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| author | www-data <www-data@mail.pglaf.org> | 2026-02-06 06:23:20 -0800 |
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Ferner werden Apostrophe in Wörtern wie ‚haus’ten‘ + oder ‚erlös’t‘ eingesetzt, die offenbar von den alten Wortformen + ‚hauseten‘ und ‚erlöset‘ herrühren. Auch diese Formen wurden nicht + modernisiert. + + Überträge (hier ‚Transport‘ genannt) in mehrseitigen Tabellen wurden + entfernt. + + Die Bildunterschrift der letzten Illustration (‚Karte von Mexiko‘) + wurde vom Bearbeiter eingefügt. Im Original findet sich eine + ausführliche Legende, aber kein Titel. + + Fußnoten wurden am Ende eines Abschnittes, also vor Einschüben und + dem zweiten Hauptkapitel, positioniert. + + Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere + Schriftvarianten werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden + Symbole gekennzeichnet: + + kursiv: _Unterstriche_ + gesperrt: +Pluszeichen+ + Antiqua: ~Tilden~ + + #################################################################### + + + + +[Illustration] + + + + + Mexico + + in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 + + und + + die Reise hin und zurück + + aus vertraulichen Briefen + + mit einem Anhange über die neuesten Ereignisse daselbst + + aus officieller Quelle + nebst + + mercantilischen und statistischen Notizen + + von + + +C. C. Becher+, + + damaligem Sub-Director der Rheinisch-Westindischen Compagnie, + Ritter des rothen Adler-Ordens vierter Classe. + + Mit einer Karte und lithographirten Ansicht der Hochebene von Mexico. + + ~... and with your gracious patience + I will a round unvarnished tale deliver.~ + + ~Othello, _Shakespeare_.~ + + Hamburg, + in Commission bei Perthes & Besser. + 1834. + + + + + An des Königlich preußischen wirklichen Geheimen Raths und + Ober-Präsidenten von Westfalen + + +Freiherrn von Vincke Excellenz. + + Ew. Excellenz + +haben mich während der dreizehn Jahre, während welcher ich meinen +Wirkungskreis hauptsächlich in Preußen hatte, mit so viel Güte +überhäuft, mit so viel Freundschaft geehrt, daß die dankbarste +Erinnerung an diese, -- meine oft mühsame und vielbewegte Laufbahn +erheiternden Verhältnisse, -- in meiner Seele nie erlöschen wird. + +Von dem Wunsche beseelt, dies Anerkenntniß und den Ausdruck eines +unbegränzten Dankgefühls gegen +Ew. Excellenz öffentlich+ aussprechen +zu können, durfte ich die gegenwärtige, vielleicht nie wiederkehrende +Gelegenheit nicht versäumen, welche mir dafür + + “die Zueignung dieses Büchleins” + +darbietet, und von der ich mir schmeichle, daß sie +Ew. Excellenz+ mit +Ihrem gewohnten Wohlwollen und mit Nachsicht aufnehmen werden. + +Wem könnte ich auch wohl diesen “chronologischen Bericht” einer langen, +beschwerlichen, in meine Lebens-Verhältnisse nur zu ernst eingreifenden +Reise, besser zueignen, als Ew. Excellenz, welcher die Motive, ich darf +sagen die +reinen Motive+ derselben, mehr als jedem Andern bekannt +sind? -- als Ew. Excellenz, welche sie billigten als ich sie unternahm, +der ich, während und nach derselben, über alles Bericht erstattete, und +die es nun mit mir beklagen, daß der dabei beabsichtigte Zweck -- ohne +mein Verschulden -- nicht erreicht ward. + +Wessen Name wäre aber auch wohl in anderer Hinsicht geeigneter, +einer +Darstellung der jetzigen Lage und Verhältnisse Mexico’s+, +gleichsam als Aegide, vorgedruckt zu werden, als der +Ew. Excellenz+, +die sich stets so lebhaft für den Verkehr des Vaterlandes mit +jenem entfernten aber wichtigen Staatenbunde interessirt, und so +wesentlich dazu beigetragen hat, daß die +politischen+ Verhältnisse +Preußens zu demselben sich schon früh +so+ gestalteten, daß sie den ++mercantilischen den+ Schutz gewähren konnten, welcher sich dort +bereits bei mehr als einer Gelegenheit, als höchst nützlich, ja ++nothwendig+, bewährt hat. + +Möge Ew. Excellenz denn die Freude werden, des Vaterlandes +vortheilhaften Verkehr mit den vereinigten Staaten von Mexico, sich +mehr und mehr ausdehnen, mögen Sie überhaupt die unausbleibliche +Frucht Ihrer reichen Aussaat im Felde der vaterländischen Industrie, ++das stete Wachsen des National-Wohlstandes+, in vollem Maaße blühen +sehen, und möge es mir erlaubt seyn zu hoffen, daß alsdann auch mein +zwar unbedeutendes aber redliches Streben nach gleichem Ziele, in Ihrer +freundlichen Erinnerung fortlebe. + + Mit Gesinnungen der innigsten Verehrung + + Ew. Excellenz + + ganz gehorsamster Diener und dankbarer Freund + + +C. C. Becher+. + + + + +Vorwort. + + +Es war zwar anfänglich meine Absicht nicht, etwas über eine Reise +drucken zu lassen, deren Erfolg den Erwartungen, die ich davon hegte +als ich sie unternahm, so wenig entsprochen hat; ich ward aber von so +vielen Seiten dazu aufgefordert, daß ich mich am Ende doch entschlossen +habe, aus den Briefen, die ich während der Reise an meine Familie und +Freunde geschrieben, ein Bild von dem Treiben und Seyn in dem so viel +besprochenen +heutigen Mexico+, während einer ereignißvollen Periode, +zu entwerfen, und es nun wage, dieses Bild, nebst einigen wenigen +Worten über Hayti und Nordamerika, dem Publicum vorzulegen. + +Wenn ich mich damit meinen zahlreichen entfernteren Freunden, mit denen +ich nicht in ununterbrochenem Briefwechsel stehe, und die mithin in den +letzten Jahren weniger von mir erfahren haben, auf eine freundliche +Weise ins Gedächtniß zurückrufe und ihnen eine angenehme Stunde mache, +so wird mir ein schöner Lohn für die geringe Arbeit zu Theil. + +So oft und viel auch schon über das +jetzige Mexico+ und die Reisen +dahin und zurück im +Einzelnen+ geschrieben worden seyn mag, so +ist doch, so viel ich weiß, noch nirgends +in Deutschland+ etwas ++Zusammenhängendes+ darüber bekannt gemacht worden. + +Dies geschieht nun hier im +ersten Abschnitt+, und wenn auch darin, +der +Sache nach+, für +Manchen+ nichts +neues+ zum Vorschein kommt, +so mag es doch in der Art der Darstellung hier und da der Fall seyn, +denn jeder hat bekanntlich seine eigenthümliche Auffassung von den +Dingen, die er sieht, und giebt sie auf seine Art und Weise wieder. Die +Darstellung meiner Ansichten soll übrigens auf kein anderes Verdienst +Anspruch machen, als darauf, daß sie hier grade so wieder gegeben sind, +wie sie der Eindruck an Ort und Stelle hervorgebracht hat. + +Die in dem Anhange geschilderten neuesten Ereignisse in der Republik +Mexico, sind mir aus amtlicher Quelle mitgetheilt worden, und liefern +den erfreulichen Beweis, daß ich mich nicht irrte, als ich, in meinen +Briefen von jenseits, dem Lande, aus der Staatsumwälzung von 1832 u. +33, große Vortheile und Fortschritte auf dem Wege der Civilisation +prophezeite. + +Der +zweite Abschnitt+ enthält fragmentarische Notizen, sowohl +mercantilische wie statistische und administrative, worunter manches +noch nicht allgemein Bekannte gefunden werden dürfte. + ++Das Ganze+ aber möge dazu beitragen das Interesse der Leser an den +vereinigten Staaten von Mexico zu erhöhen, und dadurch Deutschlands +Verbindungen und Verkehr mit einem Lande mehr und mehr zu beleben und +auszudehnen, dessen Wichtigkeit für ganz Europa eine jährlich wachsende +ist, und noch auf lange Zeit seyn wird, weil Mexico unermeßliche +Resourcen, vortreffliche Climate und Raum für das Zehnfache seiner +jetzigen Bevölkerung besitzt. + +Im Juni 1834. + + +C. C. Becher.+ + + + + +Inhalts-Verzeichniss. + + + I. Abtheilung. + + Hinreise, Aufenthalt und Rückreise. + + Pag. + + 1. Brief. Köln, am 9. October 1831 1 + + 2. „ Paris, am 23. October 2 + + 3. „ Bordeaux, am 2. November 4 + + 4. „ Am Bord des Schiffes, den 10. November 5 + + 5. „ do. do. den 17. November 7 + + 6. „ do. do. den 24. November 8 + + 7. „ do. do. den 2. December, (unter der + tropischen Linie.) 9 + + 8. „ do. do. den 10. December 10 + + 9. „ do. do. den 14. December, (Angesichts + Haity.) 12 + + Zwei Stunden auf Haity, am 15. December 13 + + 10. „ Am Bord, vom 19. bis 29. December 25 + + 11. „ do. am 31. December, (im Hafen von Vera-Cruz) 30 + + 12. „ Vera-Cruz, am 3. Januar 1832 34 + + 13. „ Vera-Cruz, am 9. Januar. Anfang der Revolution 38 + + 14. „ Jalapa, am 12. Januar. Reiseart und Ortsbeschreibung 42 + + 15. „ Puebla, am 15. Januar. Reise und Beschreibung 49 + + 16. „ Mexico, am 21. Januar. Hinreise und Ankunft 57 + + 17. „ Mexico, am 23. Januar. Beschreibung; Nationalpallast; + Wohnung 61 + + 18. „ Mexico, am 29. Januar. Politik; Alameda; Theater; + Stiergefecht 66 + + 19. „ Mexico, am 21. Februar. Sturz mit dem Pferde; + Pferderennen; Politik 71 + + 20. „ Mexico, am 21. März. Kriegsvorfälle; General + Moctezuma 75 + + 21. „ Mexico, am 11. April. Der Paseo; Fahrt nach + Chapultepec und Tacubaya; Spielwuth; Aquaduct 79 + + 22. „ Mexico, am 24. April. Heiße Bäder; Eingeborene + am See Tescuco; Osterfest; Bustamante 83 + + 23. „ Mexico, am 31. Mai, nebst ~P.S.~ Abdankung der + Minister 89 + + +Beilage+: Ausflucht nach dem Eisenwerke +Sitio+; + Beschreibung desselben und Rückfahrt; + schwimmende Gärten 91 + + 24. Brief. Mexico, am 17. Juni. Pfingstfest in St. Augustin; + Spielsucht; Hahnengefecht; Optische Täuschung; + ~bal paré~ 101 + + 25. „ Jalapa, am 25. Juni. Reizende Gegend; Waffenstillstand 106 + + 26. „ Jalapa, am 9. Juli. Politik; Conferenz in Puente; + Meierei; Spinnen-Staaten-Bund; Kathedrale; Theater 110 + + 27. „ Jalapa, am 24. Juli. Wiederanfang des Kriegs; Mord eines + Europäers in Vera-Cruz 113 + + 28. „ Mexico, am 13. August. Indianer; heidnischer Götzendienst + bei katholischen Processionen; Feuerwerke; Diebereien; + Geburtstag des Königs von Preußen 116 + + 29. „ Mexico, am 30. August. Merkwürdiger Vorfall im heißen Bade; + Politik; Einladung Pedrazas; Bustamante übernimmt das + Commando; Musquiz tritt an seine Stelle 121 + + 30. „ Mexico, am 17. September. Fest der Unabhängigkeit; + Universitätsgebäude; Antiquitäten; (Karl Uhde) 124 + + +Beilage+: aus der neuern Geschichte Mexico’s, Bravo, + Vittoria, Señora Rayon 129 + + 31. Brief. Mexico, am 30. September. Sieg bei Gallinero; Versuch + der Gefangenen, sich zu befreien; Tod des Engländers + Short; Einkleidung einer Nonne; Struensee + (Trauerspiel.) 136 + + 32. „ Mexico, am 4. October. Tour auf’s Land; Pulquebereitung; + Olivenbau; Einfluß europäischer Sitten; Butter; Bier; + Wein 139 + + 33. „ Mexico, am 12. October. Kriegsereignisse; Santa Anna + schlägt Facio, nimmt Puebla, unterhandelt mit der + Regierung; Alaman verläßt Mexico 144 + + 34. „ Mexico, am 5. November. Fernere Kriegsereignisse; Mexico + belagert; Folgen davon; Bustamante rückt heran;.Theurung; + Briefwechsel; ~P. S.~ vom 8. November; Aufhebung der + Belagerung 147 + + 35. „ Mexico, am 9. December. Stillstand in den Operationen; + Rückzug nach Puebla; Extrasteuern; Schlacht bei Puebla; + Vereinigung Santa Anna’s und Bustamante’s, zu Gunsten + Pedraza’s; Unterhandlung mit dem Congresse 152 + + 36. „ Mexico, am 28. December. Protest des Congresses; + Garnison entscheidet für Pedraza; Ende der Noth; + Pulvermühle in Santa Fé; Clima; Steinernes Schiff in + Gouadeloupe; Sulzers Tod 157 + + 37. „ Mexico, am 9. Januar 1833. Einzug der vereinten + mexicanischen Armee; Hoffnungen der Fremden und des + Landes; Pedraza; Zavala; Roccafuerte; Toleranz 162 + + 38. „ Mexico, am 7. Februar. Tour in den deutschen + Minendistrict; Schleidens Lage und Tod in Anganguco; + der Bergbau daselbst, und Rückweg nach Mexico 168 + + 39. „ Mexico, am 13. Februar. Pedraza; Mädchenschule; + Vorbereitung zur Abreise 179 + + 40. „ Vera-Cruz, am 3. März 182 + + 41. „ New-York, am 1. bis 9. April. Reise dahin; Clima; Hafen; + Zunahme des Verkehrs; Einwanderung; Bauart; Lebensweise; + Damen; Theater; Blutaristokratie 184 + + 42. „ Am Bord ~the Sully~, am 30. April. Golphstrom; Hayfische 195 + + 43. „ Paris, am 10. Mai. Havre; Auswanderung nach Amerika etc. 199 + + +Anhang+: Kurze Darstellung der politischen und administrativen + Maßregeln in Mexico, seit der Präsidentschaft Santa + Anna’s, so wie der gegenwärtigen Lage des Landes 203 + + + II. Abtheilung. + + mercantilische und statistische Notizen. + + 1. Handel mit Mexico, Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen 217 + + 2. Ausfuhr. Staat von Oaxaca; Cochenille 221 + Ausfuhrtabellen von 1758 bis 1832 227 + Calculation des Werths in Bordeaux 229 + + 3. „ aus Mexico im Allgemeinen 230 + Taback und Kaffee 232 + Preis des Kaffees bei freier Arbeit 233 + + 4. Münzsorten 235 + + 5. Maaß und Gewicht 236 + + 6. Der mexikanische Tarif 238 + + 7. Bergbau und Silbergewinnung 240 + Deutsch-Amerikanischer Bergwerks-Verein 242 + Ertrag und Ausfuhr im Allgemeinen 245 + Münze in Mexico 246 + + 8. ~Banco de Avio~ (Industrie-Belebungs-Bank) 247 + + 9. Eisenschmelzerei auf dem Sitio 254 + + 10. Bevölkerung von Mexico 255 + + 11. Der Staat von Vera-Cruz 262 + + 12. Finanz-Departement 264 + + + + + Erste Abtheilung. + + Hinreise, Aufenthalt und Rückreise. + + + An * * * + + Köln, am 9. October 1831. + +Du siehst aus der Ueberschrift, daß der Rubicon überschritten ist. +Ich bin +diesseits+ des Rheins und kann jetzt nur noch +vorwärts+. +Stufenweise sollst Du stets etwas von mir hören, so wie ich in gleicher +Weise Nachrichten von dir erwarte. + +So eben tritt Herr de B. zu mir ins Zimmer, um mir einen Besuch +zu machen und zu sagen, daß er mit seiner kleinen Frau (der +liebenswürdigen Mexikanerin -- der ersten die wohl je den Rhein +befahren -- und die wir, wie Du weißt, vor einigen Monaten zwischen +Mainz und hier auf dem Dampfboot trafen) auf der Rückkehr nach Mexico +begriffen sei, und sich in Falmouth einschiffen wolle. -- + +Wie doch in unserer Zeit Alles mit Riesenschritten voranschreitet! +Mexico, das noch vor 12 Jahren jeder andern Nation als der spanischen +fast gänzlich verschlossene Land, steht jetzt mit der ganzen Welt in +Verbindung und schließt davon nur (bis zu dereinstiger Anerkennung +seiner Unabhängigkeit) das ehemalige Mutterland, Alt-Spanien selbst, +aus. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Nordamerika +haben eine regelmäßige monatliche Packetfahrt (England von Falmouth, +Frankreich von Bordeaux und Nordamerika von New-York aus) nach +Vera-Cruz in Gang gesetzt, und Deutschland unterhält einen sehr +lebhaften Verkehr mit den mexicanischen Häfen, von Hamburg und Bremen +aus. -- + +Es fehlt also jetzt nicht mehr an passenden Reisegelegenheiten nach +Mexico; ich aber habe, wie Du weißt, den Weg über Frankreich gewählt, +und reise morgen mit dem Frühesten über Aachen gen Bordeaux. -- S..., +der gleichzeitig mit mir von E... abgereist ist, geht über England, wir +werden nun sehen, wer von uns zuerst das Ziel erreicht. + + + Paris, 23. October 1831. + +Meine Reise vom Rhein hierher war eine ganz angenehme, und die +Behandlung an der belgischen und französischen Douane der Art, daß +sie mir meine gute Laune nicht verdarb. -- Paris selbst fand ich denn +noch immer das alte +Sodom+ und +Gomorrha+; und stets noch dasselbe +ungeheure Getriebe in den Straßen und an öffentlichen Orten! Doch ist +die Stadt in manchen Theilen und auf den Boulevards, seit ich zuletzt +hier war, sehr verschönert worden. -- Es giebt übrigens auch fast keine +große Stadt in Europa, wo nicht seit dem allgemeinen Frieden theils +das Innere, theils die Umgebung erheitert und verschönert worden wäre! +Der beste Beweis, daß den Völkern ein +friedlicher+ Zustand der Dinge +mehr zusagt und besser bekommt, als selbst der erfolgreichste +Krieg+, +-- und dennoch (wer sollte es glauben?) giebt es hier noch eine Menge +Unsinniger, die diesen herbei wünschen! -- Ich aber sage: der Himmel +erhalte uns den +Frieden+! + +Durch die dir bekannte Gefälligkeit unseres Freundes R. war ich im +Stande manches schneller abzumachen, als ich ohne ihn gekonnt; dennoch +habe ich, da es mir auch hier an Geschäften nicht fehlte, gar vieles +ungesehen lassen müssen. Nach der Oper bin ich indessen doch einmal +gekommen, und sah dort zufällig ein seltenes Schauspiel, die beiden ++Ex-Souveräne+ nämlich, den Dei von Algier und Don Pedro von Brasilien, +in anstoßenden Logen! Letzterer ist ein hübscher, stattlicher Mann, +mit offener, intelligenter Physiognomie; er erschien in modischer +Civil-Kleidung, und sein ganzes Wesen bildete einen schneidenden +Contrast mit den maurischen Zügen des alten graubärtigen Deis, dessen +mit Brillen bewaffnete Augen mit sultanischem Wohlgefallen auf den +Pariser Opern-Tänzerinnen zu ruhen schienen. -- Des Deis Bruder, +gleich ihm in türkischer Tracht und Turban, aber während der ganzen +Vorstellung hinter ihm +stehend+, ist ein schöner, noch junger Mann. +-- Der dritte Exsouverain der neuesten Zeit, Carl X., war an +diesem+ +Abend nicht in der Oper! -- + +Von unserm würdigen Gesandten, Herrn v. Werther, bin ich sehr gut +aufgenommen worden, und auch in merkantilischer Hinsicht habe ich +Ursache, mit meinem Pariser Aufenthalt zufrieden zu seyn; besonders +erfreut aber hat mich die Stunde, welche Herr v. Humboldt mir zu +widmen die Güte hatte, und in welcher ich, wie bei ihm stets der Fall, +sehr viel Interessantes vernommen habe. -- Mit unermüdeter, fast +beispielloser Geistesthätigkeit hat er in diesem Augenblick, trotz +seiner diplomatischen Verrichtungen, wieder Mehreres herausgegeben, +sowohl über seine Reise nach Asien, als auch über die merkantilische +Statistik von Cuba; von letzterem Werk hat er mir ein Exemplar verehrt, +was mich auf der Reise belehrend unterhalten wird. -- Auch hat er mich +mit Empfehlungs-Schreiben für Mexico versehen, und unter besseren +Auspicien, als denen +seines Namens+, kann ich in jenem Lande nicht +auftreten! + +Ich reise nun heute Abend noch, in Gesellschaft des General-Lieutenants +v. P., nach Bordeaux, und schreibe dir von dort aus wieder. -- Lebe +wohl! + + + Bordeaux, am 2. November 1831. + +Auch bis hier war meine Reise eine glückliche und angenehme. Der Weg +von Paris hierher ist weit schöner, als jener von Belgiens Gränze +nach der Hauptstadt, und man muß sich auf letztern nicht beschränken, +wenn man ~la belle France~ sehen will. Die Ufer der Loire gewähren, +namentlich bei Blois und Tours, einen sehr reizenden Anblick; ersteres +erinnerte mich lebhaft an einige Punkte unseres schönen Neckars, in der +Nähe von Heidelberg. -- Die Stadt Poitiers, auf einer gleichsam einzeln +empor ragenden, steilen Anhöhe erbaut, hat eine höchst romantische, +jedoch kalte Lage. -- Der Anblick von Bordeaux aber, bei der Einfahrt +über die Garonne, ist wahrhaft prachtvoll zu nennen. Stadt, Hafen und +Quai haben etwas sehr Imposantes, und die erst seit kurzem vollendete, +steinerne Brücke über die Garonne, durch ihre Länge und Bauart in den +ersten Rang ähnlicher Werke gehörend, ist ein wahres Meisterstück der +Wasserbaukunst. In hohem Grade reizend ist die Ansicht, welche man von +dem Quai aus nach dem jenseitigen Ufer hat, besonders bei dem noch +immer, jedoch auch hier für diese Jahrszeit ausnahmsweise, schönen, +heiteren und milden Wetter. + +Meine Freunde hier, die mich mit der zuvorkommendsten Güte empfangen +haben, bedauerten, daß ich nicht in Zeiten für das zuletzt von hier +nach Mexico gesegelte Packetboot gekommen, weil es das schönste und +bequemste sei, was in dieser Fahrt ist; ich bin jedoch mit dem, worauf +ich mich einschiffen werde und welches ich so eben gesehen habe, +vollkommen zufrieden. Es heißt l’Esteva, und wird von Capitain Beck, +einem, wie es heißt, sehr geschickten Seemann, befehligt. + +Da ich mich in den letzten Tagen nicht ganz wohl befand, so habe ich +mir einen gewandten, schon öfter zur See gereisten Bedienten engagirt, +und fahre nun morgen den Fluß hinunter, von wo aus wir mit dem ersten +guten Winde unter Segel gehen werden. + +Mit dem Lootsen, der an der Mündung des Flusses das Schiff verläßt, +sage ich Dir dann noch ein letztes Lebewohl von Europa aus! -- Bis +dahin Adieu! + + + Am Bord des Esteva, den 10. Novbr. 1831, + in der Gironde. + +Als ich Dir zuletzt von Bordeaux aus schrieb, glaubte ich nicht Dir ++heute+ noch von diesseits des Meeres schreiben zu können! Indessen +-- der Mensch denkt’s, und Gott lenkt’s! Kaum waren wir nämlich in +Paulliac, einem kleinen Fischerort 6 Lieues abwärts von Bordeaux, +angelangt, als der gänzlich contrair gewordene Wind uns nöthigte, vor +Anker zu gehen, und ich mußte mich nun leider, -- nachdem ich meinen +Aufenthalt in Paris mehr als mir lieb war verkürzt hatte, um ja nicht +zu spät für’s Packet nach Bordeaux zu kommen, und diesen letztern Ort +verließ, ehe ich noch wieder ganz hergestellt war, -- acht Tage in +einem unbedeutenden Fischernest langweilen! Indessen, so wie alles sein +Ende erreicht, so gestatteten uns denn auch endlich Wind und Wetter +gestern Abend an Bord zu gehen, und machen jetzt so gute Miene, daß +wir Hoffnung hegen dürfen, eine schnelle Fahrt aus dem biscayischen +Meerbusen zu haben, was in dieser Jahreszeit häufig der beschwerlichste +und gefahrvollste Theil der Reise ist. Das, einige Wochen vor uns +gesegelte, schöne Packetboot, von dem ich Dir in meinem letzten sagte, +hat dies erfahren; es mußte, wie wir noch vor unserer Abreise von +Paulliac vernahmen, durch heftige Stürme und bedeutende Beschädigung +gezwungen, in den Hafen von +Brest+ einlaufen, um zu repariren, und +da dies viel Zeit erfordern wird, so sind die meisten der 72!!! +Passagiere, die sich am Bord befanden, nach Bordeaux zurückgekehrt, +um andere Reise-Gelegenheit zu suchen! -- Welch ein Glück also, daß +ich nicht der 73ste Passagier geworden bin; -- und doch beklagte ich +dies noch vor kurzem und meine Bordeauxer Freunde mit mir! So weiß der +kurzsichtige Mensch nie was ihn frommt! -- Ich fühle mich nun am Bord +unseres Schiffchens in recht behaglicher Stimmung und bin bereits ganz +einheimisch geworden. Meine Cajüte ist klein, aber bequem, und geräumig +genug, um darin lesen und schreiben zu können. + +Die Cajüten auf diesem Schiffe sind nicht, wie in der Regel üblich, im +untern Raum, sondern auf dem Verdeck angebracht, was, da hierdurch ein +freier Luftzug bewirkt wird, für Reisen nach heißen Zonen sehr passend +ist; für jene nach nördlichen Ländern dürften jedoch die Cajüten +unter Deck vorzuziehen seyn. Wir sind in Allem neunzehn Passagiere, +worunter mehrere Damen; eine Wittwe mit zwei liebenswürdigen schon +erwachsenen Töchtern, welche versuchen will, die ihr in Europa untreu +gewordene Göttinn Fortuna in Mexico wieder zu erhaschen; sodann eine +verheirathete Dame, eine Genferin, die mit ihren beiden, allerliebsten +kleinen Mädchen von 11 und 13 Jahren zu ihrem bereits in Mexico +etablirten Gatten reist. -- Unser Capitain ist ein noch junger, +einnehmender und gebildeter Mann; es bedarf mithin zu einer angenehmen +Reise nur eines günstigen Windes, und dieser scheint sich, wie schon +gesagt, einstellen zu wollen. -- Haben wir nun eine schnelle Fahrt nach +Westindien, so darfst Du schon in ein paar Monaten Nachrichten von mir +erwarten, indem es mir wohl gelingen wird, dort auf einer der Inseln +Briefe nach Europa zur Post zu geben; bis dahin mußt Du Dich aber +gedulden, und mit mir hoffen, daß wir gegenseitig nicht allzulange ohne +Kunde von einander bleiben. + +Diese Zeilen sind denn wirklich die letzten, die ich Dir aus diesem +Welttheil schreibe; ich gebe sie dem Lootsen mit, der uns in einer +halben Stunde verläßt! + +Lebe wohl, recht wohl; ich umarme Dich und die Kinder. + + + Am Bord des Esteva, den 17. Novbr. 1831. + +Wir sind auf der Höhe der Azoren und mithin über die Gränzen Europas +hinaus. -- Der Unterschied der Temperatur ist auch schon merklich +fühlbar, aber höchst angenehm; denn ohne daß wir von Hitze litten, +haben wir z. B. grade heute am 17. Novbr. die Luftwärme eines schönen, +nicht zu heißen Sommertages am Rhein, und gerne tränken wir daher den +Caffee im Garten, wenn nur einer zur Hand wäre! Das könnte nun zwar +morgen oder übermorgen der Fall werden, wo wir Madeira zu erreichen +hoffen, und ich habe daher auch wohl schon gewünscht, daß wir an etwas +Mangel leiden möchten, was uns nöthigte, auf jener paradiesischen Insel +zu landen; aber wir sind leider (?) zu gut mit Allem versehen, um +deshalb irgendwo einlaufen zu müssen. Wir werden mithin Madeira blos +vorbeisegeln, und höchstens die Umrisse der blauen Berge am Horizont +bewundern können, mit dem Lande aber warten müssen, bis wir nach +Westindien kommen. + +Es ist übrigens doch eine ziemlich ennüyante Parthie um eine längere +Seereise, besonders für einen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten, +Geschäftsmann! -- Sind auch die Reisen zu Lande häufig ermüdender und +beschwerlicher, als die zur See, so kömmt man dagegen auf erstern doch +auch hin und wieder an Punkte, wo man sich geistig und körperlich +erfrischen und erholen kann; aber auf dem Meer gleicht ein Tag dem +andern, man ißt und trinkt und schläft und staunt Himmel und Wasser an. +Nur Sturm und schlechtes Wetter bringen eine Abwechselung hervor; doch +eine solche wünscht man sich eben nicht. + + + Am 24. November. + +Es gibt doch in der That nichts Unsichereres und Trügerischeres als +Wasser, Wind und Wetter! -- So glaubten wir z. B. mit Zuversicht, +ehegestern, im 31sten Grad der Breite, die für die Fahrt nach +Westindien so günstigen Passatwinde zu erhaschen, als uns auf einmal +ein Sturm aus Südwesten zu fassen kriegte, das Schiff aus seinem +Cours heraus nach der afrikanischen Küste trieb, und uns namentlich +gestern Nacht mit vielem Unheil bedrohte; “denn die Elemente hassen +das Gebild von Menschenhand.” -- Es war ein erhabenes, aber auch +zugleich furchtbares Schauspiel, dieser 24stündige Riesenkampf mit den +empörten Elementen, gegen welche die Kraft des Menschen nichts, seine +Gewandtheit dagegen oft alles vermag! Diese sollte denn auch diesmal +siegen, und wir blieben Gottlob unversehrt. + +Unbeschreiblich groß und schön war der Anblick der sich auf allen +Seiten um uns her aufthürmenden, tobenden Wassermassen; aber so, und +von diesem Standpunkt aus, wünsche ich Aehnliches doch nicht wieder zu +sehen! Heute hat sich nun alles wieder zum Guten gewendet, das Wetter +ist schön und der Wind passabel günstig; nur sind wir leider weit +südlicher gekommen, als wir sollten, und müssen jetzt viel verlornen +Weg nachholen. + +Wenn ich Dir übrigens eben von der +afrikanischen+ Küste sprach, so +mußt Du nicht glauben, daß wir dort von übergroßer Hitze gelitten +hätten; im Gegentheil, Luft und Winde waren kalt, und man konnte und +kann noch Ueberrock und Mantel vertragen. + + + Am 2. December. + +Gestern passirten wir die tropische Linie des Krebses, und es ist doch +nun endlich so heiß geworden, daß ich zu der Sommerkleidung meine +Zuflucht nehmen mußte. Unter dem Aequator mag freilich die Hitze noch +größer seyn, als hier unter dem Wendekreis. Bei dem Durchgang des einen +sowohl wie des andern ist es übrigens, wie Du wissen wirst, allgemeine +Sitte der Matrosen, jeden Reisenden, der die Fahrt zum erstenmale +macht, einer sogenannten Taufe zu unterwerfen. Diese Ceremonie, welche +zur großen Belustigung des jüngeren Theils der Passagiere heute +stattfand, will ich Dir nunmehr, wenn auch nur um +der Kleinen+ willen, +wenigstens in großen Zügen beschreiben; es wird sie jedenfalls amüsiren. + +Als wir nämlich gestern bei Tische saßen, und eben die tropische Linie +durch waren, hörten wir aus den obersten Segeln den Himmelsfürsten ++Tropique+ mit lauter und rauher Stimme uns begrüßen, und gleich +darauf kam ein mit der Peitsche knallender Courier, auf einem recht +scheußlichen Seepferd (ein Matrose auf dem Rücken eines andern) in die +Cajüte geritten, und brachte von dem besagten Prinzen Tropique ein +Schreiben an den Capitain, worin er ihn in seiner Zone willkommen hieß, +und guten Wind versprach, wenn er ihm die noch nicht hier gewesenen +Passagiere morgen zur Taufe ausliefern wolle. Auf das Versprechen, dies +zu thun, kam nun heute der uralte Himmelsfürst mit seiner jungen Frau, +in Begleitung von Neptun und mehreren Dämonen der Unter- und Oberwelt, +unter lautem Getöse angezogen, um bei der Taufe zu präsidiren. + +Das Personal dieser grotesken Maskerade und der Gens-d’armerie, welche +bekanntlich bei keinem französischen Spektakelstück fehlen darf, nebst +dem Seepferd und Priester und Meßner, wurden natürlich durch theils +verkleidete, theils entkleidete Matrosen dargestellt, welche letztere +sich mit Theer bestrichen und mit Federn und Werg beklebt hatten, um +ihren über- und unterirdischen Rollen gebührend zu entsprechen. + +Die Feier der Taufe selbst ward nun in einer aus Flaggen und Segeltuch +zierlich errichteten Capelle, durch Priester und Meßner, auf eine +bizarre, mitunter ganz belustigende Weise, an allen Passagieren +vorgenommen, von denen sich keine besser dabei benahmen, als die schon +erwähnten, niedlichen Genfer Mädchen von 11 und 13 Jahren. + +Die meiste Belustigung erregte einer der Dämonen, (ein nackter mit +Theer beschmierter und in bunte Federn gerollter Matrose) der beständig +um die Capelle herum sprang und hineinzudringen suchte, um die Taufe zu +stören, dabei aber von dem Wache stehenden Neptun mit dem Dreizack oft +sehr derbe und fühlbar zurückgejagt ward. + +Nach beendigter Tauf-Ceremonie trat der, bei 28° Hitze über die große ++Kälte+ hienieden klagende Fürst Tropique, mit Taufgeschenken gehörig +versehen, die Rückreise nach den höheren Regionen an. Die Capelle ward +von den Matrosen demolirt, und der Spaß, welcher das Monotone einer +Seefahrt, während eines halben Tages ganz angenehm unterbrach, hatte +ein Ende. + + + Am 10. December. + +Wir begegnen jetzt täglich schwimmenden Massen von Seegras, die schon +dem +Columbus+ eine willkommene Andeutung der Nähe des Landes waren, +und hoffen, in wenigen Tagen +Hayti+ zu erspähen. -- Herzlich will ich +mich des erquickenden Anblicks erfreuen, denn man wird es nachgerade +müde, nichts als Himmel und Wasser zu sehen. Wenn mich indessen auch +die Langeweile dann und wann etwas plagt, so befinde ich mich doch in +jeder andern Hinsicht ganz wohl, und damit Du siehst, daß mir am Bord +des Esteva an materiellen Bedürfnissen nichts abgeht, will ich Dir eine +Beschreibung unserer Tages-Eintheilung geben, um so mehr als es ohnehin +unverzeihlich seyn würde, einer braven Hausfrau gar nichts von Küche +und Keller zu erzählen, die doch im Leben (zu Land wie zu Wasser) eine +so wesentliche Rolle spielen. So höre denn. Bei der hier stattfindenden +Tag-und Nacht-Gleiche, (Abends um 6 wird’s dunkel, Morgens um 6 geht +die Sonne auf) bekommt man gegen 7 Uhr Morgens, nach Verlangen: +Thee, Caffee oder Chocolade, -- versteht sich alles ohne Milch. Um 9 +Uhr wird ein Gabelfrühstück aufgetragen, bestehend aus einer Tasse +Bouillon, Eierkuchen, Coteletten, Schinken u. dergl., nebst Erdäpfeln +und sonst einem Gemüse, wobei denn jeder so viel Wein, oder Wein und +Wasser trinkt, als ihm beliebt. Um 1 Uhr wird dem etwa Hungrigen ein +Imbiß, nebst einem Glas Bouteillenbier, gereicht; um 4 Uhr speist man +zu Mittag und es werden dabei folgende Gerichte aufgetragen: gute +Bouillon mit Reis oder Nudeln, Rind- oder Kalbfleisch, auch wohl +Hammelbraten; sodann, und zwar täglich, gekochte oder gebratene Hühner, +zur Abwechslung auch Enten oder Kalkuten; Gemüse jeder Art, und zweimal +in der Woche Torten und kleine Pasteten; schließlich Butter und Käse, +etwas Dessert, Caffee und Liqueur; und dabei rother Wein nach Lust und +Belieben. -- Zum Beschluß des Tages endlich wird jedem, der es wünscht, +am Abend ein Glas Wein, Wasser und Zucker, Himbeersaft oder dergl. +gereicht, und Du wirst somit gestehen, daß man sich am Bord des Esteva +wenigstens über die Kost nicht zu beklagen hat, und daß sie jener auf +den englischen Packetbooten, die Du ja aus früherer Erfahrung kennst, +vorzuziehen ist; was +Dir+ insbesondere aber noch mehr als Vorzug +erscheinen würde, ist der Umstand, daß man aus den französischen +Packeten nur Holz und keine Steinkohlen brennt, deren Geruch und +Dampf die Neigung zur Seekrankheit so leicht erregt, und Dir oft so +unangenehm war. + + + Am 14. December. + +Endlich! und zwar in genauer Uebereinstimmung mit der Berechnung +unseres sachkundigen Capitains, sahen wir gestern Mittag Punkt 1 Uhr +das Cap Samana auf +Hayti+. Wir genossen bis spät in die schöne, +warme, mondhelle Nacht das herrlichste Schauspiel, indem wir uns den +malerisch schönen Ufern dieser prachtvollen Insel immer mehr näherten, +deren gebirgiger Umriß sich am reinen Firmament in erhabener und +mannichfaltiger Gestaltung erhob. + +Heute war ich mit Sonnenaufgang wieder auf dem Verdeck, um mich +auf’s Neue an dem schönen, so lang entbehrten Anblick des Landes zu +laben; wir sind nunmehr dem Ufer so nahe, daß wir Alles deutlich +unterscheiden, und unsere Augen weiden können an den üppig bewachsenen +Bergen, den schönen grünen Hügeln und den am Fuß derselben gelegenen, +freundlichen Dörfern und Pflanzungen. -- Einzelne Berggruppen +erinnerten mich lebhaft an unser schönes Siebengebirge bei Bonn, nur +mit dem Unterschied, daß die hiesigen Gruppen nun schon 30 deutsche +Meilen lang anhalten und noch nicht zu Ende sind. + +Diese Augenweide, der balsamische Landgeruch, den uns ein leichter +Zephyr von der so nahen Küste herüber weht, und die über alle +Beschreibung schönen, nur unter einem tropischen Himmel zu erlebenden, +warmen, mondhellen Nächte, haben einen Eindruck auf mich gemacht, +der sich wohl nur mit dem Leben verwischen wird. Wahrlich, hier wird +es einem nicht schwer, das Entzücken zu begreifen, welches Columbus +empfinden mußte, als er sein gefahrvolles und rastloses Streben durch +die Entdeckung dieser schönen Insel belohnt sah. Es war aber gerade +in derselben Bucht, in welcher ich morgen den Fuß ans Land zu setzen +hoffe, wo Columbus zuerst auf Hayti landete. Diese Bucht, die er den +Hafen von +St. Nicolas+ nannte, gehört zu den wenigen Orten, welche +bis auf diesen Tag den Namen tragen, den er ihnen bei der Entdeckung +beilegte. -- Wir aber sollen daselbst Frankreichs Correspondenz mit +Westindien abliefern, und da mir der Capitain erlaubt hat, mit den +Depeschen ans Land zu gehen, so benutze ich diese Gelegenheit, um Dir +das bisher für Dich Niedergeschriebene via Nordamerika zuzusenden, und +Dir Nachrichten von mir zu geben, welche Du auf diese Weise um einige +Monate früher erhältst, als wenn ich damit bis zu unserer Ankunft in +Vera-Cruz warten wollte! Wir haben noch einen weiten Weg dahin, und +wer weiß, was uns auf demselben noch bevorsteht! Ich falte daher alles +Fertige zusammen, und gebe es morgen in St. Nicolas zur Post. + +Leb wohl, tausendmal wohl! + + + + +Zwei Stunden auf Hayti. + + +Am 15. December 1831, Morgens 9 Uhr, erreichten wir den Hafen der Insel +Hayti, ~St. Nicholas au mole~ genannt. Der Lieutenant und ich gingen +ans Land, um Briefe und Depeschen für Portauprince dort abzugeben; +und so war ich denn endlich auf der Insel, mit welcher ich früher in +so enger Verbindung gestanden, und konnte Manches von dem in der Nähe +sehen, was mir freilich schon oft von Augenzeugen geschildert worden +war. Die Scene war originell in hohem Grade; ich will versuchen ein +Bild davon zu entwerfen. + +Als wir mit dem Boot in die Bucht ruderten, gewahrten wir auf beiden +Seiten Batterien, welche den Eingang vertheidigen, und bei Ansicht +der französischen Flagge, die wir führten, die haytische, blau und +roth in parallelen Streifen, aufzogen. Wir wollten in der Nähe des +Regierungs-Gebäudes landen, wurden aber von zwei Soldaten und einem +Offizier, die man uns entgegen sandte, bedeutet, daß wir tiefer in +den Hafen fahren und an der Douane landen müßten. Der Anblick von +schwarzen Männern, in europäischer Uniform von Tuch, blau und roth mit +weißen ledernen Bandeliers, schlechten Flinten und Säbeln, Tschako’s, +Pantalons ~ad libitum~ und nackten Füßen, erschien mir, ich gestehe es, +eigen und komisch genug. Zur Ehre des haytischen Militairs sei jedoch +hier gesagt, daß der Offizier nicht barfuß ging, sondern Schuhe an den +Füßen und einen großen dreieckigen Sturmhut mit Cokarde auf dem Kopfe +trug. + +Der erhaltenen Weisung gemäß, stiegen wir bei der Douane ans Land; auch +hier waren die Menschen, welche wir zu Gesicht bekamen, schwarz und mit +stark afrikanischen Zügen bezeichnet; sie haben nämlich platte, breite +Nasen, hohe Backenknochen und dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne der +jüngeren Personen sind weiß, ohne blendend weiß zu seyn, und mehr stark +als schön. + +Der Director an der Douane war ein junger, sowohl von Wuchs wie von +Gesichtszügen schöner Mann, und würde gewiß bei unsern Damen, trotz +seiner schwarzen Farbe, Glück gemacht haben. Er sprach ein angenehmes +und richtiges Französisch und schien unterrichtet; meine Fragen in +Betreff der Bevölkerung des Städtchens, das er mit Wohlgefälligkeit +eine +Stadt+ nannte, beantwortete er mir ausweichend; wahrscheinlich um +nicht in Widerspruch mit seiner Benennung des Orts zu gerathen. + +Der Postsecretair, dem wir unsere Briefe und Depeschen gegen eine +Bescheinigung zu übergeben hatten, war ein Mulatte und sprach und +schrieb gut französisch; der Obrist, der auf geschehene Meldung uns +auf der Hauptwache besuchte, war ein Neger, zwar wie es schien, noch +jung, aber ohne körperliche Energie; er klagte über zu große Hitze +(es war der 15. Decbr.) und ich konnte ihm nur Recht geben, denn ich +litt selbst davon. Dies gab Gelegenheit von der natürlich noch weit +größeren Hitze des Sommers und ihren Wirkungen zu sprechen; der Obrist +schilderte sie als extrem und versicherte, daß nicht allein an der +Küste, sondern auch im Innern des Landes, die Sommerhitze hinraffende +Climafieber erzeuge, und daß alsdann die Eingebornen, eben so wenig wie +Ausländer, sich ungestraft der Sonne zu sehr aussetzen dürften; jetzt, +wo die Sonnenstrahlen die Insel nur in schiefer Richtung berührten, +ginge es noch an, aber im Sommer, wo sie senkrecht fielen, sei die +Hitze oft unerträglich. + +Das Französische des Herrn Obristen war nicht das reinste, und er +schien sich besser auf sein Creolisch, (ein corruptes Französisch, +welches sich auf den Inseln nach und nach zu einem förmlichen Patois +gebildet hat, und von den Einwohnern allgemein gesprochen wird,) +zu verstehen. Von den europäischen Angelegenheiten war er nicht +ununterrichtet, bedauerte die Polen, ~qui avaient si bien assisté la +France autrefois~, und fällte ein richtiges Urtheil über die belgischen +Angelegenheiten: ~ce pays n’ayant maintenant plus la même importance +qu’auparavant~ u. s. w. -- Im Ganzen genommen machte jedoch die +Unterhaltung mit dem Obristen nicht den angenehmen Eindruck auf mich, +wie jene mit dem Director der Douane. + +Der General, der Anfangs auch auf die Hauptsache zu uns kommen wollte, +ließ der großen Hitze wegen absagen, was ich bedauerte, da ich ihn +gern gesprochen hätte; wären wir, des für die Hauptreise günstigen +Windes wegen, nicht so sehr eilig gewesen, so würde ich dem General +meine Aufwartung gemacht haben. Bei Gelegenheit der Meldung vom General +ermangelte der Herr Obrist nicht seine Autorität dadurch kund zu thun, +daß er der Ordonnanz in meiner Gegenwart einen derben Verweis, wegen +des Tragens eines Kopftuchs unter dem Tschako, ertheilte. + +Da wir etwas Erfrischung für das Schiff mitzunehmen beabsichtigten, so +frugen wir den Obrist, ob und wo diese wohl in der Stadt zu haben wäre, +worauf er uns erwiderte, daß wenn man uns früher heransegeln gesehen +hätte, ohne Zweifel und wie üblich, alle Arten von Erfrischungen aus +der Nachbarschaft vom Lande herbeigebracht worden wären; so aber sei +es zweifelhaft, ob wir fänden, was wir suchten; er wolle jedoch den +Capitain mit uns schicken, um uns die Wohnung des Schlächters u. s. w. +zu zeigen! Dieß gibt den Maßstab des Verhältnisses zwischen Militair +und Bürgern auf Hayti! Der Capitain übernahm den Auftrag sehr gern; wir +fanden bei dem Schlächter, dem einzigen des Orts, frisches Rindfleisch, +und kauften dessen ein gutes Viertheil. + +Die recht hübsche, junge und muntere Frau des Schlächters hatte ein +drei Wochen altes Kind im Schooße liegen, welches, mit Ausnahme des +Kopfes, mir viel kleiner schien, als Kinder gleichen Alters bei uns; +ich hatte nachher Gelegenheit diese Bemerkungen an mehreren neugebornen +Kindern, die man den Kommenden und Gehenden in den überall offenen +Wohnungen nirgends verbirgt, zu machen; wenn sodann diese Kinder +heranwachsen, so haben sie bis zum 14ten oder 15ten Jahre einen sehr +dicken, hervorstehenden Leib und sehr dünne Beine, auf welchen sie +indessen ganz lustig einherhüpfen, und weder ihren nackten Körper +durch Bekleidung oder Kopfbedeckung gegen die Sonne, noch ihre bloßen +Füße gegen den brennenden Boden zu schützen versuchen. + +Es schien dem oberwähnten Herrn Obristen zu gefallen, daß ich einen +solchen kleinen, nackten Homunculus zu mir rief, auf den Schooß nahm, +ihn um seinen Namen befragte und liebkos’te; es ging mir aber ganz +von Herzen, denn das schwarze Kind lächelte mich so freundlich an mit +seinen milchweißen Augen und elfenbeinernen Zähnen, daß ich mich sehr +zu ihm hingezogen fühlte. + +Ich sah nachher noch viele, recht hübsche Kinder, beiderlei +Geschlechts, worunter mir besonders ein Knabe von etwa 13 Jahren, für +dieses Alter recht groß und stark, durch sein intelligentes, offenes +Gesicht, gefiel. Er war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, bereits +in einer Erziehungsanstalt in Portauprince gewesen, und sollte zur +Vollendung seiner Studien wieder dahin zurück. Wäre ich auf der +Rückreise nach Europa gewesen, ich hätte darauf angetragen, ihn mir +dahin mitzugeben, und der Vater würde wahrscheinlich darauf eingegangen +seyn, denn er legte großen Werth auf die Erziehung seiner Kinder. Daß +dieser Jüngling und seine sechs Geschwister, bis auf die jüngsten von +wenigen Jahren, die bloß ein schneeweißes Hemd übergeworfen hatten, +sehr ordentlich gekleidet gingen, versteht sich von selbst. + +Der Vater, der wie alle Einwohner, die es vermögen, eine Boutique +hielt, ein noch junger Mann, erzählte mit Wohlgefallen, daß er sieben +Kinder habe, die denn auch alle um uns herumstanden, aber seine Frau, +die vor uns saß, zeigte auf ihren hochschwangern Leib und fügte hinzu: +~et voici le huitième~. Da Mann und Frau nicht von einer Gesichtsfarbe +waren, er schwarz und sie dunkelbraun, so fand ein großer Unterschied +unter den Kindern statt; sie waren theils mulatten-, theils negerartig. + +Man kann überhaupt keine mannichfaltigere Abstufung der Gesichtsfarben +sehen, als auf Hayti. Mulatten, die fast weiß sind, braun und +olivenfarb in allen Nüancen, und ganz schwarz. Diese letztere Hautfarbe +gefällt mir nach der weißen am besten, und erscheint dem Auge am +reinlichsten. Nicht minder als die Hautfarbe, weichen die Gesichtszüge +von einander ab, und man erkennt deutlich die große Verschiedenheit +der afrikanischen Völkerschaften, welche die frühere Sclaveneinfuhr +auf diese Insel verpflanzt hat. Der Schnurrbart, den die Militärs, wie +es scheint, gern tragen, steht einigen schwarzen Gesichtern gar nicht +übel, andern desto schlechter. Den älteren Leuten ergrauen wie bei +uns Haupt- und Barthaare, was gegen die schwarze Hautfarbe unangenehm +absticht. + +Unter den Weibern sah ich mehrere hübsche Figuren. Alle +jüngeren+ +haben einen vollen Busen; bei den +älteren+ ist das Gegentheil der +Fall, und diese scheinen überhaupt sehr häßlich zu werden. Die +Haltung des Körpers bei den jüngeren Weibern ist sehr gerade, und +hat in dieser Hinsicht einige Grazie; desto mehr fehlt ihnen diese +im Anzug, den sie trotz ihrer Putzsucht äußerst nachlässig um den +Körper hängen haben, so daß die Schultern entblößt sind, ungefähr +wie heutigen Tages bei unsern jungen Schönen auf den Bällen, beides +wohl Folge der allzu großen Hitze, zu welcher sich, freilich nur auf +Hayti, die einfachere Bekleidung unserer Mutter Eva (versteht sich nach +der Apfel-Katastrophe) weit besser passen würde, als die ~robes~ von +englischen, gedruckten Callicos oder weißen Musselinen! Die Kopftücher, +die hier ~à la française~ getragen werden, kleiden gut und geben den +Weibern ein reinliches Ansehen. Ueberhaupt scheint Reinlichkeit, des +Körpers sowohl wie der Häuser u. s. w. in hohem Grade bei diesen +Leutchen zu herrschen, und ich könnte im lieben Vaterland gar manchen +Ort nennen, der sich in dieser Hinsicht mit St. Nicholas auf Hayti +nicht vergleichen kann. + +Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf +brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr +zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder +unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur +allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau +gethan haben würde. + +Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet; +auf dem Kopf das bekannte ~mouchoir~, leichte baumwollene Jacke +und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere +tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr +europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig +abbüßen müssen. + +Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der +Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht +freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die +verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u. +dgl., ferner Fische, Fleisch u. s. w. abforderte, obgleich man sah und +wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch +hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu +Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn; +wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu +erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen, +wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen, +alle +ihre+ Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die +Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich ohne +einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da +sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen +Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und +ausführt. + +Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der +Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u. s. w. St. Nicholas +hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht +von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner +Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach +Portauprince als Zahlung sendet. + +Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse, +daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer +deutschen+ +Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige +Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden +sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement +vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir +versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte +Christoph+ +hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch +vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der +nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt +worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer +Nähe, aus Mangel an Zeit -- nicht besuchen zu können; sie wird von den +Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung +bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den +Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe +als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo +möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern. + +Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des +wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen +verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten +anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die +Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt +dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und +eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn. + +Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden +Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der +Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden +Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens +großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack +an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß +es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an +gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine +Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt +und wahrgenommen wird. + +Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art (~Stores~ +genannt) +Alles+, d. h. von einem Glas Schnaps bis zum feinsten +Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand überraschen, der von +Colonialverhältnissen schon hat reden hören; als besondere Bemerkung +gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr dieser ~marchandes~ in +englischen Baumwollenwaaren stattfindet, und es gewährte mir vielen +Spaß, in fast jedem Hause meine alten Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß, +~mouchoirs~ u. s. w. zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine +Fragen über diesen Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall +eine entschiedene Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge +der während des ganzen Continentalkrieges ausschließlichen Zufuhr +englischer Waaren. Auch trägt man auf Hayti fast nur baumwollene +Stoffe, weniger Leinen und fast gar keine Seide. + +Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der +ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden +den Anblick des Binnenlandes verbirgt. + +Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde +daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah +gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen +Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des +Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen +dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika +nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme +(Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen +Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten +Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen +fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert; +man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen +gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast +alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe. + +Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie +bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach +reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil +sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit +dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne +Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen +überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen Nächten, welche +in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn +ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen. +Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der +Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen +und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau +sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht +kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers +gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig +ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern +die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin +geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche +gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. -- Zu +verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse +Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des +Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß +sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume +vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders +wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr +Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne +alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt +alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße +zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum +hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern +ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art, +Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete +Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung +und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden, +würde sich sehr irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie +Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen +Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den +Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz +unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte +mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht +vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade, +welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten +klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche +vollkommen bestätigt fand. + +Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem +hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit +der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war, +und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten, +schwarzen Mädchen dafür gab. + +Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine +Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen +bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme +Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas +schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im +Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein +Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten. + +Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde +durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach +zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine +Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach +Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als +zwei Stunden+! + + + Am Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831. + +Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und +ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas +lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich +jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben, +so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust +und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten, +auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden +Landreise Seiten. -- Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die +Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang +auch, und der Mensch -- nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits +erzählt, und fahre damit fort. -- + +Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas, +war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach +mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu +erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt +und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt, +die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten, +zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und +Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten. + +Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen, +um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so +verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie +gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. -- Diesen letztern kamen +wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem +Anblick des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den +Horizont begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern +Morgen aus dem Gesichte verloren, und sahen wieder blos den Himmel +über uns und um uns her die See. -- Wir befinden uns nun in dem ++mexicanischen Meerbusen+ auf der Bank von Campeche, und die vielen +Seevögel und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge +von auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch +kleine Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste +von Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald +beendigten Reise. + + + Am 24. December 1831. + +Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen +Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir +heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider +eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege +von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm +Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen +Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen +muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit +Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen +diese+ Täuschung +deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren +Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht +kennt. + +Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht +einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem +größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen +wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der +wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden, +wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes +unangenehm überrascht; es schien von der Küste von Campeche gekommen +zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes +Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs, +Länge-Berechnung[1] u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens +in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man +darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der +Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei +Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In +diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein +Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber +hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch +erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt +und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal +gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn +nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in +die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet +hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu +halten, wo sie ihren Raub hinführen. -- Welch ein reges Leben sich in +jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken +Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen +eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise +noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele +streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot +sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte +sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück, +vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den +wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen +wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen +schrecklich für uns hätten werden können. -- + +Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und +unerhörte Gräuel verübt. -- Den vereinten Bemühungen der englischen +und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis +in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von +Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man +sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen, +wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord ++bewaffneter+ Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte![2] + + + Am 25. December. + +Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste +Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten, +nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in +der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns +wieder untreu werden zu wollen scheint. -- + +So eben ruft man +Land!!+ und wir erblicken hoch in den Wolken, den +Pic des Orizaba! -- Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die +Meeresfläche emporragende Bergspitze aus sehr weiter Ferne sehen +kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn +der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am +hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel +mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein +glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten +Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden +Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick! +Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist +so eben wieder eine totale Windstille eingetreten. + + + Am 29. December. + +Die Stille dauerte nicht lange. -- Gegen Abend erhob sich der Wind +und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen +konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von +Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser +Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das +Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und +hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und +gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten +Tag. + +Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen +Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der Wind +günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen +Orizaba+, +gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder erblickten, und uns an +dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem prachtvollen Sonnenuntergang +ergötzen konnten. Es war das großartigste Naturgemälde, welches ich je +gesehen! + +So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte +ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig; +denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu +erreichen. + + + Am Bord des Esteva, den 31. December 1831, + im Hafen von Vera-Cruz. + +Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns +gestern endlich, den +Hafen+ zu erreichen, wenn anders eine offene +Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher +sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese +Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt +Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu +mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste +gekettet, die wir -- leider! -- so bald noch nicht verlassen sollen; +denn, -- stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, -- +wir +müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten+! + +Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den ihn +überall verfolgenden Gassenhauer “~Marlborough s’en va-t-en guerre~” +in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das äußerste Ende +von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar nach Indien +flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri die verhaßte +Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung eine Kugel +durch den Kopf jagte! -- So soll es mir, wie es scheint, (versteht +sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit der +Cholera+ +ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser Seuche entflohen, +hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; an den belgischen und +französischen Gränzen beschäftigte man sich damit, Cholera-Quarantänen +einzurichten, die mich jedoch glücklicher Weise noch nicht trafen; in +Paris rechnete man mir den Monat vor, wo die Cholera eintreten +würde+, +und in Bordeaux die Zeit, wo sie anlangen +könnte+. Ueberall war die +Rede von der Cholera und fast nur von ihr! -- Gut, dachte ich, dies +hat bald ein Ende; Du kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens ++diese+ verhaßte Krankheit nicht kennt, und höchstens vom +gelben +Fieber+ spricht, welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich +allenfalls dort holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß, +als das erste Boot, welches uns hier zur Seite kam, das +Sanitätsboot+ +war, um uns anzukündigen, daß “+da wir aus Europa kämen, allwo die +Cholera herrsche+,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war +erst an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und +unser Schiff das +erste+, auf welches die Maßregel angewandt ward. -- +Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann! + +Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu +landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu +machen? man muß sich ~bon gré mal gré~ darein finden, und wir können +uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf nur +wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch Niemand +zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in einiger +Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese Weise +erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach Europa +darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das bisher +Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. Man +will mir heute Abend ein Boot senden, um die Briefe abzuholen, und ich +werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind. + +Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm, +sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl +und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen +auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich +niederzuschreiben. + +Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern +zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt +sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht +malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden! +In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch +muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. -- Was das Treiben +auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit eines +Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich nicht +zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das Hin- und +Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der Rhede und dem +Landungsplatze (~Muelle~) an der Stadt, gewährt einen recht belebten +und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen Insel Sacrificio[3] +liegen in diesem Augenblick zwei französische Kriegsschiffe, und +hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, ein hamburger und +ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere mexikanische +Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein britisches +Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, auf welchem +S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht angekommen; +wir haben diesem also den Rang abgelaufen. + +Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt +das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns +vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison +theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen +Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen +Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die +Mexicaner+ +hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen +Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am +Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und +hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der +sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine +Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil +nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts +und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch +nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man +fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas +Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern +Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer +Gruppen von nackten Menschen gewöhnt! + +Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst +überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du +diese Mittheilungen recht bald erhieltest. -- Mögen sie Euch Alle so +wohl treffen, wie ich mich fühle! + +Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich +wieder +ans Land+, und auf festen Grund und Boden! + + + Stadt Vera-Cruz, am 3. Januar 1832. + +Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich +ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt +eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn +nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier +jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so +stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte, +daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich +mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle +der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des +Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen, +und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der +eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst +merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese +Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht +alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen +welche der warme tuchene Mantel (~Capa~) der besseren Classe, oder +die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (~Zerapa~), deren +auch der ärmste ~Lépero~ nicht ermangelt, kaum zu schützen vermag. -- +Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als am Lande, +und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht, welche wir +auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt ganz geeignet, +den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu steigern; +wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern der +Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine +gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche +Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten, +Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen des Sturmes zu +überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht. + +Wenn aber der Uebergang von Hitze zu Kälte hier schnell ist, so ist +es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie +sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne +wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die +Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte +sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug +die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm +der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und +uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. -- Du kannst denken, daß ich das +Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ. +Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen +hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran, +für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte, +was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles +glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen, +es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain +Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten +überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während +der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für +uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm +denselben beim Abschied schriftlich überreichten. + +Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf +das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet, +nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem +Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht +gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an dieser +Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl +zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist. +Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche sich +im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit einer +oft übermäßig großen Hitze,[4] das gelbe Fieber oder schwarze Erbrechen +(~vomito prieto~) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz, in den Monaten Mai +bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist. Diese, den Eingebornen +des Hochlandes von Mexico in noch höherem Grade, als den Europäern, +gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch nicht auf die Stadt +Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß an der ganzen Küste, +und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge, namentlich auf dem Wege +nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über der Meeresfläche gelegenen +Landgut, Encero, so daß der, auch schon sehr hoch liegende, von schöner +kräftiger Vegetation umgebene, und von einem nicht unbedeutenden +Waldstrom bespülte Flecken, ~Puente national~, (halben Weges zwischen +Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß des Vomitos in den besagten Monaten +ebenfalls unterworfen ist. Der Ursprung dieser verheerenden Krankheit +dürfte mithin auch wohl in noch andern Gründen, als der Ausdünstung +der Sümpfe, welche Vera-Cruz umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse +indessen diesen Punkt den Naturforschern, und beschränke mich darauf, +einem Jeden zu rathen, in der ungesunden Jahrszeit, d. h. von Mai bis +October, sich nicht weiter küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und +sich nicht sicher zu glauben, wenn etwa, wie jetzt der Fall, während +einiger Jahre die Krankheit sich nur in sehr geringem Grade zeigt; +sie pflegt alsdann mit erhöhter Kraft wiederzukehren, und Niemand kann +voraussagen, +wann+ dies geschehen wird.[5] + +Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst +daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr, +wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von +hier keineswegs übereilen. + +Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel +und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht. Die +Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich und +im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas angemessen +eingerichtet. -- Wir wohnen auf dem sogenannten großen Platz (~plaza~), +und haben das ganz ansehnliche, altertümlich gebaute Stadthaus +(~Palacio~) gerade vor uns und die Hauptkirche (~Cathedrale~) zur +Seite, -- welche letztere sich aber weder von außen, noch von innen +besonders auszeichnet. + +Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute +Zollhaus (~Aduana~) ist einfach aber geräumig, und für die allerdings +großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet. + +Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen, +Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen wohl versehenen Markt, und +ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen, +und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu +schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe +-- (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) -- nicht. Das Ganze +machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf +mich. -- Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu +sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von +den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da +eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern +Seite. + +Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten. +Für heute nur noch ein Lebewohl. + + + Vera-Cruz, den 9. Januar 1832. + +Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die +Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen +werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen +scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären +Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses) +an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage +eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen +werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all +dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein +sogenanntes ~pronunciamento~, eine Protestation, der Truppen. + +Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat +nämlich zusammen und erklärte, Namens der Armee, welche sich als +Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die +Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten, +und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten +Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man zum +Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, -- wo nicht, das Begehren +mit gewaffneter Hand durchsetzen.”[6] -- Die Garnison sandte hierauf +eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem Landgute +(~hacienda~) wohnenden, General Santa Anna, mit der Bitte, sich an die +Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ sich willig finden, +-- (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher mit ihm verabredet +gewesen) -- und ward nun von einer Abtheilung Dragoner abgeholt, und +mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und Glockengeläute empfangen. Er +nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit den Civil-Autoritäten und der +Garnison, die weitern Operationen noch in derselben Nacht verabredet +wurden. -- Der Commandant der Festung St. Ulloa ist den Beschlüssen +der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und hat sich unter die Befehle +von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig, indem die Stadt von jener +Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr (so wie Antwerpen von +seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund geschossen werden kann. + +Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen +Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen +hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der ~plaza~ versammelt, +und nach einem etwas schwachen Rufe von: ~viva Santa Anna y mueren +los ministros!~ -- ging jedermann ruhig nach Hause und, zur gewohnten +Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu Bette. Auch die +darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen Gleise, und man +bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution nur an der +verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht dies +ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen +scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die +Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa +Anna an ihn gerichtetes +vermittelndes+ Schreiben, eingetroffen ist. +-- Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen, +etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen +Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge +nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will +man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem +Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite. + +Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa +Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war +vortrefflich, und das Officier-Corps, -- (ein weit zahlreicheres +als bei gleicher Truppenzahl in Europa) -- nahm sich in den reichen +Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung. + +Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34 +Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm +vorgestellt, und unterhielt mich mit ihm ziemlich lange über die +neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen +Vorfälle in Europa, -- die belgische und polnische Revolution +nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern +beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. -- Santa Anna’s Manieren +und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen +schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero, +der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei +der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von +einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der +gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar +annahm. + +An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine +kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und +nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch +in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros +(mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts +aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem +mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes, +europäisches Auge, komisch genug aus. +Ich+ fuhr in einer Volanta, +einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen, +nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über +Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo +zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber +dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. -- Es stand hier +früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein +temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen +eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu +Lande allgemein beliebte Hazardspiel, ~Monte~, zu frequentiren, wobei +denn Einige Silber, noch Mehrere aber Gold, und zwar oft große Summen, +einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl aus einer +Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden Guitarren-Musik, +den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern an Grazie sehr +nachstehen sollen, -- und ich bemerkte auch in der That sehr wenig von +dieser Eigenschaft. -- Da es bekanntlich in dieser Zone schon um 6 Uhr +Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen Parthie sehr früh +nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu erwähnen, daß wir den +Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer, bei einer Tasse Thee +recht angenehm zubrachten. + +Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm +S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise +war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von +viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in +mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und +nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der +Hauptstadt +Mexico+ begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier zu +Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen +Räubereien zu schützen. ~Tout comme chez nous~, -- könnte hier ein +Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies +nicht können! + +Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder. + + + Jalapa, den 12. Januar 1832. + +Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz +hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir +-- in unserm Theile von Europa wenigstens -- nicht anzuweisen. Da Du es +aber nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu +beschreiben. Höre also. + +Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in +folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich, in +einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (~litera~) liegend, +in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem Schutzwehr +gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s, einige +der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich, der +Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu dürfen +baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der sich, nach +ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet hatte und so mehr +einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines friedlichen Reisenden +glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs Maulthiere, welche unser +Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer des Zuges zu Pferde, die +Thiere, unter beständigem Peitschenknallen und “~Mula~”-Rufen, bald +hier bald dort antreibend. In einiger Entfernung bildete Freund S. +mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal ein zweirädriger, mit zwei +Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß der Carawane, welche sich +am Ende doch noch rascher bewegte, als ich erwartet hatte. + +Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu +Pferde, -- die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche +Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und +hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in +dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und +daher besser unterbleibt. -- Zweitens, mit der Diligence, welche aber, +obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser +beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei +Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen Löcher auf den schlecht, +oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr +unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische +Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme +Diligence zwischen +Mexico+ und +Jalapa+ in Gang gebracht hat, ihren +Cours bis +Vera-Cruz+ fortsetzen wolle; bis dies aber geschehen und der +Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen einer Reise per +Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. -- Drittens kann man denn auch in +einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie Du siehst, ich +gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an den Seiten mit +Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen, einschläferigen +Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen und schlafen, +oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten und vorn +eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist aber, besonders +wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott setzen, keineswegs +angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig hangen, in den oft engen +und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden. Dessenungeachtet ist diese +Reiseart die am wenigsten angreifende, und deshalb dem noch nicht +acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu empfehlen. + +Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade +des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach +etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach ++Santa-Fé+, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege nach +Mexico. + +Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und +hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z. B. die Küche) nur mit Rohr +umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht, +daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und +Appetit sogar an dem sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der +Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein +frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und +genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. -- Die übrigens schwache Bevölkerung +von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher +Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe +der Küste, mitunter +Neger+, die aber bekanntlich in der mexicanischen +Republik +frei+ sind, d. h. +ganz gleiche Rechte+ mit allen übrigen +Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den Vereinigten +Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch Vorurtheil, +zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden. + +Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner +und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche +Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an +Federvieh u. s. w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders +stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der +südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der +Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte +die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und +wohlgemuth in +Puente+ ankam, wo wir übernachteten. + +Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico. +Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern +umgeben, und von dem Fluß +Antigua+ bespült, der zwar in dieser +Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich +hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz, +sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne, +breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische +Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht +unbedeutenden, auf einem der benachbarten Berge gelegenen, Veste +beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden +Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr +kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall +gerathen. +Santa Anna+ hat Besitz von diesem Bergpaß genommen; weiter +ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht, weshalb +uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. -- In dem Gasthof +zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen von +englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten +schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S... +(der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht +kannte, und z. B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im +Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.) +sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der +verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, ~al modo +del pais~, auf unsern Matratzen im Freien, d. h. unter dem Corridor des +Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u. s. w. + +Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf +welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei +freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer +Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier +zu Land so beliebten ~frijoles~, einer Art Bohnen, erfrischten. -- +Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen ++Jalapa+, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich denken kann, +gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen, Orangenbäumen und +dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. -- Fiele in Jalapa nicht so +viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten Wolkenregion, 4300 Fuß über +der Meeresfläche, und hat daher dessen etwas zu viel) -- so wäre diese +Gegend ein wahres Paradies, denn es herrscht hier ein ewiger Frühling! +Das Clima ist weder zu heiß noch zu kalt, und durchaus gesund. Man +kennt hier das schwarze Erbrechen nicht, weshalb Jalapa denn auch, +während der an der Küste ungesunden Jahreszeit, der Aufenthaltsort +der Altspanier war, als diese noch das Monopol des Handels und in +Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und dort Ankunft und Abgang +der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten. Jetzt hat sich dies +alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen Jahreszeiten, und die +Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer) bleiben auch während +der Fieberzeit an der Küste. -- + +Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen +freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe +und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in +die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren +die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick. +Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z. B. das +schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u. s. w. so reizend macht, +an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. -- Von den Dächern +des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht +unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus +schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von +dem Reichthum der +vegetabilischen+ Natur. -- Erst wenn dereinst ein +liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die +Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und +menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone +aufsetzen. + +Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem +eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen im Innern des +Hofes (~patio~) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die +Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend. +In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen +Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als +Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen +Namen leihen muß. -- Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von +Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der +mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die +Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können. +Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen +worden. + +Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, ~Fonda Francesa~ +benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich bin mit Tisch +und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor, mit der +nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen; denn, so +gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine Geschäfte +keine Zögerung am Wege. -- Lebewohl! + +~P. S.~ Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich doch +auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner +Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen +Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre +zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche, +große, schwarze Schleier (~Mantilla~) kleidet die Damen recht anmuthig; +ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht ab. + + + Puebla, genannt ~la Puebla de los Angelos~,[7] + den 15. Januar 1832. + +So wären wir denn nun auch so weit ohne Unfall gekommen, und hätten den +berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der +versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange +deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa +am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen +Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York +erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt +sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von +sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und +fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf +bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da +die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr +schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist, +und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen, +jedenfalls nicht ohne Beschwerde. -- Man reiset indessen auf diese +Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in +zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier +darauf verwenden mußte. + +Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß. +Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig +angelegten Steindamm aus der spanischen Zeit; links ist derselbe +durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele +reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene +Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne +sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit +verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken +besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen, +die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal +mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat. + +In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in +der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert +sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden +und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die +Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr +die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich +den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz +gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der +ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der +Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser +Aussage vollkommen. + +In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle +mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele +Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den +Landleuten getragen werden. + +Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über der +Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, -- so genannt, +weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem Auge, nach +allen Seiten hin, die Form eines großen +Kastens+ darbietet. Dieser +Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach +Humboldt+ 4089 +Metres hoch. + +Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf +welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere +derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem +anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren +Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz +sei! -- Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend +Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade, +Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine, +auf viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht +viel Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst +~el mal pais~, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche +an diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was +sich uns auf diesem Wege nach +Tepeyaqualco+, dem Ziele der Tagereise, +darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz +nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß +Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen +u. s. w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben +wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf +das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei +der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit +waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten. + +In +Tepeyaqualco+ fanden wir besseres Nachtquartier, als wir erwartet +hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht nur mittelst +der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher. Abends erhielten +wir ein Huhn in Reis gekocht, und Morgens vor der sehr frühen Abfahrt +eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico, selbst in dem ärmlichsten +~meson~ (Wirthshaus), stets ziemlich gut zu haben ist. Auch hier, wo +man z. B. früher, wenn man nicht auf der Erde schlafen wollte, sein +eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte Freund S..., daß in den letzten +Jahren ungemeine Fortschritte in allen Reisebequemlichkeiten gemacht +worden wären, was man denn wohl hauptsächlich den Unternehmern der +nordamerikanischen Diligence zu verdanken hat, welche dafür sorgen, +daß überall auf ihren Stationen gute Nachtquartiere in Bereitschaft +gehalten werden. + +Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man +zuerst nach Ojo de Agua, woselbst -- wie der Name schon andeutet -- +eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier +blos zum Waschen von Leinenzeug u. s. w. benutzt wird, während in +bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle +herum angelegt worden wäre. -- + +Bald darauf erreichten wir +Nopaluca+, das schönste und größte Dorf, +das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser und +eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren +Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt +gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das +Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst +auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges +gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen, +die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken. + +Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß +wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen +Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege Pinal, glücklich und +ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der diese +Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und freut +sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch, denn der +besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern Hinterhalt, +und ist daher sehr anlockend für die ~hombres de bien~, (Biedermänner, +-- wie man sie scherzweise nennt) welche dieses ehrenhafte Handwerk +treiben. Wenn diese ~caballeros~ keinen Widerstand finden, sollen sie +sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft benehmen, mit dem Eigenthum +sich begnügen und den Personen weiter kein Leides zufügen. Den +geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre Habe, und bitten um +Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es jedoch zu einem ++Gefecht+, und die Räuber behalten die Oberhand, so ist natürlich nicht +allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in Gefahr, und man hat in +solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt. -- Während des Marsches +regulairer Truppen sind die Wege am sichersten; das Militair ersetzt +dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr noth thut. + +Der nun folgende Flecken +Amazoque+ ist sehr schön, groß und +freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von +ausgedehnten +Maquay+-Pflanzungen, von deren interessanter Behandlung +bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir Näheres +sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde; für +jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für die +bekannte +Garten-Aloë+ (~Agave americana~) und Pulque ein geistiges +Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den Einwohnern +allgemein genossen wird. + +In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio, +der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef +der Armee, Calderon, stoßen und die Operationen der Belagerung von +Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst +machen zu wollen. + +Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber +freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor +Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen +Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen +Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese +volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein +bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich an +freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach dem +benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen Johannes +geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von +der+ Seite her, von welcher +wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade untergehenden Sonne, +sehr schön ausnahm. + +Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik +fehlenden, ~Garita~, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten +überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich +wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der +~fonda francesa~ ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns mit +einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und besahen +uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben entsprach +dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie die große ~plaza~ +vor der Cathedrale, machten auf uns den gewöhnlichen, befriedigenden +Eindruck einer +großen+ Stadt, den das Wiederbesehen am heutigen +Tage+ +keinesweges verwischte oder schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön +zu nennen; die Straßen sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut, +breit und reich an schönen Häusern. Die auf einem großen Platze +stehende Cathedrale ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und +Silberverzierungen wahrhaft überladen, -- nicht so mit Gemälden, deren +ich meistens nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die +Kirche soll sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen +Millionen Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur +viel Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn +auch +hier+, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der +Republik geltend macht. + +Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick; +es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden. +Dagegen desto mehr die +geistlichen+ Darstellungen auf der Bühne, von +denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen +Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren +keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob +man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem +Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche +Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten +habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich +gemacht wird, ist gewiß. + +Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A., +Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute +nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der +ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing +uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns +zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und +den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern +Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in ++Puebla+ nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die +früher vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier +mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf +Santa Anna+ +waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen, +und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der +Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und +präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls +bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in +guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als +die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem +Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug, +sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut +schmecken ließ. + +Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger, +Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und +Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an +Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um +die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt +sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die +Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation +schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit +anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben. + +Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar +nicht als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja +sogar als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab +dazu aufgeregten, Pöbel, den ~lépero’s~, deren Puebla eine große Menge +besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der +Republik so wenige +nichtspanische Europäer+ sieht, als hier. -- Man +versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die zwar gute +Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen +sollen. + +Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein +Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General +Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen +ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei! +Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen, +daß kein wahres Wort daran ist. -- Dies wissen auch noch viele Andere, +aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der +Gegenparthei! -- ~Tout comme chez nous!~ -- + +Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals +per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen +täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme +Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man +von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens +um 6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in +der andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders, +als den +Fremden+? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man +indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios! + + + Mexico, den 21. Januar 1832. + +Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten +aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es +noch ferner geschehen? -- Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir +übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und +Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen +können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, denn wir +legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit +schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken +San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und +reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” -- Die +reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden +und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern, +welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen, +daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn +uns nicht das schöne warme -- ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch +nur hier zu finden) enttäuscht hätte. + +Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt, +vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die +drei+ +berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den ++Orizaba+, den +Iztaccihuatl+ und den +Popocatepetl+, am Horizont +zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen eigenthümlichen, ja +erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch bald wieder aus dem +Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene von Mexico, nur noch +die beiden letztern im Auge. + +In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die +Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf +seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen +militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will +nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen, +Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! -- Die +Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird +dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen? -- + +Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen +höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch +wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch weiter +nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000 Fuß über +der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man daselbst in +einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon oft von +Räubern angefallen werden soll. -- + +Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach +Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen +Blick in das +Thal von Mexico+ eröffnen, wenn anders einer, zwar +von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so +ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich +faßt, die Benennung “+Thal+” gegeben werden soll. Ich kann nicht sagen, +daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so entzückt +gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge zu sehr +entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu können, als +die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten Formen nach +allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne, erblickt. Dieses +geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem Geschmack schöner +unten im Thale als oben auf dem Berge aus; -- +eigenthümlich+ jedoch +von beiden Standpunkten. + +In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir +einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns +hätte werden können. -- Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil des +steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten an der +Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du kannst +Dir unsern Schrecken denken, -- denn man hat auf einer solchen Reise in +den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, die sich allenfalls ersetzen +ließen, sondern -- was wichtiger und nicht zu ersetzen ist -- seine ++Papiere+! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder durch einen +der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem Wege liegen +geblieben? -- Glücklicherweise war letzteres der Fall, und nachdem +wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die ganze Bagage +auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im Begriff, sich +mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten ihnen diese +Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren weiter -- und +erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, -- aber dennoch +früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, großen indianischen +Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit ihre freundlichen Hütten +umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, zu erfreuen! Bei dem hier +statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die Einwohner von allen Seiten +Blumen, Orangen und sonstige Früchte des Südens zum Verkauf an, und +schienen froh und guter Dinge. -- + +Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico +führt, und die beiden Seen, den +salzwasserigten+ zur Rechten, und +den +süßwasserigten+ zur Linken, von einander trennt, fuhren wir +beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm +Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen +-- so -- gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große +Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico! + +Du weißt mich nun hier, -- bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam +eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl +zufrieden. + + + Mexico, den 23. Januar 1832. + +Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in +Europa so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von +mir hören wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn +mir die Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die +langen, mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große +erschien, so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen +bestätigt und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als +großartig nennen; man würde “+schön+” hinzufügen müssen, wenn etwas +mehr Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und +Gebäude verwandt würde; -- aber man sieht diesen nur allzusehr den +Verfall, oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen +bürgerlicher Unruhen in einem Lande sind. Nur +Friede+ und der Glaube +-- die Ueberzeugung -- des +ruhigen, gesicherten Besitzthums+ kann +die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den +Stempel des Reichthums aufzudrücken! -- Diese Ueberzeugung mangelt +aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht +daher in +der+ Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal an +dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern +öffentlichen Gebäuden. -- Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt +und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen +Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift +man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit, +in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben +durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man +übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum +einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge +weit näher erscheinen, als sie wirklich sind. Die Luft ist hier so +hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen +Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen +kann. + +Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf +gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen +Zwischenstock (~entresuelo~) so daß sie in der Regel keinesweges von +niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und selbst +vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große Palläste, +die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen verdienen +besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches zuletzt der +ephemere Kaiser +Iturbide+ bewohnte, sodann die großartig angelegte, +noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der National-Pallast +(ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das Museum oder +Universitätsgebäude, und -- unter den Klöstern und Kirchen, deren es +hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne Cathedrale! + +Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern, und +zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den beiden +übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres in irgend +einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz, wo bei großen +Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch geistliche +Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der That +ungemein+ +groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch eine Reihe von +Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind, und durch die vor +einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben eine traurige +Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück abgewonnen wäre. +-- Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem nicht so reich +ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön und viel größer +als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend, symetrisch und zum +Theil im gothischen Styl ausgeführt, namentlich die an der linken +Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der entgegengesetzten +Seite ist der etwa 10 Fuß im ☐ große Stein mit dem berühmten +altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber nicht +entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. -- Die Cathedrale, so wie sie +ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem erstgenannten +National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang -- (er nimmt die +ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock hoch, mit einem +~entresuelo~, oder einer ~Mansarde~. Das Gebäude imponirt deshalb nicht +genug, und ich wundere mich in der That, daß die vormaligen Vice-Könige +Spaniens sich keine prachtvollere Residenzen erbaut haben, da es ihnen +doch an Vorbildern dazu -- in der Stadt Mexico selbst nicht mangelte +und noch weniger an dem dazu erforderlichen Gelde. -- Den linken Flügel +des Pallastes, dessen Salons geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz +geschmackvoll meublirt sind, bewohnt jetzt der Präsident der Republik. + +Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller +Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser +Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm +die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt, +benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle +für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in +den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen +Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich +durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. -- Das Local des Senats ist zwar +etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts +zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch, +daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden +konnten. (Die Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei +geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch +gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps +ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen +in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei +gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des +Congresses, der zur +Rechten+ von dem Präsidenten der Kammer, der zur ++Linken+ von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In den +gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz +neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel. +Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist +geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in +welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa +herausrufen lassen, besprechen können. + +Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch +hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine +für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß +über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist, +auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im +weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber +zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon +machen können. -- Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche +Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal. + +Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl +ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über. + +Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches wir +bewohnen, haben einen viereckten Hofraum (~Patio~) in der Mitte, in +welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. -- Der untere +Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, Waaren-Magazin +u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf welchem Mexico +steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen ist und da, in +der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die Fußböden der +Magazine steigt. -- Die Wohnung ist im zweiten Stock. Die Zimmer sind +luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster reichen bis zum +steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf einen Balcon nach +der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft eine Gallerie, die nach +den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen Cactus-Pflanzen und andern +Blumen besetzt ist und statt des Gartens dient. Dieser Gebrauch macht +das Innere des Hauses sehr freundlich, denn die Gewächse blühen das +ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist z. B. jetzt mit allem versehen, +was Auge und Nase erquicken kann. -- Das Ameublement richtet sich ja +überall, und somit auch hier, nach den Umständen des Bewohners. Einige +Häuser sind sehr elegant meublirt und decorirt; das unsrige ist recht +gemüthlich und ich vermisse in demselben nichts, als das wohlthätige +“Schalten und Walten der Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen +Zimmer, vorne heraus, und empfange die formelleren Besuche in einem +daran stoßenden Salon, wie z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich +mein Empfehlungsschreiben von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und +der darauf hin zuvorkommend genug war, mir den ersten Besuch zu machen. + +Oben auf der ~Azotea~ (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser +haben) hält man sich denn wohl, -- wie z. B. ich -- zum freundlichen +Andenken an deine Liebhaberei -- Hühner, Kalkuten und Tauben die +Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der +eignen Zucht! -- Das werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch +ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß +hier oben+ auch +der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch ist +es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche das +Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von ++oben herab+ sehr leicht macht, während man von +unten+ her, wo der +Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte seine +Wohnung hat, nichts befürchtet. + + + Mexico, den 29. Januar 1832. + +Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste +gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und +ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt +unterrichtet zu halten. + +Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner +Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht +durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von +Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt +die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu +geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. -- Man will +sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm +nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und +ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt +seine+ Kräfte und +unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die +Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen +habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung, +mit der man hier davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber +täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun +aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man, +wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten +Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens +derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten +Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell +alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die +Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders +da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat +Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht +mehr vertragen. Inzwischen -- die Zeit wird es lehren! -- Hier +aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und +fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas +(Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich +das Alles ~cum grano salis~ mitmache, kannst Du denken, denn das ist ja +nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun! + +Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende +der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück +gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann +wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die +Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda +ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren +versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im +Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt +ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub +muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist +alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte +des Gartens ist ein großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen +angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden +Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. -- +Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich +breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck +umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun +bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von +Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion[8] zurück, um +für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade +(oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder +Gesellschaft zu besuchen. + +Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht; +die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit +vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich +und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der +italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt, +die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt +werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper +jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik, +die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und +zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der +hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst +Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen +entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen +berechtigt ist, das ist +das Haus selbst+! Die Logen haben übrigens +nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn viele Damen +gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und reich; +-- Eheherren und Papas wollen behaupten +zu reich+! Hieran sind denn +aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt zieht man die +Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur Putzsucht +heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst gehen und +stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals aufgeputzt +gesehen habe! + +Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von +Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht, +was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher +schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder; +jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch +ausnahmsweise -- aber man sieht es doch noch! + +Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen; +da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut +angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr +gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als +ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl +der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer +bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht +ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden +Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die +da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald +mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik, +durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund +that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl +der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den +Kampfplatz! Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der +bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt. + +Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen +aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von +vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier +ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur +selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt +dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze +Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe +rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch, +daß +er+ den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit diesem +herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es durch +einen Trompetenstoß von +diesen+ Feinden erlös’t, und einer Anzahl +Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, durch +Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei +Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den +dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn +oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig +abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein +Ende -- und bringt den Hauptmann, den +Matador+ (Todtschläger) auf den +Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen +Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden +Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf +ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der +ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch +einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß +mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten, +bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem +Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie +und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit +frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso +mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf +bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den +Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und +Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht +ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden +Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen. + +Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich +für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen +Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die +Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem +Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt +der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens +hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles! + + + Mexico, den 21. Februar 1832. + +Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber +Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte +ich das auch nicht? -- Ich hatte diesmal aber noch eine besondere +Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten +Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider +gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war +nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte +(es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht +werden, die Pferde waren gesattelt und warteten unserer im Hofe, der +leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen) +belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas +kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den +glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem +Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere +auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als +ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen +noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte +schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus +der Cavallerie ausstreichen lassen. -- Gebrochen scheint nichts zu +seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz +steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere +Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten +acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen +zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen, +da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon +sagen. + +Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein von +Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang gebracht +worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide gehalten. Der +Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen romantisch +gelegenen, Capelle ~de nuestra Señora de Gouadaloupe~, (wovon ich +später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas zu erzählen +haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie abgesteckt, und +am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für die Zuschauer +angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte lang, denn man +behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft wegen) kein Pferd +einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde aushalten können (?). +-- Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden Pferde sind alle von +mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig, aber ohne Schönheit und +Grazie, und mit den edelgeformten englischen Wettrennern (~racehorses~) +eben so wenig zu vergleichen, als das Wettrennen selbst mit denen +in England, wo es Nationalsitte ist und Tausende von Zuschauern +heranzieht, während sich hier nur eine sehr mäßige Zahl von Menschen zu +Pferde und zu Wagen versammelt, um das Schauspiel mit anzusehen. Unter +denen, die da waren, ward jedoch auf gut mexicanisch stark gewettet. +Leider bildeten sich dabei zwei Partheien, eine englische und eine +mexicanische, und da die erstere gewann, so machte dies übles Blut bei +den Eingebornen, was gerade jetzt um so mehr zu bedauern ist, als die +Politik ohnehin schon von Seiten der theokratisch-altspanisch gesinnten +Gouvernements-Parthei, eine Spannung gegen die +Fremden+ hervorbringt. + +Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß +die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend +seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit +Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den +Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund +vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es +hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der Dinge +weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. -- Es +handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um das +was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch nicht +blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller Anstrengung +des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend Mann hat +zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken! -- Damit nimmt +man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche Hafen und Festung +zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500 Mann unter einem +Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen an Talent überlegen +ist, und dessen Truppen gut genährt und unter Obdach einquartirt sind, +während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz belagern will, in einer +Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits so weit vorgerückten +Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber preisgegeben ist. -- +Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10. März einen Angriff +auf Vera-Cruz wagen! -- ich glaube aber an keinen Erfolg und bin +der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen müssen. +Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication zwischen +hier und Vera-Cruz gar sehr, und +Friedrich+ ist daher eigens dahin +gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über die Maaßregeln +zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen werden müssen, +falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln sollten. Er ist +Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren Männern häufig +geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa einen Unfall +gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das Pferd rannte +nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür, wodurch er sich +an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch -- Gottlob -- +Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa, die Reise von +dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn denn das, in +solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz herstellen +wird. + +Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und +Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine +ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl. + +~P. S.~ So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit, zu +meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum +7. November reichend, aus R.. -- Gottlob, daß ihr alle wohl und so +vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß +die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe +denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet +übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns +statt! -- Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen +Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben +hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen, +Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst +Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt, +und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber -- +die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar +gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis jetzt +beurtheilen kann, würden sie +Dir+, da Du, obgleich ein Kind des +Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen. Mir ist das +Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich schon an die +Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der +Hitze nähert+, +ohne sie +zu seyn+, der kalten und frostigen Atmosphäre bei uns weit +vorzuziehen. + + + Mexico, den 21. März 1832. + +Noch immer habe ich Hausarrest und kann noch nicht ohne Krücken +gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du +Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut +fliegen, es nicht auf dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost +gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer +stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen +Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils +unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich, +wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du. + +Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen, +denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten, +worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was +in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir +allein +Euren+ Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz ganz +hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere +Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges +Wohlseyn erfahre. -- Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste +verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt +in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein +brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen; +er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die +Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im +Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht, +beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das +Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn +als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen +Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf +dessen ganzes Corps, und mußte sich, ~bon gré mal gré~, am 3ten dieses +bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl noch +Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward. + +Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde -- und Santa Anna +verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell +die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um +4 Uhr an und hielt diesmal keinen +Triumph-Einzug+! -- So groß sind +aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell +gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei +neuen Muth einzuflößen, -- während Calderon, der, wenn er mit Energie +vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner +nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte +Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte, +vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit +einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals +gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren +gedenkt. + +Bei Tolome ward denn auch -- denke Dir! -- ein Landsmann von uns (der +Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise +mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair +ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer +genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei +Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den +Degen nicht mehr halten konnte. -- Calderon ließ ihn vorführen und +wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich +in den +häuslichen Bruderzwist der Mexicaner+ nicht mischen sollten! +Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel, daß er +gleichfalls +Fremde+ in seiner Armee habe! -- Es dienen deren nämlich +mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der mexicanischen +Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein gewisser +Arago, ein französischer Artillerie- und Ingenieur-Officier, aber +auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. -- H. ward +also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot zu +Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften +mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. -- Der Vorfall +ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber +zu machen? -- Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der +Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen. + +Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der +Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen +und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des +Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, -- das kannst Du +Dir denken, -- aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite +Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa +Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort +dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich +ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu +marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? -- Er kommt +wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der +Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte +Deputation und -- +geht zu der Gegenparthei über+, obgleich ihm der +Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war! + +Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden +wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico +verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als +glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten +muß und wird. -- Man scheint indessen im Minister-Conseil noch +keinesweges nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen +werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß +der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der +Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz +und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges, +weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht +unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden +können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem +Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen. + +Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich +mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem +Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt +schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach +Europa nicht werde denken können. -- Deine Täuschung hierüber kann +nicht größer seyn, als die meinige! Aber -- die +Pflicht+ gebeut, und +da müssen die +Wünsche+ schweigen; -- sie waren sonst heute lebhafter +als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte +Deinen +Geburtstag+ still und einsam -- aber in treuer inniger Liebe! + + + Mexico, den 11. April 1832. + +Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann +und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin auf +dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist in +dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der ~beau monde~ von Mexico, sie +wechselt dreimal im Jahre, im +sogenannten+ Winter (einen eigentlichen +hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr ist’s der Paseo +Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo. Die Alameda habe +ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe ich nur zu sagen, +daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee ist, welche längs +des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende Gegend bietet, wie +überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico, keine Naturschönheiten +dar, man hat an beiden Seiten flaches Land, ohne Baum- und Buschwerk. +Der, von langen, breiten Böten oft stark befahrene, Canal auf der +einen Seite, und die zahlreichen Equipagen, Reiter und Fußgänger auf +dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch ein heiteres Leben; -- die +Böte auf dem Canal insbesondere gewähren oft einen recht amüsanten +Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten, welche Blumen nach der Stadt +bringen und nun auch ihre Häupter damit bekränzen, einher fahren, oder +wenn von der niedern Classe der Städter Spazierfahrten auf dem Canal +veranstaltet werden, bei welchen hier und da, in den Böten, ein junges +Paar einen National-Tanz nach der Guitarre abhüpft und der Rest darüber +herzlich lacht. -- Solche Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande +weit minder lärmend, als bei uns; das liegt im Charakter der Mexicaner, +der, so weit ich ihn habe kennen lernen, ein +stiller+ und +milder+ ist. + +Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der +Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles +emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier +etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu +unternehmen wage. -- Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe +nehmen! + +Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom +Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr +eine deutsche Meile von der Stadt. --Ersteres ist ein nördlich von +Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln +in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen +Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die +meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch +immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein +~soit-disant~ botanischer Garten angelegt, in halb maurischem, halb +altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und schmalen +Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u. dgl. +m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß es +jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist +ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer, +als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und +namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe; +eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und +also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die +an der Wurzel über der Erde nur +einen+ bilden, der Stamm hat hier 41 +Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine +andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese +Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende +Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde +und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. -- Von +hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am +Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden +führt. In dem, abermals ~Fonda francesa~ benannten, Wirthshause fanden +und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher ein wenig +mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam überschütteten, +Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack verrieth. Unter +Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas ganz anderes daraus +geworden. + +An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der +aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten +immer, vernachlässigt und im Verfall ist. -- Es ist sonst ein recht +stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem +Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico. +Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß +hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr +vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut +und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden +stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen +Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen. + +Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon +mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann. +Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns +ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da +wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter +vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen, +eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen; +wir frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten +auch wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit +Realen (dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der +Gärtner, der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und +Kindern, (letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf, +~sans façon~ sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz +hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als +er aber, nachdem er den Dollar verloren hatte, eine Unze (Goldstück +von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück und +verbaten uns seine Gesellschaft ~in toto~, was er auch weiter nicht +übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder abtrollte, +wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der +Fremden+ (dies waren die +meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit seiner Unze in +die Schranken zu treten! + +Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils +zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir, +zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten +anlangten. + +Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und +wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten +Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda +und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. -- Dieser +Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr +solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von +häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d. h. ohne +Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt, +woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores +nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht +wird. + + + Mexico, den 24. April 1832. + +Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer +als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun +heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch +eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der +Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das Wasser +betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle, +armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich +abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe +es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf +den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade +verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen, +auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich +angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens +herzlich schlecht, d. h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und +Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst in +Stein +ausgemauert+ und die Zellen klosterartig und dunkel! Sicherlich +haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein ziemlich großes +Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle. Man nennt es +Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und liegt hart +an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach, seicht und +nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen Fischen, +von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge Indianer +ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels haben. +Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich darf sagen +das +gräßliche Bild+, welches ich hier sah, gewiß in meinem Leben +nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig und der Eingang +groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als 15 Familien, aus +mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling, bestehend, darin +gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt, den Bedürfnissen +derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da brannte ein Feuer, +an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel bereitet wurden, auf +welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder mit gierigem +Heißhunger zu warten schienen. Man konnte deutlich bemerken, daß +hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber keine Gemeinschaft +der Güter stattfand. -- Außer den kärglichsten Nahrungsmitteln und +einigen Fischernetzen war freilich auch nichts vorhanden, was eine +Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast Alle gingen ganz nackt +und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung um und an sich, was bei +der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein europäisches Auge kein +sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen jedoch, obgleich auf der +untersten Stufe der menschlichen Bildung, fröhlich und guter Dinge zu +seyn. -- Meine Erscheinung in der Höhle brachte die ganze Masse in +Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich etwas zu erbetteln, ich gab +was ich bei mir hatte, es reichte aber nicht aus und ich hatte viele +Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom Leibe zu halten und meinen +Rückzug zu bewerkstelligen! + + * * * * * + +So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die +ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler +Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich +sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier +und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder +Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier +des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach +den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und +es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten +Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten +Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am +Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz +vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von +Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher +bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren +Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es +sich dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an +diesem Tage +keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. +Limonade+ +u. dgl. verabfolgt werden dürfen+. -- Früher lustwandelten hier auch +die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich +der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist, +oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich +nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale +die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit +dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die +Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen +wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der +Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme +Judas+ muß, in +unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den +Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln, +hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines +ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein +Pariser könnte hier auch ausrufen: ~tout comme chez nous!~ was aber +nicht ~comme chez nous~, doch komisch genug ist, das ist der Spaß, den +sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden machen, die sie +auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei und zwei stellen sich +an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer über, welches sie mit +solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, daß kein Hund, sei er +auch noch so schnell und behende, ungeschnellt darüber wegkommt. Die +Thiere scheinen dies zu ahnen und flüchten unter allgemeinem Geheul in +die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber ist. + +Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so +wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die +Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von +selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener +starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser +Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen +Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich +je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war +am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende +Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz +erschlagen! + +Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast +befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und +meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir +zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn +die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe +von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind, +zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt, +doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem +Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich +er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit +Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich +doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem +Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der +Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug, +mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen +vorzöge, daß er sehr bedaure, daß der würdige preußische Generalkonsul +(Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere, +worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.[9] +Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter +Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr +verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte +erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn +soll. + +Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen +Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. -- O +daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich +mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude +machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer +Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf +der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und +Henkel hat ein +mexicanischer+ Silberschmidt gemacht. Doch ich muß +endlich einmal schließen. Lebe wohl. + + + Mexico, den 31. Mai 1832. + +Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen +Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern +von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage +hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und +daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du +siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und +daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine +Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf +der entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in ~Tierra caliente~ +(heiße Zone) und ~Tierra templada~ (gemäßigte, aber doch wärmer, als +das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen +und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des +ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch +und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu +Gunsten des Letzteren ausfielen! + +Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe, +daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und +geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern +von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst. + + + ~P. S.~ vom 4. Juni 1832. + +Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße ++Nacht+-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und mich an +dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. -- Es ist dieselbe +Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät in der Nacht +abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser freundlicher +Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der ~Cactus grandi +florus~ in seinem Treibhause blühe! -- Du wirst Dich der Zeichnung +gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende Blume hat aber den +Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker und wirklich ganz +köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher Reihe, einen ganz +offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen Staubfasern, weiß mit +gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der Cactus-Blüthen beschränkt +sich aber nicht auf diese schöne nächtliche Blume, sondern bietet am +Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an welchen die kleinen lieblichen +Kolibri’s nicht wenig schwelgen. -- Vor einigen Tagen verirrte sich +einer derselben in mein Zimmer, ich fing ihn ein, um ihn in einen Käfig +aufzubewahren, aber die flinken, bienenartig umherschwärmenden, kleinen +Honigsauger ertragen kein Gefängniß, schon am zweiten Tage war das +Thierchen todt! und es ergeht allen so, die eingefangen werden. + +Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der +ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser +Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom +2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten, +daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich +diese nunmehr -- bei der Wendung, welche der Gang der politischen +Ereignisse in diesem Lande genommen hat -- bald zu erhalten hoffen +darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen +war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter +den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er +Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte, +unverrichteter Sache wieder abzuziehen. -- Santa Anna folgt ihm auf dem +Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben +abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt. + +Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider +der Handel auch! -- Lebe wohl. + + +[1] Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der hohen +See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen +Berechnungen zur See, die der +Länge+ die unsicherste ist. + +[2] Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht, und +mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir +verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im +April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden. +Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren. + +[3] So genannt -- von den Menschenopfern, welche die Mexicaner, vor der +spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten. + +[4] Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der mittlere +Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico nur 17° +Reaumur. + +[5] Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte Fall +wirklich eingetreten; -- im J. 1833 nämlich erschien das schwarze +Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von +Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte, +im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen, +mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben +büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb +daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten +Tag nach der Einschiffung. + +[6] Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht werden, sind: +erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero auf verrätherische +Weise hätten gefangen nehmen und erschießen lassen; zweitens, daß sie, +ohne dafür von dem Papst die Anerkennung der Republik zu erlangen, +Bischöfe von Rom angenommen hätten; drittens, daß sie die Rückkehr +der, durch ein Gesetz des Congresses, landesverwiesenen Altspanier +begünstigten, und, vereint mit diesen und der Geistlichkeit, zu Gunsten +des ehemaligen Mutterlandes intriguirten! -- (~Audiatur et altera +pars!~) + +[7] Also genannt, weil, ~mirabile dictu~, die Engel die Cathedrale +erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und fügten +in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem Bau +der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der +spanischen Geistlichen, vollendet hatten. + +[8] Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang, vom Thurm +herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder gute +Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht. + +[9] Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom mexicanischen +Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens nicht zu +leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen zu +lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht -- und das mit +Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche +Nachbaren. -- Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in +Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten +Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten +Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen +versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der +Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden +gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung +in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können. + + + + +Beilage. + +Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des Vulkans Popocatepetl, +unweit des +Plan de Amilpas+ gelegen. + + +So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so +mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das +Eisen+, und +man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von Europa zu +beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja oft mit 20 +Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen Geologen[10] +war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur wenige Tagereisen +von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden wichtigsten +Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr leicht +flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen innerer +Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens noch +übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche Mexicaner +von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und ein äußerst +vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu acquiriren, +sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef der ~Banco +de Avio~ (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der Industrie) zu +vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe von Jahren, zu +dem in Mexico ganz außerordentlich billigen Zinsfuß von 5 pCt. ~pro +Anno~, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen. + +Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines +Hochofens+ zur +Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die +glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das +ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem +Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir +beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio +zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der +amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren, +wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein +ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten +Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale +von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke +vorwärts auf unserem Wege; -- nachdem wir nun dort ein Frühstück +eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen +Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl +über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu +Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen, +wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung +auf dem Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern +auch Bett und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur +einigermaßen erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen +auf diesen beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. +nicht +ich+, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder +Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren, +ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an +Zucker-Plantagen (~haciendas~) so reichen, Plan de Amilpas, 2000 Fuß +tiefer gelegen als Mexico. -- Der natürlich stets abwärts gehende Weg +führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse und +nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne indianische +Dörfer. + +In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um +mehr davon zu sehen. -- Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte +einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern +Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war, +so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten, +alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder, +im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging. +Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß +auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher +bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen +Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten +(~Barancas~), die man auf den freien Feldern gar nicht eher bemerkt, +bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir erst +spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort wenig +Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie die +Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem +großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe. + +Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal +durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und +steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen +Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich +recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und +Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, wo +wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen +Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich +aufgenommen und gut bewirthet wurden. -- Wir fanden den Hoch-Ofen schon +über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern +Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz +in der Nähe des Sitio finden. -- Die Wasserleitung führt dem Werke, +von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers +zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die +Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern +die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen, +und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager +so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen +geschafft werden können. -- Die Unternehmer schmeicheln sich, auf +diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von +welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern +zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und +werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es +bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige +Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine +Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung +unverzüglich gemacht werden soll. -- Gelingt er[11] und realisiren +sich die jetzt von der Sache gehegten Hoffnungen, so ist der Vortheil +für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller +Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen, +der +Oeconomie+ wegen aus +Kupfer+ gießt! -- Ob man es aber alsdann +auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn +deutschem +Geiste+ und +deutscher Betriebsamkeit+ und +Ausdauer+ verdankt? -- +Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun einmal hier zu Lande dem +Ausländer nicht sehr hold. + +Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage äußerst +romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die ganze Gegend +beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler des Plan de +Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das große Dorf +Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und Mechaniker ++Deutsche+ sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt werden. -- Ein +anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets gefüllt erhält, +vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem Ursprung +ganz +deutschen Anlage+. Hoch über derselben in der Nähe der Wasserleitung +fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, (bekanntlich eine +harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) dessen sich die +Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, zu ihren Waffen +sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit welchen letztern +sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, bei so unvollkommenen +Utensilien, unbegreiflich erscheinen. -- Da es auf dem Sitio am Tage +sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts strömende Felsbach, durch +die vielen Badestellen, die er bildet, oft eine große Erquickung, die +ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. -- Die Nächte sind hier +aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, in einem noch unvollendeten +Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, so verursachte mir das eine +tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur so lange, bis wir in ~Tierra +caliente~ ankamen, wo sie, noch ehe die Sonne in der Mittagsstunde +alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig weggeschwitzt war. Wir machten +uns nämlich am frühen Morgen auf den Weg, um eins der entfernteren, +in ~Tierra caliente~ gelegenen Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen +dabei durch ein sehr schönes, großes Dorf, von ganz indianischem +Zuschnitt. Der dortige Geistliche, der uns gastfreundlich aufnahm, war +ein unterrichteter Mann und hatte eine recht hübsche Bibliothek, die +er, +so aufgeklärt+, vor dem Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte +besitzen dürfen! Ich fand darin unter andern auch Humboldts Werke, +in spanischer Uebersetzung, und als ich ihm meine Freude darüber +äußerte, daß er unsern großen Landsmann kenne, versicherte er, daß er +Niemanden höher schätze, und daß +er+ es gewesen sei, der in dem ersten +constituirenden Congresse darauf angetragen habe, +dem Baron Alexander +v. Humboldt das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren+, was dann auch +geschehen sei! + +Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche +Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge, +und gegen uns freundlich und gefällig waren;[12] die Hitze war sehr +groß und brachte, wie es schien, alles zur Reife und ins Leben. Der +unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken, +sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des Weges +und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es die +Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch die +schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, deren +schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, sondern auch +mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer Gesellschaft +bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des Zerschellens +dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt würden, ähnlich +fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, daß er nicht +ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den +Bouteillen-Vogel+, +und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, erschien mir der +Vergleich stets ein sehr passender. + +Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns +sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ. +Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den +climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich +auf jeder Hacienda seyn +muß+) war klein. Wir besahen nunmehr die +Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß +überall nur +freie Arbeiter+ zu sehen waren, und daß es mithin sich +als +unwahr+ ergiebt, wenn die Nordamerikaner der der südlichen +Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen +Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, und +namentlich die Zucker-Fabrication, +könne nicht ohne Sclaven betrieben +werden+! -- +Mexico+ liefert den praktischen und faktischen Beweis des +Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, die jährlich ungefähr +Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie Arbeiter liefert, und +es sind solcher Anlagen in diesen und anderen Gegenden der Republik ++noch viele+; nicht nur hinlänglich, um dem großen Bedarf an Zucker für +die eigene Bevölkerung zu genügen, sondern auch von den Häfen San Blas +und Acapulco aus, nach Chile große Quantitäten davon auszuführen, ohne +daß von Sclaven-Arbeit die Rede seyn +dürfte+. Denn was auch sonst die +Fehler der +mexicanischen+ Constitution seyn mögen, in +einem+ Stücke +ist sie der gepriesenen +nordamerikanischen+ weit überlegen, nämlich +darin, +daß sie die Menschenrechte ehrt -- und keine Sclaverei duldet+! +Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die Arbeiter auf jener +Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als +freie+ Menschen +abgelöhnt wurden, -- und ich sagte mir: was in diesem Lande möglich +ist, ist es auch in andern, und es +muß+ daher auch in Westindien und +in Nordamerika dahin kommen, daß der Sclave zum freien Tagelöhner wird. + +Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen, +üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es +abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die +Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer +das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große +Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene +Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. So kommt +er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht +Statt. -- Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr +süß. + +Die von der Hacienda nicht weit entfernten +Eisen-Bergwerke+ boten als +Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen springenden +Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, daß sie so +lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. -- Einer der Aufseher, +ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der Nähe schattiger +Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei Abtheilungen +bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, in welcher +er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine Flinte +brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als +Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier +äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. -- Der Rückweg führte uns wieder +durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und +fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen +dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten, +besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben. + +Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon +den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu +variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf +diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche +Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem +größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war +Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb +Markttag+, der, sehr +stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte +und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und +Nürnberger Spiegel, -- kurz +Alles+, selbst das heterogenste, ward zum +Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der Umgegend, +meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen und eben +nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie ich ihn denn +überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch die ich in +diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. -- Es mangelt eben hier noch +nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite Straßen, große +Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im Allgemeinen +gewiß sehr zuträglich ist. + +Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei +guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen +ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale. +Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr +von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr +in Mexico an! -- Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit +hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln +bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren +hübschen Dörfern und den viel besprochenen, +schwimmenden Gärten+ +vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen +seyn mögen, +jetzt nicht schwimmend+, sondern große, viereckige, den +Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben und +durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande +in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig +antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche +in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und +Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die +natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl +die erste Veranlassung zu der allzu feenartig klingenden Benennung von +“+schwimmenden Gärten+” gegeben haben! + +Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und +ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte +der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio +beendigten. + + + Mexico, den 17. Juni 1832. + +“+Pfingsten+, das liebliche Fest war gekommen!” + +Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande +und im Freien begangen. -- Wie es in andern Theilen der Republik +gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es +nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach +St. Augustin+, +einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen +Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico +herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht +sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes +seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, -- +statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, -- +da zu erbauen, wo jetzt +St. Augustin+ steht. Begreiflicher ist, daß +in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen, +und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn +Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen, +welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein +kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit +vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; -- und dahin +zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen. +Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, Tanz am +Tage im Freien und ~bal paré~ am Abend, alles ist dort zu sehen und +zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und heiteres zu +nennen. -- Aber, aber, -- ist nicht der alleinige Magnet, der in diesen +Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu Fuß von Mexico +nach St. Augustin zieht! Es ist die +Spielsucht+, vielleicht mehr als +alles andere, denn dieser wird nirgends und zu keiner Zeit ein größeres +Feld gegeben, als gerade hier. -- Die Regierung beobachtet nämlich das +äußere Decorum hinsichtlich des Spiels, wenigstens in so weit, daß sie +die Hazardspiele verbietet, und deren Oeffentlichkeit, namentlich in +der Hauptstadt, nicht duldet. Die nichts desto weniger gekannten und +stark besuchten Monte-Banken werden in Mexico nur heimlich aufgelegt. +Zu Pfingsten aber hat St. Augustin ein Privilegium, (gleich wie unsere +in dieser Hinsicht berüchtigten Bade-Orte den ganzen Sommer über) +während fünf Tagen öffentlich Bank auflegen zu dürfen, und Du kannst +denken, daß dies nicht unbenutzt bleibt. In nicht weniger als 20 +verschiedenen Häusern wird zu St. Augustin auf Pfingsten Monte-Bank +gehalten, in 15 derselben nur mit Gold pointirt, in den übrigen mit +Gold und Silber. + +Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir +nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement +alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber +ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also +einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold +allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen +aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½ +vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von +den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger +als je mangelt, gesucht und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler +davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was +die +meisten+ derselben wieder mit +zurücknahmen+; denn das wird +nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie glücklich +gespielt hätten! +Eine+ Bank ist freilich gesprengt worden und hat +3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, obgleich Monte +anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die Bank am +wenigsten begünstigt! -- Ich versuche es nicht, Dir ein Bild von +der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward, +oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des +Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern +(auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab! +-- Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo +besser. Aber +eine+ Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich Dir +doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in +einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann +stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas +anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de +*** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus +der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort +abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als +empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und +Pointier habe ich in Europa nicht gehört. + +Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die Festtage +hinbrachte! -- Daß diese mit der Messe (~Misa~) und einer Procession +in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. Hierauf besucht man +wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen Tag über aufhält, und am +Abend in noch größerer Menge sich mit Trinken und Spielen erlustigt. +Die Hahnengefechte, welche bei den Mexicanern im Allgemeinen sehr +beliebt sind, gehören hier zu den Vormittags-Vergnügungen, und werden +in einem recht hübschen, runden Local gegeben, woselbst Sitze und +Logen amphitheatralisch für die Zuschauer angebracht sind, welche aber +hier nicht so zahlreich, wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den +Stiergefechten. Der Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in +eine der Logen, mit einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend +eine Notiz von ihm genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem +Publicum zu erwarten, welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des +unsterblichen Hogarths Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser +sehen und begreifen, als ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser +scheinbar unbedeutende Kampf die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften +aller Umstehenden erregt und fesselt! -- und auch dies ist ja hier +~tout comme chez nous~! -- Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens +groß, stark und hochbeinig, und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe +der scharfen, langen, stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner +kurzen Proceß. + +Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei +andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die +größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen. + +Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern +Mittagessen an ~Table d’hôte~ (man zahlt für’s Essen und eine Flasche +französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach dem schönen +Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel ~beau monde~, mitunter sehr +reich in französischem Geschmack gekleidete Damen, auf dem schönen +grünen Rasen, über welchen hin und wieder Matten ausgebreitet waren, +gelagert hatte, und sich theils an der schönen Natur und einer +reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten Wetter, ergötzte, theils +sich, bei guter militärischer Musik, mit Tanzen erlustigte. Auch hier +erschien Bustamante in dunkelgrüner Husaren-Uniform, aber auch hier +ging er überall unbemerkt vorüber, und nur selten ward hier und da +ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir durchaus nicht die öffentliche +Achtung zu genießen, welche nach meinen Begriffen der ersten +Magistrats-Person eines Landes gebührt. -- + +Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht +früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen +hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall +gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem +Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die +Andern um für den Ball Toilette zu machen. -- Mittlerweile will ich +Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine +optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, -- nämlich nichts +mehr und nichts weniger als einen +bergauf strömenden Bach+. Diese +Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine +Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß +man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend, +sich vom Gegentheil zu überzeugen! + +Für den ~bal paré~ am Abend ward das Local des Hahnengefechts +recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes +Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an +der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft +hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein +recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den +schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken +angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der Nähe bewundern +zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10 +Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten +Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr +hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne +Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war +geschmackvoll und reich, und der Tanz -- Quadrillen und Ecossaisen -- +ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas +allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der +Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und +nur die Zuschauer waren hier etwas mehr +abwärts+ gemischt, als sie es +bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden. + +Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch +“~on the light fantastic toe~,” und fuhren bei schönem Mondschein +nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber +ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl. + + + Jalapa, den 25. Juni 1832. + +Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen +Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! -- +Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen, +als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den +Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand +abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht, +wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w. +von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der +Hierherreise, um nichts unversucht zu lassen, diesem peinigenden +Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein +Ende zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe +bereits einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher +Erwartung seiner Rückkehr -- mit vielen, vielen Briefschaften -- +auch von Dir. Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte +über die herrlichen Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute +in dieser bezaubernden Gegend gemacht habe. War es schon schön, als +ich im vorigen Januar hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser +Sommer-Jahrszeit, über alle Beschreibung reizend. Nirgends in der +Welt habe ich noch den aromatischen Duft der Vegetation so genossen +wie hier, wo die Natur im höchsten Grade üppig ist und wo sich die +heiße und die gemäßigte Zone auf eine wunderbar eigenthümliche +Weise vereinigen! -- Ich war heute in einem großen Garten, wo die +Zuckerstaude und der Caffeebaum neben dem braunen Kohl blühen, der bei +uns nur im Winter, und gleichsam unterm Schnee, zur Vollkommenheit +reift; wo deutscher Thymian[13] neben Artischoken, die Melone neben +der gemeinen Zwiebel wächst, und der Apfelbaum neben der palmenartigen +Bannana steht. Ich könnte diese Gegensätze in der Vegetation, wie +Kürbisse neben den saftigsten Melonen, neun Fuß hoher Mais neben +üppigem Weizen, die fremdartigsten Cactus-Pflanzen neben der deutschen +Nelke, Rosenbäume von ungemeiner Größe, Fülle und Verschiedenheit +u. s. w. noch ins Unendliche fortführen, und sollte besonders die +schönen Orangenbäume, welche hier wild wachsen, und die wohlduftenden, +lilienartigen Liquidambar-Stauden nicht unerwähnt lassen; doch mag es +an dem Gesagten genügen und der Rest Deiner Einbildungskraft überlassen +bleiben. -- Regnete es in Jalapa nicht fast +täglich+ am Nachmittage +(es liegt, wie schon gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es +ein Paradies und man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will +ich mit Dir, o Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit, +welche in der Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die +Kleidungsstücke wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist +jedoch keineswegs der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche +Einfluß desselben durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende, +wohlthätige Wärme neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen +heitern Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an +schönen Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich +die frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. -- Die +schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten, +kennt man hier nicht. + + + Den 26sten. + +Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die +sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich +habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die +Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu +schildern! -- Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! -- Könnte ich meinem +Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich +ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! -- aber das kann und darf +ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das +Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne +zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche +jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden +wird. -- Santa Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz +aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten +in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt +und dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte, +gefolgt. -- Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur +Benützung eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male +diesseits Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher +letztere, nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt +ward, um das Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann +(mehr waren nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna +entgegen, dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir, +mit unsern Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, +eben so +schwach+ war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander +und machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende, +statt dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel, +ein Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war +darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich +von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten +überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100 +Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten +und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden +nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt +werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna +übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß +man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa +Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse! +Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen, +und es sollen sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von +Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und +von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den +Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. -- Man +hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der +Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich +denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem +Nächsten mehr darüber berichten. -- Adieu. + + + Jalapa, den 9. Juli 1832. + +Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die +Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich +ein neues “~pronunciamento~” statt gefunden, welches die Sache mehr als +je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch nennen sich, +nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, ja Festungen +und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten haben, ~par +excellence~,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten des Präsidenten ++Pedraza+ erklärt; d. h. sie verlangt, daß derselbe, welcher sich +dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia aufhält, zurückberufen +und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist seiner Präsidentur, mithin +bis zum April des nächsten Jahrs, an die Spitze der Regierung gestellt +werden soll. -- Dies zu fordern ist nunmehr Santa Anna von seinen +Truppen instruirt falls er es nicht, wie wahrscheinlich, selbst +veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls zur Conferenz nach Puente +mit Propositionen, auf welche das Gouvernement nicht eingehen wird, +ja nicht eingehen +kann+, ohne geradezu abzudanken. Was ist also nun +leider anders zu erwarten, als fortgesetzte Feindseligkeiten, deren +Ende, bei der Langsamkeit, womit in diesem Lande alles geschieht, +und die nichts zur Entscheidung kommen läßt, gar nicht abzusehen ist! +Nach meiner Meinung ist übrigens in der jetzigen Proposition der +Vera-Cruzaner Partei das einzige Mittel zu finden, den gordischen +Knoten zu zerhauen; denn ohne die Dazwischenkunft eines Dritten, wie +z. B. Pedraza, der ein kluger und gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich +gar nicht ein, wie der Streit zwischen den, gleich starken oder gleich +schwachen Chefs, Bustamante und Santa Anna, geschlichtet werden kann! + +General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses +Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach +Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen +Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und +bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik +für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht +fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem +so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren +kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und +18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt +nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler) +im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als ~chez +nous~; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in Puente den +Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem Uebrigen +schon zufrieden geben. + +Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und +gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man +die meiste ~beau monde~ antrifft, ist jetzt der neue Weg nach Cordova, +zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über einen kleinen +Wasserfall führt! Alles mit Geschmack und kunstgerecht angelegt. Es +ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen Zeiten, +hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in der +Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß +viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem +eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an +eine Meierei (nach dem spanischen ~leche~, Milch, ~lecheria~ genannt), +wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen kann, was +ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn sehr zu +Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den Gebrauch +der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind hier +unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf das +Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint, +jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß +kommt! + +Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene +vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen +“+Spinnen-Staaten-Bund+,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte +sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15 +Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene +Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben +schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es +oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze +ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit +auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen +in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen +der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt, +nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter an +den vielen Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen eine +Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier üblich, +ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch die +wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden +Armee+ erfreut, und +an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu Lande kein Mangel +ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der Cathedrale hören. +Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich ausgeschmückt, +hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz Jalapa, an einem +Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum Chor bergauf +geht, so daß der am Ende stehende +Hoch+altar diese Benennung im wahren +Sinne des Worts verdient. + +Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt, +so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik +schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier +spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu +meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes +Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines +hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater, +sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und +nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute. + + + Jalapa, den 24. Juli 1832. + +Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach +Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider +abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen. +Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba +besetzt, und will von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die +Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir +natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt +zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio, +der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen, +fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei +nehmen den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes +Haar. Nach ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine +rasche Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame +Wälder und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico +gelandet waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter +andern auf dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward, ++die noch steht+! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt, +nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie +und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber +keine Schlachten, und der +Anfang+ der Feindseligkeiten ist denn auch +bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur ein +Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino, +ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern +frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe +von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich +ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will. + +Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete +Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen +Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche +Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den +Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu +bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser +Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden +zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand +denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten +bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur +Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen +Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung +des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe +nur +vorläufig auf die Wache+ gebracht, um den nächsten Morgen verhört +zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch den +Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher +wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat. +Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr +W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé +gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen +Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und +war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse +hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und +dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug, +mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam +unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun, +wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb +ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus +nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich +doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und +schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß +es auch hier zu Lande eine seltene ist. + +Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß +äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien in demselben begangen +werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von +hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und +der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen +kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen +und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl. + + + Mexico, den 13. August 1832. + +Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von +Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch +nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem +warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den +Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist, +weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches +sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der +Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des +ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner, +Erwähnung thun; sie +gehen+ nämlich nicht, wie bei uns die Landleute, +sondern +laufen+ stets in einem kleinen Trabe, der sie ungemein schnell +vorwärts bringt; der +Mann+ zieht alsdann, halb nackt und barfuß wie +sie alle sind, mit einem langen Stab oder Sprungstock voran, nun folgt +das +Weib+, mit einem Paar, auf dem Rücken und nach vorne aufgepackten, +eben so nackten Kindern, und endlich die schon herangewachsene liebe +Jugend, so daß stets eine ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann +in Körben auf dem Rücken, was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen, +betrinken sich dort für einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren +dann, so gut es in diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach +Hause zurück. Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt +täglich, da der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich +versorgt wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß, +daß die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin +bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen, +die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von +Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen, +werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen +Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter +ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen +Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache +zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein +merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit +hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen +Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im +Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von +katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von +der heiligen +Mutter Gottes+ an, bis zum ungläubigen +Thomas+ herab, +in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, mit +pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, mit +fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, mit nach +der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft mit langen +Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen darbrachten. +Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese heidnischen Priester +mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand der ganze Zug ++unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und ging von +einem christlichen Tempel aus und kehrte dahin zurück+!! Wahrlich, +ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger wunderte mich +der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, alljährliche, +nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer Vermummung, +an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren alten +Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein und +verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung einer +christlichen Geistlichkeit. + +Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und +zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus +künstlichen +Feuerwerke+ aus, die bei der großen Hitze einer tropischen +August-Sonne +am hohen Mittag+ abgebrannt wurden, sich aber, was +Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr gut ausnahmen. +Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die Wirkung eines +Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, dennoch habe ich +es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier ganz vortrefflich +auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit Kunst und Präcision. +Uebung macht eben überall den Meister, und, da kein Kirchenfest ohne +Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der großen Anzahl von +Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt allein über +300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern wäre, so +ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es scheint +mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen früher +so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht haben, +daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, und +so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß in +Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, als in +allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein solches +Kirchenfest kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem Abbrennen +von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis am Abend, +wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im Innern +der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen wird. +Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und daß +es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider aus +Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder in +London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden ist, +aber +hier+ habe ich bereits eine Menge seidner Tücher eingebüßt, die +mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade mit unglaublicher +Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen Montezumas aus +der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas haben sie mir +neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; ich sah es, +als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von einem +zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den ich +gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten +konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin +visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch +eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah +es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen +ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen +Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum +die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß +ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines +ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm +sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr +erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf +an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie mit +Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten +und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht, +denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes +mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht +gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe, +denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum +Verkauf anbot. + + * * * * * + +Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines +anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar +still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp, +aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest +unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis +von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben +an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und +gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12 +Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen, +glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und +bürgerlichen Freiheit+ erfreuen. + + * * * * * + +Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten +Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das +braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen, +denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der +Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist. +Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die +~Paseos~, ~torros~ (Stiergefechte) und Theater werden, nach wie vor, +besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß und ich +hätte es, in +der+ Beziehung, mit meiner Reise nicht leicht schlechter +treffen können. + +In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur +Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich +schließen. Ich umarme Dich. + + + Mexico, den 30. August 1832. + +Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige +politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort +halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist, +was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern +Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico +enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte. + +Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über +einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt, +nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt +die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und +erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die +Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der +heißen+ Bäder, +jetzt nur noch die +warmen+ gebrauche, deren man hier in der Stadt, in +zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei dem letzten +heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens keinen +kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, 81 +jährigen Freund S. -- Dieser, noch immer kräftige und lebendige, Greis +bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in demselben, +trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine Cigarre dabei +anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich schon heraus, und +auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. Nach einiger Zeit +hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein Sprudeln in dem Wasser +mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und -- denke Dir +mein Entsetzen -- sah den alten Mann, den Kopf unter dem Wasser und +nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben drängend. Er +mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück war mein +Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den alten +Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn in’s +Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht +sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf +mich selbst aber in die Kleider und fuhr ~pleine carriere~ nach der +Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu +Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten +noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft +dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet, +mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd, +daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet +sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der +zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten, +mit dem Leben davon kommt? -- Ich möchte wenigstens an mir die Probe +nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle. + +Nun aber auch zur Politik! -- Wie ich Dir neulich schon sagte, so +greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden +haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte +Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die +Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat +sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma +und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt, +daß das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-+Stadt+ +eingeengt sehen wird. Alle ~pronunciamentos~ werden übrigens jetzt +zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück wünscht. +Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein Schiff zu +seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf eines +einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der +Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von +Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem +Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann +erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die +Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie +die unausbleibliche Folge seyn. + +Seit General +Teran+, der geschickteste und zuverlässigste +Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich +(aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das +Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen, +und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei +auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich +entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für +dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen +zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward +ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei +Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten +eine Schlacht liefern will. + +Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio +zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange +dieser+ nicht +besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet werden. +Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht gelungen +Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. Dieser +steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, ohne, +wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen. + +In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung +seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und +Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte), +mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des +Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von +Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen +als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger +Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom +Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner, +Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden; +dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse +daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese +versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis +jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch +längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als +das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige +Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der +andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam +mit Füßen tritt. + +Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe +wohl. + + + Mexico, den 17. September 1832. + +Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage +des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, es ist vielmehr ein +peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor +dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben +wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt +sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements +nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen! +und dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern, +als der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (~el aniversario +de la independencia Mexicana!~). Schon am Abend vorher ward, bei +Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht, +und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern +deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher +bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich +die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande +besitzen.[14] Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit +50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten +von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde +geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den +Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der +Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit +Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war +Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein +Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach +dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don +José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den +Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt. + +Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß +genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet +und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch +ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch +nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden +wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde. + +Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in +dem geräumigen Hofe aufgestellte, in der That +colossale+ Statue +von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht +sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und +gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der +Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen, +an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen! +und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken +ihren Götzen Menschen opferten.[15] Nun sind wir aber auch mit den +Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der +Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu +Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden +leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer +Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt; +das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt +habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und +erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt +bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht +abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen, +um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete +mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen +Gelegenheiten üblich ist, auf dem Rücken eines Indianers hin- und +zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben +so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper +und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht +befriedigte. + +Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern +Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, ~pro beneficio~ +desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte +Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche. + + +[10] Jetzigen Verweser des Königl. preußischen General-Consulats in +Mexico, Hrn. von Geroldt. + +[11] Der Versuch +ist gelungen+, und ich habe noch vor meiner Abreise +von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den kleinen +Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste, die man +wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von Mexico den +Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta. Anna, von +der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine Sauvegarde +nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien zu schützen, +so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger Präsident, es auch +ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung selbst Hülfe vom Staat +gewähren werde. + +[12] Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß wenn ich +von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben will, +daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d. h. von +Asteken+ u. s. w. +bewohnt seyen, sondern nur, daß +diese+ die Mehrzahl bilden. In einem +solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen Städten, wohnen +stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer Abkunft) entweder rein +oder mit indischem Blute gemischt, welche theils Gewerbe treiben, +theils Boutiquen (~tiendas~) halten. Die Magistrats-Personen sind fast +immer Creolen. Die +Masse+ der Landbewohner sind aber +Indianer+, wie +man hier die eigentlichen Mexicaner nennt. + +[13] Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der Bienenzucht +willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die man überhaupt +im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs zu gewinnen, +welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen einführt. + +[14] Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die deutsche +Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große Mißgriffe in +der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man unter anderen +kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes, mit großem +Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten drei Schneider +zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu erbauen. + +[15] Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein verfertigte +kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich in ihren +Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in Mexico noch +immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt kommenden +Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute, Herr Carl +Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat eine so +große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte Sammlung +mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht eine +andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen Rückkehr +in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und, da er seine +Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche historische +Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren noch keine +besitzen. + +Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den +jetzigen+ Einkäufen +die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu werden, und +neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen antiquen +zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit, seitdem +sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie +nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu +holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten. + +Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern +und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich +zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das, +der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die +Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch +eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren, und +Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des Volkes +malerisch und höchst correct ~en miniature~ darzustellen verstehen. + + + + +Einiges + +aus + +der neueren Geschichte von Mexico + +bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit + +am 16ᵗᵉⁿ September 1832. + + +Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von +den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin +Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich +dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der, +obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche +Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes +schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der +Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das +sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen +Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was +aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine +durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine +Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf +den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren +eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen +Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht +erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht +hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für +die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor der Eroberung durch die +Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten +von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch +die Engländer und Franzosen. + +Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem +berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen +Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer +bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken, +Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung +und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und +jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst +die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen +eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu +betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden +der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue +Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade +dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man +Creolen nannte und nennt) vermehrten. + +Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die +Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende +Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung +über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz +Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets +vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der +Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe +zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun +aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den +Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die +in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die pecuniäre Mithülfe Mexico’s +in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System +aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete +Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter +erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens ++Hidalgo+, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der +mexicanischen Nation+ +(so nannten sich nun zum ersten Male alle +Eingeborne+ ohne Unterschied +des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die +Fremden+ (~los +estrangeros~, mit welchem Namen man von nun an die Alt-Spanier +bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an den heiligsten Urrechten des +Menschen und des Bürgers so hartnäckig verweigerten, mit Gewalt und mit +den Waffen in der Hand zu vertreiben! + +Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um +das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme +anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber +sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung +ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen +Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß +ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es +sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die +Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von +Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten +fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben. +Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische +Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe +als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu +Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte, +die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben +Jahre, bis die Spanier ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico +sich als völlig befreit betrachten konnte. + +Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der +aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an +Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte +aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der +Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden, +den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften +jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr +Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen +eines +Bravo+ oder die Geschichte eines +Vittoria+? Beide waren +Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale, +wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie, +dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war +in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte +ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater, +an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und +von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er +sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ ihm +die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit der +Drohung, daß im Weigerungsfall +diese+ dasselbe Schicksal zu erwarten +hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller Antwort ließ der ++Spanier+ Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, +erschießen+! Als der +Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere Stunden lang ein, um seinem +Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach diesem Tribut kindlicher +Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen 300 Spanier sofort ++in Freiheit setzen+, damit er der Versuchung, eine blutige Rache zu +nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! -- Der andere Held jener Zeit, ++Vittoria+, war einer der ersten, welche beim Ausbruch der Revolution +die Waffen gegen die Spanier ergriffen, und sie hatten keinen bitterern +Feind, als ihn; er führte im Staat von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen +Heimath, einen Guerilla-Krieg gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ +und überall den größten Schaden zufügte. Als nun, während einiger +Zeit, die Spanier in dieser Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward +Vittoria von aller Amnestie ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung +verfolgt, daß er nirgends mehr sicher war, und sich zuletzt in die +Urwälder des Orizaba-Gebirges flüchten mußte; wo man denn alle Spur +von ihm verlor, und wo er zwei Jahre lang herumirrte, ohne mit einem +menschlichen Wesen in Berührung zu kommen!! Er lebte von den Früchten +des Waldes, und war, nach seiner eigenen Aussage, oft so entkräftet, +daß er nicht hoffen durfte, sein Leben länger fristen zu können. Eines +Tages insbesondere glaubte er seinem Ende nahe zu seyn, und legte +sich hin, um zu sterben; da ereignete sichs, daß einer jener Vögel +(~Zapalote~), welche sich vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach +dem Munde hackte; ein Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten +Kräfte, schnappte nach dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab, +und sog ihm das Blut aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich +gestärkt fühlte, seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen. + +Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von +indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn +häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die +Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes +fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm +verloren! Als nun aber, durch den Sieg +Iturbide’s+ über die Reste +der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich +einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß +er ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie +mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine +Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte +er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen +Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam, +so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen, +war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend +aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen; +doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon +wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen +Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte. +Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und +andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder +sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen +des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird +wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche +nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand, +glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn +und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch +wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern +harrte auf den Ersehnten, und siehe da, -- es dauerte keinen Tag, so +erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem +Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß +der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen +Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch +dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß +er+ es sei, +überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den +Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß: +der todt geglaubte Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden! +-- +Iturbide+, damals am Ruder, wollte ihn an seinen +Hof+ ziehen, +aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer wollte +nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte nicht +allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein Vaterland +frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren Kaisers, +und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da wählte +die Nation +Vittoria+, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn für seine +Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn auch wirklich +keine ausgezeichnete besitzt), zum +Präsidenten der Republik+; +Bravo+ +aber zum +Vice-Präsidenten+. Beide sind später in das Privatleben +zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer Mitbürger begleitete. + +Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger +unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum +Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich +bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit +gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich +persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische +Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern +Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie +gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und +nur dann+ solle +das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige Matrone +antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “+sie wolle das Leben +eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern erkaufen+,” +und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem Schmerz, aber mit +heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten! + + + Mexico, den 30. September 1832. + +Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen Stille +folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei +Gallinero+, +in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma auf’s Haupt geschlagen, +wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben verloren haben sollen! +Man hat also “das köstliche mexikanische Blut” (~la sangre preciosa +mejicana~) diesmal nicht geschont! Bustamante rückt nun mit Eilmärschen +auf St. Luis los und will sich insbesondere des Hafens von Tampico +zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg hat, wie Du denken kannst, hier +große Sensation gemacht. Die Gegner der Regierung ließen es nun an +Gerüchten zum Nachtheil derselben nicht fehlen, und machten sogar +Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was ihnen jedoch glücklicherweise +nicht gelang. Unterdessen hatte sich die Volksaufregung schon bis in +die Gefängnisse verbreitet, und da in dem größten derselben, Accordada +genannt, unter den vielen Hundert dort Verhafteten sich eine große +Anzahl +politischer+ Verbrecher befand, so war es sehr begreiflich, daß +diese einen gewaltsamen Versuch machten, sich zu befreien. Sie wurden +jedoch, nachdem sie bereits die inneren Wachen überwältigt hatten, +durch die, aus allen Theilen der Stadt herbeieilenden Truppen, mit +einem Verlust von 20 Todten und 50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten +die Gefangenen die Oberhand behalten, so wären große Unordnungen, +vielleicht Plünderung eines Theils der Stadt, die unausbleibliche +Folge gewesen; so aber kamen die guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem +Schreck davon, welchen ihnen der General-Marsch und das Schießen in den +Straßen verursacht hatte. + +Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich +schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn +nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der +Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande +genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in +den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre. +Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später, +seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die +Verwendung des englischen ~Chargé d’affaires~ hin, das Gefängniß +schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte, +seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines +Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender +Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen +ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter +widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr +verheirathet! -- Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und +ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen +war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für +ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten +Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und +benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften +zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl er +wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun auch +wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, um seine +Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß nicht eher +verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet wurden. +Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann leider +mit dem Leben büßen müssen. -- Er ward allgemein bedauert und in der +Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen Consul +veranstaltete ~honras~ (kirchliche Todtenfeier) ward von Fremden und +Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, begangen. +-- Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, letztere +wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst durch diese +traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam genug, wenige +Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den Triumph seiner +Verfolgung nicht lange genossen hat! -- Er war übrigens Besitzer der +reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, von Zeit +zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe von +etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder +verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß! + +Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen +sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und +nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider +nur arme Erze giebt. + +Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene +Feier der Einkleidung einer Nonne, -- wie ich höre reicher Eltern +Kind, -- aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß +es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen, +die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen +Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die +Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines +Luftballons von der Alameda aus. -- Dieser war ziemlich groß, durch +mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit +der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg +ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine +ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten. + +Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit +zu enden, daß ich dem Schauspiel “~El ministro~” beiwohnte. Das Stück +spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen +Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die +Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und +ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren +Genuß +der+ Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich ihn in +Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch wieder +einmal der Fall werden. -- Adieu. + + + Mexico, den 4. October 1832. + +Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in +den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden +leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch +wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten +Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn +man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man +sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s, +in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren +bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren +diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom +Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in +dem Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, auf +breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen +Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens +doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier +nicht mangelt, sind genau von derselben Form, nur begreiflichermaßen +im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt +und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch +mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von +Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen, +und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist, +daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen +eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution +unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen, +Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt +es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der +Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo +viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe, +wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich +erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir +in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so +eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß. + +Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie +enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach +allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll +dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei +denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung +bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr +langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber +minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses +Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis +zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür +annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine solche Anpflanzung im +Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun +folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten +und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte +der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem die +Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (~el corazon~) +herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher Andrang von +Saft, daß während zwei bis drei Monaten +täglich+ beinah drei Maaß +Honig-Wasser, (~Aguamiel~) wie es die Indianer nennen, gewonnen wird. +Man saugt es durch ein Horn, einem graden Kuhhorn nicht unähnlich, aus +der Pflanze heraus, und läßt einen Theil davon, in dazu bestimmten +Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem so gegohrenen Stoff, +~madre pulque~ (Mutter-Pulque) genannt, wird dem, sich fortwährend +andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit beigefügt, wodurch es sofort +in trinkbaren, an Farbe dünner Milch oder Molken ähnlichen, Pulque +verwandelt wird. So lange das Getränk frisch ist, mithin da, wo es +bereitet wird, soll es wohlschmeckend und erfrischend seyn, was um so +größeren Werth hat, als die Gegenden der großen Maguay-Pflanzungen +gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. Wenn nun aber der Pulque nach +den Städten u. s. w. versandt wird, was in Schläuchen von Thierfellen +auf Esel oder Maulthieren geschieht, so verliert er natürlich seine +Frische, und nimmt nun den höchst unangenehmen Geruch von faulen +Eiern an, weshalb ich mich auch nie dazu entschließen konnte, das +Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr die Eingebornen und mitunter +sogar Ausländer, die guten Eigenschaften desselben auch rühmen! Jener +Geruch hält auch die Masse des Volks nicht ab, den Pulque als ihr +Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm in den zahllosen Pulquerien in +den Städten und auf dem Lande eben so zuzusprechen, wie man es bei +uns dem Bier und Branntewein thut. Da Pulque weniger berauschend als +Branntewein und minder schwer als Bier ist, so halte ich es für gesund, +und nur schädlich, wenn im Extrem genossen, was aber freilich oft genug +geschieht. + +Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der +Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu +Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer +Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine +wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt +sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige +Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von +1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich +stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer +einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von +5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung, +mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken +zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer! + +Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und +den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte +hervorbringen +kann+, versteht sich von selbst, und wenn bisher +manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen, +wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das +allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den +Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten, +um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig +werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit +der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu +gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über +dieses Land in raschem Gange immer mehr verbreiten. Mitunter äußert +sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man +kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit +der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten, +braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen, +in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden! +Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden +einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit +und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in +früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den +Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden +selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf +europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher, +von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So +z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt +Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin +senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack +ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in +der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art +von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich +oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik +sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen +einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien +unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat +sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz +vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung +angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein +selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende +Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt +getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem +gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich, +wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute +aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen; +wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit +entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns +Sache, am wenigsten die unserer +deutschen+ Weinbauern. + +Doch für heute genug davon. Lebe wohl! + + + Mexico, den 12. October 1832. + +Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen +Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte, +Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin +vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber +ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen +durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner +Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu +erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir +kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als +durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa +einzusenden mich veranlaßt finde. + + Hier folgt sie: + +Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza +vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich +von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über, +und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten +Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen, +theils durch kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge +überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla. +Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt +zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug, +sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison, +Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade +ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst +verwundet. + +Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein, +über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des +Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein +Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt, +und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit +so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die +in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht +hat. + +Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern +sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu +suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die ++Dictatur+ zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es annehmen +werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche Freunde +von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla gesandt, +um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem Wege zu +Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte Santa +Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male hierher +marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; so groß +war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war man darauf +vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen hier und Puebla, +um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch einen Widerstand zu +leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch nicht verteidigt werden, +weil man dies für eben so unmöglich als unnütz hält. Das ~Ayuntamiento~ +(die Municipalität oder der Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls +so, und hat heute gegen die Verteidigung der Stadt, +in der Stadt +selbst+, feierlichen Protest bei der Regierung eingelegt. + +Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens +nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man +von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine +Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade +hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich +von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das +Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt +worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin, +auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung +stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und +sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln +soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten +Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher +Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung +gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die +Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und +glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem +bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln +uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott +gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig +geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s +die Stadt verlassen, wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit +welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in +ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn +Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein +angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch +liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und +wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen. + +Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der +Politik+ zu reden, +und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt +darüber+, von hier +aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in diesem Jahre eben so ruhig +gewesen, wie in dem vorigen, so war der Zweck meiner Reise schnell +erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei Euch, wo allein -- doch +ich will nicht klagen und verzagen, ich habe nun einmal eine sehr +bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und es ist meine Pflicht, +das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht ja aber in dieser Welt +Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den Kindern! Lebe wohl. + + + Mexico, den 5. November 1832. + +Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der +Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet, +als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu +kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst +heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über +die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit, +welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der +Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht +mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar von den Unterhändlern +und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und +der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber +wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die +militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem +Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff +machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte, +wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt +hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre, +machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das +Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000 +Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen +Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man +sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement +mit einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen +in die +Stadt selbst+, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte +am 17. October die Föderativstadt +in Belagerungs-Zustand+! -- +Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen, +rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten +umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht +aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei +der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in +die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren +der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich +verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater +und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen +untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an +die Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (~prestamos forzosos~) +decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz dem Proteste unserer +respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der +Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine +und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser +barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es +ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in +der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und +Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der +Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden +könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so +nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht +vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den +Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge +noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten +nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier +Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer +fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in +einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser +abschneiden +kann+ und wahrscheinlich bald +wird+. Fürchtet sich nun +das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu machen, +um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die Stadt +unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der ersten +Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen[16] u. dgl. m. Die +große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und von einem +Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem Mangel +preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; der +Verkehr stockt, es kommen und gehen keine Posten, und wir sind heute, +am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen. + +So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten +Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte +man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und +nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück +haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen; +man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya, +2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen +von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was +jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen +von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und +Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter +Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von +den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen +Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die, +wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene +Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene +Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb +aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem +Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt +mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya” +zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch +Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen +vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos +scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in +Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von +Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits abgeschnitten, +und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz +für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher +Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon +auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen. +Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich +binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn +so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie +gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß +dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte +denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den +einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will +nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber +dieser Stadt darin, die +Fremden+, welchen bekanntlich die +Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren +und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir +Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich +gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher +je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in +diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten! +Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den +Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn +es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist +vor+ den Thoren, und wir ++dahinter+! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen der englischen +und französischen Geschäftsträger, die Couriere der europäischen +Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren zu lassen, +so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch auch schreiben +können. + +Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und wünsche nur, +Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu. + + + ~P. S.~ vom 8. November 1832. + +Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man +Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man +zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser +Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; -- +die +Belagerung ist aufgehoben+! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee +aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante +entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich +zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus +diese Weise die Revolution zu +beendigen+! Gebe denn der Himmel, daß +es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und die +Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein +erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr +hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die +alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die +Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die +Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können +nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle +Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes) +zu genießen. Lebe wohl. + + + Mexico, den 9. December 1832. + +Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es +deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war, +etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt +der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig Tagen zeigen; ich setze +mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute +vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art +Krieg zu führen kennen. + +Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s +auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt +herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen, +und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten, +dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen +zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit, +bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über +eine der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (~Barancas~) +streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen. +Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen, +und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen +von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward, +nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000 +Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im +Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu +vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise, +nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden Corps +des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen Angriff +auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu nehmen, +so hätte man hoffen dürfen, auf +diese Weise+ das Ende des Streits +herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, und nur die +Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun zurück in +eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die beiden +vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. Bustamante +befand sich mit seinen Truppen in einer, von Lebensmitteln sehr +entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus versorgt +werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins offene +Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte, +Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen +angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten +(was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen Corps +nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, so daß er +gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor den Thoren +und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden Parteien ein +heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil Bustamante’s +ausgefallen seyn. Bestätigt sich das +gestern so+ in Umlauf gekommene +Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement unterliegen, weiset +es sich aber aus, wie man +heute+ erzählt, daß Santa Anna den Tag +verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am Ende; denn so lange +er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß er Vera-Cruz nicht +wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir vor 6 Monaten +waren, und das jetzige Gouvernement muß und +wird+ dann erst an der +Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller Resourcen und ist +damit auf die Föderatif-+Stadt+ angewiesen; man hat schon zweimal zu +gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und besteuert nun Häuser, +Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde[17] u. dgl. m., alles +monatlich+, +weil man noch immer, von einem Tage zum andern -- ja bis zu diesem +Augenblick, den Sieg über Santa Anna, und damit das Ende der Revolution +erwartet. Man täuscht sich aber, davon bin ich überzeugt, und man +wird finden, daß die Revolution und die Opposition gegen das jetzige +Gouvernement im Allgemeinen zu weit verbreitet ist, um ihrer Herr zu +werden, und zöge sich der Krieg auch noch in die Länge, so reichen +die oben angedeuteten Mittel und überhaupt die Mittel +der Hauptstadt +allein+ nicht hin, ihn fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht +einzigen Wege, dem Lande den Frieden zu geben, von der Vermittlung +Pedraza’s nemlich, wollen aber das eigensinnige Gouvernement und der +noch eigensinnigere Congreß durchaus nichts wissen, und die Parteien +stehen sich jetzt einander so schroff gegenüber, wie nur je. Das +sogenannte Cabinet ist aber über diesen Punct keinesweges einig, und +mehrere Minister rathen zur Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht +allein in Vera-Cruz, wo er bei seiner Landung eine gemäßigte aber +gediegene Proclamation erließ, sondern seit dem 4. dieses auch in +Puebla angekommen, und uns mithin sehr nahe ist; doch die friedlich +Gesinnten wurden überstimmt, und man will durchaus die Waffen +entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch hier in der Stadt fortwährend +unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der militairisch-polizeilichen +Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich sie jetzt minder streng +beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind so eingeengt, daß nun +schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige Post aus dem Innern +weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die europäischen Briefe +kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von beiden Parteien +ungehindert durchgelassen werden. + +Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle bei +Puebla, und Gottlob erwünschte! +Die Revolution hat ihr Ende erreicht+ +-- sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht vor den Thoren +von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, und viel Volk +blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den Kürzeren, war +aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so patriotisch, einen +Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, daß er ihn am Ende +doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den General Cortasar, zu +unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, daß beide Armeecorps +fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico marschiren sollten, um +dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst gegen den Willen des +Congresses, als legitimen Präsidenten für die noch nicht abgelaufene +Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April 1833, einzusetzen; +übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. Die von beiden +Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um der Regierung +und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher Letztere sich +übrigens jetzt gewiß nicht ohne +Protest+ auflösen wird. Dies hat +aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird darum nicht weniger +beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! Da nun Pedraza, was +selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein rechtlicher und +unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne Zweifel auch alle +Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir Kaufleute, während +des Krieges, +gezwungen waren+, sowohl mit dem Gouvernement wie mit +Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der größten Wichtigkeit ist, +muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch wirklich einer besseren Zeit +in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß ich stets der Meinung war, es +könne nur auf diesem Wege glücklich enden, nämlich auf dem Wege des +Dazwischentretens einer dritten Partei, und namentlich der von Pedraza, +unstreitig der einzig gesetzlichen. Denn Bustamante verdankte seine +Gewalt dem Aufstande von Jalapa im Jahre 1828, und Santa Anna dem von +Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, während Pedraza allein s. Z. auf +gesetzlichem Wege zum Präsidenten gewählt ward. Ich habe mich also, wie +es sich nunmehr ausweiset, nicht geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem +Wechsel der Dinge, der Vortheil für uns Fremden und für den ganzen +Handel und Verkehr augenscheinlich ist, so verblendet der Parteigeist +doch noch gar viele so sehr, daß sie lieber eine Fortsetzung des +Kampfes und aller daraus entspringenden, das Land zu Grunde richtenden, +Verhältnisse, als diesen völligen Sieg des, ihnen verhaßten, Santa +Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese Ansicht +nie+ getheilt, und freue +mich des Ausgangs, so wie er ist. + +Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du +wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes +Sinn noch Gedanken hat. + +Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines +Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen. + + + Mexico, den 28. December 1832. + +Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom 9/13 Dieses +voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche +Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen, +und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident +Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren Tagen ++ohne Regierung+, jedoch darum in keiner Anarchie. Die Sachen gehen +ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man einige Bewegung +in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste, daß nun auch +die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu Gunsten von +Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht hat. Es ist +dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der Stadt kaum +etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs ist nun nach +Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen, Besitz von der +Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen Uebereinkunft zu +ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für meinen Theil freue +mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des verhaßten Zwangs +einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß es mich gerade +besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören, wiewohl +ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in mir +erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne +zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere +Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen +waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt, +die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die +Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit +insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen +wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und +einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von +hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen +B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr +freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind. + +Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits +Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr +schönen Aussicht in das Thal von Mexico. + +Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr +zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur +Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird, +und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei +voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch +die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber ist +von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug, +einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement +selbst beschäftigen werde. + +Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und +kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die +Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen +Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt +in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle, +unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben +von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde +aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste! + +Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am +entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze, +die einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus +~tierra caliente~ nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als +die jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und +doch ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter +(und es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und +nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern +nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens +nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie +haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal +Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich +mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs +an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist, +so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man +vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren +und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei +dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch +sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und +überhaupt wollene Bekleidung zu tragen. + +Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen, +und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen +Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern +fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, ~cien +voces~ (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter +sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt. +In unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber +wirft man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das +Seine! Ihr friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied! +Das Letztere that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach +Guadeloupe, der berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen +unweit von hier, wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit +aber, wie mit vielen andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der +Ferne aus, als in der Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für +geistliche Frauen) sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den +frommen Nonnen während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und +sich in aller Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten +von ihnen erbeten und +erhoben+ hat, so geräth hier doch alles Aeußere, +namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen +Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das +steinerne Schiff+ hat bis +jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es aber +folgende Bewandniß: + +Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix +zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu +befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! Der +Vater richtete nun seine Gebete an die hier waltende Heilige nuestra +Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine +Fregatte+ zum Geschenk, +wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt würde. Es +dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in Vera-Cruz +glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und ließ der +Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein Monument +von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr als in der +Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich sieht! Die +Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu haben, sich +damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer auf dem alten +Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel schwellt! + +Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen, +daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat +das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und +Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig +und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft +entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und +einer der Wenigen, die schon +vor+ Humboldt hier gewesen. Vor 10 +Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der +rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft +des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die +Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen +Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von +Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß, +beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit +seiner Asche! + + + Mexico, den 9. Januar 1833. + +Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der +sich schon längst den Namen des +Befreiers+, ~el liberator~ beigelegt +hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich nach der +Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem Letzten +sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich bis zum +ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der Congreß +gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen zusammen +berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. Da nun der +2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, so beschloß +man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu verlegen, +wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, jedoch ohne +besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr 10,000 +Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein Corps +von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem genannten +Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als ein +grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das die +Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren die +Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe +und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei +an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand, +welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die +Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der +Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte. + +Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche +Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der ++vereinten mexicanischen Armee+ um so mehr, da mittlerweile auch einige +Corps von Moctezuma dazu gestoßen waren. Am 3. hielten darauf Pedraza +und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. Alle Truppen +waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste aufgestellt, +eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den Helden des +Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur und den +Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna (in +reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz) +fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog +es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen +allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu +Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe +Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche +empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch +doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste, +und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die +ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und +Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der +Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten +eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und +Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich. +Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und +da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier +ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches +und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt +bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der +alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht +durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften +wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich nicht läugnen, daß +die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch +die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben +bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten +Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege +Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen +oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität +aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden +verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame +Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere, +gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden +sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr +persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten +Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold +war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht +spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich, +von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten +Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben, +von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß +Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich +selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte. +Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie +hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß +mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht +tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution +in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei +Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von +Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht, +so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft bevor; man wird +Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine +vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und +namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn +jetzt noch für unmöglich hält. + +Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen +Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen) +bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation +durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und +die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren +gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner +constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen, +daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde. +Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land +geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge +davon, dessen Handel mit Europa nicht minder. + +Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die +Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und +so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen +frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher +aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der +Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen +Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der +verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo +de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von +Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder +eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er +während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen +bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen +seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz +und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch +über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches +sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus, +kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals +ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium +kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im +liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die +Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie +manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht +in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall +das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher +religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst +unter den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße +Ideen, die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte +Canning+ zur +Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf +Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern +eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger +den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als +der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so +übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den +englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer ++eignen Capelle+, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in der +Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen. + +Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits +vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in +England, bekannt gewordene Roccafuerte, hat in einer geistreichen, +hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit +angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er +doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt, +die gute Früchte tragen werden. + +Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits +viel toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen +Bildes, oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl., +wird nicht mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer, +selbst von den Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten” +wenn dasselbe auf dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die +Straßen gefahren wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im +Innern des Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße +ausweicht. Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug +thun, da das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille +Gesang der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie +lange voraus verkünden! Diese Hostie, hier ~nuestro amo~ (unser Herr) +genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier +weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen +Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen +gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung, +welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln +tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen +treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann, +welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem +Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den +Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die +Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins +fast verklungen ist. + +Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben, +und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig +vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast +immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den +“ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn +wandelt! Adieu, Adieu. + + + Mexico, den 7. Februar 1833. + +Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch +einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen +selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den +seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher. + +Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte, +ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische +Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein +ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es +nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch +nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in +so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor +meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich +vor ungefähr 14 Tagen, ihn in +Anganguco+, so heißt das Revier wo er +wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin, +und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land +auch nach dieser Richtung hin zu zeigen. + +Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit +dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man +mehreren, von Holz erbaueten und mit guten Brettern beschlagenen +Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter +andern auch eine große, recht hübsche Herberge (~fonda~) antrifft, +welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze +Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei +ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier, +als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses +Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel +kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von +Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den, +das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit +weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier +vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste +Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse +des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern +eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen, +Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern +frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der +gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß +er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so, +ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht. + +Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen +unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von +Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat. +Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr +entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico. +Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen +Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten unsere +Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen +Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags +an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s +zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch +von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz +freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens +viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der +Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der +beste+ empfohlen +war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar allerdings eine +Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur mit hölzernen Läden, +ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen Fußboden, einen kleinen +hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen sogenannten Bock, in der +Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, Bett darauf auszubreiten! +Das war aber auch alles! Einen +zweiten+ Stuhl, um am Abend mit meinem +Reisegefährten den, versteht sich, auch mitgebrachten und von unserm +Bedienten bereiteten Thee in demselben Zimmer zusammen zu trinken, +konnten wir nur nach vielem Bitten, als eine Gefälligkeit von der +Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf den “Comfort” dieses Hotels +schließen! Zu essen bekamen wir daselbst auch nicht das mindeste, man +verwies uns damit an die Garküchen in der Stadt, unter welchen wir denn +auch eine erträgliche fanden, und dort ein Mittagsmahl einnahmen, womit +wir uns in Europa, in einer Stadt gleichen Ranges, wohl schwerlich +begnügt hätten. + +Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen, +in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne +und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische +Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben +kann, von Ortschaften wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die +Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten +wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir +übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir +nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde +und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich +eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine +unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen +kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln +laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp +zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf +gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen +natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen +dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten +Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen +werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere +mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und +Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der +Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig! +fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel +früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag +hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die +Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils +gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht +verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie +wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden. + +Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen +Winden gepackt werden kann, an jenem Tage aber kein freundlicher +blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von +dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden +ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte. +Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt, +sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht +erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster +ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem +Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir +vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen +uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe +bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in +unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes +Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern, +bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger +behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer +Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so +die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines +der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war +von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte +überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem +Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne +Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem +Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der +isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall +nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war +die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der +zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt +sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel ward, oder des +Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube, +auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite +bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach +dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am +andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor +die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen +Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die +keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier +zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende +Fremde, einen kleinen Laden (~tienda~), und treiben etwas Ackerbau +und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles +reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu +Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter +und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die +mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft +ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der +Kuhreihen, das Heimweh zu geben. + +Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und +Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten +wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein +starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen +Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und +wo wir an +den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten+, +gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies +nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier +angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich +in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem +eingerichtet; er war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten) +mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die +Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit +tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden, +es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund. +Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch, +Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner +etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco, +woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein +sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze +Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe +Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind, +daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal +wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche +Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht +bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in +Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der +Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich +wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten, +sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und +asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die +jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich +gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser +Wildpret. + +Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem +von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als +in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken +Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends +fehlenden Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte das +einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. und +einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das Local +schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit weit +entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, und ++Schleiden+ hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer gebracht, +indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ und hieher +zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, daß der +Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte Aufsicht an +Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu thun, was seine +Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja viele Tausende wären +erspart worden, und der Verein wohl nie in die Verlegenheiten gekommen, +in denen er sich jetzt befindet, wenn man die Geschäftsverwaltung schon +vor Jahren nach Anganguco verlegt hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch +helfen kann, wage ich nicht zu entscheiden; es bleibt darum aber nicht +minder ein großer Entschluß, nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt +und feucht ist, daß man das ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben +muß, wo keine Resource von Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden +ist, und wo die Umgebungen der Natur eben so wenig Ersatz für all diese +Entbehrungen darbieten, und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den +sehr zweifelhaften Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen +Unternehmens geschöpft werden soll.[18] Ganz nahe hinter dem Wohnhause +ist eine Silbergrube des Vereins (~Carmen~), welche zwar die reichern +Erze liefert, aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen +hat; etwa eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia, +Purissima u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber +von diesen ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die +jetzt eingeführte deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich +wenigstens nicht zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate +geführt werden kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst +beschreibe ich Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und +zeichnen sich auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in +diesem Lande angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl. +aus. + +Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf +welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas +in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man +hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von +den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist. + +Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen, +Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen +Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts, +aus entfernten Gegenden herangezogen werden müssen. Die Aufseher, +die Schmelzer und Beamten des Vereins -- sind alles +Deutsche+, von +denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz +einheimisch gemacht haben. + +Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa eine +Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, in Wasser +abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, in Haufen +abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches das Silber +alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust eines großen +Theils (40 à 50 ~pCt.~) des edlen Metalls geschehen kann, so ist diese +Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) nur bei den reichern +Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit dem Quecksilber geschieht +durch das Treten eines Indianers, welcher wochenlang einen solchen +abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 Stunden hindurch, mit +seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige Weise durchstampft; +er setzt dabei die nackten Arme in die nackten Seiten, und macht, mit +den eben so nackten Beinen und auswärts gekehrten Füßen, die Runde in +dem breiartigen Erze, mit der Formalität eines Tanzmeisters. Die guten +schmutzbraunen Leute, welche diese ermüdende Arbeit verrichten, sind +sehr kräftig und besonders muskulös, auch schienen sie mir munter und +mit ihrer Beschäftigung zufrieden; eine seltsame Erscheinung dabei ist, +daß sie nicht die geringste üble Wirkung von der Masse von Quecksilber +verspüren, mit welcher ihr bloßer Körper doch stets in Berührung kömmt. + +Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des +Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von +Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten +(welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen +Bedeckung einiger wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines +deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt +werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten +Tag die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern +Weg gewählt, und eine Anhöhe (~Cuesta~) erstiegen, welche so steil +ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber +mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte +uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei +Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt, +ist ausnehmend schön und großartig. + +In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen, +und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne +Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine +Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns +bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter +ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen +im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun, +wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in +der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf +den Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären +würde; darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden +lang in einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten, +wohin wir unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie +in meinem Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die +Stiefel von den Füßen +schneiden+ lassen, alle Kleidungsstücke waren +triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief +alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles +trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank, +und erwachten den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war +heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das +Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus +den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause, +eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der +Tafel, und ließen es uns gut schmecken. + + + Mexico, den 13. Februar 1833. + +Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der +Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene, +Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe +ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der +Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt +stattfindenden +Wahlen+ eines neuen Präsidenten und anderer hohen +Magistratspersonen, obgleich sie +öffentlich in den Straßen, in elegant +decorirten Buden+ gehalten werden, in denen die Bezirks-Beamten das +Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, (~universal suffrage~) +erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; so wenig nimmt das eigentliche +Volk bis jetzt noch Antheil an der Selbst-Regierung. Ich denke aber, +daß dies besser werden wird, wenn einmal das Militair mehr in den +Hintergrund gedrängt ist, worauf die jetzt am Ruder stehende Partei +hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein kluger Mann, und sieht ein, daß +republikanische Civil-Institutionen nicht durch militairisches Regiment +befördert und befestigt werden können. Dies scheint er besonders in den +vereinigten Staaten von Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht +zu seyn, einen Theil des dort herrschenden Geistes in sein Vaterland +zu übertragen, was er denn auch unverhohlen in seinen officiellen +Antworten an die Diplomaten, die ihm zum Regierungs-Antritt Glück +wünschten, geäußert hat. Ich habe mich gestern, wo ich das Vergnügen +hatte, in seiner Gesellschaft zu Mittag zu essen, und neben ihm zu +sitzen, sehr angenehm, über diesen Gegenstand sowohl, wie über seine +Reisen in Europa, mit ihm unterhalten, wobei es mich überraschte, +zu hören, welch einen lebendigen Eindruck er von unsern schönen +Rheingegenden behalten hat, und wie er sich einzelner Orte und +Gegenstände, und nicht minder der dort vorherrschenden politischen +Einrichtungen, erinnerte! Seine junge, liebenswürdige und geistreiche +Frau war leider nicht mit ihm in Europa gewesen, sie war ihm nur in +der letzten Zeit nach Nordamerika gefolgt, schien sich aber dort +recht gut gefallen zu haben, und hat von daher eine Vorliebe für die +englische Sprache mitgebracht, die der Präsident selbst aber nicht +mit ihr theilt, er zieht das Französische vor, spricht aber auch +dies nur unvollkommen. Von den vielen, in diesen Tagen gemachten und +empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir nichts, sondern verspare es +auf mündliche Unterhaltung. Einen kann ich aber doch nicht unerwähnt +lassen, nämlich den bei den Damen D--’s (der Mutter nebst ihren zwei +liebenswürdigen Töchtern, mit welchen ich von Bordeaux nach Vera-Cruz +kam, und von da, wie Du Dich erinnern wirst, nach Jalapa reiste). +Dieser braven Frau ist es hier im Anfang gar übel ergangen; ihr +Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft zu errichten, schlug +gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und war hier fremd +und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, und es war +schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem Geiste aber +faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente ihrer +wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend zu +machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr +Schüler zu verschaffen, und es gelang über Erwartung; die Zahl der +kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht +im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit +monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction, +meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz +guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in +ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und +worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen +werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen mit +dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen Welt, +in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, daß ich +darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! Wenn mich +aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt hat, wie ich +es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles erlebt und +erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch gestehen, daß +mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe den eignen Sohn +im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe viel Merkwürdiges +und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche interessante +Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst hier und da +Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so zuvorkommend +aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt worden, daß +eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. Ich habe +daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern nur +über +Ereignisse, welche dem Schicksal angehören+! + +Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und -- +wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem +Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde! +Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in +meinem Vorsatze, die Rückreise +jetzt+ anzutreten, verharren zu +machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein +paar Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf, +meine Wiederherstellung +hier+ abzuwarten; da sie diese aber selbst +nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin +dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden +Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich +nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich +wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur +in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die +Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, +ich reise morgen +ab+! + +Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die +vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von +Vera-Cruz aus. Lebe wohl. + + + Vera-Cruz, den 3. März 1833. + +Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so +wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere, +daß ich wirklich +unterwegs nach Hause bin+. + +Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir +schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall +(~sin novedad~, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich den +Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf einigen +paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles in Duft und +Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß man 50 bis +60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines Silbergroschens +erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem herrlichen Clima +erzählt! + +Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief +diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera, +nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt hatte. +Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, bald kalten +und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es ein Hafen ist, +eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz der Hauptstadt +Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber freilich +nicht+, +denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch und angreifend. Die +drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen wenigen Minuten in +die schneidendste Kälte, und führt einen Staub und Sand mit sich, der +bis in das Innerste der Gemächer dringt! In den wenigen Tagen meines +Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel schon mehrmals gehabt, und es +weht und stürmt in diesem Augenblicke +so+, daß ich fast zweifle, ob +wir morgen werden an Bord gehen können, was ich doch so sehr wünsche, +da mich, mehr als ich auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu +sehen. Diese Eile, nach Europa zurück zu kommen, hält mich ab über +New-Orleans zu gehen, was ich, besonders um des guten Cecils willen, +so gerne gethan hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu +sehen und zu beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend, +daß ich mich vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika +fürchte, und deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York +gehenden Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles +beim Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß +während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß +eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem, +glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde +in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben +so zuvorkommend und gütig wie früher; ich habe hier zum Abschied +aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse +es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer +angenehmen Rückerinnerung. + +Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord. +Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom +Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen +Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise +wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen, +und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise, +gegangen ist. + + + New-York, den 1. bis 9. April 1833. + +So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in +der +nordischen+ Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit +eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel +werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach +Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von +Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen, +nicht vor dem 1. Dieses hier an. + +Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu +berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher +am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch +während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs +keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom +von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr +verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel +gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein roher, ungebildeter +Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so +gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage +der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren +ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse +Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender +Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe +Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs +dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er +New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht +werden. + +Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz +andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen +hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber +und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im +Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem +trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben. + +Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele +zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen +Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London +gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von +der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem +nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche +ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes +nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche +täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen +abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der +vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem +Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum +etliche und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals +schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat +es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben +Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden +wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in +andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf +einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die +neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen +zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr +viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind +bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall +werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse +von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt +werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20 +Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der +Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann; +hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7 +Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht +das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt +gesehen haben. + +Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich +in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger +als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon +der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute +Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren +im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen +bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren +Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen +schon von vorn herein ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem +theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich. + +Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den +Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen; +es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure +Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre +schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob +man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere +Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate +Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich +heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon, +wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß +er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch +ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln +an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam +erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und +gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später +angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von +rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß, +den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön +gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in +Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie +auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen +Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die, +früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in +neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß, +gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen, +einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur bewundern kann. +Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm +für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der +frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge, +auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern +Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht +zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist, +eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten +wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen +und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer +hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen +landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen, +dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge +einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber +nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge, +und die rauhe Jahrszeit z. B. +jetzt noch nicht+ vorüber; noch hat +weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht +wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der +Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen) +Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird +es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist +ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die +gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch +nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche +Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige, +gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt +habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der +deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im +Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine Vergnügungs-Reise nach +Italien, und von da über +Wien+, durch +Deutschland+, die +Schweiz+ +und +Frankreich+ zu machen; das nenne ich mir doch noch ~a tour of +pleasure~! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit dem ältesten Sohn +zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher Mann ist, während +die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt vermiethet wird, ein +sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies ist so Landes-Sitte +hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln. + +Diese ~boarding-houses~ sind zum Theil sehr elegant meublirt, und +bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit +darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar +manche +Comforts+ der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer solchen +Anstalt eingekehrt, in ~Mansion-house, Broadstreet~, und kann Dir +mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 Uhr +wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses in +einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast +und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame +des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung, +wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die +zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel, +auf +eigene Kosten+ unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, und +es geht bei der, über 100 Personen starken ~table d’hôte~ wieder eben +so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses, +die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen +Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch +der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es +herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist +gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der Wein wird +ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine +der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden +Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön +meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (~parlour~) +zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die +Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige +Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei +dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische +steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort +nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken, +und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich +um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in +einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer +der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier +nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel +besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese +~boarding-houses~, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch soll +es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer seyn. + +Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen +beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns +in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch +in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer ++Auction+! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines +Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer +schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und +Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren, +und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne +daß jedoch etwas weggenommen werden dürfte, bis das Ganze, mithin +das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon +angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am +Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen, +theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig +hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug +erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf +und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und +daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich +schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern. +Die liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen, +wenn sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich +zu +freuen+, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens, +schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches +sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll +übrigens hier kein Mangel an diesen seyn. + +Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen, +Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele +hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben +von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog +Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb +verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! -- + +Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner +Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und +seine Tochter Fanny, in der Tragödie “~the grecian daughter~” zu sehen, +und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung belohnt +worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in England zu +bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst nach meiner +Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande ~furore~ gemacht; ich +war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich augenscheinlich, +in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons zu treten, das +will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei denen, welchen +jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft vorschwebt +wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu einförmig +in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. Nichts desto +weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die Zuschauer, und +ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch sehr jung, und +soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr Betragen gegen +ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.[19] + +Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder +so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen +ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken +voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn. + +Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das +Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen +jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits +einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein +Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir) +nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu +engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in +Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner +delectiren soll. + +Auch einen +Sonntag+ habe ich in New-York verlebt, kann aber nicht +sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für Europäer +so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in mehreren +Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden ist; nur ++das+ genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage in den Straßen +zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, vielleicht ist +es aber auch in andern Städten der Republik ärger damit als hier, wo +es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und Gebräuche mit denen +Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die Dauer? -- darüber +könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; +das+ aber weiß ich +schon im Voraus, daß mich die hier herrschende +Blut-Aristokratie+, +diese souveraine Verachtung aller derer, welche aus afrikanischem +Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; denn obgleich ich +selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern fließen habe, um +persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, so empört es mich +darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von zufällig anderer +Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, daß selbst weiße +und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in allen Familien von +beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und demselben Tische +essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, ungeachtet die +Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es bekanntlich im +Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das also erst in den +Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich gestattet ist. Man +versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und wäre er selbst General +in den Diensten einer freien Nation, es wagen wollte, in New-York +sich an eine Wirthstafel zu setzen, man es ihm entweder untersagen, +oder die ganze Gesellschaft das Zimmer verlassen würde! Und dies in +einem Lande, welches sich rühmt, die Menschenrechte zu ehren, Freiheit +und Gleichheit zu besitzen und dessen +Constitution+ unter den +freien Bürgern des Landes keinen Unterschied des Blutes anerkennt! +Dieses, wie es scheint hier nicht zu vertilgende, Vorurtheil setzt +den Präsidenten diesen Augenblick in eine nicht geringe Verlegenheit, +gegenüber der Republik Haity, mit welcher die Vereinigten Staaten +einige Mißverständnisse auszugleichen haben, zu deren Beseitigung der +Präsident gerne einen Diplomaten nach Portauprince senden möchte; er +weiß aber, daß man ihm von dort sogleich eine Gegensendung machen +und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, der dafür tauglich +wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in seinen öffentlichen +Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der bürgerlichen +Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und Kränkungen +erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur vermehren +müßten, und +deshalb unterbleibt die ganze Negotiation+! + +Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den +Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende +Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird +sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine +Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen +Staaten dieser +aufgeklärten+ Republik die Todesstrafe darauf gesetzt +haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe dann der +Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der Asche +glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. Die jetzt +hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen -- auf Liberia, +an der Küste von Afrika, -- so edel der Gedanke und so brav die +Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das drohende Uebel +nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo +Millionen+ in +Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen die Fesseln nur noch +um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was sonst soll geschehen? +Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen wird; die allmählige, +stufenweise, aber gänzliche und +jetzt schon ausgesprochene+ Aufhebung +aller Sclaverei.[20] + +Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen +Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und +gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben +im Hafen u. s. w. -- sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen, +und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange +Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen +geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an +Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde, +welches mich nach Frankreich bringen soll. -- Alle Vorbereitungen sind +bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind +zu bitten. Lebe wohl. + + + Am Bord des amerikanischen Packetboots the + Sully, Capt. Forbes, am 30. April 1833. + +Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen, +heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der +Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach +Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen +in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten +gemacht haben werden. + +Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt +worden und legten schon in den ersten zwei Tagen über 500 Meilen +zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite +(in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu +entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging +sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine +Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig, +so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte. +-- Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer, +um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu +nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als +das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen +ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze +von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von +Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis +jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt +wird, -- dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als +das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber +nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe. + +Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten +hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten +täglich um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das +einzige, was ich Dir von +dieser+ Reise erzählen könnte und nicht von +der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines +Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man +sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von +ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren, +was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken +nach sich zieht. Diese Meerungeheuer folgen den Schiffen unter der +Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches +ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase +spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer +Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch +bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat +es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit +der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten, +aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines +Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem +Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt +selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren +Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal, +wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus +dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch +seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit +Fleisch und Angel im Magen davon. + +Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen +tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn +aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit +seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er +würde sie zertrümmern. + +Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den +Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit +seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und +der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere +Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem +Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm +losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem Fleische +braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos +unter uns waren, durchaus keinen Beifall. + + * * * * * + +Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele +Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600 +bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der +Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch +nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten +Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem +schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen +wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren, +daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir +erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders +der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten +ihnen eine glückliche Ueberfahrt. + + * * * * * + +Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben, +denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und +Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt, +und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben +geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an Bord +sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das sogenannte +~drawing room~, in welchem ein Piano-Forte und eine kleine Bibliothek, +zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain ist ein wackerer +und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten Tisch, und daß uns +Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe sodann an einem +meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und vielseitig gebildeten +Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch die Erzählung seiner +ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen angenehm, ja belehrend +unterhalten worden, wovon ich Dir einmal mündlich manches mittheilen +werde. + +Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer +Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese +Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch +Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in +Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser +befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das +scheint mein Uebel vermindert zu haben. + +Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen +Wiedersehn. + + + Paris, am 10. Mai 1833. + +Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem +und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern +wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork +abgesegelten, Packet la France! Obgleich es dieselbe Richtung genommen, +welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise +mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns +beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der +See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur +dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat, +wie das Wasser. + +Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade ~la fête de Louis +Philippe~ und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem Pomp. +Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am Abend +ward hie und da -- sehr spärlich -- illuminirt! Da das Paß-Bureau +dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag für die +Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach +15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend +bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in +Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich, +und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir +schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig +Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs +mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um +deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika +zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in +den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen; +Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier +sahen wir -- auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen -- wenigstens +Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber, +Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich +ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor +Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen +Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen +Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe +ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil, +um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen ihre +afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde beraubt +sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. Ich habe +auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes Beispiel davon +gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, hielt um Mittag +eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans zurückkehrende +europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes Kind von etwa +vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische und da ich, wie +du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so wollte ich den +Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr litt es aber +nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des Zimmers an, +wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. auf einen +Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun würden. Meine +Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst unschicklich +sei, wurde -- belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl eine andere +Beachtung verschafft. -- Der Kleine nahm die Speise mit den Händen und +verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung +noch+ nicht; in Europa wird +er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei seiner dereinstigen +Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen müssen. Und daß er +zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen Zweifel; sein +Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und jenes lernen +zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen desto höheren +Preis -- +verkaufen+ könne! + +Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine, +durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige +Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct +von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen +Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit +ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit, +im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich +eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich +nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht +so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung +war nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt +fordert mich auf, zu bleiben, und meine Kur +hier+ abzuwarten. Wie +kann ich mich aber, nach einer so langen Trennung von Euch, +dazu+ +entschließen? -- Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich +hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich +bloße Schmerzen+ nicht +davon abhalten, das versichere ich Dir. + +Am 13. -- Ich habe sie -- diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun +morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz +drücken können! + + +[16] D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese. + +[17] Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter Modus in +den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan haben würde, +beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den Häfen +unabhängiger zu machen. + +[18] Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu Theil +geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches er +zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und Leben! +Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich die +traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches er +sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist. +Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde +es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco +erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät +war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven +Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen +zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der +nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge +er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater! + +[19] Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung +gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den +vereinigten Staaten verheirathet worden. + +[20] Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche heilsame +Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies macht die +Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur um so +dringender! + + + + ++Anhang.+ + + + + +Kurze Darstellung + +der + +politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico + +seit der Präsidentschaft Santa Anna’s, + +so wie der gegenwärtigen Lage des Landes. + +(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.) + + +Wie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder +an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner +“Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete +ihm nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er +suchte daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt, +momentane Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes +so weit hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in +allen zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl +für den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch +und insbesondere +die höchsten Magistrats-Personen der Republik+, mit +gehöriger Freiheit erwählen konnte. + +Sobald dies jedoch geschehen und General +Santa Anna+ als +Präsident+, +Don +Valentin Gomez Farias+ als +Vice-Präsident+ installirt und der +gesetzgebende Körper der Union neuorganisirt worden war, änderte sich +der Gang und die Tendenz der Administration von Grund aus. + +Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen +Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur +militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze +der gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando +gelassen hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante +am meisten ergebenen Generäle, +Arista+ und +Duran+, die wichtigsten +Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und +letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der +Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s +in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer +Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund +und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen +Ereignissen. + +Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei +zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen +Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn +zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so +sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, -- in +seiner+ Person +liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, -- ihm wollten sie +vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von +Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen +füllten! -- Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und +Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn +er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die +Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und der +Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! -- so hieß es am +Schluß -- diese anarchistische Partei, empfangen Sie die +Dictatur+ aus +unsern +Händen+, wer wird es alsdann noch wagen, das Haupt zu erheben?’” + +Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der +Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico, +Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident solchen +Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur Steuer der +Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf einzugehen. +Obgleich -- aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung -- schwankend +in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das Wohl seines +Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß die Volkspartei +zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform überschreiten +würde; er hatte überdies +religiöse+ Scrupel und hielt es für Sünde, +die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen beschränkten Ideen +ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des Gouvernements +und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere von dem +Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, sondern +Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn der +Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein +Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit +fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn +gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen +Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt +seyn.[21] + +Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der +neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen +gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats +Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser +Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren +Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder +Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum ++Dictator+. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person +gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten +mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch +er zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit +Ausnahme einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun +den eignen General, +den Präsidenten der Republik+, gefangen nahm, um +ihm die +Dictatur+ gleichsam aufzudringen. -- Aber man hatte sich in +ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition +anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern +des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich +aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge +und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla. + +Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die +Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse. +Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa +Anna für eine mit ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch +der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch +nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines +Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten +gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den +Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts +der Republik! Die Generäle +Vittoria+, +Anaya+, +Mejia+ und +Arago+ +(letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser Zeit der Sache des +Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) waren der Regierung treu +geblieben, und der Vice-Präsident bediente sich ihrer mit Kraft und +Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in der Hauptstadt und Umgegend +zu unterdrücken. -- Der durch sich selbst befreite Präsident Santa Anna +kam mittlerweile zurück und sammelte mit der ihm eignen Gewandtheit und +Energie eine neue Armee, mit der es ihm endlich gelang die Rebellen, +in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! -- Die Chefs der Insurgenten und +dieser Contrerevolution wurden des Landes verwiesen; +auch nicht eine +Hinrichtung fand statt+! Die neue Ordnung der Dinge stand fest. + +Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben, +zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des +Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz, +zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung +der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und +militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner +Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und +der Constitution treu bleiben! + +Während nun der +Präsident+ damit beschäftigt war den Feind im offenen +Felde zu bekämpfen, gingen vom +Congreß+ wichtige Reform-Decrete aus. +Unter andern Männern von Kraft und Kenntnissen saß in demselben der +bekannte Don +Lorenzo de Zavala+, der seine Stelle als Civil-Gouverneur +des Staates Mexico niedergelegt hatte und zum Repräsentanten desselben +erwählt worden war. -- Unter seiner Mitwirkung beschloß der Congreß: + + 1. Daß die Entrichtung des +Zehnten+ an die Geistlichkeit, dem + Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim + gestellt seyn solle. + + 2. Daß die +klösterlichen Gelübde+ vor dem Civil-Gesetz als nicht + bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen + Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins + bürgerliche Leben wieder einzutreten. + + 3. Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten +Canonicate+ + wieder aufgehoben seyn sollten. + +Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als +tausend+ +Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, wodurch die Finanz +der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen völlig unnützen, +Last entledigte. + +Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind +noch folgende Propositionen Zavala’s: + + ~a~) Umänderung des Zoll-Tarifs, d. h. Verminderung der eingehenden + Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um Zweidrittheil + der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote. + + ~b~) Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern + verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben. + + ~c~) Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der National-Schuld. + +Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen, +als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die +Einführung der +Religionsfreiheit+ bemerklich macht, und man nicht glaubt, daß +diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei +Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann! + +Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende +Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten +sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen +und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit +ergehen zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und +materieller Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie +sehen ein, daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen +ist. Man hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch +keine +Schulen+ waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die +Staaten von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus. +-- Im Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und +viele Schulen des +ersten Unterrichts+ wieder hergestellt, welche die +frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das +gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem +besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa +einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 +Schulen des ersten +Unterrichts+, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746 +Kinder lesen und schreiben lernen. + +Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat, +die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren, +so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der +ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der +Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf +dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und +Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie; +Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik; +Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-, +Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w. + +Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate +hervorbringen![22] + +Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die +der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte +in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung +Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht +allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere Schuld +von +fünf Millionen Pesos+ contrahirt und sie auf die Zölle angewiesen, +welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme des Staates bilden. +Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen abgeschnitten, und +sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis Geld vorzuschießen; +dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von Agioteurs erhalten, +denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe Million aus die +Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, besonders während +sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer bringen und selbst +bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. Zinsen pr. +Monat+!! +bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung auf die Zölle, welche sich +stets binnen mäßiger Frist realisirten und somit den Darleihern +einen ungeheuren Nutzen abwarfen! -- Ein solches Leih-System von +Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen Hülfsquellen wie +Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, als es selbst +die Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn wenn diese auch +der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der empfangenen Summe +kosten,[23] so sind doch, wie man sieht, jene Platz-Anleihen, bei +unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher und weit schnellerer +Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen zum gänzlichen Ruin, ja +zum National-Banquerott führen, wenn das System nicht geändert wird! +-- Darauf arbeitet denn auch die jetzige Administration hin und hat +bereits bedeutende Ersparnisse in der Verwaltung eingeführt; auch geht +sie damit um das Uebel an der Wurzel zu fassen, nämlich die Armee zu +reduciren! denn so lange nicht die bewaffnete Macht, nach dem Vorbild +der nordamerikanischen Staaten, auf eine verhältnismäßig kleine Armee +zurückgeführt wird, ist kein Heil für die Republik zu erwarten. + +Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen +und verbesserten Finanz-Verwaltung hat Zavala der Regierung höchst +beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen +werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa +und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,[24] will er, daß +man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland +Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von +diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf +längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden, +die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des +Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen. + +Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der +Schluß ziehen, daß die +vereinigten Staaten von Mexico+, sowohl in +moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft +entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte, +welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet, +die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen +früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen, +mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; -- die +Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder +Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der +jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden, +welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der +Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch +geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im Clerus +stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende +Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche +und Staat anzuerkennen, -- alles dies wird +die vereinigten Staaten +von Mexico+ dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen +Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und +die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die +Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind. + + +[21] Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem +Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich zu +überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt das +Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für nöthig +hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen, ließ er +sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine +schwere+ Krankheit nicht +abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom Krankenlager aus, ++unter den größten Anstrengungen+, eine lange, eindringliche Rede, in +der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner Vortheil es erheische, +dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die erforderliche Hülfe +nicht zu versagen. -- Seine Rede blieb nicht ohne Erfolg; es kam +wirklich eine Anleihe zu Stande. + +[22] Vorausgesetzt, daß die angestellten +Lehrer+ der umfassenden +Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was +vorerst+ wohl +schwerlich der Fall seyn dürfte. + +[23] +Erstes+ mexicanisches Anlehen in England contrahirt +zu 5 pCt. ~per annum~ 16,000,000 $ zu 50 pCt. negociirt ergaben + + $ 8,000,000 + Provision 5 pCt. $ 400,000 + Dividende des ersten Jahrs „ 800,000 + Tilgungsfond „ 400,000 + ----------- + „ 1,600,000 + ------------- + disponible Summe $ 6,400,000 + +hiervon jährlich zu zahlen 800,000 $, macht 12½ pCt. + ++Zweites+ mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6 pCt. +~per annum~ 16,000,000 $ zu 82 pCt. negociirt ergaben + + $ 13,120,000 + + Provision 5 pCt. auf den Nominalwerth $ 800,000 + Dividende des ersten Jahrs „ 960,000 + Tilgungsfond „ 540,000 + --------- + „ 2,300,000 + ------------- + disponible Summe $ 10,820,000 + +hiervon jährlich zu zahlen 960,000$ macht circa 9 pCt. + +[24] Don Lorenz Zavala, Verfasser des ~ensayo historico de las +revoluciones de Megico. tom. I. Paris~ 1831 und ~tom. II. New-York~ +1832, ist jetzt bevollmächtigter Minister der vereinigten Staaten von +Mexico am Hofe von Frankreich und mithin zu Paris! + + + + + Zweite Abtheilung. + + Mercantilische und statistische Notizen. + + + + +Handel mit Mexico. + +Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen. + + ++Bordeaux+ hat durch seine geregelte Packetfahrt einen Umfang in dem +Handel mit Mexico erlangt, den es ohne dieselbe wohl mit Havre hätte +theilen müssen. Die französische General-Post-Direction hat nämlich mit +einer Gesellschaft von Schiffs-Rhedern in Bordeaux eine Uebereinkunft +getroffen, nach welcher diese, gegen eine Vergütung von 10000 Francs +für die Hin- und Herreise, jeden ersten des Monats ein Schiff mit der +Correspondez nach und von Mexico abzufertigen und dabei den einen +Monat die Briefe nach der Insel Martinique, den andern nach Haity (St. +Domingo) mitzunehmen verpflichtet sind. + +Diese regelmäßige monatliche Abfahrt von Packetbooten, welche zugleich +Kauffahrteischiffe sind, giebt Bordeaux’s Verkehr mit Mexico eine +Zuverlässigkeit, welche man anderwärts nicht findet, obgleich Havre +in seinen Bemühungen, Theil an dem mexicanischen Handel zu nehmen, +nicht ganz zurückbleibt. -- Frankreich und die Schweiz senden daher +ihre für Mexico bestimmten Fabrikate vorzugsweise über Bordeaux, +und selbst die preußischen Seidenfabriken am Rhein thun, bei dem +jetzt freigegebenen Transit durch Frankreich, häufig ein Gleiches. +Bordeaux hat überdies einen, diesem Hafen bekanntlich eigenthümlich +angehörigen, nicht unbedeutenden, und sich stets mehrenden Handel in +Wein mit den mexicanischen Häfen, und ist zugleich der Hauptmarkt für +die wichtigste +Waaren+-Retour, welche Mexico zu machen hat, nämlich +für +Cochenille+. Hiervon empfängt Bordeaux jährlich den Werth von +circa 3 bis 4 Millionen Francs aus dem Hafen von Vera-Cruz, und findet +seinen Hauptabsatz dafür theils nach St. Petersburg, theils nach der +Levante. + +Seit Spanien seine Colonieen und mithin Cadix sein Monopol des +Cochenille-Handels verloren hat, theilen sich hauptsächlich Bordeaux +und London in diesen wichtigen Geschäftszweig. -- Bordeaux aber, wo +bei der mexicanischen Revolution sich viele Spanier und mehrere reiche +Mexicaner angesiedelt haben, scheint die, früher in Cadix geheimnißvoll +betriebene, Umarbeitung der Cochenille besser zu verstehen, als London +und dadurch wo nicht größere, doch jedenfalls gleich große Geschäfte +darin zu machen. Auch hierbei zieht Bordeaux Vortheil von seiner +Packetfahrt mit Vera-Cruz, indem durch +diese+ regelmäßige Sendungen +von Cochenille und andern Waaren gemacht werden können, während den +englischen Packeten nicht erlaubt ist, etwas anderes als Comptanten +an Bord zu nehmen, und man daher häufig genöthigt ist, aus Mangel an +directer Schiffsgelegenheit, Cochenille und sonstige nach England +bestimmte +Waaren+ über New-York, oder andere Häfen von Nordamerika zu +versenden. + +Xalapa und Sasseparila hat Bordeaux gleichfalls viel aus Mexico +bezogen, besonders in der letzten Zeit, wo diese Artikel in Folge der +Cholera so sehr gestiegen sind. Vanille bildet auch noch einen nicht +unbedeutenden Einfuhr-Artikel, er ist jedoch, des leichten Verderbens +wegen, ein sehr mißlicher und giebt nur periodisch einen, dann aber +freilich oft sehr großen, Gewinn. + +Baarsendungen, sowohl in +Piastern+ als auch insbesondere in ++Doublonen+, rendiren in Bordeaux deshalb besser als irgendwo, weil +sie, des benachbarten Spaniens wegen, in ihrem gemünzten Zustande +Cours haben und deshalb oft sehr hoch stehen, während sie anderwärts, +in der Regel, erst umgeschmolzen werden müssen und mithin nur ihren +Metallwerth aufbringen. + +Unter Frankreichs verschiedenen Ausfuhr-Artikeln (unter welchen +Seiden-Waaren natürlich obenan stehen) verdient +Papier+ noch einer +besondern Erwähnung. Die unfern Bordeaux gelegenen Papiermühlen +lieferten Ende 1831 das 500 Bogen starke Ries des sogenannten +Florete, als der geeignetesten Sorte, zu 6 Fr. 15 Cent., und mithin +weit wohlfeiler, als es nach allen gemachten Versuchen Deutschland +herzustellen möglich ist. In Genua, wo die für Mexico passendste +Qualität verfertigt wird, steht der Preis noch niedriger. Es ist zu +beklagen, daß Deutschland dergestalt bei einem Geschäftszweige nicht +concurriren kann, welcher eine so große Rolle im Handel nach Mexico +spielt. Es werden daselbst jährlich nicht weniger als 500,000 Ries +Papier eingeführt, oft mehr, und es wird außerdem noch Papier im Lande +selbst fabricirt. Der Verbrauch dieses Artikels ist in Mexico deshalb +so groß, weil alle Einwohner (selbst die Damen nicht ausgenommen) +Papier-Cigarren rauchen, was natürlich einen +täglichen+ Consum von +Millionen solcher Cigarren zur Folge hat. + +Der Versuch, in Bordeaux eine Niederlage von deutschen Leinen für +die Assortirung der Ladungen nach Mexico und Südamerika zu bilden, +schlug fehl und mußte fehlschlagen, weil Deutschlands +directer+ +Ausfuhr-Handel nach jenen Landen zu lebhaft und bedeutend ist, um +einer Vermittlung dabei zu bedürfen; er übersteigt im Werthe den der +französischen Häfen und die Ausfuhr von Hamburg und Brennen nach +Mexico allein, beträgt, in Leinen und andern Gegenständen +deutscher+ +Industrie, wohl an acht Millionen Mark Banco im Jahr! Rechnet man +hinzu, was an +deutschen+ Waaren über Nordamerika, England, ja sogar +über Chili und Peru nach Mexico geht, so leidet es keinen Zweifel, +daß das Minimum des jährlichen Consums in der Republik Mexico, an ++deutschen+ Waaren aller Art, auf zehn Millionen Mark Banco (5 Mill. +preußischer Thaler) veranschlagt werden kann, und wobei die unter dem +Namen von ~Platilles reales~ bekannten schlesischen Leinen mit 120 bis +140,000 Stück figuriren. + +Nächst dem Leinen sind die Seiden-Waaren aus den Rhein-Provinzen der +wichtigste deutsche Artikel in dem mexicanischen Markt; auch spielt +das böhmische Glas bei der Ausfuhr von Hamburg nach Vera-Cruz eine +große Rolle. -- In den letzten beiden Jahren sind allein von Hamburg +jährlich 20 bis 22 Schiffe, mit Manufactur-Waaren beladen, +direct+ +nach Vera-Cruz und Tampico abgefertigt worden, und zwar alles deutsche, +nämlich Hamburger, Bremer, preußische und Altonaer, welche letztere +allerdings unter dänischer Flagge fahren, aber darum nicht minder ++deutsch+ sind; denn wenn auch +Altona+ unter dänischer Oberherrschaft +steht, so liegt es doch in Holstein und +Hamburg+ so nahe, daß die +beiden Häfen gleichsam nur ein und denselben bilden; die Altonaer Börse +wird aber wirklich an jener von Hamburg abgehalten. + + + + +Ausfuhr von Mexico. + + +Staat von Oaxaca. + +Cochenille (~Grana~). + +Obwohl Cochenille (span. ~Grana~) jetzt auch in Honduras und Guatimala +in guter Qualität erzeugt und nach Europa ausgeführt wird, so kann +man doch noch immer Mexico als die Hauptquelle für diesen wichtigen +Farbestoff betrachten. In Mexico selbst aber wird Cochenille +ausschließlich in dem Staate von Oaxaca gezogen, und wird daselbst auch +nie aufhören gezogen zu werden, wie dieses bei sehr niedrigen Preisen +in Honduras und Guatimala wohl der Fall seyn könnte, wo die Zucht +derselben bloß speculative Unternehmung von Pflanzern ist, während +sich in Oaxaca die indianische Bevölkerung ihren Unterhalt dadurch +verschafft und, bei wenig Auslagen und noch wenigeren Bedürfnissen, +den Erlös des Products, gleichsam als den Jahres-Verdienst betrachtet, +wovon sie leben muß. Die Cochenille-Zucht ist nämlich der Art, daß sie +ganze Familien Indianer, jung und alt, auf eine, ihren beschränkten +Geistes- und Körperfähigkeiten sehr zusagende, Weise beschäftigt, +weshalb sie denn auch, so lange der Artikel nur noch zu irgend einem +Preise Käufer findet, gewiß zu keiner andern Arbeit übergehen werden. +Die Pflanzer, welche die Cochenille im Tagelohn bearbeiten lassen, und +deren es in Oaxaca auch giebt, behaupten, bei Preisen unter 9½ und +10 Realen pr. ℔ nicht bestehen zu können. Die Zucht der Cochenille, +bis sie als Handelsartikel in den Markt kommt, erfordert ungefähr ein +ganzes Jahr Zeit. + +Das junge Insect wird auf den Pflanzungen in den Gebirgen geboren, da +die Temperatur und der frühe Regen im Thale der Brut nicht günstig +sind. Erst im Juli wird es von den Gebirgen gebracht, und in den +Thal-Pflanzungen auf den Naupal (Cactus) gesetzt, und sowohl gegen +Regen als gegen Sonnenhitze durch Mattendächer geschützt, welche nur +eine kurze Zeit am Morgen gelüftet werden. Auf diese Weise wird das +Insect gehegt, bis es im Monat October und November gebiert, wo alsdann +dieser Saame, wie man das junge Insect nennt, über die ganze Pflanzung +verbreitet wird. + +Das Product der ersten Aussaat schlägt man auf das Fünffache, das der +zweiten, von der Jahrszeit mehr begünstigten, auf das +Zehn+- bis ++Eilffache+ an, dergestalt, daß eine +funfzigfache+ Vermehrung des +Insects in den beiden Jahres-Abtheilungen angenommen werden kann, +wenn nicht Unglücksfälle, z. B. plötzlich eintretender Frost oder +Wegschwemmnng durch allzu heftige Regengüsse, was allerdings manchmal +geschieht, eine Aenderung darin hervorbringen. + +Das Insect wirft lebendige Jungen; manche bis zu 200 an der Zahl! wovon +jedoch viele verloren gehen. Nach der zweiten Aussaat, wo das Wetter +beständiger und zuverlässiger geworden ist, werden die Pflanzen nur +mit Busch und Laubwerk bedeckt, obgleich sie dadurch der Beschädigung +durch Regen mehr ausgesetzt sind; eine Mattenbedeckung für die ganze +Pflanzung würde aber zu theuer kommen, und eine Auslage von $ 3 für +jedes Pfund Saamen erfordern. + +Das Insect der zweiten Aussaat läßt man nicht zum Gebären kommen; +man sammelt es schon im Januar und Februar und tödtet es entweder in +kochendem Wasser oder, nach einer jetzt öfter angewandten, bessern +Methode, in heißen Oefen, wobei dem Thiere seine Farbe besser erhalten +wird. Wenn die “+Grana+” alsdann ganz getrocknet ist, wird sie gesiebt +und von allen fremdartigen Theilen gereinigt, und in +dem+ Zustande zum +Verkauf ausgeboten, wie wir sie auf den europäischen Märkten sehen. Die ++schwarze+ Cochenille, oder Zaccatilla, ist die Mutter-Grana, nachdem +sie geboren hat und eines natürlichen Todes gestorben ist. Die beste +Zeit für den Einkauf in Oaxaca sind die Monate November und December. +-- Die silbergraue Cochenille ist das Thier, wenn es vor dem Gebären +auf oben beschriebene Weise getödtet wird. + +Die Qualität hängt viel von der Sorgfalt ab, womit man das Insect +behandelt während es lebt, und von der Art und Weise des Tödtens; +jedoch haben auch allerhand Verfälschungen, besonders früher als die +Preise hoch standen, Statt gehabt, und man versucht sie auch jetzt +noch, obgleich, des niedrigen Preises wegen, minder häufig. Die +dermalen am meisten übliche Verfälschung besteht aus einer Nachahmung; +-- theils von dem Staub und Bruch, welcher aus der bessern Qualität +ausgesiebt worden ist, theils von dem Bodensatz der schon gebrauchten +Cochenille. Mit einiger Aufmerksamkeit sind aber beide Arten der +Verfälschung leicht zu entdecken, -- und noch leichter zwei geringere +Gattungen -- todte Cochenille (~Grana muerta~) und wilde Cochenille +(~Grana silvestre~) genannt, -- welche sich manchmal mit einschleichen; +-- erstere hat eine runde Gestalt und gleicht der nachgemachten, zeigt +jedoch Streifen wie die ächte Cochenille; letztere ist derselben aber +gar nicht ähnlich und hat durchaus keine gewisse und gleichmäßige +Form. Wenn, wie manchmal geschieht, die Zaccatilla (die Mutter-Grana +nach dem Gebären) gleichfalls durch heißes Wasser getödtet wird, so +bekommt sie ein schlechteres Ansehen, nämlich röthlich-schwarz und +fuchsig, und wird deshalb wohlfeiler verkauft; da diese Gattung aber +eben so viel Farbestoff enthalten soll, wie die besser aussehende, so +verdient sie die Aufmerksamkeit derer, welche für den, die Waare selbst +verarbeitenden, Fabrikanten in Europa einkaufen, indem dieser alsdann +dasselbe Quantum Farbe billiger erhält. + +Granilla nennt man die ganz kleinen Insecten und den Bruch der bessern +Cochenille; sie wird für den halben Preis und oft noch billiger +verkauft, ist aber auch in Europa nicht beliebt. + +Die ächte Zacatilla ist leichter als die silbergraue und nimmt bei +gleichem Gewicht mehr Volumen ein, sie wird daher auch schon deshalb +für den levantischen Markt, wo Cochenille nicht wie in Europa nach dem +Gewichte, sondern nach dem Maaße verkauft wird, vorgezogen. Um auch die +silbergraue möglichst leicht zu machen, wird sie vor dem Einpacken sehr +gut getrocknet. Staub kann jedoch nicht vermieden werden; denn, wenn +auch noch so rein gesiebt und noch so fest verpackt worden ist, erzeugt +er sich dennoch auf der Reise, und zwar am meisten bei den feinsten +Qualitäten, sowohl bei Zacatilla, wie bei der silbergrauen. + +Die Verpackung geschieht zuerst in leinene Säcke, dann in Matten, und +über diese wird ein Kalbfell festgenäht und geschnürt. Ein solches +Colli nennt man Serron oder (spanisch) Sebernali, und es enthält in der +Regel 8 Arroben oder 200 ℔ Cochenille. In Oaxaca wird die Cochenille +nach dem Pfund verkauft, in dem Seehafen von Vera-Cruz aber, wo +sich gleichfalls ein Markt für den Artikel gebildet hat, kauft und +verkauft man sie nach Arroben von 25 ℔ und so wird sie auch ins Ausland +facturirt. Vera-Cruz ist übrigens der für die Verschiffung dieses +Productes nach Europa am zweckmäßigsten gelegene Hafen. In Tampico +kommt es gar nicht vor und nach Acapulco an der Südsee verirren sich +nur selten einige Serronen. Das größte Quantum Cochenille, was seit +dem Jahre 1758, also seit mehr als 70 Jahren, ausgeführt worden ist, +war 1,558,125 ℔, im Jahre 1774! Der Durchschnitt von 1770 bis 1780 kann +zu 1,000,000 ℔ jährlich angenommen werden. Der Preis variirte aber in +derselben Epoche sehr, und während derselbe im Jahre 1770 bei einer +Ausfuhr von 1,000,000 ℔, auf 25 Rl. und im Jahr 1771 sogar auf 32 Rl. +pr. ℔ gestiegen war, fiel er 1774 bei 1,500,000 ℔ Ausfuhr, auf 17 Rl., +und in 1779, bei nur 800,000 ℔ Ausfuhr auf 15 Rl. pr. ℔. Die Ausfuhr +nahm nunmehr bedeutend ab und fiel im Jahr 1793 bis auf 334,250 ℔. Der +Durchschnittspreis jenes Jahres war dennoch nur 13½ Realen, und als das +Jahr darauf die Ausfuhr wieder auf 655,550 ℔ stieg, sank der Preis auf +10½ Rl. pr. ℔. Auf dieser niedern Stufe sollte aber damals der Artikel +nicht lange bleiben, und schon in 1800 stand er wieder auf 19 Rl., in +1803 auf 21 Rl. und in 1809 sogar auf 33 Rl.! Der Preis hielt sich bis +zur mexicanischen Revolution (1820/21) ungefähr auf jener Höhe, mit der +alleinigen Ausnahme des Jahrs 1813, wo seltsam genug die Ausfuhr +nur+ +178,875 ℔ betrug (der geringsten seit 1758) und der Preis auf 15 Rl. +sank; das darauf folgende Jahr war er wieder 25 Rl. + +Das seltsamste bei dieser Preis-Fluctuation ist, daß sie während einer +Zeit Statt fand, wo die Spanier das Monopol dieses Handels hatten, und +diesen, in Europa damals den edlen Metallen an Stabilität fast gleich +geachteten, Artikel in Cadiz, dem Stapelplatze desselben, immer auf +einer bedeutenden Höhe zu erhalten wußten. + +Seit der Befreiung des mexicanischen Verkehrs mit Europa war der Gang +des Handels mit Cochenille der folgende: + + +Ausfuhr+ aus dem Staat von Durchschnitts- + +Oaxaca+ fast ausschließlich preis pr. ℔ +Werth+ + nach Vera-Cruz in Oaxaca + + Pfund Seronen Reales Pesos + in 1823 408,150 oder 2041 16½ 841,809. 3 + „ 1824 377,412 „ 1887 16¾ 790,207.-- + „ 1825 394,037 „ 1970 19.-- 935,839.-- + „ 1826 357,612 „ 1788 18.-- 804,628.-- + „ 1827 610,187 „ 3051 18.-- 1,395,470.-- + „ 1828 398,187 „ 1991 14. 6 741,714.-- + „ 1829 498,862 „ 2494 13.-- 810,651.-- + „ 1830 400,438 „ 2002 12. 6 625,683.-- + „ 1831 350,000 „ 1750 11.-- 481,250.-- + „ 1832 635,075 „ 3175 9. 6 754,151.-- + +Da nun der Werth der Waare durch Einkaufs-Provision, Ausgangszoll +aus dem Staat von Oaxaca und Fracht nach Vera-Cruz, so wie ferner +durch Provision und Spesen in dem Hafen bis am Bord, an 2¼ à 2½ Rl. +pr. ℔ gesteigert wird, so kann der Durchschnittswert der Ausfuhr der +Cochenille nach Europa, für diese 10 Jahre nach der Eröffnung des +mexicanischen Handels, auf circa $ 1,000,000 im Jahr angenommen werden, +das Quantum aber zu 443,000 ℔. + + Der jährliche Durchschnitt von 1760 à 69 war 870,000 ℔ + „ 1770 à 79 „ 1,000,000 „ + „ 1780 à 89 „ 680,000 „ + „ 1790 à 99 „ 468,000 „ + „ 1800 à 9 „ 360,000 „ + „ 1810 à 19 „ 342,000 „ + „ 1821 à 32 „ 443,000 „ + +Die Production dieses interessanten Artikels hat also durch die +Revolution nicht nur nicht ab-, sondern im Vergleich mit den +vorangegangenen zwei Jahrzehnten zugenommen. + + ++Cochenille.+ + +Quantität der Exportation aus dem Staat Oaxaca, Durchschnittspreise pr. +Jahr und Total-Werth von 1758 bis 1830. + +(Aus der Exposicion des Gouvernements des Staats von Oaxaca von 1831.) + + Jahr Pfunde Seronen Preis Total-Werth + Rl. $ + 1758 675,562 3378 16. 6 1,393,346. 5 + 1759 686,812 3434 16. 6 1,416,549. 6 + 1760 1,067,625 5338 16.-- 2,135,250.-- + 1761 788,625 3943 15.-- 1,478,671. 7 + 1762 832,500 4162 14. 9 1,534,921. 7 + 1763 599,625 2998 15. 6 1,161,848. 3 + 1764 898,875 4494 19. 6 2,191,007. 6 + 1765 1,082,250 5411 18. 6 2,502,703. 1 + 1766 932,625 4663 19. 6 2,273,273. 3 + 1767 849,375 4247 19. 6 2,070,351. 4 + 1768 621,000 3105 22. 6 1,746,562. 4 + 1769 1,024,312 5122 24. 6 3,136,957.-- + 1770 1,043,437 5217 25.-- 3,260,742. 2 + 1771 1,050,187 5251 32.-- 4,200,748.-- + 1772 839,678 4198 30.-- 3,148,790. 5 + 1773 782,438 3912 25. 6 2,494,020.-- + 1774 1,558,125 7791 17. 6 3,408,398. 2 + 1775 837,000 4185 16.-- 1,674,000.-- + 1776 808,550 4043 17.-- 1,718,168. 6 + 1777 1,244,812 6224 15.-- 2,334,023. 4 + 1778 1,057,800 5289 16.-- 2,115,600.-- + 1779 842,625 4213 15.-- 1,579,921. 7 + 1780 1,385,437 6927 17.-- 2,944,054. 6 + 1781 464,625 2323 17.-- 987,328. 1 + 1782 1,035,675 5178 17.-- 2,200,809. 3 + 1783 990,000 4950 18.-- 2,247,750.-- + 1784 535,900 2679 16.-- 1,071,800.-- + 1785 537,750 2689 17.-- 1,142,718. 6 + 1786 610,875 3054 16. 6 1,259,929. 6 + 1787 451,125 2256 16.-- 902,250.-- + 1788 317,662 1588 16.-- 635,324.-- + 1789 478,125 2391 15. 6 926,367. 2 + 1790 471,150 2356 16.-- 942,300.-- + 1791 538,650 2693 16. 6 1,109,715. 5 + 1792 433,125 2166 15.-- 812,109. 3 + 1793 334,250 1671 13. 6 564,046. 7 + 1794 655,550 3278 10. 6 860,409. 3 + 1795 584,125 2921 12.-- 876,187. 4 + 1796 207,450 1037 17. 6 453,796. 7 + 1797 493,425 2467 15. 6 956,010. 7 + 1798 512,325 2562 18.-- 1,152,731. 2 + 1799 452,675 2263 19. 6 1,103,395. 3 + 1800 374,400 1872 19.-- 889,200.-- + 1801 406,012 2030 18.-- 913,528. 1 + 1802 433,550 2168 19.-- 1,029,681. 2 + 1803 559,350 2797 21.-- 1,468,293. 6 + 1804 346,500 1732 28. 6 1,234,406. 2 + 1805 191,250 956 23.-- 549,843. 6 + 1806 251,550 1258 27.-- 848,981. 2 + 1807 341,550 1708 29.-- 1,238,118. 6 + 1808 358,200 1791 29.-- 1,298,488. 6 + 1809 343,350 1717 33.-- 1,416,318. 6 + 1810 545,727 2729 29.-- 1,978,262. 2 + 1811 478,912 2395 28. 6 1,706,125. 6 + 1812 199,800 999 20.-- 499,500.-- + 1813 178,875 894 15.-- 335,390. 5 + 1814 327,937 1640 25.-- 1,024,804. 6 + 1815 283,275 1416 24.-- 849,825.-- + 1816 352,687 1763 32.-- 1,410,748.-- + 1817 315,000 1575 29.-- 1,141,875.-- + 1818 250,412 1252 28. 6 892,092. 6 + 1819 493,200 2466 27. 6 1,695,375. 5 + 1820 -- -- -- -- + 1821 311,787 1559 23.-- 896,387. 5 + 1822 433,063 2165 18. 6 1,001,457.-- + 1823 408,150 2041 16. 6 841,809. 3 + 1824 377,412 1887 16. 9 790,207. 3 + 1825 394,037 1970 19.-- 935,837. 7 + 1826 357,612 1788 18.-- 804,628. 1 + 1827 610,187 3051 18.-- 1,395,420. 6 + 1828 398,187 1991 14. 6 721,714. 7 + 1829 498,862 2494 13.-- 810,651. 4 + 1830 400,438 2002 12. 6 625,683. 5 + 1831 350,000 1750 11.-- 481,250.-- + 1832 635,075 3175 9. 6 754,151. 4 + + ~Ao.~ 1820 fehlt aus Mangel an Daten. + + ++Calculation+ + +des in Bordeaux einstehenden Werths der +Cochenille+, wenn in Oaxaca zu +10 Rl. pr. ℔ eingekauft. + + 10 Seronen zu 8 Arroben oder 200 ℔ ~netto + jede~, sind 2000 ℔ à 10 Rl. $ 2500.-- + Ausfuhrzoll aus dem Staat von Oaxaca à $ 3. „ 300.-- + Einschreibe-Gebühren „ 10. 6 + Wägen und reinigen ~à~ 6 Rl. „ 7. 4 + Packen in Säcke und Häute ~à~ $ 4 „ 40.-- + Courtage und Lagermiethe 1 pCt „ 25.-- + Einkaufs-Provision 5 pCt. „ 125.-- + ----------- + $ 3008.-- + + Fracht von Oaxaca nach Vera-Cruz ~à~ $ 15 + pr. Carga (2 Seronen) „ 75.-- + Verschiffungs-Kosten in Vera-Cruz ~à~ 12 Rl „ 15.-- + Provision im Hafen 2½ pCt. auf $ 3200 „ 80.-- + ----------- + $ 3178.-- + =========== + + Diese $ 3178 -- 60 Tage Sicht auf Frankreich + gezogen zu 5 Fr. macht Fr. 15891.25 + Fracht von Vera-Cruz nach Bordeaux zu $ 6 + mit 10 pCt. pr. Serone „ 330.-- + Assecuranz auf 17000 Fr. zu 2 pCt „ 340.-- + Kosten im Hafen von Bordeaux „ 90.-- + ------------- + Fr. 16651.25 + +2000 ℔ ~netto~ in Oaxaca ergeben 1800 ½ Kilogr. in Bordeaux; diese +dividirt in Fr. 16651.25 -- macht 9 Fr. 25 Cent. pr. ½ Kilogr. + + + + +Ausfuhr von Mexico im Allgemeinen + +und Taback und Kaffee insbesondere. + + +Das Haupt-Tauschmittel Mexico’s in seinem Verkehr mit Europa, Nord- und +Süd-Amerika ist +Silber+ und etwas +Gold+. -- Man kann die +jährliche+ +Ausfuhr von beiden edlen Metallen aus allen Häfen der Republik in +gemünztem und ungemünztem Zustande zu circa fünfzehn Mill. Dollars +annehmen. -- Die Ausfuhr in ungemünztem Zustande, d. h. in Barren (wenn +erlaubt, was nicht immer der Fall) ist vortheilhafter als in gemünztem, +ungeachtet die Ausgangs-Rechte aus Barren 7 pCt. sind, während +gemünztes Silber nur 3½ pCt. und gemünztes Gold nur 2 pCt. zahlt. + + * * * * * + +Die nächstwichtige Ausfuhr von Mexico ist sodann Cochenille, deren +Werth, wie die vorangehende Uebersicht ausweis’t, auf Eine Million +Dollars im Jahr veranschlagt werden darf. + + * * * * * + +Die sonstige +Waaren+-Ausfuhr ist, besonders an der Ostküste, bis +jetzt noch sehr geringe. Von den Häfen an der Westküste wird nicht +unbedeutend Zucker nach Chili ausgeführt, und Californien liefert +ein beträchtliches Quantum von gesalzenen Ochsenhäuten und schönes +Pelzwerk, wie Bären-, See-Otter- und andere Felle, aber die Häfen +an der Ostküste haben bis jetzt, Cochenille ausgenommen, keine +andere Waaren-Ausfuhr als etwas Xalapa, Sassaparilla, Vanille +und Tabasco-Pfeffer, deren Gesammt-Werth einige hundert tausend +Dollars im Jahr wohl nicht übersteigen dürfte. Dennoch theile ich +die Ansicht nicht, daß Mexico zur Ausfuhr tropischer Erzeugnisse +(Colonial-Producte) sich deshalb nicht eigne, weil z. B. die +Weg-Verbindungs-Mittel im Lande zu schwierig und der Transport nach der +Küste mithin zu theuer wäre, sondern bin der Meinung, daß dies nur auf +einige, von den Häfen sehr entlegene Theile der Republik anwendbar sei, +und daß die nach dem Meere hin gelegenen Staaten, insbesondere jener +von Vera-Cruz, bei zunehmender Bevölkerung und dadurch vermehrten Anbau +des so überaus fruchtbaren Bodens, dereinst eine große Rolle in der +Ausfuhr von Colonial-Waaren spielen werden; namentlich in +Taback+ und ++Kaffee+. + ++Taback+, welcher hauptsächlich in der Gegend von Orizaba und Cordova +gezogen wird, war bisher ein Monopol der Regierung, welche den +ausschließlichen Aufkauf und Debit des Artikels in der ganzen Republik +an eine Actien-Gesellschaft verpachtete und bedeutende Revenüen davon +zog, die freie Entwickelung der Cultur dieser Pflanze aber auch, wie +natürlich, dadurch hemmte. Die Gesellschaft lös’t sich aber nun auf und +der Anbau des Tabacks soll freigegeben werden. -- Geschieht dies, so +wird eine bedeutende Concurrenz eintreten und der Preis des Artikels +wird hinlänglich fallen, um eine Nutzen gebende Ausfuhr möglich zu +machen. Die Qualität dieses +Blätter-Tabacks+ ist mitunter sehr schön +und dem besten Havanna völlig gleichkommend. Die Fracht von Orizaba +nach dem Hafen von Vera-Cruz ist nur ein Dollar pr. Centner, und +Ausgangs-Zoll haftet auf keinem der Ackerbau-Producte des Staats. + ++Kaffee+ wächst meistens in der Nähe von Cordova; die Qualität ist +gut; die Bohne ist klein, grünlich von Farbe und rein von Geschmack; +-- auch die kleine runde Mocca-Bohne hat man hierher verpflanzt, doch +kommt davon wenig an den Markt. -- Obwohl nun an Kaffee nicht mehr +producirt als im Lande consumirt wird, so sind doch von Zeit zu Zeit +kleine Partheien davon von Vera-Cruz ausgeführt worden, meistens nach +New-York, wo man die Qualität liebt. Der Preis war im Jahr 1832 10 +~à~ 11 $ der Centner ab Vera-Cruz, wobei der Pflanzer, wenn er eine +ergiebige Plantage im Gange hat, wie die nachstehende Aufstellung +zeigt, sehr schön verdient. + +Ich verdanke diese Berechnung einem unserer Landsleute, der vor 6 +Jahren zwischen Jalapa und Cordova, mit anfänglich sehr beschränkten +Mitteln eine Kaffee-und Zucker-Plantage angelegt hat, und sich jetzt +außerordentlich gut dabei steht. -- An der Richtigkeit der Preise und +Werth-Angaben dieser Calculation dürfte also wohl nicht zu zweifeln +seyn. + + +Berechnung des einstehenden Preises von Kaffee bei freier Arbeit. + + Ausgesuchtes Land für 100,000 Kaffee-Bäume, + 500 Tareas ~à~ 900 ☐ Varas jede, würde ungefähr + kosten $ 1000.-- + Kosten der Bearbeitung: + 500 Tareas Unterholz zu fällen ~à~ 3 Rl. $ 187. 4 + „ „ Hochwald „ ~à~ 1 $ „ 500.-- + „ „ aufzuräumen ~à~ 6 Rl. „ 375.-- + --------- + „ 1062. 4 + + Das +erste+ Jahr braucht dieses Land sechs Reinigungen, + jede Tarea ~à~ 3 Rl. sind + 500 Tareas ~à~ 18 Rl. $ 1125 + Pflanzen und nachpflanzen „ 100 + Aufseher ~à~ 4 Rl. pr. Tag „ 200 + Mais-Saamen „ 50 + -------- + Im ersten Jahr wird producirt $ 1475 + als Mittelschlag, 300 Cargas + +Mais+ ~à~ $ 3 $ 900 + Ab Erndte, Einbringen etc. „ 150 + ------- „ 750 + ------- „ 725.-- + Im +zweiten+ Jahr sind abermals sechs + Reinigungen erforderlich, wie oben $ 1125 + Pflanzen und nachpflanzen „ 100 + Aufseher ~à~ 4 Rl. täglich „ 200 + +Frijolen+-Saamen „ 50 + -------- + Producirt dieses Jahr: 125 Cargas $ 1475 + +Frijolen+ ~à~ 8 $ $ 1000 + Ab Erndte, Einbringen etc. „ 150 + ------ „ 850 + -------- „ 625.-- + + Das +dritte+ Jahr hat dieselben Ausgaben und + Einnahmen wie das zweite, also Ueberschuß der + Kosten „ 625.-- + + Das +vierte+ Jahr producirt nun schon +Kaffee+ und zwar + wenigstens 100,000 ℔, und erfordert folgende Ausgaben: + + Fürs Abpflücken 2 Rl. pr. Arroba (25 ℔) + „ Reinigen 1 „ „ + „ Umwenden 1 „ „ + ------ + 4 Rl. pr. Arroba sind für 1000 Ctr. „ 2000.-- + Die sechs Reinigungen bleiben dieselben wie in + den frühern Jahren „ 1125.-- + Aufseher ~à~ 4 Rl. pr. Tag „ 200.-- + Eine Kaffee-Reinigungs-Maschine wird nun nothwendig + und kostet, von Nordamerika bezogen „ 400.-- + ----------- + Total $ 7762. 4 + +Hierfür besitzt nun der Pflanzer im vierten Jahr 100,000 ℔ Kaffee, und +will er mit diesen seine Anlage +ganz frei+ machen, so muß er dafür +in Vera-Cruz, bis wohin ihn der Ctr. 1 $ Fracht und 1 $ Emballage und +sonstige Spesen kostet, -- 10 $ pr. Ctr. erhalten. + +Das +fünfte+ Jahr producirt ihm aber seine Plantage wenigstens das +Doppelte, sage 2000 Ctr. +Kaffee+. + + Diese kosten ihn fürs Einsammeln u. s. w. nach + obigem Ansatz von 4 Rl. pr. Arroba $ 4000.-- + Die mehrerwähnten jährlichen Reinigungen „ 1125.-- + Fracht, Emballage und Spesen bis Vera-Cruz wie + oben, ~à~ $ 2 pr. Ctr. für 200 Ctr. „ 4000.-- + ----------- + $ 9125.-- + +macht den Ctr. 4½ $ ab Vera-Cruz! + +Die darauf folgenden Jahre versprechen alsdann noch vortheilhafter zu +werden. -- Die Kosten sind hier aufs höchste und die Production aufs +niedrigste veranschlagt! + + + + +Münz-Sorten. + + +Die in Mexico gangbaren Münz-Sorten sind: + +~a.~ +Gold in Unzen+, (~onzas~) vom Gewicht von 17 ~dwt.~ und 8 ~gr.~ +1000 Stück wiegen mithin 866 Unzen. + +Der Silber-Werth einer Unze ist ~al pari~ 16 Pesos. Da nun ein +Peso+ +einer +Unze+ im Gewicht ganz gleich ist, so constatirt dies das +relative Verhältniß von Gold zu Silber in Mexico wie 1 zu 16. + +Wenn Gold gesucht wird, was in Mexico wie anderwärts häufig der Fall +ist, so steigen die +Unzen+, und ich habe sie auf 17 $ 2 ~à~ 4 Rl. +Silber gekannt. + +Es werden sodann auch ½, ¼, ⅛ und ¹⁄₁₆ Unzen geprägt; von letzteren +sind aber nur wenige im Umlauf. + +~b.~ +Silber.+ Pesos (Dollars) gleichfalls 17 ~dwt.~ und 8 ~gr.~ +wiegend, oder 1000 Stück auf 866 Unzen Gewicht. + +Die Unterabtheilung eines Peso ist 8 Reales. Halbe Pesos giebt es +nicht, dagegen viele viertel Pesosstücke, Pesados genannt, sodann +Reales und Medios, oder halbe Reales, so wie Cuardillos oder viertel +Reales, von letztern aber nur wenige. + +~c.~ +Kupfer+ sollte nur als Scheide-Münze im Lande coursiren, ist aber +in der letzten Zeit während den Geld-Verlegenheiten des Gouvernements +in so großer Menge geprägt worden, daß es in den Großhandel +eingedrungen und darin so lästig geworden ist, daß man es oft mit 2 +bis 3 pCt. Verlust los zu werden versucht hat. Kupfer-Geld wird im +Großhandel nie gezählt, sondern in Säcken von 100 $ Werth, nur dann und +wann gewogen. Auch die Silber-Zahlungen werden in Säcken von der runden +Summe von 1000 $ gemacht; diese heißen dann Talegas, doch werden sie in +der Regel nachgezählt, und nur allenfalls bei ganz großen Verhandlungen +und bei genauer Bekanntschaft der Partheien, bloß nachgewogen. + ++Papier-Geld+ existirt bis jetzt noch keins in Mexico; es ist jedoch +schon mehrmal die Rede von einer National-Bank gewesen, und es dürfte +wohl ein solches Institut in nicht gar langer Zeit ins Leben treten und +durch Ausgabe eines gut fundirten Papier-Geldes dazu beitragen, den +hier so sehr hohen Zinsfuß zu ermäßigen. Jetzt wird oft von den ersten +und solidesten Häusern Geld zu 2 bis 3 pCt. pr. Monat aufgenommen, und +das Gouvernement hat, unter Sanction des National-Congresses, Anleihen +zu dem enormen Zinsfuß von 5 pCt. pr. Monat abgeschlossen. + + + + +Maass und Gewicht. + + +Das Gewicht in Mexico ist das Castilianische, den +Quintal+ oder +Centner zu 100 ℔ oder 4 Arrobas, jede zu 25 ℔, gerechnet. + +An der Douane werden 104 ℔ englisch und 45½ Kilogr. französisch Gewicht +für 100 ℔ mexicanisch angenommen, was jedoch nicht ganz richtig ist, +indem es heißen müßte, 100 ℔ englisch sind = 96 ℔ mexicanisch u. s. w. + ++Carga+ ist die von einem Esel (~burro~), Maulthier (~Mula~), oder +Pferd (~Caballo~) getragene Last, und bezeichnet ein Gewicht, nach dem +mehreres ge- und verkauft wird, und nach welchem auch insbesondere +die Frachten bestimmt werden, aber es existirt keine feste Norm +dafür und wechselt nach Maaßgabe der Thierart, Stärke der Thiere und +Beschaffenheit der Wege. Man kann das Minimum des Gewichts einer Carga +auf 300 ℔ und das Maximum auf 400 ℔ anschlagen. + + * * * * * + + Das allgemein eingeführte Längen-Maas ist die castilianische Vara, + welche am Zoll im folgenden Verhältniß zu den fremden Messungen + angenommen und verrechnet wird: + + 100 englische Yards = 108 Varas + 100 französische Aunes = 140 „ + 100 brabanter Ellen = 81 „ + 100 jetzige ~aunes des pays bas~ oder + französische Metres = 116 „ + 100 Bremer Legge oder doppelte Ellen = 140 „ + 100 Wiener Ellen = 92 „ + 100 Berliner Ellen = 78½ „ + 100 Breslauer Ellen = 69½ „ + 100 Hamburger Ellen = 67½ „ + 100 Leipziger Ellen = 66⅔ „ + + * * * * * + +Das Maas der Flüssigkeiten wird am mexicanischen Zoll nach dem Gewicht +berechnet und ist nach diesem besteuert. Der Inhalt von 12 gewöhnlichen +Flaschen Wein wird dabei auf ¾ Arrobas veranschlagt; das sogenannte +Baril Branntewein auf 5 Arrobas, das Baril Wein oder Essig auf 5½ +Arrobas, mit einem Nachlaß von 10 pCt. für Leckage. + + + + +Der mexicanische Tarif. + + +Der Grundsatz nach welchem die Besteuerung der zur Einfuhr in Mexico +erlaubten Waaren stattfindet, ist 40 pCt. vom dortigen Werth und es +heißt deshalb auch in den Bestimmungen des Tarifs, daß alle darin +nicht benannten Waaren im Hafen geschätzt und hierauf 40 pCt. erlegt +werden sollen. Der Tarif ist indessen sehr ausführlich, und bezeichnet +fast alle Einfuhr-Artikel bei Namen, mit genauer Bestimmung des darauf +fallenden Zolls. + +Hieraus entsteht nun eine große Ungleichheit in der Besteurung, viele +Artikel bezahlen weit weniger als 40 pCt. von ihrem Werthe, andere +bedeutend mehr. + +Der Tarif ist für alle Theile der Republik derselbe, mit Ausnahme +des Staates von Yucatan und der beiden Californien, welche der +Eigenthümlichkeit ihrer Lage wegen nur ⅗ der eingehenden Rechte +entrichten; wenn jedoch von da aus Waaren nach den andern Theilen der +Republik versandt werden, so müssen die fehlenden ⅖ der vollen Rechte +schon bei der Verschiffung im Hafen nachbezahlt werden. + +Niederlagen für die Wiederausfuhr, oder Rückzölle bei derselben, +gestattet das mexikanische Zollsystem keine. -- Alle eingeführten +Waaren müssen den vollen Zoll erlegen, und man bekommt davon bei +der Wiederausfuhr nichts zurück. Die mexicanischen Häfen erhalten +mithin auch keine andere Zufuhren, als die für den Consum des Landes +berechneten. + + +Verboten+ für die Einfuhr sind: + +Zucker, Kaffee, Chocolade (Cacao ist erlaubt), Reis, Getreide, Mehl +(letzteres ist zur Einfuhr nach Yucatan erlaubt), geräuchertes und +gesalzenes Fleisch, Salz, Taback und Cigarren; Brantewein der nicht ans +Trauben gewonnen wird, mit Ausnahme von Genever, dessen Einfuhr erlaubt +ist; verarbeitetes Wachs, Seife und Talg, Blei und Kupfer, Stiefel +und Schuhe und Sattelwerk, so wie alles was aus Leder gearbeitet ist; +-- fertige Kleidungsstücke, Nähgarn unter No. 20, wollene Decken; +ordinaires Tuch, gemeines Theegeschirr, Schnüre und Tressen u. dgl. m. + +Diese Verbote rechtfertigt man dadurch, daß die enumerirten Artikel im +Lande selbst erzeugt und angefertigt würden. + + +Frei von allen Abgaben+ bei der Einfuhr sind: + +Gedruckte Bücher, geographische Charten, Maschinen und Instrumente +für Künste und Wissenschaften, Ackerbau und Bergbau; gedruckte oder +geschriebene Musik und Schieferschreibtafeln mit hölzernen Rahmen +für Schulen, Quecksilber, Häuser von Holz, Schiffe und Fahrzeuge zur +Nationalisirung und Verkauf, ausländische Pflanzen und deren Sämereien, +ausländische Thiere und endlich englisches Wundpflaster. + ++Ausfuhr-Verbote+ enthält der mexicanische Tarif, mit Ausnahme +des Samens oder der Brut der Cochenille, keine, denn das Verbot der +Ausfuhr der edlen Metalle im ungemünzten Zustande, ist schwankend, und +wird häufig suspendirt und aufgehoben. Alle Landesproducte gehen ganz +frei aus und nur die edlen Metalle bezahlen an ausgehenden Rechten das +Folgende: + + +Gold+, in gemünztem oder verarbeitetem Zustande 2 pCt. + +Silber+, in demselben Zustande 3½ „ + „ in ungemünztem Zustande, d.h. in Barren 7 „ + +Außerdem werden aber auch noch 2 pCt. Circulations-Rechte bei der +Versendung von Comptanten aus dem Innern nach der Küste erhoben, +dergestalt, daß der mexicanische Dollar oder Peso gar viele Abzüge +erleidet ehe er in Europa zur Realisation kommt, nemlich: + + 1) 1 pCt. mehr oder weniger, Spesen der Conducta bis in den Hafen + 2) 2 „ Circulations-Rechte + 3) ¾ „ Provision und Spesen im Hafen + 4) 3½ „ Ausgangs-Rechte + 5) 1¼ „ Seefracht und Spesen bis in die Bank von England + 6) 1⅜ „ Assecuranz und Stempel + 7) ¾ „ Provision, Courtage und Spesen beim Verkauf + ----------- + 10⅝ pCt. + + Der Brutto-Werth des Dollars in England ist + beim Preis von 57 ~d.~ pr. Unze 49¼ ~à~ ⅜ ~d.~ + Hiervon ab 10⅝ pCt. Kosten 5¼ ~d.~ + Bringt die Parität des +Wechsel+-Courses mit der + +Baarsendung+ von Mexico auf London, auf 44-- ~à~ ⅛ ~d.~ + und von Vera-Cruz, wo 1, 2, 3 der Spesen + wegfallen, auf 45¾ ~à~ ⅞ ~d.~ + + + + +Berg-Bau und Silber-Gewinnung + +in Mexico. + + +Es ist notorisch, daß der Boden Mexico’s unerschöpfliche Massen der +edlen Metalle, namentlich des +Silbers+, enthält. Minder bekannt +dürfte seyn, daß eine große Verschiedenheit in dem Gehalt der Erze, +welche man aus der Erde gräbt, obwaltet, und daß, während man z. B. +in der Provinz Sonora Gruben hat, in welchen man fast gediegenes +Silber findet, es in anderen Gegenden Bergwerke giebt, die zwar an +Erzen sehr ergiebig sind, welche in Europa, wo man durch vollendete +Schmelzproceduren auch den kleinsten Silber-Gehalt aus dem Erze zu +ziehen versteht, für reich gelten würden, die aber in Mexico, der +unvollkommenen Zugutemachungs-Anstalten wegen, völlig werthlos sind +und mithin unbenutzt bleiben; denn wenn die im Erz enthaltene Mark +Silber mehr zu extrahiren kostet, als sie in der Münze werth ist, +so setzt man natürlich eine solche Operation auf die Dauer nicht +fort, man vernachlässigt mithin alle Werke, deren Erze nicht genug +reichhaltig sind, die kostspielige Extrahirung durch die Amalgamation +mit Quecksilber zu ertragen, und selbst dann noch einen Ueberschuß zu +liefern, wenn durch diese Procedur, wie stets der Fall, 40 bis 50 pCt. +Silber verloren gegangen sind. + +Bittere Erfahrungen sind in dieser und anderer Beziehung von den +europäischen und nordamerikanischen Minen-Spekulanten gemacht worden, +man hat theils die Verhältnisse des mexicanischen Bergbaues nicht +gehörig erkannt, theils Mißgriffe in der Wahl der Bergwerke und +ihrer Dirigenten gemacht, und ist in keinem einzigen Fall mit der +nöthigen Oeconomie zu Werke gegangen. Ganz besonders aber hat man es +darin versehen, daß man sich durch glänzende Namen, früher freilich +ergiebiger, aber nun ins Stocken gerathener und zum Theil ersoffener +Gruben, täuschen ließ, und enorme Summen Geldes für die Erlaubniß, +sie zu bearbeiten, an die Eigner, welche sie bereits als verloren +betrachteten, bezahlte, statt in andern Revieren jungfräuliche Gruben +aufzusuchen, die man umsonst hätte haben können. Viele Unternehmungen +sind daher auch nach vergeblich verausgabten +Millionen+ gänzlich +aufgegeben, andere von ihrem ursprünglich über die Maaßen ausgedehnten +Umfange auf einen engen Kreis zurückgeführt worden. + + +Zu diesen letzteren gehört der uns am nächsten stehende + +Deutsch-Amerikanische Bergwerks-Verein, + +welcher jetzt nur noch die Gruben im Mineral von Anganguco betreibt, +und alle die kostspieligen, gemeinschaftlichen Unternehmungen mit +Revilla -- worauf Hunderttausende verwandt worden -- als Verlust +bringend, aufgegeben hat. Aber auch Anganguco würde, da die +hauptsächlichsten Gruben, Purissima und Valenciana, nur arme Erze +liefern, nicht fortgebaut werden können, wenn nicht, durch einen +äußerst geschickten und wissenschaftlich gebildeten, deutschen +Schmelzer, einen Herrn Franz Schmitz aus Stift Keppel bei Siegen, +eine so vervollkommte Schmelzmethode auf den Werken des D. A. +Bergwerks-Vereins zu Anganguco eingeführt worden wäre, daß jetzt aus +diesen armen Erzen die Mark Silber zu 3¼ Pesos extrahirt wird, während +sich früher die Kosten des Schmelzens auf 10 bis 12 Pesos pr. Mark, +also auf mehr als den Werth des Silbers, beliefen, die Erze somit gar +nicht benutzt werden konnten. Die Amalgamation kam aber durch den +enormen Silber-Verlust von 60 pCt. (bei so armen Erzen) noch höher zu +stehen. + +Man kann also gewissermaßen dieser vervollkommten Schmelzmethode des +besagten Herrn Schmitz die Rettung des Unternehmens zuschreiben, +wenn, wie zu hoffen steht, diese durch die zweckmäßigen Einrichtungen +des Herrn Bevollmächtigten Schleiden nunmehr überhaupt bewirkt ist. +Ohne eine solche, verbesserte und verwohlfeilte Schmelzmethode, würde +die große Erz-Ergiebigkeit der Grube Purissima dem Verein von keinem +Werth seyn, und auch dieses letzte Werk desselben hätte aufgegeben +werden müssen, während nunmehr Aussicht vorhanden ist, daß, bei der +stattfindenden Vermehrung der Schmelz-Oefen nach der Schmitzschen +Methode, ein hinlängliches Quantum von Silber +mit Nutzen+ gewonnen +werden wird, um dem Verein endlich eine nachhaltige Ausbeute zu +verschaffen. + +Die mehrerwähnte vortreffliche Schmelzmethode, welche Herr Schmitz +im April-Heft 1832 im ~Registro Trimestre~ in Mexico bekannt gemacht +und genau beschrieben hat, zog denn auch bereits die Aufmerksamkeit +anderer Bergwerks-Besitzer in Mexico auf sich, und dürfte leicht +eine bedeutende Revolution in der Silber-Production von Mexico zur +Folge haben, indem eines Theils der große, Niemanden zu Gute kommende +Silber-Verlust bei der Amalgamation dadurch vermindert und mithin +für die Production im Allgemeinen gewonnen werden würde, und andern +Theils die jetzt gänzlich werthlos erachteten und mithin, weder durch +Amalgamation, noch auf dem Wege der Schmelzung benutzten Erze mit in +die Silber-Production hinein gezogen und diese also sehr vermehrt +werden könnte. + +Ein vortheilhafteres, gewinngebenderes Unternehmen als ein +Schmelz-Etablissement nach der Schmitz’schen Manier, in einem +Mineral, wo viele arme Erze zu Tage gefördert werden, welche die +Mexicaner nicht zu Gute zu machen verstehen, dürfte es denn auch +nicht leicht geben, und es würde den unberechenbaren Vortheil über +jede Bergwerks-Unternehmung haben, daß dabei von keiner Ungewißheit ++unter+ der Erde, von keinen illusorischen Hoffnungen, von keinem ++Glückauf+! die Rede wäre. Ein solches Schmelz-Geschäft würde ein rein +mercantilisches Unternehmen seyn; die Erze würden dabei nicht aus dem +Schooß der Erde geholt, sondern erst wenn sie bereits über derselben +liegen, gekauft, geschmolzen und mit dem darauf gemachten Gewinn in der +Münze realisirt werden, und zwar, wo nicht wöchentlich, doch monatlich. + +Angenommen, daß die Schmelz-Vorrichtung in einem der zahlreichen, mit +Kohlen und Wasser hinreichend versehenen, Reviere angelegt würde, in +welchen von den vielen eingebornen kleinern Bergleuten stets arme Erze, +von 7 ~à~ 9 Unzen Silber in der Carga von 300 ℔, genug gewonnen werden, +welche sie jetzt gerne zu 1 Peso die Carga verkaufen, so wäre folgendes +die Berechnung: + +Die Schmelz-Oefen und Vorrichtung für einen Betrieb von +nur+ 150 +Cargas die Woche veranschlagt, erfordert ein Capital von 10 ~à~ 12000 +Pesos. + + Ankauf von 150 Cargas Erze ~à~ $ 1, oder möglicherweise + bei vermehrter Nachfrage 1¼ ~à~ 1½ $, sind + pr. Woche ~à~ 1½ $ $ 225 + Das Schmelzen, nach den vorliegenden Erfahrungen, + 3¼ $ pr. Carga „ 487½ + ---------- + $ 712½ + Jene 150 Cargas Erze liefern 150 Mark Silber, + ~à~ 8¼ $, als Preis in der Münze „ 1237½ + ------------- + wöchentlicher Ueberschuß $ 525 + monatlich zu realisiren mit $ 2100, oder jährlich mit $ 25,200. + +Da in den Schmelzkosten von 3¼ $ pr. Carga alle Kosten und Löhne +mit einbegriffen sind, so wäre von diesem +großen Gewinn+ nur das +Gehalt des dirigirenden Schmelzers abzuziehen, der jedoch zugleich +Bevollmächtigter und Betheiligter bei der Sache seyn müßte. Einem +solchen Unternehmen könnte natürlich eine noch weit größere Ausdehnung +gegeben werden, und eine hierauf sich bildende Actien-Gesellschaft +dürfte gewiß seyn, bessere Geschäfte zu machen, als die bisherigen +Bergwerks-Vereine. + ++Aehnliches+ besteht übrigens bereits schon in Mexico, unter der dort +sehr bekannten Benennung von Rescate-Geschäft; die Rescadores kaufen +in den verschiedenen Revieren den Bergleuten die Erze so wohlfeil ab, +wie sie können, und machen sie, theils durch Amalgamation, theils +durch Schmelzung zu Gute, und finden dabei zwar ihre Rechnung, jedoch +nur spärlich, da sie bei ihrer unvollkommenen Verfahrungsweise nur +die +reicheren+ und mithin theureren Erze gebrauchen können, und auch +diesen nicht so viel Silber abgewinnen, als die deutsche Methode aus +den +armen+ Erzen zieht. + + * * * * * + +Trotz aller Unvollkommenheiten des mexicanischen Bergbaus, fördert +derselbe dennoch alljährlich mehr als 15 Millionen Pesos in Silber und +Gold zu Tage, und Mexico führt diese auch aus! -- hauptsächlich durch +die Packetfahrt nach England, wohin in der Regel auch Deutschland +und Frankreich ihre Retouren in Geld gehen lassen, weil directe +Verschiffungen +für Comptanten+ nach deutschen und französischen Häfen +selten sind; nächstdem wird viel Geld nach Nordamerika versandt, +sowohl von Vera-Cruz nach New-York, wie insbesondere von Tampico +nach New-Orleans; endlich wird dann auch noch viel Silber, Gold und +Goldstaub (letzteres aus den reichen Minen von Sonora) über die Häfen +von St. Blas und Acapulco an der Westküste ausgeführt, dergestalt, +daß die genannte Summe der Gesammt-Ausfuhr an edlen Metallen aus der +Republik Mexico nicht zu hoch erscheint; auf die englischen Packete +allein fallen davon bekanntlich circa 8 ~à~ 10 Millionen Pesos im Jahr. + +Von allen Häfen der Republik führt anjetzo Tampico das meiste Silber +aus. Dorthin dirigiren sich nämlich die reichen Conducten von +Guanaxuato, Zaccatecas, St. Luis Potosi u. s. w., und es sammelt sich +häufig mehr Geld im Hafen, als das englische Packet, welches gesetzlich +auf eine Million Pesos beschränkt ist, auf einmal einnehmen kann. + +Vera-Cruz erhält die Comptanten, zur Verschiffung ins Ausland, +hauptsächlich durch die Conducten von Mexico, Puebla, Oaxaca u. s. w., +zusammengenommen aber weniger als Tampico. + +Die Gesetze über die Silber- und Gold-Ausfuhr aus Mexico haben oft +darin geschwankt, daß die Ausfuhr in Barren, d. h. im ungemünzten +Zustande, bald erlaubt bald verboten war. Geprägte Dollars zahlen 3½ +pCt. Ausgangsrechte; Silberbarren dagegen 7 pCt., und man glaubte +in diesen additionellen 3½ pCt. eine hinlängliche Entschädigung für +die Nichtbenutzung der Münz-Anstalten im Lande zu erhalten. Das +Gouvernement fand aber bald, daß die Münz-Etablissements hierunter +allzusehr litten, und fast ganz unbeschäftigt blieben; die Ausfuhr von +Silber, in anderer als gemünzter Gestalt, ward daher wieder verboten. +Jetzt scheint man aber einen Mittelweg einschlagen und ausnahmsweise +denen Minen-Districten, welche allzuweit von einem Münz-Etablissement +entfernt liegen, die Silber-Ausfuhr in Barren gestatten zu wollen. + + * * * * * + ++Die Münze in der Hauptstadt Mexico+ ist ein schönes, großartiges und +gut administrirtes, von dem Gouvernement in finanzieller Hinsicht +gänzlich unabhängiges Etablissement, und diese Unabhängigkeit ist +unter andern, während der Revolution von 1832, von allen Parteien, +selbst unter den größten Geld-Verlegenheiten, respectirt worden! Die +an der Spitze stehenden Männer sind in ihrem Fache wissenschaftlich +gebildete Leute, und es herrscht in allen Zweigen der Münze die größte +Ordnung und Pünktlichkeit. Man prägt in derselben nicht allein Gold +und Silber, sondern auch viele Kupfer-Münzen, letztere fast alle für +Rechnung der Regierung, die ein Gesetz erlassen hat, daß in allen +Zahlungen ein Drittheil in Kupfergeld angenommen werden solle, da dies +nun in Wechsel-Geschäften nicht wohl ausführbar ist, so verliert das +Kupfergeld im Groß-Handel oft 2 bis 3 pCt. + +In Guanaxuato hat, mit Genehmigung des Staats, eine englische +Gesellschaft ein Münz-Etablissement errichtet, welches gut rendiren +soll, und dem Minen-Besitzer den Vortheil und die Annehmlichkeit +bietet, daß ihm gleich bei Einlieferung des Silbers der genaue +Gegensatz in gemünzten Dollars ausbezahlt wird, während man in der +Münze zu Mexico, zwei, drei, ja oft vier Wochen warten muß, ehe +man das gemünzte Geld gegen die eingelieferten Silberbarren wieder +erhält; sind nun gar die Barren goldhaltig, so dauert es oft Monate, +ehe die Münze den Gegensatz dafür wieder giebt, da man für diese +Ausscheidungs-Operation stets erst ein gewisses Quantum abwartet. + +Diesem Uebelstande in der Münze ist es wohl zuzuschreiben, daß ein +Franzose ein Privat-Etablissement für die Gold- und Silber-Scheidung +durch chemische Procedur errichtet hat, was guten Fortgang haben soll. + + + + +Banco de Avio. + +(Industrie-Belebungs-Bank.) + + +Mag es immer wahr seyn, daß Mexico in seiner Cultur noch weit zurück +ist, und in der fortschreitenden Entwickelung seiner Civilisation durch +die, leider nur allzuhäufigen, innern Unruhen sehr gehemmt wird, so +kann es doch dem Auge des vorurtheilsfreien Beobachters nicht entgehen, +daß, seit der Emancipation des Landes vom spanischen Joche, ungeheure +Fortschritte in der Aufklärung gemacht worden sind, und daß sich +überall ein Streben kund thut, die Nation auf eine höhere Stufe der +Ausbildung zu führen. Die mitunter zum Erstaunen ausführlichen Berichte +der verschiedenen Ministerien des Innern, der Finanz, Justiz u. s. w., +welche gesetzlich jedes Jahr den Kammern vorgelegt und dann durch den +Druck veröffentlicht werden, liefern schöne Beweise von dem bereits +Geschehenen und von dem guten Willen mehr zu thun! Ich habe jene +Berichte vom Jahre 1832 vor mir liegen, und finde darin vieles was kein +europäisches Gouvernement zu adoptiren Anstand nehmen würde. Besonders +erfreulich sind aber dabei die Unterstützungen, welche, obgleich +freilich noch nicht in hinlänglichem Maße, den Civil-Institutionen und +Unternehmungen zugewandt werden; denn wenn auch, wie nicht zu läugnen, +dabei hier und da Mißgriffe stattfinden, so tragen solche Bestrebungen +doch stets dazu bei, Licht zu verbreiten, Ideen zu wecken und zu +berichtigen, kurz das Ganze vorwärts zu bringen. + +Hierher gehört besonders die vielbesprochene ~Banco de Avio~ +(Industrie-Belebungs-Bank), eine Schöpfung des Ministers Alaman, welche +von seinen zahlreichen Widersachern häufig scharf getadelt worden ist, +die ich aber in ihrer Theorie vollkommen billige und mithin auch den +gemachten großartigen Versuch in Schutz nehme, ohne darum gerade jede +einzelne Verhandlung der Bank gutheißen zu wollen. + +Die Idee im Allgemeinen spricht mich aber sehr an! Alaman dachte, und +wie mich dünkt mit Recht, da bereits aus mehreren Punkten der Republik +ein gewisser Grad von Fabrik-Industrie existire, so würde die Anlage ++von Normal-Anstalten+ dazu beitragen, die Zahl z. B. der Spinnereien +und Webereien u. s. w. zu vermehren, und Kenntnisse des Auslandes +heranziehen, welche die Verarbeitung derjenigen rohen Producte, +die Mexico nicht mit Vortheil ausführen kann, wie z. B. Wolle und +Baumwolle, im Lande selbst befördern müßten. Er dachte ferner, und wie +ich glaube, mit gleichem Rechte, daß in einem Lande wie Mexico, wo der +Zinsfuß so hoch ist, daß selbst das Gouvernement oft 3-4 ja 5 pCt. pr. ++Monat+ bezahlt, Fabrik-Unternehmungen und neue Ackerbau-Anlagen einer +wohlfeileren Capital-Unterstützung bedürften, und setzte es daher bei +den Kammern durch, daß von den Zöllen auf Baumwollen-Waaren, ein Theil +zurückgelegt würde, um daraus für die besagte ~Banco de Avio~, den Fond +von einer Million Dollars zu bilden, der alsdann, unter der Leitung +einer besonderen Administration, zu den oben angedeuteten Zwecken +verwandt werden sollte. Dieser Fond war nun zwar noch nicht completirt, +die Bank aber doch schon seit 14 Monaten in Wirksamkeit getreten, und +die Direction, an deren Spitze der Minister Alaman steht, hat in diesem +Jahre einen Bericht darüber erstattet, von dem ich hier einiges aushebe: + +“Die Aufmerksamkeit des Etablissements richtete sich vor allen Dingen +auf die Schaafzucht, auf die Bienenzucht für die Gewinnung des Wachses, +und auf die Baumwollenstaude, in der Absicht, diesen wichtigen Zweigen +im ganzen Lande nach Maaßgabe der verschiedenen climatischen und andern +Verhältnisse, die möglichste Nachhülfe zu leisten. Die aus allen +Theilen der Republik eingelaufenen Berichte haben leider ergeben, daß +der jetzige Stand der Landes-Industrie keinesweges ein günstiger ist. +Bedeutende Strecken Landes, welche Wasser und Wiesengrund genug haben, +um große Heerden +Schaafe+ zu unterhalten, liegen brach und bleiben, +theils aus Mangel an Capitalien zur Anschaffung der Heerden, theils aus +Trägheit des Volkes, unbenutzt. Die wenige Wolle welche man sammelt, +wird zu den gröberen Geweben verwandt, weil man die Kunst der Veredlung +des rohen Materials nicht kennt, das feste und dauerhafte Färben +nicht versteht und noch keine Begriffe von den Mitteln hat, wodurch +die fremden Nationen die feinern und bessern Arbeiten dieser Art +hervorbringen.” + +“Die Zucht der +Seidenwürmer+ ist durchaus nicht allgemein; in den +Staaten von Oaxaca und Jalisco beschäftigen sich zwar einige Personen +damit zu ihrem Vergnügen, aber nirgends besteht ein förmliches +Etablissement, welches versuchte, aus diesem Insekt einen einträglichen +Handelszweig zu bilden, und im Allgemeinen kennt man die rechte +Methode noch nicht den Wurm zu tödten und die Seide abzuwickeln; an +vielen Orten ist ein Ueberfluß an Maulbeerbäumen, welche wild wachsen, +aber niemand hat noch daran gedacht, sie methodisch zu ziehen und zu +pflegen, und man scheint oft gar nicht zu wissen, daß die Blätter +dieses Baums die alleinige Nahrung des Seidenwurms sind.” + +“Die +Bienenzucht+ beschränkt sich gleichfalls auf wenige Orte und +Personen, welche in ihren Gärten oder Feldern eine kleine Anzahl +Bienenschwärme halten, jedoch mehr um des Honigs, als um des Handels +mit Wachs willen. An mehreren Orten der Sierra-madre aber und in andern +Gebirgsgegenden, in deren Nähe sich Gesträuche und Blumen befinden, +giebt es eine solche Menge wilder Bienen, daß sich die dortigen +Eingebornen keines andern Lichtes bedienen, als was sie aus dem Wachs +anfertigen, welches sie so, ohne Mühe und Sorgfalt um die Bienen, in +Felsenklüften und hohlen Bäumen finden. Dies Wachs ist gelb, weil sie +es nicht zu bleichen verstehen, und der Honig ist dunkel; aber es geht +doch hieraus zur Genüge hervor, daß die Elemente zur Gewinnung des +Wachses im eignen Lande vorhanden sind, und daß es mithin zu beklagen +ist, daß aus bloßem Mangel an Thätigkeit im Volke, jährlich so viel +Geld dafür aus dem Lande geht. Nach genauen Berechnungen der Einfuhr +in Vera-Cruz und andern Häfen, und Veranschlagung dessen, was der +Wahrscheinlichkeit nach eingeschmuggelt wird, darf man den jährlichen +Consum von Wachs in unserer Republik zu 28,000 Arroben annehmen, +welches zum Mittel-Preis von 25 Pesos die Arroba geschätzt, die enorme +Summe von 700,000 $ macht, welche alljährlich dem Auslande für eine +Sache bezahlt wird, die wir in der Heimath gewinnen können.”[25] + +“Der Anbau der +Baumwolle+, dieses köstlichen Productes aller heißen +Länder, und so besonders passend für die Südküste der Republik, wo vor +dem Jahre 1810 so viel, und selbst im Jahre 1825 noch 50,000 Arroben +(1,250,000 ℔) gezogen wurden, ist so in Verfall gerathen, daß das Jahr +1830 nicht mehr als 5000 Arroben producirte. Hieran ist nun theils +Mangel an Capital, theils der beklagenswerte Bürgerkrieg in jener +Gegend, Schuld.” + +“Um nun allen diesen, für das öffentliche Wohl so wichtigen +Industrie-Zweigen aufzuhelfen, fordert die Direction dieser Bank die +Staaten der Republik auf, Actien-Gesellschaften zu bilden, durch welche +die Sachkenntniß mehrerer Personen in Ausübung gebracht werden würde, +und welchen alsdann die ~Banco de Avio~ mit Capital-Zuschuß, so viel es +ihre Kräfte erlaubten, nachhelfen wollte.” + +Der Bericht fährt nun fort, zu sagen, wie sich, in Folge dieses +Aufrufs, in den verschiedenen Theilen der Republik 14 Gesellschaften +für die Belebung der Industrie auf Actien gebildet hätten, die +jedoch noch zu sehr in ihrer Kindheit wären, um Resultate vorlegen +zu können. Für mehrere derselben wären Maschinen in Nordamerika und +Europa bestellt worden, wovon einige bereits angekommen, andere +unterweges wären; auch hätte man Werkmeister und Mechanici vom +Auslande kommen lassen, um die Kenntnisse der Fabrication von Wollen- +und Baumwollen-Waaren im Lande zu verbreiten. In der +Seiden-Zucht+ +waren große Fortschritte gemacht, ein Etablissement in Coyoacan +(Staat von Mexico) hatte Ende 1831 bereits schöne Resultate geliefert +und ein anderes in Celaya berechtigte zu großen Erwartungen und man +dachte schon an die Fabrication von seidnen Bändern. Saamen der +Seidenwürmer war nach allen Richtungen ausgetheilt worden, besonders +in die Gegenden, wo bereits Ueberfluß an Maulbeerbäumen ist. Für die +Beförderung der +Bienenzucht+ hatte man auf dem Lande Bienenkörbe +vertheilt und junge Schwärme anzuschaffen getrachtet, wovon man zwar +noch keine Resultate nachweisen konnte, aber schöne Hoffnungen daran +knüpfte. Aus Frankreich hatte man Merino-Schaafe zur Veredlung der Race +kommen lassen, so wie auch Tibet-Ziegen. In Peru waren Vigoña-Schaafe +und Lamas bestellt, und man hoffte beide Gattungen in der Republik +Mexico einheimisch zu machen. Sogar auf die Einfuhr von +Kameelen+ war +man bedacht, und versprach sich davon die wohlthätigsten Resultate +für den Waaren-Transport im Lande, falls es, wie man hoffte, gelingen +sollte, diese nützlichen Thiere in Mexico zu nationalisiren. Nach +manchen schwierigen und vergeblichen Unterhandlungen war die ~Banco +de Avio~ mit einem Hause in Marseille übereingekommen, 20 Kameele, 6 +männliche und 14 weibliche, direct von Alexandrien nach Vera-Cruz zu +senden, und berechnete die Kosten, einschließlich der Fracht, für ein +Schiff von 200 Tonnen, der nöthigen Fourage u. s. w., auf nicht mehr +als 7000 $. + +Endlich hatte man denn auch noch eine Anzahl Bücher über Gegenstände +der Fabrication und des Ackerbaues angeschafft, und diese in den +verschiedenen Staaten, wo sich Anregung für dergleichen Industrie +zeigte, gratis vertheilt. + ++So weit+ der amtliche Bericht des Ministers Alaman über diese von +ihm gegründete Favorit-Anstalt. Seine Feinde werfen ihm vor, daß er +darin der Zeit vorgegriffen, und Geld für bis jetzt noch unausführbare +Projecte verschwendet habe, welches zu nützlicheren Zwecken hätte +verwandt werden können und sollen. Kann seyn, -- aber trotz alle +dem ist doch nicht zu läugnen, daß der Sache eine großartige und +patriotische Idee zum Grunde lag, die gewiß alle Anerkennung verdient. +Es ist daher auch zu bedauern, daß die bürgerlichen Unruhen des Landes +und der Sturz des Ministeriums, die Entwickelung dieses Instituts +unterbrochen, ja gleichsam in der Geburt erstickt haben! Ganz +untergehen wird man es übrigens wohl nicht lassen, indem es bereits +zu sehr im Lande verzweigt ist und an mehrere Anstalten zu starke +Forderungen hat, wie z. B. 40,000 $ an die Eisen-Schmelzerei auf dem +Sitio in der Nähe des Popocatepetl, von welcher ich in meinen Briefen +geredet habe, und über welche ich hier noch einige Notizen hinzufüge. + + +[25] In dieser Veranschlagung irrt sich Herr Alaman sehr bedeutend, +denn wenn er auch in der Schätzung der Quantität Recht haben sollte, +was ich bezweifle, so ist doch der Mittel-Preis viel zu hoch gegriffen, +und das was das +Ausland+ für das eingeführte Wachs erhält, dürfte, ++nach Abzug der hohen Eingangs-Rechte, Frachten und Spesen+, den +Durchschnitt von 10 $ die Arroba, gewiß nicht übersteigen. + + + + +Die Eisen-Schmelzerei + +auf dem Sitio. + +(Siehe Anhang zum Briefe vom 31. Mai, ~pag.~ 91.) + + +Die Eisenerz-Gruben liefern wöchentlich bei sehr langsamer Bearbeitung +300 Ctr. Erz. + +Die Schaffungskosten eines Ctr. Erzes und Fuhrlohn bis aufs Werk kommen +2 Rl. + +Ein Ct. Holzkohlen stellt sich auf 6 Rl. + + 26 Arroben Eisenerz } + 5 „ Zuschlag } sollen 12 Arroben frisch Eisen in 24 + 44 „ Kohlen } Stunden liefern. + +Das Gebläse ist das bekannte Wasser- oder Trommel-Gebläse. Die Erze +sind so leicht flüssig und von so verschiedenem Gehalt (von 30 bis 70 +pCt. eisenhaltig), daß die Mischung dergestalt bereitet werden kann, +daß wenig oder gar kein Zuschlag nöthig ist. + +Das ganze Gefälle ist 100 Fuß; das halbe Gefälle reicht aber schon zum +vollständigen Betrieb hin. + + + + +Bevölkerung von Mexico. + + ++Die Bevölkerung der vereinigten Staaten von Mexico+ wird sehr +verschiedentlich angegeben, dürfte sich aber doch wohl im großen +Ganzen auf +acht Millionen+ Seelen belaufen, was noch immer eine sehr +dünne Population ist, für einen Flächenraum von circa 10000 ☐ Leguas +von 20 auf den Grad, die man der Republik in ihrer ganzen Ausdehnung +beimißt. Nach dem Maaßstabe europäischer Bevölkerung könnte sich die +mexicanische auf ihrem jetzigen Raume ganz bequem verzehnfachen. + +Die außerordentliche Schwierigkeit einer genauen Volkszählung, in einem +so weitläufigen Gebiete wie dem mexicanischen, leuchtet ein, denn nur +wenige seiner Staaten sind für einen solchen Zweck so gut organisirt, +wie z. B. der von Vera-Cruz; unbegreiflich bleibt es jedoch immer, wie +in ein und demselben Jahre zwei so verschiedene Angaben der Volkszahl +gemacht werden konnten, wie die, welche der Minister Alaman im Anfange +des Jahrs 1832 dem Congreß vorlegte, und jene, welche in dem Almanach +von Galvan fürs Jahr 1833 Ende 1832 erschien. + +Nach untenstehender Tabelle schätzt der Minister die Population auf +6,382,264; Galvan dagegen auf 7,734,292, welche letztere Angabe aber +der Wahrheit gewiß näher kommt als erstere, indem der Minister selbst +in seinem amtlichen Bericht eingesteht, daß seine Veranschlagung auf +alten Daten beruhe, der Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig sei, und die +Volkszahl als 7 Millionen +übersteigend+ angenommen werden dürfe. Er +drückt sich dabei wörtlich folgendermaßen aus: + +“Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, eine Bevölkerung genau zu +zählen, welche über ein so ungeheuer weitläufiges Territorium, +begränzt von Regionen, wo Nomaden-Stämme in fruchtbaren Landstrichen +und günstigen Climaten umher wandern, zerstreut ist, so wird es nicht +übertrieben erscheinen, die Volkszahl der Republik, obgleich die +vorliegende Tabelle nur 6,382,264 ausweise, als Sieben Millionen Seelen +übersteigend anzunehmen, zumal da die Listen des Census, welche der +Tabelle zur Basis gedient haben, mitunter 4, 6 ja 8 Jahre alt sind, +und doch anzunehmen ist, daß trotz aller gelegentlichen Verluste, die +Bevölkerung binnen einer solchen Zeit gradatim zugenommen hat. Ein +ausgedehntes Land mit einem fruchtbaren Boden und einem den Menschen +befreundeten Clima, begünstigt natürlich das Fortschreiten des +Menschen-Geschlechts, und die Wohlthaten, welche diesem dann zu Theil +werden, wenn freie Institutionen ihren heilsamen Einfluß über alle +verbreiten, welche die unschätzbaren Vortheile einer volksthümlichen +Regierung zu erkennen wissen, sind unberechenbar.” + +Im Jahre 1830 hatte die Zunahme der Bevölkerung einen Stoß durch einen +heftigen Ausbruch der Blattern-Epidemie (~epidemia de viruelas~) +erlitten; man suchte der Seuche durch Vaccination möglichst entgegen +zu arbeiten, aber die Materie (~el pus~) fing an zu mangeln und +unwirksam zu werden; die von England verschriebene, obgleich in +kristallenen Gefäßen gesandt, wollte nicht anschlagen; die Hoffnung, +daß man in dem Staat von Chihuahua an den Kühen die ächte Materie +entdeckt habe, schlug auch fehl, und schon drückte der Minister in +seinem Jahres-Bericht von 1831 die Furcht aus, zu der umständlichen und +kostspieligen Maßregel übergehen zu müssen, die Materie zur Impfung +von den nächsten, aber sehr entlegenen, Puncten in Nordamerika durch +Kinder, gleichsam von Arm zu Arm zu übertragen und so heranzuziehen. +Aus dem ministeriellen Bericht von 1832 geht indessen hervor, daß +man nicht nöthig hatte zu diesem Extrem Zuflucht zu nehmen, und daß +die Kuhpocken-Impfungs-Materie nunmehr wieder vorhanden war, es wird +jedoch nicht gesagt wie man sie sich verschafft hat. Der Bericht von +1832 lobt sodann den Gesundheits-Zustand der Republik, und drückt nur +Furcht und Sorge aus, daß die Cholera das Land heimsuchen und die +Bevölkerung decimiren werde, weshalb denn auch Quarantainen und andere +Vorsichtsmaßregeln in Anwendung kamen, die aber, wie wir jetzt wissen, +das gefürchtete Uebel nicht abzuhalten vermochten. Die Cholera hat im +Jahr 1833 große Verwüstungen in Mexico angerichtet; in der Hauptstadt +allein sind an 16 bis 17000 Menschen, also der zehnte Theil der +Einwohner, das Opfer derselben geworden. + +Alle Volkszählungen in Mexico ergeben übrigens eine Mehrzahl des +weiblichen Geschlechts über das männliche; in manchen Staaten sogar +eine bedeutende, wie z. B. in Jalisco eine von 11 pCt., in Puebla von 7 +pCt. u. s. w. + +Die in den verschiedenen Theilen der Republik herrschende große +Verschiedenheit der Bevölkerung, mit Bezug auf den respectiven +Flächenraum, geht aus der anliegenden Tabelle gleichfalls hervor, und +es kann daher nicht auffallen, daß während in den ganz dünn bewohnten +Regionen an Gewerbe und Kunstfleiß noch nicht zu denken ist, in den +mehr bevölkerten Staaten und den oft sehr volkreichen Städten sich +dessen in nicht unbedeutendem Maaße findet und auszudehnen verspricht. +Im Parian zu Mexico und auf den Märkten anderer Städte, wie z. B. +Puebla u. s. w., sieht man denn auch wirklich viele schön und gut +gearbeitete Waaren, welche im Lande selbst angefertigt sind; z. B. +wollene Decken aller Art (~poncho’s Zerapa’s~ u. s. w.) in allen +Farben; sodann die bekannten bei der Bekleidung einer Mexicanerin, +gleichviel ob reich oder arm, nie fehlenden langen Umschlagtücher +von Baumwolle, oder Baumwolle und Seide; Hüte jeder Art mit breiten +Rändern nach mexicanischer Sitte, nebst deren Zierrath, den silbernen +oder goldenen Treffen und Tasseln; baumwollene Schnüre und Bänder; die +oft sehr reichen mit vielem Gold und Silber besetzten Reiter-Mäntel, +deren sich auch Damen bedienen; Leder-Arbeiten aller Art und namentlich +mexicanische Pferde-Sättel (unsern Husaren-Sätteln nicht unähnlich), +mit kostbaren Pelz-Ueberlagen u. dergl. m. Hierzu kommt in Puebla noch +Glas und Seife, womit viel Handel nach andern Städten getrieben wird. + +In Mexico selbst haben sich denn in der neusten Zeit auch mehrere +Fremde, Deutsche und andere, als Hutmacher, Meubel-Schreiner, +Kleidermacher u. s. w. niedergelassen und machen zum Theil sehr gute +Geschäfte. + +Mit Colonisations- und Einwanderungs-Plänen zur Vermehrung der +Bevölkerung hat es den Mexicanern bis jetzt noch nicht glücken +wollen, und wird ihnen auch nicht glücken, bis sie durch Annahme der +Religionsfreiheit und liberalerer Grundsätze bei der Ansiedlung von +Fremden, die Auswanderung aus Europa, die jetzt fast ausschließlich +nach Nordamerika gerichtet ist, theilweise nach ihrem schönen Lande zu +ziehen verstehen.[26] + +Die Colonisirung einiger Hundert Franzosen am Fluß Cuatzacualcos +im Staat Vera-Cruz schlug gänzlich fehl, weil die Unternehmer den +Einwanderern Versprechungen gemacht hatten, die sie nicht erfüllen +konnten, und weil sie in der Wahl der Subjecte nicht vorsichtig genug +waren. Sie sind theils nach Frankreich zurückgekehrt, theils haben sie +sich in andern Theilen der Republik niedergelassen. + + Die Colonisirung von + + +Texas+ oder +Tejas+ (sprich Techas) + +hat dagegen zwar, was die Zahl der Ansiedler betritt, einen guten +Fortgang, aber diese Vermehrung der Population, welche lediglich +aus den angränzenden Staaten von Nordamerika herströmt, gereicht +Mexico eher zur Last und zum Nachtheil, als zum Vortheil, denn die +schwer zu zügelnden Nordamerikaner wollen sich nach den mexicanischen +Gesetzen nicht fügen, sondern eigne machen und aufstellen, wie es +wirklich bereits an dem Hauptorte der Ansiedlung, Austen Town (so +genannt nach dem Namen des ersten Unternehmers), der Fall ist. -- +Bei der außerordentlichen Entfernung von dem Sitze der mexicanischen +Regierung, wird es dieser schwer fallen, wo nicht unmöglich seyn, ihre +Autorität geltend zu machen, während andererseits der Andrang der +nordamerikanischen Einwanderung so wachsen wird, daß vorauszusehen +ist, es werde sich dort ein eigner Staat bilden, der mehr zur +nordischen als zur mexicanischen Union gehört. + +Beide Theile sehen dies kommen, und man sagt, die vereinigten Staaten +von Nordamerika hätten denen von Mexico wirklich bereits zehn Millionen +Pesos, für den Abstand der Provinz Texas, geboten. Die mexicanische +Regierung scheint es aber nicht zu wagen, eine solche Proposition dem +National-Congreß vorzulegen, und in der That würde Mexico mit Texas +einen seiner schönsten und wichtigsten Landestheile verlieren! Das +Clima daselbst ist vortrefflich und gesund, das Land wird von großen +und schönen Flüssen, dem Rio Bravo und Colorado, durchschnitten, +ein Vortheil der dem übrigen Mexico ganz abgeht, und der Boden von +Texas ist außerordentlich fruchtbar, während es an Ausdehnung nicht +fehlt; der Flächenraum wird auf 160 Millionen englische Acker Landes +geschätzt! Großbrittannien und Irland haben deren nur 47 Millionen +angebaut! + +Man urtheile also, welche Anzahl von Ansiedlern dort noch Raum und +Auswahl des Terrains finden könnte, denn die jetzige Bevölkerung von ++Texas+ ist fast Null! + +Dorthin sollten deutsche Auswanderer sich wenden, sie würden besser +dabei fahren als am Missouri, und ein besseres Clima und fruchtbareren +Boden daselbst finden. + + +Census der vereinigten Staaten von Mexico. + + Seelen-Zahl + Staaten und nach Vorlage nach dem Almanach + Territorien Hauptstädte des Ministers von Galvan + Alaman in 1832 fürs Jahr 1833 + + Föderal-District Mexico 250,000 350,000 + Staaten: + Chiapas San Cristobal 118,775 96,000 + Chihuahua Chihuahua 112,694 166,000 + Coahuila u. Tejas Leona Vicario 77,795 127,000 + Durango Durango 149,121 250,000 + Guanajuato Sta. Fé de Guanajuato 500,000 643,000 + Jalisco Guadalaxara 656,830 680,000 + Mexico Toluca 1,000,000 1,200,000 + Michoacan Morelia 422,472 285,000 + Nuevo Leon Monterey 83,093 113,419 + Oajaca Oajaca 457,504 693,000 + Puebla La Puebla 584,358 954,000 + Querétaro Querétaro 114,437 280,000 + S. Luis Potosi San Luis 298,230 192,000 + Sinaloa -- 100,000} + Sonora -- 100,000} 254,705 + Tabasgo Villa hermosa 60,000 82,000 + Tamaulipas Vittoria 80,000 166,824 + Vera-Cruz Jalapa 242,658 194,000 + Yucatan Merida 500,000 630,000 + Zacatecas Zacatecas 276,053 296,066 + Territorien: + Alta California S. Carlos de Monterey 27,000 30,000 + Baja California Loreto 15,000 6,000 + Nuevo Mexico Santa Fé 50,000 52,300 + Colima -- 40,000} + Tlascala -- 66,244} ? ? + ---------- + Total der Bevölkerung nach Alaman 6,382,264 + --------- + Total der Bevölkerung nach Galvans Angabe 7,741,314 + + +[26] Wie unbedeutend die seitherige Einwanderung von Fremden +in Mexico gewesen ist, wird folgende Tabelle der Bewegung des Jahres +1830, in dem Hafen von Vera-Cruz (dem hauptsächlichsten der Republik) +zur Genüge darthun: + + Nation kamen ein gingen aus + + Nordamerikaner 66 53 + Engländer 75 30 + Franzosen 99 65 + Deutsche 52 20 + Italiener 13 10 + Schweizer 7 5 + Mexikaner und Südamerikaner 79 34 + Spanier -- 19 + Ohne besondere Angabe der Nation + (also wohl Altspanier) 60 18 + ------------------ + 451 254 + + + + +Der Staat von Vera-Cruz. + + +Dieser Staat ist einer der bestorganisirten in der Republik. Der +Jahresbericht, den der Gouverneur dieses Staats, Don Sebastian Camacho, +im Jahre 1832 der in Jalapa versammelten Legislatur abgestattet hat, +ist eins der ausführlichsten Documente, welche man in der Art sehen +kann; es füllt über 300 Quart-Seiten und ist dennoch in den meisten +Dingen unvollkommen und ungenügend, da nicht alle Cantone des Staates +mit gleicher Pünktlichkeit und Ausführlichkeit berichtet haben. Am +detaillirtesten sind die Tabellen über die Population, wovon einige die +Zahl der Kinder, Weiber und Männer, verheiratete und unverheiratete, +Wittwer und Wittwen, alles klassificirt nach dem Alter von 10 bis 100 +Jahren, so genau und speciell angeben, daß ich nicht glaube, daß wir +etwas ähnliches in Europa besitzen. Im Auslande kann dies aber nur +wenig Interesse haben, dort genügt es, zu wissen, welche Bevölkerung +der ganze Staat und etwa die größeren Städte desselben enthalten, und +diese ist wie folgt angegeben: + + Die Stadt +Orizaba+ 15,386 + Der ganze Canton dieses Namens 46,991 + Die Stadt +Cordova+ 6,098 + Der ganze Canton dieses Namens 24,521 + Die Stadt +Vera-Cruz+ 6,828 + Der ganze Canton dieses Namens 24,556 + Die Stadt +Jalapa+ 10,628 + Der ganze Canton dieses Namens 42,704 + Die Total-Bevölkerung des Staates Vera-Cruz 245,256 + Im Jahre 1826 war dieselbe 242,658 + -------- + mithin eine Vermehrung von 2,598 + +oder von ungefähr ein vom Hundert, was denn aber auf einen +fünfjährigen Zeitabschnitt, so gut wie gar keine Zunahme ist. + +Die mitunter allerdings ganz interessanten Bemerkungen des +obenerwähnten Berichts von Don Sebastian Camacho, verlieren, wie +schon gesagt, ihrer Unvollkommenheit wegen ihr meistes Interesse für +das Ausland und ich beschränke daher den weitern Auszug davon auf +die Bemerkungen, welche darin über die Erziehung der Jugend gemacht +werden. Der Bericht sagt nemlich hierüber, daß man damit umgehe, das +Lancaster’sche Unterrichtssystem einzuführen, und dafür 30,000 Pesos +bestimme, und daß mittlerweile, obgleich ohne Uebereinstimmung des +Systems, Schulen in fast allen Ortschaften des Staates beständen, +deren Kosten von den Municipalitäten bestritten würden, so wie, daß +außerdem an verschiedenen Punkten höhere Schulen angelegt seien, deren +Lehrer den +Staat+ von Vera-Cruz jährlich 5 bis 6000 Pesos kosten! +Das General-Budget der Föderation wirft sodann für die Errichtung und +Vervollkommnung von Primair-Schulen in der Republik 80,000 Pesos aus! + +Dies beweiset denn doch, daß man den hochwichtigen Gegenstand der +Volks-Erziehung nicht ganz außer Acht läßt. + + + + +Finanz-Departement. + + +Es wird nicht ohne Interesse seyn, das Budget kennen zu lernen, welches +der Finanz-Minister Mangino dem Congreß in Mexico für das Jahr von Juli +1832 bis Juli 1833 vorgelegt hat. Es ist aber nur in den Ausgaben klar, +und drückt sich über die Einnahmen so dunkel aus, daß es unmöglich +ist, eine Bilanz zu ziehen; die Ausgaben werden auf nicht weniger +als 22,392,508 Pesos veranschlagt, wobei zu bemerken ist, daß dies +nur Ausgaben der Föderation sind, die mit den Ausgaben der einzelnen +Staaten für ihre Congresse und sonstigen Local-Bedürfnisse nichts +gemein haben. + + + Jene Ausgaben der Föderation zerfallen in folgende Haupt-Rubriken: + + ~a.~ Departement des Innern und Auswärtigen $ 1,049,438. 4 + ~b.~ do. der Justiz und geistlichen + Angelegenheiten „ 434,756.-- + ~c.~ do. des Krieges!! „ 16,465,121. 3 + ~d.~ do. der Marine „ 322,221. 1 + ~e.~ do. der Finanz und Kosten des + General-Congresses „ 4,120,971. 3 + ----------------- + $ 22,392,508.-- + + + Als Details die am meisten Aufmerksamkeit erregen, mögen hier stehen: + + ~ad a.~ Gehalt des Ministers (so wie aller + Minister) $ 6,000 + Fernere Gehalte in diesem Bureau „ 24,000 + Für Papier und Druckkosten „ 29,609 + + Außerordentliche Ausgaben „ 20,000 + + Für +geheime+ Ausgaben im auswärtigen + Departement „ 100,000 + + Gesandtschaften und Consulate: + + Zwei Gesandten bei dem großen amerikanischen + Congreß, der bekanntlich erst in + Panama, dann in Mexico gehalten werden + sollte, aber +nie ins Leben getreten + ist+ „ 13,200 + + ~Chargé d’affaires~ in den vereinigten Staaten + von Nordamerika, nebst Secretariat „ 10,200 + + Außerordentliche Legation nach Central-Amerika + und Columbien, nebst Reisekosten „ 17,800 + + Außerordentliche Legation nach den Republiken + des südlichen Amerika’s, nebst + Reisekosten „ 28,250 + + + Gesandtschaft in England: + + Der Minister $ 12,000, Secretair u. s. w. + $ 8200, Total „ 20,200 + + + Gesandtschaft in Frankreich: + + Der Minister $ 10,000, Secretair u. s. w. } + $ 5700 } „ 15,700 + + Für die Reise dahin und Einrichtung des } + Hotels } „ 12,100 + + ~Chargé d’affaires~ in Holland nebst } + Secretariat } „ 8,300 + + ~Chargé d’affaires~ in Preußen, nebst } + Secretariat } „ 6,700 + + Für die Reise dahin und Einrichtung } + des Hotels } „ 5,100 + + Consulate in New-Orleans „ 2,600 + + „ in Bordeaux „ 2,600 + + Consulate in Hamburg, für die Hanse-Städte „ 3,600 + + Endlich noch für eine Gesandtschaft nach + +Europa+, welche der politischen Constellation + nach wahrscheinlich nothwendig + und nützlich werden würde, (hierbei hat + man ja wohl auf Spanien angespielt) „ 29,750 + + Sodann, für Errichtung und Vervollkommnung + von Primair-Schulen „ 80,000 + + Zur Unterstützung des Theaters „ 20,000 + + ~ad b.~ “Geistliche Angelegenheiten,” hiebei genüge + die Bemerkung, daß für die Gesandtschaft + in +Rom+ $ 15,100, und für außerordentliche + und +geheime+ Ausgaben bei + +derselben+ $ 30,000! zusammen $ 45,100 + ausgeworfen sind. + ------------ + + ~ad c.~ “Kriegs-Departement:” + + 8 Divisions-Generäle im } + Dienst à 6000 $ } + } + 3 Divisions-Generäle nicht } + im activen Dienst à 4000 „ } + } im Jahr + 14 Brigade-Generäle im } $ 135,000 + Dienst à 4500 „ } + } + 4 Brigade-Generäle nicht } + im activen Dienst à 3000 „ } + + 4 General-Inspectoren der Truppen im } + Innern und den beiden Californien zu } + 4000 $ } $ 34,000 + nebst 6 General-Adjutanten zu 3000 $ } + + 12 Bataillone Infanterie der Linie „ 1,791,795 + + 12 Regimenter Cavallerie der Linie „ 1,848,419 + + 3 Brigaden Artillerie der Linie „ 509,477 + + 12 Compagnien Artillerie der Miliz im + activen Dienst „ 259,896 + + 1 Brigade Mineurs „ 118,360 + + Das Ingenieurcorps „ 80,093 + + 1 Bataillon Invaliden in Mexico „ 118,634 + + Das Sanitätscorps „ 77,929 + + Die Hospitäler „ 503,470 + + 6 Compagnien permanente Cavallerie in + Californien „ 128,440 + + 38 Compagnien permanente Cavallerie in + verschiedenen Theilen der Republik „ 998,985 + + 20 Bataillone active Miliz, unter den + Waffen, im Innern der Republik „ 4,239,465 + + 13 Bataillone Küsten-Wächter, Miliz „ 1,181,482 + + 6 Schwadronen derselben „ 499,083 + + Und noch mehrere Cavallerie und Infanterie + Miliz-Abtheilungen im Innern „ 1,000,000 + + Entschädigung an die Miliz, für die Bekleidung, + zu 5 Reales monatlich an die + Infanterie und zu 10 Reales monatlich + an die Cavallerie „ 460,920 + + Für +geheime+ Ausgaben im Kriegs-Departement „ 40,000 + -------------- + + ~ad c.~ “Finanz-Departement:” + + General-Congreß + + Diäten an 76 Deputirte $ 228,000 + + Diäten an 40 Senatoren „ 120,000 + + Reise-Gelder der Deputaten und Senatoren + aus den verschiedenen Staaten, + her und zurück „ 150,000 + + Secretariat und Kosten „ 76,994 + ------------- + Kosten des General-Congresses $ 574,994 + + Gehalt des Präsidenten der Republik $ 36,000 + + Civil-Pensionen „ 117,925 + + Pensionen an Spanier, welche durch das + Gesetz von 1827 von ihren Aemtern entsetzt + wurden „ 53,295 + + Für die Dividenden der auswärtigen Anleihen „ 942,000 + als den wahrscheinlichen sechsten Theil der + Einnahme an den Douanen von Vera-Cruz + und Tampico. U. s. w. + +Diese ungeheure Gesammt-Ausgabe von $ 22,392,508, schlägt übrigens der +Minister vor, um 5,312,914 $ auf den Kriegs-Etat, zu vermindern und +dergestalt auf $ 17,079,594 zurückzuführen, was sie in Einklang mit der +Einnahme des vorhergegangenen Jahres bringen würde. + +Das reine Product aller Zweige der Finanz war nemlich für das Jahr von +Juli 1830 bis Juli 1831 $ 17,256,882 + + Hierin figuriren die Douanen in + +allen Häfen+ der Republik mit $ 8,287,082 + + Die Douanen des Distrikts der + Föderation und Landes-Gränzen mit „ 1,737,484 + + (Hierin sind die Zölle und Abgaben + nicht begriffen, welche die einzelnen + Staaten als Consumozoll + erheben, und welche natürlich in + die Staaten-Finanz und nicht in + die Föderatif-Casse fließen.) + + Die Briefpost-Administration mit „ 230,683 + + Die Lotterie mit „ 41,260 + + Die Salinen mit „ 66,505 + + Verkauf von National-Gütern „ 11,924 + + Die Münze in der Föderatifstadt Mexico „ 135,480 + + Beiträge der Staaten zur Föderations-Casse „ 1,356,563 + + (Der Minister beklagt sich, daß + diese Summe nicht größer gewesen, + was dem Gesetze nach der + Fall hätte seyn müssen.) + + Die 2 pCt. Circulations-Rechte + auf Silber und Gold, vom Innern + nach der Küste „ 74,913 u. s. w. + +Man sieht, daß noch vieles unausgeführt geblieben ist, die Summe von +$ 17,256,882 auszugleichen, so wie, daß nirgends eine Sicherheit der +gleichmäßigen Einnahme für das nächste Jahr existirt! Das Budget des +Herrn Finanz-Ministers ist mithin allerdings ein sehr unzuverlässiges +und schwankendes, es liefert aber doch dem prüfenden Auge des +unpartheiischen Beobachters den Beweis, daß in Mexico für einen +geregelten Staatshaushalt, ohne übertriebenen Militair-Etat, Resourcen +genug vorhanden sind, nicht allein um das Laufende zu bestreiten, ++sondern+ auch um die National-Schuld gradatim zu tilgen. + +[Illustration: Karte von Mexiko] + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77872 *** diff --git a/77872-h/77872-h.htm b/77872-h/77872-h.htm new file mode 100644 index 0000000..97e1420 --- /dev/null +++ b/77872-h/77872-h.htm @@ -0,0 +1,13875 @@ +<!DOCTYPE html> +<html lang="de"> +<head> + <meta charset="UTF-8"> + <meta name="viewport" content="width=device-width, initial-scale=1"> + <title> + Mexico in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833 | Project Gutenberg + </title> + <link rel="icon" href="images/cover.jpg" type="image/x-cover"> + <style> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; 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Offensichtliche +Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute +nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original +unverändert.</p> + +<p class="p0">In manchen Fällen, meist bei fremdsprachlichen +Ausdrücken, wird das Plural-s mit einem Apostroph abgetrennt, z.B. +‚Tschako’s‘. Da der Sinn des Texts dadurch nicht verändert wird, wurde +diese Schreibweise beibehalten. Ferner werden Apostrophe in Wörtern +wie ‚haus’ten‘ oder ‚erlös’t‘ eingesetzt, die offenbar von den alten +Wortformen ‚hauseten‘ und ‚erlöset‘ herrühren. Auch diese Formen wurden +nicht modernisiert.</p> + +<p class="p0">Überträge (hier ‚Transport‘ genannt) in mehrseitigen +Tabellen wurden entfernt.</p> + +<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen in +<span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden hier kursiv wiedergegeben. +<span class="hidehtml">Abhängig von der im jeweiligen Lesegerät installierten +Schriftart können die im Original <em class="gesperrt">gesperrt</em> +gedruckten Passagen gesperrt, in serifenloser Schrift, oder aber sowohl +serifenlos als auch gesperrt erscheinen.</span></p> + +</div> + +<figure class="figcenter illowe50" id="frontispiz"> + <img class="w100" src="images/frontispiz.jpg" alt="Ritt durch die Hochebene + von Mexiko; im Hintergrund eine Berglandschaft"> + <figcaption class="mbot3"><div class="linkedimage"><a href="images/frontispiz_gross.jpg" + id="frontispiz_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption> +</figure> + +<div class="eng break-before"> + +<h1>Mexico<br> +<span class="s6"><b>in den ereignißvollen Jahren 1832 und 1833</b></span></h1> +<p class="center lh2">und<br> +<span class="s2"><b>die Reise hin und zurück</b></span><br> +aus vertraulichen Briefen<br> +<span class="s4">mit einem Anhange über die neuesten Ereignisse daselbst</span><br> +aus officieller Quelle<br> +<span class="s4">nebst</span><br> +<span class="s3"><b>mercantilischen und statistischen Notizen</b></span></p> + +<p class="s5 center mtop3 mbot3">von</p> + +<p class="s2 center"><span class="mleft0_5">C.</span> <span class="mleft0_5">C.</span> +<span class="mleft0_5">B</span><span class="mleft0_5">e</span><span class="mleft0_5">c</span><span class="mleft0_5">h</span><span class="mleft0_5">e</span><span class="mleft0_5">r</span>,</p> + +<p class="s5 center">damaligem Sub-Director der Rheinisch-Westindischen +Compagnie,<br> +Ritter des rothen Adler-Ordens vierter Classe.</p> + +<hr class="r10"> + +<p class="center">Mit einer Karte und lithographirten Ansicht der Hochebene +von Mexico.</p> + +<hr class="r10"> + +<div class="right"> + <div class="poetry-right"> + <div class="stanza"> + <div class="verse mright1"><span class="antiqua">... and with your gracious patience </span></div> + <div class="verse"><span class="antiqua">I will a round unvarnished tale deliver.</span></div> + </div> + <div class="stanza"> + <div class="verse"><span class="antiqua">Othello</span>, Shakespeare. </div> + </div> + </div> +</div> + +<hr class="full"> + +<p class="s4 center mbot3">Hamburg,<br> +<span class="s5">in Commission bei Perthes & Besser.</span><br> +<span class="s4"><b>1834.</b></span></p> + +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_iii">[S. iii]</span></p> + +<p class="s4 hang1_5 padtop3">An des Königlich preußischen wirklichen Geheimen Raths und +Ober-Präsidenten von Westfalen</p> + +</div> + +<p class="s3 mtop1 mbot1"><b>Freiherrn von Vincke Excellenz.</b></p> + +<div class="s4"> + +<p class="mleft2">Ew. Excellenz</p> + +<p>haben mich während der dreizehn Jahre, während welcher ich meinen +Wirkungskreis hauptsächlich in Preußen hatte, mit so viel Güte +überhäuft, mit so viel Freundschaft geehrt, daß die dankbarste +Erinnerung an diese, — meine oft mühsame und vielbewegte Laufbahn +erheiternden Verhältnisse, — in meiner Seele nie erlöschen wird.</p> + +<p>Von dem Wunsche beseelt, dies Anerkenntniß und den Ausdruck eines +unbegränzten Dankgefühls <span class="pagenum" id="Page_iv">[S. iv]</span>gegen <em class="gesperrt">Ew. Excellenz öffentlich</em> +aussprechen zu können, durfte ich die gegenwärtige, vielleicht nie +wiederkehrende Gelegenheit nicht versäumen, welche mir dafür</p> + +<p class="center">“die Zueignung dieses Büchleins”</p> + +<p class="p0">darbietet, und von der ich mir schmeichle, daß sie <em class="gesperrt">Ew. Excellenz</em> +mit Ihrem gewohnten Wohlwollen und mit Nachsicht aufnehmen werden.</p> + +<p>Wem könnte ich auch wohl diesen “chronologischen Bericht” einer langen, +beschwerlichen, in meine Lebens-Verhältnisse nur zu ernst eingreifenden +Reise, besser zueignen, als Ew. Excellenz, welcher die Motive, ich darf +sagen die <em class="gesperrt">reinen Motive</em> derselben, mehr als jedem Andern bekannt +sind? — als Ew. Excellenz, welche sie billigten als ich sie unternahm, +der ich, während und nach derselben, über alles Bericht erstattete, und +die es nun mit mir beklagen, daß der dabei beabsichtigte Zweck — ohne +mein Verschulden — nicht erreicht ward.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_v">[S. v]</span></p> + +<p>Wessen Name wäre aber auch wohl in anderer Hinsicht geeigneter, einer +<em class="gesperrt">Darstellung der jetzigen Lage und Verhältnisse Mexico’s</em>, +gleichsam als Aegide, vorgedruckt zu werden, als der <em class="gesperrt">Ew. +Excellenz</em>, die sich stets so lebhaft für den Verkehr des +Vaterlandes mit jenem entfernten aber wichtigen Staatenbunde +interessirt, und so wesentlich dazu beigetragen hat, daß die +<em class="gesperrt">politischen</em> Verhältnisse Preußens zu demselben sich schon +früh <em class="gesperrt">so</em> gestalteten, daß sie den <em class="gesperrt">mercantilischen den</em> +Schutz gewähren konnten, welcher sich dort bereits bei mehr als einer +Gelegenheit, als höchst nützlich, ja <em class="gesperrt">nothwendig</em>, bewährt hat.</p> + +<p>Möge Ew. Excellenz denn die Freude werden, des Vaterlandes +vortheilhaften Verkehr mit den vereinigten Staaten von Mexico, sich +mehr und mehr ausdehnen, mögen Sie überhaupt die unausbleibliche Frucht +Ihrer reichen Aussaat im Felde der vaterländischen Industrie, <em class="gesperrt">das +stete Wachsen des National-Wohlstandes</em>, <span class="pagenum" id="Page_vi">[S. vi]</span>in vollem Maaße blühen +sehen, und möge es mir erlaubt seyn zu hoffen, daß alsdann auch mein +zwar unbedeutendes aber redliches Streben nach gleichem Ziele, in Ihrer +freundlichen Erinnerung fortlebe.</p> + +<p class="mtop2 right mright2">Mit Gesinnungen der innigsten Verehrung</p> + +<p class="right mright3"><span class="mright4">Ew. Excellenz</span></p> + +</div> + +<p class="right mtop2 padtop3">ganz gehorsamster Diener und dankbarer Freund</p> + +<p class="s4 mtop1 right mright3"><em class="gesperrt">C. C. Becher</em>.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_vii">[S. vii]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Vorwort">Vorwort.</h2> + +</div> + +<p><span class="initial">E</span>s war zwar anfänglich meine Absicht nicht, etwas über eine Reise +drucken zu lassen, deren Erfolg den Erwartungen, die ich davon hegte +als ich sie unternahm, so wenig entsprochen hat; ich ward aber von so +vielen Seiten dazu aufgefordert, daß ich mich am Ende doch entschlossen +habe, aus den Briefen, die ich während der Reise an meine Familie und +Freunde geschrieben, ein Bild von dem Treiben und Seyn in dem so viel +besprochenen <em class="gesperrt">heutigen Mexico</em>, während einer ereignißvollen +Periode, zu entwerfen, und es nun wage, dieses Bild, nebst einigen +wenigen Worten über Hayti und Nordamerika, dem Publicum vorzulegen.</p> + +<p>Wenn ich mich damit meinen zahlreichen entfernteren Freunden, mit denen +ich nicht in ununterbrochenem Briefwechsel stehe, und die mithin in den +letzten Jahren weniger von mir erfahren haben, auf eine freundliche +Weise ins Gedächtniß zurückrufe und ihnen eine angenehme Stunde mache, +so wird mir ein schöner Lohn für die geringe Arbeit zu Theil.</p> + +<p>So oft und viel auch schon über das <em class="gesperrt">jetzige Mexico</em> und die +Reisen dahin und zurück im <em class="gesperrt">Einzelnen</em> geschrieben worden seyn +mag, so ist doch, so viel ich weiß, noch nirgends <em class="gesperrt">in Deutschland</em> +etwas <em class="gesperrt">Zusammenhängendes</em> darüber bekannt gemacht worden.</p> + +<p>Dies geschieht nun hier im <em class="gesperrt">ersten Abschnitt</em>, und wenn auch +darin, der <em class="gesperrt">Sache nach</em>, für <em class="gesperrt">Manchen</em> <span class="pagenum" id="Page_viii">[S. viii]</span>nichts <em class="gesperrt">neues</em> +zum Vorschein kommt, so mag es doch in der Art der Darstellung hier +und da der Fall seyn, denn jeder hat bekanntlich seine eigenthümliche +Auffassung von den Dingen, die er sieht, und giebt sie auf seine Art +und Weise wieder. Die Darstellung meiner Ansichten soll übrigens auf +kein anderes Verdienst Anspruch machen, als darauf, daß sie hier +grade so wieder gegeben sind, wie sie der Eindruck an Ort und Stelle +hervorgebracht hat.</p> + +<p>Die in dem Anhange geschilderten neuesten Ereignisse in der Republik +Mexico, sind mir aus amtlicher Quelle mitgetheilt worden, und liefern +den erfreulichen Beweis, daß ich mich nicht irrte, als ich, in meinen +Briefen von jenseits, dem Lande, aus der Staatsumwälzung von 1832 u. +33, große Vortheile und Fortschritte auf dem Wege der Civilisation +prophezeite.</p> + +<p>Der <em class="gesperrt">zweite Abschnitt</em> enthält fragmentarische Notizen, sowohl +mercantilische wie statistische und administrative, worunter manches +noch nicht allgemein Bekannte gefunden werden dürfte.</p> + +<p><em class="gesperrt">Das Ganze</em> aber möge dazu beitragen das Interesse der Leser an +den vereinigten Staaten von Mexico zu erhöhen, und dadurch Deutschlands +Verbindungen und Verkehr mit einem Lande mehr und mehr zu beleben und +auszudehnen, dessen Wichtigkeit für ganz Europa eine jährlich wachsende +ist, und noch auf lange Zeit seyn wird, weil Mexico unermeßliche +Resourcen, vortreffliche Climate und Raum für das Zehnfache seiner +jetzigen Bevölkerung besitzt.</p> + +<p>Im Juni 1834.</p> + +<p class="right mright2"><em class="gesperrt">C. C. Becher.</em></p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_ix">[S. ix]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Inhalts-Verzeichniss">Inhalts-Verzeichniss.</h2> + +</div> + +<table class="toc"> + <tr> + <td class="s4" colspan="4"> + <div class="center"><a href="#Erste_Abtheilung"><b>I.</b> <em class="gesperrt">Abtheilung</em>:</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="4"> + <div class="center"><a href="#Erste_Abtheilung">Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5" colspan="3"> +   + </td> + <td class="s5"> + <div class="right"><span class="antiqua">Pag.</span></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Brief.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Köln, am 9. October 1831</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Koeln_9_Oct_1831">1</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Paris, am 23. October</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Paris_23_Oct_1831">2</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Bordeaux, am 2. November</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Bordeaux_23_Oct_1831">4</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Am Bord des Schiffes, den 10. November</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_10_Nov_1831">5</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">  den 17. November</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_17_Nov_1831">7</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">  den 24. November</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_24_Nov">8</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">  den 2. December, (unter der + tropischen Linie.)</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_2_Dec">9</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">  den 10. December</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_10_Dec">10</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"><span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft2">  den 14. December, (Angesichts + Haity.)</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_14_Dec">12</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zwei Stunden auf Haity, am 15. December</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Zwei_Stunden_auf_Hayti">13</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Am Bord, vom 19. bis 29. December</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_den_19_Dec_1831">25</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">11.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"> <span class="mleft2">do.</span> <span class="mleft1">am 31. December, (im Hafen von Vera-Cruz)</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Esteva_den_31_Dec_1831">30</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">12.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Vera-Cruz, am 3. Januar 1832</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Stadt_Vera_Cruz_am_3_Jan_1832">34</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">13.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Vera-Cruz, am 9. Januar. Anfang der Revolution</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vera_Cruz_den_9_Jan_1832">38</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">14.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jalapa, am 12. Januar. Reiseart und Ortsbeschreibung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Jalapa_den_12_Jan_1832">42</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">15.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Puebla, am 15. Januar. Reise und Beschreibung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Puebla_den_15_Jan_1832">49</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">16.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 21. Januar. Hinreise und Ankunft</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_21_Jan_1832">57</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">17.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 23. Januar. Beschreibung; Nationalpallast; + Wohnung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_23_Jan_1832">61</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">18.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 29. Januar. Politik; Alameda; Theater; + Stiergefecht</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_29_Jan_1832">66</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">19.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 21. Februar. Sturz mit dem Pferde; + Pferderennen; Politik</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_21_Feb_1832">71</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">20.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 21. März. Kriegsvorfälle; General + Moctezuma</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_21_Mar_1832">75</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_x">[S. x]</span> + <div class="right">21.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 11. April. Der Paseo; Fahrt nach + Chapultepec und Tacubaya; Spielwuth; Aquaduct</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_11_Apr_1832">79</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">22.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 24. April. Heiße Bäder; Eingeborene + am See Tescuco; Osterfest; Bustamante</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_24_Apr_1832">83</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">23.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 31. Mai, nebst <span class="antiqua">P.S.</span> Abdankung der + Minister</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_31_Mai_1832">89</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="right"><em class="gesperrt">Beilage</em>:</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ausflucht nach dem Eisenwerke <em class="gesperrt">Sitio</em>; Beschreibung + desselben und Rückfahrt; schwimmende Gärten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Beilage_Sitio">91</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">24.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Brief.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 17. Juni. Pfingstfest in St. Augustin; + Spielsucht; Hahnengefecht; Optische Täuschung; <span class="antiqua">bal + paré</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_17_Jun_1832">101</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">25.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jalapa, am 25. Juni. Reizende Gegend; Waffenstillstand</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Jalapa_den_25_Jun_1832">106</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">26.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jalapa, am 9. Juli. Politik; Conferenz in Puente; + Meierei; Spinnen-Staaten-Bund; Kathedrale; Theater</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Jalapa_den_9_Jul_1832">110</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">27.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jalapa, am 24. Juli. Wiederanfang des Kriegs; + Mord eines Europäers in Vera-Cruz</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Jalapa_den_24_Jul_1832">113</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">28.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 13. August. Indianer; heidnischer Götzendienst + bei katholischen Processionen; Feuerwerke; Diebereien; Geburtstag + des Königs von Preußen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_13_Aug_1832">116</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">29.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 30. August. Merkwürdiger Vorfall im heißen + Bade; Politik; Einladung Pedrazas; Bustamante übernimmt das Commando; + Musquiz tritt an seine Stelle</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_30_Aug_1832">121</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">30.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 17. September. Fest der Unabhängigkeit; + Universitätsgebäude; Antiquitäten; (Karl Uhde)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_17_Sep_1832">124</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="right"><em class="gesperrt">Beilage</em>:</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">aus der neuern Geschichte Mexico’s, Bravo, + Vittoria, Señora Rayon</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Einiges_aus_der_neueren_Geschichte_von_Mexico">129</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">31.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Brief.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 30. September. Sieg bei Gallinero; + Versuch der Gefangenen, sich zu befreien; Tod des Engländers Short; + Einkleidung einer Nonne; Struensee (Trauerspiel.) </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_30_Sep_1832">136</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">32.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 4. October. Tour auf’s Land; Pulquebereitung; + Olivenbau; Einfluß europäischer Sitten; Butter; Bier; Wein</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_4_Oct_1832">139</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">33.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 12. October. Kriegsereignisse; Santa + Anna schlägt Facio, nimmt Puebla, unterhandelt mit der Regierung; + Alaman verläßt Mexico</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_12_Oct_1832">144</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_xi">[S. xi]</span> + <div class="right">34.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 5. November. Fernere Kriegsereignisse; + Mexico belagert; Folgen davon; Bustamante rückt heran;.Theurung; + Briefwechsel; <span class="antiqua">P. S.</span> vom 8. November; + Aufhebung der Belagerung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_5_Nov_1832">147</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">35.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 9. December. Stillstand in den Operationen; + Rückzug nach Puebla; Extrasteuern; Schlacht bei Puebla; Vereinigung + Santa Anna’s und Bustamante’s, zu Gunsten Pedraza’s; Unterhandlung + mit dem Congresse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_9_Dec_1832">152</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">36.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 28. December. Protest des Congresses; + Garnison entscheidet für Pedraza; Ende der Noth; Pulvermühle in Santa + Fé; Clima; Steinernes Schiff in Gouadeloupe; Sulzers Tod</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_28_Dec_1832">157</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">37.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 9. Januar 1833. Einzug der vereinten + mexicanischen Armee; Hoffnungen der Fremden und des Landes; Pedraza; + Zavala; Roccafuerte; Toleranz</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_9_Jan_1833">162</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">38.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 7. Februar. Tour in den deutschen + Minendistrict; Schleidens Lage und Tod in Anganguco; + der Bergbau daselbst, und Rückweg nach Mexico</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_7_Feb_1833">168</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">39.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico, am 13. Februar. Pedraza; Mädchenschule; + Vorbereitung zur Abreise</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Mexico_den_13_Feb_1833">179</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">40.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Vera-Cruz, am 3. März</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Vera_Cruz_den_3_Mar_1833">182</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">41.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">New-York, am 1. bis 9. April. Reise dahin; Clima; + Hafen; Zunahme des Verkehrs; Einwanderung; Bauart; Lebensweise; Damen; + Theater; Blutaristokratie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#New_York_den_1_bis_9_Apr_1833">184</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">42.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Am Bord <span class="antiqua">the Sully</span>, am + 30. April. Golphstrom; Hayfische</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Am_Bord_des_Packetboots_Sully">195</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">43.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Paris, am 10. Mai. Havre; Auswanderung nach + Amerika etc.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Paris_am_10_Mai_1833">199</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="right"><em class="gesperrt">Anhang</em>:</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Kurze Darstellung der politischen und administrativen + Maßregeln in Mexico, seit der Präsidentschaft Santa Anna’s, so wie der + gegenwärtigen Lage des Landes</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Anhang">203</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s4 padtop1" colspan="4"> + <div class="center"><a href="#Zweite_Abtheilung"><b>II.</b> <em class="gesperrt">Abtheilung</em>:</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="4"> + <div class="center"><a href="#Zweite_Abtheilung">mercantilische und statistische Notizen.</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">1.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Handel mit Mexico, Bordeaux, Havre, Hamburg und + Bremen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Handel_mit_Mexico">217</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_xii">[S. xii]</span> + <div class="right">2.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Ausfuhr.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Staat von Oaxaca; Cochenille</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ausfuhr_von_Mexico">221</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ausfuhrtabellen von 1758 bis 1832</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Cochenille">227</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Calculation des Werths in Bordeaux</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Calculation">229</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">3.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">aus Mexico im Allgemeinen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ausfuhr_von_Mexico_im_Allgemeinen">230</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Taback und Kaffee</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Tabak_und_Kaffee">232</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Preis des Kaffees bei freier Arbeit</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Berechnung_des_einstehenden_Preises_von_Kaffee_bei_freier_Arbeit">233</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">4.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Münzsorten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Muenz-Sorten">235</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">5.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Maaß und Gewicht</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Maas_und_Gewicht">236</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">6.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der mexikanische Tarif</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_mexicanische_Tarif">238</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">7.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Bergbau und Silbergewinnung</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Berg-Bau_und_Silber-Gewinnung">240</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left mleft1">Deutsch-Amerikanischer Bergwerks-Verein</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Deutsch_Amerikanischer_Bergwerksverein">242</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left mleft1">Ertrag und Ausfuhr im Allgemeinen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Ertrag_und_Ausfuhr_im_Allgemeinen">245</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left mleft1">Münze in Mexico</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Muenze_in_Mexico">246</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">8.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left"><span class="antiqua">Banco de Avio</span> + (Industrie-Belebungs-Bank)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Banco_de_Avio">247</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">9.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Eisenschmelzerei auf dem Sitio</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Die_Eisen-Schmelzerei">254</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">10.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Bevölkerung von Mexico</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Bevoelkerung_von_Mexico">255</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">11.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Der Staat von Vera-Cruz</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Der_Staat_von_Vera-Cruz">262</a></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">12.</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left">Finanz-Departement</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right"><a href="#Finanz-Departement">264</a></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="chapter"> + +<h2 class="nobreak" id="Erste_Abtheilung">Erste Abtheilung.<br> +<span class="s6 nobold">Hinreise, Aufenthalt und Rückreise.</span></h2> + +</div> + +<p><span class="pagenum" id="Page_1">[S. 1]</span></p> + +<p>An * * *</p> + +<p class="s5 right mright2" id="Koeln_9_Oct_1831">Köln, am 9. October 1831.</p> + +<p class="p0"><span class="initial">D</span>u siehst aus der Ueberschrift, daß der Rubicon überschritten +ist. Ich bin <em class="gesperrt">diesseits</em> des Rheins und kann jetzt nur noch +<em class="gesperrt">vorwärts</em>. Stufenweise sollst Du stets etwas von mir hören, so +wie ich in gleicher Weise Nachrichten von dir erwarte.</p> + +<p>So eben tritt Herr de B. zu mir ins Zimmer, um mir einen Besuch +zu machen und zu sagen, daß er mit seiner kleinen Frau (der +liebenswürdigen Mexikanerin — der ersten die wohl je den Rhein +befahren — und die wir, wie Du weißt, vor einigen Monaten zwischen +Mainz und hier auf dem Dampfboot trafen) auf der Rückkehr nach Mexico +begriffen sei, und sich in Falmouth einschiffen wolle. —</p> + +<p>Wie doch in unserer Zeit Alles mit Riesenschritten voranschreitet! +Mexico, das noch vor 12 Jahren jeder andern Nation als der spanischen +fast gänzlich verschlossene Land, steht jetzt mit der ganzen Welt in +Verbindung und schließt davon nur (bis zu dereinstiger Anerkennung +seiner Unabhängigkeit) das ehemalige Mutterland, Alt-Spanien selbst, +aus. England, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Nordamerika +haben eine regelmäßige monatliche Packetfahrt (England von Falmouth, +Frankreich von Bordeaux und Nordamerika von New-York aus) nach +Vera-Cruz in Gang gesetzt, und Deutschland unterhält einen sehr +lebhaften Verkehr mit den mexicanischen Häfen, von Hamburg und Bremen +aus. —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_2">[S. 2]</span></p> + +<p>Es fehlt also jetzt nicht mehr an passenden Reisegelegenheiten nach +Mexico; ich aber habe, wie Du weißt, den Weg über Frankreich gewählt, +und reise morgen mit dem Frühesten über Aachen gen Bordeaux. — S..., +der gleichzeitig mit mir von E... abgereist ist, geht über England, wir +werden nun sehen, wer von uns zuerst das Ziel erreicht.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Paris_23_Oct_1831">Paris, 23. October +1831.</p> + +<p>Meine Reise vom Rhein hierher war eine ganz angenehme, und die +Behandlung an der belgischen und französischen Douane der Art, daß +sie mir meine gute Laune nicht verdarb. — Paris selbst fand ich denn +noch immer das alte <em class="gesperrt">Sodom</em> und <em class="gesperrt">Gomorrha</em>; und stets noch +dasselbe ungeheure Getriebe in den Straßen und an öffentlichen Orten! +Doch ist die Stadt in manchen Theilen und auf den Boulevards, seit ich +zuletzt hier war, sehr verschönert worden. — Es giebt übrigens auch +fast keine große Stadt in Europa, wo nicht seit dem allgemeinen Frieden +theils das Innere, theils die Umgebung erheitert und verschönert worden +wäre! Der beste Beweis, daß den Völkern ein <em class="gesperrt">friedlicher</em> Zustand +der Dinge mehr zusagt und besser bekommt, als selbst der erfolgreichste +<em class="gesperrt">Krieg</em>, — und dennoch (wer sollte es glauben?) giebt es hier +noch eine Menge Unsinniger, die diesen herbei wünschen! — Ich aber +sage: der Himmel erhalte uns den <em class="gesperrt">Frieden</em>!</p> + +<p>Durch die dir bekannte Gefälligkeit unseres Freundes R. war ich +im Stande manches schneller abzumachen, als ich ohne ihn gekonnt; +dennoch habe ich, da es mir auch hier an Geschäften nicht fehlte, gar +vieles ungesehen lassen müssen. Nach der Oper bin ich indessen doch +einmal gekommen, und sah dort zufällig ein seltenes Schauspiel, die +beiden <em class="gesperrt">Ex-Souveräne</em> nämlich, den Dei von Algier und Don Pedro +von Brasilien, <span class="pagenum" id="Page_3">[S. 3]</span>in anstoßenden Logen! Letzterer ist ein hübscher, +stattlicher Mann, mit offener, intelligenter Physiognomie; er erschien +in modischer Civil-Kleidung, und sein ganzes Wesen bildete einen +schneidenden Contrast mit den maurischen Zügen des alten graubärtigen +Deis, dessen mit Brillen bewaffnete Augen mit sultanischem Wohlgefallen +auf den Pariser Opern-Tänzerinnen zu ruhen schienen. — Des Deis +Bruder, gleich ihm in türkischer Tracht und Turban, aber während +der ganzen Vorstellung hinter ihm <em class="gesperrt">stehend</em>, ist ein schöner, +noch junger Mann. — Der dritte Exsouverain der neuesten Zeit, Carl +X., war an <em class="gesperrt">diesem</em> Abend nicht in der Oper! —</p> + +<p>Von unserm würdigen Gesandten, Herrn v. Werther, bin ich sehr gut +aufgenommen worden, und auch in merkantilischer Hinsicht habe ich +Ursache, mit meinem Pariser Aufenthalt zufrieden zu seyn; besonders +erfreut aber hat mich die Stunde, welche Herr v. Humboldt mir zu +widmen die Güte hatte, und in welcher ich, wie bei ihm stets der Fall, +sehr viel Interessantes vernommen habe. — Mit unermüdeter, fast +beispielloser Geistesthätigkeit hat er in diesem Augenblick, trotz +seiner diplomatischen Verrichtungen, wieder Mehreres herausgegeben, +sowohl über seine Reise nach Asien, als auch über die merkantilische +Statistik von Cuba; von letzterem Werk hat er mir ein Exemplar verehrt, +was mich auf der Reise belehrend unterhalten wird. — Auch hat er mich +mit Empfehlungs-Schreiben für Mexico versehen, und unter besseren +Auspicien, als denen <em class="gesperrt">seines Namens</em>, kann ich in jenem Lande +nicht auftreten!</p> + +<p>Ich reise nun heute Abend noch, in Gesellschaft des General-Lieutenants +v. P., nach Bordeaux, und schreibe dir von dort aus wieder. — Lebe +wohl!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_4">[S. 4]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Bordeaux_23_Oct_1831">Bordeaux, am 2. +November 1831.</p> + +<p>Auch bis hier war meine Reise eine glückliche und angenehme. Der Weg +von Paris hierher ist weit schöner, als jener von Belgiens Gränze nach +der Hauptstadt, und man muß sich auf letztern nicht beschränken, wenn +man <span class="antiqua">la belle France</span> sehen will. Die Ufer der Loire gewähren, +namentlich bei Blois und Tours, einen sehr reizenden Anblick; ersteres +erinnerte mich lebhaft an einige Punkte unseres schönen Neckars, in der +Nähe von Heidelberg. — Die Stadt Poitiers, auf einer gleichsam einzeln +empor ragenden, steilen Anhöhe erbaut, hat eine höchst romantische, +jedoch kalte Lage. — Der Anblick von Bordeaux aber, bei der Einfahrt +über die Garonne, ist wahrhaft prachtvoll zu nennen. Stadt, Hafen und +Quai haben etwas sehr Imposantes, und die erst seit kurzem vollendete, +steinerne Brücke über die Garonne, durch ihre Länge und Bauart in den +ersten Rang ähnlicher Werke gehörend, ist ein wahres Meisterstück der +Wasserbaukunst. In hohem Grade reizend ist die Ansicht, welche man von +dem Quai aus nach dem jenseitigen Ufer hat, besonders bei dem noch +immer, jedoch auch hier für diese Jahrszeit ausnahmsweise, schönen, +heiteren und milden Wetter.</p> + +<p>Meine Freunde hier, die mich mit der zuvorkommendsten Güte empfangen +haben, bedauerten, daß ich nicht in Zeiten für das zuletzt von hier +nach Mexico gesegelte Packetboot gekommen, weil es das schönste und +bequemste sei, was in dieser Fahrt ist; ich bin jedoch mit dem, worauf +ich mich einschiffen werde und welches ich so eben gesehen habe, +vollkommen zufrieden. Es heißt l’Esteva, und wird von Capitain Beck, +einem, wie es heißt, sehr geschickten Seemann, befehligt.</p> + +<p>Da ich mich in den letzten Tagen nicht ganz wohl befand, so habe ich +mir einen gewandten, schon öfter zur See gereisten Bedienten engagirt, +und fahre nun morgen <span class="pagenum" id="Page_5">[S. 5]</span>den Fluß hinunter, von wo aus wir mit dem ersten +guten Winde unter Segel gehen werden.</p> + +<p>Mit dem Lootsen, der an der Mündung des Flusses das Schiff verläßt, +sage ich Dir dann noch ein letztes Lebewohl von Europa aus! — Bis +dahin Adieu!</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_10_Nov_1831">Am +Bord des Esteva, den 10. Novbr. 1831, in der Gironde.</p> + +<p>Als ich Dir zuletzt von Bordeaux aus schrieb, glaubte ich nicht Dir +<em class="gesperrt">heute</em> noch von diesseits des Meeres schreiben zu können! +Indessen — der Mensch denkt’s, und Gott lenkt’s! Kaum waren wir +nämlich in Paulliac, einem kleinen Fischerort 6 Lieues abwärts von +Bordeaux, angelangt, als der gänzlich contrair gewordene Wind uns +nöthigte, vor Anker zu gehen, und ich mußte mich nun leider, — nachdem +ich meinen Aufenthalt in Paris mehr als mir lieb war verkürzt hatte, +um ja nicht zu spät für’s Packet nach Bordeaux zu kommen, und diesen +letztern Ort verließ, ehe ich noch wieder ganz hergestellt war, — acht +Tage in einem unbedeutenden Fischernest langweilen! Indessen, so wie +alles sein Ende erreicht, so gestatteten uns denn auch endlich Wind und +Wetter gestern Abend an Bord zu gehen, und machen jetzt so gute Miene, +daß wir Hoffnung hegen dürfen, eine schnelle Fahrt aus dem biscayischen +Meerbusen zu haben, was in dieser Jahreszeit häufig der beschwerlichste +und gefahrvollste Theil der Reise ist. Das, einige Wochen vor uns +gesegelte, schöne Packetboot, von dem ich Dir in meinem letzten sagte, +hat dies erfahren; es mußte, wie wir noch vor unserer Abreise von +Paulliac vernahmen, durch heftige Stürme und bedeutende Beschädigung +gezwungen, in den Hafen von <em class="gesperrt">Brest</em> einlaufen, um zu repariren, +und da dies viel Zeit erfordern wird, so <span class="pagenum" id="Page_6">[S. 6]</span>sind die meisten der 72!!! +Passagiere, die sich am Bord befanden, nach Bordeaux zurückgekehrt, +um andere Reise-Gelegenheit zu suchen! — Welch ein Glück also, daß +ich nicht der 73ste Passagier geworden bin; — und doch beklagte ich +dies noch vor kurzem und meine Bordeauxer Freunde mit mir! So weiß der +kurzsichtige Mensch nie was ihn frommt! — Ich fühle mich nun am Bord +unseres Schiffchens in recht behaglicher Stimmung und bin bereits ganz +einheimisch geworden. Meine Cajüte ist klein, aber bequem, und geräumig +genug, um darin lesen und schreiben zu können.</p> + +<p>Die Cajüten auf diesem Schiffe sind nicht, wie in der Regel üblich, im +untern Raum, sondern auf dem Verdeck angebracht, was, da hierdurch ein +freier Luftzug bewirkt wird, für Reisen nach heißen Zonen sehr passend +ist; für jene nach nördlichen Ländern dürften jedoch die Cajüten +unter Deck vorzuziehen seyn. Wir sind in Allem neunzehn Passagiere, +worunter mehrere Damen; eine Wittwe mit zwei liebenswürdigen schon +erwachsenen Töchtern, welche versuchen will, die ihr in Europa untreu +gewordene Göttinn Fortuna in Mexico wieder zu erhaschen; sodann eine +verheirathete Dame, eine Genferin, die mit ihren beiden, allerliebsten +kleinen Mädchen von 11 und 13 Jahren zu ihrem bereits in Mexico +etablirten Gatten reist. — Unser Capitain ist ein noch junger, +einnehmender und gebildeter Mann; es bedarf mithin zu einer angenehmen +Reise nur eines günstigen Windes, und dieser scheint sich, wie schon +gesagt, einstellen zu wollen. — Haben wir nun eine schnelle Fahrt nach +Westindien, so darfst Du schon in ein paar Monaten Nachrichten von mir +erwarten, indem es mir wohl gelingen wird, dort auf einer der Inseln +Briefe nach Europa zur Post zu geben; bis dahin mußt Du Dich aber +gedulden, und mit mir hoffen, daß wir gegenseitig nicht allzulange ohne +Kunde von einander bleiben.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_7">[S. 7]</span></p> + +<p>Diese Zeilen sind denn wirklich die letzten, die ich Dir aus diesem +Welttheil schreibe; ich gebe sie dem Lootsen mit, der uns in einer +halben Stunde verläßt!</p> + +<p>Lebe wohl, recht wohl; ich umarme Dich und die Kinder.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_17_Nov_1831">Am +Bord des Esteva, den 17. Novbr. 1831.</p> + +<p>Wir sind auf der Höhe der Azoren und mithin über die Gränzen Europas +hinaus. — Der Unterschied der Temperatur ist auch schon merklich +fühlbar, aber höchst angenehm; denn ohne daß wir von Hitze litten, +haben wir z. B. grade heute am 17. Novbr. die Luftwärme eines schönen, +nicht zu heißen Sommertages am Rhein, und gerne tränken wir daher den +Caffee im Garten, wenn nur einer zur Hand wäre! Das könnte nun zwar +morgen oder übermorgen der Fall werden, wo wir Madeira zu erreichen +hoffen, und ich habe daher auch wohl schon gewünscht, daß wir an etwas +Mangel leiden möchten, was uns nöthigte, auf jener paradiesischen Insel +zu landen; aber wir sind leider (?) zu gut mit Allem versehen, um +deshalb irgendwo einlaufen zu müssen. Wir werden mithin Madeira blos +vorbeisegeln, und höchstens die Umrisse der blauen Berge am Horizont +bewundern können, mit dem Lande aber warten müssen, bis wir nach +Westindien kommen.</p> + +<p>Es ist übrigens doch eine ziemlich ennüyante Parthie um eine längere +Seereise, besonders für einen, an unausgesetzte Thätigkeit gewöhnten, +Geschäftsmann! — Sind auch die Reisen zu Lande häufig ermüdender und +beschwerlicher, als die zur See, so kömmt man dagegen auf erstern doch +auch hin und wieder an Punkte, wo man sich geistig und körperlich +erfrischen und erholen kann; aber auf dem Meer gleicht ein Tag dem +andern, man ißt und trinkt und schläft und staunt Himmel und Wasser an. +Nur Sturm und schlechtes Wetter <span class="pagenum" id="Page_8">[S. 8]</span>bringen eine Abwechselung hervor; doch +eine solche wünscht man sich eben nicht.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_24_Nov">Am 24. November.</p> + +<p>Es gibt doch in der That nichts Unsichereres und Trügerischeres als +Wasser, Wind und Wetter! — So glaubten wir z. B. mit Zuversicht, +ehegestern, im 31sten Grad der Breite, die für die Fahrt nach +Westindien so günstigen Passatwinde zu erhaschen, als uns auf einmal +ein Sturm aus Südwesten zu fassen kriegte, das Schiff aus seinem +Cours heraus nach der afrikanischen Küste trieb, und uns namentlich +gestern Nacht mit vielem Unheil bedrohte; “denn die Elemente hassen +das Gebild von Menschenhand.” — Es war ein erhabenes, aber auch +zugleich furchtbares Schauspiel, dieser 24stündige Riesenkampf mit den +empörten Elementen, gegen welche die Kraft des Menschen nichts, seine +Gewandtheit dagegen oft alles vermag! Diese sollte denn auch diesmal +siegen, und wir blieben Gottlob unversehrt.</p> + +<p>Unbeschreiblich groß und schön war der Anblick der sich auf allen +Seiten um uns her aufthürmenden, tobenden Wassermassen; aber so, und +von diesem Standpunkt aus, wünsche ich Aehnliches doch nicht wieder zu +sehen! Heute hat sich nun alles wieder zum Guten gewendet, das Wetter +ist schön und der Wind passabel günstig; nur sind wir leider weit +südlicher gekommen, als wir sollten, und müssen jetzt viel verlornen +Weg nachholen.</p> + +<p>Wenn ich Dir übrigens eben von der <em class="gesperrt">afrikanischen</em> Küste sprach, +so mußt Du nicht glauben, daß wir dort von übergroßer Hitze gelitten +hätten; im Gegentheil, Luft und Winde waren kalt, und man konnte und +kann noch Ueberrock und Mantel vertragen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_9">[S. 9]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_2_Dec">Am 2. December.</p> + +<p>Gestern passirten wir die tropische Linie des Krebses, und es ist doch +nun endlich so heiß geworden, daß ich zu der Sommerkleidung meine +Zuflucht nehmen mußte. Unter dem Aequator mag freilich die Hitze noch +größer seyn, als hier unter dem Wendekreis. Bei dem Durchgang des einen +sowohl wie des andern ist es übrigens, wie Du wissen wirst, allgemeine +Sitte der Matrosen, jeden Reisenden, der die Fahrt zum erstenmale +macht, einer sogenannten Taufe zu unterwerfen. Diese Ceremonie, welche +zur großen Belustigung des jüngeren Theils der Passagiere heute +stattfand, will ich Dir nunmehr, wenn auch nur um <em class="gesperrt">der Kleinen</em> +willen, wenigstens in großen Zügen beschreiben; es wird sie jedenfalls +amüsiren.</p> + +<p>Als wir nämlich gestern bei Tische saßen, und eben die tropische Linie +durch waren, hörten wir aus den obersten Segeln den Himmelsfürsten +<em class="gesperrt">Tropique</em> mit lauter und rauher Stimme uns begrüßen, und gleich +darauf kam ein mit der Peitsche knallender Courier, auf einem recht +scheußlichen Seepferd (ein Matrose auf dem Rücken eines andern) in die +Cajüte geritten, und brachte von dem besagten Prinzen Tropique ein +Schreiben an den Capitain, worin er ihn in seiner Zone willkommen hieß, +und guten Wind versprach, wenn er ihm die noch nicht hier gewesenen +Passagiere morgen zur Taufe ausliefern wolle. Auf das Versprechen, dies +zu thun, kam nun heute der uralte Himmelsfürst mit seiner jungen Frau, +in Begleitung von Neptun und mehreren Dämonen der Unter- und Oberwelt, +unter lautem Getöse angezogen, um bei der Taufe zu präsidiren.</p> + +<p>Das Personal dieser grotesken Maskerade und der Gens-d’armerie, welche +bekanntlich bei keinem französischen Spektakelstück fehlen darf, nebst +dem Seepferd und Priester und Meßner, wurden natürlich durch theils +verkleidete, theils entkleidete <span class="pagenum" id="Page_10">[S. 10]</span>Matrosen dargestellt, welche letztere +sich mit Theer bestrichen und mit Federn und Werg beklebt hatten, um +ihren über- und unterirdischen Rollen gebührend zu entsprechen.</p> + +<p>Die Feier der Taufe selbst ward nun in einer aus Flaggen und Segeltuch +zierlich errichteten Capelle, durch Priester und Meßner, auf eine +bizarre, mitunter ganz belustigende Weise, an allen Passagieren +vorgenommen, von denen sich keine besser dabei benahmen, als die schon +erwähnten, niedlichen Genfer Mädchen von 11 und 13 Jahren.</p> + +<p>Die meiste Belustigung erregte einer der Dämonen, (ein nackter mit +Theer beschmierter und in bunte Federn gerollter Matrose) der beständig +um die Capelle herum sprang und hineinzudringen suchte, um die Taufe zu +stören, dabei aber von dem Wache stehenden Neptun mit dem Dreizack oft +sehr derbe und fühlbar zurückgejagt ward.</p> + +<p>Nach beendigter Tauf-Ceremonie trat der, bei 28° Hitze über die große +<em class="gesperrt">Kälte</em> hienieden klagende Fürst Tropique, mit Taufgeschenken +gehörig versehen, die Rückreise nach den höheren Regionen an. Die +Capelle ward von den Matrosen demolirt, und der Spaß, welcher das +Monotone einer Seefahrt, während eines halben Tages ganz angenehm +unterbrach, hatte ein Ende.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_10_Dec">Am 10. December.</p> + +<p>Wir begegnen jetzt täglich schwimmenden Massen von Seegras, die +schon dem <em class="gesperrt">Columbus</em> eine willkommene Andeutung der Nähe des +Landes waren, und hoffen, in wenigen Tagen <em class="gesperrt">Hayti</em> zu erspähen. +— Herzlich will ich mich des erquickenden Anblicks erfreuen, denn +man wird es nachgerade müde, nichts als Himmel und Wasser zu sehen. +Wenn mich indessen auch die Langeweile dann und wann etwas plagt, so +<span class="pagenum" id="Page_11">[S. 11]</span>befinde ich mich doch in jeder andern Hinsicht ganz wohl, und damit +Du siehst, daß mir am Bord des Esteva an materiellen Bedürfnissen +nichts abgeht, will ich Dir eine Beschreibung unserer Tages-Eintheilung +geben, um so mehr als es ohnehin unverzeihlich seyn würde, einer braven +Hausfrau gar nichts von Küche und Keller zu erzählen, die doch im Leben +(zu Land wie zu Wasser) eine so wesentliche Rolle spielen. So höre +denn. Bei der hier stattfindenden Tag-und Nacht-Gleiche, (Abends um 6 +wird’s dunkel, Morgens um 6 geht die Sonne auf) bekommt man gegen 7 +Uhr Morgens, nach Verlangen: Thee, Caffee oder Chocolade, — versteht +sich alles ohne Milch. Um 9 Uhr wird ein Gabelfrühstück aufgetragen, +bestehend aus einer Tasse Bouillon, Eierkuchen, Coteletten, Schinken +u. dergl., nebst Erdäpfeln und sonst einem Gemüse, wobei denn jeder +so viel Wein, oder Wein und Wasser trinkt, als ihm beliebt. Um 1 Uhr +wird dem etwa Hungrigen ein Imbiß, nebst einem Glas Bouteillenbier, +gereicht; um 4 Uhr speist man zu Mittag und es werden dabei folgende +Gerichte aufgetragen: gute Bouillon mit Reis oder Nudeln, Rind- oder +Kalbfleisch, auch wohl Hammelbraten; sodann, und zwar täglich, gekochte +oder gebratene Hühner, zur Abwechslung auch Enten oder Kalkuten; +Gemüse jeder Art, und zweimal in der Woche Torten und kleine Pasteten; +schließlich Butter und Käse, etwas Dessert, Caffee und Liqueur; und +dabei rother Wein nach Lust und Belieben. — Zum Beschluß des Tages +endlich wird jedem, der es wünscht, am Abend ein Glas Wein, Wasser und +Zucker, Himbeersaft oder dergl. gereicht, und Du wirst somit gestehen, +daß man sich am Bord des Esteva wenigstens über die Kost nicht zu +beklagen hat, und daß sie jener auf den englischen Packetbooten, die +Du ja aus früherer Erfahrung kennst, vorzuziehen ist; was <em class="gesperrt">Dir</em> +insbesondere aber noch mehr als Vorzug erscheinen würde, ist der +Umstand, daß <span class="pagenum" id="Page_12">[S. 12]</span>man aus den französischen Packeten nur Holz und keine +Steinkohlen brennt, deren Geruch und Dampf die Neigung zur Seekrankheit +so leicht erregt, und Dir oft so unangenehm war.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_14_Dec">Am 14. December.</p> + +<p>Endlich! und zwar in genauer Uebereinstimmung mit der Berechnung +unseres sachkundigen Capitains, sahen wir gestern Mittag Punkt 1 Uhr +das Cap Samana auf <em class="gesperrt">Hayti</em>. Wir genossen bis spät in die schöne, +warme, mondhelle Nacht das herrlichste Schauspiel, indem wir uns den +malerisch schönen Ufern dieser prachtvollen Insel immer mehr näherten, +deren gebirgiger Umriß sich am reinen Firmament in erhabener und +mannichfaltiger Gestaltung erhob.</p> + +<p>Heute war ich mit Sonnenaufgang wieder auf dem Verdeck, um mich +auf’s Neue an dem schönen, so lang entbehrten Anblick des Landes zu +laben; wir sind nunmehr dem Ufer so nahe, daß wir Alles deutlich +unterscheiden, und unsere Augen weiden können an den üppig bewachsenen +Bergen, den schönen grünen Hügeln und den am Fuß derselben gelegenen, +freundlichen Dörfern und Pflanzungen. — Einzelne Berggruppen +erinnerten mich lebhaft an unser schönes Siebengebirge bei Bonn, nur +mit dem Unterschied, daß die hiesigen Gruppen nun schon 30 deutsche +Meilen lang anhalten und noch nicht zu Ende sind.</p> + +<p>Diese Augenweide, der balsamische Landgeruch, den uns ein leichter +Zephyr von der so nahen Küste herüber weht, und die über alle +Beschreibung schönen, nur unter einem tropischen Himmel zu erlebenden, +warmen, mondhellen Nächte, haben einen Eindruck auf mich gemacht, +der sich wohl nur mit dem Leben verwischen wird. Wahrlich, hier wird +es einem nicht schwer, das Entzücken zu begreifen, welches Columbus +empfinden mußte, als er sein gefahrvolles und rastloses Streben +durch <span class="pagenum" id="Page_13">[S. 13]</span>die Entdeckung dieser schönen Insel belohnt sah. Es war aber +gerade in derselben Bucht, in welcher ich morgen den Fuß ans Land zu +setzen hoffe, wo Columbus zuerst auf Hayti landete. Diese Bucht, die +er den Hafen von <em class="gesperrt">St. Nicolas</em> nannte, gehört zu den wenigen +Orten, welche bis auf diesen Tag den Namen tragen, den er ihnen bei +der Entdeckung beilegte. — Wir aber sollen daselbst Frankreichs +Correspondenz mit Westindien abliefern, und da mir der Capitain +erlaubt hat, mit den Depeschen ans Land zu gehen, so benutze ich +diese Gelegenheit, um Dir das bisher für Dich Niedergeschriebene via +Nordamerika zuzusenden, und Dir Nachrichten von mir zu geben, welche Du +auf diese Weise um einige Monate früher erhältst, als wenn ich damit +bis zu unserer Ankunft in Vera-Cruz warten wollte! Wir haben noch einen +weiten Weg dahin, und wer weiß, was uns auf demselben noch bevorsteht! +Ich falte daher alles Fertige zusammen, und gebe es morgen in St. +Nicolas zur Post.</p> + +<p>Leb wohl, tausendmal wohl!</p> + +<div class="chapter"> + +<p class="s3 center" id="Zwei_Stunden_auf_Hayti"><b>Zwei Stunden auf +Hayti.</b></p> + +</div> + +<p>Am 15. December 1831, Morgens 9 Uhr, erreichten wir den Hafen der +Insel Hayti, <span class="antiqua">St. Nicholas au mole</span> genannt. Der Lieutenant und +ich gingen ans Land, um Briefe und Depeschen für Portauprince dort +abzugeben; und so war ich denn endlich auf der Insel, mit welcher ich +früher in so enger Verbindung gestanden, und konnte Manches von dem in +der Nähe sehen, was mir freilich schon oft von Augenzeugen geschildert +worden war. Die Scene war originell in hohem Grade; ich will versuchen +ein Bild davon zu entwerfen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_14">[S. 14]</span></p> + +<p>Als wir mit dem Boot in die Bucht ruderten, gewahrten wir auf beiden +Seiten Batterien, welche den Eingang vertheidigen, und bei Ansicht +der französischen Flagge, die wir führten, die haytische, blau und +roth in parallelen Streifen, aufzogen. Wir wollten in der Nähe des +Regierungs-Gebäudes landen, wurden aber von zwei Soldaten und einem +Offizier, die man uns entgegen sandte, bedeutet, daß wir tiefer in +den Hafen fahren und an der Douane landen müßten. Der Anblick von +schwarzen Männern, in europäischer Uniform von Tuch, blau und roth mit +weißen ledernen Bandeliers, schlechten Flinten und Säbeln, Tschako’s, +Pantalons <span class="antiqua">ad libitum</span> und nackten Füßen, erschien mir, ich gestehe es, +eigen und komisch genug. Zur Ehre des haytischen Militairs sei jedoch +hier gesagt, daß der Offizier nicht barfuß ging, sondern Schuhe an den +Füßen und einen großen dreieckigen Sturmhut mit Cokarde auf dem Kopfe +trug.</p> + +<p>Der erhaltenen Weisung gemäß, stiegen wir bei der Douane ans Land; auch +hier waren die Menschen, welche wir zu Gesicht bekamen, schwarz und mit +stark afrikanischen Zügen bezeichnet; sie haben nämlich platte, breite +Nasen, hohe Backenknochen und dick aufgeworfene Lippen. Die Zähne der +jüngeren Personen sind weiß, ohne blendend weiß zu seyn, und mehr stark +als schön.</p> + +<p>Der Director an der Douane war ein junger, sowohl von Wuchs wie von +Gesichtszügen schöner Mann, und würde gewiß bei unsern Damen, trotz +seiner schwarzen Farbe, Glück gemacht haben. Er sprach ein angenehmes +und richtiges Französisch und schien unterrichtet; meine Fragen in +Betreff der Bevölkerung des Städtchens, das er mit Wohlgefälligkeit +eine <em class="gesperrt">Stadt</em> nannte, beantwortete er mir ausweichend; +wahrscheinlich um nicht in Widerspruch mit seiner Benennung des Orts zu +gerathen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_15">[S. 15]</span></p> + +<p>Der Postsecretair, dem wir unsere Briefe und Depeschen gegen eine +Bescheinigung zu übergeben hatten, war ein Mulatte und sprach und +schrieb gut französisch; der Obrist, der auf geschehene Meldung uns +auf der Hauptwache besuchte, war ein Neger, zwar wie es schien, noch +jung, aber ohne körperliche Energie; er klagte über zu große Hitze +(es war der 15. Decbr.) und ich konnte ihm nur Recht geben, denn ich +litt selbst davon. Dies gab Gelegenheit von der natürlich noch weit +größeren Hitze des Sommers und ihren Wirkungen zu sprechen; der Obrist +schilderte sie als extrem und versicherte, daß nicht allein an der +Küste, sondern auch im Innern des Landes, die Sommerhitze hinraffende +Climafieber erzeuge, und daß alsdann die Eingebornen, eben so wenig wie +Ausländer, sich ungestraft der Sonne zu sehr aussetzen dürften; jetzt, +wo die Sonnenstrahlen die Insel nur in schiefer Richtung berührten, +ginge es noch an, aber im Sommer, wo sie senkrecht fielen, sei die +Hitze oft unerträglich.</p> + +<p>Das Französische des Herrn Obristen war nicht das reinste, und er +schien sich besser auf sein Creolisch, (ein corruptes Französisch, +welches sich auf den Inseln nach und nach zu einem förmlichen Patois +gebildet hat, und von den Einwohnern allgemein gesprochen wird,) +zu verstehen. Von den europäischen Angelegenheiten war er nicht +ununterrichtet, bedauerte die Polen, <span class="antiqua">qui avaient si bien assisté +la France autrefois</span>, und fällte ein richtiges Urtheil über die +belgischen Angelegenheiten: <span class="antiqua">ce pays n’ayant maintenant plus la même +importance qu’auparavant</span> u. s. w. — Im Ganzen genommen machte +jedoch die Unterhaltung mit dem Obristen nicht den angenehmen Eindruck +auf mich, wie jene mit dem Director der Douane.</p> + +<p>Der General, der Anfangs auch auf die Hauptsache zu uns kommen wollte, +ließ der großen Hitze wegen absagen, <span class="pagenum" id="Page_16">[S. 16]</span>was ich bedauerte, da ich ihn +gern gesprochen hätte; wären wir, des für die Hauptreise günstigen +Windes wegen, nicht so sehr eilig gewesen, so würde ich dem General +meine Aufwartung gemacht haben. Bei Gelegenheit der Meldung vom General +ermangelte der Herr Obrist nicht seine Autorität dadurch kund zu thun, +daß er der Ordonnanz in meiner Gegenwart einen derben Verweis, wegen +des Tragens eines Kopftuchs unter dem Tschako, ertheilte.</p> + +<p>Da wir etwas Erfrischung für das Schiff mitzunehmen beabsichtigten, so +frugen wir den Obrist, ob und wo diese wohl in der Stadt zu haben wäre, +worauf er uns erwiderte, daß wenn man uns früher heransegeln gesehen +hätte, ohne Zweifel und wie üblich, alle Arten von Erfrischungen aus +der Nachbarschaft vom Lande herbeigebracht worden wären; so aber sei +es zweifelhaft, ob wir fänden, was wir suchten; er wolle jedoch den +Capitain mit uns schicken, um uns die Wohnung des Schlächters u. s. w. +zu zeigen! Dieß gibt den Maßstab des Verhältnisses zwischen Militair +und Bürgern auf Hayti! Der Capitain übernahm den Auftrag sehr gern; wir +fanden bei dem Schlächter, dem einzigen des Orts, frisches Rindfleisch, +und kauften dessen ein gutes Viertheil.</p> + +<p>Die recht hübsche, junge und muntere Frau des Schlächters hatte ein +drei Wochen altes Kind im Schooße liegen, welches, mit Ausnahme des +Kopfes, mir viel kleiner schien, als Kinder gleichen Alters bei uns; +ich hatte nachher Gelegenheit diese Bemerkungen an mehreren neugebornen +Kindern, die man den Kommenden und Gehenden in den überall offenen +Wohnungen nirgends verbirgt, zu machen; wenn sodann diese Kinder +heranwachsen, so haben sie bis zum 14ten oder 15ten Jahre einen sehr +dicken, hervorstehenden Leib und sehr dünne Beine, auf welchen sie +indessen ganz lustig einherhüpfen, und weder <span class="pagenum" id="Page_17">[S. 17]</span>ihren nackten Körper +durch Bekleidung oder Kopfbedeckung gegen die Sonne, noch ihre bloßen +Füße gegen den brennenden Boden zu schützen versuchen.</p> + +<p>Es schien dem oberwähnten Herrn Obristen zu gefallen, daß ich einen +solchen kleinen, nackten Homunculus zu mir rief, auf den Schooß nahm, +ihn um seinen Namen befragte und liebkos’te; es ging mir aber ganz +von Herzen, denn das schwarze Kind lächelte mich so freundlich an mit +seinen milchweißen Augen und elfenbeinernen Zähnen, daß ich mich sehr +zu ihm hingezogen fühlte.</p> + +<p>Ich sah nachher noch viele, recht hübsche Kinder, beiderlei +Geschlechts, worunter mir besonders ein Knabe von etwa 13 Jahren, für +dieses Alter recht groß und stark, durch sein intelligentes, offenes +Gesicht, gefiel. Er war der Sohn eines wohlhabenden Mannes, bereits +in einer Erziehungsanstalt in Portauprince gewesen, und sollte zur +Vollendung seiner Studien wieder dahin zurück. Wäre ich auf der +Rückreise nach Europa gewesen, ich hätte darauf angetragen, ihn mir +dahin mitzugeben, und der Vater würde wahrscheinlich darauf eingegangen +seyn, denn er legte großen Werth auf die Erziehung seiner Kinder. Daß +dieser Jüngling und seine sechs Geschwister, bis auf die jüngsten von +wenigen Jahren, die bloß ein schneeweißes Hemd übergeworfen hatten, +sehr ordentlich gekleidet gingen, versteht sich von selbst.</p> + +<p>Der Vater, der wie alle Einwohner, die es vermögen, eine Boutique +hielt, ein noch junger Mann, erzählte mit Wohlgefallen, daß er sieben +Kinder habe, die denn auch alle um uns herumstanden, aber seine Frau, +die vor uns saß, zeigte auf ihren hochschwangern Leib und fügte +hinzu: <span class="antiqua">et voici le huitième</span>. Da Mann und Frau nicht von einer +Gesichtsfarbe waren, er schwarz und sie dunkelbraun, so fand ein großer +Unterschied <span class="pagenum" id="Page_18">[S. 18]</span>unter den Kindern statt; sie waren theils mulatten-, +theils negerartig.</p> + +<p>Man kann überhaupt keine mannichfaltigere Abstufung der Gesichtsfarben +sehen, als auf Hayti. Mulatten, die fast weiß sind, braun und +olivenfarb in allen Nüancen, und ganz schwarz. Diese letztere Hautfarbe +gefällt mir nach der weißen am besten, und erscheint dem Auge am +reinlichsten. Nicht minder als die Hautfarbe, weichen die Gesichtszüge +von einander ab, und man erkennt deutlich die große Verschiedenheit +der afrikanischen Völkerschaften, welche die frühere Sclaveneinfuhr +auf diese Insel verpflanzt hat. Der Schnurrbart, den die Militärs, wie +es scheint, gern tragen, steht einigen schwarzen Gesichtern gar nicht +übel, andern desto schlechter. Den älteren Leuten ergrauen wie bei +uns Haupt- und Barthaare, was gegen die schwarze Hautfarbe unangenehm +absticht.</p> + +<p>Unter den Weibern sah ich mehrere hübsche Figuren. Alle <em class="gesperrt">jüngeren</em> +haben einen vollen Busen; bei den <em class="gesperrt">älteren</em> ist das Gegentheil +der Fall, und diese scheinen überhaupt sehr häßlich zu werden. Die +Haltung des Körpers bei den jüngeren Weibern ist sehr gerade, und +hat in dieser Hinsicht einige Grazie; desto mehr fehlt ihnen diese +im Anzug, den sie trotz ihrer Putzsucht äußerst nachlässig um den +Körper hängen haben, so daß die Schultern entblößt sind, ungefähr wie +heutigen Tages bei unsern jungen Schönen auf den Bällen, beides wohl +Folge der allzu großen Hitze, zu welcher sich, freilich nur auf Hayti, +die einfachere Bekleidung unserer Mutter Eva (versteht sich nach der +Apfel-Katastrophe) weit besser passen würde, als die <span class="antiqua">robes</span> von +englischen, gedruckten Callicos oder weißen Musselinen! Die Kopftücher, +die hier <span class="antiqua">à la française</span> getragen werden, kleiden gut und geben +den Weibern ein reinliches Ansehen. Ueberhaupt scheint Reinlichkeit, +des Körpers sowohl wie der Häuser u. s. w. in hohem Grade bei diesen +Leutchen <span class="pagenum" id="Page_19">[S. 19]</span>zu herrschen, und ich könnte im lieben Vaterland gar manchen +Ort nennen, der sich in dieser Hinsicht mit St. Nicholas auf Hayti +nicht vergleichen kann.</p> + +<p>Die ärmeren Weiber, die uns Früchte, Fische u. dgl. zum Verkauf +brachten, trugen schneeweiße Hemden, und obgleich diese zum Theil sehr +zerrissen waren, so stach die schwarze Hautfarbe darunter doch minder +unangenehm hervor, als es unter ähnlichen Umständen die, leider nur +allzu oft schmutzige, Hautfarbe einer zerlumpten, deutschen Bauerfrau +gethan haben würde.</p> + +<p>Die Männer sind einfacher, und deshalb fürs Auge angenehmer gekleidet; +auf dem Kopf das bekannte <span class="antiqua">mouchoir</span>, leichte baumwollene Jacke +und Pantalons, bilden den gewöhnlichen Anzug; einige Wohlhabendere +tragen tuchene Jacken und graue Hüte, und kleiden sich überhaupt mehr +europäisch, welche Eitelkeit sie denn durch vermehrten Schweiß gehörig +abbüßen müssen.</p> + +<p>Der Charakter dieses Völkchens scheint sehr gutmüthig, und der +Empfang, der uns überall und ohne Ausnahme zu Theil ward, konnte nicht +freundlicher seyn; auch waren die Preise, welche man uns für die +verschiedenen Früchte, wie Orangen, Ananas, Bananen, Kokosnüsse u. +dgl., ferner Fische, Fleisch u. s. w. abforderte, obgleich man sah und +wußte, daß wir die Dinge haben mußten, keineswegs übertrieben, und auch +hierin dürfte ein Vergleich mit manchem europäischen kleinen Hafen zu +Gunsten des haytischen ausfallen. Etwas träge scheint das Volk zu seyn; +wie wäre dies aber auch unter einem solchen Himmelsstrich anders zu +erwarten? und wer will es Menschen unter der tropischen Zone verargen, +wenn sie ungezwungen nur so viel arbeiten, als zu einer bequemen, alle +<em class="gesperrt">ihre</em> Bedürfnisse befriedigenden Existenz erforderlich ist. Die +Bevölkerung der Insel im Allgemeinen kann indessen unmöglich <span class="pagenum" id="Page_20">[S. 20]</span>ohne +einen ziemlich hohen Grad von landwirthschaftlicher Industrie seyn, da +sie jährlich circa 40 Millionen Pfund Kaffee liefert, und diesen gegen +Waaren, europäischen und nordamerikanischen Ursprungs, austauscht und +ausführt.</p> + +<p>Diesen direkten Handel betreiben jedoch nur die größeren Häfen der +Insel, wie Portauprince, Cap Français, Jacqmel u. s. w. St. Nicholas +hat daran keinen Theil; es verkehrt nur mit Portauprince, bezieht +von daher die europäischen Manufacturwaaren, die es an die in seiner +Nähe gelegenen Pflanzer gegen Kaffee absetzt, und diesen sodann nach +Portauprince als Zahlung sendet.</p> + +<p>Bei Gelegenheit dieser Erläuterungen erfuhr ich mit großem Interesse, +daß in der Nähe von St. Nicholas noch die Rudera einer <em class="gesperrt">deutschen</em> +Kolonie, etwa 80 Menschen, existirten, welche sich als fleißige +Pflanzer auszeichnen und für die Kaufleute zu St. Nicholas gute Kunden +sind. Es waren hier früher viele, welche das französische Gouvernement +vor der ersten Revolution dahin gesandt hatte, und die sich, wie mir +versichert worden, ganz wohl befanden. Der berüchtigte <em class="gesperrt">Christoph</em> +hatte sie aber als Nichtneger zu vertilgen gesucht; das jetzt noch +vorhandene, kleine Häufchen ist seiner Wuth entgangen, und von der +nunmehrigen Republik entschädigt und in ihr Eigenthum wieder eingesetzt +worden. Sehr habe ich bedauert, diese kleine Kolonie, trotz ihrer +Nähe, aus Mangel an Zeit — nicht besuchen zu können; sie wird von den +Einwohnern von St. Nicholas noch immer als eine deutsche Niederlassung +bezeichnet, mischt sich jedoch natürlich jedes Jahr mehr mit den +Eingebornen des Landes, und wird sich mithin diesen, sowohl in Farbe +als in Charakter und Sitten, welche letzteren von den deutschen wo +möglich noch mehr abweichen als die erstere, immer mehr nähern.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_21">[S. 21]</span></p> + +<p>Vieles, was theils Convenienz, theils eine höhere Erkenntniß des +wahrhaft Schönen und Edlen aus unserer Unterhaltung und unserm Betragen +verbannt, ist bei jenen zwanglosen Kindern der Natur nicht im Mindesten +anstößig, und eine Unterhaltung, bei welcher unsere Schönen sich die +Ohren verstopfen, oder wohl gar in Ohnmacht fallen würden, verletzt +dort kein jungfräuliches Ohr; und dennoch soll häusliches Glück und +eheliche Treue auf Hayti sehr heimisch seyn.</p> + +<p>Der Gebrauch ungebundener Rede und der freiere Umgang zwischen beiden +Geschlechtern dürfte mithin auch weit weniger zu beklagen seyn, als der +Mangel an Ausbildung durch eine sorgfältigere Erziehung und belehrenden +Unterricht. Dieser Mangel erzeugt eine Leerheit, die bei einer übrigens +großen Lebendigkeit natürlich zu trivialer Unterhaltung und Geschmack +an kindischem, nichts sagendem Wesen führen muß und geführt hat. Daß +es übrigens weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht an +gehörigem Indicium fehlt, geht daraus hervor, daß fast jedes Haus eine +Boutique hat, welche meist von dem weiblichen Theil der Familie besorgt +und wahrgenommen wird.</p> + +<p>Daß diese Boutiquen fast alle, nach nordamerikanischer Art +(<span class="antiqua">Stores</span> genannt) <em class="gesperrt">Alles</em>, d. h. von einem Glas +Schnaps bis zum feinsten Mußlin, zum Kauf ausbieten, wird niemand +überraschen, der von Colonialverhältnissen schon hat reden hören; +als besondere Bemerkung gilt jedoch hier, daß der größte Verkehr +dieser <span class="antiqua">marchandes</span> in englischen Baumwollenwaaren stattfindet, +und es gewährte mir vielen Spaß, in fast jedem Hause meine alten +Bekannten, die Ginga’s, Sirsakaß, <span class="antiqua">mouchoirs</span> u. s. w. +zum Verkaufe aufgeboten zu sehen. Auf meine Fragen über diesen +Manufacturwaarenhandel, gewahrte ich überall eine entschiedene +Vorliebe für Waaren englischen Ursprungs; Folge der während des ganzen +Continentalkrieges <span class="pagenum" id="Page_22">[S. 22]</span>ausschließlichen Zufuhr englischer Waaren. Auch +trägt man auf Hayti fast nur baumwollene Stoffe, weniger Leinen und +fast gar keine Seide.</p> + +<p>Diese kleine Hafenstadt liegt am Fuße eines Gebirges, welches sich der +ganzen Küste entlang hinzieht, und dem an der Insel vorüber Segelnden +den Anblick des Binnenlandes verbirgt.</p> + +<p>Das kleine Thal von St. Nicholas ist sehr eng, und die Hitze würde +daher fast unerträglich seyn, wenn die Luft nicht durch das so nah +gelegene Meer etwas abgekühlt würde. Die Häuser sind, mit sehr wenigen +Ausnahmen, alle von Holz und einstöckig; sie haben einen Vorbau des +Daches, der auf Pfeilern ruht und zum Schutz gegen die Sonnenstrahlen +dient; sie sind mit hölzernen Schindeln gedeckt, die von Nordamerika +nebst vielem Bauholz zugeführt werden. Da in Westindien häufig Stürme +(Orkane) wüthen, die diese Häuser umreißen und die Dächer nach allen +Richtungen hinwehen, so ist dieser Holzhandel zwischen den vereinigten +Staaten von Nordamerika und den Inseln sehr beträchtlich. Die Straßen +fand ich breit und in gerader Linie gezogen, aber nicht gepflastert; +man scheint ursprünglich auf einen nunmehr ab- und festgetretenen Rasen +gebaut zu haben. Die Häuser stehen weit auseinander, und haben fast +alle ein kleines Gärtchen hinter dem gleichfalls sehr kleinen Hofe.</p> + +<p>Die Abtheilungen oder Zimmer in den Häusern sind geräumig, und da sie +bis an das schräglaufende, nur leicht mit Schindeln bedeckte Dach +reichen, hoch und luftig. Glasfenster hat man hier deshalb nicht, weil +sie die Hitze vermehren würden; so lange es Tag ist, läßt man gern mit +dem Lichte auch die Luft herein, und wird es Nacht, so thun hölzerne +Jalousieläden bessere Dienste, als Glasfenster, wenn man die Oeffnungen +überhaupt schließen will in den schönen, mondhellen <span class="pagenum" id="Page_23">[S. 23]</span>Nächten, welche +in diesem Himmelsstriche einen so zauberischen Reiz haben, daß ihn +ein Nordländer aus Erfahrung kennen lernen muß, um ihn zu begreifen. +Nichts gleicht dem Glanz der Gestirne in diesem heitern Aether, und der +Mond strahlt ein so sanftes Licht hernieder, als wolle er besänftigen +und heilen, was die sengende Sonne am Tage verletzte. In dem Bau +sowohl, wie in der Einrichtung und Eintheilung der Häuser herrscht +kein übler Geschmack; ich bin in dem Ansprachzimmer eines Boutiquiers +gewesen, das an verhältnismäßiger Eleganz nichts zu wünschen übrig +ließ; auf der einen Seite war sodann das Magazin und auf der andern +die Schlafzimmer, worin ich die schönsten Betten, mit weißem Mußlin +geziert, auf eleganten, vierpföstigen Mahagonibettstellen (welche +gleichfalls von Nordamerika bezogen werden) aufgeschlagen fand. — Zu +verwundern ist, daß die Bewohner eines so heißen Landes die luxuriöse +Natur ihres Bodens nicht mehr benutzen, um dem großen Bedürfniß des +Schutzes gegen die brennenden Sonnenstrahlen dadurch abzuhelfen, daß +sie, nach holländischer Sitte, eine Reihe Schatten gewährender Bäume +vor ihre Häuser pflanzen; eine solche, in heißen Ländern so besonders +wohlthätige, Sitte würde auf Hayti bei dem ersten Vorbild um so mehr +Nachahmer finden müssen, als es mit so wenig Mühe geschehen und ohne +alle Sorgfalt erhalten werden kann; denn der üppige Boden bringt +alles hervor, was die vegetabilische Natur Schönes in ihrem Schooße +zu bilden vermag. So wie man landet, sieht man den schönen Kokosbaum +hervorragen mit seinen palmenartigen Zweigen, den in seinen Blättern +ihm ähnlichen Bananenbaum, den Feigenbaum, Zitronen, Orangen aller Art, +Zuckerrohr, Kaffee, Taback und hundert andere, minder ausgezeichnete +Pflanzen und Gewächse. Wer nun aber hofft, diese in einiger Ordnung +und mit Geschmack der Anlage in den Gärtchen der Einwohner zu finden, +würde sich sehr <span class="pagenum" id="Page_24">[S. 24]</span>irren; sie stehen in diesen allen untereinander wie +Unkraut, und werden nur geschätzt, sofern sie Nahrung geben, oder einen +Gegenstand des Handels bilden. Der Sinn für Gartenanlagen scheint den +Bewohnern von St. Nicholas zu mangeln, und doch sind sie nicht ganz +unempfindlich gegen die Schönheiten der Pflanzen-Natur, denn man rühmte +mir mit Wärme die schöne Blüthe, welche die eine oder die andere Frucht +vor der Reife treibe, und freuete sich der vortrefflichen Limonade, +welche die verschiedenen Orangen bei der Mischung mit ihrem guten +klaren Wasser hervorbringe, welches letztere ich durch mehrere Versuche +vollkommen bestätigt fand.</p> + +<p>Die schönste Blume, welche ich auf Hayti gesehen, wächst auf einem +hohen Baume, dessen Name mir aber entfallen ist; man schnitt mir mit +der größten Bereitwilligkeit alles ab, was an Blumen auf dem Baume war, +und dankte freundlichst für das Frankenstück, welches ich dem netten, +schwarzen Mädchen dafür gab.</p> + +<p>Von vierfüßigen Thieren sah ich mittelgroße Kühe, schöne Esel, kleine +Pferde und, in den Höfen angebunden, auch Schweine. Hunde und Katzen +bemerkte ich nicht; eben so wenig wildes Geflügel, auch keine zahme +Tauben; dagegen Hühner die Menge, und hier und da Gänse von etwas +schwererer Art, als die unsrigen. Von fliegenden Fischen gab es im +Hafen ganze Heerden, und an andern Fischen für die Tafel war kein +Mangel; wir kauften deren von verschiedenen Sorten.</p> + +<p>Gern hätte ich meine Untersuchungen fortgesetzt, und meine Wißbegierde +durch noch tausend Fragen befriedigt, aber wir mußten leider nach +zweistündigem Aufenthalt wieder zu Schiff, und somit kann ich eine +Fortsetzung nur dann liefern, wenn mich der Zufall wieder einmal nach +Hayti führt, und dann hoffentlich auf mehr als <em class="gesperrt">zwei Stunden</em>!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_25">[S. 25]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_den_19_Dec_1831">Am +Bord des Esteva, den 19. Dec. 1831.</p> + +<p>Auf Hayti wäre ich denn nun gewesen! Es war mir sehr interessant und +ich habe, wie Du siehst, manches darüber niedergeschrieben. Die etwas +lange Erzählung trägt das Gepräge der Muße einer Seereise; wollte ich +jeden zweistündigen Abschnitt meiner Landreise so breit beschreiben, +so würde ich ganze Folianten damit füllen, wozu mir hoffentlich Lust +und Zeit fehlen wird. Von einer Seefahrt dürfte es aber schwer halten, +auch nur so viele Zeilen zu füllen, als von einer gleich lang dauernden +Landreise Seiten. — Das Leben zur See ist ein gar zu monotones; die +Sonne geht jeden Tag auf und unter, der Mond thut es drei Wochen lang +auch, und der Mensch — nun, was der Mensch thut, habe ich Dir bereits +erzählt, und fahre damit fort. —</p> + +<p>Während unseres Aufenthalts von nur wenig Stunden in St. Nicholas, +war der Wind so stark geworden, daß es uns nur mit Mühe und nach +mehrstündigem, angestrengten Rudern gelang, das Schiff wieder zu +erreichen; es lief jedoch alles gut ab. Wir wurden freudig bewillkommt +und über das am Lande Gesehene von allen Seiten mit Fragen bestürmt, +die wir bei dem heute sehr heitern Mittagsmahl, so gut wir konnten, +zu befriedigen trachteten, nachdem wir die mitgebrachten Blumen und +Früchte unter die Damen und Kinder vertheilt hatten.</p> + +<p>Bei dem so sehr günstigen Winde ließ der Capitain alle Segel beisetzen, +um das Versäumte nachzuholen, und es dauerte auch nicht lange, so +verloren wir die nördlichen Ufer von Hayti aus dem Gesichte, um sie +gegen die südlichen von Cuba zu vertauschen. — Diesen letztern kamen +wir aber leider nicht so nahe wie jenen, und mußten uns mit dem Anblick +des malerischen Umrisses der schönen blauen Gebirge, die den Horizont +begränzten, begnügen; und auch diese hatten wir am andern Morgen aus +dem Gesichte verloren, und sahen wieder <span class="pagenum" id="Page_26">[S. 26]</span>blos den Himmel über uns und +um uns her die See. — Wir befinden uns nun in dem <em class="gesperrt">mexicanischen +Meerbusen</em> auf der Bank von Campeche, und die vielen Seevögel +und fliegenden Fische, die sich sehen lassen, die große Menge von +auftauchenden Meerschweinen (eine Delphinart) und mitunter auch kleine +Wallfische, welchen wir begegnen, zeugen von der Nähe der Küste von +Yuccatan und von unserm Fortschreiten auf der nun hoffentlich bald +beendigten Reise.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_24_Dec_1831">Am 24. December +1831.</p> + +<p>Hätten wir den günstigen Wind, der uns so rasch an den westindischen +Inseln vorbeiführte, nur noch zwei Tage länger behalten, so wären wir +heute schon in Vera-Cruz angelangt, während wir jetzt durch leider +eingetretene, gänzliche Windstille, nach glücklich zurückgelegtem Wege +von 1500 deutschen Meilen, nur noch ungefähr 20 Meilen von unserm +Ziele wie festgebannt liegen, und ich dergestalt den, dem deutschen +Familien-Vater so lieben, Christabend einsam auf der See zubringen +muß, statt ihn am Lande, im traulichen Kreise der Meinigen, oder mit +Freunden zu feiern. Meine Reisegefährten fühlen <em class="gesperrt">diese</em> Täuschung +deshalb weniger, weil es meistens Franzosen und Spanier sind, in deren +Heimath man die Feier dieses frohen Kinderfestes wenig oder gar nicht +kennt.</p> + +<p>Wir können übrigens von Glück sagen, daß uns diese Windstille nicht +einige Tage früher befallen hat, indem wir sonst wohl schwerlich dem +größten aller Uebel, dem, eine Beute der Seeräuber zu werden, entgangen +wären. Als wir nämlich am 20sten, des Abends gegen 11 Uhr, uns, der +wunderschönen, mondhellen Nacht wegen, noch auf dem Verdeck befanden, +wurden wir plötzlich durch das Erscheinen eines fremden Schiffes +unangenehm überrascht; es schien von der Küste von <span class="pagenum" id="Page_27">[S. 27]</span>Campeche gekommen +zu seyn, und ehe wir es uns versahen, kam sein sehr stark bemanntes +Boot auf uns zu und fragte, in Antwort auf unsern Anruf, nach Curs, +Länge-Berechnung⁠<a id="FNanchor_1_1" href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> u. s. w. Das Verdächtige eines solchen Verfahrens +in später Nacht war augenscheinlich, und ließ keinen Zweifel, daß man +darauf gerechnet hatte, wir wären, wie in der Regel um diese Zeit der +Fall ist, bereits alle zu Bett gegangen, und man hätte nur die bei +Nachtzeit schwache Matrosen-Wache auf dem Verdecke zu überwinden. In +diesem Falle wäre es der wohlbewaffneten Mannschaft jenes Bootes ein +Leichtes gewesen, sich unseres Schiffes zu bemächtigen. Die Räuber +hätten es, wie sie bei solchen Gelegenheiten zu thun pflegen, rasch +erstiegen, die Wache niedergemacht, die Luken und Kajüten verrammelt +und uns in ihrer Gewalt gehabt. Was aber alsdann unser Schicksal +gewesen wäre, läßt sich mit nur allzugroßer Gewißheit schließen, denn +nur selten sind den Piraten (diesem Auswurf der Menschheit!) Schiffe in +die Hände gefallen, deren Mannschaft und Passagiere sie nicht gemordet +hätten; sey es auch nur in der Absicht, die Schlupfwinkel geheim zu +halten, wo sie ihren Raub hinführen. — Welch ein reges Leben sich in +jenem kritischen Moment an Bord unseres Schiffes, unter der starken +Besatzung und den vielen Passagieren, die sich alle zu bewaffnen +eilten, äußerte, kannst Du Dir denken. Alle Welt war glücklicher Weise +noch auf dem Verdeck, und die 19 Matrosen und fast eben so viele +streitbare Passagiere erschienen nun auf der Seite, welcher das Boot +sich nahte, und mochte dasselbe wohl abschrecken, denn es ruderte +sofort nach dem, nicht weit entfernten, fremden Fahrzeuge zurück, +<span class="pagenum" id="Page_28">[S. 28]</span>vielleicht um Verstärkung zu holen. Da aber unser Capitain, den +wachsenden Wind benutzend, noch mehr Segel aufziehen ließ, so entgingen +wir schnell der Gefahr eines förmlichen Angriffs, dessen Folgen +schrecklich für uns hätten werden können. —</p> + +<p>Vor einigen Jahren wurden in diesen Gewässern viele Seeräubereien und +unerhörte Gräuel verübt. — Den vereinten Bemühungen der englischen +und nordamerikanischen Marine gelang es aber damals, die Piraten bis +in ihre Räuberhöhlen auf der Südseite von Cuba und der Spitze von +Campeche zu verfolgen, und sie so vollständig zu vertilgen, daß man +sich wieder der größten Sicherheit erfreute. Es wäre sehr zu beklagen, +wenn jene Hyder ihr Haupt aufs neue erheben sollte, und man nur an Bord +<em class="gesperrt">bewaffneter</em> Fahrzeuge hinlängliche Sicherheit finden könnte!⁠<a id="FNanchor_2_2" href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_25_Dec">Am 25. December.</p> + +<p>Gestern ward uns noch spät am Abend das angenehmste und erfreulichste +Christ-Geschenk zu Theil, welches wir in unserer Lage wünschen konnten, +nämlich ein frischer Wind aus der rechten Ecke, der uns denn auch in +der Nacht ungefähr 10 deutsche Meilen vorwärts brachte, nun aber uns +wieder untreu werden zu wollen scheint. —</p> + +<p>So eben ruft man <em class="gesperrt">Land!!</em> und wir erblicken hoch in den Wolken, +den Pic des Orizaba! — Du begreifst, daß man eine 16000 Fuß über die +Meeresfläche emporragende Bergspitze <span class="pagenum" id="Page_29">[S. 29]</span>aus sehr weiter Ferne sehen +kann, und wir würden sie daher auch schon früher erspäht haben, wenn +der Horizont heute Morgen nicht etwas bewölkt gewesen wäre; jetzt, am +hohen Mittage, sehen wir aber diesen majestätischen Berg, dessen Kuppel +mit ewigem Schnee bedeckt ist, in vollem Glanze. Diese im Sonnenschein +glimmernde Schneemasse, einer in die hohen Lüfte hingezauberten +Pyramide nicht unähnlich, ist doch unter einem so brennenden +Himmelsstrich in der That ein wunderbar und erhaben schöner Anblick! +Leider wird er uns nur allzulange, fürchte ich, entzücken; denn es ist +so eben wieder eine totale Windstille eingetreten.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_29_Dec">Am 29. December.</p> + +<p>Die Stille dauerte nicht lange. — Gegen Abend erhob sich der Wind +und brachte uns der Küste so nahe, daß wir sie deutlich erkennen +konnten; und schon hofften wir, noch in derselben Nacht im Hafen von +Vera-Cruz die Anker werfen zu können, als uns einer der, in dieser +Jahrszeit hier so häufigen, Nordstürme überfiel, und uns nöthigte, das +Weite zu suchen! Wir wurden über 30 Meilen weit zurück getrieben, und +hatten eine schwere Zeit zu bestehen; der Sturm war der stärkste und +gefahrvollste, den wir gehabt haben, und legte sich erst den zweiten +Tag.</p> + +<p>Nun aber änderte sich auch die Scene; wir hatten zwar des verlornen +Weges viel nachzuholen, doch das Wetter war ruhig geworden und der +Wind günstig, so daß wir schon gestern Abend den majestätischen +<em class="gesperrt">Orizaba</em>, gleich einem ersehnten Friedensboten, wieder +erblickten, und uns an dessen wunderschöner Beleuchtung bei einem +prachtvollen Sonnenuntergang ergötzen konnten. Es war das großartigste +Naturgemälde, welches ich je gesehen!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_30">[S. 30]</span></p> + +<p>So eben kommt ein mexicanischer Lootse an Bord. So fern vom Hafen hätte +ich mir ihn nicht erwartet; doch freue ich mich dessen nicht wenig; +denn nun dürfen wir doch zuversichtlich hoffen, morgen Vera-Cruz zu +erreichen.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Am_Bord_des_Esteva_den_31_Dec_1831">Am +Bord des Esteva, den 31. December 1831, im Hafen von Vera-Cruz.</p> + +<p>Diesmal ward unsere Erwartung nicht getäuscht, und es gelang uns +gestern endlich, den <em class="gesperrt">Hafen</em> zu erreichen, wenn anders eine offene +Rhede, auf welcher hier die Schiffe liegen müssen und auf welcher +sie allen Gefahren der so häufigen Nordstürme ausgesetzt sind, diese +Benennung verdient. Wir haben in der Nähe vom Fort St. Ulloa, der Stadt +Vera-Cruz grade gegenüber, Anker geworfen, und sind noch außerdem zu +mehrerer Sicherheit an die Mauer-Ringe jener uneinnehmbaren Wasserfeste +gekettet, die wir — leider! — so bald noch nicht verlassen sollen; +denn, — stelle Dir, wenn Du kannst, meine Enttäuschung vor, — <em class="gesperrt">wir +müssen hier eine Cholera-Quarantäne abhalten</em>!</p> + +<p>Du hast doch wohl von jenem Engländer gehört, der, um nicht den +ihn überall verfolgenden Gassenhauer “<span class="antiqua">Marlborough s’en va-t-en +guerre</span>” in seinen Ohren gellen zu hören, von Paris bis an das +äußerste Ende von Europa reis’te, und als auch dies nichts half, sogar +nach Indien flüchtete, aber auch dort bei seiner Landung in Pondicheri +die verhaßte Melodie leiern hörte, worauf er sich denn aus Verzweiflung +eine Kugel durch den Kopf jagte! — So soll es mir, wie es scheint, +(versteht sich mit Ausnahme der tragischen Schlußbegebenheit) mit +der <em class="gesperrt">Cholera</em> ergehen. Aus Hamburg noch zur rechten Zeit dieser +Seuche entflohen, hörte ich am Rhein mehr als genügend davon reden; +an den belgischen und <span class="pagenum" id="Page_31">[S. 31]</span>französischen Gränzen beschäftigte man sich +damit, Cholera-Quarantänen einzurichten, die mich jedoch glücklicher +Weise noch nicht trafen; in Paris rechnete man mir den Monat vor, +wo die Cholera eintreten <em class="gesperrt">würde</em>, und in Bordeaux die Zeit, wo +sie anlangen <em class="gesperrt">könnte</em>. Ueberall war die Rede von der Cholera +und fast nur von ihr! — Gut, dachte ich, dies hat bald ein Ende; Du +kommst nun nach einem Lande, wo man wenigstens <em class="gesperrt">diese</em> verhaßte +Krankheit nicht kennt, und höchstens vom <em class="gesperrt">gelben Fieber</em> spricht, +welches man aber nicht dahin bringt, sondern sich allenfalls dort +holt! Urtheile daher von meinem Erstaunen und Verdruß, als das erste +Boot, welches uns hier zur Seite kam, das <em class="gesperrt">Sanitätsboot</em> war, um +uns anzukündigen, daß “<em class="gesperrt">da wir aus Europa kämen, allwo die Cholera +herrsche</em>,” wir Quarantaine halten müßten! Der Befehl dazu war erst +an diesem Tage aus der Hauptstadt in Vera-Cruz angelangt, und unser +Schiff das <em class="gesperrt">erste</em>, auf welches die Maßregel angewandt ward. — +Ein neuer Beweis, daß niemand seinem Verhängniß entgehen kann!</p> + +<p>Nach einer Seereise von etlichen und funfzig Tagen ist ein Verbot zu +landen, wie Du begreifen wirst, eben kein angenehmes; was ist aber zu +machen? man muß sich <span class="antiqua">bon gré mal gré</span> darein finden, und wir +können uns noch glücklich preisen, daß man die Zeit der Quarantäne auf +nur wenige Tage beschränken will. Mittlerweile darf denn aber auch +Niemand zu uns, und unsere Bekannten und Freunde können sich uns nur in +einiger Entfernung in Booten nähern, und so mit uns sprechen; auf diese +Weise erfahre ich so eben, daß sich Gelegenheit zum Schreiben nach +Europa darbietet, die ich denn natürlich dazu benutzen werde, Dir das +bisher Geschriebene einzusenden und meine glückliche Ankunft zu melden. +Man will mir heute Abend ein Boot senden, um die <span class="pagenum" id="Page_32">[S. 32]</span>Briefe abzuholen, und +ich werde dafür sorgen, daß sie alsdann fertig sind.</p> + +<p>Das Wetter ist sehr schön, und die Temperatur nicht bloß warm, +sondern heiß, jedoch nicht drückend; ich befinde mich dabei sehr wohl +und lasse mich durch die Hitze nicht abhalten, meine Beobachtungen +auf dem Verdecke zu machen und sie dann in meiner Kajüte für dich +niederzuschreiben.</p> + +<p>Wir liegen der Stadt so nahe, daß wir die Fenster in den Häusern +zählen und das Ganze somit bequem übersehen können. Vera-Cruz nimmt +sich, in der glanzvollen Beleuchtung einer tropischen Sonne, recht +malerisch aus mit seinen Thürmen, Kirchen und öffentlichen Gebäuden! +In der Nähe besehen mögen sie wohl weniger pittoresk erscheinen, doch +muß ich hierüber mein Urtheil noch zurückhalten. — Was das Treiben +auf der hiesigen Rhede betrifft, so ist dies mit der Thätigkeit +eines Hafens, welcher Ausfuhr von Colonial-Producten hat, freilich +nicht zu vergleichen, aber doch auch nicht gering zu nennen. Das +Hin- und Hersegeln der vielen Boote, zwischen den Schiffen auf der +Rhede und dem Landungsplatze (<span class="antiqua">Muelle</span>) an der Stadt, gewährt +einen recht belebten und freundlichen Anblick. Bei der nahe gelegenen +Insel Sacrificio⁠<a id="FNanchor_3_3" href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a> liegen in diesem Augenblick zwei französische +Kriegsschiffe, und hier auf der Rhede sechs französische, ein bremer, +ein hamburger und ein amerikanisches Kauffahrteischiff, so wie mehrere +mexikanische Küstenfahrer; aber, wie es der Zufall gerade will, kein +britisches Schiff irgend einer Art. Auch ist das englische Packetboot, +auf welchem S... im October sich in Falmouth einschiffte, noch nicht +angekommen; wir haben diesem also den Rang abgelaufen.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_33">[S. 33]</span></p> + +<p>Das interessanteste und neueste Schauspiel für mich ist anjetzt +das, täglich zweimal zwischen Vera-Cruz und St. Ulloa dicht an uns +vorüberfahrende, große Ruderboot, auf welchem der Festungs-Garnison +theils ablösendes Militair, theils der tägliche Bedarf an frischen +Lebensmitteln zugeführt wird. Dieses Boot ist mit Menschen von allen +Racen angefüllt: mit Creolen, Indianern (wie man die <em class="gesperrt">Mexicaner</em> +hier nennt), Negern, Mestizen, und wie sie, nach ihren verschiedenen +Abstammungen und den Nüancen ihrer Hautfarbe, alle heißen mögen. Der am +Ruder stehende Steuermann ist ein Indianer von dunkler Kupferfarbe, und +hat, außer einer Binde um die Lenden, keine Bekleidung, ja, trotz der +sengenden Sonnenstrahlen, und seiner ergrauten Haare, nicht einmal eine +Kopfbedeckung. Die Uebrigen bilden ein seltsames Gemisch von zum Theil +nackten, zum Theil nur halbbekleideten Menschen beiderlei Geschlechts +und aller Farben, und das Ganze macht auf den, an solche Bilder noch +nicht gewöhnten, Europäer einen ganz eigenthümlichen Eindruck. Man +fühlt zwar bei der hier herrschenden Hitze, wie die Kleider oft etwas +Ueberflüssiges und Lästiges seyn können; aber es bedarf, mit unsern +Begriffen, doch einiger Zeit, ehe sich das Auge an den Anblick ganzer +Gruppen von nackten Menschen gewöhnt!</p> + +<p>Doch nun ist es Zeit, daß ich schließe; das Boot könnte mich sonst +überraschen, ehe ich fertig wäre, und ich möchte doch so gerne, daß Du +diese Mittheilungen recht bald erhieltest. — Mögen sie Euch Alle so +wohl treffen, wie ich mich fühle!</p> + +<p>Morgen schlägt die Stunde unserer Erlösung, und wir kommen dann endlich +wieder <em class="gesperrt">ans Land</em>, und auf festen Grund und Boden!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_34">[S. 34]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Stadt_Vera_Cruz_am_3_Jan_1832">Stadt +Vera-Cruz, am 3. Januar 1832.</p> + +<p>Erst gestern, also grade an meinem Geburtstage (dem 55sten) bin ich +ans Land gekommen, und in die Mauern dieser viel besprochenen Stadt +eingezogen. Ich würde einen ganzen Tag früher erlös’t worden seyn, wenn +nicht abermals einer jener Nordwinde, welche in dieser Jahrszeit hier +jedesmal zum Sturme werden, sich erhoben, und das noch kurz vorher so +stille und ruhige Wasser in eine so heftige Bewegung versetzt hätte, +daß kein Boot auslaufen konnte. Die schäumenden Wellen brachen sich +mit Wuth an der Festung St. Ulloa, und der gegenüberliegenden Muelle +der Stadt, deren Thore geschlossen werden mußten, um den Andrang des +Wassers zu hemmen. Mehrere Schiffe wichen von ihren Ankerplätzen, +und uns rettete von ähnlichem Unfall nur der doppelte Schutz der +eignen Anker und der starken Ringe an den Mauern der Festung. Höchst +merkwürdig ist die schnelle Aenderung der Temperatur, welche diese +Nordwinde hier hervorbringen; in weniger als einer Viertelstunde geht +alsdann die Luft von der größten Hitze zu einer Kälte über, gegen +welche der warme tuchene Mantel (<span class="antiqua">Capa</span>) der besseren Classe, oder +die, vom Volke allgemein getragene, wollene Decke (<span class="antiqua">Zerapa</span>), +deren auch der ärmste <span class="antiqua">Lépero</span> nicht ermangelt, kaum zu schützen +vermag. — Auf dem Wasser ist diese Kälte aber noch empfindlicher als +am Lande, und ich habe nie mehr gefroren, als in der letzten Nacht, +welche wir auf dem Schiffe zubringen mußten. Diese war überhaupt +ganz geeignet, den Wunsch, das Schiff zu verlassen, auf’s Höchste zu +steigern; wir litten nicht allein, wie gesagt, viel von Kälte, sondern +der Sturm wüthete auch dermaßen, daß unser Fahrzeug beständig auf eine +gefahrdrohende Weise hin- und hergeworfen ward; das unaufhörliche +Rufen der zahlreichen, auf den nahen Mauern der Festung ausgestellten, +Schildwachen, die durch ihr Schreien das Heulen <span class="pagenum" id="Page_35">[S. 35]</span>des Sturmes zu +überbieten trachteten, vermehrte noch das Grausige jener Nacht.</p> + +<p>Wenn aber der Uebergang von Hitze zu Kälte hier schnell ist, so ist +es der entgegengesetzte Wechsel der Temperatur nicht minder. So wie +sich gestern Morgen der Nordwind legte, trat auch die tropische Sonne +wieder in ihre Rechte ein; die Atmosphäre ward brennend heiß, und die +Wogen ebneten sich zu einem glatten Wasserspiegel; der Hafen füllte +sich allmählig auf’s neue mit geschäftigen Booten, und endlich schlug +die Stunde unserer Erlösung. Das Sanitätsboot kam heran und mit ihm +der Hafen-Capitain, der die Quarantäne aufhob, die Pässe visirte und +uns Erlaubniß zum Landen ertheilte. — Du kannst denken, daß ich das +Boot, welches mich abzuholen kam, nicht lange auf mich warten ließ. +Es waren nunmehr 60 Tage verflossen, seit wir Bordeaux verlassen +hatten, und 54 seitdem wir in See gegangen waren, und ich hatte hieran, +für meinen Theil wenigstens, ganz genug. Unsere Ueberfahrt gehörte, +was Schnelligkeit betrifft, nur zu den mittelmäßigen, da aber Alles +glücklich überstanden war, so durften wir uns immerhin Glück wünschen, +es so gut getroffen zu haben, weshalb wir denn auch dem Capitain +Beck für die Gewandtheit und Energie, womit er alle Schwierigkeiten +überwunden, und für die vielen Aufmerksamkeiten, welche er uns während +der Reise bezeigt, und wodurch er sie zu einer so angenehmen für +uns gemacht hatte, unsern Dank nicht vorenthalten durften, und ihm +denselben beim Abschied schriftlich überreichten.</p> + +<p>Daß ich nun hier in Vera-Cruz von meinen Freunden, wie geschehen, auf +das zuvorkommendste aufgenommen werden würde, hatte ich erwartet, +nicht aber, daß ich das Clima so angenehm finden, und hinter meinem +Musquito-Netz so vortrefflich schlafen würde, wie ich vergangene Nacht +gethan. Der Januar ist denn aber auch der angenehmste Monat an <span class="pagenum" id="Page_36">[S. 36]</span>dieser +Küste, und in dieser Jahrszeit ist Vera-Cruz durchaus gesund, was wohl +zum Theil den alsdann hier so häufigen Nordstürmen zuzuschreiben ist. +Diese reinigen nämlich die Luft von den ungesunden Dünsten, welche +sich im Sommer, (hier Regenzeit genannt) sammlen, und dann vereint mit +einer oft übermäßig großen Hitze,⁠<a id="FNanchor_4_4" href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> das gelbe Fieber oder schwarze +Erbrechen (<span class="antiqua">vomito prieto</span>) erzeugen, weshalb auch Vera-Cruz, +in den Monaten Mai bis October, mit Recht so sehr gefürchtet ist. +Diese, den Eingebornen des Hochlandes von Mexico in noch höherem +Grade, als den Europäern, gefährliche Seuche, beschränkt sich jedoch +nicht auf die Stadt Vera-Cruz allein, sondern äußert ihren Einfluß +an der ganzen Küste, und eine gute Strecke aufwärts ins Gebirge, +namentlich auf dem Wege nach Mexico hin, bis zu dem 2700 Fuß über +der Meeresfläche gelegenen Landgut, Encero, so daß der, auch schon +sehr hoch liegende, von schöner kräftiger Vegetation umgebene, und +von einem nicht unbedeutenden Waldstrom bespülte Flecken, <span class="antiqua">Puente +national</span>, (halben Weges zwischen Vera-Cruz und Jalapa), dem Einfluß +des Vomitos in den besagten Monaten ebenfalls unterworfen ist. Der +Ursprung dieser verheerenden Krankheit dürfte mithin auch wohl in +noch andern Gründen, als der Ausdünstung der Sümpfe, welche Vera-Cruz +umgeben, zu suchen seyn. Ich überlasse indessen diesen Punkt den +Naturforschern, und beschränke mich darauf, einem Jeden zu rathen, in +der ungesunden Jahrszeit, d. h. von Mai bis October, sich nicht weiter +küstenabwärts als Jalapa zu wagen, und sich nicht sicher zu glauben, +wenn etwa, wie jetzt der Fall, während einiger Jahre die Krankheit sich +nur in <span class="pagenum" id="Page_37">[S. 37]</span>sehr geringem Grade zeigt; sie pflegt alsdann mit erhöhter +Kraft wiederzukehren, und Niemand kann voraussagen, <em class="gesperrt">wann</em> dies +geschehen wird.⁠<a id="FNanchor_5_5" href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p> + +<p>Vor der Hand ist aber durchaus nichts zu befürchten, und Du kannst +daher meinetwegen ganz ruhig seyn; ich wenigstens bin es eben so sehr, +wie ich es in Europa seyn würde, und werde mithin meine Abreise von +hier keineswegs übereilen.</p> + +<p>Ich finde die Stadt weit hübscher, und bei dem beständig heitern Himmel +und hellen Sonnenschein viel freundlicher, als ich sie mir gedacht. +Die Straßen sind breit und winkelrecht, viele Häuser groß, ansehnlich +und im Innern schön, bequem und den Erfordernissen des Climas +angemessen eingerichtet. — Wir wohnen auf dem sogenannten großen +Platz (<span class="antiqua">plaza</span>), und haben das ganz ansehnliche, altertümlich +gebaute Stadthaus (<span class="antiqua">Palacio</span>) gerade vor uns und die Hauptkirche +(<span class="antiqua">Cathedrale</span>) zur Seite, — welche letztere sich aber weder von +außen, noch von innen besonders auszeichnet.</p> + +<p>Das, an die Stelle des vor einigen Jahren abgebrannten, neu erbaute +Zollhaus (<span class="antiqua">Aduana</span>) ist einfach aber geräumig, und für die +allerdings großen Geschäfte dieses Hafens sehr zweckmäßig eingerichtet.</p> + +<p>Heute Morgen, früh um 6 Uhr, ging ich auf den mit Früchten, Fischen, +Fleisch und sonstigen Lebensbedürfnissen <span class="pagenum" id="Page_38">[S. 38]</span>wohl versehenen Markt, und +ergötzte mich an dem bunten Gemisch dieser Bewohner heißer Zonen, +und an den Farben-Mischungen und Abstufungen von schwarz bis zu +schmutzweiß; reinweiße Hautfarbe gibt es hier unter der niedern Classe +— (in meinen Augen ein häßlicher Menschenschlag!) — nicht. Das Ganze +machte jedoch, der Neuheit wegen, einen ganz gefälligen Eindruck auf +mich. — Von der unmittelbaren Umgebung der Stadt ist gar nichts zu +sagen; es ist eine Wüste, und so weit das Auge reicht, sieht man von +den bekanntlich flachen Dächern der Häuser nur Sandhügel und hie und da +eine Gruppe von Tannen-Gebüsch auf der einen, das Meer auf der andern +Seite.</p> + +<p>Hoffentlich habe ich bald Schöneres in dieser Beziehung zu berichten. +Für heute nur noch ein Lebewohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Vera_Cruz_den_9_Jan_1832">Vera-Cruz, +den 9. Januar 1832.</p> + +<p>Ich bin, wie Du siehst, noch immer hier, und trete erst morgen die +Reise nach der Hauptstadt an; ob ich aber überhaupt dahin gelangen +werde, ist jetzt sehr zweifelhaft, denn dieses noch vor wenigen Tagen +scheinbar so friedliche Land ist mit einemmale in einen revolutionären +Zustand versetzt worden! Kaum war mein letzter Brief (vom 3. dieses) +an Dich geschlossen, als wir erfuhren, daß noch an demselben Tage +eine Revolution gegen die Minister (Alaman und Consorten) ausbrechen +werde. Dies geschah denn auch und zwar, wie es hier zu Lande, wo all +dergleichen von dem Militair ausgeht, üblich seyn soll, durch ein +sogenanntes <span class="antiqua">pronunciamento</span>, eine Protestation, der Truppen.</p> + +<p>Das Offizier-Corps der Garnison, Obrist Landero an der Spitze, trat +nämlich zusammen und erklärte, Namens der <span class="pagenum" id="Page_39">[S. 39]</span>Armee, welche sich als +Beschützerin (?!) der Freiheiten der Nation betrachtet: “daß die +Minister in mehrern Fällen pflicht- und gesetzwidrig gehandelt hätten, +und deshalb von dem, dermalen am Ruder stehenden, Vice-Präsidenten +Bustamente entlassen werden müßten! Geschähe dies, so wolle man +zum Gehorsam gegen das Gouvernement zurückkehren, — wo nicht, das +Begehren mit gewaffneter Hand durchsetzen.”⁠<a id="FNanchor_6_6" href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> — Die Garnison sandte +hierauf eine Deputation an den, in der Nähe von Vera-Cruz auf seinem +Landgute (<span class="antiqua">hacienda</span>) wohnenden, General Santa Anna, mit der +Bitte, sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. Derselbe ließ +sich willig finden, — (man sagt sogar, das ganze Drama sei vorher +mit ihm verabredet gewesen) — und ward nun von einer Abtheilung +Dragoner abgeholt, und mit klingendem Spiel, Hurrahrufen und +Glockengeläute empfangen. Er nahm Besitz von dem Stadthause, wo, mit +den Civil-Autoritäten und der Garnison, die weitern Operationen noch in +derselben Nacht verabredet wurden. — Der Commandant der Festung St. +Ulloa ist den Beschlüssen der Besatzung dieser Stadt beigetreten, und +hat sich unter die Befehle von Santa Anna gestellt. Dies ist wichtig, +indem die Stadt von jener Festung gänzlich dominirt wird, und von ihr +(so wie Antwerpen von seiner Citadelle) jeden Augenblick in den Grund +geschossen werden kann.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_40">[S. 40]</span></p> + +<p>Es ging übrigens hierbei Alles weit ruhiger zu, als bei ähnlichen +Gelegenheiten in Europa der Fall zu seyn pflegt. Nur wenige Menschen +hatten sich bei dem Einzuge von Santa Anna auf der <span class="antiqua">plaza</span> +versammelt, und nach einem etwas schwachen Rufe von: <span class="antiqua">viva Santa +Anna y mueren los ministros!</span> — ging jedermann ruhig nach Hause +und, zur gewohnten Stunde (in der Regel eine frühere als bei uns), zu +Bette. Auch die darauf folgenden Tage blieb Alles im herkömmlichen +Gleise, und man bemerkt selbst heute noch die stattgehabte Revolution +nur an der verdoppelten Militairwache vor dem Stadthause. Indessen geht +dies ganz natürlich zu, da das Volk wenig Theil an der Sache zu nehmen +scheint, und das Militair keine weitern Schritte thun will, bis die +Antwort des Vice-Präsidenten in Mexico, auf ein vom General Santa Anna +an ihn gerichtetes <em class="gesperrt">vermittelndes</em> Schreiben, eingetroffen ist. +— Mittlerweile mustert der Feldherr die hier befindlichen Truppen, +etwa 1000 an der Zahl, und trifft Vorkehrungen für einen kräftigen +Widerstand und selbst Angriff, falls die Regierung auf seine Vorschläge +nicht eingehen sollte. Die etwas verfallenen Mauern der Stadt will +man repariren; zwei neue Forts an den Enden derselben sind in gutem +Zustande und bestreichen die Zugänge von der Landseite.</p> + +<p>Am 6ten war Feiertag und Hochmesse in der Cathedrale, welcher Santa +Anna mit seinem ganzen Stabe beiwohnte. Die Militairmusik war +vortrefflich, und das Officier-Corps, — (ein weit zahlreicheres +als bei gleicher Truppenzahl in Europa) — nahm sich in den reichen +Uniformen sehr gut aus. Beides übertraf meine Erwartung.</p> + +<p>Der General ist ein schlank gewachsener schöner Mann von etwa 34 +Jahren und von freundlichen, angenehmen Gesichtszügen. Ich ward ihm +vorgestellt, und unterhielt mich <span class="pagenum" id="Page_41">[S. 41]</span>mit ihm ziemlich lange über die +neuesten, ihn wie es schien am meisten interessirenden, politischen +Vorfälle in Europa, — die belgische und polnische Revolution +nämlich, wobei er nicht ermangelte, Preußen über die bei der letztern +beobachtete Neutralität zu becomplimentiren. — Santa Anna’s Manieren +und ganzes Wesen haben etwas Mildes und Einnehmendes und bilden einen +schneidenden Contrast mit denen des aufbrausenden Obristen Landero, +der, wie oben erwähnt, an der Spitze der Revolution steht, und bei +der Audienz zugegen war. Santa Anna erbot sich, mir eine Escorte von +einigen Dragonern bis Puente nacional mitzugeben, was ich in der +gegenwärtigen Lage des Landes, wie Du denken kannst, sehr dankbar +annahm.</p> + +<p>An jenem Feiertage arrangirten meine Freunde für den Nachmittag eine +kleine Partie aufs Land; die meisten derselben waren zu Pferd, und +nahmen sich in der eigentümlichen, zwar oft reichen, aber doch auch +in einigen Stücken sehr grotesken Tracht der mexicanischen Cavalleros +(mit ihren ganz kurzen Jacken, Ueberhosen, die von der Wade abwärts +aufgeknöpft sind, schweren rasselnden Sporen, und breitrandigem +mit Silbertosseln behangenem Hut) für ein, nicht daran gewöhntes, +europäisches Auge, komisch genug aus. <em class="gesperrt">Ich</em> fuhr in einer Volanta, +einem hier üblichen, niedrigen, zweiräderigen, einspännigen Wägelchen, +nach Art der holländischen Gigs, und gelangte in einer Stunde über +Sand und Moor, nach einem Punkt, auf dem halben Weg nach Medelin, wo +zwar etwas mehr Vegetation ist, als ganz nahe bei Vera-Cruz, der aber +dennoch aller und jeder Naturschönheit ermangelt. — Es stand hier +früher ein Schloß, in dessen sehr verfallenem Gemäuer gegenwärtig ein +temporaires Wirthshaus angelegt ist, wo sich an Sonn- und Festtagen +eine, übrigens sehr gemischte, Gesellschaft einfindet, um das hier zu +Lande allgemein beliebte Hazardspiel, <span class="antiqua">Monte</span>, zu frequentiren, +wobei denn Einige Silber, <span class="pagenum" id="Page_42">[S. 42]</span>noch Mehrere aber Gold, und zwar oft +große Summen, einsetzen. Etliche Paare aus dem Volk tanzen dann wohl +aus einer Plattform im Freien, nach einer einfachen, ja elenden +Guitarren-Musik, den beliebten Fandango, worin sie jedoch den Spaniern +an Grazie sehr nachstehen sollen, — und ich bemerkte auch in der That +sehr wenig von dieser Eigenschaft. — Da es bekanntlich in dieser Zone +schon um 6 Uhr Abends dunkel wird, so kehrt man von einer solchen +Parthie sehr früh nach der Stadt zurück; ich habe daher nur noch zu +erwähnen, daß wir den Abend, im freundlichen Kreise mehrerer Europäer, +bei einer Tasse Thee recht angenehm zubrachten.</p> + +<p>Gestern ist nun auch endlich das englische October-Packet, und mit ihm +S... und sein Sohn, so wie de B.. und Frau, angekommen. Ihre Reise +war zwar, gleich der meinigen, ohne Unfall; aber, wie Du siehst, von +viel längerer Dauer, und nach dem, was sie mir davon erzählen, in +mancher Beziehung minder angenehm. Da S. hier keine Geschäfte hat, und +nach seinen Bergwerken eilt, so wird er mich morgen schon nach der +Hauptstadt <em class="gesperrt">Mexico</em> begleiten, was mir sehr lieb ist, da man hier +zu Lande kaum stark und caravanenartig genug reisen kann, um sich gegen +Räubereien zu schützen. <span class="antiqua">Tout comme chez nous</span>, — könnte hier ein +Altspanier oder Italiener ausrufen! Gottlob, daß wir Deutschen dies +nicht können!</p> + +<p>Lebe wohl. Bald schreibe ich wieder.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Jalapa_den_12_Jan_1832">Jalapa, +den 12. Januar 1832.</p> + +<p>Ich wollte, Du hättest uns sehen können auf unserm Zuge von Vera-Cruz +hieher! Es würde Dich höchlich amüsirt haben, denn Aehnliches haben wir +— in unserm Theile von Europa wenigstens — nicht anzuweisen. Da Du es +aber <span class="pagenum" id="Page_43">[S. 43]</span>nun einmal nicht sehen konntest, so will ich versuchen, es Dir zu +beschreiben. Höre also.</p> + +<p>Wir verließen Vera-Cruz am 10ten, des Morgens nach dem Frühstück, in +folgender Ordnung: zwei Dragoner in rother Uniform voraus; dann ich, +in einer von Maulthieren getragenen, bedeckten Sänfte (<span class="antiqua">litera</span>) +liegend, in leichter Sommerkleidung, mit Strohhut und sonstigem +Schutzwehr gegen die Hitze versehen; hierauf, in zwei andern Litera’s, +einige der Damen, die mit mir von Bordeaux gekommen waren, und sich, +der Escorte wegen, auf dieser Reise unter meinen Schutz begeben zu +dürfen baten; alsdann wieder ein Dragoner und mein Bedienter, der +sich, nach ächt-französischer Weise, bis an die Zähne bewaffnet +hatte und so mehr einem berittenen Gensd’armen als dem Diener eines +friedlichen Reisenden glich; hinterdrein kamen fünf oder sechs +Maulthiere, welche unser Gepäck trugen, und nebenher ritten die Führer +des Zuges zu Pferde, die Thiere, unter beständigem Peitschenknallen +und “<span class="antiqua">Mula</span>”-Rufen, bald hier bald dort antreibend. In einiger +Entfernung bildete Freund S. mit seinem Sohne in einer Volanta (diesmal +ein zweirädriger, mit zwei Pferden bespannter, enger Kasten) den Schluß +der Carawane, welche sich am Ende doch noch rascher bewegte, als ich +erwartet hatte.</p> + +<p>Es giebt der Reisearten von der Küste hinauf mehrere. Erstens, zu +Pferde, — die unabhängigste und hier zu Lande am meisten übliche +Weise; man ist jedoch dabei natürlich der Sonne sehr exponirt, und +hat mithin viel Hitze aufzustehen, was für einen, zum ersten Male in +dieses Land kommenden, Europäer immer eine gefährliche Sache ist, und +daher besser unterbleibt. — Zweitens, mit der Diligence, welche aber, +obschon nach Landessitte mit acht Maulthieren bespannt, auf dieser +beständig bergan laufenden Route, nur äußerst langsam fährt, und bei +Gelegenheit der kleinen Felsblöcke und tiefen <span class="pagenum" id="Page_44">[S. 44]</span>Löcher auf den schlecht, +oder richtiger gesagt gar nicht, unterhaltenen Wegen, nicht selten sehr +unsanfte Stöße austheilt. Es heißt nun, daß eine nordamerikanische +Gesellschaft, welche bereits eine sehr rasch fahrende, bequeme +Diligence zwischen <em class="gesperrt">Mexico</em> und <em class="gesperrt">Jalapa</em> in Gang gebracht +hat, ihren Cours bis <em class="gesperrt">Vera-Cruz</em> fortsetzen wolle; bis dies aber +geschehen und der Weg ausgebessert ist, verzichte ich auf das Vergnügen +einer Reise per Diligence von Vera-Cruz nach Jalapa. — Drittens kann +man denn auch in einer Litera (Tragsänfte) reisen, welchen Modus, wie +Du siehst, ich gewählt hatte. Diese Sänften sind in der Form eines, an +den Seiten mit Vorhängen versehenen, oben bedeckten, vierpföstigen, +einschläferigen Bettes gebaut, und man kann darin ausgestreckt liegen +und schlafen, oder auch sitzen und lesen. Sie werden von zwei, hinten +und vorn eingespannten, Maulthieren getragen, die Bewegung ist +aber, besonders wenn sich die Thiere dann und wann in einen Trott +setzen, keineswegs angenehm. Auch hat man, da die Sänften niedrig +hangen, in den oft engen und sandigen Wegen viel von Staub zu leiden. +Dessenungeachtet ist diese Reiseart die am wenigsten angreifende, +und deshalb dem noch nicht acclimatisirten Fremdling vorzugsweise zu +empfehlen.</p> + +<p>Von Vera-Cruz führt der Weg eine kurze Strecke dem sandigen Gestade +des Meeres entlang, und biegt dann landeinwärts, wo sich nach und nach +etwas mehr Vegetation zeigt; doch bleibt es noch öde und wüste bis nach +<em class="gesperrt">Santa-Fé</em>, dem ersten kleinen Dorfe oder Flecken auf diesem Wege +nach Mexico.</p> + +<p>Daß die Wohnungen hier alle, nach Art des Südens, leicht und +hüttenartig gebaut, ja theilweise (wie z. B. die Küche) nur mit Rohr +umzäunt sind, wird Dich nicht überraschen, wohl aber vielleicht, +daß ich hier so große Reinlichkeit fand, daß ich mit Vergnügen und +Appetit sogar an dem <span class="pagenum" id="Page_45">[S. 45]</span>sauber gescheuerten, hölzernen Tisch in der +Küche gegessen haben würde, wenn man uns nicht in der Stube ein +frugales, jedoch für einen so unbedeutenden Ort ganz ordentliches und +genügendes, Mahl vorgesetzt hätte. — Die übrigens schwache Bevölkerung +von Santa-Fé ist sehr gemischten Ursprungs, und man sieht hier daher +Hautfarben von allen Schattirungen, selbst, wie überall in der Nähe der +Küste, mitunter <em class="gesperrt">Neger</em>, die aber bekanntlich in der mexicanischen +Republik <em class="gesperrt">frei</em> sind, d. h. <em class="gesperrt">ganz gleiche Rechte</em> mit +allen übrigen Bewohnern des Staats genießen, und nicht, wie in den +Vereinigten Staaten von Nordamerika, theils durch Gesetz, theils durch +Vorurtheil, zu einer verachteten Menschenklasse herabgewürdigt werden.</p> + +<p>Von Santa-Fé bis Puente nacional wird das Land immer schöner +und reicher an Vegetation; man findet am Wege viele freundliche +Indianerhütten, umgeben von kleinen Gärten und Umzäunungen, reich an +Federvieh u. s. w., worunter mir das Hühnergeschlecht als besonders +stark, groß und schön auffiel. Das fremdartige Gezwitscher der +südlichen Singvögel, auf den Bäumen und in den Büschen längs der +Landstraße, war mir ein willkommener Ohrenschmaus, und erweckte +die angenehmsten Empfindungen, so daß ich am Abend ganz heiter und +wohlgemuth in <em class="gesperrt">Puente</em> ankam, wo wir übernachteten.</p> + +<p>Dies gilt für einen der schönsten Punkte zwischen Vera-Cruz und Mexico. +Der Ort ist sehr romantisch gelegen, von felsigen Hügeln und Wäldern +umgeben, und von dem Fluß <em class="gesperrt">Antigua</em> bespült, der zwar in dieser +Jahrszeit klein ist, in der Regenperiode aber sehr anschwillt, sich +hier in eine tiefe Bergschlucht stürzt, und dann, unweit Vera-Cruz, +sich ins Meer ergießt. Ueber die Schlucht führt hier eine schöne, +breite und lange, steinerne Brücke, welche die alleinige militairische +Verbindung zwischen Jalapa und Vera-Cruz bildet, und von einer nicht +unbedeutenden, auf einem der benachbarten <span class="pagenum" id="Page_46">[S. 46]</span>Berge gelegenen, Veste +beherrscht wird. Die Brücke und die von beiden Seiten dahin führenden +Steindämme sind Riesenwerke der Spanier aus der frühern Zeit, sehr +kunstreich ausgeführt, aber leider durch die Revolution in Verfall +gerathen. <em class="gesperrt">Santa Anna</em> hat Besitz von diesem Bergpaß genommen; +weiter ins Land erstreckt sich aber bis jetzt seine Vorhut nicht, +weshalb uns denn auch die Escorte nicht weiter begleitete. — In dem +Gasthof zu Puente bereitete man uns ein sehr gutes Nachtessen; wir aßen +von englischem Steingut, tranken aus böhmischen Gläsern, und hatten +schlesisches Leinen zu Tischtuch und Servietten, so daß Freund S... +(der auch vor vier Jahren hier war, wo man solchen Luxus noch nicht +kannte, und z. B. nur Ein Glas für den Gebrauch der ganzen Familie im +Hause hatte, aus irdenem Geschirr und vom bloßen Tische aß u. dgl. m.) +sich nicht genug wundern konnte über die schnellen Fortschritte der +verfeinerten Lebensart und Eleganz. Wir schliefen übrigens, <span class="antiqua">al modo +del pais</span>, auf unsern Matratzen im Freien, d. h. unter dem Corridor +des Hauses, mitten unter den Führern, Treibern u. s. w.</p> + +<p>Den nächsten Morgen um 4 Uhr machten wir uns wieder auf den Weg, auf +welchem wir noch manche schöne Gegend zu bewundern hatten, und bei +freundlichen Indianern (eingebornen Mexicanern) uns bald mit einer +Tasse Chocolade, bald mit frischer Milch und Eiern, bald mit den hier +zu Land so beliebten <span class="antiqua">frijoles</span>, einer Art Bohnen, erfrischten. +— Nach zwölfstündiger Reise erreichten wir das freundliche Städtchen +<em class="gesperrt">Jalapa</em>, mitten in der üppigsten Vegetation, die man sich +denken kann, gelegen, und gleichsam eingefaßt mit Rosensträuchen, +Orangenbäumen und dem schönen, aromatischen Liquidambar-Baum. — +Fiele in Jalapa nicht so viel Regen, (es liegt nämlich in der ersten +Wolkenregion, 4300 Fuß über der Meeresfläche, und hat daher dessen +etwas zu viel) — so <span class="pagenum" id="Page_47">[S. 47]</span>wäre diese Gegend ein wahres Paradies, denn es +herrscht hier ein ewiger Frühling! Das Clima ist weder zu heiß noch +zu kalt, und durchaus gesund. Man kennt hier das schwarze Erbrechen +nicht, weshalb Jalapa denn auch, während der an der Küste ungesunden +Jahreszeit, der Aufenthaltsort der Altspanier war, als diese noch das +Monopol des Handels und in Vera-Cruz ihre großen Comptoire hatten, und +dort Ankunft und Abgang der Schiffahrt nach Gefallen reguliren konnten. +Jetzt hat sich dies alles geändert, Schiffe kommen und gehen zu allen +Jahreszeiten, und die Vera-Cruzer Kaufleute (Eingeborne und Europäer) +bleiben auch während der Fieberzeit an der Küste. —</p> + +<p>Jalapa, eine kleine Stadt von 10,000 Einwohnern, gewährt einen +freundlichen Anblick, und hat, da sie an einen Berg angebaut ist, hohe +und niedere Straßen, von welchen einige die herrlichste Aussicht in +die benachbarten, reich bewachsenen Thäler genießen; auch gewähren +die Riesenberge Orizaba und Cofre de Perote einen erhabenen Anblick. +Es fehlt aber an dem, was unsere bewunderten Gegenden, z. B. das +schöne Wupperthal, den herrlichen Rheingau u. s. w. so reizend macht, +an Bevölkerung und dem damit verbundenen Leben. — Von den Dächern +des an der Südseite der Stadt hochgelegenen, einer festen Burg nicht +unähnlichen, Klosters, San-Francisco, bietet sich dem Auge ein überaus +schönes Panorama dar, aber das Gemälde ist todt und zeugt nur von dem +Reichthum der <em class="gesperrt">vegetabilischen</em> Natur. — Erst wenn dereinst ein +liberaleres System in der Republik herrscht und Religionsfreiheit die +Einwanderung begünstigt, wird dieser Zustand der Dinge sich ändern und +menschliche Betriebsamkeit wird dann diesem bezaubernden Eden die Krone +aufsetzen.</p> + +<p>Die Häuser in Jalapa sind meist einstöckig, aber recht bequem +eingerichtet und häufig mit einem hübschen Gärtchen <span class="pagenum" id="Page_48">[S. 48]</span>im Innern des +Hofes (<span class="antiqua">patio</span>) versehen; die Zimmer hoch und geräumig, und die +Bewohner, so weit ich sie kennen lernte, freundlich und zuvorkommend. +In ihren politischen Meinungen sind sie natürlich, bei der jetzigen +Crisis, getheilt, Einige für, Andere gegen Santa Anna, der, als +Koryphäe der Revolution, der ganzen antiministeriellen Partei seinen +Namen leihen muß. — Camacho, der Civil-Gouverneur des Staates von +Vera-Cruz, bei dem ich gestern einen Empfehlungsbrief abgab, und der +mich sehr höflich empfing, mißbilligt Santa Anna’s Opposition gegen die +Regierung, hofft aber die Sache noch friedlich vermitteln zu können. +Hier sind jedenfalls noch keine militärischen Maaßregeln genommen +worden.</p> + +<p>Das Gasthaus, in welchem wir hier eingekehrt sind, <span class="antiqua">Fonda +Francesa</span> benannt, ist verhältnismäßig sehr gut zu nennen, und ich +bin mit Tisch und Wohnung zufrieden. Wir bereiten uns aber dennoch vor, +mit der nordamerikanischen Diligence schon morgen weiter zu reisen; +denn, so gut es mir auch hier gefällt, so gestatten mir doch meine +Geschäfte keine Zögerung am Wege. — Lebewohl!</p> + +<p><span class="antiqua">P. S.</span> Da ich Dir so viel von Jalapa erzählt habe, so darf ich +doch auch nicht unerwähnt lassen, daß das schöne Geschlecht hier seiner +Benennung entspricht und einen weit schöneren Teint hat, als in anderen +Theilen der Republik, was der hier herrschenden feuchteren Atmosphäre +zugeschrieben wird. Der, bei jedesmaligem Ausgehen gebräuchliche, +große, schwarze Schleier (<span class="antiqua">Mantilla</span>) kleidet die Damen recht +anmuthig; ihr sonstiger Anzug weicht wenig von der französischen Tracht +ab.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_49">[S. 49]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Puebla_den_15_Jan_1832">Puebla, genannt +<span class="antiqua">la Puebla de los Angelos</span>,⁠<a id="FNanchor_7_7" href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a> +den 15. Januar 1832.</p> + +<p>So wären wir denn nun auch so weit ohne Unfall gekommen, und hätten den +berüchtigten Räuberpaß, den Pinal, glücklich passirt! Doch ich darf der +versprochenen, ordnungsmäßigen Erzählung nicht vorgreifen, und fange +deshalb damit an zu berichten, daß wir, unserm Vorsatz getreu, Jalapa +am 13ten, früh Morgens um 6 Uhr, in der sogenannten nordamerikanischen +Diligence verließen. Dieser, ganz im europäischen Styl zu Neu-York +erbaute, in Federn hängende und mit vier Pferden bespannte Wagen, nimmt +sich recht gut aus, ist aber für die festgesetzte Passagierzahl von +sechs Personen etwas zu enge. Die Kutscher sind Nordamerikaner, und +fahren nach der Sitte ihres Landes vom Bock herab, und zwar bergauf +bergunter, über Stock und Stein in vollem Gallopp, dergestalt, daß, da +die mexicanischen Pferde oft noch gar nicht eingefahren und mithin sehr +schwer zu bändigen sind, die Reise in der That nicht ohne Gefahr ist, +und, ob des ungeheuren Stoßens und Rüttelns auf den schlechten Wegen, +jedenfalls nicht ohne Beschwerde. — Man reiset indessen auf diese +Weise weit schneller als auf jede andere, und legt den Weg hierher in +zwei bequemen Tagereisen zurück, während man früher oft drei bis vier +darauf verwenden mußte.</p> + +<p>Von Jalapa bis Perote steigt die Gegend noch um mehr als 3000 Fuß. +Der erste Theil des Weges führt über einen gut erhaltenen, großartig +angelegten Steindamm aus der spanischen <span class="pagenum" id="Page_50">[S. 50]</span>Zeit; links ist derselbe +durch dichte Waldungen begränzt, rechts bieten sich dem Auge viele +reizende Aussichten dar, theils in nahgelegene, tiefe, reich bewachsene +Bergschluchten hinab, theils nach dem, hier und da in großer Ferne +sichtbar werdenden, Meere hin. Die angränzenden Felder sind mit +verwitterten Lavablöcken, von oft ungeheurer Größe, und Lavaschlacken +besäet, und der ganze Boden zeugt von früheren vulkanischen Eruptionen, +die aber so sehr der grauen Vorzeit angehören, daß auch nicht einmal +mehr eine Sage davon sich im Munde des Volkes erhalten hat.</p> + +<p>In einer Entfernung von drei bis vier Meilen von Jalapa, namentlich in +der Nähe des noch höher als Perote gelegenen Dorfes Las Vigas, ändert +sich die Scene; die üppige Vegetation des Südens ist verschwunden +und die Gegend nimmt einen rauhen und nördlichen Charakter an! Die +Menschen tragen wärmere Bekleidung und ihre Wohnungen sind nicht mehr +die aus Bambus und Bannana-Blättern erbauten Hütten, sondern ähnlich +den norwegischen Häusern, aus Balken zusammengefügt und mit Holz +gedeckt. Man sagt Las Vigas (Balken) sei der kälteste Punkt auf der +ganzen Route, und es zeige sich daselbst oft Reif, Schnee und Eis. Der +Eindruck, den die ganze Umgebung auf mich machte, entsprach dieser +Aussage vollkommen.</p> + +<p>In Las Vigas sah ich mehrere Weiber und Kinder beschäftigt, Baumwolle +mit der Hand zu spinnen; in dem benachbarten Gebirge sollen viele +Weber wohnen, welche dieses Garn zu Stoffen verarbeiten, die von den +Landleuten getragen werden.</p> + +<p>Mehrere 100 Fuß tiefer, immer aber noch mehr als 7000 Fuß über +der Meeresfläche, liegt Perote, am Fuß des Berges Cofre, — so +genannt, weil seine Krone aus einer Felsenmasse besteht, welche dem +Auge, nach allen Seiten hin, <span class="pagenum" id="Page_51">[S. 51]</span>die Form eines großen <em class="gesperrt">Kastens</em> +darbietet. Dieser Berg ist einer der bedeutenderen Mexicos und nach +<em class="gesperrt">Humboldt</em> 4089 Metres hoch.</p> + +<p>Nahe bei dem Flecken Perote liegt die Festung gleiches Namens, auf +welche sich die Mexicaner etwas zu Gute thun. Da ich das Innere +derselben nicht gesehen habe, so konnte ich keinen Vergleich mit dem +anstellen, was wir in der Art in Europa haben, und mußte es ihren +Versicherungen schon glauben, daß es ein fast uneinnehmbarer Platz +sei! — Perote selbst ist ein unbedeutender Ort von nur wenig tausend +Einwohnern. Wir nahmen daselbst ein Frühstück ein von Chocolade, +Frijoles und Eiern, und fuhren sodann weiter. Hier fängt nun eine, auf +viele Meilen hin sich erstreckende, Hochebene an, von der nicht viel +Rühmliches zu sagen ist; man nennt sie an Ort und Stelle selbst <span class="antiqua">el +mal pais</span>, (das schlechte Land,) und ich will ihr die Ansprüche an +diesen Titel nicht streitig machen. Das einzige Merkwürdige, was sich +uns auf diesem Wege nach <em class="gesperrt">Tepeyaqualco</em>, dem Ziele der Tagereise, +darbot, waren jene vielbesprochenen Lufterscheinungen, welche den ganz +nahen Feldern so täuschend den Anschein einer Wasserfläche geben, daß +Manche darin sogar die Abbildung von Bergen, Wäldern, Städten, Schiffen +u. s. w., wovon keine Spur in der Nähe vorhanden war, bemerkt haben +wollen. Dies letztere habe ich nun zwar nicht gesehen, wohl aber auf +das allerbestimmteste nahe gelegene Seen zu erblicken gewähnt, die bei +der Annäherung wieder verschwanden, und sich in das was sie in Wahrheit +waren, in dürre Haiden nämlich, verwandelten.</p> + +<p>In <em class="gesperrt">Tepeyaqualco</em> fanden wir besseres Nachtquartier, als wir +erwartet hatten; zwar Zimmer ohne Fenster, und also Luft und Licht +nur mittelst der Thüre, aber gute Matratzen und reine Leinentücher. +Abends erhielten wir ein Huhn <span class="pagenum" id="Page_52">[S. 52]</span>in Reis gekocht, und Morgens vor der +sehr frühen Abfahrt eine Tasse Chocolade, die übrigens in Mexico, +selbst in dem ärmlichsten <span class="antiqua">meson</span> (Wirthshaus), stets ziemlich +gut zu haben ist. Auch hier, wo man z. B. früher, wenn man nicht auf +der Erde schlafen wollte, sein eigenes Bett mitbringen mußte, bemerkte +Freund S..., daß in den letzten Jahren ungemeine Fortschritte in +allen Reisebequemlichkeiten gemacht worden wären, was man denn wohl +hauptsächlich den Unternehmern der nordamerikanischen Diligence zu +verdanken hat, welche dafür sorgen, daß überall auf ihren Stationen +gute Nachtquartiere in Bereitschaft gehalten werden.</p> + +<p>Von Tepeyaqualco (wo wir früh Morgens um 4 Uhr ausfuhren) kommt man +zuerst nach Ojo de Agua, woselbst — wie der Name schon andeutet — +eine starke Quelle ist, die heißes Wasser aussprudelt, was jedoch hier +blos zum Waschen von Leinenzeug u. s. w. benutzt wird, während in +bevölkerten Ländern wohl gewiß schon längst ein Badeort um diese Quelle +herum angelegt worden wäre. —</p> + +<p>Bald darauf erreichten wir <em class="gesperrt">Nopaluca</em>, das schönste und größte +Dorf, das wir bis jetzt angetroffen hatten. Es hat viele gute Häuser +und eine schöne Kirche, ist recht lebendig, liegt in einer fruchtbaren +Gegend und hat einen südlicheren Zuschnitt, als alles, was wir zuletzt +gesehen. Hier begegneten wir der Vorhut der Truppen, welche das +Gouvernement gegen Vera-Cruz marschieren läßt, und erfuhren so zuerst +auf die unzweideutigste Weise, daß der Präsident Bustamante keinesweges +gesonnen sei, die Minister abzudanken, sondern vielmehr entschlossen, +die Santa Anna’sehe Revolution mit Gewalt zu unterdrücken.</p> + +<p>Diesem Truppenmarsch hatten wir es wohl zum Theil zu danken, daß +wir an dem einige Meilen von hier gelegenen, wegen der vielen +Straßenräubereien sehr berüchtigten Hohlwege <span class="pagenum" id="Page_53">[S. 53]</span>Pinal, glücklich und +ohne angehalten zu werden, vorbei gekommen sind. Jedermann, der +diese Gegenden bereis’t, ist daselbst auf einen Angriff gefaßt, und +freut sich, wenn er ihm entgeht, und in der That, man kann es auch, +denn der besagte Punkt bietet den Räubern allen Schutz und sichern +Hinterhalt, und ist daher sehr anlockend für die <span class="antiqua">hombres de +bien</span>, (Biedermänner, — wie man sie scherzweise nennt) welche +dieses ehrenhafte Handwerk treiben. Wenn diese <span class="antiqua">caballeros</span> keinen +Widerstand finden, sollen sie sich ganz manierlich bei ihrem Geschäft +benehmen, mit dem Eigenthum sich begnügen und den Personen weiter kein +Leides zufügen. Den geistlichen Herren lassen sie sogar auch oft ihre +Habe, und bitten um Entschuldigung, sie incommodirt zu haben. Kommt es +jedoch zu einem <em class="gesperrt">Gefecht</em>, und die Räuber behalten die Oberhand, +so ist natürlich nicht allein das Eigenthum, sondern auch das Leben in +Gefahr, und man hat in solchen Fällen häufig arge Gräuelscenen erlebt. +— Während des Marsches regulairer Truppen sind die Wege am sichersten; +das Militair ersetzt dann eine Gensd’armerie, die hier zu Lande sehr +noth thut.</p> + +<p>Der nun folgende Flecken <em class="gesperrt">Amazoque</em> ist sehr schön, groß +und freundlich, in einer fruchtbaren Ebene gelegen, umgeben von +ausgedehnten <em class="gesperrt">Maquay</em>-Pflanzungen, von deren interessanter +Behandlung bei der Gewinnung des einträglichen Products Pulque ich Dir +Näheres sagen will, wenn ich selbst mehr darüber vernommen haben werde; +für jetzt nur so viel, daß Maquay die hiesige Provinzialbenennung für +die bekannte <em class="gesperrt">Garten-Aloë</em> (<span class="antiqua">Agave americana</span>) und Pulque +ein geistiges Getränk ist, das aus dieser Pflanze bereitet und von den +Einwohnern allgemein genossen wird.</p> + +<p>In Amazoque trafen wir das Hauptquartier des Kriegsministers Facio, +der mit 1000 Mann gutberittener Cavallerie zu dem General en Chef +der Armee, Calderon, stoßen und die <span class="pagenum" id="Page_54">[S. 54]</span>Operationen der Belagerung von +Vera-Cruz, von Jalapa aus, leiten helfen wird. Man scheint mithin Ernst +machen zu wollen.</p> + +<p>Der letzte Theil des Weges führte uns nun durch ein offenes, aber +freundliches und stellenweise sehr fruchtbares Land, und noch vor +Sonnenuntergang sahen wir das schöne Puebla, mit seiner hohen +Cathedrale, vielen Kirchen und anderen, großen und kleinen, steinernen +Gebäuden vor uns liegen. Es war ein imposanter Anblick; denn diese +volkreiche Stadt von 60 bis 70,000 Einwohnern breitet sich über ein +bedeutendes Terrain aus, hat ein großartiges Aeußeres und ist reich +an freundlichen Spaziergängen, sowohl in der Nähe der Stadt, als nach +dem benachbarten Calvario-Berge hin, auf welchem ein dem heiligen +Johannes geweihtes Kloster erbaut ist, das sich von <em class="gesperrt">der</em> Seite +her, von welcher wir kamen, besonders in der Beleuchtung der gerade +untergehenden Sonne, sehr schön ausnahm.</p> + +<p>Nachdem wir an der, leider in keiner größeren Stadt dieser Republik +fehlenden, <span class="antiqua">Garita</span>, Zollstätte, die Untersuchung unserer Effecten +überstanden und unsere Pässe vorgezeigt hatten, gelangten wir endlich +wohlbehalten an das Büreau der Diligence, und fanden daselbst in der +<span class="antiqua">fonda francesa</span> ein recht gutes Quartier. Wir erfrischten uns +mit einem, auf europäische Weise, schmackhaft bereiteten Mahl, und +besahen uns die Stadt noch ein wenig am Abend. Das Innere derselben +entsprach dem Aeußern, und die gut erleuchteten Straßen, so wie +die große <span class="antiqua">plaza</span> vor der Cathedrale, machten auf uns den +gewöhnlichen, befriedigenden Eindruck einer <em class="gesperrt">großen</em> Stadt, den +das Wiederbesehen am heutigen <em class="gesperrt">Tage</em> keinesweges verwischte oder +schwächte. Denn Puebla ist wirklich schön zu nennen; die Straßen +sind alle rechtwinkelig nach der Schnur gebaut, breit und reich an +schönen Häusern. Die auf einem <span class="pagenum" id="Page_55">[S. 55]</span>großen Platze stehende Cathedrale +ist ein prachtvolles Gebäude und mit Gold- und Silberverzierungen +wahrhaft überladen, — nicht so mit Gemälden, deren ich meistens +nur mittelmäßige, darunter einige von Morillo, sah. Die Kirche soll +sehr reich seyn und stets einen baaren Schatz von vielen Millionen +Piastern besitzen, was natürlich der Geistlichkeit nicht nur viel +Ansehen, sondern auch großen Einfluß verleiht, welchen sie denn auch +<em class="gesperrt">hier</em>, wie man sagt, in höherm Grade als irgend anderswo in der +Republik geltend macht.</p> + +<p>Auch das Theater besahen wir noch gestern Abend einen Augenblick; +es ist höchst mittelmäßig und scheint nicht sehr besucht zu werden. +Dagegen desto mehr die <em class="gesperrt">geistlichen</em> Darstellungen auf der Bühne, +von denen es mir stets ein Räthsel war, daß sie gerade in katholischen +Ländern stattfinden, da doch bei denselben die geistlichen Herren +keinesweges mit Achtung behandelt, oder auch nur geschont werden. Ob +man dadurch die übermäßige Verehrung, welche der gemeine Mann dem +Priester zollt, etwas herabstimmen will, oder ob sich der geistliche +Stand so hoch gestellt glaubt, daß er das Lächerliche nicht zu fürchten +habe, weiß ich nicht, daß er aber in diesen Vorstellungen lächerlich +gemacht wird, ist gewiß.</p> + +<p>Freund S... und ich hatten in Jalapa Empfehlungsbriefe an Don M. A., +Präsidenten des Conseils von Puebla, erhalten, und machten ihm heute +nach der Messe (es ist Sonntag) unsern Besuch. Der Herr Präsident, der +ein sehr schönes und äußerst elegant möblirtes Haus bewohnt, empfing +uns zwar mit spanischer Grandeza, aber doch sehr höflich und lud uns +zu Tische, was wir jedoch ablehnten. Aus seiner Unterhaltung und +den Aeußerungen seiner Umgebung, die außer der Familie aus mehrern +Priestern und Hausfreunden bestand, ging deutlich hervor, daß man in +<em class="gesperrt">Puebla</em> nicht allein die Vera-Cruzer Revolution, sondern auch die +früher <span class="pagenum" id="Page_56">[S. 56]</span>vom Congresse selbst decretirte Landesverweisung der Altspanier +mißbilligte, und diese letzteren zurückwünschte. Auf <em class="gesperrt">Santa Anna</em> +waren daher besonders die geistlichen Herren nicht gut zu sprechen, +und prophezeiten seinen nahen Untergang. Die Damen nahmen an der +Unterhaltung, in diesem Sinne, Theil, waren übrigens sehr artig und +präsentirten uns Papiercigarren, deren sie selbst sich gleichfalls +bedienten. Das Tabackrauchen von Damen sah ich hier zum erstenmal in +guter Gesellschaft, und es frappirte mich in der That nicht wenig, als +die elegant gekleidete Frau vom Hause ein goldenes Büchschen aus dem +Busen nahm, mir eine Papiercigarre anbot, und als ich sie ausschlug, +sich ganz ruhig die ihrige anzündete, und, wie es schien, auch gut +schmecken ließ.</p> + +<p>Ein anderer, von dem unsrigen abweichender, freilich geringfügiger, +Gebrauch ist die Stellung der Stühle in den Empfangs- und +Gesellschaftszimmern. Sie stehen alle an der Wand, die Stuhl an +Stuhl besetzt ist, und werden nicht wie bei uns herangezogen, um +die Unterhaltung vertraulicher zu machen, sondern ein Jeder setzt +sich dahin, wo der Stuhl steht, mithin an die Wand, wodurch denn die +Sprecher oft sehr weit aus einander kommen, und die Conversation +schwerfällig gemacht wird. Vielleicht ist es in der Hauptstadt damit +anders; hier aber fand ich es, so wie ich es eben beschrieben.</p> + +<p>Fremde, wenn es nicht Altspanier sind, die von den Pueblanern gar nicht +als Ausländer betrachtet werden, sind hier nicht beliebt, ja sogar +als Ketzer gehaßt, und werden häufig von dem, von oben herab dazu +aufgeregten, Pöbel, den <span class="antiqua">lépero’s</span>, deren Puebla eine große Menge +besitzt, insultirt, weshalb man denn auch in keiner großen Stadt der +Republik so wenige <em class="gesperrt">nichtspanische Europäer</em> sieht, als hier. — +Man versichert mir, es seyen deren hier nur zwei ansäßig, die <span class="pagenum" id="Page_57">[S. 57]</span>zwar +gute Geschäfte machen, aber sich keinesweges ruhig und behaglich fühlen +sollen.</p> + +<p>Vor einer Stunde, am Abend, ward hier unter großem Lärm ein +Extra-Zeitungsblatt ausgeschrien, mit der Nachricht, daß der General +Santa Anna, von seinen zu ihrer Pflicht zurückgekehrten Truppen +ergriffen, vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen worden sei! +Wir, die wir Vera-Cruz erst vor wenigen Tagen verlassen haben, wissen, +daß kein wahres Wort daran ist. — Dies wissen auch noch viele Andere, +aber das thut nichts; der große Haufe glaubt daran, und das genügt der +Gegenparthei! — <span class="antiqua">Tout comme chez nous!</span> —</p> + +<p>Doch genug von Puebla. Morgen reisen wir weiter und zwar abermals +per Diligence, deren zwischen hier und Mexico eine für 9 Personen +täglich fährt, und sich täglich füllt. So sehr vermehrt diese bequeme +Reise-Gelegenheit das Reisen selbst. Noch vor wenig Jahren brauchte man +von hier auf Mexico zwei Tage zu Pferde, jetzt fährt man des Morgens um +6 Uhr von der einen Stadt ab, und kömmt bei guter Zeit am Abend in der +andern an. Wem verdankt das Land aber solche Verbesserungen anders, als +den <em class="gesperrt">Fremden</em>? Und doch haßt man sie in Puebla! Aehnliches hat man +indessen auch wohl bei uns erlebt. Adios!</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_21_Jan_1832">Mexico, den 21. +Januar 1832.</p> + +<p>Also auch von hier aus soll ich Dir schreiben! Von wie vielen Punkten +aus habe ich es nicht schon im Leben gethan? und von wo aus wird es +noch ferner geschehen? — Der Himmel allein weiß es! Ich würde Dir +übrigens meine endliche, glückliche Ankunft an diesem ersten und +Haupt-Ziele meiner großen Reise schon vor mehreren Tagen haben anzeigen +können, wenn die Post früher als heute expedirt worden wäre, <span class="pagenum" id="Page_58">[S. 58]</span>denn wir +legten den Weg von Puebla hieher in einem Tage zurück und kamen somit +schon am 16ten des Abends hier an. Bis nach dem freundlichen Flecken +San Martin führt die Straße durch eine überaus fruchtbare, schön und +reich angebaute Gegend, wahrhaft einladend zum “Hüttenbauen.” — Die +reichen Kornfelder, die grünen Wiesen mit ihren zahlreichen Heerden +und die ausgedehnten Wirthschafts-Gebäude auf den großen Landgütern, +welchen wir vorbeifuhren, geben dem Ganzen ein so europäisches Ansehen, +daß wir in heimathlichen Gefilden zu seyn gewähnt haben würden, wenn +uns nicht das schöne warme — ja heiße Wetter (in dieser Jahrszeit doch +nur hier zu finden) enttäuscht hätte.</p> + +<p>Auf ungefähr halbem Wege von Puebla nach San Martin ist ein Punkt, +vielleicht der einzige im ganzen Lande, auf welchem man die <em class="gesperrt">drei</em> +berühmten Vulcane Mexico’s mit ihren ewigen Schneekuppeln, den +<em class="gesperrt">Orizaba</em>, den <em class="gesperrt">Iztaccihuatl</em> und den <em class="gesperrt">Popocatepetl</em>, +am Horizont zugleich sieht, was, wie Du denken kannst, einen +eigenthümlichen, ja erhabenen Anblick gewährt; man verliert sie jedoch +bald wieder aus dem Gesichte und behält späterhin, auf der Hochebene +von Mexico, nur noch die beiden letztern im Auge.</p> + +<p>In San Martin, wo wir in einem äußerst reinlichen Wirthshause die +Chocolade einnahmen, begegneten wir dem dritten Regiment Infanterie auf +seinem Marsch gegen Vera-Cruz; ich kann nicht sagen, daß ich von dessen +militairischer Haltung sehr erbaut gewesen wäre; indessen ich will +nicht voreilig urtheilen, und von dem theilweisen Mangel an Schuhen, +Jacken u. dgl. m. nicht auf einen Mangel an Courage schließen! — Die +Leute schienen bereits viel von der Hitze gelitten zu haben, wie wird +dies aber erst werden, wenn sie an die Küste kommen? —</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_59">[S. 59]</span></p> + +<p>Der weitere Weg nach Mexico ging nun über ein hohes Gebirge, dessen +höchster Punkt Rio frio ist, so genannt von einem klaren, in rasch +wogenden Wellen vorbeifließenden Waldstrome; es ist davon jedoch +weiter nichts zu sagen, als daß es hier, wie bei einer Höhe von 8000 +Fuß über der Meeresfläche zu erwarten steht, sehr kalt ist, daß man +daselbst in einem schlechten Wirthshause einkehrt, und nicht weit davon +oft von Räubern angefallen werden soll. —</p> + +<p>Der Berg ist mit starken Waldungen bedeckt, die auf der Seite nach +Mexico hin nach und nach verschwinden und so dem Auge einen schönen +Blick in das <em class="gesperrt">Thal von Mexico</em> eröffnen, wenn anders einer, +zwar von hohen Bergen rings umgebenen, aber nach Länge und Breite so +ausgedehnten Ebene, daß sie Städte, Flecken, Dörfer und Seen in sich +faßt, die Benennung “<em class="gesperrt">Thal</em>” gegeben werden soll. Ich kann nicht +sagen, daß ich von der Aussicht in diese Ebene, von oben herab, so +entzückt gewesen wäre, wie manche Andere. Die Gegenstände sind dem Auge +zu sehr entrückt, um irgend eine andere Naturschönheit bewundern zu +können, als die der oft riesigen Berge, die man in den mannigfaltigsten +Formen nach allen Seiten hin, theils nahe, theils in großer Ferne, +erblickt. Dieses geologische Panorama nimmt sich aber nach meinem +Geschmack schöner unten im Thale als oben auf dem Berge aus; — +<em class="gesperrt">eigenthümlich</em> jedoch von beiden Standpunkten.</p> + +<p>In die Ebene selbst kamen wir erst bei Sonnen-Untergang, indem wir +einen Aufenthalt in dem Gebirge hatten, der sehr unangenehm für uns +hätte werden können. — Als wir nämlich ausstiegen, um einen Theil +des steilen Abhanges zu Fuße zu gehen, gewahrten wir, daß der hinten +an der Diligence befestigte Bagage-Korb nicht mehr vorhanden war! Du +kannst Dir unsern Schrecken denken, — denn man hat auf einer solchen +Reise in den Koffern nicht bloß Kleidungsstücke, <span class="pagenum" id="Page_60">[S. 60]</span>die sich allenfalls +ersetzen ließen, sondern — was wichtiger und nicht zu ersetzen ist — +seine <em class="gesperrt">Papiere</em>! Die Frage war nun, ist der Korb geraubt, oder +durch einen der schon gerügten, sanften Stöße abgesprungen und auf dem +Wege liegen geblieben? — Glücklicherweise war letzteres der Fall, +und nachdem wir etwa eine Meile zurückgefahren waren, sahen wir die +ganze Bagage auf der Landstraße liegen, und einige Indianer eben im +Begriff, sich mit dem Inhalt derselben bekannt zu machen. Wir ersparten +ihnen diese Mühe, der Korb ward auf’s Neue befestigt, wir fuhren +weiter — und erreichten, wie gesagt, die Ebene bei Sonnen-Untergang, +— aber dennoch früh genug, um uns an dem Anblick einiger schönen, +großen indianischen Dörfer, und an den hohen Cactus-Wänden, womit +ihre freundlichen Hütten umgeben und ihre Straßen abgesteckt sind, +zu erfreuen! Bei dem hier statthabenden Pferde-Wechsel boten uns die +Einwohner von allen Seiten Blumen, Orangen und sonstige Früchte des +Südens zum Verkauf an, und schienen froh und guter Dinge. —</p> + +<p>Ueber den großen Steindamm, der von hier nach der Stadt Mexico führt, +und die beiden Seen, den <em class="gesperrt">salzwasserigten</em> zur Rechten, und den +<em class="gesperrt">süßwasserigten</em> zur Linken, von einander trennt, fuhren wir +beim schönsten Mondenschein, wurden unweit der Garita von unserm +Friedrich und einigen seiner Freunde zu Pferde eingeholt, und kamen +— so — gegen 8 Uhr Abends, gesund und wohlbehalten, in die große +Föderativstadt der noch größeren Republik Mexico!</p> + +<p>Du weißt mich nun hier, — bei dem eigenen Sohne und in dem gleichsam +eigenen Hause, und bist für heute mit dieser Mittheilung ja wohl +zufrieden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_61">[S. 61]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_23_Jan_1832">Mexico, den 23. +Januar 1832.</p> + +<p>Du wirst nun auch wohl etwas Ausführliches über diese große, in Europa +so gerühmte Stadt und meinen Aufenthalt in derselben, von mir hören +wollen? Wohlan! ich gehorche und berichte wie folgt: Wenn mir die +Stadt bei unserer neulichen, nächtlichen Einfahrt durch die langen, +mit Laternen erleuchteten Straßen, schon als eine sehr große erschien, +so hat sich mir seitdem, am Tage, dieser Eindruck vollkommen bestätigt +und man kann, in vieler Hinsicht, Mexico nicht anders als großartig +nennen; man würde “<em class="gesperrt">schön</em>” hinzufügen müssen, wenn etwas mehr +Sorgfalt auf das Aeußere der, mitunter sehr großen, Häuser und Gebäude +verwandt würde; — aber man sieht diesen nur allzusehr den Verfall, +oder doch die Vernachlässigung an, welche stets die Folgen bürgerlicher +Unruhen in einem Lande sind. Nur <em class="gesperrt">Friede</em> und der Glaube — die +Ueberzeugung — des <em class="gesperrt">ruhigen, gesicherten Besitzthums</em> kann +die Wohlhabenden veranlassen, auch dem Aeußeren ihrer Wohnungen den +Stempel des Reichthums aufzudrücken! — Diese Ueberzeugung mangelt +aber leider jetzt in diesem schönen Lande gänzlich, und es geschieht +daher in <em class="gesperrt">der</em> Art kaum das Nothwendigste; selbst nicht einmal +an dem National-Pallast, (dem jetzigen Regierungs-Local) und andern +öffentlichen Gebäuden. — Da Mexico 160- bis 180,000 Einwohner zählt +und dabei keineswegs übervölkert erscheint, indem in den vorhandenen +Gebäuden wohl Raum für mehr als 200,000 zu finden wäre, so begreift +man, daß es einen großen Flächenraum einnimmt. Die Straßen sind breit, +in graden Linien gezogen und mitunter sehr lang, denn einige derselben +durchschneiden die ganze Stadt. Am Ende einer jeden Straße sieht man +übrigens hohe Berge, die, wie bereits gesagt, die ganze Ebene ringsum +einschließen, und, wegen der hier so sehr dünnen Atmosphäre, dem Auge +weit näher erscheinen, als sie wirklich <span class="pagenum" id="Page_62">[S. 62]</span>sind. Die Luft ist hier so +hell und rein, daß man, in bedeutender Entfernung, auf sehr hohen +Bergen die einzelnen Baumstämme mit dem nackten Auge deutlich erkennen +kann.</p> + +<p>Die meisten Häuser haben nur zwei Stockwerke, d. h. eins auf +gleicher Erde und eins darüber, viele jedoch außerdem noch einen +Zwischenstock (<span class="antiqua">entresuelo</span>) so daß sie in der Regel keinesweges +von niedrigem Ansehen sind; ja es mangelt auch nicht an drei- und +selbst vierstöckigen Gebäuden und mitunter findet man sogar große +Palläste, die früheren Wohnungen des hohen Adels. Unter diesen +verdienen besonders genannt zu werden: erstens das Haus, welches +zuletzt der ephemere Kaiser <em class="gesperrt">Iturbide</em> bewohnte, sodann die +großartig angelegte, noch immer im Bau begriffene Minaria, ferner der +National-Pallast (ehemalige Wohnung der Vice-Könige), die Münze, das +Museum oder Universitätsgebäude, und — unter den Klöstern und Kirchen, +deren es hier in Menge giebt, vor allem die große, ausnehmend schöne +Cathedrale!</p> + +<p>Diese an der einen Seite, der National-Pallast an der andern, +und zwei Reihen hoher, mit Colonaden versehener Häuser an den +beiden übrigen Seiten, bilden ein Viereck, wie ich kein größeres +in irgend einer Stadt von Europa gesehen habe, und dieser Platz, +wo bei großen Feierlichkeiten die militairischen Revüen, wie auch +geistliche Processionen u. dgl. m. gehalten werden, würde in der +That <em class="gesperrt">ungemein</em> groß seyn, wenn ihm nicht an einer Seite, durch +eine Reihe von Kaufmanns-Buden, welche der Parian genannt sind, +und durch die vor einigen Jahren stattgehabte Plünderung derselben +eine traurige Celebrität erlangt haben, ein beträchtliches Stück +abgewonnen wäre. — Die Cathedrale ist zwar im Innern bei weitem +nicht so reich ausgeschmückt, wie jene von Puebla, aber dennoch schön +und viel größer als jene; von Außen ist das Gebäude imponirend, +symetrisch und zum Theil im gothischen <span class="pagenum" id="Page_63">[S. 63]</span>Styl ausgeführt, namentlich +die an der linken Seite unter Cortes selbst erbaute Capelle; an der +entgegengesetzten Seite ist der etwa 10 Fuß im <img class="h0_7" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat"> große Stein mit dem +berühmten altmexicanischen, hieroglyphischen, von den Europäern aber +nicht entzifferten, Sonnen-Kreis eingemauert. — Die Cathedrale, +so wie sie ist, muß man schön nennen. Dies kann man aber von dem +erstgenannten National-Pallast nicht sagen! Dieser ist zwar lang — +(er nimmt die ganze eine Seite des Vierecks ein) aber nur zwei Stock +hoch, mit einem <span class="antiqua">entresuelo</span>, oder einer <span class="antiqua">Mansarde</span>. Das +Gebäude imponirt deshalb nicht genug, und ich wundere mich in der +That, daß die vormaligen Vice-Könige Spaniens sich keine prachtvollere +Residenzen erbaut haben, da es ihnen doch an Vorbildern dazu — in +der Stadt Mexico selbst nicht mangelte und noch weniger an dem dazu +erforderlichen Gelde. — Den linken Flügel des Pallastes, dessen Salons +geräumig, und wenn auch einfach, doch ganz geschmackvoll meublirt sind, +bewohnt jetzt der Präsident der Republik.</p> + +<p>Der übrige Raum ist durch die verschiedenen Bureaus aller +Administrationszweige occupirt, und der Präsident hat es in dieser +Hinsicht ganz bequem, denn während der Geschäftsstunden sind ihm +die Herren Minister immer zur Hand, was er denn auch, wie man sagt, +benutzt, indem er sie häufig zu sich berufen läßt. Auch die Säle +für die Deputirten-Kammer und den Senat sind durch einen Anbau in +den Höfen des Pallastes so angebracht, daß der Präsident aus seinen +Zimmern über die Hof-Gallerie dahin gehen kann. Sie zeichnen sich +durch Zweckmäßigkeit und Eleganz aus. — Das Local des Senats ist zwar +etwas klein, aber jenes für die Deputirten läßt in der That nichts +zu wünschen übrig. Der Saal ist groß, geräumig, hell und so hoch, +daß ringsum zwei Reihen Gallerien für die Zuhörer angebracht werden +konnten. (Die <span class="pagenum" id="Page_64">[S. 64]</span>Sitzungen werden hier öffentlich gehalten, und nur bei +geheimen Beratungen geschlossen). Die Bänke sind amphitheatralisch +gestellt und haben Raum für mehrere Hunderte. Dem diplomatischen Corps +ist eine eigene Loge eingerichtet. Die Sitze der Deputirten gehen +in einem Halbzirkel um den Thron herum, unter dessen Baldachin zwei +gepolsterte Armstühle stehen, wovon, bei Eröffnung und Schließung des +Congresses, der zur <em class="gesperrt">Rechten</em> von dem Präsidenten der Kammer, der +zur <em class="gesperrt">Linken</em> von dem Präsidenten der Republik eingenommen wird. In +den gewöhnlichen Sitzungen nimmt der Präsident der Kammer seinen Platz +neben den Secretairen, an der, vor dem Throne stehenden, großen Tafel. +Die Fußböden sind mit Teppichen belegt und die ganze Decoration ist +geschmackvoll. An beiden Seiten des Saales sind Zimmer angebracht, in +welchen sich die Deputirten, unter sich oder mit Andern, die sie etwa +herausrufen lassen, besprechen können.</p> + +<p>Wenn ich nun dieser etwas weitläufigen Beschreibung des Pallastes noch +hinzufüge, daß die Parthie gleicher Erde in Hauptwachen, Magazine +für Pulver und Kriegsvorräthe und in Gefängnisse vertheilt, und daß +über dem Haupt-Eingange in der Mitte ein Thürmchen angebracht ist, +auf welchem die National-Flagge (grün, roth und weiß mit dem Adler im +weißen Felde) weht; so habe ich in der That alles gesagt, was darüber +zu sagen ist und hoffe, Du wirst Dir ein ziemlich richtiges Bild davon +machen können. — Die Münze, das Museum und einige andere öffentliche +Gebäude habe ich noch nicht besucht und berichte darüber ein andermal.</p> + +<p>Die Beschreibung meiner eigenen Wohnung interessirt Dich ja wohl +ohnehin mehr, als alle andern und ich gehe daher zu dieser über.</p> + +<p>Die Mehrzahl der gewöhnlichen Häuser und namentlich das, welches +wir bewohnen, haben einen viereckten Hofraum <span class="pagenum" id="Page_65">[S. 65]</span>(<span class="antiqua">Patio</span>) in der +Mitte, in welchem auch die Stallung für die Pferde angebracht ist. +— Der untere Theil des Hauses ist, in der Regel, Geschäfts-Local, +Waaren-Magazin u. s. w. Keller hat man hier nicht, da der Boden, auf +welchem Mexico steht, einem der früher hier gewesenen Seen abgewonnen +ist und da, in der Regenzeit, das Wasser von unten herauf bis an die +Fußböden der Magazine steigt. — Die Wohnung ist im zweiten Stock. +Die Zimmer sind luftig, freundlich, oft groß und schön; die Fenster +reichen bis zum steinernen Fußboden herab und öffnen sich häufig auf +einen Balcon nach der Straße hin; über dem Patio, ringsum, läuft +eine Gallerie, die nach den Zimmern führt und gewöhnlich mit schönen +Cactus-Pflanzen und andern Blumen besetzt ist und statt des Gartens +dient. Dieser Gebrauch macht das Innere des Hauses sehr freundlich, +denn die Gewächse blühen das ganze Jahr hindurch; unser Gärtchen ist +z. B. jetzt mit allem versehen, was Auge und Nase erquicken kann. — +Das Ameublement richtet sich ja überall, und somit auch hier, nach +den Umständen des Bewohners. Einige Häuser sind sehr elegant meublirt +und decorirt; das unsrige ist recht gemüthlich und ich vermisse +in demselben nichts, als das wohlthätige “Schalten und Walten der +Hausfrau.” Ich arbeite in meinem hübschen Zimmer, vorne heraus, und +empfange die formelleren Besuche in einem daran stoßenden Salon, wie +z. B. gestern den Minister Alaman, dem ich mein Empfehlungsschreiben +von Herrn v. Humboldt eingesandt hatte und der darauf hin zuvorkommend +genug war, mir den ersten Besuch zu machen.</p> + +<p>Oben auf der <span class="antiqua">Azotea</span> (dem flachen Dache, welches hier alle Häuser +haben) hält man sich denn wohl, — wie z. B. ich — zum freundlichen +Andenken an deine Liebhaberei — Hühner, Kalkuten und Tauben die +Menge, und wir freuen uns beim Frühstück der frischen Eier von der +eignen Zucht! — Das <span class="pagenum" id="Page_66">[S. 66]</span>werdet Ihr zu Hause wohl recht nett und auch +ganz begreiflich finden, gewiß aber minder so, daß <em class="gesperrt">hier oben</em> +auch der Kettenhund liegt, der “Haus und Hof getreu bewacht,” und doch +ist es so. Dies geschieht nämlich um der flachen Dächer willen, welche +das Uebersteigen von einem Hause ins andre, und somit das Berauben von +<em class="gesperrt">oben herab</em> sehr leicht macht, während man von <em class="gesperrt">unten</em> her, +wo der Eingang wohl verwahrt ist, und der Pförtner neben der Pforte +seine Wohnung hat, nichts befürchtet.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_29_Jan_1832">Mexico, den 29. +Januar 1832.</p> + +<p>Durch die vielen Expressen, welche von dem Gouvernement nach der Küste +gesandt werden, mehren sich die Schreib-Gelegenheiten nach Europa und +ich benutze sie, um mit Dir zu plaudern und Dich von allem was vorfällt +unterrichtet zu halten.</p> + +<p>Die Regierung will nun sehr strenge Maaßregeln gegen die Vera-Cruzaner +Revolution nehmen, wird sie aber, nach meiner Meinung, nicht +durchsetzen können; denn während z. B. der Congreß den Hafen von +Vera-Cruz für geschlossen, also in Blokadestand erklärt, ermangelt +die Regierung aller Marine, um einem solchen Beschlusse Folge zu +geben, und Schiffe kommen und gehen somit, nach wie vor. — Man will +sodann Vera-Cruz von der Landseite belagern, beschießen, mit Sturm +nehmen u. s. w.; aber das ist alles leichter gesagt als gethan, und +ich bin überzeugt, das Gouvernement überschätzt <em class="gesperrt">seine</em> Kräfte +und unterschätzt jedenfalls die des Feindes. Da ich noch kürzlich die +Vertheidigungsmittel der Vera-Cruzaner an Ort und Stelle selbst gesehen +habe, so kann ich mich oft nicht genug wundern über die Verachtung, +mit der man hier <span class="pagenum" id="Page_67">[S. 67]</span>davon spricht; man scheint sich vorsätzlich darüber +täuschen und selbst Augenzeugen nicht glauben zu wollen. Was nun +aber die übrigen Ressourcen Santa Anna’s betrifft, so vergißt man, +wie mich dünkt, daß er sich nicht allein im Besitz der bedeutendsten +Douanencasse der Republik, sondern auch in dem des wichtigsten Hafens +derselben befindet, und von dort aus mit Europa und den vereinigten +Staaten von Nordamerika communiciren und von diesen letzten schnell +alle seine Bedürfnisse beziehen kann. Beschränkt er sich also auf die +Defensive, so wird es schwer halten ihm etwas anzuhaben, besonders +da zu seiner Bezwingung nur noch wenige Monate übrig sind; im Monat +Mai können die Truppen vom Hochlande das Küsten-Clima schon nicht +mehr vertragen. Inzwischen — die Zeit wird es lehren! — Hier +aber, in der Hauptstadt, ist mittlerweile Alles ruhig, man geht und +fährt spatzieren, und besucht Theater, Stiergefechte und Tertullas +(Gesellschaften) als ob von keiner Revolution die Rede wäre. Daß ich +das Alles <span class="antiqua">cum grano salis</span> mitmache, kannst Du denken, denn das +ist ja nun einmal so der Lauf der Welt, daß man thut wie Andre thun!</p> + +<p>Der gewöhnliche Spatziergang hier ist nach der, an dem nördlichen Ende +der Stadt gelegenen Alameda, wohin ich des Morgens vor dem Frühstück +gehe und einen oder den andern Bekannten treffe (Friedrich reitet dann +wohl eine Strecke Weges außerhalb der Stadt) und ich wiederhole die +Promenade am Abend, wo es oft sehr voll und belebt ist. Diese Alameda +ist ein großer, von einer niedrigen Mauer umzäunter, mit Gitterthoren +versehener, aber für jedermann offener, viereckter Platz, der im +Innern für Fußgänger park- und gartenartig, im alten Styl, angelegt +ist. Der Baumwuchs ist hier schön, mitunter sehr hoch, und das Laub +muß im Sommer einen angenehmen Schatten verbreiten; grade jetzt ist +alles wieder im frischen Ausschlagen, wie bei uns im Mai. In der Mitte +des Gartens ist ein <span class="pagenum" id="Page_68">[S. 68]</span>großer, hier und da ein kleinerer Springbrunnen +angebracht, welche ihr Wasser von der berühmten, hier vorbeilaufenden +Wasserleitung empfangen, von der ich ein andermal sprechen werde. — +Die große Fontaine bildet das Centrum, von wo aus sich die hinlänglich +breiten Gänge nach allen Richtungen ziehen, und das ganze Viereck +umgiebt ein schöner Fahrweg für die Equipagen und Reiter. Hier nun +bewegt sich, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, die Beaumonde von +Mexico und fährt oder geht dann um die Zeit der Oracion⁠<a id="FNanchor_8_8" href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> zurück, um +für den übrigen Theil des Abends, nach eingenommener Tasse Chocolade +(oder, wie bei uns der Fall, einer Tasse Thee) Theater, Oper oder +Gesellschaft zu besuchen.</p> + +<p>Das Schauspiel und die italienische Oper sind hier nicht schlecht; +die spanische Declamation gefällt mir sehr wohl und es wird mit +vieler Decenz gespielt. Garderobe und Decorationen sind reich +und geschmackvoll und das Costüm meist richtig gewählt. Bei der +italienischen Oper sind einige Künstler des ersten Ranges angestellt, +die man von Europa hat kommen lassen, und die sehr hoch salarirt +werden, was deshalb geschehen kann, weil das Gouvernement die Oper +jährlich mit 20,000 Pesos unterstützt! Etwas zu viel für eine Republik, +die noch so manches Nothwendigere zum Wohl des Landes zu thun und +zu unterstützen hat! Das Ballet ist das mindest Vollkommene ans der +hiesigen Bühne; inzwischen geht es doch noch, was aber das wenigst +Gute von allem ist und weder von außen noch innen den Erwartungen +entspricht, die man davon in einer großen Hauptstadt zu hegen +berechtigt ist, das ist <em class="gesperrt">das Haus <span class="pagenum" id="Page_69">[S. 69]</span>selbst</em>! Die Logen haben +übrigens nichts desto weniger oft ein ganz brillantes Ansehen, wenn +viele Damen gegenwärtig sind, denn diese kleiden sich geschmackvoll und +reich; — Eheherren und Papas wollen behaupten <em class="gesperrt">zu reich</em>! Hieran +sind denn aber die Herren selbst schuld; denn nirgends in der Welt +zieht man die Kinder der besseren Gesellschaft wohl systematischer zur +Putzsucht heran als hier, wo ich sie im Alter, in welchem sie eben erst +gehen und stehen gelernt, nach allen Regeln des Pariser Mode-Journals +aufgeputzt gesehen habe!</p> + +<p>Ein wahrer Greuel im hiesigen Theater ist aber doch das Rauchen von +Cigarren, welches im Parterre und Parket von fast Jedermann geschieht, +was für Nichtraucher, wie mich, höchst unangenehm ist. Früher +schmauchten die Damen in den Logen ihre Papier-Cigarren nicht minder; +jetzt nimmt diese fatale Sitte doch etwas ab und man sieht es nur noch +ausnahmsweise — aber man sieht es doch noch!</p> + +<p>Beim Stiergefechte, nun ja, da laß ich mir das Rauchen noch gefallen; +da sitzt man doch im Freien; hier ist’s sogar vielleicht gut +angebracht, denn hier ist, wie Du denken kannst, die Gesellschaft sehr +gemischt! Es gewährte mir übrigens eine angenehme Ueberraschung, als +ich zum erstenmale eintrat in jenen großen Circus, das rege Gewühl +der Tausende von Zuschauern aller Farben zu sehen, wie sie, in ihrer +bunten, den Regenbogen an Farbenmischung überbietenden, aber nicht +ungefälligen Nationaltracht, in vier bis fünf übereinanderlaufenden +Reihen von Logen da saßen, in gespannter Erwartung der Dinge, die +da kommen sollten! Diese Spannung theilte denn auch ich sehr bald +mit allen Uebrigen und freute mich, als die anwesende Militairmusik, +durch das Aufspielen eines Marsches, die Ankunft der Kampfrichter kund +that. Es dauerte nun nicht lange, so rief die Trompete, auf Befehl +der Richter, zwei Caballeros zu Pferde, mit Lanzen bewaffnet, auf den +Kampfplatz! <span class="pagenum" id="Page_70">[S. 70]</span>Ein zweiter Trompetenstoß öffnet das Thor, aus welchem der +bereits gereizte Stier wüthend hervorstürzt.</p> + +<p>Beim Anblick der beiden Reiter stutzt derselbe und wählt sich einen +aus, dem er sich muthig entgegenstellt. Der Reiter darf ihn nur von +vorne angreifen, und darf ihm keinen Stoß beibringen wenn der Stier +ihm den Rücken wendet, oder ausweicht. Dies thut das Thier aber nur +selten, öfter faßt es das Pferd von der Seite und streckt es sammt +dem Reuter in den Sand, wobei denn nicht selten dem Pferde die ganze +Seite durch die Hörner des Stiers aufgerissen wird. Der zweite Kämpe +rettet nun den gefallenen Cameraden vor der Wuth des Stiers dadurch, +daß <em class="gesperrt">er</em> den Kampf aufnimmt. Nachdem sich das Thier auch mit +diesem herumgequält und mehrere Lanzenstiche empfangen hat, wird es +durch einen Trompetenstoß von <em class="gesperrt">diesen</em> Feinden erlös’t, und einer +Anzahl Kämpfer zu Fuß überliefert, welche den Stier auf alle Weise, +durch Vorhalten rother Tücher u. dgl., necken und reizen und ihm dabei +Widerhaken mit bunten Bändern, oder auch mit Feuerwerken, in den +dicken, vor Wuth angeschwollenen, Nacken stecken, deren Abbrennen ihn +oft so betäubt, daß er zuletzt ganz stille steht und den Ausgang ruhig +abwartet! Ein abermaliger Trompetenstoß macht auch dieser Quälerei ein +Ende — und bringt den Hauptmann, den <em class="gesperrt">Matador</em> (Todtschläger) auf +den Kampfplatz. Dieser, in phantastisch-eleganter Kleidung, in seidenen +Strümpfen und Schuhen, mit einem rothen Tuch und einem langen, graden +Schwerdte versehen, reizt nun mit ersterem den Stier, sucht grade auf +ihn einzudringen und versetzt ihm dann den Stich in den Nacken, der +ihn fast augenblicklich zusammenstürzen macht. Zeigt das Thier noch +einiges Leben, so giebt ihm der beistehende Schlächter den Gnadenstoß +mit einem kurzen Messer, und er wird nun von seltsam aufgestutzten, +bebänderten Pferden, unter frohlockender Musik und Volksjubel, von dem +<span class="pagenum" id="Page_71">[S. 71]</span>Platze hinweggezogen! Hanswürste, die bei solchem Specktakel ja nie +und nirgends fehlen, eilen herbei, bedecken die blutigen Stellen mit +frischer Erde und bereiten die Scene für den nächsten Stier, dem ebenso +mitgespielt wird! Dies wiederholt sich an demselben Nachmittage fünf +bis sechsmal. Endlich wird zum Schluß ein Stier, mit Kugeln auf den +Hörnern, dem Volke preisgegeben, und von einer Masse von Knaben und +Burschen, die nun in den Circus springen, zu Tode gehetzt, obwohl nicht +ohne Gefahr, daß einige von ihnen, wie oft geschieht, von dem wüthenden +Thiere in die Luft geschleudert werden und einige Rippen zerbrechen.</p> + +<p>Da ich diesem Schauspiel mehr als einmal beigewohnt habe, so finde ich +für nöthig, hinzuzufügen (um nicht in den Verdacht einer blutdürstigen +Natur bei dir zu kommen) daß die Beschreibung grausamer klingt, als die +Sache selbst erscheint! Das Recht der Selbstverteidigung, welches dem +Stier gelassen wird, und dessen er sich in vollem Maaße bedient, nimmt +der Scene das Ansehen der Grausamkeit. Stiergefechte sind übrigens +hier, wie in Spanien, Volkssitte, und diese heiligt Alles!</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_21_Feb_1832">Mexico, den 21. +Februar 1832.</p> + +<p>Ich habe Dir zwar in den letzten drei Wochen nicht geschrieben, aber +Deiner darum nicht weniger in Liebe und Sehnsucht gedacht! Wann thäte +ich das auch nicht? — Ich hatte diesmal aber noch eine besondere +Veranlassung dazu; denn nie sehnt man sich ja mehr nach den entfernten +Lieben, als vom Schmerzenslager aus; und auf diesem habe ich leider +gelegen, und bin noch immer nicht ganz davon erstanden. Kaum war +nämlich mein letzter Brief an Dich gesiegelt und expedirt, so sollte +(es war ein schöner heiterer Sonntag) ein Spazierritt aufs Land gemacht +werden, die Pferde waren gesattelt und <span class="pagenum" id="Page_72">[S. 72]</span>warteten unserer im Hofe, der +leider nicht gepflastert, sondern mit steinernen Platten (Fliesen) +belegt ist. Ich bestieg mein Pferd zuerst, griff den Zügel etwas +kurz, das Thier bäumte sich, glitschte mit beiden Hinterfüßen auf den +glatten Steinen aus, und fiel um! Leider kam ich dabei nicht aus dem +Sattel, sondern fiel mit dem Pferde, welches mit seiner ganzen Schwere +auf mein linkes Bein zu liegen kam, und es nicht wenig quetschte. Als +ich nun unter dem Pferde hervorgezogen ward, konnte ich nicht stehen +noch gehen, sondern mußte hinauf getragen werden, nach einem Wundarzte +schicken, mir Aufschläge und Bandagen anlegen, und mich vorläufig aus +der Cavallerie ausstreichen lassen. — Gebrochen scheint nichts zu +seyn, aber die Knöchel sind stark gedrückt und das Fußgelenk ist ganz +steif und geschwollen. Ich fürchte daher, es wird eine langwierigere +Sache werden, als der Arzt anfangs glaubte, der mir nach den ersten +acht Tagen erlaubte, ja mich sogar aufmunterte, nach dem Pferderennen +zu fahren. Ich hätte wohl besser gethan, das zu unterlassen; indessen, +da ich nun einmal dort war, so will ich Dir auch ein paar Worte davon +sagen.</p> + +<p>Dies Pferderennen ist, nicht ohne große Kosten, durch einen Verein +von Ausländern (hauptsächlich Engländern) und Mexicanern in Gang +gebracht worden, und wird etwa eine Meile von hier aus einer Haide +gehalten. Der Weg dahin führt an der berühmten, auf einem hohen Felsen +romantisch gelegenen, Capelle <span class="antiqua">de nuestra Señora de Gouadaloupe</span>, +(wovon ich später, wenn ich einmal da gewesen bin, wohl auch etwas +zu erzählen haben werde) vorbei. Die Rennbahn ist in gerader Linie +abgesteckt, und am Ende derselben sind Buden mit erhöhten Sitzen für +die Zuschauer angebracht. Die Bahn ist nicht über 3 bis 400 Schritte +lang, denn man behauptet, daß hier oben, (der feinen, dünnen Luft +wegen) kein Pferd <span class="pagenum" id="Page_73">[S. 73]</span>einen Wettlauf von mehr als 500 Schritt würde +aushalten können (?). — Die bei dem hiesigen Rennen concurrirenden +Pferde sind alle von mexicanischer Zucht, stark und schnellfüßig, +aber ohne Schönheit und Grazie, und mit den edelgeformten englischen +Wettrennern (<span class="antiqua">racehorses</span>) eben so wenig zu vergleichen, als +das Wettrennen selbst mit denen in England, wo es Nationalsitte ist +und Tausende von Zuschauern heranzieht, während sich hier nur eine +sehr mäßige Zahl von Menschen zu Pferde und zu Wagen versammelt, um +das Schauspiel mit anzusehen. Unter denen, die da waren, ward jedoch +auf gut mexicanisch stark gewettet. Leider bildeten sich dabei zwei +Partheien, eine englische und eine mexicanische, und da die erstere +gewann, so machte dies übles Blut bei den Eingebornen, was gerade jetzt +um so mehr zu bedauern ist, als die Politik ohnehin schon von Seiten +der theokratisch-altspanisch gesinnten Gouvernements-Parthei, eine +Spannung gegen die <em class="gesperrt">Fremden</em> hervorbringt.</p> + +<p>Da diese nämlich der Meinung sind und sie ohne Rückhalt äußern, daß +die Mittel, welche der Regierung zu Gebote stehen, nicht hinreichend +seien die Revolution in Vera-Cruz zu unterdrücken, und daß somit +Santa Anna siegen werde, so wirft man ihnen vor, daß sie es mit den +Insurgenten halten, ohne einzusehen, daß dafür kein vernünftiger Grund +vorhanden ist, da den handeltreibenden Fremden (und andere giebt es +hier nicht) mit dem Bestehen der einmal eingeführten Ordnung der +Dinge weit mehr gedient ist, als mit Revolution und Bürgerkrieg. — +Es handelt sich hier aber nicht um das was man wünscht, sondern um +das was wahrscheinlich der Fall seyn wird, und da kann man denn doch +nicht blind gegen das Factum seyn, daß die Regierung, trotz aller +Anstrengung des Kriegsministers Facio, nicht mehr als drei tausend +Mann hat zusammen bringen können, um gegen Vera-Cruz anzurücken! +<span class="pagenum" id="Page_74">[S. 74]</span>— Damit nimmt man aber, nach meiner Meinung, keine Stadt, welche +Hafen und Festung zugleich ist, an Nichts Mangel leidet und von 1500 +Mann unter einem Chef vertheidigt wird, der den anderen Generalen +an Talent überlegen ist, und dessen Truppen gut genährt und unter +Obdach einquartirt sind, während die Gegenpartei, wenn sie Vera-Cruz +belagern will, in einer Sandwüste bivuakiren muß, und in der bereits +so weit vorgerückten Jahreszeit dem Einfluß der climatischen Fieber +preisgegeben ist. — Trotz alle dem will man’s versuchen und am 10. +März einen Angriff auf Vera-Cruz wagen! — ich glaube aber an keinen +Erfolg und bin der Meinung, daß man unverrichteter Sache wird abziehen +müssen. Mittlerweile häufen sich die Schwierigkeiten der Communication +zwischen hier und Vera-Cruz gar sehr, und <em class="gesperrt">Friedrich</em> ist daher +eigens dahin gereis’t, um sich mit unsern Freunden an der Küste über +die Maaßregeln zu besprechen, die im Interesse des Geschäfts genommen +werden müssen, falls sich die Verhältnisse noch mehr verwickeln +sollten. Er ist Courier geritten, was hier zu Lande von jüngeren +Männern häufig geschieht, hat aber leider einige Stationen vor Jalapa +einen Unfall gehabt, der ihm leicht das Leben hätte kosten können; das +Pferd rannte nämlich mit ihm durch eine enge und niedrige Hofthür, +wodurch er sich an Kopf und Knie sehr stark verletzte. Ich habe jedoch +— Gottlob — Nachricht, daß er, nach einigen Tagen Ruhe in Jalapa, +die Reise von dort nach Vera-Cruz per Litera fortgesetzt hat, wo ihn +denn das, in solchen Fällen sehr heilsame, heiße Clima bald wieder ganz +herstellen wird.</p> + +<p>Hier hast Du denn einen Brief, der mit Reiter-Unfällen von Vater und +Sohn anfängt und schließt. Gebe der Himmel, daß ich Dir deren keine +ähnliche mehr zu schreiben haben möge. Lebe wohl.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_75">[S. 75]</span></p> + +<p><span class="antiqua">P. S.</span> So eben erhalten wir Briefe von der Küste und ich damit, +zu meiner großen Freude, auch die Deinigen, wenn gleich nur bis zum +7. November reichend, aus R.. — Gottlob, daß ihr alle wohl und so +vergnügt seid, als es die herbe Trennung zuläßt. Du sagst mir, daß +die Ankunft meiner Briefe jedesmal ein Fest für Euch sei, schließe +denn daraus auf meine Freude beim Empfang der Deinigen! Es findet +übrigens jetzt doch eine ganz eigentümliche Correspondenz zwischen uns +statt! — Die Briefe vom 7. November, die Du, in Deinem europäischen +Norden, gewiß schon unter dem Einfluß bedeutender Kälte geschrieben +hast, eröffne ich bei dem schönsten Frühlingswetter, wo mir Veilchen, +Reseda und Rosen entgegen duften. Meine heutige Antwort darauf erhältst +Du, wenn die Natur bei Euch erst höchstens Aehnliches hervorbringt, +und doch werden dann wieder gut zwei Monate verflossen seyn! Aber — +die Welt ist groß und die climatischen Verhältnisse sind sonderbar +gemischt; die hiesigen sind indessen gut, und so weit ich es bis +jetzt beurtheilen kann, würden sie <em class="gesperrt">Dir</em>, da Du, obgleich ein +Kind des Nordens, doch weit mehr dem Süden angehörst, sehr behagen. +Mir ist das Clima überall so ziemlich Nebensache. Dennoch fange ich +schon an die Luftwärme, besonders diejenige Temperatur, die sich der +<em class="gesperrt">Hitze nähert</em>, ohne sie <em class="gesperrt">zu seyn</em>, der kalten und frostigen +Atmosphäre bei uns weit vorzuziehen.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_21_Mar_1832">Mexico, den 21. +März 1832.</p> + +<p>Noch immer habe ich Hausarrest und kann noch nicht ohne Krücken +gehen! Nun haben wir aber gerade jetzt das köstlichste Wetter, das Du +Dir denken kannst! Ich möchte daher auch vor Ungeduld aus der Haut +fliegen, es nicht auf <span class="pagenum" id="Page_76">[S. 76]</span>dem Lande genießen zu können. Zum wahren Trost +gereicht mir unter diesen Umständen unser, gerade an mein Arbeitszimmer +stoßendes, Gallerie-Gärtchen, dessen Reichthum an wunderschönen +Cactus-Blumen, Amarillen und andern, in Europa theils seltenen, theils +unbekannten Pflanzen und Blüthen mir großen Genuß gewährt, obwohl ich, +wie Du weißt, kein so unterrichteter Botaniker bin, wie Du.</p> + +<p>Ich kann jedoch auch in anderer Hinsicht nicht über Langeweile klagen, +denn ich bekomme täglich viel Besuch von meinen hiesigen Bekannten, +worunter manche mir sehr liebe Freunde, und so erfahre ich Alles, was +in der Außenwelt vorgeht. Auch ist Friedrich, dessen Gegenwart mir +allein <em class="gesperrt">Euren</em> Umgang einigermaßen ersetzen kann, von Vera-Cruz +ganz hergestellt zurückgekehrt, und hat mir, unter anderm, auch spätere +Briefe von Dir gebracht, aus denen ich mit Freuden Euer allerseitiges +Wohlseyn erfahre. — Er hat eine ereignißvolle Zeit unten an der Küste +verlebt. Dem General Santa Anna nämlich war, während Fr.’s Aufenthalt +in Vera-Cruz, bei einem Ausfall mit nur einer Hand voll Leuten, ein +brillanter Coup gegen die Regierungs-Truppen unter Calderon gelungen; +er überrumpelte sie in Santa-Fé bei Nachtzeit und nahm ihnen die +Kriegscasse mitten aus dem Lager heraus, mit welcher er sodann im +Triumph nach der Festung zurückkehrte. Hiedurch noch kühner gemacht, +beschloß er einen weit stärkern Ausfall und förmlichen Angriff auf das +Belagerungs-Corps zu machen. Dies ist ihm aber schlecht bekommen, denn +als er Calderon, der wirklich schon auf Puente zurückfiel, durch einen +Seitenmarsch überflügeln und in den Rücken nehmen wollte, stieß er auf +dessen ganzes Corps, und mußte sich, <span class="antiqua">bon gré mal gré</span>, am 3ten +dieses bei Tolome schlagen, wobei denn seine, den Gegnern weder an Zahl +noch Tactik gewachsene, kleine Armee fast gänzlich aufgerieben ward.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_77">[S. 77]</span></p> + +<p>Obrist Landero blieb todt auf dem Schlachtfelde — und Santa Anna +verließ es am Abend von nur zwei seiner Reiter begleitet, um schnell +die Stadt Vera-Cruz wieder zu erreichen! Dort kam er des Morgens um 4 +Uhr an und hielt diesmal keinen <em class="gesperrt">Triumph-Einzug</em>! — So groß sind +aber sein Einfluß und seine günstigen Resourcen, daß es ihm schnell +gelang, ein kleines Corps wieder zu organisiren und seiner Parthei +neuen Muth einzuflößen, — während Calderon, der, wenn er mit Energie +vom Schlachtfelde aus nur eine einzige Compagnie seiner Dragoner +nach Vera-Cruz detaschirt hätte, die von allen Truppen entblößte +Stadt genommen haben würde, keinen der errungenen Vortheile benutzte, +vielmehr seinen Truppen einen Rasttag gab und, mit der Schnelligkeit +einer deutschen Reichsarmee zu Friedrichs des Großen Zeiten, abermals +gegen die Mauern von Vera-Cruz anrückte, die er diesmal zu bombardiren +gedenkt.</p> + +<p>Bei Tolome ward denn auch — denke Dir! — ein Landsmann von uns (der +Bruder unserer Freundin H.) gefangen genommen. Er war thörigter Weise +mit Santa Anna, mit dem er persönlich befreundet ist, als Volontair +ausgezogen, und commandirte eine Brigade Artillerie; er focht tapfer +genug und ergab sich erst nach verzweifelter Gegenwehr gegen drei +Dragoner, nachdem er am rechten Arm so verwundet war, daß er den +Degen nicht mehr halten konnte. — Calderon ließ ihn vorführen und +wollte ihn erschießen lassen, weil, nach seiner Meinung, Fremde sich +in den <em class="gesperrt">häuslichen Bruderzwist der Mexicaner</em> nicht mischen +sollten! Er unterließ es jedoch, wahrscheinlich weil ihm einfiel, +daß er gleichfalls <em class="gesperrt">Fremde</em> in seiner Armee habe! — Es dienen +deren nämlich mehrere von allen Nationen (obwohl nicht viele) in der +mexicanischen Armee. Der Ausgezeichnetste davon ist wohl unstreitig ein +gewisser Arago, ein französischer Artillerie- und <span class="pagenum" id="Page_78">[S. 78]</span>Ingenieur-Officier, +aber auch er ist mit Santa Anna, und diesem eine große Stütze. — H. +ward also, wie gesagt, nicht erschossen, sondern vorläufig in das Depot +zu Jalapa abgeführt, wo ihn Friedrich besuchte und nach besten Kräften +mit dem für den Augenblick Nothwendigsten unterstützte. — Der Vorfall +ist uns Deutschen hier in der Hauptstadt sehr unangenehm; was ist aber +zu machen? — Wir bemühen uns nun, gegen das Versprechen ihn aus der +Republik zu schaffen, seine Freiheit zu erlangen.</p> + +<p>Die Täuschung des Gouvernements, welches bei der ersten Nachricht der +Schlacht von Tolome, in dem Glauben einen entscheidenden Sieg errungen +und die Revolution unterdrückt zu haben, bereits an alle Staaten des +Innern in diesem Sinne geschrieben hatte, war groß, — das kannst Du +Dir denken, — aber sie sollte noch größer werden. Tampico, der zweite +Hafen von Wichtigkeit an der Ostseite, hatte sich gleichfalls für Santa +Anna und gegen das Gouvernement erklärt. Dieses befahl nun sofort +dem, in St. Luis Potosi commandirenden, der Regierungspartei gänzlich +ergeben geglaubten, General Moctezuma, unverzüglich an die Küste zu +marschiren und Tampico zu nehmen, und was geschieht? — Er kommt +wirklich mit seinen Truppen vor dem Hafen an, parlamentirt mit der +Garnison, empfängt eine von dieser und dem Magistrat an ihn abgesandte +Deputation und — <em class="gesperrt">geht zu der Gegenparthei über</em>, obgleich ihm +der Ausgang der Schlacht bei Tolome bereits bekannt war!</p> + +<p>Wenn man solche Dinge sieht und bedenkt, daß die Regierung die beiden +wichtigsten Finanz-Resourcen, die Douanen von Vera-Cruz und von Tampico +verloren hat, so kann man ja bei dem besten Willen nicht anders als +glauben, daß die revolutionaire Parthei endlich die Oberhand behalten +muß und wird. — Man scheint indessen im Minister-Conseil noch +keinesweges <span class="pagenum" id="Page_79">[S. 79]</span>nachgeben zu wollen. Vera-Cruz soll durchaus beschossen +werden. Beide Häfen sind in Blockadestand erklärt, und um das Maaß +der Chicanen und Hindernisse für den Handel voll zu machen, giebt der +Congreß so eben das unsinnige Gesetz, allen Briefwechsel mit Vera-Cruz +und Tampico zu verbieten. Ich nenne das Gesetz deshalb ein unsinniges, +weil es nicht durchzuführen ist, da auf Umwegen, freilich mit nicht +unbedeutenden Extra-Kosten, immer Briefe abgesandt und erhalten werden +können. Es erschwert indessen den Handel und schadet ihm, ohne dem +Gouvernement auch nur im mindesten zu nutzen.</p> + +<p>Durch diese sich täglich häufenden Erschwernisse der Geschäfte sehe ich +mich leider an der Ausführung meiner Lieblingsidee, schon in diesem +Frühjahr wieder zu Euch zurückzukehren, verhindert, und muß Dich jetzt +schon darauf vorbereiten, daß ich vor November an die Rückreise nach +Europa nicht werde denken können. — Deine Täuschung hierüber kann +nicht größer seyn, als die meinige! Aber — die <em class="gesperrt">Pflicht</em> gebeut, +und da müssen die <em class="gesperrt">Wünsche</em> schweigen; — sie waren sonst heute +lebhafter als je! Habe ich nöthig Dir zu sagen warum? Ich feierte +<em class="gesperrt">Deinen Geburtstag</em> still und einsam — aber in treuer inniger +Liebe!</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_11_Apr_1832">Mexico, den 11. +April 1832.</p> + +<p>Freue Dich mit mir, ich bin von den Krücken zum Stock avancirt und kann +und darf wieder ausgehen; auch habe ich es bereits benutzt und bin +auf dem Paseo (Promenade) den man Las Vigas nennt, gewesen. Hier ist +in dieser Jahrszeit die modische Zuflucht der <span class="antiqua">beau monde</span> von +Mexico, sie wechselt dreimal im Jahre, im <em class="gesperrt">sogenannten</em> Winter +(einen eigentlichen hat man hier nicht) ist es die Alameda; im Frühjahr +<span class="pagenum" id="Page_80">[S. 80]</span>ist’s der Paseo Las-Vigas, und im Sommer der eigentliche große Paseo. +Die Alameda habe ich Dir bereits beschrieben, und von Las-Vigas habe +ich nur zu sagen, daß es eine, etwa eine englische Meile lange, Allee +ist, welche längs des Canals von Chalco hinführt. Die angränzende +Gegend bietet, wie überhaupt die unmittelbare Umgebung von Mexico, +keine Naturschönheiten dar, man hat an beiden Seiten flaches Land, +ohne Baum- und Buschwerk. Der, von langen, breiten Böten oft stark +befahrene, Canal auf der einen Seite, und die zahlreichen Equipagen, +Reiter und Fußgänger auf dem Paseo selbst, geben der Scene aber doch +ein heiteres Leben; — die Böte auf dem Canal insbesondere gewähren +oft einen recht amüsanten Anblick, wenn sie, gefüllt mit Landleuten, +welche Blumen nach der Stadt bringen und nun auch ihre Häupter damit +bekränzen, einher fahren, oder wenn von der niedern Classe der Städter +Spazierfahrten auf dem Canal veranstaltet werden, bei welchen hier +und da, in den Böten, ein junges Paar einen National-Tanz nach der +Guitarre abhüpft und der Rest darüber herzlich lacht. — Solche +Volksvergnügungen sind aber hier zu Lande weit minder lärmend, als bei +uns; das liegt im Charakter der Mexicaner, der, so weit ich ihn habe +kennen lernen, ein <em class="gesperrt">stiller</em> und <em class="gesperrt">milder</em> ist.</p> + +<p>Der Baumwuchs auf diesem Paseo ist nicht so schön wie der in der +Alameda, aber die Berggruppen im Hintergrunde, mit den über alles +emporragenden Schneekuppeln der beiden Vulcane, geben der Aussicht hier +etwas eigenthümlich pittoreskes, wovon ich aber keine Beschreibung zu +unternehmen wage. — Du mußt Deine Einbildungskraft dabei zu Hülfe +nehmen!</p> + +<p>Eine andere Spazierfahrt, welche ich seit meiner Erlösung vom +Hausarrest gemacht habe, war nach Chapultepec und Tacubaya, ungefähr +eine deutsche Meile von der Stadt. —Ersteres <span class="pagenum" id="Page_81">[S. 81]</span>ist ein nördlich von +Mexico gelegenes Schloß, welches auf einem ziemlich hohen, aber einzeln +in der Ebene sich erhebenden, Felsen gebaut ist, und den ehemaligen +Vicekönigen zur Sommer-Residenz diente. Obgleich jetzt, wie die +meisten Monumente aus jener Zeit, im Verfall, nimmt es sich doch noch +immer sehr gut aus. An der einen Seite, am Fuß des Felsens, ist ein +<span class="antiqua">soit-disant</span> botanischer Garten angelegt, in halb maurischem, +halb altholländischem Style, terrassenförmig, mit engen Treppen und +schmalen Wegen, die mit blau und weißen Porcellanplatten belegt sind u. +dgl. m. Es ist aber alles in einem so vernachlässigten Zustande, daß +es jetzt sehr wenig Interesse mehr darbietet. An der andern Seite ist +ein ziemlich großer Raum, innerhalb der das Ganze umgebenden Mauer, +als Park ausgelegt, in welchem sich einige der schönsten Bäume und +namentlich der stärksten Cypressen befinden, die ich je gesehen habe; +eine, welche jetzt noch den Namen der Montezuma-Cypresse führt, und +also jetzt wohl 400 Jahre alt seyn muß, besteht aus drei Stämmen, die +an der Wurzel über der Erde nur <em class="gesperrt">einen</em> bilden, der Stamm hat hier +41 Fuß im Umfang! Der Baum ist sehr hoch und noch in voller Kraft; eine +andere ganz einstämmige Cypresse mißt 38 Fuß im Umfang! Durch diese +Baumgruppen bildet sich denn manches liebliche, Schatten gewährende +Plätzchen, an deren einem wir, im traulichen Cirkel mehrerer Freunde +und Freundinnen, ein recht gemüthliches Stündchen zubrachten. — Von +hier fuhren wir nach dem kleinen Flecken oder Städtchen Tacubaya, am +Fuß des hohen Gebirges, über welches der Weg nach Toluca und dem Norden +führt. In dem, abermals <span class="antiqua">Fonda francesa</span> benannten, Wirthshause +fanden und genossen wir ein gutes Frühstück und ergingen uns nachher +ein wenig mit den Damen in dem anstoßenden, mit Rosen gleichsam +überschütteten, Gärtchen, dessen Anlage übrigens wenig Geschmack +verrieth. <span class="pagenum" id="Page_82">[S. 82]</span>Unter Deiner Anleitung wäre, bei dieser Vegetation, etwas +ganz anderes daraus geworden.</p> + +<p>An dem einen Ende des Orts steht der erzbischöfliche Pallast, der +aber jetzt unbewohnt und mithin, wie bei solchen Gelegenheiten +immer, vernachlässigt und im Verfall ist. — Es ist sonst ein recht +stattliches Gebäude, liegt auf einer kleinen Anhöhe und hat von dem +Altane des Saals aus eine reizend schöne Aussicht auf die Stadt Mexico. +Der sehr große Garten dieses Pallastes ist übrigens, trotz dem, daß +hier ein Gärtner wohnt, der die Aufsicht darüber hat, eben so sehr +vernachlässigt wie das Gebäude. Es ist ein wahrer Jammer, da Unkraut +und Verfall zu sehen, wo mit geringer Sorgfalt ein kleines Eden +stehen könnte, ehedem vielleicht stand, wenigstens nach den damaligen +Begriffen von der Schönheit der Garten-Anlagen.</p> + +<p>Hier muß ich Dir doch eine Anekdote erzählen, die als Beleg der schon +mehrmals gerügten Spielsucht des mexicanischen Volks dienen kann. +Während wir nämlich im erzbischöflichen Garten waren, überfiel uns +ein ziemlich starker Regenschauer, wir flüchteten ins Haus und da +wir voraussahen, etwa eine Stunde warten zu müssen, ehe das Wetter +vorüberzöge, schlug einer aus der Gesellschaft vor, des Spaßes wegen, +eine Monte-Bank (das hier zu Lande übliche Hazardspiel) aufzulegen; wir +frugen den Gärtner, ob er Karten im Hause habe, und die fehlten auch +wirklich nicht. Als wir uns nun so die Zeit vertrieben und mit Realen +(dem achten Theil eines Peso oder Dollars) pointirten, kam der Gärtner, +der natürlich wußte, daß wir Karten spielten, mit Weib und Kindern, +(letztere wie gewöhnlich halb nackt) zu uns heraus und warf, <span class="antiqua">sans +façon</span> sich in die Gesellschaft drängend, einen Peso zum Einsatz +hin. Um den Mann nicht zu beleidigen hielten wir ihm denselben; als +er aber, nachdem er den Dollar verloren <span class="pagenum" id="Page_83">[S. 83]</span>hatte, eine Unze (Goldstück +von 16 Dollars Gehalt) auf den Tisch warf, gaben wir es ihm zurück +und verbaten uns seine Gesellschaft <span class="antiqua">in toto</span>, was er auch +weiter nicht übel zu nehmen schien, indem er mit Frau und Kind wieder +abtrollte, wahrscheinlich mit herzlicher Verachtung der <em class="gesperrt">Fremden</em> +(dies waren die meisten von uns), die nicht einmal den Muth hatten mit +seiner Unze in die Schranken zu treten!</p> + +<p>Das Wetter klärte sich sehr bald wieder auf und wir machten uns, theils +zu Pferde theils zu Wagen, auf den Rückweg nach der Stadt, wo wir, +zufrieden mit unserer heutigen Landparthie, gegen Abend wohlbehalten +anlangten.</p> + +<p>Der Weg von Chapultepec nach Mexico führt längs der großen und +wichtigen Wasserleitung, welche die Stadt mit dem schönsten, reinsten +Trinkwasser versorgt, und auch die vielen Springbrunnen in der Alameda +und auf dem großen Paseo mit dem nöthigen Wasser versieht. — Dieser +Aquaduct wird von dem Fuß der nahen Gebirge hergeleitet, ist sehr +solide gebaut, und hat über 900 stark gemauerte, breite Bogen, von +häufig 10 bis 12 Fuß Höhe, über welche das Wasser offen, d. h. ohne +Bedeckung, hinfließt und sich dann in der Stadt in Reservoirs ergießt, +woselbst es von einer eignen Classe von Indianern, die man Aquadores +nennt, in steinernen Krügen geschöpft und nach den Wohnhäusern gebracht +wird.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_24_Apr_1832">Mexico, den 24. +April 1832.</p> + +<p>Es geht mir zwar fortwährend besser mit meinem Fuß, aber doch langsamer +als ich gedacht und, noch vor Kurzem, gehofft hatte. Ich brauche nun +heiße Bäder, die zwar sehr angreifend sind, von denen ich aber doch +eine gute Wirkung verspüre. Man hat diese nämlich hier ganz in der +Nähe, etwa eine halbe deutsche Meile von der Stadt, und was das <span class="pagenum" id="Page_84">[S. 84]</span>Wasser +betrifft, in großer Vollkommenheit; es strömt aus heißer Quelle, +armdick, mit 42 Grad Reaumur Wärme in’s Bad und ist mithin anfänglich +abschreckend heiß, man gewöhnt sich jedoch bald daran und ich habe +es bereits so weit gebracht, daß ich die Strömung ¼ Stunde lang auf +den leidenden Theil des Fußes aushalten und eine ganze Stunde im Bade +verweilen kann. Die Empfindung, welche man gleich darauf beim Ausruhen, +auf der hölzernen Ruhebank schlummernd, fühlt, ist unbeschreiblich +angenehm und behaglich. Die Einrichtung der Badstuben ist übrigens +herzlich schlecht, d. h. verfallen und vernachlässigt; Tisch, Bank und +Ruhebett, alles vom gemeinsten Holz zusammengefügt; das Bad selbst +in Stein <em class="gesperrt">ausgemauert</em> und die Zellen klosterartig und dunkel! +Sicherlich haben Mönche den Bau dirigirt. Das Gebäude bildet ein +ziemlich großes Viereck und hat in der Mitte des Hofes eine Capelle. +Man nennt es Peñon, nach dem daranstoßenden Hügel dieses Namens, und +liegt hart an dem bekannten großen See Tescuco, dessen Ufer flach, +seicht und nichts weniger als schön sind. Er ist aber reich an kleinen +Fischen, von deren Fang und Verkauf in der Stadt sich eine Menge +Indianer ernähren, die ihre Wohnung in den Höhlen des besagten Hügels +haben. Ich bin in einer derselben gewesen, und werde das Bild, ich +darf sagen das <em class="gesperrt">gräßliche Bild</em>, welches ich hier sah, gewiß in +meinem Leben nicht vergessen. Die Höhle war zwar ziemlich geräumig +und der Eingang groß und offen, aber es waren auch nicht weniger als +15 Familien, aus mehr als 50 Individuen, vom Greis bis zum Säugling, +bestehend, darin gelagert, alle im Stande der Natur und beschäftigt, +den Bedürfnissen derselben in jeder Weise zu genügen. Hier und da +brannte ein Feuer, an welchem einige der rohesten Nahrungsmittel +bereitet wurden, auf welche die rundum liegenden Erwachsenen und Kinder +mit gierigem Heißhunger <span class="pagenum" id="Page_85">[S. 85]</span>zu warten schienen. Man konnte deutlich +bemerken, daß hier zwar ein Zusammenwohnen vieler Menschen, aber +keine Gemeinschaft der Güter stattfand. — Außer den kärglichsten +Nahrungsmitteln und einigen Fischernetzen war freilich auch nichts +vorhanden, was eine Gütergemeinschaft hätte bilden können, denn fast +Alle gingen ganz nackt und hatten auch nicht die mindeste Bekleidung +um und an sich, was bei der schmutz-kupferfarbigen Hautfarbe für ein +europäisches Auge kein sehr appetitlicher Anblick war. Alle schienen +jedoch, obgleich auf der untersten Stufe der menschlichen Bildung, +fröhlich und guter Dinge zu seyn. — Meine Erscheinung in der Höhle +brachte die ganze Masse in Bewegung; alle drängten auf mich ein, sich +etwas zu erbetteln, ich gab was ich bei mir hatte, es reichte aber +nicht aus und ich hatte viele Mühe, mir die schmutzigen Gestalten vom +Leibe zu halten und meinen Rückzug zu bewerkstelligen!</p> + +<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br> +*</p> + +<p>So wären wir denn nun schon bis zu den Ostertagen vorgerückt, die +ja auch bei Euch in die bessere Jahreszeit fallen und in so vieler +Hinsicht ein fröhliches Fest bilden. Hier begeht man dasselbe freilich +sehr verschieden. Am Donnerstage schon beginnt die kirchliche Feier +und von des Morgens 10 Uhr an darf, während zweimal 24 Stunden, weder +Wagen noch Pferd in den Straßen seyn, damit ja nichts die stille Feier +des Charfreitags unterbreche. An diesem Tage nun strömt Alles nach +den Kirchen, die Menge des Volks in denselben ist ungemein groß, und +es macht einen sehr seltsamen Eindruck, die Masse von halbnackten +Indianern, Léperos u. s. w., gleichzeitig neben den reich gekleideten +Herren und Damen, in dem Tempel auf den Knien liegen zu sehen. Am +Abend sind ganze Reihen von Buden und Hütten auf dem großen Platz +<span class="pagenum" id="Page_86">[S. 86]</span>vor der Cathedrale aufgeschlagen, die, mit vielem Reichthum von +Laubwerk und Blumen ausgeschmückt, sich bei der Beleuchtung zahlreicher +bunter Lampen, recht schön ausnehmen; sie werden von den mittleren +Volksclassen, zu ganzen Familien gemeinschaftlich, besucht, die es sich +dort, oft den ganzen Abend über, wohl seyn lassen, obgleich an diesem +Tage <em class="gesperrt">keine andere als kühlende Getränke, wie z. B. <em class="gesperrt">Limonade</em> +u. dgl. verabfolgt werden dürfen</em>. — Früher lustwandelten hier auch +die Damen in großem Staat; dies war aber diesmal nur sehr spärlich +der Fall. Ob das nun Folge der politischen Unruhen des Landes ist, +oder ob, wie einige wollen, der Gebrauch aus der Mode kommt, wage ich +nicht zu entscheiden! Am Sonnabend Morgen wird dann in der Cathedrale +die sogenannte Gloria mit schöner Kirchen-Musik begangen, worauf, mit +dem Schlage 10 Uhr, Lärm und Getöse in allen Straßen losbricht; die +Equipagen, als ob sie sich für den langen Stillstand entschädigen +wollten, stürzen hervor und galloppiren nach allen Richtungen der +Stadt, Feuerwerke werden losgebrannt und der arme <em class="gesperrt">Judas</em> muß, in +unzähligen Formen und Gestalten mitten in den Straßen aufgehängt, den +Feuertod erleiden, wobei denn die guten Bürger Mexicos nicht ermangeln, +hie und da, statt eines Judas, die unverkennbare Figur irgend eines +ihnen verhaßten Mannes im Amte, zu hängen und zu verbrennen. Ein +Pariser könnte hier auch ausrufen: <span class="antiqua">tout comme chez nous!</span> was +aber nicht <span class="antiqua">comme chez nous</span>, doch komisch genug ist, das ist +der Spaß, den sich die Léperos bei dieser Gelegenheit mit den Hunden +machen, die sie auf folgende Weise in die Luft schnellen. Je zwei +und zwei stellen sich an die Straßen-Ecken und legen ein Seil quer +über, welches sie mit solcher Geschicklichkeit anzuziehen verstehen, +daß kein Hund, sei er auch noch so schnell und behende, ungeschnellt +darüber wegkommt. Die Thiere scheinen dies zu ahnen <span class="pagenum" id="Page_87">[S. 87]</span>und flüchten unter +allgemeinem Geheul in die Häuser, bis die Zeit ihrer Quälerei vorüber +ist.</p> + +<p>Von dem Kirchenfeste auf Ostern schweige ich, denn es ist eben so +wie in andern katholischen Ländern, nur daß in beiden Ostertagen die +Paseos besonders elegant und stark besucht sind, versteht sich von +selbst. Am ersten Feiertage ward aber die Auffahrt durch eins jener +starken Gewitter auseinander gesprengt, die sich hier, in dieser +Jahrszeit, oft sehr schnell und unerwartet, einstellen und von heftigen +Regengüssen begleitet sind. Der Donner ist dabei lauter, als ich mich +je erinnere ihn in Europa gehört zu haben; ein Schlag insbesondere war +am vorigen Sonntag fast betäubend, und blieb auch nicht ohne betrübende +Folgen; einer der ersten Zollbeamten ward auf seinem Posten vom Blitz +erschlagen!</p> + +<p>Nun habe ich Dir wieder so viel und so vielerlei erzählt, daß ich fast +befürchte Dich damit zu ermüden; ich kann Dir aber nur von nur und +meinem Thun und Lassen sprechen, so lange ich keine Briefe von Dir +zu beantworten habe, und dies ist leider noch immer der Fall, denn +die Unterbrechung der Communication mit der Küste hält alle Briefe +von Europa, die wie die meinigen nach Vera-Cruz addressirt sind, +zurück. Wir haben schon mehrere Male das Gouvernement petitionirt, +doch bis jetzt ohne Erfolg. Noch gestern sprach ich darüber mit dem +Vice-Präsidenten (Bustamante) dem ich vorgestellt ward, und obgleich +er mir Hoffnung machte, daß das Gesetz, welches die Correspondenz mit +Vera-Cruz verbietet, bald zurückgenommen werden würde, so glaube ich +doch nicht daran; es hängt nicht einmal von ihm ab, sondern muß von dem +Congreß ausgehen, und dort sitzen gar viele eigensinnige Ultras. Der +Herr Präsident empfing mich übrigens sehr höflich und war artig genug, +mir zu sagen, “daß man in Mexico die Deutschen allen anderen Nationen +vorzöge, daß er sehr bedaure, <span class="pagenum" id="Page_88">[S. 88]</span>daß der würdige preußische Generalkonsul +(Geh. Rath Koppe) die Republik jetzt verlasse,” und mehreres andere, +worauf man bei meinen Erfahrungen keinen zu hohen Werth mehr legt.⁠<a id="FNanchor_9_9" href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a> +Bustamante ist ein Mann von 40 Jahren, von kurzer untersetzter +Statur und hierin, so wie in Wesen und Manieren, von Santa Anna sehr +verschieden, auch glaube ich nicht, daß er die zum Staats-Oberhaupte +erforderlichen Eigenschaften besitzt, obwohl er ein guter Soldat seyn +soll.</p> + +<p>Und nun genug für heute, ich sende Dir dies Schreiben durch einen +Freund, der uns morgen verläßt, um nach Europa zurückzukehren. — O +daß ich ihn begleiten und Dir das Körbchen, welches ich ihm für Dich +mitgebe, selbst überbringen könnte. Ich hoffe, es soll Dir Freude +machen, obwohl es keinen anderen Werth hat, als daß es ans einer +Cocusnuß verfertigt ist, die ich für Dich mit eigenen hohen Händen auf +der Insel Hayti vom Baume brach; den etwas plumpen silbernen Reif und +Henkel hat ein <em class="gesperrt">mexicanischer</em> Silberschmidt gemacht. Doch ich muß +endlich einmal schließen. Lebe wohl.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_89">[S. 89]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="Mexico_den_31_Mai_1832">Mexico, den 31. +Mai 1832.</p> + +<p>Ich kann ja wohl mein heutiges Schreiben mit keiner Dir lieberen +Nachricht anfangen, als damit, daß ich Dir sage, wie ich gestern +von einer Reise zurückgekehrt bin, auf welcher ich 5 bis 6 Tage +hintereinander, täglich 8 bis 10 Stunden, zu Pferde gesessen, und +daß ich mich trotz dem so wohl befinde, wie man es nur thun kann! Du +siehst also, daß mein Beinbruch als geheilt zu betrachten ist, und +daß Du Dir darüber weiter keine Sorge zu machen brauchst. Die kleine +Reise, von der ich rede, war übrigens sehr interessant, ich bin auf der +entgegengesetzten Route von Vera-Cruz abwärts in <span class="antiqua">Tierra caliente</span> +(heiße Zone) und <span class="antiqua">Tierra templada</span> (gemäßigte, aber doch wärmer, +als das Thal von Mexico) gewesen und habe manches Merkwürdige gesehen +und mich gut unterhalten. Wir kamen bis in die schauerliche Nähe des +ungeheuren Berges Popocatepetl! Aber auch hier dachte ich an Euch +und stellte Vergleiche an mit dem disseits und jenseits, die alle zu +Gunsten des Letzteren ausfielen!</p> + +<p>Ich lege Dir eine kleine Relation dieser Ausflucht bei und hoffe, +daß sie Dich amüsiren wird; was Dir darin allenfalls zu trocken und +geschäftlich erscheint, interessirt vielleicht einen oder den andern +von den Freunden, denen Du sie zu lesen giebst.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop2" id="P_S_vom_4_Jun_1832"><span class="antiqua">P. +S.</span> vom 4. Juni 1832.</p> + +<p>Sage Mathilden, daß ich so eben Abends 10 Uhr eine wunderschöne weiße +<em class="gesperrt">Nacht</em>-Cactusblume in unserm Gallerie-Gärtchen bewundert, und +mich an dem köstlichen Gewürzgeruch derselben gelabt habe. — Es ist +dieselbe Blume, welche ihre selige Mutter einst in London noch spät +in der Nacht abzeichnete, als wir aus der Oper zurückkamen und unser +freundlicher Nachbar, der Kunstgärtner, uns wissen ließ, daß der +<span class="antiqua">Cactus grandi florus</span> in seinem Treibhause blühe! — Du <span class="pagenum" id="Page_90">[S. 90]</span>wirst +Dich der Zeichnung gewiß noch erinnern. Die jetzt neben mir stehende +Blume hat aber den Vorzug vor jener in London, daß sie weit stärker +und wirklich ganz köstlich riecht. Die Blätter bilden, in dreifacher +Reihe, einen ganz offenen Stern und nur die über alle Maßen schönen +Staubfasern, weiß mit gelben Glöckchen, den Kelch! Die Pracht der +Cactus-Blüthen beschränkt sich aber nicht auf diese schöne nächtliche +Blume, sondern bietet am Tage eine große Mannigfaltigkeit dar, an +welchen die kleinen lieblichen Kolibri’s nicht wenig schwelgen. — +Vor einigen Tagen verirrte sich einer derselben in mein Zimmer, ich +fing ihn ein, um ihn in einen Käfig aufzubewahren, aber die flinken, +bienenartig umherschwärmenden, kleinen Honigsauger ertragen kein +Gefängniß, schon am zweiten Tage war das Thierchen todt! und es ergeht +allen so, die eingefangen werden.</p> + +<p>Nun denke Dir aber, zum Schluß, die höchst unangenehme Lage, in der +ich mich hinsichtlich Deiner Briefe befinde! Ich habe bis zu dieser +Stunde noch nichts Späteres von Dir erhalten, als Dein Schreiben vom +2. Januar. Hierbei kann mich in der That nur der Gedanke trösten, +daß Briefe von Dir an mich in Vera-Cruz liegen müssen, und daß ich +diese nunmehr — bei der Wendung, welche der Gang der politischen +Ereignisse in diesem Lande genommen hat — bald zu erhalten hoffen +darf. Die Belagerung von Vera-Cruz ist nämlich, wie voraus zu sehen +war, endlich aufgehoben worden. Die Krankheiten und Todesfälle unter +den Belagerern nahmen überhand und Calderon war genöthigt, nachdem er +Vera-Cruz wirklich während mehreren Tagen nutzlos beschossen hatte, +unverrichteter Sache wieder abzuziehen. — Santa Anna folgt ihm auf dem +Fuße, und soll nicht mehr weit von Jalapa stehen! Die Minister haben +abgedankt und wir wollen nun sehen was es weiter giebt.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_91">[S. 91]</span></p> + +<p>Hier ist übrigens alles fortwährend in tiefster Ruhe, nur ist es leider +der Handel auch! — Lebe wohl.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_1_1" href="#FNanchor_1_1" class="label">[1]</a> Die gewöhnliche Erkundigung, welche die sich auf der +hohen See begegnenden Schiffe von einander einziehen, indem, von allen +Berechnungen zur See, die der <em class="gesperrt">Länge</em> die unsicherste ist.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_2_2" href="#FNanchor_2_2" class="label">[2]</a> Theilweise hat sich leider diese Befürchtung verwirklicht, +und mehrere meiner Freunde, welche Mexico nur wenige Wochen nach mir +verließen, sind auf der kurzen Fahrt von Tampico nach New-Orleans im +April 1833, wie man allgemein glaubt, von Seeräubern genommen worden. +Man hat wenigstens nie wieder etwas von ihnen erfahren.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_3_3" href="#FNanchor_3_3" class="label">[3]</a> So genannt — von den Menschenopfern, welche die +Mexicaner, vor der spanischen Eroberung, dort ihren Götzen brachten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_4_4" href="#FNanchor_4_4" class="label">[4]</a> Nach Humboldt ist in den Monaten Mai bis October der +mittlere Thermometerstand in Vera-Cruz 27½°, in der Hauptstadt Mexico +nur 17° Reaumur.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_5_5" href="#FNanchor_5_5" class="label">[5]</a> Seitdem dieser Brief geschrieben wurde, ist der erwähnte +Fall wirklich eingetreten; — im J. 1833 nämlich erschien das schwarze +Erbrechen in Vera-Cruz stärker, als seit vielen Jahren, und ein von +Mexico nach Europa zurückkehrender Freund von mir, der es gewagt hatte, +im Monat Juni (wenige Monate später als ich) die Küste zu bereisen, +mußte den drei- oder viertägigen Aufenthalt in Vera-Cruz mit dem Leben +büßen; er nahm das unglückliche Vomito-Miasma in sich auf und starb +daran, auf der Reise nach Nordamerika, am Bord des Schiffes, den 8ten +Tag nach der Einschiffung.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_6_6" href="#FNanchor_6_6" class="label">[6]</a> Die Hauptvorwürfe, welche den Ministern gemacht +werden, sind: erstens, daß sie den vorigen Präsidenten Guerrero +auf verrätherische Weise hätten gefangen nehmen und erschießen +lassen; zweitens, daß sie, ohne dafür von dem Papst die Anerkennung +der Republik zu erlangen, Bischöfe von Rom angenommen hätten; +drittens, daß sie die Rückkehr der, durch ein Gesetz des Congresses, +landesverwiesenen Altspanier begünstigten, und, vereint mit diesen und +der Geistlichkeit, zu Gunsten des ehemaligen Mutterlandes intriguirten! +— (<span class="antiqua">Audiatur et altera pars!</span>)</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_7_7" href="#FNanchor_7_7" class="label">[7]</a> Also genannt, weil, <span class="antiqua">mirabile dictu</span>, die Engel die +Cathedrale erbauen halfen. Sie stiegen am Abend vom Himmel herab, und +fügten in der Nacht bis zum andern Morgen gerade so viele Arbeit dem +Bau der Kirche hinzu, als die Indianer den Tag über, unter Aufsicht der +spanischen Geistlichen, vollendet hatten.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_8_8" href="#FNanchor_8_8" class="label">[8]</a> Die Zeit des Abend-Gebets, welche nach Sonnenuntergang, +vom Thurm herab, durch Glocken-Anschlag angekündigt wird, wobei jeder +gute Katholik den Hut abnimmt und den Segen spricht.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_9_9" href="#FNanchor_9_9" class="label">[9]</a> Daß die Deutschen in Mexico und namentlich vom +mexicanischen Gouvernement vorzugsweise wohlgelitten sind, ist übrigens +nicht zu leugnen; die Engländer sind ihnen zu anmaßend, die Franzosen +zu lärmend, und den Nordamerikanern trauen sie nicht — und das mit +Recht, denn diese sind ihnen (in der Nähe von Texas) gefährliche +Nachbaren. — Einen Theil der Achtung, die wir Deutsche als Nation in +Mexico genießen, verdanken wir aber doch unstreitig unserm berühmten +Landsmanne Humboldt, der bei allen gebildeten Mexicanern im höchsten +Ansehen steht. Der Minister Alaman hat mir zu wiederholten Malen +versichert, daß ihnen die Werke des Hrn. v. Humboldt gleich nach der +Revolution von der größten Wichtigkeit und der einzige Leitfaden +gewesen wären, nach welchem die am Ruder stehenden Männer etwas Ordnung +in das Chaos der Verwaltung hatten bringen können.</p></div> +</div> + +<div class="section"> + +<h3 class="padtop1" id="Beilage_Sitio"><b><em class="gesperrt">Beilage.</em></b></h3> + +<p class="s4 center mbot1"><b>Ausflucht nach dem Eisenwerk Sitio, am Fuße des +Vulkans Popocatepetl, unweit des <em class="gesperrt">Plan de Amilpas</em> +gelegen.</b></p> + +</div> + + +<p>So viel Gold und Silber Mexico von jeher auch geliefert haben mag, so +mangelte ihm doch stets das wichtigste aller Metalle, das <em class="gesperrt">Eisen</em>, +und man war und ist bis zu dieser Stunde genöthigt, dasselbe von +Europa zu beziehen, und, hier oben in der Hauptstadt, mit 15, 16, ja +oft mit 20 Pesos und mehr den Centner zu bezahlen. Einem deutschen +Geologen⁠<a id="FNanchor_10_10" href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> war es vorbehalten die Entdeckung zu machen, daß nur +wenige Tagereisen von Mexico, und nicht weiter von Puebla (den beiden +wichtigsten Städten der Republik) in der Nähe des Popocatepetl, sehr +leicht flüssiger Eisenstein in großer Menge zu finden sei, dessen +innerer Gehalt die Güte des hier so hoch geschätzten biscayschen Eisens +noch übertrifft. Es gelang ihm nicht allein, einige einflußreiche +Mexicaner von der Wichtigkeit seiner Entdeckung zu überzeugen, und +ein äußerst vortheilhaftes Terrain in Gemeinschaft mit denselben zu +acquiriren, sondern auch den ihm befreundeten Minister Alaman, als Chef +der <span class="antiqua">Banco de Avio</span> (einer Staats-Anleihe-Bank zur Beförderung der +Industrie) zu vermögen, der Gesellschaft 40,000 Pesos, auf eine Reihe +von Jahren, zu dem in Mexico ganz <span class="pagenum" id="Page_92">[S. 92]</span>außerordentlich billigen Zinsfuß von +5 pCt. <span class="antiqua">pro Anno</span>, aus dem Fonds dieser Bank vorzuschießen.</p> + +<p>Hiermit hat nun die Gesellschaft den Bau eines <em class="gesperrt">Hochofens</em> zur +Schmelzung jenes Eisensteins begonnen und verspricht sich davon die +glänzendsten Resultate. Der Hochofen ist beinahe vollendet und das +ganze Werk weit genug vorgerückt, um es mit Fug und Recht zu einem +Gegenstande der Beschauung und näheren Beleuchtung zu machen. Wir +beschlossen daher, unserer fünf an der Zahl, eine Reise nach dem Sitio +zu unternehmen, und verfuhren dabei wie folgt. Wir mietheten eine der +amerikanischen Diligencen, um uns früh Morgens nach Chalco zu fahren, +wohin wir unsere Pferde Tags zuvor vorausgesandt hatten. Chalco, ein +ziemlich großes, freundliches und, durch den Verkehr auf dem bekannten +Canal, lebhaftes Städtchen, liegt schon außerhalb dem sogenannten Thale +von Mexico, hinter der ersten Bergkette, und mithin eine gute Strecke +vorwärts auf unserem Wege; — nachdem wir nun dort ein Frühstück +eingenommen hatten, setzten wir uns weiter in Marsch und bildeten einen +Zug von nicht weniger als 27 Pferden und Maulthieren! Du staunst wohl +über einen solchen Train bei nur 5 Caballeros, aber das ist hier zu +Lande keinesweges übertrieben und wird auch Dir nicht so erscheinen, +wenn Du bedenkst, daß man hier, wegen der schlechten Bewirthung auf dem +Lande, nicht allein seinen Diener bei sich haben, sondern auch Bett +und Lebensmittel mit sich führen muß, wenn es einem nur einigermaßen +erträglich gehen soll. Auch müssen, bei langen Tagereisen auf diesen +beschwerlichen Wegen, gewichtige Personen, wie z. B. <em class="gesperrt">nicht +ich</em>, wohl aber unser stattlicher Freund S., zwei Reitpferde oder +Maulthiere zum Wechseln haben! Da unsere Pferde alle frisch waren, +ritten wir desselben Tages noch 12 bis 14 Leguas weiter, nach dem an +Zucker-Plantagen (<span class="antiqua">haciendas</span>) so reichen, Plan <span class="pagenum" id="Page_93">[S. 93]</span>de Amilpas, 2000 +Fuß tiefer gelegen als Mexico. — Der natürlich stets abwärts gehende +Weg führte uns zuvörderst durch einen Wald von herrlichem Baumwuchse +und nächstdem am Eingang der Ebene, durch einige große, schöne +indianische Dörfer.</p> + +<p>In Totolapan, dem größten derselben, hätte ich gerne übernachtet, um +mehr davon zu sehen. — Es war äußerst freundlich und reinlich, hatte +einen großen Marktplatz und eine hübsche, mit schönen Bäumen und andern +Gewächsen umpflanzte Kirche. Da es aber noch zu früh am Tage war, +so mußten wir weiter. In einem andern Dorfe sahen wir einen guten, +alten Indianer, mit einer kleinen Geige, etwa einem Dutzend Kinder, +im Freien, Unterricht im Tanzen geben, wobei es sehr monoton herging. +Der Tanz bestand aus einem kurzen, trippelnden Hüpfen, und schien bloß +auf kirchliche Processionen berechnet zu seyn. Ich habe schon früher +bemerkt, daß die lautere Fröhlichkeit des Europäers dem mexicanischen +Indier nicht eigen ist. Da wir uns, wegen der vielen Landschluchten +(<span class="antiqua">Barancas</span>), die man auf den freien Feldern gar nicht eher +bemerkt, bis man davor steht, im Wege etwas geirrt hatten, so kamen wir +erst spät am Abend in unser Nachtquartier Ayacapistla, und fanden dort +wenig Trost; es war herzlich schlecht, sowohl das Essen und Trinken wie +die Schlafstelle, doch fehlte es nicht an Raum für unsere Pferde in dem +großen, eingemauerten, des Nachts verschlossenen Hofe.</p> + +<p>Am andern Morgen brachen wir früh auf und nachdem wir das Thal +durchschnitten hatten, ging unser Weg durch viele, oft sehr tiefe und +steile Barancas aufwärts dem Popocatepetl zu, und zeigte nach einigen +Stunden unsern forschenden Blicken, in nicht weiter Ferne, eine sich +recht malerisch ausnehmende Wasserleitung, auf hohen Pfeilern und +Bogen, nebst mehreren stattlichen Gebäuden! Dies war der Sitio, <span class="pagenum" id="Page_94">[S. 94]</span>wo +wir denn um die Mittagsstunde anlangten, und von dem, die dortigen +Werke dirigirenden Herrn M., einem Landsmanne von uns, sehr freundlich +aufgenommen und gut bewirthet wurden. — Wir fanden den Hoch-Ofen schon +über Zweidrittel fertig, die äußere Mauer ganz, und für den innern +Mantel wurden feuerfeste Steine behauen, die sich glücklicherweise ganz +in der Nähe des Sitio finden. — Die Wasserleitung führt dem Werke, +von einem nahe vorbeiströmenden Felsbache, eine so große Masse Wassers +zu, daß das Gebläse von 4 Hochöfen damit versorgt werden könnte; die +Urwälder des nur 8 Leguas von hier entfernten Popocatepetl’s liefern +die Holzkohlen, in unerschöpflichen Massen, zu sehr billigen Preisen, +und um alle diese Vortheile zu krönen, liegen die Eisenstein-Lager +so nahe, daß die Erze mit sehr geringen Kosten nach dem Schmelzofen +geschafft werden können. — Die Unternehmer schmeicheln sich, auf +diese Weise den Centner Eisen, sowohl nach Mexico wie nach Puebla, von +welchen Städten der Sitio gleich weit entfernt ist, zu 5 Pesos liefern +zu können. Sie mögen daher schon einen bedeutenden Nutzen nehmen, und +werden dem Hochlande dennoch weit wohlfeileres Eisen liefern, als es +bis jetzt von irgend woher hat beziehen können. Da sich der völlige +Ausbau des Hochofens noch einige Zeit verzögern dürfte, so sind kleine +Oefen errichtet worden, in welchen der Versuch der Eisen-Schmelzung +unverzüglich gemacht werden soll. — Gelingt er⁠<a id="FNanchor_11_11" href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a> und realisiren +sich die jetzt von der Sache gehegten <span class="pagenum" id="Page_95">[S. 95]</span>Hoffnungen, so ist der Vortheil +für das Land unberechenbar, denn der Mangel dieses wichtigsten aller +Metalle geht hier so weit, daß man die Kanonenkugeln, statt aus Eisen, +der <em class="gesperrt">Oeconomie</em> wegen aus <em class="gesperrt">Kupfer</em> gießt! — Ob man es aber +alsdann auch genügend erkennen wird, daß man diesen National-Gewinn +<em class="gesperrt">deutschem Geiste</em> und <em class="gesperrt">deutscher Betriebsamkeit</em> und +<em class="gesperrt">Ausdauer</em> verdankt? — Ich möchte es bezweifeln, denn man ist nun +einmal hier zu Lande dem Ausländer nicht sehr hold.</p> + +<p>Um nun wieder auf den Sitio zurückzukommen, so ist dessen Lage +äußerst romantisch. Auf der einen Seite der Vulkan, der fast die +ganze Gegend beschattet, auf der andern die sehr fruchtbaren Thäler +des Plan de Amilpas; in der Nähe mehrere reiche Haciendas, und das +große Dorf Zacualpan, von woher die Eisenwerke, deren Aufseher und +Mechaniker <em class="gesperrt">Deutsche</em> sind, mit gewöhnlichen Arbeitern versorgt +werden. — Ein anstoßender Teich, den der oben erwähnte Felsbach stets +gefüllt erhält, vollendet das wirklich schöne Bild dieser in ihrem +Ursprung <em class="gesperrt">ganz deutschen Anlage</em>. Hoch über derselben in der +Nähe der Wasserleitung fand ich auf den Feldern sehr vielen Obsidian, +(bekanntlich eine harte, schneidende, aber sehr spröde Lava-Verglasung) +dessen sich die Mexicaner vor der Eroberung, in Ermangelung des Eisens, +zu ihren Waffen sowohl, wie zu ihren Werkzeugen bedienten, und mit +welchen letztern sie Arbeiten in Stein ausführten, die uns jetzt, +bei so unvollkommenen Utensilien, unbegreiflich erscheinen. — Da es +auf dem Sitio am Tage sehr heiß ist, so gewährt der stark abwärts +<span class="pagenum" id="Page_96">[S. 96]</span>strömende Felsbach, durch die vielen Badestellen, die er bildet, oft +eine große Erquickung, die ich in jenen Tagen denn auch wahrhaft genoß. +— Die Nächte sind hier aber kalt, und da wir unsere Schlafstellen, +in einem noch unvollendeten Gebäude, fast unter freiem Himmel hatten, +so verursachte mir das eine tüchtige Erkältung; sie dauerte aber nur +so lange, bis wir in <span class="antiqua">Tierra caliente</span> ankamen, wo sie, noch ehe +die Sonne in der Mittagsstunde alle ihre Rechte ausgeübt hatte, völlig +weggeschwitzt war. Wir machten uns nämlich am frühen Morgen auf den +Weg, um eins der entfernteren, in <span class="antiqua">Tierra caliente</span> gelegenen +Eisen-Bergwerke zu besehen; wir kamen dabei durch ein sehr schönes, +großes Dorf, von ganz indianischem Zuschnitt. Der dortige Geistliche, +der uns gastfreundlich aufnahm, war ein unterrichteter Mann und hatte +eine recht hübsche Bibliothek, die er, <em class="gesperrt">so aufgeklärt</em>, vor dem +Abfall vom Mutterlande wohl nicht hätte besitzen dürfen! Ich fand +darin unter andern auch Humboldts Werke, in spanischer Uebersetzung, +und als ich ihm meine Freude darüber äußerte, daß er unsern großen +Landsmann kenne, versicherte er, daß er Niemanden höher schätze, +und daß <em class="gesperrt">er</em> es gewesen sei, der in dem ersten constituirenden +Congresse darauf angetragen habe, <em class="gesperrt">dem Baron Alexander v. Humboldt +das mexicanische Bürgerrecht zu decretiren</em>, was dann auch geschehen +sei!</p> + +<p>Von hier ging es nun weiter durch fruchtbare Felder und freundliche +Indianer-Dörfer, deren zahlreiche Bewohner fröhlich und guter Dinge, +und gegen uns freundlich und gefällig waren;⁠<a id="FNanchor_12_12" href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> die Hitze war sehr +groß und brachte, wie es <span class="pagenum" id="Page_97">[S. 97]</span>schien, alles zur Reife und ins Leben. Der +unzähligen, kriechenden und fliegenden Insecten nicht zu gedenken, +sahen wir unter andern Tausende von Eidechsen an den Seiten des +Weges und Myriaden von Heimchen, deren Zirpen so laut ward, daß es +die Conversation übertäubte; auf den Räumen Kolibris aller Art, auch +die schönen, ganz weißen, und unter andern eine Gattung Singvögel, +deren schrillen Gesang ich nicht allein nie vorher gehört hatte, +sondern auch mit keinem andern zu vergleichen wußte. Einer aus unserer +Gesellschaft bemerkte scherzend, daß er diese Töne dem Klange des +Zerschellens dünner Glasflaschen, die einen Steindamm hinabgerollt +würden, ähnlich fände, und so seltsam es auch klingen mag, wir fanden, +daß er nicht ganz Unrecht hatte; wir nannten den Sänger nun den +<em class="gesperrt">Bouteillen-Vogel</em>, und so oft ich ihn nachher wieder gehört habe, +erschien mir der Vergleich stets ein sehr passender.</p> + +<p>Wir kamen jetzt nach einer Zucker-Hacienda, deren Eigenthümer uns +sehr zuvorkommend aufnahm, und uns ein gutes Frühstück bereiten ließ. +Das Wohnhaus war geräumig und in seiner inneren Einrichtung den +climatischen Verhältnissen angepaßt. Die Capelle (welche gesetzlich +auf jeder Hacienda seyn <em class="gesperrt">muß</em>) war klein. Wir besahen nunmehr die +Zuckerfabrication, wobei für mich das Interessanteste war, daß überall +nur <em class="gesperrt">freie Arbeiter</em> zu sehen waren, und daß es mithin sich als +<em class="gesperrt">unwahr</em> ergiebt, wenn die Nordamerikaner der <span class="pagenum" id="Page_98">[S. 98]</span>der südlichen +Provinzen und die englisch-, spanisch-und französisch-westindischen +Pflanzer behaupten, der Anbau der sogenannten Colonial-Producte, +und namentlich die Zucker-Fabrication, <em class="gesperrt">könne nicht ohne Sclaven +betrieben werden</em>! — <em class="gesperrt">Mexico</em> liefert den praktischen und +faktischen Beweis des Gegentheils. Hier ist z. B. eine Zucker-Plantage, +die jährlich ungefähr Eine Million Pfund Zucker in Broden durch freie +Arbeiter liefert, und es sind solcher Anlagen in diesen und anderen +Gegenden der Republik <em class="gesperrt">noch viele</em>; nicht nur hinlänglich, um +dem großen Bedarf an Zucker für die eigene Bevölkerung zu genügen, +sondern auch von den Häfen San Blas und Acapulco aus, nach Chile +große Quantitäten davon auszuführen, ohne daß von Sclaven-Arbeit +die Rede seyn <em class="gesperrt">dürfte</em>. Denn was auch sonst die Fehler der +<em class="gesperrt">mexicanischen</em> Constitution seyn mögen, in <em class="gesperrt">einem</em> Stücke +ist sie der gepriesenen <em class="gesperrt">nordamerikanischen</em> weit überlegen, +nämlich darin, <em class="gesperrt">daß sie die Menschenrechte ehrt — und keine +Sclaverei duldet</em>! Es that meinem Herzen wohl, zu sehen, wie die +Arbeiter auf jener Hacienda (es war grade Zahltag) nach Hunderten als +<em class="gesperrt">freie</em> Menschen abgelöhnt wurden, — und ich sagte mir: was in +diesem Lande möglich ist, ist es auch in andern, und es <em class="gesperrt">muß</em> +daher auch in Westindien und in Nordamerika dahin kommen, daß der +Sclave zum freien Tagelöhner wird.</p> + +<p>Das Zuckerrohr gewährt auf dem Felde, durch seinen blätterreichen, +üppigen Wuchs, einen schönen Anblick; wenn hinlänglich reif, wird es +abgehauen, auf kleinen Karren nach der Hacienda gefahren und in die +Mühle gebracht, woselbst drei aufrecht stehende Cylinder von Kupfer +das Rohr fassen und ihm einen Saft auspressen, der von da aus in große +Kessel läuft, wo er gekocht, geschäumt und in kegelförmige, irdene +Formen gegossen wird, in denen sich der Zucker krystallisirt. <span class="pagenum" id="Page_99">[S. 99]</span>So kommt +er zum Verkauf und eine weitere Raffinirung findet in Mexico nicht +Statt. — Der hiesige Zucker ist übrigens sehr stark von Korn und sehr +süß.</p> + +<p>Die von der Hacienda nicht weit entfernten <em class="gesperrt">Eisen-Bergwerke</em> +boten als Merkwürdigkeit nur den auf den ersten Blick in die Augen +springenden Beweis dar, daß sie unerschöpflich sind, was das Erstaunen, +daß sie so lange unbeachtet geblieben, nur erhöhen kann. — Einer +der Aufseher, ein Deutscher, hatte sich am Fuß des Berges, in der +Nähe schattiger Bäume und eines rieselnden Baches, eine aus zwei +Abtheilungen bestehende Hütte erbaut, deren Wände nur von Rohr waren, +in welcher er sich aber sehr behaglich zu fühlen versicherte; seine +Flinte brauchte er, trotz der isolirten Lage seiner Wohnung, nicht als +Vertheidigungs-Waffe, sondern bloß zur Jagd. Die Temperatur ist hier +äußerst angenehm, gemäßigt und gesund. — Der Rückweg führte uns wieder +durch einige freundliche Dörfer, wo wir die Bewohner in friedlichen und +fröhlichen Gruppen den schönen Abend genießen sahen. Die Weiber saßen +dabei vor den Thüren, und beschäftigten sich mit häuslichen Arbeiten, +besonders mit Nähen, was die Mexicanerinnen viel und fleißig treiben.</p> + +<p>Wir kamen erst spät am Abend auf den Sitio zurück, und traten schon +den nächsten Morgen unsere Rückreise nach Mexico an. Um diese etwas zu +variiren, hielten wir uns mehr in der Nähe des Gebirges, und sahen auf +diesem Wege manche fruchtbare Gegend und manches schöne, volkreiche +Dorf, mit stattlicher Kirche, die hier nie und nirgends fehlt. Zu dem +größten Flecken gelangten wir am zweiten Tage des Morgens, es war +Sonntag und, wie hier zu Lande üblich, deshalb <em class="gesperrt">Markttag</em>, der, +sehr stark besucht, eine äußerst lebendige Scene darbot. Mais, Früchte +und Blumen aller Art, Baumwollen-Gewebe der eigenen Fabrication und +Nürnberger <span class="pagenum" id="Page_100">[S. 100]</span>Spiegel, — kurz <em class="gesperrt">Alles</em>, selbst das heterogenste, +ward zum Verkaufe ausgeboten, und die Verkäufer, Landleute aus der +Umgegend, meist weiblichen Geschlechts, von allen Farben-Abstufungen +und eben nicht schön zu nennen. Der Marktplatz war sehr groß, wie +ich ihn denn überhaupt in allen Städten, Dörfern und Flecken, durch +die ich in diesem Lande gekommen bin, gefunden habe. — Es mangelt +eben hier noch nicht an Platz, und man findet deshalb überall breite +Straßen, große Plätze und weitläuftige Anlagen, was der Gesundheit im +Allgemeinen gewiß sehr zuträglich ist.</p> + +<p>Wir erreichten nun, auf unserer fortgesetzten Rückreise, Chalco, bei +guter Zeit am Nachmittage, und mietheten uns dort, um den andern Morgen +ganz früh in Mexico seyn zu können, ein Nachtboot aus dem Canale. +Die Pferde ließen wir uns nachbringen, fuhren des Abends um 7 Uhr +von Chalco ab und kamen, langsam genug, den nächsten Morgen um 8 Uhr +in Mexico an! — Der Canal führt durch viel Moor- und Sumpfland, mit +hohem Schilf bewachsen und von unzähligen, geschwätzigen Wasservögeln +bewohnt, aber er führt auch bei der Annäherung an Mexico an mehreren +hübschen Dörfern und den viel besprochenen, <em class="gesperrt">schwimmenden Gärten</em> +vorbei. Diese letzteren sind übrigens, was sie auch früher gewesen +seyn mögen, <em class="gesperrt">jetzt nicht schwimmend</em>, sondern große, viereckige, +den Sümpfen gleichsam abgewonnene Stücke Landes, von Wasser umgeben +und durch kleine Zugbrücken unter einander und mit dem übrigen Lande +in Verbindung gesetzt, wie man sie in Holland gleichfalls häufig +antrifft. In kleinen darauf angebrachten Hütten wohnen Indianer, welche +in dem durch die Feuchtigkeit sehr fruchtbaren Boden, Gemüse und +Blumen ziehen, und auf dem Canal nach Mexico zum Verkauf bringen. Die +natürliche Beweglichkeit solcher Erdstücke im sumpfigen Boden mag wohl +die erste Veranlassung zu der <span class="pagenum" id="Page_101">[S. 101]</span>allzu feenartig klingenden Benennung von +“<em class="gesperrt">schwimmenden Gärten</em>” gegeben haben!</p> + +<p>Der Canal geht durch mitunter enge Straßen, wo viele Gärber wohnen und +ihr nicht sonderlich wohlriechendes Gewerbe treiben, bis in die Mitte +der Stadt, woselbst wir landeten und so unsere Ausflucht nach dem Sitio +beendigten.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_17_Jun_1832">Mexico, den 17. +Juni 1832.</p> + +<p>“<em class="gesperrt">Pfingsten</em>, das liebliche Fest war gekommen!”</p> + +<p>Auch hier ist’s ein fröhliches Fest und wird überall auf dem Lande +und im Freien begangen. — Wie es in andern Theilen der Republik +gefeiert wird, weiß ich nicht, aber in der Hauptstadt zieht, wer es +nur einigermaßen kann, auf Pfingsten hinaus nach <em class="gesperrt">St. Augustin</em>, +einem hübschen Landstädtchen, etwa 2 Meilen von hier am südwestlichen +Gebirge. Die Gegend ist dort weit schöner und fruchtbarer als um Mexico +herum, und auch gewiß gesünder, da der Boden höher gelegen und nicht +sumpfig ist. Aus diesem Grunde ist es wohl zu beklagen, daß Cortes +seinen ursprünglichen Plan nicht ausgeführt hat, das neue Mexico, — +statt theils an die Seite, theils an die Stelle der alten Stadt, — da +zu erbauen, wo jetzt <em class="gesperrt">St. Augustin</em> steht. Begreiflicher ist, daß +in neuerer Zeit die Idee, St. Augustin zur Föderativ-Stadt zu machen, +und den Sitz des Congresses dahin zu verlegen, nicht durchging, denn +Mexico hat jetzt, als Mittelpunkt der Republik, zu viele Resourcen, +welche der Regierung unentbehrlich sind. St. Augustin ist somit ein +kleines, aber wie gesagt ein freundliches Landstädtchen geblieben, mit +vielen hübschen Häusern und Gärten und schöner Umgebung; — und dahin +zieht alle Welt auf Pfingsten, um den dortigen Volksfesten beizuwohnen. +Hahnen-Gefechte, Buden aller Art, Messe auf dem Marktplatz, <span class="pagenum" id="Page_102">[S. 102]</span>Tanz +am Tage im Freien und <span class="antiqua">bal paré</span> am Abend, alles ist dort zu +sehen und zu finden, und das ganze Fest in der That ein schönes und +heiteres zu nennen. — Aber, aber, — ist nicht der alleinige Magnet, +der in diesen Tagen die zahlreiche Menge zu Wagen, zu Pferd und zu +Fuß von Mexico nach St. Augustin zieht! Es ist die <em class="gesperrt">Spielsucht</em>, +vielleicht mehr als alles andere, denn dieser wird nirgends und +zu keiner Zeit ein größeres Feld gegeben, als gerade hier. — Die +Regierung beobachtet nämlich das äußere Decorum hinsichtlich des +Spiels, wenigstens in so weit, daß sie die Hazardspiele verbietet, und +deren Oeffentlichkeit, namentlich in der Hauptstadt, nicht duldet. Die +nichts desto weniger gekannten und stark besuchten Monte-Banken werden +in Mexico nur heimlich aufgelegt. Zu Pfingsten aber hat St. Augustin +ein Privilegium, (gleich wie unsere in dieser Hinsicht berüchtigten +Bade-Orte den ganzen Sommer über) während fünf Tagen öffentlich Bank +auflegen zu dürfen, und Du kannst denken, daß dies nicht unbenutzt +bleibt. In nicht weniger als 20 verschiedenen Häusern wird zu St. +Augustin auf Pfingsten Monte-Bank gehalten, in 15 derselben nur mit +Gold pointirt, in den übrigen mit Gold und Silber.</p> + +<p>Um Dir einen Begriff von der hiesigen Spielwuth zu geben, darf ich Dir +nur bemerken, daß diese Banken, welche ihr eigentliches Etablissement +alle in der Hauptstadt haben, bei dieser Gelegenheit, das Silber +ungerechnet, nicht weniger als 58000 Stück Doublonen oder Unzen (also +einen Werth von beinahe 1½ Millionen preußischer Thaler in Gold +allein) hinausgeschleppt und in St. Augustin auf den grünen Teppigen +aufgelegt haben! Gold steigt in dieser Zeit zu einem Agio von 5 bis 7½ +vom Hundert, denn es wird nicht nur für die Banken, sondern auch von +den Mitspielern, an denen es in diesen Tagen natürlich hier weniger +als je mangelt, gesucht <span class="pagenum" id="Page_103">[S. 103]</span>und aufgekauft. Wie viel die Mitspieler +davon hinbrachten, läßt sich nicht berechnen; eher vielleicht, was +die <em class="gesperrt">meisten</em> derselben wieder mit <em class="gesperrt">zurücknahmen</em>; denn +das wird nicht viel gewesen seyn! Nur von Wenigen hörte ich, daß sie +glücklich gespielt hätten! <em class="gesperrt">Eine</em> Bank ist freilich gesprengt +worden und hat 3000 Unzen verloren, aber die meisten prosperirten, +obgleich Monte anerkanntermaßen dasjenige Hazardspiel ist, welches die +Bank am wenigsten begünstigt! — Ich versuche es nicht, Dir ein Bild +von der Leidenschaftlichkeit zu entwerfen, mit welcher gespielt ward, +oder den Ausdruck zu beschreiben, der sich bei den Wechselfällen des +Glücks auf den verschiedenen, männlichen und weiblichen Gesichtern +(auch hier spielt, wie bei uns, das schöne Geschlecht mit) kund gab! +— Es übersteigt die Kraft meines Pinsels, und Du liest es anderswo +besser. Aber <em class="gesperrt">eine</em> Merkwürdigkeit ans diesen Scenen muß ich +Dir doch noch berichten. An einer der Goldbanken nämlich sah ich, in +einiger Entfernung vom Tische, nahe am Eingang des Zimmers, einen Mann +stehen, der mit gespannter Aufmerksamkeit zusah und fortwährend etwas +anzumerken schien! Auf mein Befragen erfuhr ich, daß es der Comte de +*** sei, der stets mitspiele, aber nie pointire, sondern dem Spiel aus +der Ferne in Gedanken folge, und nachher an die Casse gehe, um dort +abzurechnen, wo man ihn denn eben so oft große Summen habe zahlen als +empfangen sehen! Von einem ähnlichen Vertrauen zwischen Banquier und +Pointier habe ich in Europa nicht gehört.</p> + +<p>Doch genug vom Hazardspiel, und nun zu dem, wie man sonst die +Festtage hinbrachte! — Daß diese mit der Messe (<span class="antiqua">Misa</span>) und +einer Procession in den Kirchen anfingen, versteht sich von selbst. +Hierauf besucht man wohl den Markt, wo das Volk sich den ganzen +Tag über aufhält, und am Abend in noch größerer Menge sich mit +Trinken und Spielen <span class="pagenum" id="Page_104">[S. 104]</span>erlustigt. Die Hahnengefechte, welche bei den +Mexicanern im Allgemeinen sehr beliebt sind, gehören hier zu den +Vormittags-Vergnügungen, und werden in einem recht hübschen, runden +Local gegeben, woselbst Sitze und Logen amphitheatralisch für die +Zuschauer angebracht sind, welche aber hier nicht so zahlreich, +wenn auch eben so gemischt waren, wie bei den Stiergefechten. Der +Vice-Präsident Bustamante kam auf kurze Zeit in eine der Logen, mit +einem seiner Adjutanten, ohne daß jedoch irgend eine Notiz von ihm +genommen ward. Wie wäre dies aber auch von einem Publicum zu erwarten, +welches einem Hahnengefechte zusieht? Nimm des unsterblichen Hogarths +Kupferstiche zur Hand und Du wirst es besser sehen und begreifen, als +ich es Dir zu schildern vermag, wie dieser scheinbar unbedeutende Kampf +die Aufmerksamkeit, ja die Leidenschaften aller Umstehenden erregt und +fesselt! — und auch dies ist ja hier <span class="antiqua">tout comme chez nous</span>! — +Die mexicanischen Kampfhähne sind übrigens groß, stark und hochbeinig, +und der Sieger macht jedesmal, mit Hülfe der scharfen, langen, +stählernen Bewaffnung am Sporn, mit seinem Gegner kurzen Proceß.</p> + +<p>Die Wetten waren diesmal nicht so hoch und allgemein, wie wohl bei +andern Gelegenheiten, was dem Umstande zuzuschreiben seyn mag, daß die +größten Spieler bereits an der Monte-Bank saßen.</p> + +<p>Nach einem frühen, nicht sehr delicaten, aber desto theurern +Mittagessen an <span class="antiqua">Table d’hôte</span> (man zahlt für’s Essen und eine +Flasche französischen Weins 4 bis 5 Pesos) ging oder fuhr man nach +dem schönen Calvario-Berg, wo sich viel Volks und viel <span class="antiqua">beau +monde</span>, mitunter sehr reich in französischem Geschmack gekleidete +Damen, auf dem schönen grünen Rasen, über welchen hin und wieder +Matten ausgebreitet waren, gelagert hatte, und sich theils an der +schönen Natur und <span class="pagenum" id="Page_105">[S. 105]</span>einer reizenden Aussicht, bei dem herrlichsten +Wetter, ergötzte, theils sich, bei guter militärischer Musik, mit +Tanzen erlustigte. Auch hier erschien Bustamante in dunkelgrüner +Husaren-Uniform, aber auch hier ging er überall unbemerkt vorüber, und +nur selten ward hier und da ein Hut vor ihm gezogen. Er schien mir +durchaus nicht die öffentliche Achtung zu genießen, welche nach meinen +Begriffen der ersten Magistrats-Person eines Landes gebührt. —</p> + +<p>Da, wie schon öfter bemerkt, unter diesem Himmelsstrich die Nacht +früh und schnell hereinbricht, so dauerte dies ländliche Vergnügen +hier nicht so lange, als es in dieser Jahrszeit wohl bei uns der Fall +gewesen seyn würde, und Jedermann zog sich bei Zeiten zurück nach dem +Städtchen, die Einen um sich wieder an den Spieltisch zu setzen, die +Andern um für den Ball Toilette zu machen. — Mittlerweile will ich +Dich noch ein wenig weiter den Berg hinanführen, und Dir dort eine +optische Täuschung zeigen, die Dich überraschen wird, — nämlich nichts +mehr und nichts weniger als einen <em class="gesperrt">bergauf strömenden Bach</em>. Diese +Täuschung beruht ja wohl auf demselben Princip wie jene, die uns eine +Haide als See erscheinen macht; sie ist aber in der That so groß, daß +man Mühe hat, wenn auch noch so nahe stehend und dem Bache folgend, +sich vom Gegentheil zu überzeugen!</p> + +<p>Für den <span class="antiqua">bal paré</span> am Abend ward das Local des Hahnengefechts +recht hübsch und sinnreich eingerichtet; ein schön meublirtes +Eintritts-Zimmer für die Damen an der einen, und gute Restauration an +der andern Seite; und in der Arena, wo am Morgen die Hähne gekämpft +hatten, waren jetzt große schöne Teppige ausgebreitet und so ein +recht geräumiger Tanzplatz geschaffen, um welchen herum, außer den +schon früher erwähnten Logen, drei Reihen von Stühlen und Bänken +angebracht waren, um die schönen Tänzerinnen in der <span class="pagenum" id="Page_106">[S. 106]</span>Nähe bewundern +zu können. Diese ermangelten denn nicht, am Abend zwischen 9 und 10 +Uhr, unter dem Schutz ihrer respectiven Familien (von den ersten +Mexicos) sich einzustellen, und ich muß gestehen, daß sich die nunmehr +hier versammelte Gesellschaft, bei der guten Beleuchtung durch schöne +Lüstres und Lampen, recht brillant ausnahm. Der Anzug der Damen war +geschmackvoll und reich, und der Tanz — Quadrillen und Ecossaisen — +ward mit sehr viel Decenz, sehr viel Grazie, und nur in einem etwas +allzulangsamen Takt, bei guter militärischer Musik, aufgeführt. Der +Ball würde einer jeden großen Stadt in Europa Ehre gemacht haben, und +nur die Zuschauer waren hier etwas mehr <em class="gesperrt">abwärts</em> gemischt, als +sie es bei einer ähnlichen Gelegenheit wohl bei uns gewesen seyn würden.</p> + +<p>Wir hielten aus bis Mitternacht, ließen die Fröhlichen auch dann noch +“<span class="antiqua">on the light fantastic toe</span>,” und fuhren bei schönem Mondschein +nach Mexico zurück, wo ich mich heute gesund und wohl befinde, aber +ungeduldig im höchsten Grade, wieder einmal von Dir zu hören. Lebe wohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Jalapa_den_25_Jun_1832">Jalapa, den 25. +Juni 1832.</p> + +<p>Du staunst ja wohl, mich mit einemmale wieder in diesem freundlichen +Städtchen zu sehen? Dies hängt aber folgendermaßen zusammen! — +Kaum war mein letztes Schreiben vom 17ten ans Mexico abgegangen, +als wir die Nachricht erhielten, daß zwischen Santa Anna und den +Gouvernements-Truppen in der Nähe dieser Stadt ein Waffenstillstand +abgeschlossen sei. Hierdurch eröffnete sich uns die Aussicht, +wenigstens von hier aus mit Vera-Cruz communiciren, und Briefe u. s. w. +von daher erhalten zu können. Ich zögerte keinen Augenblick mit der +Hierherreise, um nichts unversucht <span class="pagenum" id="Page_107">[S. 107]</span>zu lassen, diesem peinigenden +Zustande der Unterbrechung meiner Correspondenz endlich einmal ein Ende +zu machen, und hier bin ich nun seit einigen Tagen; ich habe bereits +einen Expressen nach Vera-Cruz gesandt und bin in stündlicher Erwartung +seiner Rückkehr — mit vielen, vielen Briefschaften — auch von Dir. +Mittlerweile setze ich mich hin, Dir ein paar Worte über die herrlichen +Spaziergänge zu sagen, die ich gestern und heute in dieser bezaubernden +Gegend gemacht habe. War es schon schön, als ich im vorigen Januar +hier durchkam, so ist es jetzt, in dieser Sommer-Jahrszeit, über +alle Beschreibung reizend. Nirgends in der Welt habe ich noch den +aromatischen Duft der Vegetation so genossen wie hier, wo die Natur +im höchsten Grade üppig ist und wo sich die heiße und die gemäßigte +Zone auf eine wunderbar eigenthümliche Weise vereinigen! — Ich war +heute in einem großen Garten, wo die Zuckerstaude und der Caffeebaum +neben dem braunen Kohl blühen, der bei uns nur im Winter, und gleichsam +unterm Schnee, zur Vollkommenheit reift; wo deutscher Thymian⁠<a id="FNanchor_13_13" href="#Footnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> +neben Artischoken, die Melone neben der gemeinen Zwiebel wächst, +und der Apfelbaum neben der palmenartigen Bannana steht. Ich könnte +diese Gegensätze in der Vegetation, wie Kürbisse neben den saftigsten +Melonen, neun Fuß hoher Mais neben üppigem Weizen, die fremdartigsten +Cactus-Pflanzen neben der deutschen Nelke, Rosenbäume von ungemeiner +Größe, Fülle und Verschiedenheit u. s. w. noch ins Unendliche +fortführen, und sollte besonders die schönen Orangenbäume, welche hier +wild wachsen, und die wohlduftenden, lilienartigen Liquidambar-Stauden +<span class="pagenum" id="Page_108">[S. 108]</span>nicht unerwähnt lassen; doch mag es an dem Gesagten genügen und der +Rest Deiner Einbildungskraft überlassen bleiben. — Regnete es in +Jalapa nicht fast <em class="gesperrt">täglich</em> am Nachmittage (es liegt, wie schon +gesagt, gleichsam in der Wolken-Region) so wäre es ein Paradies und +man dürfte mit Recht Göthe’s Lied: “dahin, dahin will ich mit Dir, o +Du Geliebte! ziehn,” darauf anwenden. Die Feuchtigkeit, welche in der +Regenzeit allerdings hier so groß ist, daß sowohl die Kleidungsstücke +wie die Betten nicht ganz frei davon bleiben, ist jedoch keineswegs +der Gesundheit nachtheilig, indem jeder schädliche Einfluß desselben +durch eine, die ganze Atmosphäre durchströmende, wohlthätige Wärme +neutralisirt wird. Jeder Morgen bringt einen schönen heitern +Sonnenschein und am Mittage ist’s heiß; auch fehlt es an schönen +Abenden nicht, die man zu Spaziergängen benutzen kann, obgleich die +frühe Nacht sie, gegen die unsrigen in Europa, sehr abkürzt. — Die +schönen Abende Europa’s, die uns so oft bis 10 Uhr im Freien halten, +kennt man hier nicht.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Den_26">Den 26sten.</p> + +<p>Der Expresse ist zurück und bringt mir eine Masse von Briefen, die +sich während der Belagerung in Vera-Cruz dort angehäuft hatten; ich +habe deren nun von allen Freunden in Europa erhalten und besitze die +Deinigen bis zum 16. März. Ich versuche es nicht Dir meine Freude zu +schildern! — Gott lob! daß Ihr alle wohl waret! — Könnte ich meinem +Gefühle folgen, ich ginge jetzt gleich nach Vera-Cruz, schiffte mich +ein und eilte zu Euch, Ihr Lieben, zurück! — aber das kann und darf +ich nicht; ich muß leider noch einige Zeit hier aushalten, und das +Ende der Revolution abwarten, um so mehr als es nun nicht mehr ferne +zu seyn scheint, und hoffentlich durch die Unterhandlungen, welche +jetzt unverzüglich in Puente stattfinden sollen, herbeigeführt werden +wird. — Santa <span class="pagenum" id="Page_109">[S. 109]</span>Anna war nämlich, nachdem die Belagerung von Vera-Cruz +aufgehoben und er durch Truppen-Abtheilungen von seinem Verbündeten +in Tampico, dem General Moctezuma, verstärkt worden, ausmarschirt und +dem General Calderon, der sich hieher zurückgezogen hatte, gefolgt. — +Er hatte Puente, wo noch einige Gouvernements-Truppen zur Benützung +eines Lazareths lagen, umgangen, und stand mit einem Male diesseits +Encero! Die beiden Generäle, Calderon und Facio, welcher letztere, +nachdem er als Kriegs-Minister abgedankt, hierher gesandt ward, um das +Commando zu übernehmen, rückten nun mit etwa 1600 Mann (mehr waren +nicht disponibel, der Rest in den Lazarethen) Santa Anna entgegen, +dessen Corps übrigens auch nicht stärker, oder wie wir, mit unsern +Begriffen von Armeen in Europa sagen würden, <em class="gesperrt">eben so schwach</em> +war! Beide Partheien stoßen nicht weit von hier auf einander und +machten Anstalt zur Schlacht; man erwartete eine entscheidende, statt +dessen aber ward unterhandelt, und, ohne daß ein Schuß fiel, ein +Waffenstillstand abgeschlossen. Die Gouvernements-Partei hier war +darüber sehr entrüstet und warf Calderon und Facio vor, daß sie sich +von Santa Anna, der sich in einer sehr mißlichen Lage befunden, hätten +überlisten lassen u. s. w.; wenn man aber bedenkt, daß das, mehrere 100 +Kranke enthaltende, Lazareth in Puente durch Santa Anna abgeschnitten +und von allen Lebensmitteln so entblößt war, daß schon wenige Stunden +nach Abschluß des Waffenstillstandes ein Transport dahin abgefertigt +werden mußte, daß ferner der wichtige Paß von Puente an Santa Anna +übergeben und die Demarcations-Linie hierher verlegt worden ist, so muß +man nothgedrungen glauben, daß nicht sowohl die Lage des Generals Santa +Anna, als die der Regierungs-Truppen eine mißliche gewesen seyn müsse! +Dem sei aber wie ihm wolle, der Waffenstillstand ist abgeschlossen, +und es sollen <span class="pagenum" id="Page_110">[S. 110]</span>sofort Unterhandlungen in Puente angeknüpft werden; von +Seite Santa Anna’s durch ihn selbst und einige seiner Generäle, und +von Seite der Regierung durch den früheren Präsidenten, Vittoria (den +Veteranen der Republik) und Camacho, den Gouverneur des Staats. — Man +hofft, daß dem Lande Friede daraus entspringen werde, die Wahl der +Regierungs-Unterhändler deutet wenigstens darauf hin, und so will ich +denn vor der Hand auch an diesem Glauben festhalten und Dir in meinem +Nächsten mehr darüber berichten. — Adieu.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Jalapa_den_9_Jul_1832">Jalapa, den 9. +Juli 1832.</p> + +<p>Seit ich Dir zuletzt geschrieben, es war am 26. Juni, haben sich die +Aussichten zum Frieden wieder sehr getrübt! In Vera-Cruz hat nämlich +ein neues “<span class="antiqua">pronunciamento</span>” statt gefunden, welches die Sache +mehr als je verwickelt. Die dortige heroische Garnison (heroisch +nennen sich, nach spanischer Sitte, hier alle Garnisonen, Armeecorps, +ja Festungen und Städte, die etwa einmal eine Belagerung ausgehalten +haben, <span class="antiqua">par excellence</span>,) hat sich nämlich jetzt zu Gunsten +des Präsidenten <em class="gesperrt">Pedraza</em> erklärt; d. h. sie verlangt, daß +derselbe, welcher sich dermalen im Exil befindet und zu Philadelphia +aufhält, zurückberufen und, bis zum Ablauf der gesetzlichen Frist +seiner Präsidentur, mithin bis zum April des nächsten Jahrs, an die +Spitze der Regierung gestellt werden soll. — Dies zu fordern ist +nunmehr Santa Anna von seinen Truppen instruirt falls er es nicht, +wie wahrscheinlich, selbst veranlaßt hat, und kommt nun jedenfalls +zur Conferenz nach Puente mit Propositionen, auf welche das +Gouvernement nicht eingehen wird, ja nicht eingehen <em class="gesperrt">kann</em>, ohne +geradezu abzudanken. Was ist also nun leider anders zu erwarten, als +fortgesetzte Feindseligkeiten, deren Ende, bei der Langsamkeit, womit +in diesem Lande <span class="pagenum" id="Page_111">[S. 111]</span>alles geschieht, und die nichts zur Entscheidung +kommen läßt, gar nicht abzusehen ist! Nach meiner Meinung ist übrigens +in der jetzigen Proposition der Vera-Cruzaner Partei das einzige +Mittel zu finden, den gordischen Knoten zu zerhauen; denn ohne die +Dazwischenkunft eines Dritten, wie z. B. Pedraza, der ein kluger und +gemäßigter Mann seyn soll, sehe ich gar nicht ein, wie der Streit +zwischen den, gleich starken oder gleich schwachen Chefs, Bustamante +und Santa Anna, geschlichtet werden kann!</p> + +<p>General Vittoria ist mittlerweile von seinem Landsitz (im Süden dieses +Staats) hier angekommen, und will in einigen Tagen mit Camacho nach +Puente zur Conferenz abgehen; er hat gestern Revue über die hiesigen +Gouvernements-Truppen gehalten; es waren, von allen Waffengattungen und +bei einer unmäßigen Anzahl von Officieren, 1500 an der Zahl! mit Musik +für eben so viele Tausende, damit es an kriegerischem Getöse nicht +fehle! Und dies ist die ganze Kraft, welche die Regierung auf einem +so wichtigen Punkte, und in einem so kritischen Momente conzentriren +kann, während die Republik nicht weniger als 11 Divisions-Generale und +18 Brigade-Generale besoldet, und für das Kriegs-Departement überhaupt +nicht weniger als 16 Millionen Pesos (24 Millionen preußische Thaler) +im jährlichen Budget aufführt!! dies ist denn doch noch ärger als +<span class="antiqua">chez nous</span>; doch lassen wir das! Wenn nur die Unterhandlung in +Puente den Frieden des Landes herbeiführt, so will ich mich mit allem +Uebrigen schon zufrieden geben.</p> + +<p>Mittlerweile suche ich mich hier so gut zu amusiren wie ich kann, und +gehe viel spazieren. Die besuchteste Promenade und diejenige, wo man +die meiste <span class="antiqua">beau monde</span> antrifft, ist jetzt der neue Weg nach +Cordova, zu welchem, nahe bei der Stadt, eine hübsche Brücke über +einen kleinen Wasserfall führt! <span class="pagenum" id="Page_112">[S. 112]</span>Alles mit Geschmack und kunstgerecht +angelegt. Es ist erfreulich, zu sehen, daß, selbst in diesen unruhigen +Zeiten, hier doch auch einiges dieser Art geschieht; freilich bleibt in +der Hinsicht noch unendlich viel zu thun übrig, aber es wird auch gewiß +viel geschehen, wenn einmal das Land zur Ruhe gekommen ist. Auf dem +eben erwähnten Spaziergang kommt man, etwa eine Meile von der Stadt, an +eine Meierei (nach dem spanischen <span class="antiqua">leche</span>, Milch, <span class="antiqua">lecheria</span> +genannt), wo man sehr gute Milch von allen Arten, wie bei uns, bekommen +kann, was ich mir, bei meiner großen Vorliebe für dieses Getränk, denn +sehr zu Nutze mache. Es wird hier viel Rindvieh gehalten, und für den +Gebrauch der Stadt viel Milch gewonnen; aber die Euter der Kühe sind +hier unverhältnißmäßig kleiner als in Europa, und man scheint sich auf +das Melken schlecht zu verstehen, denn die Kühe müssen, wie es scheint, +jedesmal erst durch das Kalb angesaugt werden, ehe die Milch in Fluß +kommt!</p> + +<p>Ein anderer Spaziergang führte mich heute an einer Natur-Scene +vorüber, die ich früher noch nirgends gesehen habe, nämlich an einen +“<em class="gesperrt">Spinnen-Staaten-Bund</em>,” von ungeheurer Größe! Das Gewebe dehnte +sich zwischen zwei Bäumen aus, und nahm einen Raum von wenigstens 15 +Quadrat-Fuß ein! In demselben haus’ten aber mehr als 12 verschiedene +Spinnen-Republiken, die alle abgesondert ihr Wesen für sich zu treiben +schienen und ihre Gränzen gegen einander so scharf bewachten, daß es +oft zu heftigen Gefechten zwischen ihnen kam! Und doch muß das Ganze +ein gemeinschaftliches Werk gewesen seyn, denn die Bäume standen weit +auseinander und das Netz war dennoch zusammenhängend! Die Abtheilungen +in dem großen Gewebe waren von sehr ungleicher Größe, und die Gattungen +der Spinnen eben so sehr von einander verschieden. Ich habe wie gesagt, +nie etwas Aehnliches gesehen. Bei den Abend-Promenaden, die mitunter +an den vielen <span class="pagenum" id="Page_113">[S. 113]</span>Wasserströmungen dieser Stadt vorbeiführen, an welchen +eine Menge hübscher und häßlicher Wäscherinnen im Freien, wie hier +üblich, ihr munteres Gewerbe treiben, werden wir denn auch oft durch +die wirklich gute Militair-Musik der hier liegenden <em class="gesperrt">Armee</em> +erfreut, und an Sonn- und Festtagen, an welchen letzteren hier zu +Lande kein Mangel ist, läßt sie sich auch bei der Hochmesse in der +Cathedrale hören. Diese Kirche ist nun zwar weder sehr schön noch reich +ausgeschmückt, hat aber die Eigenthümlichkeit, daß sie, wie fast ganz +Jalapa, an einem Hügel angebaut ist, und selbst in ihrem Hauptgange zum +Chor bergauf geht, so daß der am Ende stehende <em class="gesperrt">Hoch</em>altar diese +Benennung im wahren Sinne des Worts verdient.</p> + +<p>Damit es nun aber an nichts mangele, was Jalapa zur Stadt stempelt, +so hat man auch ein Theater hier, was jedoch so unter aller Critik +schlecht ist, daß es darin nur von der Erbärmlichkeit der jetzt hier +spielenden, herumziehenden Bande übertroffen wird! Ich sah gestern zu +meinem Jammer Othello, nach Shakespeare bearbeitet, und ein sogenanntes +Ballet, und habe daran mehr als genug für die ganze Zeit meines +hiesigen Aufenthalts. Das Vergnügen muß man in Jalapa nicht im Theater, +sondern in der reizend schönen Natur seiner Umgebungen suchen! dann und +nur dann wird man sich nicht getäuscht finden. Adieu für heute.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Jalapa_den_24_Jul_1832">Jalapa, den 24. +Juli 1832.</p> + +<p>Meines Bleibens ist hier nicht länger, und ich reise morgen nach +Mexico zurück. Die Friedens-Unterhandlungen in Puente sind leider +abgebrochen, und die Feindseligkeiten haben bereits wieder begonnen. +Santa Anna aber, anstatt auf hier zu kommen, hat Cordova und Orizaba +besetzt, und will <span class="pagenum" id="Page_114">[S. 114]</span>von dort aus nach Puebla vordringen, wodurch die +Verbindung zwischen hier und Mexico abgeschnitten wäre, was mir +natürlich schlecht zusagen würde; ich eile daher nach der Hauptstadt +zurück, indem ich nicht zu denen gehöre, die daran glauben, daß Facio, +der gen Orizaba aufgebrochen ist, den General Santa Anna schlagen, +fangen und hangen werde! Die Herren von der Gouvernements-Partei nehmen +den Mund etwas zu voll, und lassen ihrem Gegner kein gutes Haar. Nach +ihnen wäre der Held, der noch vor wenig Jahren, durch seine rasche +Entschlossenheit und die kühnsten Märsche durch unwegsame Wälder +und Gebirge, die Spanier, welche unter Baradas in Tampico gelandet +waren, besiegt und vertrieben hatte, und dem dafür unter andern auf +dem hiesigen Marktplatze eine Ehren-Säule errichtet ward, <em class="gesperrt">die +noch steht</em>! dieser nämliche Santa Anna, sage ich, wäre jetzt, +nach ihnen, ein Poltron, ein unbedeutender Mensch, ohne alles Genie +und ohne Kenntnisse!! Mit solchen Großsprechereien gewinnt man aber +keine Schlachten, und der <em class="gesperrt">Anfang</em> der Feindseligkeiten ist denn +auch bereits gegen die Regierungs-Partei ausgefallen; es war zwar nur +ein Vorposten-Gefecht, indessen verlor dabei doch der Obrist Merino, +ein geschickter Ingenieur-Officier, mit dem ich noch ehegestern +frühstückte, sein Leben. Hieraus kannst Du denn auch abnehmen, wie nahe +von hier die Parteien sich gegenüber stehen, und daß es Zeit für mich +ist aufzubrechen, wenn ich Mexico noch erreichen will.</p> + +<p>Gestern ward meine Vermittlung beim Gouverneur auf eine unerwartete +Weise in Anspruch genommen! Man hielt mich nämlich für den preußischen +Consul, und brachte daher einen Indianer zu mir, der eine schriftliche +Autorisation von allen Fremden in Vera-Cruz bei sich führte, den +Mörder eines unserer Landsleute auszuforschen und zur Haft zu +bringen, wofür ihm eine angemessene Belohnung versprochen war. Dieser +<span class="pagenum" id="Page_115">[S. 115]</span>Mann behauptete nun den Delinquenten hier in Jalapa ausgefunden +zu haben und bat, ich möchte dessen Verhaftung bewirken! Dies fand +denn auch keine Schwierigkeit, Camacho und alle übrige Authoritäten +bezeigten im Gegentheil die größte Bereitwilligkeit, den Thäter zur +Verantwortung zu ziehen, und auf meine Anerkennung der schriftlichen +Beweisstücke, welche der Indianer vorzeigte, ward die Gefangennehmung +des bezeichneten Individuums sofort verfügt; leider aber wurde dasselbe +nur <em class="gesperrt">vorläufig auf die Wache</em> gebracht, um den nächsten Morgen +verhört zu werden. In der Nacht entfloh der Mann, und bestärkte dadurch +den Verdacht, daß er wirklich der gesuchte Mörder gewesen; es ist daher +wohl Schade, daß er seinen verdienten Lohn nicht davon getragen hat. +Mit dieser Mordthat verhält es sich aber folgendermaaßen. Ein Herr +W., einer unserer geachteten Landsleute in Vera-Cruz, dessen Associé +gerade auf Reisen in Nordamerika war, hatte allen übrigen Hausgenossen +Erlaubniß gegeben, in den Pfingstfeiertagen aufs Land zu gehen und +war dergestalt ganz allein zu Hause, wo er grade eine starke Casse +hatte. Seinem Domestiken blieb dies natürlich nicht verborgen, und +dieser, von der Begierde nach Geld gereizt, war niederträchtig genug, +mit einem andern die Verabredung zum Diebstahl zu treffen. Herr W. kam +unglücklicher Weise dazu, ehe die That vollendet war, und ward nun, +wahrscheinlich aus Furcht vor Entdeckung, von dem entfliehenden Dieb +ermordet! Ein politischer oder fanatischer Grund war dabei durchaus +nicht vorhanden. So schrecklich dieser Vorfall auch ist, so läßt sich +doch nicht läugnen, daß wir Aehnliches auch bei uns erlebt haben, und +schon die allgemeine Entrüstung über diese That liefert den Beweis, daß +es auch hier zu Lande eine seltene ist.</p> + +<p>Der Staat von Vera-Cruz zeichnet sich namentlich dadurch aus, daß +äußerst selten Mordthaten und größere Räubereien <span class="pagenum" id="Page_116">[S. 116]</span>in demselben begangen +werden; man erinnert sich z. B. nicht, daß so etwas auf dem Wege von +hier nach Vera-Cruz vorgefallen wäre, was man von dem zwischen hier und +der Hauptstadt, den ich morgen wieder antreten soll, leider nicht sagen +kann. Ich hoffe indessen, ihn auch diesmal ohne Unfall zurückzulegen +und Dir bald wieder von Mexico aus schreiben zu können. Lebe wohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_13_Aug_1832">Mexico, den 13. +August 1832.</p> + +<p>Ich bin nun seit ein paar Wochen wieder hier, und habe die Reise von +Jalapa hierher ohne Unfall gemacht, kann Dir von derselben aber auch +nichts weiter berichten, als etwa, daß wir uns in Perote, bei dem +warmen Wetter, an köstlicher gefrorner Sane labten, die hier in den +Straßen zum Verkauf ausgeboten wird, und deshalb so allgemein ist, +weil täglich durch die Indianer viel Eis angebracht wird, welches +sie von der Schneekuppe des nahen Orizabas auf ihrem Rücken nach der +Stadt schleppen. Ich muß bei dieser Gelegenheit doch auch einmal des +ganz eigenthümlichen Ganges der Indianer, oder eingebornen Mexicaner, +Erwähnung thun; sie <em class="gesperrt">gehen</em> nämlich nicht, wie bei uns die +Landleute, sondern <em class="gesperrt">laufen</em> stets in einem kleinen Trabe, der +sie ungemein schnell vorwärts bringt; der <em class="gesperrt">Mann</em> zieht alsdann, +halb nackt und barfuß wie sie alle sind, mit einem langen Stab oder +Sprungstock voran, nun folgt das <em class="gesperrt">Weib</em>, mit einem Paar, auf +dem Rücken und nach vorne aufgepackten, eben so nackten Kindern, und +endlich die schon herangewachsene liebe Jugend, so daß stets eine +ganze Familie beisammen ist. Sie tragen dann in Körben auf dem Rücken, +was sie zum Verkauf nach der Stadt bringen, betrinken sich dort für +einen Theil des gelöseten Geldes, und kehren <span class="pagenum" id="Page_117">[S. 117]</span>dann, so gut es in +diesem Zustande gehen will, gegen Abend wieder nach Hause zurück. +Dies Schauspiel sehen wir denn hier in der Hauptstadt täglich, da +der Markt durch die Indianer von allen Seiten her reichlich versorgt +wird, wobei ich aber zur Steuer der Wahrheit hinzufügen muß, daß +die Landleute nicht grade alle betrunken wieder abziehen! Immerhin +bleiben aber doch diese Indianer eine ganz eigene Race von Menschen, +die sich nur schwer und langsam, wenn überhaupt je, zu dem Grade von +Cultur und Erkenntniß, auf welchem z. B. unsere Landbewohner stehen, +werden erheben lassen, und selbst der dreihundertjährigen, spanischen +Zwing-Priester-Herrschaft ist es nicht gelungen, den Götzendienst unter +ihnen ganz zu vertilgen, ja, man mußte ihnen, wie es scheint, einen +Theil ihrer heidnischen Gebräuche lassen, um sie nur in der Hauptsache +zu der katholischen Kirche heran zu ziehen. Ich sah davon gestern ein +merkwürdiges Beispiel in St. Angel, einem kleinen Städtchen unweit +hier, wo ein großes Kirchenfest gefeiert ward, dem ich mit einigen +Freunden beiwohnte. Die Procession war die größte, die ich hier im +Lande gesehen habe, aber zwischen jedem Heiligen, der, umgeben von +katholischen Geistlichen, getragen ward, (und es waren deren, von der +heiligen <em class="gesperrt">Mutter Gottes</em> an, bis zum ungläubigen <em class="gesperrt">Thomas</em> +herab, in der That nicht wenige) kam stets eine Gruppe Indianer, die, +mit pferdeartigen Götzenbildern auf dem Kopf, einen heidnischen Tanz, +mit fast unglaublicher Muskelkraft in den Beinen, aufführten, und, +mit nach der Erde gerichtetem Murmeln und dem Durchschneiden der Luft +mit langen Messern, dem Vizlipuzli die alten Opfer und Beschwörungen +darbrachten. Die Procession hielt jedesmal stille, bis diese +heidnischen Priester mit ihren Ceremonien fertig waren, und doch stand +der ganze Zug <em class="gesperrt">unter der Leitung römisch-katholischer Geistlichen und +ging von einem christlichen <span class="pagenum" id="Page_118">[S. 118]</span>Tempel aus und kehrte dahin zurück</em>!! +Wahrlich, ich konnte kaum meinen Augen trauen, und weit weniger +wunderte mich der mir verbürgte Umstand, daß die Indianer noch immer, +alljährliche, nächtliche Zusammenkünfte haben, wo sie, in seltsamer +Vermummung, an Orten, die noch kein Europäer ausgeforscht hat, ihren +alten Götzen opfern sollen; dort thun sie es aber unter sich, allein +und verstohlen, und nicht, wie hier, unter der Aufsicht und Anleitung +einer christlichen Geistlichkeit.</p> + +<p>Das Fest in St. Angel ward übrigens mit großem Pomp gefeiert, und +zeichnete sich besonders durch die Menge und Pracht seiner überaus +künstlichen <em class="gesperrt">Feuerwerke</em> aus, die bei der großen Hitze einer +tropischen August-Sonne <em class="gesperrt">am hohen Mittag</em> abgebrannt wurden, +sich aber, was Dir fast unglaublich erscheinen wird, dennoch sehr +gut ausnahmen. Ich hatte es auch nicht für möglich gehalten, daß die +Wirkung eines Feuerwerks im Sonnenschein, eine schöne seyn könnte, +dennoch habe ich es so gefunden! Sie verstehen sich aber auch hier +ganz vortrefflich auf Feuerwerke, und die Indianer bereiten sie mit +Kunst und Präcision. Uebung macht eben überall den Meister, und, da +kein Kirchenfest ohne Feuerwerk und Raketen gefeiert wird, und, bei der +großen Anzahl von Kirchen und Capellen (es sind deren in der Hauptstadt +allein über 300) fast kein Tag vergeht, wo nicht so ein Fest zu feiern +wäre, so ist es kein Wunder, daß die Indianer darin eingeübt sind. Es +scheint mir, daß die Spanier den Mexicanern die Furcht vor dem, ihnen +früher so verderblichen, Schießpulver dadurch zu benehmen gesucht +haben, daß sie dessen Gebrauch bei ihren religiösen Festen einführten, +und so die Indianer damit vertraut machten. Man will behaupten, daß +in Mexico weit mehr Pulver bei den Kirchenfesten verbraucht wird, +als in allen Militair-Uebungen und Gefechten zusammengenommen. Ein +solches Kirchenfest <span class="pagenum" id="Page_119">[S. 119]</span>kündigt sich schon des Morgens um 4 Uhr mit dem +Abbrennen von Raketen und Feuerwerken in den Straßen an, und dauert bis +am Abend, wo es mit Feuerwerken und Illuminationen endet, während im +Innern der Kirchen, beim Scheine zahlloser Wachskerzen, Messe gelesen +wird. Die Tempel sind alsdann von Menschen aller Classen gefüllt, und +daß es dabei auch an Taschendieben nicht fehlt, kann ich Dir leider +aus Erfahrung versichern. Ich habe das Glück gehabt, daß mir weder +in London noch in Paris, je etwas aus den Taschen entwendet worden +ist, aber <em class="gesperrt">hier</em> habe ich bereits eine Menge seidner Tücher +eingebüßt, die mir theils in den Kirchen, theils auf der Promenade +mit unglaublicher Geschicklichkeit von diesen gelehrigen Abkömmlingen +Montezumas aus der Tasche practisirt worden sind! Sogar ein Opernglas +haben sie mir neulich bei den Augustinern aus der Rocktasche geholt; +ich sah es, als ich mich umdrehte, im Halbdunkel des Kirchengangs, von +einem zum andern fliegen, damit der mir zunächst stehende Lépero, den +ich gleichsam auf der That ergriff, mit destomehr Effronterie behaupten +konnte, er habe es nicht gethan, und man solle ihn nur immerhin +visitiren, man werde nichts finden! Allerdings wäre dies denn auch +eine überflüssige Mühe gewesen; mein Opernglas war fort, und ich sah +es nie wieder. Glücklicher in dieser Hinsicht war vor einigen Tagen +ein Freund von mir, der, als er von der Promenade zurück kam, seinen +Voltaire, in welchem er gelesen, in die Tasche gesteckt, aber kaum +die erste Straße der Stadt zurück gelegt hatte, als er gewahrte, daß +ihm das Buch gestohlen war; sein Weg führte ihn an der Boutique eines +ihm befreundeten Buchhändlers vorbei, bei dem er einsprach und ihm +sein Leid klagte. Es dauerte aber nicht lange, so kam einer der mehr +erwähnten, kupferfarbigen Naturmenschen und bot ein Buch zum Verkauf +an. Mein Freund erkannte sofort seine Henriade, und erstand sie <span class="pagenum" id="Page_120">[S. 120]</span>mit +Freuden um den billigen Preis von 2 Reales. Er zog dies dem Festhalten +und polizeilichen Verfahren gegen den Indianer vor, und hatte recht, +denn er würde außer dem Zeitverluste wahrscheinlich ein Bedeutendes +mehr als 2 Reales für Gerichtskosten haben zahlen müssen, ja vielleicht +gar in Strafe verfallen seyn, daß er den Unschuldigen angehalten habe, +denn wahrscheinlich war es der eigentliche Dieb nicht, der das Buch zum +Verkauf anbot.</p> + +<p class="mtop2">Da ich oben doch von Festen geredet habe, so will ich auch noch eines +anderen gedenken, welches wir in diesen Tagen begangen haben. Zwar +still und unter uns, weder mit geistlichem noch weltlichem Pomp, +aber um desto angenehmer und vergnügter; ich meine nämlich das Fest +unseres guten Königs, am 3. August! Wir luden dazu einen kleinen Kreis +von deutschen Landsleuten (versteht sich den preußischen Consul oben +an), und ließen den in allen Welttheilen verehrten, gerechten und +gütigen Monarchen hoch leben, unter dessen weiser Regierung sich 12 +Millionen Deutscher, in dieser bewegten Zeit, einer fast beispiellosen, +glücklichen Ruhe, Zufriedenheit und <em class="gesperrt">bürgerlichen Freiheit</em> +erfreuen.</p> + +<p class="mtop2">Welch ein Gegensatz zu dem Zustande der Dinge in diesem gelobten +Lande, wo sich Religions- und Bürgerkrieg täglich mehr verbreitet! Das +braucht Dich jedoch, in Bezug aus mich, weiter nicht zu beunruhigen, +denn so etwas läuft hier alles weit ruhiger ab, als bei uns, indem der +Charakter des Volks im Allgemeinen ein milder und phlegmatischer ist. +Die wichtigsten Ereignisse gehen ganz ruhig an uns vorüber, und die +<span class="antiqua">Paseos</span>, <span class="antiqua">torros</span> (Stiergefechte) und Theater werden, nach +wie vor, besucht! Auf die Geschäfte aber hat es einen gar üblen Einfluß +und ich hätte es, in <em class="gesperrt">der</em> Beziehung, mit meiner Reise nicht +leicht schlechter treffen können.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_121">[S. 121]</span></p> + +<p>In meinem Nächsten will ich Dir wieder einmal die, leider zur +Tagesordnung gehörige, Politik recapituliren; für heute muß ich +schließen. Ich umarme Dich.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_30_Aug_1832">Mexico, den 30. +August 1832.</p> + +<p>Ich versprach Dir in meinem Letzten einen Bericht über die jetzige +politische Lage dieses Landes, und will Dir heute um so mehr Wort +halten, als in der letzten Zeit doch gar manches vorgefallen ist, +was uns einer Entscheidung näher bringen muß, und was in den magern +Correspondenz-Artikeln, welche die deutschen Zeitungen über Mexico +enthalten, doch nur sehr unvollständig seyn dürfte.</p> + +<p>Ehe ich aber zur Politik übergehe, muß ich Dir ein paar Worte über +einen Gegenstand sagen, der Dich hoffentlich noch mehr interessirt, +nämlich über mein Befinden; und da freut es mich denn, Dir wiederholt +die Versicherung geben zu können, daß es fortwährend ein gutes und +erwünschtes ist. Mein Fuß ist so viel besser, daß ich beinahe die +Erinnerung an den Unfall verloren habe, und, statt der <em class="gesperrt">heißen</em> +Bäder, jetzt nur noch die <em class="gesperrt">warmen</em> gebrauche, deren man hier in +der Stadt, in zweckmäßigen und reinlichen Anstalten, sehr gute hat. Bei +dem letzten heißen Bade, welches ich in Peñon nahm, hatte ich übrigens +keinen kleinen Schreck, durch den folgenden Vorfall mit unserm guten, +81 jährigen Freund S. — Dieser, noch immer kräftige und lebendige, +Greis bestand darauf, mich in’s Bad zu begleiten, und fand sich in +demselben, trotz der 42° Reaumur Hitze, so behaglich, daß er eine +Cigarre dabei anzündete und noch in dem Bade sitzen blieb, als ich +schon heraus, und auf der hölzernen Ruhe-Bank halb eingeschlummert war. +Nach einiger Zeit hörte ich aber ein seltsames Geräusch, ein <span class="pagenum" id="Page_122">[S. 122]</span>Sprudeln +in dem Wasser mit dem Munde u. s. w.; erschrocken sprang ich auf, und +— denke Dir mein Entsetzen — sah den alten Mann, den Kopf unter dem +Wasser und nur noch mit der Oberfläche des Rückens sich nach oben +drängend. Er mußte im Bade eingeschlafen und umgefallen seyn. Zum Glück +war mein Bedienter im Nebenzimmer, mit dessen Hülfe es denn gelang, den +alten Herrn aus dem Wasser zu ziehen, auf die Bank zu legen, und ihn +in’s Leben zurückzurufen; er schien aber sehr schwach und konnte nicht +sprechen; ich ließ ihn nun reiben und auf alle Weise erwärmen, warf +mich selbst aber in die Kleider und fuhr <span class="antiqua">pleine carriere</span> nach +der Stadt, um den Arzt zu holen. Glücklicherweise fand ich denselben zu +Hause, und eilte mit ihm zurück, in großem Zweifel, ob wir den Alten +noch am Leben finden würden. Aber wir hatten uns in der Lebenskraft +dieses merkwürdigen Greises geirrt; wir fanden ihn, völlig angekleidet, +mit einem Glase Madeira in der Hand, uns bewillkommend und versichernd, +daß ihm gar nichts fehle, als etwa ein gutes Frühstück! Und er befindet +sich auch heute noch vollkommen wohl! Wo ist aber, frage ich nun, der +zweite 80jährige Greis, der, gute 10 Minuten in heißem Wasser gesotten, +mit dem Leben davon kommt? — Ich möchte wenigstens an mir die Probe +nicht machen, trotz dem daß ich noch keine 80 zähle.</p> + +<p>Nun aber auch zur Politik! — Wie ich Dir neulich schon sagte, so +greift die Revolution immer mehr um sich. Acapulco und der ganze Süden +haben sich nun auch gegen die Regierung pronuncirt, und der bekannte +Alvarez ist mit 600 Mann in jenem Hafen eingerückt, und hat die +Gouvernements-Besatzung daraus vertrieben. Auch Saltilla in Texas hat +sich pronuncirt; nach dem St. Louis Potosi, gedrängt durch Moctezuma +und den Staat von Zaccatecas, ein Gleiches thun mußte; dergestalt, daß +das dermalige Gouvernement sich bald auf die Föderativ-<em class="gesperrt">Stadt</em> +<span class="pagenum" id="Page_123">[S. 123]</span>eingeengt sehen wird. Alle <span class="antiqua">pronunciamentos</span> werden übrigens +jetzt zu Gunsten Pedrazas gemacht, den man von allen Seiten zurück +wünscht. Santa Anna hat ihm von Vera-Cruz aus eine Einladung und ein +Schiff zu seiner Disposition gesandt, da er aber erklärte, auf den Ruf +eines einzelnen Generals nicht kommen zu wollen, so hat ihm nunmehr der +Staat von Zaccatecas eine zweite Einladung, durch eine Deputation von +Tampico aus, zugefertigt. Ich kann nicht umhin, zu wünschen, daß er dem +Rufe Folge leisten und kommen möge, indem ich in ihm den einzigen Mann +erblicke, der den Vermittler machen kann. Ohne einen solchen wird die +Lage der Dinge jeden Tag verwickelter werden, und eine völlige Anarchie +die unausbleibliche Folge seyn.</p> + +<p>Seit General <em class="gesperrt">Teran</em>, der geschickteste und zuverlässigste +Feldherr, welchen die Regierung im Norden der Republik hatte, sich +(aus Privat-Motiven heißt es) das Leben genommen hat, ist das +Gouvernements-Heer bei St. Louis-Potosi, durch Moctezuma geschlagen, +und die Stadt besetzt worden. Dieses Vorrücken der Revolutions-Partei +auf hier, hat dergestalt auf Bustamante eingewirkt, daß er sich +entschloß, das Comando selbst zu übernehmen, und, mit einer für +dieses Land bedeutenden Macht von 3 bis 4000 Mann, Moctezuma entgegen +zu gehen. Es bedurfte dazu der Erlaubniß des Congresses, sie ward +ihm ertheilt, und er steht nun bereits mit mehreren 1000 Mann bei +Gueretaro, wo er Verstärkungen an sich ziehen und dann den Insurgenten +eine Schlacht liefern will.</p> + +<p>Er würde, nach meiner Ansicht, besser gethan haben, das Corps von Facio +zu verstärken und Santa Anna anzugreifen, denn so lange <em class="gesperrt">dieser</em> +nicht besiegt ist, kann die Revolution nicht als beendigt betrachtet +werden. Da Bustamante ein guter Soldat ist, so wäre es ihm vielleicht +gelungen Santa Anna zu überwinden, was Facio nie zu Wege bringen wird. +Dieser <span class="pagenum" id="Page_124">[S. 124]</span>steht noch immer, bei Orizaba, dem Revolutions-Chef gegenüber, +ohne, wie es scheint, den Muth zu haben ihn anzugreifen.</p> + +<p>In Folge des Ausmarsches von Bustamante (der, vor Niederlegung +seiner Vice-Präsidentur in Eile, wahrscheinlich um sich Freunde und +Anhänger in der Armee zu machen, 12 Obriste zu Generalen ernannte), +mußte natürlich ein Interims-Präsident ernannt werden; die Wahl des +Congresses fiel auf den General Musquiz, den Gouverneur des Staats von +Mexico, und dieser hat bereits den Eid geleistet, und seine Functionen +als Präsident der Republik angetreten. Daß es dabei, nach hiesiger +Sitte, an militairischen Feierlichkeiten, wie z. B. Parade-Marsch vom +Pallast nach der Cathedrale, unter Gewehrfeuer und Kanonendonner, +Eröffnung der Kammern u. dgl. m., nicht fehlte, ist selbstverstanden; +dergleichen fällt aber hier so häufig vor, daß man alles Interesse +daran verliert. Musquiz hat nun neue Minister ernannt, und diese +versuchen mit Santa Anna Friedens-Unterhandlungen anzuknüpfen; bis +jetzt ist aber noch kein Erfolg sichtbar, und wir werden uns noch +längere Zeit in Geduld fassen müssen, die um so mehr Noth thut, als +das Gouvernement, in seinen großen Geldverlegenheiten, das auswärtige +Commerzium beständig für neue Anleihen in Anspruch nimmt, und auf der +andern Seite dennoch die Fremden, durch Chicanen aller Art, gleichsam +mit Füßen tritt.</p> + +<p>Mögte ich Dir doch bald das Ende dieser Qualen zu berichten haben. Lebe +wohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_17_Sep_1832">Mexico, den 17. +September 1832.</p> + +<p>Seit meinem Letzten vom 30. August hat sich in der politischen Lage +des Landes nichts Bemerkenswertes zugetragen, <span class="pagenum" id="Page_125">[S. 125]</span>es ist vielmehr ein +peinlicher Stillstand eingetreten, der um so mehr mit der Stille vor +dem Sturm verglichen werden kann, als der Sturm gewiß nicht ausbleiben +wird. Mittlerweile macht man hier gute Miene zum bösen Spiel, und läßt +sich durch die mißliche und precaire Lage des jetzigen Gouvernements +nicht abhalten, die Feste zu feiern, welche im Kalender stehen! und +dahin gehört denn natürlich der gestrige Tag vor allen andern, als +der Jahrestag der Unabhängigkeit von Mexico (<span class="antiqua">el aniversario de +la independencia Mexicana!</span>). Schon am Abend vorher ward, bei +Fackelschein, auf der Plaza, vor dem National-Pallaste, Musik gemacht, +und manches schöne Stück aus dem Freischütz, dem Don Juan und andern +deutschen Opern, sehr gut ausgeführt, wie ich Dir denn schon früher +bemerkt zu haben glaube, daß einige der hiesigen Regimenter, namentlich +die Artilleristen, eine sehr schöne und gut eingespielte Musik-Bande +besitzen.⁠<a id="FNanchor_14_14" href="#Footnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> Gestern nun, als am 16., wurden wir um 4 Uhr Morgens mit +50 Kanonenschüssen geweckt, und alle Glocken, deren bei den hunderten +von Kirchen, welche Mexico zählt, nicht wenige sind, wurden ½ Stunde +geläutet. Um 9 Uhr ging der Präsident mit seinen Ministern und den +Volks-Repräsentanten durch Militair-Spalire von dem Pallast nach der +Cathedrale, um Messe zu hören, und ward auf dem Hin- und Herzuge mit +Kanonendonner, Gewehrfeuer und türkischer Musik begrüßt. Hierauf war +Lever bei dem Präsidenten im Pallast, und diesem Ceremoniel folgte ein +<span class="pagenum" id="Page_126">[S. 126]</span>Zug von der Magistratur und den Civil-Behörden aus dem Pallast nach +dem Universitäts-Gebäude, woselbst der frühere Justiz-Minister, Don +José Dominguez, eine gehaltvolle Rede hielt über den Ursprung und den +Gang der Revolution, welcher Mexico seine Unabhängigkeit verdankt.</p> + +<p>Der Saal war zwar für die zahlreiche Versammlung der Zuhörer kaum groß +genug, für seinen eigentlichen Zweck aber doch sehr gut eingerichtet +und passend decorirt. Das Gebäude enthält mehrere Lehr-Säle und auch +ein Museum, worin zwar manche Seltenheiten aufbewahrt sind, jedoch +nichts, was nicht auch in den zahlreichen Museen in Europa zu finden +wäre, weshalb denn jede Beschreibung von mir nur überflüssig seyn würde.</p> + +<p>Das Bemerkenswertheste in diesem Universitäts-Gebäude ist die, in dem +geräumigen Hofe aufgestellte, in der That <em class="gesperrt">colossale</em> Statue +von Carl dem Fünften zu Pferde, in Bronze, hier in Mexico (versteht +sich von spanischen Künstlern in früherer Zeit) sehr kunstreich und +gelungen ausgeführt. Ferner sieht man hier viele große Götzenbilder der +Ureinwohner von Mexico, deren mitunter noch ganz gut erhaltene Formen, +an Häßlichkeit und Scheußlichkeit, den egyptischen nicht nachstehen! +und auch einen der Opfersteine, auf welchen die Priester der Asteken +ihren Götzen Menschen opferten.⁠<a id="FNanchor_15_15" href="#Footnote_15_15" class="fnanchor">[15]</a> Nun <span class="pagenum" id="Page_127">[S. 127]</span>sind wir aber auch mit den +Raritäten des Universitäts-Gebäudes fertig, und ich kehre zum Fest der +Unabhängigkeit zurück, für dessen fernere Feier große Präparationen zu +Feuerwerken und Illuminationen am Abend getroffen waren. Diese wurden +leider durch einen jener heftigen Regengüsse, welche hier oft in einer +Stunde alle Straßen unter Wasser setzen, unterbrochen und vereitelt; +das Gewitter ward zum heftigsten Hagelsturme, den ich hier noch erlebt +habe, er war von fortwährend rollendem Donner und Blitz begleitet, und +erwischte mich auf der Promenade am Nachmittag, so daß ich, durchnäßt +bis auf die Haut, nach Hanse kam! Ich ließ mich aber dadurch nicht +abhalten, des Abends, wie ich mir vorgenommen, in das Theater zu gehen, +um die auch dort veranstalteten Festlichkeiten zu sehen. Ich kleidete +mich um und ließ mich, da kein Wagen zu haben war, wie hier bei solchen +Gelegenheiten üblich ist, auf <span class="pagenum" id="Page_128">[S. 128]</span>dem Rücken eines Indianers hin- und +zurück tragen, hätte aber, was den davon gehabten Genuß betrifft, eben +so gut zu Hause bleiben können, indem mich das, aus Schauspiel, Oper +und Ballet zusammengestoppelte Gelegenheitsstück in keiner Hinsicht +befriedigte.</p> + +<p>Da ich Dir diese detaillirte Beschreibung zum Theil mit um des jüngern +Theils der Familie willen gegeben habe, so füge ich, <span class="antiqua">pro beneficio</span> +desselben, auch noch einige Worte als Beitrag zur neuesten Geschichte +Mexico’s bei, und schließe damit meine heutige Depesche.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_10_10" href="#FNanchor_10_10" class="label">[10]</a> Jetzigen Verweser des Königl. preußischen +General-Consulats in Mexico, Hrn. von Geroldt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_11_11" href="#FNanchor_11_11" class="label">[11]</a> Der Versuch <em class="gesperrt">ist gelungen</em>, und ich habe noch vor +meiner Abreise von Mexico die Proben von Eisen gesehen, welche in den +kleinen Interims-Oefen geschmolzen waren. Die Qualität ist die beste, +die man wünschen kann. Es ist sehr schade, daß die Belagerung von +Mexico den Ausbau des Hochofens ins Stocken gebracht hat! Da aber Sta. +Anna, von der Wichtigkeit des Unternehmens durchdrungen, sogleich eine +Sauvegarde nach dem Sitio sandte, um das Werk gegen Streifparthien +zu schützen, so ist nicht zu bezweifeln, daß er, als nunmehriger +Präsident, es auch ferner protegiren und zur gänzlichen Ausführung +selbst Hülfe vom Staat gewähren werde.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_12_12" href="#FNanchor_12_12" class="label">[12]</a> Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich hier, daß +wenn ich von indianischen Dörfern spreche, ich damit nicht gesagt haben +will, daß sie ausschließlich von Ureinwohnern, d. h. von <em class="gesperrt">Asteken</em> +u. s. w. bewohnt seyen, sondern nur, daß <em class="gesperrt">diese</em> die Mehrzahl +bilden. In einem solchen Dorfe, und mehr noch in Flecken und kleinen +Städten, wohnen stets auch Creolen (Eingeborne von spanischer +Abkunft) entweder rein oder mit indischem Blute gemischt, welche +theils Gewerbe treiben, theils Boutiquen (<span class="antiqua">tiendas</span>) halten. Die +Magistrats-Personen sind fast immer Creolen. Die <em class="gesperrt">Masse</em> der +Landbewohner sind aber <em class="gesperrt">Indianer</em>, wie man hier die eigentlichen +Mexicaner nennt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_13_13" href="#FNanchor_13_13" class="label">[13]</a> Diesen Thymian zieht der Eigentümer des Gartens um der +Bienenzucht willen, welche er gleichfalls hier angelegt hat, und die +man überhaupt im Lande zu vermehren und zu verbreiten sucht, um Wachs +zu gewinnen, welches Mexico jetzt, in so großen Massen, von Außen +einführt.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_14_14" href="#FNanchor_14_14" class="label">[14]</a> Dadurch, daß die deutsche Musik hier sehr beliebt, die +deutsche Sprache aber fast gar nicht gekannt ist, fanden oft große +Mißgriffe in der Anwendung einzelner Melodien statt. So spielte man +unter anderen kürzlich in einer Kirche, zum Ausgang des Gottesdienstes, +mit großem Pathos, den bei uns so bekannten Gassenhauer: “Es ritten +drei Schneider zum Thore hinaus” und jedermann schien sich daran zu +erbauen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_15_15" href="#FNanchor_15_15" class="label">[15]</a> Von den kleinen Götzenbildern, (nemlich aus Stein +verfertigte kleine Köpfe und Figuren, welche die Asteken wahrscheinlich +in ihren Hütten und Wohnungen zur Verehrung aufstellten) werden in +Mexico noch immer sehr viele ausgegraben, und von den nach der Stadt +kommenden Indianern zum Verkauf ausgeboten. Einer unserer Landsleute, +Herr Carl Uhde, ein sehr interessanter und wohlunterrichteter Mann, hat +eine so große, mit Obsidian-Gegenständen aller Art vervollständigte +Sammlung mexicanischer Antiquitäten, daß sich ihr wohl nicht leicht +eine andere an die Seite stellen dürfte. Er wird bei seiner nahen +Rückkehr in’s Vaterland irgend ein Museum damit bereichern, und, +da er seine Nachforschungen wissenschaftlich betrieben hat, solche +historische Nachweise über den Gegenstand geben können, wie wir deren +noch keine besitzen.</p> + +<p>Herr Uhde versichert mich übrigens, daß bei den <em class="gesperrt">jetzigen</em> +Einkäufen die größte Vorsicht vonnöthen sei, um nicht betrogen zu +werden, und neue, jetzt verfertigte Gegenstände statt der wirklichen +antiquen zu erhalten. Die Indianer beschäftigen sich nemlich damit, +seitdem sie bemerkt haben, daß man solche Dinge sucht und aufkauft, sie +nachzumachen und zu vergraben, dann aber aus der Erde wieder hervor zu +holen, und sie als eben aufgefundene Alterthümer auszubieten.</p> + +<p>Bei dieser Nachahmung mögen die jetzigen Mexicaner, bei den bessern +und vollkommnern Werkzeugen der Gegenwart leichtes Spiel im Vergleich +zu ihren Vorfahren, den Asteken, haben. Sodann kommt ihnen dabei das, +der ganzen Nation innewohnende, Nachbildungs-Talent zu statten; die +Mexicaner besitzen dies in hohem Grade, und haben unter anderm auch +eine große Geschicklichkeit in der Anfertigung von Wachsfiguren, +und Gruppirungen, worin sie alle Classen und Beschäftigungen des +Volkes malerisch und höchst correct <span class="antiqua">en miniature</span> darzustellen +verstehen.</p></div> +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_129">[S. 129]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Einiges_aus_der_neueren_Geschichte_von_Mexico"><em class="gesperrt">Einiges</em><br> +<span class="s6">aus</span><br> +<span class="s4"><b>der neueren Geschichte von Mexico</b></span><br> +<span class="s5">bei Gelegenheit des Festes der Unabhängigkeit<br> +am 16<sup>ten</sup> September 1832.</span></h3> + +</div> + +<p>Bekanntlich wurde Mexico erst im Anfange des 16. Jahrhunderts von +den Spaniern entdeckt und erobert. Der Grad der Civilisation, worin +Hernandez Cortez das Land gefunden, wird sehr verschiedentlich +dargestellt, meistens aber überschätzt, denn selbst Clavigero, der, +obwohl in Mexico geboren, dahin gelangt war, eine hohe geistliche +Stelle in Rom zu bekleiden, und dort eine Geschichte seines Landes +schrieb, konnte, trotz allen Bemühungen, etwas zu Gunsten der +Ureinwohner von Mexico zu sagen, kein Bild von ihnen entwerfen, das +sie höher gestellt hätte als halbcivilisirte Horden, die in einigen +Dingen zu einem gewissen Grade von Kunstfertigkeit gelangt waren. Was +aber spätere Schriftsteller uns darüber berichtet haben, ist eine +durchaus unzuverlässige Kunde; denn, da die Ureinwohner selbst keine +Schriftsprache hatten, so beruht Alles, was man von ihnen weiß, auf +den Ueberlieferungen der ersten Eroberer, die begreiflicherweise ihren +eigenen Ruhm zu erhöhen suchten, indem sie die von ihnen überwundenen +Nationen in ihren Darstellungen auf eine Stufe der Bildung und Macht +erhoben, welche sie in der Wirklichkeit bei weitem nicht erreicht +hatten. Es ist daher auch gewiß von eben so wenig practischem Werth für +die heutige Welt, der Geschichte Mexico’s vor <span class="pagenum" id="Page_130">[S. 130]</span>der Eroberung durch die +Spanier nachzuforschen, als es seyn würde, die der vereinigten Staaten +von Nordamerika höher hinauf zu führen, als bis zur Colonisirung durch +die Engländer und Franzosen.</p> + +<p>Nachdem nun aber die Spanier in den Jahren 1500 bis 1525, unter dem +berühmten Hernandez Cortez, Mexico erobert, und die vorgefundenen +Einwohner, (welche man jetzt mit dem allgemeinen Namen Indianer +bezeichnet, die aber damals aus mehreren Nationen, wie z. B. Asteken, +Otemiten, Chinchimiken u. s. w. bestanden) mit der Geringschätzung +und Grausamkeit behandelt hatten, welche in dem Geist jener Zeit und +jenes Volkes lagen, begingen sie den großen politischen Fehler, selbst +die Abkömmlinge ihrer eignen Landsleute, wenn sie in dem von ihnen +eroberten und unterjochten Lande geboren waren, als nicht ebenbürtig zu +betrachten, und sie, gleich den Indianern, von allen Aemtern und Würden +der Regierung auszuschließen, für deren Besetzung sie immer wieder neue +Einwanderung von Spanien veranlaßten, ohne zu bedenken, daß sie gerade +dadurch die Masse der eingebornen Abkömmlinge der Europäer (die man +Creolen nannte und nennt) vermehrten.</p> + +<p>Jahrhunderte lang gelang es Spanien, dieses verderbliche, die +Menschenwürde der transatlantischen Bevölkerung verletzende +Colonial-System in Mexico aufrecht zu erhalten; aber die Aufklärung +über die unvertilgbaren Rechte des Menschen und Bürgers schritt, trotz +Priesterherrschaft und Censurzwang, wenn auch langsam, doch stets +vorwärts, und die Unzufriedenheit über die Ausschließung von der +Teilnahme an einer Administration, die über ihr eigenes Wohl und Wehe +zu entscheiden hatte, stieg bei den Creolen mit jedem Jahre. Als nun +aber gar in den Jahren 1809 und 1810, während das Mutterland von den +Franzosen besetzt, und der König in Gefangenschaft gerathen war, die +in Cadiz niedergesetzte Central-Junta die <span class="pagenum" id="Page_131">[S. 131]</span>pecuniäre Mithülfe Mexico’s +in Anspruch nahm, und dennoch das verhaßte Ausschließungs-System +aufrecht erhalten und die Eingebornen als den Europäern untergeordnete +Colonisten behandeln wollte; da brach der Damm durch, und der Retter +erschien! Am 16. September 1810 erklärte nämlich ein Prediger, Namens +<em class="gesperrt">Hidalgo</em>, in dem kleinen Orte Dolores: “daß der <em class="gesperrt">mexicanischen +Nation</em> (so nannten sich nun zum ersten Male alle <em class="gesperrt">Eingeborne</em> +ohne Unterschied des Ursprungs) nichts anderes übrig bleibe, als: die +<em class="gesperrt">Fremden</em> (<span class="antiqua">los estrangeros</span>, mit welchem Namen man von +nun an die Alt-Spanier bezeichnete), welche ihr die Theilnahme an +den heiligsten Urrechten des Menschen und des Bürgers so hartnäckig +verweigerten, mit Gewalt und mit den Waffen in der Hand zu vertreiben!</p> + +<p>Es bedurfte nur eines solchen Ausspruchs, an irgend einem Punkte, um +das überall unter der Asche glimmende Feuer zur hochauflodernden Flamme +anzufachen! Ganz Mexico stand gegen die Spanier auf! Da diese aber +sehr zahlreich waren, alle Mittel des Angriffs und der Vertheidigung +ausschließlich in ihren Händen hatten, durch dreihundertjährigen +Besitz der Verwaltung des ganzen Landes überall einen großen Einfluß +ausübten und eine gut disciplinirte Armee befehligten, so läßt es +sich begreifen, daß der Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit für die +Mexicaner kein leichter ward! In der That kostete er sie Jahre von +Anstrengung, Kampf und Entbehrung aller Art, und Ströme von Blut mußten +fließen, ehe es gelang die Spanier ganz aus Amerika zu vertreiben. +Doch dem festen Willen von 7 Millionen Menschen kann keine irdische +Macht widerstehen. Die Mexicaner siegten, und traten aus dem Kampfe +als eine freie unabhängige Nation hervor! Am 6. November 1813 ward, zu +Chilpantzingo, von dem Congreß von Anahuac, wie er sich damals nannte, +die Unabhängigkeits-Acte unterzeichnet; es dauerte jedoch noch sieben +Jahre, bis die Spanier <span class="pagenum" id="Page_132">[S. 132]</span>ganz aus dem Lande vertrieben waren, und Mexico +sich als völlig befreit betrachten konnte.</p> + +<p>Es fehlt in diesem großen Ereignisse nicht an Beispielen der +aufopferndsten Hingebung und des erhabensten Edelmuths, nicht an +Charakterzügen, welche sich den schönsten, die uns die Geschichte +aufbewahrt hat, an die Seite stellen können, und welche der +Wiedergeburt Mexico’s in späteren Zeiten einen Glanz verleihen werden, +den ihr die, noch immer nicht ganz niedergekämpften Leidenschaften +jetzt noch versagen! Was kann z. B. erhabener seyn, was von mehr +Seelengröße und patriotischer Hingebung zeugen, als das Benehmen eines +<em class="gesperrt">Bravo</em> oder die Geschichte eines <em class="gesperrt">Vittoria</em>? Beide waren +Insurgenten-Chefs, wie man sie in der Revolution nannte, oder Generale, +wie sie jetzt richtiger heißen. Bravo, ein Mann von guter Familie, +dessen Vater und Brüder gleichfalls bewaffnete Corps befehligten, war +in seinen Unternehmungen gegen die Spanier sehr glücklich, und hatte +ihnen gerade 300 Gefangene abgenommen, als er erfuhr, daß sein Vater, +an einem andern Punkte, den Feinden in die Hände gefallen sei, und +von diesen als ein sogenannter Rebell hingerichtet werden sollte. Er +sandte schleunigst einen Boten an den spanischen General, und ließ +ihm die 300 Gefangenen als Lösegeld für seinen Vater bieten, doch mit +der Drohung, daß im Weigerungsfall <em class="gesperrt">diese</em> dasselbe Schicksal +zu erwarten hätten, welches man seinem Vater bereite. Statt aller +Antwort ließ der <em class="gesperrt">Spanier</em> Bravo’s Vater, in Gegenwart des Boten, +<em class="gesperrt">erschießen</em>! Als der Sohn dies erfuhr, schloß er sich mehrere +Stunden lang ein, um seinem Schmerze durch Thränen Luft zu machen. Nach +diesem Tribut kindlicher Liebe aber befahl er: man solle die gefangenen +300 Spanier sofort <em class="gesperrt">in Freiheit setzen</em>, damit er der Versuchung, +eine blutige Rache zu nehmen, nicht länger ausgesetzt bleibe!! — Der +andere Held jener Zeit, <em class="gesperrt">Vittoria</em>, war einer der ersten, welche +<span class="pagenum" id="Page_133">[S. 133]</span>beim Ausbruch der Revolution die Waffen gegen die Spanier ergriffen, +und sie hatten keinen bitterern Feind, als ihn; er führte im Staat +von Vera-Cruz, seiner eigentümlichen Heimath, einen Guerilla-Krieg +gegen sie, der ihnen nirgends Ruhe ließ und überall den größten +Schaden zufügte. Als nun, während einiger Zeit, die Spanier in dieser +Gegend wieder die Oberhand gewannen, ward Vittoria von aller Amnestie +ausgeschlossen, und mit solcher Erbitterung verfolgt, daß er nirgends +mehr sicher war, und sich zuletzt in die Urwälder des Orizaba-Gebirges +flüchten mußte; wo man denn alle Spur von ihm verlor, und wo er zwei +Jahre lang herumirrte, ohne mit einem menschlichen Wesen in Berührung +zu kommen!! Er lebte von den Früchten des Waldes, und war, nach seiner +eigenen Aussage, oft so entkräftet, daß er nicht hoffen durfte, sein +Leben länger fristen zu können. Eines Tages insbesondere glaubte +er seinem Ende nahe zu seyn, und legte sich hin, um zu sterben; da +ereignete sichs, daß einer jener Vögel (<span class="antiqua">Zapalote</span>), welche sich +vom Aas nähren, auf seine Brust flog und nach dem Munde hackte; ein +Schauder ergriff ihn, er sammelte die letzten Kräfte, schnappte nach +dem Vogel, riß ihm den Kopf mit den Zähnen ab, und sog ihm das Blut +aus, wodurch er sich, wunderbar genug, hinlänglich gestärkt fühlte, +seine Wanderungen aufs Neue zu beginnen.</p> + +<p>Selbst die Indianer, welche Vittoria, der mütterlicher Seits von +indianischer Herkunft ist, wie ihren Schutzpatron verehrten, und ihn +häufig, mit Gefahr ihres Lebens und Eigenthums, beherbergten (denn die +Spanier vertilgten jeden Flecken, wo sie die Spuren ihres Todfeindes +fanden), selbst diese, sage ich, hatten jetzt alle Kunde von ihm +verloren! Als nun aber, durch den Sieg <em class="gesperrt">Iturbide’s</em> über die Reste +der spanischen Macht, Mexico wieder freier athmete, erinnerten sich +einige Indianer, die bei Vittoria treu bis zuletzt ausgehalten, daß +er <span class="pagenum" id="Page_134">[S. 134]</span>ihnen beim Abschiede an der Gränze des Urwaldes gesagt habe: sie +mögten ihn dort aufsuchen, wenn wieder einmal eine Zeit käme, wo seine +Dienste dem Vaterlande nutzen könnten! Lebe er dann noch, so wollte +er ihnen wieder zur Seite stehen und mit ihnen gegen den gemeinsamen +Feind fechten; wäre er aber gestorben und sie fänden seinen Leichnam, +so mögten sie diesen zur Erde bestatten. Bei solchen Erinnerungen, +war es kein Wunder, daß nunmehr die ganze Bevölkerung jener Gegend +aufbrach, um den geliebten Kriegsgefährten und Führer aufzusuchen; +doch alles schien vergebens, keine Spur war zu finden, und schon +wollte man die Hoffnung aufgeben, als einer der Eingebornen einen +Fußstapfen entdeckte, den er sogleich für den des Generals erkannte. +Er kam auf den glücklichen Gedanken, an diese Stelle etwas Brod und +andere Lebensmittel an einen Baum zu hängen, “denn,” dachte oder +sagte er, “kömmt Vittoria noch einmal hieher und findet diese Zeichen +des Friedens, so weiß er, daß ihn seine Freunde suchen, und er wird +wiederkehren zu seinen Landsleuten!” Als nun dieser wackere Bursche +nach zwei Tagen wieder dahin kam, und die Lebensmittel nicht mehr fand, +glaubte er seiner Sache gewiß zu seyn. Vittoria mußte dagewesen seyn +und die stumme Sprache der Freunde verstanden haben, er mußte also auch +wiederkehren. Der Indianer verließ nun die Stelle nicht mehr, sondern +harrte auf den Ersehnten, und siehe da, — es dauerte keinen Tag, so +erschien er wirklich; aber, großer Gott! in welcher Gestalt! Einem +Menschen nicht mehr ähnlich, und so abschreckend in seinem Aeußern, daß +der gute Indianer, aus Furcht vor dieser, ihm unbekannten, gräßlichen +Erscheinung, floh, und nur mit Mühe von Vittoria eingeholt, und durch +dessen Stimme und Zureden von der Wirklichkeit, daß <em class="gesperrt">er</em> es sei, +überzeugt werden konnte! Er ward nun im Triumph zurückgeführt zu den +Seinen, und ein Jubel verbreitete sich über ganz Mexico, als es hieß: +der todt geglaubte <span class="pagenum" id="Page_135">[S. 135]</span>Vittoria sei noch am Leben und wiedergefunden! +— <em class="gesperrt">Iturbide</em>, damals am Ruder, wollte ihn an seinen <em class="gesperrt">Hof</em> +ziehen, aber er hatte sich in ihm geirrt. Der alte Freiheits-Märtyrer +wollte nicht bloß ein Joch mit dem andern vertauscht haben, er wollte +nicht allein selbst kein Fürstendiener seyn, sondern auch sein +Vaterland frei sehen. Er arbeitete daher mit an dem Falle des ephemeren +Kaisers, und als dieser gestürzt, und die Republik proclamirt war, da +wählte die Nation <em class="gesperrt">Vittoria</em>, mehr aus Dankbarkeit und zum Lohn +für seine Leiden, als um seiner Fähigkeiten willen (deren er denn +auch wirklich keine ausgezeichnete besitzt), zum <em class="gesperrt">Präsidenten der +Republik</em>; <em class="gesperrt">Bravo</em> aber zum <em class="gesperrt">Vice-Präsidenten</em>. Beide sind +später in das Privatleben zurückgekehrt, wohin sie die Achtung ihrer +Mitbürger begleitete.</p> + +<p>Noch ein erhabener Charakterzug aus der Revolution darf um so weniger +unerwähnt bleiben, als er dem schönen Geschlecht zur Ehre und zum +Ruhme gereicht. Eine Dame, Rayon, hatte drei Söhne, welche sämmtlich +bei den Rebellen als Generale dienten und mit großer Tapferkeit +gegen die Spanier fochten, besonders der jetzt noch lebende, den ich +persönlich kenne. Die Mutter und einer der Söhne geriethen in spanische +Gefangenschaft, wo man jener den Vorschlag machte, an die beiden andern +Söhne zu schreiben und sie zur Uebergabe einer festen Stellung, die sie +gerade hartnäckig verteidigten, zu vermögen; dann und <em class="gesperrt">nur dann</em> +solle das Leben des gefangenen Sohnes geschont werden! Die würdige +Matrone antwortete mit der Seelengröße einer Spartanerin, “<em class="gesperrt">sie wolle +das Leben eines ihrer Kinder nicht mit der Schande der beiden andern +erkaufen</em>,” und sah nun den unglücklichen Sohn mit unnennbarem +Schmerz, aber mit heldenmüthiger Fassung, vor ihren Augen hinrichten!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_136">[S. 136]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_30_Sep_1832">Mexico, den 30. +September 1832.</p> + +<p>Der Sturm, von dem ich neulich sagte, daß er der politischen +Stille folgen würde, ist nicht ausgeblieben. Bustamante hat bei +<em class="gesperrt">Gallinero</em>, in der Nähe von Dolores, den General Moctezuma +auf’s Haupt geschlagen, wobei nicht weniger als 2000 Mann das Leben +verloren haben sollen! Man hat also “das köstliche mexikanische +Blut” (<span class="antiqua">la sangre preciosa mejicana</span>) diesmal nicht geschont! +Bustamante rückt nun mit Eilmärschen auf St. Luis los und will sich +insbesondere des Hafens von Tampico zu bemächtigen suchen. Dieser Sieg +hat, wie Du denken kannst, hier große Sensation gemacht. Die Gegner +der Regierung ließen es nun an Gerüchten zum Nachtheil derselben +nicht fehlen, und machten sogar Versuche, den Pöbel aufzuwiegeln, was +ihnen jedoch glücklicherweise nicht gelang. Unterdessen hatte sich +die Volksaufregung schon bis in die Gefängnisse verbreitet, und da in +dem größten derselben, Accordada genannt, unter den vielen Hundert +dort Verhafteten sich eine große Anzahl <em class="gesperrt">politischer</em> Verbrecher +befand, so war es sehr begreiflich, daß diese einen gewaltsamen Versuch +machten, sich zu befreien. Sie wurden jedoch, nachdem sie bereits die +inneren Wachen überwältigt hatten, durch die, aus allen Theilen der +Stadt herbeieilenden Truppen, mit einem Verlust von 20 Todten und +50 Verwundeten, zurückgedrängt. Hätten die Gefangenen die Oberhand +behalten, so wären große Unordnungen, vielleicht Plünderung eines +Theils der Stadt, die unausbleibliche Folge gewesen; so aber kamen die +guten Bürger Mexico’s diesmal mit dem Schreck davon, welchen ihnen der +General-Marsch und das Schießen in den Straßen verursacht hatte.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_137">[S. 137]</span></p> + +<p>Dieser, obgleich unangenehme, Vorfall würde doch wahrscheinlich +schneller als es der Fall war in Vergessenheit gerathen seyn, wenn +nicht ein Engländer, Namens Short, der unglücklicherweise in der +Accordada gefangen saß, aber durchaus keinen Antheil an dem Aufstande +genommen hatte, an einer, zufällig bei dem Eindringen des Militairs in +den inneren Theil des Gefängnisses empfangenen, Wunde gestorben wäre. +Dies war um so mehr zu beklagen, als Herr Short, zwei Tage später, +seiner Haft von Gerichts wegen entlassen werden sollte, und, auf die +Verwendung des englischen <span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> hin, das Gefängniß +schon früher hätte verlassen können, wenn er nicht geglaubt hätte, +seinem Rechte etwas dadurch zu vergeben. Er saß nämlich wegen eines +Civil-Processes ganz eigenthümlicher Art, den sein ihn verläugnender +Schwiegervater, einer der reichsten Minen-Besitzer von Sonora, gegen +ihn führte, indem er behauptete: Short habe sich seiner Tochter +widerrechtlicher Weise bemächtigt, und sich ungesetzlich mit ihr +verheirathet! — Ungeachtet nun die Tochter das Gegentheil aussagte und +ihrem Mann, der um ihrentwillen zur katholischen Kirche übergegangen +war, zu folgen sich bereit erklärte, und überhaupt viel Zuneigung für +ihn zu haben schien; so konnte doch der Vater seinen einmal gefaßten +Haß und Widerwillen gegen diese Verbindung nicht unterdrücken, und +benutzte den Einfluß seines ungeheuren Reichthums dazu, Short verhaften +zu lassen und den Proceß gegen ihn Jahre lang hinzuziehen, wiewohl +er wußte, daß er ihn am Ende verlieren mußte. Herr Short hatte nun +auch wirklich seine Sache gewonnen, wollte aber, wie schon gesagt, +um seine Rechte auf Schaden-Ersatz nicht zu schwächen, das Gefängniß +nicht eher verlassen, bis ihm dessen Thore durch die Gerichte geöffnet +wurden. Diese an sich lobenswerthe Beharrlichkeit hat der arme Mann +leider mit dem Leben büßen müssen. — Er ward <span class="pagenum" id="Page_138">[S. 138]</span>allgemein bedauert und +in der Kirche St. Francisco beigesetzt, und seine, von dem brittischen +Consul veranstaltete <span class="antiqua">honras</span> (kirchliche Todtenfeier) ward von +Fremden und Einheimischen, zahlreich und mit allen gebührenden Ehren, +begangen. — Schwiegervater und Frau fehlten aber bei dieser Feier, +letztere wohl nur durch die Gewalt des Vaters gezwungen, der selbst +durch diese traurige Katastrophe nicht versöhnt ward, aber, seltsam +genug, wenige Tage nachher plötzlich auch gestorben ist und mithin den +Triumph seiner Verfolgung nicht lange genossen hat! — Er war übrigens +Besitzer der reichsten Minen von ganz Mexico gewesen, die er immer nur, +von Zeit zu Zeit, ein paar Wochen lang bearbeiten ließ, um eine Summe +von etwa hunderttausend Pesos herausschlagen zu lassen, und dann wieder +verschloß, bis zum nächsten Bedürfniß!</p> + +<p>Schade, daß unsere Landsleute nicht auf ein solches Bergwerk gestoßen +sind! Diese finden sich aber auch nur in dem Staate von Sonora, und +nicht in dem Theile der Republik worin wir arbeiten und wo es leider +nur arme Erze giebt.</p> + +<p>Gestern erlebten wir auch einmal die selbst hier selten gewordene +Feier der Einkleidung einer Nonne, — wie ich höre reicher Eltern +Kind, — aber so systematisch für ihren jetzigen Beruf erzogen, daß +es ihr wohl nicht schwer geworden seyn wird eine Welt zu verlassen, +die sie eigentlich nie gekannt, in der sie nie gelebt hatte. Wir armen +Layen bekamen indessen von dem Feste weiter nichts zu sehen, als die +Illumination des Klosters nach der Straße hin, und das Aufsteigen eines +Luftballons von der Alameda aus. — Dieser war ziemlich groß, durch +mexicanische Arbeiter sehr kunstgerecht aus Papier verfertigt und mit +der, durch untergelegtes Feuer bereiteten warmen Luft gefüllt; er stieg +ungemein hoch und ließ, in der schönen, sternhellen Nacht, auf eine +ungeheure Entfernung hin sein Licht zu uns hernieder leuchten.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_139">[S. 139]</span></p> + +<p>Da ich lange nicht im Theater gewesen, so beschloß ich den Tag damit zu +enden, daß ich dem Schauspiel “<span class="antiqua">El ministro</span>” beiwohnte. Das Stück +spielt die bekannte Geschichte von Struensee und Brandt am dänischen +Hofe und ward sehr gut gegeben. Die Declamation der Actrice, welche die +Königin Mutter spielte (eine Castilianerin) war ganz vortrefflich, und +ich habe, seit den Zeiten der berühmten Mrs. Siddons, keinen höheren +Genuß <em class="gesperrt">der</em> Art gehabt. Es fehlte mir dabei nichts, als daß ich +ihn in Deiner Gesellschaft hätte haben können! Doch das wird ja auch +wieder einmal der Fall werden. — Adieu.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_4_Oct_1832">Mexico, den 4. +October 1832.</p> + +<p>Wir haben in diesen Tagen, und heute noch, einen solchen Stillstand in +den kriegerischen Vorfällen gehabt, daß wir wie im tiefsten Frieden +leben, und das Land wieder besuchen können. Dies that ich denn auch +wieder einmal, seit ich Dir zuletzt schrieb, bei dem schönsten +Wetter, das Du Dir denken kannst, aber diesmal nicht zu Pferde. Wenn +man nicht reiten will, und keine eigne Equipage hat, so bedient man +sich der Miethkutschen, die hier wie in den großen Städten Europa’s, +in mehreren Theilen der Stadt, stets mit 2 Pferden oder Maulthieren +bespannt, fertig stehen, von dem Kutscher aber nicht vom Bock, deren +diese Fahrzeuge, als die Aussicht hemmend, keine haben, sondern vom +Sattel, jockeyartig gefahren werden. Diese Wagen sind noch ganz in dem +Geschmack der Zeiten Ludwigs des XIV. gebaut! große schwere, +auf breiten, ledernen Riemen befestigte, viersitzige Kasten mit großen +Glasfenstern an den Seiten und nach vorne, in denen man übrigens +doch nicht unbequem fährt. Die Privat-Equipagen, an denen es hier +nicht mangelt, sind genau von derselben Form, <span class="pagenum" id="Page_140">[S. 140]</span>nur begreiflichermaßen +im Innern reicher verziert, und äußerlich schön lackirt, gemalt +und vergoldet. Seit so viele Ausländer hier wohnen, sind aber auch +mehrere moderne und elegante Equipagen von England und vornemlich von +Nord-Amerika hierhergekommen, die sich jetzt auf dem Paseo auszeichnen, +und Nachahmung hervorrufen werden, dergestalt, daß voraus zu sehen ist, +daß, besonders da die Unternehmer der nordamerikanischen Diligencen +eine Wagenfabrik hier angelegt haben, die Wagenformen einer Revolution +unterliegen werden, und man bald die verschiedenartigsten Barouchen, +Landaus u. s. w. hier sehen wird, wie bei uns! Bis jetzt bleibt +es aber bei der beschriebenen altfränkischen Form, wenigstens der +Miethkutschen, und in einer solchen fuhren wir nach einer Gegend, wo +viel Maguay (Aloe) für die Pulque-Gewinnung gezogen wird. Ich habe, +wie ich glaube, von diesen Pflanzungen schon früher etwas gegen Dich +erwähnt, nicht aber, wie dies so beliebte National-Getränk, welches wir +in Europa gar nicht kennen, bereitet wird. Es geschieht dies auf so +eigenthümliche Art, daß ich Dir doch wenigstens etwas darüber sagen muß.</p> + +<p>Die Anpflanzungen nehmen einen großen Flächenraum ein, denn sie +enthalten oft 1000 Maguay’s oder Aloe’s, welche wegen ihrer, sich nach +allen Seiten ausbreitenden, mitunter acht Fuß langen und mehrere Zoll +dicken Blätter, 4 Varas auseinander gepflanzt werden müssen, wobei +denn, wie Du denken kannst, der Umstand, daß sie keiner Bewässerung +bedürfen, ein sehr glücklicher ist. Bekanntlich wächst die Aloe sehr +langsam und schießt erst nach vielen Jahren in die Blüthe; was aber +minder bekannt seyn dürfte, ist die große Verschiedenheit dieses +Reifwerdens; es wechselt zwischen acht bis sechszehn ja selbst bis +zu achtzehn Jahren, doch kann man als Durchschnitt zehn Jahre dafür +annehmen, dergestalt, daß, wenn einmal eine <span class="pagenum" id="Page_141">[S. 141]</span>solche Anpflanzung im +Zuge ist, alljährlich der zehnte Theil Pulque abwirft. Dieser wird nun +folgendermaßen gewonnen. In dem, von den Indianern genau beobachteten +und eben so genau gekannten Moment des Schießens des, aus der Mitte +der Pflanze, riesenmäßig in die Höhe strebenden Stammes, aus dem +die Blüthe sich bildet, wird das sogenannte Herz der Aloe (<span class="antiqua">el +corazon</span>) herausgeschnitten, und es zeigt sich nun ein solcher +Andrang von Saft, daß während zwei bis drei Monaten <em class="gesperrt">täglich</em> +beinah drei Maaß Honig-Wasser, (<span class="antiqua">Aguamiel</span>) wie es die Indianer +nennen, gewonnen wird. Man saugt es durch ein Horn, einem graden +Kuhhorn nicht unähnlich, aus der Pflanze heraus, und läßt einen Theil +davon, in dazu bestimmten Gefäßen, in Gährung übergehen. Von diesem +so gegohrenen Stoff, <span class="antiqua">madre pulque</span> (Mutter-Pulque) genannt, +wird dem, sich fortwährend andrängenden Honig-Wasser eine Kleinigkeit +beigefügt, wodurch es sofort in trinkbaren, an Farbe dünner Milch +oder Molken ähnlichen, Pulque verwandelt wird. So lange das Getränk +frisch ist, mithin da, wo es bereitet wird, soll es wohlschmeckend und +erfrischend seyn, was um so größeren Werth hat, als die Gegenden der +großen Maguay-Pflanzungen gewöhnlich Mangel an gutem Wasser haben. +Wenn nun aber der Pulque nach den Städten u. s. w. versandt wird, was +in Schläuchen von Thierfellen auf Esel oder Maulthieren geschieht, +so verliert er natürlich seine Frische, und nimmt nun den höchst +unangenehmen Geruch von faulen Eiern an, weshalb ich mich auch nie +dazu entschließen konnte, das Getränk selbst nur zu versuchen, so sehr +die Eingebornen und mitunter sogar Ausländer, die guten Eigenschaften +desselben auch rühmen! Jener Geruch hält auch die Masse des Volks +nicht ab, den Pulque als ihr Favorit-Getränk zu behandeln, und ihm +in den zahllosen Pulquerien in den Städten und auf dem Lande eben so +zuzusprechen, wie man es bei uns dem Bier und <span class="pagenum" id="Page_142">[S. 142]</span>Branntewein thut. Da +Pulque weniger berauschend als Branntewein und minder schwer als Bier +ist, so halte ich es für gesund, und nur schädlich, wenn im Extrem +genossen, was aber freilich oft genug geschieht.</p> + +<p>Die Fasern der, wie schon gesagt, sehr starken Blätter der +Maguay-Pflanze sind unserm Hanf nicht unähnlich, und werden zu +Bindfäden und Stricken verarbeitet, wovon natürlich ein großer +Verbrauch im Lande existirt; Du siehst also, daß die Aloe hier eine +wichtige und nützliche Rolle spielt! und auch den Pflanzer lohnt +sie, denn da, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht, eine einzige +Maguay-Pflanze oft 200 Maaß Pulque abwirft und, bei einer Pflanzung von +1000 Stück, im Durchschnitt jährlich 100 in Ausbeute sind, die sich +stets bis zum zehnten Jahre wieder erneuern, so hat der Eigentümer +einer solchen Anlage, wenn einmal im Zuge, eine permanente Einnahme von +5 bis 10,000 Pesos! Es ist überhaupt in Mexico, nach meiner Meinung, +mehr in Ackerbau-Unternehmungen, als in den so gepriesenen Bergwerken +zu gewinnen. Zu beiden gehört aber freilich Capital und Ausdauer!</p> + +<p>Daß übrigens ein Land, welches, wie Mexico, alle Climate und +den verschiedenartigsten Boden besitzt, auch alle Naturproducte +hervorbringen <em class="gesperrt">kann</em>, versteht sich von selbst, und wenn bisher +manche Gegenstände, die in den wärmeren Zonen besonders gut gedeihen, +wie z. B. Oliven und Wein, hier fast gänzlich fehlten, so hat das +allein darin seinen Grund, daß die Colonial-Tyrannei der Spanier den +Mexicanern den Anbau dieser und anderer edlen Erzeugnisse untersagten, +um das Monopol des Mutterlandes nicht zu beeinträchtigen. Gegenwärtig +werden hier schon viele Oliven gezogen, und man schmeichelt sich mit +der Hoffnung, in Zukunft den ganzen Bedarf an Oel im Lande selbst zu +gewinnen. Ueberhaupt wird europäische Cultur aller Art sich auch über +dieses Land in raschem Gange <span class="pagenum" id="Page_143">[S. 143]</span>immer mehr verbreiten. Mitunter äußert +sich ihr Einfluß auf eine gar drollige Weise, von unten heraus, und man +kann sich in der That des Lachens nicht erwehren über die Eitelkeit +der Mädchen, die in den Straßen von Mexico, mit ihren langen, nackten, +braunen Beinen und bloßen Füßen in weißen seidenen Schuhen umherlaufen, +in Ballschuhen, die aus Frankreich zum Verkauf hierher gesandt werden! +Doch in anderer Beziehung, und in der Regel, übt die Sitte der Fremden +einen zweckmäßigeren Einfluß. Wie sehr das in Betreff der Sicherheit +und Bequemlichkeit auf Reisen der Fall ist, habe ich Dir schon in +früheren Briefen erzählt. Auch in Bezug auf die Lebensweise, auf den +Tisch insbesondre, ist das unverkennbar. Unter den vielen Fremden +selbst ist es schon nicht ungewöhnlich mehr, die Speisen ganz auf +europäische Weise zurichten zu lassen, wodurch das Gedeihen mancher, +von ihnen dahin verpflanzten, Anlagen gar sehr erleichtert wird. So +z. B. haben ein Amerikaner und ein Engländer in der Nähe der Hauptstadt +Meierhöfe angelegt, welche ganz vortreffliche Butter zum Verkauf dahin +senden, während die einheimische Butter durchaus schlecht von Geschmack +ist. Auch sind bereits zwei von Engländern angelegte Bierbrauereien in +der Stadt selbst im Gange, welche sehr gutes Bier, sowohl in der Art +von Porter, wie in der von Ale, liefern. Mit dem Weinbau, dessen ich +oben gedachte, und der ohne Zweifel in manchen Gegenden der Republik +sehr wohl gedeihen könnte, hat man, meines Wissens bis jetzt nur einen +einzigen Versuch gemacht, und zwar weit von hier, in Californien +unterm 35. Breitengrade. Ein Rheinländer, Namens Carl v. Geroldt, hat +sich dort mit einer Eingeborenen verheiratet, und in dem als ganz +vortrefflich gerühmten Clima, mit dem besten Erfolg, eine Weinpflanzung +angelegt. Ich habe von dem dort erzeugten und hierhergesandten Wein +selbst gekostet, und ihn sehr gut gefunden. Es ist eine wohlschmeckende +<span class="pagenum" id="Page_144">[S. 144]</span>Sorte Rothwein, dem Catalloner ähnlich, aber zu stark, um unvermischt +getrunken zu werden. Leider ist aber Herr v. Geroldt vor Kurzem +gestorben, und dieser interessante Versuch wird also, fürchte ich, +wieder in’s Stocken gerathen, bis ihn ein anderer unserer Landsleute +aufnimmt und fortsetzt. Das möchte jedoch sobald wohl nicht geschehen; +wenn das Clima in Californien auch noch so schön ist, in ein so weit +entlegenes Land zu ziehen, um Wein zu bauen, das ist nicht jedermanns +Sache, am wenigsten die unserer <em class="gesperrt">deutschen</em> Weinbauern.</p> + +<p>Doch für heute genug davon. Lebe wohl!</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_12_Oct_1832">Mexico, den 12. +October 1832.</p> + +<p>Die Kriegsereignisse nähern sich uns nun auf einmal mit solchen +Riesenschritten und in so ernster Gestalt, daß ich schier befürchte, +Dir von nichts anderm mehr schreiben zu können, und ich würde es mithin +vielleicht gar nicht thun, sondern lieber warten, bis alles vorüber +ist, wenn ich nicht wüßte, daß die hiesigen Vorfälle im Allgemeinen +durch die Zeitungen doch bekannt werden, und es also zu Deiner +Beruhigung gereichen muß, die wahre Lage der Dinge von mir selbst zu +erfahren. Diese glaube ich Dir nun nicht besser schildern, und Dir +kein treueres Bild von dem, was hier vorgeht, geben zu können, als +durch die Abschrift der Bulletins, die ich an mehrere Freunde in Europa +einzusenden mich veranlaßt finde.</p> + +<p class="mleft1">Hier folgt sie:</p> + +<blockquote> + +<p>Am 8. October. Nachdem Santa Anna sich der Rückkehr von Pedraza +vergewissert und seine Vorbereitungen getroffen hatte, ging er endlich +von der Defensive, die er bisher beobachtet hatte, zum Angriff über, +und, nachdem er Facio in einem Gefechte, wobei einer der besten +Artillerie-Generale der Regierung das Leben verlor, theils geschlagen, +theils durch <span class="pagenum" id="Page_145">[S. 145]</span>kühne, für unmöglich gehaltene Märsche über die Gebirge +überflügelt hatte, stand er mit einem Male ganz unerwartet vor Puebla. +Er forderte den dort commandirenden General Andrade auf, die Stadt +zu übergeben, was jedoch dieser tapfere Soldat nicht nur abschlug, +sondern sich im Gegentheil, mit seiner, etwa 700 Mann starken Garnison, +Santa Anna entgegen warf, um ihm den Eingang zu verwehren. Andrade +ward jedoch gänzlich geworfen, sein Corps zersprengt, und er selbst +verwundet.</p> + +<p>Santa Anna zog hierauf in Puebla mit nicht weniger als 3500 Mann ein, +über welche Zahl sich jedermann wundert. Außer der Plünderung des +Hauses, worin der Gouverneur Andrade gewohnt hatte, fand jedoch kein +Unfug Statt. Santa Anna hat die städtische Ordnung sofort hergestellt, +und sich dabei mit so vieler Mäßigung, ja bei einigen Gelegenheiten mit +so viel Edelmuth, benommen, daß er selbst diejenigen seiner Gegner, die +in ihm so gerne nur den Räuber-Hauptmann sehen, zum Schweigen gebracht +hat.</p> + +<p>Jetzt gilt es, zu wissen, was zunächst geschehen wird. Die Kammern +sind gestern zusammen gewesen, und haben beschlossen, den Congreß zu +suspendiren, und dem Präsidenten, zur Beendigung der Revolution, die +<em class="gesperrt">Dictatur</em> zu übertragen; man zweifelt jedoch, daß Musquiz es +annehmen werde. Mittlerweile hat er zwei Unterhändler (persönliche +Freunde von Santa Anna, aber von gemäßigten Ansichten) nach Puebla +gesandt, um zu versuchen, ob nicht eine Uebereinkunft auf friedlichem +Wege zu Stande zu bringen sei; wenige Tage müssen es entscheiden. Hätte +Santa Anna in Puebla gar nicht Halt gemacht, wäre er mit einem Male +hierher marschirt, so hätte er Mexico ohne Schwerdtstreich genommen; +so groß war die Bestürzung über seine Annäherung, und so wenig war +man darauf vorbereitet; jetzt aber sammelt man Truppen zwischen +<span class="pagenum" id="Page_146">[S. 146]</span>hier und Puebla, um, falls die Negotiation scheitern sollte, noch +einen Widerstand zu leisten. Die Stadt Mexico selbst soll jedoch +nicht verteidigt werden, weil man dies für eben so unmöglich als +unnütz hält. Das <span class="antiqua">Ayuntamiento</span> (die Municipalität oder der +Stadtrath) betrachtet die Sache gleichfalls so, und hat heute gegen die +Verteidigung der Stadt, <em class="gesperrt">in der Stadt selbst</em>, feierlichen Protest +bei der Regierung eingelegt.</p> + +<p>Am 11. Es ist bis heute nichts Wesentliches vorgefallen, wenigstens +nichts bekannt geworden. Mittlerweile hat sich alles bestätigt, was man +von der Besitznahme von Puebla gesagt hat. Es sind dort durchaus keine +Unordnungen von Bedeutung vorgefallen; dem verwundeten General Andrade +hat man freien Abzug verstattet, und er ist hier angekommen, um sich +von seinen Wunden heilen zu lassen. Santa Anna ist in Puebla durch das +Eintreten mehrerer Insurgenten-Chefs um einige Tausend Mann verstärkt +worden, daraufhin aufs Neue aufgebrochen, und bereits in San Martin, +auf dem Wege nach Mexico, eingetroffen. Die Truppen der Regierung +stehen dagegen, 3000 Mann stark, bei Ayotla, 8 Leguas von hier, und +sind mit viel Artillerie versehen, woran es den Insurgenten mangeln +soll. Gestern Abend kamen nun die von hier nach Puebla gesandten +Commissarien zurück, begleitet von vier, von Santa Anna hierher +Deputaten, und man ist nun schon den ganzen Tag über in Unterhandlung +gewesen, ohne zu einem Resultat gekommen zu seyn. Ich gebe jetzt die +Hoffnung einer friedlichen Ausgleichung, auf diesem Wege, auf, und +glaube, daß Santa Anna nur als Krieger hier einrücken wird! Trotz dem +bin ich aber der Meinung, daß die in der Stadt getroffenen Maaßregeln +uns vor Excessen und Unordnungen in derselben schützen werden, Gott +gebe, daß ich mich nicht irre; bis jetzt ist hier noch alles ruhig +geblieben, indessen haben doch einige der Hauptgegner Santa Anna’s +die Stadt verlassen, <span class="pagenum" id="Page_147">[S. 147]</span>wie z. B. der ehemalige Minister Alaman, mit +welchem freilich eine Versöhnung nicht zu erwarten steht, denn in +ihm repräsentirt sich die ganze Gegenpartei. Es ist Schade, denn +Alaman ist ein sehr unterrichteter, sehr geschickter Mann, und ein +angenehmer Gesellschafter und, nebenbei gesagt, seine Frau ist noch +liebenswürdiger als er. Er ist übrigens auch ein sehr reicher Mann, und +wird sich somit schon aus der Affaire zu ziehen wissen.</p> + +</blockquote> + +<p>Und nun genug für heute! Ich bin es müde, von der <em class="gesperrt">Politik</em> +zu reden, und kann es nicht genug beklagen, daß ich überhaupt +<em class="gesperrt">darüber</em>, von hier aus, etwas zu sagen habe. Wäre das Land in +diesem Jahre eben so ruhig gewesen, wie in dem vorigen, so war der +Zweck meiner Reise schnell erreicht und ich längst wieder zu Hause, bei +Euch, wo allein — doch ich will nicht klagen und verzagen, ich habe +nun einmal eine sehr bewegte und unruhige Zeit hier vorgefunden, und +es ist meine Pflicht, das Ende derselben abzuwarten! Ein Ende erreicht +ja aber in dieser Welt Alles! nur nicht meine Liebe zu Dir und den +Kindern! Lebe wohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_5_Nov_1832">Mexico, den 5. +November 1832.</p> + +<p>Seit meinem, am 11. October geschlossenen, Bericht über den Gang der +Revolution, haben sich die Ereignisse wieder ganz anders gestaltet, +als man damals erwartete, und, statt zu einer raschen Entscheidung zu +kommen, entbehren wir diese, nach mexicanischer Langsamkeit, selbst +heute noch! Die Unterhandlung mit Santa Anna ward, da man sich über +die Basis nicht einigen konnte, abgebrochen. Die Nachgiebigkeit, +welche das Gouvernement jetzt zeigte, und die vor einigen Monaten der +Revolution ein Ende gemacht haben dürfte, genügte Santa Anna nun nicht +mehr, und er bestand aus Punkten, die zwar <span class="pagenum" id="Page_148">[S. 148]</span>von den Unterhändlern +und einigen der Minister angenommen, aber von dem Präsidenten und +der Mehrheit des Congresses, welche sich dieser Negotiation halber +wieder versammelt hat, verworfen wurden. Man setzte nunmehro die +militairischen Operationen von beiden Seiten fort, aber mit einem +Mangel an Energie, von dem man sich in Europa nur schwer einen Begriff +machen kann. General Santa Anna, der, wie ich neulich schon bemerkte, +wenn er von Puebla aus seinen Marsch auf hier rasch fortgesetzt +hätte, damals ohne Widerstand in die Hauptstadt eingezogen wäre, +machte unerwarteter Weise Halt, und rückte so langsam vor, daß das +Gouvernement Zeit gewann, Truppen an sich zu ziehen, und nun wohl 5000 +Mann von allen Waffengattungen beisammen haben mochte. Da indessen +Santa Anna seine Macht in noch höherem Grade verstärkte, so daß man +sie auf 8 bis 10,000 Mann schätzte, so änderte das Gouvernement mit +einem Male seinen Vertheidigungsplan, zog alle Truppen <em class="gesperrt">in die +Stadt selbst</em>, durchschnitt die dahin führenden Wege, und erklärte +am 17. October die Föderativstadt <em class="gesperrt">in Belagerungs-Zustand</em>! — +Santa Anna säumte denn auch nicht, diese Erklärung wahr zu machen, +rückte immer näher, und hatte Mexico sehr bald von allen Seiten +umzingelt. Die üblichen Maaßregeln einer Belagerung blieben nicht +aus. Alles Geläute der Glocken, welches in gewöhnlichen Zeiten, bei +der Mehrzahl von Kirchen dieser Stadt, von 4 Uhr Morgens bis spät in +die Nacht, einem in den Ohren dröhnt, mußte, trotz allem Protestiren +der Geistlichkeit, auf Befehl der Militair-Behörden, nun gänzlich +verstummen (eine bedeutende Erleichterung für die Nerven); Theater +und Stiergefechte wurden geschlossen; alles Reiten in den Straßen +untersagt; Pferde in Requisition gesetzt (ich habe das meinige an die +Behörde abgeliefert); gezwungene Anleihen (<span class="antiqua">prestamos forzosos</span>) +decretirt, zu welchen auch wir Fremden, trotz <span class="pagenum" id="Page_149">[S. 149]</span>dem Proteste unserer +respectiven Diplomaten, beitragen mußten, und endlich ein Maximum der +Preise für die notwendigsten Lebensmittel anbefohlen! Auch die Magazine +und Läden sind geschlossen, die Furchtsamen haben sogar die Häuser +barricadirt; Handwerker und Arbeitsleute haben nichts zu thun, und es +ist alle Tage Sonntag! übrigens aber bis jetzt noch alles so ruhig in +der Stadt, daß, hörte man nicht von Zeit zu Zeit einige Kanonen- und +Flintenschüsse vor den Thoren, und sähe man nicht von den Dächern der +Häuser die Truppenbewegungen der Belagerer, man wahrlich nicht ahnden +könnte, es sei Krieg im Lande, geschweige denn, der Feind stehe so +nahe vor den Thoren, daß, wenn mitunter einmal ein kleines Gefecht +vorfällt, was selten genug geschieht, man es mit bloßen Augen von den +Azoteeen sehen und beobachten kann. Wie lange dieser Zustand der Dinge +noch dauern wird, weiß der Himmel, denn man scheint von beiden Seiten +nicht angreifen zu wollen, wobei sich indessen Santa Anna, bei freier +Communication mit der Küste, und umgeben von allen Resourcen einer +fruchtbaren Landschaft, augenscheinlich weit besser steht, als wir, in +einer Stadt von 170,000 Einwohnern, denen er Lebensmittel und Wasser +abschneiden <em class="gesperrt">kann</em> und wahrscheinlich bald <em class="gesperrt">wird</em>. Fürchtet +sich nun das Gouvernement ferner, wie bisher, einen starken Ausfall zu +machen, um den Feind auf diese Weise zurückzutreiben, so kann sich die +Stadt unmöglich lange halten, denn schon fangen mehrere Artikel der +ersten Nothwendigkeit an zu mangeln, wie z. B. Mais, Kohlen⁠<a id="FNanchor_16_16" href="#Footnote_16_16" class="fnanchor">[16]</a> u. dgl. +m. Die große Masse der Bevölkerung, die von ihrer Hände Arbeit, und +von einem Tage zum andern lebt, ist ohne Beschäftigung, und mithin dem +Mangel preisgegeben, während aller Handel und Wandel paralisirt ist; +der Verkehr stockt, es kommen und <span class="pagenum" id="Page_150">[S. 150]</span>gehen keine Posten, und wir sind +heute, am Abend, völlig auf dem Stadtbezirk eingeschlossen.</p> + +<p>So weit hatte ich am 22. October geschrieben, als wir am nächsten +Morgen durch Kanonen-Donner aufgeweckt wurden. Wahrscheinlich hatte +man sich doch endlich geschämt, bei einer Garnison von 5000 Mann und +nicht weniger als 30 Generalen! alten und jungen, die wir das Glück +haben, in der Stadt zu besitzen, nicht einmal einen Ausfall zu wagen; +man marschirte daher mit 2 bis 3000 Mann in die Ebenen von Tacubaya, +2 Leguas von hier, und versuchte dort, unter dem Schutze der Kanonen +von Chapultepec, Santa Anna aus seiner Position herauszulocken, was +jedoch nicht gelang. Er begnügte sich damit, die Gouvernements-Truppen +von seinen Batterien aus zu beschießen, ihnen mehrere Officiere und +Soldaten zu tödten und zu verwunden, und sie am Abend, unverrichteter +Sache wieder abziehen zu lassen. Wir konnten das ganze Manöver von +den Dächern mit ansehen, und wunderten uns, mit unsern europäischen +Begriffen von Kriegs-Operationen, nicht wenig darüber, daß die, +wirklich gut, und weit besser als Santa Anna’s Reiterei, berittene +Cavallerie des Gouvernements keinen Angriff auf das ganz offene +Tacubaya, das Hauptquartier des Feindes, zu machen wagte. Es blieb +aber, wie gesagt, bei einer bloßen Demonstration, die zu keinem +Resultat führte, die man aber dennoch nicht verfehlen wird, auf ächt +mexicanische Weise mit dem pompösen Namen des “Treffens bei Tacubaya” +zu belegen. Jetzt schmeichelt man sich denn mit einer Entsetzung durch +Bustamante, von dem man Nachricht haben will, daß er in Eilmärschen +vom Norden zurückkehre, um die Hauptstadt zu befreien. Ganz grundlos +scheint dies Gerücht nicht zu seyn, denn es setzt auch Santa Anna in +Bewegung, der nunmehr auf alle Weise trachtet, sich in den Besitz von +Mexico zu setzen! Eine der Wasserleitungen ist bereits <span class="pagenum" id="Page_151">[S. 151]</span>abgeschnitten, +und die Zugänge zur Stadt sind so eng besetzt, daß das Maximum-Gesetz +für die Lebensmittel aufgehoben werden mußte, um, durch den Reiz hoher +Preise, deren überhaupt zu erhalten; die meisten sind denn auch schon +auf das Dreifache, Mais und Kohlen aber auf das Sechsfache gestiegen. +Auch hat Santa Anna die Stadt vor einigen Tagen aufgefordert, sich +binnen 24 Stunden zu übergeben, damit hat er sich aber blamirt, denn +so leicht wird man es ihm nicht machen, besonders jetzt, wo man, wie +gesagt, auf Bustamante wie auf den Messias hofft, und fest glaubt, daß +dieser den gefürchteten Santa Anna vernichten werde. Hieran scheiterte +denn auch ein abermaliger Versuch, den Frieden zu unterhandeln, den +einige Gutgesinnte in diesen Tagen eingeleitet hatten. Kein Theil will +nachgaben. Mittlerweile gefallen sich die jetzigen Militair-Machthaber +dieser Stadt darin, die <em class="gesperrt">Fremden</em>, welchen bekanntlich die +Gouvernements-Partei überhaupt abhold ist, auf alle Weise zu chicaniren +und bei jeder Gelegenheit mit Grobheit und Arroganz zu behandeln! Wir +Fremden können daher bei einem Wechsel der Dinge nur gewinnen, und ich +gestehe gerne, daß ich ihn, so wie die Sachen jetzt stehen, je eher +je lieber herbeiwünsche; aber das geht nun einmal nicht so rasch in +diesem Lande. Es ist z. B. heute wieder Alles stille und beim Alten! +Das herrlichste Wetter von Morgens bis Abends, die größte Stille in den +Geschäften von Morgens bis Abends und die langweiligste Politik, denn +es fällt auch gar nichts vor! Santa Anna ist <em class="gesperrt">vor</em> den Thoren, +und wir <em class="gesperrt">dahinter</em>! Er ist übrigens höflich genug, auf Ansuchen +der englischen und französischen Geschäftsträger, die Couriere der +europäischen Paketboote, kommend und gehend, durch seine Linie passiren +zu lassen, so daß wir doch von Euch hören, und, wie Du siehst, Euch +auch schreiben können.</p> + +<p>Ich benutze dazu jede sich darbietende Gelegenheit, und <span class="pagenum" id="Page_152">[S. 152]</span>wünsche nur, +Dir bald Angenehmeres berichten zu können. Adieu.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="P_S_vom_8_Nov_1832"><span class="antiqua">P. +S.</span> vom 8. November 1832.</p> + +<p>Der Abgang des Couriers ist bis heute verschoben worden, weil man +Bewegungen bei den Truppen des Feindes bemerkte, deren Ausgang man +zuvor abwarten wollte, um ihn nach Europa berichten zu können. Dieser +Ausgang liegt denn nun vor, und ist ganz erfreulicher Art; — <em class="gesperrt">die +Belagerung ist aufgehoben</em>! Santa Anna ist mit seiner ganzen Armee +aufgebrochen, um dem, von Norden heranrückenden, General Bustamante +entgegen zu marschiren; schlägt er ihn nun, so kommt er natürlich +zurück, und nichts kann ihn dann hindern, Mexico zu nehmen und aus +diese Weise die Revolution zu <em class="gesperrt">beendigen</em>! Gebe denn der Himmel, +daß es bald geschehe. Mittlerweile athmen wir hier wieder freier, und +die Aufhebung der Belagerung ist, selbst als temporaires Ereigniß, ein +erwünschtes, denn die Noth in den niedern Classen war bereits sehr +hoch gestiegen. Jetzt sind alle Lebensbedürfnisse schon wieder auf die +alten Preise gesunken, die Wasserleitung ist wieder im Gange und die +Springbrunnen in der Alameda sprudeln ihre Wasser so kräftig in die +Höhe, als ob sie nie unterbrochen worden wären. Wir selbst aber können +nun wieder aufs Land, und wollen auch nächstens dahin, um das über alle +Maaßen köstliche Wetter (bei Euch wohl um diese Zeit ein ganz anderes) +zu genießen. Lebe wohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_9_Dec_1832">Mexico, den 9. +December 1832.</p> + +<p>Ich habe Dir seit dem 8. November nicht geschrieben, und thue es +deshalb erst heute wieder, weil früher keine Aussicht vorhanden war, +etwas Entscheidendes über unsere Lage zu berichten; ob dies jetzt +der Fall seyn wird, muß sich binnen wenig <span class="pagenum" id="Page_153">[S. 153]</span>Tagen zeigen; ich setze +mich mittlerweile hin, Dir in wenigen Worten zu sagen, was bis heute +vorgefallen ist. Du lernst auf diese Weise denn auch die hiesige Art +Krieg zu führen kennen.</p> + +<p>Wie ich zuletzt berichtete, hob Santa Anna die Belagerung Mexico’s +auf, um dem, vom Norden der Republik zum Entsatz der Hauptstadt +herbeieilenden, Vizepräsidenten, General Bustamante entgegen zu gehen, +und ihn, wie man glaubte, mit seiner, zu diesem Ende concentrirten, +dem Gegner an Zahl weit überlegenen Macht, ein entscheidendes Treffen +zu liefern. Nach gut mexicanischer Weise begnügte er sich aber damit, +bei Huehuetocla (10 Leguas von hier) Bustamante den Uebergang über eine +der, in diesen Gegenden so häufigen Land-Schluchten (<span class="antiqua">Barancas</span>) +streitig zu machen, und sich diesseits derselben zu befestigen. +Hierdurch entstand denn abermals eine Pause in den Kriegs-Operationen, +und es fiel, außer einigen Angriffen auf Santa Anna’s Verschanzungen +von Bustamante’s Cavallerie, die mit Verlust zurückgeschlagen ward, +nichts vor. Mittlerweile marschirte General Quintanas, mit 2000 +Mann, von hier aus, nicht etwa, wie man erwartete, um Santa Anna im +Rücken anzugreifen, sondern nur, um sich wo möglich mit Bustamante zu +vereinigen, und auch dies suchte Santa Anna, unbegreiflicher Weise, +nicht zu verhindern. Hätten sich dagegen andererseits die beiden +Corps des Gouvernements stark genug gefühlt, von jeder Seite einen +Angriff auf den Feind zu machen, und ihn so zwischen zwei Feuer zu +nehmen, so hätte man hoffen dürfen, auf <em class="gesperrt">diese Weise</em> das Ende +des Streits herbeigeführt zu sehen. Dies geschah aber eben so wenig, +und nur die Vereinigung fand statt, in Folge welcher Santa Anna nun +zurück in eine feste Stellung bei Zumpango fiel, woraus ihn aber die +beiden vereinigten Corps seiner Gegner nicht vertreiben konnten. +Bustamante befand sich mit seinen Truppen <span class="pagenum" id="Page_154">[S. 154]</span>in einer, von Lebensmitteln +sehr entblößten Gegend, und mußte damit von der Hauptstadt aus +versorgt werden. Wochenlang bemühete er sich vergebens, Santa Anna ins +offene Feld zu locken, und nur erst, als eine, für diesen bestimmte, +Geld-Conducte, aus Puebla kommend, von den Gouvernements-Truppen +angegriffen ward, verließ Santa Anna seine Stellung, um jene zu retten +(was ihm auch gelang) und marschirte nun eilend mit seinem ganzen +Corps nach Puebla zurück, wohin ihm Bustamante auf dem Fuß folgte, +so daß er gleichzeitig mit ihm daselbst eintraf. Dort nun, d. h. vor +den Thoren und in der Vorstadt von Puebla, soll sich zwischen beiden +Parteien ein heftiger Kampf entsponnen haben, und zwar zum Nachtheil +Bustamante’s ausgefallen seyn. Bestätigt sich das <em class="gesperrt">gestern so</em> in +Umlauf gekommene Gerücht über die Schlacht, so muß das Gouvernement +unterliegen, weiset es sich aber aus, wie man <em class="gesperrt">heute</em> erzählt, daß +Santa Anna den Tag verloren habe, so ist die Sache damit noch nicht am +Ende; denn so lange er noch am Leben, und nicht so aufgerieben ist, daß +er Vera-Cruz nicht wieder erreichen kann, sind und bleiben wir, wo wir +vor 6 Monaten waren, und das jetzige Gouvernement muß und <em class="gesperrt">wird</em> +dann erst an der Finanz-Auszehrung sterben. Es ermangelt jetzt aller +Resourcen und ist damit auf die Föderatif-<em class="gesperrt">Stadt</em> angewiesen; +man hat schon zweimal zu gezwungenen Anleihen Zuflucht genommen, und +besteuert nun Häuser, Fenster, Thüren, Kutschen, Pferde⁠<a id="FNanchor_17_17" href="#Footnote_17_17" class="fnanchor">[17]</a> u. dgl. +m., alles <em class="gesperrt">monatlich</em>, weil man noch immer, von einem Tage zum +andern — ja bis zu diesem Augenblick, den Sieg über Santa Anna, +und damit das Ende der Revolution erwartet. Man täuscht sich <span class="pagenum" id="Page_155">[S. 155]</span>aber, +davon bin ich überzeugt, und man wird finden, daß die Revolution und +die Opposition gegen das jetzige Gouvernement im Allgemeinen zu weit +verbreitet ist, um ihrer Herr zu werden, und zöge sich der Krieg +auch noch in die Länge, so reichen die oben angedeuteten Mittel und +überhaupt die Mittel <em class="gesperrt">der Hauptstadt allein</em> nicht hin, ihn +fortzuführen. Von dem nach meiner Ansicht einzigen Wege, dem Lande +den Frieden zu geben, von der Vermittlung Pedraza’s nemlich, wollen +aber das eigensinnige Gouvernement und der noch eigensinnigere Congreß +durchaus nichts wissen, und die Parteien stehen sich jetzt einander +so schroff gegenüber, wie nur je. Das sogenannte Cabinet ist aber +über diesen Punct keinesweges einig, und mehrere Minister rathen zur +Unterhandlung mit Pedraza, der nun nicht allein in Vera-Cruz, wo er +bei seiner Landung eine gemäßigte aber gediegene Proclamation erließ, +sondern seit dem 4. dieses auch in Puebla angekommen, und uns mithin +sehr nahe ist; doch die friedlich Gesinnten wurden überstimmt, und man +will durchaus die Waffen entscheiden lassen. Wir sind deshalb auch +hier in der Stadt fortwährend unter Kriegs-Gesetz, und noch keine der +militairisch-polizeilichen Maaßregeln ist zurückgenommen, obgleich +sie jetzt minder streng beobachtet werden. Dagegen hat uns der Feind +so eingeengt, daß nun schon seit einiger Zeit auch nicht eine einzige +Post aus dem Innern weder hier ankommt noch dahin abgeht; nur die +europäischen Briefe kommen und gehen durch Extra-Couriere, welche von +beiden Parteien ungehindert durchgelassen werden.</p> + +<p>Am 13. Nun haben wir endlich officielle Kunde über die Vorfälle +bei Puebla, und Gottlob erwünschte! <em class="gesperrt">Die Revolution hat ihr Ende +erreicht</em> — sie hat nämlich den Sieg davon getragen! Das Gefecht +vor den Thoren von Puebla soll wirklich ein blutiges gewesen seyn, +und viel Volk blieb auf beiden Seiten; Bustamante zog indessen den +Kürzeren, war <span class="pagenum" id="Page_156">[S. 156]</span>aber nun so vernünftig, oder, wenn man will, so +patriotisch, einen Kampf nicht fortzusetzen, von dem er wohl einsah, +daß er ihn am Ende doch verlieren müsse. Er beauftragte daher den +General Cortasar, zu unterhandeln, und man kam schnell dahin überein, +daß beide Armeecorps fraternisiren und gemeinschaftlich nach Mexico +marschiren sollten, um dort den General Pedraza, nöthigenfalls selbst +gegen den Willen des Congresses, als legitimen Präsidenten für die +noch nicht abgelaufene Zeit seiner Präsidentur, also bis zum 1. April +1833, einzusetzen; übrigens aber allgemeine Amnestie zu proclamiren. +Die von beiden Seiten ernannten Commissarien sind hier angekommen, um +der Regierung und dem Congresse davon Mittheilung zu machen, welcher +Letztere sich übrigens jetzt gewiß nicht ohne <em class="gesperrt">Protest</em> auflösen +wird. Dies hat aber weiter nichts zu sagen; die Revolution wird +darum nicht weniger beendet seyn, und das ist doch die Hauptsache! +Da nun Pedraza, was selbst seine Feinde nicht ableugnen können, ein +rechtlicher und unparteiischer Mann ist, so werden nunmehr ohne +Zweifel auch alle Geld-Transactionen anerkannt werden, auf welche wir +Kaufleute, während des Krieges, <em class="gesperrt">gezwungen waren</em>, sowohl mit +dem Gouvernement wie mit Santa Anna, einzugehen, und daß dies von der +größten Wichtigkeit ist, muß jedem einleuchten. Ich sehe nun auch +wirklich einer besseren Zeit in diesem Lande entgegen. Du weißt, daß +ich stets der Meinung war, es könne nur auf diesem Wege glücklich +enden, nämlich auf dem Wege des Dazwischentretens einer dritten Partei, +und namentlich der von Pedraza, unstreitig der einzig gesetzlichen. +Denn Bustamante verdankte seine Gewalt dem Aufstande von Jalapa im +Jahre 1828, und Santa Anna dem von Vera-Cruz, im Anfange dieses Jahrs, +während Pedraza allein s. Z. auf gesetzlichem Wege zum Präsidenten +gewählt ward. Ich habe mich also, wie es sich nunmehr ausweiset, <span class="pagenum" id="Page_157">[S. 157]</span>nicht +geirrt! Obgleich nun aber, bei diesem Wechsel der Dinge, der Vortheil +für uns Fremden und für den ganzen Handel und Verkehr augenscheinlich +ist, so verblendet der Parteigeist doch noch gar viele so sehr, daß sie +lieber eine Fortsetzung des Kampfes und aller daraus entspringenden, +das Land zu Grunde richtenden, Verhältnisse, als diesen völligen Sieg +des, ihnen verhaßten, Santa Anna’s gesehen hätten. Ich habe diese +Ansicht <em class="gesperrt">nie</em> getheilt, und freue mich des Ausgangs, so wie er ist.</p> + +<p>Hier hast Du denn einmal ein bloß politisches Sendschreiben, aber Du +wirst begreifen, daß man in dieser bewegten Zeit für nichts anderes +Sinn noch Gedanken hat.</p> + +<p>Mit dem Ende der Revolution naht sich denn auch das Ende meines +Hierseyn’s, und ich darf nun hoffen, Euch bald wieder zu umarmen.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_28_Dec_1832">Mexico, den 28. +December 1832.</p> + +<p>Was ich in meiner letzten politischen Abhandlung vom +<span class="nowrap"><sup>9</sup><img class="h0_9" src="images/trennzeichen.jpg" alt="Trennzeichen Monat/Tag"><sub>13</sub></span> Dieses +voraus zu sagen wagte, ist geschehen. Der Congreß hat die friedliche +Uebereinkunft zwischen Bustamante, Santa Anna und Pedraza verworfen, +und unter starkem Protest sich aufgelöst. Der Interims-Präsident +Musquiz, erklärte sich außer Function, und wir sind seit mehreren +Tagen <em class="gesperrt">ohne Regierung</em>, jedoch darum in keiner Anarchie. Die +Sachen gehen ihren leidlichen Gang, und nur gestern verspürte man +einige Bewegung in den Gemüthern des Volks, welche sich darin auflöste, +daß nun auch die hiesige, mehrere 1000 Mann starke, Garnison sich zu +Gunsten von Pedraza erklärt, und somit der Sache ein Ende gemacht +hat. Es ist dabei Alles mit solcher Ruhe hergegangen, daß man in der +Stadt kaum etwas davon gewahr wurde. Eine Deputation des Militairs +ist nun nach Puebla gesandt, um die dortigen Generale einzuladen, +<span class="pagenum" id="Page_158">[S. 158]</span>Besitz von der Hauptstadt zu nehmen und Alles nach der getroffenen +Uebereinkunft zu ordnen. Klage nun hierüber wer da will, ich für +meinen Theil freue mich, daß der Streit ein Ende hat, und daß wir des +verhaßten Zwangs einer militairischen Polizei enthoben sind; nicht daß +es mich gerade besonders ergötzte, die Glocken wieder läuten zu hören, +wiewohl ich nicht läugne, daß es ein eigentümlich angenehmes Gefühl in +mir erweckte, als, nach so langer Unterbrechung, die gewohnten Töne +zum erstenmale wieder in meinen Ohren erklangen; aber ganz andere +Entbehrungen haben nun ihr Ende erreicht, denen wir bisher unterworfen +waren; alle Preßfreiheit war unterdrückt, aller Postenlauf gehemmt, +die Communication mit dem Lande erschwert, die Theater gesperrt, die +Fremden von einem brutalen Militair-Commandanten bei jeder Gelegenheit +insultirt u. dgl. m. Dies hat nun alles aufgehört, und wir athmen +wieder freier. Auch habe ich es mir bereits zu Nutze gemacht, und +einer Landpartie beigewohnt, nach der in Santa Fé, etwa 2 Meilen von +hier, gelegenen Pulvermühle, welche unter der Leitung des Obristen +B., Bruders unserer gereisten Freundin, steht, und von dem wir sehr +freundlich ausgenommen und bewirthet worden sind.</p> + +<p>Santa Fé liegt in einem ziemlich hoch situirten Bergthal, jenseits +Tacubaya, und man genießt von den das Dorf umgebenden Bergen einer sehr +schönen Aussicht in das Thal von Mexico.</p> + +<p>Diese Pulvermühle ist ein dem Staat gehöriges Etablissement und sehr +zweckmäßig eingerichtet; das Wasser wird mit sehr vieler Oeconomie zur +Kraft benutzt, durch welche das Räderwerk in Bewegung gesetzt wird, +und das Ganze ist nach einem Maaßstabe angelegt, nach welchem, bei +voller Arbeit, täglich 4400 ℔ Pulver fabricirt werden können. Durch +die Belagerung war die Arbeit unterbrochen, die Mühle selbst aber <span class="pagenum" id="Page_159">[S. 159]</span>ist +von Santa Anna respectirt und beschützt worden. Er war klug genug, +einzusehen, daß er, in vielleicht nicht langer Zeit, das Etablissement +selbst beschäftigen werde.</p> + +<p>Derselbe Bach, der mit einem Theil seines überaus schönen und +kristalreinen Wassers diese Pulvermühle in Bewegung setzt, versorgt die +Stadt Mexico durch den früher schon erwähnten Aquaduct mit dem nöthigen +Trinkwasser, und ist daher von nicht geringer Bedeutung. Er entspringt +in einem Garten von Santa Fé, den wir besuchten und wo wir die Quelle, +unter einer schönen Gruppe von frisch ausschlagenden Bäumen, umgeben +von einer Masse von üppig prangenden Rosenbüschen, aus der Erde +aufsprudeln sahen, und alles dies am heiligen Christfeste!</p> + +<p>Die Sonne scheint so rein am Himmel, daß auch kein Wölkchen am +entferntesten Horizont zu erblicken ist, und verbreitet eine Hitze, die +einem die Schattenseite in den Straßen suchen macht, um aus <span class="antiqua">tierra +caliente</span> nach tierra templada zu gelangen. Schönere Tage als die +jetzigen habe ich wirklich selbst hier noch nicht gesehen, und doch +ist es eine ganz eigene Sache mit dem hiesigen Clima. Der Winter (und +es ist jetzt auch in Mexico Winter) hat seine unfreundlichen und +nach hiesigem Sprachgebrauch, kalten Tage, die es aber nach unsern +nordischen Begriffen so wenig sind, daß man ihnen bei Euch höchstens +nur in den Hundstagen einen solchen Namen beilegen würde, denn sie +haben weder Eis, noch Schnee, noch Reif, ja selbst nicht einmal +Regen im Gefolge. Da indessen der Körper, durch die noch unendlich +mildere, oft sehr heiße Luft der 10 bis 11 übrigen Monate des Jahrs +an eine ganz andre Temperatur gewöhnt und dadurch verwöhnt ist, +so bringt diese herbstliche Kühle eine Empfindung hervor, die man +vergleichungsweise mit Recht Frost nennen kann, und dieses Frieren +und Frösteln verursacht Rheumatismus, Gesichtsschmerzen und allerlei +<span class="pagenum" id="Page_160">[S. 160]</span>dergleichen Erfreulichkeiten, tout comme chez nous. Es ist daher auch +sehr zweckmäßig in dieser Jahrszeit hier wollene Strümpfe, Flanell und +überhaupt wollene Bekleidung zu tragen.</p> + +<p>Mittlerweile gakeln meine Hennen jeden Morgen lustig beim Eierlegen, +und andere sitzen und brüten. Die hier zu Lande etwas seltenen +Singvögel, von denen ich mir einige angeschafft habe, zwitschern +fröhlich in freier Luft ihr drolliges Lied; besonders der eine, <span class="antiqua">cien +voces</span> (hundert Stimmen) genannt, der alle nachmacht und mitunter +sogar den volltönigen harmonischen Schlag der Nachtigall hören läßt. In +unserm Gärtchen blühen Rosen, Veilchen und Reseda! bei Euch aber wirft +man sich jetzt wohl mit Schneeballen! So hat denn jeder das Seine! Ihr +friert und wir schwitzen; das ist der ganze Unterschied! Das Letztere +that ich noch gestern zur Genüge auf einem Ritt nach Guadeloupe, der +berühmten Kirche und Capelle auf einem hohen Felsen unweit von hier, +wovon ich Dir schon früher sprach. Es geht damit aber, wie mit vielen +andern Dingen, d. h. es nimmt sich besser in der Ferne aus, als in der +Nähe, denn obwohl das Kloster (eine Stiftung für geistliche Frauen) +sehr reich ist, weshalb denn auch Santa Anna den frommen Nonnen +während seiner Belagerung einen Besuch abgestattet, und sich in aller +Höflichkeit einen kleinen Beitrag zu seinen Kriegskosten von ihnen +erbeten und <em class="gesperrt">erhoben</em> hat, so geräth hier doch alles Aeußere, +namentlich die steinerne Treppe, welche nach der höchst gelegenen +Capelle führt, sehr in Verfall, und nur das <em class="gesperrt">steinerne Schiff</em> hat +bis jetzt noch dem Zahn der Zeit getrotzt. Mit diesem Schiff hat es +aber folgende Bewandniß:</p> + +<p>Ein reicher Kaufmann in Mexico hatte schon lange seinen Sohn von Cadix +zurückerwartet, und fing endlich in der stürmischen Jahrszeit an, zu +befürchten, daß demselben ein Unglück ans der See zugestoßen sei! +Der Vater richtete nun seine Gebete <span class="pagenum" id="Page_161">[S. 161]</span>an die hier waltende Heilige +nuestra Señora de Gouadeloupe, und gelobte ihr eine <em class="gesperrt">Fregatte</em> +zum Geschenk, wenn ihm der Sohn erhalten und in die Arme zurückgeführt +würde. Es dauerte nicht lange, so kam der verloren geglaubte Sohn in +Vera-Cruz glücklich und wohlbehalten an; der Vater aber hielt Wort, und +ließ der Schutzpatronin, nahe bei der Capelle, auf hohem Felsen, ein +Monument von weißen Steinen hinsetzen, das, vom Thale aus, weit mehr +als in der Nähe, einer Fregatte mit vollen Segeln täuschend ähnlich +sieht! Die Heilige scheint indeß bis jetzt noch nicht Lust gehabt zu +haben, sich damit auf den Ocean zu wagen; das Schiff steht noch immer +auf dem alten Fleck, obwohl der Wind seit 100 Jahren ihm die Segel +schwellt!</p> + +<p>Zum Schluß habe ich Dir aber noch die traurige Nachricht mitzutheilen, +daß unser alter Freund Sulzer vor einigen Tagen gestorben ist. Er hat +das hohe Alter von 82 Jahren erreicht, und blieb kräftig an Geist und +Körper, bis etwa 14 Tage vor seinem Ende, wo er anfing bettlägerig +und immer schwächer zu werden, bis er zuletzt, ohne Leiden, sanft +entschlief. Er war natürlich der Veteran aller Fremden hier, und +einer der Wenigen, die schon <em class="gesperrt">vor</em> Humboldt hier gewesen. Vor 10 +Jahren besuchte er Mexico zum zweiten Male, und zwar als Agent der +rheinisch-westindischen Compagnie. Er versah darauf bis zur Ankunft +des ersten preußischen General-Consuls, Geheimen-Raths Koppe, die +Functionen des preußischen Consulats, und zuletzt die der deutschen +Hansestädte. Er hinterläßt den Ruf eines braven Mannes, und sein, von +Einheimischen und Fremden zahlreich begleitetes Leichenbegängniß, +beweist, daß er hier in allgemeiner Achtung stand. Friede sei mit +seiner Asche!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_162">[S. 162]</span></p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_9_Jan_1833">Mexico, den 9. +Januar 1833.</p> + +<p>Pedraza, der nunmehrige Präsident, und sein College, Santa Anna, der +sich schon längst den Namen des <em class="gesperrt">Befreiers</em>, <span class="antiqua">el liberator</span> +beigelegt hatte, haben nicht lange auf sich warten lassen. Gleich +nach der Einladung der hiesigen Garnison, von der ich Dir in meinem +Letzten sprach, brachen sie von Puebla auf, zögerten aber vorsätzlich +bis zum ersten Tage des Jahrs, weil mit dem letzten des vorigen der +Congreß gesetzlich zu Ende ging, und sie auf diese Weise einen neuen +zusammen berufen können, ohne den alten gewaltsam auflösen zu müssen. +Da nun der 2. Januar der Jahrestag der Revolution von Vera-Cruz ist, +so beschloß man, den Einmarsch der vereinigten Armee auf diesen Tag zu +verlegen, wo er denn auch unter Glocken-Geläute und Kanonen-Donner, +jedoch ohne besonders großen Volks-Jubel statt fand. Es mogten ungefähr +10,000 Mann von allen Waffen-Gattungen seyn, welche (abwechselnd ein +Corps von Santa Anna, und dann wieder eins von Bustamante) an dem +genannten Tage einmarschirten, und keine andere Abzeichen hatten, als +ein grün-seidenes Bändchen, das die Santanisten, und ein rothes, das +die Bustamantisten an den Mützen und Hüten trugen. Kenntlicher waren +die Truppen von Santa Anna durch ihre mehr südlich-braune Gesichtsfarbe +und minder pünktliche Uniformirung; man sah es besonders der Reiterei +an, daß sie in der Eile formirt war, und aus Landleuten bestand, +welche freilich hier zu Lande alle gut zu Pferde sind, während die +Gouvernements-Cavallerie, die überhaupt für die beste Waffengattung der +Mexicaner gilt, eine schöne militairische Haltung hatte.</p> + +<p>Uebrigens hatten alle Truppen gleiche Uniform, gleiche Waffen, gleiche +Fahnen, und verdienten die ihnen nunmehr beigelegte Benennung der +<em class="gesperrt">vereinten mexicanischen Armee</em> um so mehr, da mittlerweile +auch einige Corps von Moctezuma <span class="pagenum" id="Page_163">[S. 163]</span>dazu gestoßen waren. Am 3. hielten +darauf Pedraza und Santa Anna persönlich ihren feierlichen Einzug. +Alle Truppen waren auf dem großen Platze vor dem National-Pallaste +aufgestellt, eine Abtheilung von jeder Waffengattung marschirte den +Helden des Tags entgegen, und holte sie, begleitet von der Magistratur +und den Honoratioren der Stadt, gleichsam im Triumph ein. Santa Anna +(in reicher Generals-Uniform) und Pedraza (in Civil-Kleidung, schwarz) +fuhren in einem mit Vieren bespannten Wagen vorauf; (Bustamante zog +es vor, diesem Einzuge nicht beizuwohnen, und ging auf andern Wegen +allein nach seiner Wohnung in der Stadt). Das Officier-Corps war zu +Pferde, und so ging der Zug nach der Cathedrale, woselbst die hohe +Geistlichkeit den Präsidenten und den Befreier am Eingange der Kirche +empfing und bewillkommte! Nach gehaltener Messe ging der Zug durch +doppelte und dreifache Truppen-Spaliere, nach dem nahen Pallaste, +und endete so die erste Abtheilung der Tagesfeier! Daß dabei die +ganze Zeit über, an Glockengeläute, Kanonendonner, Gewehrfeuer und +Hurrahrufen kein Mangel gewesen, bedarf wohl keiner Erwähnung. Der +Einzug war übrigens in der That recht glänzend, und die Truppen hatten +eine bessere Haltung, als man nach den vorangegangenen Strapazen und +Märschen hätte erwarten sollen; ihre Musik war mitunter vortrefflich. +Abends war Illumination, Schauspiel u. s. w., aber wenn auch hier und +da ein allegorischer Aufzug durch die Straßen fuhr, und dem Befreier +ein Vivat brachte, so konnte man das Ganze doch nur ein militairisches +und keineswegs ein Volksfest nennen! Die große Masse blieb eben so kalt +bei der Einsetzung der neuen Regierung, wie früher bei dem Abtreten der +alten, und sobald der Einzug vorüber war, ging Jedermann, der nicht +durch eine amtliche Stellung dabei bleiben mußte, seinen Geschäften +wieder nach. Nichts desto weniger läßt es sich <span class="pagenum" id="Page_164">[S. 164]</span>nicht läugnen, daß +die Revolution kein glücklicheres Ende hätte nehmen können, als durch +die Dazwischenkunft und nunmehrige Anerkennung des, (wie ich oben +bemerkte) im Grunde doch allein rechtmäßig erwählten, Präsidenten +Gomez Pedraza. Nur auf diesem Wege war es möglich, dem Bürgerkriege +Einhalt zu thun, der auf nichts weniger als Vertilgung der einen +oder andern Partei auszugehen schien. Nun aber, da eine Autorität +aufgetreten und anerkannt ist, welche allen Theilen gerecht zu werden +verspricht, ist allen den Nachtheilen vorgebeugt, die eine gewaltsame +Umwälzung, durch einen vollständigen Sieg einer Partei über die andere, +gewöhnlich im Gefolge hat. Die hier Handel treibenden Fremden werden +sich bei diesem Wechsel der Dinge auch nicht schlecht stehen, und mehr +persönliche Sicherheit genießen, als unter dem nunmehr gestürzten +Gouvernement, welches allen, nicht altspanischen, Europäern abhold +war, und einer großen Intoleranz fröhnte. Dieser Haß gegen die nicht +spanischen Fremden, ward von den vorigen Machthabern, und namentlich, +von dem jetzt aufgelösten, aristokratisch und theokratisch gesinnten +Congreß, besonders in der allerletzten Zeit, zu einer Höhe getrieben, +von der man sich kaum einen Begriff machen kann, und der gewiß +Personen und Eigenthum in Gefahr gesetzt haben würde, wenn diese, sich +selbstgefällig legitim nennende, Partei, den Sieg davon getragen hätte. +Von der jetzigen Regierung läßt sich mit Grund Besseres erwarten; sie +hegt liberalere Ansichten, legt mehr Werth auf ein gutes Einverständniß +mit allen europäischen Nationen, und ist in religiöser Hinsicht +tolerant. Es scheint mir überhaupt, daß dies die erste Revolution +in Mexico war, welche nicht als eine bloß persönliche zwischen zwei +Partei-Chefs anzusehen ist, sondern einen gänzlichen Wechsel von +Principien, zum Grunde und zur Folge gehabt hat. Irre ich hierin nicht, +so steht diesem Lande eine schöne und große Zukunft <span class="pagenum" id="Page_165">[S. 165]</span>bevor; man wird +Religionsfreiheit gestatten, und dadurch Einwanderung veranlassen; eine +vermehrte Bevölkerung wird den Werth des Grund-Eigenthums erhöhen, und +namentlich der Ackerbau-Industrie einen Aufschwung geben, wie man ihn +jetzt noch für unmöglich hält.</p> + +<p>Der jetzige Präsident, Pedraza, hat in den letzten Jahren einen großen +Theil von Europa (unter andern auch unsere schönen Rheinprovinzen) +bereist, und ist von den Vorzügen europäischer Civilisation +durchdrungen; die vereinigten Staaten bewundert er nicht minder, und +die Wahl seiner Minister zeigt, daß er in einem Geiste zu regieren +gedenkt, der es bedauern läßt, daß die noch übrige Frist seiner +constitutionellen Regierungs-Periode so kurz ist. Es wäre zu wünschen, +daß sie ausnahmsweise durch einen National-Congreß verlängert würde. +Alles hat hier bereits eine freundlichere Gestalt angenommen; das Land +geht gewiß einer besseren Zukunft entgegen, und, als natürliche Folge +davon, dessen Handel mit Europa nicht minder.</p> + +<p>Mit der Befreiungs-Armee kam denn auch mancher wieder, der früher die +Hauptstadt aus politischen Gründen verlassen und gemieden hatte, und +so sahen wir denn auch unsern Landsmann H., der, wie Du aus meinen +frühern Briefen weißt, in der Schlacht von Tolome gefangen, nachher +aber wieder entkommen war, als wirklichen Obristlieutenant bei der +Artillerie von Santa Anna angestellt, mit einem Paar schweren goldenen +Epaulets einherziehen! Ein für Mexico weit wichtigerer Mann, der +verbannt gewesen und jetzt zurückgekehrt ist, ist aber Don Lorenzo +de Zavala, früher Finanz-Minister und Civil-Gouverneur vom Staat von +Mexico, welche letztere Stelle er denn auch sofort in Toluca wieder +eingenommen hat. Stets ein gescheuter und gewandter Mann, hat er +während seiner Verbannung Europa und die vereinigten Staaten mit Nutzen +<span class="pagenum" id="Page_166">[S. 166]</span>bereist, und soll nun, von liberalen Ideen durchdrungen, entschlossen +seyn, Alles aufzubieten, seinem Vaterlande die Segnungen der Toleranz +und Civilisation zu Theil werden zu lassen. Er hat in Europa ein Buch +über die neuesten Revolutionen dieses Landes geschrieben, welches +sehr freisinnig abgefaßt ist; wir erhielten es von Nordamerika aus, +kurz vor dem Umsturze der vorigen Regierung, und es erregte damals +ungemeines Aufsehen. Sollte Zavala, wie man glaubt, ins Ministerium +kommen, so wird er, davon bin ich überzeugt, große Veränderungen im +liberalen Geiste hervorbringen, und besonders der Geistlichkeit die +Flügel beschneiden, was ihm gar nicht einmal so schwer fallen wird wie +manche glauben, denn so weit meine Beobachtungen reichen, herrscht +in der gebildeteren Classe, die denn doch am Ende hier wie überall +das Schicksal einer Nation leitet und lenkt, durchaus kein solcher +religiöser Fanatismus, wie von manchen behauptet wird, und selbst unter +den Geistlichen zeigen sich mitunter liberale und zeitgemäße Ideen, +die sie zu äußern keinen Anstand nehmen. Hätte <em class="gesperrt">Canning</em> zur +Zeit der Unabhängigkeits-Anerkennung des spanischen Südamerika’s auf +Religionsfreiheit bestanden, er würde sie erlangt, und diesen Ländern +eine unberechenbare Wohlthat erzeigt haben! Aber es galt damals weniger +den Grundsätzen der Freiheit und der Menschenrechte zu huldigen, als +der Politik in Europa zu imponiren, und deshalb ward die Sache so +übereilt, daß in dem Tractate mit Mexico nicht einmal das, bei den +englischen Gesandschaften fast überall erlangte Privilegium einer +<em class="gesperrt">eignen Capelle</em>, vorbehalten ward, was doch als erster Schritt in +der Religionsfreiheit, einen mächtigen Einfluß hätte ausüben müssen.</p> + +<p>Indessen haben Preßfreiheit und der Umgang mit Ausländern bereits +vieles bewirkt. Der in Europa, als der erste mexicanische Gesandte in +England, bekannt gewordene Roccafuerte, <span class="pagenum" id="Page_167">[S. 167]</span>hat in einer geistreichen, +hier gedruckten Schrift förmlich auf Einführung von Religionsfreiheit +angetragen; und wenn er auch damit nicht durchgedrungen ist, so hat er +doch die Sache zur öffentlichen Discussion gebracht, und Ideen geweckt, +die gute Früchte tragen werden.</p> + +<p>Bei der Beobachtung der äußern religiösen Formen ist man bereits viel +toleranter als früher, und das Nichtbegrüßen eines heiligen Bildes, +oder das Bedecktbleiben beim Einläuten der Oracion u. dgl., wird nicht +mehr beachtet. Man fordert zwar allerdings noch immer, selbst von den +Fremden, die Kniebeugung vor dem “Allerheiligsten” wenn dasselbe auf +dem Wege nach den Sterbenden, wie üblich, durch die Straßen gefahren +wird. Aber man duldet nun doch ohne Rüge, wenn es im Innern des +Hauses unterbleibt, oder wenn man dem Zuge in der Straße ausweicht. +Dies Letztere kann man denn nun freilich stets zeitig genug thun, da +das vorangetragene, helltönende Glöcklein, und der schrille Gesang +der dabei nie fehlenden Litanei, das Herankommen der Hostie lange +voraus verkünden! Diese Hostie, hier <span class="antiqua">nuestro amo</span> (unser Herr) +genannt, wird von einem Priester im Ornat, in einer schönen, mit vier +weißen Maulthieren bespannten Glas-Kutsche, getragen, und von einigen +Priestern und Messnern, welche nebenher gehen, begleitet. Zu diesen +gesellen sich aus dem Volke eine doppelte Reihe von Alt und Jung, +welche die Litanei singen, und wenn es Nacht ist, Kerzen und Fackeln +tragen, wodurch sich denn der Zug ganz stattlich ausnimmt! Die Wachen +treten vor demselben ins Gewehr, und die erste detachirt ein paar Mann, +welche die Procession begleiten, zwar bewaffnet, aber mit unbedecktem +Haupte, den Chaco in der Hand, und auch der reitende Kutscher hält den +Hut in der Hand. Wo dann der Zug hinkommt, stürzt alle Welt auf die +Kniee, und bleibt in dieser Stellung, bis der Schall des Glöckleins +fast verklungen ist.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_168">[S. 168]</span></p> + +<p>Daß dies in einer so volkreichen Stadt, wo so viele Menschen sterben, +und von diesen fast jeder vorher die letzte Oelung erhält, etwas häufig +vorkommt, kannst Du Dir denken. Der besagte Staatswagen steht fast +immer fertig angespannt bei der Cathedrale, um jeden Augenblick für den +“ernsten letzten Gang” parat zu seyn. Friede sei mit jedem, der ihn +wandelt! Adieu, Adieu.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_7_Feb_1833">Mexico, den 7. +Februar 1833.</p> + +<p>Heute habe ich denn endlich wirklich gepackt, und meine Koffer durch +einen Ariero nach Vera-Cruz vorausgesandt, um ihnen in wenig Tagen +selbst zu folgen; mein Herz freut sich dessen, denn es rückt mir den +seligen Augenblick des Wiedersehens näher und näher.</p> + +<p>Du wirst begreifen, daß ich Mexico nicht gerne verlassen wollte, +ohne die Werke gesehen zu haben, welche der deutsch-amerikanische +Bergwerks-Verein zu Elberfeld in diesem Lande besitzt. Dieser Verein +ist für das ganze Vaterland ein zu wichtiges Unternehmen, als daß es +nicht das Interesse eines jeden hier anwesenden Deutschen in Anspruch +nehmen sollte, um wie viel mehr also das meinige, der ich der Sache in +so vieler Beziehung so nahe stehe. Da nun S. wünschte, mich noch vor +meiner Abreise auf den Werken selbst zu sehen, so entschloß ich mich +vor ungefähr 14 Tagen, ihn in <em class="gesperrt">Anganguco</em>, so heißt das Revier wo +er wohnt, zu besuchen. Dies war denn eine kleine Reise von 3 Tagen hin, +und eben so viel zurück, die ich Dir beschreiben will, um Dir das Land +auch nach dieser Richtung hin zu zeigen.</p> + +<p>Mein Weg ging diesmal nördlich, und führte zuerst über ein hohes, mit +dichten Waldungen bewachsenes, Gebirge, Las Cruzes genannt, wo man +mehreren, von Holz erbaueten und mit guten <span class="pagenum" id="Page_169">[S. 169]</span>Brettern beschlagenen +Indianer-Wohnungen, mit Erfrischungen für Reisende, begegnet, und unter +andern auch eine große, recht hübsche Herberge (<span class="antiqua">fonda</span>) antrifft, +welche einen gemauerten Hofraum und Quell-Wasser genug für eine ganze +Caravane von Maulthieren besitzt, weshalb denn auch die Arieros, bei +ihren Transporten von Mais, Weizen u. dgl., nach der Hauptstadt, hier, +als in ihrer letzten Station, übernachten. Am jenseitigen Fuße dieses +Gebirges beginnt das, 1200 Fuß höher als Mexico gelegene, mithin viel +kältere, aber nichts desto weniger schöne und fruchtbare Thal von +Toluca; man hat hier im Winter häufig Schnee und Eis, und von den, +das Thal einschließenden Bergen, sahen auch wir die meisten noch mit +weißbeschneieten Häuptern in die Wolken ragen; aber dennoch wächst hier +vortrefflicher Weizen, aus dessen Mehl für uns in Mexico das schönste +Brodt, welches man nur wünschen kann, bereitet wird. Die große Masse +des Volks ißt aber überall in der Republik kein Weizenbrodt, sondern +eine Art dünner und weicher, aus Mais-Mehl angefertigter Fladen, +Tortillas genannt, welche in jeder Hütte von den weiblichen Bewohnern +frisch bereitet und gebacken, und meistens warm gegessen werden. Der +gemeine Mann kennt keine andere Art Brodt, und ißt es meistens so, daß +er Fleisch oder andere Speise in seine Tortilla einwickelt, und so, +ohne Hülfe von Messer und Gabel, seine Mahlzeit macht.</p> + +<p>Im Thal angelangt, kommt man zuerst nach Lerma, einem kleinen +unbedeutenden Flecken, der jedoch durch seine Situation, umgeben von +Sümpfen und Gewässern, öfter schon als fester Waffenplatz gedient hat. +Von hier führt der Weg durch eine fruchtbare Ebene nach dem nicht sehr +entfernten Toluca, bekanntlich jetzt die Hauptstadt des Staates Mexico. +Da bis hierher täglich eine der schon früher erwähnten amerikanischen +Diligencen fährt, so bedienten wir uns derselben, und sandten <span class="pagenum" id="Page_170">[S. 170]</span>unsere +Pferde u. s. w. Tags zuvor voraus, um den nächsten Morgen mit frischen +Thieren weiter gehen zu können. Wir kamen schon um 4 Uhr Nachmittags +an, und hätten also Zeit genug gehabt, die Merkwürdigkeiten Toluca’s +zu besehen, wenn deren vorhanden gewesen wären; ich wüßte jedoch +von dieser Hauptstadt weiter nichts zu sagen, als daß es ein ganz +freundlicher Ort ist, welcher sich zu heben scheint; es wird wenigstens +viel daselbst gebaut. Nichts kann jedoch erbärmlicher seyn, als der +Gasthof, worin wir übernachteten, und der uns als der <em class="gesperrt">beste</em> +empfohlen war. Die Zimmer, welche man uns anwies, hatten zwar +allerdings eine Thüre und auch ein Fenster ohne Glasscheiben, nur +mit hölzernen Läden, ferner 4 weißgewaschene Wände, einen steinernen +Fußboden, einen kleinen hölzernen Tisch und Stuhl, endlich einen +sogenannten Bock, in der Ecke, um das, von uns selbst mitgebrachte, +Bett darauf auszubreiten! Das war aber auch alles! Einen <em class="gesperrt">zweiten</em> +Stuhl, um am Abend mit meinem Reisegefährten den, versteht sich, auch +mitgebrachten und von unserm Bedienten bereiteten Thee in demselben +Zimmer zusammen zu trinken, konnten wir nur nach vielem Bitten, als +eine Gefälligkeit von der Wirthin, erlangen. Du kannst hieraus auf +den “Comfort” dieses Hotels schließen! Zu essen bekamen wir daselbst +auch nicht das mindeste, man verwies uns damit an die Garküchen in der +Stadt, unter welchen wir denn auch eine erträgliche fanden, und dort +ein Mittagsmahl einnahmen, womit wir uns in Europa, in einer Stadt +gleichen Ranges, wohl schwerlich begnügt hätten.</p> + +<p>Am nächsten Morgen setzten wir unsere Reise zu Pferde fort, und kamen, +in einem offenen und fruchtbaren Landstriche, durch mehrere schöne +und große Dörfer, und an andern ähnlichen vorbei, deren indianische +Namen ich Dir aber nicht nenne, weil es kein Interesse für Dich haben +kann, von Ortschaften <span class="pagenum" id="Page_171">[S. 171]</span>wie Dejagégé, Amaloya u. dgl. zu hören, die +Du doch auf keiner Charte finden würdest. Gegen Abend erreichten +wir die Ventilla, ein einzeln stehendes Wirthshaus, worin wir +übernachteten, und wo wir früher eingetroffen seyn würden, wenn wir +nicht, durch das Wiedereinfangen unserer häufig entlaufenen Handpferde +und Maulthiere, so viel Zeit verloren hätten. Dies ist wirklich +eine große Unannehmlichkeit bei dem Reisen hier zu Lande, aber eine +unausbleibliche, weil man die Mozos (Reitknechte) nicht dahin bringen +kann, die Thiere an einander zu binden; sie lassen sie immer einzeln +laufen, und suchen sie durch Hin- und Hergalloppiren in einem Trupp +zusammen zu halten. Dies gelingt ihnen denn auch so lange man auf +gebahnten Wegen bleibt, kommt man aber auf offne Felder, so sprengen +natürlich die ungebundenen Thiere nach allen Richtungen hin, und müssen +dann von den, ihnen nachjagenden, Mozos mit dem Lazo, (dem bekannten +Fangseil, ohne welches kein Mozo zu Pferde steigt) wieder eingefangen +werden. Obgleich nun hierdurch viel Zeit verloren geht, und die Thiere +mehr als nöthig, ermüdet werden, so hilft doch alles Schelten und +Tadeln nichts; die Geschichte wiederholt sich stets von Neuem, und der +Herr muß sich zuletzt in die Laune des Dieners, christlich-geduldig! +fügen. Kommt man alsdann auf dem Nachtquartier an, (was in der Regel +früh geschieht, weil man früh aufbricht, nirgends förmlichen Mittag +hält, und ungefähr 10 Stunden lang in einem fortreitet) so kann man die +Pferde der Sorgfalt der Mozos ruhig überlassen, indem sie einestheils +gehörig von ihnen gepflegt werden, und anderntheils hier zu Lande nicht +verwöhnt sind, sondern mit einem Lager und Futter vorlieb nehmen, wie +wir es den Pferden in Deutschland nicht bieten würden.</p> + +<p>Da die Ventilla sehr hoch, und auf einem Punkt liegt, wo sie von allen +Winden gepackt werden kann, an jenem Tage <span class="pagenum" id="Page_172">[S. 172]</span>aber kein freundlicher +blies, so war es am Abend tüchtig kalt geworden. Wir hatten Besitz von +dem einzigen Raum genommen, der für einkehrende Fremde hier vorhanden +ist, und suchten uns so bequem einzurichten, als es eben gehen wollte. +Der Fußboden dieses brillanten Locals war weder gediehlt noch getäfelt, +sondern ziemlich uneben aus Lehm-Erde festgestampft; das Tageslicht +erhielten wir, spärlich genug, durch die Thüre und durch das Fenster +ohne Glasscheiben. Ein Tisch und eine Bank in einer Ecke, nebst dem +Bettgestell in der andern, machten das ganze Ameublement aus. Wir +vermehrten dasselbe mit unsern Betten und sonstigem Gepäcke, ließen +uns ein Huhn in Reis abkochen, und auf diese Weise eine gute Suppe +bereiten, so daß wir, mit Hülfe einiger frischen Eier, und dem, in +unserm Proviant-Korbe noch vorhandenen, kalten Braten, ein ganz gutes +Mahl einnehmen, und darauf, bei geschlossenen Thüren und Fenstern, +bequem zu Bette gehen konnten. Unsere Leute schienen sich aber weniger +behaglich zu fühlen, sie zündeten, um sich zu erwärmen, vor unserer +Thüre ein tüchtiges Feuer an, in dessen Nähe sie sich lagerten, und so +die Nacht im Freien zubrachten. Die recht hübsche, junge Frau eines +der Mozos, den sie nach Anganguco, seiner Heimath, begleitete, war +von dieser Nachtparthie im Freien nicht ausgeschlossen, und theilte +überhaupt alle Strapazen der Reise, wie es mir schien, mit frohem +Muthe. Sie verstand das Reiten recht gut, ritt aber, wie das schöne +Geschlecht hier zu Lande überhaupt, oder doch meistens, auf einem +Quersattel. So wie wir diese Nacht zubrachten, hatten wir, trotz der +isolirten Lage unsers Wirthshauses, wenigstens von einem Ueberfall +nichts zu befürchten; auf der einen Seite unsers Schlafzimmers war +die Küche, und, wie es schien, die allgemeine Schlafstelle der +zahlreichen Familie, groß und klein und alt und jung, deren Oberhaupt +sich aber, wahrscheinlich, weil ihm des Lärms zu viel <span class="pagenum" id="Page_173">[S. 173]</span>ward, oder des +Platzes zu wenig, zu uns flüchtete, und in der einen Ecke der Stube, +auf Pferdedecke und Sattelzeug, übernachtete; auf der andern Seite +bivouakirte, wie schon gesagt, unsere Dienerschaft vor der Thüre nach +dem Hofe hin, und wir waren mithin, wie Du siehst, bewacht genug. Am +andern Morgen brachen wir, wie gewöhnlich, früh auf, nachdem wir zuvor +die landesübliche Chocolade eingenommen, und mit unsern behaglichen +Wirthen, welche in ihrer Art sehr wohlhabend zu seyn schienen, die +keineswegs billige Rechnung berichtigt hatten. Solche Leute haben hier +zu Lande, außer einer Schenkwirthschaft und Herberge für übernachtende +Fremde, einen kleinen Laden (<span class="antiqua">tienda</span>), und treiben etwas Ackerbau +und Viehzucht (von Schweinen, Federvieh u. dgl.), was sie denn alles +reichlich nährt. Unter dem Geflügel befanden sich auch die hier zu +Lande nicht häufigen Gänse, deren so lange nicht gehörtes Geschnatter +und gellendes Geschrei, mir die vaterländischen Dorfschaften, an die +mich die sonstigen Umgebungen eben nicht erinnern konnten, lebhaft +ins Gedächtniß zurückrief, ohne mir jedoch, wie dem Schweizer der +Kuhreihen, das Heimweh zu geben.</p> + +<p>Wir kamen nun sehr bald in andere Gegenden, nämlich in Wälder und +Gebirge, und nachdem wir diese stundenlang durchzogen hatten, gelangten +wir in ein hübsches, freundliches aber enges Thal, durch welches ein +starker Waldbach strömte, und auf dessen Wiesengrund man mit neuen +Bauten beschäftigt war, welche wir bald für Schmelzöfen erkannten, und +wo wir an <em class="gesperrt">den deutschen Begrüßungen, die uns entgegen schallten</em>, +gewahrten, daß wir uns dem Ziele unserer Reise näherten. Es war dies +nämlich der Anfang der Werke des deutschen Vereins, und der, hier +angesiedelte, deutsche Dirigent dieser Schmelz-Anlage hatte es sich +in seiner, übrigens nur hüttenartig erbauten, Wohnung recht bequem +eingerichtet; er <span class="pagenum" id="Page_174">[S. 174]</span>war (gleich mehreren anderen deutschen Bergleuten) +mit einer Eingebornen verheiratet, und schien sehr zufrieden. Die +Anlage ist in einem, von hohen Bergen umgebenen, Kessel, und weit +tiefer gelegen, als der Standpunkt, auf dem wir uns am Morgen befanden, +es ist deshalb hier auch schon wieder viel wärmer, aber dennoch gesund. +Wir erfrischten uns hier auf eine angenehme Weise, mit guter Milch, +Brodt und Butter, nahmen von unserm wackern Landsmann und seiner +etwas braunen Gattin Abschied, und ritten weiter nach Anganguco, +woselbst wir um 4 Uhr Nachmittags ankamen. Der Weg dahin ist ein +sehr beschwerlicher; ehe man den Ort erreicht, von welchem das ganze +Revier seinen Namen entlehnt, muß man über hohe Berge und durch tiefe +Schluchten, die oft so dicht mit Wald ausgefüllt und überwachsen sind, +daß Dir mitunter gewiß schauerlich zu Muthe geworden seyn würde, zumal +wenn Du Dich der Raubthiere erinnert hättest, von denen man so manche +Geschichtchen hört und liest. Du würdest Dich aber in dieser Hinsicht +bald beruhigt haben. Mexico ist überhaupt an wilden Thieren arm. Nur in +Californien giebt es viele und große Bären, in den übrigen Theilen der +Republik ist aber von Raubthieren kaum die Rede. Hie und da finden sich +wohl einzelne Löwen und Tieger, sie sind aber nicht allein sehr selten, +sondern auch weit weniger wild und grimmig, als ihre afrikanischen und +asiatischen Brüder oder Vettern. In einigen Minendistricten werden die +jungen Löwen als eßbares Wild betrachtet, und zu dem Ende förmlich +gejagt, ihr Fleisch ist aber zähe und nicht so wohlschmeckend als unser +Wildpret.</p> + +<p>Man ist hier übrigens nicht mehr im Staat von Mexico, sondern in dem +von Michoacan, in welchem die Verwaltung leider minder liberal ist als +in jenem, wo der aufgeklärte Zavala an der Spitze steht. Der Flecken +Anganguco ist klein und unansehnlich, und besteht, außer dem nirgends +fehlenden <span class="pagenum" id="Page_175">[S. 175]</span>Marktplatze, aus fast nur einer Straße, in deren Mitte +das einstockige Haus steht, welches dem Vereine gehört, und von S. +und einigen der Beamten des Vereins bewohnt wird. Ich hatte mir das +Local schöner gedacht, aber von aller Schönheit und Annehmlichkeit +weit entfernt, ermangelt es sogar mancher notwendigen Bequemlichkeit, +und <em class="gesperrt">Schleiden</em> hat in der That dem Vereine kein kleines Opfer +gebracht, indem er die brillante Wohnung in dem schönen Mexico verließ +und hieher zog. Nur ein strenges Pflichtgefühl und die Ueberzeugung, +daß der Verein nur durch die größte Oeconomie und unausgesetzte +Aufsicht an Ort und Stelle zu retten sei, konnte ihn bewegen, zu +thun, was seine Vorgänger längst hätten thun sollen. Tausende, ja +viele Tausende wären erspart worden, und der Verein wohl nie in die +Verlegenheiten gekommen, in denen er sich jetzt befindet, wenn man +die Geschäftsverwaltung schon vor Jahren nach Anganguco verlegt +hätte. Ob diese Maaßregel jetzt noch helfen kann, wage ich nicht zu +entscheiden; es bleibt darum aber nicht minder ein großer Entschluß, +nach einem Orte zu ziehen, wo es so kalt und feucht ist, daß man das +ganze Jahr hindurch Feuer im Kamin haben muß, wo keine Resource von +Gesellschaft oder Unterhaltung zu finden ist, und wo die Umgebungen +der Natur eben so wenig Ersatz für all diese Entbehrungen darbieten, +und mithin der ganze Genuß des Lebens aus den sehr zweifelhaften +Hoffnungen des Gelingens eines höchst precairen Unternehmens geschöpft +werden soll.⁠<a id="FNanchor_18_18" href="#Footnote_18_18" class="fnanchor">[18]</a> <span class="pagenum" id="Page_176">[S. 176]</span>Ganz nahe hinter dem Wohnhause ist eine Silbergrube +des Vereins (<span class="antiqua">Carmen</span>), welche zwar die reichern Erze liefert, +aber mit der Gewaltigung des Wassers beständig zu kämpfen hat; etwa +eine halbe Legua oberhalb des Orts liegen sodann Valencia, Purissima +u. s. w., alles Gruben, welche nur arme Silber-Erze, aber von diesen +ein unermeßliches Quantum besitzen, so daß, wenn die jetzt eingeführte +deutsche Schmelzmethode sich bewährt, woran ich wenigstens nicht +zweifle, die Sache dennoch zu einem guten Endresultate geführt werden +kann, was der Himmel geben wolle. Die Bergwerke selbst beschreibe ich +Dir nicht, denn sie gleichen den unsrigen in Europa, und zeichnen sich +auch nicht, wie einige, den englischen Gesellschaften in diesem Lande +angehörige, durch kostbare Bauten, Dampfmaschinen u. dgl. aus.</p> + +<p>Die Schmelzöfen, welche nach deutschem Model erbaut sind, und auf +welchen die ärmern Erze zu gute gemacht werden, liegen mehrere Leguas +in der Runde; man kann diese natürlich nur da errichten, wo man +hinlängliche Wasserkraft findet, das Gebläse zu treiben, und auch von +den Kohlenbrennereien nicht zu weit entfernt ist.</p> + +<p>Die Handarbeit bei der Erz-Gewinnung aus den Gruben, beim Bauen, +Schmelzen u. s. w. geschieht durch Indianer, die, bei der geringen +Bevölkerung dieses Reviers, oft zum großen Nachtheil des Geschäfts, +aus entfernten Gegenden herangezogen <span class="pagenum" id="Page_177">[S. 177]</span>werden müssen. Die Aufseher, die +Schmelzer und Beamten des Vereins — sind alles <em class="gesperrt">Deutsche</em>, von +denen sich manche, durch Verheirathung mit Eingebornen, schon ganz +einheimisch gemacht haben.</p> + +<p>Die Amalgamir-Anstalt ist auf der andern Seite von Anganguco, etwa +eine Legua von den Gruben entfernt, dort werden die Erze gestoßen, +in Wasser abgeschlemmt, und wenn sie ganz breiartig geworden sind, +in Haufen abgetheilt und mit Quecksilber gemischt, durch welches +das Silber alsdann abgetrieben wird; da dies jedoch nur mit Verlust +eines großen Theils (40 à 50 <span class="antiqua">pCt.</span>) des edlen Metalls geschehen +kann, so ist diese Methode des Zugutemachens (wie es genannt wird) +nur bei den reichern Erzen anwendbar. Die Mischung des Erzes mit +dem Quecksilber geschieht durch das Treten eines Indianers, welcher +wochenlang einen solchen abgemessenen Haufen, täglich wohl ganze 10 +Stunden hindurch, mit seinen bloßen Füßen auf eine höchst gleichmäßige +Weise durchstampft; er setzt dabei die nackten Arme in die nackten +Seiten, und macht, mit den eben so nackten Beinen und auswärts +gekehrten Füßen, die Runde in dem breiartigen Erze, mit der Formalität +eines Tanzmeisters. Die guten schmutzbraunen Leute, welche diese +ermüdende Arbeit verrichten, sind sehr kräftig und besonders muskulös, +auch schienen sie mir munter und mit ihrer Beschäftigung zufrieden; +eine seltsame Erscheinung dabei ist, daß sie nicht die geringste üble +Wirkung von der Masse von Quecksilber verspüren, mit welcher ihr bloßer +Körper doch stets in Berührung kömmt.</p> + +<p>Nachdem wir nun während einigen Tagen alle Merkwürdigkeiten des +Bergwerk-Reviers besehen, und der Abfertigung eines Transports von +Silberbarren, von circa 10,000 Pesos an Werth, beigewohnt hatten +(welche für die Münze bestimmt, auf Maulthieren, unter der sehr mäßigen +Bedeckung einiger <span class="pagenum" id="Page_178">[S. 178]</span>wohlbewaffneten Mozos, und der Anführung eines +deutschen Conducteurs, zweimal im Monat von hier nach Mexico gesandt +werden) machten wir uns auf den Rückweg, und erreichten den ersten Tag +die Ventilla bei sehr guter Zeit. Wir hatten nämlich einen nähern Weg +gewählt, und eine Anhöhe (<span class="antiqua">Cuesta</span>) erstiegen, welche so steil +ist, daß das Herunterreiten seine Gefahren hat. Aufwärts ging es aber +mit den sehr vorsichtigen Maulthieren ganz nach Wunsch, und ersparte +uns einen bedeutenden Umweg. Die Aussicht, welche man stufenweise bei +Ersteigung dieses steilen Berges, nach entfernten Thälern hin genießt, +ist ausnehmend schön und großartig.</p> + +<p>In der Regel hat man hier in dieser Jahrszeit gar keinen Regen, +und unternimmt, in voller Zuversicht darauf, eine jede Reise, ohne +Schutzmittel gegen Wasser von oben herab. Das alte Sprichwort, “keine +Regel ohne Ausnahme,” sollte sich aber diesmal recht practisch an uns +bewähren, denn wir hatten die Ventilla kaum erreicht, als ein Gewitter +ausbrach, welches die ganze Nacht hindurch dauerte, und so viel Regen +im Gefolge hatte, daß er erst am nächsten Abend aufhörte. Da wir nun, +wie Du begreifen wirst, nicht Lust hatten, einen so traurigen Tag in +der noch traurigern Ventilla zuzubringen, so wagten wir es, uns auf den +Weg zu machen, in der Hoffnung, daß sich das Wetter aufklären würde; +darin hatten wir uns aber geirrt, und wir mußten 10 Stunden lang in +einem beständigen Regen reiten, ehe wir Lerma erreichten, wohin wir +unsern Weg, mit Umgehung von Toluca gerichtet hatten! Nie in meinem +Leben bin ich noch so durchnäßt gewesen; ich mußte mir die Stiefel +von den Füßen <em class="gesperrt">schneiden</em> lassen, alle Kleidungsstücke waren +triefend naß, und selbst unsere Betten feucht geworden! dennoch lief +alles gut ab. Wir fanden in Lerma ein ganz gutes Quartier, ließen Alles +trocknen, nahmen vor dem Schlafengehen etwas warme Speise und Trank, +und erwachten <span class="pagenum" id="Page_179">[S. 179]</span>den nächsten Morgen ohne alle Erkältung. Der Himmel war +heiter, und die bald sehr heiß werdende Sonne hatte, lange ehe wir das +Thal von Mexico erreichten, die noch übrig gebliebene Feuchtigkeit aus +den Kleidern herausgezogen! So kamen wir denn ganz trocken zu Hause, +eben als man sich zu Tisch setzen wollte. Wir nahmen Platz an der +Tafel, und ließen es uns gut schmecken.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Mexico_den_13_Feb_1833">Mexico, den 13. +Februar 1833.</p> + +<p>Am Schlusse meines Letzten, vom 7. Dieses, überraschte mich der +Abgang der Post, und ich mußte mich auf die, einmal angefangene, +Reisebeschreibung nach dem Bergwerk-Revier beschränken. Auch habe +ich Dir von hier nicht viel mehr zu erzählen. Es geht unter der +Regierung Pedraza’s alles seinen ruhigen Gang, und selbst die jetzt +stattfindenden <em class="gesperrt">Wahlen</em> eines neuen Präsidenten und anderer +hohen Magistratspersonen, obgleich sie <em class="gesperrt">öffentlich in den Straßen, +in elegant decorirten Buden</em> gehalten werden, in denen die +Bezirks-Beamten das Votum eines jeden Eingebornen entgegen nehmen, +(<span class="antiqua">universal suffrage</span>) erregt weder Enthusiasmus noch Unruhe; +so wenig nimmt das eigentliche Volk bis jetzt noch Antheil an der +Selbst-Regierung. Ich denke aber, daß dies besser werden wird, wenn +einmal das Militair mehr in den Hintergrund gedrängt ist, worauf die +jetzt am Ruder stehende Partei hinzuarbeiten sucht. Pedraza ist ein +kluger Mann, und sieht ein, daß republikanische Civil-Institutionen +nicht durch militairisches Regiment befördert und befestigt werden +können. Dies scheint er besonders in den vereinigten Staaten von +Nordamerika erkannt zu haben, und nun bemüht zu seyn, einen Theil des +dort herrschenden Geistes in sein Vaterland zu übertragen, was er denn +auch unverhohlen in seinen officiellen Antworten <span class="pagenum" id="Page_180">[S. 180]</span>an die Diplomaten, +die ihm zum Regierungs-Antritt Glück wünschten, geäußert hat. Ich +habe mich gestern, wo ich das Vergnügen hatte, in seiner Gesellschaft +zu Mittag zu essen, und neben ihm zu sitzen, sehr angenehm, über +diesen Gegenstand sowohl, wie über seine Reisen in Europa, mit +ihm unterhalten, wobei es mich überraschte, zu hören, welch einen +lebendigen Eindruck er von unsern schönen Rheingegenden behalten hat, +und wie er sich einzelner Orte und Gegenstände, und nicht minder der +dort vorherrschenden politischen Einrichtungen, erinnerte! Seine +junge, liebenswürdige und geistreiche Frau war leider nicht mit ihm in +Europa gewesen, sie war ihm nur in der letzten Zeit nach Nordamerika +gefolgt, schien sich aber dort recht gut gefallen zu haben, und hat +von daher eine Vorliebe für die englische Sprache mitgebracht, die der +Präsident selbst aber nicht mit ihr theilt, er zieht das Französische +vor, spricht aber auch dies nur unvollkommen. Von den vielen, in +diesen Tagen gemachten und empfangenen, Abschiedsbesuchen sage ich Dir +nichts, sondern verspare es auf mündliche Unterhaltung. Einen kann +ich aber doch nicht unerwähnt lassen, nämlich den bei den Damen D—’s +(der Mutter nebst ihren zwei liebenswürdigen Töchtern, mit welchen +ich von Bordeaux nach Vera-Cruz kam, und von da, wie Du Dich erinnern +wirst, nach Jalapa reiste). Dieser braven Frau ist es hier im Anfang +gar übel ergangen; ihr Plan, in Mexico ein Detail- und Modegeschäft +zu errichten, schlug gänzlich fehl; sie verlor Alles, ward krank, und +war hier fremd und verlassen! Ihre Lage war in der That eine traurige, +und es war schwer, zu sagen, wie zu helfen sei. Als Frau von starkem +Geiste aber faßte sie unter diesen Umständen den Entschluß, die Talente +ihrer wohlerzogenen Töchter, durch Anlegung einer Tagsschule, geltend +zu machen; ich gab mir, in Vereinigung mit mehreren Freunden, Mühe, ihr +Schüler zu verschaffen, und es gelang <span class="pagenum" id="Page_181">[S. 181]</span>über Erwartung; die Zahl der +kleinen Zöglinge wuchs bald auf 12 bis 15, welche für den Unterricht +im Französischen, Rechnen, Schreiben, Zeichnen, Malen und Händearbeit +monatlich 10 à 12 Pesos zahlen, und ich habe nun die Satisfaction, +meine Freundinnen nicht allein sorgenfrei, sondern selbst in ganz +guten Umständen zu verlassen, und bedaure nur, dem ersten Examen in +ihrer Schule, welches schon in 8 bis 14 Tagen stattfinden soll, und +worin sich mehrere der kleinen Schülerinnen vortheilhaft auszeichnen +werden, nicht beiwohnen zu können! Das geht aber nicht, denn morgen +mit dem Frühesten verlasse ich diese gerühmte Hauptstadt der neuen +Welt, in welcher ich vor 13 Monaten ankam, ohne damals zu ahnden, +daß ich darin so lange verweilen, so Vieles würde erleben müssen! +Wenn mich aber mein Aufenthalt in diesem Lande nicht so befriedigt +hat, wie ich es damals hoffte, wenn ich des Unangenehmen hier vieles +erlebt und erduldet habe, so muß ich, um gerecht zu seyn, doch auch +gestehen, daß mir manches Angenehme zu Theil geworden ist! Ich habe +den eignen Sohn im selbstständigen Wirken in der Fremde gesehen, habe +viel Merkwürdiges und Neues zu beobachten Gelegenheit gehabt, manche +interessante Bekanntschaft theils erneuert, theils gemacht, selbst +hier und da Freundschaft geschlossen, und bin außerdem überall so +zuvorkommend aufgenommen und mit so viel Höflichkeit und Güte behandelt +worden, daß eine dankbare Erinnerung daran nie in mir erlöschen wird. +Ich habe daher nicht über das Land und die Menschen zu klagen, sondern +nur <em class="gesperrt">über Ereignisse, welche dem Schicksal angehören</em>!</p> + +<p>Nichts desto weniger freue ich mich der Rückkehr nach Europa; und — +wie wäre dies auch anders möglich, da ich dort Alles besitze was dem +Leben höhern Werth verleiht, Dich, die Kinder und erprobte Freunde! +Allein, es bedarf auch der ganzen Stärke dieses Magnets, um mich in +meinem Vorsatze, <span class="pagenum" id="Page_182">[S. 182]</span>die Rückreise <em class="gesperrt">jetzt</em> anzutreten, verharren zu +machen, denn, ich darf es Dir ja nicht verhehlen, ich bin seit ein paar +Wochen sehr leidend, und die hiesigen Aerzte fordern mich auf, meine +Wiederherstellung <em class="gesperrt">hier</em> abzuwarten; da sie diese aber selbst +nicht unter 3 Monaten versprechen zu können glauben, und ich mithin +dadurch genöthigt seyn würde, der, im May eintretenden, ungesunden +Küsten-Jahrszeit wegen, bis October hier zu bleiben, so kann ich mich +nicht dazu entschließen, sondern reise ab, in der Hoffnung, mich +wenigstens nicht zu verschlimmern, und mich dann einer Radical-Cur +in der Heimath zu unterwerfen! Möglich wäre es ja auch, daß mir die +Seereise gut thäte, deshalb wiederhole ich nochmals, <em class="gesperrt">ich reise +morgen ab</em>!</p> + +<p>Gegenwärtiges geht mit dem Paket, ich dagegen gehe diesmal über die +vereinigten Staaten von Nordamerika, schreib Dir aber noch einmal von +Vera-Cruz aus. Lebe wohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Vera_Cruz_den_3_Mar_1833">Vera-Cruz, +den 3. März 1833.</p> + +<p>Wenn Du den Namen des Ortes liest, von wo aus ich heute datire, so +wirst Du nicht mehr zweifeln, daß ich mich Dir mit jedem Tage nähere, +daß ich wirklich <em class="gesperrt">unterwegs nach Hause bin</em>.</p> + +<p>Am 14. v. M. verließ ich Mexico in der Diligence, und kam, auf dem Dir +schon mehrmals beschriebenen Wege, am 16., des Abends, ohne Unfall +(<span class="antiqua">sin novedad</span>, wie es der Mexicaner nennt) in Jalapa an, wo ich +den Sonntag über blieb, und den dort ewig herrschenden Frühling auf +einigen paradiesischen Spatziergängen genoß. Am 17. Februar Alles +in Duft und Blüthe! und die Orangen-Bäume so voll von Früchten, daß +man 50 bis 60 der schönsten, reifen Orangen für den Werth eines +Silbergroschens erhält! Doch ich habe Dir ja bereits alles von diesem +herrlichen Clima erzählt!</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_183">[S. 183]</span></p> + +<p>Auf dem Wege abwärts zur Küste ward es schon sehr heiß, und ich schlief +diesmal, in Puente national, unter freiem Himmel in meiner Litera, +nachdem ich mich vorher, im nahen Fluß, durch ein Bad abgekühlt +hatte. Seit einigen Tagen bin ich nun hier, in diesem bald heißen, +bald kalten und windigen Hafen, für den ich übrigens, eben weil es +ein Hafen ist, eine Vorliebe habe, und den ich als Geschäftsplatz +der Hauptstadt Mexico weit vorziehe; in jeder andern Hinsicht aber +freilich <em class="gesperrt">nicht</em>, denn das Clima hier ist doch gar zu trügerisch +und angreifend. Die drückendste Hitze verwandelt ein Nordwind binnen +wenigen Minuten in die schneidendste Kälte, und führt einen Staub +und Sand mit sich, der bis in das Innerste der Gemächer dringt! In +den wenigen Tagen meines Hierseyns haben wir einen solchen Wechsel +schon mehrmals gehabt, und es weht und stürmt in diesem Augenblicke +<em class="gesperrt">so</em>, daß ich fast zweifle, ob wir morgen werden an Bord +gehen können, was ich doch so sehr wünsche, da mich, mehr als ich +auszudrücken vermag, verlangt, Euch wieder zu sehen. Diese Eile, nach +Europa zurück zu kommen, hält mich ab über New-Orleans zu gehen, +was ich, besonders um des guten Cecils willen, so gerne gethan +hätte; auch wäre da wohl noch manches Interessante zu sehen und zu +beobachten gewesen, aber ich bin noch immer so leidend, daß ich mich +vor der Anstrengung der Reise im Innern von Nordamerika fürchte, und +deshalb meine Passage am Bord des, direct nach New-York gehenden +Pakets, Virginia, genommen habe. In Vera-Cruz habe ich alles beim +Alten gefunden, außer daß die Cathedrale, durch einen Kanonenschuß +während der Belagerung eine ihrer Dachverzierungen verloren, und daß +eine andere Kugel sich in unserm Hause, durch die Azotea, nach einem, +glücklicherweise unbewohnten, Zimmer Bahn gebrochen hat. Die Freunde +in Vera-Cruz sind aber unverändert geblieben, und gegen mich eben +so zuvorkommend und gütig wie <span class="pagenum" id="Page_184">[S. 184]</span>früher; ich habe hier zum Abschied +aus diesem Lande ein paar vergnügte Tage zugebracht, und verlasse +es demzufolge, Dank sei es meinen zahlreichen Freunden, mit einer +angenehmen Rückerinnerung.</p> + +<p>Am 4. Der Sturm hat aufgehört, und wir gehen in einer Stunde an Bord. +Ich gebe nun diese Zeilen meinem lieben Freunde, dem Capitain Beck, vom +Schiff Esteva, mit, der, wie es ein günstiger Zufall will, in einigen +Tagen nach Bordeaux zurückgeht; ich war in großer Versuchung, die Reise +wieder mit ihm zu machen, denn ich fühle mich sehr zu ihm hingezogen, +und Du weißt, wie gut es mir am Bord der Esteva, auf der Anherreise, +gegangen ist.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="New_York_den_1_bis_9_Apr_1833">New-York, +den 1. bis 9. April 1833.</p> + +<p>So wäre ich denn, wie Du aus der Ueberschrift siehst, nun auch in der +<em class="gesperrt">nordischen</em> Republik Amerikas, und sähe die Vielgepriesene mit +eigenen Augen, jedoch nur auf so kurze Zeit, daß ich wohl nicht viel +werde darüber sagen können. Das Paket, welches mich von hier nach +Europa bringen soll, wird schon am 9. Dieses segeln, und wir kamen von +Vera-Cruz, nach einer langen und beschwerlichen Fahrt von 28 Tagen, +nicht vor dem 1. Dieses hier an.</p> + +<p>Von dieser Seereise habe ich Dir jedenfalls nichts Angenehmes zu +berichten; wäre nicht ein, mir sehr lieb gewordener, junger Deutscher +am Bord gewesen, so hätte ich auch nicht den kleinsten Ideen-Austausch +während der ganzen Ueberfahrt haben können. Dadurch, daß wir Anfangs +keinen und nachher (besonders in dem engen, gefahrvollen Golphstrom +von Bahama) contrairen Wind hatten, ward unsere Reise über die Gebühr +verlängert; vielleicht wären wir aber doch einige Tage früher ans Ziel +gelangt, wenn der Capitain, der, obgleich ein <span class="pagenum" id="Page_185">[S. 185]</span>roher, ungebildeter +Mensch, doch ein geschickter Seemann seyn soll, nicht gleich Anfangs so +gefährlich krank geworden wäre, daß er vom ersten bis zum letzten Tage +der Reise das Bett hüten mußte. Zum Glücke war unter den Passagieren +ein junger mexicanischer Arzt, der zur Erweiterung seiner Kenntnisse +Paris besuchen wollte, und der nun, durch schnelles Anordnen passender +Mittel, warme Bäder u. s. w., der drohenden Entzündung im Unterleibe +Einhalt thun konnte, sonst hätten wir unfehlbar den Capitain unterwegs +dem Wasser, statt der Erde übergeben müssen; so aber erreichte er +New-York noch lebend, mußte jedoch sofort in ein Hospital gebracht +werden.</p> + +<p>Unweit dieser Küste fanden wir zu meinem großen Leidwesen eine ganz +andere Temperatur vor, als die, welche wir erst vor Kurzem verlassen +hatten; diese hatte dann kalte, östliche Winde, Hagel, Schneegestöber +und Nebel, gleich denen an der Küste von England und Holland, im +Gefolge. Ich habe hier in New-York bereits Tage verlebt, die einem +trüben, neblichten November-Tage in London nichts nachgeben.</p> + +<p>Dahingegen läßt sich aber auch eine andere, mehr erfreuliche Parallele +zwischen New-York und London ziehen, nämlich die des geschäftlichen +Treibens, welches im Hafen und am Zollhause hier dem von London +gleicht, und noch immer im Wachsen ist. Um Dir einen Begriff von +der Lebendigkeit des Verkehrs von Nordamerika nur allein mit dem +nördlichen Europa zu geben, genügt es wohl, zu sagen, daß jede Woche +ein schönes, großes Paketboot nach und von Havre und ein anderes +nach und von Liverpool geht und kommt, außer den Schiffen, welche +täglich nach andern englischen, französischen und deutschen Häfen +abgehen; und alles dieses versteht sich nur von diesem einen Hafen der +vereinigten Staaten, der freilich der wichtigste ist, und an raschem +Aufstreben wohl seines Gleichen nicht in der Welt hat. Es sind kaum +etliche <span class="pagenum" id="Page_186">[S. 186]</span>und vierzig Jahre her, daß New-York, dessen Verkehr damals +schon ein bedeutender war, nur 20,000 Einwohner zählte, jetzt hat +es deren 225000! und Umfang und Handel sind natürlich in demselben +Maaße gewachsen. Es ist schwer zu sagen, wann und wo dies enden +wird, und die Gränze dürfte sich wohl eher in der Localität als in +andern Verhältnissen finden. Die Stadt New-York ist nämlich auf +einer Halbinsel, oder spitz zulaufenden Erdzunge, erbaut, so daß die +neuen Anbauten immer mehr von dem Geschäfts-Centrum und dem Hafen +zurückgedrängt, und weniger passend für den Handelsstand werden. Sehr +viele der früheren, im untern Theil der Stadt gelegenen Wohnhäuser sind +bereits in Magazine umgewandelt, und dies wird immer mehr der Fall +werden, ja zuletzt wird nicht Raum genug mehr vorhanden seyn, die Masse +von Waaren zu fassen, welche aus allen Welttheilen hierher geschleppt +werden. Von Canton allein werden dieses Jahr nicht weniger als 20 +Schiffe in New-York zurückerwartet, wovon der Durchschnittswerth der +Ladungen doch nicht unter 350,000 Lstrl. jede angeschlagen werden kann; +hier ist also in einem Zweige allein, ein jährlicher Umschlag von 7 +Millionen Dollars. Alles andere ist im Verhältniß, und erregt mit Recht +das Erstaunen selbst derer, die, wie ich, Vieles der Art in der Welt +gesehen haben.</p> + +<p>Die Einwanderung von Europa in die vereinigten Staaten, und namentlich +in New-York, dauert ununterbrochen fort, und wird auf nicht weniger +als 300,000 jährlich, in allen Häfen der Republik angeschlagen, wovon +der vierte Theil auf New-York fällt, von welchen wiederum die gute +Hälfte aus Deutschen besteht. Du kannst Dir also denken, daß man deren +im Hafen und in allen Theilen der Stadt zur Genüge antrifft; indessen +bleiben diese Einwanderer selten lange hier, sondern finden bald ihren +Weg nach dem Innern des Landes; sehr häufig sind die innern Provinzen +schon von vorn herein <span class="pagenum" id="Page_187">[S. 187]</span>ihre Bestimmung, und sie halten sich dann in dem +theuren New-York nur so kurze Zeit auf, wie nur immer möglich.</p> + +<p>Es ließe sich über diese Auswanderung nach Nordamerika und über den +Nutzen, der den vereinigten Staaten daraus erwächst, gar Vieles sagen; +es ließe sich auch füglich die Frage aufstellen, ob der ungeheure +Andrang von Einwanderung es den später Kommenden nicht mit jedem Jahre +schwieriger macht, ein ihnen zusagendes Verhältniß zu finden, und ob +man mithin nicht besser thäte, dieser Völker-Wanderung eine andere +Richtung zu geben, z. B. nach Texas hin, nach dem schönen Staate +Vera-Cruz u. s. w.? Aber eine solche Auseinandersetzung würde mich +heute zu weit führen; auch ist der Gegenstand in Deutschland schon, +wo nicht erschöpft, doch so vielseitig beleuchtet und behandelt, daß +er Dir weder fremd noch neu seyn kann, ich sage Dir daher lieber noch +ein paar Worte von der Stadt New-York selbst. Bei dem Heransegeln +an dieselbe ward ich durch die Gebäude am Quai lebhaft an Rotterdam +erinnert; bekanntlich ist die Stadt durch die Holländer begründet, und +gar viele der ältern Häuser verrathen noch diesen Ursprung; die später +angebauten sind mehr im englischen Geschmack; alle sind übrigens von +rothen Backsteinen aufgeführt, haben meist die Küche im Untergeschoß, +den Eingang zum Hause einige Stufen über gleicher Erde, und ein schön +gegossenes Eisengitter zum Schutz längs der Straße, gerade wie in +Holland und England. Bei den neuesten Bauten, (man hört in New-York nie +auf zu bauen) wird viel Eleganz an den Tag gelegt, und mit dem eisernen +Gitterwerk (alles hier im Lande gegossen) großer Luxus getrieben. Die, +früher ganz in der Nähe gelegenen, Garten-Anlagen werden jetzt alle in +neue Stadtbezirke verwandelt, und der gute Bürger von New-York muß, +gleich allen Einwohnern großer Städte, die über die Gebühr wachsen, +einen weiten Weg machen, ehe er Gottes freie Natur <span class="pagenum" id="Page_188">[S. 188]</span>bewundern kann. +Nur ein grüner Fleck ist ihm in der Stadt geblieben, und scheint ihm +für alle Zeiten gesichert, nämlich die schöne Garten-Anlage bei der +frühern Schanze oder Batterie, an der äußersten Spitze der Landzunge, +auf welcher New-York steht. Dorthin wandert die schöne Welt des untern +Theils der Stadt, wenn sie frische Luft schöpfen will, und es ist nicht +zu läugnen, daß man hier, wohlverstanden wenn kein Nebel vorhanden ist, +eine schöne Aussicht auf den, von kommenden und gehenden Dampfböten +wimmelnden, Fluß, den, von Seeschiffen aller Größe strotzenden, Hafen +und das gegenüberliegende, dem Staat von New-Jersey angehörige, Ufer +hat. Die eigentlichen Garten-Wohnungen der New-Yorker Kaufherren liegen +landeinwärts, und sind mitunter äußerst schön an einem Flusse gelegen, +dessen jenseitige, reich angebaute Ufer nahe genug sind, um dem Auge +einen malerischen Anblick zu gewähren. Man kann diese Landsitze aber +nicht so früh wie bei uns beziehen, denn der Winter ist hier strenge, +und die rauhe Jahrszeit z. B. <em class="gesperrt">jetzt noch nicht</em> vorüber; noch +hat weder Busch noch Baum ein Blättchen getrieben, und mich fror nicht +wenig bei meiner gestrigen Fahrt nach einem solchen Landhause. In der +Stadt selbst lodert überall ein gutes Kohlenfeuer im (englischen) +Kamin; kurz es ist noch Winter, und nur in der Mitte des Tages wird +es manchmal auf ein paar Stunden sehr heiß! Mein Aufenthalt hier ist +ein zu kurzer, um viel über die Sitten des Landes, oder über die +gesellschaftlichen Verhältnisse sagen zu können, indessen darf ich doch +nicht unerwähnt lassen, daß ich in einigen Familien eine sehr höfliche +Aufnahme gefunden, und bei der Gelegenheit mehrere liebenswürdige, +gebildete und wohlunterrichtete, amerikanische Damen kennen gelernt +habe! Eine derselben, nebenbei gesagt, eine große Verehrerin der +deutschen Sprache, die sie geläufig spricht und schreibt, stand im +Begriff, mit einem Theil ihrer Familie, eine <span class="pagenum" id="Page_189">[S. 189]</span>Vergnügungs-Reise nach +Italien, und von da über <em class="gesperrt">Wien</em>, durch <em class="gesperrt">Deutschland</em>, die +<em class="gesperrt">Schweiz</em> und <em class="gesperrt">Frankreich</em> zu machen; das nenne ich mir doch +noch <span class="antiqua">a tour of pleasure</span>! Der Herr Gemahl bleibt unterdessen mit +dem ältesten Sohn zurück, und bezieht, ungeachtet er ein sehr reicher +Mann ist, während die Haushaltung aufgegeben und das Haus meublirt +vermiethet wird, ein sogenanntes Boarding- (Kost und Logis) Haus! Dies +ist so Landes-Sitte hier, und Niemand findet etwas daran zu tadeln.</p> + +<p>Diese <span class="antiqua">boarding-houses</span> sind zum Theil sehr elegant meublirt, und +bieten, besonders durch die große Ordnung und Pünktlichkeit, womit +darin alles zugeht, den Bewohnern derselben, wo nicht alle, doch gar +manche <em class="gesperrt">Comforts</em> der eignen Menage dar. Ich bin hier in einer +solchen Anstalt eingekehrt, in <span class="antiqua">Mansion-house, Broadstreet</span>, und +kann Dir mithin eine Beschreibung davon geben. Des Morgens um 8 oder 9 +Uhr wird gefrühstückt; eine Glocke versammelt die Bewohner des Hauses +in einem großen, geräumigen, schön meublirten Saal; Thee, Kaffee, Toast +und Butter, Eier, Fisch und Fleisch wird aufgetragen, und die Dame +des Hauses, die Wirthin, präsidirt in geschmackvoller Morgenkleidung, +wie es nur immer eine elegante Dame in Europa thun könnte, welche die +zahlreiche, nicht minder gut gekleidete, Gesellschaft in ihrem Hotel, +auf <em class="gesperrt">eigene Kosten</em> unterhielte. Um 2 Uhr wird zu Mittag gespeist, +und es geht bei der, über 100 Personen starken <span class="antiqua">table d’hôte</span> wieder eben +so anständig zu, und auch hier präsidirt die besagte Dame des Hauses, +die nun in vollem Staate des Tags-Anzugs erscheint, was diejenigen +Damen gleichfalls thun, welche als Gäste mit bei Tische sitzen; auch +der männliche Theil der Gesellschaft ist elegant gekleidet, und es +herrscht überhaupt großer Kleider-Luxus in Nordamerika. Die Tafel ist +gut bedient, alle Speisen sind schmackhaft bereitet, und der <span class="pagenum" id="Page_190">[S. 190]</span>Wein wird +ad libitum gefordert. Madeira und Champagner sind die Favoritweine +der Amerikaner. Nach Tische zieht sich die Wirthin mit den fremden +Damen und den Herren, die sie zu begleiten wünschen, nach einem schön +meublirten, mit Sopha und Pianoforte versehenen, Salon (<span class="antiqua">parlour</span>) +zurück. Abends 7 Uhr wird Thee servirt, und auch diesmal erscheint die +Dame des Hauses wieder als die zwar etwas preciöse, jedoch gefällige +Wirthin; aber bei dem Finale dieser Tages-Abfütterung, nämlich bei +dem kalten Essen, welches spät um 10 oder 11 Uhr auf dem Tische +steht, um diejenigen zu laben, die aus dem Theater kommen und dort +nichts genossen haben, läßt die Wirthin sich nicht wieder blicken, +und Niemand wird ihr das verdenken, denn sie hat sich wahrscheinlich +um diese Zeit schon zur Ruhe begeben. Du siehst übrigens, daß man in +einem solchen Hause gut aufgehoben ist; man muß jedoch ja nichts außer +der Zeit und etwa auf seinem Zimmer begehren, darauf sind sie hier +nicht eingerichtet, und in dieser Hinsicht dürfte man sich wohl viel +besser in einem europäischen Gasthofe befinden. Wohlfeil sind diese +<span class="antiqua">boarding-houses</span>, wie Du denken kannst, auch nicht, und dennoch +soll es in den eigentlichen Hotels hier in New-York noch weit theurer +seyn.</p> + +<p>Ich hatte gestern Gelegenheit, eine große Menge der hiesigen Damen +beisammen zu sehen, und zwar bei einer Veranlassung, wo man bei uns +in Deutschland das schöne Geschlecht weder in so großer Masse noch +in so eleganter Kleidung versammelt zu sehen pflegt, sage, bei einer +<em class="gesperrt">Auction</em>! Es ist nämlich Sitte hier, wenn das Ameublement eines +Hauses verkauft wird, was häufig der Fall seyn soll, alle Zimmer +schön aufzuputzen, und die Meubles, Sopha’s und Betten, Lüstres und +Gemälde u. s. w. da stehen und hängen zu lassen, wo sie bisher waren, +und sie dann Stück für Stück an den Meistbietenden zu verkaufen, ohne +daß jedoch etwas weggenommen werden <span class="pagenum" id="Page_191">[S. 191]</span>dürfte, bis das Ganze, mithin +das letzte Stück, realisirt ist. Wenn nun eine solche, vorher schon +angekündigte Auction ihren Anfang nimmt, so wird eine rothe Fahne am +Hause befestigt, und alle Welt strömt dahin, theils um zu kaufen, +theils um das schöne Ameublement zu sehen, wobei alles so anständig +hergeht, daß ungeachtet z. B. das Haus, wo ich gestern diesen Aufzug +erlebte, so gedrängt voll war, daß man nur mit Mühe die Stiegen auf +und ab gehen konnte, auch nicht die geringste Unordnung vorfiel, und +daß man alle Muße und Gelegenheit hatte, die große Menge wirklich +schöner Frauenzimmer und ihren geschmackvollen Anzug zu bewundern. Die +liebenswürdigen New-Yorkerinnen werden es mir ja wohl verzeihen, wenn +sie es etwa je erfahren sollten, daß ich nicht umhin konnte, mich zu +<em class="gesperrt">freuen</em>, als ich eine Gruppe der, in meinen Augen wenigstens, +schönsten Damen auf jener Auction, durch das liebliche Deutsch, welches +sie unter einander sprachen, für Landsmänninnen erkannte! Es soll +übrigens hier kein Mangel an diesen seyn.</p> + +<p>Daß die reiche Stadt New-York der öffentlichen Gebäude, Kirchen, +Museen, wohlthätiger und gemeinnütziger Anstalten aller Art gar viele +hat, kannst Du Dir denken, Du mußt aber keine Beschreibung derselben +von mir erwarten, ich müßte sonst ein Buch schreiben wie der Herzog +Bernhard von Weimar, an dessen Reise-Beschreibung ich Dich dieserhalb +verweise; dort ist der Gegenstand erschöpft! —</p> + +<p>Auch das Theater habe ich einmal besucht; ich konnte, trotz meiner +Unpäßlichkeit, der Versuchung nicht widerstehen, Charles Kemble und +seine Tochter Fanny, in der Tragödie “<span class="antiqua">the grecian daughter</span>” +zu sehen, und bin durch hohen dramatischen Genuß für die Anstrengung +belohnt worden. Des Vaters vortreffliches Spiel hatte ich schon in +England zu bewundern Gelegenheit gehabt, aber Miß Fanny hatte erst +nach <span class="pagenum" id="Page_192">[S. 192]</span>meiner Zeit die Bühne betreten, und in ihrem Vaterlande <span class="antiqua">furore</span> +gemacht; ich war daher auf ihr Spiel sehr gespannt! Sie bemüht sich +augenscheinlich, in die Fußstapfen ihrer berühmten Tante, Mrs. Siddons +zu treten, das will aber nicht gelingen, und schadet ihr also bei +denen, welchen jenes, freilich fast unerreichbare Ideal noch so lebhaft +vorschwebt wie mir! Miß Fanny Kemble ist zu monoton in ihrer Rede, zu +einförmig in ihrer Action und die Haltung ihres Körpers ist schief. +Nichts desto weniger macht ihr Spiel einen tiefen Eindruck auf die +Zuschauer, und ließ auch mich nicht unbefriedigt. Miß Fanny ist noch +sehr jung, und soll in Gesellschaft eben so liebenswürdig seyn, als ihr +Betragen gegen ihre Aeltern ein wahrhaft edles und musterhaftes ist.⁠<a id="FNanchor_19_19" href="#Footnote_19_19" class="fnanchor">[19]</a></p> + +<p>Von dem Schauspielhause wüßte ich Dir nicht viel zu sagen; es ist weder +so groß noch so schön, als ich mir es von New-York gedacht, indessen +ist’s doch auch nicht schlecht; es war an jenem Abend zum Ersticken +voll, und soll bei allen Vorstellungen der Kembles so gewesen seyn.</p> + +<p>Eine italienische Oper haben die New-Yorker zwar gehabt, das +Etablissement ist aber ins Stocken gerathen; man macht indessen +jetzt neue Efforts, um es wieder ins Leben zu rufen, und hat bereits +einen Actien-Fond von 90,000 Dollars dafür zusammen geschossen; ein +Commissarius der Gesellschaft wird (in demselben Paketboot mit mir) +nach Paris gehen, um dort das erforderliche Personal für die Oper zu +engagiren, welche alsdann jährlich 6 Monate in New-York, 2 Monate in +Philadelphia und 2 Monate in Boston die Gehörsnerven der Amerikaner +delectiren soll.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_193">[S. 193]</span></p> + +<p>Auch einen <em class="gesperrt">Sonntag</em> habe ich in New-York verlebt, kann aber +nicht sagen, daß ich die Feier desselben so übertrieben und für +Europäer so abstoßend gefunden hätte, wie sie noch neuerlich, in +mehreren Reisebeschreibungen durch Nordamerika, geschildert worden +ist; nur <em class="gesperrt">das</em> genirte mich, daß keine Miethkutsche an dem Tage +in den Straßen zu haben war. Vielleicht bin ich überhaupt toleranter, +vielleicht ist es aber auch in andern Städten der Republik ärger +damit als hier, wo es mir, bei großer Aehnlichkeit der Sitten und +Gebräuche mit denen Englands, überhaupt recht gut gefiel; ob auf die +Dauer? — darüber könnte mich nur ein längerer Aufenthalt belehren; +<em class="gesperrt">das</em> aber weiß ich schon im Voraus, daß mich die hier herrschende +<em class="gesperrt">Blut-Aristokratie</em>, diese souveraine Verachtung aller derer, +welche aus afrikanischem Blute stammen, sehr unangenehm berühren würde; +denn obgleich ich selbst alteuropäisches Blut genug in den Adern +fließen habe, um persönlich unter jenem Vorurtheil nicht zu leiden, +so empört es mich darum nicht minder, es gegen meine Mitmenschen von +zufällig anderer Hautfarbe, in solchem Grade ausgedehnt zu sehen, +daß selbst weiße und schwarze Dienstboten, und es sind beinahe in +allen Familien von beiden Gattungen, in der Küche nicht an einem und +demselben Tische essen, weil sich die Weißen zu gut dafür halten, +ungeachtet die Schwarzen eben so freie Menschen sind wie sie, da es +bekanntlich im Staat von New-York keine Sclaven giebt. Wie mag das +also erst in den Staaten der Union hergehen, wo Sclaverei gesetzlich +gestattet ist. Man versichert mich, daß wenn ein Schwarzer, und +wäre er selbst General in den Diensten einer freien Nation, es +wagen wollte, in New-York sich an eine Wirthstafel zu setzen, man +es ihm entweder untersagen, oder die ganze Gesellschaft das Zimmer +verlassen würde! Und dies in einem Lande, welches sich rühmt, die +Menschenrechte zu ehren, Freiheit und Gleichheit zu besitzen <span class="pagenum" id="Page_194">[S. 194]</span>und +dessen <em class="gesperrt">Constitution</em> unter den freien Bürgern des Landes keinen +Unterschied des Blutes anerkennt! Dieses, wie es scheint hier nicht +zu vertilgende, Vorurtheil setzt den Präsidenten diesen Augenblick in +eine nicht geringe Verlegenheit, gegenüber der Republik Haity, mit +welcher die Vereinigten Staaten einige Mißverständnisse auszugleichen +haben, zu deren Beseitigung der Präsident gerne einen Diplomaten nach +Portauprince senden möchte; er weiß aber, daß man ihm von dort sogleich +eine Gegensendung machen und dazu vorsätzlich den schwärzesten Neger, +der dafür tauglich wäre, wählen würde. Diesen könnte er nun zwar in +seinen öffentlichen Audienzen ohne Bedenken empfangen, aber in der +bürgerlichen Gesellschaft würde der Mann überall Zurücksetzungen und +Kränkungen erfahren, die den Bruch zwischen beiden Republiken nur +vermehren müßten, und <em class="gesperrt">deshalb unterbleibt die ganze Negotiation</em>!</p> + +<p>Dies dürfte jedoch leicht der geringste Nachtheil seyn, welcher den +Vereinigten Staaten aus diesem Vorurtheile erwächst. Die zunehmende +Sclavenbevölkerung, durchgehends afrikanischen Ursprungs, wird +sich einst schrecklich für diese unverdiente Schmach und für eine +Unterdrückung rächen, die so weit geht, daß mehrere der südlichen +Staaten dieser <em class="gesperrt">aufgeklärten</em> Republik die Todesstrafe darauf +gesetzt haben, einen Neger lesen und schreiben zu lehren!!! Wehe +dann der Generation, welche den Ausbruch des fortwährend unter der +Asche glimmenden Rachegefühls der Schwarzen in diesem Lande erlebt. +Die jetzt hier mit Eifer betriebene Colonisirung freier Schwarzen — +auf Liberia, an der Küste von Afrika, — so edel der Gedanke und so +brav die Ausführung auch ist, wird, nach meiner Ueberzeugung, das +drohende Uebel nicht abwenden! Was hilft die Erlösung von Hunderten, wo +<em class="gesperrt">Millionen</em> in Ketten und Banden schmachten, ja jene macht diesen +die Fesseln nur noch um so unerträglicher! Aber, wirst du fragen, was +sonst soll <span class="pagenum" id="Page_195">[S. 195]</span>geschehen? Meine Antwort ist: Das, was hier nicht geschehen +wird; die allmählige, stufenweise, aber gänzliche und <em class="gesperrt">jetzt schon +ausgesprochene</em> Aufhebung aller Sclaverei.⁠<a id="FNanchor_20_20" href="#Footnote_20_20" class="fnanchor">[20]</a></p> + +<p>Von dem großen Gewühl in den Straßen von New-York in den geschäftigen +Stunden des Tages, von der Menge der an die Börse kommenden und +gehenden, zwei- und vierspännigen, öffentlichen Kutschen, dem Treiben +im Hafen u. s. w. — sage ich dir nichts. Du hast ja London gesehen, +und das ist doch noch weit mehr! Ich schließe nunmehr diese lange +Epistel, an welcher ich seit meinem Hiersein täglich ein paar Zeilen +geschrieben, heute, am 9. des Morgens, und lasse sie via England an +Dich abgehen, während ich in einer Stunde das Packet besteigen werde, +welches mich nach Frankreich bringen soll. — Alle Vorbereitungen sind +bereits getroffen, und ich habe daher nur noch den Himmel um guten Wind +zu bitten. Lebe wohl.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Am_Bord_des_Packetboots_Sully">Am Bord +des amerikanischen Packetboots <span class="antiqua">the Sully</span>, Capt. +Forbes, am 30. April 1833.</p> + +<p>Wir sind, nach einer sehr guten und angenehmen Fahrt von 20 Tagen, +heute schon im Angesicht von Alderney und der französischen Küste! Der +Pilote ist so eben an Bord gekommen und verspricht uns morgen nach +Havre zu bringen, so daß wir die Entfernung von 3200 englischen Meilen +in drei Wochen zurückgelegt und mithin eine der besseren Ueberfahrten +gemacht haben werden.</p> + +<p>Wir sind aber auch von Anfang an durch Wind und Wetter begünstigt +worden und legten schon in den ersten zwei <span class="pagenum" id="Page_196">[S. 196]</span>Tagen über 500 Meilen +zurück. Um den, in dieser Jahrszeit, oft bis zum 40sten Grad der Breite +(in welchem New-York liegt) sich zeigenden, gefährlichen Eisbergen zu +entgehen, durchschnitt der Capitain den ganzen Golphstrom und ging +sehr weit südlich, ehe er den Weg nach Europa einschlug; aber seine +Berechnungen waren, wie es sich nun zeigt, alle sehr gut und richtig, +so wie er sich denn überhaupt als ein tüchtiger Seemann bewährte. +— Er machte viele interessante Beobachtungen mit dem Thermometer, +um Strömungen in der See zu entdecken und seine Richtung darnach zu +nehmen; diese Strömungen haben immer eine wärmere Temperatur, als +das gewöhnliche Wasser des großen Oceans, und der Golphstrom, dessen +ungeheure Wassermasse aus dem mexikanischen Meerbusen, um die Spitze +von Florida herum, der Küste von Amerika entlang, bis zur Höhe von +Madeira hin, gleich einem reißenden Flusse im Meere selbst, durch bis +jetzt noch nicht hinlänglich erklärte Ursachen, vorwärts geschnellt +wird, — dieser große Strom, sage ich, ist 8 bis 10 Grad wärmer, als +das Wasser an beiden Seiten desselben. Dem Auge ist diese Strömung aber +nicht sichtbar und die Oberfläche des Meeres erscheint überall dieselbe.</p> + +<p>Die beste Seefahrt ist stets die, von der man am wenigsten zu berichten +hat, und meine diesmalige gehört in diese Kathegorie; wir baten täglich +um guten Wind und gutes Wetter, und wurden täglich erhört. Das einzige, +was ich Dir von <em class="gesperrt">dieser</em> Reise erzählen könnte und nicht von +der Hinfahrt schon berichtet hätte, wäre allenfalls der Fang eines +Hayfisches, deren es im mexicanischen Meerbusen so viele giebt, daß man +sich an der dortigen Küste nicht baden kann, ohne Gefahr zu laufen, von +ihnen angefallen zu werden und einen Arm oder ein Bein zu verlieren, +was dann natürlich in der Regel das Versinken und mithin Ertrinken +nach sich zieht. Diese Meerungeheuer <span class="pagenum" id="Page_197">[S. 197]</span>folgen den Schiffen unter der +Leitung ihres Piloten, eines kleinen Aal-ähnlichen Fischchens, welches +ihnen, seltsam genug, an der Spitze des Kopfes, gleichsam auf der Nase +spielend, vorausschwimmt. Man versucht alsdann, sie entweder mit einer +Harpune, oder mit der Angel, an welche man ein großes Stück Fleisch +bindet, zu fangen. Es ist aber nicht leicht und auf der Hinreise hat +es uns nicht gelingen wollen; wir trafen zwar einen Hay so tüchtig mit +der Harpune, daß wir ihn schon aus dem Wasser hervorgezogen hatten, +aber er riß sich doch wieder los, überließ uns ein Paar Pfund seines +Fleisches und schwamm davon, die ganze Nähe des Schiffes mit seinem +Blute färbend. Mit der Angel macht er es nicht besser; er verschlingt +selbst das größte Stück Fleisch mitsammt der Angel in seinen ungeheuren +Rachen, der ihm auf der Bauchseite sitzt, weshalb er sich jedesmal, +wenn er etwas erhaschen will, umdrehen muß. Will man ihn nun aber aus +dem Wasser auf das Verdeck des Schiffes ziehen, so reißt er sich durch +seine ungemeine Stärke neun Mal unter zehn Mal los und schwimmt mit +Fleisch und Angel im Magen davon.</p> + +<p>Diesmal glückte es uns besser. Die Harpune, mit welcher wir einen +tüchtigen Hayfisch getroffen hatten, hielt fest, und es gelang uns, ihn +aufs Verdeck zu ziehen, wobei er sich sehr ungestüm gebehrdete und mit +seinem Schwanz so heftig an die Planken schlug, daß man glaubte, er +würde sie zertrümmern.</p> + +<p>Die Matrosen machten jedoch diesem Toben bald ein Ende, indem sie den +Fisch tödteten und zerlegten. Das merkwürdigste war der Rachen mit +seiner siebenfachen Reihe scharfer, sägenartiger Knorpel-Zähne, und +der Magen, in welchem wir, noch ganz unversehrt, ein großes, mehrere +Pfund wiegendes, Stück Fleisch fanden, umwunden mit Leinen und dem +Seil, woran wahrscheinlich die Angel befestigt war, welche das Ungethüm +losgerissen hatte. Wir ließen uns ein Stück von seinem <span class="pagenum" id="Page_198">[S. 198]</span>Fleische +braten; es schmeckte aber thranig und fand mithin, da keine Eskimos +unter uns waren, durchaus keinen Beifall.</p> + +<p class="mtop2">Schon am 22. d. sahen wir die Azoren, und in deren Nähe viele +Schildkröten, mitunter sehr große, die, wie man mir versicherte, 1600 +bis 1800 ℔ wiegen mogten! Sie sollen während ihres Schlafs aus der +Oberfläche des Wassers leicht zu nehmen seyn, es wollte uns aber doch +nicht damit glücken! Gestern Abend erblickten wir bei dem schönsten +Wetter Eddystone Lights an der englischen Küste, und, gleich einem +schönen Panorama, eine Menge Schiffe im vollen Segeln! Heute früh kamen +wir einem Dreimaster nahe genug, um ihn zu sprechen, und erfuhren, +daß er nach Baltimore bestimmt sei und Emigranten am Bord habe. Wir +erkannten die auf dem Verdeck befindlichen an ihrer Kleidung, besonders +der weiblichen, sehr bald für süddeutsche Landsleute und wünschten +ihnen eine glückliche Ueberfahrt.</p> + +<p class="mtop2">Eine so angenehme, wie die unsrige, werden sie wohl schwerlich haben, +denn bekanntlich gehören die Packete, welche zwischen New-York und +Havre fahren, unter die bequemsten und angenehmsten, die es giebt, +und es fehlt in der That zu unserer Bequemlichkeit nichts. Wir haben +geräumige, gute, ja elegant-gebaute Cajüten, und da keine Damen an +Bord sind, so haben wir auch das für diese bestimmte Zimmer, das +sogenannte <span class="antiqua">drawing room</span>, in welchem ein Piano-Forte und eine +kleine Bibliothek, zu unserer Disposition, befindlich. Unser Capitain +ist ein wackerer und unterrichteter Mann, und sorgt für einen guten +Tisch, und daß uns Morgens, Mittags und Abends nichts abgehe. Ich habe +sodann an einem meiner Reisegefährten einen höchst angenehmen und +vielseitig gebildeten Mann gefunden, und bin auf der ganzen Reise durch +die Erzählung seiner ganz ungewöhnlichen Schicksale und Erfahrungen +angenehm, <span class="pagenum" id="Page_199">[S. 199]</span>ja belehrend unterhalten worden, wovon ich Dir einmal +mündlich manches mittheilen werde.</p> + +<p>Jetzt will ich mich an dem sich immer mehr nähernden, schönen Ufer +Frankreichs laben und daher für heute schließen. Ich sende diese +Zeilen übrigens eher ans Land, als ich es selbst erreiche, wodurch +Du vielleicht um mehrere Tage früher meine glückliche Ankunft in +Europa erfährst. Gottlob, daß ich hinzufügen kann, daß ich mich besser +befinde; ich war diesmal auf der Reise ab und zu seekrank, und das +scheint mein Uebel vermindert zu haben.</p> + +<p>Der Himmel erhalte auch Dich gesund bis zu unserem nahen, frohen +Wiedersehn.</p> + +<p class="s5 right mright2 mtop3" id="Paris_am_10_Mai_1833">Paris, am 10. +Mai 1833.</p> + +<p>Am 1. Mai, Morgens 7 Uhr, erreichten wir, bei noch unfreundlichem +und kaltem Wetter, den Hafen von Havre und was Dich zu hören wundern +wird, gleichzeitig mit dem, neun Tage früher, als wir, von Newyork +abgesegelten, Packet <span class="antiqua">la France</span>! Obgleich es dieselbe Richtung genommen, +welche unser Capitain verfolgte, so hatte es doch auf der ganzen Reise +mit schlechtem Wetter und widrigen Winden zu kämpfen, während uns +beides fortwährend begünstigte; ein solcher Unterschied findet auf der +See, selbst bei geringer Entfernung, häufig statt, und läßt sich nur +dadurch erklären, daß die Luft eben so entgegengesetzte Strömungen hat, +wie das Wasser.</p> + +<p>Am Tage unsers Landens in Havre feierte man gerade <span class="antiqua">la fête de Louis +Philippe</span> und zwar, wie in Frankreich üblich, mit militairischem +Pomp. Die Nationalgarden und Linientruppen mußten Revue passiren und am +Abend ward hie und da — sehr spärlich — illuminirt! Da das Paß-Bureau +dieses Festes wegen geschlossen war, so verlor ich einen Tag <span class="pagenum" id="Page_200">[S. 200]</span>für die +Weiterreise, hatte aber dafür die Freude, unsere Freunde B... nach +15jähriger Trennung etwas länger zu genießen und einen frohen Abend +bei ihnen zuzubringen, wobei Deiner, wie Du denken kannst, oft und in +Liebe gedacht ward. Sie leben hier sehr häuslich, aber sehr glücklich, +und vereint in musterhafter Einigkeit und Geschwisterliebe; es ward mir +schwer, von ihnen zu scheiden. Havre selbst bietet dem Fremden wenig +Annehmlichkeiten dar; der Hafen ist aber, wegen des starken Verkehrs +mit Amerika, sehr belebt. Alle Schiffe waren in Beschlag genommen, um +deutsche Emigranten, mit denen die Stadt angefüllt war, nach Amerika +zu führen. Die Auswanderung ist stärker als je; auch beim Einsegeln in +den Canal begegneten wir mehreren, mit Emigranten beladenen, Schiffen; +Havre war, wie gesagt, damit überfüllt, und zwischen dort und hier +sahen wir — auf vielen, eigens dazu gebauten Wagen — wenigstens +Tausend dieser Auswanderer aus Süd-Deutschland, Männer und Weiber, +Kinder und Greise, alle ihr bisheriges Vaterland verlassend und sich +ein neues, jenseits des Meeres, suchend. Möge sie der Himmel vor +Täuschung bewahren! Und welche moralische Umwälzung steht ihren eignen +Begriffen von Menschenrechten bevor! Diese Leute, welche zum großen +Theil vielleicht deshalb auswandern, weil sie sich von einer Classe +ihrer Mitbürger unterdrückt glauben, gehen in einen fremden Welttheil, +um dort, auf noch weit gehässigere Weise, dasselbe zu thun gegen +ihre afrikanischen Brüder, die wohl nirgends mehr der Menschenwürde +beraubt sind, als grade in dem gepriesenen Freistaat von Nordamerika. +Ich habe auf dem Wege von Havre hieher noch wieder ein empörendes +Beispiel davon gesehen. In dem Gasthofe, wo wir Pferde wechselten, +hielt um Mittag eine Diligence an, in welcher sich eine von New-Orleans +zurückkehrende europäische Familie befand, die ein kleines schwarzes +Kind von etwa <span class="pagenum" id="Page_201">[S. 201]</span>vier Jahren bei sich hatte. Man setzte sich zu Tische +und da ich, wie du weißt, die kleinen Negerkinder gern leiden mag, so +wollte ich den Knaben neben mir auf einen Stuhl setzen. Sein Zwingherr +litt es aber nicht, sondern wies ihm seinen Platz auf dem Fußboden des +Zimmers an, wo er ihm dann, von Zeit zu Zeit, etwas Fleisch u. a. m. +auf einen Teller hinwarf, gerade wie wir es einem jungen Hunde thun +würden. Meine Bemerkung, daß ein solches Verfahren in Europa höchst +unschicklich sei, wurde — belächelt! In Deutschland hätte ich ihr wohl +eine andere Beachtung verschafft. — Der Kleine nahm die Speise mit +den Händen und verschlang sie; er fühlte die Erniedrigung <em class="gesperrt">noch</em> +nicht; in Europa wird er aber Begriffe in sich aufnehmen, die ihn, bei +seiner dereinstigen Rückkehr nach Amerika höchst unglücklich machen +müssen. Und daß er zurückgeschleppt werden wird, das leidet wohl keinen +Zweifel; sein Herr hat ihn nach Frankreich geschickt, um ihn dies und +jenes lernen zu lassen, damit er ihn später in New-Orleans für einen +desto höheren Preis — <em class="gesperrt">verkaufen</em> könne!</p> + +<p>Der Weg von Havre nach Paris führt durch schöne Gegenden an der Seine, +durch die reizend gelegene, volkreiche, lebendige und gewerbfleißige +Stadt Rouen, bis zu deren Quays selbst große Seeschiffe direct +von Amerika gelangen und ihr die Baumwolle für ihre zahlreichen +Spinnereien zuführen. Die dortige, alterthümliche Cathedrale, mit +ihren ausgezeichnet schönen, gemalten Fenstern, hatte ich Gelegenheit, +im Fluge zu bewundern, und setzte dann meine Reise, bei dem endlich +eingetretenen, vortrefflichen Frühlingswetter, fort. Leider bin ich +nicht so wohl hier angekommen, und befinde mich auch jetzt noch nicht +so wohl, wie ich es wünsche; die auf der See eingetretene Besserung war +nicht von Dauer; ich leide an großen Schmerzen und der Arzt fordert +mich auf, zu bleiben, und meine Kur <em class="gesperrt">hier</em> abzuwarten. Wie kann +ich mich <span class="pagenum" id="Page_202">[S. 202]</span>aber, nach einer so langen Trennung von Euch, <em class="gesperrt">dazu</em> +entschließen? — Giebt mir daher der Doctor in einigen Tagen, wie ich +hoffe, die Erlaubniß zu reisen, so sollen mich <em class="gesperrt">bloße Schmerzen</em> +nicht davon abhalten, das versichere ich Dir.</p> + +<p>Am 13. — Ich habe sie — diese ärztliche Erlaubniß, und reise nun +morgen ab. Bald, sehr bald also werde ich Euch wieder an mein Herz +drücken können!</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_16_16" href="#FNanchor_16_16" class="label">[16]</a> D. h. Holzkohlen, man brennt in Mexico nur diese.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_17_17" href="#FNanchor_17_17" class="label">[17]</a> Dies war ein ganz neuer, bisher noch nicht versuchter +Modus in den mexicanischen Finanz-Operationen, den man wohl gethan +haben würde, beizubehalten, um sich von den hohen Zoll-Einnahmen in den +Häfen unabhängiger zu machen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_18_18" href="#FNanchor_18_18" class="label">[18]</a> Leider! ist meinem Freunde Schleiden die Freude nicht zu +Theil geworden, das Gelingen eines Unternehmens zu erleben, an welches +er zulegt alles setzte was der Mensch zu wagen hat, Gesundheit und +Leben! Noch ehe diese Blätter zum Druck befördert wurden, erfuhr ich +die traurige Nachricht, daß derselbe an einem Erkältungsfieber, welches +er sich bei dem Löschen eines kleinen Brandes zugezogen, gestorben ist. +Ich bin überzeugt, daß er in Mexico gerettet worden wäre; dort würde +es ihm an guter ärztlicher Hülfe nicht gemangelt haben; in Anganguco +erhielt er diese (von Mexico aus) erst am sechsten Tage, als es zu spät +war und ihm selbst die ausgezeichnet liebevolle Pflege unseres braven +Landsmannes Dr. Schiede, nicht mehr helfen konnte! Ihm und den Seinigen +zum Troste, starb er in den Armen seines ältesten, braven Sohnes; der +nun, als anerkannt geschickter Bergmann, dem Unternehmen vorsteht. Möge +er glücklicher in der Ausführung seyn als der Vater!</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_19_19" href="#FNanchor_19_19" class="label">[19]</a> Ihre Verdienste haben in Amerika die gehörige Anerkennung +gefunden; sie ist seitdem an einen jungen, reichen Gutsbesitzer in den +vereinigten Staaten verheirathet worden.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_20_20" href="#FNanchor_20_20" class="label">[20]</a> Seit dies geschrieben ward, hat England eine solche +heilsame Maaßregel für seine westindischen Colonien adoptirt. Dies +macht die Nothwendigkeit eines ähnlichen Verfahrens in Nordamerika nur +um so dringender!</p></div> +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_203">[S. 203]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Anhang"><b><em class="s4 gesperrt">Anhang.</em></b></h3> + +</div> + +<p class="s3 center"><b>Kurze Darstellung</b><br> +<span class="s6">der</span><br> +<span class="s5">politischen Ereignisse und administrativen Maßregeln in Mexico</span> +<br><span class="s6">seit der Präsidentschaft Santa Anna’s,</span><br> +<span class="s5">so wie der gegenwärtigen Lage des Landes.</span></p> + +<p class="s5 mbot2 center">(Aus offizieller Quelle, mitgetheilt im Juni 1834.)</p> + +<p class="p0"><span class="initial">W</span>ie aus den vorstehenden Briefen erhellt, war General Pedraza wieder +an die Spitze der Regierung von Mexico gelangt. Die kurze Zeit seiner +“Interims”-Präsidentschaft (vom 1. Januar bis 1. April) gestattete ihm +nicht, durchgreifende Veränderungen im Staate vorzunehmen; er suchte +daher seinen ganzen Stolz darin, die Revolution unterdrückt, momentane +Ordnung wieder eingeführt und den innern Frieden des Landes so weit +hergestellt zu haben, daß unter seinen Auspicien das Volk, in allen +zwanzig Staaten Mexico’s, nicht nur die Repräsentanten, sowohl für +den General-Congreß, wie für die einzelnen Staaten, sondern auch und +insbesondere <em class="gesperrt">die höchsten Magistrats-Personen der Republik</em>, mit +gehöriger Freiheit erwählen konnte.</p> + +<p>Sobald dies jedoch geschehen und General <em class="gesperrt">Santa Anna</em> +als <em class="gesperrt">Präsident</em>, Don <em class="gesperrt">Valentin Gomez Farias</em> als +<em class="gesperrt">Vice-Präsident</em> installirt und der gesetzgebende Körper der Union +neuorganisirt worden war, änderte sich der Gang und die Tendenz der +Administration von Grund aus.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_204">[S. 204]</span></p> + +<p>Die überwundene Partei blieb indeß noch immer in einer feindlichen +Stellung der neuen Regierung gegenüber, indem Pedraza mehrere, zur +militairischen Aristokratie gehörige Chefs, welche die Hauptstütze der +gestürzten Administration gewesen waren, in ihrem Commando gelassen +hatte, dergestalt, daß unter andern die beiden, Bustamante am meisten +ergebenen Generäle, <em class="gesperrt">Arista</em> und <em class="gesperrt">Duran</em>, die wichtigsten +Posten bekleideten; ersterer als General-Commandant von Mexico und +letzterer als Befehlshaber eines bedeutenden Cavallerie-Corps in der +Nachbarschaft der Hauptstadt. Dies übelangebrachte Vertrauen Pedraza’s +in die Versprechungen und Schwüre von Männern, welche vor so kurzer +Zeit noch gegen die Sache des Volks gekämpft hatten, war der Grund +und die Veranlassung von zwar vorübergehenden, aber beklagenswerthen +Ereignissen.</p> + +<p>Der erste Schritt, welchen die besiegte, aber nicht vernichtete Partei +zu einem neuen Aufstande that, war der Versuch, den nunmehrigen +Präsidenten Santa Anna, durch das schmeichelhafte Anerbieten, ihn +zum Dictator zu machen, auf ihre Seite zu bekommen. “Er sei es,” so +sprachen sie zu ihm, “der triumphirt habe, — in <em class="gesperrt">seiner</em> Person +liege mithin die Garantie künftiger Stabilität, — ihm wollten sie +vertrauen, nicht aber ihr Schicksal in die Hände jener Horden von +Anarchisten legen, welche die Kammern und die Staaten-Regierungen +füllten! — Die Religion sei bedroht, das Eigenthum gefährdet, und +Er, Santa Anna selbst, werde das Opfer dieser Wüthenden werden, wenn +er ihren Umtrieben nicht bei Zeiten einen Damm entgegensetze! Auf die +Truppen könne er zählen, so wie auf die Reichthümer des Clerus und +der Geld-Aristokratie des Landes. ‘Verlassen Sie, General! — so +hieß es am Schluß — diese anarchistische Partei, empfangen Sie die +<em class="gesperrt">Dictatur</em> aus unsern <em class="gesperrt">Händen</em>, wer wird es alsdann noch +wagen, das Haupt zu erheben?’”</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_205">[S. 205]</span></p> + +<p>Dies waren die Lockungen, womit die Generäle, die Canonici und der +Bischof von Puebla, nebst mehreren einflußreichen Personen in Mexico, +Santa Anna zu verführen suchten. Aber, wenn auch der Präsident +solchen Vorschlägen einen Augenblick Gehör gab, so muß doch zur +Steuer der Wahrheit gesagt werden, daß er nie daran dachte, darauf +einzugehen. Obgleich — aus Mangel an hinlänglicher Aufklärung — +schwankend in seiner Politik, will Santa Anna doch aufrichtig das +Wohl seines Vaterlandes; er mogte aber in der That befürchten, daß +die Volkspartei zu weit gehen und die Gränzen einer gemäßigten Reform +überschreiten würde; er hatte überdies <em class="gesperrt">religiöse</em> Scrupel und +hielt es für Sünde, die Prärogative der Kirche zu schmälern! In diesen +beschränkten Ideen ward ihm jedoch kräftig von den übrigen Gliedern des +Gouvernements und der Majorität des Congresses opponirt; insbesondere +von dem Vice-Präsidenten Gomez Farias. Dieser ist nicht Militair, +sondern Civilist, aber ein Mann von Ehre, welcher sich auf der Laufbahn +der Reform kein unübersteigbares Ziel gesetzt hat; er ist durchaus kein +Doctrinair, aber ein aufgeklärter Mann, der gewiß stets mit der Zeit +fortschreiten wird; auch besitzt er viel Energie, ja eine, an Eigensinn +gränzende, Charakterstärke. Hätte er eine glücklichere Wahl in seinen +Umgebungen getroffen, es würden jetzt schon große Dinge ausgeführt +seyn.⁠<a id="FNanchor_21_21" href="#Footnote_21_21" class="fnanchor">[21]</a></p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_206">[S. 206]</span></p> + +<p>Mittlerweile erklärten sich schon am Ende des zweiten Monats der +neuen Regierung, nämlich Ende Mai 1833, mehrere Militair-Chefs offen +gegen dieselbe. Obrist Escalada in Morelia, der Hauptstadt des Staats +Michoacan, General Duran in Chalco, unweit Mexico, und ein gewisser +Unda in Tlalpam, ganz in der Nähe der Hauptstadt, fielen mit ihren +Truppen vom Gouvernement ab, protestirten gegen das Föderativ- oder +Repräsentativ-System und proclamirten, ohne weiteres, Santa Anna zum +<em class="gesperrt">Dictator</em>. Dieser, mit Recht hierüber entrüstet, rückte in Person +gegen die Rebellen aus und nahm Arista als seinen General-Adjutanten +mit sich; letzterer war aber kaum aus Mexico ausmarschirt, als auch er +zur Gegenpartei überging, die unter ihm stehenden Truppen, mit Ausnahme +einiger Offiziere, zu gleichem Schritte verführte und nun den eignen +General, <em class="gesperrt">den Präsidenten der Republik</em>, gefangen nahm, um ihm +die <em class="gesperrt">Dictatur</em> gleichsam aufzudringen. — Aber man hatte sich in +ihm verrechnet. Santa Anna weigerte sich standhaft, die Proposition +anzunehmen; er wollte lieber mit Ehren sterben, als auf den Trümmern +des Vaterlandes sich erheben. Nach einigen Tagen gelang es ihm, sich +aus den Händen der Rebellen zu befreien; er flüchtete in die Gebirge +und nahm von da aus seinen Weg nach Puebla.</p> + +<p>Während dies in der Gegend von Cuautla-Amilpas vorfiel, blieb die +Regierung in Mexico keineswegs ruhige Zuschauerin der Ereignisse. +Obwohl man anfänglich ziemlich allgemein die Gefangennehmung von Santa +Anna für eine mit <span class="pagenum" id="Page_207">[S. 207]</span>ihm selbst verabredete Comödie hielt, ließ sich doch +der, jetzt am Ruder des Staats stehende, Vice-Präsident Farias dadurch +nicht in seinem Glauben an die Redlichkeit der Gesinnungen seines +Collegen irre machen; er donnerte in seinen Proclamationen und Decreten +gegen die begangene Verrätherei, und schilderte mit grellen Farben den +Hochverrath des Attentats auf die geheiligte Person des Oberhaupts der +Republik! Die Generäle <em class="gesperrt">Vittoria</em>, <em class="gesperrt">Anaya</em>, <em class="gesperrt">Mejia</em> +und <em class="gesperrt">Arago</em> (letzterer von Geburt ein Franzose, der in dieser +Zeit der Sache des Volks die wichtigsten Dienste geleistet hatte) +waren der Regierung treu geblieben, und der Vice-Präsident bediente +sich ihrer mit Kraft und Gewandtheit, um den Aufstand der Truppen in +der Hauptstadt und Umgegend zu unterdrücken. — Der durch sich selbst +befreite Präsident Santa Anna kam mittlerweile zurück und sammelte mit +der ihm eignen Gewandtheit und Energie eine neue Armee, mit der es ihm +endlich gelang die Rebellen, in Guanajuato, gänzlich zu besiegen! — +Die Chefs der Insurgenten und dieser Contrerevolution wurden des Landes +verwiesen; <em class="gesperrt">auch nicht eine Hinrichtung fand statt</em>! Die neue +Ordnung der Dinge stand fest.</p> + +<p>Santa Anna aber, krank und von Fatiguen aller Art fast aufgerieben, +zog sich nunmehr im December v. J. mit sechsmonatlichem Urlaub des +Congresses, nach seinem Landgute Manga de Clavo bei Vera-Cruz, +zurück, um sich wo möglich wieder herzustellen und für die Führung +der öffentlichen Geschäfte wieder zu befähigen. Die geistliche und +militairische Aristokratie wird nicht unterlassen ihn in seiner +Zurückgezogenheit aufs neue zu versuchen, aber er wird nicht wanken und +der Constitution treu bleiben!</p> + +<p>Während nun der <em class="gesperrt">Präsident</em> damit beschäftigt war den Feind +im offenen Felde zu bekämpfen, gingen vom <em class="gesperrt">Congreß</em> wichtige +Reform-Decrete aus. Unter andern Männern <span class="pagenum" id="Page_208">[S. 208]</span>von Kraft und Kenntnissen +saß in demselben der bekannte Don <em class="gesperrt">Lorenzo de Zavala</em>, der seine +Stelle als Civil-Gouverneur des Staates Mexico niedergelegt hatte +und zum Repräsentanten desselben erwählt worden war. — Unter seiner +Mitwirkung beschloß der Congreß:</p> + +<ol class="decimal"> + +<li>Daß die Entrichtung des <em class="gesperrt">Zehnten</em> an die Geistlichkeit, +dem Gewissen, und mithin dem eignen Ermessen der Gläubigen anheim +gestellt seyn solle.</li> + +<li>Daß die <em class="gesperrt">klösterlichen Gelübde</em> vor dem Civil-Gesetz als +nicht bindend erachtet werden, und es allen männlichen und weiblichen +Bewohnern der Klöster freistehen solle, sie zu verlassen und ins +bürgerliche Leben wieder einzutreten.</li> + +<li>Daß die unter der vorigen Administration eingesetzten +<em class="gesperrt">Canonicate</em> wieder aufgehoben seyn sollten.</li> + +</ol> + +<p>Die rebellischen Militair-Corps wurden aufgelöst und mehr als +<em class="gesperrt">tausend</em> Offiziere aller Grade aus der Armeeliste gestrichen, +wodurch die Finanz der Republik sich einer drückenden, dem Gemeinwesen +völlig unnützen, Last entledigte.</p> + +<p>Unter Discussion im Congreß, mit Wahrscheinlichkeit der Annahme, sind +noch folgende Propositionen Zavala’s:</p> + +<ol class="lower-latin"> + +<li>Umänderung des Zoll-Tarifs, d. h. Verminderung der +eingehenden Rechte, in einigen Fällen um die Hälfte, in andern um +Zweidrittheil der jetzt erhobenen; Aufhebung aller Einfuhr-Verbote.</li> + +<li>Abschaffung des unsinnigen Gesetzes, welches den Ausländern +verbietet Grundeigentum in der Republik zu erwerben.</li> + +<li>Verwendung der Kloster-Güter zur Bezahlung der +National-Schuld.</li> + +</ol> + +<p>Die beiden letzteren Vorschläge werden um so eher durchgehen, +als sich eine unwiderstehliche Tendenz für die <em class="gesperrt">Einführung der +Religionsfreiheit</em> bemerklich macht, und man nicht <span class="pagenum" id="Page_209">[S. 209]</span>glaubt, daß +diese hochwichtige Maßregel nun noch länger als zwei Jahre (zwei +Congreß-Sitzungen) hinausgeschoben werden kann!</p> + +<p>Im Fache des öffentlichen Unterrichts haben bereits bedeutende +Verbesserungen stattgefunden. Die Gouverneure und Congresse der Staaten +sind davon durchdrungen, daß es zu nichts führen kann, Proclamationen +und Manifeste im republikanischen Sinne und in dem der Freiheit ergehen +zu lassen, so lange das Volk nicht in intellectueller und materieller +Hinsicht größere Fortschritte gemacht haben wird, und sie sehen ein, +daß dies nur auf dem Wege der Volks-Erziehung zu erzielen ist. Man +hat daher angefangen an Orten, wo bis jetzt noch <em class="gesperrt">keine Schulen</em> +waren, deren anzulegen; am meisten zeichnen sich hierbei die Staaten +von Zacatecas, Jalisco, Tamaulipas, Coahuila und Texas aus. — Im +Staat von Mexico hat Zavala eine Normal-Schule errichtet und viele +Schulen des <em class="gesperrt">ersten Unterrichts</em> wieder hergestellt, welche die +frühere Administration hatte eingehen lassen; so rief er auch das +gleichfalls eingegangene literarische Institut wieder ins Leben. In dem +besagten Staat von Mexico, der bekanntlich eine Bevölkerung von circa +einer Million in sich faßt, bestehen jetzt 1059 <em class="gesperrt">Schulen des ersten +Unterrichts</em>, worin 49960 Knaben und 9786 Mädchen, zusammen 59746 +Kinder lesen und schreiben lernen.</p> + +<p>Da der General-Congreß der executiven Gewalt die Befugniß ertheilt hat, +die wissenschaftlichen Institute der Föderativstadt neu zu organisiren, +so hat der Vice-Präsident Farias eine heilsame Verschmelzung der +ältern Collegien von Mexico veranlaßt und daraus ein Institut nach der +Lehrmethode des civilisirten Europa’s gebildet. Man lehrt jetzt auf +dieser Hochschule: allgemeine Grammatik; Lateinisch, Griechisch und +Hebräisch; Theologie (nach heiliger Schrift); Geschichte; Philosophie; +<span class="pagenum" id="Page_210">[S. 210]</span>Metaphysik; Ideologie; Natur-Geschichte; Mineralogie; Mathematik; +Mechanik; Astronomie; Physik und Chemie; Anatomie; Medicin; Natur-, +Civil- und Völkerrecht; politische Oeconomie u. s. w.</p> + +<p>Diese Maßregel muß binnen wenig Jahren große Resultate +hervorbringen!⁠<a id="FNanchor_22_22" href="#Footnote_22_22" class="fnanchor">[22]</a></p> + +<p>Die schwierigste Reform in der mexicanischen Administration ist die +der Finanzen und wird es noch für längere Zeit bleiben, denn es konnte +in dieser Hinsicht bis jetzt nur wenig geschehen. Die Regierung +Bustamante’s hatte während des Revolutions-Krieges von 1832 nicht +allein den Schatz gänzlich erschöpft, sondern auch eine fernere +Schuld von <em class="gesperrt">fünf Millionen Pesos</em> contrahirt und sie auf die +Zölle angewiesen, welche bekanntlich die bei weitem größte Einnahme +des Staates bilden. Der neuen Regierung waren somit alle Resourcen +abgeschnitten, und sie fand Niemand geneigt, ihr in dieser Crisis +Geld vorzuschießen; dennoch bedurfte sie dessen und konnte es nur von +Agioteurs erhalten, denen sie für Eine Million Pesos Ein und eine halbe +Million aus die Zölle anweisen mußte. Die vorherige Regierung hatte, +besonders während sie in den letzten Zügen lag, noch größere Opfer +bringen und selbst bei ihren gewöhnlichen Anleihen 3, 4, ja 5 pCt. +Zinsen pr. <em class="gesperrt">Monat</em>!! bezahlen müssen, und zwar gegen Anweisung +auf die Zölle, welche sich stets binnen mäßiger Frist realisirten und +somit den Darleihern einen ungeheuren Nutzen abwarfen! — Ein solches +Leih-System von Hand zu Mund ist aber für einen Staat von so vielen +Hülfsquellen wie Mexico nicht ehrenvoll und jedenfalls verderblicher, +als es selbst die <span class="pagenum" id="Page_211">[S. 211]</span>Anleihen vom Jahr 1823 in England waren, denn +wenn diese auch der Nation 12½ und 9 pCt. jährliche Zinsen von der +empfangenen Summe kosten,⁠<a id="FNanchor_23_23" href="#Footnote_23_23" class="fnanchor">[23]</a> so sind doch, wie man sieht, jene +Platz-Anleihen, bei unendlich größerer Sicherheit für den Darleiher +und weit schnellerer Rückzahlung, noch viel nachtheiliger und müssen +zum gänzlichen Ruin, ja zum National-Banquerott führen, wenn das +System nicht geändert wird! — Darauf arbeitet denn auch die jetzige +Administration hin und hat bereits bedeutende Ersparnisse in der +Verwaltung eingeführt; auch geht sie damit um das Uebel an der Wurzel +zu fassen, nämlich die Armee zu reduciren! denn so lange nicht die +bewaffnete Macht, nach dem Vorbild der nordamerikanischen Staaten, auf +eine verhältnismäßig kleine Armee zurückgeführt wird, ist kein Heil für +die Republik zu erwarten.</p> + +<p>Auch in Hinsicht einer zweckmäßigeren Behandlung der Staats-Resourcen +und verbesserten Finanz-Verwaltung hat <span class="pagenum" id="Page_212">[S. 212]</span>Zavala der Regierung höchst +beachtenswerte Vorschläge gemacht, die am Ende gewiß durchdringen +werden; belehrt durch das Beispiel der civilisirten Staaten von Europa +und Nordamerika, welche er mit Nutzen bereis’t hat,⁠<a id="FNanchor_24_24" href="#Footnote_24_24" class="fnanchor">[24]</a> will er, daß +man auf alle Weise den National-Credit zu befestigen und dem Ausland +Vertrauen einzuflößen suchen solle; die Republik würde alsdann von +diesem mit Leichtigkeit und zu mäßigen Bedingungen Vorschüsse auf +längere Zeit erhalten und so die Regierung in den Stand gesetzt werden, +die Finanzen des Staates zu ordnen, und die unermeßlichen Resourcen des +Landes mit den Bedürfnissen desselben in Einklang zu bringen.</p> + +<p>Aus dem Gesammtinhalt des Gesagten läßt sich übrigens unstreitig der +Schluß ziehen, daß die <em class="gesperrt">vereinigten Staaten von Mexico</em>, sowohl +in moralischer wie in materieller Hinsicht einer glücklichen Zukunft +entgegen gehen. Die practische Schule der öffentlichen Geschäfte, +welche die Führer des Staats täglich über diejenige Politik erleuchtet, +die sie zum Wohl der Nation zu befolgen haben; die bitteren Erfahrungen +früherer Unordnungen und die Beispiele der civilisirten Nationen, +mit denen sie nun in steter und lebendiger Berührung stehen; — die +Fortschritte, welche die einflußreiche Classe an Kenntnissen jeder +Art täglich macht; das brennende Verlangen eines großen Theils der +jetzigen Jugend, sich zu unterrichten; der Andrang so vieler Fremden, +welche, außer Capital und Verbesserung der Gewerbe, das Beispiel der +Liebe zur Arbeit mitbringen; der Geist der Toleranz, der dadurch +geweckt und verbreitet wird; die nützliche Reform, welche im <span class="pagenum" id="Page_213">[S. 213]</span>Clerus +stattgefunden und die dadurch hervorgerufene Neigung, das heilbringende +Prinzip der Religionsfreiheit und der gänzlichen Trennung von Kirche +und Staat anzuerkennen, — alles dies wird <em class="gesperrt">die vereinigten Staaten +von Mexico</em> dem Zustande des Glücks und der Wohlfahrt mit raschen +Schritten entgegen führen, dessen sie durch ihre Lage, ihr Clima, und +die außerordentliche Fruchtbarkeit ihres Bodens, so wie durch die +Unabhängigkeit und Freiheit ihrer Institutionen offenbar fähig sind.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_21_21" href="#FNanchor_21_21" class="label">[21]</a> Daß Gomez Farias ein Mann von Geistes-Energie und großem +Geschäftseifer ist, davon habe ich selbst Gelegenheit gehabt mich +zu überzeugen. Denn als er kurz nach Pedraza’s Regierungs-Antritt +das Finanz-Ministerium übernahm und der leeren Cassen wegen es für +nöthig hielt, seine Zuflucht zu den fremden Kaufleuten zu nehmen, +ließ er sich, gegen den Willen der Aerzte, durch eine <em class="gesperrt">schwere</em> +Krankheit nicht abhalten, uns zu sich zu berufen, und hielt uns vom +Krankenlager aus, <em class="gesperrt">unter den größten Anstrengungen</em>, eine lange, +eindringliche Rede, in der er uns zu beweisen suchte, daß unser eigner +Vortheil es erheische, dem Gouvernement in seiner jetzigen Geldnoth die +erforderliche Hülfe nicht zu versagen. — Seine Rede blieb nicht ohne +Erfolg; es kam wirklich eine Anleihe zu Stande.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_22_22" href="#FNanchor_22_22" class="label">[22]</a> Vorausgesetzt, daß die angestellten <em class="gesperrt">Lehrer</em> der +umfassenden Idee des Stifters dieser Universität entsprechen, was +<em class="gesperrt">vorerst</em> wohl schwerlich der Fall seyn dürfte.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_23_23" href="#FNanchor_23_23" class="label">[23]</a> <em class="gesperrt">Erstes</em> mexicanisches Anlehen in England contrahirt +zu 5 pCt. <span class="antiqua">per annum</span> 16,000,000 $ zu 50 pCt. negociirt ergaben</p> + +<table class="anleihe_england"> + <tr> + <td colspan="2"> +   + </td> + <td> + <div class="right nowrap">$  8,000,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft1_5">Provision 5 pCt.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"> $ 400,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft1_5">Dividende des ersten Jahrs</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"> „ 800,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft1_5">Tilgungsfond</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right bb nowrap"> „ 400,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> +   + </td> + <td> + <div class="right bb nowrap">„  1,600,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">disponible Summe</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right nowrap">$  6,400,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left mleft1_5">hiervon jährlich zu zahlen 800,000 $, + macht 12½ pCt.</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p><em class="gesperrt">Zweites</em> mexicanisches Anlehen in England, contrahirt zu 6 pCt. +<span class="antiqua">per annum</span> 16,000,000 $ zu 82 pCt. negociirt ergaben</p> + +<table class="anleihe_england"> + <tr> + <td colspan="2"> +   + </td> + <td> + <div class="right nowrap">$ 13,120,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft1_5">Provision 5 pCt auf den Nominalwerth</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"> $ 800,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft1_5">Dividende des ersten Jahrs</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"> „ 960,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft1_5">Tilgungsfond</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right bb nowrap"> „ 540,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> +   + </td> + <td> + <div class="right bb nowrap">„  2,300,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">disponible Summe</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="right nowrap">$ 10,820,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left mleft1_5">hiervon jährlich zu zahlen 960,000 $ + macht circa 9 pCt.</div> + </td> + </tr> +</table> + +</div> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_24_24" href="#FNanchor_24_24" class="label">[24]</a> Don Lorenz Zavala, Verfasser des <span class="antiqua">ensayo historico de +las revoluciones de Megico. tom. I. Paris</span> 1831 und <span class="antiqua">tom. II. +New-York</span> 1832, ist jetzt bevollmächtigter Minister der vereinigten +Staaten von Mexico am Hofe von Frankreich und mithin zu Paris!</p></div> +</div> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_215">[S. 215]</span></p> + +<h2 class="nobreak" id="Zweite_Abtheilung">Zweite Abtheilung.<br> +<span class="s6 nobold">Mercantilische und statistische Notizen.</span></h2> + +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_217">[S. 217]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Handel_mit_Mexico"><b>Handel mit Mexico.</b></h3> + +<p class="s4 center mbot2">Bordeaux, Havre, Hamburg und Bremen.</p> + +</div> + +<p class="p0"><em class="gesperrt"><span class="initial">B</span>ordeaux</em> hat durch seine geregelte Packetfahrt einen Umfang in +dem Handel mit Mexico erlangt, den es ohne dieselbe wohl mit Havre +hätte theilen müssen. Die französische General-Post-Direction hat +nämlich mit einer Gesellschaft von Schiffs-Rhedern in Bordeaux eine +Uebereinkunft getroffen, nach welcher diese, gegen eine Vergütung von +10000 Francs für die Hin- und Herreise, jeden ersten des Monats ein +Schiff mit der Correspondez nach und von Mexico abzufertigen und dabei +den einen Monat die Briefe nach der Insel Martinique, den andern nach +Haity (St. Domingo) mitzunehmen verpflichtet sind.</p> + +<p>Diese regelmäßige monatliche Abfahrt von Packetbooten, welche zugleich +Kauffahrteischiffe sind, giebt Bordeaux’s Verkehr mit Mexico eine +Zuverlässigkeit, welche man anderwärts nicht findet, obgleich Havre +in seinen Bemühungen, Theil an dem mexicanischen Handel zu nehmen, +nicht ganz zurückbleibt. — Frankreich und die Schweiz senden daher +ihre für Mexico bestimmten Fabrikate vorzugsweise über Bordeaux, +und selbst die preußischen Seidenfabriken am Rhein thun, bei dem +jetzt freigegebenen Transit durch Frankreich, häufig ein Gleiches. +Bordeaux hat überdies einen, diesem Hafen bekanntlich eigenthümlich +<span class="pagenum" id="Page_218">[S. 218]</span>angehörigen, nicht unbedeutenden, und sich stets mehrenden Handel +in Wein mit den mexicanischen Häfen, und ist zugleich der Hauptmarkt +für die wichtigste <em class="gesperrt">Waaren</em>-Retour, welche Mexico zu machen hat, +nämlich für <em class="gesperrt">Cochenille</em>. Hiervon empfängt Bordeaux jährlich den +Werth von circa 3 bis 4 Millionen Francs aus dem Hafen von Vera-Cruz, +und findet seinen Hauptabsatz dafür theils nach St. Petersburg, theils +nach der Levante.</p> + +<p>Seit Spanien seine Colonieen und mithin Cadix sein Monopol des +Cochenille-Handels verloren hat, theilen sich hauptsächlich Bordeaux +und London in diesen wichtigen Geschäftszweig. — Bordeaux aber, wo +bei der mexicanischen Revolution sich viele Spanier und mehrere reiche +Mexicaner angesiedelt haben, scheint die, früher in Cadix geheimnißvoll +betriebene, Umarbeitung der Cochenille besser zu verstehen, als +London und dadurch wo nicht größere, doch jedenfalls gleich große +Geschäfte darin zu machen. Auch hierbei zieht Bordeaux Vortheil von +seiner Packetfahrt mit Vera-Cruz, indem durch <em class="gesperrt">diese</em> regelmäßige +Sendungen von Cochenille und andern Waaren gemacht werden können, +während den englischen Packeten nicht erlaubt ist, etwas anderes als +Comptanten an Bord zu nehmen, und man daher häufig genöthigt ist, aus +Mangel an directer Schiffsgelegenheit, Cochenille und sonstige nach +England bestimmte <em class="gesperrt">Waaren</em> über New-York, oder andere Häfen von +Nordamerika zu versenden.</p> + +<p>Xalapa und Sasseparila hat Bordeaux gleichfalls viel aus Mexico +bezogen, besonders in der letzten Zeit, wo diese Artikel in Folge der +Cholera so sehr gestiegen sind. Vanille bildet auch noch einen nicht +unbedeutenden Einfuhr-Artikel, er ist jedoch, des leichten Verderbens +wegen, ein sehr mißlicher und giebt nur periodisch einen, dann aber +freilich oft sehr großen, Gewinn.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_219">[S. 219]</span></p> + +<p>Baarsendungen, sowohl in <em class="gesperrt">Piastern</em> als auch insbesondere in +<em class="gesperrt">Doublonen</em>, rendiren in Bordeaux deshalb besser als irgendwo, +weil sie, des benachbarten Spaniens wegen, in ihrem gemünzten Zustande +Cours haben und deshalb oft sehr hoch stehen, während sie anderwärts, +in der Regel, erst umgeschmolzen werden müssen und mithin nur ihren +Metallwerth aufbringen.</p> + +<p>Unter Frankreichs verschiedenen Ausfuhr-Artikeln (unter welchen +Seiden-Waaren natürlich obenan stehen) verdient <em class="gesperrt">Papier</em> noch +einer besondern Erwähnung. Die unfern Bordeaux gelegenen Papiermühlen +lieferten Ende 1831 das 500 Bogen starke Ries des sogenannten +Florete, als der geeignetesten Sorte, zu 6 Fr. 15 Cent., und mithin +weit wohlfeiler, als es nach allen gemachten Versuchen Deutschland +herzustellen möglich ist. In Genua, wo die für Mexico passendste +Qualität verfertigt wird, steht der Preis noch niedriger. Es ist zu +beklagen, daß Deutschland dergestalt bei einem Geschäftszweige nicht +concurriren kann, welcher eine so große Rolle im Handel nach Mexico +spielt. Es werden daselbst jährlich nicht weniger als 500,000 Ries +Papier eingeführt, oft mehr, und es wird außerdem noch Papier im Lande +selbst fabricirt. Der Verbrauch dieses Artikels ist in Mexico deshalb +so groß, weil alle Einwohner (selbst die Damen nicht ausgenommen) +Papier-Cigarren rauchen, was natürlich einen <em class="gesperrt">täglichen</em> Consum +von Millionen solcher Cigarren zur Folge hat.</p> + +<p>Der Versuch, in Bordeaux eine Niederlage von deutschen Leinen für +die Assortirung der Ladungen nach Mexico und Südamerika zu bilden, +schlug fehl und mußte fehlschlagen, weil Deutschlands <em class="gesperrt">directer</em> +Ausfuhr-Handel nach jenen Landen zu lebhaft und bedeutend ist, um +einer Vermittlung dabei zu bedürfen; er übersteigt im Werthe den der +französischen Häfen und die Ausfuhr von Hamburg und Brennen nach Mexico +<span class="pagenum" id="Page_220">[S. 220]</span>allein, beträgt, in Leinen und andern Gegenständen <em class="gesperrt">deutscher</em> +Industrie, wohl an acht Millionen Mark Banco im Jahr! Rechnet man +hinzu, was an <em class="gesperrt">deutschen</em> Waaren über Nordamerika, England, +ja sogar über Chili und Peru nach Mexico geht, so leidet es keinen +Zweifel, daß das Minimum des jährlichen Consums in der Republik Mexico, +an <em class="gesperrt">deutschen</em> Waaren aller Art, auf zehn Millionen Mark Banco (5 +Mill. preußischer Thaler) veranschlagt werden kann, und wobei die unter +dem Namen von <span class="antiqua">Platilles reales</span> bekannten schlesischen Leinen mit +120 bis 140,000 Stück figuriren.</p> + +<p>Nächst dem Leinen sind die Seiden-Waaren aus den Rhein-Provinzen der +wichtigste deutsche Artikel in dem mexicanischen Markt; auch spielt das +böhmische Glas bei der Ausfuhr von Hamburg nach Vera-Cruz eine große +Rolle. — In den letzten beiden Jahren sind allein von Hamburg jährlich +20 bis 22 Schiffe, mit Manufactur-Waaren beladen, <em class="gesperrt">direct</em> nach +Vera-Cruz und Tampico abgefertigt worden, und zwar alles deutsche, +nämlich Hamburger, Bremer, preußische und Altonaer, welche letztere +allerdings unter dänischer Flagge fahren, aber darum nicht minder +<em class="gesperrt">deutsch</em> sind; denn wenn auch <em class="gesperrt">Altona</em> unter dänischer +Oberherrschaft steht, so liegt es doch in Holstein und <em class="gesperrt">Hamburg</em> +so nahe, daß die beiden Häfen gleichsam nur ein und denselben bilden; +die Altonaer Börse wird aber wirklich an jener von Hamburg abgehalten.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_221">[S. 221]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Ausfuhr_von_Mexico"><b>Ausfuhr von Mexico.</b></h3> + +<p class="s4 center mbot1"><em class="gesperrt">Staat von Oaxaca.</em></p> + +<p class="center mbot2">Cochenille (<span class="antiqua">Grana</span>).</p> + +</div> + +<p>Obwohl Cochenille (span. <span class="antiqua">Grana</span>) jetzt auch in Honduras und +Guatimala in guter Qualität erzeugt und nach Europa ausgeführt wird, +so kann man doch noch immer Mexico als die Hauptquelle für diesen +wichtigen Farbestoff betrachten. In Mexico selbst aber wird Cochenille +ausschließlich in dem Staate von Oaxaca gezogen, und wird daselbst auch +nie aufhören gezogen zu werden, wie dieses bei sehr niedrigen Preisen +in Honduras und Guatimala wohl der Fall seyn könnte, wo die Zucht +derselben bloß speculative Unternehmung von Pflanzern ist, während +sich in Oaxaca die indianische Bevölkerung ihren Unterhalt dadurch +verschafft und, bei wenig Auslagen und noch wenigeren Bedürfnissen, +den Erlös des Products, gleichsam als den Jahres-Verdienst betrachtet, +wovon sie leben muß. Die Cochenille-Zucht ist nämlich der Art, daß sie +ganze Familien Indianer, jung und alt, auf eine, ihren beschränkten +Geistes- und Körperfähigkeiten sehr zusagende, Weise beschäftigt, +weshalb sie denn auch, so lange der Artikel nur noch zu irgend einem +Preise Käufer findet, gewiß zu keiner andern Arbeit übergehen werden. +Die Pflanzer, welche die Cochenille im Tagelohn bearbeiten lassen, und +deren es in Oaxaca auch giebt, behaupten, bei Preisen unter 9½ und +10 Realen pr. ℔ nicht bestehen zu können. Die Zucht der Cochenille, +bis sie als Handelsartikel in den Markt kommt, erfordert ungefähr ein +ganzes Jahr Zeit.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_222">[S. 222]</span></p> + +<p>Das junge Insect wird auf den Pflanzungen in den Gebirgen geboren, da +die Temperatur und der frühe Regen im Thale der Brut nicht günstig +sind. Erst im Juli wird es von den Gebirgen gebracht, und in den +Thal-Pflanzungen auf den Naupal (Cactus) gesetzt, und sowohl gegen +Regen als gegen Sonnenhitze durch Mattendächer geschützt, welche nur +eine kurze Zeit am Morgen gelüftet werden. Auf diese Weise wird das +Insect gehegt, bis es im Monat October und November gebiert, wo alsdann +dieser Saame, wie man das junge Insect nennt, über die ganze Pflanzung +verbreitet wird.</p> + +<p>Das Product der ersten Aussaat schlägt man auf das Fünffache, das der +zweiten, von der Jahrszeit mehr begünstigten, auf das <em class="gesperrt">Zehn</em>- +bis <em class="gesperrt">Eilffache</em> an, dergestalt, daß eine <em class="gesperrt">funfzigfache</em> +Vermehrung des Insects in den beiden Jahres-Abtheilungen angenommen +werden kann, wenn nicht Unglücksfälle, z. B. plötzlich eintretender +Frost oder Wegschwemmnng durch allzu heftige Regengüsse, was allerdings +manchmal geschieht, eine Aenderung darin hervorbringen.</p> + +<p>Das Insect wirft lebendige Jungen; manche bis zu 200 an der Zahl! wovon +jedoch viele verloren gehen. Nach der zweiten Aussaat, wo das Wetter +beständiger und zuverlässiger geworden ist, werden die Pflanzen nur +mit Busch und Laubwerk bedeckt, obgleich sie dadurch der Beschädigung +durch Regen mehr ausgesetzt sind; eine Mattenbedeckung für die ganze +Pflanzung würde aber zu theuer kommen, und eine Auslage von $ 3 für +jedes Pfund Saamen erfordern.</p> + +<p>Das Insect der zweiten Aussaat läßt man nicht zum Gebären kommen; +man sammelt es schon im Januar und Februar und tödtet es entweder in +kochendem Wasser oder, nach einer jetzt öfter angewandten, bessern +Methode, in heißen Oefen, wobei dem Thiere seine Farbe besser erhalten +wird. <span class="pagenum" id="Page_223">[S. 223]</span>Wenn die “<em class="gesperrt">Grana</em>” alsdann ganz getrocknet ist, wird sie +gesiebt und von allen fremdartigen Theilen gereinigt, und in <em class="gesperrt">dem</em> +Zustande zum Verkauf ausgeboten, wie wir sie auf den europäischen +Märkten sehen. Die <em class="gesperrt">schwarze</em> Cochenille, oder Zaccatilla, ist +die Mutter-Grana, nachdem sie geboren hat und eines natürlichen Todes +gestorben ist. Die beste Zeit für den Einkauf in Oaxaca sind die Monate +November und December. — Die silbergraue Cochenille ist das Thier, +wenn es vor dem Gebären auf oben beschriebene Weise getödtet wird.</p> + +<p>Die Qualität hängt viel von der Sorgfalt ab, womit man das Insect +behandelt während es lebt, und von der Art und Weise des Tödtens; +jedoch haben auch allerhand Verfälschungen, besonders früher als +die Preise hoch standen, Statt gehabt, und man versucht sie auch +jetzt noch, obgleich, des niedrigen Preises wegen, minder häufig. +Die dermalen am meisten übliche Verfälschung besteht aus einer +Nachahmung; — theils von dem Staub und Bruch, welcher aus der bessern +Qualität ausgesiebt worden ist, theils von dem Bodensatz der schon +gebrauchten Cochenille. Mit einiger Aufmerksamkeit sind aber beide +Arten der Verfälschung leicht zu entdecken, — und noch leichter zwei +geringere Gattungen — todte Cochenille (<span class="antiqua">Grana muerta</span>) und wilde +Cochenille (<span class="antiqua">Grana silvestre</span>) genannt, — welche sich manchmal +mit einschleichen; — erstere hat eine runde Gestalt und gleicht der +nachgemachten, zeigt jedoch Streifen wie die ächte Cochenille; letztere +ist derselben aber gar nicht ähnlich und hat durchaus keine gewisse +und gleichmäßige Form. Wenn, wie manchmal geschieht, die Zaccatilla +(die Mutter-Grana nach dem Gebären) gleichfalls durch heißes Wasser +getödtet wird, so bekommt sie ein schlechteres Ansehen, nämlich +röthlich-schwarz und fuchsig, und wird deshalb wohlfeiler verkauft; da +diese Gattung aber eben so viel <span class="pagenum" id="Page_224">[S. 224]</span>Farbestoff enthalten soll, wie die +besser aussehende, so verdient sie die Aufmerksamkeit derer, welche für +den, die Waare selbst verarbeitenden, Fabrikanten in Europa einkaufen, +indem dieser alsdann dasselbe Quantum Farbe billiger erhält.</p> + +<p>Granilla nennt man die ganz kleinen Insecten und den Bruch der bessern +Cochenille; sie wird für den halben Preis und oft noch billiger +verkauft, ist aber auch in Europa nicht beliebt.</p> + +<p>Die ächte Zacatilla ist leichter als die silbergraue und nimmt bei +gleichem Gewicht mehr Volumen ein, sie wird daher auch schon deshalb +für den levantischen Markt, wo Cochenille nicht wie in Europa nach dem +Gewichte, sondern nach dem Maaße verkauft wird, vorgezogen. Um auch die +silbergraue möglichst leicht zu machen, wird sie vor dem Einpacken sehr +gut getrocknet. Staub kann jedoch nicht vermieden werden; denn, wenn +auch noch so rein gesiebt und noch so fest verpackt worden ist, erzeugt +er sich dennoch auf der Reise, und zwar am meisten bei den feinsten +Qualitäten, sowohl bei Zacatilla, wie bei der silbergrauen.</p> + +<p>Die Verpackung geschieht zuerst in leinene Säcke, dann in Matten, und +über diese wird ein Kalbfell festgenäht und geschnürt. Ein solches +Colli nennt man Serron oder (spanisch) Sebernali, und es enthält in der +Regel 8 Arroben oder 200 ℔ Cochenille. In Oaxaca wird die Cochenille +nach dem Pfund verkauft, in dem Seehafen von Vera-Cruz aber, wo +sich gleichfalls ein Markt für den Artikel gebildet hat, kauft und +verkauft man sie nach Arroben von 25 ℔ und so wird sie auch ins Ausland +facturirt. Vera-Cruz ist übrigens der für die Verschiffung dieses +Productes nach Europa am zweckmäßigsten gelegene Hafen. In Tampico +kommt es gar nicht vor und nach Acapulco an der Südsee verirren sich +nur selten einige <span class="pagenum" id="Page_225">[S. 225]</span>Serronen. Das größte Quantum Cochenille, was seit +dem Jahre 1758, also seit mehr als 70 Jahren, ausgeführt worden ist, +war 1,558,125 ℔, im Jahre 1774! Der Durchschnitt von 1770 bis 1780 kann +zu 1,000,000 ℔ jährlich angenommen werden. Der Preis variirte aber in +derselben Epoche sehr, und während derselbe im Jahre 1770 bei einer +Ausfuhr von 1,000,000 ℔, auf 25 Rl. und im Jahr 1771 sogar auf 32 Rl. +pr. ℔ gestiegen war, fiel er 1774 bei 1,500,000 ℔ Ausfuhr, auf 17 Rl., +und in 1779, bei nur 800,000 ℔ Ausfuhr auf 15 Rl. pr. ℔. Die Ausfuhr +nahm nunmehr bedeutend ab und fiel im Jahr 1793 bis auf 334,250 ℔. Der +Durchschnittspreis jenes Jahres war dennoch nur 13½ Realen, und als das +Jahr darauf die Ausfuhr wieder auf 655,550 ℔ stieg, sank der Preis auf +10½ Rl. pr. ℔. Auf dieser niedern Stufe sollte aber damals der Artikel +nicht lange bleiben, und schon in 1800 stand er wieder auf 19 Rl., in +1803 auf 21 Rl. und in 1809 sogar auf 33 Rl.! Der Preis hielt sich bis +zur mexicanischen Revolution (1820/21) ungefähr auf jener Höhe, mit +der alleinigen Ausnahme des Jahrs 1813, wo seltsam genug die Ausfuhr +<em class="gesperrt">nur</em> 178,875 ℔ betrug (der geringsten seit 1758) und der Preis +auf 15 Rl. sank; das darauf folgende Jahr war er wieder 25 Rl.</p> + +<p>Das seltsamste bei dieser Preis-Fluctuation ist, daß sie während einer +Zeit Statt fand, wo die Spanier das Monopol dieses Handels hatten, und +diesen, in Europa damals den edlen Metallen an Stabilität fast gleich +geachteten, Artikel in Cadiz, dem Stapelplatze desselben, immer auf +einer bedeutenden Höhe zu erhalten wußten.</p> + +<p>Seit der Befreiung des mexicanischen Verkehrs mit Europa war der Gang +des Handels mit Cochenille der folgende:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_226">[S. 226]</span></p> + +<table class="cochenille_oaxaca"> + <tr> + <td class="vam" colspan="5"> + <div class="center"><em class="gesperrt">Ausfuhr</em> aus dem Staat von<br> + <em class="gesperrt">Oaxaca</em> fast ausschließlich<br> + nach Vera-Cruz</div> + </td> + <td class="vam"> + <div class="center">Durchschnitts-<br> + preis pr. ℔<br> + in Oaxaca</div> + </td> + <td class="vam"> + <div class="center"><em class="gesperrt">Werth</em></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5" colspan="2"> +   + </td> + <td class="vam s5"> + <div class="center">Pfund</div> + </td> + <td class="s5"> +   + </td> + <td class="vam s5"> + <div class="center">Seronen</div> + </td> + <td class="vam s5"> + <div class="center">Reales</div> + </td> + <td class="vam s5"> + <div class="center">Pesos</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">in</div> + </td> + <td> + <div class="center">1823</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 408,150</div> + </td> + <td> + <div class="center">oder</div> + </td> + <td> + <div class="center">2041</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 16½ </div> + </td> + <td> + <div class="center">  841,809. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1824</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 377,412</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1887</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 16¾ </div> + </td> + <td> + <div class="center">  790,207.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1825</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 394,037</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1970</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 19.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">  935,839.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1826</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 357,612</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1788</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 18.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">  804,628.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1827</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 610,187</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">3051</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 18.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 1,395,470.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1828</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 398,187</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1991</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 14. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">  741,714.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1829</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 498,862</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">2494</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 13.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">  810,651.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1830</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 400,438</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">2002</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 12. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">  625,683.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1831</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 350,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1750</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 11.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">  481,250.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1832</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 635,075</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">3175</div> + </td> + <td> + <div class="center">  9. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">  754,151.—</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p>Da nun der Werth der Waare durch Einkaufs-Provision, Ausgangszoll +aus dem Staat von Oaxaca und Fracht nach Vera-Cruz, so wie ferner +durch Provision und Spesen in dem Hafen bis am Bord, an 2¼ à 2½ Rl. +pr. ℔ gesteigert wird, so kann der Durchschnittswert der Ausfuhr der +Cochenille nach Europa, für diese 10 Jahre nach der Eröffnung des +mexicanischen Handels, auf circa $ 1,000,000 im Jahr angenommen werden, +das Quantum aber zu 443,000 ℔.</p> + +<table> + <tr> + <td> + <div class="left">Der jährliche Durchschnitt</div> + </td> + <td> + <div class="center">von</div> + </td> + <td> + <div class="center">1760 <span class="antiqua">à</span> 69</div> + </td> + <td> + <div class="center">war</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 870,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">℔</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1770 <span class="antiqua">à</span> 79</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,000,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1780 <span class="antiqua">à</span> 89</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 680,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1790 <span class="antiqua">à</span> 99</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 468,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1800 <span class="antiqua">à</span>  9</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 360,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1810 <span class="antiqua">à</span> 19</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 342,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +   + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center">1821 <span class="antiqua">à</span> 32</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 443,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p>Die Production dieses interessanten Artikels hat also durch die +Revolution nicht nur nicht ab-, sondern im Vergleich mit den +vorangegangenen zwei Jahrzehnten zugenommen.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_227">[S. 227]</span></p> + +<h3 id="Cochenille"><em class="gesperrt">Cochenille.</em></h3> + +</div> + +<p>Quantität der Exportation aus dem Staat Oaxaca, Durchschnittspreise pr. +Jahr und Total-Werth von 1758 bis 1830.</p> + +<p class="s5 center">(Aus der Exposicion des Gouvernements des Staats von +Oaxaca von 1831.)</p> + +<table class="cochenille_bis_1830"> + <tr> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">Jahr</div> + </td> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">Pfunde</div> + </td> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">Seronen</div> + </td> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">Preis<br> + Rl.</div> + </td> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">Total-Werth<br> + $</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1758</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 675,562</div> + </td> + <td> + <div class="center">3378</div> + </td> + <td> + <div class="center">16. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,393,346. 5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1759</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 686,812</div> + </td> + <td> + <div class="center">3434</div> + </td> + <td> + <div class="center">16. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,416,549. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1760</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,067,625</div> + </td> + <td> + <div class="center">5338</div> + </td> + <td> + <div class="center">16.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,135,250.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1761</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 788,625</div> + </td> + <td> + <div class="center">3943</div> + </td> + <td> + <div class="center">15.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,478,671. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1762</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 832,500</div> + </td> + <td> + <div class="center">4162</div> + </td> + <td> + <div class="center">14. 9</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,534,921. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1763</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 599,625</div> + </td> + <td> + <div class="center">2998</div> + </td> + <td> + <div class="center">15. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,161,848. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1764</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 898,875</div> + </td> + <td> + <div class="center">4494</div> + </td> + <td> + <div class="center">19. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,191,007. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1765</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,082,250</div> + </td> + <td> + <div class="center">5411</div> + </td> + <td> + <div class="center">18. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,502,703. 1</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1766</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 932,625</div> + </td> + <td> + <div class="center">4663</div> + </td> + <td> + <div class="center">19. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,273,273. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1767</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 849,375</div> + </td> + <td> + <div class="center">4247</div> + </td> + <td> + <div class="center">19. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,070,351. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1768</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 621,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">3105</div> + </td> + <td> + <div class="center">22. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,746,562. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1769</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,024,312</div> + </td> + <td> + <div class="center">5122</div> + </td> + <td> + <div class="center">24. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">3,136,957.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1770</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,043,437</div> + </td> + <td> + <div class="center">5217</div> + </td> + <td> + <div class="center">25.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">3,260,742. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1771</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,050,187</div> + </td> + <td> + <div class="center">5251</div> + </td> + <td> + <div class="center">32.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">4,200,748.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1772</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 839,678</div> + </td> + <td> + <div class="center">4198</div> + </td> + <td> + <div class="center">30.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">3,148,790. 5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1773</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 782,438</div> + </td> + <td> + <div class="center">3912</div> + </td> + <td> + <div class="center">25. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,494,020.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1774</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,558,125</div> + </td> + <td> + <div class="center">7791</div> + </td> + <td> + <div class="center">17. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">3,408,398. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1775</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 837,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">4185</div> + </td> + <td> + <div class="center">16.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,674,000.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1776</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 808,550</div> + </td> + <td> + <div class="center">4043</div> + </td> + <td> + <div class="center">17.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,718,168. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1777</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,244,812</div> + </td> + <td> + <div class="center">6224</div> + </td> + <td> + <div class="center">15.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,334,023. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1778</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,057,800</div> + </td> + <td> + <div class="center">5289</div> + </td> + <td> + <div class="center">16.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,115,600.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1779</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 842,625</div> + </td> + <td> + <div class="center">4213</div> + </td> + <td> + <div class="center">15.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,579,921. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1780</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,385,437</div> + </td> + <td> + <div class="center">6927</div> + </td> + <td> + <div class="center">17.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,944,054. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1781</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 464,625</div> + </td> + <td> + <div class="center">2323</div> + </td> + <td> + <div class="center">17.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 987,328. 1</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1782</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,035,675</div> + </td> + <td> + <div class="center">5178</div> + </td> + <td> + <div class="center">17.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,200,809. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1783</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 990,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">4950</div> + </td> + <td> + <div class="center">18.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">2,247,750.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +<span class="pagenum" id="Page_228">[S. 228]</span> + <div class="center">1784</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 535,900</div> + </td> + <td> + <div class="center">2679</div> + </td> + <td> + <div class="center">16.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,071,800.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1785</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 537,750</div> + </td> + <td> + <div class="center">2689</div> + </td> + <td> + <div class="center">17.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,142,718. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1786</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 610,875</div> + </td> + <td> + <div class="center">3054</div> + </td> + <td> + <div class="center">16. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,259,929. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1787</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 451,125</div> + </td> + <td> + <div class="center">2256</div> + </td> + <td> + <div class="center">16.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 902,250.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1788</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 317,662</div> + </td> + <td> + <div class="center">1588</div> + </td> + <td> + <div class="center">16.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 635,324.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1789</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 478,125</div> + </td> + <td> + <div class="center">2391</div> + </td> + <td> + <div class="center">15. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 926,367. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1790</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 471,150</div> + </td> + <td> + <div class="center">2356</div> + </td> + <td> + <div class="center">16.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 942,300.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1791</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 538,650</div> + </td> + <td> + <div class="center">2693</div> + </td> + <td> + <div class="center">16. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,109,715. 5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1792</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 433,125</div> + </td> + <td> + <div class="center">2166</div> + </td> + <td> + <div class="center">15.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 812,109. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1793</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 334,250</div> + </td> + <td> + <div class="center">1671</div> + </td> + <td> + <div class="center">13. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 564,046. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1794</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 655,550</div> + </td> + <td> + <div class="center">3278</div> + </td> + <td> + <div class="center">10. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 860,409. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1795</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 584,125</div> + </td> + <td> + <div class="center">2921</div> + </td> + <td> + <div class="center">12.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 876,187. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1796</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 207,450</div> + </td> + <td> + <div class="center">1037</div> + </td> + <td> + <div class="center">17. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 453,796. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1797</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 493,425</div> + </td> + <td> + <div class="center">2467</div> + </td> + <td> + <div class="center">15. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 956,010. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1798</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 512,325</div> + </td> + <td> + <div class="center">2562</div> + </td> + <td> + <div class="center">18.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,152,731. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1799</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 452,675</div> + </td> + <td> + <div class="center">2263</div> + </td> + <td> + <div class="center">19. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,103,395. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1800</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 374,400</div> + </td> + <td> + <div class="center">1872</div> + </td> + <td> + <div class="center">19.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 889,200.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1801</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 406,012</div> + </td> + <td> + <div class="center">2030</div> + </td> + <td> + <div class="center">18.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 913,528. 1</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1802</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 433,550</div> + </td> + <td> + <div class="center">2168</div> + </td> + <td> + <div class="center">19.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,029,681. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1803</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 559,350</div> + </td> + <td> + <div class="center">2797</div> + </td> + <td> + <div class="center">21.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,468,293. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1804</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 346,500</div> + </td> + <td> + <div class="center">1732</div> + </td> + <td> + <div class="center">28. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,234,406. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1805</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 191,250</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 956</div> + </td> + <td> + <div class="center">23.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 549,843. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1806</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 251,550</div> + </td> + <td> + <div class="center">1258</div> + </td> + <td> + <div class="center">27.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 848,981. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1807</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 341,550</div> + </td> + <td> + <div class="center">1708</div> + </td> + <td> + <div class="center">29.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,238,118. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1808</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 358,200</div> + </td> + <td> + <div class="center">1791</div> + </td> + <td> + <div class="center">29.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,298,488. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1809</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 343,350</div> + </td> + <td> + <div class="center">1717</div> + </td> + <td> + <div class="center">33.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,416,318. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1810</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 545,727</div> + </td> + <td> + <div class="center">2729</div> + </td> + <td> + <div class="center">29.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,978,262. 2</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1811</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 478,912</div> + </td> + <td> + <div class="center">2395</div> + </td> + <td> + <div class="center">28. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,706,125. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1812</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 199,800</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 999</div> + </td> + <td> + <div class="center">20.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 499,500.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1813</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 178,875</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 894</div> + </td> + <td> + <div class="center">15.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 335,390. 5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1814</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 327,937</div> + </td> + <td> + <div class="center">1640</div> + </td> + <td> + <div class="center">25.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,024,804. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> +<span class="pagenum" id="Page_229">[S. 229]</span> + <div class="center">1815</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 283,275</div> + </td> + <td> + <div class="center">1416</div> + </td> + <td> + <div class="center">24.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 849,825.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1816</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 352,687</div> + </td> + <td> + <div class="center">1763</div> + </td> + <td> + <div class="center">32.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,410,748.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1817</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 315,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">1575</div> + </td> + <td> + <div class="center">29.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,141,875.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1818</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 250,412</div> + </td> + <td> + <div class="center">1252</div> + </td> + <td> + <div class="center">28. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 892,092. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1819</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 493,200</div> + </td> + <td> + <div class="center">2466</div> + </td> + <td> + <div class="center">27. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,695,375. 5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1820</div> + </td> + <td> + <div class="center">—</div> + </td> + <td> + <div class="center">—</div> + </td> + <td> + <div class="center">—</div> + </td> + <td> + <div class="center">—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1821</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 311,787</div> + </td> + <td> + <div class="center">1559</div> + </td> + <td> + <div class="center">23.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 896,387. 5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1822</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 433,063</div> + </td> + <td> + <div class="center">2165</div> + </td> + <td> + <div class="center">18. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,001,457.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1823</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 408,150</div> + </td> + <td> + <div class="center">2041</div> + </td> + <td> + <div class="center">16. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 841,809. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1824</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 377,412</div> + </td> + <td> + <div class="center">1887</div> + </td> + <td> + <div class="center">16. 9</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 790,207. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1825</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 394,037</div> + </td> + <td> + <div class="center">1970</div> + </td> + <td> + <div class="center">19.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 935,837. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1826</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 357,612</div> + </td> + <td> + <div class="center">1788</div> + </td> + <td> + <div class="center">18.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 804,628. 1</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1827</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 610,187</div> + </td> + <td> + <div class="center">3051</div> + </td> + <td> + <div class="center">18.—</div> + </td> + <td> + <div class="center">1,395,420. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1828</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 398,187</div> + </td> + <td> + <div class="center">1991</div> + </td> + <td> + <div class="center">14. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 721,714. 7</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1829</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 498,862</div> + </td> + <td> + <div class="center">2494</div> + </td> + <td> + <div class="center">13.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 810,651. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1830</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 400,438</div> + </td> + <td> + <div class="center">2002</div> + </td> + <td> + <div class="center">12. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 625,683. 5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1831</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 350,000</div> + </td> + <td> + <div class="center">1750</div> + </td> + <td> + <div class="center">11.—</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 481,250.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="center">1832</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 635,075</div> + </td> + <td> + <div class="center">3175</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 9. 6</div> + </td> + <td> + <div class="center"> 754,151. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5"> +   + </td> + <td class="s5" colspan="4"> + <div class="left"><span class="antiqua">Ao.</span> 1820 fehlt aus + Mangel an Daten.</div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="section"> + +<h3 class="padtop1" id="Calculation"><em class="gesperrt">Calculation</em><br> +<span class="s5a">des in Bordeaux einstehenden Werths der +<em class="gesperrt">Cochenille</em>, wenn in Oaxaca zu 10 Rl. pr. ℔ +eingekauft.</span></h3> + +</div> + +<table class="calculation"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">10 Seronen zu 8 Arroben oder 200 ℔ + <span class="antiqua">netto jede</span>, sind 2000 ℔ + <span class="antiqua">à</span> 10 Rl.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">$ 2500.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Ausfuhrzoll aus dem Staat von Oaxaca + <span class="antiqua">à</span> $ 3.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„  300.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Einschreibe-Gebühren</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„   10. 6</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_230">[S. 230]</span> + <div class="hang1_5">Wägen und reinigen <span class="antiqua">à</span> + 6 Rl.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„    7. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Packen in Säcke und Häute + <span class="antiqua">à</span> $ 4</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„   40.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Courtage und Lagermiethe 1 pCt</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„   25.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Einkaufs-Provision 5 pCt.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap bb">„  125.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">$ 3008.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat padtop1"> + <div class="hang1_5">Fracht von Oaxaca nach Vera-Cruz + <span class="antiqua">à</span> $ 15 pr. Carga (2 Seronen) </div> + </td> + <td class="vab padtop1"> + <div class="right nowrap">„   75.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Verschiffungs-Kosten in Vera-Cruz + <span class="antiqua">à</span> 12 Rl</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„   15.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Provision im Hafen 2½ pCt. auf $ 3200</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap bb">„   80.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap bb">$ 3178.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat padtop1"> + <div class="hang1_5">Diese $ 3178 — 60 Tage Sicht auf Frankreich + gezogen zu 5 Fr. macht</div> + </td> + <td class="vab padtop1"> + <div class="right nowrap">Fr. 15891.25</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Fracht von Vera-Cruz nach Bordeaux zu $ 6 + mit 10 pCt. pr. Serone</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„  330.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Assecuranz auf 17000 Fr. zu 2 pCt </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">„  340.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Kosten im Hafen von Bordeaux</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap bb">„   90.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">Fr. 16651.25</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p>2000 ℔ <span class="antiqua">netto</span> in Oaxaca ergeben 1800 ½ Kilogr. in Bordeaux; diese +dividirt in Fr. 16651.25 — macht 9 Fr. 25 Cent. pr. ½ Kilogr.</p> + +<div class="section"> + +<h3 class="padtop1" id="Ausfuhr_von_Mexico_im_Allgemeinen">Ausfuhr von Mexico +im Allgemeinen<br> +<span class="s5">und Taback und Kaffee insbesondere.</span></h3> + +</div> + + +<p>Das Haupt-Tauschmittel Mexico’s in seinem Verkehr mit Europa, Nord- und +Süd-Amerika ist <em class="gesperrt">Silber</em> und etwas <em class="gesperrt">Gold</em>. — Man kann die +<em class="gesperrt">jährliche</em> Ausfuhr von beiden edlen Metallen aus allen Häfen der +Republik in gemünztem <span class="pagenum" id="Page_231">[S. 231]</span>und ungemünztem Zustande zu circa fünfzehn Mill. +Dollars annehmen. — Die Ausfuhr in ungemünztem Zustande, d. h. in +Barren (wenn erlaubt, was nicht immer der Fall) ist vortheilhafter als +in gemünztem, ungeachtet die Ausgangs-Rechte aus Barren 7 pCt. sind, +während gemünztes Silber nur 3½ pCt. und gemünztes Gold nur 2 pCt. +zahlt.</p> + +<p class="mtop2">Die nächstwichtige Ausfuhr von Mexico ist sodann Cochenille, deren +Werth, wie die vorangehende Uebersicht ausweis’t, auf Eine Million +Dollars im Jahr veranschlagt werden darf.</p> + +<p class="mtop2">Die sonstige <em class="gesperrt">Waaren</em>-Ausfuhr ist, besonders an der Ostküste, +bis jetzt noch sehr geringe. Von den Häfen an der Westküste wird +nicht unbedeutend Zucker nach Chili ausgeführt, und Californien +liefert ein beträchtliches Quantum von gesalzenen Ochsenhäuten und +schönes Pelzwerk, wie Bären-, See-Otter- und andere Felle, aber +die Häfen an der Ostküste haben bis jetzt, Cochenille ausgenommen, +keine andere Waaren-Ausfuhr als etwas Xalapa, Sassaparilla, Vanille +und Tabasco-Pfeffer, deren Gesammt-Werth einige hundert tausend +Dollars im Jahr wohl nicht übersteigen dürfte. Dennoch theile ich +die Ansicht nicht, daß Mexico zur Ausfuhr tropischer Erzeugnisse +(Colonial-Producte) sich deshalb nicht eigne, weil z. B. die +Weg-Verbindungs-Mittel im Lande zu schwierig und der Transport nach der +Küste mithin zu theuer wäre, sondern bin der Meinung, daß dies nur auf +einige, von den Häfen sehr entlegene Theile der Republik anwendbar sei, +und daß die nach dem Meere hin gelegenen Staaten, insbesondere jener +von Vera-Cruz, bei zunehmender Bevölkerung und dadurch vermehrten Anbau +des so überaus fruchtbaren Bodens, dereinst eine große Rolle in der +Ausfuhr von Colonial-Waaren spielen werden; namentlich in <em class="gesperrt">Taback</em> +und <em class="gesperrt">Kaffee</em>.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_232">[S. 232]</span></p> + +<p id="Tabak_und_Kaffee"><em class="gesperrt">Taback</em>, welcher hauptsächlich in der Gegend von Orizaba und +Cordova gezogen wird, war bisher ein Monopol der Regierung, welche den +ausschließlichen Aufkauf und Debit des Artikels in der ganzen Republik +an eine Actien-Gesellschaft verpachtete und bedeutende Revenüen davon +zog, die freie Entwickelung der Cultur dieser Pflanze aber auch, wie +natürlich, dadurch hemmte. Die Gesellschaft lös’t sich aber nun auf und +der Anbau des Tabacks soll freigegeben werden. — Geschieht dies, so +wird eine bedeutende Concurrenz eintreten und der Preis des Artikels +wird hinlänglich fallen, um eine Nutzen gebende Ausfuhr möglich zu +machen. Die Qualität dieses <em class="gesperrt">Blätter-Tabacks</em> ist mitunter sehr +schön und dem besten Havanna völlig gleichkommend. Die Fracht von +Orizaba nach dem Hafen von Vera-Cruz ist nur ein Dollar pr. Centner, +und Ausgangs-Zoll haftet auf keinem der Ackerbau-Producte des Staats.</p> + +<p><em class="gesperrt">Kaffee</em> wächst meistens in der Nähe von Cordova; die Qualität ist +gut; die Bohne ist klein, grünlich von Farbe und rein von Geschmack; +— auch die kleine runde Mocca-Bohne hat man hierher verpflanzt, doch +kommt davon wenig an den Markt. — Obwohl nun an Kaffee nicht mehr +producirt als im Lande consumirt wird, so sind doch von Zeit zu Zeit +kleine Partheien davon von Vera-Cruz ausgeführt worden, meistens nach +New-York, wo man die Qualität liebt. Der Preis war im Jahr 1832 10 +<span class="antiqua">à</span> 11 $ der Centner ab Vera-Cruz, wobei der Pflanzer, wenn er +eine ergiebige Plantage im Gange hat, wie die nachstehende Aufstellung +zeigt, sehr schön verdient.</p> + +<p>Ich verdanke diese Berechnung einem unserer Landsleute, der vor 6 +Jahren zwischen Jalapa und Cordova, mit anfänglich sehr beschränkten +Mitteln eine Kaffee-und Zucker-Plantage angelegt hat, und sich jetzt +außerordentlich gut dabei steht. — An der Richtigkeit der Preise und +Werth-Angaben dieser Calculation dürfte also wohl nicht zu zweifeln +seyn.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_233">[S. 233]</span></p> + +<h4 id="Berechnung_des_einstehenden_Preises_von_Kaffee_bei_freier_Arbeit"> +Berechnung des einstehenden Preises von Kaffee bei freier Arbeit.</h4> + +</div> + +<table class="kaffeepreis"> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="hang1_5">Ausgesuchtes Land für 100,000 Kaffee-Bäume, 500 + Tareas <span class="antiqua">à</span> 900 + <img class="h0_7" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat"> Varas jede, + würde ungefähr kosten</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">$ 1000.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Kosten der Bearbeitung:</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">500</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Tareas</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Unterholz</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">zu fällen</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="left"><span class="antiqua">à</span> 3 Rl.</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">$  187.4</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab nowrap"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="left">Hochwald</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="left"><span class="antiqua">à</span> 1 $</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">„  500.–</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="left">aufzuräumen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="left"><span class="antiqua">à</span> 6 Rl.</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center bb">„  375.–</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> +   + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„ 1062. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="hang1_5">Das <em class="gesperrt">erste</em> Jahr braucht + dieses Land sechs Reinigungen, jede Tarea <span class="antiqua">à</span> + 3 Rl. sind</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">500 Tareas <span class="antiqua">à</span> 18 Rl.</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">$ 1125</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">Pflanzen und nachpflanzen</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">„  100</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">Aufseher <span class="antiqua">à</span> 4 Rl. + pr. Tag</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">„  200</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">Mais-Saamen</div> + </td> + <td class="vat nowrap bb"> + <div class="center">„   50</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">Im ersten Jahr wird producirt</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">$ 1475</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="5"> + <div class="left">als Mittelschlag, + 300 Cargas Mais <span class="antiqua">à</span> $3</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">$  900</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="5"> + <div class="left">Ab Erndte, Einbringen etc.</div> + </td> + <td class="vat nowrap bb"> + <div class="center">„  150</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left"> </div> + </td> + <td class="vat nowrap bb"> + <div class="center">„  750</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left"> </div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„  725.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="hang1_5">Im <em class="gesperrt">zweiten</em> Jahr sind + abermals sechs Reinigungen erforderlich, wie oben</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">$ 1125</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">Pflanzen und nachpflanzen</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">„  100</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">Aufseher <span class="antiqua">à</span> 4 Rl. + täglich</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">„  200</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Frijolen</em>-Saamen</div> + </td> + <td class="vat nowrap bb"> + <div class="center">„   50</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left">Producirt dieses Jahr: 125 Cargas</div> + </td> + <td class="vat nowrap"> + <div class="center">$ 1475</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="5"> + <div class="left"> + <em class="gesperrt">Frijolen</em> <span class="antiqua">à</span> 8 $</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">$ 1000</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="5"> + <div class="left">Ab Erndte, Einbringen etc.</div> + </td> + <td class="vat nowrap bb"> + <div class="center">„  150</div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="6"> + <div class="left"> </div> + </td> + <td class="vat nowrap bb"> + <div class="center">„  850</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left"> </div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„  625.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> +<span class="pagenum" id="Page_234">[S. 234]</span> + <div class="left">Das <em class="gesperrt">dritte</em> Jahr hat + dieselben Ausgaben und Einnahmen wie das zweite, also Ueberschuß der + Kosten</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„  625.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Das <em class="gesperrt">vierte</em> Jahr producirt + nun schon <em class="gesperrt">Kaffee</em> und zwar wenigstens + 100,000 ℔, und erfordert folgende Ausgaben:</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center"> </div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">Fürs</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Abpflücken</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">2 Rl.</div> + </td> + <td class="vat nowrap" colspan="3"> + <div class="left">pr. Arroba (25 ℔)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Reinigen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">1  „  </div> + </td> + <td class="vat nowrap" colspan="3"> + <div class="left"><span class="mleft3">„</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Umwenden</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center bb">1  „  </div> + </td> + <td class="vat nowrap" colspan="3"> + <div class="left"><span class="mleft3">„</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">4 Rl.</div> + </td> + <td class="vat nowrap" colspan="4"> + <div class="left">pr. Arroba sind für 1000 Ctr.</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„ 2000.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Die sechs Reinigungen bleiben dieselben wie in + den frühern Jahren</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„ 1125.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Aufseher <span class="antiqua">à</span> 4 Rl. + pr. Tag</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„  200.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Eine Kaffee-Reinigungs-Maschine wird nun nothwendig + und kostet, von Nordamerika bezogen</div> + </td> + <td class="vab bb nowrap"> + <div class="center">„  400.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="right mright2">Total</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">$ 7762. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="8"> + <p>Hierfür besitzt nun der Pflanzer im vierten Jahr 100,000 ℔ Kaffee, + und will er mit diesen seine Anlage <em class="gesperrt">ganz frei</em> + machen, so muß er dafür in Vera-Cruz, bis wohin ihn der Ctr. 1 $ Fracht + und 1 $ Emballage und sonstige Spesen kostet, — 10 $ pr. Ctr. + erhalten.</p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="8"> + <p>Das <em class="gesperrt">fünfte</em> Jahr producirt ihm aber seine + Plantage wenigstens das Doppelte, sage 2000 Ctr. + <em class="gesperrt">Kaffee</em>.</p> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Diese kosten ihn fürs Einsammeln u. s. w. + nach obigem Ansatz von 4 Rl. pr. Arroba</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">$ 4000.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Die mehrerwähnten jährlichen Reinigungen</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">„ 1125.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">Fracht, Emballage und Spesen bis Vera-Cruz wie + oben, <span class="antiqua">à</span> $ 2 pr. Ctr. für 200 Ctr.</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center bb">„ 4000.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> +   + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center">$ 9125.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="7"> + <div class="left">macht den Ctr. 4½ $ ab Vera-Cruz!</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> +   + </td> + </tr> +</table> + +<p><span class="pagenum" id="Page_235">[S. 235]</span></p> + +<p>Die darauf folgenden Jahre versprechen alsdann noch vortheilhafter zu +werden. — Die Kosten sind hier aufs höchste und die Production aufs +niedrigste veranschlagt!</p> + +<div class="section"> + +<h2 class="padtop1" id="Muenz-Sorten"><b><em class="gesperrt">Münz-Sorten</em>.</b></h2> + +</div> + +<p>Die in Mexico gangbaren Münz-Sorten sind:</p> + +<p><span class="antiqua">a.</span> <em class="gesperrt">Gold in Unzen</em>, (<span class="antiqua">onzas</span>) vom Gewicht von 17 +<span class="antiqua">dwt.</span> und 8 <span class="antiqua">gr.</span> 1000 Stück wiegen mithin 866 Unzen.</p> + +<p>Der Silber-Werth einer Unze ist <span class="antiqua">al pari</span> 16 Pesos. Da nun ein +<em class="gesperrt">Peso</em> einer <em class="gesperrt">Unze</em> im Gewicht ganz gleich ist, so constatirt +dies das relative Verhältniß von Gold zu Silber in Mexico wie 1 zu 16.</p> + +<p>Wenn Gold gesucht wird, was in Mexico wie anderwärts häufig der Fall +ist, so steigen die <em class="gesperrt">Unzen</em>, und ich habe sie auf 17 $ 2 <span class="antiqua">à</span> +4 Rl. Silber gekannt.</p> + +<p>Es werden sodann auch ½, ¼, ⅛ und ¹⁄₁₆ Unzen geprägt; von letzteren +sind aber nur wenige im Umlauf.</p> + +<p><span class="antiqua">b.</span> <em class="gesperrt">Silber.</em> Pesos (Dollars) gleichfalls 17 <span class="antiqua">dwt.</span> und +8 <span class="antiqua">gr.</span> wiegend, oder 1000 Stück auf 866 Unzen Gewicht.</p> + +<p>Die Unterabtheilung eines Peso ist 8 Reales. Halbe Pesos giebt es +nicht, dagegen viele viertel Pesosstücke, Pesados genannt, sodann +Reales und Medios, oder halbe Reales, so wie Cuardillos oder viertel +Reales, von letztern aber nur wenige.</p> + +<p><span class="antiqua">c.</span> <em class="gesperrt">Kupfer</em> sollte nur als Scheide-Münze im Lande +coursiren, ist aber in der letzten Zeit während den Geld-Verlegenheiten +des Gouvernements in so großer Menge geprägt worden, daß es in den +Großhandel eingedrungen und darin <span class="pagenum" id="Page_236">[S. 236]</span>so lästig geworden ist, daß man es +oft mit 2 bis 3 pCt. Verlust los zu werden versucht hat. Kupfer-Geld +wird im Großhandel nie gezählt, sondern in Säcken von 100 $ Werth, +nur dann und wann gewogen. Auch die Silber-Zahlungen werden in Säcken +von der runden Summe von 1000 $ gemacht; diese heißen dann Talegas, +doch werden sie in der Regel nachgezählt, und nur allenfalls bei ganz +großen Verhandlungen und bei genauer Bekanntschaft der Partheien, bloß +nachgewogen.</p> + +<p><em class="gesperrt">Papier-Geld</em> existirt bis jetzt noch keins in Mexico; es ist +jedoch schon mehrmal die Rede von einer National-Bank gewesen, und +es dürfte wohl ein solches Institut in nicht gar langer Zeit ins +Leben treten und durch Ausgabe eines gut fundirten Papier-Geldes +dazu beitragen, den hier so sehr hohen Zinsfuß zu ermäßigen. Jetzt +wird oft von den ersten und solidesten Häusern Geld zu 2 bis 3 pCt. +pr. Monat aufgenommen, und das Gouvernement hat, unter Sanction des +National-Congresses, Anleihen zu dem enormen Zinsfuß von 5 pCt. pr. +Monat abgeschlossen.</p> + +<div class="section"> + +<h2 class="padtop1" id="Maas_und_Gewicht"><b>Maass und Gewicht.</b></h2> + +</div> + + +<p>Das Gewicht in Mexico ist das Castilianische, den <em class="gesperrt">Quintal</em> oder +Centner zu 100 ℔ oder 4 Arrobas, jede zu 25 ℔, gerechnet.</p> + +<p>An der Douane werden 104 ℔ englisch und 45½ Kilogr. französisch Gewicht +für 100 ℔ mexicanisch angenommen, was jedoch nicht ganz richtig ist, +indem es heißen müßte, 100 ℔ englisch sind = 96 ℔ mexicanisch u. s. w.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_237">[S. 237]</span></p> + +<p><em class="gesperrt">Carga</em> ist die von einem Esel (<span class="antiqua">burro</span>), Maulthier +(<span class="antiqua">Mula</span>), oder Pferd (<span class="antiqua">Caballo</span>) getragene Last, und +bezeichnet ein Gewicht, nach dem mehreres ge- und verkauft wird, und +nach welchem auch insbesondere die Frachten bestimmt werden, aber +es existirt keine feste Norm dafür und wechselt nach Maaßgabe der +Thierart, Stärke der Thiere und Beschaffenheit der Wege. Man kann das +Minimum des Gewichts einer Carga auf 300 ℔ und das Maximum auf 400 ℔ +anschlagen.</p> + +<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br> +*</p> + +<p class="hang1_5">Das allgemein eingeführte Längen-Maas ist die +castilianische Vara, welche am Zoll im folgenden Verhältniß zu den fremden +Messungen angenommen und verrechnet wird:</p> + +<table class="vara"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 englische Yards</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">108  </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Varas</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 französische Aunes</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">140  </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 brabanter Ellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">81  </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 jetzige <span class="antiqua">aunes des pays + bas</span> oder französische Metres</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">116  </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 Bremer Legge oder doppelte Ellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">140  </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 Wiener Ellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">92  </div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 Berliner Ellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">78½</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 Breslauer Ellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">69½</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 Hamburger Ellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">67½</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">100 Leipziger Ellen</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">=</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="right">66⅔</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br> +*</p> + +<p>Das Maas der Flüssigkeiten wird am mexicanischen Zoll nach dem Gewicht +berechnet und ist nach diesem besteuert. Der Inhalt von 12 gewöhnlichen +Flaschen Wein wird dabei auf ¾ Arrobas veranschlagt; das sogenannte +Baril Branntewein auf 5 Arrobas, das Baril Wein oder Essig auf 5½ +Arrobas, mit einem Nachlaß von 10 pCt. für Leckage.</p> + +<div class="chapter"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_238">[S. 238]</span></p> + + + <h2 class="nobreak" id="Der_mexicanische_Tarif"> + Der mexicanische Tarif. + </h2> +</div> + + +<p>Der Grundsatz nach welchem die Besteuerung der zur Einfuhr in Mexico +erlaubten Waaren stattfindet, ist 40 pCt. vom dortigen Werth und es +heißt deshalb auch in den Bestimmungen des Tarifs, daß alle darin +nicht benannten Waaren im Hafen geschätzt und hierauf 40 pCt. erlegt +werden sollen. Der Tarif ist indessen sehr ausführlich, und bezeichnet +fast alle Einfuhr-Artikel bei Namen, mit genauer Bestimmung des darauf +fallenden Zolls.</p> + +<p>Hieraus entsteht nun eine große Ungleichheit in der Besteurung, viele +Artikel bezahlen weit weniger als 40 pCt. von ihrem Werthe, andere +bedeutend mehr.</p> + +<p>Der Tarif ist für alle Theile der Republik derselbe, mit Ausnahme +des Staates von Yucatan und der beiden Californien, welche der +Eigenthümlichkeit ihrer Lage wegen nur ⅗ der eingehenden Rechte +entrichten; wenn jedoch von da aus Waaren nach den andern Theilen der +Republik versandt werden, so müssen die fehlenden ⅖ der vollen Rechte +schon bei der Verschiffung im Hafen nachbezahlt werden.</p> + +<p>Niederlagen für die Wiederausfuhr, oder Rückzölle bei derselben, +gestattet das mexikanische Zollsystem keine. — Alle eingeführten +Waaren müssen den vollen Zoll erlegen, und man bekommt davon bei +der Wiederausfuhr nichts zurück. Die mexicanischen Häfen erhalten +mithin auch keine andere Zufuhren, als die für den Consum des Landes +berechneten.</p> + +<blockquote> +<p><em class="gesperrt">Verboten</em> für die Einfuhr sind:</p> +</blockquote> + +<p>Zucker, Kaffee, Chocolade (Cacao ist erlaubt), Reis, Getreide, Mehl +(letzteres ist zur Einfuhr nach Yucatan erlaubt), <span class="pagenum" id="Page_239">[S. 239]</span>geräuchertes und +gesalzenes Fleisch, Salz, Taback und Cigarren; Brantewein der nicht ans +Trauben gewonnen wird, mit Ausnahme von Genever, dessen Einfuhr erlaubt +ist; verarbeitetes Wachs, Seife und Talg, Blei und Kupfer, Stiefel +und Schuhe und Sattelwerk, so wie alles was aus Leder gearbeitet ist; +— fertige Kleidungsstücke, Nähgarn unter No. 20, wollene Decken; +ordinaires Tuch, gemeines Theegeschirr, Schnüre und Tressen u. dgl. m.</p> + +<p>Diese Verbote rechtfertigt man dadurch, daß die enumerirten Artikel im +Lande selbst erzeugt und angefertigt würden.</p> + +<blockquote> +<p><em class="gesperrt">Frei von allen Abgaben</em> bei der Einfuhr sind:</p> +</blockquote> + +<p>Gedruckte Bücher, geographische Charten, Maschinen und Instrumente +für Künste und Wissenschaften, Ackerbau und Bergbau; gedruckte oder +geschriebene Musik und Schieferschreibtafeln mit hölzernen Rahmen +für Schulen, Quecksilber, Häuser von Holz, Schiffe und Fahrzeuge zur +Nationalisirung und Verkauf, ausländische Pflanzen und deren Sämereien, +ausländische Thiere und endlich englisches Wundpflaster.</p> + +<p><em class="gesperrt">Ausfuhr-Verbote</em> enthält der mexicanische Tarif, mit Ausnahme +des Samens oder der Brut der Cochenille, keine, denn das Verbot der +Ausfuhr der edlen Metalle im ungemünzten Zustande, ist schwankend, und +wird häufig suspendirt und aufgehoben. Alle Landesproducte gehen ganz +frei aus und nur die edlen Metalle bezahlen an ausgehenden Rechten das +Folgende:</p> + +<table> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left"><em class="gesperrt">Gold</em>, in gemünztem oder + verarbeitetem Zustande</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">2</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">pCt.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center"><em class="gesperrt">Silber</em>,</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">in demselben Zustande</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">3½</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">in ungemünztem Zustande, d.h. in Barren</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">7</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p>Außerdem werden aber auch noch 2 pCt. Circulations-Rechte bei der +Versendung von Comptanten aus dem Innern nach der Küste erhoben, +dergestalt, daß der mexicanische Dollar <span class="pagenum" id="Page_240">[S. 240]</span>oder Peso gar viele Abzüge +erleidet ehe er in Europa zur Realisation kommt, nemlich:</p> + +<table class="circulation"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">1)</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"> 1</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">pCt.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">mehr oder weniger, Spesen der Conducta bis in den + Hafen</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">2)</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"> 2</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Circulations-Rechte</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">3)</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">  ¾</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Provision und Spesen im Hafen</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">4)</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"> 3½</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Ausgangs-Rechte</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">5)</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"> 1¼</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Seefracht und Spesen bis in die Bank von England</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">6)</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left"> 1⅜</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Assecuranz und Stempel</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">7)</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left bb">  ¾</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center bb">„</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Provision, Courtage und Spesen beim Verkauf</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">10⅝</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">pCt.</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> +</table> + +<table> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Der Brutto-Werth des Dollars in England ist + beim Preis von 57 <span class="antiqua">d.</span> pr. Unze</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">49¼ </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"> ⅜ <span class="antiqua">d.</span></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Hiervon ab 10⅝ pCt. Kosten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap">5¼ <span class="antiqua">d.</span></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Bringt die Parität des <em class="gesperrt">Wechsel</em>-Courses + mit der <em class="gesperrt">Baarsendung</em> von Mexico auf London, auf</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">44– </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"> ⅛ <span class="antiqua">d.</span></div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">und von Vera-Cruz, wo 1, 2, 3 der Spesen + wegfallen, auf</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">45¾ </div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"><span class="antiqua">à</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right nowrap"> ⅞ <span class="antiqua">d.</span></div> + </td> + </tr> +</table> + +<div class="section"> + +<h3 class="padtop1" id="Berg-Bau_und_Silber-Gewinnung"><b>Berg-Bau und +Silber-Gewinnung</b><br> +<span class="s5">in Mexico.</span></h3> + +</div> + +<p>Es ist notorisch, daß der Boden Mexico’s unerschöpfliche Massen der +edlen Metalle, namentlich des <em class="gesperrt">Silbers</em>, enthält. Minder bekannt +dürfte seyn, daß eine große Verschiedenheit in dem Gehalt der Erze, +welche man aus der Erde gräbt, obwaltet, und daß, während man z. B. +in der Provinz Sonora Gruben hat, in welchen man fast gediegenes +Silber findet, <span class="pagenum" id="Page_241">[S. 241]</span>es in anderen Gegenden Bergwerke giebt, die zwar an +Erzen sehr ergiebig sind, welche in Europa, wo man durch vollendete +Schmelzproceduren auch den kleinsten Silber-Gehalt aus dem Erze zu +ziehen versteht, für reich gelten würden, die aber in Mexico, der +unvollkommenen Zugutemachungs-Anstalten wegen, völlig werthlos sind +und mithin unbenutzt bleiben; denn wenn die im Erz enthaltene Mark +Silber mehr zu extrahiren kostet, als sie in der Münze werth ist, +so setzt man natürlich eine solche Operation auf die Dauer nicht +fort, man vernachlässigt mithin alle Werke, deren Erze nicht genug +reichhaltig sind, die kostspielige Extrahirung durch die Amalgamation +mit Quecksilber zu ertragen, und selbst dann noch einen Ueberschuß zu +liefern, wenn durch diese Procedur, wie stets der Fall, 40 bis 50 pCt. +Silber verloren gegangen sind.</p> + +<p>Bittere Erfahrungen sind in dieser und anderer Beziehung von den +europäischen und nordamerikanischen Minen-Spekulanten gemacht worden, +man hat theils die Verhältnisse des mexicanischen Bergbaues nicht +gehörig erkannt, theils Mißgriffe in der Wahl der Bergwerke und +ihrer Dirigenten gemacht, und ist in keinem einzigen Fall mit der +nöthigen Oeconomie zu Werke gegangen. Ganz besonders aber hat man es +darin versehen, daß man sich durch glänzende Namen, früher freilich +ergiebiger, aber nun ins Stocken gerathener und zum Theil ersoffener +Gruben, täuschen ließ, und enorme Summen Geldes für die Erlaubniß, +sie zu bearbeiten, an die Eigner, welche sie bereits als verloren +betrachteten, bezahlte, statt in andern Revieren jungfräuliche Gruben +aufzusuchen, die man umsonst hätte haben können. Viele Unternehmungen +sind daher auch nach vergeblich verausgabten <em class="gesperrt">Millionen</em> gänzlich +aufgegeben, andere von ihrem ursprünglich über die Maaßen ausgedehnten +Umfange auf einen engen Kreis zurückgeführt worden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_242">[S. 242]</span></p> + +<h4 id="Deutsch_Amerikanischer_Bergwerksverein" title="Deutsch-Amerikanischer +Bergwerksverein"><span class="s5">Zu diesen letzteren gehört der uns am +nächsten stehende</span><br> +Deutsch-Amerikanische Bergwerks-Verein,</h4> + +<p class="p0">welcher jetzt nur noch die Gruben im Mineral von Anganguco betreibt, +und alle die kostspieligen, gemeinschaftlichen Unternehmungen mit +Revilla — worauf Hunderttausende verwandt worden — als Verlust +bringend, aufgegeben hat. Aber auch Anganguco würde, da die +hauptsächlichsten Gruben, Purissima und Valenciana, nur arme Erze +liefern, nicht fortgebaut werden können, wenn nicht, durch einen +äußerst geschickten und wissenschaftlich gebildeten, deutschen +Schmelzer, einen Herrn Franz Schmitz aus Stift Keppel bei Siegen, +eine so vervollkommte Schmelzmethode auf den Werken des D. A. +Bergwerks-Vereins zu Anganguco eingeführt worden wäre, daß jetzt aus +diesen armen Erzen die Mark Silber zu 3¼ Pesos extrahirt wird, während +sich früher die Kosten des Schmelzens auf 10 bis 12 Pesos pr. Mark, +also auf mehr als den Werth des Silbers, beliefen, die Erze somit gar +nicht benutzt werden konnten. Die Amalgamation kam aber durch den +enormen Silber-Verlust von 60 pCt. (bei so armen Erzen) noch höher zu +stehen.</p> + +<p>Man kann also gewissermaßen dieser vervollkommten Schmelzmethode des +besagten Herrn Schmitz die Rettung des Unternehmens zuschreiben, +wenn, wie zu hoffen steht, diese durch die zweckmäßigen Einrichtungen +des Herrn Bevollmächtigten Schleiden nunmehr überhaupt bewirkt ist. +Ohne eine solche, verbesserte und verwohlfeilte Schmelzmethode, würde +die große Erz-Ergiebigkeit der Grube Purissima dem Verein von keinem +Werth seyn, und auch dieses letzte Werk desselben hätte aufgegeben +werden müssen, während nunmehr Aussicht vorhanden ist, daß, bei der +stattfindenden Vermehrung der Schmelz-Oefen nach der Schmitzschen +Methode, ein hinlängliches Quantum <span class="pagenum" id="Page_243">[S. 243]</span>von Silber <em class="gesperrt">mit Nutzen</em> +gewonnen werden wird, um dem Verein endlich eine nachhaltige Ausbeute +zu verschaffen.</p> + +<p>Die mehrerwähnte vortreffliche Schmelzmethode, welche Herr Schmitz im +April-Heft 1832 im <span class="antiqua">Registro Trimestre</span> in Mexico bekannt gemacht +und genau beschrieben hat, zog denn auch bereits die Aufmerksamkeit +anderer Bergwerks-Besitzer in Mexico auf sich, und dürfte leicht +eine bedeutende Revolution in der Silber-Production von Mexico zur +Folge haben, indem eines Theils der große, Niemanden zu Gute kommende +Silber-Verlust bei der Amalgamation dadurch vermindert und mithin +für die Production im Allgemeinen gewonnen werden würde, und andern +Theils die jetzt gänzlich werthlos erachteten und mithin, weder durch +Amalgamation, noch auf dem Wege der Schmelzung benutzten Erze mit in +die Silber-Production hinein gezogen und diese also sehr vermehrt +werden könnte.</p> + +<p>Ein vortheilhafteres, gewinngebenderes Unternehmen als ein +Schmelz-Etablissement nach der Schmitz’schen Manier, in einem +Mineral, wo viele arme Erze zu Tage gefördert werden, welche die +Mexicaner nicht zu Gute zu machen verstehen, dürfte es denn auch +nicht leicht geben, und es würde den unberechenbaren Vortheil über +jede Bergwerks-Unternehmung haben, daß dabei von keiner Ungewißheit +<em class="gesperrt">unter</em> der Erde, von keinen illusorischen Hoffnungen, von keinem +<em class="gesperrt">Glückauf</em>! die Rede wäre. Ein solches Schmelz-Geschäft würde ein +rein mercantilisches Unternehmen seyn; die Erze würden dabei nicht +aus dem Schooß der Erde geholt, sondern erst wenn sie bereits über +derselben liegen, gekauft, geschmolzen und mit dem darauf gemachten +Gewinn in der Münze realisirt werden, und zwar, wo nicht wöchentlich, +doch monatlich.</p> + +<p>Angenommen, daß die Schmelz-Vorrichtung in einem der zahlreichen, mit +Kohlen und Wasser hinreichend versehenen, <span class="pagenum" id="Page_244">[S. 244]</span>Reviere angelegt würde, in +welchen von den vielen eingebornen kleinern Bergleuten stets arme Erze, +von 7 <span class="antiqua">à</span> 9 Unzen Silber in der Carga von 300 ℔, genug gewonnen +werden, welche sie jetzt gerne zu 1 Peso die Carga verkaufen, so wäre +folgendes die Berechnung:</p> + +<p>Die Schmelz-Oefen und Vorrichtung für einen Betrieb von <em class="gesperrt">nur</em> 150 +Cargas die Woche veranschlagt, erfordert ein Capital von 10 <span class="antiqua">à</span> +12000 Pesos.</p> + +<table class="schmelzoefen"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Ankauf von 150 Cargas Erze <span class="antiqua">à</span> + $ 1, oder möglicherweise bei vermehrter Nachfrage 1¼ + <span class="antiqua">à</span> 1½ $, sind pr. Woche + <span class="antiqua">à</span> 1½ $</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center"> $  225 </div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Das Schmelzen, nach den vorliegenden Erfahrungen, + 3¼ $ pr. Carga</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center bb"> „  487½</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center"> $  712½</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Jene 150 Cargas Erze liefern 150 Mark Silber, + <span class="antiqua">à</span> 8¼ $, als Preis in der Münze</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center bb"> „ 1237½</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">wöchentlicher Ueberschuß</div> + </td> + <td class="vab nowrap"> + <div class="center"> $  525 </div> + </td> + </tr> +</table> + +<p class="p0">monatlich zu realisiren mit $ 2100, oder jährlich mit +$ 25,200.</p> + +<p>Da in den Schmelzkosten von 3¼ $ pr. Carga alle Kosten und Löhne mit +einbegriffen sind, so wäre von diesem <em class="gesperrt">großen Gewinn</em> nur das +Gehalt des dirigirenden Schmelzers abzuziehen, der jedoch zugleich +Bevollmächtigter und Betheiligter bei der Sache seyn müßte. Einem +solchen Unternehmen könnte natürlich eine noch weit größere Ausdehnung +gegeben werden, und eine hierauf sich bildende Actien-Gesellschaft +dürfte gewiß seyn, bessere Geschäfte zu machen, als die bisherigen +Bergwerks-Vereine.</p> + +<p><em class="gesperrt">Aehnliches</em> besteht übrigens bereits schon in Mexico, unter +der dort sehr bekannten Benennung von Rescate-Geschäft; die +Rescadores kaufen in den verschiedenen Revieren den Bergleuten die +Erze so wohlfeil ab, wie sie können, und <span class="pagenum" id="Page_245">[S. 245]</span>machen sie, theils durch +Amalgamation, theils durch Schmelzung zu Gute, und finden dabei zwar +ihre Rechnung, jedoch nur spärlich, da sie bei ihrer unvollkommenen +Verfahrungsweise nur die <em class="gesperrt">reicheren</em> und mithin theureren Erze +gebrauchen können, und auch diesen nicht so viel Silber abgewinnen, als +die deutsche Methode aus den <em class="gesperrt">armen</em> Erzen zieht.</p> + +<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br> +*</p> + +<p id="Ertrag_und_Ausfuhr_im_Allgemeinen">Trotz aller Unvollkommenheiten des mexicanischen Bergbaus, fördert +derselbe dennoch alljährlich mehr als 15 Millionen Pesos in Silber und +Gold zu Tage, und Mexico führt diese auch aus! — hauptsächlich durch +die Packetfahrt nach England, wohin in der Regel auch Deutschland +und Frankreich ihre Retouren in Geld gehen lassen, weil directe +Verschiffungen <em class="gesperrt">für Comptanten</em> nach deutschen und französischen +Häfen selten sind; nächstdem wird viel Geld nach Nordamerika versandt, +sowohl von Vera-Cruz nach New-York, wie insbesondere von Tampico +nach New-Orleans; endlich wird dann auch noch viel Silber, Gold und +Goldstaub (letzteres aus den reichen Minen von Sonora) über die Häfen +von St. Blas und Acapulco an der Westküste ausgeführt, dergestalt, +daß die genannte Summe der Gesammt-Ausfuhr an edlen Metallen aus der +Republik Mexico nicht zu hoch erscheint; auf die englischen Packete +allein fallen davon bekanntlich circa 8 <span class="antiqua">à</span> 10 Millionen Pesos im +Jahr.</p> + +<p>Von allen Häfen der Republik führt anjetzo Tampico das meiste Silber +aus. Dorthin dirigiren sich nämlich die reichen Conducten von +Guanaxuato, Zaccatecas, St. Luis Potosi u. s. w., und es sammelt sich +häufig mehr Geld im Hafen, als das englische Packet, welches gesetzlich +auf eine Million Pesos beschränkt ist, auf einmal einnehmen kann.</p> + +<p>Vera-Cruz erhält die Comptanten, zur Verschiffung ins Ausland, +hauptsächlich durch die Conducten von Mexico, <span class="pagenum" id="Page_246">[S. 246]</span>Puebla, Oaxaca u. s. w., +zusammengenommen aber weniger als Tampico.</p> + +<p>Die Gesetze über die Silber- und Gold-Ausfuhr aus Mexico haben oft +darin geschwankt, daß die Ausfuhr in Barren, d. h. im ungemünzten +Zustande, bald erlaubt bald verboten war. Geprägte Dollars zahlen 3½ +pCt. Ausgangsrechte; Silberbarren dagegen 7 pCt., und man glaubte +in diesen additionellen 3½ pCt. eine hinlängliche Entschädigung für +die Nichtbenutzung der Münz-Anstalten im Lande zu erhalten. Das +Gouvernement fand aber bald, daß die Münz-Etablissements hierunter +allzusehr litten, und fast ganz unbeschäftigt blieben; die Ausfuhr von +Silber, in anderer als gemünzter Gestalt, ward daher wieder verboten. +Jetzt scheint man aber einen Mittelweg einschlagen und ausnahmsweise +denen Minen-Districten, welche allzuweit von einem Münz-Etablissement +entfernt liegen, die Silber-Ausfuhr in Barren gestatten zu wollen.</p> + +<p class="center">*<span class="mleft9">*</span><br> +*</p> + +<p id="Muenze_in_Mexico"><em class="gesperrt">Die Münze in der Hauptstadt Mexico</em> ist ein schönes, großartiges +und gut administrirtes, von dem Gouvernement in finanzieller Hinsicht +gänzlich unabhängiges Etablissement, und diese Unabhängigkeit ist +unter andern, während der Revolution von 1832, von allen Parteien, +selbst unter den größten Geld-Verlegenheiten, respectirt worden! Die +an der Spitze stehenden Männer sind in ihrem Fache wissenschaftlich +gebildete Leute, und es herrscht in allen Zweigen der Münze die größte +Ordnung und Pünktlichkeit. Man prägt in derselben nicht allein Gold +und Silber, sondern auch viele Kupfer-Münzen, letztere fast alle für +Rechnung der Regierung, die ein Gesetz erlassen hat, daß in allen +Zahlungen ein Drittheil in Kupfergeld angenommen werden solle, da dies +nun in <span class="pagenum" id="Page_247">[S. 247]</span>Wechsel-Geschäften nicht wohl ausführbar ist, so verliert das +Kupfergeld im Groß-Handel oft 2 bis 3 pCt.</p> + +<p>In Guanaxuato hat, mit Genehmigung des Staats, eine englische +Gesellschaft ein Münz-Etablissement errichtet, welches gut rendiren +soll, und dem Minen-Besitzer den Vortheil und die Annehmlichkeit +bietet, daß ihm gleich bei Einlieferung des Silbers der genaue +Gegensatz in gemünzten Dollars ausbezahlt wird, während man in der +Münze zu Mexico, zwei, drei, ja oft vier Wochen warten muß, ehe +man das gemünzte Geld gegen die eingelieferten Silberbarren wieder +erhält; sind nun gar die Barren goldhaltig, so dauert es oft Monate, +ehe die Münze den Gegensatz dafür wieder giebt, da man für diese +Ausscheidungs-Operation stets erst ein gewisses Quantum abwartet.</p> + +<p>Diesem Uebelstande in der Münze ist es wohl zuzuschreiben, daß ein +Franzose ein Privat-Etablissement für die Gold- und Silber-Scheidung +durch chemische Procedur errichtet hat, was guten Fortgang haben soll.</p> + +<div class="section"> + +<h3 class="padtop1" id="Banco_de_Avio"><b>Banco de Avio.</b><br> +<span class="s5a">(<em class="gesperrt">Industrie-Belebungs-Bank</em>.)</span></h3> + +</div> + +<p>Mag es immer wahr seyn, daß Mexico in seiner Cultur noch weit zurück +ist, und in der fortschreitenden Entwickelung seiner Civilisation durch +die, leider nur allzuhäufigen, innern Unruhen sehr gehemmt wird, so +kann es doch dem Auge des vorurtheilsfreien Beobachters nicht entgehen, +daß, seit der Emancipation des Landes vom spanischen Joche, ungeheure +Fortschritte in der Aufklärung gemacht worden sind, und daß <span class="pagenum" id="Page_248">[S. 248]</span>sich +überall ein Streben kund thut, die Nation auf eine höhere Stufe der +Ausbildung zu führen. Die mitunter zum Erstaunen ausführlichen Berichte +der verschiedenen Ministerien des Innern, der Finanz, Justiz u. s. w., +welche gesetzlich jedes Jahr den Kammern vorgelegt und dann durch den +Druck veröffentlicht werden, liefern schöne Beweise von dem bereits +Geschehenen und von dem guten Willen mehr zu thun! Ich habe jene +Berichte vom Jahre 1832 vor mir liegen, und finde darin vieles was kein +europäisches Gouvernement zu adoptiren Anstand nehmen würde. Besonders +erfreulich sind aber dabei die Unterstützungen, welche, obgleich +freilich noch nicht in hinlänglichem Maße, den Civil-Institutionen und +Unternehmungen zugewandt werden; denn wenn auch, wie nicht zu läugnen, +dabei hier und da Mißgriffe stattfinden, so tragen solche Bestrebungen +doch stets dazu bei, Licht zu verbreiten, Ideen zu wecken und zu +berichtigen, kurz das Ganze vorwärts zu bringen.</p> + +<p>Hierher gehört besonders die vielbesprochene <span class="antiqua">Banco de Avio</span> +(Industrie-Belebungs-Bank), eine Schöpfung des Ministers Alaman, welche +von seinen zahlreichen Widersachern häufig scharf getadelt worden ist, +die ich aber in ihrer Theorie vollkommen billige und mithin auch den +gemachten großartigen Versuch in Schutz nehme, ohne darum gerade jede +einzelne Verhandlung der Bank gutheißen zu wollen.</p> + +<p>Die Idee im Allgemeinen spricht mich aber sehr an! Alaman dachte, +und wie mich dünkt mit Recht, da bereits aus mehreren Punkten der +Republik ein gewisser Grad von Fabrik-Industrie existire, so würde +die Anlage <em class="gesperrt">von Normal-Anstalten</em> dazu beitragen, die Zahl z. B. +der Spinnereien und Webereien u. s. w. zu vermehren, und Kenntnisse +des Auslandes heranziehen, welche die Verarbeitung derjenigen rohen +Producte, die Mexico nicht mit Vortheil ausführen kann, wie z. B. +Wolle und Baumwolle, im Lande selbst befördern <span class="pagenum" id="Page_249">[S. 249]</span>müßten. Er dachte +ferner, und wie ich glaube, mit gleichem Rechte, daß in einem Lande wie +Mexico, wo der Zinsfuß so hoch ist, daß selbst das Gouvernement oft +3-4 ja 5 pCt. pr. <em class="gesperrt">Monat</em> bezahlt, Fabrik-Unternehmungen und neue +Ackerbau-Anlagen einer wohlfeileren Capital-Unterstützung bedürften, +und setzte es daher bei den Kammern durch, daß von den Zöllen auf +Baumwollen-Waaren, ein Theil zurückgelegt würde, um daraus für die +besagte <span class="antiqua">Banco de Avio</span>, den Fond von einer Million Dollars zu +bilden, der alsdann, unter der Leitung einer besonderen Administration, +zu den oben angedeuteten Zwecken verwandt werden sollte. Dieser Fond +war nun zwar noch nicht completirt, die Bank aber doch schon seit 14 +Monaten in Wirksamkeit getreten, und die Direction, an deren Spitze +der Minister Alaman steht, hat in diesem Jahre einen Bericht darüber +erstattet, von dem ich hier einiges aushebe:</p> + +<p>“Die Aufmerksamkeit des Etablissements richtete sich vor allen Dingen +auf die Schaafzucht, auf die Bienenzucht für die Gewinnung des Wachses, +und auf die Baumwollenstaude, in der Absicht, diesen wichtigen Zweigen +im ganzen Lande nach Maaßgabe der verschiedenen climatischen und andern +Verhältnisse, die möglichste Nachhülfe zu leisten. Die aus allen +Theilen der Republik eingelaufenen Berichte haben leider ergeben, +daß der jetzige Stand der Landes-Industrie keinesweges ein günstiger +ist. Bedeutende Strecken Landes, welche Wasser und Wiesengrund genug +haben, um große Heerden <em class="gesperrt">Schaafe</em> zu unterhalten, liegen brach und +bleiben, theils aus Mangel an Capitalien zur Anschaffung der Heerden, +theils aus Trägheit des Volkes, unbenutzt. Die wenige Wolle welche man +sammelt, wird zu den gröberen Geweben verwandt, weil man die Kunst der +Veredlung des rohen Materials nicht kennt, das feste und dauerhafte +Färben nicht versteht und noch keine Begriffe von den Mitteln hat, +wodurch <span class="pagenum" id="Page_250">[S. 250]</span>die fremden Nationen die feinern und bessern Arbeiten dieser +Art hervorbringen.”</p> + +<p>“Die Zucht der <em class="gesperrt">Seidenwürmer</em> ist durchaus nicht allgemein; in +den Staaten von Oaxaca und Jalisco beschäftigen sich zwar einige +Personen damit zu ihrem Vergnügen, aber nirgends besteht ein förmliches +Etablissement, welches versuchte, aus diesem Insekt einen einträglichen +Handelszweig zu bilden, und im Allgemeinen kennt man die rechte +Methode noch nicht den Wurm zu tödten und die Seide abzuwickeln; an +vielen Orten ist ein Ueberfluß an Maulbeerbäumen, welche wild wachsen, +aber niemand hat noch daran gedacht, sie methodisch zu ziehen und zu +pflegen, und man scheint oft gar nicht zu wissen, daß die Blätter +dieses Baums die alleinige Nahrung des Seidenwurms sind.”</p> + +<p>“Die <em class="gesperrt">Bienenzucht</em> beschränkt sich gleichfalls auf wenige Orte +und Personen, welche in ihren Gärten oder Feldern eine kleine Anzahl +Bienenschwärme halten, jedoch mehr um des Honigs, als um des Handels +mit Wachs willen. An mehreren Orten der Sierra-madre aber und in andern +Gebirgsgegenden, in deren Nähe sich Gesträuche und Blumen befinden, +giebt es eine solche Menge wilder Bienen, daß sich die dortigen +Eingebornen keines andern Lichtes bedienen, als was sie aus dem Wachs +anfertigen, welches sie so, ohne Mühe und Sorgfalt um die Bienen, in +Felsenklüften und hohlen Bäumen finden. Dies Wachs ist gelb, weil sie +es nicht zu bleichen verstehen, und der Honig ist dunkel; aber es geht +doch hieraus zur Genüge hervor, daß die Elemente zur Gewinnung des +Wachses im eignen Lande vorhanden sind, und daß es mithin zu beklagen +ist, daß aus bloßem Mangel an Thätigkeit im Volke, jährlich so viel +Geld dafür aus dem Lande geht. Nach genauen Berechnungen der Einfuhr +in Vera-Cruz und andern Häfen, und Veranschlagung <span class="pagenum" id="Page_251">[S. 251]</span>dessen, was der +Wahrscheinlichkeit nach eingeschmuggelt wird, darf man den jährlichen +Consum von Wachs in unserer Republik zu 28,000 Arroben annehmen, +welches zum Mittel-Preis von 25 Pesos die Arroba geschätzt, die enorme +Summe von 700,000 $ macht, welche alljährlich dem Auslande für eine +Sache bezahlt wird, die wir in der Heimath gewinnen können.”⁠<a id="FNanchor_25_25" href="#Footnote_25_25" class="fnanchor">[25]</a></p> + +<p>“Der Anbau der <em class="gesperrt">Baumwolle</em>, dieses köstlichen Productes aller +heißen Länder, und so besonders passend für die Südküste der Republik, +wo vor dem Jahre 1810 so viel, und selbst im Jahre 1825 noch 50,000 +Arroben (1,250,000 ℔) gezogen wurden, ist so in Verfall gerathen, daß +das Jahr 1830 nicht mehr als 5000 Arroben producirte. Hieran ist nun +theils Mangel an Capital, theils der beklagenswerte Bürgerkrieg in +jener Gegend, Schuld.”</p> + +<p>“Um nun allen diesen, für das öffentliche Wohl so wichtigen +Industrie-Zweigen aufzuhelfen, fordert die Direction dieser Bank die +Staaten der Republik auf, Actien-Gesellschaften zu bilden, durch welche +die Sachkenntniß mehrerer Personen in Ausübung gebracht werden würde, +und welchen alsdann die <span class="antiqua">Banco de Avio</span> mit Capital-Zuschuß, so +viel es ihre Kräfte erlaubten, nachhelfen wollte.”</p> + +<p>Der Bericht fährt nun fort, zu sagen, wie sich, in Folge dieses +Aufrufs, in den verschiedenen Theilen der Republik 14 Gesellschaften +für die Belebung der Industrie auf Actien gebildet <span class="pagenum" id="Page_252">[S. 252]</span>hätten, die +jedoch noch zu sehr in ihrer Kindheit wären, um Resultate vorlegen +zu können. Für mehrere derselben wären Maschinen in Nordamerika und +Europa bestellt worden, wovon einige bereits angekommen, andere +unterweges wären; auch hätte man Werkmeister und Mechanici vom Auslande +kommen lassen, um die Kenntnisse der Fabrication von Wollen- und +Baumwollen-Waaren im Lande zu verbreiten. In der <em class="gesperrt">Seiden-Zucht</em> +waren große Fortschritte gemacht, ein Etablissement in Coyoacan +(Staat von Mexico) hatte Ende 1831 bereits schöne Resultate geliefert +und ein anderes in Celaya berechtigte zu großen Erwartungen und man +dachte schon an die Fabrication von seidnen Bändern. Saamen der +Seidenwürmer war nach allen Richtungen ausgetheilt worden, besonders +in die Gegenden, wo bereits Ueberfluß an Maulbeerbäumen ist. Für die +Beförderung der <em class="gesperrt">Bienenzucht</em> hatte man auf dem Lande Bienenkörbe +vertheilt und junge Schwärme anzuschaffen getrachtet, wovon man zwar +noch keine Resultate nachweisen konnte, aber schöne Hoffnungen daran +knüpfte. Aus Frankreich hatte man Merino-Schaafe zur Veredlung der Race +kommen lassen, so wie auch Tibet-Ziegen. In Peru waren Vigoña-Schaafe +und Lamas bestellt, und man hoffte beide Gattungen in der Republik +Mexico einheimisch zu machen. Sogar auf die Einfuhr von <em class="gesperrt">Kameelen</em> +war man bedacht, und versprach sich davon die wohlthätigsten Resultate +für den Waaren-Transport im Lande, falls es, wie man hoffte, gelingen +sollte, diese nützlichen Thiere in Mexico zu nationalisiren. Nach +manchen schwierigen und vergeblichen Unterhandlungen war die <span class="antiqua">Banco +de Avio</span> mit einem Hause in Marseille übereingekommen, 20 Kameele, +6 männliche und 14 weibliche, direct von Alexandrien nach Vera-Cruz zu +senden, und berechnete die Kosten, einschließlich der Fracht, für ein +Schiff von 200 Tonnen, der nöthigen Fourage u. s. w., auf nicht mehr +als 7000 $.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_253">[S. 253]</span></p> + +<p>Endlich hatte man denn auch noch eine Anzahl Bücher über Gegenstände +der Fabrication und des Ackerbaues angeschafft, und diese in den +verschiedenen Staaten, wo sich Anregung für dergleichen Industrie +zeigte, gratis vertheilt.</p> + +<p><em class="gesperrt">So weit</em> der amtliche Bericht des Ministers Alaman über diese +von ihm gegründete Favorit-Anstalt. Seine Feinde werfen ihm vor, +daß er darin der Zeit vorgegriffen, und Geld für bis jetzt noch +unausführbare Projecte verschwendet habe, welches zu nützlicheren +Zwecken hätte verwandt werden können und sollen. Kann seyn, — aber +trotz alle dem ist doch nicht zu läugnen, daß der Sache eine großartige +und patriotische Idee zum Grunde lag, die gewiß alle Anerkennung +verdient. Es ist daher auch zu bedauern, daß die bürgerlichen Unruhen +des Landes und der Sturz des Ministeriums, die Entwickelung dieses +Instituts unterbrochen, ja gleichsam in der Geburt erstickt haben! Ganz +untergehen wird man es übrigens wohl nicht lassen, indem es bereits +zu sehr im Lande verzweigt ist und an mehrere Anstalten zu starke +Forderungen hat, wie z. B. 40,000 $ an die Eisen-Schmelzerei auf dem +Sitio in der Nähe des Popocatepetl, von welcher ich in meinen Briefen +geredet habe, und über welche ich hier noch einige Notizen hinzufüge.</p> + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_25_25" href="#FNanchor_25_25" class="label">[25]</a> In dieser Veranschlagung irrt sich Herr Alaman sehr +bedeutend, denn wenn er auch in der Schätzung der Quantität Recht haben +sollte, was ich bezweifle, so ist doch der Mittel-Preis viel zu hoch +gegriffen, und das was das <em class="gesperrt">Ausland</em> für das eingeführte Wachs +erhält, dürfte, <em class="gesperrt">nach Abzug der hohen Eingangs-Rechte, Frachten +und Spesen</em>, den Durchschnitt von 10 $ die Arroba, gewiß nicht +übersteigen.</p></div> +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_254">[S. 254]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Die_Eisen-Schmelzerei"><b>Die Eisen-Schmelzerei</b><br> +<span class="s5a">(<em class="gesperrt">auf dem Sitio</em>.)</span></h3> + +</div> + +<p class="s5 center mbot2">(Siehe <a href="#Beilage_Sitio">Anhang zum Briefe vom 31. Mai</a>, +<span class="antiqua">pag.</span> 91.)</p> + + +<p>Die Eisenerz-Gruben liefern wöchentlich bei sehr langsamer Bearbeitung +300 Ctr. Erz.</p> + +<p>Die Schaffungskosten eines Ctr. Erzes und Fuhrlohn bis aufs Werk kommen +2 Rl.</p> + +<p>Ein Ct. Holzkohlen stellt sich auf 6 Rl.</p> + +<table class="holzkohlen"> + <tr> + <td> + <div class="right">26</div> + </td> + <td> + <div class="center">Arroben</div> + </td> + <td> + <div class="left">Eisenerz</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="3"> + <img class="h3z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer"> + </td> + <td class="vam" rowspan="3"> + <div class="hang1_5">sollen 12 Arroben frisch Eisen in 24 Stunden + liefern.</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="right">5</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="left">Zuschlag</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="right">44</div> + </td> + <td> + <div class="center">„</div> + </td> + <td> + <div class="left">Kohlen</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p>Das Gebläse ist das bekannte Wasser- oder Trommel-Gebläse. Die Erze +sind so leicht flüssig und von so verschiedenem Gehalt (von 30 bis 70 +pCt. eisenhaltig), daß die Mischung dergestalt bereitet werden kann, +daß wenig oder gar kein Zuschlag nöthig ist.</p> + +<p>Das ganze Gefälle ist 100 Fuß; das halbe Gefälle reicht aber schon zum +vollständigen Betrieb hin.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_255">[S. 255]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Bevoelkerung_von_Mexico"><b>Bevölkerung von +Mexico.</b></h3> + +</div> + +<p><em class="gesperrt">Die Bevölkerung der vereinigten Staaten von Mexico</em> wird sehr +verschiedentlich angegeben, dürfte sich aber doch wohl im großen Ganzen +auf <em class="gesperrt">acht Millionen</em> Seelen belaufen, was noch immer eine sehr +dünne Population ist, für einen Flächenraum von circa 10000 <img class="h0_7" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat"> Leguas +von 20 auf den Grad, die man der Republik in ihrer ganzen Ausdehnung +beimißt. Nach dem Maaßstabe europäischer Bevölkerung könnte sich die +mexicanische auf ihrem jetzigen Raume ganz bequem verzehnfachen.</p> + +<p>Die außerordentliche Schwierigkeit einer genauen Volkszählung, in einem +so weitläufigen Gebiete wie dem mexicanischen, leuchtet ein, denn nur +wenige seiner Staaten sind für einen solchen Zweck so gut organisirt, +wie z. B. der von Vera-Cruz; unbegreiflich bleibt es jedoch immer, wie +in ein und demselben Jahre zwei so verschiedene Angaben der Volkszahl +gemacht werden konnten, wie die, welche der Minister Alaman im Anfange +des Jahrs 1832 dem Congreß vorlegte, und jene, welche in dem Almanach +von Galvan fürs Jahr 1833 Ende 1832 erschien.</p> + +<p>Nach untenstehender Tabelle schätzt der Minister die Population auf +6,382,264; Galvan dagegen auf 7,734,292, welche letztere Angabe aber +der Wahrheit gewiß näher kommt als erstere, indem der Minister selbst +in seinem amtlichen Bericht eingesteht, daß seine Veranschlagung auf +alten Daten beruhe, der Wahrscheinlichkeit nach zu niedrig sei, und die +Volkszahl als 7 Millionen <em class="gesperrt">übersteigend</em> angenommen werden dürfe. +Er drückt sich dabei wörtlich folgendermaßen aus:</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_256">[S. 256]</span></p> + +<p>“Wenn man die Schwierigkeiten bedenkt, eine Bevölkerung genau zu +zählen, welche über ein so ungeheuer weitläufiges Territorium, +begränzt von Regionen, wo Nomaden-Stämme in fruchtbaren Landstrichen +und günstigen Climaten umher wandern, zerstreut ist, so wird es nicht +übertrieben erscheinen, die Volkszahl der Republik, obgleich die +vorliegende Tabelle nur 6,382,264 ausweise, als Sieben Millionen Seelen +übersteigend anzunehmen, zumal da die Listen des Census, welche der +Tabelle zur Basis gedient haben, mitunter 4, 6 ja 8 Jahre alt sind, +und doch anzunehmen ist, daß trotz aller gelegentlichen Verluste, die +Bevölkerung binnen einer solchen Zeit gradatim zugenommen hat. Ein +ausgedehntes Land mit einem fruchtbaren Boden und einem den Menschen +befreundeten Clima, begünstigt natürlich das Fortschreiten des +Menschen-Geschlechts, und die Wohlthaten, welche diesem dann zu Theil +werden, wenn freie Institutionen ihren heilsamen Einfluß über alle +verbreiten, welche die unschätzbaren Vortheile einer volksthümlichen +Regierung zu erkennen wissen, sind unberechenbar.”</p> + +<p>Im Jahre 1830 hatte die Zunahme der Bevölkerung einen Stoß durch einen +heftigen Ausbruch der Blattern-Epidemie (<span class="antiqua">epidemia de viruelas</span>) +erlitten; man suchte der Seuche durch Vaccination möglichst entgegen +zu arbeiten, aber die Materie (<span class="antiqua">el pus</span>) fing an zu mangeln +und unwirksam zu werden; die von England verschriebene, obgleich in +kristallenen Gefäßen gesandt, wollte nicht anschlagen; die Hoffnung, +daß man in dem Staat von Chihuahua an den Kühen die ächte Materie +entdeckt habe, schlug auch fehl, und schon drückte der Minister in +seinem Jahres-Bericht von 1831 die Furcht aus, zu der umständlichen und +kostspieligen Maßregel übergehen zu müssen, die Materie zur Impfung +von den nächsten, aber sehr entlegenen, Puncten in Nordamerika durch +Kinder, gleichsam <span class="pagenum" id="Page_257">[S. 257]</span>von Arm zu Arm zu übertragen und so heranzuziehen. +Aus dem ministeriellen Bericht von 1832 geht indessen hervor, daß +man nicht nöthig hatte zu diesem Extrem Zuflucht zu nehmen, und daß +die Kuhpocken-Impfungs-Materie nunmehr wieder vorhanden war, es wird +jedoch nicht gesagt wie man sie sich verschafft hat. Der Bericht von +1832 lobt sodann den Gesundheits-Zustand der Republik, und drückt nur +Furcht und Sorge aus, daß die Cholera das Land heimsuchen und die +Bevölkerung decimiren werde, weshalb denn auch Quarantainen und andere +Vorsichtsmaßregeln in Anwendung kamen, die aber, wie wir jetzt wissen, +das gefürchtete Uebel nicht abzuhalten vermochten. Die Cholera hat im +Jahr 1833 große Verwüstungen in Mexico angerichtet; in der Hauptstadt +allein sind an 16 bis 17000 Menschen, also der zehnte Theil der +Einwohner, das Opfer derselben geworden.</p> + +<p>Alle Volkszählungen in Mexico ergeben übrigens eine Mehrzahl des +weiblichen Geschlechts über das männliche; in manchen Staaten sogar +eine bedeutende, wie z. B. in Jalisco eine von 11 pCt., in Puebla von 7 +pCt. u. s. w.</p> + +<p>Die in den verschiedenen Theilen der Republik herrschende große +Verschiedenheit der Bevölkerung, mit Bezug auf den respectiven +Flächenraum, geht aus der anliegenden Tabelle gleichfalls hervor, und +es kann daher nicht auffallen, daß während in den ganz dünn bewohnten +Regionen an Gewerbe und Kunstfleiß noch nicht zu denken ist, in den +mehr bevölkerten Staaten und den oft sehr volkreichen Städten sich +dessen in nicht unbedeutendem Maaße findet und auszudehnen verspricht. +Im Parian zu Mexico und auf den Märkten anderer Städte, wie z. B. +Puebla u. s. w., sieht man denn auch wirklich viele schön und gut +gearbeitete Waaren, welche im Lande selbst angefertigt sind; z. B. +wollene Decken aller Art (<span class="antiqua">poncho’s <span class="pagenum" id="Page_258">[S. 258]</span>Zerapa’s</span> u. s. w.) in allen +Farben; sodann die bekannten bei der Bekleidung einer Mexicanerin, +gleichviel ob reich oder arm, nie fehlenden langen Umschlagtücher +von Baumwolle, oder Baumwolle und Seide; Hüte jeder Art mit breiten +Rändern nach mexicanischer Sitte, nebst deren Zierrath, den silbernen +oder goldenen Treffen und Tasseln; baumwollene Schnüre und Bänder; die +oft sehr reichen mit vielem Gold und Silber besetzten Reiter-Mäntel, +deren sich auch Damen bedienen; Leder-Arbeiten aller Art und namentlich +mexicanische Pferde-Sättel (unsern Husaren-Sätteln nicht unähnlich), +mit kostbaren Pelz-Ueberlagen u. dergl. m. Hierzu kommt in Puebla noch +Glas und Seife, womit viel Handel nach andern Städten getrieben wird.</p> + +<p>In Mexico selbst haben sich denn in der neusten Zeit auch mehrere +Fremde, Deutsche und andere, als Hutmacher, Meubel-Schreiner, +Kleidermacher u. s. w. niedergelassen und machen zum Theil sehr gute +Geschäfte.</p> + +<p>Mit Colonisations- und Einwanderungs-Plänen zur Vermehrung der +Bevölkerung hat es den Mexicanern bis jetzt noch nicht glücken +wollen, und wird ihnen auch nicht glücken, bis sie durch Annahme der +Religionsfreiheit und liberalerer Grundsätze bei der Ansiedlung von +Fremden, die Auswanderung aus Europa, die jetzt fast ausschließlich +nach Nordamerika gerichtet ist, theilweise nach ihrem schönen Lande zu +ziehen verstehen.⁠<a id="FNanchor_26_26" href="#Footnote_26_26" class="fnanchor">[26]</a></p> + +<p>Die Colonisirung einiger Hundert Franzosen am Fluß Cuatzacualcos +im Staat Vera-Cruz schlug gänzlich fehl, weil die Unternehmer den +Einwanderern Versprechungen gemacht <span class="pagenum" id="Page_259">[S. 259]</span>hatten, die sie nicht erfüllen +konnten, und weil sie in der Wahl der Subjecte nicht vorsichtig genug +waren. Sie sind theils nach Frankreich zurückgekehrt, theils haben sie +sich in andern Theilen der Republik niedergelassen.</p> + +<p class="mtop2">Die Colonisirung von</p> + +<p class="mleft3 mbot1"><em class="gesperrt">Texas</em> +oder <em class="gesperrt">Tejas</em> (sprich Techas)</p> + +<p class="p0">hat dagegen zwar, was die Zahl der Ansiedler betritt, einen guten +Fortgang, aber diese Vermehrung der Population, welche lediglich +aus den angränzenden Staaten von Nordamerika herströmt, gereicht +Mexico eher zur Last und zum Nachtheil, als zum Vortheil, denn die +schwer zu zügelnden Nordamerikaner wollen sich nach den mexicanischen +Gesetzen nicht fügen, sondern eigne machen und aufstellen, wie es +wirklich bereits an dem Hauptorte der Ansiedlung, Austen Town (so +genannt nach dem Namen des ersten Unternehmers), der Fall ist. — +Bei der außerordentlichen Entfernung von dem Sitze der mexicanischen +Regierung, wird es dieser schwer fallen, wo nicht unmöglich seyn, ihre +Autorität geltend zu machen, während andererseits der Andrang der +nordamerikanischen Einwanderung <span class="pagenum" id="Page_260">[S. 260]</span>so wachsen wird, daß vorauszusehen +ist, es werde sich dort ein eigner Staat bilden, der mehr zur +nordischen als zur mexicanischen Union gehört.</p> + +<p>Beide Theile sehen dies kommen, und man sagt, die vereinigten Staaten +von Nordamerika hätten denen von Mexico wirklich bereits zehn Millionen +Pesos, für den Abstand der Provinz Texas, geboten. Die mexicanische +Regierung scheint es aber nicht zu wagen, eine solche Proposition dem +National-Congreß vorzulegen, und in der That würde Mexico mit Texas +einen seiner schönsten und wichtigsten Landestheile verlieren! Das +Clima daselbst ist vortrefflich und gesund, das Land wird von großen +und schönen Flüssen, dem Rio Bravo und Colorado, durchschnitten, +ein Vortheil der dem übrigen Mexico ganz abgeht, und der Boden von +Texas ist außerordentlich fruchtbar, während es an Ausdehnung nicht +fehlt; der Flächenraum wird auf 160 Millionen englische Acker Landes +geschätzt! Großbrittannien und Irland haben deren nur 47 Millionen +angebaut!</p> + +<p>Man urtheile also, welche Anzahl von Ansiedlern dort noch Raum und +Auswahl des Terrains finden könnte, denn die jetzige Bevölkerung von +<em class="gesperrt">Texas</em> ist fast Null!</p> + +<p>Dorthin sollten deutsche Auswanderer sich wenden, sie würden besser +dabei fahren als am Missouri, und ein besseres Clima und fruchtbareren +Boden daselbst finden.</p> + +<p><span class="pagenum" id="Page_261">[S. 261]</span></p> + +<p class="s4 center mtop2">Census der vereinigten Staaten von Mexico.</p> + +<table class="census_mexico"> + <tr> + <td class="vam" rowspan="2"> + <div class="center">Staaten und<br> + Territorien</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <div class="center">Hauptstädte</div> + </td> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="center">Seelen-Zahl</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">nach Vorlage<br> + des Ministers<br> + Alaman in 1832</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="s5 vam"> + <div class="center">nach dem Almanach<br> + von Galvan<br> + fürs Jahr 1833</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat padtop0_5"> + <div class="left">Föderal-District</div> + </td> + <td class="vat padtop0_5"> + <div class="left">Mexico</div> + </td> + <td class="vab padtop0_5"> + <div class="center"> 250,000</div> + </td> + <td class="padtop0_5"> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 350,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Staaten:</div> + </td> + <td colspan="4"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Chiapas</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">San Cristobal</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 118,775</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  96,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Chihuahua</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Chihuahua</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 112,694</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 166,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Coahuila u. Tejas</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Leona Vicario</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  77,795</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 127,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Durango</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Durango</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 149,121</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 250,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Guanajuato</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Sta. Fé de Guanajuato</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 500,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 643,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Jalisco</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Guadalaxara</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 656,830</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 680,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Mexico</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Toluca</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">1,000,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">1,200,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Michoacan</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Morelia</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 422,472</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 285,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Nuevo Leon</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Monterey</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  83,093</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 113,419</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Oajaca</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Oajaca</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 457,504</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 693,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Puebla</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">La Puebla</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 584,358</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 954,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Querétaro</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Querétaro</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 114,437</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 280,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">S. Luis Potosi</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">San Luis</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 298,230</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 192,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Sinaloa</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">—</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 100,000</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer"> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <div class="center"> 254,705</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Sonora</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">—</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 100,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Tabasgo</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Villa hermosa</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  60,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  82,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Tamaulipas</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Vittoria</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  80,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 166,824</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Vera-Cruz</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Jalapa</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 242,658</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 194,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Yucatan</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Merida</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 500,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 630,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Zacatecas</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Zacatecas</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 276,053</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 296,066</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">Territorien:</div> + </td> + <td colspan="4"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Alta California</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">S. Carlos de Monterey</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  27,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  30,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Baja California</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Loreto</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  15,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">   6,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Nuevo Mexico</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Santa Fé</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  50,000</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  52,300</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Colima</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">—</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  40,000</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer"> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <div class="left">  ?   ?</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Tlascala</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left mleft2">—</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center bb">  66,244</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left mleft2">Total der Bevölkerung nach Alaman</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">6,382,264</div> + </td> + <td colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> + <div class="left mleft2">Total der Bevölkerung nach Galvans Angabe</div> + </td> + <td> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center bt">7,741,314</div> + </td> + </tr> + +</table> + + +<div class="footnotes"> + +<div class="footnote"><p><a id="Footnote_26_26" href="#FNanchor_26_26" class="label">[26]</a> Wie unbedeutend die seitherige Einwanderung von Fremden +in Mexico gewesen ist, wird folgende Tabelle der Bewegung des Jahres +1830, in dem Hafen von Vera-Cruz (dem hauptsächlichsten der Republik) +zur Genüge darthun:</p> + +<table class="einwanderung_vera_cruz"> + <tr> + <td class="s5"> + <div class="left mleft3">Nation</div> + </td> + <td class="s5"> + <div class="center nowrap">kamen ein</div> + </td> + <td class="s5"> + <div class="center nowrap">gingen aus</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Nordamerikaner</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 66</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 53</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Engländer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 75</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 30</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Franzosen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 99</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 65</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Deutsche</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 52</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 20</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Italiener</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 13</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 10</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Schweizer</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  7</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">  5</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Mexikaner und Südamerikaner</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 79</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 34</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left">Spanier</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">—</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center"> 19</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Ohne besondere Angabe der Nation (also + wohl Altspanier)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center bb"> 60</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center bb"> 18</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">451</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">254</div> + </td> + </tr> +</table> + +</div> + +</div> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_262">[S. 262]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Der_Staat_von_Vera-Cruz"><b>Der Staat von +Vera-Cruz.</b></h3> + +</div> + +<p>Dieser Staat ist einer der bestorganisirten in der Republik. Der +Jahresbericht, den der Gouverneur dieses Staats, Don Sebastian Camacho, +im Jahre 1832 der in Jalapa versammelten Legislatur abgestattet hat, +ist eins der ausführlichsten Documente, welche man in der Art sehen +kann; es füllt über 300 Quart-Seiten und ist dennoch in den meisten +Dingen unvollkommen und ungenügend, da nicht alle Cantone des Staates +mit gleicher Pünktlichkeit und Ausführlichkeit berichtet haben. Am +detaillirtesten sind die Tabellen über die Population, wovon einige die +Zahl der Kinder, Weiber und Männer, verheiratete und unverheiratete, +Wittwer und Wittwen, alles klassificirt nach dem Alter von 10 bis 100 +Jahren, so genau und speciell angeben, daß ich nicht glaube, daß wir +etwas ähnliches in Europa besitzen. Im Auslande kann dies aber nur +wenig Interesse haben, dort genügt es, zu wissen, welche Bevölkerung +der ganze Staat und etwa die größeren Städte desselben enthalten, und +diese ist wie folgt angegeben:</p> + +<table class="vera-cruz"> + <tr> + <td> + <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Orizaba</em></div> + </td> + <td> + <div class="right">15,386</div> + </td> + <td colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div> + </td> + <td> + <div class="right">46,991</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Cordova</em></div> + </td> + <td> + <div class="right">6,098</div> + </td> + <td colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div> + </td> + <td> + <div class="right">24,521</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Vera-Cruz</em></div> + </td> + <td> + <div class="right">6,828</div> + </td> + <td colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div> + </td> + <td> + <div class="right">24,556</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td> + <div class="left">Die Stadt <em class="gesperrt">Jalapa</em></div> + </td> + <td> + <div class="right">10,628</div> + </td> + <td colspan="2"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="2"> + <div class="left">Der ganze Canton dieses Namens</div> + </td> + <td> + <div class="right">42,704</div> + </td> + <td> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="left">Die Total-Bevölkerung des Staates Vera-Cruz</div> + </td> + <td> + <div class="right">245,256</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="left">Im Jahre 1826 war dieselbe</div> + </td> + <td> + <div class="right bb">242,658</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td colspan="3"> + <div class="right mright1">mithin eine Vermehrung von</div> + </td> + <td> + <div class="right">2,598</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p><span class="pagenum" id="Page_263">[S. 263]</span></p> + +<p class="p0">oder von ungefähr ein vom Hundert, was denn aber auf einen +fünfjährigen Zeitabschnitt, so gut wie gar keine Zunahme ist.</p> + +<p>Die mitunter allerdings ganz interessanten Bemerkungen des +obenerwähnten Berichts von Don Sebastian Camacho, verlieren, wie +schon gesagt, ihrer Unvollkommenheit wegen ihr meistes Interesse für +das Ausland und ich beschränke daher den weitern Auszug davon auf +die Bemerkungen, welche darin über die Erziehung der Jugend gemacht +werden. Der Bericht sagt nemlich hierüber, daß man damit umgehe, das +Lancaster’sche Unterrichtssystem einzuführen, und dafür 30,000 Pesos +bestimme, und daß mittlerweile, obgleich ohne Uebereinstimmung des +Systems, Schulen in fast allen Ortschaften des Staates beständen, deren +Kosten von den Municipalitäten bestritten würden, so wie, daß außerdem +an verschiedenen Punkten höhere Schulen angelegt seien, deren Lehrer +den <em class="gesperrt">Staat</em> von Vera-Cruz jährlich 5 bis 6000 Pesos kosten! Das +General-Budget der Föderation wirft sodann für die Errichtung und +Vervollkommnung von Primair-Schulen in der Republik 80,000 Pesos aus!</p> + +<p>Dies beweiset denn doch, daß man den hochwichtigen Gegenstand der +Volks-Erziehung nicht ganz außer Acht läßt.</p> + +<div class="section"> + +<p><span class="pagenum" id="Page_264">[S. 264]</span></p> + +<h3 class="padtop1" id="Finanz-Departement"><b>Finanz-Departement.</b></h3> + +</div> + +<p>Es wird nicht ohne Interesse seyn, das Budget kennen zu lernen, welches +der Finanz-Minister Mangino dem Congreß in Mexico für das Jahr von Juli +1832 bis Juli 1833 vorgelegt hat. Es ist aber nur in den Ausgaben klar, +und drückt sich über die Einnahmen so dunkel aus, daß es unmöglich +ist, eine Bilanz zu ziehen; die Ausgaben werden auf nicht weniger +als 22,392,508 Pesos veranschlagt, wobei zu bemerken ist, daß dies +nur Ausgaben der Föderation sind, die mit den Ausgaben der einzelnen +Staaten für ihre Congresse und sonstigen Local-Bedürfnisse nichts +gemein haben.</p> + +<p class="hang1_5 mleft2">Jene Ausgaben der Föderation zerfallen in folgende Haupt-Rubriken:</p> + +<table class="ausgaben_foederation"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center"><span class="antiqua">a.</span></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">Departement</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">des Innern und Auswärtigen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">$  1,049,438. 4</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center"><span class="antiqua">b.</span></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">do.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">der Justiz und geistlichen Angelegenheiten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">„   434,756.—</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center"><span class="antiqua">c.</span></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">do.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">des Krieges!!</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">„ 16,465,121. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center"><span class="antiqua">d.</span></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">do.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">der Marine</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">„    322,221. 1</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="center"><span class="antiqua">e.</span></div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="center">do.</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">der Finanz und Kosten des General-Congresses</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="center bb">„  4,120,971. 3</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat" colspan="3"> +   + </td> + <td class="vab"> + <div class="center">$ 22,392,508.—</div> + </td> + </tr> +</table> + +<p class="hang1_5">Als Details die am meisten Aufmerksamkeit erregen, mögen +hier stehen:</p> + +<table class="ausgaben_details"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad a.</span></div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Gehalt des Ministers (so wie aller Minister)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">$     6,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Fernere Gehalte in diesem Bureau</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    24,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Für Papier und Druckkosten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    29,609</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_265">[S. 265]</span> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Außerordentliche Ausgaben</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    20,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Für <em class="gesperrt">geheime</em> Ausgaben im + auswärtigen Departement</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   100,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left mleft3">Gesandtschaften und Consulate:</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Zwei Gesandten bei dem großen amerikanischen + Congreß, der bekanntlich erst in Panama, dann in Mexico gehalten werden + sollte, aber <em class="gesperrt">nie ins Leben getreten</em> ist</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    13,200</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"><span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> in + den vereinigten Staaten von Nordamerika, nebst Secretariat</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    10,200</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Außerordentliche Legation nach Central-Amerika + und Columbien, nebst Reisekosten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    17,800</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Außerordentliche Legation nach den Republiken + des südlichen Amerika’s, nebst Reisekosten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    28,250</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left mleft3">Gesandtschaft in England:</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Der Minister $ 12,000, Secretair u. s. w. + $ 8200, Total</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    20,200</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="left mleft3">Gesandtschaft in Frankreich:</div> + </td> + <td class="vat"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Der Minister $ 10,000, Secretair u. s. w. + $ 5700</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer"> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    15,700</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Für die Reise dahin und Einrichtung des Hotels</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    12,100</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"><span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> in + Holland nebst Secretariat</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     8,300</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5"><span class="antiqua">Chargé d’affaires</span> in + Preußen, nebst Secretariat</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h2z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer"> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     6,700</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Für die Reise dahin und Einrichtung des Hotels</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     5,100</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Consulate in New-Orleans</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     2,600</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"><span class="mleft2">„</span> <span class="mleft1"> in Bordeaux</span></div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     2,600</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_266">[S. 266]</span> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Consulate in Hamburg, für die Hanse-Städte</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     3,600</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Endlich noch für eine Gesandtschaft nach + <em class="gesperrt">Europa</em>, welche der politischen Constellation + nach wahrscheinlich nothwendig und nützlich werden würde, (hierbei hat + man ja wohl auf Spanien angespielt)</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    29,750</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Sodann, für Errichtung und Vervollkommnung + von Primair-Schulen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    80,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Zur Unterstützung des Theaters</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right bb">„    20,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad b.</span></div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">“Geistliche Angelegenheiten,” hiebei genüge + die Bemerkung, daß für die Gesandtschaft in <em class="gesperrt">Rom</em> + $ 15,100, und für außerordentliche und <em class="gesperrt">geheime</em> + Ausgaben bei <em class="gesperrt">derselben</em> $ 30,000! zusammen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">$    45,100</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="mleft1_5">ausgeworfen sind.</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="bb"> </div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad c.</span></div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">“Kriegs-Departement:”</div> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vam"> + <table class="ausgaben_details_sub"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right"> 8</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Divisions-Generäle im Dienst</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="left nowrap">à 6000 $</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="4"> + <img class="h8z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer"> + </td> + <td class="vam" rowspan="4"> + <div class="s5 center">im<br> + Jahr</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">3</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Divisions-Generäle nicht im activen Dienst</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="left nowrap">à 4000 „</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">14</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Brigade-Generäle im Dienst</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="left nowrap">à 4500 „</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right">4</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">Brigade-Generäle nicht im activen Dienst</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="left nowrap">à 3000 „</div> + </td> + </tr> + </table> + </td> + <td class="vam" colspan="2"> + <div class="right">$   135,100</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vam"> + <table class="ausgaben_details_sub"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="right"> 4</div> + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">General-Inspectoren der Truppen im Innern + und den beiden Californien zu 4000 $</div> + </td> + <td class="vam" rowspan="2"> + <img class="h3z" src="images/g_klammer_re.jpg" alt="geschweifte Klammer"> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat"> + <div class="left">nebst 6 General-Adjutanten zu 3000 $</div> + </td> + </tr> + </table> + </td> + <td class="vam" colspan="2"> + <div class="right">$   34,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">12 Bataillone Infanterie der Linie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„  1,791,795</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">12 Regimenter Cavallerie der Linie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„  1,848,419</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"> 3 Brigaden Artillerie der Linie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    509,477</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_267">[S. 267]</span> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">12 Compagnien Artillerie der Miliz im activen + Dienst</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    259,896</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"> 1 Brigade Mineurs</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    118,360</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Das Ingenieurcorps</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     80,093</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"> 1 Bataillon Invaliden in Mexico</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    118,634</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Das Sanitätscorps</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„     77,929</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Die Hospitäler</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    503,470</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"> 6 Compagnien permanente Cavallerie in + Californien</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    128,440</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">38 Compagnien permanente Cavallerie in + verschiedenen Theilen der Republik</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    998,985</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">20 Bataillone active Miliz, unter den + Waffen, im Innern der Republik</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   4,239,465</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">13 Bataillone Küsten-Wächter, Miliz</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   1,181,482</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5"> 6 Schwadronen derselben</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    499,083</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Und noch mehrere Cavallerie und Infanterie + Miliz-Abtheilungen im Innern</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   1,000,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Entschädigung an die Miliz, für die Bekleidung, + zu 5 Reales monatlich an die Infanterie und zu 10 Reales monatlich + an die Cavallerie</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    460,920</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Für <em class="gesperrt">geheime</em> Ausgaben + im Kriegs-Departement</div> + </td> + <td class="vab bb"> + <div class="right">„     40,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="left nowrap"><span class="antiqua">ad c.</span></div> + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">“Finanz-Departement:”</div> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="mleft1_5">General-Congreß</div> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Diäten an 76 Deputirte</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">$   228,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Diäten an 40 Senatoren</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   120,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Reise-Gelder der Deputaten und Senatoren + aus den verschiedenen Staaten, her und zurück</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   150,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Secretariat und Kosten</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right bb">„    76,994</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="right mright1">Kosten des General-Congresses</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">$   574,994</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_268">[S. 268]</span> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Gehalt des Präsidenten der Republik</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">$    36,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Civil-Pensionen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   117,925</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Pensionen an Spanier, welche durch das Gesetz + von 1827 von ihren Aemtern entsetzt wurden</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    53,295</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="hang1_5">Für die Dividenden der auswärtigen Anleihen</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   942,000</div> + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +   + </td> + <td class="vat" colspan="2"> + <div class="mleft1_5">als den wahrscheinlichen sechsten Theil der + Einnahme an den Douanen von Vera-Cruz und Tampico. U. s. w.</div> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + </tr> +</table> + +<p>Diese ungeheure Gesammt-Ausgabe von $ 22,392,508, schlägt übrigens der +Minister vor, um 5,312,914 $ auf den Kriegs-Etat, zu vermindern und +dergestalt auf $ 17,079,594 zurückzuführen, was sie in Einklang mit der +Einnahme des vorhergegangenen Jahres bringen würde.</p> + +<p>Das reine Product aller Zweige der Finanz war nemlich für das Jahr von +Juli 1830 bis Juli 1831 $ 17,256,882</p> + +<table class="finanzen_gesamt"> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Hierin figuriren die Douanen in + <em class="gesperrt">allen Häfen</em> der Republik mit</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">$ 8,287,082</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Die Douanen des Distrikts der Föderation und + Landes-Gränzen mit</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„ 1,737,484</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">(Hierin sind die Zölle und Abgaben nicht begriffen, + welche die einzelnen Staaten als Consumozoll erheben, und welche + natürlich in die Staaten-Finanz und nicht in die Föderatif-Casse + fließen.)</div> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Die Briefpost-Administration mit</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   230,683</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Die Lotterie mit</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    41,260</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Die Salinen mit</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    66,505</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Verkauf von National-Gütern</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„    11,924</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> +<span class="pagenum" id="Page_269">[S. 269]</span> + <div class="hang1_5">Die Münze in der Föderatifstadt Mexico</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   135,480</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Beiträge der Staaten zur Föderations-Casse</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„ 1,356,563</div> + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">(Der Minister beklagt sich, daß diese Summe nicht + größer gewesen, was dem Gesetze nach der Fall hätte seyn müssen.)</div> + </td> + <td class="vab"> +   + </td> + <td class="vam"> +   + </td> + </tr> + <tr> + <td class="vat"> + <div class="hang1_5">Die 2 pCt. Circulations-Rechte auf Silber und + Gold, vom Innern nach der Küste</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="right">„   74,913</div> + </td> + <td class="vab"> + <div class="left"> u. s. w.</div> + </td> + </tr> +</table> + + +<p>Man sieht, daß noch vieles unausgeführt geblieben ist, die Summe von +$ 17,256,882 auszugleichen, so wie, daß nirgends eine Sicherheit der +gleichmäßigen Einnahme für das nächste Jahr existirt! Das Budget des +Herrn Finanz-Ministers ist mithin allerdings ein sehr unzuverlässiges +und schwankendes, es liefert aber doch dem prüfenden Auge des +unpartheiischen Beobachters den Beweis, daß in Mexico für einen +geregelten Staatshaushalt, ohne übertriebenen Militair-Etat, Resourcen +genug vorhanden sind, nicht allein um das Laufende zu bestreiten, +<em class="gesperrt">sondern</em> auch um die National-Schuld gradatim zu tilgen.</p> + +<figure class="figcenter illowe50" id="karte"> + <img class="w100" src="images/karte.jpg" alt="Karte von Mexiko"> + <figcaption class="mbot3"><div class="linkedimage"><a href="images/karte_gross.jpg" + id="karte_gross" rel="nofollow">⇒<br> + GRÖSSERES BILD</a></div></figcaption> +</figure> + +<figure class="figcenter illowe36 showebooks" id="karte_links"> + <img class="w100" src="images/karte_links.jpg" alt="Karte von Mexiko, westlicher Teil"> +</figure> + +<figure class="figcenter illowe36 showebooks" id="karte_rechts"> + <img class="w100" src="images/karte_rechts.jpg" alt="Karte von Mexiko, östlicher Teil"> +</figure> + +<div style='text-align:center'>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 77872 ***</div> +</body> +</html> diff --git a/77872-h/images/cover.jpg b/77872-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5101fe3 --- /dev/null +++ b/77872-h/images/cover.jpg diff --git a/77872-h/images/frontispiz.jpg b/77872-h/images/frontispiz.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8b5cdb0 --- /dev/null +++ b/77872-h/images/frontispiz.jpg diff --git a/77872-h/images/frontispiz_gross.jpg b/77872-h/images/frontispiz_gross.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..425cbf4 --- /dev/null +++ b/77872-h/images/frontispiz_gross.jpg diff --git a/77872-h/images/g_klammer_re.jpg b/77872-h/images/g_klammer_re.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f472a0e --- /dev/null +++ b/77872-h/images/g_klammer_re.jpg diff --git a/77872-h/images/karte.jpg b/77872-h/images/karte.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4e2d407 --- /dev/null +++ b/77872-h/images/karte.jpg diff --git a/77872-h/images/karte_gross.jpg b/77872-h/images/karte_gross.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..49209c0 --- /dev/null +++ b/77872-h/images/karte_gross.jpg diff --git a/77872-h/images/karte_links.jpg b/77872-h/images/karte_links.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e000a32 --- /dev/null +++ b/77872-h/images/karte_links.jpg diff --git a/77872-h/images/karte_rechts.jpg b/77872-h/images/karte_rechts.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5920c1d --- /dev/null +++ b/77872-h/images/karte_rechts.jpg diff --git a/77872-h/images/quadrat.jpg b/77872-h/images/quadrat.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..4f621dd --- /dev/null +++ b/77872-h/images/quadrat.jpg diff --git a/77872-h/images/trennzeichen.jpg b/77872-h/images/trennzeichen.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c8a6dd2 --- /dev/null +++ b/77872-h/images/trennzeichen.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6c72794 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This book, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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