heute hat sich nun alles wieder zum Guten gewendet, das Wetter
+ist schön und der Wind passabel günstig; nur sind wir leider weit
+südlicher gekommen, als wir sollten, und müssen jetzt viel verlornen
+Weg nachholen.</p>
+
+<p>Wenn ich Dir übrigens eben von der <em class="gesperrt">afrikanischen</em> Küste sprach,
+so mußt Du nicht glauben, daß wir dort von übergroßer Hitze gelitten
+hätten; im Gegentheil, Luft und Winde waren kalt, und man konnte und
+kann noch Ueberrock und Mantel vertragen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_2_Dec">Am 2. December.</p>
+
+<p>Gestern passirten wir die tropische Linie des Krebses, und es ist doch
+nun endlich so heiß geworden, daß ich zu der Sommerkleidung meine
+Zuflucht nehmen mußte. Unter dem Aequator mag freilich die Hitze noch
+größer seyn, als hier unter dem Wendekreis. Bei dem Durchgang des einen
+sowohl wie des andern ist es übrigens, wie Du wissen wirst, allgemeine
+Sitte der Matrosen, jeden Reisenden, der die Fahrt zum erstenmale
+macht, einer sogenannten Taufe zu unterwerfen. Diese Ceremonie, welche
+zur großen Belustigung des jüngeren Theils der Passagiere heute
+stattfand, will ich Dir nunmehr, wenn auch nur um <em class="gesperrt">der Kleinen</em>
+willen, wenigstens in großen Zügen beschreiben; es wird sie jedenfalls
+amüsiren.</p>
+
+<p>Als wir nämlich gestern bei Tische saßen, und eben die tropische Linie
+durch waren, hörten wir aus den obersten Segeln den Himmelsfürsten
+<em class="gesperrt">Tropique</em> mit lauter und rauher Stimme uns begrüßen, und gleich
+darauf kam ein mit der Peitsche knallender Courier, auf einem recht
+scheußlichen Seepferd (ein Matrose auf dem Rücken eines andern) in die
+Cajüte geritten, und brachte von dem besagten Prinzen Tropique ein
+Schreiben an den Capitain, worin er ihn in seiner Zone willkommen hieß,
+und guten Wind versprach, wenn er ihm die noch nicht hier gewesenen
+Passagiere morgen zur Taufe ausliefern wolle. Auf das Versprechen, dies
+zu thun, kam nun heute der uralte Himmelsfürst mit seiner jungen Frau,
+in Begleitung von Neptun und mehreren Dämonen der Unter- und Oberwelt,
+unter lautem Getöse angezogen, um bei der Taufe zu präsidiren.</p>
+
+<p>Das Personal dieser grotesken Maskerade und der Gens-d’armerie, welche
+bekanntlich bei keinem französischen Spektakelstück fehlen darf, nebst
+dem Seepferd und Priester und Meßner, wurden natürlich durch theils
+verkleidete, theils entkleidete <span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span>Matrosen dargestellt, welche letztere
+sich mit Theer bestrichen und mit Federn und Werg beklebt hatten, um
+ihren über- und unterirdischen Rollen gebührend zu entsprechen.</p>
+
+<p>Die Feier der Taufe selbst ward nun in einer aus Flaggen und Segeltuch
+zierlich errichteten Capelle, durch Priester und Meßner, auf eine
+bizarre, mitunter ganz belustigende Weise, an allen Passagieren
+vorgenommen, von denen sich keine besser dabei benahmen, als die schon
+erwähnten, niedlichen Genfer Mädchen von 11 und 13 Jahren.</p>
+
+<p>Die meiste Belustigung erregte einer der Dämonen, (ein nackter mit
+Theer beschmierter und in bunte Federn gerollter Matrose) der beständig
+um die Capelle herum sprang und hineinzudringen suchte, um die Taufe zu
+stören, dabei aber von dem Wache stehenden Neptun mit dem Dreizack oft
+sehr derbe und fühlbar zurückgejagt ward.</p>
+
+<p>Nach beendigter Tauf-Ceremonie trat der, bei 28° Hitze über die große
+<em class="gesperrt">Kälte</em> hienieden klagende Fürst Tropique, mit Taufgeschenken
+gehörig versehen, die Rückreise nach den höheren Regionen an. Die
+Capelle ward von den Matrosen demolirt, und der Spaß, welcher das
+Monotone einer Seefahrt, während eines halben Tages ganz angenehm
+unterbrach, hatte ein Ende.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_10_Dec">Am 10. December.</p>
+
+<p>Wir begegnen jetzt täglich schwimmenden Massen von Seegras, die
+schon dem <em class="gesperrt">Columbus</em> eine willkommene Andeutung der Nähe des
+Landes waren, und hoffen, in wenigen Tagen <em class="gesperrt">Hayti</em> zu erspähen.
+— Herzlich will ich mich des erquickenden Anblicks erfreuen, denn
+man wird es nachgerade müde, nichts als Himmel und Wasser zu sehen.
+Wenn mich indessen auch die Langeweile dann und wann etwas plagt, so
+<span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span>befinde ich mich doch in jeder andern Hinsicht ganz wohl, und damit
+Du siehst, daß mir am Bord des Esteva an materiellen Bedürfnissen
+nichts abgeht, will ich Dir eine Beschreibung unserer Tages-Eintheilung
+geben, um so mehr als es ohnehin unverzeihlich seyn würde, einer braven
+Hausfrau gar nichts von Küche und Keller zu erzählen, die doch im Leben
+(zu Land wie zu Wasser) eine so wesentliche Rolle spielen. So höre
+denn. Bei der hier stattfindenden Tag-und Nacht-Gleiche, (Abends um 6
+wird’s dunkel, Morgens um 6 geht die Sonne auf) bekommt man gegen 7
+Uhr Morgens, nach Verlangen: Thee, Caffee oder Chocolade, — versteht
+sich alles ohne Milch. Um 9 Uhr wird ein Gabelfrühstück aufgetragen,
+bestehend aus einer Tasse Bouillon, Eierkuchen, Coteletten, Schinken
+u. dergl., nebst Erdäpfeln und sonst einem Gemüse, wobei denn jeder
+so viel Wein, oder Wein und Wasser trinkt, als ihm beliebt. Um 1 Uhr
+wird dem etwa Hungrigen ein Imbiß, nebst einem Glas Bouteillenbier,
+gereicht; um 4 Uhr speist man zu Mittag und es werden dabei folgende
+Gerichte aufgetragen: gute Bouillon mit Reis oder Nudeln, Rind- oder
+Kalbfleisch, auch wohl Hammelbraten; sodann, und zwar täglich, gekochte
+oder gebratene Hühner, zur Abwechslung auch Enten oder Kalkuten;
+Gemüse jeder Art, und zweimal in der Woche Torten und kleine Pasteten;
+schließlich Butter und Käse, etwas Dessert, Caffee und Liqueur; und
+dabei rother Wein nach Lust und Belieben. — Zum Beschluß des Tages
+endlich wird jedem, der es wünscht, am Abend ein Glas Wein, Wasser und
+Zucker, Himbeersaft oder dergl. gereicht, und Du wirst somit gestehen,
+daß man sich am Bord des Esteva wenigstens über die Kost nicht zu
+beklagen hat, und daß sie jener auf den englischen Packetbooten, die
+Du ja aus früherer Erfahrung kennst, vorzuziehen ist; was <em class="gesperrt">Dir</em>
+insbesondere aber noch mehr als Vorzug erscheinen würde, ist der
+Umstand, daß <span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span>man aus den französischen Packeten nur Holz und keine
+Steinkohlen brennt, deren Geruch und Dampf die Neigung zur Seekrankheit
+so leicht erregt, und Dir oft so unangenehm war.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_14_Dec">Am 14. December.</p>
+
+<p>Endlich! und zwar in genauer Uebereinstimmung mit der Berechnung
+unseres sachkundigen Capitains, sahen wir gestern Mittag Punkt 1 Uhr
+das Cap Samana auf <em class="gesperrt">Hayti</em>. Wir genossen bis spät in die schöne,
+warme, mondhelle Nacht das herrlichste Schauspiel, indem wir uns den
+malerisch schönen Ufern dieser prachtvollen Insel immer mehr näherten,
+deren gebirgiger Umriß sich am reinen Firmament in erhabener und
+mannichfaltiger Gestaltung erhob.</p>
+
+<p>Heute war ich mit Sonnenaufgang wieder auf dem Verdeck, um mich
+auf’s Neue an dem schönen, so lang entbehrten Anblick des Landes zu
+laben; wir sind nunmehr dem Ufer so nahe, daß wir Alles deutlich
+unterscheiden, und unsere Augen weiden können an den üppig bewachsenen
+Bergen, den schönen grünen Hügeln und den am Fuß derselben gelegenen,
+freundlichen Dörfern und Pflanzungen. — Einzelne Berggruppen
+erinnerten mich lebhaft an unser schönes Siebengebirge bei Bonn, nur
+mit dem Unterschied, daß die hiesigen Gruppen nun schon 30 deutsche
+Meilen lang anhalten und noch nicht zu Ende sind.</p>
+
+<p>Diese Augenweide, der balsamische Landgeruch, den uns ein leichter
+Zephyr von der so nahen Küste herüber weht, und die über alle
+Beschreibung schönen, nur unter einem tropischen Himmel zu erlebenden,
+warmen, mondhellen Nächte, haben einen Eindruck auf mich gemacht,
+der sich wohl nur mit dem Leben verwischen wird. Wahrlich, hier wird
+es einem nicht schwer, das Entzücken zu begreifen, welches Columbus
+empfinden mußte, als er sein gefahrvolles und rastloses Streben
+durch <span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>die Entdeckung dieser schönen Insel belohnt sah. Es war aber
+gerade in derselben Bucht, in welcher ich morgen den Fuß ans Land zu
+setzen hoffe, wo Columbus zuerst auf Hayti landete. Diese Bucht, die
+er den Hafen von <em class="gesperrt">St. Nicolas</em> nannte, gehört zu den wenigen
+Orten, welche bis auf diesen Tag den Namen tragen, den er ihnen bei
+der Entdeckung beilegte. — Wir aber sollen daselbst Frankreichs
+Correspondenz mit Westindien abliefern, und da mir der Capitain
+erlaubt hat, mit den Depeschen ans Land zu gehen, so benutze ich
+diese Gelegenheit, um Dir das bisher für Dich Niedergeschriebene via
+Nordamerika zuzusenden, und Dir Nachrichten von mir zu geben, welche Du
+auf diese Weise um einige Monate früher erhältst, als wenn ich damit
+bis zu unserer Ankunft in Vera-Cruz warten wollte! Wir haben noch einen
+weiten Weg dahin, und wer weiß, was uns auf demselben noch bevorsteht!
+Ich falte daher alles Fertige zusammen, und gebe es morgen in St.
+Nicolas zur Post.</p>
+
+<p>Leb wohl, tausendmal wohl!</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p class="s3 center" id="Zwei_Stunden_auf_Hayti"><b>Zwei Stunden auf
+Hayti.</b></p>
+
+</div>
+
+<p>Am 15. December 1831, Morgens 9 Uhr, erreichten wir den Hafen der
+Insel Hayti, <span class="antiqua">St. Nicholas au mole</span> genannt. Der Lieutenant und
+ich gingen ans Land, um Briefe und Depeschen für Portauprince dort
+abzugeben; und so war ich denn endlich auf der Insel, mit welcher ich
+früher in so enger Verbindung gestanden, und konnte Manches von dem in
+der Nähe sehen, was mir freilich schon oft von Augenzeugen geschildert
+worden war. Die Scene war originell in hohem Grade; ich will versuchen
+ein Bild davon zu entwerfen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span></p>
+
+<p>Als wir mit dem Boot in die Bucht ruderten, gewahrten wir auf beiden
+Seiten Batterien, welche den Eingang vertheidigen, und bei Ansicht
+der französischen Flagge, die wir führten, die haytische, blau und
+roth in parallelen Streifen, aufzogen. Wir wollten in der Nähe des
+Regierungs-Gebäudes landen, wurden aber von zwei Soldaten und einem
+Offizier, die man uns entgegen sandte, bedeutet, daß wir tiefer in
+den Hafen fahren und an der Douane landen müßten. Der Anblick von
+schwarzen Männern, in europäischer Uniform von Tuch, blau und roth mit
+weißen ledernen Bandeliers, schlechten Flinten und Säbeln, Tschako’s,
+Pantalons <span class="antiqua">ad libitum</span> und nackten Füßen, erschien mir, ich gestehe es,
+eigen und komisch genug. Zur Ehre des haytischen Militairs sei jedoch
+hier gesagt, daß der Offizier nicht barfuß ging, sondern Schuhe an den
+Füßen und einen großen dreieckigen Sturmhut mit Cokarde auf dem Kopfe
+trug.</p>
+
+<p>Der erhaltenen Weisung gemäß, stiegen wir bei der Douane ans Land; auch
+hier waren die Menschen, welche wir zu Gesicht bekamen, schwarz und mit
+stark afrikanischen Zügen bezeichnet; sie haben nämlich platte, breite
+Nasen, hohe Backenknochen und dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne der
+jüngeren Personen sind weiß, ohne blendend weiß zu seyn, und mehr stark
+als schön.</p>
+
+<p>Der Director an der Douane war ein junger, sowohl von Wuchs wie von
+Gesichtszügen schöner Mann, und würde gewiß bei unsern Damen, trotz
+seiner schwarzen Farbe, Glück gemacht haben. Er sprach ein angenehmes
+und richtiges Französisch und schien unterrichtet; meine Fragen in
+Betreff der Bevölkerung des Städtchens, das er mit Wohlgefälligkeit
+eine <em class="gesperrt">Stadt</em> nannte, beantwortete er mir ausweichend;
+wahrscheinlich um nicht in Widerspruch mit seiner Benennung des Orts zu
+gerathen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span></p>
+
+<p>Der Postsecretair, dem wir unsere Briefe und Depeschen gegen eine
+Bescheinigung zu übergeben hatten, war ein Mulatte und sprach und
+schrieb gut französisch; der Obrist, der auf geschehene Meldung uns
+auf der Hauptwache besuchte, war ein Neger, zwar wie es schien, noch
+jung, aber ohne körperliche Energie; er klagte über zu große Hitze
+(es war der 15. Decbr.) und ich konnte ihm nur Recht geben, denn ich
+litt selbst davon. Dies gab Gelegenheit von der natürlich noch weit
+größeren Hitze des Sommers und ihren Wirkungen zu sprechen; der Obrist
+schilderte sie als extrem und versicherte, daß nicht allein an der
+Küste, sondern auch im Innern des Landes, die Sommerhitze hinraffende
+Climafieber erzeuge, und daß alsdann die Eingebornen, eben so wenig wie
+Ausländer, sich ungestraft der Sonne zu sehr aussetzen dürften; jetzt,
+wo die Sonnenstrahlen die Insel nur in schiefer Richtung berührten,
+ginge es noch an, aber im Sommer, wo sie senkrecht fielen, sei die
+Hitze oft unerträglich.</p>
+
+<p>Das Französische des Herrn Obristen war nicht das reinste, und er
+schien sich besser auf sein Creolisch, (ein corruptes Französisch,
+welches sich auf den Inseln nach und nach zu einem förmlichen Patois
+gebildet hat, und von den Einwohnern allgemein gesprochen wird,)
+zu verstehen. Von den europäischen Angelegenheiten war er nicht
+ununterrichtet, bedauerte die Polen, <span class="antiqua">qui avaient si bien assisté
+la France autrefois</span>, und fällte ein richtiges Urtheil über die
+belgischen Angelegenheiten: <span class="antiqua">ce pays n’ayant maintenant plus la même
+importance qu’auparavant</span> u.&#8239;s.&#8239;w. — Im Ganzen genommen machte
+jedoch die Unterhaltung mit dem Obristen nicht den angenehmen Eindruck
+auf mich, wie jene mit dem Director der Douane.</p>
+
+<p>Der General, der Anfangs auch auf die Hauptsache zu uns kommen wollte,
+ließ der großen Hitze wegen absagen, <span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span>was ich bedauerte, da ich ihn
+gern gesprochen hätte; wären wir, des für die Hauptreise günstigen
+Windes wegen, nicht so sehr eilig gewesen, so würde ich dem General
+meine Aufwartung gemacht haben. Bei Gelegenheit der Meldung vom General
+ermangelte der Herr Obrist nicht seine Autorität dadurch kund zu thun,
+daß er der Ordonnanz in meiner Gegenwart einen derben Verweis, wegen
+des Tragens eines Kopftuchs unter dem Tschako, ertheilte.</p>
+
+<p>Da wir etwas Erfrischung für das Schiff mitzunehmen beabsichtigten, so
+frugen wir den Obrist, ob und wo diese wohl in der Stadt zu haben wäre,
+worauf er uns erwiderte, daß wenn man uns früher heransegeln gesehen
+hätte, ohne Zweifel und wie üblich, alle Arten von Erfrischungen aus
+der Nachbarschaft vom Lande herbeigebracht worden wären; so aber sei
+es zweifelhaft, ob wir fänden, was wir suchten; er wolle jedoch den
+Capitain mit uns schicken, um uns die Wohnung des Schlächters u.&#8239;s.&#8239;w.
+zu zeigen! Dieß gibt den Maßstab des Verhältnisses zwischen Militair
+und Bürgern auf Hayti! Der Capitain übernahm den Auftrag sehr gern; wir
+fanden bei dem Schlächter, dem einzigen des Orts, frisches Rindfleisch,
+und kauften dessen ein gutes Viertheil.</p>
+
+<p>Die recht hübsche, junge und muntere Frau des Schlächters hatte ein
+drei Wochen altes Kind im Schooße liegen, welches, mit Ausnahme des
+Kopfes, mir viel kleiner schien, als Kinder gleichen Alters bei uns;
+ich hatte nachher Gelegenheit diese Bemerkungen an mehreren neugebornen
+Kindern, die man den Kommenden und Gehenden in den überall offenen
+Wohnungen nirgends verbirgt, zu machen; wenn sodann diese Kinder
+heranwachsen, so haben sie bis zum 14ten oder 15ten Jahre einen sehr
+dicken, hervorstehenden Leib und sehr dünne Beine, auf welchen sie
+indessen ganz lustig einherhüpfen, und weder <span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span>ihren nackten Körper
+durch Bekleidung oder Kopfbedeckung gegen die Sonne, noch ihre bloßen
+Füße gegen den brennenden Boden zu schützen versuchen.</p>
+
+<p>Es schien dem oberwähnten Herrn Obristen zu gefallen, daß ich einen
+solchen kleinen, nackten Homunculus zu mir rief, auf den Schooß nahm,
+ihn um seinen Namen befragte und liebkos’te; es ging mir aber ganz
+von Herzen, denn das schwarze Kind lächelte mich so freundlich an mit
+seinen milchweißen Augen und elfenbeinernen Zähnen, daß ich mich sehr
+zu ihm hingezogen fühlte.</p>
+
+<p>Ich sah nachher noch viele, recht hübsche Kinder, beiderlei
+Geschlechts, worunter mir besonders ein Knabe von etwa 13 Jahren, für
+dieses Alter recht groß und stark, durch sein intelligentes, offenes
+Gesicht, gefiel. Er war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, bereits
+in einer Erziehungsanstalt in Portauprince gewesen, und sollte zur
+Vollendung seiner Studien wieder dahin zurück. Wäre ich auf der
+Rückreise nach Europa gewesen, ich hätte darauf angetragen, ihn mir
+dahin mitzugeben, und der Vater würde wahrscheinlich darauf eingegangen
+seyn, denn er legte großen Werth auf die Erziehung seiner Kinder. Daß
+dieser Jüngling und seine sechs Geschwister, bis auf die jüngsten von
+wenigen Jahren, die bloß ein schneeweißes Hemd übergeworfen hatten,
+sehr ordentlich gekleidet gingen, versteht sich von selbst.</p>
+
+<p>Der Vater, der wie alle Einwohner, die es vermögen, eine Boutique
+hielt, ein noch junger Mann, erzählte mit Wohlgefallen, daß er sieben
+Kinder habe, die denn auch alle um uns herumstanden, aber seine Frau,
+die vor uns saß, zeigte auf ihren hochschwangern Leib und fügte
+hinzu: <span class="antiqua">et voici le huitième</span>. Da Mann und Frau nicht von einer
+Gesichtsfarbe waren, er schwarz und sie dunkelbraun, so fand ein großer
+Unterschied <span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span>unter den Kindern statt; sie waren theils mulatten-,
+theils negerartig.</p>
+
+<p>Man kann überhaupt keine mannichfaltigere Abstufung der Gesichtsfarben
+sehen, als auf Hayti. Mulatten, die fast weiß sind, braun und
+olivenfarb in allen Nüancen, und ganz schwarz. Diese letztere Hautfarbe
+gefällt mir nach der weißen am besten, und erscheint dem Auge am
+reinlichsten. Nicht minder als die Hautfarbe, weichen die Gesichtszüge
+von einander ab, und man erkennt deutlich die große Verschiedenheit
+der afrikanischen Völkerschaften, welche die frühere Sclaveneinfuhr
+auf diese Insel verpflanzt hat. Der Schnurrbart, den die Militärs, wie
+es scheint, gern tragen, steht einigen schwarzen Gesichtern gar nicht
+übel, andern desto schlechter. Den älteren Leuten ergrauen wie bei
+uns Haupt- und Barthaare, was gegen die schwarze Hautfarbe unangenehm
+absticht.</p>
+
+<p>Unter den Weibern sah ich mehrere hübsche Figuren. Alle <em class="gesperrt">jüngeren</em>
+haben einen vollen Busen; bei den <em class="gesperrt">älteren</em> ist das Gegentheil
+der Fall, und diese scheinen überhaupt sehr häßlich zu werden. Die
+Haltung des Körpers bei den jüngeren Weibern ist sehr gerade, und
+hat in dieser Hinsicht einige Grazie; desto mehr fehlt ihnen diese
+im Anzug, den sie trotz ihrer Putzsucht äußerst nachlässig um den
+Körper hängen haben, so daß die Schultern entblößt sind, ungefähr wie
+heutigen Tages bei unsern jungen Schönen auf den Bällen, beides wohl
+Folge der allzu großen Hitze, zu welcher sich, freilich nur auf Hayti,
+die einfachere Bekleidung unserer Mutter Eva (versteht sich nach der
+Apfel-Katastrophe) weit besser passen würde, als die <span class="antiqua">robes</span> von
+englischen, gedruckten Callicos oder weißen Musselinen! Die Kopftücher,
+die hier <span class="antiqua">à la française</span> getragen werden, kleiden gut und geben
+den Weibern ein reinliches Ansehen. Ueberhaupt scheint Reinlichkeit,
+des Körpers sowohl wie der Häuser u.&#8239;s.&#8239;w. in hohem Grade bei diesen
+Leutchen <span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span>zu herrschen, und ich könnte im lieben Vaterland gar manchen
+Ort nennen, der sich in dieser Hinsicht mit St. Nicholas auf Hayti
+nicht vergleichen kann.</p>
+
+<p>Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf
+brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr
+zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder
+unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur
+allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau
+gethan haben würde.</p>
+
+<p>Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet;
+auf dem Kopf das bekannte <span class="antiqua">mouchoir</span>, leichte baumwollene Jacke
+und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere
+tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr
+europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig
+abbüßen müssen.</p>
+
+<p>Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der
+Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht
+freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die
+verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u.
+dgl., ferner Fische, Fleisch u.&#8239;s.&#8239;w. abforderte, obgleich man sah und
+wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch
+hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu
+Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn;
+wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu
+erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen,
+wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen, alle
+<em class="gesperrt">ihre</em> Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die
+Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich <span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>ohne
+einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da
+sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen
+Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und
+ausführt.</p>
+
+<p>Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der
+Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u.&#8239;s.&#8239;w. St. Nicholas
+hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht
+von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner
+Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach
+Portauprince als Zahlung sendet.</p>
+
+<p>Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse,
+daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer <em class="gesperrt">deutschen</em>
+Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige
+Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden
+sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement
+vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir
+versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte <em class="gesperrt">Christoph</em>
+hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch
+vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der
+nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt
+worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer
+Nähe, aus Mangel an Zeit — nicht besuchen zu können; sie wird von den
+Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung
+bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den
+Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe
+als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo
+möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span></p>
+
+<p>Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des
+wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen
+verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten
+anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die
+Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt
+dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und
+eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn.</p>
+
+<p>Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden
+Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der
+Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden
+Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens
+großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack
+an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß
+es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an
+gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine
+Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt
+und wahrgenommen wird.</p>
+
+<p>Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art
+(<span class="antiqua">Stores</span> genannt) <em class="gesperrt">Alles</em>, d.&#8239;h. von einem Glas
+Schnaps bis zum feinsten Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand
+überraschen, der von Colonialverhältnissen schon hat reden hören;
+als besondere Bemerkung gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr
+dieser <span class="antiqua">marchandes</span> in englischen Baumwollenwaaren stattfindet,
+und es gewährte mir vielen Spaß, in fast jedem Hause meine alten
+Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß, <span class="antiqua">mouchoirs</span> u.&#8239;s.&#8239;w.
+zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine Fragen über diesen
+Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall eine entschiedene
+Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge der während des ganzen
+Continentalkrieges <span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span>ausschließlichen Zufuhr englischer Waaren. Auch
+trägt man auf Hayti fast nur baumwollene Stoffe, weniger Leinen und
+fast gar keine Seide.</p>
+
+<p>Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der
+ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden
+den Anblick des Binnenlandes verbirgt.</p>
+
+<p>Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde
+daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah
+gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen
+Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des
+Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen
+dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika
+nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme
+(Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen
+Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten
+Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen
+fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert;
+man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen
+gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast
+alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.</p>
+
+<p>Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie
+bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach
+reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil
+sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit
+dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne
+Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen
+überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen <span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span>Nächten, welche
+in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn
+ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen.
+Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der
+Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen
+und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau
+sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht
+kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers
+gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig
+ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern
+die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin
+geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche
+gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. — Zu
+verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse
+Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des
+Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß
+sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume
+vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders
+wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr
+Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne
+alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt
+alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße
+zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum
+hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern
+ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art,
+Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete
+Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung
+und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden,
+würde sich sehr <span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie
+Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen
+Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den
+Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz
+unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte
+mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht
+vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade,
+welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten
+klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche
+vollkommen bestätigt fand.</p>
+
+<p>Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem
+hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit
+der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war,
+und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten,
+schwarzen Mädchen dafür gab.</p>
+
+<p>Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine
+Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen
+bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme
+Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas
+schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im
+Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein
+Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.</p>
+
+<p>Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde
+durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach
+zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine
+Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach
+Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als <em class="gesperrt">zwei Stunden</em>!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_den_19_Dec_1831">Am
+Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.</p>
+
+<p>Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und
+ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas
+lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich
+jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben,
+so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust
+und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten,
+auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden
+Landreise Seiten. — Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die
+Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang
+auch, und der Mensch — nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits
+erzählt, und fahre damit fort.&#8239;—</p>
+
+<p>Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas,
+war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach
+mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu
+erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt
+und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt,
+die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten,
+zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und
+Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.</p>
+
+<p>Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen,
+um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so
+verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie
+gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. — Diesen letztern kamen
+wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem Anblick
+des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den Horizont
+begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern Morgen aus
+dem Gesichte verloren, und sahen wieder <span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span>blos den Himmel über uns und
+um uns her die See. — Wir befinden uns nun in dem <em class="gesperrt">mexicanischen
+Meerbusen</em> auf der Bank von Campeche, und die vielen Seevögel
+und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge von
+auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch kleine
+Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste von
+Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald
+beendigten Reise.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_24_Dec_1831">Am 24. December
+1831.</p>
+
+<p>Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen
+Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir
+heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider
+eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege
+von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm
+Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen
+Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen
+muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit
+Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen <em class="gesperrt">diese</em> Täuschung
+deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren
+Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht
+kennt.</p>
+
+<p>Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht
+einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem
+größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen
+wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der
+wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden,
+wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes
+unangenehm überrascht; es schien von der Küste von <span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span>Campeche gekommen
+zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes
+Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs,
+Länge-Berechnung&#x2060;<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> u.&#8239;s.&#8239;w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens
+in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man
+darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der
+Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei
+Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In
+diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein
+Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber
+hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch
+erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt
+und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal
+gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn
+nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in
+die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet
+hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu
+halten, wo sie ihren Raub hinführen. — Welch ein reges Leben sich in
+jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken
+Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen
+eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise
+noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele
+streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot
+sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte
+sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück,
+<span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span>vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den
+wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen
+wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen
+schrecklich für uns hätten werden können.&#8239;—</p>
+
+<p>Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und
+unerhörte Gräuel verübt. — Den vereinten Bemühungen der englischen
+und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis
+in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von
+Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man
+sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen,
+wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord
+<em class="gesperrt">bewaffneter</em> Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte!&#x2060;<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_25_Dec">Am 25. December.</p>
+
+<p>Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste
+Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten,
+nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in
+der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns
+wieder untreu werden zu wollen scheint.&#8239;—</p>
+
+<p>So eben ruft man <em class="gesperrt">Land!!</em> und wir erblicken hoch in den Wolken,
+den Pic des Orizaba! — Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die
+Meeresfläche emporragende Bergspitze <span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>aus sehr weiter Ferne sehen
+kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn
+der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am
+hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel
+mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein
+glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten
+Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden
+Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick!
+Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist
+so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_29_Dec">Am 29. December.</p>
+
+<p>Die Stille dauerte nicht lange. — Gegen Abend erhob sich der Wind
+und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen
+konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von
+Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser
+Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das
+Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und
+hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und
+gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten
+Tag.</p>
+
+<p>Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen
+Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der
+Wind günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen
+<em class="gesperrt">Orizaba</em>, gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder
+erblickten, und uns an dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem
+prachtvollen Sonnenuntergang ergötzen konnten. Es war das großartigste
+Naturgemälde, welches ich je gesehen!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span></p>
+
+<p>So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte
+ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig;
+denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu
+erreichen.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_den_31_Dec_1831">Am
+Bord des Esteva, den 31. December 1831, im Hafen von Vera-Cruz.</p>
+
+<p>Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns
+gestern endlich, den <em class="gesperrt">Hafen</em> zu erreichen, wenn anders eine offene
+Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher
+sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese
+Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt
+Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu
+mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste
+gekettet, die wir — leider! — so bald noch nicht verlassen sollen;
+denn, — stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, — <em class="gesperrt">wir
+müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten</em>!</p>
+
+<p>Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den
+ihn überall verfolgenden Gassenhauer “<span class="antiqua">Marlborough s’en va-t-en
+guerre</span>” in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das
+äußerste Ende von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar
+nach Indien flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri
+die verhaßte Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung
+eine Kugel durch den Kopf jagte! — So soll es mir, wie es scheint,
+(versteht sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit
+der <em class="gesperrt">Cholera</em> ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser
+Seuche entflohen, hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden;
+an den belgischen und <span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>französischen Gränzen beschäftigte man sich
+damit, Cholera-Quarantänen einzurichten, die mich jedoch glücklicher
+Weise noch nicht trafen; in Paris rechnete man mir den Monat vor,
+wo die Cholera eintreten <em class="gesperrt">würde</em>, und in Bordeaux die Zeit, wo
+sie anlangen <em class="gesperrt">könnte</em>. Ueberall war die Rede von der Cholera
+und fast nur von ihr! — Gut, dachte ich, dies hat bald ein Ende; Du
+kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens <em class="gesperrt">diese</em> verhaßte
+Krankheit nicht kennt, und höchstens vom <em class="gesperrt">gelben Fieber</em> spricht,
+welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich allenfalls dort
+holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß, als das erste
+Boot, welches uns hier zur Seite kam, das <em class="gesperrt">Sanitätsboot</em> war, um
+uns anzukündigen, daß “<em class="gesperrt">da wir aus Europa kämen, allwo die Cholera
+herrsche</em>,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war erst
+an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und unser
+Schiff das <em class="gesperrt">erste</em>, auf welches die Maßregel angewandt ward. —
+Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!</p>
+
+<p>Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu
+landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu
+machen? man muß sich <span class="antiqua">bon gré mal gré</span> darein finden, und wir
+können uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf
+nur wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch
+Niemand zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in
+einiger Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese
+Weise erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach
+Europa darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das
+bisher Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden.
+Man will mir heute Abend ein Boot senden, um die <span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>Briefe abzuholen, und
+ich werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.</p>
+
+<p>Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm,
+sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl
+und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen
+auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich
+niederzuschreiben.</p>
+
+<p>Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern
+zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt
+sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht
+malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden!
+In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch
+muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. — Was das Treiben
+auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit
+eines Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich
+nicht zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das
+Hin- und Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der
+Rhede und dem Landungsplatze (<span class="antiqua">Muelle</span>) an der Stadt, gewährt
+einen recht belebten und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen
+Insel Sacrificio&#x2060;<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> liegen in diesem Augenblick zwei französische
+Kriegsschiffe, und hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer,
+ein hamburger und ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere
+mexikanische Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein
+britisches Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot,
+auf welchem S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht
+angekommen; wir haben diesem also den Rang abgelaufen.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span></p>
+
+<p>Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt
+das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns
+vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison
+theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen
+Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen
+Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die <em class="gesperrt">Mexicaner</em>
+hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen
+Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am
+Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und
+hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der
+sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine
+Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil
+nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts
+und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch
+nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man
+fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas
+Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern
+Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer
+Gruppen von nackten Menschen gewöhnt!</p>
+
+<p>Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst
+überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du
+diese Mittheilungen recht bald erhieltest. — Mögen sie Euch Alle so
+wohl treffen, wie ich mich fühle!</p>
+
+<p>Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich
+wieder <em class="gesperrt">ans Land</em>, und auf festen Grund und Boden!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Stadt_Vera_Cruz_am_3_Jan_1832">Stadt
+Vera-Cruz, am 3. Januar 1832.</p>
+
+<p>Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich
+ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt
+eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn
+nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier
+jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so
+stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte,
+daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich
+mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle
+der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des
+Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen,
+und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der
+eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst
+merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese
+Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht
+alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen
+welche der warme tuchene Mantel (<span class="antiqua">Capa</span>) der besseren Classe, oder
+die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (<span class="antiqua">Zerapa</span>),
+deren auch der ärmste <span class="antiqua">Lépero</span> nicht ermangelt, kaum zu schützen
+vermag. — Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als
+am Lande, und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht,
+welche wir auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt
+ganz geeignet, den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu
+steigern; wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern
+der Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine
+gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche
+Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten,
+Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen <span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>des Sturmes zu
+überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht.</p>
+
+<p>Wenn aber der Uebergang von Hitze zu Kälte hier schnell ist, so ist
+es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie
+sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne
+wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die
+Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte
+sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug
+die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm
+der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und
+uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. — Du kannst denken, daß ich das
+Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ.
+Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen
+hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran,
+für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte,
+was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles
+glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen,
+es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain
+Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten
+überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während
+der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für
+uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm
+denselben beim Abschied schriftlich überreichten.</p>
+
+<p>Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf
+das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet,
+nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem
+Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht
+gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an <span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>dieser
+Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl
+zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist.
+Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche
+sich im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit
+einer oft übermäßig großen Hitze,&#x2060;<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> das gelbe Fieber oder schwarze
+Erbrechen (<span class="antiqua">vomito prieto</span>) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz,
+in den Monaten Mai bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist.
+Diese, den Eingebornen des Hochlandes von Mexico in noch höherem
+Grade, als den Europäern, gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch
+nicht auf die Stadt Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß
+an der ganzen Küste, und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge,
+namentlich auf dem Wege nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über
+der Meeresfläche gelegenen Landgut, Encero, so daß der, auch schon
+sehr hoch liegende, von schöner kräftiger Vegetation umgebene, und
+von einem nicht unbedeutenden Waldstrom bespülte Flecken, <span class="antiqua">Puente
+national</span>, (halben Weges zwischen Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß
+des Vomitos in den besagten Monaten ebenfalls unterworfen ist. Der
+Ursprung dieser verheerenden Krankheit dürfte mithin auch wohl in
+noch andern Gründen, als der Ausdünstung der Sümpfe, welche Vera-Cruz
+umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse indessen diesen Punkt den
+Naturforschern, und beschränke mich darauf, einem Jeden zu rathen, in
+der ungesunden Jahrszeit, d.&#8239;h. von Mai bis October, sich nicht weiter
+küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und sich nicht sicher zu glauben,
+wenn etwa, wie jetzt der Fall, während einiger Jahre die Krankheit sich
+nur in <span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>sehr geringem Grade zeigt; sie pflegt alsdann mit erhöhter
+Kraft wiederzukehren, und Niemand kann voraussagen, <em class="gesperrt">wann</em> dies
+geschehen wird.&#x2060;<a id="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p>
+
+<p>Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst
+daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr,
+wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von
+hier keineswegs übereilen.</p>
+
+<p>Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel
+und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht.
+Die Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich
+und im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas
+angemessen eingerichtet. — Wir wohnen auf dem sogenannten großen
+Platz (<span class="antiqua">plaza</span>), und haben das ganz ansehnliche, altertümlich
+gebaute Stadthaus (<span class="antiqua">Palacio</span>) gerade vor uns und die Hauptkirche
+(<span class="antiqua">Cathedrale</span>) zur Seite, — welche letztere sich aber weder von
+außen, noch von innen besonders auszeichnet.</p>
+
+<p>Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute
+Zollhaus (<span class="antiqua">Aduana</span>) ist einfach aber geräumig, und für die
+allerdings großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet.</p>
+
+<p>Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen,
+Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen <span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span>wohl versehenen Markt, und
+ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen,
+und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu
+schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe
+— (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) — nicht. Das Ganze
+machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf
+mich. — Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu
+sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von
+den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da
+eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern
+Seite.</p>
+
+<p>Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten.
+Für heute nur noch ein Lebewohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Vera_Cruz_den_9_Jan_1832">Vera-Cruz,
+den 9. Januar 1832.</p>
+
+<p>Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die
+Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen
+werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen
+scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären
+Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses)
+an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage
+eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen
+werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all
+dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein
+sogenanntes <span class="antiqua">pronunciamento</span>, eine Protestation, der Truppen.</p>
+
+<p>Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat
+nämlich zusammen und erklärte, Namens der <span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span>Armee, welche sich als
+Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die
+Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten,
+und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten
+Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man
+zum Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, — wo nicht, das
+Begehren mit gewaffneter Hand durchsetzen.”&#x2060;<a id="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> — Die Garnison sandte
+hierauf eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem
+Landgute (<span class="antiqua">hacienda</span>) wohnenden, General Santa Anna, mit der
+Bitte, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ
+sich willig finden, — (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher
+mit ihm verabredet gewesen) — und ward nun von einer Abtheilung
+Dragoner abgeholt, und mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und
+Glockengeläute empfangen. Er nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit
+den Civil-Autoritäten und der Garnison, die weitern Operationen noch in
+derselben Nacht verabredet wurden. — Der Commandant der Festung St.
+Ulloa ist den Beschlüssen der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und
+hat sich unter die Befehle von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig,
+indem die Stadt von jener Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr
+(so wie Antwerpen von seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund
+geschossen werden kann.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span></p>
+
+<p>Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen
+Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen
+hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der <span class="antiqua">plaza</span>
+versammelt, und nach einem etwas schwachen Rufe von: <span class="antiqua">viva Santa
+Anna y mueren los ministros!</span> — ging jedermann ruhig nach Hause
+und, zur gewohnten Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu
+Bette. Auch die darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen
+Gleise, und man bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution
+nur an der verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht
+dies ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen
+scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die
+Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa Anna
+an ihn gerichtetes <em class="gesperrt">vermittelndes</em> Schreiben, eingetroffen ist.
+— Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen,
+etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen
+Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge
+nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will
+man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem
+Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite.</p>
+
+<p>Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa
+Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war
+vortrefflich, und das Officier-Corps, — (ein weit zahlreicheres
+als bei gleicher Truppenzahl in Europa) — nahm sich in den reichen
+Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung.</p>
+
+<p>Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34
+Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm
+vorgestellt, und unterhielt mich <span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span>mit ihm ziemlich lange über die
+neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen
+Vorfälle in Europa, — die belgische und polnische Revolution
+nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern
+beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. — Santa Anna’s Manieren
+und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen
+schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero,
+der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei
+der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von
+einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der
+gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar
+annahm.</p>
+
+<p>An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine
+kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und
+nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch
+in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros
+(mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts
+aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem
+mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes,
+europäisches Auge, komisch genug aus. <em class="gesperrt">Ich</em> fuhr in einer Volanta,
+einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen,
+nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über
+Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo
+zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber
+dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. — Es stand hier
+früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein
+temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen
+eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu
+Lande allgemein beliebte Hazardspiel, <span class="antiqua">Monte</span>, zu frequentiren,
+wobei denn Einige Silber, <span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>noch Mehrere aber Gold, und zwar oft
+große Summen, einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl
+aus einer Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden
+Guitarren-Musik, den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern
+an Grazie sehr nachstehen sollen, — und ich bemerkte auch in der That
+sehr wenig von dieser Eigenschaft. — Da es bekanntlich in dieser Zone
+schon um 6 Uhr Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen
+Parthie sehr früh nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu
+erwähnen, daß wir den Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer,
+bei einer Tasse Thee recht angenehm zubrachten.</p>
+
+<p>Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm
+S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise
+war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von
+viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in
+mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und
+nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der
+Hauptstadt <em class="gesperrt">Mexico</em> begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier
+zu Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen
+Räubereien zu schützen. <span class="antiqua">Tout comme chez nous</span>, — könnte hier ein
+Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies
+nicht können!</p>
+
+<p>Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Jalapa_den_12_Jan_1832">Jalapa,
+den 12. Januar 1832.</p>
+
+<p>Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz
+hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir
+— in unserm Theile von Europa wenigstens — nicht anzuweisen. Da Du es
+aber <span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span>nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu
+beschreiben. Höre also.</p>
+
+<p>Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in
+folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich,
+in einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (<span class="antiqua">litera</span>)
+liegend, in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem
+Schutzwehr gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s,
+einige der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich,
+der Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu
+dürfen baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der
+sich, nach ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet
+hatte und so mehr einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines
+friedlichen Reisenden glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs
+Maulthiere, welche unser Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer
+des Zuges zu Pferde, die Thiere, unter beständigem Peitschenknallen
+und “<span class="antiqua">Mula</span>”-Rufen, bald hier bald dort antreibend. In einiger
+Entfernung bildete Freund S. mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal
+ein zweirädriger, mit zwei Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß
+der Carawane, welche sich am Ende doch noch rascher bewegte, als ich
+erwartet hatte.</p>
+
+<p>Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu
+Pferde, — die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche
+Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und
+hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in
+dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und
+daher besser unterbleibt. — Zweitens, mit der Diligence, welche aber,
+obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser
+beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei
+Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen <span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span>Löcher auf den schlecht,
+oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr
+unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische
+Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme
+Diligence zwischen <em class="gesperrt">Mexico</em> und <em class="gesperrt">Jalapa</em> in Gang gebracht
+hat, ihren Cours bis <em class="gesperrt">Vera-Cruz</em> fortsetzen wolle; bis dies aber
+geschehen und der Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen
+einer Reise per Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. — Drittens kann
+man denn auch in einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie
+Du siehst, ich gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an
+den Seiten mit Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen,
+einschläferigen Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen
+und schlafen, oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten
+und vorn eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist
+aber, besonders wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott
+setzen, keineswegs angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig
+hangen, in den oft engen und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden.
+Dessenungeachtet ist diese Reiseart die am wenigsten angreifende,
+und deshalb dem noch nicht acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu
+empfehlen.</p>
+
+<p>Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade
+des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach
+etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach
+<em class="gesperrt">Santa-Fé</em>, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege
+nach Mexico.</p>
+
+<p>Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und
+hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z.&#8239;B. die Küche) nur mit Rohr
+umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht,
+daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und
+Appetit sogar an dem <span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der
+Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein
+frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und
+genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. — Die übrigens schwache Bevölkerung
+von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher
+Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe der
+Küste, mitunter <em class="gesperrt">Neger</em>, die aber bekanntlich in der mexicanischen
+Republik <em class="gesperrt">frei</em> sind, d.&#8239;h. <em class="gesperrt">ganz gleiche Rechte</em> mit
+allen übrigen Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den
+Vereinigten Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch
+Vorurtheil, zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden.</p>
+
+<p>Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner
+und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche
+Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an
+Federvieh u.&#8239;s.&#8239;w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders
+stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der
+südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der
+Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte
+die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und
+wohlgemuth in <em class="gesperrt">Puente</em> ankam, wo wir übernachteten.</p>
+
+<p>Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico.
+Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern
+umgeben, und von dem Fluß <em class="gesperrt">Antigua</em> bespült, der zwar in dieser
+Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich
+hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz,
+sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne,
+breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische
+Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht
+unbedeutenden, auf einem der benachbarten <span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span>Berge gelegenen, Veste
+beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden
+Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr
+kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall
+gerathen. <em class="gesperrt">Santa Anna</em> hat Besitz von diesem Bergpaß genommen;
+weiter ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht,
+weshalb uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. — In dem
+Gasthof zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen
+von englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten
+schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S...
+(der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht
+kannte, und z.&#8239;B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im
+Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.)
+sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der
+verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, <span class="antiqua">al modo
+del pais</span>, auf unsern Matratzen im Freien, d.&#8239;h. unter dem Corridor
+des Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf
+welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei
+freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer
+Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier
+zu Land so beliebten <span class="antiqua">frijoles</span>, einer Art Bohnen, erfrischten.
+— Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen
+<em class="gesperrt">Jalapa</em>, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich
+denken kann, gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen,
+Orangenbäumen und dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. —
+Fiele in Jalapa nicht so viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten
+Wolkenregion, 4300 Fuß über der Meeresfläche, und hat daher dessen
+etwas zu viel) — so <span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span>wäre diese Gegend ein wahres Paradies, denn es
+herrscht hier ein ewiger Frühling! Das Clima ist weder zu heiß noch
+zu kalt, und durchaus gesund. Man kennt hier das schwarze Erbrechen
+nicht, weshalb Jalapa denn auch, während der an der Küste ungesunden
+Jahreszeit, der Aufenthaltsort der Altspanier war, als diese noch das
+Monopol des Handels und in Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und
+dort Ankunft und Abgang der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten.
+Jetzt hat sich dies alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen
+Jahreszeiten, und die Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer)
+bleiben auch während der Fieberzeit an der Küste.&#8239;—</p>
+
+<p>Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen
+freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe
+und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in
+die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren
+die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick.
+Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z.&#8239;B. das
+schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u.&#8239;s.&#8239;w. so reizend macht,
+an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. — Von den Dächern
+des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht
+unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus
+schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von dem
+Reichthum der <em class="gesperrt">vegetabilischen</em> Natur. — Erst wenn dereinst ein
+liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die
+Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und
+menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone
+aufsetzen.</p>
+
+<p>Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem
+eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen <span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>im Innern des
+Hofes (<span class="antiqua">patio</span>) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die
+Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend.
+In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen
+Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als
+Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen
+Namen leihen muß. — Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von
+Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der
+mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die
+Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können.
+Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen
+worden.</p>
+
+<p>Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, <span class="antiqua">Fonda
+Francesa</span> benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich
+bin mit Tisch und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor,
+mit der nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen;
+denn, so gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine
+Geschäfte keine Zögerung am Wege. — Lebewohl!</p>
+
+<p><span class="antiqua">P. S.</span> Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich
+doch auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner
+Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen
+Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre
+zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche,
+große, schwarze Schleier (<span class="antiqua">Mantilla</span>) kleidet die Damen recht
+anmuthig; ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht
+ab.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Puebla_den_15_Jan_1832">Puebla, genannt
+<span class="antiqua">la Puebla de los Angelos</span>,&#x2060;<a id="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a>
+den 15. Januar 1832.</p>
+
+<p>So wären wir denn nun auch so weit ohne Unfall gekommen, und hätten den
+berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der
+versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange
+deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa
+am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen
+Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York
+erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt
+sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von
+sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und
+fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf
+bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da
+die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr
+schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist,
+und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen,
+jedenfalls nicht ohne Beschwerde. — Man reiset indessen auf diese
+Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in
+zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier
+darauf verwenden mußte.</p>
+
+<p>Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß.
+Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig
+angelegten Steindamm aus der spanischen <span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span>Zeit; links ist derselbe
+durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele
+reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene
+Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne
+sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit
+verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken
+besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen,
+die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal
+mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat.</p>
+
+<p>In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in
+der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert
+sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden
+und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die
+Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr
+die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich
+den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz
+gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der
+ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der
+Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser
+Aussage vollkommen.</p>
+
+<p>In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle
+mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele
+Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den
+Landleuten getragen werden.</p>
+
+<p>Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über
+der Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, — so
+genannt, weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem
+Auge, nach allen Seiten hin, <span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span>die Form eines großen <em class="gesperrt">Kastens</em>
+darbietet. Dieser Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach
+<em class="gesperrt">Humboldt</em> 4089 Metres hoch.</p>
+
+<p>Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf
+welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere
+derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem
+anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren
+Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz
+sei! — Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend
+Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade,
+Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine, auf
+viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht viel
+Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst <span class="antiqua">el
+mal pais</span>, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche an
+diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was sich
+uns auf diesem Wege nach <em class="gesperrt">Tepeyaqualco</em>, dem Ziele der Tagereise,
+darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz
+nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß
+Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen
+u.&#8239;s.&#8239;w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben
+wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf
+das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei
+der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit
+waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten.</p>
+
+<p>In <em class="gesperrt">Tepeyaqualco</em> fanden wir besseres Nachtquartier, als wir
+erwartet hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht
+nur mittelst der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher.
+Abends erhielten wir ein Huhn <span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>in Reis gekocht, und Morgens vor der
+sehr frühen Abfahrt eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico,
+selbst in dem ärmlichsten <span class="antiqua">meson</span> (Wirthshaus), stets ziemlich
+gut zu haben ist. Auch hier, wo man z.&#8239;B. früher, wenn man nicht auf
+der Erde schlafen wollte, sein eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte
+Freund S..., daß in den letzten Jahren ungemeine Fortschritte in
+allen Reisebequemlichkeiten gemacht worden wären, was man denn wohl
+hauptsächlich den Unternehmern der nordamerikanischen Diligence zu
+verdanken hat, welche dafür sorgen, daß überall auf ihren Stationen
+gute Nachtquartiere in Bereitschaft gehalten werden.</p>
+
+<p>Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man
+zuerst nach Ojo de Agua, woselbst — wie der Name schon andeutet —
+eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier
+blos zum Waschen von Leinenzeug u.&#8239;s.&#8239;w. benutzt wird, während in
+bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle
+herum angelegt worden wäre.&#8239;—</p>
+
+<p>Bald darauf erreichten wir <em class="gesperrt">Nopaluca</em>, das schönste und größte
+Dorf, das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser
+und eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren
+Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt
+gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das
+Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst
+auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges
+gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen,
+die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken.</p>
+
+<p>Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß
+wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen
+Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege <span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span>Pinal, glücklich und
+ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der
+diese Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und
+freut sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch,
+denn der besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern
+Hinterhalt, und ist daher sehr anlockend für die <span class="antiqua">hombres de
+bien</span>, (Biedermänner, — wie man sie scherzweise nennt) welche
+dieses ehrenhafte Handwerk treiben. Wenn diese <span class="antiqua">caballeros</span> keinen
+Widerstand finden, sollen sie sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft
+benehmen, mit dem Eigenthum sich begnügen und den Personen weiter kein
+Leides zufügen. Den geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre
+Habe, und bitten um Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es
+jedoch zu einem <em class="gesperrt">Gefecht</em>, und die Räuber behalten die Oberhand,
+so ist natürlich nicht allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in
+Gefahr, und man hat in solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt.
+— Während des Marsches regulairer Truppen sind die Wege am sichersten;
+das Militair ersetzt dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr
+noth thut.</p>
+
+<p>Der nun folgende Flecken <em class="gesperrt">Amazoque</em> ist sehr schön, groß
+und freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von
+ausgedehnten <em class="gesperrt">Maquay</em>-Pflanzungen, von deren interessanter
+Behandlung bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir
+Näheres sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde;
+für jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für
+die bekannte <em class="gesperrt">Garten-Aloë</em> (<span class="antiqua">Agave americana</span>) und Pulque
+ein geistiges Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den
+Einwohnern allgemein genossen wird.</p>
+
+<p>In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio,
+der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef
+der Armee, Calderon, stoßen und die <span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span>Operationen der Belagerung von
+Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst
+machen zu wollen.</p>
+
+<p>Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber
+freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor
+Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen
+Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen
+Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese
+volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein
+bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich
+an freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach
+dem benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen
+Johannes geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von <em class="gesperrt">der</em> Seite
+her, von welcher wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade
+untergehenden Sonne, sehr schön ausnahm.</p>
+
+<p>Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik
+fehlenden, <span class="antiqua">Garita</span>, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten
+überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich
+wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der
+<span class="antiqua">fonda francesa</span> ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns
+mit einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und
+besahen uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben
+entsprach dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie
+die große <span class="antiqua">plaza</span> vor der Cathedrale, machten auf uns den
+gewöhnlichen, befriedigenden Eindruck einer <em class="gesperrt">großen</em> Stadt, den
+das Wiederbesehen am heutigen <em class="gesperrt">Tage</em> keinesweges verwischte oder
+schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön zu nennen; die Straßen
+sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut, breit und reich an
+schönen Häusern. Die auf einem <span class="pagenum" id="Page_55">[S. 55]</span>großen Platze stehende Cathedrale
+ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und Silberverzierungen
+wahrhaft überladen, — nicht so mit Gemälden, deren ich meistens
+nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die Kirche soll
+sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen Millionen
+Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur viel
+Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn auch
+<em class="gesperrt">hier</em>, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der
+Republik geltend macht.</p>
+
+<p>Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick;
+es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden.
+Dagegen desto mehr die <em class="gesperrt">geistlichen</em> Darstellungen auf der Bühne,
+von denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen
+Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren
+keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob
+man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem
+Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche
+Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten
+habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich
+gemacht wird, ist gewiß.</p>
+
+<p>Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A.,
+Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute
+nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der
+ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing
+uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns
+zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und
+den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern
+Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in
+<em class="gesperrt">Puebla</em> nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die
+früher <span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span>vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier
+mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf <em class="gesperrt">Santa Anna</em>
+waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen,
+und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der
+Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und
+präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls
+bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in
+guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als
+die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem
+Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug,
+sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut
+schmecken ließ.</p>
+
+<p>Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger,
+Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und
+Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an
+Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um
+die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt
+sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die
+Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation
+schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit
+anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben.</p>
+
+<p>Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar nicht
+als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja sogar
+als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab dazu
+aufgeregten, Pöbel, den <span class="antiqua">lépero’s</span>, deren Puebla eine große Menge
+besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der
+Republik so wenige <em class="gesperrt">nichtspanische Europäer</em> sieht, als hier. —
+Man versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die <span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span>zwar
+gute Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen
+sollen.</p>
+
+<p>Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein
+Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General
+Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen
+ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei!
+Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen,
+daß kein wahres Wort daran ist. — Dies wissen auch noch viele Andere,
+aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der
+Gegenparthei! — <span class="antiqua">Tout comme chez nous!</span>&#8239;—</p>
+
+<p>Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals
+per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen
+täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme
+Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man
+von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens um
+6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in der
+andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders, als
+den <em class="gesperrt">Fremden</em>? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man
+indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios!</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_21_Jan_1832">Mexico, den 21.
+Januar 1832.</p>
+
+<p>Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten
+aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es
+noch ferner geschehen? — Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir
+übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und
+Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen
+können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, <span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span>denn wir
+legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit
+schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken
+San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und
+reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” — Die
+reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden
+und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern,
+welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen,
+daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn
+uns nicht das schöne warme — ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch
+nur hier zu finden) enttäuscht hätte.</p>
+
+<p>Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt,
+vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die <em class="gesperrt">drei</em>
+berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den
+<em class="gesperrt">Orizaba</em>, den <em class="gesperrt">Iztaccihuatl</em> und den <em class="gesperrt">Popocatepetl</em>,
+am Horizont zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen
+eigenthümlichen, ja erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch
+bald wieder aus dem Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene
+von Mexico, nur noch die beiden letztern im Auge.</p>
+
+<p>In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die
+Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf
+seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen
+militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will
+nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen,
+Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! — Die
+Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird
+dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen?&#8239;—</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span></p>
+
+<p>Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen
+höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch
+wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch
+weiter nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000
+Fuß über der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man
+daselbst in einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon
+oft von Räubern angefallen werden soll.&#8239;—</p>
+
+<p>Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach
+Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen
+Blick in das <em class="gesperrt">Thal von Mexico</em> eröffnen, wenn anders einer,
+zwar von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so
+ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich
+faßt, die Benennung “<em class="gesperrt">Thal</em>” gegeben werden soll. Ich kann nicht
+sagen, daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so
+entzückt gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge
+zu sehr entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu
+können, als die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten
+Formen nach allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne,
+erblickt. Dieses geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem
+Geschmack schöner unten im Thale als oben auf dem Berge aus; —
+<em class="gesperrt">eigenthümlich</em> jedoch von beiden Standpunkten.</p>
+
+<p>In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir
+einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns
+hätte werden können. — Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil
+des steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten
+an der Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du
+kannst Dir unsern Schrecken denken, — denn man hat auf einer solchen
+Reise in den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, <span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span>die sich allenfalls
+ersetzen ließen, sondern — was wichtiger und nicht zu ersetzen ist —
+seine <em class="gesperrt">Papiere</em>! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder
+durch einen der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem
+Wege liegen geblieben? — Glücklicherweise war letzteres der Fall,
+und nachdem wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die
+ganze Bagage auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im
+Begriff, sich mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten
+ihnen diese Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren
+weiter — und erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang,
+— aber dennoch früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen,
+großen indianischen Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit
+ihre freundlichen Hütten umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind,
+zu erfreuen! Bei dem hier statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die
+Einwohner von allen Seiten Blumen, Orangen und sonstige Früchte des
+Südens zum Verkauf an, und schienen froh und guter Dinge.&#8239;—</p>
+
+<p>Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico führt,
+und die beiden Seen, den <em class="gesperrt">salzwasserigten</em> zur Rechten, und den
+<em class="gesperrt">süßwasserigten</em> zur Linken, von einander trennt, fuhren wir
+beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm
+Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen
+— so — gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große
+Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!</p>
+
+<p>Du weißt mich nun hier, — bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam
+eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl
+zufrieden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_23_Jan_1832">Mexico, den 23.
+Januar 1832.</p>
+
+<p>Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in Europa
+so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von mir hören
+wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn mir die
+Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die langen,
+mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große erschien,
+so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen bestätigt
+und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als großartig
+nennen; man würde “<em class="gesperrt">schön</em>” hinzufügen müssen, wenn etwas mehr
+Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und Gebäude
+verwandt würde; — aber man sieht diesen nur allzusehr den Verfall,
+oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen bürgerlicher
+Unruhen in einem Lande sind. Nur <em class="gesperrt">Friede</em> und der Glaube — die
+Ueberzeugung — des <em class="gesperrt">ruhigen, gesicherten Besitzthums</em> kann
+die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den
+Stempel des Reichthums aufzudrücken! — Diese Ueberzeugung mangelt
+aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht
+daher in <em class="gesperrt">der</em> Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal
+an dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern
+öffentlichen Gebäuden. — Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt
+und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen
+Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift
+man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit,
+in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben
+durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man
+übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum
+einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge
+weit näher erscheinen, als sie wirklich <span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span>sind. Die Luft ist hier so
+hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen
+Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen
+kann.</p>
+
+<p>Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d.&#8239;h. eins auf
+gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen
+Zwischenstock (<span class="antiqua">entresuelo</span>) so daß sie in der Regel keinesweges
+von niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und
+selbst vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große
+Palläste, die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen
+verdienen besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches
+zuletzt der ephemere Kaiser <em class="gesperrt">Iturbide</em> bewohnte, sodann die
+großartig angelegte, noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der
+National-Pallast (ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das
+Museum oder Universitätsgebäude, und — unter den Klöstern und Kirchen,
+deren es hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne
+Cathedrale!</p>
+
+<p>Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern,
+und zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den
+beiden übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres
+in irgend einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz,
+wo bei großen Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch
+geistliche Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der
+That <em class="gesperrt">ungemein</em> groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch
+eine Reihe von Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind,
+und durch die vor einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben
+eine traurige Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück
+abgewonnen wäre. — Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem
+nicht so reich ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön
+und viel größer als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend,
+symetrisch und zum Theil im gothischen <span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span>Styl ausgeführt, namentlich
+die an der linken Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der
+entgegengesetzten Seite ist der etwa 10 Fuß im <img class="h0_7" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat"> große Stein mit dem
+berühmten altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber
+nicht entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. — Die Cathedrale,
+so wie sie ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem
+erstgenannten National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang —
+(er nimmt die ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock
+hoch, mit einem <span class="antiqua">entresuelo</span>, oder einer <span class="antiqua">Mansarde</span>. Das
+Gebäude imponirt deshalb nicht genug, und ich wundere mich in der
+That, daß die vormaligen Vice-Könige Spaniens sich keine prachtvollere
+Residenzen erbaut haben, da es ihnen doch an Vorbildern dazu — in
+der Stadt Mexico selbst nicht mangelte und noch weniger an dem dazu
+erforderlichen Gelde. — Den linken Flügel des Pallastes, dessen Salons
+geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz geschmackvoll meublirt sind,
+bewohnt jetzt der Präsident der Republik.</p>
+
+<p>Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller
+Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser
+Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm
+die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt,
+benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle
+für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in
+den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen
+Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich
+durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. — Das Local des Senats ist zwar
+etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts
+zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch,
+daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden
+konnten. (Die <span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span>Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei
+geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch
+gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps
+ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen
+in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei
+gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des
+Congresses, der zur <em class="gesperrt">Rechten</em> von dem Präsidenten der Kammer, der
+zur <em class="gesperrt">Linken</em> von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In
+den gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz
+neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel.
+Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist
+geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in
+welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa
+herausrufen lassen, besprechen können.</p>
+
+<p>Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch
+hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine
+für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß
+über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist,
+auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im
+weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber
+zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon
+machen können. — Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche
+Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.</p>
+
+<p>Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl
+ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.</p>
+
+<p>Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches
+wir bewohnen, haben einen viereckten Hofraum <span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span>(<span class="antiqua">Patio</span>) in der
+Mitte, in welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist.
+— Der untere Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local,
+Waaren-Magazin u.&#8239;s.&#8239;w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf
+welchem Mexico steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen
+ist und da, in der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die
+Fußböden der Magazine steigt. — Die Wohnung ist im zweiten Stock.
+Die Zimmer sind luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster
+reichen bis zum steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf
+einen Balcon nach der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft
+eine Gallerie, die nach den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen
+Cactus-Pflanzen und andern Blumen besetzt ist und statt des Gartens
+dient. Dieser Gebrauch macht das Innere des Hauses sehr freundlich,
+denn die Gewächse blühen das ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist
+z.&#8239;B. jetzt mit allem versehen, was Auge und Nase erquicken kann. —
+Das Ameublement richtet sich ja überall, und somit auch hier, nach
+den Umständen des Bewohners. Einige Häuser sind sehr elegant meublirt
+und decorirt; das unsrige ist recht gemüthlich und ich vermisse
+in demselben nichts, als das wohlthätige “Schalten und Walten der
+Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen Zimmer, vorne heraus, und
+empfange die formelleren Besuche in einem daran stoßenden Salon, wie
+z.&#8239;B. gestern den Minister Alaman, dem ich mein Empfehlungsschreiben
+von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und der darauf hin zuvorkommend
+genug war, mir den ersten Besuch zu machen.</p>
+
+<p>Oben auf der <span class="antiqua">Azotea</span> (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser
+haben) hält man sich denn wohl, — wie z.&#8239;B. ich — zum freundlichen
+Andenken an deine Liebhaberei — Hühner, Kalkuten und Tauben die
+Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der
+eignen Zucht! — Das <span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch
+ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß <em class="gesperrt">hier oben</em>
+auch der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch
+ist es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche
+das Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von
+<em class="gesperrt">oben herab</em> sehr leicht macht, während man von <em class="gesperrt">unten</em> her,
+wo der Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte
+seine Wohnung hat, nichts befürchtet.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_29_Jan_1832">Mexico, den 29.
+Januar 1832.</p>
+
+<p>Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste
+gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und
+ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt
+unterrichtet zu halten.</p>
+
+<p>Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner
+Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht
+durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von
+Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt
+die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu
+geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. — Man will
+sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm
+nehmen u.&#8239;s.&#8239;w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und
+ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt <em class="gesperrt">seine</em> Kräfte
+und unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die
+Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen
+habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung,
+mit der man hier <span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber
+täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun
+aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man,
+wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten
+Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens
+derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten
+Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell
+alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die
+Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders
+da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat
+Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht
+mehr vertragen. Inzwischen — die Zeit wird es lehren! — Hier
+aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und
+fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas
+(Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich
+das Alles <span class="antiqua">cum grano salis</span> mitmache, kannst Du denken, denn das
+ist ja nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!</p>
+
+<p>Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende
+der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück
+gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann
+wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die
+Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda
+ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren
+versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im
+Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt
+ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub
+muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist
+alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte
+des Gartens ist ein <span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span>großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen
+angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden
+Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. —
+Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich
+breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck
+umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun
+bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von
+Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion&#x2060;<a id="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> zurück, um
+für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade
+(oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder
+Gesellschaft zu besuchen.</p>
+
+<p>Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht;
+die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit
+vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich
+und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der
+italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt,
+die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt
+werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper
+jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik,
+die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und
+zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der
+hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst
+Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen
+entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen
+berechtigt ist, das ist <em class="gesperrt">das Haus <span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span>selbst</em>! Die Logen haben
+übrigens nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn
+viele Damen gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und
+reich; — Eheherren und Papas wollen behaupten <em class="gesperrt">zu reich</em>! Hieran
+sind denn aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt
+zieht man die Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur
+Putzsucht heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst
+gehen und stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals
+aufgeputzt gesehen habe!</p>
+
+<p>Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von
+Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht,
+was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher
+schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder;
+jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch
+ausnahmsweise — aber man sieht es doch noch!</p>
+
+<p>Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen;
+da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut
+angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr
+gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als
+ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl
+der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer
+bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht
+ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden
+Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die
+da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald
+mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik,
+durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund
+that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl
+der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den
+Kampfplatz! <span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span>Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der
+bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.</p>
+
+<p>Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen
+aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von
+vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier
+ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur
+selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt
+dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze
+Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe
+rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch,
+daß <em class="gesperrt">er</em> den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit
+diesem herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es
+durch einen Trompetenstoß von <em class="gesperrt">diesen</em> Feinden erlös’t, und einer
+Anzahl Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise,
+durch Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei
+Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den
+dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn
+oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig
+abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein
+Ende — und bringt den Hauptmann, den <em class="gesperrt">Matador</em> (Todtschläger) auf
+den Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen
+Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden
+Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf
+ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der
+ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch
+einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß
+mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten,
+bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem
+<span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie
+und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit
+frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso
+mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf
+bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den
+Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und
+Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht
+ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden
+Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.</p>
+
+<p>Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich
+für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen
+Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die
+Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem
+Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt
+der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens
+hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_21_Feb_1832">Mexico, den 21.
+Februar 1832.</p>
+
+<p>Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber
+Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte
+ich das auch nicht? — Ich hatte diesmal aber noch eine besondere
+Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten
+Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider
+gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war
+nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte
+(es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht
+werden, die Pferde waren gesattelt und <span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span>warteten unserer im Hofe, der
+leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen)
+belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas
+kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den
+glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem
+Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere
+auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als
+ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen
+noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte
+schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus
+der Cavallerie ausstreichen lassen. — Gebrochen scheint nichts zu
+seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz
+steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere
+Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten
+acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen
+zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen,
+da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon
+sagen.</p>
+
+<p>Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein
+von Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang
+gebracht worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide
+gehalten. Der Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen
+romantisch gelegenen, Capelle <span class="antiqua">de nuestra Señora de Gouadaloupe</span>,
+(wovon ich später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas
+zu erzählen haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie
+abgesteckt, und am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für
+die Zuschauer angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte
+lang, denn man behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft
+wegen) kein Pferd <span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span>einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde
+aushalten können (?). — Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden
+Pferde sind alle von mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig,
+aber ohne Schönheit und Grazie, und mit den edelgeformten englischen
+Wettrennern (<span class="antiqua">racehorses</span>) eben so wenig zu vergleichen, als
+das Wettrennen selbst mit denen in England, wo es Nationalsitte ist
+und Tausende von Zuschauern heranzieht, während sich hier nur eine
+sehr mäßige Zahl von Menschen zu Pferde und zu Wagen versammelt, um
+das Schauspiel mit anzusehen. Unter denen, die da waren, ward jedoch
+auf gut mexicanisch stark gewettet. Leider bildeten sich dabei zwei
+Partheien, eine englische und eine mexicanische, und da die erstere
+gewann, so machte dies übles Blut bei den Eingebornen, was gerade jetzt
+um so mehr zu bedauern ist, als die Politik ohnehin schon von Seiten
+der theokratisch-altspanisch gesinnten Gouvernements-Parthei, eine
+Spannung gegen die <em class="gesperrt">Fremden</em> hervorbringt.</p>
+
+<p>Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß
+die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend
+seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit
+Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den
+Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund
+vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es
+hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der
+Dinge weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. —
+Es handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um
+das was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch
+nicht blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller
+Anstrengung des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend
+Mann hat zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken!
+<span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>— Damit nimmt man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche
+Hafen und Festung zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500
+Mann unter einem Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen
+an Talent überlegen ist, und dessen Truppen gut genährt und unter
+Obdach einquartirt sind, während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz
+belagern will, in einer Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits
+so weit vorgerückten Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber
+preisgegeben ist. — Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10.
+März einen Angriff auf Vera-Cruz wagen! — ich glaube aber an keinen
+Erfolg und bin der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen
+müssen. Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication
+zwischen hier und Vera-Cruz gar sehr, und <em class="gesperrt">Friedrich</em> ist daher
+eigens dahin gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über
+die Maaßregeln zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen
+werden müssen, falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln
+sollten. Er ist Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren
+Männern häufig geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa
+einen Unfall gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das
+Pferd rannte nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür,
+wodurch er sich an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch
+— Gottlob — Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa,
+die Reise von dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn
+denn das, in solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz
+herstellen wird.</p>
+
+<p>Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und
+Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine
+ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span></p>
+
+<p><span class="antiqua">P. S.</span> So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit,
+zu meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum
+7. November reichend, aus R.. — Gottlob, daß ihr alle wohl und so
+vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß
+die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe
+denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet
+übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns
+statt! — Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen
+Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben
+hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen,
+Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst
+Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt,
+und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber —
+die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar
+gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis
+jetzt beurtheilen kann, würden sie <em class="gesperrt">Dir</em>, da Du, obgleich ein
+Kind des Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen.
+Mir ist das Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich
+schon an die Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der
+<em class="gesperrt">Hitze nähert</em>, ohne sie <em class="gesperrt">zu seyn</em>, der kalten und frostigen
+Atmosphäre bei uns weit vorzuziehen.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_21_Mar_1832">Mexico, den 21.
+März 1832.</p>
+
+<p>Noch immer habe ich Hausarrest und kann noch nicht ohne Krücken
+gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du
+Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut
+fliegen, es nicht auf <span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost
+gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer
+stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen
+Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils
+unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich,
+wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du.</p>
+
+<p>Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen,
+denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten,
+worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was
+in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir
+allein <em class="gesperrt">Euren</em> Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz
+ganz hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere
+Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges
+Wohlseyn erfahre. — Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste
+verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt
+in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein
+brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen;
+er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die
+Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im
+Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht,
+beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das
+Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn
+als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen
+Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf
+dessen ganzes Corps, und mußte sich, <span class="antiqua">bon gré mal gré</span>, am 3ten
+dieses bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl
+noch Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span></p>
+
+<p>Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde — und Santa Anna
+verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell
+die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um 4
+Uhr an und hielt diesmal keinen <em class="gesperrt">Triumph-Einzug</em>! — So groß sind
+aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell
+gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei
+neuen Muth einzuflößen, — während Calderon, der, wenn er mit Energie
+vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner
+nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte
+Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte,
+vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit
+einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals
+gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren
+gedenkt.</p>
+
+<p>Bei Tolome ward denn auch — denke Dir! — ein Landsmann von uns (der
+Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise
+mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair
+ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer
+genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei
+Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den
+Degen nicht mehr halten konnte. — Calderon ließ ihn vorführen und
+wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich
+in den <em class="gesperrt">häuslichen Bruderzwist der Mexicaner</em> nicht mischen
+sollten! Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel,
+daß er gleichfalls <em class="gesperrt">Fremde</em> in seiner Armee habe! — Es dienen
+deren nämlich mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der
+mexicanischen Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein
+gewisser Arago, ein französischer Artillerie- und <span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span>Ingenieur-Officier,
+aber auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. — H.
+ward also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot
+zu Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften
+mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. — Der Vorfall
+ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber
+zu machen? — Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der
+Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen.</p>
+
+<p>Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der
+Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen
+und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des
+Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, — das kannst Du
+Dir denken, — aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite
+Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa
+Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort
+dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich
+ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu
+marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? — Er kommt
+wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der
+Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte
+Deputation und — <em class="gesperrt">geht zu der Gegenparthei über</em>, obgleich ihm
+der Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war!</p>
+
+<p>Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden
+wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico
+verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als
+glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten
+muß und wird. — Man scheint indessen im Minister-Conseil noch
+keinesweges <span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span>nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen
+werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß
+der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der
+Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz
+und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges,
+weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht
+unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden
+können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem
+Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen.</p>
+
+<p>Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich
+mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem
+Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt
+schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach
+Europa nicht werde denken können. — Deine Täuschung hierüber kann
+nicht größer seyn, als die meinige! Aber — die <em class="gesperrt">Pflicht</em> gebeut,
+und da müssen die <em class="gesperrt">Wünsche</em> schweigen; — sie waren sonst heute
+lebhafter als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte
+<em class="gesperrt">Deinen Geburtstag</em> still und einsam — aber in treuer inniger
+Liebe!</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_11_Apr_1832">Mexico, den 11.
+April 1832.</p>
+
+<p>Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann
+und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin
+auf dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist
+in dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der <span class="antiqua">beau monde</span> von
+Mexico, sie wechselt dreimal im Jahre, im <em class="gesperrt">sogenannten</em> Winter
+(einen eigentlichen hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr
+<span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span>ist’s der Paseo Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo.
+Die Alameda habe ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe
+ich nur zu sagen, daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee
+ist, welche längs des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende
+Gegend bietet, wie überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico,
+keine Naturschönheiten dar, man hat an beiden Seiten flaches Land,
+ohne Baum- und Buschwerk. Der, von langen, breiten Böten oft stark
+befahrene, Canal auf der einen Seite, und die zahlreichen Equipagen,
+Reiter und Fußgänger auf dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch
+ein heiteres Leben; — die Böte auf dem Canal insbesondere gewähren
+oft einen recht amüsanten Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten,
+welche Blumen nach der Stadt bringen und nun auch ihre Häupter damit
+bekränzen, einher fahren, oder wenn von der niedern Classe der Städter
+Spazierfahrten auf dem Canal veranstaltet werden, bei welchen hier
+und da, in den Böten, ein junges Paar einen National-Tanz nach der
+Guitarre abhüpft und der Rest darüber herzlich lacht. — Solche
+Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande weit minder lärmend, als bei
+uns; das liegt im Charakter der Mexicaner, der, so weit ich ihn habe
+kennen lernen, ein <em class="gesperrt">stiller</em> und <em class="gesperrt">milder</em> ist.</p>
+
+<p>Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der
+Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles
+emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier
+etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu
+unternehmen wage. — Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe
+nehmen!</p>
+
+<p>Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom
+Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr
+eine deutsche Meile von der Stadt. —Ersteres <span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>ist ein nördlich von
+Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln
+in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen
+Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die
+meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch
+immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein
+<span class="antiqua">soit-disant</span> botanischer Garten angelegt, in halb maurischem,
+halb altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und
+schmalen Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u.
+dgl. m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß
+es jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist
+ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer,
+als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und
+namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe;
+eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und
+also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die
+an der Wurzel über der Erde nur <em class="gesperrt">einen</em> bilden, der Stamm hat hier
+41 Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine
+andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese
+Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende
+Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde
+und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. — Von
+hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am
+Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden
+führt. In dem, abermals <span class="antiqua">Fonda francesa</span> benannten, Wirthshause
+fanden und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher
+ein wenig mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam
+überschütteten, Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack
+verrieth. <span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span>Unter Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas
+ganz anderes daraus geworden.</p>
+
+<p>An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der
+aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten
+immer, vernachlässigt und im Verfall ist. — Es ist sonst ein recht
+stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem
+Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico.
+Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß
+hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr
+vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut
+und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden
+stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen
+Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen.</p>
+
+<p>Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon
+mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann.
+Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns
+ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da
+wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter
+vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen,
+eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen; wir
+frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten auch
+wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit Realen
+(dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der Gärtner,
+der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und Kindern,
+(letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf, <span class="antiqua">sans
+façon</span> sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz
+hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als
+er aber, nachdem er den Dollar verloren <span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>hatte, eine Unze (Goldstück
+von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück
+und verbaten uns seine Gesellschaft <span class="antiqua">in toto</span>, was er auch
+weiter nicht übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder
+abtrollte, wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der <em class="gesperrt">Fremden</em>
+(dies waren die meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit
+seiner Unze in die Schranken zu treten!</p>
+
+<p>Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils
+zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir,
+zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten
+anlangten.</p>
+
+<p>Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und
+wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten
+Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda
+und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. — Dieser
+Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr
+solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von
+häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d.&#8239;h. ohne
+Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt,
+woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores
+nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht
+wird.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_24_Apr_1832">Mexico, den 24.
+April 1832.</p>
+
+<p>Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer
+als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun
+heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch
+eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der
+Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das <span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span>Wasser
+betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle,
+armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich
+abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe
+es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf
+den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade
+verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen,
+auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich
+angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens
+herzlich schlecht, d.&#8239;h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und
+Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst
+in Stein <em class="gesperrt">ausgemauert</em> und die Zellen klosterartig und dunkel!
+Sicherlich haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein
+ziemlich großes Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle.
+Man nennt es Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und
+liegt hart an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach,
+seicht und nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen
+Fischen, von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge
+Indianer ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels
+haben. Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich
+darf sagen das <em class="gesperrt">gräßliche Bild</em>, welches ich hier sah, gewiß in
+meinem Leben nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig
+und der Eingang groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als
+15 Familien, aus mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling,
+bestehend, darin gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt,
+den Bedürfnissen derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da
+brannte ein Feuer, an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel
+bereitet wurden, auf welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder
+mit gierigem Heißhunger <span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span>zu warten schienen. Man konnte deutlich
+bemerken, daß hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber
+keine Gemeinschaft der Güter stattfand. — Außer den kärglichsten
+Nahrungsmitteln und einigen Fischernetzen war freilich auch nichts
+vorhanden, was eine Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast
+Alle gingen ganz nackt und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung
+um und an sich, was bei der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein
+europäisches Auge kein sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen
+jedoch, obgleich auf der untersten Stufe der menschlichen Bildung,
+fröhlich und guter Dinge zu seyn. — Meine Erscheinung in der Höhle
+brachte die ganze Masse in Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich
+etwas zu erbetteln, ich gab was ich bei mir hatte, es reichte aber
+nicht aus und ich hatte viele Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom
+Leibe zu halten und meinen Rückzug zu bewerkstelligen!</p>
+
+<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br>
+*</p>
+
+<p>So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die
+ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler
+Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich
+sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier
+und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder
+Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier
+des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach
+den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und
+es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten
+Indianern, Léperos u.&#8239;s.&#8239;w., gleichzeitig neben den reich gekleideten
+Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am
+Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz
+<span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span>vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von
+Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher
+bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren
+Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es sich
+dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an diesem
+Tage <em class="gesperrt">keine andere als kühlende Getränke, wie z.&#8239;B. <em class="gesperrt">Limonade</em>
+u. dgl. verabfolgt werden dürfen</em>. — Früher lustwandelten hier auch
+die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich
+der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist,
+oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich
+nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale
+die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit
+dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die
+Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen
+wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der
+Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme <em class="gesperrt">Judas</em> muß, in
+unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den
+Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln,
+hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines
+ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein
+Pariser könnte hier auch ausrufen: <span class="antiqua">tout comme chez nous!</span> was
+aber nicht <span class="antiqua">comme chez nous</span>, doch komisch genug ist, das ist
+der Spaß, den sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden
+machen, die sie auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei
+und zwei stellen sich an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer
+über, welches sie mit solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen,
+daß kein Hund, sei er auch noch so schnell und behende, ungeschnellt
+darüber wegkommt. Die Thiere scheinen dies zu ahnen <span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span>und flüchten unter
+allgemeinem Geheul in die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber
+ist.</p>
+
+<p>Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so
+wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die
+Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von
+selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener
+starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser
+Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen
+Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich
+je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war
+am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende
+Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz
+erschlagen!</p>
+
+<p>Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast
+befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und
+meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir
+zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn
+die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe
+von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind,
+zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt,
+doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem
+Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich
+er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit
+Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich
+doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem
+Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der
+Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug,
+mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen
+vorzöge, daß er sehr bedaure, <span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>daß der würdige preußische Generalkonsul
+(Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere,
+worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.&#x2060;<a id="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a>
+Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter
+Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr
+verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte
+erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn
+soll.</p>
+
+<p>Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen
+Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. — O
+daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich
+mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude
+machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer
+Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf
+der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und
+Henkel hat ein <em class="gesperrt">mexicanischer</em> Silberschmidt gemacht. Doch ich muß
+endlich einmal schließen. Lebe wohl.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_31_Mai_1832">Mexico, den 31.
+Mai 1832.</p>
+
+<p>Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen
+Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern
+von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage
+hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und
+daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du
+siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und
+daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine
+Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf der
+entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in <span class="antiqua">Tierra caliente</span>
+(heiße Zone) und <span class="antiqua">Tierra templada</span> (gemäßigte, aber doch wärmer,
+als das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen
+und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des
+ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch
+und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu
+Gunsten des Letzteren ausfielen!</p>
+
+<p>Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe,
+daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und
+geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern
+von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop2" id="P_S_vom_4_Jun_1832"><span class="antiqua">P.
+S.</span> vom 4. Juni 1832.</p>
+
+<p>Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße
+<em class="gesperrt">Nacht</em>-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und
+mich an dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. — Es ist
+dieselbe Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät
+in der Nacht abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser
+freundlicher Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der
+<span class="antiqua">Cactus grandi florus</span> in seinem Treibhause blühe! — Du <span class="pagenum" id="Page_90">[S. 90]</span>wirst
+Dich der Zeichnung gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende
+Blume hat aber den Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker
+und wirklich ganz köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher
+Reihe, einen ganz offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen
+Staubfasern, weiß mit gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der
+Cactus-Blüthen beschränkt sich aber nicht auf diese schöne nächtliche
+Blume, sondern bietet am Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an
+welchen die kleinen lieblichen Kolibri’s nicht wenig schwelgen. —
+Vor einigen Tagen verirrte sich einer derselben in mein Zimmer, ich
+fing ihn ein, um ihn in einen Käfig aufzubewahren, aber die flinken,
+bienenartig umherschwärmenden, kleinen Honigsauger ertragen kein
+Gefängniß, schon am zweiten Tage war das Thierchen todt! und es ergeht
+allen so, die eingefangen werden.</p>
+
+<p>Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der
+ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser
+Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom
+2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten,
+daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich
+diese nunmehr — bei der Wendung, welche der Gang der politischen
+Ereignisse in diesem Lande genommen hat — bald zu erhalten hoffen
+darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen
+war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter
+den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er
+Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte,
+unverrichteter Sache wieder abzuziehen. — Santa Anna folgt ihm auf dem
+Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben
+abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span></p>
+
+<p>Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider
+der Handel auch! — Lebe wohl.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der
+hohen See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen
+Berechnungen zur See, die der <em class="gesperrt">Länge</em> die unsicherste ist.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht,
+und mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir
+verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im
+April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden.
+Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> So genannt — von den Menschenopfern, welche die
+Mexicaner, vor der spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der
+mittlere Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico
+nur 17° Reaumur.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte
+Fall wirklich eingetreten; — im J. 1833 nämlich erschien das schwarze
+Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von
+Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte,
+im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen,
+mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben
+büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb
+daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten
+Tag nach der Einschiffung.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht
+werden, sind: erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero
+auf verrätherische Weise hätten gefangen nehmen und erschießen
+lassen; zweitens, daß sie, ohne dafür von dem Papst die Anerkennung
+der Republik zu erlangen, Bischöfe von Rom angenommen hätten;
+drittens, daß sie die Rückkehr der, durch ein Gesetz des Congresses,
+landesverwiesenen Altspanier begünstigten, und, vereint mit diesen und
+der Geistlichkeit, zu Gunsten des ehemaligen Mutterlandes intriguirten!
+— (<span class="antiqua">Audiatur et altera pars!</span>)</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Also genannt, weil, <span class="antiqua">mirabile dictu</span>, die Engel die
+Cathedrale erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und
+fügten in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem
+Bau der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der
+spanischen Geistlichen, vollendet hatten.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang,
+vom Thurm herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder
+gute Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom
+mexicanischen Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens
+nicht zu leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen
+zu lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht — und das mit
+Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche
+Nachbaren. — Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in
+Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten
+Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten
+Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen
+versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der
+Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden
+gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung
+in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können.</p></div>
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<h3 class="padtop1" id="Beilage_Sitio"><b><em class="gesperrt">Beilage.</em></b></h3>
+
+<p class="s4 center mbot1"><b>Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des
+Vulkans Popocatepetl, unweit des <em class="gesperrt">Plan de Amilpas</em>
+gelegen.</b></p>
+
+</div>
+
+
+<p>So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so
+mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das <em class="gesperrt">Eisen</em>,
+und man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von
+Europa zu beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja
+oft mit 20 Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen
+Geologen&#x2060;<a id="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur
+wenige Tagereisen von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden
+wichtigsten Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr
+leicht flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen
+innerer Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens
+noch übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche
+Mexicaner von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und
+ein äußerst vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu
+acquiriren, sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef
+der <span class="antiqua">Banco de Avio</span> (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der
+Industrie) zu vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe
+von Jahren, zu dem in Mexico ganz <span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>außerordentlich billigen Zinsfuß von
+5 pCt. <span class="antiqua">pro Anno</span>, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.</p>
+
+<p>Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines <em class="gesperrt">Hochofens</em> zur
+Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die
+glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das
+ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem
+Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir
+beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio
+zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der
+amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren,
+wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein
+ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten
+Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale
+von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke
+vorwärts auf unserem Wege; — nachdem wir nun dort ein Frühstück
+eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen
+Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl
+über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu
+Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen,
+wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung auf dem
+Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern auch Bett
+und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur einigermaßen
+erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen auf diesen
+beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z.&#8239;B. <em class="gesperrt">nicht
+ich</em>, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder
+Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren,
+ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an
+Zucker-Plantagen (<span class="antiqua">haciendas</span>) so reichen, Plan <span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span>de Amilpas, 2000
+Fuß tiefer gelegen als Mexico. — Der natürlich stets abwärts gehende
+Weg führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse
+und nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne
+indianische Dörfer.</p>
+
+<p>In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um
+mehr davon zu sehen. — Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte
+einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern
+Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war,
+so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten,
+alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder,
+im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging.
+Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß
+auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher
+bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen
+Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten
+(<span class="antiqua">Barancas</span>), die man auf den freien Feldern gar nicht eher
+bemerkt, bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir
+erst spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort
+wenig Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie
+die Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem
+großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.</p>
+
+<p>Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal
+durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und
+steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen
+Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich
+recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und
+Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, <span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span>wo
+wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen
+Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich
+aufgenommen und gut bewirthet wurden. — Wir fanden den Hoch-Ofen schon
+über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern
+Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz
+in der Nähe des Sitio finden. — Die Wasserleitung führt dem Werke,
+von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers
+zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die
+Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern
+die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen,
+und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager
+so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen
+geschafft werden können. — Die Unternehmer schmeicheln sich, auf
+diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von
+welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern
+zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und
+werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es
+bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige
+Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine
+Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung
+unverzüglich gemacht werden soll. — Gelingt er&#x2060;<a id="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> und realisiren
+sich die jetzt von der Sache gehegten <span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span>Hoffnungen, so ist der Vortheil
+für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller
+Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen,
+der <em class="gesperrt">Oeconomie</em> wegen aus <em class="gesperrt">Kupfer</em> gießt! — Ob man es aber
+alsdann auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn
+<em class="gesperrt">deutschem Geiste</em> und <em class="gesperrt">deutscher Betriebsamkeit</em> und
+<em class="gesperrt">Ausdauer</em> verdankt? — Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun
+einmal hier zu Lande dem Ausländer nicht sehr hold.</p>
+
+<p>Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage
+äußerst romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die
+ganze Gegend beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler
+des Plan de Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das
+große Dorf Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und
+Mechaniker <em class="gesperrt">Deutsche</em> sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt
+werden. — Ein anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets
+gefüllt erhält, vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem
+Ursprung <em class="gesperrt">ganz deutschen Anlage</em>. Hoch über derselben in der
+Nähe der Wasserleitung fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian,
+(bekanntlich eine harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung)
+dessen sich die Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens,
+zu ihren Waffen sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit
+welchen letztern sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt,
+bei so unvollkommenen Utensilien, unbegreiflich erscheinen. — Da es
+auf dem Sitio am Tage sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts
+<span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span>strömende Felsbach, durch die vielen Badestellen, die er bildet, oft
+eine große Erquickung, die ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß.
+— Die Nächte sind hier aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen,
+in einem noch unvollendeten Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten,
+so verursachte mir das eine tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur
+so lange, bis wir in <span class="antiqua">Tierra caliente</span> ankamen, wo sie, noch ehe
+die Sonne in der Mittagsstunde alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig
+weggeschwitzt war. Wir machten uns nämlich am frühen Morgen auf den
+Weg, um eins der entfernteren, in <span class="antiqua">Tierra caliente</span> gelegenen
+Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen dabei durch ein sehr schönes,
+großes Dorf, von ganz indianischem Zuschnitt. Der dortige Geistliche,
+der uns gastfreundlich aufnahm, war ein unterrichteter Mann und hatte
+eine recht hübsche Bibliothek, die er, <em class="gesperrt">so aufgeklärt</em>, vor dem
+Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte besitzen dürfen! Ich fand
+darin unter andern auch Humboldts Werke, in spanischer Uebersetzung,
+und als ich ihm meine Freude darüber äußerte, daß er unsern großen
+Landsmann kenne, versicherte er, daß er Niemanden höher schätze,
+und daß <em class="gesperrt">er</em> es gewesen sei, der in dem ersten constituirenden
+Congresse darauf angetragen habe, <em class="gesperrt">dem Baron Alexander v. Humboldt
+das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren</em>, was dann auch geschehen
+sei!</p>
+
+<p>Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche
+Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge,
+und gegen uns freundlich und gefällig waren;&#x2060;<a id="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> die Hitze war sehr
+groß und brachte, wie es <span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>schien, alles zur Reife und ins Leben. Der
+unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken,
+sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des
+Weges und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es
+die Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch
+die schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel,
+deren schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte,
+sondern auch mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer
+Gesellschaft bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des
+Zerschellens dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt
+würden, ähnlich fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden,
+daß er nicht ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den
+<em class="gesperrt">Bouteillen-Vogel</em>, und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe,
+erschien mir der Vergleich stets ein sehr passender.</p>
+
+<p>Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns
+sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ.
+Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den
+climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich
+auf jeder Hacienda seyn <em class="gesperrt">muß</em>) war klein. Wir besahen nunmehr die
+Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß überall
+nur <em class="gesperrt">freie Arbeiter</em> zu sehen waren, und daß es mithin sich als
+<em class="gesperrt">unwahr</em> ergiebt, wenn die Nordamerikaner der <span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>der südlichen
+Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen
+Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte,
+und namentlich die Zucker-Fabrication, <em class="gesperrt">könne nicht ohne Sclaven
+betrieben werden</em>! — <em class="gesperrt">Mexico</em> liefert den praktischen und
+faktischen Beweis des Gegentheils. Hier ist z.&#8239;B. eine Zucker-Plantage,
+die jährlich ungefähr Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie
+Arbeiter liefert, und es sind solcher Anlagen in diesen und anderen
+Gegenden der Republik <em class="gesperrt">noch viele</em>; nicht nur hinlänglich, um
+dem großen Bedarf an Zucker für die eigene Bevölkerung zu genügen,
+sondern auch von den Häfen San Blas und Acapulco aus, nach Chile
+große Quantitäten davon auszuführen, ohne daß von Sclaven-Arbeit
+die Rede seyn <em class="gesperrt">dürfte</em>. Denn was auch sonst die Fehler der
+<em class="gesperrt">mexicanischen</em> Constitution seyn mögen, in <em class="gesperrt">einem</em> Stücke
+ist sie der gepriesenen <em class="gesperrt">nordamerikanischen</em> weit überlegen,
+nämlich darin, <em class="gesperrt">daß sie die Menschenrechte ehrt — und keine
+Sclaverei duldet</em>! Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die
+Arbeiter auf jener Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als
+<em class="gesperrt">freie</em> Menschen abgelöhnt wurden, — und ich sagte mir: was in
+diesem Lande möglich ist, ist es auch in andern, und es <em class="gesperrt">muß</em>
+daher auch in Westindien und in Nordamerika dahin kommen, daß der
+Sclave zum freien Tagelöhner wird.</p>
+
+<p>Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen,
+üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es
+abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die
+Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer
+das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große
+Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene
+Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. <span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>So kommt
+er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht
+Statt. — Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr
+süß.</p>
+
+<p>Die von der Hacienda nicht weit entfernten <em class="gesperrt">Eisen-Bergwerke</em>
+boten als Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen
+springenden Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen,
+daß sie so lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. — Einer
+der Aufseher, ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der
+Nähe schattiger Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei
+Abtheilungen bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren,
+in welcher er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine
+Flinte brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als
+Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier
+äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. — Der Rückweg führte uns wieder
+durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und
+fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen
+dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten,
+besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.</p>
+
+<p>Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon
+den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu
+variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf
+diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche
+Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem
+größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war
+Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb <em class="gesperrt">Markttag</em>, der,
+sehr stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte
+und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und
+Nürnberger <span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>Spiegel, — kurz <em class="gesperrt">Alles</em>, selbst das heterogenste,
+ward zum Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der
+Umgegend, meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen
+und eben nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie
+ich ihn denn überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch
+die ich in diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. — Es mangelt
+eben hier noch nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite
+Straßen, große Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im
+Allgemeinen gewiß sehr zuträglich ist.</p>
+
+<p>Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei
+guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen
+ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale.
+Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr
+von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr
+in Mexico an! — Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit
+hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln
+bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren
+hübschen Dörfern und den viel besprochenen, <em class="gesperrt">schwimmenden Gärten</em>
+vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen
+seyn mögen, <em class="gesperrt">jetzt nicht schwimmend</em>, sondern große, viereckige,
+den Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben
+und durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande
+in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig
+antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche
+in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und
+Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die
+natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl
+die erste Veranlassung zu der <span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>allzu feenartig klingenden Benennung von
+“<em class="gesperrt">schwimmenden Gärten</em>” gegeben haben!</p>
+
+<p>Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und
+ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte
+der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio
+beendigten.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_17_Jun_1832">Mexico, den 17.
+Juni 1832.</p>
+
+<p>“<em class="gesperrt">Pfingsten</em>, das liebliche Fest war gekommen!”</p>
+
+<p>Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande
+und im Freien begangen. — Wie es in andern Theilen der Republik
+gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es
+nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach <em class="gesperrt">St. Augustin</em>,
+einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen
+Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico
+herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht
+sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes
+seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, —
+statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, — da
+zu erbauen, wo jetzt <em class="gesperrt">St. Augustin</em> steht. Begreiflicher ist, daß
+in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen,
+und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn
+Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen,
+welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein
+kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit
+vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; — und dahin
+zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen.
+Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, <span class="pagenum" id="Page_102">[S. 102]</span>Tanz
+am Tage im Freien und <span class="antiqua">bal paré</span> am Abend, alles ist dort zu
+sehen und zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und
+heiteres zu nennen. — Aber, aber, — ist nicht der alleinige Magnet,
+der in diesen Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu
+Fuß von Mexico nach St. Augustin zieht! Es ist die <em class="gesperrt">Spielsucht</em>,
+vielleicht mehr als alles andere, denn dieser wird nirgends und
+zu keiner Zeit ein größeres Feld gegeben, als gerade hier. — Die
+Regierung beobachtet nämlich das äußere Decorum hinsichtlich des
+Spiels, wenigstens in so weit, daß sie die Hazardspiele verbietet, und
+deren Oeffentlichkeit, namentlich in der Hauptstadt, nicht duldet. Die
+nichts desto weniger gekannten und stark besuchten Monte-Banken werden
+in Mexico nur heimlich aufgelegt. Zu Pfingsten aber hat St. Augustin
+ein Privilegium, (gleich wie unsere in dieser Hinsicht berüchtigten
+Bade-Orte den ganzen Sommer über) während fünf Tagen öffentlich Bank
+auflegen zu dürfen, und Du kannst denken, daß dies nicht unbenutzt
+bleibt. In nicht weniger als 20 verschiedenen Häusern wird zu St.
+Augustin auf Pfingsten Monte-Bank gehalten, in 15 derselben nur mit
+Gold pointirt, in den übrigen mit Gold und Silber.</p>
+
+<p>Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir
+nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement
+alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber
+ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also
+einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold
+allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen
+aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½
+vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von
+den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger
+als je mangelt, gesucht <span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler
+davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was
+die <em class="gesperrt">meisten</em> derselben wieder mit <em class="gesperrt">zurücknahmen</em>; denn
+das wird nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie
+glücklich gespielt hätten! <em class="gesperrt">Eine</em> Bank ist freilich gesprengt
+worden und hat 3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten,
+obgleich Monte anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die
+Bank am wenigsten begünstigt! — Ich versuche es nicht, Dir ein Bild
+von der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward,
+oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des
+Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern
+(auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab!
+— Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo
+besser. Aber <em class="gesperrt">eine</em> Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich
+Dir doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in
+einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann
+stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas
+anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de
+*** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus
+der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort
+abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als
+empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und
+Pointier habe ich in Europa nicht gehört.</p>
+
+<p>Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die
+Festtage hinbrachte! — Daß diese mit der Messe (<span class="antiqua">Misa</span>) und
+einer Procession in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst.
+Hierauf besucht man wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen
+Tag über aufhält, und am Abend in noch größerer Menge sich mit
+Trinken und Spielen <span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span>erlustigt. Die Hahnengefechte, welche bei den
+Mexicanern im Allgemeinen sehr beliebt sind, gehören hier zu den
+Vormittags-Vergnügungen, und werden in einem recht hübschen, runden
+Local gegeben, woselbst Sitze und Logen amphitheatralisch für die
+Zuschauer angebracht sind, welche aber hier nicht so zahlreich,
+wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den Stiergefechten. Der
+Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in eine der Logen, mit
+einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend eine Notiz von ihm
+genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem Publicum zu erwarten,
+welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des unsterblichen Hogarths
+Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser sehen und begreifen, als
+ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser scheinbar unbedeutende Kampf
+die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften aller Umstehenden erregt und
+fesselt! — und auch dies ist ja hier <span class="antiqua">tout comme chez nous</span>! —
+Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens groß, stark und hochbeinig,
+und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe der scharfen, langen,
+stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner kurzen Proceß.</p>
+
+<p>Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei
+andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die
+größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.</p>
+
+<p>Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern
+Mittagessen an <span class="antiqua">Table d’hôte</span> (man zahlt für’s Essen und eine
+Flasche französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach
+dem schönen Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel <span class="antiqua">beau
+monde</span>, mitunter sehr reich in französischem Geschmack gekleidete
+Damen, auf dem schönen grünen Rasen, über welchen hin und wieder
+Matten ausgebreitet waren, gelagert hatte, und sich theils an der
+schönen Natur und <span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span>einer reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten
+Wetter, ergötzte, theils sich, bei guter militärischer Musik, mit
+Tanzen erlustigte. Auch hier erschien Bustamante in dunkelgrüner
+Husaren-Uniform, aber auch hier ging er überall unbemerkt vorüber, und
+nur selten ward hier und da ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir
+durchaus nicht die öffentliche Achtung zu genießen, welche nach meinen
+Begriffen der ersten Magistrats-Person eines Landes gebührt.&#8239;—</p>
+
+<p>Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht
+früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen
+hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall
+gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem
+Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die
+Andern um für den Ball Toilette zu machen. — Mittlerweile will ich
+Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine
+optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, — nämlich nichts
+mehr und nichts weniger als einen <em class="gesperrt">bergauf strömenden Bach</em>. Diese
+Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine
+Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß
+man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend,
+sich vom Gegentheil zu überzeugen!</p>
+
+<p>Für den <span class="antiqua">bal paré</span> am Abend ward das Local des Hahnengefechts
+recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes
+Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an
+der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft
+hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein
+recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den
+schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken
+angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der <span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span>Nähe bewundern
+zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10
+Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten
+Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr
+hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne
+Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war
+geschmackvoll und reich, und der Tanz — Quadrillen und Ecossaisen —
+ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas
+allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der
+Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und
+nur die Zuschauer waren hier etwas mehr <em class="gesperrt">abwärts</em> gemischt, als
+sie es bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.</p>
+
+<p>Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch
+“<span class="antiqua">on the light fantastic toe</span>,” und fuhren bei schönem Mondschein
+nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber
+ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Jalapa_den_25_Jun_1832">Jalapa, den 25.
+Juni 1832.</p>
+
+<p>Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen
+Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! —
+Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen,
+als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den
+Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand
+abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht,
+wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u.&#8239;s.&#8239;w.
+von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der
+Hierherreise, um nichts unversucht <span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span>zu lassen, diesem peinigenden
+Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein Ende
+zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe bereits
+einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher Erwartung
+seiner Rückkehr — mit vielen, vielen Briefschaften — auch von Dir.
+Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte über die herrlichen
+Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute in dieser bezaubernden
+Gegend gemacht habe. War es schon schön, als ich im vorigen Januar
+hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser Sommer-Jahrszeit, über
+alle Beschreibung reizend. Nirgends in der Welt habe ich noch den
+aromatischen Duft der Vegetation so genossen wie hier, wo die Natur
+im höchsten Grade üppig ist und wo sich die heiße und die gemäßigte
+Zone auf eine wunderbar eigenthümliche Weise vereinigen! — Ich war
+heute in einem großen Garten, wo die Zuckerstaude und der Caffeebaum
+neben dem braunen Kohl blühen, der bei uns nur im Winter, und gleichsam
+unterm Schnee, zur Vollkommenheit reift; wo deutscher Thymian&#x2060;<a id="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a>
+neben Artischoken, die Melone neben der gemeinen Zwiebel wächst,
+und der Apfelbaum neben der palmenartigen Bannana steht. Ich könnte
+diese Gegensätze in der Vegetation, wie Kürbisse neben den saftigsten
+Melonen, neun Fuß hoher Mais neben üppigem Weizen, die fremdartigsten
+Cactus-Pflanzen neben der deutschen Nelke, Rosenbäume von ungemeiner
+Größe, Fülle und Verschiedenheit u.&#8239;s.&#8239;w. noch ins Unendliche
+fortführen, und sollte besonders die schönen Orangenbäume, welche hier
+wild wachsen, und die wohlduftenden, lilienartigen Liquidambar-Stauden
+<span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>nicht unerwähnt lassen; doch mag es an dem Gesagten genügen und der
+Rest Deiner Einbildungskraft überlassen bleiben. — Regnete es in
+Jalapa nicht fast <em class="gesperrt">täglich</em> am Nachmittage (es liegt, wie schon
+gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es ein Paradies und
+man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will ich mit Dir, o
+Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit, welche in der
+Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die Kleidungsstücke
+wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist jedoch keineswegs
+der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche Einfluß desselben
+durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende, wohlthätige Wärme
+neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen heitern
+Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an schönen
+Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich die
+frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. — Die
+schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten,
+kennt man hier nicht.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Den_26">Den 26sten.</p>
+
+<p>Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die
+sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich
+habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die
+Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu
+schildern! — Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! — Könnte ich meinem
+Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich
+ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! — aber das kann und darf
+ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das
+Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne
+zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche
+jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden
+wird. — Santa <span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span>Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz
+aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten
+in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt und
+dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte, gefolgt. —
+Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur Benützung
+eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male diesseits
+Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher letztere,
+nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt ward, um das
+Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann (mehr waren
+nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna entgegen,
+dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir, mit unsern
+Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, <em class="gesperrt">eben so schwach</em>
+war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander und
+machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende, statt
+dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel, ein
+Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war
+darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich
+von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten
+überlisten lassen u.&#8239;s.&#8239;w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100
+Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten
+und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden
+nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt
+werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna
+übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß
+man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa
+Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse!
+Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen,
+und es sollen <span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von
+Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und
+von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den
+Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. — Man
+hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der
+Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich
+denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem
+Nächsten mehr darüber berichten. — Adieu.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Jalapa_den_9_Jul_1832">Jalapa, den 9.
+Juli 1832.</p>
+
+<p>Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die
+Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich
+ein neues “<span class="antiqua">pronunciamento</span>” statt gefunden, welches die Sache
+mehr als je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch
+nennen sich, nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps,
+ja Festungen und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten
+haben, <span class="antiqua">par excellence</span>,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten
+des Präsidenten <em class="gesperrt">Pedraza</em> erklärt; d.&#8239;h. sie verlangt, daß
+derselbe, welcher sich dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia
+aufhält, zurückberufen und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist
+seiner Präsidentur, mithin bis zum April des nächsten Jahrs, an die
+Spitze der Regierung gestellt werden soll. — Dies zu fordern ist
+nunmehr Santa Anna von seinen Truppen instruirt falls er es nicht,
+wie wahrscheinlich, selbst veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls
+zur Conferenz nach Puente mit Propositionen, auf welche das
+Gouvernement nicht eingehen wird, ja nicht eingehen <em class="gesperrt">kann</em>, ohne
+geradezu abzudanken. Was ist also nun leider anders zu erwarten, als
+fortgesetzte Feindseligkeiten, deren Ende, bei der Langsamkeit, womit
+in diesem Lande <span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span>alles geschieht, und die nichts zur Entscheidung
+kommen läßt, gar nicht abzusehen ist! Nach meiner Meinung ist übrigens
+in der jetzigen Proposition der Vera-Cruzaner Partei das einzige
+Mittel zu finden, den gordischen Knoten zu zerhauen; denn ohne die
+Dazwischenkunft eines Dritten, wie z.&#8239;B. Pedraza, der ein kluger und
+gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich gar nicht ein, wie der Streit
+zwischen den, gleich starken oder gleich schwachen Chefs, Bustamante
+und Santa Anna, geschlichtet werden kann!</p>
+
+<p>General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses
+Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach
+Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen
+Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und
+bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik
+für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht
+fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem
+so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren
+kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und
+18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt
+nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler)
+im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als
+<span class="antiqua">chez nous</span>; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in
+Puente den Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem
+Uebrigen schon zufrieden geben.</p>
+
+<p>Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und
+gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man
+die meiste <span class="antiqua">beau monde</span> antrifft, ist jetzt der neue Weg nach
+Cordova, zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über
+einen kleinen Wasserfall führt! <span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span>Alles mit Geschmack und kunstgerecht
+angelegt. Es ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen
+Zeiten, hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in
+der Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß
+viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem
+eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an
+eine Meierei (nach dem spanischen <span class="antiqua">leche</span>, Milch, <span class="antiqua">lecheria</span>
+genannt), wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen
+kann, was ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn
+sehr zu Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den
+Gebrauch der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind
+hier unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf
+das Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint,
+jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß
+kommt!</p>
+
+<p>Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene
+vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen
+“<em class="gesperrt">Spinnen-Staaten-Bund</em>,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte
+sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15
+Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene
+Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben
+schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es
+oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze
+ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit
+auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen
+in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen
+der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt,
+nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter
+an den vielen <span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span>Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen
+eine Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier
+üblich, ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch
+die wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden <em class="gesperrt">Armee</em>
+erfreut, und an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu
+Lande kein Mangel ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der
+Cathedrale hören. Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich
+ausgeschmückt, hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz
+Jalapa, an einem Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum
+Chor bergauf geht, so daß der am Ende stehende <em class="gesperrt">Hoch</em>altar diese
+Benennung im wahren Sinne des Worts verdient.</p>
+
+<p>Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt,
+so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik
+schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier
+spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu
+meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes
+Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines
+hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater,
+sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und
+nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Jalapa_den_24_Jul_1832">Jalapa, den 24.
+Juli 1832.</p>
+
+<p>Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach
+Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider
+abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen.
+Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba
+besetzt, und will <span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span>von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die
+Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir
+natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt
+zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio,
+der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen,
+fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei nehmen
+den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes Haar. Nach
+ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine rasche
+Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame Wälder
+und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico gelandet
+waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter andern auf
+dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward, <em class="gesperrt">die
+noch steht</em>! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt,
+nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie
+und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber
+keine Schlachten, und der <em class="gesperrt">Anfang</em> der Feindseligkeiten ist denn
+auch bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur
+ein Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino,
+ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern
+frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe
+von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich
+ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.</p>
+
+<p>Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete
+Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen
+Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche
+Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den
+Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu
+bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser
+<span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden
+zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand
+denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten
+bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur
+Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen
+Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung
+des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe
+nur <em class="gesperrt">vorläufig auf die Wache</em> gebracht, um den nächsten Morgen
+verhört zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch
+den Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher
+wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat.
+Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr
+W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé
+gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen
+Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und
+war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse
+hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und
+dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug,
+mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam
+unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun,
+wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb
+ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus
+nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich
+doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und
+schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß
+es auch hier zu Lande eine seltene ist.</p>
+
+<p>Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß
+äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien <span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>in demselben begangen
+werden; man erinnert sich z.&#8239;B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von
+hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und
+der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen
+kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen
+und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_13_Aug_1832">Mexico, den 13.
+August 1832.</p>
+
+<p>Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von
+Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch
+nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem
+warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den
+Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist,
+weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches
+sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der
+Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des
+ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner,
+Erwähnung thun; sie <em class="gesperrt">gehen</em> nämlich nicht, wie bei uns die
+Landleute, sondern <em class="gesperrt">laufen</em> stets in einem kleinen Trabe, der
+sie ungemein schnell vorwärts bringt; der <em class="gesperrt">Mann</em> zieht alsdann,
+halb nackt und barfuß wie sie alle sind, mit einem langen Stab oder
+Sprungstock voran, nun folgt das <em class="gesperrt">Weib</em>, mit einem Paar, auf
+dem Rücken und nach vorne aufgepackten, eben so nackten Kindern, und
+endlich die schon herangewachsene liebe Jugend, so daß stets eine
+ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann in Körben auf dem Rücken,
+was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen, betrinken sich dort für
+einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren <span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span>dann, so gut es in
+diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach Hause zurück.
+Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt täglich, da
+der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich versorgt
+wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß, daß
+die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin
+bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen,
+die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von
+Cultur und Erkenntniß, auf welchem z.&#8239;B. unsere Landbewohner stehen,
+werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen
+Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter
+ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen
+Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache
+zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein
+merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit
+hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen
+Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im
+Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von
+katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von der
+heiligen <em class="gesperrt">Mutter Gottes</em> an, bis zum ungläubigen <em class="gesperrt">Thomas</em>
+herab, in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die,
+mit pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz,
+mit fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und,
+mit nach der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft
+mit langen Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen
+darbrachten. Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese
+heidnischen Priester mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand
+der ganze Zug <em class="gesperrt">unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und
+ging von einem christlichen <span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span>Tempel aus und kehrte dahin zurück</em>!!
+Wahrlich, ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger
+wunderte mich der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer,
+alljährliche, nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer
+Vermummung, an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren
+alten Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein
+und verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung
+einer christlichen Geistlichkeit.</p>
+
+<p>Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und
+zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus
+künstlichen <em class="gesperrt">Feuerwerke</em> aus, die bei der großen Hitze einer
+tropischen August-Sonne <em class="gesperrt">am hohen Mittag</em> abgebrannt wurden,
+sich aber, was Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr
+gut ausnahmen. Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die
+Wirkung eines Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte,
+dennoch habe ich es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier
+ganz vortrefflich auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit
+Kunst und Präcision. Uebung macht eben überall den Meister, und, da
+kein Kirchenfest ohne Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der
+großen Anzahl von Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt
+allein über 300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern
+wäre, so ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es
+scheint mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen
+früher so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht
+haben, daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten,
+und so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß
+in Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird,
+als in allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein
+solches Kirchenfest <span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span>kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem
+Abbrennen von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis
+am Abend, wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im
+Innern der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen
+wird. Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und
+daß es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider
+aus Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder
+in London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden
+ist, aber <em class="gesperrt">hier</em> habe ich bereits eine Menge seidner Tücher
+eingebüßt, die mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade
+mit unglaublicher Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen
+Montezumas aus der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas
+haben sie mir neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt;
+ich sah es, als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von
+einem zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den
+ich gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten
+konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin
+visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch
+eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah
+es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen
+ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen
+Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum
+die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß
+ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines
+ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm
+sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr
+erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf
+an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie <span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>mit
+Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten
+und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht,
+denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes
+mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht
+gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe,
+denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum
+Verkauf anbot.</p>
+
+<p class="mtop2">Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines
+anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar
+still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp,
+aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest
+unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis
+von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben
+an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und
+gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12
+Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen,
+glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und <em class="gesperrt">bürgerlichen Freiheit</em>
+erfreuen.</p>
+
+<p class="mtop2">Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten
+Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das
+braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen,
+denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der
+Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist.
+Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die
+<span class="antiqua">Paseos</span>, <span class="antiqua">torros</span> (Stiergefechte) und Theater werden, nach
+wie vor, besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß
+und ich hätte es, in <em class="gesperrt">der</em> Beziehung, mit meiner Reise nicht
+leicht schlechter treffen können.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span></p>
+
+<p>In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur
+Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich
+schließen. Ich umarme Dich.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_30_Aug_1832">Mexico, den 30.
+August 1832.</p>
+
+<p>Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige
+politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort
+halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist,
+was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern
+Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico
+enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.</p>
+
+<p>Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über
+einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt,
+nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt
+die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und
+erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die
+Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der <em class="gesperrt">heißen</em>
+Bäder, jetzt nur noch die <em class="gesperrt">warmen</em> gebrauche, deren man hier in
+der Stadt, in zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei
+dem letzten heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens
+keinen kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten,
+81 jährigen Freund S. — Dieser, noch immer kräftige und lebendige,
+Greis bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in
+demselben, trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine
+Cigarre dabei anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich
+schon heraus, und auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war.
+Nach einiger Zeit hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein <span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>Sprudeln
+in dem Wasser mit dem Munde u.&#8239;s.&#8239;w.; erschrocken sprang ich auf, und
+— denke Dir mein Entsetzen — sah den alten Mann, den Kopf unter dem
+Wasser und nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben
+drängend. Er mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück
+war mein Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den
+alten Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn
+in’s Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht
+sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf
+mich selbst aber in die Kleider und fuhr <span class="antiqua">pleine carriere</span> nach
+der Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu
+Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten
+noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft
+dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet,
+mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd,
+daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet
+sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der
+zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten,
+mit dem Leben davon kommt? — Ich möchte wenigstens an mir die Probe
+nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.</p>
+
+<p>Nun aber auch zur Politik! — Wie ich Dir neulich schon sagte, so
+greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden
+haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte
+Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die
+Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat
+sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma
+und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt, daß
+das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-<em class="gesperrt">Stadt</em>
+<span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>eingeengt sehen wird. Alle <span class="antiqua">pronunciamentos</span> werden übrigens
+jetzt zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück
+wünscht. Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein
+Schiff zu seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf
+eines einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der
+Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von
+Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem
+Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann
+erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die
+Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie
+die unausbleibliche Folge seyn.</p>
+
+<p>Seit General <em class="gesperrt">Teran</em>, der geschickteste und zuverlässigste
+Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich
+(aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das
+Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen,
+und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei
+auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich
+entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für
+dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen
+zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward
+ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei
+Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten
+eine Schlacht liefern will.</p>
+
+<p>Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio
+zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange <em class="gesperrt">dieser</em>
+nicht besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet
+werden. Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht
+gelungen Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird.
+Dieser <span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber,
+ohne, wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.</p>
+
+<p>In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung
+seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und
+Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte),
+mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des
+Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von
+Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen
+als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger
+Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z.&#8239;B. Parade-Marsch vom
+Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner,
+Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden;
+dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse
+daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese
+versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis
+jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch
+längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als
+das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige
+Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der
+andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam
+mit Füßen tritt.</p>
+
+<p>Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe
+wohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_17_Sep_1832">Mexico, den 17.
+September 1832.</p>
+
+<p>Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage
+des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, <span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span>es ist vielmehr ein
+peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor
+dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben
+wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt
+sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements
+nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen! und
+dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern, als
+der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (<span class="antiqua">el aniversario de
+la independencia Mexicana!</span>). Schon am Abend vorher ward, bei
+Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht,
+und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern
+deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher
+bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich
+die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande
+besitzen.&#x2060;<a id="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit
+50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten
+von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde
+geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den
+Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der
+Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit
+Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war
+Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein
+<span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span>Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach
+dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don
+José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den
+Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.</p>
+
+<p>Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß
+genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet
+und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch
+ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch
+nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden
+wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.</p>
+
+<p>Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in dem
+geräumigen Hofe aufgestellte, in der That <em class="gesperrt">colossale</em> Statue
+von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht
+sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und
+gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der
+Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen,
+an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen!
+und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken
+ihren Götzen Menschen opferten.&#x2060;<a id="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> Nun <span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span>sind wir aber auch mit den
+Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der
+Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu
+Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden
+leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer
+Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt;
+das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt
+habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und
+erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt
+bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht
+abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen,
+um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete
+mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen
+Gelegenheiten üblich ist, auf <span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>dem Rücken eines Indianers hin- und
+zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben
+so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper
+und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht
+befriedigte.</p>
+
+<p>Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern
+Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, <span class="antiqua">pro beneficio</span>
+desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte
+Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Jetzigen Verweser des Königl. preußischen
+General-Consulats in Mexico, Hrn. von Geroldt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> Der Versuch <em class="gesperrt">ist gelungen</em>, und ich habe noch vor
+meiner Abreise von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den
+kleinen Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste,
+die man wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von
+Mexico den Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta.
+Anna, von der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine
+Sauvegarde nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien
+zu schützen, so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger
+Präsident, es auch ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung
+selbst Hülfe vom Staat gewähren werde.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß
+wenn ich von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben
+will, daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d.&#8239;h. von <em class="gesperrt">Asteken</em>
+u.&#8239;s.&#8239;w. bewohnt seyen, sondern nur, daß <em class="gesperrt">diese</em> die Mehrzahl
+bilden. In einem solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen
+Städten, wohnen stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer
+Abkunft) entweder rein oder mit indischem Blute gemischt, welche
+theils Gewerbe treiben, theils Boutiquen (<span class="antiqua">tiendas</span>) halten. Die
+Magistrats-Personen sind fast immer Creolen. Die <em class="gesperrt">Masse</em> der
+Landbewohner sind aber <em class="gesperrt">Indianer</em>, wie man hier die eigentlichen
+Mexicaner nennt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der
+Bienenzucht willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die
+man überhaupt im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs
+zu gewinnen, welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen
+einführt.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die
+deutsche Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große
+Mißgriffe in der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man
+unter anderen kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes,
+mit großem Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten
+drei Schneider zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu
+erbauen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein
+verfertigte kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich
+in ihren Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in
+Mexico noch immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt
+kommenden Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute,
+Herr Carl Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat
+eine so große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte
+Sammlung mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht
+eine andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen
+Rückkehr in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und,
+da er seine Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche
+historische Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren
+noch keine besitzen.</p>
+
+<p>Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den <em class="gesperrt">jetzigen</em>
+Einkäufen die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu
+werden, und neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen
+antiquen zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit,
+seitdem sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie
+nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu
+holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten.</p>
+
+<p>Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern
+und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich
+zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das,
+der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die
+Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch
+eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren,
+und Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des
+Volkes malerisch und höchst correct <span class="antiqua">en miniature</span> darzustellen
+verstehen.</p></div>
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Einiges_aus_der_neueren_Geschichte_von_Mexico"><em class="gesperrt">Einiges</em><br>
+<span class="s6">aus</span><br>
+<span class="s4"><b>der neueren Geschichte von Mexico</b></span><br>
+<span class="s5">bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit<br>
+am 16<sup>ten</sup> September 1832.</span></h3>
+
+</div>
+
+<p>Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von
+den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin
+Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich
+dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der,
+obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche
+Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes
+schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der
+Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das
+sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen
+Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was
+aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine
+durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine
+Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf
+den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren
+eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen
+Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht
+erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht
+hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für
+die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor <span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>der Eroberung durch die
+Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten
+von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch
+die Engländer und Franzosen.</p>
+
+<p>Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem
+berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen
+Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer
+bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z.&#8239;B. Asteken,
+Otemiten, Chinchimiken u.&#8239;s.&#8239;w. bestanden) mit der Geringschätzung
+und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und
+jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst
+die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen
+eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu
+betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden
+der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue
+Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade
+dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man
+Creolen nannte und nennt) vermehrten.</p>
+
+<p>Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die
+Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende
+Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung
+über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz
+Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets
+vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der
+Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe
+zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun
+aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den
+Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die
+in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die <span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>pecuniäre Mithülfe Mexico’s
+in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System
+aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete
+Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter
+erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens
+<em class="gesperrt">Hidalgo</em>, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der <em class="gesperrt">mexicanischen
+Nation</em> (so nannten sich nun zum ersten Male alle <em class="gesperrt">Eingeborne</em>
+ohne Unterschied des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die
+<em class="gesperrt">Fremden</em> (<span class="antiqua">los estrangeros</span>, mit welchem Namen man von
+nun an die Alt-Spanier bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an
+den heiligsten Urrechten des Menschen und des Bürgers so hartnäckig
+verweigerten, mit Gewalt und mit den Waffen in der Hand zu vertreiben!</p>
+
+<p>Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um
+das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme
+anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber
+sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung
+ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen
+Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß
+ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es
+sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die
+Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von
+Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten
+fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben.
+Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische
+Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe
+als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu
+Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte,
+die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben
+Jahre, bis die Spanier <span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span>ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico
+sich als völlig befreit betrachten konnte.</p>
+
+<p>Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der
+aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an
+Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte
+aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der
+Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden,
+den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften
+jetzt noch versagen! Was kann z.&#8239;B. erhabener seyn, was von mehr
+Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen eines
+<em class="gesperrt">Bravo</em> oder die Geschichte eines <em class="gesperrt">Vittoria</em>? Beide waren
+Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale,
+wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie,
+dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war
+in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte
+ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater,
+an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und
+von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er
+sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ
+ihm die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit
+der Drohung, daß im Weigerungsfall <em class="gesperrt">diese</em> dasselbe Schicksal
+zu erwarten hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller
+Antwort ließ der <em class="gesperrt">Spanier</em> Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten,
+<em class="gesperrt">erschießen</em>! Als der Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere
+Stunden lang ein, um seinem Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach
+diesem Tribut kindlicher Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen
+300 Spanier sofort <em class="gesperrt">in Freiheit setzen</em>, damit er der Versuchung,
+eine blutige Rache zu nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! — Der
+andere Held jener Zeit, <em class="gesperrt">Vittoria</em>, war einer der ersten, welche
+<span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>beim Ausbruch der Revolution die Waffen gegen die Spanier ergriffen,
+und sie hatten keinen bitterern Feind, als ihn; er führte im Staat
+von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen Heimath, einen Guerilla-Krieg
+gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ und überall den größten
+Schaden zufügte. Als nun, während einiger Zeit, die Spanier in dieser
+Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward Vittoria von aller Amnestie
+ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung verfolgt, daß er nirgends
+mehr sicher war, und sich zuletzt in die Urwälder des Orizaba-Gebirges
+flüchten mußte; wo man denn alle Spur von ihm verlor, und wo er zwei
+Jahre lang herumirrte, ohne mit einem menschlichen Wesen in Berührung
+zu kommen!! Er lebte von den Früchten des Waldes, und war, nach seiner
+eigenen Aussage, oft so entkräftet, daß er nicht hoffen durfte, sein
+Leben länger fristen zu können. Eines Tages insbesondere glaubte
+er seinem Ende nahe zu seyn, und legte sich hin, um zu sterben; da
+ereignete sichs, daß einer jener Vögel (<span class="antiqua">Zapalote</span>), welche sich
+vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach dem Munde hackte; ein
+Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten Kräfte, schnappte nach
+dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab, und sog ihm das Blut
+aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich gestärkt fühlte,
+seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.</p>
+
+<p>Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von
+indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn
+häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die
+Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes
+fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm
+verloren! Als nun aber, durch den Sieg <em class="gesperrt">Iturbide’s</em> über die Reste
+der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich
+einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß
+er <span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span>ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie
+mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine
+Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte
+er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen
+Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam,
+so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen,
+war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend
+aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen;
+doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon
+wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen
+Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte.
+Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und
+andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder
+sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen
+des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird
+wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche
+nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand,
+glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn
+und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch
+wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern
+harrte auf den Ersehnten, und siehe da, — es dauerte keinen Tag, so
+erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem
+Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß
+der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen
+Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch
+dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß <em class="gesperrt">er</em> es sei,
+überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den
+Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß:
+der todt geglaubte <span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden!
+— <em class="gesperrt">Iturbide</em>, damals am Ruder, wollte ihn an seinen <em class="gesperrt">Hof</em>
+ziehen, aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer
+wollte nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte
+nicht allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein
+Vaterland frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren
+Kaisers, und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da
+wählte die Nation <em class="gesperrt">Vittoria</em>, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn
+für seine Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn
+auch wirklich keine ausgezeichnete besitzt), zum <em class="gesperrt">Präsidenten der
+Republik</em>; <em class="gesperrt">Bravo</em> aber zum <em class="gesperrt">Vice-Präsidenten</em>. Beide sind
+später in das Privatleben zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer
+Mitbürger begleitete.</p>
+
+<p>Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger
+unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum
+Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich
+bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit
+gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich
+persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische
+Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern
+Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie
+gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und <em class="gesperrt">nur dann</em>
+solle das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige
+Matrone antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “<em class="gesperrt">sie wolle
+das Leben eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern
+erkaufen</em>,” und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem
+Schmerz, aber mit heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_30_Sep_1832">Mexico, den 30.
+September 1832.</p>
+
+<p>Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen
+Stille folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei
+<em class="gesperrt">Gallinero</em>, in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma
+auf’s Haupt geschlagen, wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben
+verloren haben sollen! Man hat also “das köstliche mexikanische
+Blut” (<span class="antiqua">la sangre preciosa mejicana</span>) diesmal nicht geschont!
+Bustamante rückt nun mit Eilmärschen auf St. Luis los und will sich
+insbesondere des Hafens von Tampico zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg
+hat, wie Du denken kannst, hier große Sensation gemacht. Die Gegner
+der Regierung ließen es nun an Gerüchten zum Nachtheil derselben
+nicht fehlen, und machten sogar Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was
+ihnen jedoch glücklicherweise nicht gelang. Unterdessen hatte sich
+die Volksaufregung schon bis in die Gefängnisse verbreitet, und da in
+dem größten derselben, Accordada genannt, unter den vielen Hundert
+dort Verhafteten sich eine große Anzahl <em class="gesperrt">politischer</em> Verbrecher
+befand, so war es sehr begreiflich, daß diese einen gewaltsamen Versuch
+machten, sich zu befreien. Sie wurden jedoch, nachdem sie bereits die
+inneren Wachen überwältigt hatten, durch die, aus allen Theilen der
+Stadt herbeieilenden Truppen, mit einem Verlust von 20 Todten und
+50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten die Gefangenen die Oberhand
+behalten, so wären große Unordnungen, vielleicht Plünderung eines
+Theils der Stadt, die unausbleibliche Folge gewesen; so aber kamen die
+guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem Schreck davon, welchen ihnen der
+General-Marsch und das Schießen in den Straßen verursacht hatte.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span></p>
+
+<p>Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich
+schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn
+nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der
+Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande
+genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in
+den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre.
+Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später,
+seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die
+Verwendung des englischen <span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> hin, das Gefängniß
+schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte,
+seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines
+Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender
+Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen
+ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter
+widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr
+verheirathet! — Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und
+ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen
+war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für
+ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten
+Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und
+benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften
+zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl
+er wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun
+auch wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt,
+um seine Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß
+nicht eher verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet
+wurden. Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann
+leider mit dem Leben büßen müssen. — Er ward <span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span>allgemein bedauert und
+in der Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen
+Consul veranstaltete <span class="antiqua">honras</span> (kirchliche Todtenfeier) ward von
+Fremden und Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren,
+begangen. — Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier,
+letztere wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst
+durch diese traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam
+genug, wenige Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den
+Triumph seiner Verfolgung nicht lange genossen hat! — Er war übrigens
+Besitzer der reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur,
+von Zeit zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe
+von etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder
+verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!</p>
+
+<p>Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen
+sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und
+nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider
+nur arme Erze giebt.</p>
+
+<p>Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene
+Feier der Einkleidung einer Nonne, — wie ich höre reicher Eltern
+Kind, — aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß
+es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen,
+die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen
+Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die
+Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines
+Luftballons von der Alameda aus. — Dieser war ziemlich groß, durch
+mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit
+der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg
+ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine
+ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span></p>
+
+<p>Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit zu
+enden, daß ich dem Schauspiel “<span class="antiqua">El ministro</span>” beiwohnte. Das Stück
+spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen
+Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die
+Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und
+ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren
+Genuß <em class="gesperrt">der</em> Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich
+ihn in Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch
+wieder einmal der Fall werden. — Adieu.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_4_Oct_1832">Mexico, den 4.
+October 1832.</p>
+
+<p>Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in
+den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden
+leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch
+wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten
+Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn
+man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man
+sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s,
+in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren
+bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren
+diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom
+Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in dem
+Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere,
+auf breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen
+Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens
+doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier
+nicht mangelt, sind genau von derselben Form, <span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span>nur begreiflichermaßen
+im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt
+und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch
+mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von
+Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen,
+und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist,
+daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen
+eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution
+unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen,
+Landaus u.&#8239;s.&#8239;w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt
+es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der
+Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo
+viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe,
+wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich
+erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir
+in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so
+eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.</p>
+
+<p>Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie
+enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach
+allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll
+dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei
+denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung
+bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr
+langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber
+minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses
+Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis
+zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür
+annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine <span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span>solche Anpflanzung im
+Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun
+folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten
+und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte
+der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem
+die Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (<span class="antiqua">el
+corazon</span>) herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher
+Andrang von Saft, daß während zwei bis drei Monaten <em class="gesperrt">täglich</em>
+beinah drei Maaß Honig-Wasser, (<span class="antiqua">Aguamiel</span>) wie es die Indianer
+nennen, gewonnen wird. Man saugt es durch ein Horn, einem graden
+Kuhhorn nicht unähnlich, aus der Pflanze heraus, und läßt einen Theil
+davon, in dazu bestimmten Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem
+so gegohrenen Stoff, <span class="antiqua">madre pulque</span> (Mutter-Pulque) genannt,
+wird dem, sich fortwährend andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit
+beigefügt, wodurch es sofort in trinkbaren, an Farbe dünner Milch
+oder Molken ähnlichen, Pulque verwandelt wird. So lange das Getränk
+frisch ist, mithin da, wo es bereitet wird, soll es wohlschmeckend und
+erfrischend seyn, was um so größeren Werth hat, als die Gegenden der
+großen Maguay-Pflanzungen gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben.
+Wenn nun aber der Pulque nach den Städten u.&#8239;s.&#8239;w. versandt wird, was
+in Schläuchen von Thierfellen auf Esel oder Maulthieren geschieht,
+so verliert er natürlich seine Frische, und nimmt nun den höchst
+unangenehmen Geruch von faulen Eiern an, weshalb ich mich auch nie
+dazu entschließen konnte, das Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr
+die Eingebornen und mitunter sogar Ausländer, die guten Eigenschaften
+desselben auch rühmen! Jener Geruch hält auch die Masse des Volks
+nicht ab, den Pulque als ihr Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm
+in den zahllosen Pulquerien in den Städten und auf dem Lande eben so
+zuzusprechen, wie man es bei uns dem Bier und <span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>Branntewein thut. Da
+Pulque weniger berauschend als Branntewein und minder schwer als Bier
+ist, so halte ich es für gesund, und nur schädlich, wenn im Extrem
+genossen, was aber freilich oft genug geschieht.</p>
+
+<p>Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der
+Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu
+Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer
+Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine
+wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt
+sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige
+Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von
+1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich
+stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer
+einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von
+5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung,
+mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken
+zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!</p>
+
+<p>Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und
+den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte
+hervorbringen <em class="gesperrt">kann</em>, versteht sich von selbst, und wenn bisher
+manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen,
+wie z.&#8239;B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das
+allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den
+Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten,
+um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig
+werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit
+der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu
+gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über
+dieses Land in raschem Gange <span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span>immer mehr verbreiten. Mitunter äußert
+sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man
+kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit
+der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten,
+braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen,
+in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden!
+Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden
+einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit
+und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in
+früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den
+Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden
+selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf
+europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher,
+von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So
+z.&#8239;B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt
+Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin
+senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack
+ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in
+der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art
+von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich
+oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik
+sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen
+einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien
+unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat
+sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz
+vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung
+angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein
+selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende
+<span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt
+getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem
+gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich,
+wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute
+aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen;
+wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit
+entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns
+Sache, am wenigsten die unserer <em class="gesperrt">deutschen</em> Weinbauern.</p>
+
+<p>Doch für heute genug davon. Lebe wohl!</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_12_Oct_1832">Mexico, den 12.
+October 1832.</p>
+
+<p>Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen
+Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte,
+Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin
+vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber
+ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen
+durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner
+Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu
+erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir
+kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als
+durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa
+einzusenden mich veranlaßt finde.</p>
+
+<p class="mleft1">Hier folgt sie:</p>
+
+<blockquote>
+
+<p>Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza
+vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich
+von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über,
+und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten
+Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen,
+theils durch <span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span>kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge
+überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla.
+Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt
+zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug,
+sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison,
+Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade
+ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst
+verwundet.</p>
+
+<p>Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein,
+über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des
+Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein
+Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt,
+und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit
+so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die
+in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht
+hat.</p>
+
+<p>Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern
+sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu
+suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die
+<em class="gesperrt">Dictatur</em> zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es
+annehmen werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche
+Freunde von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla
+gesandt, um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem
+Wege zu Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte
+Santa Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male
+hierher marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen;
+so groß war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war
+man darauf vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen
+<span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>hier und Puebla, um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch
+einen Widerstand zu leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch
+nicht verteidigt werden, weil man dies für eben so unmöglich als
+unnütz hält. Das <span class="antiqua">Ayuntamiento</span> (die Municipalität oder der
+Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls so, und hat heute gegen die
+Verteidigung der Stadt, <em class="gesperrt">in der Stadt selbst</em>, feierlichen Protest
+bei der Regierung eingelegt.</p>
+
+<p>Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens
+nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man
+von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine
+Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade
+hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich
+von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das
+Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt
+worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin,
+auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung
+stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und
+sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln
+soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten
+Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher
+Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung
+gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die
+Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und
+glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem
+bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln
+uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott
+gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig
+geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s
+die Stadt verlassen, <span class="pagenum" id="Page_147">[S. 147]</span>wie z.&#8239;B. der ehemalige Minister Alaman, mit
+welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in
+ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn
+Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein
+angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch
+liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und
+wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.</p>
+
+</blockquote>
+
+<p>Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der <em class="gesperrt">Politik</em>
+zu reden, und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt
+<em class="gesperrt">darüber</em>, von hier aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in
+diesem Jahre eben so ruhig gewesen, wie in dem vorigen, so war der
+Zweck meiner Reise schnell erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei
+Euch, wo allein — doch ich will nicht klagen und verzagen, ich habe
+nun einmal eine sehr bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und
+es ist meine Pflicht, das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht
+ja aber in dieser Welt Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den
+Kindern! Lebe wohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_5_Nov_1832">Mexico, den 5.
+November 1832.</p>
+
+<p>Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der
+Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet,
+als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu
+kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst
+heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über
+die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit,
+welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der
+Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht
+mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar <span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span>von den Unterhändlern
+und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und
+der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber
+wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die
+militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem
+Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff
+machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte,
+wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt
+hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre,
+machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das
+Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000
+Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen
+Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man
+sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement mit
+einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen <em class="gesperrt">in die
+Stadt selbst</em>, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte
+am 17. October die Föderativstadt <em class="gesperrt">in Belagerungs-Zustand</em>! —
+Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen,
+rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten
+umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht
+aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei
+der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in
+die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren
+der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich
+verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater
+und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen
+untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an die
+Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (<span class="antiqua">prestamos forzosos</span>)
+decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz <span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>dem Proteste unserer
+respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der
+Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine
+und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser
+barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es
+ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in
+der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und
+Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der
+Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden
+könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so
+nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht
+vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den
+Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge
+noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten
+nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier
+Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer
+fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in
+einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser
+abschneiden <em class="gesperrt">kann</em> und wahrscheinlich bald <em class="gesperrt">wird</em>. Fürchtet
+sich nun das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu
+machen, um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die
+Stadt unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der
+ersten Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z.&#8239;B. Mais, Kohlen&#x2060;<a id="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> u. dgl.
+m. Die große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und
+von einem Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem
+Mangel preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist;
+der Verkehr stockt, es kommen und <span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>gehen keine Posten, und wir sind
+heute, am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.</p>
+
+<p>So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten
+Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte
+man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und
+nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück
+haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen;
+man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya,
+2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen
+von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was
+jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen
+von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und
+Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter
+Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von
+den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen
+Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die,
+wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene
+Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene
+Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb
+aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem
+Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt
+mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya”
+zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch
+Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen
+vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos
+scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in
+Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von
+Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits <span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>abgeschnitten,
+und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz
+für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher
+Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon
+auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen.
+Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich
+binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn
+so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie
+gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß
+dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte
+denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den
+einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will
+nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber
+dieser Stadt darin, die <em class="gesperrt">Fremden</em>, welchen bekanntlich die
+Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren
+und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir
+Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich
+gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher
+je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in
+diesem Lande. Es ist z.&#8239;B. heute wieder Alles stille und beim Alten!
+Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den
+Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn
+es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist <em class="gesperrt">vor</em> den Thoren,
+und wir <em class="gesperrt">dahinter</em>! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen
+der englischen und französischen Geschäftsträger, die Couriere der
+europäischen Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren
+zu lassen, so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch
+auch schreiben können.</p>
+
+<p>Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und <span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span>wünsche nur,
+Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="P_S_vom_8_Nov_1832"><span class="antiqua">P.
+S.</span> vom 8. November 1832.</p>
+
+<p>Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man
+Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man
+zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser
+Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; — <em class="gesperrt">die
+Belagerung ist aufgehoben</em>! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee
+aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante
+entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich
+zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus
+diese Weise die Revolution zu <em class="gesperrt">beendigen</em>! Gebe denn der Himmel,
+daß es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und
+die Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein
+erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr
+hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die
+alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die
+Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die
+Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können
+nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle
+Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes)
+zu genießen. Lebe wohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_9_Dec_1832">Mexico, den 9.
+December 1832.</p>
+
+<p>Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es
+deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war,
+etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt
+der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig <span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span>Tagen zeigen; ich setze
+mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute
+vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art
+Krieg zu führen kennen.</p>
+
+<p>Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s
+auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt
+herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen,
+und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten,
+dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen
+zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit,
+bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über eine
+der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (<span class="antiqua">Barancas</span>)
+streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen.
+Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen,
+und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen
+von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward,
+nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000
+Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im
+Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu
+vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise,
+nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden
+Corps des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen
+Angriff auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu
+nehmen, so hätte man hoffen dürfen, auf <em class="gesperrt">diese Weise</em> das Ende
+des Streits herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig,
+und nur die Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun
+zurück in eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die
+beiden vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten.
+Bustamante befand sich mit seinen Truppen <span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span>in einer, von Lebensmitteln
+sehr entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus
+versorgt werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins
+offene Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte,
+Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen
+angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten
+(was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen
+Corps nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte,
+so daß er gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d.&#8239;h. vor
+den Thoren und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden
+Parteien ein heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil
+Bustamante’s ausgefallen seyn. Bestätigt sich das <em class="gesperrt">gestern so</em> in
+Umlauf gekommene Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement
+unterliegen, weiset es sich aber aus, wie man <em class="gesperrt">heute</em> erzählt, daß
+Santa Anna den Tag verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am
+Ende; denn so lange er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß
+er Vera-Cruz nicht wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir
+vor 6 Monaten waren, und das jetzige Gouvernement muß und <em class="gesperrt">wird</em>
+dann erst an der Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller
+Resourcen und ist damit auf die Föderatif-<em class="gesperrt">Stadt</em> angewiesen;
+man hat schon zweimal zu gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und
+besteuert nun Häuser, Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde&#x2060;<a id="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> u. dgl.
+m., alles <em class="gesperrt">monatlich</em>, weil man noch immer, von einem Tage zum
+andern — ja bis zu diesem Augenblick, den Sieg über Santa Anna,
+und damit das Ende der Revolution erwartet. Man täuscht sich <span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span>aber,
+davon bin ich überzeugt, und man wird finden, daß die Revolution und
+die Opposition gegen das jetzige Gouvernement im Allgemeinen zu weit
+verbreitet ist, um ihrer Herr zu werden, und zöge sich der Krieg
+auch noch in die Länge, so reichen die oben angedeuteten Mittel und
+überhaupt die Mittel <em class="gesperrt">der Hauptstadt allein</em> nicht hin, ihn
+fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht einzigen Wege, dem Lande
+den Frieden zu geben, von der Vermittlung Pedraza’s nemlich, wollen
+aber das eigensinnige Gouvernement und der noch eigensinnigere Congreß
+durchaus nichts wissen, und die Parteien stehen sich jetzt einander
+so schroff gegenüber, wie nur je. Das sogenannte Cabinet ist aber
+über diesen Punct keinesweges einig, und mehrere Minister rathen zur
+Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht allein in Vera-Cruz, wo er
+bei seiner Landung eine gemäßigte aber gediegene Proclamation erließ,
+sondern seit dem 4. dieses auch in Puebla angekommen, und uns mithin
+sehr nahe ist; doch die friedlich Gesinnten wurden überstimmt, und man
+will durchaus die Waffen entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch
+hier in der Stadt fortwährend unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der
+militairisch-polizeilichen Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich
+sie jetzt minder streng beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind
+so eingeengt, daß nun schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige
+Post aus dem Innern weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die
+europäischen Briefe kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von
+beiden Parteien ungehindert durchgelassen werden.</p>
+
+<p>Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle
+bei Puebla, und Gottlob erwünschte! <em class="gesperrt">Die Revolution hat ihr Ende
+erreicht</em> — sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht
+vor den Thoren von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn,
+und viel Volk blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den
+Kürzeren, war <span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so
+patriotisch, einen Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah,
+daß er ihn am Ende doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den
+General Cortasar, zu unterhandeln, und man kam schnell dahin überein,
+daß beide Armeecorps fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico
+marschiren sollten, um dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst
+gegen den Willen des Congresses, als legitimen Präsidenten für die
+noch nicht abgelaufene Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April
+1833, einzusetzen; übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren.
+Die von beiden Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um
+der Regierung und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher
+Letztere sich übrigens jetzt gewiß nicht ohne <em class="gesperrt">Protest</em> auflösen
+wird. Dies hat aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird
+darum nicht weniger beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache!
+Da nun Pedraza, was selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein
+rechtlicher und unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne
+Zweifel auch alle Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir
+Kaufleute, während des Krieges, <em class="gesperrt">gezwungen waren</em>, sowohl mit
+dem Gouvernement wie mit Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der
+größten Wichtigkeit ist, muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch
+wirklich einer besseren Zeit in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß
+ich stets der Meinung war, es könne nur auf diesem Wege glücklich
+enden, nämlich auf dem Wege des Dazwischentretens einer dritten Partei,
+und namentlich der von Pedraza, unstreitig der einzig gesetzlichen.
+Denn Bustamante verdankte seine Gewalt dem Aufstande von Jalapa im
+Jahre 1828, und Santa Anna dem von Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs,
+während Pedraza allein s. Z. auf gesetzlichem Wege zum Präsidenten
+gewählt ward. Ich habe mich also, wie es sich nunmehr ausweiset, <span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>nicht
+geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem Wechsel der Dinge, der Vortheil
+für uns Fremden und für den ganzen Handel und Verkehr augenscheinlich
+ist, so verblendet der Parteigeist doch noch gar viele so sehr, daß sie
+lieber eine Fortsetzung des Kampfes und aller daraus entspringenden,
+das Land zu Grunde richtenden, Verhältnisse, als diesen völligen Sieg
+des, ihnen verhaßten, Santa Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese
+Ansicht <em class="gesperrt">nie</em> getheilt, und freue mich des Ausgangs, so wie er ist.</p>
+
+<p>Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du
+wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes
+Sinn noch Gedanken hat.</p>
+
+<p>Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines
+Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_28_Dec_1832">Mexico, den 28.
+December 1832.</p>
+
+<p>Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom
+<span class="nowrap"><sup>9</sup><img class="h0_9" src="images/trennzeichen.jpg" alt="Trennzeichen Monat/Tag"><sub>13</sub></span> Dieses
+voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche
+Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen,
+und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident
+Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren
+Tagen <em class="gesperrt">ohne Regierung</em>, jedoch darum in keiner Anarchie. Die
+Sachen gehen ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man
+einige Bewegung in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste,
+daß nun auch die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu
+Gunsten von Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht
+hat. Es ist dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der
+Stadt kaum etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs
+ist nun nach Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen,
+<span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>Besitz von der Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen
+Uebereinkunft zu ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für
+meinen Theil freue mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des
+verhaßten Zwangs einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß
+es mich gerade besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören,
+wiewohl ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in
+mir erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne
+zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere
+Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen
+waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt,
+die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die
+Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit
+insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen
+wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und
+einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von
+hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen
+B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr
+freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.</p>
+
+<p>Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits
+Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr
+schönen Aussicht in das Thal von Mexico.</p>
+
+<p>Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr
+zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur
+Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird,
+und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei
+voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch
+die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber <span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span>ist
+von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug,
+einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement
+selbst beschäftigen werde.</p>
+
+<p>Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und
+kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die
+Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen
+Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt
+in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle,
+unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben
+von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde
+aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!</p>
+
+<p>Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am
+entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze, die
+einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus <span class="antiqua">tierra
+caliente</span> nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als die
+jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und doch
+ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter (und
+es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und
+nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern
+nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens
+nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie
+haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal
+Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich
+mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs
+an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist,
+so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man
+vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren
+und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei
+<span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span>dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch
+sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und
+überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.</p>
+
+<p>Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen,
+und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen
+Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern
+fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, <span class="antiqua">cien
+voces</span> (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter
+sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt. In
+unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber wirft
+man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das Seine! Ihr
+friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied! Das Letztere
+that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach Guadeloupe, der
+berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen unweit von hier,
+wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit aber, wie mit vielen
+andern Dingen, d.&#8239;h. es nimmt sich besser in der Ferne aus, als in der
+Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für geistliche Frauen)
+sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den frommen Nonnen
+während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und sich in aller
+Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten von ihnen
+erbeten und <em class="gesperrt">erhoben</em> hat, so geräth hier doch alles Aeußere,
+namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen
+Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das <em class="gesperrt">steinerne Schiff</em> hat
+bis jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es
+aber folgende Bewandniß:</p>
+
+<p>Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix
+zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu
+befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei!
+Der Vater richtete nun seine Gebete <span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span>an die hier waltende Heilige
+nuestra Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine <em class="gesperrt">Fregatte</em>
+zum Geschenk, wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt
+würde. Es dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in
+Vera-Cruz glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und
+ließ der Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein
+Monument von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr
+als in der Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich
+sieht! Die Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu
+haben, sich damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer
+auf dem alten Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel
+schwellt!</p>
+
+<p>Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen,
+daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat
+das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und
+Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig
+und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft
+entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und
+einer der Wenigen, die schon <em class="gesperrt">vor</em> Humboldt hier gewesen. Vor 10
+Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der
+rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft
+des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die
+Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen
+Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von
+Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß,
+beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit
+seiner Asche!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span></p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_9_Jan_1833">Mexico, den 9.
+Januar 1833.</p>
+
+<p>Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der
+sich schon längst den Namen des <em class="gesperrt">Befreiers</em>, <span class="antiqua">el liberator</span>
+beigelegt hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich
+nach der Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem
+Letzten sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich
+bis zum ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der
+Congreß gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen
+zusammen berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen.
+Da nun der 2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist,
+so beschloß man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu
+verlegen, wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner,
+jedoch ohne besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr
+10,000 Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein
+Corps von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem
+genannten Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als
+ein grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das
+die Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren
+die Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe
+und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei
+an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand,
+welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die
+Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der
+Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.</p>
+
+<p>Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche
+Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der
+<em class="gesperrt">vereinten mexicanischen Armee</em> um so mehr, da mittlerweile
+auch einige Corps von Moctezuma <span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>dazu gestoßen waren. Am 3. hielten
+darauf Pedraza und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug.
+Alle Truppen waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste
+aufgestellt, eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den
+Helden des Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur
+und den Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna
+(in reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz)
+fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog
+es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen
+allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu
+Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe
+Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche
+empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch
+doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste,
+und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die
+ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und
+Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der
+Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten
+eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und
+Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich.
+Abends war Illumination, Schauspiel u.&#8239;s.&#8239;w., aber wenn auch hier und
+da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier
+ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches
+und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt
+bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der
+alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht
+durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften
+wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich <span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>nicht läugnen, daß
+die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch
+die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben
+bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten
+Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege
+Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen
+oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität
+aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden
+verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame
+Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere,
+gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden
+sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr
+persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten
+Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold
+war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht
+spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich,
+von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten
+Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben,
+von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß
+Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich
+selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte.
+Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie
+hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß
+mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht
+tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution
+in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei
+Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von
+Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht,
+so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft <span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span>bevor; man wird
+Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine
+vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und
+namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn
+jetzt noch für unmöglich hält.</p>
+
+<p>Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen
+Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen)
+bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation
+durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und
+die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren
+gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner
+constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen,
+daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde.
+Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land
+geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge
+davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.</p>
+
+<p>Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die
+Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und
+so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen
+frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher
+aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der
+Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen
+Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der
+verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo
+de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von
+Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder
+eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er
+während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen
+<span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span>bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen
+seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz
+und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch
+über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches
+sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus,
+kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals
+ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium
+kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im
+liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die
+Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie
+manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht
+in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall
+das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher
+religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst unter
+den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße Ideen,
+die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte <em class="gesperrt">Canning</em> zur
+Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf
+Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern
+eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger
+den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als
+der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so
+übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den
+englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer
+<em class="gesperrt">eignen Capelle</em>, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in
+der Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.</p>
+
+<p>Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits
+vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in
+England, bekannt gewordene Roccafuerte, <span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span>hat in einer geistreichen,
+hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit
+angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er
+doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt,
+die gute Früchte tragen werden.</p>
+
+<p>Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits viel
+toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen Bildes,
+oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl., wird nicht
+mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer, selbst von den
+Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten” wenn dasselbe auf
+dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die Straßen gefahren
+wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im Innern des
+Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße ausweicht.
+Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug thun, da
+das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille Gesang
+der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie lange
+voraus verkünden! Diese Hostie, hier <span class="antiqua">nuestro amo</span> (unser Herr)
+genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier
+weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen
+Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen
+gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung,
+welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln
+tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen
+treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann,
+welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem
+Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den
+Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die
+Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins
+fast verklungen ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span></p>
+
+<p>Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben,
+und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig
+vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast
+immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den
+“ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn
+wandelt! Adieu, Adieu.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_7_Feb_1833">Mexico, den 7.
+Februar 1833.</p>
+
+<p>Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch
+einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen
+selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den
+seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.</p>
+
+<p>Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte,
+ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische
+Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein
+ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es
+nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch
+nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in
+so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor
+meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich
+vor ungefähr 14 Tagen, ihn in <em class="gesperrt">Anganguco</em>, so heißt das Revier wo
+er wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin,
+und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land
+auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.</p>
+
+<p>Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit
+dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man
+mehreren, von Holz erbaueten und mit guten <span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>Brettern beschlagenen
+Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter
+andern auch eine große, recht hübsche Herberge (<span class="antiqua">fonda</span>) antrifft,
+welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze
+Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei
+ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier,
+als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses
+Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel
+kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von
+Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den,
+das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit
+weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier
+vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste
+Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse
+des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern
+eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen,
+Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern
+frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der
+gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß
+er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so,
+ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.</p>
+
+<p>Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen
+unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von
+Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat.
+Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr
+entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico.
+Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen
+Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten <span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>unsere
+Pferde u.&#8239;s.&#8239;w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen
+Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags
+an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s
+zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch
+von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz
+freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens
+viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der
+Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der <em class="gesperrt">beste</em>
+empfohlen war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar
+allerdings eine Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur
+mit hölzernen Läden, ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen
+Fußboden, einen kleinen hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen
+sogenannten Bock, in der Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte,
+Bett darauf auszubreiten! Das war aber auch alles! Einen <em class="gesperrt">zweiten</em>
+Stuhl, um am Abend mit meinem Reisegefährten den, versteht sich, auch
+mitgebrachten und von unserm Bedienten bereiteten Thee in demselben
+Zimmer zusammen zu trinken, konnten wir nur nach vielem Bitten, als
+eine Gefälligkeit von der Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf
+den “Comfort” dieses Hotels schließen! Zu essen bekamen wir daselbst
+auch nicht das mindeste, man verwies uns damit an die Garküchen in der
+Stadt, unter welchen wir denn auch eine erträgliche fanden, und dort
+ein Mittagsmahl einnahmen, womit wir uns in Europa, in einer Stadt
+gleichen Ranges, wohl schwerlich begnügt hätten.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen,
+in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne
+und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische
+Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben
+kann, von Ortschaften <span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span>wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die
+Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten
+wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir
+übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir
+nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde
+und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich
+eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine
+unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen
+kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln
+laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp
+zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf
+gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen
+natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen
+dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten
+Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen
+werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere
+mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und
+Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der
+Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig!
+fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel
+früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag
+hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die
+Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils
+gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht
+verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie
+wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.</p>
+
+<p>Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen
+Winden gepackt werden kann, an jenem Tage <span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span>aber kein freundlicher
+blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von
+dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden
+ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte.
+Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt,
+sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht
+erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster
+ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem
+Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir
+vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen
+uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe
+bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in
+unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes
+Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern,
+bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger
+behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer
+Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so
+die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines
+der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war
+von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte
+überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem
+Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne
+Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem
+Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der
+isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall
+nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war
+die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der
+zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt
+sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel <span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>ward, oder des
+Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube,
+auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite
+bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach
+dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am
+andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor
+die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen
+Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die
+keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier
+zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende
+Fremde, einen kleinen Laden (<span class="antiqua">tienda</span>), und treiben etwas Ackerbau
+und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles
+reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu
+Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter
+und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die
+mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft
+ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der
+Kuhreihen, das Heimweh zu geben.</p>
+
+<p>Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und
+Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten
+wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein
+starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen
+Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und
+wo wir an <em class="gesperrt">den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten</em>,
+gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies
+nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier
+angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich
+in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem
+eingerichtet; er <span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span>war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten)
+mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die
+Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit
+tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden,
+es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund.
+Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch,
+Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner
+etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco,
+woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein
+sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze
+Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe
+Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind,
+daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal
+wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche
+Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht
+bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in
+Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der
+Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich
+wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten,
+sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und
+asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die
+jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich
+gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser
+Wildpret.</p>
+
+<p>Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem
+von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als
+in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken
+Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends
+fehlenden <span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte
+das einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S.
+und einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das
+Local schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit
+weit entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit,
+und <em class="gesperrt">Schleiden</em> hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer
+gebracht, indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ
+und hieher zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung,
+daß der Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte
+Aufsicht an Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu
+thun, was seine Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja
+viele Tausende wären erspart worden, und der Verein wohl nie in die
+Verlegenheiten gekommen, in denen er sich jetzt befindet, wenn man
+die Geschäftsverwaltung schon vor Jahren nach Anganguco verlegt
+hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch helfen kann, wage ich nicht zu
+entscheiden; es bleibt darum aber nicht minder ein großer Entschluß,
+nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt und feucht ist, daß man das
+ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben muß, wo keine Resource von
+Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden ist, und wo die Umgebungen
+der Natur eben so wenig Ersatz für all diese Entbehrungen darbieten,
+und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den sehr zweifelhaften
+Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen Unternehmens geschöpft
+werden soll.&#x2060;<a id="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> <span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>Ganz nahe hinter dem Wohnhause ist eine Silbergrube
+des Vereins (<span class="antiqua">Carmen</span>), welche zwar die reichern Erze liefert,
+aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen hat; etwa
+eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia, Purissima
+u.&#8239;s.&#8239;w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber von diesen
+ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die jetzt eingeführte
+deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich wenigstens nicht
+zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate geführt werden
+kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst beschreibe ich
+Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und zeichnen sich
+auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in diesem Lande
+angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl. aus.</p>
+
+<p>Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf
+welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas
+in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man
+hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von
+den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.</p>
+
+<p>Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen,
+Schmelzen u.&#8239;s.&#8239;w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen
+Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts,
+aus entfernten Gegenden herangezogen <span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>werden müssen. Die Aufseher, die
+Schmelzer und Beamten des Vereins — sind alles <em class="gesperrt">Deutsche</em>, von
+denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz
+einheimisch gemacht haben.</p>
+
+<p>Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa
+eine Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen,
+in Wasser abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind,
+in Haufen abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches
+das Silber alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust
+eines großen Theils (40 à 50 <span class="antiqua">pCt.</span>) des edlen Metalls geschehen
+kann, so ist diese Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird)
+nur bei den reichern Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit
+dem Quecksilber geschieht durch das Treten eines Indianers, welcher
+wochenlang einen solchen abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10
+Stunden hindurch, mit seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige
+Weise durchstampft; er setzt dabei die nackten Arme in die nackten
+Seiten, und macht, mit den eben so nackten Beinen und auswärts
+gekehrten Füßen, die Runde in dem breiartigen Erze, mit der Formalität
+eines Tanzmeisters. Die guten schmutzbraunen Leute, welche diese
+ermüdende Arbeit verrichten, sind sehr kräftig und besonders muskulös,
+auch schienen sie mir munter und mit ihrer Beschäftigung zufrieden;
+eine seltsame Erscheinung dabei ist, daß sie nicht die geringste üble
+Wirkung von der Masse von Quecksilber verspüren, mit welcher ihr bloßer
+Körper doch stets in Berührung kömmt.</p>
+
+<p>Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des
+Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von
+Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten
+(welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen
+Bedeckung einiger <span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span>wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines
+deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt
+werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten Tag
+die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern Weg
+gewählt, und eine Anhöhe (<span class="antiqua">Cuesta</span>) erstiegen, welche so steil
+ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber
+mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte
+uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei
+Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt,
+ist ausnehmend schön und großartig.</p>
+
+<p>In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen,
+und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne
+Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine
+Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns
+bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter
+ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen
+im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun,
+wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in
+der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf den
+Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären würde;
+darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden lang in
+einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten, wohin wir
+unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie in meinem
+Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die Stiefel
+von den Füßen <em class="gesperrt">schneiden</em> lassen, alle Kleidungsstücke waren
+triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief
+alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles
+trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank,
+und erwachten <span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war
+heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das
+Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus
+den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause,
+eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der
+Tafel, und ließen es uns gut schmecken.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_13_Feb_1833">Mexico, den 13.
+Februar 1833.</p>
+
+<p>Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der
+Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene,
+Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe
+ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der
+Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt
+stattfindenden <em class="gesperrt">Wahlen</em> eines neuen Präsidenten und anderer
+hohen Magistratspersonen, obgleich sie <em class="gesperrt">öffentlich in den Straßen,
+in elegant decorirten Buden</em> gehalten werden, in denen die
+Bezirks-Beamten das Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen,
+(<span class="antiqua">universal suffrage</span>) erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe;
+so wenig nimmt das eigentliche Volk bis jetzt noch Antheil an der
+Selbst-Regierung. Ich denke aber, daß dies besser werden wird, wenn
+einmal das Militair mehr in den Hintergrund gedrängt ist, worauf die
+jetzt am Ruder stehende Partei hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein
+kluger Mann, und sieht ein, daß republikanische Civil-Institutionen
+nicht durch militairisches Regiment befördert und befestigt werden
+können. Dies scheint er besonders in den vereinigten Staaten von
+Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht zu seyn, einen Theil des
+dort herrschenden Geistes in sein Vaterland zu übertragen, was er denn
+auch unverhohlen in seinen officiellen Antworten <span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>an die Diplomaten,
+die ihm zum Regierungs-Antritt Glück wünschten, geäußert hat. Ich
+habe mich gestern, wo ich das Vergnügen hatte, in seiner Gesellschaft
+zu Mittag zu essen, und neben ihm zu sitzen, sehr angenehm, über
+diesen Gegenstand sowohl, wie über seine Reisen in Europa, mit
+ihm unterhalten, wobei es mich überraschte, zu hören, welch einen
+lebendigen Eindruck er von unsern schönen Rheingegenden behalten hat,
+und wie er sich einzelner Orte und Gegenstände, und nicht minder der
+dort vorherrschenden politischen Einrichtungen, erinnerte! Seine
+junge, liebenswürdige und geistreiche Frau war leider nicht mit ihm in
+Europa gewesen, sie war ihm nur in der letzten Zeit nach Nordamerika
+gefolgt, schien sich aber dort recht gut gefallen zu haben, und hat
+von daher eine Vorliebe für die englische Sprache mitgebracht, die der
+Präsident selbst aber nicht mit ihr theilt, er zieht das Französische
+vor, spricht aber auch dies nur unvollkommen. Von den vielen, in
+diesen Tagen gemachten und empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir
+nichts, sondern verspare es auf mündliche Unterhaltung. Einen kann
+ich aber doch nicht unerwähnt lassen, nämlich den bei den Damen D—’s
+(der Mutter nebst ihren zwei liebenswürdigen Töchtern, mit welchen
+ich von Bordeaux nach Vera-Cruz kam, und von da, wie Du Dich erinnern
+wirst, nach Jalapa reiste). Dieser braven Frau ist es hier im Anfang
+gar übel ergangen; ihr Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft
+zu errichten, schlug gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und
+war hier fremd und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige,
+und es war schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem
+Geiste aber faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente
+ihrer wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend
+zu machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr
+Schüler zu verschaffen, und es gelang <span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span>über Erwartung; die Zahl der
+kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht
+im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit
+monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction,
+meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz
+guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in
+ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und
+worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen
+werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen
+mit dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen
+Welt, in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden,
+daß ich darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen!
+Wenn mich aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt
+hat, wie ich es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles
+erlebt und erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch
+gestehen, daß mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe
+den eignen Sohn im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe
+viel Merkwürdiges und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche
+interessante Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst
+hier und da Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so
+zuvorkommend aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt
+worden, daß eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird.
+Ich habe daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern
+nur <em class="gesperrt">über Ereignisse, welche dem Schicksal angehören</em>!</p>
+
+<p>Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und —
+wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem
+Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde!
+Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in
+meinem Vorsatze, <span class="pagenum" id="Page_182">[S. 182]</span>die Rückreise <em class="gesperrt">jetzt</em> anzutreten, verharren zu
+machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein paar
+Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf, meine
+Wiederherstellung <em class="gesperrt">hier</em> abzuwarten; da sie diese aber selbst
+nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin
+dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden
+Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich
+nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich
+wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur
+in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die
+Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, <em class="gesperrt">ich reise
+morgen ab</em>!</p>
+
+<p>Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die
+vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von
+Vera-Cruz aus. Lebe wohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Vera_Cruz_den_3_Mar_1833">Vera-Cruz,
+den 3. März 1833.</p>
+
+<p>Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so
+wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere,
+daß ich wirklich <em class="gesperrt">unterwegs nach Hause bin</em>.</p>
+
+<p>Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir
+schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall
+(<span class="antiqua">sin novedad</span>, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich
+den Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf
+einigen paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles
+in Duft und Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß
+man 50 bis 60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines
+Silbergroschens erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem
+herrlichen Clima erzählt!</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span></p>
+
+<p>Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief
+diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera,
+nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt
+hatte. Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen,
+bald kalten und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es
+ein Hafen ist, eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz
+der Hauptstadt Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber
+freilich <em class="gesperrt">nicht</em>, denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch
+und angreifend. Die drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen
+wenigen Minuten in die schneidendste Kälte, und führt einen Staub
+und Sand mit sich, der bis in das Innerste der Gemächer dringt! In
+den wenigen Tagen meines Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel
+schon mehrmals gehabt, und es weht und stürmt in diesem Augenblicke
+<em class="gesperrt">so</em>, daß ich fast zweifle, ob wir morgen werden an Bord
+gehen können, was ich doch so sehr wünsche, da mich, mehr als ich
+auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu sehen. Diese Eile, nach
+Europa zurück zu kommen, hält mich ab über New-Orleans zu gehen,
+was ich, besonders um des guten Cecils willen, so gerne gethan
+hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu sehen und zu
+beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend, daß ich mich
+vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika fürchte, und
+deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York gehenden
+Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles beim
+Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß
+während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß
+eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem,
+glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde
+in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben
+so zuvorkommend und gütig wie <span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span>früher; ich habe hier zum Abschied
+aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse
+es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer
+angenehmen Rückerinnerung.</p>
+
+<p>Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord.
+Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom
+Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen
+Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise
+wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen,
+und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise,
+gegangen ist.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="New_York_den_1_bis_9_Apr_1833">New-York,
+den 1. bis 9. April 1833.</p>
+
+<p>So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in der
+<em class="gesperrt">nordischen</em> Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit
+eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel
+werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach
+Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von
+Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen,
+nicht vor dem 1. Dieses hier an.</p>
+
+<p>Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu
+berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher
+am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch
+während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs
+keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom
+von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr
+verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel
+gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein <span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span>roher, ungebildeter
+Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so
+gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage
+der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren
+ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse
+Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender
+Mittel, warme Bäder u.&#8239;s.&#8239;w., der drohenden Entzündung im Unterleibe
+Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs
+dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er
+New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht
+werden.</p>
+
+<p>Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz
+andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen
+hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber
+und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im
+Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem
+trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.</p>
+
+<p>Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele
+zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen
+Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London
+gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von
+der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem
+nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche
+ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes
+nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche
+täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen
+abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der
+vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem
+Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum
+etliche <span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals
+schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat
+es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben
+Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden
+wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in
+andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf
+einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die
+neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen
+zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr
+viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind
+bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall
+werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse
+von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt
+werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20
+Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der
+Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann;
+hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7
+Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht
+das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt
+gesehen haben.</p>
+
+<p>Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich
+in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger
+als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon
+der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute
+Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren
+im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen
+bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren
+Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen
+schon von vorn herein <span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span>ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem
+theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.</p>
+
+<p>Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den
+Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen;
+es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure
+Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre
+schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob
+man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere
+Richtung zu geben, z.&#8239;B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate
+Vera-Cruz u.&#8239;s.&#8239;w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich
+heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon,
+wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß
+er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch
+ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln
+an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam
+erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und
+gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später
+angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von
+rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß,
+den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön
+gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in
+Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie
+auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen
+Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die,
+früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in
+neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß,
+gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen,
+einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur <span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>bewundern kann.
+Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm
+für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der
+frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge,
+auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern
+Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht
+zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist,
+eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten
+wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen
+und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer
+hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen
+landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen,
+dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge
+einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber
+nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge,
+und die rauhe Jahrszeit z.&#8239;B. <em class="gesperrt">jetzt noch nicht</em> vorüber; noch
+hat weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht
+wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der
+Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen)
+Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird
+es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist
+ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die
+gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch
+nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche
+Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige,
+gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt
+habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der
+deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im
+Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine <span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span>Vergnügungs-Reise nach
+Italien, und von da über <em class="gesperrt">Wien</em>, durch <em class="gesperrt">Deutschland</em>, die
+<em class="gesperrt">Schweiz</em> und <em class="gesperrt">Frankreich</em> zu machen; das nenne ich mir doch
+noch <span class="antiqua">a tour of pleasure</span>! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit
+dem ältesten Sohn zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher
+Mann ist, während die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt
+vermiethet wird, ein sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies
+ist so Landes-Sitte hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.</p>
+
+<p>Diese <span class="antiqua">boarding-houses</span> sind zum Theil sehr elegant meublirt, und
+bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit
+darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar
+manche <em class="gesperrt">Comforts</em> der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer
+solchen Anstalt eingekehrt, in <span class="antiqua">Mansion-house, Broadstreet</span>, und
+kann Dir mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9
+Uhr wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses
+in einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast
+und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame
+des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung,
+wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die
+zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel,
+auf <em class="gesperrt">eigene Kosten</em> unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist,
+und es geht bei der, über 100 Personen starken <span class="antiqua">table d’hôte</span> wieder eben
+so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses,
+die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen
+Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch
+der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es
+herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist
+gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der <span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>Wein wird
+ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine
+der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden
+Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön
+meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (<span class="antiqua">parlour</span>)
+zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die
+Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige
+Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei
+dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische
+steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort
+nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken,
+und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich
+um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in
+einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer
+der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier
+nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel
+besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese
+<span class="antiqua">boarding-houses</span>, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch
+soll es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer
+seyn.</p>
+
+<p>Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen
+beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns
+in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch
+in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer
+<em class="gesperrt">Auction</em>! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines
+Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer
+schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und
+Gemälde u.&#8239;s.&#8239;w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren,
+und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne
+daß jedoch etwas weggenommen werden <span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span>dürfte, bis das Ganze, mithin
+das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon
+angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am
+Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen,
+theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig
+hergeht, daß ungeachtet z.&#8239;B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug
+erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf
+und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und
+daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich
+schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern. Die
+liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen, wenn
+sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich zu
+<em class="gesperrt">freuen</em>, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens,
+schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches
+sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll
+übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.</p>
+
+<p>Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen,
+Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele
+hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben
+von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog
+Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb
+verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft!&#8239;—</p>
+
+<p>Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner
+Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und
+seine Tochter Fanny, in der Tragödie “<span class="antiqua">the grecian daughter</span>”
+zu sehen, und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung
+belohnt worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in
+England zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst
+nach <span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span>meiner Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande <span class="antiqua">furore</span>
+gemacht; ich war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich
+augenscheinlich, in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons
+zu treten, das will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei
+denen, welchen jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft
+vorschwebt wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu
+einförmig in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief.
+Nichts desto weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die
+Zuschauer, und ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch
+sehr jung, und soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr
+Betragen gegen ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.&#x2060;<a id="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a></p>
+
+<p>Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder
+so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen
+ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken
+voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.</p>
+
+<p>Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das
+Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen
+jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits
+einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein
+Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir)
+nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu
+engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in
+Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner
+delectiren soll.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span></p>
+
+<p>Auch einen <em class="gesperrt">Sonntag</em> habe ich in New-York verlebt, kann aber
+nicht sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für
+Europäer so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in
+mehreren Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden
+ist; nur <em class="gesperrt">das</em> genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage
+in den Straßen zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter,
+vielleicht ist es aber auch in andern Städten der Republik ärger
+damit als hier, wo es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und
+Gebräuche mit denen Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die
+Dauer? — darüber könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren;
+<em class="gesperrt">das</em> aber weiß ich schon im Voraus, daß mich die hier herrschende
+<em class="gesperrt">Blut-Aristokratie</em>, diese souveraine Verachtung aller derer,
+welche aus afrikanischem Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde;
+denn obgleich ich selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern
+fließen habe, um persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden,
+so empört es mich darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von
+zufällig anderer Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen,
+daß selbst weiße und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in
+allen Familien von beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und
+demselben Tische essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten,
+ungeachtet die Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es
+bekanntlich im Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das
+also erst in den Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich
+gestattet ist. Man versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und
+wäre er selbst General in den Diensten einer freien Nation, es
+wagen wollte, in New-York sich an eine Wirthstafel zu setzen, man
+es ihm entweder untersagen, oder die ganze Gesellschaft das Zimmer
+verlassen würde! Und dies in einem Lande, welches sich rühmt, die
+Menschenrechte zu ehren, Freiheit und Gleichheit zu besitzen <span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span>und
+dessen <em class="gesperrt">Constitution</em> unter den freien Bürgern des Landes keinen
+Unterschied des Blutes anerkennt! Dieses, wie es scheint hier nicht
+zu vertilgende, Vorurtheil setzt den Präsidenten diesen Augenblick in
+eine nicht geringe Verlegenheit, gegenüber der Republik Haity, mit
+welcher die Vereinigten Staaten einige Mißverständnisse auszugleichen
+haben, zu deren Beseitigung der Präsident gerne einen Diplomaten nach
+Portauprince senden möchte; er weiß aber, daß man ihm von dort sogleich
+eine Gegensendung machen und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger,
+der dafür tauglich wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in
+seinen öffentlichen Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der
+bürgerlichen Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und
+Kränkungen erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur
+vermehren müßten, und <em class="gesperrt">deshalb unterbleibt die ganze Negotiation</em>!</p>
+
+<p>Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den
+Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende
+Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird
+sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine
+Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen
+Staaten dieser <em class="gesperrt">aufgeklärten</em> Republik die Todesstrafe darauf
+gesetzt haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe
+dann der Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der
+Asche glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt.
+Die jetzt hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen —
+auf Liberia, an der Küste von Afrika, — so edel der Gedanke und so
+brav die Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das
+drohende Uebel nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo
+<em class="gesperrt">Millionen</em> in Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen
+die Fesseln nur noch um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was
+sonst soll <span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span>geschehen? Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen
+wird; die allmählige, stufenweise, aber gänzliche und <em class="gesperrt">jetzt schon
+ausgesprochene</em> Aufhebung aller Sclaverei.&#x2060;<a id="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a></p>
+
+<p>Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen
+Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und
+gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben
+im Hafen u.&#8239;s.&#8239;w. — sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen,
+und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange
+Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen
+geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an
+Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde,
+welches mich nach Frankreich bringen soll. — Alle Vorbereitungen sind
+bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind
+zu bitten. Lebe wohl.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Am_Bord_des_Packetboots_Sully">Am Bord
+des amerikanischen Packetboots <span class="antiqua">the Sully</span>, Capt.
+Forbes, am 30. April 1833.</p>
+
+<p>Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen,
+heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der
+Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach
+Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen
+in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten
+gemacht haben werden.</p>
+
+<p>Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt
+worden und legten schon in den ersten zwei <span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>Tagen über 500 Meilen
+zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite
+(in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu
+entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging
+sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine
+Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig,
+so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte.
+— Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer,
+um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu
+nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als
+das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen
+ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze
+von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von
+Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis
+jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt
+wird, — dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als
+das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber
+nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.</p>
+
+<p>Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten
+hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten täglich
+um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das einzige,
+was ich Dir von <em class="gesperrt">dieser</em> Reise erzählen könnte und nicht von
+der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines
+Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man
+sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von
+ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren,
+was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken
+nach sich zieht. Diese Meerungeheuer <span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span>folgen den Schiffen unter der
+Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches
+ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase
+spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer
+Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch
+bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat
+es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit
+der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten,
+aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines
+Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem
+Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt
+selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren
+Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal,
+wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus
+dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch
+seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit
+Fleisch und Angel im Magen davon.</p>
+
+<p>Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen
+tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn
+aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit
+seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er
+würde sie zertrümmern.</p>
+
+<p>Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den
+Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit
+seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und
+der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere
+Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem
+Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm
+losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem <span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span>Fleische
+braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos
+unter uns waren, durchaus keinen Beifall.</p>
+
+<p class="mtop2">Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele
+Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600
+bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der
+Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch
+nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten
+Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem
+schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen
+wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren,
+daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir
+erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders
+der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten
+ihnen eine glückliche Ueberfahrt.</p>
+
+<p class="mtop2">Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben,
+denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und
+Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt,
+und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben
+geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an
+Bord sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das
+sogenannte <span class="antiqua">drawing room</span>, in welchem ein Piano-Forte und eine
+kleine Bibliothek, zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain
+ist ein wackerer und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten
+Tisch, und daß uns Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe
+sodann an einem meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und
+vielseitig gebildeten Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch
+die Erzählung seiner ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen
+angenehm, <span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span>ja belehrend unterhalten worden, wovon ich Dir einmal
+mündlich manches mittheilen werde.</p>
+
+<p>Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer
+Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese
+Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch
+Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in
+Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser
+befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das
+scheint mein Uebel vermindert zu haben.</p>
+
+<p>Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen
+Wiedersehn.</p>
+
+<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Paris_am_10_Mai_1833">Paris, am 10.
+Mai 1833.</p>
+
+<p>Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem
+und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern
+wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork
+abgesegelten, Packet <span class="antiqua">la France</span>! Obgleich es dieselbe Richtung genommen,
+welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise
+mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns
+beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der
+See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur
+dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat,
+wie das Wasser.</p>
+
+<p>Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade <span class="antiqua">la fête de Louis
+Philippe</span> und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem
+Pomp. Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am
+Abend ward hie und da — sehr spärlich — illuminirt! Da das Paß-Bureau
+dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag <span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>für die
+Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach
+15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend
+bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in
+Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich,
+und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir
+schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig
+Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs
+mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um
+deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika
+zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in
+den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen;
+Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier
+sahen wir — auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen — wenigstens
+Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber,
+Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich
+ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor
+Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen
+Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen
+Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe
+ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil,
+um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen
+ihre afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde
+beraubt sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika.
+Ich habe auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes
+Beispiel davon gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten,
+hielt um Mittag eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans
+zurückkehrende europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes
+Kind von etwa <span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span>vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische
+und da ich, wie du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so
+wollte ich den Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr
+litt es aber nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des
+Zimmers an, wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u.&#8239;a.&#8239;m.
+auf einen Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun
+würden. Meine Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst
+unschicklich sei, wurde — belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl
+eine andere Beachtung verschafft. — Der Kleine nahm die Speise mit
+den Händen und verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung <em class="gesperrt">noch</em>
+nicht; in Europa wird er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei
+seiner dereinstigen Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen
+müssen. Und daß er zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen
+Zweifel; sein Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und
+jenes lernen zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen
+desto höheren Preis — <em class="gesperrt">verkaufen</em> könne!</p>
+
+<p>Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine,
+durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige
+Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct
+von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen
+Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit
+ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit,
+im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich
+eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich
+nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht
+so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung war
+nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt fordert
+mich auf, zu bleiben, und meine Kur <em class="gesperrt">hier</em> abzuwarten. Wie kann
+ich mich <span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>aber, nach einer so langen Trennung von Euch, <em class="gesperrt">dazu</em>
+entschließen? — Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich
+hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich <em class="gesperrt">bloße Schmerzen</em>
+nicht davon abhalten, das versichere ich Dir.</p>
+
+<p>Am 13. — Ich habe sie — diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun
+morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz
+drücken können!</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter
+Modus in den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan
+haben würde, beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den
+Häfen unabhängiger zu machen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu
+Theil geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches
+er zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und
+Leben! Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich
+die traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches
+er sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist.
+Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde
+es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco
+erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät
+war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven
+Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen
+zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der
+nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge
+er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater!</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung
+gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den
+vereinigten Staaten verheirathet worden.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche
+heilsame Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies
+macht die Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur
+um so dringender!</p></div>
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_203">[S. 203]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Anhang"><b><em class="s4 gesperrt">Anhang.</em></b></h3>
+
+</div>
+
+<p class="s3 center"><b>Kurze Darstellung</b><br>
+<span class="s6">der</span><br>
+<span class="s5">politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico</span>
+<br><span class="s6">seit der Präsidentschaft Santa Anna’s,</span><br>
+<span class="s5">so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.</span></p>
+
+<p class="s5 mbot2 center">(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)</p>
+
+<p class="p0"><span class="initial">W</span>ie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder
+an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner
+“Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete ihm
+nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er suchte
+daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt, momentane
+Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes so weit
+hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in allen
+zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl für
+den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch und
+insbesondere <em class="gesperrt">die höchsten Magistrats-Personen der Republik</em>, mit
+gehöriger Freiheit erwählen konnte.</p>
+
+<p>Sobald dies jedoch geschehen und General <em class="gesperrt">Santa Anna</em>
+als <em class="gesperrt">Präsident</em>, Don <em class="gesperrt">Valentin Gomez Farias</em> als
+<em class="gesperrt">Vice-Präsident</em> installirt und der gesetzgebende Körper der Union
+neuorganisirt worden war, änderte sich der Gang und die Tendenz der
+Administration von Grund aus.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span></p>
+
+<p>Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen
+Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur
+militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze der
+gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando gelassen
+hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante am meisten
+ergebenen Generäle, <em class="gesperrt">Arista</em> und <em class="gesperrt">Duran</em>, die wichtigsten
+Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und
+letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der
+Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s
+in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer
+Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund
+und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen
+Ereignissen.</p>
+
+<p>Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei
+zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen
+Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn
+zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so
+sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, — in <em class="gesperrt">seiner</em> Person
+liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, — ihm wollten sie
+vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von
+Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen
+füllten! — Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und
+Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn
+er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die
+Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und
+der Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! — so
+hieß es am Schluß — diese anarchistische Partei, empfangen Sie die
+<em class="gesperrt">Dictatur</em> aus unsern <em class="gesperrt">Händen</em>, wer wird es alsdann noch
+wagen, das Haupt zu erheben?’”</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span></p>
+
+<p>Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der
+Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico,
+Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident
+solchen Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur
+Steuer der Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf
+einzugehen. Obgleich — aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung —
+schwankend in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das
+Wohl seines Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß
+die Volkspartei zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform
+überschreiten würde; er hatte überdies <em class="gesperrt">religiöse</em> Scrupel und
+hielt es für Sünde, die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen
+beschränkten Ideen ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des
+Gouvernements und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere
+von dem Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair,
+sondern Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn
+der Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein
+Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit
+fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn
+gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen
+Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt
+seyn.&#x2060;<a id="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span></p>
+
+<p>Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der
+neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen
+gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats
+Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser
+Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren
+Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder
+Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum
+<em class="gesperrt">Dictator</em>. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person
+gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten
+mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch er
+zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit Ausnahme
+einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun den eignen
+General, <em class="gesperrt">den Präsidenten der Republik</em>, gefangen nahm, um ihm
+die <em class="gesperrt">Dictatur</em> gleichsam aufzudringen. — Aber man hatte sich in
+ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition
+anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern
+des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich
+aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge
+und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.</p>
+
+<p>Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die
+Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse.
+Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa
+Anna für eine mit <span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch
+der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch
+nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines
+Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten
+gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den
+Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts der
+Republik! Die Generäle <em class="gesperrt">Vittoria</em>, <em class="gesperrt">Anaya</em>, <em class="gesperrt">Mejia</em>
+und <em class="gesperrt">Arago</em> (letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser
+Zeit der Sache des Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte)
+waren der Regierung treu geblieben, und der Vice-Präsident bediente
+sich ihrer mit Kraft und Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in
+der Hauptstadt und Umgegend zu unterdrücken. — Der durch sich selbst
+befreite Präsident Santa Anna kam mittlerweile zurück und sammelte mit
+der ihm eignen Gewandtheit und Energie eine neue Armee, mit der es ihm
+endlich gelang die Rebellen, in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! —
+Die Chefs der Insurgenten und dieser Contrerevolution wurden des Landes
+verwiesen; <em class="gesperrt">auch nicht eine Hinrichtung fand statt</em>! Die neue
+Ordnung der Dinge stand fest.</p>
+
+<p>Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben,
+zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des
+Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz,
+zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung
+der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und
+militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner
+Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und
+der Constitution treu bleiben!</p>
+
+<p>Während nun der <em class="gesperrt">Präsident</em> damit beschäftigt war den Feind
+im offenen Felde zu bekämpfen, gingen vom <em class="gesperrt">Congreß</em> wichtige
+Reform-Decrete aus. Unter andern Männern <span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>von Kraft und Kenntnissen
+saß in demselben der bekannte Don <em class="gesperrt">Lorenzo de Zavala</em>, der seine
+Stelle als Civil-Gouverneur des Staates Mexico niedergelegt hatte
+und zum Repräsentanten desselben erwählt worden war. — Unter seiner
+Mitwirkung beschloß der Congreß:</p>
+
+<ol class="decimal">
+
+<li>Daß die Entrichtung des <em class="gesperrt">Zehnten</em> an die Geistlichkeit,
+dem Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim
+gestellt seyn solle.</li>
+
+<li>Daß die <em class="gesperrt">klösterlichen Gelübde</em> vor dem Civil-Gesetz als
+nicht bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen
+Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins
+bürgerliche Leben wieder einzutreten.</li>
+
+<li>Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten
+<em class="gesperrt">Canonicate</em> wieder aufgehoben seyn sollten.</li>
+
+</ol>
+
+<p>Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als
+<em class="gesperrt">tausend</em> Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen,
+wodurch die Finanz der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen
+völlig unnützen, Last entledigte.</p>
+
+<p>Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind
+noch folgende Propositionen Zavala’s:</p>
+
+<ol class="lower-latin">
+
+<li>Umänderung des Zoll-Tarifs, d.&#8239;h. Verminderung der
+eingehenden Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um
+Zweidrittheil der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote.</li>
+
+<li>Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern
+verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben.</li>
+
+<li>Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der
+National-Schuld.</li>
+
+</ol>
+
+<p>Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen,
+als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die <em class="gesperrt">Einführung der
+Religionsfreiheit</em> bemerklich macht, und man nicht <span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span>glaubt, daß
+diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei
+Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!</p>
+
+<p>Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende
+Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten
+sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen
+und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit ergehen
+zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und materieller
+Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie sehen ein,
+daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen ist. Man
+hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch <em class="gesperrt">keine Schulen</em>
+waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die Staaten
+von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus. — Im
+Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und viele
+Schulen des <em class="gesperrt">ersten Unterrichts</em> wieder hergestellt, welche die
+frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das
+gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem
+besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa
+einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 <em class="gesperrt">Schulen des ersten
+Unterrichts</em>, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746
+Kinder lesen und schreiben lernen.</p>
+
+<p>Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat,
+die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren,
+so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der
+ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der
+Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf
+dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und
+Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie;
+<span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik;
+Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-,
+Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate
+hervorbringen!&#x2060;<a id="FNanchor_22_22" href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a></p>
+
+<p>Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die
+der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte
+in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung
+Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht
+allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere
+Schuld von <em class="gesperrt">fünf Millionen Pesos</em> contrahirt und sie auf die
+Zölle angewiesen, welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme
+des Staates bilden. Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen
+abgeschnitten, und sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis
+Geld vorzuschießen; dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von
+Agioteurs erhalten, denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe
+Million aus die Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte,
+besonders während sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer
+bringen und selbst bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt.
+Zinsen pr. <em class="gesperrt">Monat</em>!! bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung
+auf die Zölle, welche sich stets binnen mäßiger Frist realisirten und
+somit den Darleihern einen ungeheuren Nutzen abwarfen! — Ein solches
+Leih-System von Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen
+Hülfsquellen wie Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher,
+als es selbst die <span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn
+wenn diese auch der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der
+empfangenen Summe kosten,&#x2060;<a id="FNanchor_23_23" href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> so sind doch, wie man sieht, jene
+Platz-Anleihen, bei unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher
+und weit schnellerer Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen
+zum gänzlichen Ruin, ja zum National-Banquerott führen, wenn das
+System nicht geändert wird! — Darauf arbeitet denn auch die jetzige
+Administration hin und hat bereits bedeutende Ersparnisse in der
+Verwaltung eingeführt; auch geht sie damit um das Uebel an der Wurzel
+zu fassen, nämlich die Armee zu reduciren! denn so lange nicht die
+bewaffnete Macht, nach dem Vorbild der nordamerikanischen Staaten, auf
+eine verhältnismäßig kleine Armee zurückgeführt wird, ist kein Heil für
+die Republik zu erwarten.</p>
+
+<p>Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen
+und verbesserten Finanz-Verwaltung hat <span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span>Zavala der Regierung höchst
+beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen
+werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa
+und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,&#x2060;<a id="FNanchor_24_24" href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> will er, daß
+man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland
+Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von
+diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf
+längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden,
+die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des
+Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.</p>
+
+<p>Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der
+Schluß ziehen, daß die <em class="gesperrt">vereinigten Staaten von Mexico</em>, sowohl
+in moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft
+entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte,
+welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet,
+die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen
+früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen,
+mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; — die
+Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder
+Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der
+jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden,
+welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der
+Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch
+geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im <span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>Clerus
+stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende
+Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche
+und Staat anzuerkennen, — alles dies wird <em class="gesperrt">die vereinigten Staaten
+von Mexico</em> dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen
+Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und
+die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die
+Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem
+Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich
+zu überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt
+das Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für
+nöthig hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen,
+ließ er sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine <em class="gesperrt">schwere</em>
+Krankheit nicht abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom
+Krankenlager aus, <em class="gesperrt">unter den größten Anstrengungen</em>, eine lange,
+eindringliche Rede, in der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner
+Vortheil es erheische, dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die
+erforderliche Hülfe nicht zu versagen. — Seine Rede blieb nicht ohne
+Erfolg; es kam wirklich eine Anleihe zu Stande.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_22_22" href="#FNanchor_22_22" class="label">[22]</a> Vorausgesetzt, daß die angestellten <em class="gesperrt">Lehrer</em> der
+umfassenden Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was
+<em class="gesperrt">vorerst</em> wohl schwerlich der Fall seyn dürfte.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_23_23" href="#FNanchor_23_23" class="label">[23]</a> <em class="gesperrt">Erstes</em> mexicanisches Anlehen in England contrahirt
+zu 5&#160;pCt. <span class="antiqua">per annum</span> 16,000,000&#160;$ zu 50&#160;pCt. negociirt ergaben</p>
+
+<table class="anleihe_england">
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right nowrap">$ &#8199;8,000,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft1_5">Provision 5 pCt.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">&#8195;$ 400,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft1_5">Dividende des ersten Jahrs</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">&#8195;„ 800,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft1_5">Tilgungsfond</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right bb nowrap">&#8195;„ 400,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right bb nowrap">„ &#8199;1,600,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">disponible Summe</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right nowrap">$ &#8199;6,400,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left mleft1_5">hiervon jährlich zu zahlen 800,000&#160;$,
+ macht 12½ pCt.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p><em class="gesperrt">Zweites</em> mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6&#160;pCt.
+<span class="antiqua">per annum</span> 16,000,000&#160;$ zu 82&#160;pCt. negociirt ergaben</p>
+
+<table class="anleihe_england">
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right nowrap">$ 13,120,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft1_5">Provision 5 pCt auf den Nominalwerth</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">&#8195;$ 800,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft1_5">Dividende des ersten Jahrs</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">&#8195;„ 960,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft1_5">Tilgungsfond</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right bb nowrap">&#8195;„ 540,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right bb nowrap">„ &#8199;2,300,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">disponible Summe</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right nowrap">$ 10,820,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left mleft1_5">hiervon jährlich zu zahlen 960,000&#160;$
+ macht circa 9 pCt.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+</div>
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_24_24" href="#FNanchor_24_24" class="label">[24]</a> Don Lorenz Zavala, Verfasser des <span class="antiqua">ensayo historico de
+las revoluciones de Megico. tom. I. Paris</span> 1831 und <span class="antiqua">tom. II.
+New-York</span> 1832, ist jetzt bevollmächtigter Minister der vereinigten
+Staaten von Mexico am Hofe von Frankreich und mithin zu Paris!</p></div>
+</div>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span></p>
+
+<h2 class="nobreak" id="Zweite_Abtheilung">Zweite Abtheilung.<br>
+<span class="s6 nobold">Mercantilische und statistische Notizen.</span></h2>
+
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Handel_mit_Mexico"><b>Handel mit Mexico.</b></h3>
+
+<p class="s4 center mbot2">Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen.</p>
+
+</div>
+
+<p class="p0"><em class="gesperrt"><span class="initial">B</span>ordeaux</em> hat durch seine geregelte Packetfahrt einen Umfang in
+dem Handel mit Mexico erlangt, den es ohne dieselbe wohl mit Havre
+hätte theilen müssen. Die französische General-Post-Direction hat
+nämlich mit einer Gesellschaft von Schiffs-Rhedern in Bordeaux eine
+Uebereinkunft getroffen, nach welcher diese, gegen eine Vergütung von
+10000 Francs für die Hin- und Herreise, jeden ersten des Monats ein
+Schiff mit der Correspondez nach und von Mexico abzufertigen und dabei
+den einen Monat die Briefe nach der Insel Martinique, den andern nach
+Haity (St. Domingo) mitzunehmen verpflichtet sind.</p>
+
+<p>Diese regelmäßige monatliche Abfahrt von Packetbooten, welche zugleich
+Kauffahrteischiffe sind, giebt Bordeaux’s Verkehr mit Mexico eine
+Zuverlässigkeit, welche man anderwärts nicht findet, obgleich Havre
+in seinen Bemühungen, Theil an dem mexicanischen Handel zu nehmen,
+nicht ganz zurückbleibt. — Frankreich und die Schweiz senden daher
+ihre für Mexico bestimmten Fabrikate vorzugsweise über Bordeaux,
+und selbst die preußischen Seidenfabriken am Rhein thun, bei dem
+jetzt freigegebenen Transit durch Frankreich, häufig ein Gleiches.
+Bordeaux hat überdies einen, diesem Hafen bekanntlich eigenthümlich
+<span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span>angehörigen, nicht unbedeutenden, und sich stets mehrenden Handel
+in Wein mit den mexicanischen Häfen, und ist zugleich der Hauptmarkt
+für die wichtigste <em class="gesperrt">Waaren</em>-Retour, welche Mexico zu machen hat,
+nämlich für <em class="gesperrt">Cochenille</em>. Hiervon empfängt Bordeaux jährlich den
+Werth von circa 3 bis 4 Millionen Francs aus dem Hafen von Vera-Cruz,
+und findet seinen Hauptabsatz dafür theils nach St. Petersburg, theils
+nach der Levante.</p>
+
+<p>Seit Spanien seine Colonieen und mithin Cadix sein Monopol des
+Cochenille-Handels verloren hat, theilen sich hauptsächlich Bordeaux
+und London in diesen wichtigen Geschäftszweig. — Bordeaux aber, wo
+bei der mexicanischen Revolution sich viele Spanier und mehrere reiche
+Mexicaner angesiedelt haben, scheint die, früher in Cadix geheimnißvoll
+betriebene, Umarbeitung der Cochenille besser zu verstehen, als
+London und dadurch wo nicht größere, doch jedenfalls gleich große
+Geschäfte darin zu machen. Auch hierbei zieht Bordeaux Vortheil von
+seiner Packetfahrt mit Vera-Cruz, indem durch <em class="gesperrt">diese</em> regelmäßige
+Sendungen von Cochenille und andern Waaren gemacht werden können,
+während den englischen Packeten nicht erlaubt ist, etwas anderes als
+Comptanten an Bord zu nehmen, und man daher häufig genöthigt ist, aus
+Mangel an directer Schiffsgelegenheit, Cochenille und sonstige nach
+England bestimmte <em class="gesperrt">Waaren</em> über New-York, oder andere Häfen von
+Nordamerika zu versenden.</p>
+
+<p>Xalapa und Sasseparila hat Bordeaux gleichfalls viel aus Mexico
+bezogen, besonders in der letzten Zeit, wo diese Artikel in Folge der
+Cholera so sehr gestiegen sind. Vanille bildet auch noch einen nicht
+unbedeutenden Einfuhr-Artikel, er ist jedoch, des leichten Verderbens
+wegen, ein sehr mißlicher und giebt nur periodisch einen, dann aber
+freilich oft sehr großen, Gewinn.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span></p>
+
+<p>Baarsendungen, sowohl in <em class="gesperrt">Piastern</em> als auch insbesondere in
+<em class="gesperrt">Doublonen</em>, rendiren in Bordeaux deshalb besser als irgendwo,
+weil sie, des benachbarten Spaniens wegen, in ihrem gemünzten Zustande
+Cours haben und deshalb oft sehr hoch stehen, während sie anderwärts,
+in der Regel, erst umgeschmolzen werden müssen und mithin nur ihren
+Metallwerth aufbringen.</p>
+
+<p>Unter Frankreichs verschiedenen Ausfuhr-Artikeln (unter welchen
+Seiden-Waaren natürlich obenan stehen) verdient <em class="gesperrt">Papier</em> noch
+einer besondern Erwähnung. Die unfern Bordeaux gelegenen Papiermühlen
+lieferten Ende 1831 das 500 Bogen starke Ries des sogenannten
+Florete, als der geeignetesten Sorte, zu 6 Fr. 15 Cent., und mithin
+weit wohlfeiler, als es nach allen gemachten Versuchen Deutschland
+herzustellen möglich ist. In Genua, wo die für Mexico passendste
+Qualität verfertigt wird, steht der Preis noch niedriger. Es ist zu
+beklagen, daß Deutschland dergestalt bei einem Geschäftszweige nicht
+concurriren kann, welcher eine so große Rolle im Handel nach Mexico
+spielt. Es werden daselbst jährlich nicht weniger als 500,000 Ries
+Papier eingeführt, oft mehr, und es wird außerdem noch Papier im Lande
+selbst fabricirt. Der Verbrauch dieses Artikels ist in Mexico deshalb
+so groß, weil alle Einwohner (selbst die Damen nicht ausgenommen)
+Papier-Cigarren rauchen, was natürlich einen <em class="gesperrt">täglichen</em> Consum
+von Millionen solcher Cigarren zur Folge hat.</p>
+
+<p>Der Versuch, in Bordeaux eine Niederlage von deutschen Leinen für
+die Assortirung der Ladungen nach Mexico und Südamerika zu bilden,
+schlug fehl und mußte fehlschlagen, weil Deutschlands <em class="gesperrt">directer</em>
+Ausfuhr-Handel nach jenen Landen zu lebhaft und bedeutend ist, um
+einer Vermittlung dabei zu bedürfen; er übersteigt im Werthe den der
+französischen Häfen und die Ausfuhr von Hamburg und Brennen nach Mexico
+<span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>allein, beträgt, in Leinen und andern Gegenständen <em class="gesperrt">deutscher</em>
+Industrie, wohl an acht Millionen Mark Banco im Jahr! Rechnet man
+hinzu, was an <em class="gesperrt">deutschen</em> Waaren über Nordamerika, England,
+ja sogar über Chili und Peru nach Mexico geht, so leidet es keinen
+Zweifel, daß das Minimum des jährlichen Consums in der Republik Mexico,
+an <em class="gesperrt">deutschen</em> Waaren aller Art, auf zehn Millionen Mark Banco (5
+Mill. preußischer Thaler) veranschlagt werden kann, und wobei die unter
+dem Namen von <span class="antiqua">Platilles reales</span> bekannten schlesischen Leinen mit
+120 bis 140,000 Stück figuriren.</p>
+
+<p>Nächst dem Leinen sind die Seiden-Waaren aus den Rhein-Provinzen der
+wichtigste deutsche Artikel in dem mexicanischen Markt; auch spielt das
+böhmische Glas bei der Ausfuhr von Hamburg nach Vera-Cruz eine große
+Rolle. — In den letzten beiden Jahren sind allein von Hamburg jährlich
+20 bis 22 Schiffe, mit Manufactur-Waaren beladen, <em class="gesperrt">direct</em> nach
+Vera-Cruz und Tampico abgefertigt worden, und zwar alles deutsche,
+nämlich Hamburger, Bremer, preußische und Altonaer, welche letztere
+allerdings unter dänischer Flagge fahren, aber darum nicht minder
+<em class="gesperrt">deutsch</em> sind; denn wenn auch <em class="gesperrt">Altona</em> unter dänischer
+Oberherrschaft steht, so liegt es doch in Holstein und <em class="gesperrt">Hamburg</em>
+so nahe, daß die beiden Häfen gleichsam nur ein und denselben bilden;
+die Altonaer Börse wird aber wirklich an jener von Hamburg abgehalten.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Ausfuhr_von_Mexico"><b>Ausfuhr von Mexico.</b></h3>
+
+<p class="s4 center mbot1"><em class="gesperrt">Staat von Oaxaca.</em></p>
+
+<p class="center mbot2">Cochenille (<span class="antiqua">Grana</span>).</p>
+
+</div>
+
+<p>Obwohl Cochenille (span. <span class="antiqua">Grana</span>) jetzt auch in Honduras und
+Guatimala in guter Qualität erzeugt und nach Europa ausgeführt wird,
+so kann man doch noch immer Mexico als die Hauptquelle für diesen
+wichtigen Farbestoff betrachten. In Mexico selbst aber wird Cochenille
+ausschließlich in dem Staate von Oaxaca gezogen, und wird daselbst auch
+nie aufhören gezogen zu werden, wie dieses bei sehr niedrigen Preisen
+in Honduras und Guatimala wohl der Fall seyn könnte, wo die Zucht
+derselben bloß speculative Unternehmung von Pflanzern ist, während
+sich in Oaxaca die indianische Bevölkerung ihren Unterhalt dadurch
+verschafft und, bei wenig Auslagen und noch wenigeren Bedürfnissen,
+den Erlös des Products, gleichsam als den Jahres-Verdienst betrachtet,
+wovon sie leben muß. Die Cochenille-Zucht ist nämlich der Art, daß sie
+ganze Familien Indianer, jung und alt, auf eine, ihren beschränkten
+Geistes- und Körperfähigkeiten sehr zusagende, Weise beschäftigt,
+weshalb sie denn auch, so lange der Artikel nur noch zu irgend einem
+Preise Käufer findet, gewiß zu keiner andern Arbeit übergehen werden.
+Die Pflanzer, welche die Cochenille im Tagelohn bearbeiten lassen, und
+deren es in Oaxaca auch giebt, behaupten, bei Preisen unter 9½ und
+10 Realen pr. ℔ nicht bestehen zu können. Die Zucht der Cochenille,
+bis sie als Handelsartikel in den Markt kommt, erfordert ungefähr ein
+ganzes Jahr Zeit.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span></p>
+
+<p>Das junge Insect wird auf den Pflanzungen in den Gebirgen geboren, da
+die Temperatur und der frühe Regen im Thale der Brut nicht günstig
+sind. Erst im Juli wird es von den Gebirgen gebracht, und in den
+Thal-Pflanzungen auf den Naupal (Cactus) gesetzt, und sowohl gegen
+Regen als gegen Sonnenhitze durch Mattendächer geschützt, welche nur
+eine kurze Zeit am Morgen gelüftet werden. Auf diese Weise wird das
+Insect gehegt, bis es im Monat October und November gebiert, wo alsdann
+dieser Saame, wie man das junge Insect nennt, über die ganze Pflanzung
+verbreitet wird.</p>
+
+<p>Das Product der ersten Aussaat schlägt man auf das Fünffache, das der
+zweiten, von der Jahrszeit mehr begünstigten, auf das <em class="gesperrt">Zehn</em>-
+bis <em class="gesperrt">Eilffache</em> an, dergestalt, daß eine <em class="gesperrt">funfzigfache</em>
+Vermehrung des Insects in den beiden Jahres-Abtheilungen angenommen
+werden kann, wenn nicht Unglücksfälle, z.&#8239;B. plötzlich eintretender
+Frost oder Wegschwemmnng durch allzu heftige Regengüsse, was allerdings
+manchmal geschieht, eine Aenderung darin hervorbringen.</p>
+
+<p>Das Insect wirft lebendige Jungen; manche bis zu 200 an der Zahl! wovon
+jedoch viele verloren gehen. Nach der zweiten Aussaat, wo das Wetter
+beständiger und zuverlässiger geworden ist, werden die Pflanzen nur
+mit Busch und Laubwerk bedeckt, obgleich sie dadurch der Beschädigung
+durch Regen mehr ausgesetzt sind; eine Mattenbedeckung für die ganze
+Pflanzung würde aber zu theuer kommen, und eine Auslage von $&#8239;3 für
+jedes Pfund Saamen erfordern.</p>
+
+<p>Das Insect der zweiten Aussaat läßt man nicht zum Gebären kommen;
+man sammelt es schon im Januar und Februar und tödtet es entweder in
+kochendem Wasser oder, nach einer jetzt öfter angewandten, bessern
+Methode, in heißen Oefen, wobei dem Thiere seine Farbe besser erhalten
+wird. <span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span>Wenn die “<em class="gesperrt">Grana</em>” alsdann ganz getrocknet ist, wird sie
+gesiebt und von allen fremdartigen Theilen gereinigt, und in <em class="gesperrt">dem</em>
+Zustande zum Verkauf ausgeboten, wie wir sie auf den europäischen
+Märkten sehen. Die <em class="gesperrt">schwarze</em> Cochenille, oder Zaccatilla, ist
+die Mutter-Grana, nachdem sie geboren hat und eines natürlichen Todes
+gestorben ist. Die beste Zeit für den Einkauf in Oaxaca sind die Monate
+November und December. — Die silbergraue Cochenille ist das Thier,
+wenn es vor dem Gebären auf oben beschriebene Weise getödtet wird.</p>
+
+<p>Die Qualität hängt viel von der Sorgfalt ab, womit man das Insect
+behandelt während es lebt, und von der Art und Weise des Tödtens;
+jedoch haben auch allerhand Verfälschungen, besonders früher als
+die Preise hoch standen, Statt gehabt, und man versucht sie auch
+jetzt noch, obgleich, des niedrigen Preises wegen, minder häufig.
+Die dermalen am meisten übliche Verfälschung besteht aus einer
+Nachahmung; — theils von dem Staub und Bruch, welcher aus der bessern
+Qualität ausgesiebt worden ist, theils von dem Bodensatz der schon
+gebrauchten Cochenille. Mit einiger Aufmerksamkeit sind aber beide
+Arten der Verfälschung leicht zu entdecken, — und noch leichter zwei
+geringere Gattungen — todte Cochenille (<span class="antiqua">Grana muerta</span>) und wilde
+Cochenille (<span class="antiqua">Grana silvestre</span>) genannt, — welche sich manchmal
+mit einschleichen; — erstere hat eine runde Gestalt und gleicht der
+nachgemachten, zeigt jedoch Streifen wie die ächte Cochenille; letztere
+ist derselben aber gar nicht ähnlich und hat durchaus keine gewisse
+und gleichmäßige Form. Wenn, wie manchmal geschieht, die Zaccatilla
+(die Mutter-Grana nach dem Gebären) gleichfalls durch heißes Wasser
+getödtet wird, so bekommt sie ein schlechteres Ansehen, nämlich
+röthlich-schwarz und fuchsig, und wird deshalb wohlfeiler verkauft; da
+diese Gattung aber eben so viel <span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>Farbestoff enthalten soll, wie die
+besser aussehende, so verdient sie die Aufmerksamkeit derer, welche für
+den, die Waare selbst verarbeitenden, Fabrikanten in Europa einkaufen,
+indem dieser alsdann dasselbe Quantum Farbe billiger erhält.</p>
+
+<p>Granilla nennt man die ganz kleinen Insecten und den Bruch der bessern
+Cochenille; sie wird für den halben Preis und oft noch billiger
+verkauft, ist aber auch in Europa nicht beliebt.</p>
+
+<p>Die ächte Zacatilla ist leichter als die silbergraue und nimmt bei
+gleichem Gewicht mehr Volumen ein, sie wird daher auch schon deshalb
+für den levantischen Markt, wo Cochenille nicht wie in Europa nach dem
+Gewichte, sondern nach dem Maaße verkauft wird, vorgezogen. Um auch die
+silbergraue möglichst leicht zu machen, wird sie vor dem Einpacken sehr
+gut getrocknet. Staub kann jedoch nicht vermieden werden; denn, wenn
+auch noch so rein gesiebt und noch so fest verpackt worden ist, erzeugt
+er sich dennoch auf der Reise, und zwar am meisten bei den feinsten
+Qualitäten, sowohl bei Zacatilla, wie bei der silbergrauen.</p>
+
+<p>Die Verpackung geschieht zuerst in leinene Säcke, dann in Matten, und
+über diese wird ein Kalbfell festgenäht und geschnürt. Ein solches
+Colli nennt man Serron oder (spanisch) Sebernali, und es enthält in der
+Regel 8 Arroben oder 200 ℔ Cochenille. In Oaxaca wird die Cochenille
+nach dem Pfund verkauft, in dem Seehafen von Vera-Cruz aber, wo
+sich gleichfalls ein Markt für den Artikel gebildet hat, kauft und
+verkauft man sie nach Arroben von 25 ℔ und so wird sie auch ins Ausland
+facturirt. Vera-Cruz ist übrigens der für die Verschiffung dieses
+Productes nach Europa am zweckmäßigsten gelegene Hafen. In Tampico
+kommt es gar nicht vor und nach Acapulco an der Südsee verirren sich
+nur selten einige <span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span>Serronen. Das größte Quantum Cochenille, was seit
+dem Jahre 1758, also seit mehr als 70 Jahren, ausgeführt worden ist,
+war 1,558,125 ℔, im Jahre 1774! Der Durchschnitt von 1770 bis 1780 kann
+zu 1,000,000 ℔ jährlich angenommen werden. Der Preis variirte aber in
+derselben Epoche sehr, und während derselbe im Jahre 1770 bei einer
+Ausfuhr von 1,000,000 ℔, auf 25 Rl. und im Jahr 1771 sogar auf 32 Rl.
+pr. ℔ gestiegen war, fiel er 1774 bei 1,500,000 ℔ Ausfuhr, auf 17 Rl.,
+und in 1779, bei nur 800,000 ℔ Ausfuhr auf 15 Rl. pr. ℔. Die Ausfuhr
+nahm nunmehr bedeutend ab und fiel im Jahr 1793 bis auf 334,250 ℔. Der
+Durchschnittspreis jenes Jahres war dennoch nur 13½ Realen, und als das
+Jahr darauf die Ausfuhr wieder auf 655,550 ℔ stieg, sank der Preis auf
+10½ Rl. pr. ℔. Auf dieser niedern Stufe sollte aber damals der Artikel
+nicht lange bleiben, und schon in 1800 stand er wieder auf 19 Rl., in
+1803 auf 21 Rl. und in 1809 sogar auf 33 Rl.! Der Preis hielt sich bis
+zur mexicanischen Revolution (1820/21) ungefähr auf jener Höhe, mit
+der alleinigen Ausnahme des Jahrs 1813, wo seltsam genug die Ausfuhr
+<em class="gesperrt">nur</em> 178,875 ℔ betrug (der geringsten seit 1758) und der Preis
+auf 15 Rl. sank; das darauf folgende Jahr war er wieder 25 Rl.</p>
+
+<p>Das seltsamste bei dieser Preis-Fluctuation ist, daß sie während einer
+Zeit Statt fand, wo die Spanier das Monopol dieses Handels hatten, und
+diesen, in Europa damals den edlen Metallen an Stabilität fast gleich
+geachteten, Artikel in Cadiz, dem Stapelplatze desselben, immer auf
+einer bedeutenden Höhe zu erhalten wußten.</p>
+
+<p>Seit der Befreiung des mexicanischen Verkehrs mit Europa war der Gang
+des Handels mit Cochenille der folgende:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span></p>
+
+<table class="cochenille_oaxaca">
+ <tr>
+ <td class="vam" colspan="5">
+ <div class="center"><em class="gesperrt">Ausfuhr</em> aus dem Staat von<br>
+ <em class="gesperrt">Oaxaca</em> fast ausschließlich<br>
+ nach Vera-Cruz</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center">Durchschnitts-<br>
+ preis pr. ℔<br>
+ in Oaxaca</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <div class="center"><em class="gesperrt">Werth</em></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam s5">
+ <div class="center">Pfund</div>
+ </td>
+ <td class="s5">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam s5">
+ <div class="center">Seronen</div>
+ </td>
+ <td class="vam s5">
+ <div class="center">Reales</div>
+ </td>
+ <td class="vam s5">
+ <div class="center">Pesos</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">in</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1823</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;408,150</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">oder</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2041</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;16½&#8199;</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;841,809.&#8199;3</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1824</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;377,412</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1887</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;16¾&#8199;</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;790,207.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1825</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;394,037</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1970</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;19.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;935,839.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1826</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;357,612</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1788</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;18.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;804,628.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1827</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;610,187</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">3051</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;18.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;1,395,470.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1828</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;398,187</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1991</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;14.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;741,714.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1829</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;498,862</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2494</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;13.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;810,651.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1830</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;400,438</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2002</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;12.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;625,683.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1831</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;350,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1750</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;11.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;481,250.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1832</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;635,075</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">3175</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;9.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8194;&#8199;754,151.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>Da nun der Werth der Waare durch Einkaufs-Provision, Ausgangszoll
+aus dem Staat von Oaxaca und Fracht nach Vera-Cruz, so wie ferner
+durch Provision und Spesen in dem Hafen bis am Bord, an 2¼ à 2½ Rl.
+pr. ℔ gesteigert wird, so kann der Durchschnittswert der Ausfuhr der
+Cochenille nach Europa, für diese 10 Jahre nach der Eröffnung des
+mexicanischen Handels, auf circa $&#8239;1,000,000 im Jahr angenommen werden,
+das Quantum aber zu 443,000 ℔.</p>
+
+<table>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Der jährliche Durchschnitt</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">von</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1760 <span class="antiqua">à</span> 69</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">war</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;870,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">℔</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1770 <span class="antiqua">à</span> 79</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,000,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1780 <span class="antiqua">à</span> 89</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;680,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1790 <span class="antiqua">à</span> 99</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;468,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1800 <span class="antiqua">à</span> &#8199;9</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;360,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1810 <span class="antiqua">à</span> 19</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;342,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1821 <span class="antiqua">à</span> 32</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;443,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>Die Production dieses interessanten Artikels hat also durch die
+Revolution nicht nur nicht ab-, sondern im Vergleich mit den
+vorangegangenen zwei Jahrzehnten zugenommen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span></p>
+
+<h3 id="Cochenille"><em class="gesperrt">Cochenille.</em></h3>
+
+</div>
+
+<p>Quantität der Exportation aus dem Staat Oaxaca, Durchschnittspreise pr.
+Jahr und Total-Werth von 1758 bis 1830.</p>
+
+<p class="s5 center">(Aus der Exposicion des Gouvernements des Staats von
+Oaxaca von 1831.)</p>
+
+<table class="cochenille_bis_1830">
+ <tr>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">Jahr</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">Pfunde</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">Seronen</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">Preis<br>
+ Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">Total-Werth<br>
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+ </td>
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+ </td>
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+ </td>
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+ </td>
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+ </td>
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+ </td>
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+ </td>
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+ </td>
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+ </td>
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+ <tr>
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+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,238,118.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1808</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;358,200</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1791</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">29.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,298,488.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1809</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;343,350</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1717</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">33.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,416,318.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1810</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;545,727</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2729</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">29.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,978,262.&#8199;2</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1811</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;478,912</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2395</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">28.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,706,125.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1812</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;199,800</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;999</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">20.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;499,500.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1813</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;178,875</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;894</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">15.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;335,390.&#8199;5</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1814</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;327,937</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1640</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">25.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,024,804.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+<span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span>
+ <div class="center">1815</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;283,275</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1416</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">24.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;849,825.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1816</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;352,687</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1763</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">32.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,410,748.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1817</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;315,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1575</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">29.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,141,875.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1818</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;250,412</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1252</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">28.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;892,092.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1819</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;493,200</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2466</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">27.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,695,375.&#8199;5</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1820</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1821</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;311,787</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1559</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">23.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;896,387.&#8199;5</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1822</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;433,063</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2165</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">18.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,001,457.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1823</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;408,150</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2041</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">16.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;841,809.&#8199;3</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1824</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;377,412</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1887</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">16.&#8199;9</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;790,207.&#8199;3</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1825</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;394,037</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1970</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">19.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;935,837.&#8199;7</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1826</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;357,612</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1788</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">18.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;804,628.&#8199;1</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1827</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;610,187</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">3051</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">18.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1,395,420.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1828</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;398,187</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1991</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">14.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;721,714.&#8199;7</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1829</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;498,862</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2494</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">13.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;810,651.&#8199;4</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1830</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;400,438</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">2002</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">12.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;625,683.&#8199;5</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1831</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;350,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">1750</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">11.—</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;481,250.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="center">1832</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;635,075</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">3175</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;9.&#8199;6</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">&#8199;754,151.&#8199;4</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5" colspan="4">
+ <div class="left"><span class="antiqua">Ao.</span> 1820 fehlt aus
+ Mangel an Daten.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="section">
+
+<h3 class="padtop1" id="Calculation"><em class="gesperrt">Calculation</em><br>
+<span class="s5a">des in Bordeaux einstehenden Werths der
+<em class="gesperrt">Cochenille</em>, wenn in Oaxaca zu 10 Rl. pr. ℔
+eingekauft.</span></h3>
+
+</div>
+
+<table class="calculation">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">10 Seronen zu 8 Arroben oder 200 ℔
+ <span class="antiqua">netto jede</span>, sind 2000 ℔
+ <span class="antiqua">à</span> 10 Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">$ 2500.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Ausfuhrzoll aus dem Staat von Oaxaca
+ <span class="antiqua">à</span> $ 3.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;300.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Einschreibe-Gebühren</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;&#8199;10.&#8199;6</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span>
+ <div class="hang1_5">Wägen und reinigen <span class="antiqua">à</span>
+ 6 Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;&#8199;&#8199;7.&#8199;4</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Packen in Säcke und Häute
+ <span class="antiqua">à</span> $ 4</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;&#8199;40.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Courtage und Lagermiethe 1 pCt</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;&#8199;25.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Einkaufs-Provision 5 pCt.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap bb">„ &#8199;125.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">$ 3008.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat padtop1">
+ <div class="hang1_5">Fracht von Oaxaca nach Vera-Cruz
+ <span class="antiqua">à</span> $ 15 pr. Carga (2 Seronen) </div>
+ </td>
+ <td class="vab padtop1">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;&#8199;75.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Verschiffungs-Kosten in Vera-Cruz
+ <span class="antiqua">à</span> 12 Rl</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;&#8199;15.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Provision im Hafen 2½ pCt. auf $ 3200</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap bb">„ &#8199;&#8199;80.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap bb">$ 3178.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat padtop1">
+ <div class="hang1_5">Diese $ 3178 — 60 Tage Sicht auf Frankreich
+ gezogen zu 5 Fr. macht</div>
+ </td>
+ <td class="vab padtop1">
+ <div class="right nowrap">Fr. 15891.25</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Fracht von Vera-Cruz nach Bordeaux zu $ 6
+ mit 10 pCt. pr. Serone</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;330.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Assecuranz auf 17000 Fr. zu 2 pCt </div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">„ &#8199;340.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Kosten im Hafen von Bordeaux</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap bb">„ &#8199;&#8199;90.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">Fr. 16651.25</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>2000 ℔ <span class="antiqua">netto</span> in Oaxaca ergeben 1800&#8239;½ Kilogr. in Bordeaux; diese
+dividirt in Fr. 16651.25 — macht 9 Fr. 25 Cent. pr. ½ Kilogr.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 class="padtop1" id="Ausfuhr_von_Mexico_im_Allgemeinen">Ausfuhr von Mexico
+im Allgemeinen<br>
+<span class="s5">und Taback und Kaffee insbesondere.</span></h3>
+
+</div>
+
+
+<p>Das Haupt-Tauschmittel Mexico’s in seinem Verkehr mit Europa, Nord- und
+Süd-Amerika ist <em class="gesperrt">Silber</em> und etwas <em class="gesperrt">Gold</em>. — Man kann die
+<em class="gesperrt">jährliche</em> Ausfuhr von beiden edlen Metallen aus allen Häfen der
+Republik in gemünztem <span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>und ungemünztem Zustande zu circa fünfzehn Mill.
+Dollars annehmen. — Die Ausfuhr in ungemünztem Zustande, d.&#8239;h. in
+Barren (wenn erlaubt, was nicht immer der Fall) ist vortheilhafter als
+in gemünztem, ungeachtet die Ausgangs-Rechte aus Barren 7 pCt. sind,
+während gemünztes Silber nur 3½ pCt. und gemünztes Gold nur 2 pCt.
+zahlt.</p>
+
+<p class="mtop2">Die nächstwichtige Ausfuhr von Mexico ist sodann Cochenille, deren
+Werth, wie die vorangehende Uebersicht ausweis’t, auf Eine Million
+Dollars im Jahr veranschlagt werden darf.</p>
+
+<p class="mtop2">Die sonstige <em class="gesperrt">Waaren</em>-Ausfuhr ist, besonders an der Ostküste,
+bis jetzt noch sehr geringe. Von den Häfen an der Westküste wird
+nicht unbedeutend Zucker nach Chili ausgeführt, und Californien
+liefert ein beträchtliches Quantum von gesalzenen Ochsenhäuten und
+schönes Pelzwerk, wie Bären-, See-Otter- und andere Felle, aber
+die Häfen an der Ostküste haben bis jetzt, Cochenille ausgenommen,
+keine andere Waaren-Ausfuhr als etwas Xalapa, Sassaparilla, Vanille
+und Tabasco-Pfeffer, deren Gesammt-Werth einige hundert tausend
+Dollars im Jahr wohl nicht übersteigen dürfte. Dennoch theile ich
+die Ansicht nicht, daß Mexico zur Ausfuhr tropischer Erzeugnisse
+(Colonial-Producte) sich deshalb nicht eigne, weil z.&#8239;B. die
+Weg-Verbindungs-Mittel im Lande zu schwierig und der Transport nach der
+Küste mithin zu theuer wäre, sondern bin der Meinung, daß dies nur auf
+einige, von den Häfen sehr entlegene Theile der Republik anwendbar sei,
+und daß die nach dem Meere hin gelegenen Staaten, insbesondere jener
+von Vera-Cruz, bei zunehmender Bevölkerung und dadurch vermehrten Anbau
+des so überaus fruchtbaren Bodens, dereinst eine große Rolle in der
+Ausfuhr von Colonial-Waaren spielen werden; namentlich in <em class="gesperrt">Taback</em>
+und <em class="gesperrt">Kaffee</em>.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span></p>
+
+<p id="Tabak_und_Kaffee"><em class="gesperrt">Taback</em>, welcher hauptsächlich in der Gegend von Orizaba und
+Cordova gezogen wird, war bisher ein Monopol der Regierung, welche den
+ausschließlichen Aufkauf und Debit des Artikels in der ganzen Republik
+an eine Actien-Gesellschaft verpachtete und bedeutende Revenüen davon
+zog, die freie Entwickelung der Cultur dieser Pflanze aber auch, wie
+natürlich, dadurch hemmte. Die Gesellschaft lös’t sich aber nun auf und
+der Anbau des Tabacks soll freigegeben werden. — Geschieht dies, so
+wird eine bedeutende Concurrenz eintreten und der Preis des Artikels
+wird hinlänglich fallen, um eine Nutzen gebende Ausfuhr möglich zu
+machen. Die Qualität dieses <em class="gesperrt">Blätter-Tabacks</em> ist mitunter sehr
+schön und dem besten Havanna völlig gleichkommend. Die Fracht von
+Orizaba nach dem Hafen von Vera-Cruz ist nur ein Dollar pr. Centner,
+und Ausgangs-Zoll haftet auf keinem der Ackerbau-Producte des Staats.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Kaffee</em> wächst meistens in der Nähe von Cordova; die Qualität ist
+gut; die Bohne ist klein, grünlich von Farbe und rein von Geschmack;
+— auch die kleine runde Mocca-Bohne hat man hierher verpflanzt, doch
+kommt davon wenig an den Markt. — Obwohl nun an Kaffee nicht mehr
+producirt als im Lande consumirt wird, so sind doch von Zeit zu Zeit
+kleine Partheien davon von Vera-Cruz ausgeführt worden, meistens nach
+New-York, wo man die Qualität liebt. Der Preis war im Jahr 1832 10
+<span class="antiqua">à</span> 11 $ der Centner ab Vera-Cruz, wobei der Pflanzer, wenn er
+eine ergiebige Plantage im Gange hat, wie die nachstehende Aufstellung
+zeigt, sehr schön verdient.</p>
+
+<p>Ich verdanke diese Berechnung einem unserer Landsleute, der vor 6
+Jahren zwischen Jalapa und Cordova, mit anfänglich sehr beschränkten
+Mitteln eine Kaffee-und Zucker-Plantage angelegt hat, und sich jetzt
+außerordentlich gut dabei steht. — An der Richtigkeit der Preise und
+Werth-Angaben dieser Calculation dürfte also wohl nicht zu zweifeln
+seyn.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_233">[S. 233]</span></p>
+
+<h4 id="Berechnung_des_einstehenden_Preises_von_Kaffee_bei_freier_Arbeit">
+Berechnung des einstehenden Preises von Kaffee bei freier Arbeit.</h4>
+
+</div>
+
+<table class="kaffeepreis">
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="hang1_5">Ausgesuchtes Land für 100,000 Kaffee-Bäume, 500
+ Tareas <span class="antiqua">à</span> 900
+ <img class="h0_7" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat"> Varas jede,
+ würde ungefähr kosten</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">$ 1000.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Kosten der Bearbeitung:</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">500</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Tareas</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Unterholz</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">zu fällen</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="left"><span class="antiqua">à</span> 3 Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">$ &#8199;187.4</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="left">Hochwald</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="left"><span class="antiqua">à</span> 1 $</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;500.–</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="left">aufzuräumen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="left"><span class="antiqua">à</span> 6 Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center bb">„ &#8199;375.–</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ 1062.&#8199;4</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="hang1_5">Das <em class="gesperrt">erste</em> Jahr braucht
+ dieses Land sechs Reinigungen, jede Tarea <span class="antiqua">à</span>
+ 3 Rl. sind</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">500 Tareas <span class="antiqua">à</span> 18 Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">$ 1125</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">Pflanzen und nachpflanzen</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;100</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">Aufseher <span class="antiqua">à</span> 4 Rl.
+ pr. Tag</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;200</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">Mais-Saamen</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap bb">
+ <div class="center">„ &#8199;&#8199;50</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">Im ersten Jahr wird producirt</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">$ 1475</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="5">
+ <div class="left">als Mittelschlag,
+ 300 Cargas Mais <span class="antiqua">à</span> $3</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">$ &#8199;900</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="5">
+ <div class="left">Ab Erndte, Einbringen etc.</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap bb">
+ <div class="center">„ &#8199;150</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap bb">
+ <div class="center">„ &#8199;750</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;725.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="hang1_5">Im <em class="gesperrt">zweiten</em> Jahr sind
+ abermals sechs Reinigungen erforderlich, wie oben</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">$ 1125</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">Pflanzen und nachpflanzen</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;100</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">Aufseher <span class="antiqua">à</span> 4 Rl.
+ täglich</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;200</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Frijolen</em>-Saamen</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap bb">
+ <div class="center">„ &#8199;&#8199;50</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">Producirt dieses Jahr: 125 Cargas</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap">
+ <div class="center">$ 1475</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="5">
+ <div class="left">
+ <em class="gesperrt">Frijolen</em> <span class="antiqua">à</span> 8 $</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">$ 1000</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="5">
+ <div class="left">Ab Erndte, Einbringen etc.</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap bb">
+ <div class="center">„ &#8199;150</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="6">
+ <div class="left">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap bb">
+ <div class="center">„ &#8199;850</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;625.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+<span class="pagenum" id="Page_234">[S. 234]</span>
+ <div class="left">Das <em class="gesperrt">dritte</em> Jahr hat
+ dieselben Ausgaben und Einnahmen wie das zweite, also Ueberschuß der
+ Kosten</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;625.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Das <em class="gesperrt">vierte</em> Jahr producirt
+ nun schon <em class="gesperrt">Kaffee</em> und zwar wenigstens
+ 100,000&#8239;℔, und erfordert folgende Ausgaben:</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Fürs</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Abpflücken</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">2 Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap" colspan="3">
+ <div class="left">pr. Arroba (25 ℔)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Reinigen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">1 &#160;„&#160;&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap" colspan="3">
+ <div class="left"><span class="mleft3">„</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Umwenden</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center bb">1 &#160;„&#160;&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap" colspan="3">
+ <div class="left"><span class="mleft3">„</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">4 Rl.</div>
+ </td>
+ <td class="vat nowrap" colspan="4">
+ <div class="left">pr. Arroba sind für 1000 Ctr.</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ 2000.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Die sechs Reinigungen bleiben dieselben wie in
+ den frühern Jahren</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ 1125.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Aufseher <span class="antiqua">à</span> 4 Rl.
+ pr. Tag</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;200.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Eine Kaffee-Reinigungs-Maschine wird nun nothwendig
+ und kostet, von Nordamerika bezogen</div>
+ </td>
+ <td class="vab bb nowrap">
+ <div class="center">„ &#8199;400.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="right mright2">Total</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">$ 7762. 4</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="8">
+ <p>Hierfür besitzt nun der Pflanzer im vierten Jahr 100,000 ℔ Kaffee,
+ und will er mit diesen seine Anlage <em class="gesperrt">ganz frei</em>
+ machen, so muß er dafür in Vera-Cruz, bis wohin ihn der Ctr. 1 $ Fracht
+ und 1 $ Emballage und sonstige Spesen kostet, — 10 $ pr. Ctr.
+ erhalten.</p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="8">
+ <p>Das <em class="gesperrt">fünfte</em> Jahr producirt ihm aber seine
+ Plantage wenigstens das Doppelte, sage 2000 Ctr.
+ <em class="gesperrt">Kaffee</em>.</p>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Diese kosten ihn fürs Einsammeln u.&#8239;s.&#8239;w.
+ nach obigem Ansatz von 4 Rl. pr. Arroba</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">$ 4000.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Die mehrerwähnten jährlichen Reinigungen</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">„ 1125.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">Fracht, Emballage und Spesen bis Vera-Cruz wie
+ oben, <span class="antiqua">à</span> $ 2 pr. Ctr. für 200 Ctr.</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center bb">„ 4000.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">$ 9125.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="7">
+ <div class="left">macht den Ctr. 4½ $ ab Vera-Cruz!</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_235">[S. 235]</span></p>
+
+<p>Die darauf folgenden Jahre versprechen alsdann noch vortheilhafter zu
+werden. — Die Kosten sind hier aufs höchste und die Production aufs
+niedrigste veranschlagt!</p>
+
+<div class="section">
+
+<h2 class="padtop1" id="Muenz-Sorten"><b><em class="gesperrt">Münz-Sorten</em>.</b></h2>
+
+</div>
+
+<p>Die in Mexico gangbaren Münz-Sorten sind:</p>
+
+<p><span class="antiqua">a.</span> <em class="gesperrt">Gold in Unzen</em>, (<span class="antiqua">onzas</span>) vom Gewicht von 17
+<span class="antiqua">dwt.</span> und 8 <span class="antiqua">gr.</span> 1000 Stück wiegen mithin 866 Unzen.</p>
+
+<p>Der Silber-Werth einer Unze ist <span class="antiqua">al pari</span> 16 Pesos. Da nun ein
+<em class="gesperrt">Peso</em> einer <em class="gesperrt">Unze</em> im Gewicht ganz gleich ist, so constatirt
+dies das relative Verhältniß von Gold zu Silber in Mexico wie 1 zu 16.</p>
+
+<p>Wenn Gold gesucht wird, was in Mexico wie anderwärts häufig der Fall
+ist, so steigen die <em class="gesperrt">Unzen</em>, und ich habe sie auf 17 $ 2 <span class="antiqua">à</span>
+4 Rl. Silber gekannt.</p>
+
+<p>Es werden sodann auch ½, ¼, ⅛ und ¹⁄₁₆ Unzen geprägt; von letzteren
+sind aber nur wenige im Umlauf.</p>
+
+<p><span class="antiqua">b.</span> <em class="gesperrt">Silber.</em> Pesos (Dollars) gleichfalls 17 <span class="antiqua">dwt.</span> und
+8 <span class="antiqua">gr.</span> wiegend, oder 1000 Stück auf 866 Unzen Gewicht.</p>
+
+<p>Die Unterabtheilung eines Peso ist 8 Reales. Halbe Pesos giebt es
+nicht, dagegen viele viertel Pesosstücke, Pesados genannt, sodann
+Reales und Medios, oder halbe Reales, so wie Cuardillos oder viertel
+Reales, von letztern aber nur wenige.</p>
+
+<p><span class="antiqua">c.</span> <em class="gesperrt">Kupfer</em> sollte nur als Scheide-Münze im Lande
+coursiren, ist aber in der letzten Zeit während den Geld-Verlegenheiten
+des Gouvernements in so großer Menge geprägt worden, daß es in den
+Großhandel eingedrungen und darin <span class="pagenum" id="Page_236">[S. 236]</span>so lästig geworden ist, daß man es
+oft mit 2 bis 3 pCt. Verlust los zu werden versucht hat. Kupfer-Geld
+wird im Großhandel nie gezählt, sondern in Säcken von 100 $ Werth,
+nur dann und wann gewogen. Auch die Silber-Zahlungen werden in Säcken
+von der runden Summe von 1000 $ gemacht; diese heißen dann Talegas,
+doch werden sie in der Regel nachgezählt, und nur allenfalls bei ganz
+großen Verhandlungen und bei genauer Bekanntschaft der Partheien, bloß
+nachgewogen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Papier-Geld</em> existirt bis jetzt noch keins in Mexico; es ist
+jedoch schon mehrmal die Rede von einer National-Bank gewesen, und
+es dürfte wohl ein solches Institut in nicht gar langer Zeit ins
+Leben treten und durch Ausgabe eines gut fundirten Papier-Geldes
+dazu beitragen, den hier so sehr hohen Zinsfuß zu ermäßigen. Jetzt
+wird oft von den ersten und solidesten Häusern Geld zu 2 bis 3 pCt.
+pr. Monat aufgenommen, und das Gouvernement hat, unter Sanction des
+National-Congresses, Anleihen zu dem enormen Zinsfuß von 5 pCt. pr.
+Monat abgeschlossen.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h2 class="padtop1" id="Maas_und_Gewicht"><b>Maass und Gewicht.</b></h2>
+
+</div>
+
+
+<p>Das Gewicht in Mexico ist das Castilianische, den <em class="gesperrt">Quintal</em> oder
+Centner zu 100 ℔ oder 4 Arrobas, jede zu 25 ℔, gerechnet.</p>
+
+<p>An der Douane werden 104 ℔ englisch und 45½ Kilogr. französisch Gewicht
+für 100 ℔ mexicanisch angenommen, was jedoch nicht ganz richtig ist,
+indem es heißen müßte, 100 ℔ englisch sind = 96 ℔ mexicanisch u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_237">[S. 237]</span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Carga</em> ist die von einem Esel (<span class="antiqua">burro</span>), Maulthier
+(<span class="antiqua">Mula</span>), oder Pferd (<span class="antiqua">Caballo</span>) getragene Last, und
+bezeichnet ein Gewicht, nach dem mehreres ge- und verkauft wird, und
+nach welchem auch insbesondere die Frachten bestimmt werden, aber
+es existirt keine feste Norm dafür und wechselt nach Maaßgabe der
+Thierart, Stärke der Thiere und Beschaffenheit der Wege. Man kann das
+Minimum des Gewichts einer Carga auf 300 ℔ und das Maximum auf 400 ℔
+anschlagen.</p>
+
+<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br>
+*</p>
+
+<p class="hang1_5">Das allgemein eingeführte Längen-Maas ist die
+castilianische Vara, welche am Zoll im folgenden Verhältniß zu den fremden
+Messungen angenommen und verrechnet wird:</p>
+
+<table class="vara">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 englische Yards</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">108&#8194;&#8239;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Varas</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 französische Aunes</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">140&#8194;&#8239;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 brabanter Ellen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">81&#8194;&#8239;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 jetzige <span class="antiqua">aunes des pays
+ bas</span> oder französische Metres</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">116&#8194;&#8239;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 Bremer Legge oder doppelte Ellen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">140&#8194;&#8239;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 Wiener Ellen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">92&#8194;&#8239;</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 Berliner Ellen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">78½</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 Breslauer Ellen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">69½</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 Hamburger Ellen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">67½</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">100 Leipziger Ellen</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">=</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">66⅔</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br>
+*</p>
+
+<p>Das Maas der Flüssigkeiten wird am mexicanischen Zoll nach dem Gewicht
+berechnet und ist nach diesem besteuert. Der Inhalt von 12 gewöhnlichen
+Flaschen Wein wird dabei auf ¾ Arrobas veranschlagt; das sogenannte
+Baril Branntewein auf 5 Arrobas, das Baril Wein oder Essig auf 5½
+Arrobas, mit einem Nachlaß von 10 pCt. für Leckage.</p>
+
+<div class="chapter">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_238">[S. 238]</span></p>
+
+
+ <h2 class="nobreak" id="Der_mexicanische_Tarif">
+ Der mexicanische Tarif.
+ </h2>
+</div>
+
+
+<p>Der Grundsatz nach welchem die Besteuerung der zur Einfuhr in Mexico
+erlaubten Waaren stattfindet, ist 40 pCt. vom dortigen Werth und es
+heißt deshalb auch in den Bestimmungen des Tarifs, daß alle darin
+nicht benannten Waaren im Hafen geschätzt und hierauf 40 pCt. erlegt
+werden sollen. Der Tarif ist indessen sehr ausführlich, und bezeichnet
+fast alle Einfuhr-Artikel bei Namen, mit genauer Bestimmung des darauf
+fallenden Zolls.</p>
+
+<p>Hieraus entsteht nun eine große Ungleichheit in der Besteurung, viele
+Artikel bezahlen weit weniger als 40 pCt. von ihrem Werthe, andere
+bedeutend mehr.</p>
+
+<p>Der Tarif ist für alle Theile der Republik derselbe, mit Ausnahme
+des Staates von Yucatan und der beiden Californien, welche der
+Eigenthümlichkeit ihrer Lage wegen nur ⅗ der eingehenden Rechte
+entrichten; wenn jedoch von da aus Waaren nach den andern Theilen der
+Republik versandt werden, so müssen die fehlenden ⅖ der vollen Rechte
+schon bei der Verschiffung im Hafen nachbezahlt werden.</p>
+
+<p>Niederlagen für die Wiederausfuhr, oder Rückzölle bei derselben,
+gestattet das mexikanische Zollsystem keine. — Alle eingeführten
+Waaren müssen den vollen Zoll erlegen, und man bekommt davon bei
+der Wiederausfuhr nichts zurück. Die mexicanischen Häfen erhalten
+mithin auch keine andere Zufuhren, als die für den Consum des Landes
+berechneten.</p>
+
+<blockquote>
+<p><em class="gesperrt">Verboten</em> für die Einfuhr sind:</p>
+</blockquote>
+
+<p>Zucker, Kaffee, Chocolade (Cacao ist erlaubt), Reis, Getreide, Mehl
+(letzteres ist zur Einfuhr nach Yucatan erlaubt), <span class="pagenum" id="Page_239">[S. 239]</span>geräuchertes und
+gesalzenes Fleisch, Salz, Taback und Cigarren; Brantewein der nicht ans
+Trauben gewonnen wird, mit Ausnahme von Genever, dessen Einfuhr erlaubt
+ist; verarbeitetes Wachs, Seife und Talg, Blei und Kupfer, Stiefel
+und Schuhe und Sattelwerk, so wie alles was aus Leder gearbeitet ist;
+— fertige Kleidungsstücke, Nähgarn unter No. 20, wollene Decken;
+ordinaires Tuch, gemeines Theegeschirr, Schnüre und Tressen u. dgl. m.</p>
+
+<p>Diese Verbote rechtfertigt man dadurch, daß die enumerirten Artikel im
+Lande selbst erzeugt und angefertigt würden.</p>
+
+<blockquote>
+<p><em class="gesperrt">Frei von allen Abgaben</em> bei der Einfuhr sind:</p>
+</blockquote>
+
+<p>Gedruckte Bücher, geographische Charten, Maschinen und Instrumente
+für Künste und Wissenschaften, Ackerbau und Bergbau; gedruckte oder
+geschriebene Musik und Schieferschreibtafeln mit hölzernen Rahmen
+für Schulen, Quecksilber, Häuser von Holz, Schiffe und Fahrzeuge zur
+Nationalisirung und Verkauf, ausländische Pflanzen und deren Sämereien,
+ausländische Thiere und endlich englisches Wundpflaster.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Ausfuhr-Verbote</em> enthält der mexicanische Tarif, mit Ausnahme
+des Samens oder der Brut der Cochenille, keine, denn das Verbot der
+Ausfuhr der edlen Metalle im ungemünzten Zustande, ist schwankend, und
+wird häufig suspendirt und aufgehoben. Alle Landesproducte gehen ganz
+frei aus und nur die edlen Metalle bezahlen an ausgehenden Rechten das
+Folgende:</p>
+
+<table>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left"><em class="gesperrt">Gold</em>, in gemünztem oder
+ verarbeitetem Zustande</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">2</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">pCt.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center"><em class="gesperrt">Silber</em>,</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">in demselben Zustande</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">3½</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">in ungemünztem Zustande, d.h. in Barren</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">7</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>Außerdem werden aber auch noch 2 pCt. Circulations-Rechte bei der
+Versendung von Comptanten aus dem Innern nach der Küste erhoben,
+dergestalt, daß der mexicanische Dollar <span class="pagenum" id="Page_240">[S. 240]</span>oder Peso gar viele Abzüge
+erleidet ehe er in Europa zur Realisation kommt, nemlich:</p>
+
+<table class="circulation">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">1)</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">&#8199;1</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">pCt.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">mehr oder weniger, Spesen der Conducta bis in den
+ Hafen</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">2)</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">&#8199;2</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Circulations-Rechte</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">3)</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">&#8199;&#8199;¾</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Provision und Spesen im Hafen</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">4)</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">&#8199;3½</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Ausgangs-Rechte</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">5)</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">&#8199;1¼</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Seefracht und Spesen bis in die Bank von England</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">6)</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">&#8199;1⅜</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Assecuranz und Stempel</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">7)</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left bb">&#8199;&#8199;¾</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center bb">„</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Provision, Courtage und Spesen beim Verkauf</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">10⅝</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">pCt.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<table>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Der Brutto-Werth des Dollars in England ist
+ beim Preis von 57 <span class="antiqua">d.</span> pr. Unze</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">49¼&#8194;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">&#8199;⅜ <span class="antiqua">d.</span></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Hiervon ab 10⅝ pCt. Kosten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#160;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">5¼ <span class="antiqua">d.</span></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Bringt die Parität des <em class="gesperrt">Wechsel</em>-Courses
+ mit der <em class="gesperrt">Baarsendung</em> von Mexico auf London, auf</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">44–&#8199;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">&#8199;⅛ <span class="antiqua">d.</span></div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">und von Vera-Cruz, wo 1, 2, 3 der Spesen
+ wegfallen, auf</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">45¾&#8194;</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right nowrap">&#8199;⅞ <span class="antiqua">d.</span></div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<div class="section">
+
+<h3 class="padtop1" id="Berg-Bau_und_Silber-Gewinnung"><b>Berg-Bau und
+Silber-Gewinnung</b><br>
+<span class="s5">in Mexico.</span></h3>
+
+</div>
+
+<p>Es ist notorisch, daß der Boden Mexico’s unerschöpfliche Massen der
+edlen Metalle, namentlich des <em class="gesperrt">Silbers</em>, enthält. Minder bekannt
+dürfte seyn, daß eine große Verschiedenheit in dem Gehalt der Erze,
+welche man aus der Erde gräbt, obwaltet, und daß, während man z.&#8239;B.
+in der Provinz Sonora Gruben hat, in welchen man fast gediegenes
+Silber findet, <span class="pagenum" id="Page_241">[S. 241]</span>es in anderen Gegenden Bergwerke giebt, die zwar an
+Erzen sehr ergiebig sind, welche in Europa, wo man durch vollendete
+Schmelzproceduren auch den kleinsten Silber-Gehalt aus dem Erze zu
+ziehen versteht, für reich gelten würden, die aber in Mexico, der
+unvollkommenen Zugutemachungs-Anstalten wegen, völlig werthlos sind
+und mithin unbenutzt bleiben; denn wenn die im Erz enthaltene Mark
+Silber mehr zu extrahiren kostet, als sie in der Münze werth ist,
+so setzt man natürlich eine solche Operation auf die Dauer nicht
+fort, man vernachlässigt mithin alle Werke, deren Erze nicht genug
+reichhaltig sind, die kostspielige Extrahirung durch die Amalgamation
+mit Quecksilber zu ertragen, und selbst dann noch einen Ueberschuß zu
+liefern, wenn durch diese Procedur, wie stets der Fall, 40 bis 50 pCt.
+Silber verloren gegangen sind.</p>
+
+<p>Bittere Erfahrungen sind in dieser und anderer Beziehung von den
+europäischen und nordamerikanischen Minen-Spekulanten gemacht worden,
+man hat theils die Verhältnisse des mexicanischen Bergbaues nicht
+gehörig erkannt, theils Mißgriffe in der Wahl der Bergwerke und
+ihrer Dirigenten gemacht, und ist in keinem einzigen Fall mit der
+nöthigen Oeconomie zu Werke gegangen. Ganz besonders aber hat man es
+darin versehen, daß man sich durch glänzende Namen, früher freilich
+ergiebiger, aber nun ins Stocken gerathener und zum Theil ersoffener
+Gruben, täuschen ließ, und enorme Summen Geldes für die Erlaubniß,
+sie zu bearbeiten, an die Eigner, welche sie bereits als verloren
+betrachteten, bezahlte, statt in andern Revieren jungfräuliche Gruben
+aufzusuchen, die man umsonst hätte haben können. Viele Unternehmungen
+sind daher auch nach vergeblich verausgabten <em class="gesperrt">Millionen</em> gänzlich
+aufgegeben, andere von ihrem ursprünglich über die Maaßen ausgedehnten
+Umfange auf einen engen Kreis zurückgeführt worden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_242">[S. 242]</span></p>
+
+<h4 id="Deutsch_Amerikanischer_Bergwerksverein" title="Deutsch-Amerikanischer
+Bergwerksverein"><span class="s5">Zu diesen letzteren gehört der uns am
+nächsten stehende</span><br>
+Deutsch-Amerikanische Bergwerks-Verein,</h4>
+
+<p class="p0">welcher jetzt nur noch die Gruben im Mineral von Anganguco betreibt,
+und alle die kostspieligen, gemeinschaftlichen Unternehmungen mit
+Revilla — worauf Hunderttausende verwandt worden — als Verlust
+bringend, aufgegeben hat. Aber auch Anganguco würde, da die
+hauptsächlichsten Gruben, Purissima und Valenciana, nur arme Erze
+liefern, nicht fortgebaut werden können, wenn nicht, durch einen
+äußerst geschickten und wissenschaftlich gebildeten, deutschen
+Schmelzer, einen Herrn Franz Schmitz aus Stift Keppel bei Siegen,
+eine so vervollkommte Schmelzmethode auf den Werken des D. A.
+Bergwerks-Vereins zu Anganguco eingeführt worden wäre, daß jetzt aus
+diesen armen Erzen die Mark Silber zu 3¼ Pesos extrahirt wird, während
+sich früher die Kosten des Schmelzens auf 10 bis 12 Pesos pr. Mark,
+also auf mehr als den Werth des Silbers, beliefen, die Erze somit gar
+nicht benutzt werden konnten. Die Amalgamation kam aber durch den
+enormen Silber-Verlust von 60 pCt. (bei so armen Erzen) noch höher zu
+stehen.</p>
+
+<p>Man kann also gewissermaßen dieser vervollkommten Schmelzmethode des
+besagten Herrn Schmitz die Rettung des Unternehmens zuschreiben,
+wenn, wie zu hoffen steht, diese durch die zweckmäßigen Einrichtungen
+des Herrn Bevollmächtigten Schleiden nunmehr überhaupt bewirkt ist.
+Ohne eine solche, verbesserte und verwohlfeilte Schmelzmethode, würde
+die große Erz-Ergiebigkeit der Grube Purissima dem Verein von keinem
+Werth seyn, und auch dieses letzte Werk desselben hätte aufgegeben
+werden müssen, während nunmehr Aussicht vorhanden ist, daß, bei der
+stattfindenden Vermehrung der Schmelz-Oefen nach der Schmitzschen
+Methode, ein hinlängliches Quantum <span class="pagenum" id="Page_243">[S. 243]</span>von Silber <em class="gesperrt">mit Nutzen</em>
+gewonnen werden wird, um dem Verein endlich eine nachhaltige Ausbeute
+zu verschaffen.</p>
+
+<p>Die mehrerwähnte vortreffliche Schmelzmethode, welche Herr Schmitz im
+April-Heft 1832 im <span class="antiqua">Registro Trimestre</span> in Mexico bekannt gemacht
+und genau beschrieben hat, zog denn auch bereits die Aufmerksamkeit
+anderer Bergwerks-Besitzer in Mexico auf sich, und dürfte leicht
+eine bedeutende Revolution in der Silber-Production von Mexico zur
+Folge haben, indem eines Theils der große, Niemanden zu Gute kommende
+Silber-Verlust bei der Amalgamation dadurch vermindert und mithin
+für die Production im Allgemeinen gewonnen werden würde, und andern
+Theils die jetzt gänzlich werthlos erachteten und mithin, weder durch
+Amalgamation, noch auf dem Wege der Schmelzung benutzten Erze mit in
+die Silber-Production hinein gezogen und diese also sehr vermehrt
+werden könnte.</p>
+
+<p>Ein vortheilhafteres, gewinngebenderes Unternehmen als ein
+Schmelz-Etablissement nach der Schmitz’schen Manier, in einem
+Mineral, wo viele arme Erze zu Tage gefördert werden, welche die
+Mexicaner nicht zu Gute zu machen verstehen, dürfte es denn auch
+nicht leicht geben, und es würde den unberechenbaren Vortheil über
+jede Bergwerks-Unternehmung haben, daß dabei von keiner Ungewißheit
+<em class="gesperrt">unter</em> der Erde, von keinen illusorischen Hoffnungen, von keinem
+<em class="gesperrt">Glückauf</em>! die Rede wäre. Ein solches Schmelz-Geschäft würde ein
+rein mercantilisches Unternehmen seyn; die Erze würden dabei nicht
+aus dem Schooß der Erde geholt, sondern erst wenn sie bereits über
+derselben liegen, gekauft, geschmolzen und mit dem darauf gemachten
+Gewinn in der Münze realisirt werden, und zwar, wo nicht wöchentlich,
+doch monatlich.</p>
+
+<p>Angenommen, daß die Schmelz-Vorrichtung in einem der zahlreichen, mit
+Kohlen und Wasser hinreichend versehenen, <span class="pagenum" id="Page_244">[S. 244]</span>Reviere angelegt würde, in
+welchen von den vielen eingebornen kleinern Bergleuten stets arme Erze,
+von 7 <span class="antiqua">à</span> 9 Unzen Silber in der Carga von 300 ℔, genug gewonnen
+werden, welche sie jetzt gerne zu 1 Peso die Carga verkaufen, so wäre
+folgendes die Berechnung:</p>
+
+<p>Die Schmelz-Oefen und Vorrichtung für einen Betrieb von <em class="gesperrt">nur</em> 150
+Cargas die Woche veranschlagt, erfordert ein Capital von 10 <span class="antiqua">à</span>
+12000 Pesos.</p>
+
+<table class="schmelzoefen">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Ankauf von 150 Cargas Erze <span class="antiqua">à</span>
+ $ 1, oder möglicherweise bei vermehrter Nachfrage 1¼
+ <span class="antiqua">à</span> 1½ $, sind pr. Woche
+ <span class="antiqua">à</span> 1½&#160;$</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">&#8194;$ &#8199;225&#8194;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Das Schmelzen, nach den vorliegenden Erfahrungen,
+ 3¼ $ pr. Carga</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center bb">&#8194;„ &#8199;487½</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">&#8194;$ &#8199;712½</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Jene 150 Cargas Erze liefern 150 Mark Silber,
+ <span class="antiqua">à</span> 8¼ $, als Preis in der Münze</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center bb">&#8194;„ 1237½</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">wöchentlicher Ueberschuß</div>
+ </td>
+ <td class="vab nowrap">
+ <div class="center">&#8194;$ &#8199;525&#8194;</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="p0">monatlich zu realisiren mit $&#8239;2100, oder jährlich mit
+$&#8239;25,200.</p>
+
+<p>Da in den Schmelzkosten von 3¼&#8239;$ pr. Carga alle Kosten und Löhne mit
+einbegriffen sind, so wäre von diesem <em class="gesperrt">großen Gewinn</em> nur das
+Gehalt des dirigirenden Schmelzers abzuziehen, der jedoch zugleich
+Bevollmächtigter und Betheiligter bei der Sache seyn müßte. Einem
+solchen Unternehmen könnte natürlich eine noch weit größere Ausdehnung
+gegeben werden, und eine hierauf sich bildende Actien-Gesellschaft
+dürfte gewiß seyn, bessere Geschäfte zu machen, als die bisherigen
+Bergwerks-Vereine.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Aehnliches</em> besteht übrigens bereits schon in Mexico, unter
+der dort sehr bekannten Benennung von Rescate-Geschäft; die
+Rescadores kaufen in den verschiedenen Revieren den Bergleuten die
+Erze so wohlfeil ab, wie sie können, und <span class="pagenum" id="Page_245">[S. 245]</span>machen sie, theils durch
+Amalgamation, theils durch Schmelzung zu Gute, und finden dabei zwar
+ihre Rechnung, jedoch nur spärlich, da sie bei ihrer unvollkommenen
+Verfahrungsweise nur die <em class="gesperrt">reicheren</em> und mithin theureren Erze
+gebrauchen können, und auch diesen nicht so viel Silber abgewinnen, als
+die deutsche Methode aus den <em class="gesperrt">armen</em> Erzen zieht.</p>
+
+<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br>
+*</p>
+
+<p id="Ertrag_und_Ausfuhr_im_Allgemeinen">Trotz aller Unvollkommenheiten des mexicanischen Bergbaus, fördert
+derselbe dennoch alljährlich mehr als 15 Millionen Pesos in Silber und
+Gold zu Tage, und Mexico führt diese auch aus! — hauptsächlich durch
+die Packetfahrt nach England, wohin in der Regel auch Deutschland
+und Frankreich ihre Retouren in Geld gehen lassen, weil directe
+Verschiffungen <em class="gesperrt">für Comptanten</em> nach deutschen und französischen
+Häfen selten sind; nächstdem wird viel Geld nach Nordamerika versandt,
+sowohl von Vera-Cruz nach New-York, wie insbesondere von Tampico
+nach New-Orleans; endlich wird dann auch noch viel Silber, Gold und
+Goldstaub (letzteres aus den reichen Minen von Sonora) über die Häfen
+von St. Blas und Acapulco an der Westküste ausgeführt, dergestalt,
+daß die genannte Summe der Gesammt-Ausfuhr an edlen Metallen aus der
+Republik Mexico nicht zu hoch erscheint; auf die englischen Packete
+allein fallen davon bekanntlich circa 8 <span class="antiqua">à</span> 10 Millionen Pesos im
+Jahr.</p>
+
+<p>Von allen Häfen der Republik führt anjetzo Tampico das meiste Silber
+aus. Dorthin dirigiren sich nämlich die reichen Conducten von
+Guanaxuato, Zaccatecas, St. Luis Potosi u.&#8239;s.&#8239;w., und es sammelt sich
+häufig mehr Geld im Hafen, als das englische Packet, welches gesetzlich
+auf eine Million Pesos beschränkt ist, auf einmal einnehmen kann.</p>
+
+<p>Vera-Cruz erhält die Comptanten, zur Verschiffung ins Ausland,
+hauptsächlich durch die Conducten von Mexico, <span class="pagenum" id="Page_246">[S. 246]</span>Puebla, Oaxaca u.&#8239;s.&#8239;w.,
+zusammengenommen aber weniger als Tampico.</p>
+
+<p>Die Gesetze über die Silber- und Gold-Ausfuhr aus Mexico haben oft
+darin geschwankt, daß die Ausfuhr in Barren, d.&#8239;h. im ungemünzten
+Zustande, bald erlaubt bald verboten war. Geprägte Dollars zahlen 3½
+pCt. Ausgangsrechte; Silberbarren dagegen 7 pCt., und man glaubte
+in diesen additionellen 3½ pCt. eine hinlängliche Entschädigung für
+die Nichtbenutzung der Münz-Anstalten im Lande zu erhalten. Das
+Gouvernement fand aber bald, daß die Münz-Etablissements hierunter
+allzusehr litten, und fast ganz unbeschäftigt blieben; die Ausfuhr von
+Silber, in anderer als gemünzter Gestalt, ward daher wieder verboten.
+Jetzt scheint man aber einen Mittelweg einschlagen und ausnahmsweise
+denen Minen-Districten, welche allzuweit von einem Münz-Etablissement
+entfernt liegen, die Silber-Ausfuhr in Barren gestatten zu wollen.</p>
+
+<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br>
+*</p>
+
+<p id="Muenze_in_Mexico"><em class="gesperrt">Die Münze in der Hauptstadt Mexico</em> ist ein schönes, großartiges
+und gut administrirtes, von dem Gouvernement in finanzieller Hinsicht
+gänzlich unabhängiges Etablissement, und diese Unabhängigkeit ist
+unter andern, während der Revolution von 1832, von allen Parteien,
+selbst unter den größten Geld-Verlegenheiten, respectirt worden! Die
+an der Spitze stehenden Männer sind in ihrem Fache wissenschaftlich
+gebildete Leute, und es herrscht in allen Zweigen der Münze die größte
+Ordnung und Pünktlichkeit. Man prägt in derselben nicht allein Gold
+und Silber, sondern auch viele Kupfer-Münzen, letztere fast alle für
+Rechnung der Regierung, die ein Gesetz erlassen hat, daß in allen
+Zahlungen ein Drittheil in Kupfergeld angenommen werden solle, da dies
+nun in <span class="pagenum" id="Page_247">[S. 247]</span>Wechsel-Geschäften nicht wohl ausführbar ist, so verliert das
+Kupfergeld im Groß-Handel oft 2 bis 3 pCt.</p>
+
+<p>In Guanaxuato hat, mit Genehmigung des Staats, eine englische
+Gesellschaft ein Münz-Etablissement errichtet, welches gut rendiren
+soll, und dem Minen-Besitzer den Vortheil und die Annehmlichkeit
+bietet, daß ihm gleich bei Einlieferung des Silbers der genaue
+Gegensatz in gemünzten Dollars ausbezahlt wird, während man in der
+Münze zu Mexico, zwei, drei, ja oft vier Wochen warten muß, ehe
+man das gemünzte Geld gegen die eingelieferten Silberbarren wieder
+erhält; sind nun gar die Barren goldhaltig, so dauert es oft Monate,
+ehe die Münze den Gegensatz dafür wieder giebt, da man für diese
+Ausscheidungs-Operation stets erst ein gewisses Quantum abwartet.</p>
+
+<p>Diesem Uebelstande in der Münze ist es wohl zuzuschreiben, daß ein
+Franzose ein Privat-Etablissement für die Gold- und Silber-Scheidung
+durch chemische Procedur errichtet hat, was guten Fortgang haben soll.</p>
+
+<div class="section">
+
+<h3 class="padtop1" id="Banco_de_Avio"><b>Banco de Avio.</b><br>
+<span class="s5a">(<em class="gesperrt">Industrie-Belebungs-Bank</em>.)</span></h3>
+
+</div>
+
+<p>Mag es immer wahr seyn, daß Mexico in seiner Cultur noch weit zurück
+ist, und in der fortschreitenden Entwickelung seiner Civilisation durch
+die, leider nur allzuhäufigen, innern Unruhen sehr gehemmt wird, so
+kann es doch dem Auge des vorurtheilsfreien Beobachters nicht entgehen,
+daß, seit der Emancipation des Landes vom spanischen Joche, ungeheure
+Fortschritte in der Aufklärung gemacht worden sind, und daß <span class="pagenum" id="Page_248">[S. 248]</span>sich
+überall ein Streben kund thut, die Nation auf eine höhere Stufe der
+Ausbildung zu führen. Die mitunter zum Erstaunen ausführlichen Berichte
+der verschiedenen Ministerien des Innern, der Finanz, Justiz u.&#8239;s.&#8239;w.,
+welche gesetzlich jedes Jahr den Kammern vorgelegt und dann durch den
+Druck veröffentlicht werden, liefern schöne Beweise von dem bereits
+Geschehenen und von dem guten Willen mehr zu thun! Ich habe jene
+Berichte vom Jahre 1832 vor mir liegen, und finde darin vieles was kein
+europäisches Gouvernement zu adoptiren Anstand nehmen würde. Besonders
+erfreulich sind aber dabei die Unterstützungen, welche, obgleich
+freilich noch nicht in hinlänglichem Maße, den Civil-Institutionen und
+Unternehmungen zugewandt werden; denn wenn auch, wie nicht zu läugnen,
+dabei hier und da Mißgriffe stattfinden, so tragen solche Bestrebungen
+doch stets dazu bei, Licht zu verbreiten, Ideen zu wecken und zu
+berichtigen, kurz das Ganze vorwärts zu bringen.</p>
+
+<p>Hierher gehört besonders die vielbesprochene <span class="antiqua">Banco de Avio</span>
+(Industrie-Belebungs-Bank), eine Schöpfung des Ministers Alaman, welche
+von seinen zahlreichen Widersachern häufig scharf getadelt worden ist,
+die ich aber in ihrer Theorie vollkommen billige und mithin auch den
+gemachten großartigen Versuch in Schutz nehme, ohne darum gerade jede
+einzelne Verhandlung der Bank gutheißen zu wollen.</p>
+
+<p>Die Idee im Allgemeinen spricht mich aber sehr an! Alaman dachte,
+und wie mich dünkt mit Recht, da bereits aus mehreren Punkten der
+Republik ein gewisser Grad von Fabrik-Industrie existire, so würde
+die Anlage <em class="gesperrt">von Normal-Anstalten</em> dazu beitragen, die Zahl z.&#8239;B.
+der Spinnereien und Webereien u.&#8239;s.&#8239;w. zu vermehren, und Kenntnisse
+des Auslandes heranziehen, welche die Verarbeitung derjenigen rohen
+Producte, die Mexico nicht mit Vortheil ausführen kann, wie z.&#8239;B.
+Wolle und Baumwolle, im Lande selbst befördern <span class="pagenum" id="Page_249">[S. 249]</span>müßten. Er dachte
+ferner, und wie ich glaube, mit gleichem Rechte, daß in einem Lande wie
+Mexico, wo der Zinsfuß so hoch ist, daß selbst das Gouvernement oft
+3-4 ja 5 pCt. pr. <em class="gesperrt">Monat</em> bezahlt, Fabrik-Unternehmungen und neue
+Ackerbau-Anlagen einer wohlfeileren Capital-Unterstützung bedürften,
+und setzte es daher bei den Kammern durch, daß von den Zöllen auf
+Baumwollen-Waaren, ein Theil zurückgelegt würde, um daraus für die
+besagte <span class="antiqua">Banco de Avio</span>, den Fond von einer Million Dollars zu
+bilden, der alsdann, unter der Leitung einer besonderen Administration,
+zu den oben angedeuteten Zwecken verwandt werden sollte. Dieser Fond
+war nun zwar noch nicht completirt, die Bank aber doch schon seit 14
+Monaten in Wirksamkeit getreten, und die Direction, an deren Spitze
+der Minister Alaman steht, hat in diesem Jahre einen Bericht darüber
+erstattet, von dem ich hier einiges aushebe:</p>
+
+<p>“Die Aufmerksamkeit des Etablissements richtete sich vor allen Dingen
+auf die Schaafzucht, auf die Bienenzucht für die Gewinnung des Wachses,
+und auf die Baumwollenstaude, in der Absicht, diesen wichtigen Zweigen
+im ganzen Lande nach Maaßgabe der verschiedenen climatischen und andern
+Verhältnisse, die möglichste Nachhülfe zu leisten. Die aus allen
+Theilen der Republik eingelaufenen Berichte haben leider ergeben,
+daß der jetzige Stand der Landes-Industrie keinesweges ein günstiger
+ist. Bedeutende Strecken Landes, welche Wasser und Wiesengrund genug
+haben, um große Heerden <em class="gesperrt">Schaafe</em> zu unterhalten, liegen brach und
+bleiben, theils aus Mangel an Capitalien zur Anschaffung der Heerden,
+theils aus Trägheit des Volkes, unbenutzt. Die wenige Wolle welche man
+sammelt, wird zu den gröberen Geweben verwandt, weil man die Kunst der
+Veredlung des rohen Materials nicht kennt, das feste und dauerhafte
+Färben nicht versteht und noch keine Begriffe von den Mitteln hat,
+wodurch <span class="pagenum" id="Page_250">[S. 250]</span>die fremden Nationen die feinern und bessern Arbeiten dieser
+Art hervorbringen.”</p>
+
+<p>“Die Zucht der <em class="gesperrt">Seidenwürmer</em> ist durchaus nicht allgemein; in
+den Staaten von Oaxaca und Jalisco beschäftigen sich zwar einige
+Personen damit zu ihrem Vergnügen, aber nirgends besteht ein förmliches
+Etablissement, welches versuchte, aus diesem Insekt einen einträglichen
+Handelszweig zu bilden, und im Allgemeinen kennt man die rechte
+Methode noch nicht den Wurm zu tödten und die Seide abzuwickeln; an
+vielen Orten ist ein Ueberfluß an Maulbeerbäumen, welche wild wachsen,
+aber niemand hat noch daran gedacht, sie methodisch zu ziehen und zu
+pflegen, und man scheint oft gar nicht zu wissen, daß die Blätter
+dieses Baums die alleinige Nahrung des Seidenwurms sind.”</p>
+
+<p>“Die <em class="gesperrt">Bienenzucht</em> beschränkt sich gleichfalls auf wenige Orte
+und Personen, welche in ihren Gärten oder Feldern eine kleine Anzahl
+Bienenschwärme halten, jedoch mehr um des Honigs, als um des Handels
+mit Wachs willen. An mehreren Orten der Sierra-madre aber und in andern
+Gebirgsgegenden, in deren Nähe sich Gesträuche und Blumen befinden,
+giebt es eine solche Menge wilder Bienen, daß sich die dortigen
+Eingebornen keines andern Lichtes bedienen, als was sie aus dem Wachs
+anfertigen, welches sie so, ohne Mühe und Sorgfalt um die Bienen, in
+Felsenklüften und hohlen Bäumen finden. Dies Wachs ist gelb, weil sie
+es nicht zu bleichen verstehen, und der Honig ist dunkel; aber es geht
+doch hieraus zur Genüge hervor, daß die Elemente zur Gewinnung des
+Wachses im eignen Lande vorhanden sind, und daß es mithin zu beklagen
+ist, daß aus bloßem Mangel an Thätigkeit im Volke, jährlich so viel
+Geld dafür aus dem Lande geht. Nach genauen Berechnungen der Einfuhr
+in Vera-Cruz und andern Häfen, und Veranschlagung <span class="pagenum" id="Page_251">[S. 251]</span>dessen, was der
+Wahrscheinlichkeit nach eingeschmuggelt wird, darf man den jährlichen
+Consum von Wachs in unserer Republik zu 28,000 Arroben annehmen,
+welches zum Mittel-Preis von 25 Pesos die Arroba geschätzt, die enorme
+Summe von 700,000 $ macht, welche alljährlich dem Auslande für eine
+Sache bezahlt wird, die wir in der Heimath gewinnen können.”&#x2060;<a id="FNanchor_25_25" href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a></p>
+
+<p>“Der Anbau der <em class="gesperrt">Baumwolle</em>, dieses köstlichen Productes aller
+heißen Länder, und so besonders passend für die Südküste der Republik,
+wo vor dem Jahre 1810 so viel, und selbst im Jahre 1825 noch 50,000
+Arroben (1,250,000 ℔) gezogen wurden, ist so in Verfall gerathen, daß
+das Jahr 1830 nicht mehr als 5000 Arroben producirte. Hieran ist nun
+theils Mangel an Capital, theils der beklagenswerte Bürgerkrieg in
+jener Gegend, Schuld.”</p>
+
+<p>“Um nun allen diesen, für das öffentliche Wohl so wichtigen
+Industrie-Zweigen aufzuhelfen, fordert die Direction dieser Bank die
+Staaten der Republik auf, Actien-Gesellschaften zu bilden, durch welche
+die Sachkenntniß mehrerer Personen in Ausübung gebracht werden würde,
+und welchen alsdann die <span class="antiqua">Banco de Avio</span> mit Capital-Zuschuß, so
+viel es ihre Kräfte erlaubten, nachhelfen wollte.”</p>
+
+<p>Der Bericht fährt nun fort, zu sagen, wie sich, in Folge dieses
+Aufrufs, in den verschiedenen Theilen der Republik 14 Gesellschaften
+für die Belebung der Industrie auf Actien gebildet <span class="pagenum" id="Page_252">[S. 252]</span>hätten, die
+jedoch noch zu sehr in ihrer Kindheit wären, um Resultate vorlegen
+zu können. Für mehrere derselben wären Maschinen in Nordamerika und
+Europa bestellt worden, wovon einige bereits angekommen, andere
+unterweges wären; auch hätte man Werkmeister und Mechanici vom Auslande
+kommen lassen, um die Kenntnisse der Fabrication von Wollen- und
+Baumwollen-Waaren im Lande zu verbreiten. In der <em class="gesperrt">Seiden-Zucht</em>
+waren große Fortschritte gemacht, ein Etablissement in Coyoacan
+(Staat von Mexico) hatte Ende 1831 bereits schöne Resultate geliefert
+und ein anderes in Celaya berechtigte zu großen Erwartungen und man
+dachte schon an die Fabrication von seidnen Bändern. Saamen der
+Seidenwürmer war nach allen Richtungen ausgetheilt worden, besonders
+in die Gegenden, wo bereits Ueberfluß an Maulbeerbäumen ist. Für die
+Beförderung der <em class="gesperrt">Bienenzucht</em> hatte man auf dem Lande Bienenkörbe
+vertheilt und junge Schwärme anzuschaffen getrachtet, wovon man zwar
+noch keine Resultate nachweisen konnte, aber schöne Hoffnungen daran
+knüpfte. Aus Frankreich hatte man Merino-Schaafe zur Veredlung der Race
+kommen lassen, so wie auch Tibet-Ziegen. In Peru waren Vigoña-Schaafe
+und Lamas bestellt, und man hoffte beide Gattungen in der Republik
+Mexico einheimisch zu machen. Sogar auf die Einfuhr von <em class="gesperrt">Kameelen</em>
+war man bedacht, und versprach sich davon die wohlthätigsten Resultate
+für den Waaren-Transport im Lande, falls es, wie man hoffte, gelingen
+sollte, diese nützlichen Thiere in Mexico zu nationalisiren. Nach
+manchen schwierigen und vergeblichen Unterhandlungen war die <span class="antiqua">Banco
+de Avio</span> mit einem Hause in Marseille übereingekommen, 20 Kameele,
+6 männliche und 14 weibliche, direct von Alexandrien nach Vera-Cruz zu
+senden, und berechnete die Kosten, einschließlich der Fracht, für ein
+Schiff von 200 Tonnen, der nöthigen Fourage u.&#8239;s.&#8239;w., auf nicht mehr
+als 7000 $.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_253">[S. 253]</span></p>
+
+<p>Endlich hatte man denn auch noch eine Anzahl Bücher über Gegenstände
+der Fabrication und des Ackerbaues angeschafft, und diese in den
+verschiedenen Staaten, wo sich Anregung für dergleichen Industrie
+zeigte, gratis vertheilt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">So weit</em> der amtliche Bericht des Ministers Alaman über diese
+von ihm gegründete Favorit-Anstalt. Seine Feinde werfen ihm vor,
+daß er darin der Zeit vorgegriffen, und Geld für bis jetzt noch
+unausführbare Projecte verschwendet habe, welches zu nützlicheren
+Zwecken hätte verwandt werden können und sollen. Kann seyn, — aber
+trotz alle dem ist doch nicht zu läugnen, daß der Sache eine großartige
+und patriotische Idee zum Grunde lag, die gewiß alle Anerkennung
+verdient. Es ist daher auch zu bedauern, daß die bürgerlichen Unruhen
+des Landes und der Sturz des Ministeriums, die Entwickelung dieses
+Instituts unterbrochen, ja gleichsam in der Geburt erstickt haben! Ganz
+untergehen wird man es übrigens wohl nicht lassen, indem es bereits
+zu sehr im Lande verzweigt ist und an mehrere Anstalten zu starke
+Forderungen hat, wie z. B. 40,000 $ an die Eisen-Schmelzerei auf dem
+Sitio in der Nähe des Popocatepetl, von welcher ich in meinen Briefen
+geredet habe, und über welche ich hier noch einige Notizen hinzufüge.</p>
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_25_25" href="#FNanchor_25_25" class="label">[25]</a> In dieser Veranschlagung irrt sich Herr Alaman sehr
+bedeutend, denn wenn er auch in der Schätzung der Quantität Recht haben
+sollte, was ich bezweifle, so ist doch der Mittel-Preis viel zu hoch
+gegriffen, und das was das <em class="gesperrt">Ausland</em> für das eingeführte Wachs
+erhält, dürfte, <em class="gesperrt">nach Abzug der hohen Eingangs-Rechte, Frachten
+und Spesen</em>, den Durchschnitt von 10 $ die Arroba, gewiß nicht
+übersteigen.</p></div>
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_254">[S. 254]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Die_Eisen-Schmelzerei"><b>Die Eisen-Schmelzerei</b><br>
+<span class="s5a">(<em class="gesperrt">auf dem Sitio</em>.)</span></h3>
+
+</div>
+
+<p class="s5 center mbot2">(Siehe <a href="#Beilage_Sitio">Anhang zum Briefe vom 31. Mai</a>,
+<span class="antiqua">pag.</span> 91.)</p>
+
+
+<p>Die Eisenerz-Gruben liefern wöchentlich bei sehr langsamer Bearbeitung
+300 Ctr. Erz.</p>
+
+<p>Die Schaffungskosten eines Ctr. Erzes und Fuhrlohn bis aufs Werk kommen
+2 Rl.</p>
+
+<p>Ein Ct. Holzkohlen stellt sich auf 6 Rl.</p>
+
+<table class="holzkohlen">
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="right">26</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">Arroben</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Eisenerz</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="3">
+ <img class="h3z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer">
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="3">
+ <div class="hang1_5">sollen 12 Arroben frisch Eisen in 24 Stunden
+ liefern.</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="right">5</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Zuschlag</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="right">44</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="center">„</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="left">Kohlen</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>Das Gebläse ist das bekannte Wasser- oder Trommel-Gebläse. Die Erze
+sind so leicht flüssig und von so verschiedenem Gehalt (von 30 bis 70
+pCt. eisenhaltig), daß die Mischung dergestalt bereitet werden kann,
+daß wenig oder gar kein Zuschlag nöthig ist.</p>
+
+<p>Das ganze Gefälle ist 100 Fuß; das halbe Gefälle reicht aber schon zum
+vollständigen Betrieb hin.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_255">[S. 255]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Bevoelkerung_von_Mexico"><b>Bevölkerung von
+Mexico.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Bevölkerung der vereinigten Staaten von Mexico</em> wird sehr
+verschiedentlich angegeben, dürfte sich aber doch wohl im großen Ganzen
+auf <em class="gesperrt">acht Millionen</em> Seelen belaufen, was noch immer eine sehr
+dünne Population ist, für einen Flächenraum von circa 10000 <img class="h0_7" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat"> Leguas
+von 20 auf den Grad, die man der Republik in ihrer ganzen Ausdehnung
+beimißt. Nach dem Maaßstabe europäischer Bevölkerung könnte sich die
+mexicanische auf ihrem jetzigen Raume ganz bequem verzehnfachen.</p>
+
+<p>Die außerordentliche Schwierigkeit einer genauen Volkszählung, in einem
+so weitläufigen Gebiete wie dem mexicanischen, leuchtet ein, denn nur
+wenige seiner Staaten sind für einen solchen Zweck so gut organisirt,
+wie z.&#8239;B. der von Vera-Cruz; unbegreiflich bleibt es jedoch immer, wie
+in ein und demselben Jahre zwei so verschiedene Angaben der Volkszahl
+gemacht werden konnten, wie die, welche der Minister Alaman im Anfange
+des Jahrs 1832 dem Congreß vorlegte, und jene, welche in dem Almanach
+von Galvan fürs Jahr 1833 Ende 1832 erschien.</p>
+
+<p>Nach untenstehender Tabelle schätzt der Minister die Population auf
+6,382,264; Galvan dagegen auf 7,734,292, welche letztere Angabe aber
+der Wahrheit gewiß näher kommt als erstere, indem der Minister selbst
+in seinem amtlichen Bericht eingesteht, daß seine Veranschlagung auf
+alten Daten beruhe, der Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig sei, und die
+Volkszahl als 7 Millionen <em class="gesperrt">übersteigend</em> angenommen werden dürfe.
+Er drückt sich dabei wörtlich folgendermaßen aus:</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_256">[S. 256]</span></p>
+
+<p>“Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, eine Bevölkerung genau zu
+zählen, welche über ein so ungeheuer weitläufiges Territorium,
+begränzt von Regionen, wo Nomaden-Stämme in fruchtbaren Landstrichen
+und günstigen Climaten umher wandern, zerstreut ist, so wird es nicht
+übertrieben erscheinen, die Volkszahl der Republik, obgleich die
+vorliegende Tabelle nur 6,382,264 ausweise, als Sieben Millionen Seelen
+übersteigend anzunehmen, zumal da die Listen des Census, welche der
+Tabelle zur Basis gedient haben, mitunter 4, 6 ja 8 Jahre alt sind,
+und doch anzunehmen ist, daß trotz aller gelegentlichen Verluste, die
+Bevölkerung binnen einer solchen Zeit gradatim zugenommen hat. Ein
+ausgedehntes Land mit einem fruchtbaren Boden und einem den Menschen
+befreundeten Clima, begünstigt natürlich das Fortschreiten des
+Menschen-Geschlechts, und die Wohlthaten, welche diesem dann zu Theil
+werden, wenn freie Institutionen ihren heilsamen Einfluß über alle
+verbreiten, welche die unschätzbaren Vortheile einer volksthümlichen
+Regierung zu erkennen wissen, sind unberechenbar.”</p>
+
+<p>Im Jahre 1830 hatte die Zunahme der Bevölkerung einen Stoß durch einen
+heftigen Ausbruch der Blattern-Epidemie (<span class="antiqua">epidemia de viruelas</span>)
+erlitten; man suchte der Seuche durch Vaccination möglichst entgegen
+zu arbeiten, aber die Materie (<span class="antiqua">el pus</span>) fing an zu mangeln
+und unwirksam zu werden; die von England verschriebene, obgleich in
+kristallenen Gefäßen gesandt, wollte nicht anschlagen; die Hoffnung,
+daß man in dem Staat von Chihuahua an den Kühen die ächte Materie
+entdeckt habe, schlug auch fehl, und schon drückte der Minister in
+seinem Jahres-Bericht von 1831 die Furcht aus, zu der umständlichen und
+kostspieligen Maßregel übergehen zu müssen, die Materie zur Impfung
+von den nächsten, aber sehr entlegenen, Puncten in Nordamerika durch
+Kinder, gleichsam <span class="pagenum" id="Page_257">[S. 257]</span>von Arm zu Arm zu übertragen und so heranzuziehen.
+Aus dem ministeriellen Bericht von 1832 geht indessen hervor, daß
+man nicht nöthig hatte zu diesem Extrem Zuflucht zu nehmen, und daß
+die Kuhpocken-Impfungs-Materie nunmehr wieder vorhanden war, es wird
+jedoch nicht gesagt wie man sie sich verschafft hat. Der Bericht von
+1832 lobt sodann den Gesundheits-Zustand der Republik, und drückt nur
+Furcht und Sorge aus, daß die Cholera das Land heimsuchen und die
+Bevölkerung decimiren werde, weshalb denn auch Quarantainen und andere
+Vorsichtsmaßregeln in Anwendung kamen, die aber, wie wir jetzt wissen,
+das gefürchtete Uebel nicht abzuhalten vermochten. Die Cholera hat im
+Jahr 1833 große Verwüstungen in Mexico angerichtet; in der Hauptstadt
+allein sind an 16 bis 17000 Menschen, also der zehnte Theil der
+Einwohner, das Opfer derselben geworden.</p>
+
+<p>Alle Volkszählungen in Mexico ergeben übrigens eine Mehrzahl des
+weiblichen Geschlechts über das männliche; in manchen Staaten sogar
+eine bedeutende, wie z.&#8239;B. in Jalisco eine von 11 pCt., in Puebla von 7
+pCt. u.&#8239;s.&#8239;w.</p>
+
+<p>Die in den verschiedenen Theilen der Republik herrschende große
+Verschiedenheit der Bevölkerung, mit Bezug auf den respectiven
+Flächenraum, geht aus der anliegenden Tabelle gleichfalls hervor, und
+es kann daher nicht auffallen, daß während in den ganz dünn bewohnten
+Regionen an Gewerbe und Kunstfleiß noch nicht zu denken ist, in den
+mehr bevölkerten Staaten und den oft sehr volkreichen Städten sich
+dessen in nicht unbedeutendem Maaße findet und auszudehnen verspricht.
+Im Parian zu Mexico und auf den Märkten anderer Städte, wie z.&#8239;B.
+Puebla u.&#8239;s.&#8239;w., sieht man denn auch wirklich viele schön und gut
+gearbeitete Waaren, welche im Lande selbst angefertigt sind; z.&#8239;B.
+wollene Decken aller Art (<span class="antiqua">poncho’s <span class="pagenum" id="Page_258">[S. 258]</span>Zerapa’s</span> u.&#8239;s.&#8239;w.) in allen
+Farben; sodann die bekannten bei der Bekleidung einer Mexicanerin,
+gleichviel ob reich oder arm, nie fehlenden langen Umschlagtücher
+von Baumwolle, oder Baumwolle und Seide; Hüte jeder Art mit breiten
+Rändern nach mexicanischer Sitte, nebst deren Zierrath, den silbernen
+oder goldenen Treffen und Tasseln; baumwollene Schnüre und Bänder; die
+oft sehr reichen mit vielem Gold und Silber besetzten Reiter-Mäntel,
+deren sich auch Damen bedienen; Leder-Arbeiten aller Art und namentlich
+mexicanische Pferde-Sättel (unsern Husaren-Sätteln nicht unähnlich),
+mit kostbaren Pelz-Ueberlagen u. dergl. m. Hierzu kommt in Puebla noch
+Glas und Seife, womit viel Handel nach andern Städten getrieben wird.</p>
+
+<p>In Mexico selbst haben sich denn in der neusten Zeit auch mehrere
+Fremde, Deutsche und andere, als Hutmacher, Meubel-Schreiner,
+Kleidermacher u.&#8239;s.&#8239;w. niedergelassen und machen zum Theil sehr gute
+Geschäfte.</p>
+
+<p>Mit Colonisations- und Einwanderungs-Plänen zur Vermehrung der
+Bevölkerung hat es den Mexicanern bis jetzt noch nicht glücken
+wollen, und wird ihnen auch nicht glücken, bis sie durch Annahme der
+Religionsfreiheit und liberalerer Grundsätze bei der Ansiedlung von
+Fremden, die Auswanderung aus Europa, die jetzt fast ausschließlich
+nach Nordamerika gerichtet ist, theilweise nach ihrem schönen Lande zu
+ziehen verstehen.&#x2060;<a id="FNanchor_26_26" href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a></p>
+
+<p>Die Colonisirung einiger Hundert Franzosen am Fluß Cuatzacualcos
+im Staat Vera-Cruz schlug gänzlich fehl, weil die Unternehmer den
+Einwanderern Versprechungen gemacht <span class="pagenum" id="Page_259">[S. 259]</span>hatten, die sie nicht erfüllen
+konnten, und weil sie in der Wahl der Subjecte nicht vorsichtig genug
+waren. Sie sind theils nach Frankreich zurückgekehrt, theils haben sie
+sich in andern Theilen der Republik niedergelassen.</p>
+
+<p class="mtop2">Die Colonisirung von</p>
+
+<p class="mleft3 mbot1"><em class="gesperrt">Texas</em>
+oder <em class="gesperrt">Tejas</em> (sprich Techas)</p>
+
+<p class="p0">hat dagegen zwar, was die Zahl der Ansiedler betritt, einen guten
+Fortgang, aber diese Vermehrung der Population, welche lediglich
+aus den angränzenden Staaten von Nordamerika herströmt, gereicht
+Mexico eher zur Last und zum Nachtheil, als zum Vortheil, denn die
+schwer zu zügelnden Nordamerikaner wollen sich nach den mexicanischen
+Gesetzen nicht fügen, sondern eigne machen und aufstellen, wie es
+wirklich bereits an dem Hauptorte der Ansiedlung, Austen Town (so
+genannt nach dem Namen des ersten Unternehmers), der Fall ist. —
+Bei der außerordentlichen Entfernung von dem Sitze der mexicanischen
+Regierung, wird es dieser schwer fallen, wo nicht unmöglich seyn, ihre
+Autorität geltend zu machen, während andererseits der Andrang der
+nordamerikanischen Einwanderung <span class="pagenum" id="Page_260">[S. 260]</span>so wachsen wird, daß vorauszusehen
+ist, es werde sich dort ein eigner Staat bilden, der mehr zur
+nordischen als zur mexicanischen Union gehört.</p>
+
+<p>Beide Theile sehen dies kommen, und man sagt, die vereinigten Staaten
+von Nordamerika hätten denen von Mexico wirklich bereits zehn Millionen
+Pesos, für den Abstand der Provinz Texas, geboten. Die mexicanische
+Regierung scheint es aber nicht zu wagen, eine solche Proposition dem
+National-Congreß vorzulegen, und in der That würde Mexico mit Texas
+einen seiner schönsten und wichtigsten Landestheile verlieren! Das
+Clima daselbst ist vortrefflich und gesund, das Land wird von großen
+und schönen Flüssen, dem Rio Bravo und Colorado, durchschnitten,
+ein Vortheil der dem übrigen Mexico ganz abgeht, und der Boden von
+Texas ist außerordentlich fruchtbar, während es an Ausdehnung nicht
+fehlt; der Flächenraum wird auf 160 Millionen englische Acker Landes
+geschätzt! Großbrittannien und Irland haben deren nur 47 Millionen
+angebaut!</p>
+
+<p>Man urtheile also, welche Anzahl von Ansiedlern dort noch Raum und
+Auswahl des Terrains finden könnte, denn die jetzige Bevölkerung von
+<em class="gesperrt">Texas</em> ist fast Null!</p>
+
+<p>Dorthin sollten deutsche Auswanderer sich wenden, sie würden besser
+dabei fahren als am Missouri, und ein besseres Clima und fruchtbareren
+Boden daselbst finden.</p>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_261">[S. 261]</span></p>
+
+<p class="s4 center mtop2">Census der vereinigten Staaten von Mexico.</p>
+
+<table class="census_mexico">
+ <tr>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <div class="center">Staaten und<br>
+ Territorien</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <div class="center">Hauptstädte</div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="center">Seelen-Zahl</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">nach Vorlage<br>
+ des Ministers<br>
+ Alaman in 1832</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="s5 vam">
+ <div class="center">nach dem Almanach<br>
+ von Galvan<br>
+ fürs Jahr 1833</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat padtop0_5">
+ <div class="left">Föderal-District</div>
+ </td>
+ <td class="vat padtop0_5">
+ <div class="left">Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vab padtop0_5">
+ <div class="center">&#8199;250,000</div>
+ </td>
+ <td class="padtop0_5">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;350,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Staaten:</div>
+ </td>
+ <td colspan="4">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Chiapas</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">San Cristobal</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;118,775</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;96,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Chihuahua</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Chihuahua</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;112,694</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;166,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Coahuila u. Tejas</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Leona Vicario</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;77,795</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;127,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Durango</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Durango</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;149,121</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;250,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Guanajuato</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sta. Fé de Guanajuato</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;500,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;643,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Jalisco</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Guadalaxara</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;656,830</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;680,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Toluca</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">1,000,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">1,200,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Michoacan</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Morelia</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;422,472</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;285,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nuevo Leon</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Monterey</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;83,093</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;113,419</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Oajaca</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Oajaca</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;457,504</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;693,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Puebla</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">La Puebla</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;584,358</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;954,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Querétaro</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Querétaro</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;114,437</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;280,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">S. Luis Potosi</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">San Luis</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;298,230</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;192,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sinaloa</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">—</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;100,000</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer">
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <div class="center">&#8199;254,705</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Sonora</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">—</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;100,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tabasgo</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Villa hermosa</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;60,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;82,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tamaulipas</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vittoria</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;80,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;166,824</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Vera-Cruz</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Jalapa</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;242,658</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;194,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Yucatan</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Merida</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;500,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;630,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zacatecas</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Zacatecas</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;276,053</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;296,066</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">Territorien:</div>
+ </td>
+ <td colspan="4">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Alta California</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">S. Carlos de Monterey</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;27,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;30,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Baja California</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Loreto</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;15,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;&#8199;6,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nuevo Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Santa Fé</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;50,000</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;52,300</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Colima</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">—</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;40,000</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer">
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <div class="left">&#8195; ? &#8195; ?</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Tlascala</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left mleft2">—</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center bb">&#8199;&#8199;66,244</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left mleft2">Total der Bevölkerung nach Alaman</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">6,382,264</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ <div class="left mleft2">Total der Bevölkerung nach Galvans Angabe</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center bt">7,741,314</div>
+ </td>
+ </tr>
+
+</table>
+
+
+<div class="footnotes">
+
+<div class="footnote"><p><a id="Footnote_26_26" href="#FNanchor_26_26" class="label">[26]</a> Wie unbedeutend die seitherige Einwanderung von Fremden
+in Mexico gewesen ist, wird folgende Tabelle der Bewegung des Jahres
+1830, in dem Hafen von Vera-Cruz (dem hauptsächlichsten der Republik)
+zur Genüge darthun:</p>
+
+<table class="einwanderung_vera_cruz">
+ <tr>
+ <td class="s5">
+ <div class="left mleft3">Nation</div>
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="center nowrap">kamen ein</div>
+ </td>
+ <td class="s5">
+ <div class="center nowrap">gingen aus</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Nordamerikaner</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;66</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;53</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Engländer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;75</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;30</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Franzosen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;99</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;65</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Deutsche</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;52</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;20</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Italiener</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;13</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;10</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Schweizer</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;7</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;&#8199;5</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Mexikaner und Südamerikaner</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;79</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;34</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Spanier</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">—</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">&#8199;19</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Ohne besondere Angabe der Nation (also
+ wohl Altspanier)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center bb">&#8199;60</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center bb">&#8199;18</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">451</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">254</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+</div>
+
+</div>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_262">[S. 262]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Der_Staat_von_Vera-Cruz"><b>Der Staat von
+Vera-Cruz.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Dieser Staat ist einer der bestorganisirten in der Republik. Der
+Jahresbericht, den der Gouverneur dieses Staats, Don Sebastian Camacho,
+im Jahre 1832 der in Jalapa versammelten Legislatur abgestattet hat,
+ist eins der ausführlichsten Documente, welche man in der Art sehen
+kann; es füllt über 300 Quart-Seiten und ist dennoch in den meisten
+Dingen unvollkommen und ungenügend, da nicht alle Cantone des Staates
+mit gleicher Pünktlichkeit und Ausführlichkeit berichtet haben. Am
+detaillirtesten sind die Tabellen über die Population, wovon einige die
+Zahl der Kinder, Weiber und Männer, verheiratete und unverheiratete,
+Wittwer und Wittwen, alles klassificirt nach dem Alter von 10 bis 100
+Jahren, so genau und speciell angeben, daß ich nicht glaube, daß wir
+etwas ähnliches in Europa besitzen. Im Auslande kann dies aber nur
+wenig Interesse haben, dort genügt es, zu wissen, welche Bevölkerung
+der ganze Staat und etwa die größeren Städte desselben enthalten, und
+diese ist wie folgt angegeben:</p>
+
+<table class="vera-cruz">
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Orizaba</em></div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">15,386</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">46,991</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Cordova</em></div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">6,098</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">24,521</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Vera-Cruz</em></div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">6,828</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">24,556</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>
+ <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Jalapa</em></div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">10,628</div>
+ </td>
+ <td colspan="2">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2">
+ <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">42,704</div>
+ </td>
+ <td>
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="3">
+ <div class="left">Die Total-Bevölkerung des Staates Vera-Cruz</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">245,256</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="3">
+ <div class="left">Im Jahre 1826 war dieselbe</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right bb">242,658</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="3">
+ <div class="right mright1">mithin eine Vermehrung von</div>
+ </td>
+ <td>
+ <div class="right">2,598</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_263">[S. 263]</span></p>
+
+<p class="p0">oder von ungefähr ein vom Hundert, was denn aber auf einen
+fünfjährigen Zeitabschnitt, so gut wie gar keine Zunahme ist.</p>
+
+<p>Die mitunter allerdings ganz interessanten Bemerkungen des
+obenerwähnten Berichts von Don Sebastian Camacho, verlieren, wie
+schon gesagt, ihrer Unvollkommenheit wegen ihr meistes Interesse für
+das Ausland und ich beschränke daher den weitern Auszug davon auf
+die Bemerkungen, welche darin über die Erziehung der Jugend gemacht
+werden. Der Bericht sagt nemlich hierüber, daß man damit umgehe, das
+Lancaster’sche Unterrichtssystem einzuführen, und dafür 30,000 Pesos
+bestimme, und daß mittlerweile, obgleich ohne Uebereinstimmung des
+Systems, Schulen in fast allen Ortschaften des Staates beständen, deren
+Kosten von den Municipalitäten bestritten würden, so wie, daß außerdem
+an verschiedenen Punkten höhere Schulen angelegt seien, deren Lehrer
+den <em class="gesperrt">Staat</em> von Vera-Cruz jährlich 5 bis 6000 Pesos kosten! Das
+General-Budget der Föderation wirft sodann für die Errichtung und
+Vervollkommnung von Primair-Schulen in der Republik 80,000 Pesos aus!</p>
+
+<p>Dies beweiset denn doch, daß man den hochwichtigen Gegenstand der
+Volks-Erziehung nicht ganz außer Acht läßt.</p>
+
+<div class="section">
+
+<p><span class="pagenum" id="Page_264">[S. 264]</span></p>
+
+<h3 class="padtop1" id="Finanz-Departement"><b>Finanz-Departement.</b></h3>
+
+</div>
+
+<p>Es wird nicht ohne Interesse seyn, das Budget kennen zu lernen, welches
+der Finanz-Minister Mangino dem Congreß in Mexico für das Jahr von Juli
+1832 bis Juli 1833 vorgelegt hat. Es ist aber nur in den Ausgaben klar,
+und drückt sich über die Einnahmen so dunkel aus, daß es unmöglich
+ist, eine Bilanz zu ziehen; die Ausgaben werden auf nicht weniger
+als 22,392,508 Pesos veranschlagt, wobei zu bemerken ist, daß dies
+nur Ausgaben der Föderation sind, die mit den Ausgaben der einzelnen
+Staaten für ihre Congresse und sonstigen Local-Bedürfnisse nichts
+gemein haben.</p>
+
+<p class="hang1_5 mleft2">Jene Ausgaben der Föderation zerfallen in folgende Haupt-Rubriken:</p>
+
+<table class="ausgaben_foederation">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center"><span class="antiqua">a.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">Departement</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">des Innern und Auswärtigen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">$&#160;&#8199;1,049,438.&#8199;4</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center"><span class="antiqua">b.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">do.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">der Justiz und geistlichen Angelegenheiten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">„&#160;&#8199;&#8199;434,756.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center"><span class="antiqua">c.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">do.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">des Krieges!!</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">„&#160;16,465,121.&#8199;3</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center"><span class="antiqua">d.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">do.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">der Marine</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">„&#160;&#8199;&#8199;&#8239;322,221.&#8199;1</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="center"><span class="antiqua">e.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="center">do.</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">der Finanz und Kosten des General-Congresses</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center bb">„&#160;&#8199;4,120,971.&#8199;3</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat" colspan="3">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="center">$&#160;22,392,508.—</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p class="hang1_5">Als Details die am meisten Aufmerksamkeit erregen, mögen
+hier stehen:</p>
+
+<table class="ausgaben_details">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad a.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Gehalt des Ministers (so wie aller Minister)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">$&#160;&#8199;&#8199;&#8199;&#8199;6,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Fernere Gehalte in diesem Bureau</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;24,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Für Papier und Druckkosten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;29,609</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_265">[S. 265]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Außerordentliche Ausgaben</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;20,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Für <em class="gesperrt">geheime</em> Ausgaben im
+ auswärtigen Departement</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;100,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left mleft3">Gesandtschaften und Consulate:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Zwei Gesandten bei dem großen amerikanischen
+ Congreß, der bekanntlich erst in Panama, dann in Mexico gehalten werden
+ sollte, aber <em class="gesperrt">nie ins Leben getreten</em> ist</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;13,200</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5"><span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> in
+ den vereinigten Staaten von Nordamerika, nebst Secretariat</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;10,200</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Außerordentliche Legation nach Central-Amerika
+ und Columbien, nebst Reisekosten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;17,800</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Außerordentliche Legation nach den Republiken
+ des südlichen Amerika’s, nebst Reisekosten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;28,250</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left mleft3">Gesandtschaft in England:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Der Minister $ 12,000, Secretair u.&#8239;s.&#8239;w.
+ $ 8200, Total</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;20,200</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="left mleft3">Gesandtschaft in Frankreich:</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Der Minister $ 10,000, Secretair u.&#8239;s.&#8239;w.
+ $ 5700</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer">
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;15,700</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Für die Reise dahin und Einrichtung des Hotels</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;12,100</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5"><span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> in
+ Holland nebst Secretariat</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;&#8199;8,300</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5"><span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> in
+ Preußen, nebst Secretariat</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer">
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;&#8199;6,700</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Für die Reise dahin und Einrichtung des Hotels</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;&#8199;5,100</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Consulate in New-Orleans</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;&#8199;2,600</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5"><span class="mleft2">„</span> <span class="mleft1">&#8194;in Bordeaux</span></div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;&#8199;2,600</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_266">[S. 266]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Consulate in Hamburg, für die Hanse-Städte</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;&#8199;3,600</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Endlich noch für eine Gesandtschaft nach
+ <em class="gesperrt">Europa</em>, welche der politischen Constellation
+ nach wahrscheinlich nothwendig und nützlich werden würde, (hierbei hat
+ man ja wohl auf Spanien angespielt)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;29,750</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Sodann, für Errichtung und Vervollkommnung
+ von Primair-Schulen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;80,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Zur Unterstützung des Theaters</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right bb">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;20,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad b.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">“Geistliche Angelegenheiten,” hiebei genüge
+ die Bemerkung, daß für die Gesandtschaft in <em class="gesperrt">Rom</em>
+ $&#160;15,100, und für außerordentliche und <em class="gesperrt">geheime</em>
+ Ausgaben bei <em class="gesperrt">derselben</em> $&#160;30,000! zusammen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">$&#160;&#8199;&#8199;&#8199;45,100</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="mleft1_5">ausgeworfen sind.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="bb">&#160;</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad c.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">“Kriegs-Departement:”</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <table class="ausgaben_details_sub">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">&#8199;8</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Divisions-Generäle im Dienst</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="left nowrap">à 6000 $</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="4">
+ <img class="h8z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer">
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="4">
+ <div class="s5 center">im<br>
+ Jahr</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">3</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Divisions-Generäle nicht im activen Dienst</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="left nowrap">à 4000 „</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">14</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Brigade-Generäle im Dienst</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="left nowrap">à 4500 „</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">4</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">Brigade-Generäle nicht im activen Dienst</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="left nowrap">à 3000 „</div>
+ </td>
+ </tr>
+ </table>
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="right">$&#160;&#8199;&#8199;135,100</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ <table class="ausgaben_details_sub">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="right">&#8199;4</div>
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">General-Inspectoren der Truppen im Innern
+ und den beiden Californien zu 4000 $</div>
+ </td>
+ <td class="vam" rowspan="2">
+ <img class="h3z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer">
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat">
+ <div class="left">nebst 6 General-Adjutanten zu 3000 $</div>
+ </td>
+ </tr>
+ </table>
+ </td>
+ <td class="vam" colspan="2">
+ <div class="right">$&#160;&#8199;&#8199;34,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">12 Bataillone Infanterie der Linie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;1,791,795</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">12 Regimenter Cavallerie der Linie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;1,848,419</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">&#8199;3 Brigaden Artillerie der Linie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;509,477</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_267">[S. 267]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">12 Compagnien Artillerie der Miliz im activen
+ Dienst</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;259,896</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">&#8199;1 Brigade Mineurs</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;118,360</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Das Ingenieurcorps</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;&#8199;80,093</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">&#8199;1 Bataillon Invaliden in Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;118,634</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Das Sanitätscorps</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;&#8199;77,929</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Die Hospitäler</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;503,470</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">&#8199;6 Compagnien permanente Cavallerie in
+ Californien</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;128,440</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">38 Compagnien permanente Cavallerie in
+ verschiedenen Theilen der Republik</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;998,985</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">20 Bataillone active Miliz, unter den
+ Waffen, im Innern der Republik</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;4,239,465</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">13 Bataillone Küsten-Wächter, Miliz</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;1,181,482</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">&#8199;6 Schwadronen derselben</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;499,083</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Und noch mehrere Cavallerie und Infanterie
+ Miliz-Abtheilungen im Innern</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;1,000,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Entschädigung an die Miliz, für die Bekleidung,
+ zu 5 Reales monatlich an die Infanterie und zu 10 Reales monatlich
+ an die Cavallerie</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;460,920</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Für <em class="gesperrt">geheime</em> Ausgaben
+ im Kriegs-Departement</div>
+ </td>
+ <td class="vab bb">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;&#8199;40,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad c.</span></div>
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">“Finanz-Departement:”</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="mleft1_5">General-Congreß</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Diäten an 76 Deputirte</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">$&#160;&#8199;&#8199;228,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Diäten an 40 Senatoren</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;120,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Reise-Gelder der Deputaten und Senatoren
+ aus den verschiedenen Staaten, her und zurück</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;150,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Secretariat und Kosten</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right bb">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;76,994</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="right mright1">Kosten des General-Congresses</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">$&#160;&#8199;&#8199;574,994</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_268">[S. 268]</span>
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Gehalt des Präsidenten der Republik</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">$&#160;&#8199;&#8199;&#8199;36,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Civil-Pensionen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;117,925</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Pensionen an Spanier, welche durch das Gesetz
+ von 1827 von ihren Aemtern entsetzt wurden</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;&#8199;53,295</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="hang1_5">Für die Dividenden der auswärtigen Anleihen</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;942,000</div>
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vat" colspan="2">
+ <div class="mleft1_5">als den wahrscheinlichen sechsten Theil der
+ Einnahme an den Douanen von Vera-Cruz und Tampico. U.&#8239;s.&#8239;w.</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+<p>Diese ungeheure Gesammt-Ausgabe von $&#8239;22,392,508, schlägt übrigens der
+Minister vor, um 5,312,914&#8239;$ auf den Kriegs-Etat, zu vermindern und
+dergestalt auf $&#8239;17,079,594 zurückzuführen, was sie in Einklang mit der
+Einnahme des vorhergegangenen Jahres bringen würde.</p>
+
+<p>Das reine Product aller Zweige der Finanz war nemlich für das Jahr von
+Juli 1830 bis Juli 1831 $&#160;17,256,882</p>
+
+<table class="finanzen_gesamt">
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Hierin figuriren die Douanen in
+ <em class="gesperrt">allen Häfen</em> der Republik mit</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">$&#160;8,287,082</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Die Douanen des Distrikts der Föderation und
+ Landes-Gränzen mit</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;1,737,484</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">(Hierin sind die Zölle und Abgaben nicht begriffen,
+ welche die einzelnen Staaten als Consumozoll erheben, und welche
+ natürlich in die Staaten-Finanz und nicht in die Föderatif-Casse
+ fließen.)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Die Briefpost-Administration mit</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;230,683</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Die Lotterie mit</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;41,260</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Die Salinen mit</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;66,505</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Verkauf von National-Gütern</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;&#8199;11,924</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+<span class="pagenum" id="Page_269">[S. 269]</span>
+ <div class="hang1_5">Die Münze in der Föderatifstadt Mexico</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8239;&#8199;135,480</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Beiträge der Staaten zur Föderations-Casse</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;1,356,563</div>
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">(Der Minister beklagt sich, daß diese Summe nicht
+ größer gewesen, was dem Gesetze nach der Fall hätte seyn müssen.)</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ &#160;
+ </td>
+ <td class="vam">
+ &#160;
+ </td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td class="vat">
+ <div class="hang1_5">Die 2 pCt. Circulations-Rechte auf Silber und
+ Gold, vom Innern nach der Küste</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="right">„&#160;&#8199;&#8199;74,913</div>
+ </td>
+ <td class="vab">
+ <div class="left">&#8194;u.&#8239;s.&#8239;w.</div>
+ </td>
+ </tr>
+</table>
+
+
+<p>Man sieht, daß noch vieles unausgeführt geblieben ist, die Summe von
+$&#8239;17,256,882 auszugleichen, so wie, daß nirgends eine Sicherheit der
+gleichmäßigen Einnahme für das nächste Jahr existirt! Das Budget des
+Herrn Finanz-Ministers ist mithin allerdings ein sehr unzuverlässiges
+und schwankendes, es liefert aber doch dem prüfenden Auge des
+unpartheiischen Beobachters den Beweis, daß in Mexico für einen
+geregelten Staatshaushalt, ohne übertriebenen Militair-Etat, Resourcen
+genug vorhanden sind, nicht allein um das Laufende zu bestreiten,
+<em class="gesperrt">sondern</em> auch um die National-Schuld gradatim zu tilgen.</p>
+
+<figure class="figcenter illowe50" id="karte">
+ <img class="w100" src="images/karte.jpg" alt="Karte von Mexiko">
+ <figcaption class="mbot3"><div class="linkedimage"><a href="images/karte_gross.jpg"
+ id="karte_gross" rel="nofollow">⇒<br>
+ GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption>
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowe36 showebooks" id="karte_links">
+ <img class="w100" src="images/karte_links.jpg" alt="Karte von Mexiko, westlicher Teil">
+</figure>
+
+<figure class="figcenter illowe36 showebooks" id="karte_rechts">
+ <img class="w100" src="images/karte_rechts.jpg" alt="Karte von Mexiko, östlicher Teil">
+</figure>
+
+<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77872 ***</div>
+</body>
+</html>
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